frage nd voran ... - Projektwerkstatt

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1 Nullnummer 2005 fra g en d voran .. . Hefte zu Widerstand & Vision

fra g en d voran ... Hefte zu Widerstand & Vision

Nullnummer 2005 1

fragend

Hefte

voran ...

zu Widerstand & Vision

Nullnummer 2005

Horizontale

Gesellschaft

Offene Räume

Gleichberechtigung im Alltag

Eigentum überwinden


2 Nullnummer 2005 fra g en d voran .. . Hefte zu Widerstand & Vision

fra g en d voran ... Hefte zu Widerstand & Vision

Nullnummer 2005 3

Vo r wo r t

Denn der Wille, dagegen zu sein, bedarf in Wahrheit eines Körpers, der vollkomm

en unfähig ist, sich einer Befehlsgewalt zu unterwerfen; eines Körpers,

der unfähig ist, sich an familiäres Leben anzupassen, an Fabrikdisziplin, an

die Regulierungen des traditionellen Sexuallebens usw. (Sollten Sie bemerken,

dass ihr Körper sich diesen >normalen< Lebensweisen verweigert, so verzweifel

n Sie nicht - verwirklichen Sie Ihre Gaben!). Doch der neue Körper

muss nicht nur radikal ungeeignet für die Normalisierung sein, sondern auch

in der Lage, neues Leben zu schaffen.

Inhalt

Impressum

xxx xxx

Abo

xxx xxx


4 Nullnummer 2005 fra g en d voran .. . Hefte zu Widerstand & Vision

fra g en d voran ... Hefte zu Widerstand & Vision

Nullnummer 2005 5

Im Gespräch

Wenn Du Prügel

n, Tre te n und

Ansc hrei e n als

Unte rdrück ung

we r te s t u n d

sonst ni x, ist es

mi t Dei ne r An a-

lyse von Herrschaftsverhältni

sse n abe r

ni cht wei t he r.


6 Nullnummer 2005 fra g en d voran .. . Hefte zu Widerstand & Vision

fra g en d voran ... Hefte zu Widerstand & Vision

Nullnummer 2005 7

Es i s t völli g

egal, ob die Behe

rrschte n di e

He r rs c h af t

selbst als toll

empfinden. Wenn

si e ni cht di e

glei che n Ei n-

flussmögli chkeite

n auf das Geschehen

haben,

dann i st das

He r rs c h af t.


8 Nullnummer 2005 fra g en d voran .. . Hefte zu Widerstand & Vision

fra g en d voran ... Hefte zu Widerstand & Vision

Nullnummer 2005 9

Vo m Zau berwort zum

konkreten Experiment:

Horizontalität

Gesellschaft bildet nur als komplexes Wirkungsgefüge ein Ganzes. Konkretere Organisierungen

finden in den Millionen, sich personell und thematisch überlagernden Subräumen statt, in

denen Menschen produktiv tätig sind, sich austauschen, helfen oder streiten, kulturell agieren

und vieles mehr. Innerhalb dieser Subräume bildet Autonomie eine wesentliche Bedingung

herrschaftsfreier Begegnung, unter der kooperatives Verhalten gefördert wird. Hinzu kommt die

Wenn Du Prügel

n, Tre te n und

Anschrei e n als

Unte rdrück ung

we r te s t u n d

sonst ni x, ist es

mi t Dei ne r An a-

lyse von Herrschaftsverhältni

sse n abe r

ni cht wei t he r.

Idee der gleichberechtigten Position aller Beteil

igten , sowohl der Ausgangsposition und

Trennungsverluste, des Zugangs zu Handlungsmöglichkeiten

und Wissen sowie zu Kooperationschancen

und Informationsflüssen.

Horizontalität als grundlegendes Prinzip duldet

keinerlei entscheidungsbefugte Ebene

über den konkreten H andlungseinheiten, d.h.

den Menschen selbst und den von ihnen geschaffenen

Kooperationen. Sie duldet

ebenso keine Stellvertretung, kein handelndes

Subjekt über dazu nicht befragten und

beteiligten Menschen. Herrschaftsfreie Gesellschaft

ist die Summe und das gegenseitig

e Wirkungsgefüge horizontaler Subräume,

innerhalb derer sich Menschen horizontal begegnen

und in Autonomie und freier Vereinbarung

handeln. Alles steht immer horizontal

zueinander, d.h. kein Mensch, keine Gruppe

und kein gesellschaftlicher Subraum hat aus

irgendeinem Grund ein herrschaftsförmiges

Privileg gegenüber anderen − auch nicht

Millionen Menschen in einem Subsystem gegenüber

einem einzelnen Menschen.

Eine solche Sichtweise hat gegenüber dem

jetzigen gesellschaftlichen Zustand dramatische

Konsequenzen. Ebenso sind die Abweichungen

zu vielen verb reiteten politischen Altern

a tivvorsch l ä g en offensichtlich. Das Prinzip

der Horizontalität ist eine grundsätzliche

Al ternative zu jeder Steuerung und strategisch

durchgesetzten Ordnung in einer Gesellschaft.

Horizontalität widerspricht sowohl

den „Law and Order“-Konzepten aktueller

Regierungspol itiken , den marktwirtschaftlichen

Grundmustern neoliberaler Politiken,

aber auch den Reformansätzen neuer in stitu -

tion el l verankerter Gerechtigkeit und demokratisch

fundierter Kontrolle. An ausgewählten

Feldern gesellschaftlicher Organisierung

und Beispielen von Subsystemen soll das anschaulich

werden.

Horizontale

Kommunikation

I nformationsflüsse, Diskurse, Kompromiss- und

Kon sen sfin dun g sowie andere Arten der

Kommunikation finden in der heutigen Zeit auf

viel fach e Weise statt. Sie sind fast überall von

Dominanzen durchzogen und organisieren

sich oberhalb der direkten Kommunikation in

kleinen Gruppen fast immer über eine Metastruktur,

die selbst als Subjekt handelt. Der

Umschlagplatz von Informationen und Kommunikation

handelt selbst, d.h. wählt Informationen

aus, erzeugt selbst welche, organisiert

Verteiler und Nichtverteilung nach mehr

oder weniger durchschaubaren Kriterien.

Jede Kommunikationseinheit dieser Art teilt

die TeilnehmerInnen der Kommunikation in

SenderInnen und EmpfängerInnen. Diese Aufteil

u n g kann teilweise, aber nicht vollständig

durchbrochen werden, solange es ein über-


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Nullnummer 2005 11

geordnetes Subjekt des Kommunikationsvorgangs

gibt − seien es Medien, VeranstalterI

nnen von Versammlungen und Treffen, VerlegerInnen

von Büchern oder andere. Die Logik

wird heutzutage nur in sehr wenigen Ausnahmen

durchbrochen, bei denen InformationsgeberInnen

und NutzerInnen nicht mehr

strukturel l teilbar sind. Die Idee von Wikis im

Internet1 geht in diese Richtung, wo die LeserInnen

am Bildschirm gleichzeitig und

gleichberechtigt die Seite verändern, ergänzen

usw. können.

Die Idee horizontaler Kommunikation findet in

der politischen Debatte kaum statt. Als alternative

Medien gelten solche, die der politisch

handelnden Gruppe nahestehende Inhalte

verm i ttel t und ebenso nahestehende Personen

zu Wort kommen lässt. Sie bilden ein politisches

Gegengewicht zu den von Regierenden

oder sonst einflussreichen Kreisen dominierten

herkömmlichen Medien − aber sie

sind kein grundlegender Entwurf zu einer horizontalen

Form der Kommunikation. Freie Radios,

Zeitungsprojekte und mehr, die nicht nur

zu hören, sondern auch selbst ohne Zugangsbeschränkungen

zu gestalten sind, fehlen

weitgehend. Die wenigen Ausnahmen

sind meist nur einige Schritte in Richtung auf

horizontale Kommunikation gegangen. Bislang

fehlt offenbar der Wille, aber auch die

praktische Phantasie. Das konkrete Konzepte

und Experimente selten sind, zeigt aber nicht,

dass Horizontalität in der Kommunikation

nicht herstellbar wäre, sondern zunächst nur,

dass es kaum in diese Richtung überlegt wird.

Au ch alternative Medien hängen meist an einer

Kontrolle, wollen schließlich doch eine

Absich eru n g behalten, um „im Notfall“ eingreifen

zu können etc. Genau das aber verbaut

den Weg zur grundlegenden Alternative

im Kommunikationsbereich − der Horizon

tal ität jeglicher Kommunikation. Ziel muss

es sein, gesteuerte Medien gänzlich abzuschaffen,

d.h. jegliche Form privilegierter Gestal

tungsmögl ichkeit einzelner Menschen

oder Gruppen zugunsten horizontaler Nutzung

und Gestaltung zu überwinden. Von Interesse

könnten beispielsweise Entwicklungen

sein, die Schnittstellen zwischen digitaler,

„analoger“ und direkter Kommunikation ermöglichen,

um Gefälle zwischen InternetnutzerI

n n en und denen aufzuheben, die andere

Kommunikationswege bevorzugen.

H orizontaler Zugriff

auf alle Ressourcen

Innerhalb von Gesellschaft entsteht permanenter

ein Reichtum an Wissen, Erfindungen,

Maschinen, Produkten für den „Endverbrauch“

(Kleidung, Lebensmittel, Fahrzeuge

und mehr), Infrastruktur und vieles mehr.

Hinzu kommen die natürlichen Ressourcen

wie Rohstoffe, Sonnenstrahlung samt ihrer Folgewirkungen,

Tiere und Pflanzen. Der Zugang

zu diesen Ressourcen ist über eine Vielzah

l von Mechanismen steuerbar. Sie können

den Zugriff aller Menschen beschränken (was

keinen Sinn macht) oder Privilegien und Benachteiligungen

schaffen. Letzteres geschieht

über formale Zugangsbeschränkungen, die

unterschiedliche Zugriffsmöglichkeiten z.B. je

nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Schicht,

zu Nationalität oder Bildungsgrad, Alter oder

anderen den Menschen auszeichnenden

oder verliehenen Kennzeichen schaffen.

Au ch Patente sind formale Beschränkungen,

die die Nutzbarkeit von Wissen oder Produkten

, neuerdings auch von Teilen der Natur

verregeln. Ebenso wirken marktwirtschaftliche

Logiken, z.B. der fast allen gesellschaftlichen

Angeboten und zunehmend allen Teilen

der Natur2 beigegebene Wert. Er ist beim

„Endverbrauch“ meist im Preis ausgedrückt −

sei es ein Produkt (Ware), eine Dienstleistung

oder als Kapital. Da Menschen und Gruppen

über unterschiedlich viel Geld verfügen,

sch afft der Preis einer gesellschaftlichen Ressource

einen ungleichberechtigten Zugriff.

Horizontalität wird durch formale und marktförm

ige Regelungen verhindert.

Al tern ative Konzepte zur Ökonomie überwinden

dieses Problem in der Regel nicht. Vielfa

ch fordern sie sogar neue Regeln und neue

privilegierte Instanzen ein in der Hoffnung,

solche werden „bessere“ Regeln schaffen,

die den Menschen oder der Umwelt nützen.

Dabei wird das „Gute“ mit der H offn u n g auf

ein gutes Regieren verknüpft − eine Erwartu

n g, die schon h errsch aftsth eoretisch widerlegbar

ist (siehe dazu: „Ohne Herrschaft

ginge vieles nicht − und das wäre gut so“).

Eine Instanz zu schaffen, die Gleichberechtigung

durchsetzen soll, ist in sich ein Widerspruch,

denn die Fähigkeit zur Durchsetzung

von Gleichberechtigung und die damit automatisch

gekoppelte Möglichkeit, diese auch

wieder einzuschränken oder ganz aufzuheben,

neu zu interpretieren und umzuformen ist

eben genau keine Gleichberechtigung mehr,

wei l die Möglichkeit Gleichberechtigung zu

schaffen, zu sichern oder zu beenden ein Privil

eg ist, was nicht alle gleichberechtigt haben.

In einem solchen gesellschaftlichen

Raum besteht keine H orizon ta l itä t. Alle Konzepte

einer bedürfnisgerechten Verteilung

von Gütern durch eine dieses Bedürfnis feststellendes

Organ leiden genau unter diesem

Problem, dass zumindest das verteilende Organ

gegenüber allen anderen in einer privilegierten

Stellung steht und folglich keine Horizontal

ität herrscht. Auch die Idee des Tauschens

überwindet bestehende Unterschiede

nicht ausreichend. Zwar werden dort, wo

sich Menschen frei vereinbaren über den

Ta u s c h von Gütern und Dienstleistungen oder

wo dieser Tausch mit einer einheitlichen Zeitwä

h ru n g 3 organisiert ist, die durch den Angebots-

und Nachfragemarkt entstehenden

Unterschiede in der Bewertung von Angeboten

aufgehoben, jedoch sch a fft eine Ausrichtu

n g am Faktor Zeit keine Horizonta

l itä t, weil Menschen sehr unterschiedlich

über die

Rol f Arnold

Humanistische Pädagogik

( 2002, VAS in Frankfurt, 1 1 9 S., 1 0 Euro)

Ein kleines Büchlein zum Konzept emotionaler

Bildung nach Erich Fromm. Der Untertitel

, der auf das Werk Fromms hinweist, ist

wich tig. Der Titel des Buches würde sonst

fa l sch e Erwartungen schaffen. Fromms

I deen werden beschrieben und mit vielen

Zita ten gespickt. Nur an wenigen Stellen

wird daraus auch eine präzise Kritik an der

heute gängigen Pädagogik formuliert, ganz

unter den Tisch fallen konkrete Vorstellungen

für Veränderungen im Bildungssystem.

Kurt Meier

Kreuz und Hakenkreuz

(2001 , dtv in München, 250 S., 1 1 ,50 Euro)

Das 1 982 erstmals erschienene Werk beschreibt

die verschiedenen Strömungen innerhalb

der evangelischen und, weniger

präzise, katholischen Kirche im Deutschen

Reich vor, während und nach der

Machtübernahme Hitlers. Ebenso werden

auch die Strategien der Nazis gegenüber

der Kirche beschrieben, wobei eine große

Äh n l ich keit hinsichtlich der Zerrissenheit

sichtbar wird: Sowohl Kirchenführer wie

auch Nazis hatten sehr unterschiedliche

Ansichten und Taktiken im Umgang miteinander.

Für nazi-kritische Kirchenaktive endete

ihre Tätigkeit ein vielen Fällen in Gestapo-Gefangenschaft

oder KZs. Obwohl

Ressource Zeit verfügen und zudem auch in

sehr unterschiedlicher Weise materiell und mit

Wissen ausgestattet sind, so dass sie bei einem

Tauschsystem einen sehr unterschiedlich

langen Atem beim Verhandeln des Preises

oder bei der Entscheidung, ob sie einen

Ta u s c h eingehen, haben können.

Al s grundlegende Alternative zu allen eine

Horizontalität nicht herstellenden Konzepte

von Markt-, Planwirtschaft, organisierter (Um-

)Verteilung usw. bietet sich nur die vollständig

unkontrollierte Form des unbeschränkten Zugriffs

aller auf alle gesellschaftlichen Ressourcen

an. Es gibt keinerlei Privilegien und keinerlei

Kontrolle. Genau dann, wenn alle

Menschen auf alles zugreifen können und

niemand eine formale oder sonstige Möglichkeit

hat, Ansprüche anderer abzuwehren,

en tsteh t die Chance (nicht die Sicherheit) eines

horizontalen Raumes, in dem für Menschen

gleiche Möglichkeiten entstehen. Die

Bedürftigkeit eines Menschen wird von ihm

selbst festgelegt. Bei konkurrierenden Ansprüchen

etwa an eine knappe Ressource

muss die tatsächliche Nutzung zwischen den

Menschen oder Gruppen frei vereinbart werden,

wobei es keinerlei Privilegien, sondern

nur die horizontale Begegnung gibt. Werden

fü r solche Auseinandersetzung gesellschaftliche

Räume bewusst geschaffen, so dienen

sie der Tran sparen z von entstehenden Konkurrenzen,

damit Menschen diese überhaupt

bemerken, sowie der Organisierung einer

gleichberechtigten Debatte, z.B. in Form horizontal

en Streits oder der horizontalen Suche

nach Lösungen. Stellvertretung in Form extern

e Schiedsstellen u.ä. kann es

höchstens für den konkreten

Fall aufgrund des Willens

aller Beteiligten geben.

Zur Auto-

es den tonangebenden kirchenkritischen

Nazis nicht gelang, viele Menschen zum

Kirchenaustritt zu bewegen, führte die

Zu rü ckh al tu n g der Kirchen bis zu offener

Akzeptan z der Naziherrschaft (vor allem in

der Phase nach der Machtergreifung einschließlich

der Zustimmung z.B. der katholischen

Zentrumspartei zum Ermächtigungsgesetz)

dazu, dass keine nennenswerte

Opposition erwachsen konnte.


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fra g en d voran ... Hefte zu Widerstand & Vision

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nomie von Menschen und Gruppen gehört

auch die Möglichkeit, diese für einen konkreten

Zweck aufzugeben, ohne dass dadurch

ein über den Zweck hinausreichendes Privileg

en tsteh t. Allerdings kann selbst eine solch eingegrenzte

Stellvertretung schon die Horizonta

l itä t gefährden. Daher ist die Organisierung

gleichberechtigter Entscheidungsfindung bei

auftretenden Konflikten entscheidend und

wird Menschen motivieren, statt des Kampfes

um begrenzte Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten

neue Handlungsmöglichkeiten

zu entwickeln, um mehr Ressourcen zu haben

oder mit den bestehenden intelligenter umzugehen.

Horizontalität im ökonomischen Raum entsteht

dort, wo als Ausgangspunkt alle Menschen

den gleichen Zugriff auf den gesamten

gesellschaftlichen Reichtum haben. Eigentum,

We r t und Preis sowie formale Schranken sind

aufgehoben. Im Konfliktfall tritt die direkte

Kom m u n ikation an die Stelle von Stellvertretu

n g . Da in einer solchen Konstellation jede

Aktivität von Menschen, neue Lösungen für

eine ausreichende materielle Au sstattu n g zu

fin den , auch allen anderen nützt, da der zusätzliche

Reichtum nicht gegenüber anderen

abgeschottet werden kann, schafft Selbstentfa

l tu n g Verbesserungen für alle − oder anders

ausgedrückt: Der Egoismus fördert nicht

mehr das Konkurrierende, sondern das Kooperative.

Der H orizontalität

im Weg:

An gst um Kontrollverlust

Das Streben nach Macht wirkt ebenso gegen

die H orizontalität wie das verzweifelte Ringen

um die Sicherung des „Guten“. In einer

We l t fortgesetzter Unmenschlichkeit, Ungleichberechtigung,

von Hunger, Krieg, Vertreibu

n g, Unterdrückung, Diskriminierung und

Zerstöru n g der Umwelt wagen Menschen

kaum auf die Kraft der H orizontalität, der

Sel bsten tfa l tu n g von Menschen und gleichberechtigten

Vereinbarung zwischen ihnen zu

setzen. Die Zurichtungen und Zwänge der

Gegenwart verführen auch alle Menschen zu

Handlungen, in denen ihr Egoismus andere

oder die Umwelt beeinträchtigt − und das

massenweise. Eine Absch a ffu n g von Regeln

könne in einer solchen Lage doch nur zum tota

l en Chaos, zu Faustrecht, rücksichtslosem

Egoismus und totaler Konkurrenz führen. In

der Folge wächst die Hoffnung in das „Gute“,

wa s von oben kommt. Doch genau damit tritt

ein dramatischer Widerspruch auf, denn

schließlich verbessert jede Form von Privileg,

die mit jeder Form der Herrschaft, d.h. in stitu -

tion el l bevorteilten Handlungsmöglichkeiten,

die Chance zur ungleichberechtigten Verteilung

von Ressourcen, zur Zerstörung von Umwel

t bei Abwälzung der Folgen auf andere

oder zur Einschränkung von Wissen, Nutzun

g von Möglichkeiten usw. Diese Logik von

Herrschaft ist untrennbar mit ihr verbunden,

d. h. der Wunsch, durch die Schaffung von

handlungsbevollmächtigten I n stitu tion en oder

Gremien wird genau das verschärft, was zu

verm i n d ern sie zum Ziel haben. Dieser Analyse

verschließen sich jedoch viele aus ihrem

Wu n sch heraus, einen widerspruchfreien und

sicheren Zukunftsentwurf zu entwickeln. Die

Idee grundlegender Horizontalität in der Gesellschaft

schafft einen ständigen offenen,

dynamischen Raum, weil der Umgang mit

Konfl ikten z.B. bei begrenzten Ressourcen immer

der freien Vereinbarung in horizontaler

Begegnung überlassen wird. Er ist damit nie

vorh erseh b a r. Das aber ist genau die Stärke

dieser Vision, denn in der horizontalen Begegnung

entsteht das Maximum an Kreativität

und gemeinsamen Willen zur Problemlösung,

weil die Lösung für jeden am besten

dann entsteht, wenn z.B. ein Mangel behoben

und nicht nur auf einzelne beschränkt

wird. Horizontalität ist immer offen − was die

meiste gesellschaftliche Kreativität freisetzt,

ist gleichzeitig der Grund, warum Menschen

davor zurückschrecken. Es gibt keine Sicherheit,

sie kann nicht einmal gedacht werden,

wei l in einer offenen Situation jeder Ausgang

denkbar ist. Demgegenüber ist eine solche

Sicherheit bei Existenz einer privilegiert handelnden

I n stitu tion denk- und damit h offbar.

Die dann relativ Mächtigen müssen nur das

„Gute“ tun, die „richtigen“ Personen müssen

fü r das Gremium gefunden werden usw. Je

nach politischer Orientierung werden in demokratische

Wahlen oder imperatives Mandat

jene eher religiös anmutenden Kräfte projiziert,

die Gleichberechtigung „von oben“

schaffen sollen, obwohl klar ist, dass die Privil

egieru n g genau das Gegenteil vereinfacht.

Die Ausblendung dieser Widersprüche

schafft das Gefühl von Sicherheit, das „Gute“

zu schaffen − eine tatsächlich sehr ähnliche

La g e wie in Religionen, wo Götter und heilige

Schriften das Gute durchsetzen sollen.

Au ch innerhalb gesellschaftlicher Subsysteme

steht die Angst vor Kontrollverlust und damit

die fehlende Garantie, die eigenen I nteresse

oder auch das als das „Gute“ erkannte

durchzusetzen, der Horizontalität entgegen.

So dominieren Hierarchien, Stellvertretung

und Kontrolle in einer bemerkenswert hartnäckigen

Art auch politische Organisationen

und Projekte. Der Verzicht auf Steuerung

schafft offene Räume, deren Dynamik nicht

vorh erseh b a r ist. Wo aber Menschen sich

horizontal begegnen, sind die Möglichkeiten

herrschaftsförmigen Verhaltens gegeneinander

am kleinsten und Chance zur kreativen

Problemlösung mit verbesserten Handlungsmöglichkeiten

für alle am größten. Das ist das

Ziel von Emanzipation, während jede Form

von Kontrolle das Gegenteil wahrscheinlicher

macht, weil es die Stru ktu ren für ein einfacheres

ungleichberechtigtes Handeln erst

schafft. Horizontalität ist folglich immer auch

der Verzicht auf Gewissheit und das Vertra

u en auf den Prozess gleichberechtigter Begegnung

zwischen Menschen.

N icht horizontal: Der

Mensch und seine U mwelt

Die Idee der H orizontalität zwischen allen

Menschen folgt aus der Überlegung, dass

sich alle Menschen unter den dafür hergestellten

Bedingungen des gleichberechtigten

Zu g an g s zu Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten

sowie einer ebensolchen Kommunikation

am besten selbst entfalten können und

so wiederum die größtmögliche Menge gesellschaftlichen

Reichtums und Handlungsmöglichkeiten

entsteht. Aus der Entfaltung aller

ergibt sich auch für die Einzelnen das Beste

− Egoismus und Allgemeinwohl sind gekoppelt.

Diese Logik gilt im Verhältnis zwischen

Mensch und Umwelt nicht. Der Theorie

des Speziezismus, in der Menschen und zumindest

Tiere auf eine Stufe gestellt werden,

zum Trotz gibt es keine Alternative zur Feststellung,

dass Horizontalität zwischen

Mensch und Tier nicht herstellbar ist. Das

gleiche gilt für Menschen und alle anderen

Te i l e der Natur. Der Grund liegt nicht in einer

naturgegebenen Wertigkeit, sondern schlicht

in der Tatsache, dass eine gleichberechtigte

Kommunikation zwischen Menschen und anderen

Lebewesen, erst recht mit der unbelebten

Natur nicht möglich ist. Es ist immer der

Mensch, unter herrschaftsfreien Bedingungen

im horizontalen Dialog mit anderen Menschen,

der seine Umwelt gestaltet. Aus dieser

nicht-horizontalen Beziehung kann der

Mensch nicht entrinnen:

Selbstwenn der Mensch, wie TierrechtlerInnen

es tun, die Tiere auf eine Stufe mit

dem Menschen stellen, so definieren das

die Menschen. Das geschieht ohne jegliche

gleichberechtigte Beteiligung der Tiere.

Tiere werden von den Menschen als

gleichwertig gestellt− das ist eine strukturelle,

nicht überwindbare Ungleichberech

tigu n g.

Auchdie behaupteten, Tieren innenwohnenden

Rechte werden von Menschen

verl i eh en bzw. anerkannt. Auch hier findet

keinerlei gleichberechtigte Kommunikation

und Entscheidungsfindung des

Menschen mit den Tieren statt. Insofern

ist der Kampf um Tierrechte geradezu ein

Beweis für den Unterschied zwischen

Mensch und Tier. Dieser U nterschied besteht

sozial. Jenseits der hierfür völlig unbeachtlichen

Frage, wieweit Mensch und


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Tier vom Organismus oder ihrem Lebenswert

her unterschiedlich sind (auch das

entscheidet alles der Mensch kraft seiner

Ve r n u n ft und seiner Gefühle), sind nur

Menschen untereinander PartnerInnen in

der Kommunikation und Gestaltung des

sozialen Lebens.

Ausden festgestellten Unterschieden zwischen

Mensch und Natur folgt keinerlei

automatische Festlegung von Wertunterschieden.

Weder Mensch noch Natur

haben einen Wert an sich. Alles wird

durch den Menschen kraft seiner Vernunft

sowie in horizontaler bzw. aktuell noch

hierarchischer Kommunikation festgelegt.

Die Behauptung, etwas hätte Wert an

sich, ist in sich paradox, denn es bleibt

der Mensch, der das festlegt oder anerkennt.

Ebenso wenig folgt aber das Gegenteil

automatisch. Aus dem sozialen

Gefälle zwischen Mensch und Natur ergibt

sich keineswegs, dass Tiere, Pflanzen

oder unbelebte Natur kein Lebensrecht

haben. Die Frage ist nur nicht von sich

aus entschieden, sondern wird ebenfalls

von den Menschen ausgehandelt. Wenn

Tiere gegessen, gequält, gefangengehalten

oder abgerichtet werden, wenn

La n dsch a ften betoniert oder Böden ausgelaugt

werden, wenn Rohstoffe verschleudert

und Luft, Wasser, Boden verseucht

werden, so ist das die Entscheidung

des Menschen. Die folgt nicht aus

dem sozialen Gefälle zwischen Mensch

und Natur, sondern ist der politische Willen

der Menschen, die solchermaßen

handeln oder das Handeln erzwingen.

H orizontal und frei vereinbart

zwischen Menschen:

Der U mgang mit Tieren,

Pflanzen und unbelebter

Natur

Wäh ren d zwischen Menschen und seiner

Umwelt eine Gleichberechtigung mangels

der dafür notwendigen Kommunikation nicht

herstellbar ist, sondern jede Entscheidung

über den Umgang mit Tieren, Pflanzen, Landschaft

und Rohstoffen von den Menschen getroffen

wird, ist der Aushandlungsprozess

zwisch en den Menschen über diesen Umgang

wiederum horizontal möglich. Jeder

Mensch hat demnach die gleichen Möglichkeiten,

gestaltend auf die Natur einzuwirken,

sie zu nutzen, zu genießen, aufzusuchen

usw. Die dabei zwischen Menschen ständig

entstehenden Konflikte werden „auf Augenhöhe“,

d.h. ohne Privilegien ausgehandelt.

Die aktuelle Umweltschutzpolitik und -debatte

verläuft jedoch anders. Sie ist geprägt

von der Suche nach Regelungen für den

Schutz der Natur. Der Mensch wird als Gegenspieler

einer geschützten Umwelt begriffen

. Umweltzerstörung wird als Folge von individuellem

oder wirtschaftlichen Egoismus

gesehen. Die Schlussfolgerung lautet, dass

eine stärkere in stitu tion el l e Kontrolle die Umwel

tzerstöru n g einschränken kann. So verständl

ich die Hoffnung auf das „Gute von

oben“ ist, es hält einer herrschaftstheoretischen

Überprüfung ebenso wenig stand wie

überhaupt der Glaube, dass entfesseltes Profitstreben

ohne einen rechtsstaatlichen Rahmen

besteht. Tatsächlich aber stü tzt sich die

Wirtsch aft seit langem und zunehmend mehr

auf ein brutales Regime obrigkeitsstaatlicher

Regel ungen, die den Menschen den Zugriff

auf „ihre“ Umwelt entziehen zugunsten unbehinderter

Nutzung für Profitzwecke. H orizonta

l itä t wird für die freie Marktwirtschaft zerstört,

nicht geschaffen. Die Menschen haben

in der Regel gar keinen Einfluss mehr auf die

Art der Gestaltung von Landschaft, Bodenund

Roh stoffn u tzu n g , Produktionsweise und

mehr. Während ihnen selbst das Umpflanzen

einer Blume in die eigene Nähe schon verboten

ist, dürfen andere quadratkilometerweise

kompl ette Landschaften betonieren, planieren

oder abgraben. Der Grund liegt genau in

dem, was viele UmweltschützerInnen fälschlicherweise

als H offn u n g auf den Schutz der

Natur ansehen − nämlich der in stitu tion el l

vera n kerten unterschiedlichen Handlungsmacht

gesellschaftlicher AkteurInnen. Herrschaftsstrukturell

gilt nämlich genau das Gegenteil:

Dort, wo die Existenz von Privilegien

einigen Menschen die Möglichkeit verschaffen

, Umweltressourcen ohne Rücksicht auf

andere zu nutzen und die Folgen ebenso ungefragt

auf andere abwälzen zu können,

wird die Voraussetzung zur Umweltzerstörung

erst umfassend geschaffen. In einer

horizontalen Welt würden alle Zerstörungen

von Natur, die andere Menschen beeinträchtig

en , zu einem Protest dieser führen. Die umwel

tzerstören d e Handlung ist einem Kommunikationsprozess

ausgesetzt, die handelnde

Person oder Gruppe kann sich von diesem

nicht strukturell abschirmen. Das schafft keine

Sicherheit, aber die größte Wahrscheinlichkeit,

dass Menschen nicht die Umwelt auch

der anderen zerstören. Existieren dagegen

privilegierte I n stitu tion en , so können diese

zwar U mweltzerstörung auch untersagen, vor

allem aber vergrößern sie die Möglichkeit für

Handlungen, deren Folgen andere ungefragt

zu tragen haben.

Dass in dieser Welt überall und durchgreifend

Kontrol l in stan zen , Regierungen, Behörden

und über die sogenannte Marktwirtschaft bevortei

l te Konzerne existieren und damit privilegierte

Zugriffe auf Umwelt möglich sind, ist

der Grund für die umfassende Umweltzerstörung.

I n stitu tion en und Regelungen von

oben verhindern den Umweltschutz statt ihn

zu stärken.

Das Gegenmodell ist der horizontale Zugriff

von Menschen auf ihre Umwelt. Wenn alle

ungehinderte, gleichberechtigte Möglichkeiten

haben, ihre I deen zur Gestaltung der Natu

r umzusetzen, ist die Wahrscheinlichkeit am

höchsten, dass sie sich mit anderen einigen

und dass sie die Natur erhalten, weil die

volle Funktionsfähigkeit der Natur für ein

gutes Leben regelmäßig am besten ist. Nur

wer die Folgen von Umweltzerstörung auf andere

zwangsabwälzen kann, wird dazu tendieren,

das auch zu tun. Umweltschutz geschieht

daher dort am besten, wo Kontrolle

und Privilegien aufgrund von I n stitu tion en ,

Gesetzen, Eigentum usw. vollständig fehlen.

Er ist die Folge des machtfreien, unverregelten

, horizontalen Zugriffs auf die Natur und

nicht fehlender Machtmittel. Nicht mehr

Macht, sondern keine Macht sollte daher als

Ziel vom Umweltschutzstrategien formuliert

werd en .

Vom H ier & Jetzt

zur U topie: H orizontale

Räume schaffen!

Die Gesellschaft besteht, wie schon ausgefü

h rt, aus einem komplexen Neben- und Miteinander

vieler Subräume. Die Idee der Horizontal

ität kann in allen praktisch angegangen

werd en . Angesichts der aktuellen Vielzahl

von sich in allen Subräumen selbst regenerieren

der H errschaftsmuster ist die Herstellung

vol l stä n d i g er Horizontalität immer nur ein

Ziel . In der Realität wird zunächst nur eine

Annäherung erreichbar sein, weil die jahrelangen

Zurichtungen der beteiligten Menschen

in ihnen fortleben und höchstens Stück

fü r Stück zurücktreten sowie gleichzeitig der

Druck formaler oder ökonomischer Zwänge

und Normierungen von außen solange sehr

hoch sein wird, wie nicht breitere Teile von

Gesellschaft, d.h. eine hohe Zahl von

Subräumen sich hin zu einer Horizontalität

verä n d ert haben. Doch diese Warnung vor Illusionen

ist kein Grund, es nicht zu probieren,

denn der Versuch der Herstellung von Horizontal

ität ist genau der Vorgang, der auch

die Rahmenbedingungen verändern kann,

d. h. Menschen aus ihren Zurichtungen befreit

und den Zwängen von außen kreative Gegenstrategien

entgegensetzt.

Der Versuch ist das politisch Spannende,

denn die Reibung, die durch Versuch, Erfolg

und Scheitern entsteht, bietet Ansatzpunkte

fü r öffentlichen Streit. Er demaskiert Herrschaft

und kann Gelegenheiten schaffen, eigene

Strategien weiterzuentwickeln (was allerdings

für die Strategien der H errschenden

auch gilt). Insofern wird es eine der wichtigsten

Aktivitäten sein, den h errsch aftsdu rch zo-


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genen Prinzipien der bestehenden Gesellschaft

quadratmeterweise den Einfluss zu entziehen

und herrschaftsfreie Verhältnisse zu

schaffen. Der Begriff „Raum“ steht dabei für

einen sozialen Raum, d.h. einen mehr oder

wen i g er abgren zbaren Bereich gesellschaftlichen

Lebens. Das kann ein materieller Raum,

also ein Haus, ein Zimmer, eine Werkstatt,

ein Wagen, ein Platz, eine Straße, eine Bibliothek,

ein Veranstaltungsort oder etwas

ähnliches sein, aber auch ein sozialer Zusammenhang,

z.B. eine Mailingliste, eine Gruppe,

ein Wohnprojekt, jede Veranstaltung, ein

Produktionszusammenhang oder eine Verleih-/N

utzerI nnengemeinschaft. Hier gleiche

Möglichkeiten für alle zu schaffen, die Ressourcen

aktiv für alle zugänglich zu machen,

Normen, Gesetze und kollektive Entscheidungen,

ja kollektive Identität überhaupt zu überwin

den , ist wichtig. Der Versuch wird auch

immer wieder auf den Widerstand derer treffen

, die sich beteiligen und − bewusst oder

unbewusst − im Versuch des Anderen das

Übliche durchsetzen wollen. Die Realität in

politischen Gruppen, alternativen Projekten

usw. zeigt das. Die Idee „offener Räume“ ist

daher immer ein offensiver Prozess. Wer,

wen n Neues entsteht, nach dem Motto verfä

h rt: „Erstmal gucken und dann, wennś

schief geht, kann mensch ja immer noch einschreiten“,

verkennt die B ru ta l itä t von Normierung

und I nteressen. Offene Räume müssen

aktiv hergestellt und immer aktiv auch aufrech

terh al ten werden.

Offensives H erstellen des

offenen und kontrollfreien

Raumes

Offenheit und Kontrollfreiheit entstehen nicht

durch bloßes Weglassen formaler Verregelung.

Das würde übersehen, dass die Gesellschaft

durchzogen ist von Zurichtungen der

Einzelpersonen und sozialer Gruppen, die

auch in einem von formalen Unterschieden

freien Raum weiterwirken. Hierzu gehören

die autoritären Aufladungen im Verhältnis

zwisch en Menschen, z.B. der Respekt vor älteren

Menschen, Titeln, sog. ExpertInnen

oder Amtspersonen, aber auch die Rollenmuster

nach Geschlecht, Bildungsgrad oder

Herkunft. Mit diesen Vorprägungen betreten

alle Menschen auch einen offenen, kontrollfreien

Raum und werden sich entsprechend

gegenüber anderen verhalten − es sei denn,

es gibt einen aktiven Prozess, der Zurichtungen

überwindet oder zur Überwindung beiträgt.

Dazu gehören:

Bewusstmachungvon Zurichtungen, Dominanzen

usw. über Texte, Gespräche,

Refl exionen und mehr vor, während und

nach einem Gruppenprozess (Seminar,

Plenum, Camp, Projekt ...). Offensive Erklärungen

aller Möglichkeiten, also der

Te c h n i k , der Nutzbarkeit von Räumen und

ihrer spezifischen Au ssta ttu n g en , des Zugangs

zu Wissen (falls dieses nicht direkt

sichtbar ist) und informierten Personen,

der eigenen Gestaltungsmöglichkeiten

des offenen Raumes usw. Bereitstellung

der räumlichen und technischen Möglichkeiten

sowie des Wissens für dominanzmindernde

Gruppenverfahren, z.B.

Räum e für Fish-Bowl, Wände zur Visualisierung

usw.

Workshops,Seminare und Einführungen

in die Nutzung technischer Au ssta ttu n g,

in Aktionsmethoden, Gruppenverfahren

und vieles mehr. H erstellung einer hohen

Tra n s p a re n z des „Was läuft wo?“, „Welche

Streitpunkte bestehen und werden

wo diskutiert/geklärt?“, „Was fehlt?“,

„Wer braucht Hilfe?“, „Welche Weiterentwickl

u n g en des offenen Raumes laufen

oder werden angestrebt?“ usw. Dazu

sollten ein oder mehrere Informationspunkte

geschaffen werden, an denen alles,

was läuft oder geplant wird, angeschrieben

wird − mit Treffp u n kt, Kontakt

u.ä.

H orizontalität für alle:

Menschen mit „Behinderungen“4

und Kinder als

Subjekte mitdenken

Fast alle wissenschaftlichen Theorien gehen

vom weißen gesunden, heterosexuellen

Mann aus, der als unausgesprochene Norm

gesetzt ist. Kaum ein Gebäude ist so gebaut,

dass Kinder sich dort ohne Hilfe bewegen

können. Viele Treffen politischer Zusammenhänge

sind einsprachig organisiert, obwohl

die Themen grenzüberschreitend sind. Die

Räume werden inzwischen kaum noch danach

ausgewählt, ob sich RollstuhlfahrerInnen

dort selbstständig bewegen können.

Au ch die Versuche, H orizontalität zu schaffen

, werden nicht frei sein von subtilen Normen

und Standards, die wird aufgrund der eigenen

Zurichtung verinnerlicht haben. Die Refl

ektion und Aufdeckung dieser Normen und

der Versuch, diese zu überwinden wird daher

immer Teil des emanzipatorischen Prozesses

sein − mit dem klaren Ziel, die Vorstellung eines

„Norm-Menschen“ immer weiter abzubauen

und auch praktisch umzusetzen.

Eine wichtige Voraussetzung dafür sind Versuche,

die Trennung zwischen Menschen unterschiedlichen

Alters, Herkunft, körperlicher

Kon stitu tion usw. aufzuheben. Dieses Aufeinandertreffen

kann die Sensibilität erhöhen

und die Wahrnehmung für Barrieren aller Art

schärfen, die Horizontalität verhindern − das

We g b l e i b e n von Kindern oder „behindert“

definierten Menschern in politischen Zusammenhängen

hat dort zu einem spürbaren

Rückgang der Diskussionen um ausschließende

Mechanismen geführt. Beide

Prozesse verstärken sich gegenseitig − deshalb

ist der Abbau von Barrieren immer sinnvol

l (nicht nur dann, wenn er offensiv eingefordert

wird), weil er die selber die Voraussetzungen

für die Begegnung unterschiedlicher

Menschen sch afft.

Die Steine im Weg zum horizontalen Zusammenleben

aller Menschen sind vielfältig, und

oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen. An

dieser Stelle nur ein paar Beispiele:

Architektur: Die Umgebung muss so umgestaltet

werden, dass kleine Menschen

nicht ständig auf die Hilfe anderer angewiesen

sind, um sich fortzubewegen oder

an Dinge zu gelangen, die in unerreichbaren

Höhen angesiedelt sind. Eine barrierefreie

Architektur, die Kinder und

Menschen mit „Behinderungen“ aller Art

als Subjekte mitdenkt, existiert erst in Ansätzen

und wird zum Teil erhebliche Umbauten

nötig machen.

Kommunikationsstrukturen: Für Menschen,

die Informationen auf Computern nur mit

Sprach au sgabe-Program m en aufnehmen

können, sind viele I nternetseiten aufgrund

der verschachtelten Stru ktu r völlig unzugängl

ich , d.h. die Sprachausgabe gibt

die einzelnen Text-Elemente durcheinander

aus, der Sinn geht verloren. Bei inzwischen

weit verbreiteten, dynamischen

Internetseiten ist es ohne großen Mehraufwand

möglich, verschiedene Versionen

zu programmieren, z.B. eine barrierefreie

für optimale Sprachausgabe oder

eine Version mit besonders kon trastreich er

Darstellung für sehschwache Menschen.

Sprache: Sprache ist häufig Ausschlussmechanismus

− wissenschaftliche oder

subkulturelle Codes grenzen viele Menschen

von Debatten und Projekten aus,

die sie interessieren. Die Reflektion dieses

Umstands muss nicht zum völligen Verzicht

auf eine komplexe Sprache führen.

Wichtiger ist es, das Wissen um Begriffe

und Bedeutungen weiter zu geben und

eine Atmsphäre zu schaffen, in der

Nachfragen nicht mit der Angst belegt

sind, abgelehnt oder diskriminiert zu werden.

Al l das sind nur ein paar ausgewählte, relativ

offensichtliche Hindernisse auf dem Weg zu

horizontalen Verhältnissen. Das Thema ist zu

komplex, um einen systematischen Kurzabriss

zu liefern. Wahrscheinlich ist, dass dort, wo

einmal der Prozess der Selbstreflektion und

We i te re n twi c k l u n g begonnen hat, immer

wieder neue Aspekte auffallen. Es geht nicht

um Perfektion, sondern um das kontinuierliche


18 Nullnummer 2005 fra g en d voran .. . Hefte zu Widerstand & Vision

fra g en d voran ... Hefte zu Widerstand & Vision

Nullnummer 2005 1 9

Ringen um gleichberechtigte Verhältnisse,

wel ch es das Scheitern immer wieder zum Anlass

nimmt, neue Wege zu gehen. Horizontalität

ist ein anstrengendes Projekt − aber hoffen

tl ich mindestens genauso spannend und

produktiv.


20 Nullnummer 2005 fra g en d voran .. . Hefte zu Widerstand & Vision

fra g en d voran ... Hefte zu Widerstand & Vision

Nullnummer 2005 21

Projekte,Initiativen,

Ve r öffentlichungen & Co.

Utopien

Kreativer Widerstand

xxx

xxx xxx xxxxxxx xxx

Al tern ative Ökonomie

xxx

xxx xxx xxxxxxx xxx

Strafe, Knast, Psychiatrie

Kontakt:

xxx

xxx xxx xxxxxxx xxx

Freiräume

xxx

xxx xxx xxxxxxx xxx

usw.

Go.Stop.Act!

Ein Projekt zu kreativen Straßenaktionen (von

Th eater über Großpuppen bis zu Störaktionen)

besteht aus Internetseiten, Workshops auf verschiedenen

Veranstaltungen und einem gleichnamigen

Buch, das im Trotzdem-Verlag erschienen

ist. Mehr Informationen unter www.go-stop-act.de.

Lutherkritische Aktionen

Ve r wi r r u n g in Wittenberg − in der Woche vor

Pfingsten kam es in der Stadt auf sehr unterschiedliche

Art zu Aktionen, die eine Kritik am Mythos Luth

er äußerten und dessen antisemitischen, reaktionären

und sozialrassistischen Positionen brandmarkten.

Die öffentliche Wirkung wurde offensichtlich

durch die Breite und Vielfalt der Aktionsformen

erzielt. Offen ist bis heute, ob das ein Zufall war

oder ob hier verschiedene Gruppen koordiniert

agierten. Festgestellt werden konnten:

Straßentheater: Eine Gruppe führte ein

Straßentheater an verschiedenen Punkten in

der Innenstadt auf.

Pressearbeit: Vor allem die Theatergruppe verschickte

im Vorfeld Pressemitteilungen und

meldete ihre Aktivität auch offiziel l bei der

Stadt an.

Kommunikationsguerilla: In der Stadt wurde

eine Flugblatt der NPD verteilt, auf dem diese

Lu th er zum Vorbild erklärte und vor allem

darauf hinweis, dass auch die Nazis einschließlich

Hitler den Reformator als geistiges

Vo r b i l d betrachteten. Dieses Flugblatt löste erhebliche

Diskussionen aus, bis es als Fake erkannt

wurde.

Militante Aktionen: Sehr massiv waren in der

Stadt Veränderungen durch das Kleistern von

lutherkritischen Plakaten, einer Serie von

Sprühereien mit neuen „Thesen“ und Attacken

auf Lutherdenkmäler zu sehen.


22 Nullnummer 2005 fra g en d voran .. . Hefte zu Widerstand & Vision

fra g en d voran ... Hefte zu Widerstand & Vision

Nullnummer 2005 23

Eigene Veröffentlichungen: Breit gestreut

wu rde eine Postkarte, die an vielen Stellen

auslag und von Begleitpersonen rund um die

Th eatera u ffü h ru n g en in der FussgängerInnenzon

e verteilt wurde.

Wirku n gen : Vor allem die Theatergruppe konnte

feststel l en , dass die Aktionen von vielen Menschen

bemerkt worden waren und von Ärger bis zu Zustimmung

vieles hervorriefen. Etliche PassantInnen

sprachen von sich aus die um das Theater herumstehenden

und Postkarten mit Luther-Kritik verteilenden

Personen an.

Die Aktionsserie und inhaltliche Hintergründe zu

diesem guten Beispiel für die Wirkung sich gegenseitig

stützender Methoden sind unter www.lutheraction.de.vu

dokumentiert.

Neuer Direct-Action-Kalender

Jährlich erscheint mit dem D irect-Action -Kal en der

ein praktischer Jahresbegleiter voller Tips für einen

widerstä n dig en Alltag. Erscheinungstermin ist jewei

l s der Juli des Vorjahres, d.h. der Taschenkalender

für 2006 ist im Juli 2005 erschienen. Dieser

enthält neben Hunderten praktischer Ratschläge

kurze Kapitel zu kreativen Antifa-Aktionen, Dominanzabbau

in Gruppen, An ti-Kn ast-Aktion en und

mehr. Nähere Informationen unter www.projektwerkstatt.de/kalender.

Direct-Action-Ausstellung

Ca. 20m Stell- oder Wandfläche nimmt eine bunte

Ausstellung ein, die zu den verschiedenen Aspekten

kreativen Widerstands Texte und Beispielaktionen

zeigt. Neben Fotos sind auch Originalmaterialien,

z.B. Werkzeug, Theaterutensilien usw. zu finden.

Die Ausstellung kann ausgeliehen werden, sie

wa r schon auf verschiedenen Aktionscamps (Bombodrom,

Wendland-Sommercamp, A-Camp und

Grenzcamp) , auf der Attac-Aktionsakademie sowie

in einigen Städten zu sehen. Nähere Infos

über www. projektwerkstatt.de/ausstel l ung.

Antipädagogik

usw.

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