Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-06-02 (Vorschau)

1230296.3mk4k

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux €5,30 | Griechenland €6,00 | Großbritannien GBP 5,40 | Italien €6,00 | Polen PLN 27,50 | Portugal €6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien €6,00 | Tschechische Rep. CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

23

2.6.2014|Deutschland €5,00

2 3

4 1 98065 805008

Im Sog

des billigen

Geldes

Das bringt die Null-Zins-Politik

für Konjunktur, Unternehmen

und Anleger

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Einblick

Donald Duck hofft, dass es Geld regnet – plumps: Da

ist es. Ist er jetzt reich? Nein. Denn Onkel Dagobert

will jetzt die Million fürs Hühner-Ei. Von Roland Tichy

Donald Draghis Million

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Wenn es Geld auf Entenhausen

regnet, wird keiner reich – nur

die Preise steigen. Dieser Comic,

den wir auf Seite 99

nachdrucken, zeigt: Carl Barks, der Autor,

verstand schon 1950 von Ökonomie mindestens

so viel wie heute die Geldhüter

der Zentralbanken. Die träumen auch davon,

dass sie Geld regnen lassen: Vom

Helikopter Dollar abwerfen wollte Ben

Bernanke, Ex-Chef der US-Fed. EZB-

Präsident Mario Draghi will Geld mit der

„Dicken Bertha“ verballern, dem Monstergeschütz,

das Paris und das Warschauer

Ghetto beschoss und jetzt Euro über die

Welt verstreuen soll; später reduzierte er

seine Geldkriegsrhetorik auf „Bazooka“.

Mit der will Draghi den letzten Wall sprengen,

der unser Geldsystem schützt: den

Minimal-Zinssatz. Man kann über die

richtige Zinshöhe streiten wie über die

globale Erwärmung. Wahr indes ist: Dreht

der Zinssatz vom heutigen Mickerzins in

den negativen Bereich, dann ist die Welt

eine ganz andere als zuvor. Und das will

Draghi wohl noch diese Woche durchsetzen:

den Einlagenzins der Geschäftsbanken

bei der Zentralbank in einen Strafzins

verändern. Danach soll die gesamte Zinsstruktur

in den roten Bereich rutschen.

Staatsgläubig feiert die ARD-Sendung

„Börse vor acht“: „Mit ihren Niedrigzinsen

füttert Europas Zentralbank nicht nur den

Börsenboom, sondern auch den Wirtschaftsaufschwung

in Deutschland.“ Ist

das nicht nur Kinderglaube?

Denn wenn der Zins tatsächlich negativ

wird, lohnt es sich nicht mehr, zu sparen –

warum sollte man etwas zurücklegen, was

dahinschmilzt, statt höhere Kaufkraft in

der Zukunft zu schaffen? Der Dumme in

der Donald-Draghi-Welt ist, wer eine Riester-Rente

oder eine Lebensversicherung

anspart: Denn am Ende ist man ärmer als

am Anfang. Der Schlaue hingegen haut die

Kohle raus und wirft sich dem Staat in die

Arme. Denn der verspricht alles. Wie in einer

Ouvertüre zum Null-Zins-Drama hat

vorvergangene Woche die große Koalition

ein 230 Milliarden Euro teures Rentenpaket

verabschiedet. Sie wissen alle schon

heute, dass es nicht finanzierbar ist, und

machen es doch: Rente auf Pump. Wenn

das Geld alle ist, wird nachgedruckt. Ganz

einfach. Geht es so einfach?

An Sparer wird Wolfgang Schäubles

Nachfolger für die Bezahlung der Rentenversprechen

keine Bundesschatzbriefe

mehr verkaufen können: Wer sollte sparen

und dieses Geld dem Staat leihen, wenn es

dadurch nur weniger wird? So dumm sind

die Menschen nicht: Immobilien in den

Großstädten werden derzeit gekauft wie

verrückt. Eine Immobilienblase bläht sich

auf – wie einst in den USA, Spanien und

Großbritannien. Möglicherweise sind die

Häuser dann doch nicht so viel wert, der

Mietzins zu gering. Dann sind alle, die in

der neuen Bläh-Ökonomie reich geworden

waren, plötzlich ärmer als vorher. Denn

ohne Zins läuft das Kapital in die Irrwege –

nicht mehr dahin, wo es Arbeitsplätze

schafft, sondern in Beton und andere fragwürdige

wie unproduktive Anlageformen.

ALLE TAGE IST SONNTAG

Ähnlich ist es mit Aktien: Der Dax hat sich

in drei Jahren verdoppelt. Die Geschäfte

laufen nicht besser – aber Anleger hoffen,

sich mit einem Fitzelchen Siemens oder

BMW vor der Donald-Draghi-Ökonomie

zu retten. Gold erlebt eine Renaissance:

Was man künftig für einen Krügerrand eintauschen

kann, weiß kein Mensch. Aber es

wird immer mehr sein als ein Bündel Papiergeld,

das allein durch Vertrauen Wert

erhält. Dieses Vertrauen aber wird durch

die neue Wohlfühl-Ökonomie zerstört.

Wenn die Zinsen durch die Geldschwemme

unter null gedrückt werden, ist

alle Tage Sonntag: Die Unternehmen sparen

Finanzierungskosten, der Staat verschuldet

sich – nur merkt es am Anfang keiner.

Vielleicht schafft das Arbeitsplätze,

wenn die Konsumenten kaufen wie wild,

weil sie wissen: Genieße die Null-Zins-Blase,

die Folgen werden fürchterlich.

Aber jeder weiß: Sparen und investieren

sind zwei Seiten einer Medaille. Wer nicht

wegen der Zinsen spart, dem wird die

Kaufkraft weggespart: über Inflation, die

dann ausgleicht.

n

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Rekord bei Luxusvillen

8 Daimler: Konzern baut wieder einmal um

9 Air Berlin: Börsenausstieg bleibt Ziel |

Mindestlohn: Praktika gefährdet

10 Interview: Aldiana-Eigner Jürgen Marbach

sucht Mitgesellschaft für seine Ferienclubs

12 Deutsche Bahn: Busbahnhöfe geplant |

Flughafen Berlin: Zittern vor Brüssel |

Deutscher Zoll: 100 Beamte in die Ukraine

14 Chefsessel | Start-up MyCleaner

16 Chefbüro Otto Ferdinand Wachs,

Geschäftsführer der Autostadt in Wolfsburg

Politik&Weltwirtschaft

18 Europa Die Wahlerfolge von EU-Gegnern

und Populisten setzen die nationalen

Regierungen unter Druck. Vielerorts drohen

wichtige Reformen zu scheitern

24 Serie Zukunft der Industrie (IV) Deutschland

gilt unter Spitzenforschern oft als

zweite Wahl. Doch es gibt Hoffnung |

Interview: Bildungsministerin Johanna

Wanka beklagt die geringe Innovationskraft

vieler Mittelständler

28 China Vor 25 Jahren wurde die Demokratiebewegung

auf dem Platz des himmlischen

Friedens blutig niedergeschlagen. Wo steht

das Land heute?

33 Global Briefing | Berlin intern

Titel Die Folgen der Geldflut

Menschen,

Tiere,

Sensationen

Aus dem Nichts ist das

Boulevard-Web-Portal

Heftig.co an die Spitze

der deutschen Klickgiganten

gestürmt. Was

haben die Gründer Peter

Schilling und Michael

Glöß jetzt vor? Seite 42

Auf ihrer Sitzung am 5. Juni will die

Europäische Zentralbank eine neue Phase

der expansiven Geldpolitik einläuten. Das

soll eine Deflation verhindern und den

Euro-Kurs drücken. Die Risiken der Nullzinspolitik

sind immens – auch für das

gesamte Geldsystem. Seite 34

Der Volkswirt

34 Geldpolitik Die Europäische Zentralbank

will die Zinsen auf die Nulllinie drücken.

Was bedeutet das für Konjunktur, Anleger,

Unternehmen – und für das Geldsystem?

41 Denkfabrik Energieexperte Frank Umbach

fordert einen offeneren Umgang mit der

umstrittenen Fracking-Technologie

Unternehmen&Märkte

42 Heftig.co Was der Aufstieg des digitalen

Kuriositätenkabinetts für das Medienangebot

im Internet bedeutet | Exklusiv-

Interview: Die Heftig.co-Gründer Michael

Glöß und Peter Schilling über Boulevarddramen

und Klick-Monster

50 Private Equity Das Geschäft der Finanzinvestoren

kommt nicht in Schwung

52 Interview: Michael Klier Der Co-Chef der

Klier-Gruppe über die Folgen des Mindestlohns

für die Friseurbranche

54 Ukraine Die Schwerindustrie im Osten des

Landes wehrt sich gegen die Separatisten

56 AB InBev Trinken und Kicken für den Kurs:

Wie das weltgrößte Bierimperium als

Großsponsor der Fußballweltmeisterschaft

Kasse macht

Flash Boys

Fondsmanager wehren sich

gegen Computerhändler, die

Aufträge in Millisekunden

an die Börse schießen

(Bild). Vorwurf: Sie machen

Milliarden auf Kosten der

Anleger. Seite 78

TITELILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

4 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 23, 2.6.2014

Schweres Erbe, großes Ziel

25 Jahre nach dem Tiananmen-Massaker bleibt China zutiefst

zerrissen: Die Städte wuchern zu Mega-Metropolen, die Wirtschaft

prosperiert – die Freiheit aber bleibt ein Traum. Seite 28 und 62

Technik&Wissen

62 Spezial Infrastruktur Im Süden Chinas

wachsen Millionenstädte zu einer Mega-

Metropole zusammen. Ein Vorbild für die

Welt – oder ein urbaner Albtraum?

68 Fotovoltaik Neue Solarzellen machen die

Eigenversorgung mit Grünstrom möglich

71 Tech Talk

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, STAMEN, ANDI ANDREAS, GETTY IMAGES/AFP/SYLVAIN THOMAS

Mate für Marcelo

Hohes Gehalt, selbstbestimmtes Arbeiten, Hilfe bei der Steuererklärung,

leckeres Frühstück: So versuchen Gründer, rare Fachkräfte

wie Informatiker oder Ingenieure an sich zu binden. Seite 72

Das Anti-Europa

Der Erfolg von EU-feindlichen

Populisten wie Marine Le Pen

bei der Europawahl hat die nationalen

Regierungen geschockt.

Es droht eine politische Lähmung

in der EU – und vielerorts

eine Abkehr vom Sparkurs.

Seite 18

Management&Erfolg

72 Start-ups Wie junge Unternehmen Fachkräfte

gewinnen | Gründertagebuch

Geld&Börse

78 Hochfrequenzhandel Ultraschnelle Trader

machen Milliarden, auch mit dem Geld

ganz normaler Sparer

86 Direktversicherung Wenn die Police fällig

wird, schlägt die Krankenkasse zu

88 Aktien Welche Papiere Investoren, die

Substanzwerte suchen, jetzt empfehlen

90 Steuern und Recht Rückgaberecht im

Online-Handel | Anwaltskosten bei Hinterziehung

| Kindergeld im sozialen Jahr |

Scheingewinne bei Schneeballsystemen

92 Geldwoche Kommentar: Dax 10 000 | Trend

der Woche: Dax-Portfolio | Dax-Aktien: SAP |

Chartsignal: Dax | Aktien: Imperial Tobacco,

Schaltbau | Hitliste: Iberische Banken |

Anleihe: Peso/Weltbank | Investmentfonds:

ING Renta EM Corporate Debt

Perspektiven&Debatte

98 Interview: Rainer Bechtel Der Donaldist

über den liebenswerten Loser Donald Duck

102 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 104 Leserforum,

105 Firmenindex | Impressum, 106 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Mit einem Video aus der Flugzeuglackiererei

von Emirates,

Animationen über die

Entstehung der größten

Stadt der Welt und einem

Film über billige transparente

Solaranlagen.

wiwo.de/apps

n Tabak Zigaretten sind out.

Raucher werden angefeindet und

ausgesperrt. Trotzdem macht die

Tabakindustrie hohe Umsätze.

wiwo.de/tabak

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WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 5

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Seitenblick

LUXUSIMMOBILIEN

Blühende

Geschäfte

Auch Milliardäre sammeln jetzt verstärkt Betongold.

Die Jagd treibt die Preise hoch. Doch nicht immer geht

die Rechnung auf.

147Millionen Dollar zahlte US-Starinvestor

Barry Rosenstein kürzlich für ein Anwesen in

den Hamptons. Es ist der höchste Preis, den ein Privathaus

je in den USA erzielt hat. Nachbarn auf der

Halbinsel vor New York sind Prominente wie US-

Serienstar Jerry Seinfeld oder Galeristenkönig Larry

Gagosian. Die Villa selbst beeindruckt wenig, ins Auge

sticht der Garten. Landschaftsarchitekt Andrew

Gorden, Partner des Vorbesitzers Christopher Browne,

hatte Bäume, Büsche und Rasen jahrelang gehegt.

12Schlafzimmer weist das Haupthaus der

Copper Beech Farm in Greenwich auf, knapp 60 Kilometer

vor New York. Erst im April hat ein Unbekannter

das 20 Hektar große Anwesen für 120 Millionen

Dollar erworben. Das war Rekord, bis Rosenstein in

den Hamptons zuschlug. Ursprünglich hatte Holzmagnat

John Rudey sogar 190 Millionen Dollar gefordert,

fand keinen Abnehmer. Obwohl immer mehr

Häuser die 100-Millionen-Marke knacken, passiert

auch das: Für das legendäre Beverly House, einst im

Besitz des Medientycoons William Randolph Hearst,

wird seit Jahren ein Käufer gesucht. Der Preis wurde

schon von 165 auf 135 Millionen Dollar gesenkt.

4,3Milliarden Euro beträgt der Wert aller

Häuser in der Londoner Straße Kensington Palace

Gardens. 3 der 15 teuersten Villen weltweit stehen

dort. Hier residieren der russische Oligarch Roman

Abramowitsch und die Familie des indischen Stahlmagnaten

Lakshmi Mittal.

oliver.voss@wiwo.de

1|Further Lane 60, East Hampton

gekauft 2014 von Barry Rosenstein für

147 Millionen Dollar

2|Kensington Palace Gardens 6, London

gekauft 2008 von Lakshmi Mittal für

222 Millionen Dollar

3|Copper Beech Farm, Greenwich

erworben 2014 von unbekanntem Käufer für

120 Millionen Dollar

4|Kensington Palace Gardens 17, London

gekauft 2011 von Roman Abramowitsch für

140 Millionen Dollar

6 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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2 3 4

1

FOTOS: CORBIS/SPLASH NEWS/DOUG KUNTZ, ACTION PRESS/REX FEATURES, PICTURE-ALLIANCE/AP PHOTO, PHOTOSHOT/RETNA

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 7

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Menschen der Wirtschaft

Neue Richtung

Daimler-Chef Zetsche

DAIMLER

»Schöpferische Transformation«

Der Autokonzern verordnet sich eine

Strukturreform, spart Millionensummen.

30 000 Beschäftigte weltweit erhalten

neue Posten, Chefs oder Aufgaben.

Für die einen ist es eine „schöpferische Transformation“,

für die anderen einfach die nächste Sparrunde:

Zwei Strukturreformen sorgen derzeit in der

Organisation des Daimler-Konzerns für einigen

Wirbel. Der Autohersteller und Mobilitätsanbieter

will mit den Programmen „One HR“ und „Customer

Dedication“ seine Führungsstrukturen neu

ordnen, Prozesse straffen und Fixkosten senken,

sich aber auch auf die großen Veränderungen vorbereiten,

die mit der digitalen Transformation der

Industrie einhergehen. „Es geht nun darum, dem

Konzern eine klare Richtung zu geben und so auf

die Zukunft vorzubereiten“, fasst Projektleiterin

Susanne Hahn die Aufgabe zusammen, die ihr

Daimler-Chef Dieter Zetsche übertragen hat.

Kurz gefasst zielt „One HR“ auf die Verschlankung

der Verwaltung, „Customer Dedication“ auf

eine stärkere Kundenorientierung in Vertrieb und

Produktion. Trotz sorgfältiger Vorbereitung und

früher Einbindung auch des Betriebsrats verursachen

die Programme Unruhe. Immerhin werden in

diesen Wochen etwa 30 000 der 275 000 Beschäftigten

„bewegt“: Führungskräfte erhalten neue Aufgaben,

Mitarbeiter neue Vorgesetzte; Aufgaben wer-

den neu verteilt, neu zugeordnet und ausgelagert.

„Wir wollen schlagkräftiger werden. Wir wollen flachere

Hierarchien, weniger Berichtswesen, schnellere

Entscheidungen“, sagt Hahn.

Eine Einsparung von rund 60 Millionen Euro erhofft

sich der Konzern allein durch „Customer Dedication“,

das den Konzern auch stärker nach den

Geschäftsfeldern ausrichtet und den Spartenchefs

mehr Macht gibt. Sie können beispielsweise ihren

Vertrieb künftig selbst steuern. Auf der anderen Seite

aber wurde der Aktionsradius der Länderchefs

verkleinert, ein Teil ihrer Aufgaben zu Zentraleinheiten

verlagert. Weitere Entlastungen verspricht

spätestens 2016 der Verkauf einiger Dutzend

Werksniederlassungen – dagegen gab es in den vergangenen

Wochen bereits heftige Proteste.

Auch das Programm „One HR“, birgt noch einigen

Sprengstoff. Projektleiterin Hahn: „Wir wollen

da sparen, wo Geldeinsatz nichts mehr bringt, und

investieren dort, wo wir Wachstum erwarten.“ Sie

beteuert zwar, dass kein Personalabbau geplant sei

und niemand durch die neue Konzernstruktur seinen

Status verliere. Aber dafür werden nun Funktionen

wie etwa die Buchhaltung in Service-Center

gebündelt. Gesamtbetriebsratschef Michael

Brecht: „Die Leute sind verständlicherweise nicht

alle begeistert über die Verlagerung von Funktionen

und Zentralisierung von Aufgaben.“ Er sieht

noch jede Menge Diskussionsbedarf.

franz.rother@wiwo.de

Kostenfaktor

Mensch

Entwicklung der

Personalkosten im

Daimler-Konzern in

Mrd. Euro*

Beschäftigte nach

Regionen

25

20

15

10

2005 2013

Japan 4,1 China u. a.

Brasilien 5,1

9,5

USA

Europa

7,6

12,7

%

61

Deutschland

*bis 2007 einschließlich Chrysler;

Quelle: Daimler

8 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA/ULI DECK, PR, DAVIDS/SVEN DARMER

AIR BERLIN

Börsenausstieg bleibt Ziel

Etihad gibt nicht auf. Allen Widerständen

zum Trotz bereitet

die staatliche Fluggesellschaft

aus Abu Dhabi die Aufstockung

ihres Anteils an Air Berlin von

knapp 30 auf 49 Prozent vor –

und zwar genau so, wie sie es

Anfang des Jahres geplant hatte.

Darauf kann Air-Berlin-Chef

Wolfgang Prock-Schauer

bauen. „Ziel bleibt, dass Etihad

fast die Hälfte der Anteile erwirbt,

Air Berlin von der Börse

nimmt und in eine GmbH umwandelt“,

heißt es aus Unternehmenskreisen.

„Der Plan

liegt nur deshalb auf Eis, weil

Warten auf Signal der Türken

Air-Berlin-Chef Prock-Schauer

die Scheichs über das Medienecho

in Deutschland erschrocken

sind und etwas Zeit vergehen

lassen wollen.“ Schließlich

sei Air Berlins unmittelbare

Geldnot durch die jüngsten Finanzierungsrunden

behoben,

die Etihad über Wandelanleihen

und eine Investoren-Roadshow

unterstützt habe.

„Größtes Problem“ sei die türkische

Industriellenfamilie Sabanci.

Solange sie zwölf Prozent

an Air Berlin hält, kann Etihad

nicht auf 49 Prozent aufstocken.

Wenn Ausländer insgesamt

mehr als 49 Prozent an Air Berlin

besitzen, verliert das Unternehmen

seine Flugrechte. Die

Türken hätten zwar kein strategisches

Interesse mehr an Air

Berlin, heißt es. Aber sie wollten

die Aktien nicht zum aktuellen

Wert von gut 20 Millionen Euro

abgeben. Für die Papiere hatte

die Familie einst 53 Millionen

Euro gezahlt.

Die Fluglinie Etihad könnte

ihr Ziel also nur erreichen,

wenn die Scheichs den Türken

deren Investment großzügig

versilberten. „Doch jeder Forderung

will Etihad nun auch

nicht nachkommen“, heißt es in

den Unternehmenskreisen.

reinhold.boehmer@wiwo.de,

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

Aufgeschnappt

Mini von Google Während die

Autokonzerne das Internet ins

Auto holen, drängt der Internet-

Riese Google in den Automarkt.

Ein Prototyp fährt schon: ein

computergesteuertes, fahrerloses

Mini-Elektromobil für zwei

Personen. Bis zum Sommer sollen

100 Testwagen durch Kalifornien

kreuzen – ohne Lenkrad,

Gaspedal und Bremse. Aus

Sicherheitsgründen schaffen sie

maximal zunächst nur 40 Stundenkilometer.

Wann das Google-

Mobil marktreif ist, kann der

Konzern noch nicht sagen. Derzeit

sucht er Partner.

Riesen für Ballmer Ex-Microsoft-Chef

Steve Ballmer prüft

offenbar den Kauf des Basketball-Teams

Los Angeles Clippers.

Eigner Donald Sterling

muss sich von der Mannschaft

trennen. Nach rassistischen

Sprüchen hat ihn die US-Liga

NBA lebenslang gesperrt.

MINDESTLOHN

Praktika

gefährdet

Die deutsche Wirtschaft befürchtet

den Verlust von Praktika,

falls die große Koalition das

Gesetz zum gesetzlichen Mindestlohn

ohne Änderungen

durchwinkt. „Die Pläne werden

nach jetzigem Stand dazu führen,

dass freiwillige Orientierungspraktika

von Unternehmen

so gut wie nicht mehr

angeboten werden, weil sie zu

teuer sind“, warnt Arbeitgeber-

Präsident Ingo Kramer. Laut

Gesetzentwurf sollen nur

Pflichtpraktika und solche von

maximal sechswöchiger Dauer

vom Mindestlohn ausgenommen

werden. „Hier muss der

Bundestag dringend nachbessern“,

fordert Kramer. „Oder die

jungen Leute werden eben zur

Lüge getrieben und so tun, als

handle es sich auch bei der

zweiten oder dritten Hospitanz

um ein Pflichtpraktikum. Das

ist doch komplett unsinnig.“

Allerdings will Kramer Missbrauch

verhindern: „Damit ich

nicht falsch verstanden werde:

Auch ich will unter keinen Umständen,

dass fertig Ausgebildete

dauerhaft zu Praktikantenlöhnen

beschäftigt werden. Das

muss ausgeschlossen sein.“

max.haerder@wiwo.de | Berlin

4000

3000

2000

1000

Flaggenflucht deutscher Reeder

Gesamt

unter deutscher Flagge

1970 2000 05 10 13

1063

Liberia

956

Antigua und

Barbuda

194

Marshallinseln

169

Malta

129

Zypern

Zahl der Handelsschiffe von

deutschen Eignern

Die fünf begehrtesten ausländischen

Flaggen deutscher Handelsschiffer

Quelle: VDR, BSH

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 9

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Lücke

Lücken sind stets unerfreulich,

besonders aber in Gestalt

der immer häufigeren

Gerechtigkeitslücke. Sie ist

ein Begriff der modernsten

Rechtsphilosophie und

basiert auf dem Verständnis,

dass Gerechtigkeit prinzipiell

undurchdringlich sein

soll. Eine indianische Weisheit

besagt: Wenn die letzte

Gesetzeslücke geschlossen

und alle verbliebenen

Umgehungstatbestände

verschüttet sind, dann wird

die Gerechtigkeit ein Gebiss

ohne Löcher sein. Vereinzelte

Spötter haben den sogenannten

Paragrafendschungel

allerdings für die

Gerechtigkeit als undurchdringlich

beschrieben, und

historisch regte sich auch

Widerstand gegen

unüberwindbare administrative

Mauern als

vorherrschendes soziales

Ordnungsprinzip. Die

deutsche Botschaft in Prag

galt daher im Jahre 1989 für

Ost-Berlin als gerechtigkeitslückenhaft.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

INTERVIEW Jürgen Marbach

»Griechenland boomt,

Ägypten ist entmutigend«

Der Chef und Eigner der Ferienclub-Kette Aldiana

sucht einen Mitgesellschafter. Alle zwei Jahre will

er eine Anlage eröffnen – vor allem winterfeste.

Herr Marbach, Club Med ist

in Deutschland kaum mehr

präsent, der Robinson Club verdient

nicht genug Geld, und um

den Club Aldiana ist es ziemlich

ruhig geworden. Ist der Hype

der Ferienclubs vorbei?

Nein, im Gegenteil, das Club-

Segment wächst weiter, und wir

sind mit der Entwicklung sehr

zufrieden.

All-inclusive bei Speisen,

Getränken und Sport bieten

inzwischen auch die meisten

Ferienhotels an.

Die Übergänge zwischen Club-

Urlaub und All-inclusive sind sicher

fließender geworden, aber

was die Qualität angeht, liegen

Welten dazwischen. In vielen

All-in-Hotels empfiehlt es sich,

zum Wein die Kopfschmerztablette

gleich mit zu bestellen. Wir

dagegen verpflichten bekannte

Köche wie Kolja Kleeberg für unsere

Kochgipfel. Wir beschäftigen

ausgebildete Trainer, und

bei uns singt abends auch nicht

mehr der Tennislehrer. Unsere

Künstler sind Profis und kommen

von der Stage School oder

der New York Dance Academy.

Wie groß ist der Markt, und wie

viel davon entfällt auf Aldiana?

Valide Zahlen gibt es nicht, weil

etliche Anbieter keine Ergebnisse

veröffentlichen. Wir schätzen

den deutschen Club-Markt inklusive

des besonders schnell

wachsenden Aida-Club-Schiff-

Segments auf 1,5 bis 2,0 Millionen

Teilnehmer und ein Umsatzvolumen

von 1,3 bis 1,8

Milliarden Euro im Jahr. Robinson

nennt keine Zahlen, kommt

nach unseren Berechnungen

aber auf rund 250 000 Gäste, wir

auf knapp die Hälfte und einen

Umsatz von 140 Millionen Euro.

Aldiana war einmal eine Marke

von Thomas Cook, jetzt sind Sie

Alleingesellschafter. Der Trend

geht aber zu großen Einheiten.

Bindungen an Thomas Cook

gibt es immer noch. Wir sind

Partner beim Flugeinkauf, allein

wären wir zu klein. Um eine kritische

Größe zu erreichen,

könnte ich mir aber auch gut

vorstellen, einen strategischen

Partner als Mitgesellschafter ins

Boot zu nehmen.

Wie wird der nächste Sommer?

Für uns sehr gut, die Nachfrage

wächst. Im vergangenen Winter

hatten wir ein Gästeplus von vier

Prozent, für den Sommer erwarten

wir gut elf Prozent bei den

Gästezahlen und fast ebenso viel

beim Umsatz. Die Auslastung

DER CLUB-CHEF

Marbach, 55, startete seine

Touristikkarriere bei Tjaereborg,

bevor er 2002 LTU-Chef wurde.

2008 wechselte er zur VfL Wolfsburg-Fußball

GmbH, 2013 kaufte

er den Reiseveranstalter und

Club-Betreiber Aldiana.

der zehn Clubs in der Hochsaison

ist auf knapp 75 Prozent gewachsen.

Griechenland boomt,

in Spanien ist das Tal der Tränen

durchschritten, auch wenn wir

noch nicht ganz zufrieden sind.

Wie sieht es inzwischen in

Nordafrika aus?

Die beiden Anlagen in Tunesien

entwickeln sich nach den Wirren

des arabischen Frühlings

wieder sehr positiv und sind

mittlerweile im Sommer wieder

zu zwei Drittel ausgelastet.

Ägypten macht uns große Sorgen;

was dort passiert, ist entmutigend.

Gleichzeitig haben wir

aber ein Strukturproblem, das

wir lösen müssen. Wir können

im Winter nur drei Clubs anbieten:

Fuerteventura und die beiden

Anlagen in Österreich. Dadurch

haben wir in der

Wintersaison immer eine Liquiditätsdelle.

Wie wollen Sie das Problem

lösen?

Wir würden gern alle zwei Jahre

einen neuen Club eröffnen.

Thailand und die Malediven wären

prinzipiell interessant, wir

haben das lange geprüft. Aber

das Problem ist eine flächendeckende

Fluganbindung von allen

großen deutschen Flughäfen.

Darum würden wir gern

eine zweite Anlage auf den Kanarischen

Inseln eröffnen, aber

da ist es schwer, ein geeignetes

Objekt und den richtigen Investor

zu finden.

Warum?

Ein Club ist rund 30 Prozent teurer

als ein Hotel – wegen des größeren

Platzbedarfs, aber auch

wegen der zusätzlichen Investitionen

zum Beispiel für ein

Theater.

TUI hat für Robinson eine

Kapitalrendite von nur sechs

Prozent veröffentlicht, Konzernziel

sind aber mindestens

elf Prozent. Hätte Aldiana als

TUI-Marke eine Zukunft?

Wir veröffentlichen zwar keine

Ergebnisse, aber wir schreiben

schwarze Zahlen, und mit denen

könnten wir auch unter

dem TUI-Dach bestehen.

hans-juergen.klesse@wiwo.de

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: PR

10 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

FERNVERKEHR

Bahn kassiert

für Busstops

Die Deutsche Bahn will neben

ihren Bahnhöfen Haltestellen

für Fernbusse betreiben. „Für

uns bedeutet das Neugeschäft“,

sagt André Zeug, Vorstandschef

der Konzernsparte DB Station

& Service. Die Bahn wartet

und reinigt die Haltestellen, im

Auf den Bus gekommen

Bahn-Manager Zeug

Gegenzug zahlen die Busunternehmen

eine Gebühr pro Halt.

Neben dem Berliner Bahnhof

Südkreuz fertigt die Bahn

schon 300 Fernbusse pro Woche

ab, angestrebt sind allein

dort 1500 – ein rechnerischer

Umsatz von mehr als einer halben

Million Euro pro Jahr. Mitte

2014 übernimmt die Bahn den

Busbahnhof in Kassel. „Weitere

Städte sollen folgen“, sagt Zeug.

„Derzeit gehen wir auf Kommunen

zu und wollen unsere

Vorhaben gemeinsam mit ihnen

ausbauen.“

Fernbusse konkurrieren mit

den ICE- und Intercity-Zügen.

Die Fernverkehrssparte verlor

bereits mehr als 20 Millionen

Euro Umsatz. „Bisher“, so Zeug,

„waren die Bahnhöfe das Tor

zum System Bahn, künftig sollen

sie auch Zugang zu Mietfahrrädern,

Carsharing-Autos

und Fernbussen schaffen.“

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

02.06. Staatshaushalte Die EU-Kommission äußert sich

am Montag zu den Etats der EU-Länder für 2014.

03.06. Konjunktur Die europäische Statistikbehörde Eurostat

veröffentlich am Dienstag eine Vorabschätzung

über die Entwicklung der Preise in der Euro-

Zone. Im April lag die Inflationsrate dort bei 0,7

Prozent und in der gesamten EU bei 0,8 Prozent.

Außerdem berichtet Eurostat über den Arbeitsmarkt

im April. Im März betrug die Erwerbslosenrate

im Euro-Raum 11,8 Prozent und in der gesamten

EU 10,5 Prozent. Über die Konjunktur der

USA berichtet die US-Notenbank am Mittwoch.

04.06. Aktien Die Deutsche Börse überprüft am

Mittwoch turnusgemäß die Zusammensetzung

der Aktienindizes.

EU Die EU-Kommission berichtet über die Lage

der Länder, die den Euro einführen möchten.

Nächster Anwärter ist Litauen. Das Land plant die

Umstellung seiner Währung zum 1. Januar 2015.

G7 Die Staats- und Regierungschefs der sieben

führenden Industrienationen beraten in Brüssel.

Flugverkehr Der Londoner Flughafen Heathrow

eröffnet den neuen Terminal 2, der alle Fluggesellschaften

der Star Alliance

beherbergt, darunter

die Lufthansa.

Umgerechnet drei

Milliarden Euro haben

die Betreiber investiert.

05.06. Zinspolitik Der Rat der Europäischen Zentralbank

(EZB) berät am Donnerstag seine weitere Geldpolitik.

Experten rechnen damit, dass die EZB den

Euro-Leitzinssatz senkt; derzeit liegt er bei 0,25

Prozent.

ZOLL

100 Beamte

in die Ukraine

TOP-TERMINE VOM 02.06. BIS 08.06.

Die Bundesregierung will der

Ukraine bei der Modernisierung

der Zollverwaltung helfen.

Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble plant

deshalb, bis zu 100 Bedienstete

der ihm unterstehenden Zollverwaltung

in die Krisenregion

zu entsenden. Die Aktion könne

im Rahmen von vier Projekten

mit jeweils 10 bis 30 Beamten

erfolgen, teilte das

Finanzministerium auf Anfrage

mit. Die Projekte finanziere

die EU.

Schon seit 2011 entsendet

Deutschland neben

Bundespolizisten

und Polizisten der

Länder jährlich bis

zu acht Zollbedienstete.

Sie unterstützen

die Ukraine bei

der Optimierung der

Zollaufgaben und

helfen, die Grenze

FLUGHAFEN BERLIN

Zittern vor

Brüssel

Dem neuen Berliner Flughafen

BER könnte Anfang 2015 das

Geld ausgehen. Spätestens

dann braucht Flughafenchef

Hartmut Mehdorn weitere 1,1

Milliarden Euro. Doch die Überweisung

könnte problematisch

werden. Denn zuletzt hat die

EU-Kommission nur Beihilfen

von 1,2 Milliarden Euro genehmigt,

die der Bund und die Länder

Berlin und Brandenburg

schon ausgezahlt haben. Einer

weiteren Zahlung müsste die

EU-Kommission erneut zustimmen,

was mehrere Monate dauern

könnte. „Wir könnten in eine

Phase laufen, wo das alte

Geld aufgebraucht ist und das

neue Geld nicht ausgezahlt

werden darf“, heißt es aus Kreisen

der Flughafengesellschafter.

Offiziell äußerte sich niemand

dazu.

Ohnehin könnte BER noch

teurer werden als 5,4 Milliarden

Euro. Mehdorn plant bereits Erweiterungsbauten.

So schlug er

die Sanierung des alten Schönefelder

Terminals vor, um

mehr Passagiere abzufertigen.

Kosten: 100 Millionen Euro.

Hinzu käme die Sanierung der

nördlichen Start- und Landebahn:

rund 50 Millionen Euro.

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

zu Moldawien besser zu überwachen.

Die jetzt angestrebte Kooperation

soll laut Bundesfinanzministerium

vor allem Handelserleichterungen

schaffen

und die Lieferketten

sichern. Daneben

gehe es allerdings

auch um den Kampf

gegen Betrüger und

die generelle Modernisierung

der

Zollverwaltung im

Krisenland.

christian.ramthun@wiwo.de

FOTOS: PR, BLOOMBERG NEWS/CHRIS RATCLIFFE, MAURITIUS/ALAMY

12 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

VERDI

Beate Mensch, 52, im Verdi-Vorstand

für Banken und

Versicherungen zuständig, ist

überraschend zurückgetreten.

Der Rückzug trifft die

Dienstleistungsgewerkschaft

derzeit besonders hart, da im

Mai die Tarifrunde für die

210000 Bankbeschäftigten

begonnen hat und Mensch

die Verdi-Delegation anführen

sollte. Als Verhandlungsführer

springt nun Verdi-

Mann Uwe Spitzbarth ein.

Wer für Mensch im Verdi-Vorstand

nachfolgt, will die Gewerkschaft

im Juni mitteilen.

Die Diplompädagogin schied

aus gesundheitlichen Gründen

aus, ihren Sitz im Aufsichtsrat

der Commerzbank

behält sie voraussichtlich.

MCKINSEY

Katrin Suder, 42, Leiterin

des Berliner Büros von

McKinsey, gilt als Favoritin

für den freien Staatssekretärposten

im Verteidigungsministerium.

Der Wechsel soll

im Sommer erfolgen, das Ministerium

will sich dazu nicht äußern.

Die Physikerin kennt sich

in der Verschlankung von Strukturen

aus. Sie hat schon beim

Umbau der Arbeitsämter geholfen.

Künftig soll sie das Beschaffungswesen

der Bundeswehr

neu ordnen. „Suder ist zwar absolut

verbindlich, messerscharf

im Kopf und glasklar in der Aussage“,

sagt ein Insider, „sie ist

aber keineswegs vom Fach. Und

das Verteidigungsministerium

ist eine Schlangengrube.“

AIR BERLIN

Helmut Weixler, 56, führt vom

1. August an als Chief Operating

Officer (COO) das Fluggeschäft

der zweitgrößten deutschen

Airline. Er folgt auf Helmut

Himmelreich, 62, der das Unternehmen

aus persönlichen

Gründen verlässt. Derzeit arbeitet

Weixler bei Qatar Airways.

Schon früher war er für

Air Berlin tätig, von 2007 bis

2011 verantwortete er dort

unter anderem die Integration

von dba und LTU.

CLAAS

Lothar Kriszun, 61, steigt am

1. Oktober zum Sprecher der

Claas-Konzernleitung auf, der

er seit 2002 angehört. Der

Diplom-Betriebswirt löst Theo

Freye, 65, ab, der den westfälischen

Landmaschinenhersteller

aus Altersgründen verlässt.

VIDEOS

88 Prozent

mehr Umsatz erzielte der deutsche Videomarkt 2013 gegenüber

2000. Insgesamt spielte er 2013 rund 1,8 Milliarden Euro ein. Der

höchste Zuwachs aller Entertainment-Bereiche. Spiele legten um

68 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro zu, Kinos um 21 Prozent auf

eine Milliarde und Bücher um sechs Prozent auf 4,2 Milliarden.

MYCLEANER

Die mobile Autowäsche

Fakten zum Unternehmen

Finanzierung vom Scout24-

Inkubator 250 000 Euro, nun per

Crowdfunding über 85 000 Euro

Kosten Reinigung ab 19,99 Euro

Umsatz im Vorjahr 300 000 Euro,

2014 geplant 880 000 Euro

Die Idee stammt von der Straße. Slawa Kister (Mitte) war SAP-

Berater, nahm auf langen Autostrecken per Mitfahrzentrale gern

Reisende mit. So kam 2010 Abdula Hamed (rechts) zu ihm. Der

hatte Medizintechnik studiert und wollte sich selbstständig machen

– allein, er hatte keine Idee. „Ideen sind nicht das Problem“,

erwiderte Kister, der sich damals fragte, warum es in Deutschland

anders als in Belgien keinen mobilen Service für die Autoreinigung

gab. Einige Wochen später hatten beide das Start-up

MyCleaner gegründet – gemeinsam mit Abdulas Bruder Mohamed

Hamed (links) und Slawas Frau Natalia Kister. Für die

Wäsche vor Ort entwickelten die Stuttgarter spezielle biologische

Reinigungsmittel, die ohne Wasser auskommen.

Seit vergangenem Jahr läuft das Geschäft auf Hochtouren.

Unternehmen buchen den Dienst für Firmenflotten, darunter

Telekom, Baader Bank, Payback, Yahoo und Texas Instruments.

MyCleaner gibt es inzwischen in Stuttgart, München, Mannheim,

Hannover und Karlsruhe. Bis zum Jahresende will Kister in allen

deutschen Ballungszentren vertreten sein. „Wir suchen immer ein

oder zwei Geschäftskunden

und sind dann auch

für Privatkunden buchbar“,

sagt Kister. Um die

Expansion zu finanzieren,

sammelt MyCleaner

derzeit Geld auf der

Crowdfunding-Plattform

Seedmatch.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: VISUM/BERND ROSELIEB, PR (2)

14 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Otto Ferdinand Wachs

Geschäftsführer der Autostadt in Wolfsburg

Mehr als 55000 Liter Speiseeis

à la „Cool and Creamy“, lange

Zahlenreihen über hausgebackenes

Brot, Currywurst und

Nudeln – wenn Otto Ferdinand

Wachs, 56, morgens sein Wolfsburger

Büro betritt, warten nicht

nur die neuesten Statistiken des

weltgrößten automobilen Auslieferungszentrums

auf ihn. Als

Sprecher der Geschäftsführung

der Autostadt in Wolfsburg ist er

auch verantwortlich für das kulinarische

Wohl der jährlich mehr

als zwei Millionen Besucher. Seit

November 1999 leitet der gebürtige

Hamburger das Schaufenster

des VW-Konzerns. Rund

1600 Mitarbeiter inszenieren

dort inmitten einer Park- und

Lagunenlandschaft ein perfektes

Zusammenspiel

aus Kunst, Kultur,

Lack und Chrom. „Die

Autostadt ist wie eine

große Bühne – sie ist

VW zum Anfassen“,

sagt Wachs, der nach

seinem Studium der

Betriebswirtschaft ein

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

Volontariat beim Westdeutschen

Rundfunk (WDR) absolvierte.

1983 wechselte er den

Schreibtisch und ging zu VW.

Unter dem früheren VW-Chef

und heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden

Ferdinand Piëch

wurde Wachs zum Kommunikationschef

berufen und schließlich

zum Entwickler und Chef

der Autostadt. „Ich bin ein

halber Perfektionist“,

beschreibt er die Ordnung

in seinem gläsernen

Büro. Wichtige

Dokumente signiert

er nach wie vor mit einem

Montblanc-Füller,

um sie dann mit

einem Tintenroller

abzulöschen. Ein Stück Vergangenheit

hängt auch hinter seinem

Schreibtisch. Das Bild des

Berliner Fotografen Frank Thiel

zeigt die Autostadt kurz vor der

Eröffnung im Jahr 2000. Auch

der Tretroller neben dem Stehpult

erinnert noch an die Zeit,

als der Automanager das Baugelände

noch per Muskelkraft inspizierte.

Wachs mag es kurz

und bündig und deutet auf einen

roten Alarmknopf mit der

Aufschrift „easy“ an der rechten

Seite seines Schreibtisches hin.

„Nur eine Handbewegung dorthin“,

scherzt Wachs, „und mein

Gesprächspartner weiß: Fasse

dich kurz!“

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: STEFAN THOMAS KRÖGER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Niederlande

Partei für die Freiheit

(PVV)

13,2 %

(4 Mandate)

Islamfeindliche

Partei des Rechtspopulisten

Geert

Wilders.

Dänemark

Dänische Volkspartei

26,6 %

(4 Mandate)

Fordert, dass

Dänemark keine

weiteren Integrationsschritte

in der EU

mitmacht.

Volksbewegung gegen

die EU**

8,0 %

(1 Mandat)

Sammlungspartei für

Wähler am linken und

rechten Rand, die

den Austritt aus der

EU fordert.

Irland

Sinn Féin

17,0 %

(3 Mandate)

Linksgerichtete und

europaskeptische

Partei, die den Vertrag

von Lissabon ablehnt.

Großbritannien

Ukip

27,5 %

(24 Mandate)

Wahlsieger in UK, will

das Land aus der EU

führen.

Frankreich

Front National

Deutschland

Alternative für

Deutschland

25,0 %

(24 Mandate)

Fordert eine rigide

Ausländerpolitik, eine

protektionistische

Wirtschaftspolitik und

den Austritt Frankreichs

aus der Euro-

Zone und der Nato.

7,0 %

(7 Mandate)

Will die Euro-Zone

verkleinern und lehnt

die Euro-Rettungspolitik

ab. Laut Parteichef

Lucke wird es

keine Kooperation mit

Rechtspopulisten wie

Ukip oder dem Front

National geben.

* ab einem Stimmenanteil von

6 Prozent, teilweise gerundete

Ergebnisse; ** tritt nur bei der

Europawahl an

Spanien

Podemos

8,0 %

(5 Mandate)

Neues europa- und

reformkritisches

Bündnis auf der

Linken. Spanien

dürfe „keine Kolonie

von Deutschland und

der Troika“ werden.

Das Anti-Europa

Populistische, EU-feindliche

und Euro-kritische Parteien im

neuen EU-Parlament*

Italien

Fünf-Sterne-Bewegung

21,2 %

(17 Mandate)

Die Truppe um Beppe Grillo

macht die EU für die italienische

Misere verantwortlich

und fordert ein

Referendum über einen

Euro-Austritt.

Lega Nord

6,2 %

(5 Mandate)

Fordert ein „Europa

der Regionen“

anstelle der heutigen

EU und lehnt den

Euro als gemeinsame

europäische

Währung ab.

Griechenland

Syriza

26,6 %

(6 Mandate)

Linksradikales

Wahlbündnis, das die

Sparpolitik und

Arbeit der Troika

attackiert.

Goldene Morgenröte

9,4 %

(3 Mandate)

Rechtsextreme Partei, die

ein von Nichtgriechen

„gesäubertes“ Griechenland

propagiert. Mitglied

eines europäischen

Bündnisses rechtsextremer

Parteien.

18 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Schweden

Schwedendemokraten

(SD)

9,7 %

(2 Mandate)

Agitiertgegen Zuwanderung

und fordert

Austritt aus der EU.

Finnland

Wahre Finnen

12,9 %

(2 Mandate)

Fordert ein Ende der

Finanzhilfen innerhalb

des

Euro-Verbundes.

Österreich

Freiheitliche Partei

(FPÖ)

19,7 %

(4 Mandate)

Die rechtspopulistische

Partei wurde

bei der Europawahl

drittstärkste Kraft im

Land. Würde gern mit

dem Front National

eine Fraktion bilden.

Ungarn

Fidesz

51,5 %

(12 Mandate)

Die Regierungspartei

ist im EU-Parlament

noch Mitglied der

Europäischen

Volkspartei, ihre

Ausfälle gegen

Europa häufen sich

jedoch.

Bulgarien

BMPO

10,6 %

(2 Mandate)

Ausländer- und

minderheitenfeindliche

Partei, strebt

ein „Groß-

Bulgarien“ an.

Vänsterpartiet

6,3 %

(1 Mandat)

Sozialistische Partei,

fordert den Austritt

aus der EU.

Polen

Neue Rechte (KNP)

7,1 %

(4 Mandate)

Gibt sich nationalistisch

und fordert den

Austritt Polens aus

der EU.

Jobbik

14,7 %

(3 Mandate)

Die rechtsextreme

und antiwestliche

Partei erreicht Platz

zwei bei der

Europawahl.

Recherche: Florim

Steiner, Julia Schulte

Mutter

aller Basare

EUROPA | Der Wahlerfolg von EU-Gegnern und Populisten

in vielen Staaten setzt die nationalen Regierungen unter

Druck. Die Politik verspricht nun mehr Wachstum und

Arbeitsplätze – doch die Gefahr ist groß, dass Europa

genau das in den kommenden Jahren nicht liefern wird.

Der Ton war schneidend, die Botschaft

klar. Die EU sei „zu groß,

zu herrisch und mische sich zu

viel ein“, tönte der britische Premier

und Wahlverlierer David

Cameron am Dienstag in Brüssel. „Wir

brauchen Veränderung.“ Frankreichs Staatspräsident

François Hollande, dessen Sozialistische

Partei bei der Europawahl ebenfalls

deklassiert wurde, forderte nach dem informellen

EU-Gipfel „mehr Wachstum, mehr

Arbeit und eine Neuausrichtung der europäischen

Konstruktion“. Selbst der italienische

Ministerpräsident Matteo Renzi, der

als Einziger gestärkt aus der Europawahl

hervorgeht, hält den Moment für gekommen,

„an dem wir Europa neu gestalten“.

Demoskopen hatten seit Monaten vorhergesagt,

dass die Wähler den politischen

Mainstream bei der Europawahl abstrafen

würden. Und doch erschüttert das Votum,

das fast 140 EU-Skeptiker, Radikale und Populisten

ins EU-Parlament spülte (siehe

Grafik), die Politgarde. Seither suchen Berufseuropäer

jedweder Couleur nach dem

Positiven im Negativen. Immerhin sei doch

die zuvor stetig schrumpfende Wahlbeteiligung

nicht weiter gefallen, hieß es in den

vergangenen Tagen immer wieder. Wirtschaftsverbände

sechs großer Länder, darunter

der Bundesverband der Deutschen

Industrie (BDI) und die Bundesvereinigung

der Deutschen Arbeitgeberverbände

(BDA), trösteten: „Es gibt eine klare Mehrheit

für die Parteien, die sich zum europäischen

Einheitswerk bekennen.“

Doch das ist ein schwacher Trost, denn

im EU-Parlament droht eine Koalition des

Stillstands, wenn sich die beiden stärksten

Kräfte, Konservative und Sozialdemokraten,

künftig auf den kleinsten gemeinsamen

Nenner einigen, um niemanden zu

verschrecken. Auch im Europäischen Rat,

der Institution der Mitgliedstaaten, wird

sich der Drang nach Haushaltsdisziplin

und Reformen in Grenzen halten, wenn Julien

Dray, ein Vertrauter Hollandes, schon

heute den Erfolg des rechtsextremen Front

National (FN) auf die Drei-Prozent-Defizitgrenze

des Stabilitätspakts zurückführt.

Und die EU-Kommission, ohnehin seit

Jahren um mehr Bürgernähe bemüht,

dürfte bei ihren Vorschlägen künftig weniger

auf die volkswirtschaftlichen Folgen

blicken als auf Möglichkeiten, die eigene

Popularität zu steigern – etwa beim Umwelt-

und Verbraucherschutz.

WENIG LUST AUF SACHARBEIT

Der direkte Einfluss der Protestparteien im

Parlament dürfte zwar gering bleiben. Abgeordnete

der Ukip-Partei etwa, die in

Großbritannien an erster Stelle landete, interessieren

sich nicht übermäßig für die

Sacharbeit. In der abgelaufenen Legislaturperiode

schwänzte keine andere Gruppe

so oft die Abstimmungen im Parlament. Im

Schnitt kamen die Ukip-Abgeordneten nur

auf eine Beteiligung von 61 Prozent, errechnete

die Nichtregierungsorganisation

Votewatch. Hinzu kommt, dass sich die Populisten

untereinander nicht grün sind.

Selbst wenn es FN-Parteichefin Marine Le

Pen gelingen sollte, eine neue rechte Fraktion

zu formen, dürfte es ihr schwerfallen,

dort für Disziplin zu sorgen. FN und die

niederländische Freiheitspartei (PVV) von

Geert Wilders etwa votierten in der abgelaufenen

Legislaturperiode in 49 Prozent

der Abstimmungen unterschiedlich.

»

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 19

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Politik&Weltwirtschaft

»

Indirekt regieren die Populisten in den

kommenden Jahren allerdings trotzdem

mit. Vielerorts werden die Regierungen die

Unmutsbekundung des Wahlvolks nicht

ignorieren können – und müssen innenpolitisch

reagieren (siehe Seite 21). Vor allem

in der Wirtschaftspolitik könnten dabei

Weichen falsch gestellt werden. Das ist fatal,

denn laut Bundeskanzlerin Angela

Merkel ist die nächste Legislaturperiode

extrem wichtig: „In den nächsten fünf Jahren

wird sich entscheiden, welche Rolle

Europa in Zukunft in der Welt spielt.“

NEUE GROKO

Im EU-Parlament hat eine große Koalition

aus Konservativen und Sozialdemokraten

bisher in 70 Prozent aller Fälle für Mehrheiten

gesorgt. Doch gab es sowohl links als

auch rechts eine alternative Mehrheit, die

jeweils in rund 15 Prozent aller Abstimmungen

zustande kam. Das erhöhte die

Gestaltungsmöglichkeiten erheblich und

verringerte den Druck, Vorschläge so lange

zu verwässern, bis die beiden großen Partner

zu einem Minimalkonsens gelangen.

Nun haben allein die beiden großen Parteien

genug Stimmen, um gemeinsam eine

Mehrheit zu erringen.

Bei populären Themen hat sich das Parlament

schon in der Vergangenheit gerne

produziert, etwa bei Grenzen für Banker-

Boni. Dagegen wurden Themen, die beim

breiten Wahlvolk keine Begeisterung auslösen,

aber der Wirtschaft langfristig dienen,

mit weniger Nachdruck behandelt.

Ein öffentlich kontrovers diskutiertes Projekt

wie das Freihandelsabkommen mit

den USA (TTIP) dürfte nun noch schwerer

eine Mehrheit finden. Der SPD-Handelsexperte

im EU-Parlament, Bernd Lange, hat

bereits einen Verhandlungsstopp bis

Jahresende gefordert. Simon Hix, Professor

an der London School of Economics, ist sicher,

dass das Parlament am Ende TTIP ablehnen

wird.

Als Reaktion auf das Wählervotum könnten

sich zudem in EU-Mitgliedstaaten ohnehin

vorhandene Tendenzen zum Protektionismus

verstärken. Ob die kommenden

Kommissare für Wettbewerb und Binnenmarkt

dagegen ankämpfen, muss sich erst

noch erweisen. Fredrik Erixon, Leiter des

Thinktanks European Centre for International

Political Economy, prognostiziert:

„Das Wahlergebnis führt wahrscheinlich

dazu, dass die EU-Gesetzgebungsarbeit in

den kommenden fünf Jahren abkühlt.“

Die stärksten Veränderungen drohen allerdings

im Rat, allen voran bei den Finanzministern,

die immer noch mit der Krisenbewältigung

beschäftigt sind. „Italiener

und Franzosen werden dort den Schulterschluss

üben“, sagt ein hoher EU-Beamter

voraus. Schon vor der Wahl hatte der italienische

Ministerpräsident Renzi getönt, Vorschriften,

die sich um rigides Sparen drehten,

seien reine Zeitverschwendung in Zeiten

hoher Arbeitslosigkeit. Die Italiener

wollen dem Vernehmen nach ihre EU-Ratspräsidentschaft

ab Juli nutzen, um den Stabilitätspakt

zu verwässern. „Da werden

subkutan Änderungen eingeführt“, prognostiziert

ein hoher EU-Beamter mit Blick

auf zirkulierende Papiere.

Gleichzeitig wird es ziemlich einsam um

den deutschen Finanzminister Wolfgang

Schäuble, der mit der Finnin Jutta Urpilainen

seine letzte Alliierte verliert. Urpilainen

wird spätestens Anfang Juli als Finanzministerin

zurücktreten, nachdem sie den

Parteivorsitz verloren hat. Bisher hat sie

Schäuble in Brüssel unerschütterlich unterstützt.

Auch der Niederländer Jeroen

La France

d’abord!

Marine Le Pen

und ihr Front

National sind

erstmals stärkste

politische Kraft

Der Protektionismus

wird in

Frankreich wieder

hoffähig

Dijsselbloem, Vorsitzender der Euro-

Gruppe, fällt für Schäuble aus. Er will niederländischer

Kommissar werden und

dürfte in den kommenden Monaten noch

mehr um Neutralität bemüht sein, als es

sein Amt ohnehin von ihm verlangt.

KAMPF UM DIE POSTEN

Erste Weichen für die Ausrichtung der

Wirtschaftspolitik werden im Arbeitsprogramm

des kommenden EU-Kommissionspräsidenten

gestellt, um das Parlament

und Mitgliedstaaten nun wahrscheinlich

noch bis Ende des Monats ringen. Beide

Seiten betonen, dass es nicht nur um Kandidaten,

sondern auch um Inhalte gehe.

Alle wollen Wachstum und Jobs fördern.

Allerdings gesteht Kanzlerin Merkel ein:

„Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen,

wie Wachstum entsteht.“ Und welche Rolle

die Solidität von Finanzen dabei spielt.

SPD-Chef Sigmar Gabriel hat in Brüssel

zu verstehen gegeben, dass der Wahlgewinner

Jean-Claude Juncker nur mit den

Stimmen der Sozialdemokraten im EU-

Parlament rechnen kann, wenn sein Programm

die Sozialdemokraten überzeuge.

In der Unions-Fraktion im EU-Parlament

kursieren Befürchtungen, dass dies auf weniger

Haushaltsdisziplin und mehr Konjunkturprogramme

hinausliefe. „Juncker

ist ohnehin zu zwei Dritteln inhaltlich bei

den Sozialdemokraten“, heißt es dort.

Der Streit um Namen könnte am Schluss

den Streit um Inhalte ohnehin verdrängen.

Am Dienstag kündigten die Sozialdemokraten

im EU-Parlament an, den christdemokratischen

Wahlsieger Juncker zu unterstützen.

SPD-Chef Gabriel fordert dafür

als Preis einen Kommissarsjob für den unterlegenen

Spitzenkandidaten Martin

Schulz. In der Union löst dies großen Ärger

aus. Bei der Präsidiumssitzung am vergangenen

Montag war niemand dafür, der SPD

den Kommissarsposten abzugeben. Und

auch in Brüssel irritiert der Vorstoß. „Ich

wüsste nicht, warum die Union verzichten

sollte, wir haben schon den Posten des Außen-

und Wirtschaftsministers an die SPD

abgetreten“, schimpft Herbert Reul, Chef

der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament.

Das Tauziehen um die Top-Jobs wird

sich also noch hinziehen. Und es ist längst

nicht sicher, ob Juncker am Ende EU-Kommissionspräsident

wird. Josef Janning von

der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige

Politik hat ein einprägsames Bild für das

Brüsseler Personalgeschacher gefunden.

Dies sei „die Mutter aller Basare“.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

20 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: DDO IMAGES/NEWSCOM/UPI, PICTURE PRESS/CAMERA PRESS/FRANCESCO GUIDICINI

FRANKREICH

Hollande in Not

Immerhin: Die Finanzmärkte blieben ruhig.

Nach der Europawahl kam es zu keinen

großen Ausschlägen an der Pariser

Börse. Doch umso heftiger schlugen die Ergebnisse

in der französischen Innenpolitik

ein. Der rechtsnationale und EU-feindliche

Front National wurde mit 25 Prozent der

Stimmen stärkste Kraft. Die regierenden

Sozialisten hingegen kassierten mit knapp

14 Prozent ihr historisch schlechtestes Ergebnis

und rutschten auf Platz drei hinter

der konservativen UMP ab. „Frankreich

wird in den europäischen Institutionen

künftig nicht mehr viel Gewicht haben“,

glaubt Jérôme Jaffré, Direktor des Meinungsforschungsinstituts

Cecop.

Das Wahldebakel wirbelt nun die Innenund

Wirtschaftspolitik durcheinander. Das

ohnehin um zwei Jahre verschobene Ziel,

die Neuverschuldung bis 2015 unter das Limit

von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts

zu drücken, rückt in weite Ferne. Präsident

François Hollande verkündet zwar

Durchhalteparolen: „Wir müssen die Reformen

zum Wohle Frankreichs zu einem

guten Ende bringen.“ Die Schulden sollen

sinken, gleichzeitig soll es Entlastungen für

Betriebe sowie weitere Steuersenkungen

für untere Einkommensgruppen und die

Mittelschicht geben.

Doch der linke Flügel der Sozialistischen

Partei (PS) und der Parteivorsitzende Jean-

Christophe Cambadélis haben ein „Machtwort“

Hollandes in Brüssel gefordert – für

eine prinzipiell „andere“ Politik in Europa.

Weite Teile der PS lehnen die Sparpolitik

ab. Sie machen Front gegen „buchhalterische

Blindheit“ und die Neuverschuldungsgrenze

von drei Prozent, die ihrer

Meinung nach das Wachstum erstickt.

Bei der Parlamentsabstimmung über das

vorgesehene Sparprogramm – 50 Milliarden

Euro bis 2017 – hatten bereits 41 Abgeordnete

dem Präsidenten und seinem Premier

Manuel Valls die Gefolgschaft verweigert.

Beim Votum über den Nachtragshaushalt

im Juni könnte es unter dem Eindruck

der Europawahl genug Gegenstimmen

geben, um das Projekt zu kippen. „Wir

werden unsere Änderungsvorschläge diesmal

bis zum bitteren Ende verteidigen“,

kündigt Laurent Baumel an, einer der Anführer

der unter dem Namen „Appell der

100“ zusammengeschlossenen Meuterer.

Gleichzeitig wachsen interventionistische

und protektionistische Tendenzen.

FN-Chefin Marine Le Pen findet mit ihren

Der Insulaner

Nigel Farage und

seine radikale Ukip-

Partei fordern den

Austritt Großbritanniens

aus der

Europäischen Union

Das Referendum über den EU-Austritt

könnte früher als erwartet kommen

Rufen nach Schuldenfinanzierung per Notenpresse

und „intelligentem Protektionismus“

durchaus Wiederhall im Volk. Solche

Forderungen sind auch den Sozialisten

nicht fremd. Wirtschaftsminister Arnaud

Montebourg forderte die EU-Kommission

vergangene Woche postwendend auf,

mehr gegen „Dumping“ von Nicht-EU-

Staaten zu tun.

Auch die Europäische Zentralbank muss

sich auf französischen Druck einstellen.

Regierungschef Manuel Valls hatte bereits

vor der Wahl gefordert, die Währungshüter

sollten mit lockerer Geldpolitik der französischen

Exportindustrie helfen. Am Ende

müssen Frankreichs EU-Partner womöglich

weniger den FN fürchten, als die Taktiererei

von PS und UMP, die ihre Felle davonschwimmen

sehen. Politische Beobachter

sagen: Vergangene Woche hat die

Kampagne für die Präsidentschafts- und

Parlamentswahlen 2017 begonnen.

FAZIT Das Sparprogramm ist gefährdet –

und der Druck auf die EZB dürfte weiter

zunehmen.

ENGLAND

Die Separatisten kommen

Um einen guten Spruch ist Nigel Farage nie

verlegen. „Der Fuchs ist in den Hühnerstall

eingedrungen“, frohlockt der Anführer der

United Kingdom Independence Party

(Ukip). Schon bei den Europawahlen 2009

holte die Partei, die sich für den Austritt

Großbritanniens aus der EU starkmacht,

16,1 Prozent der Stimmen. Diesmal waren

es sensationelle 27,5 Prozent. Die Partei

entsendet damit 24 der 73 britischen EU-

Parlamentarier.

Der nächste Test für Ukip kommt schon

am 5. Juni. Dann findet im Städtchen Newark-on-Trent

eine Nachwahl statt. Ukip-

Mann Roger Helmer will dann für seine

Partei den ersten Sitz im britischen Unterhaus

holen. Was die Schlagzeilen vom triumphalen

Europawahl-Erfolg leicht vergessen

lassen: Bisher stellt die Gruppierung

noch keinen einzigen Abgeordneten

im Parlament von Westminster.

Doch das dürfte sich bald ändern. Ukip

will bei den Parlamentswahlen im Mai

2015 in 20 bis 30 Wahlkreisen siegen – wegen

des Mehrheitswahlrechts ein ambitioniertes

Ziel. Die Isolationisten sind nun

die vierte politische Kraft in Großbritannien.

Sie dominieren in diesen Tagen die

politische Debatte und treiben vor allem

die Tories vor sich her. Dabei hat die Partei

außer Forderungen nach einem EU-Austritt

und weniger Zuwanderung bisher

kein Programm, sieht man davon ab, dass

Ukip gegen Hochgeschwindigkeitszüge

und Subventionen für erneuerbare Energien

ist. Touristen sollen eine private Krankenversicherung

nachweisen, um auf die

Insel zu dürfen.

Premier David Cameron, dessen Konservative

mit 23,3 Prozent auf dem beschä-

»

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 21

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Politik&Weltwirtschaft

»

menden dritten Platz landeten, will nun

die Initiative zurückgewinnen. Gleichzeitig

gerät er zu Hause immer mehr unter

Druck. Der rechte Flügel seiner Partei fordert,

das angekündigte Referendum über

den Verbleib in der EU nun möglichst

schnell – und nicht wie geplant 2017 – abzuhalten.

Einige Tories verlangen zudem,

nächstes Jahr in hart umkämpften Wahlkreisen

einen Nichtangriffspakt mit Ukip

zu schließen. Beides lehnt Cameron noch

ab. Die Wirtschaft drängt ihn derweil, einen

detaillierten Plan für die angekündigten

Verhandlungen über eine Rückführung

von Kompetenzen von Brüssel nach London

vorzulegen. „Vage Versprechen genügen

nicht“, warnten prominente Geschäftsleute

in einem offenen Brief an den „Daily

Telegraph“.

Auch Labour-Chef Ed Miliband steht

unter Druck:Trotz Platz zwei bei der Europawahl

hat die Arbeiterpartei vergleichsweise

schlecht abgeschnitten, der Abstand

zu den Tories ist klein. Da die Wirtschaft

im Königreich derzeit ordentlich

läuft (was der Regierungspartei nutzt), bezweifeln

manche, dass Miliband seine

Partei nächstes Jahr zum Sieg führen

kann. Er gilt als zu intellektuell und elitär;

weil Ukip auch Labour viele Stimmen abgenommen

hat, fordern seine Kritiker, er

müsse beim Thema Immigration einen

härteren Kurs fahren und ein EU-Referendum

versprechen.

Am härtesten aber trifft es den Chef der

Liberaldemokraten, Nick Clegg: Die Rufe

nach seiner Ablösung werden seit dem

Wahlfiasko immer lauter. Die Partei rutschte

auf Platz fünf ab und schickt nur noch einen

Abgeordneten nach Brüssel – ein

Denkzettel der Briten auch für Cleggs betont

europafreundliche Politik.

FAZIT Großbritannien entfremdet sich

weiter von der EU. Ein Referendum über den

Austritt rückt näher.

ITALIEN

Rückenwind für Renzi

Ich bin dagegen!

Die Fünf-Sterne-Bewegung des

Komikers Beppe Grillo will Reformen

aussetzen und Staatsschulden nicht

mehr bezahlen

Das innenpolitische

Störpotenzial

durch Populisten

bleibt hoch

Das Timing passt: Am 1. Juli übernimmt

Italien die EU-Ratspräsidentschaft, eine

gute Gelegenheit für Regierungschef Matteo

Renzi, sich als Reformer zu präsentieren.

Der 39-Jährige kann dies seit der Europawahl

mit stolzgeschwellter Brust tun: Italien

verzeichnete die höchste Wahlbeteiligung

auf dem Kontinent, und Renzi schnitt

unter den amtierenden Regierungschefs

am besten ab. Seine PD zieht mit 31 Abgeordneten

als stärkste Landesgruppe der Sozialdemokraten

ins EU-Parlament ein. Sie

holte 40,8 Prozent – ein Resultat, von dem

alle italienischen Parteien seit den Fünfzigerjahren

weit entfernt blieben.

Kein Wachstum, schwache Wettbewerbsfähigkeit,

Reformrückstand – die Gegenwart

südlich der Alpen ist trist. Renzi hat erste

Pflöcke eingeschlagen, etwa Steuersenkungen

für die Mittelschicht. Gegen Blockierer

in seiner Partei und Widerstände der kleinen

Koalitionspartner hat Renzi nun eine scharfe

Waffe: die Drohung mit Neuwahlen. Das erhöht

etwa die Chance auf eine grundlegende

Reform des verkrusteten Arbeitsmarkts.

Nach der Verabschiedung eines Eildekrets

zur Liberalisierung von Zeitverträgen soll bis

Jahresende ein großes Reformpaket in Kraft

treten. Renzi: „Bei der Arbeitsmarktreform

steht unsere internationale Glaubwürdigkeit

auf dem Spiel.“

Gleichwohl bleibt die populistische

Fünf-Sterne-Bewegung des Komikers Beppe

Grillo ein unberechenbarer Machtfaktor.

Die krude Gruppierung erhielt bei der

Europawahl weniger Stimmen als erwartet,

wurde aber mit 21 Prozent zweitstärkste

Kraft.

Damit hat sich die Truppe im Parteiensystem

etabliert, was viele Beobachter anfangs

nicht erwartet hatten. Grillo macht

die EU für die italienische Misere und die

hohe Arbeitslosigkeit verantwortlich und

fordert ein Referendum über den Austritt

aus der Euro-Zone. Und dann gibt es ja

auch noch Silvio Berlusconi, der den Euro

im Wahlkampf eine „ausländische Währung“

nannte. Seine Forza Italia kam auf 17

Prozent. Ganz abschreiben sollte man den

Cavaliere nicht.

FAZIT Die europafreundliche Regierung

Renzi ist gestärkt, doch die Störmanöver

der Populisten Grillo und Berlusconi

dürften anhalten.

GRIECHENLAND

Neuwahlen drohen

So unterschiedlich können die Perspektiven

sein: Griechenlands konservativer Ministerpräsident

Antonis Samaras sieht im

Ergebnis der Europawahl einen Denkanstoß,

für den linken Oppositionsführer Alexis

Tsipras ist es ein politisches Erdbeben.

Nachdem Syriza, das Bündnis der radikalen

Linken, mit 26,6 Prozent als Sieger aus

der Abstimmung hervorging, fordert Tsipras

Neuwahlen in Griechenland. Samaras

dürfe weder Privatisierungen vornehmen

noch den im Juni freiwerdenden Posten

des Zentralbankchefs besetzen oder einen

griechischen EU-Kommissar nominieren,

ohne die Meinung von Syriza zu berücksichtigen,

tönt Tsipras.

Samaras dürfte zunächst versuchen, seiner

Mannschaft mit einer Kabinettsumbildung

neuen Schwung zu geben. Der Premier

könnte auch um die Unterstützung

unabhängiger Abgeordneter werben, um

die hauchdünne parlamentarische Mehrheit

seiner Koalition von 152 der 300 Mandate

zu sichern. Samaras und sein sozialdemokratischer

Koalitionspartner Evangelos

Venizelos mögen sich überdies damit

trösten, dass die Wähler ihnen vielleicht

nur einen Denkzettel verpassen wollten

und bei einer Nationalwahl anders abgestimmt

hätten. Doch alle Zahlen- und Gedankenspiele

ändern nichts an der Erkenntnis,

dass die Unterstützung für die

Athener Regierungskoalition erodiert. Samaras

spricht vom „Licht am Ende des

FOTOS: LAIF/REDUX(ALESSIO MAMO, CORBIS/DEMOTIX/NICOLAS KOUTSOKOSTAS

22 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Rechts und extrem

Die griechische Neonazi-Partei

Goldene Morgenröte hat künftig drei

Mandate im EU-Parlament

Die Fundamente

des politischen

Systems beginnen

zu bröckeln

Tunnels“, verspricht das „Ende der Krise“.

Aber die Menschen merken davon nichts.

Im Sommer steht eine neue Troika-Inspektion

an, im Herbst beginnen Verhandlungen

über Schuldenerleichterungen –

die mit neuen Sparauflagen verbunden

sein dürften. Doch weitere Einschnitte

kann Samaras nach der Schlappe bei der

Europawahl politisch kaum durchsetzen.

Dass er die regulär Mitte 2016 endende Legislaturperiode

in voller Länge durchstehen

kann, wird immer unwahrscheinlicher.

Im Februar 2015 muss das Parlament

einen neuen Staatspräsidenten wählen.

Tsipras könnte das Votum blockieren und

so vorzeitige Neuwahlen herbeiführen.

Samaras bleibt also nicht mehr viel Zeit.

Nur wenn sich die Wirtschaftslage in den

nächsten acht Monaten spürbar verbessert,

hat er eine Chance, sich gegen die radikale

Linke zu behaupten. Ein Sieg des

Linkspopulisten Tsipras, der die Kreditverträge

mit der EU einseitig aufkündigen, den

Schuldendienst einstellen, die Banken verstaatlichen

und Privatisierungen rückgängig

machen will, würde das gerade erst einigermaßen

stabilisierte Griechenland in

schwere Turbulenzen stürzen.

Aber auch von Rechtsaußen droht Gefahr.

Sechs Jahre Rezession mit Rekord-Arbeitslosigkeit

und durchschnittlichen Einkommenseinbußen

von fast 32 Prozent haben

die Menschen zermürbt. Die Fundamente

des politischen Systems beginnen

zu bröseln. Abzulesen ist das am Erfolg der

Neonazi-Partei Goldene Morgenröte, die

gegenüber der Parlamentswahl von 2012

von 6,9 auf 9,4 Prozent zulegte.

FAZIT Trotz besserer Wirtschaftsdaten

bleibt die Lage kritisch – vor allem, wenn

die politische Instabilität weiter zunimmt.

SKANDINAVIEN

Skeptiker im Norden

Auch in den skandinavischen EU-Ländern

Dänemark, Schweden und Finnland haben

europaskeptische Parteien zugelegt. In

Dänemark stieg die Volkspartei mit 26,6

Prozent gar zur stärksten Kraft auf. Die Dänen

sind wie die Briten traditionell kritisch

gegenüber Brüssel eingestellt. In Umfragen

stimmen regelmäßig 40 Prozent der Dänen

der Forderung zu, aus der EU auszutreten.

Das Wahlergebnis spiegelt daher in erster

Linie innenpolitische Unzufriedenheit wider;

die Folgen dürften überschaubar sein.

Ganz anders ist die Lage in Schweden. Der

Erfolg der Schwedendemokraten (9,7 Prozent)

dürfte Vorbote für ein innenpolitisches

Beben sein. Der Reichstag wird im

September neu gewählt, die Europawahlen

galten als wichtigster Stimmungstest. Die

Partei hat ihre Wurzeln im rechtsradikalen,

insbesondere gegen den Islam gerichteten

Milieu. Zwar feilt der jugendliche Anführer

Jimmie Åkesson an einem seriösen Auftritt.

Doch seine Partei bestreitet ihre Wahlkämpfe

fast ausschließlich mit dem Thema

Migration. Der Erfolg bei der Europawahl

deutet darauf hin, dass im auf seine Toleranz

so stolzen Schweden ausländerfeindliche

Thesen kein Tabu mehr sind.

In Finnland holten die rechtspopulistischen

Wahren Finnen 12,8 Prozent der

Stimmen, konnten aber nicht an ihren Erfolg

bei der nationalen Parlamentswahl

2011 (17 Prozent) anknüpfen.

FAZIT Obwohl es Skandinavien wirtschaftlich

nicht schlecht geht, finden EU-Kritiker

Gehör.

karin finkenzeller | Paris, konrad fischer,

yvonne esterhazy | London, ulrike sauer | Rom,

gerd höhler | Athen, politik@wiwo.de

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 23

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Politik&Weltwirtschaft

Kluge Köpfe ködern

SERIE ZUKUNFT DER INDUSTRIE (IV) | Lange Zeit galt Deutschland unter Spitzenforschern als zweite

Wahl. Doch langsam spricht sich herum, dass es sich auch hierzulande gut forschen lässt.

Diese Nachricht sorgte für Aufsehen:

Thomas Südhof kommt in die

Hauptstadt. Der Medizin-Nobelpreisträger

mit deutsch-amerikanischem

Pass wird ab Herbst dieses Jahres am Aufbau

des neu gegründeten Berliner Instituts

für Gesundheitsforschung (BIG) an der

Charité mitwirken. Als dies bekannt wurde,

überschlugen sich lokale und überregionale

Medien vor Begeisterung, und auch

Bundesforschungsministerin Johanna

Wanka (CDU) applaudierte. Südhof sei

„ein großer Gewinn für die Gesundheitsforschung

in Deutschland“.

Doch Südhofs Replik klang anders. Über

die Berichterstattung sei er „schockiert“,

sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Denn er werde gar nicht für längere

Zeit nach Berlin wechseln, kein separates

Labor haben und erst recht keine eigenen

Mitarbeiter mitbringen. „Nicht, dass ich

missverstanden werde“, sagte Südhof. „Ich

engagiere mich gerne in Berlin, aber der

Rahmen des Engagements ist ein ,Visiting

Fellow‘. Das bedeutet, dass ich da ein paar

Mal im Jahr hingehe und beratend tätig

werde.“

Berliner Genie

Das nach dem Biophysiker

benannte

Max-Delbrück-Centrum

fusioniert mit

Teilen der Charité

GUT, ABER NICHT WELTKLASSE

Die unterschiedliche Deutung der Forscher-Personalie

scheint symptomatisch

für den Wissenschaftsstandort Deutschland.

Seit Jahren glänzt die Bundesrepublik

mit vorderen Plätzen in Innovationsrankings.

Deutsche Unternehmen aus der Automobil-,

Chemie- und Maschinenbaubranche

führen die internationalen Patentstatistiken

an. Doch die forschende Elite

der Welt lässt sich mitunter nur als Gast blicken.

Deutschlands Klima in der Spitzenforschung

ist gut und besser geworden,

aber noch nicht Weltklasse.

Es wäre aber durchaus wieder an der Zeit

für einen Nobelpreisträger, der seine bahnbrechenden

Ergebnisse in Deutschland erarbeitet

hat. Zuletzt wurde diese Ehre des

Stockholmer Nobelpreiskomitees in einer

technischen Disziplin den Wissenschaftlern

Gerhard Ertl und Peter Grünberg 2007

zuteil. Chemiker Ertl erhielt den Preis für

seine Studien von chemischen Prozessen

auf Festkörperoberflächen, die er unter anderem

in Berlin erforschte. Physiker Grünberg

entdeckte im Forschungszentrum Jülich

den Riesenmagnetwiderstand, der in

Computerfestplatten zum Einsatz kommt.

Experten warnen davor, dass die absolute

Top-Elite auch weiterhin woanders

forscht. „Wir haben ein gutes Ausbildungssystem,

wir sind auch für ausländische

Wissenschaftler in der Breite attraktiver geworden,

aber wir schaffen es immer noch

nicht, besonders talentierte Leute in

Deutschland zu halten oder zu attrahieren“,

sagt Dietmar Harhoff, Leiter des Max-

Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb.

Historische Wanderungsbewegungen

der OECD hätten gezeigt, dass

Deutschland „über einen langen Zeitraum

Spitzenwissenschaftler verloren hat“.

Und daran hat sich auch in jüngster Zeit

wenig geändert. Als Indiz gilt Experten zu-

FOTO: ULLSTEIN BILD/ULLI WINKLER

24 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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folge die Anzahl der vergebenen Stipendien

des European Research Council

(ERC). Das Förderprogramm der EU-Kommission

unterstützt seit 2007 die forschende

Jung-Elite. Allein 2014 schüttet der ERC

rund 1,7 Milliarden Euro aus. Nur rund jeder

zehnte Nachwuchsstar, der sich für ein

Stipendium in Millionenhöhe

bewirbt, erhält den Zuschlag.

„Die geförderten

Nachwuchsforscher gehören

zu den Besten der Welt“, so

Harhoff. Die Bilanz der Deutschen:

Seit 2007 wurden 604

Nachwuchsstars gefördert.

37 Prozent von ihnen forschen

aber im Ausland.

„Dieser Anteil ist auch in den

letzten drei bis vier Jahren

stabil geblieben“, sagt Harhoff.

„Und das zeigt: Wir

müssen die Attraktivität unserer

Forschungseinrichtungen

weiter verbessern.“ Nur

Italien, Österreich und Polen

schneiden schlechter ab

(siehe Grafik).

Doch langsam entwickeln

sich Strukturen, die

Deutschland als Standort für

Top-Stars attraktiver machen. So soll der

Aufbau des BIG in Berlin dem Standort

mehr Strahlkraft verleihen. Bund und Länder

investieren bis 2018 rund 300 Millionen

Euro und verschmelzen das Max-Delbrück-Centrum

und die klinische Forschung

an der Charité. Ziel ist es, einen

Leuchtturm zu schaffen und medizinische

Erkenntnisse schneller den Patienten zugutekommen

zu lassen. Unabhängige Experten

loben die Fusion als wichtigen

Schritt, die internationale Reputation zu

verbessern.

Die Zukunft

der Industrie

Teil 1

15 Technologien für

Deutschlands Wohlstand

Teil 2

Blick in die Zukunftslabors

der Konzerne

Teil 3

Wie sich Unternehmen

mit Start-ups agil halten

Teil 4

Deutschlands Position in

der Spitzenforschung

AUS DEM DORNRÖSCHENSCHLAF

Vor allem die Exzellenzinitiative, die die

damalige Bundesbildungsministerin Edelgard

Bulmahn (SPD) angeschoben hat,

scheint die deutschen Hochschulen aus ihrem

Dornröschenschlaf geweckt zu haben.

Der Bund pumpte seitdem 6,5 Milliarden

Euro in das bis dato international kaum

sichtbare Wissenschaftssystem. Neun

Hochschulen in Städten wie Aachen, München

und Berlin dürfen sich nun mit dem

Label „Elite-Universität“ schmücken – ein

Marketingvorteil, der zudem mit 60 Millionen

Euro Aufbauhilfe belohnt wird. Der

Bund fördert zudem 39 Ausbildungsstätten

für Doktoranden. Insbesondere die 37 Exzellenzcluster

scheinen einen wahren

Boom auszulösen. Der Bund fördert den

Aufbau von vielversprechenden Hochschulkonzepten

mit jährlich 6,5 Millionen

Euro, um die Forschungsbedingungen zu

verbessern. Das Ziel: die Weltspitze.

Die Herausforderungen auf dem Weg

dorthin bleiben allerdings

nicht minder klein. Haben

sich gerade Schwerpunkte

wie Elite-Unis und Exzellenzcluster

gebildet, werden

bereits neue Schwachstellen

sichtbar. Die Förderung von

Spitzenforschung und Spitzentechnologien

beispielsweise

„sollte sich von zu engen

regionalen Ansätzen lösen“,

heißt es in einer Studie

des Fraunhofer-Instituts für

System- und Innovationsforschung

(ISI). Regional ausgerichtete

Cluster sollten mit

Potenzielle Nobelpreisträger

Nationalität und Arbeitsortder besten

Nachwuchsforscher*

Deutschland

Großbritannien

Frankreich

Italien

Niederlande

Irland

Spanien

Schweiz

Österreich

Polen

604 383

514

411

328

274

222

188

91

56

27

454

336 75

185 143

212 62

204 18

149 39

72 19

26/30

14/13

*gefördertdurch den European Research Council der

Europäischen Kommission, seit 2007; Quelle: Efi

221

60

Heimat

Ausland

internationalen Innovationszentren

vernetzt werden.

„Denn nur durch die Zusammenarbeit

der Besten im

globalen Maßstab kann wissenschaftlicher

und technischer

Fortschritt effizient vorangetrieben

werden.“

Vor allem bei den forschungsintensiven

Industrien, die mehr als neun Prozent ihres

Umsatzes in die Erforschung und Entwicklung

von neuen Produkten und Techniken

stecken, gibt es Nachholbedarf. Dazu

zählen beispielsweise Unternehmen

aus der Pharmaindustrie und Informationstechnik.

„Deutschland ist im Bereich

der Spitzentechnologie weiterhin schlecht

positioniert und bleibt weit hinter Japan

und den europäischen Ländern Frankreich

und Großbritannien zurück“, heißt es

in einer Studie der Expertenkommission

Forschung und Innovation.

„Per se ist ein solcher Befund zwar nicht

kritisch, wenn einzelne Branchen keine

strategische Bedeutung haben“, sagt Harhoff.

„Problematisch wird es dann, wenn

die Forschungsergebnisse auf andere Industrien

abstrahlen.“ Die Informationstechnik

sei so ein Fall, denn es gebe kaum

noch einen Wirtschaftszweig, der ohne Einsatz

von IT und Software zurecht kommt.

Derzeit findet viel IT-Forschung im Ausland

statt. „Deutschland ist im Bereich der

Informations- und Kommunikationstechnologie

stark zurückgefallen“, sagt Harhoff.

„Das muss sich ändern, ansonsten läuft

Deutschland Gefahr, dass Unternehmen in

vielen Branchen von Anbietern in anderen

Ländern strategisch abhängig werden.“

MEHR GELD FÜR IT-SICHERHEIT

Immerhin hat der Bund die Schwächen erkannt.

„Noch in diesem Jahr werden wir

ein Förderprogramm für die Sicherheit in

der digitalen Gesellschaft auf den Weg

bringen“, sagt Bundesforschungsministerin

Johanna Wanka. Dafür investiert der

Bund einen dreistelligen Millionenbetrag.

„Die IT-Sicherheit hat strategische Bedeutung

für die vierte industrielle Revolution“

(siehe Interview Seite 26).

Auch die Unternehmen schlossen sich

bereits zu einer gemeinsamen Initiative

unter dem Namen Plattform 4.0 zusammen.

Sie wollen Deutschland in die Lage

versetzen, bis zum Jahr 2020 „Leitanbieter“

für Produktionssysteme zu werden, die eng

mit dem Internet verwoben sind. Es geht

dabei um die Vernetzung von Werkstätten,

die Instandhaltung von Maschinen aus der

Ferne und die resiliente Fabrik, die flexibel

auf Marktschwankungen reagiert. Zum

Kreis der Unterstützer gehören etwa VW,

Deutsche Telekom, Siemens und Infineon.

An Geldmangel dürfte die Aufwertung

des Forschungsstandorts Deutschland

nicht scheitern. Bis 2017 entlastet der Bund

nicht nur die Länder mit sechs Milliarden

Euro für Hochschulen und Schulen. Er investiert

zusätzlich drei Milliarden Euro allein

in die Forschung. Für Angela Merkel,

so heißt es aus Regierungskreisen, hatte

dieses Anliegen „oberste Priorität“.

Dass die Bundeskanzlerin promovierte

Physikerin ist, zahlt sich für die Wissenschaft

offenbar aus.

n

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

Lesen Sie weiter auf Seite 26 »

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 25

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Politik&Weltwirtschaft

INTERVIEW Johanna Wanka

»Vorurteile abbauen«

Die Bundesforschungsministerin gibt mehr Geld für IT-Sicherheit – und

hält die Innovationskraft des Mittelstands für zu gering.

Frau Ministerin, der Präsident der

Fraunhofer-Gesellschaft, Reimund

Neugebauer, forderte in der WirtschaftsWoche

jüngst eine deutsche

Alternative zu Google. Stimmen Sie zu?

Es wäre schön, wenn wir in Deutschland

eine Alternative zu Google hätten. Aber

wir sollten realistisch bleiben und können

den Markterfolg von Google nicht

einfach nachahmen. Wir müssen aber

darauf reagieren und überlegen, wie mit

gesammelten Daten richtig umgegangen

werden kann. Wir brauchen zum einen

eine Strategie, große Datenmengen

sinnvoll zu erschließen, Stichwort Big

Data. Und wir müssen IT-Sicherheitssysteme

entwickeln, die Bürger und

Unternehmen vor Angriffen und dem

Missbrauch von Daten schützen.

Die IT-Forschung gilt nicht gerade als

Stärke Deutschlands...

Wir haben mit SAP zwar nur einen großen

Softwarekonzern, aber deutsche IT-

Forschung ist besser als ihr Ruf. Wir fördern

derzeit die IT-Sicherheitsforschung

an drei Kompetenzzentren in Darmstadt,

Karlsruhe und Saarbrücken. Daran entscheidet

sich auch, ob die derzeitige

Entwicklung zur Industrie 4.0, also Produktion

und Internet eng zu verbinden,

in Deutschland Erfolg haben wird. Die

IT-Sicherheit hat strategische Bedeutung

für die vierte industrielle Revolution.

Was macht Sie so sicher, dass

deutsche Unternehmen gegenüber

ausländischen Konkurrenten nicht

das Nachsehen haben?

Im Gegensatz zu anderen Ländern haben

wir nicht deindustrialisiert. Unser

Industrieanteil liegt bei mehr als 20 Prozent

– in den USA und Großbritannien

sind es nur rund elf Prozent. Wir besetzen

Spitzenplätze beim Maschinenbau

und auch bei der IT-Steuerung von

komplexen Anlagen. Jetzt müssen wir

die Verbindung mit dem Internet hinbekommen.

Das ist die Herausforderung.

Und drei Sicherheitszentren reichen?

Das war erst der Anfang. Wir haben in

diesem Jahr die Forschung im Bereich

DIE MATHEMATIKERIN

Wanka, 63, CDU, ist seit 15 Monaten Bundesministerin

für Bildung und Forschung.

Die frühere Rektorin der Hochschule Merseburg

kennt das Wissenschaftssystem aus

eigener Erfahrung. Künftig darf ihr Haus

Hochschulen dauerhaft finanzieren, was

bislang per Grundgesetz verboten war.

Big Data verstärkt und bauen gerade zwei

weitere Kompetenzzentren für dieses

neue Thema in Berlin und Dresden auf.

Noch in diesem Jahr werden wir ein Förderprogramm

für die Sicherheit in der digitalen

Gesellschaft auf den Weg bringen. Es

geht um die Sicherheit von Privatbürgern

und Unternehmen. Wir investieren hier

einen dreistelligen Millionenbetrag, der in

große und kleine Forschungsprojekte

fließen wird.

Die große Koalition schafft das Kooperationsverbot

ab. Der Bund darf dann

Hochschulen dauerhaft finanzieren.

Werden die Exzellenzcluster im Rahmen

der Exzellenzinitiative weiter mit

Millionensummen gefördert?

Die Finanzierung der Exzellenzcluster ist

zunächst bis 2017 gesichert. Wie es danach

weitergeht, werden wir mit den Ländern

diskutieren. Ich habe ein Interesse daran,

dass die Profilierung einzelner Hochschulen

in bestimmten Fächern weitergeht.

Und wie wollen Sie mehr Spitzenforscher

nach Deutschland holen?

Die Situation ist so gut wie seit Jahrzehnten

nicht. Über das Alexander-von-Humboldt-Programm

zum Beispiel holen wir

hochkarätige Forscher für Forschungsaufenthalte

nach Deutschland. Der

deutsche Wissenschaftsstandort gilt als

verlässlich. Deutschland hat gerade

während der Finanzkrise den Bundesanteil

für Forschung gegen den internationalen

Trend erhöht. Damit investiert

Deutschland immerhin drei Prozent des

Bruttoinlandsproduktes in die Erforschung

neuer Technologien.

Und das überzeugt ausländische

Forscher?

Ja. Nur ein Beispiel: Bei der Max-Planck-

Gesellschaft stammt inzwischen jeder

zweite Doktorand aus dem Ausland. Bei

den Direktoren ist es knapp ein Drittel.

Wir haben derzeit 35 000 Wissenschaftler

aus dem Ausland bei uns – so viele wie

noch nie. Im Wettbewerb um die Besten

sind wir konkurrenzfähig.

Beim europäischen Stipendienprogramm

für junge Nachwuchsforscher arbeiten

aber erstaunlich viele Geförderte

aus Deutschland im Ausland. Verliert

Deutschland dadurch an Wissen?

Die Gefahr sehe ich nicht. Im Gegenteil:

Zum einen arbeiten ausländische Forscher

in Deutschland. Zum anderen

wollen deutsche Wissenschaftler wieder

gerne nach Deutschland zurückkommen.

In den USA werben wir auf der sogenannten

GAIN-Tagung einmal im Jahr

für die Rückkehr deutscher Spitzenforscher.

Zwei Drittel von ihnen kehren

tatsächlich zurück. Im Übrigen liegen

die Gehälter der Rückkehrer im Schnitt

höher als die Verdienste jener, die in

den USA bleiben. Das wissen viele nicht.

Wir müssen Vorurteile abbauen.

Beim Transfer von Forschungsergebnissen

in den Markt gilt Deutschland als

behäbig. Was wollen Sie ändern?

Das sehe ich anders. Wir sind beim

Transfer von Ergebnissen in Produkte

sogar sehr gut. Aber natürlich können

wir noch besser werden. Mit Sorge sehe

ich zum Beispiel, dass wir im Rahmen

der High-Tech-Strategie sehr viel Geld

für kleine Unternehmen ausgeben, aber

deren Innovationskraft vergleichsweise

schwach geblieben ist. Die Hälfte unserer

Mittel für die Wirtschaft gehen an

kleine und mittlere Unternehmen, ihre

Innovationskraft ist aber nicht so stark

gewachsen wie die der großen. Das wollen

wir verbessern.

n

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

FOTO: WERNER SCHUERING

26 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Generation Tiananmen

CHINA | Am 4. Juni jährt sich zum 25. Mal das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens.

WirtschaftsWoche-Autor Bernd Ziesemer über ein Vierteljahrhundert chinesischer Politik – und den

quälenden Spagat zwischen ökonomischer Freiheit und politischer Repression.

FRÜHJAHR 2014: GESCHICHTE, DIE NICHT VERGEHT

Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie fällt oft unerwartet zurück

auf die ungelösten Fragen der Vergangenheit. Vor genau 25

Jahren endeten die demokratischen Studentenproteste auf dem

Tiananmen-Platz in Peking mit einem Blutbad. Tausende von

Menschen starben im Maschinengewehrfeuer der 27. Feldarmee,

die Chinas Führer Deng Xiaoping in die Hauptstadt kommandiert

hatte. Für einen kurzen Moment des Schreckens schien es, als ob

eine Milliarde Menschen erneut in einer maoistischen Diktatur

versinken könnten. Viele erwarteten das Ende wirtschaftlicher Reformen,

eine neue Ära der Isolation. Es kam anders.

In den Wochen vor und unmittelbar nach dem Massaker war ich

als Reporter der WirtschaftsWoche

in China unterwegs. Später kehrte

ich mehrmals dorthin zurück. Seit

einem Vierteljahrhundert lassen

mich die Ereignisse vom Juni 1989

nicht los. Einige meiner chinesischen

Freunde und Bekannten leiden

sogar unter einem regelrechten

Tiananmen-Trauma: eine Vergangenheit,

die einfach nicht vergehen

will. Für die Männer, die

heute China regieren, gehört die

Erinnerung an damals zum

schwierigsten Erbe, das sie mitschleppen.

Wer wissen will, wie es

weitergeht mit der wichtigsten Zukunftsmacht

der Welt, muss also

25 Jahre zurückschauen.

OKTOBER 1988:

DER HERBST DER EUPHORIE

Mitte Oktober 1988 reise ich für

sechs Wochen nach Peking und

Chongqing. In der Hauptstadt

zieht es mich sofort zum Mao-

Mausoleum auf den Tiananmen-

Platz. Das riesige Areal vor dem

„Tor des himmlischen Friedens“ hat sich an diesem Tag in einen

bunten Rummelplatz verwandelt. Fliegende Händler bieten am

Hintereingang der gewaltigen Marmorhalle, in der Maos einbalsamierter

Leichnam in einem Kristallsarg liegt, Erfrischungen, Spielzeug

und Souvenirs feil. Liebespärchen posieren vor den Fotografen,

Großväter lassen mit ihren Enkeln Drachen steigen. Alles wirkt

leicht und bunt, und es vergeht kein Tag, an dem chinesische Zeitungen

nicht neue Reformen melden. Sie schreiben über Privatisierung,

die weitere Öffnung zum Ausland, kulturelle Freiheit –

und ja: auch über Demokratie. „Das Volk sollte mehr Rechte bekommen,

die Arbeit der Regierung zu kritisieren, selbst die höchsten

Kader“, fordert etwa die Zeitung „Renmin Ribao“.

Demonstration der Hoffnung Studenten gehen in Peking

für demokratische Reformen auf die Straße – zunächst

weitgehend unbehelligt von der Staatsmacht

In Chongqing nehmen sich die Studenten schon dieses Recht,

das die Parteizeitung in Peking noch beschwört. Für fünf Wochen

studiere ich Chinesisch an der Fremdsprachenhochschule dieser

westchinesischen Metropole, in der mehr als 15 Millionen Menschen

leben. Auf dem Campus gibt es keine Tabus und keine

Angst. Man schimpft über die Regierung in Peking und macht

sich lustig über den tumben Parteisekretär vor Ort, der sich in die

Lehrpläne des Englisch-Unterrichts einmischt, obwohl er selbst

kein gerades Wort in einer Fremdsprache herausbringt. Ein junger

chinesischer Professor lädt mich ein, seinen Studenten über

Medien und Pressefreiheit in Deutschland zu berichten. Lebhaft

diskutiert seine Klasse anschließend, warum es in China so „wenig

Wahrheit“ gibt in den Zeitungen,

wie es eine junge Studentin

ausdrückt.

Die jungen Chinesen haben große

Träume. Wollen reich werden,

wie es ihnen Deng Xiaoping versprochen

hat. Wollen ins Ausland

reisen, sich nicht mehr bevormunden

lassen. Wollen aus der Enge

ihrer Dörfer und Städte ausbrechen.

Sie reden sich die Frustration

vom Hals, dass es so langsam

vorangeht mit den Veränderungen,

die sie sich erhoffen.

FEBRUAR 1989:

VORBOTEN DES UNHEILS

Ende Februar 1989 nehme ich in

Hongkong an einem Symposium

über die Zukunft des asiatisch-pazifischen

Wirtschaftsraums teil.

Britische Banker und der australische

Premierminister, US-Ökonomen,

chinesische Unternehmer

und die erste Garde der Wirtschaftsführer

aus Südostasien

überbieten sich gegenseitig in ihrem

Optimismus. China, China, China – das ist ihre gemeinsame

Botschaft. Das Reich der Mitte werde eine „formidable wirtschaftliche

Kraft im Weltmaßstab“ werden, ruft der Chef der größten

Hongkonger Bank unter dem Beifall aller Anwesenden in den

Saal. Über Politik redet niemand. Nur für ein paar Minuten kippt

die Stimmung, als die Veranstalter die Absage des KP-Generalsekretärs

und früheren Ministerpräsidenten Zhao Ziyang verkünden,

der eigentlich über eine Satellitenleitung eine Rede halten

sollte. Durch die Gänge schwirrt das Gerücht, der Reformer Zhao

sei bereits halb entmachtet in Peking. Doch am nächsten Tag reden

alle weiter wie vorher. Selten waren die Experten so blind –

und so vorausschauend zugleich.

FOTOS: AKG-IMAGES/AP, ULLSTEIN BILD/REUTERS

28 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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4. JUNI 1989: TRAGÖDIE EINES SOMMERS

Am 30. Mai 1989 schreibt mir eine Studentin aus Chongqing: „Ich

habe erst in diesen Wochen verstanden, dass es in China keine

Freiheit gibt. Aus dem Fernsehen und aus dem Rundfunk erfahren

wir nichts über die Demonstrationen in Peking, die sich nun schon

über Wochen hinziehen. Das alles ist eine Schande für unser Vaterland.“

Fünf Tage später rollen Panzer über die Changan Avenue,

die breite Prachtallee, die Peking von Westen nach Osten durchschneidet.

Auf dem Campus der Fremdsprachenhochschule in

Chongqing hämmern Studenten in der Nacht des 4. Juni auf ihre

blechernen Essschalen, um die schlafenden Kommilitonen zu wecken.

Die Nachrichten aus der Hauptstadt verbreiten sich schnell.

Aus der benachbarten Jura-Fakultät eilen Hunderte auf die Straßen.

Auch in Chongqing gibt es Tote.

Bis heute wissen wir nicht, wie viele Menschen 1989 in China

ums Leben kamen. Die Welt schaute nur auf Peking, aber auch in

anderen Städten gingen Soldaten gegen demonstrierende Studenten

vor. Viele Jahre später erscheinen in Hongkong die verbotenen

Memoiren des früheren Parteichefs Zhao Ziyang, der sich dem Befehl

Deng Xiaopings widersetzt hatte. Seitdem wissen wir viel über

die Diskussionen vor dem Einsatzbefehl, die den engsten Machtzirkel

der Kommunistischen Partei

(KP) Chinas entzweiten. Deng plädierte

ohne Wenn und Aber für

Gewalt. Nur so ließe sich die Stabilität

des Landes gewährleisten.

Der innerste Führungszirkel bereitete

daraufhin den landesweiten

Schlag gegen die Studenten kaltblütig

vor. Die wirtschaftlichen Reformen

hingegen wollte Deng auf

keinen Fall stoppen und China

auch nicht vom Ausland abschotten.

Am 4. Juni 1989 entstand das

Herrschaftsmodell, das bis heute

fortdauert: Kapitalismus ja. Demokratie

nein.

ENDE JUNI 1989:

TAGE DER ANGST

Zehn Tage nach den Ereignissen

reise ich mit einem Touristenvisum

von Hongkong aus in die

Volksrepublik ein. Westliche Journalisten

erhalten keine Einreiseerlaubnis

mehr, aber dieses Fenster

bleibt offen. In der Kronkolonie

spreche ich mit einem chinesischen

Geschäftsmann, der zu meiner Überraschung ein Gedicht

Lu Xuns aus dem Jahr 1926 zitiert: „Lügen geschrieben mit Tinte

können niemals Tatsachen geschrieben mit Blut übertünchen.“

Seiner Meinung nach steht China vor einem gewaltigen politischen

und wirtschaftlichen Rückschlag. Schon reden die Amerikaner

über Sanktionen, viele deutsche Geschäftsleute reisen aus Peking

und Shanghai ab. Der offizielle Vertreter der deutschen Wirtschaft

in Hongkong sagt: „Es wird Jahre dauern, bis es wieder so

sein wird wie vor dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz.“ An der

Fremdsprachenhochschule in Chongqing reisen einige ausländische

Studenten ohne Examen ab, weil sie nicht länger in China

bleiben wollen. Ich schreibe in mein Notizbuch: „Es herrscht nicht

Ruhe vor dem Sturm Ein einzelner Demonstrant stoppt

Panzer der chinesischen Armee. Später sterben viele

Menschen – die genaue Zahl wird bis heute geheim gehalten

Panik in Hongkong, aber Ratlosigkeit.“ Der chinesische Ökonom

Joseph Chai sagt mir bei einem Gespräch an der Hongkonger Universität:

„Es gab viel Wunschdenken im Westen, wenn es um China

ging.“ Die vollständige Verwestlichung sei von Anfang an eine Illusion

gewesen. China werde für lange Zeit politische Reformen

verhindern, aber trotzdem weiter auf wirtschaftliche Veränderungen

setzen. Ein Zurück zur Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild

sei undenkbar. Zum Abschied prophezeit er: „In den nächsten

Jahren wird die Regierung versuchen, die Intellektuellen zu kaufen.

Durch mehr Wohlstand. Warten wir es ab.“

100 Kilometer weiter nördlich, hinter der Grenze, sieht alles anders

aus. Ich besorge mir nach meiner Ankunft in Kanton ein Fahrrad

und radele zum Campus der Zhongshan-Universität. Doch alles

wirkt wie ausgestorben. Die ausländischen Studenten und Professoren

abgereist, Tausende von Studenten aus Angst vor Repressionen

in ihre Heimatdörfer zurückgekehrt. In einem Coffeeshop

spreche ich mit einem angehenden Mediziner, der bei den großen

Demonstrationen in Kanton dabei war. 400000 seien auf die Straße

gegangen, als die Nachrichten vom Massaker in Peking eintrafen.

Nun seien alle voller Angst: „Wenn sie könnten, würden die meisten

ins Ausland gehen.“ Abends meldet das Fernsehen die Ernennung

des konservativen Parteiführers

Jiang Zemin zum Parteichef.

Deng bleibt von nun an bis zu seinem

Tod 1997 im Hintergrund.

1990:

GENERATION TIANANMEN

Mein Freund Chen Yuning erinnert

sich noch gut an den Sonntag in

Shanghai, als die Nachrichten aus

Peking von Mund zu Mund gingen.

Für die vier Jahrgänge, die zwischen

1985 und 1988 an einer chinesischen

Hochschule eingeschrieben

waren, gibt es nach seinen

Worten „kein Datum, das sie

bis heute so intensiv und kollektiv

verbindet wie der 4. Juni 1989“.

Chen lebt seit vielen Jahren in

Deutschland, machte Karriere in

der Industrie, reist häufig in Geschäften

durch seine Heimat. 1989

schworen seine Kommilitonen und

er in Shanghai, den Tag im Juni niemals

zu vergessen. Chen zählt sich

selbst zur „Generation Tiananmen“.

Und doch denkt der Mittvierziger

heute anders als damals. Immer häufiger regt er sich nicht

mehr über China auf, sondern über das einseitige Bild Chinas im

Westen. Er fragt sich, was wäre geschehen, wenn sich die Studenten

damals in Peking durchgesetzt hätten: Ginge es dem Land dann tatsächlich

heute besser? Oder wäre es vielleicht im Chaos versunken

wie die Sowjetunion unter Michail Gorbatschow?

Eine freie Debatte über den 4. Juni 1989 ist in China nach wie vor

unmöglich. Erst recht keine kollektive Vergangenheitsbewältigung

wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch auch für

die heutigen Führer der Volksrepublik, die selbst nicht zur „Generation

Tiananmen“ gehören, zählen die damaligen Ereignisse zu

den Schlüsselerlebnissen ihres Lebens. Den heutigen Staatsprä-

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 29

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Politik&Weltwirtschaft

»

sidenten Xi Jinping katapultierte die Krise 1990 aus der Provinz

in die erste herausgehobene Stelle in der Parteihierarchie. Als

oberster Parteisekretär der Millionenstadt Fuzhou sollte er nach

den heftigen Studentendemonstrationen dort wieder für Ruhe sorgen.

Sein Vater stand derweil unter Beobachtung – er war einer der

wenigen einflussreichen Altgenossen, die sich gegen den Einsatz

von Gewalt ausgesprochen hatten.

Dem jetzigen Ministerpräsidenten Li Keqiang sagt man sogar

nach, er habe die Proteste 1989 mit unverhohlener Sympathie

betrachtet. Als Absolvent der Peking-Universität,

damals das

Zentrum des Aufruhrs, kennt Li

viele Protagonisten der Juni-Tage

persönlich. Damals gehört er zu

den Funktionären des Kommunistischen

Jugendverbands. Li

nimmt noch wenige Tage vor

dem Blutbad an einer großen

Diskussion mit den Studentenführern

in einem Hörsaal der

Hochschule teil. Erst später übernimmt

der aufstrebende Kommunist

dann die offizielle Lesart

der Geschichte. Genau wie sein

Vorgänger im Amt des Ministerpräsidenten,

Wen Jiabao: Der

steht am 3. Juni 1989 direkt hinter

dem damaligen Generalsekretär

Zhao Ziyang auf dem Tiananmen-Platz,

als dieser mit brüchiger

Stimme die Studenten ein

letztes Mal vergeblich um ein Ende

der Demonstrationen bittet.

Anders als Zhao verschwindet Wen danach jedoch nicht in der

Versenkung, sondern ordnet sich der offiziellen Parteilinie unter.

1998: DAS GROSSE VERGESSEN

Als ich 1998 für einige Wochen auf den Campus in Chongqing zurückkehrte,

scheinen die Ereignisse nach nur zehn Jahren völlig

vergessen. Die neuen Studenten wissen nichts über das Blutbad,

die meisten Professoren wollen nicht darüber reden. „Alle denken

nur noch an Geld, Geld, Geld“, zitiere ich einen Studenten in

einer WirtschaftsWoche-Reportage. Die Straße, die zum Eingang

der Hochschule führt, ist übersät mit Imbissbuden und Verkaufsständen.

Kinder sitzen vor Computerschirmen und spielen „Millionär

Vier“, das Videogame vom schnellen Reichwerden. Selbst

hinter den Mauern der Universität tummeln sich jetzt Dutzende

Restaurants, es gibt einen Friseur und einen Internet-Betreiber.

Chongqing ist nicht in eine maoistische Mangelwirtschaft zurückgefallen.

Stattdessen überrollt ein spontaner Kapitalismus

die Stadt.

Ein Bauboom hat in nur einer Dekade die gesamte Innenstadt

umgepflügt, sodass ich mich kaum noch orientieren kann. Gerade

ist das 37-stöckige Harbour Plaza Hotel eröffnet worden, dazu ein

angrenzender 100 000 Quadratmeter großer Einkaufskomplex.

Sieben weitere Wolkenkratzer sind im Zentrum in Bau. Auf dem

Landdreieck zwischen den beiden Flüssen Jangtsekiang und Jialing

entsteht ein ultramodernes Hochhausviertel. Ein Heer von

Wanderarbeitern eilt aus den Dörfern nach Chongqing, um sich

auf den Baustellen zu verdingen.

Auf großem Fuß Die hohen Wachstumsraten Chinas

haben für einen Wohlstandsschub gesorgt und eine

kaufkräftige Mittel- und Oberschicht entstehen lassen

Die Studenten, mit denen ich diskutiere, schwanken zwischen unkritischer

Bewunderung für den neuen Kapitalismus und zynischer

Verachtung der geistigen Leere in ihrer Ausbildung. Viele Professoren

und Künstler sind aus Chongqing verschwunden – ins Ausland

oder in die großen Metropolen an der Ostküste, wo es deutlich freier

zugeht. Noch immer ergehen sich Fernsehsender und Zeitungen in

Chongqing in einem dumpfen Provinzkommunismus. Der Marxismus-Leninismus

ist immer noch Pflichtfach, die Linguistik-Studenten

quälen sich mit der Lektüre eines Machwerks von Josef Stalin

(„Zu einigen Problemen der

Sprachwissenschaft“). Eine junge

Professorin sagt mir: „Wie sollen wir

mit diesen Widersprüchen fertig

werden? Eine moderne Wirtschaft

und eine völlig veraltete Ideologie?“

Sie liest in diesen Wochen das Buch

der chinesischen Autorin He Qinglian,

die ihre Heimat als korrupte und

zynische Gesellschaft porträtiert:

„Das ganze moralische System ist

zusammengebrochen.“

2008: EIN ANDERES LEBEN

Zehn Jahre nach meinem letzten

Besuch in Chongqing treffe ich einen

Studenten wieder, der 1998 an

meiner Gastvorlesung teilgenommen

hatte. Aus dem schmächtigen

Burschen ist ein erfolgreicher Tourismusunternehmer

geworden. Mit

chinesischen Reisegruppen veranstaltet

Wang Ming Deutschland-

Reisen – in zehn Tagen von den Alpen

über Berlin bis nach Hamburg. Wang schleppt die Gruppe von

Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, aber „eigentlich wollen alle

nur Shoppen und Eisbein essen“. Das Geschäft lohnt sich, Wang

verdient gut und steckt sein Geld in Immobilien. Über die chinesischen

Universitäten macht er sich lustig, weil man dort „ nichts fürs

Leben lernt“. Alles was früher war, interessiert ihn nicht. „Wir Chinesen

haben gelernt, nur noch nach vorn zu blicken. Und gleichzeitig

zu beten, dass es niemals wieder so sein wird wie früher.“

2014: UND DER WESTEN?

Es gibt heute kein schlüssiges China-Bild im Westen, nur noch eine

Sammlung radikaler Widersprüche. Die einen (vor allem in der

Wirtschaft) porträtieren das Land als wirtschaftliche, politische

und bald auch militärische Supermacht. Als globales Synonym für

Boom, Fleiß, Geschäftstüchtigkeit und wachsenden Wohlstand.

Die anderen (vor allem in den Medien) zeichnen es als Diktatur

am Vorabend einer sozialen Revolution. Als zerrissene Gesellschaft,

zerstört durch Korruption, Menschenrechtsverletzungen

und die Vergewaltigung der Kultur.

Das schöne China entdecken wir in den begeisterten Berichten

westlicher Geschäftsleute und den stolzen Reden chinesischer Unternehmer.

Trotz wiederholter Unkenrufe bricht das Mega-Wachstum

nicht ab, sondern sorgt für den größten Wohlstandsschub der

neueren Menschheitsgeschichte. In den großen Städten entwickelt

sich ein Milieu gut ausgebildeter und immer besser verdienender

Menschen, die westliche Luxusgüter konsumieren und

sich in ihrem Lebensstil kaum noch von der oberen Mittelklasse in

FOTOS: DDP IMAGES/NEWSROOM/UPI, JUDITH WAGNER

30 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Europa und den USA unterscheiden. Wir finden in diesem Milieu

selbstbewusste Chinesen, die das Ausland schätzen, aber es nicht

vergöttern. Ein selbstbewusstes China, das nach den politischen

Katastrophen der Vergangenheit auf Stabilität und langsamen

Wandel setzt. Intelligente Menschen, die keine wirkliche Alternative

zur Herrschaft der KP sehen und westliche Kritik an ihrer Gesellschaft

als arrogant empfinden.

Das hässliche China finden wir in den eindrucksvollen Berichten

chinesischer Dissidenten und in den kenntnisreichen Büchern

chinesischer Intellektueller und westlicher Sinologen. Der Schriftsteller

Yu Hua schildert in seinem Buch „China in zehn Wörtern“

die Bauerndörfer und Kleinstädte im Hinterland seiner Heimat als

sonnenfinstere Orte einer absurden Funktionärskleptokratie und

einer albtraumhaften gesellschaftlichen Grausamkeit. Für den

Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Liao Yiwu, lebt

ganz China in einer einzigen großen Lüge, solange sich die Menschen

nicht offen mit ihrer fürchterlichen Vergangenheit auseinandersetzen

– von der sogenannten „Befreiung“ 1949 über die

Kulturrevolution bis heute. Und der deutsche Sinologe Kai Vogelsang

bietet in seinem neuesten Buch sogar eine ganz andere Sichtweise

auf China an, als wir sie bisher kannten: Spaltung, Niedergang

und Zerfall als historische Konstante, der chinesische Zentralstaat

als bloße Illusion, die wie eine Seifenblase platzen könnte.

Der Sprengstoffanschlag in der westchinesischen Provinz Xinjiang,

bei dem im Mai 31 Menschen ums Leben kamen, zeigt das

Gewaltpotenzial an den Rändern des Riesenreichs. Seit Jahrzehnten

wehrt sich die dortige uigurische Bevölkerungsmehrheit gegen

die kulturelle Überfremdung durch ethnische Han-Chinesen, die

sich auf Anordnung der Führung in Peking in immer größerer Zahl

in der Unruheprovinz ansiedeln und alle wichtigen Ämter übernehmen.

Der friedliche Widerstand der Uiguren verwandelt sich

immer mehr in Gewaltbereitschaft – und schon mischen sich auch

militante islamistische Separatisten ein. Ging es zunächst nur um

Autonomie, fordern jetzt immer mehr Menschen völlige Unabhängigkeit.

Ähnlich wie bei den Auseinandersetzungen in Tibet

nehmen wir die wachsende Verbitterung, aus der sich Hass entwickelt,

jedoch im Westen nicht richtig wahr.

Die Spaltung unseres China-Bilds geht zurück auf den 4. Juni

1989. Zwischen den beiden Sichtweisen existieren so gut wie keine

Brücken. Die meisten China-Bewunderer nehmen die Kritik der

Dissidenten und Schriftsteller nicht ernst. Umgekehrt betrachten

radikale China-Kritiker jeden Westler als Dummkopf oder Verräter,

der sich ihren apodiktischen Urteilen über das heutige China nicht

anschließt. Eine Debatte aber kann erst entstehen, wenn beide Seiten

ihre hermetischen Kommunikationsmuster hinter sich lassen

und einen gemeinsamen Ausgangspunkt akzeptieren – dass sich

beide Sichtweisen auf China nicht automatisch ausschließen, sondern

möglicherweise sogar ergänzen. Wer sich die vergangenen 25

Jahre mit China beschäftigt hat, der ahnt: Nur wer an den eigenen

Positionen zweifelt, kann neue Erkenntnisse gewinnen.

n

Ziesemer, 60, war von 1985 bis 1999 Redakteur der

WirtschaftsWoche. Er berichtete aus Peking, Moskau

und Tokio. Über China schrieb er das Buch „Auf dem

Rücken des Drachen“. Der langjährige Chefredakteur

des „Handelsblatts“ arbeitet heute als freier Autor.

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Politik&Weltwirtschaft

FOTOS: CHRISTOPHER WOODS, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, BERLINPRESSPHOTO/HENNING SCHACHT

LONDON | Die britische

Hauptstadt gilt

als Metropole für

ungewöhnliche

Scheidungen. Von

Yvonne Esterházy

Vorsicht,

George!

Mein Gott, George! Die

Nachricht von der Verlobung

des Filmstars

George Clooney hat in

England Entzücken ausgelöst.

„Sie wollen für immer

zusammenbleiben!“, schwärmt die

„Daily Mail“. Das Problem ist nur: Die Auserwählte

Amal Alamuddin ist Britin und,

schlimmer noch: Anwältin. Daher könnte

es für den Frauenschwarm ungemütlich

werden, sollte sich die Liebe zwischen

ihm und der 16 Jahre jüngeren Menschenrechtsspezialistin

nach der Hochzeit

irgendwann abkühlen. Dann könnte

Alamuddin abkassieren – indem sie in

London vor den Scheidungsrichter zieht.

Die britische Hauptstadt steht im Ruf,

Europas Scheidungsmetropole für Paare

mit ungleichem Einkommen zu sein. Oft

entscheiden die Richter hier, das Gesamtvermögen

der Rosenkrieger zu teilen.

Wer zu Hause bleibe, dürfe gegenüber

dem Hauptverdiener nicht

benachteiligt werden. Das Prinzip gilt

auch für Ausländer mit Wohnsitz in Großbritannien;

selbst Eheverträge werden in

London nicht immer anerkannt.

Nehmen wir den Fall Victoria Luckwell:

Vor der Hochzeit mit der Millionärstochter

hatte sich der arbeitslose Frankie Limata

verpflichtet, keine Ansprüche zu erheben

– als die Ehe zerbrach, bekam er

1,2 Millionen Pfund. „Eine reiche Frau

kann sich nicht schützen“, klagt Victoria

nun. Ein reicher Mann allerdings auch

nicht: Der Ex-Frau des Oligarchen Boris

Berezovsky wurde in London 2011 die

Rekordsumme von 220 Millionen Pfund

zugesprochen.

Übrigens: Das Vermögen von George

Clooney soll zwischen 115 Millionen und

160 Millionen Dollar liegen.

Yvonne Esterházy ist London-Korrespondentin

der WirtschaftsWoche.

BERLIN INTERN | Vierjahrespläne taugen auch in

Deutschland nichts – die große Koalition in Berlin

traut sich nun an die Steuerpolitik heran.

Von Christian Ramthun

Und sie bewegen sich doch

Als Francis Fukuyama nach dem Fall

des Eisernen Vorhangs das „Ende

der Geschichte“ verkündete, lag er

grandios daneben. Die Welt verändert sich

seither fortlaufend – chaotisch, unvorhersehbar,

überraschend. Im Kleinen tut das

auch die große Koalition in Berlin. Als Union

und SPD Ende 2013 ihren Vierjahresvertrag

besiegelten, dachte jeder steuerpolitisch

Interessierte, nun würde eine Zeit

des mehltauigen Stillstands einkehren.

Kein Bierdeckel, keine einheitliche Mehrwertsteuer,

nix auf x.

Wenn’s ums Geld geht Schäuble und

Gabriel planen (leichte) Steuersenkungen

Diese Annahme erweist sich nun als doppelt

falsch. Erstens gab es bereits vorher

vier Jahre steuerpolitischen Stillstand, der

nicht unwesentlich zur politischen Auszehrung

von Guido Westerwelle und seiner

FDP beitrug. Zweitens entwickelt die jetzige

Koalition eine überraschende Emsigkeit in

Steuerfragen. Gerade die SPD überrascht:

Erst schlägt Parteichef Sigmar Gabriel vor,

die kalte Progression abzumildern, und

zwar – hört, hört – ohne eine Mehrbelastung

höherer Einkommensbezieher. Die

Entschärfung der kalten Progression würde

vor allem unteren und mittleren Einkommensgruppen

helfen.

Und nun will eine Genossin auch noch

das Durcheinander bei der Mehrwertsteuer

beenden. Die Vorsitzende des Finanzausschusses

im Bundestag, Ingrid Arndt-

Brauer (SPD), fordert einen einheitlichen

Mehrwertsteuersatz von 16 Prozent auf alle

Produkte – „ohne jede Ausnahme“.

Und Bundesfinanzminister Wolfgang

Schäuble? Den altgedienten Unions-Politiker

treiben weniger die Genossen um als

vielmehr die globalen Zeitläufe. Plötzlich

sinniert Schäuble, ob er Forschung und

Entwicklung in den Unternehmen nicht

doch steuerlich fördern soll (eher nein).

Oder ob man nicht für Lizenzgebühren eine

besonders niedrige Abgabe einführen sollte

(eher ja). Wagniskapital für Start-ups will

er auf jeden Fall demnächst belohnen.

Auf der anderen Seite kann der Finanzminister

dank Steuer-CDs und automatischem

Informationsaustausch bei Zins- und Dividendenerträgen

darüber nachdenken,

fiskalpolitische Sonderangebote wie die

Abgeltungsteuer gegen Ende dieses Jahrzehnts

wieder einzukassieren.

Für Bewegung in der großen Koalition

dürfte bald auch das Bundesverfassungsgericht

sorgen. Am 8. Juli will der Erste Senat

unter Leitung von Ferdinand Kirchhof

über das Erbschaftsteuerrecht verhandeln.

Es geht in Karlsruhe um die Frage, ob die

2008 eingeführten Verschonungsregeln bei

der Übertragung von Unternehmensvermögen

mit dem Gleichheitsgrundsatz von

Artikel 3, Absatz 1 des Grundgesetzes vereinbar

sind. Hunderttausende Familienunternehmer

bangen nun, ob sie ihre Betriebe

in Zukunft immer noch zu 85 oder gar 100

Prozent steuerbegünstigt übertragen dürfen.

Geht es nach dem Bundesfinanzhof,

der den Fall nach Karlsruhe brachte, heißt

die Antwort: nein.

Das freilich würde die große Koalition in

mächtige Turbulenzen versetzen. Denn für

eingefleischte Sozialdemokraten ist eine

knackige Erbschaftsteuer Teil ihres Weltbildes.

Für sie bildeten die Verschonungsregeln,

die aus der Zeit des damaligen Bundesfinanzministers

Peer Steinbrück (SPD)

stammen, schon damals eine ungeheure

Zumutung. Zwar steht im Koalitionsvertrag,

dass die Unternehmensnachfolge durch

die Erbschaftsteuer nicht gefährdet werden

soll. Welcher Spielraum dem Gesetzgeber

hierfür verbleibt, wird wohl erst die Entscheidung

der Karlsruher Richter beantworten.

„Wenn wir des Guten zu viel getan

haben, müssen wir das korrigieren“, sagt

Schäuble. Dafür werden schon die Bundesländer

sorgen, in deren Kassen die Erbschaft-

und Schenkungsteuer fließen.

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 33

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Der Volkswirt

Neue Ära

GELDPOLITIK | Auf ihrer Sitzung am 5. Juni will die Europäische Zentralbank neue

Pflöcke für eine langfristig expansive Geldpolitik einschlagen und den Leitzins an die

Nulllinie drücken. Der Einlagenzins könnte sogar negativ werden. Was bedeutet

das für Konjunktur, Unternehmen, Anleger – und für unser gesamtes Geldsystem?

Ort und Zeit waren perfekt gewählt.

Das palastartige Luxushotel

in den Hügeln über dem

portugiesischen Städtchen

Sintra gewährte der internationalen

Geldelite die gewünschte Abgeschiedenheit.

Mehr als 150 Finanzexperten,

Notenbanker und internationale Top-

Ökonomen folgten vergangene Woche

dem Ruf von Mario Draghi, dem Präsidenten

der Europäischen Zentralbank (EZB) –

zum Nachdenken über die zukünftige

Geldpolitik. Draghi war entzückt von seiner

Veranstaltung und demonstrierte gar

Demut: „Ich bin zutiefst dankbar, was ich

in den vergangenen zwei Tagen alles gelernt

habe“, schwärmte er und bat die Anwesenden:

„Kommen Sie nächstes Jahr

wieder.“

Dass das weltweite Interesse an dem

Treffen so groß war, lag nicht zuletzt an einem

ganz anderen Termin – der Ratssitzung

der EZB am kommenden Donnerstag.

An diesem Tag könnten die Frankfurter

Währungshüter eine neue Ära der

Geldpolitik einläuten. Seit einigen Wochen

bereits bereitet die EZB die Märkte

darauf vor, dass sie die geldpolitischen Zügel

erneut lockern und dabei auch ganz

neue Wege ausloten will. In Sintra beendete

Draghi seine detaillierte Analyse der

„Anatomie der Inflation“ mit den aufschlussreichen

Worten: „Wir werden im

EZB-Rat die Nachteile und Vorteile eines

jeden geldpolitischen Instruments sehr

genau debattieren. Worüber wir nicht

streiten werden, ist unsere Zielmarke einer

Inflation von zwei Prozent.“

Von dieser Zielmarke sind die Volkswirtschaften

im Euro-Raum allerdings meilenweit

entfernt. Sie liegt derzeit gerade einmal

bei 0,7 Prozent. Die niedrige Teuerungsrate,

die nach wie vor schwächelnde

Konjunktur in vielen Euro-Staaten und die

lahmende Kreditvergabe könnten in eine

deflationäre Abwärtsspirale münden,

fürchten die Euro-Hüter. Das ließe die

Schuldenquoten der Euro-Staaten wieder

in die Höhe schnellen. Eine – de facto –

Nullzinspolitik soll daher nun die Inflationsrate

steigern und den Euro-Wechselkurs

drücken, um die Exportwirtschaft anzukurbeln.

Die Notenbanken, das zeigte sich auch

in Sintra, rücken damit immer mehr ins

Zentrum der Politik. „Zentralbanken haben

jetzt schon und werden auch in Zukunft

ein breiteres Mandat haben“, sagte

Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen

Währungsfonds (IWF). Den anwesenden

Notenbank-Chefs rief sie zu:

„Für mich sind die Zentralbanker die Helden

der Krise. Und Sie haben die Möglichkeit,

das zu bleiben.“

Das Problem ist nur: Was die Helden

verordnen, ist eine Medizin mit gefährlichen

Nebenwirkungen. Was Geldschwemme

und Nullzinspolitik für Konjunktur,

Sparer und Investoren bedeuten,

lesen Sie auf den nächsten Seiten.

»Die Zentralbanker

sind für mich die

Helden der Krise«

Christine Lagarde, IWF-Chefin

1

Wozu brauchen wir

überhaupt Zinsen – und

wie hoch sollten sie sein?

Die meisten Menschen denken beim Begriff

Zinsen an das, was ihnen die Bank für

ihren Ratenkredit in Rechnung stellt oder

für Spareinlagen gutschreibt. Doch Zinsen

haben für Wirtschaft und Gesellschaft eine

weitaus größere Bedeutung: Sie sind eine

Kategorie menschlichen Handelns. Der

Zins spiegelt wider, dass die Menschen eine

Vorliebe für raschen Konsum, für den

Genuss im Hier und Jetzt haben. Ökonomen

sprechen von der Zeitpräferenz. Diese

Vorliebe führt dazu, dass die Menschen einen

Ausgleich verlangen, wenn sie auf

schnellen Konsum verzichten. Wer spart

und auf Konsum verzichtet, erhält dafür

deshalb einen Zins. Je höher die Präferenz

der Menschen für den Gegenwartskonsum

ist, desto höher ist der geforderte Zins. In

einer freien Marktwirtschaft kann der Zins

niemals null oder negativ sein. Denn eine

negative Zeitpräferenzrate bedeutete, dass

die Menschen ihren gesamten Konsum in

die Zukunft verschieben.

Doch in der Realität herrscht keine freie

Zinsbildung. Vielmehr manipulieren die

staatlichen Zentralbanken die Zinsen nach

Belieben. So hat die EZB die Marktzinsen

durch ihre Niedrigzinspolitik in den vergangenen

Jahren immer weiter nach unten

gedrückt. Sie liegen mittlerweile wohl weit

unter der Zeitpräferenzrate der Menschen.

Die Mini-Zinsen verzerren die Entscheidungen

zwischen heutigem und zukünftigem

Konsum. Sie vergällen den Menschen

das Sparen, schmälern die Kapitalbildung

– und fördern ein Leben auf Pump.

»

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

34 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Richtung null

Leitzinsen der EZB

5,0%

4,0%

3,0%

Herr des Geldes

EZB-Präsident Mario Draghi will

mit noch weiter sinkenden

Zinsen und diversen anderen

Maßnahmen die Inflationsrate

erhöhen und den Wechselkurs

des Euro nach unten drücken.

Davon sollen dann vor allem die

Euro-Krisenstaaten profitieren.

2,0%

Spitzenrefinanzierungssatz

1,0%

Hauptrefinanzierungssatz

Einlagenzins

0%

2008 09 10 11 12 13 14

Quelle: Thomson Reuters

35

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Der Volkswirt

Was plant die

2 Europäische Zentralbank?

Die Macht am Main Das neue Hauptquartier

der EZB in Frankfurt

Experten erwarten, dass die EZB auf ihrer

mit Spannung erwarteten Sitzung am kommenden

Donnerstag ein Bündel von Maßnahmen

ergreift:

n Senken des Refi-Satzes Wahrscheinlich

senkt die EZB den Hauptrefinanzierungssatz

(Refi-Satz), zu dem sie den Geschäftsbanken

Zentralbankgeld leiht, von derzeit

0,25 in Richtung null Prozent. Das Kalkül:

Die Banken sollen die niedrigeren Geldbeschaffungskosten

an ihre Kreditkunden

weitergeben. So sollen das Kreditgeschäft

und die Konjunktur in den Krisenländern

angekurbelt werden. Ob dies gelingt, ist

fraglich. Zum einen ist der Zins schon jetzt

historisch niedrig. Zum anderen sind Bürger

und Unternehmen in den Peripherieländern

hoch verschuldet. Ihr Interesse an

zusätzlichen Krediten dürfte daher gering

sein.

n Negativer Einlagenzins Erstmals in der

Geschichte der Euro-Zone könnte am Donnerstag

ein Leitzins in den negativen Bereich

rutschen. Experten erwarten, dass die

EZB den Zins für Einlagen der Geschäftsbanken

bei der Notenbank von derzeit null

auf knapp unter null Prozent senkt. Den

Notenbankern ist es ein Dorn im Auge, dass

die Institute ihr Geld auf Zentralbankkonten

parken, statt damit Kredite zu vergeben.

Ein Strafzins fürs Geldparken soll sie dazu

animieren, mehr Kredite zu vergeben. Zudem

erhoffen sich die Währungshüter eine

Belebung des Interbankenmarktes, auf

dem sich die Banken gegenseitig Zentralbankgeld

ausleihen.

Solange aber die Kreditnachfrage nicht

anspringt, sind alle Mühen der Banken,

das Geld unters Volk zu bringen, vergebens.

Dass sie es anderen Banken unterjubeln

können, ist ebenfalls unwahrscheinlich.

Denn solange sich die Banken bei der

EZB so viel frisches Geld leihen können,

wie sie wollen, besteht für sie kein Grund,

am Interbankenmarkt um Zentralbankgeld

zu betteln. „Die Erwartungen an einen negativen

Einlagenzins sollten nicht zu hoch

gesetzt werden. Es ist eher als symbolische

Geste zu verstehen, dass die EZB sich gegen

das zunehmende Deflationsrisiko

stemmen wird“, urteilt Marcel Fratzscher,

Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

(DIW) in Berlin.

Zudem birgt der negative Einlagenzins

auch Risiken. So könnten die Banken versuchen,

ihr Geld im Ausland anzulegen,

um dem Strafzins zu entgehen. Der Umtausch

von Euro in ausländische Währungen

schickt dann den Euro-Wechselkurs

auf Talfahrt. Die Regierungen der Südländer

dürften das zwar bejubeln. Schon lange

drängen sie auf einen schwächeren Euro,

um ihre Exporte anzukurbeln. Doch je

schwächer der Euro wird, desto teurer werden

die Einfuhren. Dies schmälert die reale

Kaufkraft der Bürger und bremst den Konsum.

So könnte der Negativzins am Ende

die Konjunktur sogar schädigen.

Um dem Negativzins zu entgehen, könnten

die Banken das Zentralbankgeld auch

in den Kauf von Staatsanleihen der Peripherieländer

stecken. Dann ginge die monetäre

Staatsfinanzierung durch die Hintertür

in die nächste Runde. Zudem drückten

die Käufe die Renditen nach unten. Die

Regierungen könnten sich billiger finanzieren,

der Spar- und Reformdruck sänke.

Dass die Banken dem negativen Einlagenzins

ganz entkommen, ist jedoch unwahrscheinlich.

Die meisten Geldhäuser

halten Notgroschen bei der Zentralbank,

um unerwartete Reserveverpflichtungen

erfüllen zu können. Die anfallenden Strafzinsen

werden sie an ihre Kunden weitergeben.

„Den Schaden haben die Sparer,

deren Zins nun noch weiter unter die Inflationsrate

gedrückt wird, allen voran die

deutschen, denn sie exportieren mehr Kapital

als die Sparer irgendeines anderen

Landes der Welt“, kritisiert Hans-Werner

Sinn, Chef des Münchner ifo Instituts.

Die Kreditkunden der Banken dürften

ebenfalls zur Kasse gebeten werden. Das

zeigt das Beispiel Dänemark. Dort hatte die

Zentralbank 2012 den Einlagenzins auf minus

0,2 Prozent gedrückt, um spekulative

Zuflüsse aus der Euro-Zone abzuwehren.

Die Banken reagierten prompt – und verlangten

von den Kunden höhere Kreditzinsen.

Diese aber dämpfen das Kreditgeschäft.

Thorsten Polleit, Chefökonom von

Degussa Goldhandel, fürchtet daher, dass

„ein negativer Einlagenzins die Gewinne

der Banken reduziert, aus denen sie Eigenkapital

bilden können“. Da die Eigenkapitaldecke

der Banken dünn sei, würden die

Steuerzahler zur Kasse gebeten, so Polleit.

n Dicke Bertha 2.0 Um die Kreditvergabe

an kleine und mittlere Unternehmen in

den Peripherieländern anzukurbeln,

könnte die EZB den Banken Geld über einen

besonders langen Zeitraum leihen.

Die Märkte spekulieren auf eine Laufzeit

von vier Jahren. Damit wäre die Bedingung

verbunden, dass die Banken Kredite an

Unternehmen vergeben. Andernfalls dürfte

ihnen die EZB eine Strafzahlung aufbrummen.

Viel bringen wird ein solches

großkalibriges Leihgeschäft angesichts der

flauen Nachfrage nach Krediten jedoch

nicht. Die Banken dürften mit dem Geld

der EZB in erster Linie Kredite vergeben,

die sie ohnehin geplant hatten. Michael

Schubert, Währungsexperte der Commerzbank,

fürchtet zudem, dass Banken

mit notleidenden Krediten die EZB-Leihgeschäfte

nutzen, „um die Kredite auch

dann zu prolongieren, wenn dies betriebswirtschaftlich

nicht angezeigt wäre“.

n Ende der Sterilisierungsgeschäfte Zwischen

Frühjahr 2010 und Herbst 2012 hat

die EZB von den Banken Staatsanleihen

der Euro-Krisenländer in Höhe von 210

Milliarden Euro gekauft. Damit das Geld

nicht in die Wirtschaft abfloss, bot sie den

Banken an, dieses auf verzinsten Terminkonten

bei der EZB anzulegen. Beendet die

EZB diese Sterilisierung nun, stehen den

Banken weitere Milliarden an Liquidität

zur Verfügung. Das könnte die Zinsen am

Interbankenmarkt weiter drücken.

n Kauf von verbrieften Krediten Die EZB

erwägt, den Banken verbriefte Unternehmenskredite

abzukaufen, um deren Bereitschaft

zur Kreditvergabe zu erhöhen. Dies

ist mit erheblichen Risiken verbunden.

Zum einen ist der Markt für verbriefte Unternehmenskredite

mit rund 80 Milliarden

Euro vergleichsweise klein, denn nur ein

kleiner Teil wird frei gehandelt. Schon kleinere

Käufe der EZB ließen die Kurse kräftig

schwanken. Zum anderen steuerte die EZB

mit der Auswahl der Papiere die Kreditvergabe

der Banken – eine Art monetäre Planwirtschaft.

Außerdem übernähme die EZB

die Ausfallrisiken der Kreditpapiere. Bei

Wertberichtigungen trügen die Steuerzahler

via EZB-Bilanz die Verluste.

FOTOS: FOTOGLORIA/ERDE, GETTY IMAGES/AFP/FILIPO MONTEFORTE

36 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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3

Helfen Nullzinsen

der Konjunktur?

Wer in diesen Tagen auf Stimmungsindikatoren

und die Kurstafeln der Börsen blickt,

könnte glauben, die Welt befände sich auf

dem Weg ins Schlaraffenland. Und tatsächlich:

Die deutsche Wirtschaft dürfte in diesem

Jahr um mehr als zwei Prozent wachsen,

die Krisenländer der Euro-Zone haben

die Rezession hinter sich gelassen, in den

USA läuft der Konjunkturmotor wie geschmiert.

„Mit ihren Niedrigzinsen füttert

Europas Zentralbank nicht nur den Börsenboom,

sondern auch den Wirtschaftsaufschwung

in Deutschland“, jubeln die Börsenexperten

der ARD. Doch es ist ein Aufschwung

mit begrenzter Halbwertzeit.

„Entfällt die Berechnung von Zins, dann

entsteht der Schein; verlockt durch diesen

falschen Schein, kommt es zur Kapitalfehlleitung

und zu allen Folgen einer solchen“,

schrieb schon 1940 der österreichische

Ökonom Ludwig von Mises. Niedrigzinsen

geben den Unternehmen ein falsches Signal.

Sie lassen Investitionen rentabel erscheinen,

die es bei genauer Betrachtung

nicht sind. Vor allem für Deutschland sind

Nullzinsen viel zu niedrig. Nach Ansicht

von Experten benötigt Deutschland Leitzinsen

zwischen drei und vier Prozent. Die

Mini-Zinsen der EZB setzen einen Aufschwung

in Gang, der zunächst allgemeine

Wohlfühlstimmung verbreitet. Doch der

Boom ist mit Fehlinvestitionen gespickt.

Sobald die Firmen erkennen, dass sie ihr

Geld in den Sand gesetzt haben, regieren in

den Bürofluren wieder die Sparkommissare.

Arbeitsplätze gehen verloren, die Banken

müssen ihre Kredite abschreiben.

„Was wir derzeit sehen, ist ein purer

Scheinaufschwung, die eigentliche Bereinigungskrise

steht der Wirtschaft noch bevor“,

warnt Degussa-Ökonom Polleit.

4

Welche Folgen hat die

EZB-Politik für die

Euro-Krisenstaaten?

Die Euro-Krisenstaaten dürften die geldpolitischen

Lockerungen der EZB begrüßen.

Vor allem Politiker in Italien und

Frankreich hatten zuletzt starken Druck

auf die Währungshüter ausgeübt, die Geldschleusen

erneut zu öffnen. Hintergrund:

die hohen Schulden. Da die Sparbereitschaft

schwindet und ein Schuldenschnitt

tabu ist, müssen die Zinsen unter die

Wachstumsrate des nominalen Bruttoinlandsprodukts

rutschen, damit die Schul-

Bella Italia Krawalle in Rom am Rande einer

Demo gegen Austeritätspolitik

denquoten nicht durch die Decke gehen.

Erneute Leitzinssenkungen der EZB treiben

die Anleger in den Kauf langlaufender

Staatsanleihen. In der vergangenen Woche

sind die Zinsen für zehnjährige Staatspapiere

Italiens und Spaniens unter die Marke

von drei Prozent gerutscht. So günstig

haben sich die Regierungen in Rom und

Madrid seit einem Vierteljahrhundert

nicht mehr finanziert. Damit hat sich die

Bonitätsbewertung von der realwirtschaftlichen

Lage – Stagnation, hohe Arbeitslosigkeit

– abgekoppelt. Das Fatale daran: Mit

jedem Zehntelpunkt, den die Zinskosten

der Krisenländer fallen, lässt auch der

Druck zu Reformen und zur Konsolidierung

des Staatshaushalts nach. Daher kann

es nicht verwundern, dass die Regierungschefs

Italiens und Frankreichs – kaum dass

die EU-Wahlen vorbei sind – schon lauthals

fordern, den Sparkurs in der Euro-Zone

zu beenden.

Der Wettbewerb der

Gelddrucker...

Bilanzsummen der Notenbanken*

500

400

300

200

100

BoE

Fed

BoJ

EZB

0

2008 09 10 11 12 13 14

*Januar 2008 =100; Quelle: Thomson Reuters

5

Müssen wir langfristig mit

Deflation oder Inflation

rechnen?

Mit 0,7 Prozent liegt die Teuerungsrate in

der Euro-Zone unter dem Inflationsziel

der EZB von knapp unter zwei Prozent.

Von einer Deflation, einem nachhaltigen

Rückgang des Preisniveaus, sind wir aber

weit entfernt. Zwar wirkt das Platzen von

Kredit- und Spekulationsblasen deflationär,

weil im Boom aufgebaute Überkapazitäten

auf die Preise drücken. Kommt es zu

Bankenpleiten, schrumpft zudem die

Geldmenge. Die Preise sinken dann auf

breiter Front. In der Euro-Zone haben die

Regierungen und die Zentralbank die Banken

jedoch durch Liquiditäts- und Eigenkapitalspritzen

am Leben gehalten und eine

Kontraktion der Geldmenge verhindert.

Die Geldmenge M3 (Bargeld, Sicht-, Spar-,

Termineinlagen sowie Geldmarktfonds)

wächst derzeit zwar nur um 0,8 Prozent.

M1 jedoch (Bargeld und Sichteinlagen), für

die Finanzierung der Güterkäufe entscheidend,

expandiert mit Raten von über fünf

Prozent. Eine Deflation ist daher kaum zu

erwarten.

Dass die Preise in einigen Krisenländern

nachgeben, ist eine Folge der rückläufigen

Lohnkosten, durch die die Länder ihre

Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen.

Fängt sich die Konjunktur, steigen auch Kapazitätsauslastung

und Kreditnachfrage.

Dann wächst die Geldmenge beschleunigt.

Die Vehemenz, mit der die EZB auf eine

höhere Inflation zustrebt, lässt Zweifel aufkommen,

dass sie dann den Fuß rechtzeitig

vom Gas- auf das Bremspedal wechselt.

Die Bürger sollten sich also mittelfristig auf

höhere Inflation einstellen.

...treibt den Wechselkurs

des Euro nach oben

US-Dollar je Euro

1,40

1,35

1,30

1,25

1,20

2012 2013 2014

»

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 37

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Der Volkswirt

6

Zerstört die monetäre Flutwelle

unser Geldsystem?

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich

August von Hayek hatte keine hohe Meinung

vom Staat als Herrscher über das Geldwesen.

Er betrachtete die Geschichte des

staatlichen Umgangs mit Geld als „eine Geschichte

von unablässigem Lug und Trug“.

Lebte der große liberale Ökonom noch, sähe

er sich durch die aktuelle Geldpolitik bestätigt.

Zwar hat die EZB – anders als die Notenbanken

in den USA, Japan und Großbritannien

– noch nicht in ganz großem Stil Staatsanleihen

gekauft und die Wirtschaft mit

Geld geflutet. Daher schrumpft die Bilanzsumme

der EZB, während die der anderen

Notenbanken wächst. Doch könnte auch die

EZB bald zur Politik der „Quantitativen Lockerung“

übergehen. Anhaltend niedrige

Teuerungsraten, eine schleppende Konjunktur

und ein starker Euro könnten sie dazu

treiben. Ein Ausstieg aus der Politik der

Geldvermehrung wäre kaum mehr möglich.

Denn die Notenbank, die als erste beginnt,

die Geldmenge abzusaugen, muss mit einer

rasanten Aufwertung ihrer Währung rechnen.

Hat sich die Euro-Zone erst einmal an

einen weichen Euro gewöhnt, ist der Entzug

politisch kaum mehr durchsetzbar.

Das gilt auch für die Finanzierung der

Staatshaushalte durch die Notenpresse.

Auch hier dürften Gewöhnungseffekte einsetzen,

die der EZB den Rückzug aus der

quantitativen Lockerung unmöglich machen.

So wäre die EZB endgültig zum Finanzier

der Regierungen mutiert. Die Politik

der ungebremsten Geldvermehrung

ginge mit Blasen an den Finanzmärkten

und heftigen Teuerungsschüben einher

und zerstörte das Vertrauen in das Papiergeld.

So wird aus der Finanz- und Schuldenkrise

am Ende eine Geldkrise. Die Bürger

begännen, den Euro durch Währungen

ihres Vertrauens – vermutlich Edelmetalle

– zu ersetzen. Am Ende diente der Euro nur

noch dazu, offizielle Zahlungsvorgänge abzuwickeln.

Ersparnisse und private Käufe

wickelten die Bürger dann mit Gold oder

Goldzertifikaten ab.

Verändert sich die

7 Vermögensverteilung?

Grundsätzlich entlasten Niedrigzinsen die

Schuldner und belasten die Gläubiger. Die

Bundesbürger verfügen insgesamt über

ein Finanzvermögen von rund 2000 Milliarden

Euro. Dem stehen Verbindlichkeiten

von etwa 1600 Milliarden Euro gegenüber.

Unter Druck Für einige Ökonomen bedroht

die Geldschwemme unser Papiergeldsystem

Per saldo sind die Deutschen daher Verlierer

der Niedrig- und Nullzinspolitik. Berücksichtigt

man zudem die Geldentwertung

sowie die Steuern auf Kapitalerträge,

kommen die Niedrigzinsen einer schleichenden

Enteignung gleich. „Die finanzielle

Repression durch Niedrigzinsen und

moderate Inflation wirkt wie eine Vermögensabgabe,

die vom ersten Euro Sparoder

Versicherungsguthaben erhoben

wird, einen Freibetrag gibt es nicht“, urteilt

Stefan Bach, Ökonom am DIW.

Vieles spricht dafür, dass vor allem die

Mittelschicht ihr Opfer ist. Sie hat einen

Großteil des Vermögens in Lebensversicherungen

und Sparguthaben geparkt, deren

Renditen unter die Räder kommen. Die

unteren Einkommensschichten hingegen

haben nur wenig Vermögen, sind jedoch

häufig überdurchschnittlich verschuldet.

Sie dürften von den Nullzinsen tendenziell

profitieren. Das gilt auch für Vermögende.

Sie haben ihr Geld häufig in Sachkapital

wie Aktien, Immobilien und Edelmetallen

angelegt. Die durch die Nullzinsen ausgelöste

Jagd nach Rendite befördert die Preise

von Häusern und Aktien. Das Vermögen

der ohnehin Begüterten wächst weiter. Dazu

kommt: Sie können den Wertzuwachs

ihrer Vermögen als Sicherheit für neue

Kredite heranziehen und mit dem frischen

Geld noch mehr Immobilien und Aktien

kaufen. Die Nullzinspolitik und die Kreditund

Geldschöpfung der Banken aus dem

Nichts befördern so die Vermögenskonzentration.

Anders als der französische

Ökonom und Bestsellerautor Thomas Piketty

behauptet, lässt nicht der Kapitalismus,

sondern der Geldsozialismus der

staatlichen Notenbanken die Vermögensverteilung

ungleicher werden.

8

Wie reagieren die

Geschäftsbanken auf

die Nullzinspolitik?

Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbands

der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken

(BVR), warnt vor einer „naiven

Haltung“. Der Zentralbankzins sei nicht die

Motivation bei der Kreditvergabe durch

Banken, es komme stattdessen auf die Bonität

und das Geschäftsmodell der Schuldner

an. Auch Sparkassen-Präsident Georg

Fahrenschon erwartet keine Impulse für

die Realwirtschaft. Wenn überhaupt, wirkt

sich der niedrigere Leitzins erst mittelfristig

auf die Kreditkonditionen für Betriebe

und Häuslebauer aus. Relativ schnell reagieren

erfahrungsgemäß allenfalls die Sätze

für Tagesgeld und Kontoüberziehungen.

Wegen negativer Einlagenzinsen eine

Aufbewahrungsgebühr für die Ersparnisse

ihrer Kunden zu fordern können sich die

Sparkassen vorerst nicht vorstellen. Zu

groß ist die Angst, dass die stabilisierenden

Einlagen abgezogen und bei der Konkurrenz

angelegt werden. Auch BVR-Präsident

Fröhlich rechnet nicht mit negativen Sparzinsen.

Die „neue Qualität der Geldpolitik

mit einem immer tieferen Zinsniveau“

macht ihm gleichwohl Sorgen. „Nur die

Großschuldner profitieren vom Niedrigzins,

während die Geldvermögen der Normalsparer

schrumpfen.“

Da die Banken bonitätsstarke Schuldner

suchen, stecken sie das billige Zentralbankgeld

lieber den öffentlichen Haushalten

zu, was nach gängigen Bankaufsichtsregeln

als risikofreie Anlage gilt.

„Wenn die Rendite geringer als die Inflationsrate

ist, wirkt der Niedrigzins wie eine

zusätzliche Steuer“, sagt Michael Kemmer,

Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband

deutscher Banken. Der Fiskus hingegen

profitiert:Bei einem Schuldenberg von

knapp 2,2 Billionen Euro in Deutschland

bedeute ein um einen Punkt niedrigerer

Kreditzins langfristig eine jährliche Entlastung

von 22 Milliarden Euro für die öffentliche

Hand. „Der Staat sollte die Zinsersparnis

nicht für neue konsumtive Ausgaben

nutzen, sondern per Steuersenkung an seine

Bürger weitergeben“, so Kemmer.

Eine weitere Folge der verkehrten Zinswelt

ist der Vorschlag der EU-Kommission

eines „Europäischen Sparbuchs“. Öffentliche

Förderbanken sollen Privatanleger mit

höheren Zinsen ködern, als diese bei normalen

Geschäftsbanken bekommen, die

nur noch Mickerkonditionen bieten. Das

per staatlich garantiertem Zins abgesaugte

FOTOS: CORBIS/MATTHIAS KULKA, REUTERS/REMOTE/STRINGER

38 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Geld soll dann in Kredite an klamme Firmen

vorwiegend in südlichen EU-Staaten

fließen. Weil die Zentralbank mit ihrer extremen

Zinspolitik den Preismechanismus

für unser Geld weitgehend ausgehebelt

hat, soll Brüssel entscheiden, wer Liquidität

zu welchem Zins anlegen darf und wer

zu welchen Konditionen Kredit bekommt.

Sind Nullzinsen

9 für Unternehmen gut

oder schlecht?

Nutznießer wären allen voran die deutschen

Paradeunternehmen. Sie können ihre

Bonität noch besser ausspielen, um

günstig Geld bei Anhängern festverzinslicher

Wertpapiere einzusammeln. So ließ

die WirtschaftsWoche vor knapp einem

Jahr den inzwischen verstorbenen Bilanzspezialisten

Karlheinz Küting berechnen,

wie viel Geld ausgewählte Dax-Konzerne

durch Umschuldung in niedriger verzinste

Anleihen sparten. Würden sie die Aktion

nun in gleichem Umfang wiederholen und

die damaligen Zinsen um weitere 0,5 Prozentpunkte

drücken, kämen Ersparnisse in

dreistelliger Millionenhöhe zusammen.

VW könnte den Gewinn um 74 Millionen

Euro pro Jahr erhöhen. Über die Laufzeiten

aller neuen Anleihen hinweg würde Europas

größter Autobauer einen Windfall-Profit

von 222 Millionen bis 740 Millionen Euro

einfahren. Daimler müsste sich, gemessen

an der Umschuldung im Jahr 2012, mit

weniger zufriedengeben. Trotzdem könnten

die Schwaben pro Jahr mit einer Zinsersparnis

von 23 Millionen Euro rechnen,

die sich über die gesamte Laufzeit auf 70

bis 235 Millionen Euro summieren würde.

Solchen Gewinnen stünden höhere Aufwendungen

für die betriebliche Altersvorsorge

gegenüber, weil sich die Rückstellungen

schlechter verzinsen als geplant. „Die

Kehrseite sehen wir bei den bilanziellen

Pensionsverpflichtungen“, sagt BASF-Finanzvorstand

Hans-Ulrich Engel. „Hier

führt ein niedrigerer Rechnungszinsfuß

dazu, dass diese stärker steigen als das

Pensionsvermögen – selbst bei einer guten

Performance unserer Kapitalanlagen.“

Mit weitreichenden Konsequenzen für

die Unternehmensstrategie ist durch noch

niedrigere Zinsen kaum zu rechnen. Bayer

etwa hat jüngst für rund zehn Milliarden

Euro das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten

vom US-Konzern Merck & Co.

erworben. Von kleinen Veränderungen bei

den Zinsen hängen Übernahmen aber

kaum ab. „Schließlich steigen bei niedri-

Zu neuen Höhen Die expansive Geldpolitik

hat ein Kursfeuerwerk entfacht

gen Zinsen in der Regel auch die Preise solcher

Übernahmeziele“, sagt Peter Müller,

Leiter Konzernfinanzen. „Bayer kauft und

investiert, weil es strategisch und ökonomisch

sinnvoll ist, und nicht, weil wir es

günstig finanzieren können.“

Grundsätzlich sind null Prozent Zinsen

für Unternehmen nichts Unbekanntes –

dank sogenannter Wandelanleihen. So begab

der Medizintechnik- und Klinikkonzern

Fresenius unlängst eine 375 Millionen

Euro schwere Anleihe zu null Prozent Zinsen.

Die Käufer kommen dennoch auf ihren

Schnitt – sofern die Fresenius-Aktie innerhalb

von fünf Jahren kräftig steigt.

Was bedeutet das

10 Zinstief für die Anleger?

In einer Nullzinswelt kommen Anleger an

Aktien nicht vorbei. Nicht nur Kursgewinne

locken, auch die Aussicht auf Dividenden

lässt Geld von Zinsanlagen in Aktien

fließen. Momentan zahlen die Dax-Kon-

Mehr Glanz

Wenn es ohnehin wenig Zinsen aufs Ersparte

gibt, wird zinsloses Gold attraktiv

1400

1200

4,0

3,0

1000

800

Gold in Euro

2,0

1,0

600

0,0

400

Reale Umlaufrendite*

200

–1,0

2005 2008 2011 14

*Umlaufrendite abzüglich Inflation (in Prozent);

Quelle: Thomson Reuters

zerne im Schnitt 2,7 Prozent Dividendenrendite

– mehr als doppelt so viel, wie eine

zehnjährige Bundesanleihe abwirft. Insbesondere

dividendenstarke Titel dürften

vom Run auf Aktien profitieren. Allerdings

verliert der Zins seine Funktion als Auslesekriterium.

Bei einem Nullzins können finanziell

angeschlagene Unternehmen länger

überleben. Obwohl eine Pleite unvermeidbar

ist, könnten Anleger im Einzelfall

Aktien länger halten, als es ratsam wäre.

Der zinsbedingte Geldstrom in Aktien

hebt zwar die Kurse, weil Geld neue Anlagechancen

sucht und Alternativen wie Anleihen

unattraktiv sind, erhöht aber auch

das Anlagerisiko. Mit jedem neuen Höchststand

beim Dax – ohne fundamental bessere

Aussichten – koppeln sich die Kurse stärker

von den Unternehmensgewinnen ab, es

bauen sich Überbewertungen auf. Schon

jetzt kostet der Dax im Schnitt etwa das

18-Fache des für 2014 erwarteten Gewinns.

Zum Vergleich: 2012 war es etwa das 15-

Fache. Stottert der Konjunkturmotor, könnte

der Crash umso heftiger ausfallen.

Gold läuft zurzeit eher schlecht, weil Anleger

ihr Geld vor allem in Aktien stecken

und Krisenängste verflogen sind. Doch als

Sicherheitsanker gehört es ins Depot, auch

um mögliche Kursverluste bei Aktien kompensieren

zu können. Dass Gold keine Zinsen

oder Dividenden abwirft, könnten Anleger

im Nullzinsszenario leichter verschmerzen,

für ihr Geld bekommen sie ja

auch nichts. Die Opportunitätskosten der

Goldhaltung – das, was man alternativ für

Zinsanlagen bekommen würde – gehen

gegen null. Und wenn das dicke Ende – Inflation

oder gar ein Zusammenbruch des

Geldsystems – doch noch kommt, bietet

Gold den besten Schutz.

Wenn sichere Anleihen keinen Zins

mehr bringen, wächst auch der Appetit auf

Hochprozenter. Allerdings sind Hochzinsanleihen

von halbwegs sicheren Emittenten

schon jetzt teuer. Beispiel: Eine bis 2019

laufende Staatsanleihe Mexikos mit einem

Coupon von 8,125 Prozent ist derzeit für

134 Prozent zu haben. Das Mexiko-Papier

bringt damit nur 1,5 Prozent Rendite.

Risiko und Rendite stehen bei Hochzinsanleihen

oft in keinem gesunden Verhältnis,

wie die Pleiten bei deutschen Mittelstandsanleihen

gezeigt haben. Je niedriger

die Zinsen, desto größer die Wahrscheinlichkeit,

dass finanzschwache Unternehmen

Anleihen auflegen. Anleihen aus

Südeuropa zudem notieren – weil die

mit üppigem EZB-Geld gefütterten Banken

sie kaufen – jenseits von Gut und Böse,

»

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 39

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Der Volkswirt

»

ihre Renditen werden künstlich unten

gehalten.

Viele der derzeit gehandelten Hochzinsanleihen

kommen von Emittenten aus

Schwellenländern. Sollte es zu einem Aktiencrash

kommen, werden die Anleger

aus Europa und Nordamerika ihr Geld zuerst

aus den Schwellenländern abziehen.

Auch Anleihen wären davon betroffen –

was Kursverluste zur Folge hätte. Bei einem

langfristigen Nullzins sind Hochprozenter

keine echte Alternative, weil die Kurse zu

hoch und die Renditen zu niedrig wären.

11

Was bedeutet

das Zinstief für den

Immobilienmarkt?

Niedrige Zinsen treiben die Immobilienpreise

in doppelter Hinsicht. Häuslebauer

und -käufer kommen günstig an Geld, das

steigert die Nachfrage. Wenn die Verzinsung

anderer Anlagen sinkt, werden Immobilien

zudem attraktiver als Kapitalanlage

für institutionelle Investoren. Immer

mehr Geld fließt so in die Immobilienmärkte,

es droht eine Blasenbildung. Das

gilt insbesondere für Nordeuropa, aber

auch für südeuropäische Krisenländer wie

Spanien oder Griechenland, wo die Immobilienpreise

stark eingebrochen waren und

bald schneller anziehen könnten, als es die

wirtschaftliche Lage rechtfertigt.

In Deutschland ist nach Einschätzung

der Bundesbank zwar noch keine Blase

entstanden, wenn man das gesamte Land

betrachtet. Doch für die städtischen Immobilienmärkte

konstatiert die Bundesbank

Überbewertungen von bis zu 25 Prozent

in Metropolen. Schon im November

hatten die Bundesbanker im Finanzstabilitätsbericht

2013 gewarnt:„Inzwischen gibt

es Hinweise, dass sich der Preisanstieg von

den Städten ins Umland ausbreitet.“ Und

weiter: „Aus Finanzstabilitätssicht besteht

das Risiko, dass eine Spirale aus steigenden

Preisen am deutschen Wohnimmobilienmarkt

und einer nicht nachhaltigen Kreditvergabe

der Banken in Gang kommt.“ Ein

schuldenfinanzierter Immobilienboom sei

„eines der schwerwiegendsten Risiken für

die Finanzstabilität“.

Noch gibt es Faktoren, die dem entgegenwirken.

„Die Banken verhalten sich bei

der Kreditvergabe sehr umsichtig“, sagt Tobias

Just, Professor für Immobilienwirtschaft

an der International Real Estate

Business School in Eltville. „Die Marktdynamik

in Deutschland ist längst nicht so

stark fremdkapitalfinanziert, wie sie es in

Angebaggert Niedrige Zinsen treiben die

Immobilienpreise nach oben

den USA oder Spanien vor 2007 war, sondern

viel stärker eigenkapitalfinanziert.“

Die Mietpreisbremse mindert auch den

Zustrom von Investorengeldern, denn nur

wer Mieten erhöhen kann, kann auch seine

Rendite steigern. „Bereits die Debatte über

eine mögliche Blase hilft zu verhindern,

dass tatsächlich eine entsteht“, sagt Just, die

Risiken blieben so im Bewusstsein.

Auch andere Faktoren wie sinkende Studentenzahlen

dürften in den nächsten Jahren

den Preisanstieg bremsen. „Es wird eine

Schwächung der Nachfrage und damit

eine Beruhigung der Preisdynamik geben“,

prognostiziert Just. Größere Risiken

schlummern mittlerweile bei den Gewerbeimmobilien.

„Einzelhandelsimmobilien

sind enorm teuer geworden, deshalb wenden

sich Investoren Büroimmobilien zu“,

sagt der Experte. „Ich halte das in einigen

Märkten für eine gefährliche Entwicklung.“

Denn es gibt hohe Leerstände, die Mietzuwächse

waren in den letzten Jahren nur

sehr gering – selbst in den Top-Lagen.

12

Was wird aus

Spareinlagen und

Lebensversicherungen?

Sparer, die ihr Geld möglichst sicher anlegen

wollen, sind gekniffen: Im Schnitt bekommen

sie auf täglich verfügbares Tagesgeld

schon jetzt nur 0,7 Prozent Zins. Zehnjähriges

Festgeld bringt durchschnittlich

2,2 Prozent pro Jahr – vor Abzug der Abgeltungsteuer

(inklusive Soli 26,4 Prozent).

Nach Steuerabzug verbleiben beim Zehnjahres-Festgeld

so nur 1,6 Prozent. Das

reicht knapp, damit nach Abzug der Inflation

überhaupt noch ein minimaler Zinsertrag

übrig bleibt. Im Klartext: Tagesgeld,

Sparbücher und Festgeld sind derzeit keine

Geldanlage, sondern schleichende

Geldvernichtung.

Lebens-, Renten- oder Riesterversicherungen

sind allerdings kein Ausweg. Denn

die Versicherer legen das Geld ihrer Kunden

selbst zu 90 Prozent zu festen Zinsen

an; sie sind dem Niedrigzins also genauso

ausgeliefert. Zwar hat der Zinsrutsch die

Reserven der Versicherer erst einmal anschwellen

lassen, weil von ihnen gehaltene

(höher verzinste) Alt-Anleihen jetzt mehr

wert sind. Insgesamt saßen sie Ende 2012

so auf 70 Milliarden Euro Reserven. Doch

davon profitieren nur Versicherte, deren

Verträge auslaufen oder gekündigt werden:

Sie müssen bislang einen Teil der Reserven

ausgezahlt bekommen. Diese Beteiligung

wird ab nun eingeschränkt. Ein neues Gesetz

soll den Versicherern erlauben, Reserven

aus Anleihen nicht mehr auszuschütten,

solange ihre Kundenversprechen nicht

ausreichend finanziert sind.

Langfristig helfen die Reserven den Versicherern

sowieso nicht: Je länger die Zinsen

extrem niedrig sind, desto stärker

schlagen sie auf ihre laufenden Erträge

durch, weil alte, höher verzinste Anleihen

auslaufen. Auf Dauer ist das ein Risiko für

die Stabilität der Versicherer, denn sie haben

den Versicherten eine Mindestverzinsung

auf den um Kosten geminderten Teil

ihrer Einzahlungen garantiert – im Durchschnitt

über alle Verträge 3,1 Prozent pro

Jahr. Bislang dürfen Versicherer in ihren Risikomodellen

davon ausgehen, dass sie ab

2020 wieder 4,2 Prozent Rendite mit ihren

Kapitalanlagen schaffen. Wäre das in der

Praxis nicht machbar, müssten sie mehr

Kapital zur Absicherung der Kundenansprüche

vorhalten – das würde ihnen noch

weniger Spielraum bei der Kapitalanlage

und damit noch weniger Renditechancen

geben. Die Versicherer bereiten sich bereits

auf die Auswirkungen der Nullzinsen

vor: Um die Last der Garantiezusagen auf

lange Sicht abzumildern, sollen Neukunden

ab 2015 nur noch 1,25 Prozent Mindestzins

auf ihre um Kosten geminderten

Beiträge bekommen – bislang gibt es 1,75

Prozent Garantiezins (siehe Seite 90).

Kein Wunder also, dass der Verband der

Versicherer (GDV) nun eine stärkere staatliche

Förderung der Riester-Rente fordert.

Die Versicherer brauchen dringend Verkaufsargumente,

um Neukunden noch

zum Abschluss bewegen zu können. n

malte.fischer@wiwo.de, reinhold böhmer, mark fehr,

martin gerth, angela hennersdorf, niklas hoyer,

bert losse, jürgen salz, florian zerfaß

FOTO: LAIF/KARSTEN SCHOENE

40 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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DENKFABRIK | Die Förderung von Schiefergas könnte die Abhängigkeit von Russland

reduzieren und unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken. Doch der Widerstand ist enorm –

auch weil manche im Fracking eine Konkurrenz für erneuerbare Energien sehen. Ein Plädoyer

für den offeneren Umgang mit einer umstrittenen Technologie. Von Frank Umbach

Provinzielle Debatte

FOTOS: PR, GETTY IMAGES

Bis 2020 ließen

sich 25 Prozent

der russischen

Gasimporte in

der EU ersetzen

Amerika gibt Gas Fracking-Anlage

im US-Bundesstaat Colorado

Die Krise im Gas-Transitland

Ukraine und

die neue Eiszeit im

Verhältnis zwischen

der EU und Russland hat zwei

für Europas Volkswirtschaften

entscheidende Fragen wieder

auf die politische Agenda gebracht:

Wie sicher ist unsere

Energieversorgung? Und wie

lässt sich die Abhängigkeit von

russischem Öl und Gas reduzieren?

Im März sprach sich der

Europäische Rat dafür aus,

stärker als bisher heimische

Energiequellen zu nutzen.

Damit kommt nun auch neue

Bewegung in die Frage der

Nutzung von Schiefergas, das

sogenannte Fracking.

In den USA hat diese Technologie

eine industrielle Renaissance

eingeleitet. Der Vormarsch

von US-Schiefergas könnte nun

auch zum „Game Changer“ in

Europa werden. Die technisch

ausbeutbaren unkonventionellen

Gasreserven in Europa – insbesondere

Schiefergas, aber

auch Erdgas aus dichtem Sandstein

– sind mit rund 17 Billionen

Kubikmetern größer als gedacht

und größer als die konventionellen

Gasressourcen von 5,2 Billionen

Kubikmetern.

Deutschland aber macht nicht

mit. Der Provinzialismus der

deutschen Schiefergasdiskussionen

schließt bisher fast jegliche

globale Dimensionen aus

und nimmt Analysen und wissenschaftliche

Erkenntnisse zu

dieser neuen Technologie vielfach

nicht wahr. Tatsächlich bestätigt

die Mehrheit der vorliegenden

internationalen

Umweltrisikostudien (die zumeist

eine breitere empirische

Datenbasis haben als deutsche

Gutachten), dass zwar wie bei jeder

anderen Energieressource Risiken

bestehen. Diese seien aber

kaum größer als bei der konventionellen

Gasförderung und bei einer

stringenten, unabhängigen Umweltregulierung

beherrschbar. Zudem

existieren viele angeführte

Umweltrisiken nicht nur beim Fracking,

sondern auch bei anderen

Rohstoffexplorationen und traditionellen

Fördertechniken.

Es drängt sich zunehmend der

Verdacht auf, dass deutsche Umweltpolitiker

und Vertreter der

„grünen Lobby“ die Umweltrisiken

bei Fracking instrumentalisieren,

weil sie Schiefergas als unerwünschte

Konkurrenz für erneuerbare

Energien ansehen. Insofern

ist die Schiefergasdebatte in erheblichem

Maße unehrlich und

von grünen Lobbyinteressen geprägt.

Sie lässt jegliches strategisch-globale

Denken vermissen.

In Deutschland geht es ja noch

nicht mal um Exploration oder gar

Förderung, sondern nur um Testbohrungen.

Doch selbst hier will

Deutschland aussteigen.

Das ist fatal, denn mithilfe der

unkonventionellen Gasbestände

ließen sich die europäische Versorgungssicherheit

und Wettbewerbsfähigkeit

stärken und eine

nachhaltigere Klima- und Umweltschutzpolitik

betreiben.

n Höhere Versorgungssicherheit

2012 lag die Gasproduktion der

EU bei 287 Milliarden Kubikmetern,

der gesamte Gasverbrauch

hingegen bei 483 Milliarden. Als

heimische Energiequelle würde

Schiefergas die Abhängigkeit von

Energie- und Gasimporten aus

Russland und anderen instabilen

Lieferstaaten verringern. Es könnte

den europäischen Gasbedarf für

die nächsten 25 bis 60 Jahre sichern

und die Verhandlungsmacht

bei künftigen Gasverträgen mit

dem russischen Staatskonzern

Gazprom stärken. Bis 2020 ließen

sich bereits 25 Prozent der russischen

Gasimporte in der EU

(2013: 130 Milliarden Kubikmeter)

ersetzen. Bis 2030 könnte die

Schiefergasförderung der EU 70

Milliarden Kubikmeter erreichen,

in Deutschland bis zu 20 Milliarden.

Das entspricht etwa 35 Prozent

unseres Eigenverbrauchs.

n Höhere Wettbewerbsfähigkeit

In den USA hat die Schiefergasund

Schieferölexploration rund 2,2

Millionen Jobs geschaffen. In Europa

wären bis zu einer Million neue

Arbeitsplätze möglich. Zwar dürfte

die Förderung wegen der schwierigeren

geologischen Bedingungen

und strengerer Umweltauflagen

teurer werden als in den USA.

Doch wäre dies immer noch günstiger

als russisches Pipelinegas

aus den neuen und entlegeneren

sibirischen Gasfeldern. Die

Schiefergasförderung würde die

Gaspreisdifferenz zu den USA

verringern, die Wettbewerbsfähigkeit

der energieintensiven

Wirtschaft Deutschlands stärken

und die bereits empirisch nachweisbare

schleichende Deindustrialisierung

stoppen.

n Nachhaltigerer Klimaschutz

Gas emittiert bei Verbrennung

weniger CO 2 als Kohle. Als Folge

der Schiefergasrevolution konnten

die USA ihre Treibhausgasemissionen

auf das Niveau von

1994 verringern. Inzwischen

sieht selbst das Intergovernmental

Panel of Climate Change

(IPCC) der UN in Schiefergas eine

Chance, den Ausstoß von

Treibhausgasen substanziell zu

senken. Zudem wird bei Klima-

Diskussionen häufig eines übersehen:

Berücksichtigt man

auch die weiten Transportwege

von russischem Pipelinegas und

von Flüssiggas, das mit Schiffen

nach Europa kommt, und berechnet

die Emissionen entlang

der gesamten Gasinfrastrukturkette

bis zum Konsumenten ein,

würde ein Ersatz durch europäisches

Schiefergas den Ausstoß

von Treibhausgasen um 10 bis

30 Prozent senken. Daher ist

die heimische Ressourcennutzung

gegenüber Importen aus

außereuropäischen Regionen

klimapolitisch zu bevorzugen.

Frank Umbach ist Associate

Director des European Centre

for Energy and Resource

Security am Londoner King‘s

College. Er berät Industrie,

Regierungen und internationale

Organisationen beim Thema

Energiesicherheit.

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 41

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Unternehmen&Märkte

Ganz ohne die Krake

HEFTIG.CO | Deutschlands jüngste Rakete im Internet gibt der Debatte über Strafmaßnahmen

gegen Google womöglich eine ganz neue Richtung. Denn das Boulevard-Portal

findet sein Publikum nicht über den US-Internet-Giganten, sondern über Facebook.

Unter dem Foto der frisch Vermählten

steht: „Der Hochzeitstanz

dieser Braut ist unglaublich

berührend.“ Und

über einer Story heißt es: „Als

ich den Grund erfuhr, kamen mir die

Tränen.“

Würden Sie im Internet einen Text und

ein Foto anklicken, das so überschrieben

ist? Na, ganz ehrlich? Okay, lassen wir das,

ist sowieso egal. Denn mehr als 750000

Deutsche tun es bereits: Sie sind Facebook-

Fan der fünf Monate alten Internet-Seite

Heftig.co. In dem weltgrößten sozialen

Netzwerk posten, liken und teilen sie die Mischung

aus Tiervideos und Herz-Schmerz-

Geschichten mit ihren virtuellen Freunden.

Der Zuspruch ist gigantisch. Mit Heftig.co

stechen die beiden Gründer Michael

Glöß und Peter Schilling aus Potsdam auf

Facebook inzwischen alle Online-Ausgaben

renommierter deutscher Verlage aus,

von Spiegel.de bis Bild.de. Selbst die ebenfalls

seichte, im vergangenen Dezember

vom Münchner Burda-Verlag gestartete

deutsche Lizenzausgabe der kostenlosen

Internet-Zeitung „Huffington Post“ liegt

mit weniger als 33000 „Gefällt mir“-Klicks

weit abgeschlagen hinter Heftig.co.

Der eigentliche Erfolg von Heftig.co,

weshalb seine Macher sich als Teil der

„Medienrevolution“ sehen, ist jedoch ein

anderer. Glöß und Shilling zeigen, dass

Gründer im Internet auch ohne Google reüssieren

können. Denn sie setzen auf die

Kraft der viralen Verbreitung in den sozialen

Netzwerken – allen voran Facebook. Jeder

einzelne Beitrag wird 100 000-fach von

den Heftig-Fans geteilt und angeklickt. Dadurch

ist die Seite praktisch überhaupt

Angriff auf die Etablierten

Likes, Shares und Tweets bei Facebook,

Twitter und anderen sozialen Medien in

Deutschland* (in Mio.)

Heftig.co

Spiegel Online

Bild.de

RTL.de

Der-Postillon.com

Einfallstor Facebook

Zugriffe über Suchmaschinen und soziale

Netzwerke bei ausgewählten Medien-

Web-Sites in Deutschland (in Prozent)

Suchmaschinen

Heftig.co

Focus Online

Zeit Online

Bild.de

Süddeutsche.de

Die Welt

Spiegel Online

tagesschau.de

0,25

13

13

8

19

41

*April 2014;Quelle: 10000Flies/SimilarWeb

2

6

7

6

16

15

1,33

1,29

0,88

0,70

29

soziale Netzwerke

32

44

2,36

86

nicht auf Google angewiesen. So straft das

Duo das wachsende Lamento über die

Web-Krake Lügen, die in Deutschland bei

Suchanfragen einen Marktanteil von 90

Prozent hält und damit das Geschäft im Internet

zu beherrschen versucht.

So hatte Frank Schirrmacher, Mitherausgeber

der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“,

die deutschen Verlage mit Blick auf

Google vor dem „fatalen Fehler“ gewarnt,

„sich blind“ auf ein Spiel einzulassen, „dessen

Regeln andere bestimmen“. Axel-

Springer-Chef Mathias Döpfner drohte

Google-Chairman Eric Schmidt im April

sogar mit der Mobilisierung der Bundesregierung

gegen den US-Konzern: „Ist es

wirklich klug, zu warten, bis der erste ernst

zu nehmende Politiker die Zerschlagung

Googles fordert?“

POSITIV BIS ZUM ABWINKEN

Und prompt war Bundeswirtschaftsminister

Sigmar Gabriel auf den Kurs der Google-Kritiker

eingeschwenkt. „Wirtschaftsministerium

und Bundeskartellamt prüfen,

ob ein Unternehmen wie Google seine

marktbeherrschende Stellung missbraucht“,

schrieb der Sozialdemokrat Mitte

des Monats in einem Zeitungsbeitrag. „Eine

Entflechtung, wie sie bei Strom- und

Gasnetzen durchgesetzt wurde, muss dabei

ernsthaft erwogen werden.“ Aber vermutlich

kommt die Bedrohung für Google-

Chef Larry Page nicht durch Regulierung

der neuen deutschen Staats-Wirtschaftler –

sondern von anderen Angeboten und Anbietern.

So generieren die Heftig.co-Gründer

ihr Wachstum fast ausschließlich über

Facebook. Vorbilder sind dabei amerikanische

Herz- und Schmerz-Portale wie Buzz-

Feed.com, Upworthy.com oder Viralnova.com,

die ebenfalls beweisen, wie sich

Publikumsverkehr im Internet (Fachwort:

Traffic) jenseits von Google erzeugen lässt.

Auch hinter Heftig.co steckt denn auch

kein Medienkonzern, sondern das Potsdamer

Start-up DS Ventures, das dem 35-jährigen

Mediendesigner Glöß gemeinsam

»

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

42 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Herz- und Schmerz-Duo

Heftig.co-Gründer Glöß

(links) und Schilling

sehen sich als Teil einer

Medienrevolution, die

an der Macht von

Google nagen könnte.

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Unternehmen&Märkte

Der Angefeindete Google-Chef Page

bekommt Gegenwind von deutschen

Verlagsgrößen und Politikern

Suchmaschine gegen Netzwerk

Die wichtigsten Kennzahlen der Internet-Rivalen Google und Facebook im Überblick

Gegründet

Umsatz 2013 (in Milliarden Dollar)

Mitarbeiter

Werbeeinnahmen (in Milliarden Euro)

Weltweiter Marktanteil bei Mobile-Werbung (in Prozent)

*Brandz-Studie von MillardBrown; Quelle: Unternehmensangaben, Statista, eMarketer

»

Nettogewinn 2013 (in Milliarden Dollar)

Markenwert* (in Milliarden Dollar)

Börsenwert(in Milliarden Dollar)

mit dem 39-jährigen Betriebswirt Schilling

gehört. Beide hatten sich am vergangenen

Dienstag gegenüber der Wirtschafts-

Woche als die Macher von Heftig.co geoutet,

nachdem sie sich monatelang vor der

Öffentlichkeit versteckt hatten.

Experten trauen Heftig.co nicht nur zu,

ein weiteres Internet-Portal zum Laufen zu

bringen. Sie halten sogar einen erfolgreichen

Angriff der beiden Potsdamer auf

etablierte Medienangebote im Internet für

möglich. „Heftig.co hat ganz klar das Ziel,

Leser kurzweilig zu unterhalten“, sagt der

Düsseldorfer Medienexperte Thomas Koch,

der mit seiner Firma tk-one Unternehmen

und Medienhäuser berät. „Damit gewinnen

sie sehr viel Aufmerksamkeit und greifen etwa

Anbieter wie Bild.de oder auch Spiegel.de

frontal an.“ Insider rechnen bereits

damit, dass Heftig.co aus dem Stand die am

1998 2004

55,5 7,9

48000 6300

50,6 7,0

46,8 21,7

12,9 1,5

159,0 35,7

382 163

weitesten verbreitete deutsche Online-Seite

werden könnte, wenn das Portal voraussichtlich

im September erstmals beim Medienauswerter

IVW mitgezählt wird.

Die beiden Gründer erklären ihren sensationellen

Erfolg mit der rein emotionalen

Ansprache der Internet-Nutzer. „Die herkömmlichen

Nachrichtenportale im Internet

arbeiten mit zu vielen negativen

Schlagzeilen, 80 Prozent aller Inhalte haben

einen Negativ-Touch“, sagt Glöß im Interview

mit der WirtschaftsWoche (siehe

Seite 46). „Wir versuchen dagegen, positive

Dinge herauszufiltern und den Menschen

positive Emotionen mitzugeben.“

Insbesondere in den sozialen Netzwerken

ist Heftig.co mit diesem Ansatz enorm

erfolgreich: 86 Prozent der Zugriffe stammen

laut Marktbeobachter SimilarWeb

von Facebook. Mit 0,25 Prozent spielt Goo-

gle so gut wie keine Rolle. Bei allen anderen

großen Medienseiten in Deutschland dominiert

hingegen der Zugriff über den US-

Suchriesen (siehe Grafik Seite 42).

Mit seiner jüngsten Offensive will Heftig.co

den US-Vorbildern zuvorkommen,

die dort seit einiger Zeit die Medienlandschaft

aufmischen und nun auch nach Europa

streben. So will BuzzFeed bald von

Berlin aus mit einer deutschen Version

starten, im März begannen die New Yorker

mit der Suche nach einem Chefredakteur.

Auch BuzzFeed setzt voll auf die Boulevardisierung

des Medienangebots im Internet.

Die Amerikaner sortieren ihre Inhalte

nach Kategorien wie LOL, OMG oder

WTF. Die kryptischen Kürzel pappen wie

kreisrunde, knallgelbe Sticker auf den Fotos.

Sie bedeuten „Laughing out loud“ –

herzliches Lachen, „Oh my God“ – oh mein

Gott, „What the Fuck“ – zur Hölle.

BuzzFeed und Co. sind gnadenlose Effizienzmaschinen,

die ihre Inhalte radikal

nach Zahlen steuern. Mit Analyseprogrammen

wird permanent geprüft, welche Artikel

gerade am besten verbreitet werden.

Die Redakteure passen Überschriften an

und experimentieren, mit welcher Formulierung

die Zahl der Facebook-Likes noch

gesteigert werden kann.

EINGEENGTER HORIZONT

Wie gefährlich es ist, dass es dabei nur

noch um Süßes, Herzerweichendes und

Tränenreiches geht, beschrieb einer der

Betreiber solcher Portale schon selbst. Upworthy-Mitgründer

Eli Pariser analysierte

in seinem Buch „Die Filterblase“, wie Nutzer

„nur noch eingeschränkt neuen Informationen

ausgesetzt sind und unsere

Sichtweise eingeengt wird“. Auch Facebook

liefere zu viele Süßigkeiten und nicht genug

Karotten und trage dazu bei, dass sich

viele Menschen mit süßen Tierbabys statt

Europawahl oder Ukraine beschäftigen.

Doch Heftig-Gründer Glöß lässt deshalb

erst gar keinen Eindruck aufkommen, er

und sein Kompagnon Schilling wollten das

Publikum informieren, und stellt klar: „Wir

betreiben keinen Journalismus, sondern

sind Teil einer Medienrevolution.“ Bleibt

die Frage, ob das wirklich als Beruhigung

gemeint war – oder eher als Bedrohung. n

michael.kroker@wiwo.de, oliver voss, peter steinkirchner

Lesen Sie weiter auf Seite 46 »

FOTO: GETTY IMAGES/BLOOMBERG

44 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»Keine Wirtschaft, keine

Politik, pure Emotion«

INTERVIEW | Michael Glöß und Peter Schilling Die Gründer des Boulevard-Internet-Portals Heftig.co setzen

auf 25- bis 45-jährige weibliche Medienmuffel, Rührstorys mit Happy End und umgehen Google.

DIE HEFTIGEN GEFÜHLSDUSLER

Schilling, 39, hat in Potsdam Betriebswirtschaft studiert. Im

Jahr 2000 gründete er mit dem Online-Shop iCook für seltene

Kochzutaten sein erstes Unternehmen. 2005 folgte ein Dienst

namens PriorMart für notarielle Hinterlegungen.

Glöß, 35, studierte in Potsdam Betriebswirtschaft sowie Digitale Medien

in Brandenburg. Mit Cojito.de gründete er 2005 einen Szene-Ausgehführer;

2008 entwickelte er den Instant-Messaging-Dienst Toksta. Das

neue Projekt Heftig.co starteten Schilling und Glöß im Dezember 2013.

Herr Glöß, Herr Schilling, Sie sind die

Gründer eines Shootingstars im deutschsprachigen

Internet. Was ist Heftig.co eigentlich

– eine Katzenbilder-Maschine,

ein Inhalte-Räuber oder gar die neueste

Form des Internet-Journalismus?

Glöß: Nein, ihr Journalisten könnt euch

wieder beruhigen. Heftig bedroht nicht

eure Existenz. Wir betreiben keinen Journalismus,

sondern sind Teil einer Medien-

revolution. Was wir hier erleben dürfen, ist

der aufregende digitale Strukturwandel in

der Medienindustrie. Heftig.co ist hier

vielleicht ein Pionier, aber es werden noch

viele andere digitale Formate kommen,

die die Medienlandschaft umgestalten

werden.

Der Schmus, den die Yellow-Press- und

Boulevard-Portale verbreiten, reicht

nicht?

Glöß: Hier geht es nicht um Trash. Hier

sollte man auch nicht so auf die Menschen

herabblicken. Manchmal habe ich das Gefühl,

dass sich die Journalisten doch sehr

weit von der Lebenswelt ihrer Kunden entfernt

haben und sich oft über ihre eigentlichen

Brötchengeber erheben. Tatsache ist

aber, dass der klassische Journalismus und

sogar die deutschen Boulevardmedien

Millionen von Menschen gar nicht errei-

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

46 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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chen. Und seitdem sogar die „Bild“-Zeitung

so betulich und staatstragend geworden

ist, öffnen sich neue Räume, die andere

nicht bedienen.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie seien

nur ein Klon amerikanischer Herz- und

Schmerz-Portale wie Upworthy, Viralnova

und BuzzFeed?

Glöß: Wir sind kein Klon! Wir haben verschiedene

Plattformen analysiert und

dann ganz unterschiedliche Eigenschaften

herausgearbeitet, die besonders gut funktionieren.

Und diese kombinieren wir

dann so, dass sie im deutschen Markt funktionieren.

Das ist unser eigener, originärer

und innovativer Ansatz.

Aber viele Ihrer Inhalte stammen gerade

von jenen ausländischen Portalen. Was

sagen Sie zum Vorwurf, Sie würden deren

Inhalte stehlen?

Schilling: Wir klauen nicht, wir kuratieren.

Das bedeutet: Wir suchen Bilder und Videos,

die Nutzer bereits anderswo im Internet

der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt

haben. Wir durchforsten das ganze

Internet, um die besten Storys herauszufiltern,

die zu Heftig.co passen.

Ist Heftig.co., böse gesagt, trotzdem nicht

eine Parasiten-Web-Site, die andere Internet-Portale

aussaugt?

Glöß: Sie haben eines nicht verstanden:

Wir befinden uns längst in der Share-Economy.

Das sollte nicht nur auf den Podien

der Medienkongresse diskutiert, sondern

auch mal im digitalen Alltag akzeptiert

werden. Unseren leichtfüßigen Posts sieht

man die Arbeit nicht an, die drin steckt. Die

Storys liegen oft stundenlang unter der Lupe,

werden hin und her gedreht, Überschriften

verändert, getestet, Bilder ausgetauscht

und wieder getestet. Die Beiträge

werden so im höchsten Maße auf das Teilen

getrimmt. Man nennt das auch Maximum

Shareability. Erst nach diesen aufwendigen

Testverfahren stellen wir sie auf

unsere Web-Seite.

Und dabei respektieren Sie die Urheberrechte?

Schilling: Na klar. Man muss aber differenzieren,

wir sind ja hier nicht auf der Akademie

der Künste. Bei uns geht es, wie gesagt,

nicht um Journalismus, sondern um virale

Inhalte, also Inhalte, die sich über soziale

Netzwerke verbreiten. Es läuft doch in

Wirklichkeit so: Die Menschen unterhalten

sich bei Facebook miteinander. Wie in einem

echten Gespräch schnappt der eine

was auf, findet es gut und tratscht es weiter.

Diese Inhalte übertragen sich vergleichbar

mit Epidemien völlig unkontrolliert. Derjenige,

der den Content ursprünglich mal

eingespeist hat, freut sich doch, wenn dieser

möglichst häufig geteilt und weiterverbreitet

wird. Denn er bekommt als Gegenleistung

die Aufmerksamkeit. Dieser Nutzer

will doch sicher nicht ständig um Erlaubnis

gefragt werden, ob seine Botschaft

weiterverbreitet werden darf, sondern vor

allem als Quelle genannt werden. Das ist

ein Riesenunterschied.

Recherchieren Sie überhaupt eigene

Stories?

Schilling: Wir wollen in Zukunft den Anteil

der selbst entwickelten Storys deutlich ausweiten.

Worauf müssen wir uns denn gefasst

machen?

Glöß: Keine Politik, keine Wirtschaft, keine

Celebrities. Unsere Fans wollen keine

Nachrichten. Sie suchen das Bedeutungsvolle

in der Informationsflut. Sie sind sehr

neugierig darauf, wie es anderen echten

Menschen in vergleichbaren Lebenssituationen

ergangen ist. Wie zum Beispiel andere

Leute ihre ganz persönlichen Krisen

bewältigen, Happy End inklusive. Unsere

Fans wollen einfach mit ihrem Facebookdas

Gefühl, dass das am besten die Emotionen

beschreibt, die wir mit unserer Seite

transportieren wollen. Nämlich Dinge, die

die Leute wirklich berühren – die eben „heftig“

sind.

Was sind das für Leute, die auf so etwas

abfahren?

Glöß: Das sind, salopp gesagt, Frauen im

Alter zwischen 25 und 45 Jahren, die eigentlich

nicht medienaffin sind. Was dabei aber

sehr wichtig ist: Facebook ist im Gegensatz

zu vielen anderen Netzwerken das einzige,

das inzwischen fast in allen Alters- und

sonstigen sozialen Gruppen sehr tief verbreitet

ist.

Weshalb haben Sie Heftig.co in sozialen

Netzwerken gestartet?

Glöß: Weil wir beweisen wollten, dass man

auch ohne Google und Suchmaschinenoptimierung

eine stark besuchte Internet-Seite

aufbauen kann. Das ist ja aktuell in der

Feuilleton-Debatte um die Marktmacht von

Google ein riesiges Thema. Die Frage lautet

doch: Gibt es jenseits von Google digitale

Content-Formate und lukrative Geschäftsmodelle,

die ohne Google funktionieren.

Wir haben mit Heftig.co bewiesen, dass es

»Wir klauen nicht, wir kuratieren. Wir

sind längst in der Share-Economy« Michael Glöß

Klick ihr ehrlich empfundenes Mitgefühl

ausdrücken. Bei uns geht es also um pure

Emotion und Empathie. Wir interessieren

uns mehr für die kleinen Geschichten des

Alltags, die die Leute berühren und mit denen

sie sich auch selber identifizieren können.

Wir teilen die kleinen Sensationen des

Alltags.

Wird sich diese Mitfühl-Masche nicht

irgendwann einmal totlaufen?

Schilling: Es ist ja keine Masche! Das ist ja

gerade der Twist, dass Überschriften nicht

so klingen wie bei Journalisten. Aber das

Entscheidende sind ja die Geschichten dahinter,

die unsere Nutzer berühren. Wenn

es nur die Überschriften wären, hätten wir

ja eben nicht bereits so viele Shares und

Likes. Wichtig ist für uns immer, dass die

Leute eine Story „heftig“ finden, dann läuft

sie auch.

War das die einzige Bedingung, als Sie

den Namen für Ihren Dienst gewählt

haben?

Glöß: Wir haben natürlich über mehrere

Begriffe nachgedacht, hatten aber schnell

sogar komplett ohne Google geht. Der gesamte

Traffic kommt bei uns von Facebook!

Wollen Sie auch Twitter oder Google+

bespielen?

Schilling: Nein, nur Facebook. Mit den anderen

Plattformen haben wir uns nicht

sonderlich beschäftigt. Es ist ja auch nicht

viel los bei Google+, das wird vor allem für

Hangout-Videokonferenzen genutzt. Twitter

wiederum hat nicht die Zielgruppe, die

wir ansprechen wollen – das ist eher eine

kleine Avantgarde.

Warum betrieben Sie diese Geheimniskrämerei

zum Start und haben Ihre Identität

bis zum vergangenen Dienstag verschwiegen

und Ihren Sitz ins südamerikanische

Belize gelegt?

Schilling: Wir konnten den enormen Erfolg

nicht absehen und hatten ursprünglich ein

Experiment vor. Wir wollten in einer diskreten

Nische einen Prototyp bauen, ohne

dass die Leute mit dem Finger auf uns zeigen.

Deshalb sind wir in Belize gelandet,

was aber eher Zufall war. Das machen übrigens

sehr viele Start-ups so, weil man ja »

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 47

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Unternehmen&Märkte

»

bei uns in Deutschland nicht

dabei beobachtet werden will,

wenn’s dann doch in die Hose

geht. Aber jetzt ist unser Format

ausgereift, jetzt kommt der öffentliche

Roll-out.

Wie haben Sie Heftig.co

finanziert?

Schilling: Bisher haben wir uns

aus Eigenmitteln finanziert, und

wir haben mit ganz wenig Google-Werbung

auf unserer Web-Site

experimentiert. Werbung war

bisher ein sensibles Thema, denn

wir wollten erst einmal die Qualität,

also die Reichweite unserer

Geschichten, optimieren, nicht

die Vermarktung. Das ist jetzt der

nächste Schritt nach unserer Öffnung.

Was genau planen Sie da?

Glöß: Wir verhandeln aktuell mit

Online-Vermarktern, um das Geschäft

mit der Online-Werbung

zu professionalisieren – aber

langsam und behutsam. Die Werbung

muss zu Heftig.co passen,

sonst verliert die Seite ihre Authentizität.

Unsere Nutzer sind da sicher sehr sensibel.

Da muss man aus Gründen der Glaubwürdigkeit

sicher auch manches Mal Geld

liegen lassen. Da werden wir experimentieren

müssen. Mit Versuch und Irrtum, so

wie wir das mit dem Inhalt ja auch gemacht

haben und weiter machen. Wir sind

schon sehr gespannt, welche innovativen

Werbeformate da entstehen könnten, und

laden alle Kreativen ein, darüber nachzudenken.

Wieso sollte ein Unternehmen jetzt auch

noch bei Heftig.co Anzeigen schalten?

Schilling: Unser Wettbewerbsvorteil liegt

darin, dass wir die Nutzer nicht mit Werbung

berieseln. In den sozialen Medien

laufen ständig Unterhaltungen ab. Und wir

liefern direkt in die laufende Konversation

relevanten Gesprächsstoff, und zwar ganz

nah an die Menschen. Persönlicher geht es

nicht. So weit konnten bislang weder klassische

Medien noch Werber vorstoßen. Zudem

empfiehlt unser Facebook-Freund

unseren Inhalt freiwillig einem anderen

Facebook-Freund, der diesen Link dann

viel persönlicher und wichtiger nimmt als

alle von Marken gesponserten Facebook-

Postings. Wir drängen uns nicht auf. Wir

stören nicht. Wir sind nur da, wenn der Unterhaltung

der Gesprächsstoff ausgeht.

Deshalb ist die neue Heftig-Währung deutlich

wertvoller.

Tierfotos und große Gefühle Die

Macher der Web-Seite Heftig.co veröffentlichen

drei neue Geschichten

am Tag – und haben bereits 750000

Fans auf Facebook gewonnen

Wenn das so lukrativ für Unternehmen ist,

wie Sie behaupten, dann kommen bestimmt

auch andere auf diese Idee, zumal

es praktisch keine Einstiegsschwelle gibt.

Rechnen Sie damit, bald selbst von Nachahmern

gejagt zu werden?

Glöß: Die gibt’s ja schon, die sind schon seit

zwei, drei Monaten da. Allerdings haben

wir mit unseren aktuell 750 000 Facebook-

Fans eine viel größere Basis als alle unsere

Rivalen zusammen. Und wir gewinnen teilweise

so viele neue Fans am Tag hinzu, wie

mancher Rivale insgesamt hat. Wir versuchen

also, die Klone auf Abstand zu halten.

Benötigen Sie für die weitere Expansion

zusätzliche Kapitalgeber?

»Unser gesamter

Traffic kommt

von Facebook –

nicht von Google«

Michael Glöß

Schilling: Zunächst geht es uns

um Konsolidierung und um

Nachhaltigkeit. Wir wollen erst

mal sehen, wie weit wir aus eigener

Kraft kommen. Wir müssen

ja auch erst mal investieren,

um dieser ungeheuren

Nachfrage und der unglaublich

hohen öffentlichen Aufmerksamkeit

gerecht zu werden.

Hier geht Sorgfalt vor dem

schnellen Euro. Wir bitten hier

auch um Nachsicht: Wir sind

kein Konzern, sondern zwei

Gründer, die bisher fast alles

alleine gemacht haben und

noch im Startblock stehen.

Aber wir sind sehr optimistisch,

dass wir auch auf der langen

Strecke erfolgreich sein

werden.

Welche weiteren Vorhaben

planen Sie nun, nachdem

Sie aus dem Schatten der

Anonymität herausgetreten

sind?

Schilling: Wir haben jetzt ungeheuer

viel gelernt und ein Wissen aufgebaut,

das sich sicher auch noch für weitere

digitale Formate der Medienrevolution

nutzen lässt. Heftig.co ist nur ein Anfang.

Weitere Experimente werden folgen. Bevor

wir uns anderen Projekten zuwenden, haben

wir eine ganz lange Liste an Hausaufgaben

abzuarbeiten. Aber wir denken darüber

nach, eine Holding zu gründen, um

die einzelnen Projekte besser abgrenzen zu

können.

Was ist mittelfristig Ihr Ziel – sich von

Konkurrent BuzzFeed kaufen zu lassen?

Glöß: Das ist für uns kein Thema. Wir haben

in einer Zeitung gelesen, dass Buzz-

Feed einen deutschen Ableger plant und

einen deutschen Chefredakteur sucht. Das

hört sich ja stark nach einem journalistischem

Format an. Wir fragen uns, ob da

noch eins in den deutschen Markt reinpasst.

Also wir bleiben lieber bei unserer

Positionierung.

Wenn Sie jetzt zufällig neben einem Chef

eines großen Verlagshauses im Aufzug

stehen: Was würden Sie ihm in diesen 30

Sekunden sagen?

Glöß: Wir sind keine Journalisten. Wir werden

dir nichts wegnehmen. Wir erweitern

nur die Medienvielfalt mit digitalen Formaten

und erreichen Millionen Menschen,

die du gar nicht kennst, die wir aber eben

kennen. Einen schönen Tag noch. n

michael.kroker@wiwo.de, peter steinkirchner

48 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Auf dem Trockenen

PRIVATE EQUITY | Die Zinsen niedrig, die Banken willig und trotzdem kaum Deals: Finanzinvestoren

geraten unter immer stärkeren Handlungsdruck. Doch es fehlen passende Übernahmeziele.

Der Mut hat sich tatsächlich ausgezahlt.

Ende 2009 war das Geschäft

des Koblenzer Autozulieferers Stabilus

so stark eingebrochen, dass er unmittelbar

vor der Pleite stand. Für die Rettung

in letzter Minute sorgte der Frankfurter Investor

Triton.

Vier Jahre später ist Stabilus quicklebendig.

Triton hat die Forschungsausgaben erhöht

und ein neues Management engagiert.

Der Umsatz kletterte um rund 100

Millionen auf 460 Millionen Euro, die Zahl

der Mitarbeiter um 700 auf 4000. Vor wenigen

Tagen hat Triton das Unternehmen an

die Börse gebracht und abkassiert: Mehr

als 200 Millionen Euro vom Erlös gingen an

den Investor, der seinen Einsatz vervielfacht

hat.

So geschmeidig wie bei Stabilus flutscht

das Geschäft der Finanzinvestoren allerdings

nur selten. Dabei wäre eigentlich alles

für einen neuen Boom bereit. Banken

und andere Geldgeber werfen den Investoren

das Geld ähnlich sorglos und günstig

hinterher wie in den Jahren vor der Krise.

Die Preise, die sie für Unternehmen zahlen

müssen, sind zwar hoch, aber gut finanzierbar.

Allerdings ist das Angebot dünn,

und bei den attraktiven Zielen kommen Investoren

nur selten zum Zug. Das macht

ihre Geldgeber zunehmend unzufrieden.

In Erwartung hoher Renditen haben

Pensionsfonds und Versicherungen den

Private-Equity-Gesellschaften Milliarden

anvertraut. „Sie stehen unter erheblichem

Druck, das eingeworbene Kapital zu investieren“,

sagt Christian Kames, Leiter des

Geschäfts mit Fusionen und Übernahmen

bei der US-Bank Citi in Frankfurt.

GÜNSTIGER ALS 2007

Die Bedingungen für Finanzierungen seien

historisch attraktiv und teilweise sogar

günstiger als im Boomjahr 2007. Zu niedrigen

Zinsen können die Fonds teilweise bis

zu 80 Prozent des Kaufpreises fremdfinanzieren.

Das treibt die Rendite auf das von

ihnen eingesetzte Kapital.

Den optimalen Zeitpunkt zum Einstieg

haben sie jedoch verpasst. Die Bewertungen

von Unternehmen sind in den vergangenen

Jahren in die Höhe geschossen. „Sie

sind zwar hoch, aber nicht unbedingt zu

hoch, wenn es eine ordentliche Perspektive

für Wachstum gibt“, sagt Banker Kames.

Chancen dafür biete die Internationalisierung,

oft in Richtung Fernost:„Teilweise ist

der Erwerb eines Unternehmens durch einen

Fonds der erste Schritt zu einem späteren

Weiterverkauf nach Asien“, sagt Kames.

In nackten Zahlen schlagen sich die

Trends aber bislang nur begrenzt nieder.

Zwar stieg das Volumen aller Transaktionen

mit Private-Equity-Beteiligung in den

ersten Monaten 2014 im Vergleich zum

Vorjahr von knapp 8 auf 13 Milliarden Euro.

Dazu zählen jedoch auch Verkäufe größerer

Immobilienbestände. Transaktionen

mit deutschen Unternehmen machen nur

einen kleinen Teil des Kuchens aus.

Das Geschäft dürfte 2014 zwar noch anziehen,

kommt aber von einem sehr niedrigen

Niveau. 2013 war das Volumen der

Unternehmenskäufe, der sogenannten

Buyouts, nach Daten des Branchenverbands

BVK von 5,3 auf 3,6 Milliarden Euro

eingebrochen. Deutlich aktiver waren die

Fonds als Verkäufer von Unternehmen:

Damit erzielten sie 5,7 Milliarden Euro.

Der Optimismus in der Branche ist überschaubar.

„Die Bedingungen in Deutsch-

Feuerlöscher im

Schaufenster

Hersteller Minimax

steht zum Verkauf

FOTO: JOERG SARBACH

50 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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land sind an sich günstig. Aber dies schlägt

sich nicht in einer sprunghaft steigenden

Zahl von Transaktionen nieder“, sagt Marc

Strobel, Partner des Investors CVC mit

Hauptsitz in London, der unter anderem

am Essener Chemiekonzern Evonik beteiligt

ist. „Wir fokussieren uns auf solide Unternehmen.

Deren Zahl ist begrenzt, und

die Bewertungen sind bereits sehr ambitioniert

und nur bei weiter optimistischen

Wachstumsaussichten zu rechtfertigen.

Wir haben aber keinen Druck, unbedingt

eine Transaktion zu machen.“

„Wir rechnen mit einem stabilen, leicht

wachsenden Markt in Deutschland“, sagt

auch Bernie Schuler, Geschäftsführer des

internationalen Investors Bridgepoint,

dem unter anderem der Münchner Brillenhersteller

Rodenstock gehört. „Um die attraktiven

Unternehmen gibt es einen harten

Wettbewerb.“

Private Equity war in Deutschland nie so

populär wie in angelsächsischen Ländern,

erlebte zwischen 2005 und 2007 aber einen

veritablen Boom. Da verleibten sich Investoren

unter anderem den Medienkonzern

ProSiebenSat.1 und das Modeunternehmen

Hugo Boss ein. Ihr teuerster Einkauf

war die Übernahme des unter dem Namen

Kion vom Münchener Gasekonzern Linde

abgespaltenen Gabelstaplergeschäfts für

vier Milliarden Euro. Dass der damalige

SPD-Chef Franz Müntefering heftig gegen

die „Heuschrecken“ wetterte, konnte das

Geschäft kaum bremsen.

DIE KRISE IST VERGESSEN

Das erledigte vorübergehend die Finanzkrise,

in der die bisher wild sprudelnden

Geldquellen versiegten. Doch die scheint

wieder vergessen. Das Geld stammt heute

zwar etwas seltener von Banken und häufiger

von spezialisierten Fonds. Zur Finanzierung

setzen diese öfter auf Anleihen.

Die Bedingungen der Kreditverträge mit

Banken sind ähnlich großzügig wie vor der

Krise. Klauseln, die es ermöglichen, die

Zinsen zu erhöhen oder den Kredit zu kündigen,

wenn das Unternehmen bestimmte

Ziele verfehlt, sind spärlich oder gar nicht

vorhanden.

Die Geldflut macht das Geschäft für die

Investoren zugleich leicht und schwer.

Denn gerade sie sorgt dafür, dass traditionelle

Ziele knapp werden. So kamen Private-Equity-Fonds

oft bei Restrukturierungen

zum Zuge. Doch selbst mittelmäßige

Unternehmen können sich heute so günstig

finanzieren, dass oft kein Bedarf an externer

Hilfe besteht.

In Heuschreckenhand

Die größten deutschen Unternehmen mit Private-Equity-Beteiligung

Unternehmen

Evonik

Kion

Douglas

Hugo Boss

Orion Carbons

Xella

Takko

Mauser

SAG

Mimimax

WMF

Springer Science

Homag

Quelle:Citi, Unternehmensangaben

Branche

Chemie

Gabelstapler

Handel

Mode

Chemie

Baustoffe

Mode

Chemiefässer

Infrastruktur

Brandschutz

Besteck

Verlag

Holzverarbeitung

Die niedrigen Zinsen hemmen auch das

Geschäft mit Mittelständlern. Bei denen

hatten die streng auf Rendite ausgerichteten

Kapitalgeber kulturell immer schon einen

schweren Stand. Derzeit wollen viele

trotz der hohen Bewertungen aber schlicht

gar nicht verkaufen. Da es kaum attraktive

Anlagemöglichkeiten gibt, wissen sie nicht,

was sie mit dem vielen Geld anstellen sollten

und behalten lieber ihre Unternehmen.

Auch den meisten Konzernen fehlt derzeit

kaum Cash. Mit Abspaltungen von Unternehmensteilen

lieferten sie in der Vergangenheit

stets verlässliches Futter für Investoren.

Unternehmen wie Kion und die

frühere Henkel-Sparte Cognis zählen bis

Die Banken

finanzieren so

großzügig wie vor

der Krise 2007

Eigentümer

CVC (18%)

KKR und Goldman Sachs (35%)

Advent (80%)

Permira (56%)

Rhone, Triton

Goldman Sachs, PAI

Apax

Clayton, Dubilie &Rice

EQT

Harbourvest, IK Investment Partners

KKR (72%)

BC Partners

Deutsche Beteiligungs AG

Umsatz (in Milliarden Euro)

12,7

4,5

3,5

2,4

1,3

1,3

1,3

1,2

1,2

1,1

1,0

1,0

0,8

gen, wie er es schon erfolgreich mit den

Lichtspezialisten Osram vorexerziert hat.

Auf der Suche nach unentdeckten Chancen

wagten sich einige Investoren zuletzt

auch in zuvor untypische Branchen vor. So

übernahm etwa die Deutsche Beteiligungs

AG aus Frankfurt mit der Schülerhilfe eine

große Nachhilfekette. Und KKR aus New

York stieg Anfang 2014 gar beim Fußballbundesligisten

Hertha BSC Berlin ein.

Die begrenzte Zahl originärer Ziele führt

jedoch vor allem dazu, dass sich die Branche

stark mit sich selbst beschäftigt. Etliche

Unternehmen werden von einem zum

nächsten Investor weitergereicht.

So kaufte in einem der größten Deals in

diesem Jahr der US-Investor Clayton,

Dubilier & Rice dem Staatsfonds von Dubai

für 1,2 Milliarden Euro den Chemiefässerhersteller

Mauser aus Brühl bei Bonn ab.

CVC verkaufte den Luxemburger Druckzulieferer

Flint nach acht Jahren an den Private-Equity-Arm

der US-Investmentbank

Goldman Sachs. Und Permira erwarb im

April den hessischen Feinchemiehersteller

Cabb von Bridgepoint und ist damit bereits

der vierte Finanzinvestor, der sich innerhalb

von elf Jahren an der Optimierung des

Unternehmens versuchen darf.

Der Trend dürfte sich fortsetzen. „Die

Fonds haben noch etliche Unternehmen,

die sich seit vielen Jahren in ihrem Portfolio

befinden, von denen sie sich jetzt trennen

wollen“, sagt Banker Kames. Eigentlich

gilt eine Haltedauer von drei bis fünf Jahren

als optimal.

Zum Verkauf steht derzeit etwa der Feuerlöscherhersteller

Minimax aus Bad Oldesloe

in Schleswig-Holstein. Der britische

Finanzinvestor IK hatte den bereits 2006

gekauft und hofft nun auf Gebote in Hö-

heute zu den größten Transaktionen. Tot

ist dieses Geschäft nicht: Die Telekom verkaufte

Ende 2013 die Mehrheit an der

Scout-Gruppe, die diverse Plattformen im

Internet betreibt, an den amerikanischbritischen

Investor Hellman & Friedman.

Hier hoffen die Investoren auf Besserung.

Die könnte aber oft vergeblich sein.

So wäre Siemens’ Geschäft mit Hörgeräten

ein willkommenes Ziel für einen Private-

Equity-Fonds gewesen. Der Konzern kündigte

aber an, die Sparte im Wege eines sogenannten

Spin-offs an die Börse zu brin- »

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 51

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Unternehmen&Märkte

»

he von rund 1,3 Milliarden Euro. Interessenten

sind vor allem andere Private-Equity-Fonds.

Das gilt auch für den bayrischen

Autozulieferer Hilite und die Aromasparte

des baden-württembergischen Capri-Sonne-Produzenten

Wild, an dem KKR eine

Minderheitsbeteiligung hält.

Das Wechselspiel kann sich für den einzelnen

Fonds durchaus lohnen. Die Geldgeber

macht es nur begrenzt zufrieden.

Denn häufig haben sie sowohl Käufer als

auch Verkäufer Kapital anvertraut. Der

Blick von Pensionsfonds und Versicherungen

auf die Branche ist ohnehin kritischer

geworden. Früher zahlten sie gerne eine

pauschale Gebühr für die Verwaltung des

von ihnen zugesagten Geldes. Heute versprechen

sie sich angesichts des allgemeinen

Anlagenotstands zwar immer noch

auskömmliche Renditen. Zu verschenken

haben sie aber nichts mehr.

„Sie zahlen Gebühren zum Teil nur für

tatsächlich investiertes Kapital und verlangen,

dass sie nebenbei auch direkt in das

Unternehmen investieren dürfen“, sagt

Walter Henle, Anwalt bei der Kanzlei Taylor

Wessing in München. Für diesen Teil

müssen sie dann keine Gebühren zahlen.

Außerdem spielten Reputationsrisiken eine

größere Rolle. „Die Fonds müssen garantieren,

dass sich ihre Unternehmen an

ethische Standards halten“, sagt Henle.

FRAGE DES VERTRAUENS

Die Geldgeber prüfen genau, wem sie Kapital

anvertrauen. Wer eine positive Bilanz

vorweisen kann, ist klar im Vorteil. So wie

Triton: Seit der Gründung 1997 hat sich die

Gesellschaft auf Unternehmen in Deutschland

und Skandinavien konzentriert. Anders

als bei vielen anderen Fonds fallen die

Investitionsentscheidungen in Frankfurt,

der erste große Kapitalgeber war die Förderbank

KfW.

Das Unternehmen hatte zwar auch einige

Rückschläge zu verkraften wie die Pleite

des Fertighausbauers Kampa 2009. Triton

hat aber auch einige schwierige Fälle erfolgreich

wieder auf die Beine gebracht wie

die frühere Siemens-Lagertechniktochter

Dematic aus Düsseldorf und den badenwürttembergischen

Fensterbauer Weru.

Damit kann Triton nun in Dimensionen

vorstoßen, die bis vor Kurzem noch verschlossen

waren. Kürzlich kaufte Triton

nach hartem Bieterkampf die Wärmetauschsparte

des Düsseldorfer Maschinenbauers

Gea – mit 1,3 Milliarden Euro der

größte Deal in diesem Jahr.

n

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

»Der Mindestlohn

schlägt ins Kontor«

INTERVIEW | Michael Klier Der Co-Chef der Klier-Gruppe plant

Preiserhöhungen in den Salons der größten deutschen Friseurkette

und verabschiedet sich vom Discount-Format.

Herr Klier, mit Ihren kurzen Haaren

wirken Sie, als kämen Sie gerade aus

einem Ihrer Salons. Wie oft gehen Sie

zum Friseur?

Ich lasse mir alle drei Wochen die Haare

schneiden. Das gehört bei meinem Job einfach

dazu.

Damit schlagen Sie die Statistik um

Längen. Männer gehen in Deutschland im

Schnitt sieben und Frauen fünfeinhalb

Mal pro Jahr zum Friseur. Wie laufen

im Land der Friseur-Abstinenzler Ihre

Geschäfte?

Die genauen Zahlen veröffentlichen wir

erst in einigen Wochen. Aber klar ist: Beim

Gewinn liegen wir 2013 unter den Vorjahreswerten.

Das Ergebnis nach Steuern lag

2012 bei etwas mehr als 2 Millionen Euro.

Im Jahr 2013 haben wir 137 Millionen Euro

umgesetzt und erwarten einen geringeren

Gewinn aus dem operativen Geschäft. Für

2014 rechnen wir ebenfalls mit spürbarem

Gegenwind.

Wie kommt‘s? Die Konjunktur läuft doch.

Der Mindestlohn

schlägt ins Kontor.

Der soll doch erst

Anfang 2015 eingeführt

werden.

Das gilt nur für den

gesetzlichen Mindestlohn.

Im Friseurgewerbe

haben

sich die Tarifparteien

schon im Vorfeld

auf die stufenweise Anhebung der Lohnuntergrenzen

verständigt. Seit August 2013

müssen im Westen mindestens 7,50 Euro

und in Ostdeutschland 6,50 Euro gezahlt

werden. Im August 2014 und ein Jahr später

steigen die Stundenlöhne dann nochmals

auf 8,50 Euro an.

Wie wirkt sich der Mindestlohn auf Ihre

Bilanz aus?

Schon vor seiner Einführung lag unsere

Umsatzrendite bei überschaubaren zwei

bis drei Prozent. Pro Jahr haben wir rund

1,5 bis 2 Millionen Euro Gewinn erzielt. Die

»Haarschnitte

für weniger als

20 Euro sind nicht

mehr machbar«

Erhöhung des Mindestlohns auf 8,50 Euro

bedeutet für uns eine Kostensteigerung

von sechs bis sieben Millionen Euro. Diese

Lücke müssen wir schließen.

Durch Preiserhöhungen?

Selbstverständlich. Wir haben einen Lohnkostenanteil

in 2013 von knapp 60 Prozent.

Wenn die Löhne steigen, kommen wir an

Preissteigerungen nicht vorbei, zumal sich

auch noch die Mietnebenkosten wie Energieausgaben

erhöhen. Insofern hatten wir

keine andere Wahl und mussten die Preise

bereits erhöhen. Aber das Ende der Fahnenstange

ist auch noch nicht erreicht.

Dann kommt eine weitere Preisrunde?

Darum werden wir kaum herumkommen.

In der gesamten Branche dürften die Preise

in den nächsten Monaten im Bundesdurchschnitt

im zweistelligen Prozentbereich

anziehen– das ist die Grundvoraussetzung,

um den Mindestlohn zu finanzieren.

Herrenhaarschnitte inklusive Waschen,

Schneiden, Stylen für weniger als 20

Euro sind nicht mehr machbar.

Dass der Mindestlohn

zu Preiserhöhungen

und damit

auch Umsatzverlusten

führt, war

absehbar. Trotzdem

hat sich Klier

für eine Branchenlösung

stark

gemacht. Bereuen

Sie das?

Im Gegenteil. Wir sind ein Familienbetrieb

und sehen uns auch gegenüber unseren

Mitarbeitern in der Pflicht. Mit 8,50 Euro

pro Stunde reden wir von einem Bruttogehalt

von 1400 bis 1500 Euro pro Monat.

Es wird also kein Hochlohnsektor geschaffen,

sondern nur eine untere

Hygienegrenze eingezogen. Auch 8,50

Euro sollten auf Dauer nicht das Ende

der Lohnentwicklung sein. Es ist unser

Ziel, der Branche wieder ein Stück der Anerkennung

zurückzugeben, die sie früher

einmal hatte.

FOTO: STEFAN KRÖGER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

52 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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DER CHEF-FIGARO

Klier, 39, stieg 2002 nach Friseurlehre

und Wirtschaftsstudium ins Familienunternehmen

Klier ein. Seit 2007 leitet

er gemeinsam mit seinem Cousin

Christian Klier die größte deutsche

Friseurkette mit bundesweit 900

Salons und 5700 Mitarbeitern. 2013

setzte das Unternehmen mit Sitz in

Wolfsburg rund 137 Millionen Euro um.

Es hätte Sie ja niemand daran gehindert,

schon früher einen unternehmenseigenen

Mindestlohn einzuführen.

Das stimmt, nur wäre auch niemandem

damit gedient, wenn wir uns aus dem

Markt preisen. Wenn wir nur in unseren

Filialen etwas geändert hätten, wäre das

ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen.

Wir sind mit fast 900 Salons zwar Marktführer

in Deutschland, aber insgesamt gibt

es 80000 Friseursalons im Land. Das Ganze

funktioniert nur, wenn für alle die

gleichen Wettbewerbsbedingungen herrschen.

Nur so können wir als Branche

vermitteln, dass es bei den Preiserhöhungen

um eine höhere Wertschätzung der

Friseure und ihrer Arbeit geht. Viele Konsumenten

finden das auch überzeugend,

aber längst noch nicht alle. Leider scheint

die Geiz-ist-geil-Mentalität weiter Bestand

zu haben.

Sind Sie daran nicht mit schuld? Mit Ihrer

Zweitmarke „Frisör der kleinen Preise“ hat

Klier doch selbst ein Discount-Konzept

etabliert.

Das Experiment der Discount-Friseure ist

gescheitert. Der ursprüngliche Ansatz war

die Tatsache, dass sich rund ein Drittel der

Deutschen von Bekannten oder Familienangehörigen

die Haare schneiden lässt.

Diesen Markt wollten wir erschließen.

Stattdessen wanderten aber vor allem Kunden

aus klassischen Salons zu den Discount-Anbietern

ab. Spätestens die Einführung

des Mindestlohns zwingt jetzt die

Wettbewerber und uns dazu, solche Modelle

zu überdenken.

Was heißt das für Ihre Billigmarke?

Wir verabschieden uns von der Discount-

Marke „Frisör der kleinen Preise“. Die rund

170 Salons werden bis August nach und

nach auf die neue Marke „Haarboxx“ umgestellt.

Alle Standorte bleiben erhalten, aber

das Ladendesign wird sich etwas ändern,

um die Wertigkeit stärker herauszustellen.

Erhalten bleibt das Baukastenkonzept. Die

Kunden können entscheiden, ob sie zum

Beispiel selbst föhnen wollen, und müssen

nicht die klassische Paketleistung nehmen.

Zur Saxonia-Holding, zu der die Klier-

Gruppe zählt, gehört auch ein Mehrheitsanteil

an der Friseurkette Essanelle. Im

Sommer wollen Sie das Unternehmen von

der Börse nehmen. Was wird sich ändern?

Im operativen Geschäft bleibt alles beim

Alten. Essanelle wurde immer als selbstständige

Einheit geführt, daran ändert sich

nichts. Es gibt auch keine Synergieeffekte,

die für eine engere Anbindung sprechen.

Warum nimmt Klier Essanelle dann von

der Börse?

Die Notierung ist mit erheblichen Kosten

verbunden, die wir einsparen möchten.

Bisher wussten wir nicht, wie die Rahmenbedingungen

für den Mindestlohn aussehen

würden und ob für uns eventuell der

Zugang zum Kapitalmarkt wichtig werden

könnte. Jetzt wissen wir, woran wir sind,

und können uns den Aufwand sparen.

Es gibt heute schon an jeder Ecke einen

Friseursalon. Wo wollen Sie in Zukunft

noch wachsen?

Der Markt ist gut besetzt, zugleich aber

sehr fragmentiert, was uns langfristig Expansionschancen

eröffnet. Wichtiger als

ein weiterer Ausbau des Filialnetzes ist für

uns aber erst das qualitative Wachstum.

Was meinen Sie damit?

Es geht zum Beispiel darum, Trends noch

schneller zu erkennen, die Mitarbeiter noch

besser zu schulen und unseren Kunden die

entsprechenden Leistungen anzubieten. So

sehen wir etwa bei vielen Fußballstars ein

gesteigertes Beauty-Bewusstsein, was ihre

Haare anbelangt. Trends auf dem Feld schlagen

dann indirekt auch auf die Salons durch.

Sie meinen Haartransplantationen wie

bei Jürgen Klopp, Trainer des Fußballbundesligisten

Borussia Dortmund.

Spüren Sie bei Klier denn schon einen

Klopp-Effekt?

Das nicht, aber wir registrieren eine stärkere

Nachfrage von Herren für Haarfärbungen

oder -tönungen. Das ist eigentlich eine

Frauen-Domäne und wer die Prozedur als

Mann in Anspruch nimmt, fühlt sich dabei

vielleicht etwas komisch. Deshalb müssen

wir überlegen, wie wir eine Dienstleistung

so gestalten, dass sie für den Mann angenehmer

wird. So gibt es Farbprodukte, die

sich in fünf Minuten auftragen lassen. Die

Färbung soll nicht auffallen, schnell gehen

und unkompliziert sein. Mit solchen Angeboten

könnten wir uns vom Wettbewerb

stärker abheben.

n

henryk.hielscher@wiwo.de

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 53

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Unternehmen&Märkte

Produktion einstellen

UKRAINE | In der Schwerindustrie im Osten des Landes gibt es Leidtragende und Profiteure der Krise –

aber gegen Autonomie oder Annexion wehrt sich die Wirtschaft im Donbass nahezu geschlossen.

Keineswegs schadstoffarm wirkt jener

dunkelbraune Rauch, der an diesem

Freitagmorgen im Mai über dem

Stahlwerk von Mariupol steht. Der Dunst

stammt aus Hochöfen, die Altmetall zu

flüssigem Stahl kochen. Schichtleiter Igor

Gafina freut sich allen Ernstes, dass es

qualmt und stinkt:„Bei uns laufen die Öfen

auf vollen Touren“, rapportiert der Chef

von einer der fünf Brigaden, die rund um

die Uhr Stahl kochen, bis er bei 1700 Grad

funkenschlagend in Feuerbächen abfließt.

„Gott sei Dank hat uns die Krise da draußen

nicht erwischt“, sagt der Ingenieur. Er

ist stolz auf seinen Job im größten Stahlwerk

der Ostukraine, das dem Oligarchen

Rinat Achmetow gehört.

Die „Krise da draußen“ schüttelt den

hoch industrialisierten Osten so heftig

durch wie kein Ereignis seit dem Zusammenbruch

der Sowjetunion. Vor wenigen

Wochen lagen in Mariupol am Asowschen

Meer Tote auf den Straßen. Sicherheitskräfte

aus Kiew hatten mit Separatisten um

die Kontrolle der Stadt gekämpft. Vergangene

Woche gab es Gefechte um den Flughafen

in Donezk. Radikale, die Unabhängigkeit

von Kiew fordern und vom Anschluss

an Russland träumen, erschwerten

am Sonntag die Präsidentschaftswahlen in

der Region: Dort konnte nur etwa ein Fünftel

der Wahllokale öffnen.

Als Gegner der Separatisten stehen die

Werktätigen zusammen: „Wer arbeitet, ist

Starke Schwankungen

Wirtschaftswachstum der Ukraine

(gegenüber Vorjahr in Prozent)

7,6

4,1

5,2

2,3

0,2 0,05

2007 08 09 10 11 12 13 14*

–14,8

*Prognose; Quelle: IWF, EBRD

–7,0

kein Separatist“, behauptet Stahlkocher

Gafina. Arbeiter im Industrierevier Donbass

verstünden, dass ihre Jobs an der Zukunft

der Betriebe hingen. Und die hätten

Probleme, wenn der Osten nicht mehr zur

Ukraine gehören würde. Mit einer „Volksrepublik

Donezk“ würde kaum jemand in

Europa Geschäfte machen: In einer nicht

anerkannten Separatistenregion wäre das

Risiko zu hoch, das versichert niemand.

Und als Teil Russlands würden sie gegenüber

den moderneren Unternehmen dort

an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Bereits jetzt ist der Flurschaden enorm.

Infolge der Instabilität liegen in der Region

alle Investitionen brach. Viele Unternehmen

haben Probleme mit der Materialbeschaffung,

da die Transportdienstleister

aus Furcht vor Plünderungen an Kontrollpunkten

der Separatisten Fahrten möglichst

vermeiden.

UNBEZAHLTE RECHNUNGEN

Seit März, als Radikale die Gebietsverwaltung

unter ihre Kontrolle brachten, ist die

Industrieregion um Donezk ebenso wie

das benachbarte Gebiet Lugansk von Subventionen

aus Kiew abgeschnitten, etwa

für Kohle. Große Kunden wie die Staatsbahnen

Russlands und der Ukraine stornieren

ihre Aufträge, andere zahlen nicht

pünktlich. Dass die Separatisten mit der

Konfiszierung von Unternehmen drohen,

um die eigene Kassenlage aufzubessern,

verbessert den Auftragseingang nicht.

Am härtesten trifft das kleine Unternehmen.

Nikolai Kapturenko, der in Donezk

die Überregionale Union mittelständischer

Unternehmen vertritt, kennt den

Kreislauf: Wegen der Krise zahlen viele

Kunden ihre Rechnungen nicht, die Betriebe

können ihr Material nicht zukaufen

– entweder fehlt das Geld, oder die Logistikkette

ist gestört. „Irgendwann zahlen sie

keine Löhne mehr, und die Produktion

steht still“, klagt Kapturenko. Russland solle

gefälligst versuchen, den „Geist des Separatismus

wieder in die Flasche zu krie-

Wenig effizient Im Iljitsch-Werk im ostukrainischen

Mariupol kochen 30000 Arbeiter

nur vier Millionen Tonnen Rohstahl pro Jahr

FOTO: GETTY IMAGES/JOHN MOORE

54 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

FOTO: GETTY IMAGES/PHOTOTHEK

gen“, damit Ruhe und Stabilität in den

Donbass zurückkehre.

So sieht das auch Iwan Awerkin. Der Manager

mit der heiseren Stimme ist Direktor

des zum australischen Bergbau-Dienstleisters

Orica gehörenden Chemieherstellers

Minova. „Sie wissen in diesem Land nicht,

was in zwei Stunden geschehen wird“, klagt

der Sprengstoff-Lieferant für Achmetows

Bergwerksbetreiber DTEK. „Noch im Juni

werden wir die Produktion einstellen müssen,

weil die Vorprodukte zur Neige gehen“,

erwartet Awerkin. „Und schon heute haben

wir keine Garantie, dass es morgen

überhaupt Benzin gibt.“ Er sei die Spielchen

der Separatisten „einfach nur leid“.

Viele Unternehmen im Donbass prüfen

eine Verlagerung ihrer Betriebe – wie Recyclingunternehmer

Wolodimir Bubley:

„Ich glaube, der Konflikt des Donbass mit

Kiew steht noch ganz am Anfang.“ Es werde

nicht gelingen, die Krise in der Region

friedlich zu lösen – die russische Propaganda

habe „aus den Menschen Zombies gemacht“.

Er fürchte, dass die Separatisten

mit Kalaschnikows zu den Fabriken kommen

könnten, um Steuern einzutreiben.

Bubleys Unternehmen Keramet unterhält

in der gesamten Ukraine sowie Ungarn

und Polen mehr als 20 Betriebe. Abgesehen

von jenem im Osten, läuft die Produktion

normal. Außer auf der Krim hat er keinen

seiner 800 Mitarbeiter entlassen müssen,

die Metall für die Verarbeiter trennen

und aufbereiten.

ROTE ZAHLEN IM OSTEN

Doch er bezieht 2500 Tonnen Metall weniger

als in normalen Monaten, was die Geschäfte

im Osten in die roten Zahlen führt:

„Die Fahrer transportieren Schrott, dafür

können wir sie nicht dem Risiko von Überfällen

aussetzen“, sagt Bubley. Die größte

Gefahr für die Region sei, dass den Metallurgen

die Rohstoffe ausgingen – und die

Unzufriedenheit der Arbeiter den Radikalen

in die Hände spiele.

Zu den Krisengewinnern zählt ein Quartett

von jungen Stahlhändlern, die die Zeit

der Wirren genutzt haben, um die fast

bankrotte Donezker Metallwarenfabrik zu

erwerben. Konstantin Kostenko, mit 33

Jahren der Älteste der vier, hat wie seine

Kompagnons für Interpipe gearbeitet, einen

Stahlhändler und Pipelinehersteller

des Oligarchen Wiktor Pintschuk. Womöglich

mit dessen Kapital – zugeben will das

aber keiner – sind die vier bei der Metallfabrik

eingestiegen. „Wir sind ein junges

Team, das dieses Werk mit viel Enthusiasmus

auf Vordermann bringen will“, frohlockt

Kostenko.

Marode ist ein freundlicher Ausdruck,

um den Zustand des Werks aus Sowjetzeiten

zu beschreiben. Auf unebenem Betonboden

mit eingesackten Schienen schweißen

fünf Arbeiter in einer riesigen Halle an

klobigen Stahlteilen. Von modernen Maschinen

keine Spur. „Unser Werk – unser

Stolz“, steht auf einem Plakat vor der Halle.

Aber die Fabrik ist in Betrieb – allein das

ist schon verblüffend. „Der vorherige Besitzer

hat den Arbeitern vier Monate keinen

Lohn gezahlt“, sagt Kostenko, damit sei

jetzt Schluss. Dass die Übernahme vor

sechs Wochen fast zeitgleich mit der Proklamation

der „Volksrepublik Donezk“ erfolgt

sei, sei Zufall: Den Einstieg und dessen

Finanzierung hätten die Stahlhändler

seit anderthalb Jahren vorbereitet. Die Krisenzeit

wollen die Neueigentümer nutzen,

um die Produktpalette zu diversifizieren.

Künftig soll die Produktion von Baumaterial

für Cash-Flow sorgen, der schrittweise in

neue Anlagen investiert wird – bis es das

Kombinat mit billigen und einfachen Metallwaren

auf den EU-Markt schafft.

Zur Krise hat das Quartett nur eine Meinung:

„Wir brauchen keine Unabhängigkeit,

sonst steht hier alles still“, sagt Kostenko.

Potenzielle Kunden holten sich ihre Informationen

aus der Zeitung, und jeder

meide das vermeintliche Risiko im Donbass.

Die Separatisten würden dies noch

Reichster Ukrainer Oligarch Achmetow

organisiert Proteste gegen Separatisten

schlimmer machen. „In Wahrheit ist bei

uns alles ruhig“, sagt der Jungunternehmer,

„nicht jeder Arbeiter steht auf den Barrikaden.“

Bei ihm gebe es keine Separatisten,

solange er pünktlich gute Löhne zahle.

Darauf vertraut auch Oligarch Achmetow.

Mitte Mai ruft er seine Leute dazu auf,

gegen die Separatisten in Mariupol auf die

Straßen zu gehen, um für Ordnung zu sorgen.

In Vierertrupps patrouillieren Stahlarbeiter

in Werkskluft gemeinsam mit der

Polizei. Im Zentrum beaufsichtigen sie junge

Separatisten beim Entrümpeln der

Stadtverwaltung, die diese zuvor angezündet

hatten. Zudem ruft Achmetow in einer

Videobotschaft zum Widerstand gegen die

»In den Städten herrschen Banditen

und Marodeure«

Rinat Achmetow

Separatisten auf: „In den Städten herrschen

Banditen und Marodeure. Die Menschen

sind es leid, in Angst zu leben.“

Seine Arbeiter stehen auch deshalb

zu Achmetow, weil sein Stahlgeschäft floriert.

Paradoxerweise profitiert der laut

„Forbes“-Liste 9,4 Milliarden Euro schwere

Geschäftsmann kurzfristig von der Krise:

Die Landeswährung Griwna ist in einem

Jahr um etwa ein Drittel gesunken, was seine

Exporte beflügelt.

Das gilt in erster Linie für das Iljitsch-

Werk in Mariupol, das mit 30000 Mitarbeitern

neben dem schwächelnden Binnenmarkt

nach Europa und Südostasien liefert.

Dabei ist die 20 Kilometer lange Megafabrik

ineffizient: ThyssenKrupp kocht mit

der gleichen Manpower im Jahr 15 Millionen

Tonnen Rohstahl, die Ukrainer vier.

Achmetow investiert nun eifrig in die

Modernisierung: Mit moderneren Produktionsverfahren

konnte das Iljitsch-Stahlwerk

die Herstellungskosten im ersten

Quartal um 54 Millionen Dollar senken.

2015 sollen moderne Gasreiniger in die

Hochöfen eingebaut werden, wohl aus

deutscher Produktion. Endlich geht Achmetow

gegen die Luftverschmutzung vor.

Wobei der braune Qualm über Mariupol

ja für die Menschen dort ein gutes Zeichen

ist: Solange die Schlote rauchen,

muss sich niemand um den Job sorgen.

Hoffentlich.

n

florian.willershausen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 55

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Unternehmen&Märkte

Bierbrauende

Bankermilliardäre

AB INBEV | Beim Großsponsor der Fußballweltmeisterschaft ist die Bierherstellung eher

Nebensache. Die Manager betrachten den weltgrößten Braukonzern als Investmentbank

und Profitmaschine. Die Aktionäre jubeln, Biertrinkern stößt der Kurs übel auf.

Wenn Ronaldo Luís Nazário

de Lima, kurz: Ronaldo,

ein Tor schoss, dann feierte

er das immer, indem er

den Zeigefinger in die Luft

streckte. „Mais um“ sollte das heißen, zu

Deutsch: „Noch eins“.

Der Fingerzeig des Fußballstars, nicht zu

verwechseln mit Cristiano Ronaldo von

Real Madrid, war für die Marketingstrategen

der brasilianischen Brauerei Brahma

die Vorlage – und für die Bierwelt der Beginn

einer neuen Zeitrechnung. In Brasiliens

Kneipen reicht es heute, den Zeigefinger

zu heben, und schon bringt der Kellner

das nächste Bier. Und die Werbekampagne

mit Ronaldo wurde zur Initialzündung für

eine einzigartige Erfolgsgeschichte.

Denn die Brauerei mit dem Zeigefinger

heißt heute nicht mehr Brahma, sondern

AB InBev. Und aus dem heruntergewirtschafteten

Familienunternehmen von vor

25 Jahren wurde nach Übernahmen und

Fusionen ein beinhart geführtes brasilianisch-belgisch-nordamerikanisches

Konzerngebilde:

weltgrößter Bierproduzent,

weltgrößter Getränkekonzern, fünftgrößter

Lebensmittelhersteller – mit berühmten

Marken wie Beck’s (Deutschland), Bass

(England) und Budweiser (USA). Und als

wolle er überschäumen, versucht der

Branchenprimus jetzt auch noch, sich an

der Fußball-WM zu berauschen, die in

zwei Wochen startet.

Mit Budweiser als offiziellem Fifa-Sponsor

will AB InBev während der Spiele so

viel Bier in die Kehlen der Zuschauer spülen

wie noch keine Brauerei bei einem

Weltkickturnier zuvor. Für den Giganten

vom Amazonas setzte der Weltfußballverband

Fifa eigens das Verbot des Bierausschanks

in den Stadien außer Kraft. Auch

im Umkreis von zwei Kilometern um die

Spielstätten herum darf nur Budweiser von

AB InBev verkauft werden. Und wer außerhalb

der Bannmeile ein Kühles zischt,

kommt an AB InBev sowieso kaum vorbei.

Ob Brahma, Skol oder Antarctica – fast alle

gängigen Biermarken in Brasilien gehören

längst zu AB InBev.

Ist die kommende Fußballpartie nur der

Vorgeschmack auf noch mehr Malz, Macht

und Moneten? Macht der Gigant bald ein

noch größeres Fass auf ? Oder droht nach

dem Finale am 13. Juli im Maracanã-Stadion

in Rio de Janeiro eher der Kater?

Fest steht: Noch braut kein großer Hersteller

auf der Welt Bier mit solch einer

Rendite. Von jedem Dollar, der in die Konzernkassen

von AB InBev fließt, blieben im

ersten Quartal 2014 sagenhafte 36 Cent Gewinn

vor Abschreibungen und Steuern.

Seine Marktmacht erlaubt AB InBev, auch

bei schrumpfenden Umsätzen wie 2013

den Profit zu steigern, weil der Marktführer

Preiserhöhungen durchsetzen kann. Der

britische Konkurrent SAB Miller, Nummer

zwei weltweit, produziert nur rund halb so

viel Bier und verzeichnete in den zwölf Monaten

bis März 2014 eine Gewinnmarge

von 23 Prozent vor Steuern und Abschreibungen,

gegenüber 39 Prozent bei InBev

im ganzen Jahr 2013.

AUFSTAND DER TRINKER

Unübersehbar ist aber auch: Die rigorose

Profitmaximierung erregt Unmut bei vielen

Kunden. Wer in Internet-Suchmaschinen

„AB InBev“ in Kombination mit

Schimpfworten in verschiedenen Sprachen

eingibt, kann sich vor Einträgen

kaum retten. Besonders empört sind Biertrinker

aus Regionen mit jahrhundertelanger

Brautradition wie Deutschland, England,

Belgien oder den USA.

So verkauft AB InBev in den USA Beck’s

Bier, das nicht nach dem Deutschen

»

Prosit auf den Profit Die weltweit wichtigsten Marken des Bier-Imperiums von AB InBev.

56 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Weniger Bierdurst

Absatz von Bier in Deutschland (in Millionen Hektoliter)

106,8

104,0

102,9

100,0

98,4

96,3

96,5

94,6

2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012

2013

Deutschlands größte Brauer

Gesamtabsatz 2013 (in Tausend Hektoliter)

11 200

7400

6900 6800

5600

Radeberger

Gruppe

(Radeberger,

Schöfferhofer,

Jever)

Quelle: Statista, eigene Recherche

AB InBev

Deutschland

(Beck’s,Diebels,

Löwenbräu)

Biertrinker-Nationen der Welt

Bitburger

Braugruppe

(Bitburger,

Wernesgrüner,

König Pilsener)

Rest

Oettinger

Brauerei

(Oettinger)

Dominante Multis

Marktanteile der größten Bierkonzerne

Grupo Modelo 2,8%

5,1%

Krombacher

Brauerei

(Krombacher,

Eichener,

Rhenania Alt)

19,4% AB InBev

9,3%

7,9%

6,2%

China Resources Breweries

3,5% Tsingtao Brewery Group

SAB Miller

Heineken

Carlsberg

ILLUSTRATION: DMITRI BROIDO; FOTOS: GETTY IMAGES/PHOTOLIBRARY, MAURITIUS, FOOLIA, GETTY/VLADIMIR BLINOV, IMAGES, PR, PICTURE-ALLIANCE/DPA

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 57

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Unternehmen&Märkte

»

Reinheitsgebot von 1516 gebraut wird.

Auch geschmacklich soll sich die Abfüllung

in den grünen Flaschen mit dem silbergrauen

Etikett vom Original aus Bremen

unterscheiden, monieren Kenner. In

England reduzierte der Konzern unter dem

Protest der Boulevardpresse über Nacht

den Alkoholgehalt seiner Biere, um Steuern

zu sparen.

Zudem stößt der interkontinentale Konzern

in den Industrieländern an Grenzen

des Wachstums. In den reifen Märkten stagniert

der Bierkonsum bestenfalls. Immer

mehr junge Menschen trinken lieber Mineralwasser,

gesündere Säfte, härtere Schnäpse

oder aufputschende Koffein-Drinks.

Auch bevorzugen Bierfans zunehmend

regional gebraute Sorten („Craft Beer“).

Zwar kaufte AB InBev lokale Hersteller wie

Goose Island in Chicago auf, um deren

Marken über das konzerneigene Vertriebsnetz

als Premiumgetränk zu verkaufen.

Doch reicht das, um anspruchsvolle wie

misstrauische Kunden in den Industrieländern

bei der Stange zu halten? Selbst das

Management des Bierkonzerns räumt ein,

dass es vermutlich länger dauern werde,

bis die Stammmarken in den etablierten

Märkten wieder wachsen werden.

VOM BANKER ZUM BRAUER

Den Aufstieg zur weltgrößten Biermacht

mit 40 Milliarden Dollar Umsatz 2013 und

einem Ausstoß von 352 Millionen Hektoliter

Bier, fast 30-mal so viel wie die größte

deutsche Biergruppe Radeberger, verdankt

AB InBev gewiss keinem Reinheitsgebot

und keiner besonderen Brauexpertise. Der

Erfolg beruht vielmehr auf einem Feldzug

gegen die Konkurrenz, wie ihn nur Investmentbanker

aushecken – gepaart mit eiskalter

Kostenrechnung bar aller Sentimentalitäten

des jahrhundertealten Gewerbes.

Der Vater der Gigantomanie ist Jorge Paulo

Lemann, ein brasilianischer Investmentbanker

mit Schweizer Pass. Als der heute

74-Jährige 1989 die Brahma-Brauerei in Rio

de Janeiro für 60 Millionen Dollar kaufte,

wunderten sich seine Kollegen. „Vom Banker

zum Brauer?“, fragten sie Lemann verblüfft.

Der ehemalige brasilianische Davis-

Cup-Tennisspieler hatte an der US-Elite-

Universität Harvard studiert und nach dem

Vorbild von Goldman Sachs in den USA in

seinem Heimatland eine Investmentbank

namens Banco Garantia aufgebaut. Mindestens

so erstaunt wie die Finanz- war die

Bierzunft, dass mit dem Investmentbanker

gleichzeitig ein Asket, der keinen Tropfen

Alkohol trinkt, zum Brauer avancierte.

Doch der enthaltsame Neubrauer hatte

beobachtet, dass die reichsten Unternehmerclans

in Nachbarländern wie Kolumbien,

Venezuela, Argentinien und Mexiko

durch Bier zu ihrem Vermögen gekommen

waren. „Das können nicht alle Genies sein“,

überzeugte Lemann seine Partner bei Garantia.

„Bier in den Tropen scheint ein lukratives

Geschäft zu sein.“

Mit dieser Intention gingen Lemann

und seine Firmenjäger ans Werk. Zuerst

Vater der

Gigantomanie

Investmentbanker

Lemann schuf

den Biermulti

übernahmen sie mithilfe der Brahma-

Brauerei den brasilianischen Konkurrenten

Antarctica und fusionierten die beiden

Unternehmen zu Ambev. Dadurch entstand

der größte Brau- und Getränkekonzern

Lateinamerikas. Ambev wiederum

brachten die Lemann-Leute fünf Jahre

später mit dem belgischen Brauereikonzern

Interbrew zusammen, der damaligen

Nummer zwei der Bierwelt, die sich zuvor

Beck’s, Diebels und Spaten einverleibt hatte.

Sie tauften die neue Großbrauerei In-

Bev und schnappten sich vier Jahre später

Anheuser-Busch, den führenden Bierbrauer

der USA. Zusammen mit den Initialen

des US-Riesen nannten sie den Konzern

fortan AB InBev.

Die Großübernahmen sorgten dafür,

dass heute knapp die Hälfte des Biers weltweit

aus einem Kessel von AB InBev

stammt. In Lateinamerika kontrolliert der

Konzern die Märkte monopolartig. In den

USA ist er Marktführer, in Russland die

Nummer zwei, in China auf Platz drei und

in Deutschland hinter der Oetker-Tochter

Radeberger die zweitgrößte Braugruppe

mit Marken wie Beck’s, Hasseröder oder

Löwenbräu (siehe Kasten). Unter den 200

Biersorten des Konzerns sind weltweite

Massenmarken wie Budweiser aus den

USA (nicht zu verwechseln mit der tschechischen

Marke), Stella Artois aus Belgien

und Corona aus Mexiko, aber auch kleinere

Traditionsmarken wie Franziskaner aus

Deutschland oder Boddingtons aus England.

Die Investoren an der Wall Street sind

begeistert. Der Kurs der AB-InBev-Aktie

hat sich seit gut fünf Jahren fast versiebenfacht,

an der Börse ist der Konzern so viel

wert wie Coca-Cola.

Die Anleger jubeln über die Aktie aber

vor allem, weil die neuen Herren die einstige

Brahma-Brauerei zu etwas gemacht haben,

was heute ganz AB InBev verkörpert:

einen Brauereikonzern, der geführt wird

wie eine Investmentbank. Kosten sind Gift,

so heißt es in jedem Unternehmen. Bei AB

InBev bedeutet dies zum Beispiel: Braumeister,

die nach Gefühl den Gärprozess in

den Kesseln steuern, sind überflüssig,

ebenso Spezialisten, die stundenlang über

Hopfensorten fachsimpeln.

FOTOS: PR

58 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Aktien-Info AB InBev

ISINBE0003793107

700

600

500

Indexiert: seit 1.12.2008 (= 100)

AB InBev

400

300

200

100

SAB Miller

0

09 10 11 12 13 14

Umsatz (in Mrd. €)

Mitarbeiter

Präsent in ... Ländern

Bierausstoß(in Hektoliter)

Operatives Ergebnis (in Mrd. €)

Aktueller Börsenkurs

Börsenwert(in Mrd. €)

Kurs-Gewinn-Verhältnis

Dividendenrendite (in %)

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle: Thomson Reuters, Bloomberg

AB InBev

32,5

154 587

25

425,9

10,7

81,23

130,6

20,94

1,99

SABMiller2

12,5

70 486

>75

244,8

3,3

40,82

65,6

21,15

2,1

1Geschäftsjahr zum 31.12.2013; 2Geschäftsjahr zum 31.3.2014

Hoch

Die Aktie von AB InBev ist in den vergangenen Jahren von

RekordzuRekordgeeilt. Die globale Markenpräsenz, hohe

Gewinnmargen und Wachstumspotenzial in den Schwellenländern

untermauerten die Entwicklung. Die Fußball-WM in

Brasilien könnte zusätzliche Kurs-Impulse bringen.

Brauchtum und Privilegien sind bei AB

InBev abgeschafft. Reservierte Parkplätze

für Direktoren gehören der Brahma-Zeit,

also der Vergangenheit, an. Bei Anheuser-

Busch fielen nur wenige Wochen nach der

Übernahme am damaligen Stammsitz in

St. Louis im US-Bundesstaat Missouri die

zwei Kästen Freibier für jeden Mitarbeiter

weg. Die Flugzeugflotte für die Direktoren

gibt es nicht mehr, die Manager sitzen heute

in einem großen Raum und nicht mehr

in mahagonigetäfelten Büros.

Dabei predigt weder Investmentbanker

Lemann noch ein anderer der AB-InBev-

Top-Manager Wasser und trinkt Bier. Anheuser-Busch-Chef

Carlos Brito etwa fährt

am neuen Sitz der Konzerntochter in New

York mit der U-Bahn ins Büro, sein Vorgänger

wählte noch den Hubschrauber. „Ich

brauche kein Freibier oder einen Dienstwagen

von meinem Arbeitgeber“, sagt er.

„Wenn ich ein Auto will oder einen Kasten

Bier, dann kaufe ich mir das.“

So sehr sich das Unternehmen gewandelt

hat, so konstant blieb es im Innern. Ob

die Investoren des Konzerns oder seine

Top-Manager – bis heute haben die gleichen

Brasilianer die Hand am Zapfhahn

wie bei der Brahma-Brauerei nach der

Übernahme.

Unter diesem Regime hat AB InBev trotz

der Probleme in den Industriestaaten – in

Deutschland entwickelt sich der Bierkonsum

sogar rückläufig (siehe Grafik Seite 57)

– wie kaum ein anderer Braukonzern weltweit

das Zeug, weiter zu wachsen. Denn

überall dort, wo die Pro-Kopf-Einkommen

steigen, leisten sich die Menschen zunächst

einmal mehr und teureres Bier. Das

ist in Asien und Lateinamerika so, aber

auch Afrika könnte ein wichtiger neuer Absatzmarkt

werden.

SCHONUNGSLOSE AUSWAHL

Das Know-how, diese Märkte zu erobern,

hat AB InBev perfektioniert, weil der Konzern

als Übernahme- und Profitmaschine

konstruiert ist, die eher nebenbei Bier produziert.

Die Manager könnten auch Supermarktketten

oder Fluggesellschaften aufkaufen,

umstrukturieren und auf Gewinnmaximierung

trimmen. Sie sind in der Lage,

stundenlang über das Geschäft zu reden,

ohne ein Wort über Hopfen, Gerste

oder Malz zu verlieren.

Seit der Übernahme der Brahma-Brauerei

vor 25 Jahren wissen die InBevement-

Banker, dass sie nur expandieren können,

wenn sie höhere Renditen erzielen als ihre

Konkurrenten. Nur so konnten sie zunächst

die größere Antarctica in Brasilien und danach

den noch größeren Braukonzern Interbrew

in Belgien schlucken. Seither zeigen

sie, dass sie nicht nur Beteiligungsjäger,

sondern auch Konzernschmiede sind.

Als Erste bekamen dies die drei belgischen

Adelsfamilien Spoelberch, de Mevius

und van Damme zu spüren, die Eigentümer

von Interbrew waren. Als die Edelleute

mit den Brasilianern zusammengingen, sahen

sie darin eine „Fusion unter Gleichen“,

nicht zuletzt weil sie durch einen Aktientausch

die Mehrheit am neuen Bierrie-

»

AB INBEV DEUTSCHLAND

Brutal gerupft

Die hiesigen Marken des Biergiganten

verlieren dramatisch.

Eines kann der Biergigant AB InBev über

seine deutsche Marke Beck’s sagen: Die

Bremer Brauerei taucht bei den Strafzahlungen

der hiesigen Bierbranche in

Höhe von fast 340 Millionen Euro wegen

unerlaubter Preisabsprachen nicht in

den Schlagzeilen auf. Das liegt aber nur

daran, dass Beck’s zwar mitmachte, jedoch

als Kronzeuge auftrat und deshalb

ohne jede Geldbuße davonkam.

In die Pflege ihrer deutschen Marken

dürfte AB InBev die eingesparten Millionen

kaum gesteckt haben. Denn hierzulande

zählen die Brasilianer zu den größten

Verlierern. Laut der Marken-Hitliste

des Fachblattes „Inside“ verloren sowohl

Beck’s (minus sieben Prozent) als auch

Hasseröder (minus 12,5 Prozent) 2013

deutlich dramatischer an Produktionsvolumen

als der Biermarkt insgesamt.

IM HANDEL VERRAMSCHT

Zum hiesigen Bauchladen des Bierriesen

zählen auch die bayrischen Marken

Franziskaner, Spaten, Löwenbräu und

die Altbiermarke Diebels. Vor allem Hasseröder,

das ostdeutsche Bier mit dem

Auerhahn, wurde brutal gerupft. Nachdem

es über Jahre in Billigaktionen des

Handels verramscht worden war, drückte

das AB-InBev-Management im Februar

2013 eine Preiserhöhung durch. Statt für

7,99 oder 8,99 Euro taucht das Ost-Pils

nun immer häufiger mit einer Neun vor

dem Komma auf. Die Folge: Der Absatz

bricht ein. Gleichzeitig werden auch die

Marketingausgaben gekappt. So steckte

AB InBev von Januar bis September

2013 nur noch lausige 53 000 Euro in

klassische Werbung. Laut „Inside“ investierte

Marktführer Krombacher im gleichen

Zeitraum 886-mal so viel.

mario.brueck@wiwo.de

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 59

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Unternehmen&Märkte

»

sen AB InBev erhielten. Doch das Kalkül

ging nicht auf. Anders als bei den deutschen

Brauereien Beck’s, Diebels und

Franziskaner, welche die Belgier zuvor gekauft

hatten, erwarben sie mit der Aktienmehrheit

an dem Konkurrenten im fernen

Brasilien nicht einfach eine weitere Beteiligung

mit neuen Biermarken.

Im Gegenteil: Schon bald mussten die

Blaublütigen feststellten, dass nicht mehr

sie, sondern Lemanns Leute aus São Paulo

und Rio de Janeiro am Interbrew-Sitz im

belgischen Leuven das Sagen hatten: Bei

Finanzen, Einkauf, IT, Marktforschung,

Controlling sowie den Märkten Lateinamerika,

Nordamerika bis hin zu Belgien saßen

bald rund 30 brasilianische Manager an

den Schalthebeln und tun dies bis heute.

Die meisten sind zwischen Ende 20 und

Anfang 40 und entstammen einer Managementschule,

die Lemann und seine Mitstreiter

gegründet hatten; sie ist die beste

Brasiliens. Den Südamerikanern gelang es,

die Macht in Leuven zu erobern, weil die

Hälfte des Profits auf ihrem Kontinent erwirtschaftet

wird.

Wer heute bei AB InBev die Entscheidungen

trifft, zählt zur absoluten Manager-

Elite Lateinamerikas. Unter Bewerbern des

ganzen Kontinents siebt der Brauereikonzern

jährlich zwei bis drei Dutzend künftige

Führungskräfte aus. 2012 wurden von

74000 Kandidaten am Ende nur 24 genommen.

Das Traineeprogramm ist wegen des

hohen Wettbewerbs- und Leistungsdrucks

Fröhlich eingeschenkt AB-InBev-Chef Brito

darf sich über Boni in Höhe von insgesamt

288 Millionen Euro freuen

bei den Auszubildenden gefürchtet. Schonungslos

werden die Schwachen vorgeführt.

Wer die wöchentlichen Vorgaben

zweimal nicht erreicht, muss gehen.

„Wir brauchen risikobereite Menschen,

die mit uns wachsen wollen“, sagt Magim

Rodriguez, einer der Gründer des Traineeprogramms.

Seit 1990 haben nur 600 Trainees

das Programm geschafft. Zwei Drittel

von ihnen sitzen heute in Führungspositionen

des AB-InBev-Konzerns. Die Jobs sind

begehrt, wer die Ziele erreicht, wird mit

Gewinnbeteiligungen belohnt.

Experten schätzen, dass AB InBev bald

zu einer neuen großen Übernahme ausholt,

vermutlich in den USA. Denn dort absolvierte

Anheuser-Busch-Chef Brito sein

Meisterstück, das bis heute Thema in der

Branche ist. „Lieber August“, begann der

damals 45-Jährige im Mai 2008 einen öffentlichen

Brief an August A. Busch IV, den

Erben des US-amerikanischen Wettbewerbers

Anheuser-Busch.

Doch die artige Anrede war nur reine

Formsache. Denn Brito wollte Anheuser-

Busch übernehmen. Busch IV hatte den

Chefposten in vierter Generation angetreten,

obwohl sein damals 71-jähriger Vater

ihm den Job nie zugetraut hat. Das wusste

Brito und überzeugte schließlich die Aktionäre,

darunter die US-Investmentlegende

Warren Buffett. Als wichtigster Einzelaktionär

wusste der, dass die Brasilianer aus der

größten Brauerei der USA mehr machen

würden als der unfähige Nachfahr. Als die

Brasilianer für 52 Milliarden Dollar die Ikone

der US-Wirtschaft schluckten, nannte

der britische „Guardian“ Übervater Lemann

„Brewing Banking Brazilian Billionaire“

– brasilianischer, bierbrauender

Bankenmilliardär.

Wie viel Banker in ihnen steckt, zeigten

die Brauereijäger in der Finanzkrise

2008/09. Trotz größten Misstrauens im

Geldgewerbe hielten sie die Banken bei der

Stange, kein Institut zog sich aus der Finanzierung

der Übernahmen zurück. Im Gegenzug

senkten die AB-InBev-Manager bei

Anheuser-Busch in nur einem Jahr die Produktionskosten

um eine Milliarde Dollar.

Zudem nahmen sie durch den Verkauf des

brauereieigenen Freizeitparks „Busch Gardens“

sowie der Töchter im kriselnden Osteuropa

und China neun Milliarden Dollar

ein. In nur drei statt wie vorgesehen fünf

Jahren sind die Schulden unter das vorgegebene

Ziel des zweieinhalbfachen operativen

Gewinns gesunken.

ÜBERSCHÄUMENDER BONUS

Dafür bricht der neue Anheuser-Busch-

Chef Brito alle Rekorde. 2013 erhielt er 144

Millionen Euro Bonus, noch einmal die

gleiche Summe folgt 2019. Die 288 Millionen

Euro sind der höchste Bonus, den je

ein Vorstandschef erhalten hat. Und auch

Britos Kollegen schaufeln sich die Taschen

voll. Im vergangenen Jahr kassierten insgesamt

39 Top-Manager bei AB InBev zusammen

rund eine Milliarde Euro an Boni.

Doch ihr Erfolg macht die Manager bei

AB InBev auch zu Getriebenen, die ihre

Gewinne kaum noch so steigern können

wie in den zurückliegenden Jahren. Um

weiter zweistellig zu wachsen, bleibt ihnen

nur, immer wieder neue Konkurrenten zu

schlucken.

Das weiß auch Investorlegende Buffet.

„Es ist wahrscheinlich“, so das Orakel von

Oklahoma, „dass wir in Kürze bei einigen

ganz großen Deals wieder zusammenarbeiten

werden.“

n

alexander.busch@wiwo.de | São Paulo

FOTO: LAIF/REDUX/BEN BAKER

60 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

Die atemberaubende

Reise des Nathan Zhang

SPEZIAL INFRASTRUKTUR | Im Süden Chinas wachsen elf Millionenstädte zu einer Mega-

Metropole zusammen. Ein Vorbild für die Welt – oder Albtraum für die Menschen?

Die Decke ist niedrig, die Luft

stickig. Dicht an dicht warten

die Menschen im Bahnhof von

Guangzhou. Geschäftsleute mit

Laptops, Wanderarbeiterinnen

mit Plastiktüten voller Essen und Kleidung,

Studenten mit Hornbrillen, in Smartphones

vertieft. Nathan Zhang ist einer von ihnen.

Der 24-jährige Logistikmanager des Elektronikkonzerns

TCL war über das Wochenende

bei seiner Freundin Lily Wang. Jetzt wartet er

auf den Schnellzug nach Shenzhen, seinem

neuen Arbeitsplatz und Wohnort. Passagier

für Passagier zwängt sich durch die Ticketkontrolle.

Es ist Frühling, noch ist es nicht so

schwül wie im Sommer, aber die Feuchtigkeit

ist bereits spürbar. Schrittweise geht es

zum Bahnsteig. Zehn Minuten später rollt

Nathan aus der 14-Millionen-Stadt mit ihrem

Mix aus futuristischen Wolkenkratzern

und engen, aus den Neunzigerjahren

stammenden Bauten für die Zugezogenen.

Die 100 Kilometer lange Zugfahrt im subtropischen

Südosten Chinas führt durch eine

der produktivsten Regionen der Welt.

Ihre Wirtschaftsleistung ist mit rund 1030

Milliarden Dollar fast so groß wie die von

ganz Südkorea. Zugleich ist es eine Exkursion

in das weltweit ehrgeizigste Urbanisierungsprojekt:Hier

im Perlflussdelta entsteht

die größte Metropole der Welt.

Bis 2020 sollen elf Millionenstädte weitgehend

zusammenwachsen: Guangzhou,

Zhongshan, Zhaoqing, Foshan, Dongguan,

Zhuhai, Shenzhen, Huizhou, Jiangmen,

Hongkong und Macao (siehe Grafik

Seite 64). 60 Millionen Menschen – fast so

viele, wie Großbritannien Einwohner hat –

werden dann in dem Ballungsraum leben;

auf einer Fläche gerade so groß

wie Niedersachsen. Die meisten

von ihnen sind Zugezogene wie

Nathan.

Es ist ein Kraftakt sondergleichen

und so etwas wie die Blaupause

für die Zukunft auf der Erde.

Denn im Perlflussdelta vollzieht

sich, wie im Zeitraffer, der wichtigste

Siedlungstrend unserer Zeit:

Die millionenfache Wanderung der Menschen

in die Ballungsräume, in denen, global

betrachtet, seit 2010 mehr Menschen leben

als auf dem Land. 2050 werden nach Hochrechnungen

der Vereinten Nationen 70 Prozent

der Weltbevölkerung in Städten wohnen.

In China ist es wohl schon 2030 so weit.

In China begann der Umbruch in den

Achtzigerjahren. 1980 lebten weniger als 30

Prozent der Menschen in Städten. Dann siedelte

die Regierung mehr als 300 Millionen

von ihnen um. Heute haben Peking und

Shanghai je mehr als 20 Millionen Einwohner.

Landesweit gibt es 171 Städte mit mehr

als einer Million Einwohnern.

Sogder Städte

Binnen 100 Jahren dreht sich die Einwohnerverteilung

von Land zu Stadt komplett um

(in Prozent der Weltbevölkerung)

80

60

40

20

Stadtbewohner

1950

*Prognose; Quelle: UN

Landbewohner

2010 2050*

Interaktiv

In der App-

Ausgabe sehen

Sie Satellitenfotos

der Perlflussregion

aus zwei

Jahrzehnten

Die Entwicklung stellt die Politik

vor immense, infrastrukturelle Herausforderungen:

Ob Wohnungsnot

oder Verkehrssteuerung, Energieerzeugung,

Wasserversorgung

oder Abfallbeseitigung – mit der

urbanen Bevölkerungsexplosion

wachsen die Aufgaben der Stadtplaner

ins Gigantische. Auch gesellschaftlich

ist eine enorme Integrationsleistung

nötig: Die meisten Menschen

kommen aus der Provinz, es gibt

kaum gewachsene Nachbarschaften.

DRÄNGENDE UMWELTPROBLEME

Damit wird das Projekt am Perlfluss zum

größten denkbaren Experiment, wie sich

Urbanisierung sozial- und umweltverträglich

organisieren lässt. Günstigstenfalls

wird Chinas Mega-Metropole zum Vorbild

für die Ballungsräume der Welt – oder zum

Albtraum für die Einwohner.

„Was definitiv gelungen ist: in relativ

kurzer Zeit Wohnraum für Millionen von

Menschen zu schaffen“, sagt Werner Breitung.

Der aus Deutschland stammende

Professor für Stadtentwicklung an der Xi’an

Jiaotong-Liverpool University in Suzhou

forscht seit fast 20 Jahren im Perlflussdelta.

Anders als in Indien oder Afrika leben

die neuen Stadtbewohner nicht in Slums.

Denn erst war die Nachfrage nach Arbeit

da, dann zogen die Menschen in die Städte

– nicht umgekehrt. Lange sei es gesellschaftlicher

Konsens gewesen, Umwelt

und Gesundheit auf Kosten von Wachstum

und Entwicklung zurückzustellen, sagt

Breitung. Jetzt würden die Umweltprobleme

dringlicher: „Das wird die Region in

den nächsten Jahren beschäftigen.“

FOTO: EGILL BJARKI JONSSON FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

62 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Pendler am Perlfluss Millionen von

Migranten ziehen vom Land in Metropolen

wie Shenzhen – einer von ihnen ist der

24-jährige Logistiker Nathan Zhang

Links und rechts erheben sich anfangs noch

die Hochhäuser von Guangzhou. Erst nach

zehn Minuten Fahrt ändert sich das Bild:

Die Häuser werden niedriger und spärlicher.

Palmen und Bananenstauden tauchen

auf. Nathan stammt eigentlich aus

Yinchuan, der Hauptstadt der Provinz

Ningxia. Das liegt 2500 Kilometer nordwestlich

von seinem jetzigen Wohnort.

Guangzhou, das 2000 Jahre alte Kanton, ist

Hauptstadt der Provinz Guangdong und so

etwas wie der Kopf der Region. „In China

schlägt das Herz der Weltwirtschaft, und

im Perlflussdelta ist das Wirtschaftszentrum

Chinas“, schwärmt Levent Akdeniz.

Der 40-jährige Türke gestaltet mit seiner

Firma Delvento Home in Guangzhou Hotels

und Restaurants. Tische und andere

Möbelstücke lässt er flussabwärts in den

Fabriken von Dongguan produzieren.

Die Region ist als Werkbank der Welt bekannt.

Noch immer stammen 30 Prozent

der chinesischen Exporte aus der Provinz.

Doch durch die Weltwirtschaftskrise und

das Umlenken der Staatsführung hin zu

mehr Binnenkonsum wandelt sich die

Wirtschaftsstruktur. Viele der Tausenden

Textilfabrikanten, für die Billigarbeiter

Turnschuhe und T-Shirts nähten, sind in

billigere Länder wie Vietnam abgewandert.

Die elf Städte haben sich spezialisiert.

Shenzhen ist Sitz großer Elektronikkonzerne

wie Huawei, ZTE und auch TCL, Nathan

Zhangs Arbeitgeber. Hongkong ist Asiens

Finanzzentrum. In Huizhou werden Elektronikteile

gefertigt. Volkswagen produziert

in Foshan jährlich 300 000 Autos. In den Casinos

von Macao wird heute siebenmal

»

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 63

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Technik&Wissen

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mehr Geld umgesetzt als in Las Vegas.

Zhuhai, bei Macao gelegen, soll Rentnerparadies

für reiche Hongkonger werden.

„Der Erfolg der Region beruht auf diesem

Clusterprinzip“, sagt Stefan Kracht

vom Hongkonger Büro der Unternehmensberatung

Fiducia. „Mittlerweile sind

so dichte Netzwerke entstanden, die Sie so

nirgendwo anders auf der Welt finden.“

Im kommenden Jahrzehnt soll sich die

Wirtschaftsleistung der Region verdoppeln

und mit rund 2000 Milliarden Euro etwa

der Frankreichs entsprechen. „Die Lohnkosten

sind zuletzt zwar stark gestiegen,

doch die kurzen Lieferketten und die gute

Verkehrsinfrastruktur kompensieren das“,

erläutert Oliver Regner von der deutschen

Auslandshandelskammer in Guangzhou.

Nach 20 Minuten Fahrt hält Nathans Zug

zum ersten Mal. Der Stopp in Dongchong,

einem Vorort von Guangzhou dauert nur

ein paar Augenblicke. Kurz darauf überquert

der Zug den Perlfluss, eine gewaltige,

gelbe, zäh fließende Brühe, der etwas weiter

südlich ins Meer mündet. Der Weg nach

Shenzhen führt über das Ostufer des Deltas.

Nächster Halt, weitere 20 Minuten später,

ist die Fabrikstadt Dongguan.

Kontinent der Giganten

Sieben der zehn größten Städte

der Welt werden 2025 in Asien liegen

(Einwohner in Millionen)

Rang

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Mega-Metropole

Perlfluss-City

Tokio

Delhi

Shanghai

Mumbai

Mexico City

New York/Newark USA

São Paulo

Dhaka

Peking

Land

China

Japan

Indien

China

Indien

Mexiko

Brasilien

Quelle: UN, eigene Berechnungen

Bangladesch

China

Bevölkerung

60,0

38,7

32,9

28,4

26,6

24,6

23,6

23,3

22,9

22,6

Wenn Eric Xie vom Guangzhou-Investment-Büro

über die Verkehrsinfrastruktur

im Delta spricht, gerät er ins Schwärmen.

„Das U-Bahn-Netz von Guangzhou misst

schon 300 Kilometer, weitere 300 sind im

Bau“, sagt er. 4,5 Millionen Menschen befördert

die U-Bahn täglich. „Schon heute

sind die Städte Foshan und Dongguan darüber

mit der Provinzhauptstadt verbunden.“

Weitere folgen. 2020 soll ein komplettes

City-Train-Netz alle Städte verknüpfen,

sollen die Hauptbahnhöfe aller elf Großstädte

im Delta nur noch je eine Schnellzug-Stunde

voneinander entfernt sein.

Die Region ist zudem Teil von Chinas

Hochgeschwindigkeitsnetz. Seit 2012 verbindet

der Schnellzug Jinggang PDL – benannt

nach den Endpunkten der Strecke –

mit Tempo 300 die knapp 2300 Kilometer

entfernten Städte Peking und Guangzhou

in weniger als acht Stunden Fahrzeit. Noch

dieses Jahr wird eine Schnellbahn von der

Provinzhauptstadt nach Nanning an der

Grenze zu Vietnam führen. „Damit wird

die Stadt Knotenpunkt für den Südosten“,

sagt Xie. Rund 220 Milliarden Euro will

China in die Infrastruktur investieren.

Bald soll zudem ein Hubschrauberdienst

die Großflughäfen von Guangzhou, Shenzhen

und Hongkong verbinden. Der werde

sich zwar nur an sehr wohlhabende Leute

richten, aber davon gebe es viele, versichert

Xie. Noch aber ist der Luftraum für

das Militär reserviert. Insgesamt sollen an

den Airports 2020 pro Jahr 150 Millionen

Passagiere abfliegen.

Voraussichtlich 2016 soll außerdem die

neue Hongkong-Zhuhai-Macao-Brücke

Milliarden für Millionen

Ende dieses Jahrzehnts sollen am Perlflussdelta knapp

60 Millionen Menschen leben. Fürden Aufbau der

nötigen Infrastruktur investiertder chinesische Staat

umgerechnet rund 200 Milliarden Euro

Stadtfläche 2010

Ballungsraum 2020

Bevölkerung aktuell

(in Millionen)

Bevölkerung 2020

(in Millionen)

Seehafen

Flughafen

Strasse

Eisenbahnlinie

4,4

4,9

Zhaoqing

5,4

Foshan

7,7

3,8 4,8

Jiangmen

14,8

11,7

Guangzhou

2,4

3,9

Zhongshan

10,3

6,4

Dongguan

Perlflussdelta

5,8

3,9

Huizhou

13,6

8,9

Shenzhen

7,2 7,3

CHINA

Provinz

Guangdong

Ausschnitt

1,5 1,8

0,5 0,6

Zhuhai

Macao

Neubauprojekt

Hongkong-

Macao-Brücke

Hongkong

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S ü d c h i n e

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64 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: ANDI ANDREAS, CORBIS/IMAGINECHINA

die Sonderverwaltungszonen auf beiden

Seiten des Perlflussdeltas verbinden. Das

geschätzt rund elf Milliarden Dollar teure

Infrastrukturprojekt wird Brückenbauwerke,

künstliche Inseln und Straßentunnel

kombinieren und mehr als 35 Kilometer

überspannen – als längste Brücke

der Welt.

„Wie hier Wasser, Schiene, Luft und Straße

vernetzt werden, finden Sie weltweit

kein zweites Mal“, sagt Rainer Hirsch, Leiter

der Niederlassung des deutschen Unternehmens

Herrenknecht in Guangzhou.

Die Tunnelbaumaschinen des badischen

Mittelständlers bohren in Hongkong an

der größten Baustelle der Welt. Allein auf

dem Gebiet der ehemaligen Kronkolonie

entstehen 26 Kilometer Schnellbahntunnel

für die Expressverbindung nach Shenzhen,

die sich ab 2017 an die Strecke nach

Peking anschließt.

Nahe der Provinzhauptstadt fertigt Herrenberg

die Riesenbohrer für die Region.

Mehr als 100 von ihnen kamen in den vergangenen

Jahren im Delta zum Einsatz. Als

nächstes großes Geschäft wittert Manager

Hirsch den Bau von Abwassertunneln:

„Die haben in Guangzhou teils weniger als

60 Zentimeter Durchmesser“, sagt er. Denkbar

sei, sie auf mehr als 4,50 Meter zu vergrößern.

Heute ist die Sicht klar. Normal ist das

nicht. „Die Luftverschmutzung macht mir

am meisten Sorgen“, sagt Nathan. An

schlechten Tagen kratzt es den Basketballspieler

im Hals, die Augen tränen. Die Luft

ist dann trüb und schmeckt sauer, Sport

lässt er lieber. 5000 Yuan, umgerechnet 600

Euro, verdient Nathan – doppelt so viel wie

Bauboom zu Lande und zu Wasser Riesige

Brücken- und Tunnelbauten (unten) verbinden

Hongkong (oben) mit Macao und den

anderen Millionenstädten im Perlflussdelta

die meisten Fabrikarbeiter. Ein Auto zu

kaufen, ist noch unrealistisch. Aber er hat

Pläne. „Erst eine Wohnung, dann ein Auto,

am besten einen Audi“, sagt er.

Bei Chinas neuer Mittelschicht steht ein

Auto nicht nur für Mobilität, sondern auch

für Status. Seit einigen Jahren sind Benzinmotorräder

verboten, heute sind Elektroroller

das Fortbewegungsmittel für alle, die

sich kein Auto leisten können. Hauptverursacher

des Smogs sind ohnehin nicht die

Autos, sondern die alten Kohlekraftwerke,

die – auch – den Strom für die Elektroroller

produzieren. Zwar liefert ein Wasserkraftwerk

aus der Provinz Yunnan Energie für

fünf Millionen Haushalte über eine innovative,

1400 Kilometer lange Hochspannungs-Gleichstromleitung,

die Siemens

gebaut hat. Zugleich aber sind elf Kohlekraftwerke

im Bau, weitere elf in Planung.

Laut Greenpeace sind die 96 Kraftwerke in

der Region für mehr als 3600 Todesfälle im

Jahr verantwortlich.

Die Region leidet unter den für die

Atemwege gefährlichen Feinstaubpartikeln

– auch wenn Spitzenwerte von bis zu

500 Mikrogramm pro Kubikmeter wie in

Peking selten erreicht werden. Aber Werte

bis 120 sind normal. Der Grenzwert der

Weltgesundheitsorganisation liegt bei 25.

Noch schlimmer steht es um das Wasser:

Jahrelang flossen Tonnen Abwässer ungefiltert

ins Delta, allein 2012 zehn Milliarden

Tonnen. 30 Prozent der Flüsse gelten als

extrem verschmutzt. Spätestens 2020, warnen

Umweltschützer, werde das Delta unter

Wasserknappheit leiden. Nicht weil zu

wenig Wasser da wäre, sondern weil das

vorhandene zu verdreckt sein wird. Immer

häufiger sind die Umweltschäden nun Anlass

für Proteste der Bevölkerung.

HOCHHÄUSER ALS KLÄRWERKE

Dabei fehlt es nicht an ehrgeizigen Projekten:

Stephen Al von der Hong-Kong-University

etwa setzt auf den Wegfall der Grenzen

zu Hongkong und Macao 2047. Dann

könnte ein Abwassersystem das Perlflussdelta

ähnlich wie das Elektrizitätsnetz umspannen.

Auf die Hongkong-Macao-Brücke

ließe sich eine riesige Entsalzungsanlage

montieren, die Trinkwasser für die Region

liefert. Und in den Hochhäusern könnten

vertikale Wasserkreisläufe entstehen:

Das durch die Bewohner benutzte Wasser

wird aufs Dach gepumpt, um Gärten zu bewässern

und durchläuft auf dem Weg nach

unten mehrere Filterstufen. All das aber ist

noch Zukunftsmusik.

»

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 65

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Technik&Wissen

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Auf der letzten Etappe wird die Aussicht

monoton: Hochhaus an Hochhaus – 30, 40,

50 Stockwerke hoch. Selbst Wohnblocks, die

an westliche Mehrfamilienhäuser erinnern,

haben 15 bis 20 Etagen. Dazwischen Palmen,

Bananenstauden und die Dächer der

Quartiere jener Wanderarbeiter, die die

Häuser in wenigen Monaten hochziehen.

Für ein Praktikum bei TCL zog Nathan

nach Guangzhou und lernte dort Lily kennen.

Kurz darauf nahm er am TCL-Hauptsitz

in Shenzhen einen Job an. Lily stammt

aus der benachbarten Vier-Millionen-Stadt

Huizhou. Die 24-Jährige spricht noch Kantonesisch,

die Sprache der Alteingesessenen

im Perlflussdelta. Heute ist sie damit inmitten

der Zuwanderer in der Minderheit.

Inzwischen schuften die Wanderarbeiter

längst nicht mehr nur auf dem Bau oder

wie menschliche Roboter an Fließbändern.

Viele arbeiten heute als Kellner, Taxifahrer

oder Händler. Sie wohnen nicht

mehr in Fabrikkasernen, sondern mieten

Wohnungen. Die Quartiere sind oft eng,

manche alt, aber keine Slums. Wer es sich

leisten kann, der zieht in einen Neubau.

Stadtbürger wird er dabei nicht. Denn

das sozialistische Meldesystem teilt die

Menschen in Stadt- und Landbewohner.

Wer in der Provinz geboren ist, kann Jahrzehnte

in einer Fabrik in Dongguan arbeiten,

er bleibt offiziell Bürger seines Dorfes.

Die Regelung half, den Zustrom der Menschen

zu steuern und Elendsviertel zu verhindern.

Als in der Wirtschaftskrise 2008

viele Fabriken schlossen, mussten Millionen

Arbeiter in ihre Dörfer zurückkehren.

Heute ist gut die Hälfte der Bewohner

der Region Einwohner zweiter Klasse.

Verkehrsnetz unter Tage In und um die

Provinzhauptstadt Guangzhou (oben), das

ehemalige Kanton, sind rund 300 Kilometer

an neuen U-Bahn-Strecken im Bau (unten)

Wer kein Stadtbürger ist, hat kein Recht

auf lokale Sozialleistungen, muss etwa

Schulgebühren selbst zahlen. Das zu ändern

würde nicht nur die kommunalen Finanzen

überlasten. Viele Einheimische

wollen ihre Privilegien nicht teilen. „Es

gibt Konflikte zwischen Einheimischen

und Zugezogenen“, sagt Experte Breitung,

„aber sie spielen sich meist unter der

Oberfläche ab.“

Nathan kommt in Shenzhen an. Der Bahnhof

ist hochmodern, wie fast alles hier. Nathan

geht zur U-Bahn, öffnet das Drehkreuz

mit seiner elektronischen Fahrkarte und

wartet. Auf Flachdisplays läuft Werbung

für Instant-Nudeln und Gesichtscreme. Die

Türen öffnen sich automatisch, hektisch

drängen Leute heraus und herein. Ein paar

Stationen, und er ist zu Hause.

Shenzhen ist als modernste Stadt des

Deltas so etwas wie der Prototyp für die Urbanisierung

der Region. Nur 20 000 Einwohner

hatte das Fischerdorf an der Grenze

zu Hongkong 1980. Heute leben hier elf

Millionen Menschen.

Zumindest optisch ist das Projekt größtenteils

geglückt. Palmenalleen verleihen

der Retortenstadt den Charme eines chinesischen

Miamis. Wohnanlagen aus 40-stöckigen

Gebäuden heißen „King’s Ville“

oder „Chevalier“. An den Eingängen stehen

romantisierende Pferdestatuen. Restaurants

servieren vermeintlich italienische

Gerichte – und reichen dazu Essstäbchen.

In Shekou, dem Hafenviertel, reihen sich

Boutiquen und Cafés im Schatten großer

Banyan-Bäume aneinander.

GÜTERVERKEHR UNTER DER ERDE

Doreen Liu schätzt die Errungenschaften

der neuen Infrastruktur. Die in den Sechzigern

in Guangzhou geborene Architektin hat

in den USA studiert und lebt heute in Shenzhen

und in Hongkong. In ihrer Kindheit dauerte

die Fahrt mit dem Schiff von Guangzhou

nach Zhongshan Stunden, erinnert

sie sich. Ihr Büro Node Design liegt an einer

kleinen Straße, die sich einen Hügel hinaufwindet.

Rechts wachsen Banyan-Bäume,

der Hibiskus blüht leuchtend rosa und rot.

Trotzdem will Liu die Stadt weiter verändern.

Heute belegen Personen- und Güterverkehr

fast die Hälfte der Fläche. Mit ihrem

Büro hat die Architektin ein Konzept

entwickelt, den Großteil des Güterverkehrs

unter die Erde zu verlagern. Die frei werdenden

Flächen könnten die Bewohner

nutzen. Noch aber scheitere der Umbau

zur menschenzentrierten Stadt am fehlen-

FOTOS: CORBIS/VIEWSTOCK, HERRENKNECHT AG

66 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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den Willen der Politiker. Die Architektin ist

frustriert: „Nachhaltigkeit hat kaum einer

im Blick“, sagt sie. Das gilt auch für die Masse

der Hochhäuser. Deren Lebensdauer

liege bei gerade einmal 20 Jahren, warnen

Fachleute. Was das für die Wohnungsbesitzer

bedeutet, ist vollkommen offen. „Vielleicht

muss alles abgerissen und neu gebaut

werden“, sagt Liu.

Schon jetzt ist klar, dass der Billigbau

enorm ins Geld geht: Chinesische Gebäude

verbrauchen zwei- bis dreimal so viel Energie

wie westliche. Mehr als ein Drittel des

Energieverbrauchs in China, so eine Studie

der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers,

verursachten Gebäude. Die

Regierung will nun mit einem Zertifizierungssystem

nachhaltige Häuser fördern.

Bisher aber entsprechen dem Nachhaltigkeitsstandard

erst vier Prozent der Gebäude.

Die durch Subventionen günstigen

Energiepreise entlasten zwar die ärmeren

Schichten. Doch Anreize, nachhaltig zu

bauen, wecken sie nicht.

Auch was das Zusammenwachsen der

Städte angeht, ist Architektin Liu skeptisch.

Macao, vor allem aber Hongkong hätten eine

liberale, demokratische, jahrzehntelang

»Vielleicht muss

alles abgerissen

und wieder neu

gebaut werden«

Doreen Liu, Architektin

gewachsene Kultur. Das Misstrauen gegenüber

dem Festland sei groß. Viele Hongkonger

fürchteten sich schon jetzt vor dem

Wegfall der Grenzen Mitte dieses Jahrhunderts

und dem Verlust der letzten Reste von

Autonomie.

Das lenkt den Blick auf eine der am

schwersten zu lösenden Aufgaben der geplanten

Urbanisierung: Geld kann Chinas

Regierung fast beliebig in die Infrastruktur

buttern. Doch damit Menschen wirklich

heimisch werden, muss mehr geschehen.

„Werte sind verloren gegangen, das Vakuum

wurde mit Materialismus gefüllt“, sagt

Doreen Liu. „Das hat zur Folge, dass sich

niemand wirklich zu Hause fühlt.“

Nathan, immerhin, ist seit ein paar Monaten

offizieller Einwohner der Stadt Shenzhen.

Sein Arbeitgeber hat ihm das begehrte

Bürgerrecht verschafft. Bald wird auch

Freundin Lily zu ihm ziehen. Die beiden

werden sich erst einmal Nathans kleine

Eineinhalb-Zimmer-Wohnung teilen, bis

die Freundin einen Job gefunden hat und

sie sich etwas Größeres leisten können.

Denn der junge Mann aus Nordwestchina

will die Kantonesin heiraten.

Doch dazu braucht er eine Eigentumswohnung.

Chinesische Eltern stimmen einer

Hochzeit meist nur zu, wenn der Schwiegersohn

in spe eine eigene Bleibe vorweisen

kann. Leicht wird das nicht, die Preise sind

seit Jahren kontinuierlich gestiegen. Eine

100-Quadratmeter-Wohnung kostet umgerechnet

rund 200 000 Euro. Bei umgerechnet

600 Euro Monatslohn ist das für Nathan

ohne Hilfe seiner Eltern unerschwinglich.

Woanders etwas Günstigeres zu suchen,

das will er nicht, wegen seines Jobs in

Shenzhen. Was ihm sonst hier gefällt? „Das

Wetter, in Shenzhen ist es immer warm“.

Und sonst?

„Nichts. Es gibt hier nichts Besonderes.“ n

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

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Technik&Wissen

Mehr Autarkie wagen

FOTOVOLTAIK | Ob Handy, Fassade oder Autodach – die Eigenversorgung

mit Sonnenenergie wird zur globalen Massenbewegung.

Kraftwerk mit Durchblick Solare Glasfassade im Lausanner Swiss Tech Kongresszentrum

Trägt jeder von uns künftig sein Kleinkraftwerk

direkt am Leib – eingewoben

in die Kleidung? Und lädt, sofern

er in der Sonne spaziert, mit ihm sein

Smartphone auf?

Wenn sich die Idee von Forschern der

Fudan- und der Tongji-Universität in

Shanghai bewährt, die sie jüngst in der angesehenen

Fachzeitschrift „Angewandte

Chemie“ vorgestellt haben, dann sind solche

textilen Solarzellen zum Anziehen

ganz nahe. Die Wissenschaftler haben ein

Gewebe aus dünnen Titandrähten und feinen

Fäden aus Nanoröhrchen entwickelt

und darin spezielle Farbstoffmoleküle eingelagert.

Einfallendes Licht regt diese an,

Strom zu produzieren. Eine Leuchtdiode

haben die chinesischen Forscher mit ihrer

Erfindung schon zum Glühen gebracht.

Ein Anfang.

Die Meldung aus China ist ein Beispiel

für einen globalen Trend. Mit raffinierten

Techniken verwandeln Entwickler überall

auf der Welt Gegenstände in solare Kraftwerke:

Autodächer, durchsichtige Hausfassaden,

Rucksäcke und Handys. Jetzt folgt

eben der Mensch. Die Eigenversorgung

mit billigem Solarstrom wird zur globalen

Massenbewegung.

Bei der in diesen Tagen stattfindenden

weltgrößten Solarmesse Intersolar in München

will die Branche noch eines beweisen:

Sonnenstrom ist auch ohne staatliche

Subvention wirtschaftlich. Er soll zur alltäglichen,

erschwinglichen Energiequelle

für jedermann werden – ob Hausbesitzer,

Mieter oder Nutzer elektrischer Geräte.

Wir stellen die wichtigsten Trends vor.

1. CHINA ÜBERHOLT ALLE

Dramatischer könnte sich der weltweite

Fotovoltaikmarkt kaum wandeln. Noch vor

zwei Jahren dominierten ihn deutsche Investoren.

Sie stellten hierzulande Anlagen

mit einer Leistung von 7600 Megawatt

(MW) auf – mehr als jedes andere Land.

Jetzt stürzt der einstige Primus auf Rang

vier ab. Künftig bestimmen Prognosen der

US-Marktforscher von IHS zufolge andere

die Entwicklung. China baut demnach dieses

Jahr mit Abstand am meisten zu: rund

13 400 MW. Aber auch Japan und die USA

überflügeln Deutschland, wo voraussichtlich

nur knapp 2800 MW ans Stromnetz gehen

(siehe Grafik Seite 70).

Insgesamt werden laut IHS auf allen fünf

Kontinenten 46 000 Megawatt Grünstrommodule

neu installiert. Das entspricht

rechnerisch der Leistung von rund 46 großen

Kohlekraftwerken. Fotovoltaik wird

zum Megageschäft.

Deutschlands solarer Absturz entbehrt

nicht einer gewissen Tragik. Denn ausgerechnet

in unseren von der Sonne wenig

verwöhnten Regionen reifte die junge

Technik dank der üppigen, staatlich garantierten

Einspeisevergütungen zur Blüte heran.

Hersteller aus aller Welt, allen voran

aus China, fanden hier genügend Absatz,

um ihren Systemen die Kinderkrankheiten

auszutreiben und sie über große Stückzahlen

und effizientere Produktionstechniken

massiv zu verbilligen.

Kostete die Kilowattstunde Solarstrom

anfangs noch 50 Cent und mehr, produzieren

heutige Spitzenmodule sie an ergiebigen

Standorten schon für weniger als zehn

Cent. In Kalifornien mitunter sogar für umgerechnet

weniger als fünf Cent.

Der Effekt: In immer mehr Ländern

schaffen Geschäfts- und Privatleute Solaranlagen

an, um den teureren Stromtarifen

der Energieversorger zu entgehen. Die steigenden

Stückzahlen werden die Preise für

die Fotovoltaiksysteme weiter sinken lassen

– der Solarboom nährt sich selbst.

2. SPEICHERSYSTEME BOOMEN

Solarstrom zu verkaufen wird in Deutschland

zum Auslaufmodell. Stattdessen nutzen

die Anlagenbesitzer ihn selbst, um ihren

Eigenbedarf zu decken. Für 54 Prozent

der Käufer einer Fotovoltaikanlage war der

Wunsch, autark zu werden, der wichtigste

Anreiz für die Investition. Das haben die

Experten des Bonner Marktforschungsunternehmens

EuPD Research in einer aktuellen

Befragung herausgefunden.

Da die Module bekanntermaßen nur unstet

Strom liefern – mittags oft mehr als benötigt,

nachts hingegen gar nichts – müssen

die Betreiber sich Batterien anschaffen,

um rund um die Uhr auf selbst erzeugte

Energie zurückgreifen zu können. Die waren

bisher aber viel zu teuer, um sie profitabel

betreiben zu können. Das ändert

»

FOTO: ANDREAS MENN

68 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

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sich gerade: Wachsende Stückzahlen

und ein anziehender Wettbewerb drücken

die Preise nach unten. Die billigsten Systeme

kosten rund 700 Euro je Kilowattstunde

Speicherkapazität. Vor zwei Jahren waren

es noch weit mehr als 2000 Euro. Zusätzlich

facht ein Förderprogramm der Bundesregierung

die Nachfrage an. Die EuPD-Analysten

schätzen, dass hierzulande 2020

schon gut 110 000 Akkus Sonnenstrom

sammeln – gegenüber rund 5000 Geräten

heute (siehe Grafik rechts).

Noch unabhängiger von fremder Energie

wird, wer mit einem Teil des Stroms

vom Dach eine Wärmepumpe betreibt, die

warmes Wasser für die Dusche und die

Heizung bereitstellt. Jetzt kommen intelligente

Energiemanagementsysteme auf

den Markt, die aus den Dachkraftwerken

das wirtschaftliche Optimum herausholen:

Erst versorgen sie Kühlschrank, Kaffeemaschine

und den Computer mit den selbst

produzierten Watt und Volt. Ist etwas übrig,

springt die Wärmepumpe an oder wird der

Akku gefüllt. Und nur wenn dieser voll ist,

fließen die Elektronen ins Stromnetz. Bis

zu 70 Prozent Energie-Autarkie sind auf

diese Weise drin, sagen Experten.

Klingt kompliziert. Weshalb sich die

meisten Käufer laut Thomas Olbrecht, Leiter

der EuPD-Marktforschung, Komplettlösungen

wünschen, die sie bequem über ihr

Smartphone bedienen können: „Die wollen

einfach, dass die Anlage funktioniert

und sich am Ende rechnet.“

3. AUCH MIETER STEIGEN EIN

Bisher profitierten nur Immobilienbesitzer

vom Fotovoltaikboom. Wer zur Miete

wohnt, zahlte hingegen drauf. Weit mehr

als 100 Milliarden Euro müssen die Stromkunden

– Stand heute – den Anlagenbetreiber

über die Umlage nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz

(EEG) überweisen.

Asiatische Sonnenoffensive

China und Japan installieren dieses Jahr fast

die Hälfte aller neuen Fotovoltaikanlagen*

China

*Prognose; Quelle: IHS

29%

20%

Japan

insgesamt:

46000

Megawatt

14 %

USA

24%

Restliche Welt 3% 6%

4% Deutschland

Indien Großbritannien

Sonnenschutz mit Mehrwert Biegsame

Solarmodule produzieren auf dem Segeltörn

Strom für das Bordnetz

Die Ungerechtigkeit soll ein Ende haben.

So wächst das Angebot an einfachen Fotovoltaikbausätzen,

die Mieter mit simplen

Halterungen selbst auf ihrem Balkon oder

an der Hauswand befestigen können. Rein

in die Steckdose – schon fließt der Strom.

Solarfix, Tochter des fränkischen Solarunternehmens

Belectric, ist ein Anbieter

solcher Systeme, deren

Boom der Kellerbatterien

Zahlder jährlich neu installierten Solar-

Speichersysteme in Deutschland bis 2020*

2013 14 15 16 17 18 19 20

*Prognose; Quelle: EuPD

In unseren App-

Ausgaben sehen

Sie, wie gedruckte

Solarzellen unseren

Alltag erobern

in Tausend

120

100

80

60

40

20

0

Video

Preise bei knapp 600 Euro je Modul

beginnen. Wer vier kauft, soll

immerhin die Stromkosten um

360 Euro im Jahr senken können,

verspricht das Unternehmen.

Der Hamburger Energiedienstleister

Care-Energy stellt Mietern

die Module jetzt sogar unentgeltlich

zur Verfügung. Er vermarktet den

Strom und gewährt im Gegenzug für die

Installation einen Rabatt von zwei Cent auf

den jeweiligen Tarif des Stromversorgers –

garantiert für ein Jahr.

Der große Wurf ist das noch nicht. Den

erhoffen sich einige Wohnungsbaugesellschaften

und Stromanbieter von Bürgerkraftwerken

auf den Dächern von Mietshäusern.

In Berlin-Hellersdorf, in Nußloch

bei Heidelberg und im sachsen-anhaltinischen

Thalheim starten solche Projekte.

Der Deal: Mietern, die den solaren Dachstrom

abnehmen, winken Nachlässe bei

den Stromtarifen. So werden auch sie zu

Gewinnern der Energiewende.

4. GRÜNSTROM AN JEDEM ORT

Bis dato werden die meisten Solarmodule

nachträglich auf Dächern montiert. Doch

mehr und mehr Architekten planen die

Technik bereits beim Bau von Gebäuden

ein – als Teil eines Glasdaches oder der Fassade.

Der Fotovoltaikhersteller Ertex Solar

aus Amstetten in Österreich etwa baut aus

Scheiben, in denen Solarzellen eingelassen

sind, Terrassendächer und Wintergärten.

Der Markt für solches Solarglas wird

laut den Marktforschern von Nanomarkets

bis 2019 auf 2,7 Milliarden Dollar wachsen.

Das Geschäft könnte in zwei bis drei Jahren

weiteren Schub erhalten, wenn sich

neuartige Solarzellen aus Farbstoffen und

organischem Material durchsetzen, die

sich auf Glas, Stahl oder Plastikfolien

drucken lassen. Der

Schweizer Anbieter Solaronix hat

aus Farbstoffzellen jüngst eine

Glasfassade im Swiss Tech Convention

Center in Lausanne gebaut.

Allerdings erzeugen die

bunten Zellen nur 2000 Kilowattstunden

im Jahr – genug für einen

Zweipersonenhaushalt.

Ein neues Material könnte die Energieausbeute

erheblich steigern: Solarzellen

aus Perowskiten – bestimmten Mineralien

– haben im Labor jüngst einen Wirkungsgrad

von 17,9 Prozent erreicht. Sie erzeugen

damit so viel Strom wie herkömmliche

Siliziumtechnik, die lichtempfindlichen

Schichten können aber 100-mal dünner

sein. Gelingt es den Forschern, daraus robuste

Module zu fertigen, dann ist Sonnenstrom

Schätzungen zufolge nur noch ein

Fünftel so teuer wie heute.

Billige, biegsame Solarzellen in Plastikfolien

könnten dann praktisch überall

Strom erzeugen: auf der Segeljacht, an der

Gartenlaube, im Autodach, im Laptop-Gehäuse.

Erste solche Kraftwerke sind schon

zu haben. Der Rosenheimer Faltboothersteller

Klepper bietet einen Elektroantrieb

für Kanus an, der Sonnenenergie nutzt.

Den Strom liefern zwei faltbare Solarmodule,

die sich auf dem Bootsrücken

festschnüren lassen. Scheint die Sonne mal

nicht, springt ein Akku ein.

n

dieter.duerand@wiwo.de, andreas menn

FOTO: PR

70 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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TECH TALK | Im Wochentakt versuchen Betrüger per

E-Mail, Kundendaten, Passwörter und PIN-Codes

zu stehlen. Fünf Tipps, wie Sie die Phishing-Attacken

erfolgreich abwehren. Von Thomas Kuhn

In der Zwickmühle

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Die Nachricht im Posteingang sah

echt aus. So echt, dass der Kollege

die Aufforderung sofort befolgte,

seine Zugangsdaten zum

iCloud-Konto bei Apple zu ändern. Dumm

nur: Die vermeintlich offizielle E-Mail erwies

sich beim zweiten Hinsehen als Fälschung.

Statt dem iPhone-Produzenten

hatte der Kollege seine geheimen Zugangsdaten

samt Passwort einer Phishing-

Seite anvertraut – dem Server von Web-

Wurm im Apfel Vermeintliche Apple-

Nachricht stammt von Betrügern

Betrügern. Die kaufen damit auf fremde

Kosten ein oder verschicken Spam.

Millionenfach schwappt die gefährliche

E-Post durch die Rechner; mal mit Phishing-Links,

mal mit Schnüffelprogrammen,

um Kreditkartennummern auszuspionieren.

Gerade erst warnten die Deutsche

Telekom und Vodafone vor gefälschten

Rechnungen mit getarnter Schadsoftware.

Es ist ein lukratives Geschäft. Laut BKA

summierten sich 2012 die gemeldeten

Schäden in Deutschland auf 14 Millionen

Euro. Die Dunkelziffer liegt aber weit höher,

weil die Betroffenen schweigen oder die

Manipulationen gar nicht bemerken. Anders

der betroffene Kollege, der sein Passwort

änderte, bevor die Hacker zuschlugen.

Sein Impuls, „solch einen Mist lösche ich

künftig ungelesen“, ist dennoch riskant.

Wer wie viele andere genervte Surfer diese

Taktik verfolgt, riskiert, ernst gemeinte Warnungen

zu übersehen. Die aber verschicken

Online-Dienste regelmäßig, um vor realen

Gefahren zu warnen. So forderte Ebay vergangene

Woche die Kunden auf, ihre Passwörter

zu ändern, weil Hacker millionenfach

Zugangsdaten gestohlen hatten.

„Wir stecken in einer Zwickmühle“, sagte

mir jüngst der Sicherheitsverantwortliche

eines Kommunikationskonzerns. „Die Kunden

wollen zwar sofort über Sicherheitslecks

informiert werden. Aber unsere Nachrichten

lesen sie nicht mehr.“

Statt zweifelhafte E-Mails pauschal zu löschen,

ist es besser, die Angreifer mithilfe

ihrer typischen Fehler zu enttarnen:

1. Sprache Logos und Layout kopieren Betrüger

aus realen E-Mails. Die Formulierung

der Texte aber überlassen sie oft schlechter

Software. Rechtschreibfehler im Betreff

oder Text verraten jeden Phisher.

2. Empfänger Prüfen Sie ob die E-Mail richtig

adressiert ist. Verdächtig ist, wenn die

Nachricht an ihre Büro-Adresse geht, obwohl

Sie mit der gar nicht beim entsprechen

Dienst (wie iCloud oder Dropbox) registriert

sind. Ebenso ein Unpersönliches

„Hallo, Ihr Konto ist in Gefahr“.

3. Absender Eine angebliche Apple-Nachricht

vom Absender xsl@honshu.co ist sicher

gefälscht. Doch auch glaubhaft wirkende

Adressen können in die Irre führen:

Wenn Betrüger Web-Links mithilfe optisch

ähnlicher Buchstaben imitieren, wird

www.apple.de (mit kleinem „l“) plötzlich zu

www.appIe.de (mit großem „I“) – und ein

Klick darauf führt auf eine Phishing-Seite.

4. Links Verweisen Links aus der E-Mail direkt

auf eine Web-Seite, auf der Sie Ihre

Nutzerdaten eingeben sollen, gilt Alarmstufe

Rot. Oft sind das getarnte Server, über

die Betrüger Kundendaten protokollieren.

Prüfen Sie daher in der Adresszeile Ihres

Browser, ob die Web-Adresse und der Name

des Online-Dienstes zusammenpassen.

5. Gegencheck Melden Sie sich bei dubiosen

E-Mails direkt über den Browser beim

betreffenden Dienst an, und prüfen Sie, ob

auch dort eine Warnung in Ihrem Nutzer-

Postfach liegt – wie das etwa Ebay gerade

gemacht hat. Ist das der Fall, können Sie

auch der E-Mail vertrauen.

In dem Sinne: Surfen Sie sicher.

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 71

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Management&Erfolg

Mate für Marcelo

START-UPS | Sie sind begehrt, hoch bezahlt und kaum zu kriegen: Fachkräfte wie Entwickler,

Programmierer und Ingenieure sind essenziell für den Erfolg junger Unternehmen.

Um sie zu finden und zu binden, müssen Gründer nicht nur viel Geld in die Hand

nehmen und politische Kontakte knüpfen – manchmal hilft auch ein gutes Frühstück.

Wenn Nenad Simic von seiner

Karriere erzählt, fällt

früher oder später der Begriff

Odyssee. Seinen Plan,

als Musiker Geld zu verdienen,

hatte er schon vor Jahren aufgegeben –

weil er davon kaum leben konnte. Auch

sein vor drei Jahren gegründetes Start-up

beerdigte der Mathematiker bald wieder –

ihm fehlte das nötige Businesswissen.

Stattdessen konzentriert sich der 36-Jährige

heute auf das, was er am besten kann:

Er programmiert Apps für Smartphones

und Tablet-PCs. Damit verdient

er mehr als mancher

Arzt oder Rechtsanwalt. Permanent

erhält er neue Jobangebote

und wechselt seine

Stellen wie andere Menschen

ihr Outfit. Allein in

den vergangenen drei Jahren

hat er bei einer Handvoll Berliner Internet-

Start-ups gearbeitet. Nicht er muss die Probezeit

überstehen – sondern sein Arbeitgeber.

„Wenn das Unternehmen schwächelt“,

sagt Simic, „dann ist es an der Zeit, sich

wieder umzuschauen.“

Fachkräfte wie Nenad Simic sind knapp

und begehrt, sie können sich ihre Jobs aussuchen.

Ohne sie geht in Internet-Unternehmen

nichts. Laut einer aktuellen Studie

der Wirtschaftsberatung EY klagt jedes

dritte Start-up in der Gründungsphase

über Fachkräftemangel; unter den etablierten

ist es sogar jedes zweite. Eine Umfrage

des Markt- und Meinungsforschungsinstituts

YouGov hat ergeben, dass jedes fünfte

deutsche IT-Unternehmen in den vergangenen

zwei Jahren Aufträge ablehnen

musste, weil Fachkräfte fehlten. Der Branchenverband

Bitkom meldete bereits vor

zwei Jahren, dass der Fachkräftemangel die

IT-Branche rund elf Milliarden Euro jährlich

koste, und zählte Ende 2013 rund

39 000 unbesetzte Stellen für IT-Experten.

„Der Mangel an Fachkräften ist für das

ganze Start-up-Ökosystem ein großes Problem“,

sagt Florian Nöll, Vorsitzender des

Bundesverbands Deutsche Start-ups. Auch

der Beirat Junge Digitale Wirtschaft beim

Bundeswirtschaftsministerium ist alarmiert

und fordert, mehr Fachkräfte auszubilden

– damit der Mangel an Spezialisten

nicht zum größten Standortnachteil

im Zeitalter der Digitalisierung

wird.

Denn das Problem kann

nicht nur Start-ups den Garaus

machen, bevor sie richtig

loslegen. Es bremst auch

wachsende Unternehmer

aus. Robert Freudenreich und Andrea

Pfundmeier etwa, die 2013 den WirtschaftsWoche-Gründerpreis

gewonnen

haben (siehe Kasten Seite 75). Ihnen wurde

jetzt ein Entwickler gezielt abgeworben

Klima statt Kohle

WasStart-ups tun, um Fachkräfte

zu finden und zu binden

Gutes Betriebsklima/

attraktives Arbeitsumfeld 84%

Finanzielle Boni

Anteile und Optionen

Hohes Grundgehalt

21%

36%

30%

Quelle: EY Start-up Barometer Deutschland 2014

(siehe Seite 76) – im Kampf um Talente keine

Seltenheit.

Und selbst etablierte und erfolgreiche

Unternehmen leiden unter dem Mangel,

wie Malte Siewert bestätigen kann: Er hat

2005 in Düsseldorf Trivago gegründet – ein

Internet-Portal für die Suche nach den besten

und günstigsten Hotels. Seitdem ging

es für das Unternehmen kontinuierlich

bergauf: Trivago setzte allein 2012 rund

100 Millionen Euro um und machte acht

Millionen Euro Gewinn. Rund 60 IT-Experten

hat Siewert derzeit an Bord, 14 weitere

würde er sofort einstellen – wenn er denn

geeignete Kandidaten hätte. „Zu keinem

Zeitpunkt seit unserer Gründung hatten

wir genug Entwickler“, sagt Siewert, „manche

Projekte haben deswegen eineinhalb

Jahre länger gedauert als geplant.“

BUHLEN UM DIE KANDIDATEN

Ivo Betke will Unternehmen dabei helfen,

dass es zu solchen Verzögerungen nicht

kommt. Mit seinem Berliner Start-up Webcrowd

vermittelt er seit drei Jahren Internet-Fachkräfte,

vor allem an andere Startups.

Nemad Simic zum Beispiel hat er zu

seinem aktuellen Job verholfen. „Meistens

müssen die Unternehmen um den Kandidaten

buhlen“, sagt Vermittler Betke, „nicht

umgekehrt.“

Der 29-Jährige kennt die Szene. Er weiß,

wer gerade wen sucht und wie viel IT-Experten

verdienen: Junior-Entwickler könnten

mit rund 42 000 Euro Einstiegsgehalt

rechnen, manche Experten sogar mit dem

Dreifachen. „Wer weniger als 65 000 Euro

bieten kann, muss sich schon sehr anstrengen

gute Leute zu kriegen“, sagt der Gründer,

der sich eine erfolgreiche Vermittlung

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

72 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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NENAD SIMIC UND IVO BETKE

Der Vermittler Betke hat in Berlin das

Start-up Webcrowd gegründet, das andere

junge Unternehmen mit IT-Profis versorgt.

Jeden zweiten Entwickler rekrutiert er

inzwischen in Ost- und Südosteuropa –

etwa in Griechenland oder in der Ukraine.

Der Entwickler Simic lobt Betke als

„Garant für gute Jobs“, in denen das

Gehalt stimme und er zudem dazulernen

und selbstbestimmt arbeiten könne.

mit 20 Prozent des Jahresgehalts entlohnen

lässt. Die Nachfrage gibt das allemal her:

Betke schätzt, dass es allein in Berlin aktuell

rund 1000 offene IT-Stellen gibt.

Deswegen sucht Betke auch dort ganz

gezielt nach Fachkräften, wo das Angebot

größer, der Lohn niedriger und die Ausbildung

ähnlich gut ist: In Ländern wie Spanien,

Portugal, Russland oder Indien. Jeder

zweite Kandidat, den Webcrowd vermittelt,

kommt inzwischen aus dem Ausland.

Dabei hilft Betke sein Netzwerk: Kürzlich

etwa habe er ein ganzes Programmiererteam

in Armenien aufgetan, weil dort ein

Unternehmen Stellen streichen musste.

Sie herzuholen ist aber nicht einfach, wie

Betke regelmäßig feststellen muss: Das

deutsche Konsulat in Istanbul sei nur per

Fax zu erreichen, erzählt der Gründer. Andere

Behörden krümmen keinen Finger,

wenn im Antrag der Firmenstempel fehlt.

Einmal hat Betke gar einen Bundestagsabgeordneten

eingeschaltet, weil sich Auswärtiges

Amt, eine Botschaft und eine Ausländerbehörde

die Zuständigkeiten zugeschoben

haben, obwohl es eine feste

»

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 73

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Management&Erfolg

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Jobzusage gab. „Start-ups müssen sich

nach wie vor mit sehr viel Bürokratie herumschlagen,

wenn sie Fachkräfte aus dem

Ausland holen wollen“, sagt Betke.

Die Blaue Karte EU, unter Gründern geläufig

als Blue Card, soll die Vermittlung

von Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern erleichtern.

Erfunden hat sie die Europäische

Union im Jahr 2009, seit 2012 wird sie von

den deutschen Ausländerbehörden ausgestellt.

Um sie zu erhalten, müssen die Antragsteller

einen Hochschulabschluss sowie

einen Arbeitsvertrag und ein Bruttogehalt

von mindestens 47 600 Euro vorweisen.

Ausnahme: Bei IT-Profis, Ingenieuren,

Ärzten und Naturwissenschaftlern genügt

ein Jahresgehalt von 37 128 Euro – denn in

diesen sogenannten „Mangelberufen“ sind

Spezialisten besonders knapp.

Anfangs wurde die Blaue Karte kaum

nachgefragt, doch sie wird immer populärer:

Seit August 2012 sind nach Angaben

des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge

rund 16 000 Beschäftigte damit eingereist

– etwa die Hälfte davon übte einen

„Mangelberuf“ aus. Fast jeder Vierte kam

aus Indien, es folgen China, die Russische

Föderation und die USA, außerdem Konfliktstaaten

wie die Ukraine, Syrien und

Ägypten. Allein im Start-up-Mekka Berlin

wurden im ersten Quartal dieses Jahres

rund 206 Blaue Karten verteilt – fast halb so

viele wie im gesamten Jahr 2013.

Eine dieser Blauen Karten hat die Ausländerbehörde

kürzlich Marcelo Leite ausgestellt.

Seine Geschichte zeigt, was Gründer

unternehmen, damit ihr Start-up nicht

wegen fehlender Mitarbeiter eingeht. Der

34-Jährige kommt aus Brasilien, hat dort

Informatik studiert und bereits für vier verschiedene

Softwarefirmen gearbeitet. Bis

er anfing, sich nach Jobs in Deutschland

umzusehen. „Vor fünf Jahren wollten wir

noch in die USA ins Silicon Valley“, sagt Leite,

„inzwischen wollen alle nach Berlin,

weil es eine tolle Stadt mit vielen guten Jobs

in interessanten Start-ups gibt.“

Also bewarb sich Leite Ende 2013 beim

Berliner Start-up Door2Door. Es entwickelt

Apps für Smartphones, mit denen sich

schnell Reisen planen und buchen lassen –

per Bus, Bahn und Flugzeug genauso wie

mit Mietwagen oder Carsharing-Angeboten.

Aktuell tüftelt das 25-köpfige Team an

einer neuen App namens Allryder: Wer sie

in größeren Städten benutzt, kann sehen,

wie und womit er bei der aktuellen Verkehrslage

am schnellsten ans Ziel kommt.

Kein einfaches Unterfangen, denn um die

Verkehrsunternehmen an das System anzubinden,

braucht es viele Zeilen Quellcode.

„Wir bohren ein dickes Brett“, sagt

Gründer Tom Kirschbaum, „und dafür

brauchen wir qualifizierte Leute.“

Die sucht und findet er vor allem hinter

den Grenzen der Republik: Von zehn Bewerbungen

seien nur ein bis zwei aus

Deutschland, die Deutschen im Team könne

man an einer Hand abzählen. „Es ist erstaunlich,

wie genau Entwickler in Sibirien

oder Südamerika die Berliner Start-up-

Szene beobachten“, sagt Kirschbaum.

„Wenn wir sie unter Vertrag nehmen, stehen

sie ihren Kollegen in nichts nach.“

ESSEN VON DER START-UP-OMA

So wie Marcelo Leite. Der Entwickler aus

Brasilien stellte sich Ende 2013 via Skype

bei Kirschbaum vor. Der Gründer war angetan

von dem vielseitigen Profil des Brasilianers,

der für verschiedene Betriebssysteme

programmieren kann. Ohne sich jemals

begegnet zu sein, waren sich Kirschbaum

und Leite einig. Kurz darauf saß der

mit seiner Frau im Flieger nach Deutschland,

wo ihn die Team-Managerin von

Door2Door empfing und zur Ausländerbehörde

begleitete. „Marcelo stellt sicher,

dass jede Version unserer Software einwandfrei

funktioniert, wenn sie auf den

Markt kommt“, preist Kirschbaum den

neuen Mitarbeiter, „er ist extrem wichtig.“

Und das lässt er sich einiges kosten:

Door2Door finanziert Experten wie Leite

etwa die Reise und einen Willkommensbonus,

außerdem übernimmt der Steuerberater

des Start-ups die Steuererklärung.

Darüber hinaus tut Kirschbaum alles, um

in seinem Unternehmen für eine Willkommenskultur

zu sorgen: Zweimal in der Woche

kommt eine Mitarbeiterin vorbei, die

Kirschbaum „unsere Start-up-Oma“ nennt

und sorgt für Frühstück oder Mittagessen.

Anders als die Entwickler war die 68-Jährige

nicht allzu schwer zu finden: Auf die

Stelle als Start-up-Oma bewarben sich 40

Berlinerinnen bei Kirschbaum.

TOM KIRSCHBAUM UND

MARCELO LEITE

Der Gründer Kirschbaum entwickelt mit

seinem Unternehmen Door2Door

Smartphone-Apps. Entwickler sucht er vor

allem im Ausland, lockt mit Hilfe bei der

Steuererklärung und Wohlfühl-Atmosphäre.

Der Experte Leite ist aus Brasilien zu

Door2Door nach Berlin gekommen. Seine

Ehefrau hat ihn begleitet und hofft, hier

bald eine Stelle als Zahnärztin zu finden.

74 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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MARCO EYLERT UND

JASON REICH (VORDERE REIHE)

Die Gründer Eylert und Reich studieren

noch, sind aber bereits dabei, ein Unternehmen

aufzubauen: Fashire entwickelt

Shopping-Apps.

Die Studenten Um Kommilitonen aus aller

Welt (hinten im Bild) für die Gründerszene

zu begeistern, besuchten Eylert und Reich

mit ihnen den Berliner Inkubator HitFox,

der mehr als 50 Stellen zu besetzen hat.

FOTOS: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Kostenlose Snacks, flexible Arbeitszeiten,

Heimarbeit: In der Start-up-Welt ist

das gang und gäbe. Viele Unternehmen geben

außerdem virtuelle Firmenanteile an

die Mitarbeiter – so wie Trivago. Doch weil

auch das nicht gereicht hat, eröffnete das

Unternehmen ein Büro auf Mallorca. Jeder

Mitarbeiter kann heute bis zu einen Monat

pro Jahr von dort aus mitarbeiten.

Aus Sicht von Constanze Buchheim

kommt es aber auch auf weniger sichtbare

Faktoren an, um im Kampf um die besten

Talente zu bestehen. Sie hat in Berlin I-Potentials

gegründet, das die gesamte Digitalindustrie

mit den passenden Köpfen versorgen

will: Start-ups mit Spezialisten, ausgewachsene

Internet-Unternehmen mit

Führungskräften. „Club Mate, Kicker und

Grillabende auf der Dachterrasse finden

die nur dann reizvoll, wenn der Rest auch

stimmt“, sagt Buchheim, „also die Verantwortung

im Job, die Kultur im Unternehmen

und der Chef.“

Jens Begemann hat die Entwickler seines

280 Mitarbeiter zählenden Start-ups Wooga

deshalb in rund 20 Teams eingeteilt. Sie

arbeiten bei dem Berliner Online-Spieleentwickler

selbst wie kleine Start-ups,

können ihre Ideen weitgehend frei umsetzen.

Antti Hattara hat genau diese Struktur

nach Deutschland gelockt:Der Finne hatte

in Helsinki lange für den US-amerikanischen

Spielehersteller Digital Chocolate

gearbeitet – wo ihm Manager diktiert hätten,

wie ein Spiel auszusehen habe, sagt

Hattara. „Bei Wooga bleibt mein Spiel dagegen

mein Spiel“, sagt Hattara, „vom ersten

Dummy bis zur fertigen Version.“

Diese Möglichkeiten sind es, mit der

Start-ups punkten können, wenn sie mit

etablierten Unternehmen und Konzernen

um die besten Köpfe konkurrieren. Sogar

erfahrene Experten schätzen das: „Für

mehr Freiheiten verzichte ich gern auf

20 000 Euro mehr Gehalt“, bestätigt zum

Beispiel Günter Kleuser, der mit Anfang 40

Entwicklungschef beim Kölner Start-up In-

GRÜNDERWETTBEWERB

Neumacher gesucht

Zum achten Mal hat die WirtschaftsWoche

ihren Gründerpreis ausgeschrieben.

Dem Sieger von Neumacher 2014

winken 10 000 Euro Startkapital sowie

Sachleistungen im Wert von bis zu

300 000 Euro von der Anwaltskanzlei

Osborne Clarke, der Agentur thjnk,

dem High-Tech Gründerfonds und der

Entrepreneurs’ Organization. Bewerbungsschluss

ist der 15. Juli. Infos und

Anmeldung unter: wiwo.de/neumacher

spiring Travel wurde. Kleuser weiß aber

auch, dass Start-ups als Arbeitgeber per se

unsicherer sind als ausgewachsene Firmen.

Deswegen erwartet er einen offenen

Umgang im Team und Transparenz, was

die Geschäftszahlen angeht.

„IT-Spezialisten sind eher risikoscheue

Menschen“, bestätigt Lars Fink, der in Köln

die IT-Personalberatung Next Level gegründet

hat und Jahr für Jahr rund 300 Spezialisten

vermittelt, „denen kannst du keine

Märchen erzählen, das würde sich

schnell herumsprechen und dir mehr

schaden, als es nützt.“

50 OFFENE STELLEN

Der Berliner Start-up-Inkubator HitFox

schreibt diese Offenheit groß: 2011 gegründet,

zählt er inzwischen 200 Mitarbeiter aus

35 Ländern und sucht gerade mehr als 50

zusätzliche Mitarbeiter – von Entwicklern

über Designer bis hin zu Managern. Auf der

Bewertungsplattform Kununu preisen die

Mitarbeiter die „offene und klare Kommunikation“.

Das hat sich bis nach Mailand herumgesprochen:

Ende Mai besuchte eine Gruppe

von Management-Studenten der renommierten

Bocconi-Universität den Berliner

Inkubator – lauter potenzielle Mitarbeiter

aus Italien, Litauen, Serbien und oder den

USA. Organisiert hatten die „Start-up Tour

Berlin“ Jason Reich und Marco Eylert, die

an der Mailänder Uni gerade ihren Bachelor

machen und bald selbst ein Internet-

Start-up in Berlin aufbauen wollen.

Mehr als 240 Studenten bewarben sich

bei den beiden, um mit nach Berlin zu fahren.

„Bei einem Start-up zu arbeiten oder

selbst eins aufzubauen“, sagt Reich, „ist eben

viel cooler, als bei einer Investmentbank

oder einer Beratungsfirma anzuheuern.“ n

jens.toennesmann@wiwo.de

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WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 75

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Management&Erfolg

Den Tränen nah

GRÜNDERTAGEBUCH | Warum ein wichtiger Programmierer

gekündigt hat und wie schwer die Suche nach Ersatz ist.

Wer das Start-up Secomba in Augsburg

besucht, fühlt sich wie in einem

Hacker-Labor. Hinter Flachbildschirmen

sitzen zwölf Entwickler und

hauen Zeile um Zeile Quelltext in die Tasten.

Weil die beiden Jungunternehmer Andrea

Pfundmeier und Robert Freudenreich

eine Software entwickeln, die auf acht verschiedenen

Betriebssystemen läuft, ist jeder

dieser Entwickler wichtig – aber auch

schwer zu finden und deshalb teuer.

Weil sie anfangs keinen Entwickler für

Apples Betriebssystem iOS fanden, kämpften

sie sich durch die Bürokratie, um einen

Osteuropäer nach Augsburg zu holen. Zusammen

mit den Kollegen entwickelt er

jetzt Boxcryptor: Eine Software, mit der

sich Daten verschlüsseln lassen, bevor sie

auf den Festplatten von Online-Speicheranbietern

wie Dropbox gespeichert werden.

Mit der Idee hat Secomba pünktlich

zur NSA-Affäre nicht nur einen Nerv getroffen,

sondern 2013 auch den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb

gewonnen

(siehe Kasten). Seitdem berichtet

Gründerin Pfundmeier an dieser Stelle,

welche Herausforderungen das junge Unternehmen

meistern muss.

17. APRIL

Schlechte Neuigkeiten. Einer unserer Entwickler

bittet uns um ein kurzes Gespräch

unter sechs Augen. Wir ahnen nichts Gutes

– leider zu Recht: Ein Unternehmen bietet

ihm mehr Geld, außerdem will er lieber in

München arbeiten. Er kündigt. Ein herber

Verlust – wir brauchen dringend Ersatz.

Erste Sahne Mit einer

cremigen Torte feierten

die Gründer Andrea

Pfundmeier und

Robert Freudenreich

und ihr Team den

dritten Geburtstag

von Secomba

21. APRIL

Wir schreiben die Stelle auf unserer Homepage

aus und hören uns um. Nicht leicht:

Es gibt zu wenige Informatiker und zu viele

kleine und große Firmen, die händeringend

nach ihnen suchen – so wie wir.

25. APRIL

Mit einem unserer Entwickler besuche ich

ein IT-Recruiting Event in Augsburg. Dass

Informatiker heiß begehrt sind, merken

wir auch hier: Fünf Unternehmen stellen

sich vier Bewerbern vor. Verrückt.

Was bisher geschah

2011 bringen die

Secomba-Gründer

ihre Software auf

den Markt. Das Interesse

daran ist so

groß, dass sie Kapitalgeber

finden, eine Übernahmeofferte

erhalten – und ablehnen. Die NSA-Affäre

treibt die Nachfrage nach Sicherheitssoftware

weiter, 2013 setzt Secomba

bereits mehr als eine Million Euro um.

Während Gründer Robert Freudenreich

die Software mit weiterentwickelt,

kümmert sich Co-Gründerin Andrea

Pfundmeier um die Vermarktung. Anfang

2014 wird sie von Bundeswirtschaftsminister

Sigmar Gabriel in den Beirat

„Junge Digitale Wirtschaft“ berufen.

30. APRIL

Auf geht’s nach München, zu einem Round

Table zum Thema IT-Sicherheit mit Ilse Aigner.

Die bayrische Wirtschaftsministerin

hört sich Projektvorhaben an, mit denen

der Standort Deutschland im Bereich IT-Sicherheit

gestärkt werden soll. Mit hochrangigen

Vertretern von Unternehmen wie

Audi, BMW, Infineon und Allianz diskutieren

wir unter anderem über sichere Mobilität

und sichere Identitäten. Interessant:

Als Arbeitgeber konkurrieren wir um die

besten ITler – aber beim Thema IT-Sicherheit

haben wir ähnliche Interessen.

13. MAI

Wir packen die Sportsachen aus: Am

Abend findet der Augsburger Firmenlauf

statt, und wir haben uns mit zwölf Personen

angemeldet – fast unserer gesamten Belegschaft!

Exakt 6,7 Kilometer müssen bewältigt

werden, und wir haben die letzten Wochen

fleißig trainiert. Die Aufregung steigt,

und beim Startschuss stehen wir hochmotiviert

in der Menge aus knapp 8000 Läufern.

Oberste Priorität für uns: Alle gesund ins

Ziel bringen. Das haut hin – nach dem

schweißtreibenden Lauf treffen wir uns im

Büro und genehmigen uns Bier und Pizza.

15. MAI

Bewerber müssen nicht nur auf dem Papier

und im Gespräch überzeugen, sondern

auch ins Team passen und lösungsorientiert

programmieren können. Deshalb

laden wir heute einen Kandidaten zu

einem Probearbeitstag ein. So erfahren wir

und er, ob wir wirklich zusammenpassen.

Das ist heute eher nicht der Fall. Also geht

die Suche nach einem Entwickler weiter!

16. MAI

Ein historischer Tag: Unsere Software Boxcryptor

wird drei Jahre alt! Für Start-ups eine

kritische Schwelle: Wer die ersten drei

Jahre überlebt, hat auch danach gute Karten.

Knapp 100 Gäste feiern mit uns – Investoren,

Geschäftspartner, Freunde. Zwischen

Netzwerken und Kickerturnier gibt’s

Jubiläums-Torte. Als dann unser erster Mitarbeiter

eine kurze Rede hält und uns im

Namen des gesamten Teams einen Pokal

für „die besten Chefs der Welt“ überreicht,

kann ich nicht anders: Ich muss vor Rührung

ein paar Tränen vergießen.

n

Redaktion: jens.toennesmann@wiwo.de

FOTO: PR

76 Nr. 23 2.6.14 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Das Geld kommt mit

der Mikrowelle

BÖRSE | Ultraschnelle Computerhändler sind in Verruf geraten. Der Verdacht:

Die Flash Boys machen ihre Milliardengewinne auf Kosten aller Anleger. Wer ihnen

hilft, wie Fondsmanager und Vermögensverwalter sich wehren.

Ein Blick durch die Scheibe genügt,

und der hinter vier Monitoren

verschanzte Chefhändler

des großen Fondshauses sieht,

was seine Aktienhändler so treiben.

In letzter Zeit fühlt er sich ein Stück in

die Vergangenheit versetzt: Statt Handelsaufträge

in den Computer zu hacken, telefonieren

seine Leute immer öfter. Wie in

den Achtzigerjahren kauft sein Haus, eines

der größten in der Frankfurter City, wieder

verstärkt bei Brokern, die wissen, welcher

Investor welche Aktien hält. „Wenn wir einen

großen Block kaufen wollen, rufen wir

wieder verstärkt Sales Trader der Broker

an. Die greifen zum Telefon und fragen bei

ihren Kunden nach, ob einer Aktien verkaufen

will“, sagt der Milliardenmanager,

der anonym bleiben will. Die Börsen bleiben

bei solchen Geschäften außen vor.

In deren elektronischen Systemen, sagt

der Manager, seien ihm zu viele Hochfrequenzhändler

unterwegs. Diese „Jungs“

mit ihren superschnellen Computern können

seine großen Orders aufspüren, ihm

Aktien vor der Nase wegschnappen und

dann teurer verkaufen.

Hochfrequenzhändler, unter ihnen Banker,

Informatiker, promovierte Physiker haben

den Börsenhandel revolutioniert. Sie

programmieren ihre Rechner mit Handlungsanweisungen.

Dank dieser Algorithmen

feuern sie automatisch in Bruchteilen

von Sekunden Unmengen von Aufträgen

an die Börsen, schneller, als jeder Mensch

es könnte. In den USA sind die Blitztrader

durch den Bestseller „Flash Boys: Revolte

an der Wall Street“ in Misskredit geraten.

Autor Michael Lewis wirft ihnen vor, die

Märkte zu manipulieren.

Auch in Deutschland, im Handelssystem

Xetra und an der Terminbörse Eurex, sind

die Flash Boys aktiv. Laut deren Betreiberin

Deutsche Börse sind sie allein für 20 bis 25

Prozent der Aktienumsätze verantwortlich.

Viele von ihnen verdienen sich eine goldene

Nase – auf Kosten all derjenigen, die

zwar viel, aber langfristig investieren: Vermögensverwalter,

Lebensversicherer, Pensionskassen

und Investmentfonds, die für

die Altersvorsorge der Deutschen anlegen.

Bundesbank-Vorstand Joachim Nagel

warnte bereits vor zwei Jahren (WirtschaftsWoche

35/2012), Fondssparer

könnten „finanzielle Einbußen erleiden“,

etwa wenn Hochfrequenzhändler Orders

entdecken und vor den Fonds kaufen.

Auch die Finanzaufsicht BaFin hat die Trader

im Visier: „Bei uns laufen mehrere Untersuchungen

gegen Hochfrequenzhändler“,

sagt deren oberster Wertpapieraufseher

Karl-Burkhard Caspari.

Geschäftwird schwieriger

Anteil HFT-Handel¹ an den Börsenumsätzen;

Zahl der Händler, die Rechner an der

Deutschen Börse platzieren (Co-Location)

40

30

20

Marktanteil Hochfrequenzhandel²

Zahl der Co-Location-Kunden

10

13 59 83 107 130 141 146 140³ 132

0

2006 07 08 09 10 11 12 13 14

¹Hochfrequenzhandel in Europa, bei dem Händler ihre Aufträge in Millisekunden

an die Börse geben; ²inProzent der Börsenumsätze;

³geschätzt; Quelle: Deutsche Börse, TABB Group

Deutsche Fondsmanager oder Versicherer

reden – wenn überhaupt – nur hinter

vorgehaltener Hand über das heikle Thema.

Klar: Ihre Anleger dürften es nicht gern

hören, wenn beim Kauf und Verkauf von

Aktien immer wieder Geld auf das Konto

von Hochfrequenzhändlern wandert. Geschätzt

maximal wenige Cent pro Aktie –

aber auch hier macht es die Masse.

„RÄUBERISCHE STRATEGIEN“

Der weltgrößte Vermögensverwalter,

BlackRock aus New York, warnte erst kürzlich

vor den „räuberisch-hochfrequenten

Handelsstrategien“, die versuchten, den

Markt zu manipulieren und Investoren zu

benachteiligen. „Diese Praktiken stellen einen

Marktmissbrauch dar und sollten vom

Gesetz verfolgt werden.“ Der Ruf nach gesetzlichen

Regelungen ist das eine. Was

aber tun die Fonds sonst noch, um das

Geld ihrer Anleger zu schützen?

Die Spurensuche beginnt beim Vermögensverwalter

Flossbach von Storch in

Köln. Co-Gründer Bert Flossbach ist unabhängig,

an keine Bank gebunden, die auch

an den superschnellen Tradern verdienen

könnte, bekannt für klare Worte, mit mehr

als 15 Milliarden Euro Kundengeldern im

Rücken. Dass etwas in den Märkten „nicht

mit rechten Dingen zugeht“, hat Flossbach

schon vor einiger Zeit bemerkt: „Egal, wo

ich eine Order platziere, computergetriebene

Händler sind mit im System und können

meine Order ausspähen“, moniert er

(WirtschaftsWoche 20/2014).

Wie das funktioniert, erklärt einer der

Flash Boys, der um jeden Preis unerkannt

bleiben will. Weil große Kaufaufträge den

Kurs einer Aktie nach oben treiben kön-

»

FOTO: STAMEN

78 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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EIN PAAR SEKUNDEN CHAOS

Kauf- und Verkaufskurse (bid und ask)

von Aktien an der Nasdaq in der 1. Handelsminute,

8. März 2011. Je größer der

Kreis, desto höher das Volumen, das angeboten

oder nachgefragt wird. Je weiter

oben der Kreis, desto höher der Kurs. Zur

Eröffnung werden riesige Positionen eingestellt

(links), die den Tag über abgearbeitet

werden sollen. Binnen Sekunden

(waagerechte Zeitachse) zersplittern sich

Nachfrage und Angebot in kleine Orders.

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 79

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Geld&Börse

»

nen, suchen die Hochfrequenz-Handelsprogramme

nach diesen. Sie erkennen etwa,

wenn eine Adresse alle paar Sekunden

kleine Stückzahlen einer Aktie kauft. Sie unterstellen

dann, dass diese Adresse weiter

zugreifen wird – und kaufen mit enormer

Geschwindigkeit. „Zehn Sekunden später

verkaufe ich die Aktien wieder einen Tick

teurer“, sagt der Trader und grinst. In 70

Prozent der Fälle gehe die Strategie auf.

Zusätzlich suchen seine Algorithmen

nach Aktienkursen, die schneller steigen

als normal. Die Rechner springen dann auf

den Trend an, folgen ihm und kaufen mit,

bis der Kurs wieder dreht – dann verkaufen

sie blitzschnell wieder.

ZAHLEN AUF DEM TISCH

Das Geschäft lohnt sich. Die Zahlen des

US-Hauses Virtu Financial belegen das

eindrucksvoll. Virtu hatte als erster und

einziger der geheimnisumwitterten Hochfrequenzhändler

Zahlen zum eigenen Geschäft

veröffentlicht, im Vorfeld eines geplanten

und dann auf Eis gelegten Börsengangs:

2013 holte Virtu aus 665 Millionen

Dollar Umsatz 182 Millionen Dollar Gewinn

heraus. Bis zu zwei Millionen US-

Dollar Nettogewinn pro Handelstag waren

dabei keine Seltenheit – und das über Jahre

(siehe Grafik unten). Virtu ist über eine irische

Tochter auch im Deutsche-Börse-System

Xetra und an der Eurex aktiv. Damit

lebt Virtu auch von deutschen Sparern.

Flossbach befürchtet, dass die Computer

den Markt künftig so schnell bewegen

könnten, dass Flash Crashs, also extrem

schnelle Markteinbrüche, künftig „nicht

immer so glimpflich ausgehen müssen wie

Lizenz zum Gelddrucken

An wie vielen Handelstagen der auch in Deutschland aktive Hochfrequenzhändler Virtu

Gewinne in welcher Höhe einfuhr (1238 Handelstage in den Jahren 2009 bis 2013)

in Zahl der Handelstage

300

250

200

150

100

50

0

Verlust

Quelle:vorläufiger Wertpapierprospekt Virtu Financial; SEC

0,5 bis 0,8

0,8 bis 1,0

1,0 bis 1,3

1,3 bis 1,5

1,5 bis 1,8

1,8 bis 2,0

2,0 bis 2,3

2,3 bis 2,5

2,5 bis 2,8

Lesebeispiel:

An nur einem einzigen Taginfünf Jahren hatVirtu Verlust

gemacht. An 310 Tagen blieben netto 1,3 bis 1,5 Millionen

Dollar Handelsgewinn

Profit (in Millionen Dollar)

in den letzten Jahren“. Angeschmiert sind

bei Flash Crashs auch Privatanleger, die bei

ihrer Bank ein Stop-Loss-Limit platziert

haben – eine Kursmarke, bei deren Unterschreiten

die Bank automatisch verkaufen

soll. Bricht ein Kurs aber nur für wenige Sekunden

ein und fängt sich dann wieder,

sind die Papiere raus aus dem Depot – zu

einem bescheidenen Preis.

Um die Flash Trader auszukontern, beschäftigt

Flossbach heute mehr Händler,

die zudem neue Strategien entwickeln.

„Wir gehen antizyklisch vor, beschleunigen

also eine Kauforder, wenn der Preis fällt“,

sagt Flossbach.

So offen wie er redet sonst kaum einer

der Milliardenmanager. Die DekaBank etwa

schweigt zu dem Thema. Als zentrales

Wertpapierhaus der Sparkassen legt sie

auch rund 26 Milliarden Euro an, die fleißige

Sparkassen-Sparer in Aktienfonds eingezahlt

haben. Union Investment, die für

Kunden der Volks- und Raiffeisenbanken

38 Milliarden Euro in Aktien verwaltet, lässt

schriftlich ausrichten, dass man „seit langem

um die Probleme des Hochfrequenzhandels“

wisse. Man habe Gegenstrategien

2,8 bis 3,0

3,0 bis 3,3

3,3 bis 3,5

3,5 bis 3,8

4,0 bis 4,3

4,3 bis 4,5

4,5 bis 4,8

über 5,0

entwickelt, erläutern möchte Union die

aber nicht. Nur so viel: „Wir setzen Systeme

ein, die es uns erlauben, mögliche Nachteile

des Hochfrequenzhandels wie das so genannte

Frontrunning und Ausarbitrieren

zu vermeiden“, lässt Christoph Hock, Leiter

des Aktien- und Derivatehandels der Deka,

auf Anfrage mitteilen.

Frontrunning bedeutet, dass jemand,

der von bevorstehenden Kaufaufträgen erfahren

hat, sein Insiderwissen nutzt und

vorher billiger kauft. Arbitrage ist Handel,

bei dem die Akteure von oft winzigen Preisdifferenzen

zwischen verschiedenen Börsenplätzen

profitieren.

WISSENSVORSPRUNG KAUFEN

Rund um den schnellen Handel hat sich eine

Industrie entwickelt, die mit den Hochfrequenzhändlern

gute Geschäfte macht.

Wichtigste Profiteure sind die Börsen

selbst, die ihnen Handelsdaten und Rechnerplätze

direkt neben den Börsencomputern

verkaufen. Hochfrequenzhändler verdienen

nicht nur Geld, weil sie schneller

sind, sondern auch, weil sie einen tieferen

Einblick in die Auftragslage haben als andere

Anleger. Die Deutsche Börse etwa verkauft

ihnen Daten aus dem elektronischen

Orderbuch, in das alle Kauf- und Verkaufsaufträge

einlaufen.

Trader können Daten zum Beispiel im

Paket „Core“ oder in der Luxusversion „Ultra“

kaufen. Core liefert für das Aktien-

Handelssystem Xetra alle 200 Millisekunden

– fünfmal pro Sekunde – ein Datenupdate.

Wer sich Ultra leistet, sieht den Markt

viel klarer, weil er jedes Datenupdate bekommt,

geschätzt mindestens sechsmal so

viele Daten, und die auch noch schneller.

Die Programme versuchen, anhand der

Auftragslage auszurechnen, ob ein Kurs

steigt oder fällt. So können sie anderen Anlegern

zuvorkommen.

Ist das Orderbuch analysiert, können die

Computer der Flash Boys sofort Aufträge

abfeuern. „In Deutschland ist das Ausspähen

der Orderbücher am interessantesten.

Anhand der Nachfrage im Buch kann mein

Computer ausrechnen, ob der Preis steigt

oder fällt“, behauptet ein Hochfrequenzhändler.

Die Börse zeigt ihm die bis zu 20 besten

Gebote aller Käufer und Verkäufer. Das ist

wie am Ticketschalter, wenn 20 Leute anstehen,

der Verkäufer aber nur noch zehn

Karten hat. Der Erste in der Schlange kennt

Nachfrage und Angebot. Er kauft die restlichen

Tickets auf und bietet sie jenen an, die

hinter ihm standen – zum höheren Preis.

80 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: NANEX

Flash Boys, die tief ins Orderbuch schauen

können, handeln ähnlich. Nach vorn in

der Börsenschlange kommen sie, indem

sie ihre Preise permanent aktualisieren –

im Börsensystem haben Orders mit besseren

Preisen Vorrang. Durch ihre Käufe wird

das Angebot für die restlichen Kaufwilligen

verknappt, der Preis ein wenig getrieben.

„Als ich noch Core hatte, bekam ich nur

einen Phantommarkt zu sehen. Allein aufgrund

des Ultrastroms habe ich heute wesentlich

bessere Handelschancen, meine

Systeme senden doppelt so viele Aufträge

wie zuvor an die Börse“, sagt der Händler.

Börse und Aufsicht haben kein Problem

damit, dass der öffentlich-rechtliche

Marktplatz so in eine Zweiklassengesellschaft

zerfällt. „Solange jedem, der es sich

leisten kann, der Zugang ermöglicht wird,

ist das nicht zu beanstanden“, sagt BaFin-

Chefaufseher Caspari.

Star Wars Der Marktdatenanbieter Nanex

sucht Manipulationsfälle und macht Hochfrequenzhandel

sichtbar. Hier: Datenfluss

zum Indexfonds S&P 500 SPY zwischen

zwölf US-Börsen – in einer Millisekunde

GETUNTE SUPERRECHNER

Wenn Evgueny Khartchenko zu seinem Arbeitsplatz

will, muss er mehrere Sicherheitsschleusen

passieren. Nur wenige Mitarbeiter

haben Zugang zu dem geheimen

Labor des Chipherstellers Intel bei London.

Khartchenko ist Technikchef im „Faster

Lab“. Seine Aufgabe: Er puzzelt Hardund

Softwarelösungen zusammen und

tunt damit die teuren Hochleistungscomputer

der Flash Boys. Für Investmentbanken

oder Broker baut Khartchenko Intel-

Prozessoren ein, die noch nicht auf dem

Markt sind, und testet, welche Kombination

am schnellsten mit der Software zusammenarbeitet.

Intel beherbergt im Labor die nächste

Generation jener Maschinen, die sich

künftig schneller gegen die Orders derjenigen

durchsetzen sollen, die nicht Millionen

investieren können. Der schnellste Intel-Prozessor

etwa braucht nur noch 1,1

Mikrosekunden, um Marktdaten von der

Börse zu erhalten und eine Order wegzusenden.

Eine Mikrosekunde – das ist eine

millionstel Sekunde.

Und doch geht es manchem Kunden

nicht schnell genug. Einige tunen die Intel-

Prozessoren selber noch mal oder sind für

simple Rechenaufgaben auf spezielle

Technik umgestiegen, die nur noch entscheidet:

ja oder nein, kaufen oder nicht

kaufen. 0,4 Mikrosekunden dauere dieser

Prozess, weiß Khartchenko.

Nicht nur bei Software und Chips wird

aufgerüstet, sondern auch bei den Leitungen.

Dafür ist Hugh Cumberland zuständig.

Der betreut beim IT- und Netzwerkspezialisten

Colt Hochfrequenzhändler.

Cumberland hat ihnen mit einer Mikrowellenverbindung

zwischen den Großräumen

Frankfurt und London einen Herzenswunsch

erfüllt: Ihre Handelsdaten

fließen nun nahezu lichtschnell von Funkturm

zu Funkturm. Bislang galten Glasfaserkabel

als schnellste Variante, durch sie

brauchten Daten zwischen London und

Frankfurt gut vier tausendstel Sekunden.

„Die Mikrowellenverbindung überträgt

Daten bis zu 40 Prozent schneller als das

Glasfaserkabel“, sagt Cumberland.

FRÜHER INFORMIERT ALS ANDERE

Folge: Flash Boys können Daten aus dem

Kabel spielend überholen. Natürlich ist die

Mikrowelle teurer, doch das ist das kleinste

Problem: Hochfrequenzhändler kompensieren

den Preis durch ihren Zeitvorteil.

„Unsere Kunden würden nicht in die Mikrowellenverbindung

investieren, wenn es

das Geld nicht wert wäre“, sagt Colt-Mann

Cumberland.

»

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 81

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Geld&Börse

»

Zeitvorteile ganz anderer Art verkauft

die Deutsche Börse: Sie schickt Abonnenten

den oft kursbewegenden Einkaufsmanagerindex

Chicago Purchasing Manager

Index (PMI) früher als der Öffentlichkeit,

die ihn kostenfrei bekommt. Dem Datenanbieter

Thomson Reuters hat Ähnliches

schon Ärger mit dem New Yorker Generalstaatsanwalt

Eric Schneiderman eingehandelt:

Der untersucht die Handelspraktiken

an der Wall Street und prüft, ob Hochfrequenzhändler

illegal bevorzugt werden.

Thomson Reuters schickt Umfrageergebnisse

der Universität Michigan zur US-Verbraucherstimmung

nicht mehr mit zwei

Sekunden Vorsprung an Händler. Die Daten

gelten als Indikator dafür, wie die Konjunktur

sich entwickelt, sie können Börsenkurse

heftig bewegen.

SO NAH DRAN WIE MÖGLICH

Der Einkaufsmanagerindex ist nicht der

einzige Service der Börse für Flash Boys:

Sie lässt sie auch ganz nah an ihre Rechenzentren

ran. Die Trader mieten ihre Computer

beim Anbieter Equinix ein, direkt neben

den Hauptrechnern der Börse. Doch

das Platzieren von Computern in Börsen-

Rechenzentren, Co-Location genannt, hebelt

das Prinzip Börse, das auf Gleichberechtigung

zielt, aus. Wer dort eingemietet

ist, kann zum Beispiel Aufträge blitzschnell

stornieren.

Die BaFin hat einem Händler schon

24 000 Euro abgeknöpft, weil er den Markt

mit seinen Stornos manipuliert hat. Er hatte

massenhaft Kauforders als Lockmittel

ins Handelssystem gestellt, um Nachfrage

vorzutäuschen und Käufer für eigene Papiere

anzulocken. Da sich die Kurse nach

Angebot und Nachfrage richten, kann der

Preis bei einer solchen Aktion tatsächlich

Future in Flammen Die Nanex-Software

macht die Tiefe des Orderbuchs sichtbar.

Sie zeigt, wie viele Aufträge zu welchen Kursen

im E-Mini Future auf den Index S&P 500

am 1. April kurz vor Handelsende eingingen

steigen. Kaum hatte er seine Papiere verkauft,

löschte er binnen 0,31 Sekunden seine

Kaufaufträge. Insgesamt dauerte die Aktion

drei Sekunden.

Verglichen mit anderen Aufsichtsbehörden

aber, ist die BaFin lammfromm. Aufseher

in Großbritannien und den USA haben

einem Händler und seiner Firma schon

mal fast sechs Millionen Dollar aufgebürdet.

Die Behörden hatten es als erwiesen

angesehen, dass der in Amerika ansässige

Händler die Märkte mit Spam-Aufträgen

manipuliert hat. Er soll allein 400 000 Orders

auf der Plattform der US-Terminbörse

CME platziert haben, wovon 98 Prozent

wieder gelöscht worden seien. Sein Algorithmus

soll damit mindestens 1,4 Millionen

Dollar verdient haben.

Weil Börsen an den hohen Handelsumsätzen

der Flash Trader und an Zusatzleistungen

gut verdienen, hofieren sie die

schnellen Händler. Doch was Börsen auf

der einen Seite gewinnen, kann ihnen auf

der anderen Seite verloren gehen. Viele

Verwalter großer Vermögen versuchen

heute, den Flash Boys auszuweichen.

Marktführer BlackRock geht verstärkt über

alternative Plattformen. Allianz Global Investors

(AGI) hat nicht nur massiv in Technologie

investiert, sondern nutzt ebenfalls

„alternative Plattformen“ oder „Broker, die

größere Orders geräuschlos platzieren

können, um der Ungleichbehandlung

durch die Börsen entgegenzuwirken“, heißt

es bei der Allianz-Tochter. AGIs Aktienblöcke

sind groß, an der Börse kann das Haus

seine Orders kaum verstecken: Weltweit

hat AGI 2013 rechnerisch 500 Millionen

Euro pro Handelstag umgesetzt.

Auch Union Investment ist „aktiver an

alternativen Handelsplätzen als noch vor

einigen Jahren“. Um den Flash Boys zu entgehen,

haben Trader in den USA gar die

Börse IEX gegründet. Aufträge werden dort

verzögert, Flash Boys bleiben freiwillig

draußen. Das Gleiche gilt für sogenannte

Dark Pools, die Hochfrequenzhändler ausschließen.

Auf diesen Plattformen können

Anleger große Mengen von Aktien – „Blöcke“

im Fachjargon – anonym handeln. Im

Dark Pool Liquidnet etwa dürfen nur Vermögensverwalter

handeln, keine Flash

Trader.

ZERSPLITTERTE LIQUIDITÄT

Dank der Dark Pools und alternativer elektronischer

Plattformen hat die Zahl der

Handelsplätze immens zugenommen. Angebot

und Nachfrage werden immer mehr

zersplittert, Fonds mit großen Orders sind

gezwungen, diese auf mehreren Plattformen

aufzugeben. „Wir suchen verzweifelt

nach Liquidität“, sagt der Aktienchef eines

großen Hauses. Auch das ist teuer und kostet

Anleger Rendite.

Weil die Flash Boys immer schneller

werden, müssen andere langsamer wer-

»

FOTO: NANEX

82 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

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den. Orders werden, um die Hochfrequenzhändler

abzublocken, absichtlich

verzögert. Die Investmentbank Goldman

Sachs etwa, die für große Fonds als Broker

arbeitet, kann Orders von einem Ort in der

Nähe von London binnen sechs Millisekunden

auf das deutsche Xetra-System jagen.

Nach Madrid braucht eine Order aber

schon 31 Millisekunden. Schickt der Broker

zwei Orders für die gleiche Aktie an beide

Börsen, käme die in Madrid also 25 tausendstel

Sekunden später an – eine halbe

Ewigkeit für Hochfrequenzhändler.

Deren Programme erkennen Nachfrage

nach der Aktie in Frankfurt und ziehen

deshalb in Madrid den Preis nach oben –

indem sie vorkaufen oder günstige Angebote

stornieren. „Allein, weil ein Auftrag an

einer Börse ausgeführt worden ist, verschwinden

die Angebote für diese Aktie an

den anderen Börsen. Wenn man nicht selber

die Hochfrequenz-IT hat, ist man maßlos

unterlegen“, sagt der Chefhändler des

Frankfurter Fondshauses.

KÜNSTLICH GEBREMST

Seine Abwehrstrategie: „Unsere Broker

drosseln unsere Orders und versuchen,

dass alle Teilaufträge gleichzeitig an den

verschiedenen Börsen eintreffen“, sagt er.

So fehlt den Flash Boys die Zeit, auf die

über mehrere Börsen verteilten Orders zu

reagieren – und die Fonds können ihre Papiere

zum aktuellen Preis kaufen.

Eine Zeit lang geht das gut. „Ich versuche,

so lange wie möglich unter dem Radarschirm

zu fliegen, aber nach 30 bis 45

Minuten weiß der Markt, dass da eine große

Order unterwegs ist“, sagt einer, der bei

einem milliardenschweren Vermögensverwalter

das globale Aktiengeschäft verantwortet.

iChart Zehn Sekunden Handel mit Apple-Aktien

am 25. Juli 2012, visualisiert von Nanex.

Linien in Rot-Tönen = Verkaufsangebote an

einer von elf Börsen, in Blau = Kaufangebote,

Kreise = abgeschlossene Geschäfte

Von Ultra oder Core der Deutschen Börse

hat er noch nie etwas gehört. Seine Aufträge

platziert er bei Brokern, die werden

ihm schon günstige Preise organisieren,

hofft er. Immerhin: Er kontrolliert sie, vergleicht,

an welchem Platz es die besten

Kurse gab und zu welchen er mit Aktien bedient

worden ist. Arbeitet ein Broker

schlecht, bekommt er keine Aufträge mehr

und damit auch keine Provision.

Befürworter des Hochfrequenzhandels

sagen, dass die Flash Boys Liquidität bringen

– Angebot und Nachfrage, die letztlich

zu günstigeren Kursen führen. Der Chefhändler

des großen Fondshauses ist da

skeptisch: „Wenn einer verdient, muss ein

anderer abgeben – daher denke ich, dass

der Hochfrequenzhandel uns Geld kostet.“

Wie viel Geld, das hat der vorläufige

Wertpapierprospekt von Virtu Financial offenbart.

Allerdings: Dass der extrem profitable

Hochgeschwindigkeitshändler überhaupt

an die Börse geht, Gewinne also

plötzlich mit anderen Anlegern teilen will,

könnte auch ein Signal für aufkommende

Probleme der Flash Boys sein. Geld wird

Virtu nicht gebraucht haben. Eine andere

Vermutung liegt näher: Das Geschäftsmodell

hat seine besten Zeiten hinter sich, die

Eigner wollten noch schnell via Börsengang

abkassieren.

Tatsächlich wird der Markt, nachdem

immense Gewinne viele neue Hochfrequenzhändler

angelockt haben, zunehmend

härter. Weil große Aufträge abseits

der Börsen abgearbeitet werden, könnte

den Algorithmen das Futter ausgehen.

TECHNIK AM LIMIT

Khartchenko von Intel hat tatsächlich in

letzter Zeit Kunden gesehen, die sich zurückgezogen

haben. „Einige Hochfrequenzhändler

mussten in der Vergangenheit

einen Gewinneinbruch hinnehmen,

nachdem viele neue Spieler in den Markt

gekommen sind und der Wettbewerb größer

wurde“, sagt er.

Hinzu kommt, dass der technische Fortschritt

ausgereizt scheint. Khartchenko erwartet

in Sachen Schnelligkeit „vorerst keine

Revolution mehr, dafür einige Verbesserungen“.

Cumberland von Colt sagt, dass

die Grenzen der Physik bald erreicht sein

dürften. „Wir kommen den theoretisch

schnellsten Verbindungen bereits sehr nahe“,

sagt Cumberland. Schneller als Licht

geht eben nicht.

So sind auch an der Frankfurter Börse

der Anteil des Hochfrequenzhandels am

Gesamtumsatz und die Zahl der Kunden,

die ihre Rechner nahe der Börse aufstellen,

zurückgegangen. Offenbar stoßen die ersten

Flash Boys an ihre Grenzen. Immerhin

ein Hoffnungsschimmer: Auf Dauer gibt es

eben doch keinen Gratis-Lunch – auch

nicht an der Börse.

n

annina.reimann@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: NANEX

84 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Gute Nacht Reform von Schmidt und

Seehofer bringt Betriebsrentner in Rage

Ärgerliches Erbe

BETRIEBSRENTE | Neben niedrigen Renditen macht vor allem der

Zugriff der gesetzlichen Krankenkassen Direktversicherungen und

Pensionsfonds unattraktiv.

Als Peter Weber seine Direktversicherung

unterschrieb, ahnte er noch

nicht, wie viel Zeit und Geld ihn diese

Entscheidung kosten würde. Dabei sah

erst mal alles so gut aus: Eine betriebliche

Altersvorsorge in Form einer Lebensversicherung,

bei der aber im Unterschied zu einer

privaten Police der Arbeitgeber als Versicherungsnehmer

eingetragen und die

dafür steuerlich begünstigt wird. Weber

unterschrieb 2001 und ließ sich, wie viele

Arbeitnehmer mit ihm, von den jährlichen

Standmitteilungen seines Versicherers

blenden. „Die waren reine Augenwischerei“,

sagt der frühere Angestellte eines großen

Hausgeräteherstellers. Ein Punkt fehlte

in all den Schreiben – der Hinweis, dass

seine Krankenkasse von der Auszahlung

einige Tausender abziehen wird.

Das System der betrieblichen Altersvorsorge

entpuppte sich für Versicherte als

übles Überraschungsei. Zum einen fielen,

des niedrigen Zinsniveaus wegen, die Renditen

von Direktversicherungen oder Pensionsfonds

schwächer aus als erwartet.

Zum anderen greifen Sozialversicherungen

kräftig zu – vom erwarteten Auszahlungsbetrag

bleibt dadurch weniger übrig.

Was das für Folgen hat, erfuhr Weber

erst, als sich kurze Zeit nach der Auszahlung

die Techniker Krankenkasse bei ihm

meldete. Von 21 874 Euro, die seine Direktversicherung

ihm 2012 auszahlte, forderte

sie knapp ein Viertel – 5131 Euro, die Weber

jetzt in Monatsraten abstottern darf.

STEUERVORTEIL SCHMILZT DAHIN

Der Staat hatte Weber und Millionen andere

mit Steuervorteilen in die betriebliche

Altersvorsorge gelockt. 7,5 Millionen Direktversicherungsverträge

mit einer versicherten

Summe von 200 Milliarden Euro

gibt es aktuell. Jeder Arbeitnehmer kann

vier Prozent vom sozialversicherungspflichtigen

Bruttogehalt durch eine Entgeltumwandlung

in eine Direktversicherung,

eine Pensionskasse oder einen Pensionsfonds

einzahlen. Auf diese Einzahlung

werden keine Sozialabgaben oder

Lohnsteuer fällig.

Doch die Vorteile für die Arbeitnehmer

bei der Einzahlung schmelzen nach der

Auszahlung rasch dahin. „Das sind Subventionsprogramme

für Versicherer, die

von den Verträgen profitieren, und für Arbeitgeber,

die ihren Anteil an den Sozialabgaben

sparen“, sagt Weber. Die Bundesregierung

will die Betriebsrente dennoch

ausbauen. So steht es im Koalitionsvertrag.

Spricht sich herum, was spätere Rentner

erwartet, wird ihr das schwerfallen.

ALTVERTRÄGE NICHT VERSCHONT

Die Entscheidung, die aus der zweiten Säule

des Rentensystems eine Mogelpackung

machte, liegt zehn Jahre zurück. Auch damals

regierte eine schwarz-rote Koalition:

Im Sommer 2003 hatte der Bundestag das

Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen

Krankenversicherung (GMG) mit den

Stimmen von CDU/CSU, SPD sowie den

Grünen verabschiedet. Ausgehandelt hatten

es CSU-Politiker Horst Seehofer und

SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt.

Zum Durchbruch gelangten sie in einer

Nacht, die Seehofer später als eine „der

schöneren meines Lebens“ bezeichnete.

Mit dem Gesetz wurden die Gesundheitskarte

und die Praxisgebühr auf den Weg

gebracht. Doch während Letztere schon

wieder verschwunden ist, werden Neurentner

noch immer vom Zugriff der Krankenkasse

auf ihre betriebliche Rentenoder

Lebensversicherung überrascht. Was

auf Vorsorgesparer zukommen sollte, verschleierte

der Name des Gesetzes. Begründet

wurde es damit, dass Rentner stärker

an der Finanzierung der Krankenkassen

beteiligt werden sollten.

Seit Januar 2004 werden jedem gesetzlich

Krankenversicherten, der eine betriebliche

Alters- oder Hinterbliebenenvorsorge

ausgezahlt bekommt, Beiträge

zur Krankenkasse und Pflegeversicherung

abgezogen. Für die 5,9 Millionen Altverträge,

die damals bereits abgeschlossen

waren, wurden die Regeln mitten im Spiel

geändert.

n Vor der Gesetzesänderung wurden die

Sozialbeiträge nur abgezogen, wenn eine

Direktversicherung als Monatsrente ausgezahlt

wurde. Seit 2004 aber hält die Kranken-

und Pflegekasse die Hand auch auf,

wenn alles auf einen Schlag an den Sparer

fließt. Das gilt für alle Fälle, in denen der

Arbeitgeber Einzahlungen aus dem Lohn

überwiesen hat oder als Versicherungsnehmer

eingetragen war. In der betrieblichen

Altersvorsorge ist das die Regel. Direktversicherungen

mit einmaliger Kapitalauszahlung

werden nicht mehr wie private

Policen behandelt, auf deren Auszahlung

kein Sozialbeitrag fällig wird.

FOTO: AP PHOTO/JOCKEL FINCK

86 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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Für 5,9 Millionen

Verträge wurden

die Regeln mitten

im Spiel geändert

Nicht gesund

So viel fließt aus ausgezahlten Direktversicherungen,

Pensionsfonds und anderen

Versorgungsbezügen an die Krankenkassen*

in Milliarden Euro

4,0

4,62

4,92

4,95 5,01

2009 2010 2011 2012

*Einnahmen des Gesundheitsfonds aus Beiträgen aus

Versorgungsbezügen;Quelle: Bundesversicherungsamt;

Stand:12. Mai 2014

cherung gesteckt, bei der der Arbeitgeber

nur kurz Versicherungsnehmer war. Dadurch

galt für die Abfindung der pauschale

Steuersatz von 20 Prozent, Sozialabgaben

fielen nicht an. Zwei Wochen später ließ er

sich zum Versicherungsbeginn selbst als

Versicherungsnehmer eintragen. Den kleinen

Steuervorteil, den er sich so sicherte,

musste er später teuer bezahlen. Hätte er

sich im Jahr 2001 statt für eine Direktversicherung

für eine normale private Lebensversicherung

entschieden, wären anfangs

n Wer schon vor 2004 Beiträge abführen

musste, zahlte nur den halben Krankenkassenbeitragssatz.

Jetzt löhnen Rentner

die vollen Beiträge – aktuell 15,5 Prozent

für die Krankenkasse und 2,05 Prozent

Pflegebeitrag.

„Der Gesetzgeber hat Rentner, die eine

Vorsorge leisten, beim Kassenbeitrag gegenüber

denen schlechter gestellt, die

nicht vorsorgen“, sagt Jörg Ungerer, Leiter

der Rechtsabteilung beim Sozialverband

VdK. Und im letzten Koalitionsvertrag steht

nichts dazu, dass die Regierung den Abzug

der Krankenkassen verringern würde. „Das

spült jede Menge Geld in den Gesundheitsfonds

der Kassen“, sagt Ungerer. Nach

zuletzt verfügbaren Zahlen des Bundesversicherungsamtes

waren es 2012 rund fünf

Milliarden Euro (siehe Grafik).

Weber hatte vor 13 Jahren 14 995 Euro

aus seiner Abfindung in eine Lebensversivon

der Einzahlung 1183 Euro mehr Steuern

abgezogen worden, dafür hätte er am

Ende aber 5131 Euro weniger Krankenkassenbeiträge

gezahlt.

„Ich habe einen solchen Eingriff, der

meine Investitionsplanung über den Haufen

wirft, nicht für möglich gehalten“, sagt er

heute. „Im Geschäftsleben würde man von

arglistiger Täuschung sprechen.“ Durch

den Abzug der Krankenkassenbeiträge

sinkt Webers Rendite auf 0,25 Prozent, ohne

Abzug wären drei Prozent geblieben.

KASSE GREIFT DREIFACH ZU

Mancher, der aus dem Gehalt in eine Direktversicherung

einzahlt, wird dreifach

geschröpft: Als Arbeitnehmer zahlt er den

Maximalbeitrag in die Krankenversicherung,

wenn sein Gehalt über der Beitragsbemessungsgrenze

liegt. Ein zweites Mal

werden bei der Auszahlung der Versicherung

auf den Auszahlungsbetrag Krankenkassen-

und Pflegebeitrag fällig. Ein drittes

Mal bedient sich die Kasse, wenn der Rentner

später als Freiberufler oder Selbstständiger

tätig ist – sie verlangt dann auch auf

den Ertragsanteil der Police einen Beitrag.

Bei Weber sind das immerhin 1314 Euro.

„Man kann sich nicht alles gefallen lassen“,

sagt Weber – und klagte gegen seine Kasse.

Chancen rechnet er sich vor allem aus,

weil sein damaliger Arbeitgeber ihm bestätigte,

dass es keine Versorgungszusage des

Betriebes gab. Mit einer solchen begründen

die Krankenkassen gern ihren Zugriff.

Der Sozialverband VdK hatte in sieben Fällen

Verfassungsbeschwerde gegen die

Krankenkassenabzüge eingelegt. Aber nur

eine hatte vor den Richtern Erfolg: Wenn

eine betriebliche Direktversicherung privat

fortgeführt werde und sich der Arbeitnehmer

im Vertrag als Versicherungsnehmer

eintrage, könne er der Beitragspflicht entkommen

(1 BvR 1660/08), so die Richter.

Ob sich diese Ausnahme auch auf ähnliche

Fälle bei Pensionskassen übertragen

lässt, wird das Bundessozialgericht in einigen

Monaten klären. Webers Techniker

Krankenkasse jedenfalls ließ sich nicht davon

beeindrucken, dass Weber selbst Versicherungsnehmer

war. Er blieb vor dem

Sozialgericht Reutlingen in erster Instanz

erfolglos. Jetzt läuft die Berufung vor dem

Landessozialgericht Stuttgart. Und wenn

Weber liest, dass die Krankenkassen ein

Rekordplus verbuchen und die Ausgaben

so stark steigen wie nie zuvor, ist er sich sicher,

dass er den Fall bis zum Bundessozialgericht

ausfechten würde.

n

heike.schwerdtfeger@wiwo.de | Frankfurt

KRANKENKASSE

Geteiltes Leid

Gesetzlich versicherte Rentner

können in einigen Fällen den

Zugriff der Sozialkassen bremsen.

Kassenzahler sind gekniffen: Auf Auszahlungen

aus betrieblichen Vorsorgeverträgen

zahlen sie den vollen Beitrag

zur Kranken- und Pflegeversicherung.

Die Höhe richtet sich nach dem Beitragssatz

am 1. Juli jedes Jahres, derzeit 15,5

Prozent plus 2,05 Prozent. Werden

120 000 Euro aus einer Direktversicherung

ausgezahlt, teilt die Kasse die Summe

durch 120. Aus dem so ermittelten

Monatslohn von 1000 Euro zahlt der Versicherte

bei 15,5 Prozent Beitragssatz

zehn Jahre monatlich 155 Euro an die

Kasse, plus 20,50 Euro Pflegebeitrag.

WIDERSPRUCH NÖTIG

Wer seine Betriebsrente ohne Zuschüsse

vom Arbeitgeber bestreitet, sollte

nachrechnen, ob sich die Vorsorge

lohnt. Tut sie dies nicht, könnte er den

Vertrag ohne Einzahlungen weiterlaufen

lassen. In jedem Fall sollte er sich als

Versicherungsnehmer eintragen lassen.

Dadurch hat er als Rentner die Chance,

dass ein Teil der Auszahlung vom Kassenabzug

verschont bleibt. Er muss

aber als Arbeitnehmer stets in die Krankenkasse

eingezahlt haben und bei

Auszahlung in der Krankenversicherung

der Rentner pflichtversichert sein.

n Mitunter ist nur der vom Arbeitgeber

eingezahlte Teil der Auszahlung beitragspflichtig.

Gegen den Kassenzugriff

sollten Vorsorgesparer Widerspruch

einlegen. Hilfreich ist eine Liste des

Versicherers, aus der hervorgeht, was

der Versicherte und was der Arbeitgeber

eingezahlt hat – und wer jeweils als

Versicherungsnehmer eingetragen war.

n Am Bundessozialgericht laufen Klagen

gegen den Kassenabzug bei Pensionskassen.

Auch hier kann sich Widerspruch

lohnen, den Beitrag müssen

Versicherte aber zunächst zahlen.

n Wer wegen Auslandsaufenthalten

oder zeitweiliger Privatversicherung

eine bestimmte Zahl von Beitragsjahren

unterschreitet, gilt als freiwillig versicherter

Rentner und entkommt dem

Zugriff der Kasse nicht.

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 87

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Geld&Börse | Barron’s

Starke Werte

AKTIEN | Investoren, die günstige Substanzwerte suchen, haben es

in den heiß gelaufenen Märkten schwer. Einige gibt es aber noch.

tengünstigen Betriebsstruktur,

die 2013 stolze 13 Prozent Eigenkapitalrendite

möglich machte.

Gefallen findet Hartch auch an

dem in Großbritannien verfolgten

Expansionskurs. Auf der Insel eröffnet

die Bank, anstatt den Sprung mit einer großen

Akquisition zu wagen, Jahr für Jahr 20

bis 30 neue Filialen.

Beim Kurs von 336,50 schwedischen

Kronen notiert die Aktie auf Basis des für

2014 erwarteten Gewinns mit einem Kurs-

Gewinn-Verhältnis (KGV) von 14 und zum

1,9-Fachen des Buchwertes. Im Vergleich

mit anderen europäischen Banken wirkt

die Bewertung hoch, aber Hartch meint,

Handelsbanken sei „ein anderes Kaliber

und sollte auch anders bewertet werden“.

Ein Kursziel nannte er nicht.

Die dritte jährliche London Value

Investor Conference war deutlich

international geprägt, sowohl

mit Blick auf die Teilnehmer,

als auch im Hinblick auf die von den

Anlageexperten abgegebenen Investitionsempfehlungen.

Die Konferenz zählte 400

Teilnehmer aus aller Welt, ein Drittel davon

aus Übersee. Neben der Vorstellung ihrer

Favoriten erörterten die Referenten die

Herausforderungen, denen sie sich heute

bei der Suche nach werthaltigen Aktien in

zum Teil überhitzten Märkten ausgesetzt

sehen. Außerdem diskutierten die Manager

eifrig darüber, welcher Bargeldanteil

aktuell angemessen sei. Wer aber sind nun

ihre Favoriten?

Tim Hartch, Co-Manager des Core Select

Fonds von Brown Brothers Harriman, sieht

beim Tiergesundheitsunternehmen Zoetis

und bei der schwedischen Svenska Handelsbanken

Wertsteigerungspotenzial.

Zoetis, ein weltweit agierendes Unternehmen

mit Sitz in New Jersey, erwirtschaftet

zwei Drittel seines Umsatzes mit

Arzneimitteln und Impfstoffen für Nutztiere

wie Rinder und Schweinen, das restliche

Drittel mit Pflegeprodukten für Haustiere.

Die Aktie notiert allerdings zum 25-Fachen

des für 2014 erwarteten Gewinns. Hartch

zufolge verdiene das Unternehmen einen

Bewertungsaufschlag. Als Gründe nennt er

den steigenden Appetit der Weltbevölkerung

auf Fleisch und den Anstieg der Ausgaben

für Haustiere. Bei dem ursprünglich

von Pfizer ausgegliederten Unternehmen

seien ablaufende Patente oder eine starke

Abhängigkeit von nur einem Produkt kein

Thema. Außerdem profitiere es von hohen

Forschungs- und Entwicklungskapazitäten,

einer vorteilhaften Aufstellung im Vertrieb

und einem fähigen Management. Das

Branchenwachstum liege im hohen einstelligen

Bereich, bei Zoetis aber um ein bis

zwei Prozentpunkte über dem Durchschnitt.

Hartch beziffert den inneren Wert

des Unternehmens mit 40 Dollar je Aktie;

gehandelt wird sie derzeit mit 30,70 Dollar.

Svenska Handelsbanken ist nach Ansicht

von Hartch „eine der wenigen Banken,

die ihren Job in den vergangenen 25

Jahren gut gemacht haben“, und neben

Wells Fargo aus den USA die einzige Bank

im Portfolio von Brown Brothers. Die Bank

habe Kapitalerhöhungen, die den Anteil

ihrer Aktionäre am Gewinn verwässern,

zu vermeiden gewusst

und verdiene gutes Geld mit dem

traditionellen Bankgeschäft. Sie

habe eine solide Eigenkapitalbasis

und profitiere von einer kos-

Die beste

Geschichte aus

der aktuellen

Ausgabe von

dem führenden

amerikanischen

Magazin für

Geldanleger.

SAMSUNG IST EIN SCHNÄPPCHEN

David Samra von der Vermögensverwaltung

Artisan Partners empfiehlt die Aktie

des koreanischen Elektronikriesen Samsung

Electronics – ein Tipp, den auch andere

Investmentexperten nennen. Die

Stärken des Konzerns sind bekannt: Samsung

ist globaler Marktführer bei

Smartphones, Halbleitern und vielen anderen

elektronischen Komponenten. Der

südkoreanische Weltkonzern sitzt auf Netto-Cashreserven

in Höhe von rund 30 Milliarden

Dollar, was, wie Samra betont, fast

15 Prozent des Börsenwerts entspricht.

Die Samsung-Aktie notiert derzeit 20

Prozent unter dem durchschnittlichen

Kursziel der Analystengemeinde. Der für

2014 erwartete Gewinn pro Aktie wird an

der Börse lediglich mit dem Faktor 6,2 bezahlt;

Samra betrachtet die Samsung-Aktie

als Schnäppchen, egal, welchen Maßstab

man anlege, und verweist auf „die offensichtliche

und krasse Unterbewertung“ gerade

im Vergleich mit Apple.

Der US-Schaden- und Unfallversicherer

Chubb ist die Nummer zwei auf Samras Favoritenliste

und einer von zwei auch von

anderen Konferenzteilnehmern empfohlenen

Versicherern. Das Unternehmen besteche

durch eine starke Bilanz und ein

diszipliniertes und hoch rentables Geschäftsmodell.

In drei der vergangenen

fünf Jahre habe Chubb eine fantastische Eigenkapitalrendite

von 16 Prozent erwirtschaftet.

Im Vorjahr überstieg

das Eigenkapital die verdiente

Prämiensumme, entsprechend

weise Chubb einen zu geringen

Fremdkapitalanteil auf.

Inzwischen gibt das Unternehmen

seinen Aktionären nach

und nach Kapital zurück. Im vergangenen

Jahr kaufte der Versicherer

fünf Prozent der eigenen

Aktien zurück.

ILLUSTRATION: TOM MACKINGER

88 Nr. 23 2.6.14 WirtschaftsWoche

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Die Chubb-Aktie notiert an der Börse

derzeit bei 92,53 Dollar. Das entspricht einem

2014er-KGV von gut zwölf und einem

Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) von 1,4.

Samras Einschätzung zufolge wäre eine

Bewertung mit dem Doppelten des Buchwertes

angemessen.

Jonathan Mills von Metropolis Capital

bricht eine Lanze für den britischen Versicherer

Admiral Group. Mills beschreibt das

Unternehmen als „britisches Pendant zum

US-Autoversicherer Geico“. Damit weckte

er sicher das Interesse der Fans von Value-

Papst Warren Buffett. Denn Geico gehört

zu Buffetts Holding Berkshire Hathaway.

Wie Mills betont, werde der britische Autoversicherer

noch immer von zwei seiner

Gründer gelenkt – Unternehmenschef

Henry Engelhardt und dessen Stellvertreter

David Stevens. Beide gemeinsam halten

16 Prozent der Aktien. Damit hätten sie ein

gesundes Eigeninteresse, was auch der

Grund für die erstaunlich hohe Dividendenrendite

von gut sieben Prozent sein

dürfte. Seit dem Börsengang vor zehn Jahren

habe das Unternehmen 1,4 Milliarden

Pfund Sterling an die Aktionäre ausgeschüttet

– mehr als ein Drittel des aktuellen

Marktwertes.

Admiral blühe, weil das Unternehmen

die Kosten im Griff habe. Der Hauptsitz

liegt in Wales. Dort profitiert der Versicherer

von den im Vergleich zu anderen britischen

Regionen niedrigen Gehältern. Nahezu

zwei Drittel der Versicherungsverträge

werden über Vergleichsportale im Internet

verkauft. Auf dieser Vertriebsschiene

gilt Admiral als Vorreiter in der Branche.

Auch mit innovativen Produkten hat Admiral

Erfolg, darunter einer Kfz-Police, mit

der mehrere Fahrzeuge versichert werden

können. „In einem an Neuerungen armen

Markt bringt Admiral eine Menge Neues“,

sagt Mills. „Sie haben die Nase vorn.“

Zuletzt notierte die Admiral-Aktie bei

1408 Pence und wird mit einem 2014er-

KGV von gut 13 bewertet. Im langjährigen

Durchschnitt erreichte das KGV Werte von

über 20. So gesehen könnte sich der aktuelle

Kurs als werthaltige Einstiegschance für

langfristig orientierte Anleger erweisen.

Ganz oben auf der Favoritenliste von

Aled Smith, der bei M&G Investments den

Global Leaders Fund und den American

Fund verwaltet, steht Ingredion. Mit dieser

Wahl setzt er auf den Erfolg von Unternehmenschefin

Ilene Gordon, die das Unternehmen

seit 2009 lenkt. Seither arbeite sie

am Umbau des zuvor unter Corn Products

bekannten Unternehmens. Gordon will

den einstigen Süßstoff- und Stärkehersteller

breiter aufstellen und in einen Hersteller

von Lebensmittelinhaltsstoffen transformieren.

Im Rahmen der Umsetzung des neuen

Geschäftskonzepts habe Gordon den Mitarbeitern

mehr Mitbestimmungsrechte

eingeräumt und Effizienzsteigerungen erzielt.

Ingredion bewege sich auf der Wertekurve

steil nach oben, sei an der Börse aber

Admiral, das britische Pendant zu

Geico? Da horchen Buffett-Jünger auf

noch immer als Veredler von Rohstoffen

bewertet, sagt Smith.

Der Kurs der Ingredion-Aktie bewegt

sich knapp unterhalb des Jahreshochs von

76,20 Dollar, das 2014er-KGV liegt bei 13,7.

Die Rentabilität des investierten Kapitals

erreichte 2013 sechs Prozent. Bis 2018

könnte die Rendite gar auf zehn Prozent

zulegen, meint Smith. Auf Jahressicht traut

er der Aktie einen Kursanstieg auf 109 Dollar

zu, bis 2018 könnte es gar weiter nach

oben gehen, auf Kurse von bis zu 150 Dollar.

Von dem zuletzt kräftigen Kursanstieg

lässt sich Smith nicht abschrecken: „Ich

kann es mir leisten, die ersten 30 Prozent

zu verpassen, wenn ich dann die nächsten

50 bis 60 Prozent bekomme.“

Andrew Cormie von Eastspring Investments

empfiehlt, wie schon im vergangenen

Jahr, die Bank of China. Belastet von

der konjunkturellen Abkühlung im Reich

der Mitte, ging der Kurs der chinesischen

Bankaktie an der Börse Hongkong in den

vergangenen zwölf Monaten leicht zurück

auf aktuell 3,64 Hongkong-Dollar. Damit

wird der chinesische Finanzriese nur noch

mit dem Fünffachen des für 2014 erwarteten

Gewinns gehandelt und bringt eine Dividendenrendite

von fast sieben Prozent.

„Wir sehen bei dieser Aktie eine große Sicherheitsmarge

und die Chance, dass die

Bank – und das Land – die Anleger positiv

überraschen“, meint Cormie.

Nicht alle Referenten in London gaben

konkrete Investitionsempfehlungen ab.

Mason Hawkins etwa, Vorstandsvorsitzender

von Southeastern Asset Management,

betonte lediglich, wie wichtig es sei, sein

Augenmerk zu legen auf starke Unternehmen,

hohe Kursabschläge und, vor allem,

gute Leute am Ruder, die das Kapital klug

einsetzen.

Das ist eine Handlungsanleitung, die

wohl jeder wertorientierte Anleger versteht.

n

jonathan buck | geld@wiwo.de

Londoner Lieblinge

Favoriten für Profis und Privatanleger

Unternehmen (Land)

Branche

ISIN

Kurs/Stoppkurs

Marktwert

in Milliarden Euro

KGV

2014

Dividendenrendite

in Prozent

Chubb (USA)

Versicherung

US1712321017

92,53/78,26 Dollar

16,6

12,1

2,2

Zoetis (USA)

Tiermedizin

US98978V1035

30,70/26,06 Dollar

11,3

25,5

0,9

Bank of China (China)

Bank

CNE1000001Z5

3,64/3,33 HKD

90,6

5,0

6,9

Samsung Electronics (Südkorea) Elektronik

US7960508882

698,00/630,00 Dollar

150,9

6,2

1,4

Svenska Handelsbanken (Schweden) Bank

SE0000193120

336,50/310,00 SKR

23,7

14,4

4,3

Admiral Group (Großbritannien) Versicherung

GB00B02J6398

1408/1270 Pence

4,8

13,5

7,1

Ingredion (USA)

Lebensmittelzulieferer

US4571871023

75,80/64,75 Dollar

4,2

13,7

2,2

Quelle: Bloomberg; Stand: 28. Mai 2014

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 89

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Geld&Börse | Steuern und Recht

ANLAGEBERATUNG

Wer fragt, ist

selbst schuld

LEBENSVERSICHERUNG

Garantiezins sinkt

Sparer mit Lebensversicherungen sollen weniger Geld bekommen.

Die Bundesregierung will die gesetzlichen Regeln

für Lebensversicherungen ändern, damit

die Versicherer ihre Zusagen trotz Niedrigzins am

Kapitalmarkt auch künftig einhalten können. So

soll der Garantiezins für Sparguthaben von Neukunden

2015 von 1,75 auf 1,25 Prozent sinken.

Zudem sollen die Anleger schon in Kürze weniger

stark an den Bewertungsreserven beteiligt

werden. Bislang müssen sie zu Vertragsende oder

bei Kündigung zur Hälfte an den mit ihren Beiträgen

aufgebauten Bewertungsreserven beteiligt

werden. Solche Reserven entstehen, wenn Wertpapiere

einen höheren Wert haben als den, zu

dem sie in den Büchern der Versicherer stehen.

Ist ein Versicherer nach Prüfung durch das Aufsichtsamt

BaFin nicht in der Lage, die garantierte

Leistung nachhaltig zu finanzieren, muss er die

bei Anleihen entstandenen Bewertungsreserven

nicht ausschütten. Im Gegenzug müssen die Versicherer

Anleger stärker an Risikogewinnen beteiligen.

Solche Risikogewinne entstehen, wenn

die Versicherer künftige Leistungen für Todesfälle

oder Berufsunfähigkeit zu hoch angesetzt haben.

Bislang standen Kunden verpflichtend nur

75 Prozent der Risikogewinne zu. Künftig sollen

es – wie bei Erträgen aus Kapitalanlagen – 90 Prozent

sein. Zudem sollen Versicherer künftig keine

Dividenden mehr an Aktionäre auszahlen, solange

sie die garantierten Leistungen nicht ausreichend

finanzieren können. Der Gesetzentwurf

soll bereits Anfang Juni verabschiedet werden.

Das Gesetz könnte im Juli in Kraft treten.

Im Oktober 2000 kaufte ein Anleger

über seine Bank Anteile an

einem Medienfonds. Beim Beratungsgespräch

fragte er den

Bankberater nach der Höhe der

Provision, die das Geldinstitut

vom Fondsinitiator erhalten

würde. Der Berater gab ihm keine

Antwort. Trotz der fehlenden

Auskunft zeichnete er die Anteile.

Der Medienfonds entwickelte

sich nicht so, wie vom Anleger

erwartet. Er verklagte daraufhin

die Bank auf Erstattung seines

Kapitaleinsatzes abzüglich der

bereits gezahlten Ausschüttungen

des Fonds. Sein Argument:

Die Bank habe ihn nicht auf

verdeckte Provisionen, die zwischen

dem Geldinstitut und

dem Fondsinitiator fließen, hingewiesen.

Der Bundesgerichtshof

ließ das Argument des Anlegers

nicht gelten (XI ZR 341/12).

Zwar habe die Bank ihre Aufklärungspflicht

bezüglich Provisionen

verletzt. Wer sich aber als

Anleger beim Berater explizit

nach Provisionen erkundige,

keine Antwort erhalte und dennoch

zeichne, könne später die

Bank nicht für verschwiegene

Provisionen haftbar machen.

Die Vorinstanz, das Oberlandesgericht

Köln, muss erneut über

weitere geltend gemachte

Beratungsfehler entscheiden

(13 U 103/11).

RECHT EINFACH | Pflanzen

Im Frühling sprießen die

Pflanzen. Manches Kraut gefällt

nicht jedem. Bisweilen endet der

Streit ums Grün vor dem Richter.

§

Ungeliebter Lorbeer. Im

Garten einer Anlage mit Eigentumswohnungen

stand

ein Lorbeerstrauch. Einem

Eigentümer im ersten Stock passte

der Lorbeer nicht: Der Nachbar

solle den hässlichen Strauch kappen.

Als sich der Parterrebewohner

weigerte, zog der Eigentümer

aus der Beletage vor Gericht. Oh-

ne Erfolg. Die Richter stellten fest,

dass die Pflanze in einem Garten

stand, der zum Gemeinschaftseigentum

gehörte. Der Hecken-Gegner

hätte somit alle Eigentümer verklagen

müssen. Auch dann hätte er

keinen Anspruch darauf gehabt,

den Strauch entfernen zu lassen, so

das Gericht. Schließlich schade der

Strauch niemandem (Landgericht

Hamburg, 318 S 130/12).

Hobby-Gärtner. Der Mieter eines

Einfamilienhauses in Görlitz durfte

laut Mietvertrag im Garten Blumen,

Sträucher und Bäume pflanzen.

Für 2623 Euro verwandelte er die

Grünfläche in ein Pflanzenmeer.

Nach dem Auszug wollte der

Hobby-Gärtner seine Auslagen ersetzt

bekommen. Aus der Pflanzerlaubnis

sei kein Anspruch auf

Kostenerstattung abzuleiten, so

die Richter (Bundesgerichtshof,

VIII ZR 387/04).

Angst vor Kletterpflanze. Ein

Münchner Mieter ließ in seiner

Loggia eine Kletterpflanze wuchern.

Die Eigentümer des Hauses

fürchteten, die Pflanze könne

die Außenwände des Gebäudes

beschädigen, und verklagten den

Mieter. Die Klage scheiterte, weil

die Eigentümer ihre Befürchtung

nicht mit Fakten belegen konnten.

Allein die Angst vor Schäden, so

die Richter, rechtfertige keinen

Kahlschlag bei Kletterpflanzen

(Landgericht München I, 13 S

2348/01).

FOTOS: PLAINPICTURE, F1ONLINE, PR

90 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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ANWALTSKOSTEN

Steuerhinterziehung ist Privatsache

LEASING

Kunden müssen nachzahlen

Zwei Kunden von Volkswagen

Leasing mussten nach Rückgabe

des geleasten Wagens nachzahlen.

Der Restwert der beiden

Autos war geringer als bei

Vertragsschluss berechnet. Gegen

die Nachzahlungen klagten

die beiden VW-Kunden. Ihr Argument:Das

Leasingunternehmen

hätte sie bei Abschluss

des Vertrages ausdrücklich auf

mögliche Nachzahlungen

hinweisen müssen. Die in den

Verträgen enthaltene Klausel

zum Restwert des Fahrzeugs sei

SCHNELLGERICHT

ZU SCHWER FÜR BALLETTSTANGE

§

Ein 75-Jähriger verletzte sich bei Ballettübungen.

Schuld daran, so das Unfallopfer, sei eine defekte

Ballettstange. Er verklagte seinen Sportverein. Vor

Gericht scheiterte er jedoch. Der 125 Kilo schwere

Mann habe sich mit einer Körperhälfte an der Ballettstange

abgestützt, so die Richter (Amtsgericht München,

281 C 11625/13). Wer eine solche Stange als

Sitzgelegenheit zweckentfremde, müsse damit rechnen,

dass diese nachgebe.

missverständlich und damit

unwirksam. Der Bundesgerichtshof

sah das jedoch anders

(VIII ZR 179/13, VIII ZR

241/13). Auch ein nicht juristisch

vorgebildeter Durchschnittskunde

könne der Klausel

entnehmen, dass allein mit

den Leasingraten die Leistung

nicht abgegolten sei. Ferner sei

klar, dass der Kunde die Differenz

zwischen kalkuliertem

Restwert und tatsächlichem

Wert zahlen müsse. Die Klausel

sei daher wirksam.

Der Vorstand einer Steuerberatungsgesellschaft

erhielt von

seinem Arbeitgeber 2006 Optionen

auf Aktien des Unternehmens.

Mit Optionen haben Anleger

Anspruch darauf, ein

Wertpapier zu vorher festgelegten

Zeitpunkten zu einem bestimmten

Preis zu kaufen oder

zu verkaufen. Statt die Optionen

auszuüben, in diesem Fall

Aktien zu erwerben, verkaufte

der Vorstand die Papiere an ein

anderes Unternehmen, das diese

letztlich wieder an seinen Arbeitgeber

verkaufte. Der Arbeitgeber

zahlte auf die Optionen

keine Lohnsteuer, auch der Vorstand

versteuerte den Verkaufserlös

seiner Papiere nicht. Steuerprüfer

kamen dem illegalen

Steuersparmodell auf die Spur.

Der Vorstand und drei weitere

Manager, die ebenfalls Optionen

erhalten hatten, wurde wegen

Steuerhinterziehung angeklagt.

Die Kosten für die

Strafverteidiger wurden den

Angeklagten vom Unternehmen

als Darlehen vorgestreckt.

Nachdem die Verfahren gegen

Geldstrafe eingestellt wurden,

wollte der Vorstand seine Gerichts-

und Anwaltskosten von

der Steuer absetzen. Das Finanzamt

lehnte zunächst ab.

Nach einem Einspruch des

Steuerzahlers wollte es zumindest

20 Prozent der Kosten steuerlich

anerkennen. Begründung:

Nur das Strafverfahren

wegen Hinterziehung von

Lohnsteuer sei beruflich bedingt.

Prozesse wegen hinterzogener

Einkommensteuer seien

dagegen Privatsache. Der Vorstand

klagte auf Anrechnung

der vollen Kosten. Das Hessische

Finanzgericht bremste ihn

aus (4 K 1757/11). Der Manager

könne gar keine Anwaltskosten

absetzen. Schließlich habe die

Hinterziehung von Lohnsteuer

nur dazu gedient, die persönliche

Einkommensteuer zu verkürzen.

Ein beruflicher Anlass

sei nicht erkennbar.

KINDERGELD

Mit 25 ist

Schluss

Eltern, deren Kinder ein freiwilliges

soziales Jahr leisten, haben

keinen Anspruch darauf, dass

das Kindergeld über den 25.

Geburtstag hinaus gezahlt wird

(Bundesfinanzhof, III B

147/13). Eine Verlängerung war

bisher nur beim inzwischen abgeschafften

Wehr- oder Zivildienst

möglich, weil während

der Dienstzeit, anders als beim

sozialen Jahr, kein Kindergeld

an die Eltern gezahlt wurde.

UNZUMUTBARER VERSAMMLUNGSORT

§

Streiten sich Wohnungseigentümer und der Verwalter

einer Wohnanlage, ist die Wohnung des

Verwalters für eine Eigentümerversammlung ungeeignet

(Amtsgericht Büdingen, 2 C 359/12). Bleiben

einzelne Eigentümer der Versammlung fern, weil sie

den Ort ablehnen, sind die Beschlüsse unwirksam.

LEASINGKUNDE MUSS DIEBSTAHL AUFKLÄREN

§

2006 leaste ein Autofahrer einen Audi A3. Als

2010 der Leasingvertrag auslief, gab er den Audi

nicht zurück, weil der kurz nach Vertragsende gestohlen

worden sei. Die Kaskoversicherung wollte für

den Schaden nicht zahlen. Daraufhin verklagte das

Leasingunternehmen seinen Kunden auf Schadensersatz.

Das Oberlandesgericht Hamm gab der Klage

statt, weil der Beklagte das Leasingunternehmen unzureichend

über den Diebstahl aufgeklärt habe und

Zweifel an seinen Aussagen bestünden (18 U 84/13).

SCHEINGEWINNE

ELLEN ASHAUER-MOLL

ist Steuerberaterin

und

Partnerin der

Kanzlei Rödl

& Partner in

Frankfurt.

n Frau Ashauer-Moll, laut

Bundesfinanzhof sind

Scheingewinne aus betrügerischen

Schneeballsystemen

zu versteuern.

Scheingewinne sind keine

echten Erträge, sondern meist

Rückzahlungen des Kapitaleinsatzes.

Schließlich stammt

das Geld aus Einzahlungen

anderer Anleger und nicht aus

Kapitalerträgen. Der Steuerzahler

ist gar nicht leistungsfähiger

geworden.

n Warum sollen die Anleger

dennoch Steuern zahlen?

Der BFH argumentiert, dass

Auszahlungen steuerlich so

lange als Erträge gelten, wie

der Anbieter der Kapitalanlage

leistungsbereit und leistungswillig

ist. Das Argument

ist wirklichkeitsfremd, denn

Betrüger wollen nicht zahlen.

n Was können Anleger tun,

wenn sich das Finanzamt

auf das BFH-Urteil beruft?

Sie können bis zu einen Monat,

nachdem sie den Steuerbescheid

erhalten haben, Einspruch

einlegen und beantragen,

den Bescheid mit Hinweis

auf laufende Gerichtsverfahren

offen zu lassen. Ist der

Betrüger insolvent, lassen sich

unter Umständen ausgefallene

Zahlungen als negative Einkünfte

geltend machen.

n Wie sind die Erfolgsaussichten

eines Einspruchs?

Derzeit laufen beim BFH zwei

weitere Verfahren, weil die

Finanzgerichte dessen Argumente

infrage stellten. Der

BFH muss daher seine Position

prüfen und könnte dann

zugunsten der Steuerzahler

entscheiden.

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 Redaktion: martin.gerth@wiwo.de

91

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Der Deutsche

Aktienindex sollte endlich die

Zitterpartie um die 10 000er-Marke

beenden. Von Hauke Reimer

Dax, komm raus!

Und ewig grüßt das

Murmeltier. Wieder

nähern wir uns einer

magischen Kursmarke,

erneut fühlt sich der gequälte

Kolumnist verpflichtet, ein

Ereignis zu würdigen, das bis

Redaktionsschluss noch gar

nicht eingetreten ist. „Runde

Marken im Dax haben praktisch

keine Bedeutung. Eine Anlageentscheidung

darauf aufzubauen

grenzt an Aberglauben“, war

zu Jahresbeginn an dieser Stelle

zu lesen, mit dem nicht besonders

gewagten Hinweis, dass

der Dax die 10 000 in 2014

nehmen werde. Irgendwie

scheinen die runden Marken

aber doch wichtig für alle, die

keine Aktien haben. Sie könnten

durch Live-Schalten in der

„Tagesschau“ oder eine brüllende

„Bild“-Schlagzeile womöglich

doch ein Stück näher an die

Börse geführt werden. 60 Prozent

der Dax-Aktien liegen bei

Institutionen im Ausland, nähren

britische Lehrer und kalifornische

Pensionäre – mehr

Deutsche aus dem Nullzins zu

locken wäre verdienstvoll.

Unser Chefstatistiker sagt, die

Wahrscheinlichkeit, dass der

Dax die 10 000 Punkte in den

nächsten Tagen überwinde, sei

deutlich größer als die, dass er

wieder abpralle. Also sei’s drum:

Der Dax wird die 10 000 schaffen.

So stark ist er aber nun auch

wieder nicht gestiegen. Der „Ur-

Dax“ der 30 Gründungsmitglieder,

mit Werten wie Mannesmann,

Schering, Hoechst und

Degussa, notierte heute bei

17 536 Punkten, so unser Statistiker.

Und zieht man die ausgeschütteten

Dividenden ab, stünde

der Dax bei 5090 Punkten –

weit unter dem Rekord bei 6300

im Jahr 2000.

Alles halb so wild also. Zumal

die von uns allen schon im

Schlaf heruntergebeteten Argumente

für Aktien weiter gelten:

n Zinspapiere bringen zu wenig;

n Die US-Notenbank fährt ihre

Anleihekäufe, die die Märkte mit

Geld fluten, nur sanft zurück,

und die EZB fängt erst richtig an,

Geld zu pumpen (siehe Seite 34);

n Gewinne, Aufträge, Finanzen

der Konzerne sind komfortabel;

n von allgemeiner Euphorie (viele

Börsengänge, „Jetzt Dax kaufen“-Titelzeilen,

massive Zuflüsse

in Fonds) ist nichts zu sehen;

n die Ukraine scheint einen annehmbaren

Präsidenten gefunden

zu haben.

DRAGHI MUSS LIEFERN

Börse wäre nicht Börse, wenn es

nicht Gegenargumente gäbe.

Zuvorderst: Die Erwartungen an

die EZB sind gigantisch. Feuert

Mario Draghi nicht gleich mit

großem Geschütz, senkt er etwa

nur den Leitzins, geht der Dax in

die Knie. Und: Aktien sind teuer.

Das von US-Ökonom Robert

Shiller berechnet Kurs-Gewinn-

Verhältnis (KGV), in das Gewinne

aus zehn Jahren einfließen,

liegt für den S&P 500 bei 25,

rund 50 Prozent über dem

Durchschnitt seit 1881. Okay,

das ist ein US-Index. Als der

aber Mittwoch schwach eröffnete,

verkroch sich der Dax ganz

flott in sein 9900er-Loch.

Das Shiller-KGV liegt jetzt auf

dem Niveau vom November

2007, als der Dax sich kurz vor

dem Finanzkrisen-Brass letztmals

auf 8000 Punkte schwang.

Vorausschauende Börsianer

hatten im Sommer 2007 mit

Wetten auf den Crash richtig

Geld verloren. So wird es auch

diesmal laufen: Der Crash

kommt, aber später.

Volle Power

BASF-Tanklager

in Ludwigshafen

TREND DER WOCHE

Die Top Five im Dax

Wer bei Blue Chips nachlegen will, sollte auf beste

Werte setzen: auf Aktien, die den Markt anführen.

Es gibt derzeit fünf Aktien im

Dax, die auf Rekordniveau notieren.

Ihre Aussichten sind

vielversprechend, das Chance/

Risiko-Profil interessant.

BASF Mit 1,5 Milliarden Euro

Nettogewinn im ersten Quartal

(plus zwei Prozent) hat der Ludwigshafener

Chemieriese eine

gute Vorlage für einen Jahresgewinn

von mehr als fünf Milliarden

Euro gelegt. Die Bewertung

ist okay, die Dividende attraktiv.

Bayer Die Konzentration auf

das Pharmageschäft läuft. Besonders

vielversprechend sind

Bayers rezeptfreie Medikamente,

sie verbinden hohe Margen

mit stabilem Absatz und geringem

Rückschlagsrisiko. Im Vergleich

zur internationalen Pharmakonkurrenz

hat die Aktie

Nachholbedarf.

Deutsche Post Lange wurde sie

als müder Staatsladen unterschätzt,

jetzt ist sie der große

Gewinner des Online-Booms.

Bis 2020 will sie hier weltweit

die Nummer eins werden. Die

Dividende stimmt schon heute.

Linde Bei Industriegasen zeichnet

sich ein lebhafteres Geschäft

ab, im Anlagenbau ist das

Auftragspolster üppig. Die Zusammenarbeit

mit Energiekonzernen

wie Shell wird ausgebaut.

Erstmals kann Linde in

diesem Jahr 17 Milliarden Umsatz

erzielen.

Henkel Mit überraschend

hohen Gewinnmargen ist der

Konsumchemiker 2014 gestartet.

Der Gegenwind durch den

starken Euro sollte abflauen. In

diesem Jahr sind 1,8 Milliarden

Euro Rekordgewinn möglich.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 28.5.2014 / 18.01 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9939,17 +2,5 +17,2

MDax 16913,54 +3,6 +18,2

Euro Stoxx 50 3246,24 +1,9 +14,5

S&P 500 1911,98 +1,3 +15,2

Euro in Dollar 1,3608 –0,5 +5,2

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,35 –0,02 2 –0,14 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,47 –0,07 2 +0,39 2

Rohöl (Brent) 3 109,69 –0,7 +5,7

Gold 4 1263,50 –1,8 –8,2

Kupfer 5 7035,00 +2,8 –3,1

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 929,04 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, BASF

92 Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Walldorf Transformers

SAP wird seine Erfolgsstory nur dann fortsetzen,

wenn im Cloud-Geschäft echte Gewinne kommen.

Um an der Börse weiter so hohe

Bewertungen wie bisher zu

erzielen (jeder Euro Jahresumsatz

wird mit 4,25 Euro bezahlt),

muss SAP Wachstum

und hohe Gewinnmargen

verbinden. Das wird eng,

denn das viel beschworene

Geschäft mit der Vermietung

von Software via Internet

(„Cloud“, plus 32 Prozent Umsatz

im ersten Quartal) wirft

wesentlich weniger Gewinne

ab als der klassische Verkauf

von Software. Kunden mieten

ja nur dann Software, wenn

Dax

Dax 9939,17 +2,5 +17,2

Aktie

sie sich damit Kosten für eigene

Rechner ersparen. Diesen Aufwand

müssen dann Anbieter

wie SAP leisten. Mit führender

Technologie (Datenbank Hana),

schnelleren Geschäftsabläufen

und dem Umbau der

Mitarbeiterstruktur (mehr in

Rechenzentren, weniger Berater)

verspricht SAP Wachstum

und Marge. Das immer noch

starke Basisgeschäft mit Lizenzverkäufen

und die Finanzkraft

(57 Prozent Eigenkapitalquote)

helfen, dass die Transformation

in Walldorf gelingen kann.

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2014 2015 2015

(Mio. €) rendite

(%) 1

Stand: 28.5.2014 / 18.00 Uhr

Adidas 78,63 +1,4 –9,1 4,33 5,08 15 16451 1,91

Allianz 124,70 +2,3 +3,4 13,57 13,96 9 56857 4,25

BASF NA 84,81 +2,2 +12,6 5,92 6,46 13 77896 3,18

Bayer NA 104,75 +1,4 +21,0 6,10 6,93 15 86623 2,00

Beiersdorf 73,79 +0,1 +2,5 2,56 2,84 26 18595 0,95

BMW St 91,36 +3,0 +26,3 8,68 9,17 10 58770 2,85

Commerzbank 12,00 +5,7 +49,9 0,71 1,08 11 13656 -

Continental 175,00 +5,8 +71,9 12,59 14,41 12 35001 1,43

Daimler 69,29 +3,2 +41,4 5,93 6,84 10 74101 3,25

Deutsche Bank 30,28 +0,3 –16,4 3,47 4,07 7 30862 2,48

Deutsche Börse 55,43 +2,3 +17,4 3,84 4,24 13 10698 3,79

Deutsche Post 27,12 +1,1 +33,7 1,71 1,91 14 32788 2,95

Deutsche Telekom 12,23 –1,4 +30,5 0,63 0,68 18 54438 4,09

E.ON 14,17 +2,3 +6,3 0,94 1,01 14 28344 4,24

Fresenius Med.C. St 48,52 +2,6 –9,2 3,64 4,01 12 14921 1,59

Fresenius SE&Co 109,80 +1,2 +16,3 6,34 7,17 15 24780 1,14

Heidelberg Cement St 63,90 +5,2 +7,3 4,01 5,04 13 11981 0,94

Henkel Vz 84,51 +0,2 +7,7 4,29 4,68 18 34289 1,44

Infineon 9,08 +5,4 +40,6 0,41 0,53 17 9819 1,32

K+S NA 25,91 –0,6 –19,3 1,43 1,52 17 4959 0,96

Lanxess 52,07 +1,8 –8,5 2,56 3,60 14 4332 0,96

Linde 153,70 +1,6 –0,1 8,08 9,07 17 28534 1,95

Lufthansa 19,38 +6,2 +16,7 1,90 3,00 6 8911 -

Merck 126,75 +1,8 +1,1 9,19 9,55 13 8191 1,50

Münchener Rückv. 162,75 +2,7 +10,3 17,17 17,62 9 29188 4,45

RWE St 29,28 +2,9 +6,8 2,37 2,27 13 17740 3,42

SAP 56,06 +1,1 –6,9 3,42 3,73 15 68870 1,96

Siemens 98,02 +3,8 +21,4 6,73 7,48 13 86356 3,06

ThyssenKrupp 22,35 +2,6 +44,3 0,54 1,21 18 11499 -

Volkswagen Vz. 194,70 +2,0 +16,3 21,95 24,63 8 90198 2,09

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

DAX-CHARTSIGNAL

Bärenstarker Markt

In einem wackligen Umfeld schafft der Dax ein neues

Hoch; ein gutes Zeichen für die nächsten Monate.

Mit dem Anstieg auf mehr als

9600 Punkte überwand der

Dax die obere Begrenzung eines

Konsolidierungskeils (1).

Nach fünf Monaten Zitterpartie

gab der Index damit ein

mittelfristiges Kaufsignal.

Jetzt ist gar ein deutlicher Anstieg

über die magische, runde

Marke von 10 000 Punkten

wahrscheinlich.

Mehrmals in den vergangenen

Monaten war der Dax

kurz davor, den seit 2011 bestehenden

Aufwärtstrend (2)

zu brechen. Nun, durch das

jüngste Kaufsignal, ist dieser

Trend zunächst bis auf Weiteres

bestätigt. Parallel dazu

verlaufen die Kurse stabil und

mit etwas Abstand oberhalb

der steigenden 200-Tage-Linie

(3). Auch das spricht für

eine Fortsetzung des bisherigen

Aufwärtstrends.

Alte Widerstandsmarken

existieren auf dem aktuell

neuen Rekordniveau nicht.

Dennoch gibt es Anhaltspunkte,

wie weit die nun laufende

Aufwärtsphase anhalten

könnte. Bevor der Dax im

Januar in den Konsolidierungskeil

überging, schaffte er in einer

siebenmonatigen Kletterpartie

mehr als 25 Prozent (4).

Das ergäbe für einen Zeitraum

bis Anfang 2015 eine Zielprojektion

bis über 12 000 Punkte hinaus.

Deutlich weniger Potenzial

ergibt sich, wenn man das

Ausmaß des letzten großen

Kursrückschlags 2011 (5) von

der Unterstützungslinie bei

7600 nach oben abmisst: Diese

vorsichtigere Projektion (6) ergäbe

ein mittelfristiges Ziel von

gut 11 000 Punkten.

Aus charttechnischer Sicht

besteht derzeit eindeutig ein

stabiler Hausse-Trend, der

durch den aktuellen Anstieg sogar

an Dynamik gewinnt. Diese

kurstechnisch robuste Verfassung

ist angesichts des fundamental

wackligen Umfeldes

(Ukraine-Krise, China-Unsicherheit,

Deflationsängste) bemerkenswert

und ein klares Signal

der Stärke. Für Aktionäre

heißt das: bestehende Positionen

laufen lassen, an Korrekturtagen

bei ausgesuchten Werten

gar zukaufen.

Der Kursanstiegbeschleunigt sich

Nach dem Ausbruch aus dem Konsolidierungskeil

kann der Dax bis 11 000 Punkte steigen

11 000

10 000

9000

8000

7000

6000

5000

2011

Quelle: Thomson Reuters

5

Dax-Index

2012

6

Konsolidierungskeil

2

Langfristiger Aufwärtstrend seit 2011

2013

4

1

3

Unterstützungen

200-Tage-Linie

2014

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 93

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE Imperial Tobacco

Großer Kippen-Deal in

Übersee befeuert

Zug um Zug Konsolidierung

der Tabakbranche treibt Kurse

Raucher greifen zur Kippe,

Investoren zu Tabakaktien,

weil auf Raucher eben Verlass

ist. Raucher sterben nie aus –

trotz staatlich verordneter

Rauchverbote, drastischer Tabaksteuererhöhungen

und

Kampagnen von Anti-Raucher-Organisationen.

Raucher

sind verlässliche Kunden,

weil ihre Genusssucht

nur gering vom Produktpreis

beeinflusst wird. Das bedeutet

nicht, dass der Preis überhaupt

keine Rolle spielt, aber

eben eine wesentliche geringere

als in anderen Konsumbereichen.

Die Sorge, dass die

Tabakindustrie von milliardenschweren

Klagen ins Jenseits

befördert wird, war

schon immer Dampfplauderei.

Wer schlachtet schon die

Kuh, die er endlos melken

kann. Allein in Deutschland

finanzieren Raucher den Bundeshaushalt

über die Tabaksteuer

mit gut 14 Milliarden

Euro pro Jahr. Hinzu kommt

die Mehrwertsteuer, die auf

den Gesamtpreis einer

Schachtel aufgeschlagen

wird.

Natürlich verspricht der

globale Tabakmarkt, abgesehen

von einzelnen Schwellenländern

in Afrika, Nahost und

Asien, kein großes Wachstum

mehr, dafür aber Konsolidierungsfantasie.

So will jetzt

der mit 27 Prozent Marktanteil

zweitgrößte US-Zigarettenkonzern

Reynolds die Nummer

drei Lorillard (15 Prozent

Marktanteil, Kursplus 170 Prozent

seit Empfehlung in WirtschaftsWoche

29/2009) übernehmen.

Angefeuert hat der

geplante Kippen-Deal in Übersee

auch die Aktien der europäischen

Konkurrenten. BAT,

mit 42 Prozent größter Aktionär

von Reynolds, stärkte seine Stellung

auf dem US-Markt, während

für Imperial Tobacco ein

paar Marken abfallen könnten,

die der neue US-Tabakriese aus

Wettbewerbsgründen wohl abgeben

müsste.

Tabakaktien punkten bei Investoren

vor allem, weil man

sich bei ihnen auf weitgehend

stabile und hohe Mittelzuflüsse

einstellen kann sowie auf einen

steten Fluss an Dividenden. Imperial

Tobacco, die Muttergesellschaft

von Reemtsma, prognostiziert

für das Geschäftsjahr

2013/14 (30. September) einen

leichten Gewinnanstieg und

zehn Prozent mehr Dividende.

Daraus errechnete sich derzeit

eine Dividendenrendite von

knapp 4,8 Prozent – nicht so

schlecht in nahezu zinslosen

Zeiten.

Imperial Tobacco

ISIN:GB0004544929

2800

2600

2400

2200

2000

1800

1600

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

1400

09 10 11 12 13 14

Kurs/Stoppkurs (inPence): 2645/2160

KGV2013/2014: 27,5/16,5

Dividendenrendite (inProzent): 4,8

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle: Thomson Reuters

Auf Durchzug schalten

Bahntechnik bringt

reichlich Neuaufträge

AKTIE Schaltbau

Signal auf Grün für

mehr Gewinn

Mit einem zweistelligen Millionenbetrag

steigt Schaltbau

bei dem spanischen Bahntechnikspezialisten

Albatros

und dessen Tochtergesellschaft

Alte ein. Der Münchner

Bahnzulieferer (Türen,

Bremssysteme, Heizungen,

Signale) verstärkt damit seine

Position auf der Iberischen

Halbinsel und darüber hinaus

auf dem nord- und südamerikanischen

Eisenbahnmarkt.

Diese Expansion ist wichtig,

denn Hauptkunde Deutsche

Bahn ist bei Investitionen in

Sicherheits- und Leittechnik

zurückhaltend. Immerhin,

der chinesische Eisenbahnmarkt

kommt wieder in Bewegung;

und selbst in Russland

registrieren die Manager

trotz Ukraine-Krise stabile

Aufträge. Aus der Industrie

(Ausrüstungen für Busse, Gabelstapler,

Hafenkräne) nehmen

die Bestellungen etwas

zu. Insgesamt ist das Auftragspolster

mit 248 Millionen Euro

seit Jahresanfang um neun

Prozent angeschwollen.

Begonnen hat das Geschäftsjahr

2014 zwar schwächer

(Umsatz minus 3 Prozent,

Nettogewinn minus 16

Prozent); verantwortlich dafür

waren die Zukäufe und

Verschiebungen bei Infrastrukturprojekten.

Ein Nachholeffekt

ist wahrscheinlich. Die Prognose,

dass der Umsatz 2014 von

391 Millionen Euro auf rund 425

Millionen klettert, ist realistisch.

Auf der Ertragsseite sollte

Schaltbau mindestens wieder

wie 2013 rund 25 Millionen Euro

erreichen. Derzeit profitiert

das Unternehmen von niedrigen

Metallpreisen, vor allem für

Kupfer und Aluminium. Ab

2015 liefern die spanischen Zukäufe

Gewinn ab. Dann könnten

aus 440 Millionen Euro Umsatz

mehr als 26 Millionen

Gewinn kommen.

Schaltbau

ISIN:DE0007170300

55

50

45

40

35

30

25

20

2012

Kurs/Stoppkurs (inEuro): 53,40/45,40

KGV2013/2014: 15,3/14,7

Dividendenrendite (in %): 1,8

Chance

Risiko

Niedrig

2013

Quelle: Thomson Reuters

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

2014

Hoch

FOTOS: MAURITIUS/ALAMY, FOTEX/MCPHOTO, BLOOMBERG NEWS/MARIO PROENCA, BLOOMBERG NEWS/SUSANA GONZALEZ

94 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Frank Doll, Anton Riedl

Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

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HITLISTE

ANLEIHE Peso/Weltbank

Scharfe

Rendite

IBERISCHE BANKEN

Déjà-vu

Bankaktien von der Iberischen Halbinsel bleiben

heiße Eisen mit unkalkulierbaren Risiken.

Unverhofft kommt oft. Wenige

Tage nachdem Portugal

den Schutzschirm seiner europäischen

Partner verlassen

hat, haben die Wirtschaftsprüfer

von KPMG beim portugiesischen

Konzern Espirito

Santo International (ESI) bilanzielle

Ungereimtheiten

festgestellt. So soll etwa der

Wert der Banktochter Banco

Espírito Santo (BES) zu hoch

angesetzt worden sein. Die

Schwierigkeiten der Mutter

bedeuten höhere Finanzierungskosten

für die Tochter

und möglicherweise für andere

portugiesischen Banken.

Bilanzkosmetik in großem

Stil auch in Spanien. Unter

dem neuen Basel-III-Regime

dürfen Banken die üblicherweise

aus Verlusten und

Rückstellungen stammenden

Heiliger Geist

Kurseinbruch bei

Portugals Großbank BES

latenten Steueransprüche (Deferred

Tax Assets, DTA) eigentlich

nicht auf das Kernkapital

anrechnen. Weil ihnen dadurch

aber milliardenschwere Kapitalerhöhungen

drohten, gibt

Madrid seit November kurzerhand

Staatsgarantien für

Steuerkredite. Zukünftige Steueransprüche

können so als Eigenkapital

bilanziert werden.

Der Bilanztrick wurde im Dezember

von der EU-Kommission

gebilligt. Die Eigenkapitalausstattung

der spanischen

Banken besteht inzwischen

überwiegend aus DTA-Staatsgarantien.

Der weitere Kursverlauf

der spanischen Bankaktien

wird im Wesentlichen davon

abhängen, ob dieser umstrittene

Schachzug auch beim bevorstehenden

Stresstest Bestand

haben wird.

Wie sich iberische Bankaktien im Vergleich zum europäischen Branchenindex

Stoxx 600 Banken geschlagen haben

Bank (Land)

Santander (E)

BBVA (E)

Stoxx 600 Banks

Bankinter (E)

Bankia (E)

Caixabank (E)

Kursentwicklung seit

1 Monat 3 Monaten

+6,4

+5,3

+1,5

+1,0

+0,5

–1,1

Prozent

+12,7

+2,1

–1,0

–5,7

–7,3

–6,1

MK = Marktkapitalisierung; Quelle: Bloomberg; Stand: 26. Mai 2014

MK

Mrd. Euro

87,4

54,6

1140,0

5,0

17,0

23,5

Bank (Land)

Sabadell (E)

Banif (P)

Popular (E)

BCP (P)

BPI (P)

Espírito S. (P)

Kursentwicklung seit

1 Monat 3 Monaten

–2,6

–3,0

–7,3

–10,9

–11,1

–24,6

Prozent

–1,8

–13,0

–3,5

–4,3

–2,8

–28,1

MK

Mrd. Euro

9,4

1,0

10,5

3,7

2,3

5,0

Mexiko ist im Aufbruch. Umgerechnet

mehr als 400 Milliarden

Euro will die Regierung

in die Infrastruktur des

Landes stecken. Autobahnen,

Brücken und Eisenbahnen

werden gebaut, Flughäfen

modernisiert, die Energieund

Wasserversorgung durch

neue Kraftwerke und Leitungen

sichergestellt; Breitbandtechnik

soll das Internet

beschleunigen. Die mexikanische

Notenbank rechnet, dass

sich das Wachstum damit von

2,3 bis 3,3 Prozent in diesem

Jahr auf 3,2 bis 4,2 Prozent

2015 erhöht.

Im Dezember erzielte Präsident

Enrique Peña Nieto einen

wichtigen Durchbruch:

Die Öl- und Gasförderung des

Landes, seit einem Dreivierteljahrhundert

staatliches

Monopol, wird privaten Unternehmen

geöffnet. Mit

geschätzten 140 Milliarden

Barrel verfügt Mexiko über

mehr Reserven als das ölreiche

Kuwait.

Die Liberalisierung der

Energieindustrie ist für die

Ratingagentur Moody’s der

entscheidende Grund dafür,

das Land heraufzustufen: Seit

Februar bekommt Mexiko die

Note A3 mit stabilem Ausblick,

also mittlere Qualität im

Investmentbereich. Bei den

Kreditausfallprämien wird

Mexiko auf gleichem Niveau

bewertet wie das europäische

Aufsteigerland Polen (WirtschaftsWoche

22/2014).

Für Anleger hat die Heraufstufung

zwei Folgen: Mexikanische

Staatsanleihen mittlerer

Laufzeit (etwa ISIN

XS0206170390) bringen nur

noch zwei Prozent Jahresrendite.

Allerdings, diese Papiere

notieren in Euro. Wesentlich

mehr, nämlich 4,7 Prozent

Bald mit privaten Partnern Bohrung

beim Staatskonzern Pemex

Jahresrendite bei Fälligkeit

2020, versprechen Anleihen in

mexikanischen Peso (100 Peso

derzeit gleich 5,70 Euro). Emittentin

ist hierbei die Weltbank,

ein Top-Schuldner mit AAA-Rating,

hinter dem derzeit 188

Länder der Erde stehen.

Wer 4,7 Prozent Jahresrendite

anpeilt, muss allerdings Risiken

in Kauf nehmen. Zum Vergleich:

Sichere Bundesanleihen

mit Fälligkeit 2020 bringen derzeit

nur 0,6 Prozent Rendite.

Der mexikanische Peso war

in den vergangenen Jahrzehnten

alles andere als eine stabile

Währung. In der Tequila-Krise

1994/95 geriet das Land in massive

Zahlungsschwierigkeiten,

weil es sehr kurzfristig in Dollar

verschuldet war. Heute ist die

durchschnittliche Laufzeit mexikanischer

Schuldtitel mehr

als zehnmal so lang, gut 80 Prozent

der Schulden sind in Peso

finanziert. Eine akute Zahlungskrise

mit Wirtschafts- und Währungsabsturz

wie 1994 ist damit

unwahrscheinlicher geworden.

Für ein international ausgerichtetes

Depot sind Peso-Anleihen

eine interessante, aber

eindeutig spekulative Beimischung

für kleinen Einsatz.

Kurs (%) 114,04

Kupon (%) 7,50

Rendite (%) 4,68

Laufzeit bis 5. März 2020

Währung Mexikanischer Peso

ISIN

XS0490347415

WirtschaftsWoche 2.6.2014 Nr. 23 95

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Geld&Börse | Geldwoche

FONDS ING Renta EM Corporate Debt

WM-Gastgeberland hat

Chance als Nachzügler

Musik statt Krawall Hoffnung

ruht auf Konsumenten aus Rio

Investoren kehren langsam in

die Schwellenmärkte zurück.

Seit einigen Wochen verbuchen

die auf sie spezialisierten

Fonds wieder Zuflüsse.

Anleihen von Staaten, die wie

Venezuela und die Türkei

2013 stark unter die Räder gekommen

waren, führen jetzt

mit hohen Kursgewinnen die

Aufholjagd an. Damals drückten

die Ängste um die schwächere

Geldversorgung der

Märkte durch die US-Notenbank

Anleihen und Währungen.

Wie begehrt die Papiere

jetzt wieder sind, zeigten die

diesjährigen Rekordemissionen

von Dollar-Anleihen der

Türkei, von denen Investoren

weit mehr nachfragten, als

angeboten wurden. Weder

politische Probleme noch die

mögliche Herabstufung der

Bonität des Landes durch die

Ratingagentur S&P schrecken

sie ab. Die im Vergleich zu Industrieländern

hohen Renditen

in Schwellenländern rücken

in den Vordergrund.

Mit etwa sieben Prozent

plus in diesem Jahr machen

gute Schwellenländerfonds

für Staatsanleihen Boden gut.

Auch die speziellere Variante

mit Unternehmensanleihen,

kann sich mit fünf Prozent

plus sehen lassen. Die von

Victor Rodriguez für den ING

Renta EM Corporate Debt

ausgewählten Papiere bringen

im Schnitt sechs Prozent

ING Renta EM Corp. Debt

ISIN:LU0574974753

125

120

115

110

105

100

JP Morgan-Schwellenländer-Index

95

fürStaatsanleihen

90

2011 12 13 14

Chance

Risiko

Niedrig

auf100 umbasiert

Quelle:Thomson Reuters

Hoch

Die besten Schwellenländer-Rentenfonds

Wie die erfolgreichsten Portfolio-Manager abgeschnitten haben

Fondsname

Unternehmensanleihen

JPM EM Corporate Bonds Portf. EUR

Espa Bond Emerging Markets Corporate

Sparinvest EM Corporate Value Bonds

Fidelity EM Corporate Debt EUR

Alliance Bernstein EM Corporate Debt

Julius Baer BF EM Corporate-EUR

ING Renta EM Corp. Debt EUR Hedged

JPMorgan Emerg. Markets EUR Hedged

Pimco GIS EM Corp. Bonds € Hedged

Invesco Emerging Market Corp. Bonds

Fisch Bond Value Investment Grade

Threadneedle EM Corporate Bonds

Blackrock EM Corp. Bonds

BlueBay EM Investment Grade Corp.

Pioneer EM Corporate HY Bonds EUR

BlueBay EM Corp. Bonds EUR

Ashmore EM Corporate Debt

Pictet Emerging Corporate Bonds

MainFirst EM Corp. Bonds USD

Pioneer EM Corp. Bonds EUR

SPDR BofA Merrill Lynch EM Corp. ETF

DWS Invest EM Corporates

BNY Mellon EM Corporate Debt A€

Investec GSF EM Corporate Debt

iShares $ Emerging Markets Corp. ETF

Staatsanleihen

EdR Emerging Bonds

GS&P Fonds Schwellenländer Anleihen

Federated EM Global Debt

Pioneer EM Bonds EUR

DZPB Concept-Emerging-Market-Bonds

M&G Emerging Markets Bond EUR

AXA WF EM Short Duration Bonds

HSBC GIF GEM Debt Total Return

ING (L) Renta EM Debt USD

iShares J.P. Morgan $ EM Bonds ETF

Vontobel Emerging Markets Debt

T. Rowe Price Global EM Bonds

Blackrock Emerging Markets Bond

Fidelity EM Debt Euro

Schroder ISF EM Debt Absolute Return

Nordea-1 Emerging Market Bond

Parvest Bond World Emerg. Countries

Goldman Sachs Emerging Markets Debt

AB Emerging Markets Debt

Global Investors High Yield Gov.Bonds

HSBC GIF Global EM Bonds USD

Invesco EM Bonds USD

ISIN

LU0546045567

AT0000A05HQ5

LU0519053697

LU0900495853

LU0736563114

LU0784392622

LU0574974753

LU0512127621

IE00B62MZF51

LU0607516928

LU0504482315

LU0143866290

LU0843229971

LU0605625556

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Wertentwicklung

in Prozent

seit 3

Jahren 1

1 jährlicher Durchschnitt (in Euro gerechnet); 2 je höher die Jahresvolatilität

(Schwankungsintensität) in den vergangenen drei Jahren, desto riskanter der Fonds;

Quelle: Morningstar; Stand: 26. Mai 2014

5,1

7,2

6,8




6,0

5,9

3,9

6,9

4,5

4,3




3,9

3,9





7,6


5,9





7,8

3,5

7,3


4,0


7,9


6,3

7,3

6,7

2,5


6,4

8,1

6,9

5,1

7,4

7,4

seit einem

Jahr

4,2

2,5

2,4

2,3

0,8

0,7

0,2

0,2

0,2

0,0

0,0

0,0

–0,4

–0,5

–1,1

–1,7

–1,7

–1,8

–2,5

–2,9

–3,2

–3,3

–3,4

–3,4

–3,7

4,4

1,0

–1,8

–1,9

–2,2

–2,4

–2,9

–3,4

–3,6

–3,9

–3,9

–4,2

–4,4

–4,5

–4,6

–4,6

–5,0

–5,1

–5,1

–5,1

–5,2

–5,3

Rendite, 0,5 bis 0,8 Prozentpunkte

mehr als vergleichbare

Staatsanleihen. Durch ihre internationalen

Geschäfte kommt

Schwellenländerunternehmen

das Wachstum in den USA und

Europa zugute. Aus dem Portfolio

zählen etwa der Agro-Konzern

Olam und der Maschinenbauer

Doosan Infracore aus

Singapur sowie der Zementriese

Cemex aus Mexiko zu den

Profiteuren. Rodriguez schreckt

aber auch vor aktuell unpopulären

Regionen nicht zurück. „In

einem Jahr werden wir zurückblicken

und sehen, dass manche

russische Bankanleihe eine

gute Wahl war.“ Die Ukraine-

Krise hält er für riskant, glaubt

aber nicht, dass russische Banken

vom westlichen Bankensystem

abgeschnitten würden.

Dass sich die Lage in Brasilien

vor der Fußballweltmeisterschaft

zuspitzt, beunruhigt ihn

ebenfalls nicht. Jahrelang hatte

er brasilianische Unternehmen

im Portfolio untergewichtet.

Nach Kursverlusten greift er

jetzt bei Zinspapieren aus der

Konsumbranche zu und setzt

auf eine weiter lebhafte Binnennachfrage.

Volatilität

2

in

Prozent

8,0

5,9

9,1




7,3

7,7

6,8

-

5,4

7,0




6,8

9,3





8,0


8,1





7,8

5,2

8,0


7,8


8,8


7,7

8,1

8,6

7,7


8,4

8,5

8,6

8,4

8,9

8,8

FOTO: LAIF/BERND JONKMANNS

96 Redaktion Fonds: Martin Gerth, Heike Schwerdtfeger

Nr. 23 2.6.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


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Perspektiven&Debatte

»Donald Duck ist

eine Person aus dem

echten Leben«

INTERVIEW | Rainer Bechtel Donald Duck ist notorisch pleite, chronisch überschuldet. Er

verliert neue Jobs, lebt als Single in einer Patchworkfamilie. Anlässlich des 80. Geburtstags

des Comic-Helden erklärt der Präsident der Donaldisten den Erfolg der Ente.

Herr Bechtel, Donald Duck verliert. Er

ist cholerisch. Er schummelt. Warum gilt

er trotzdem als Sympathieträger?

Wir mögen ihn, weil sich jeder ein Stück

weit in ihm wiedererkennt. Donald Duck

ist eine Person aus dem echten Leben. Er

hält uns in gewisser Weise einen Spiegel

vor: Wir sind weder stets Glückspilz noch

nur Verlierer. Insofern können wir uns

leicht in ihn hineinversetzen. Donald fällt

99 Mal um und steht 100 Mal wieder auf.

Das ist sehr sympathisch. Er lässt sich nicht

hängen und versucht sich immer wieder

an neuen Sachen.

Was kann er alles?

Er bringt sehr unterschiedliche Qualifikationen

mit. Er kann sowohl Laufbursche in

der Margarinefabrik sein als auch Kunstflieger

oder Glasermeister.

Aber er hält nie etwas lange durch.

Nein, aber obwohl er nie einer geregelten

Arbeit nachgeht, schafft er es, seine drei

Neffen anständig zu erziehen. Das sind ja

drei Knaben, die gut daherkommen. Aus

pädagogischer Sicht kann man ihm wenig

vorwerfen, obwohl Donald natürlich seine

cholerischen Anfälle hat und auch mal

gern mit der Rute hinter den Neffen herläuft,

um sie zu maßregeln.

Donald hat aber keinen bestimmten

Beruf...

...nein, nein, um Himmels Willen...

Donald muss sich angesichts vieler

Rückschläge oft bewerben. Wie meistert

er die Einstellungsgespräche?

Ganz forsch. Es gibt einmal sogar einen

Wettbewerb zwischen ihm und Dagobert.

Donald sagt, der junge Agile bekäme den