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CLAUSEWITZ Vabanquespiel Schlieffenplan: Marne 1914 (Vorschau)

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4/2014 JULI | AUGUST €5,50 A: € 6,30 CH: sFr 11,00 BeNeLux: € 6,50 SK, I: € 7,45 S: SKR 75 N: NOK 79 FIN: € 8,10<br />

Clausewitz<br />

Das Magazin für Militärgeschichte<br />

Tscherkassy 1944<br />

Ausbruch aus<br />

dem Kessel<br />

<strong>Vabanquespiel</strong> <strong>Schlieffenplan</strong>:<br />

<strong>Marne</strong> <strong>1914</strong><br />

Spartas Ruhm<br />

480 v. Chr.: Schlacht<br />

bei den Thermopylen<br />

Spurensuche<br />

in<br />

Wilhelmshaven<br />

Seit 150 Jahren<br />

Marinehafen<br />

MILITÄRTECHNIK IM DETAIL<br />

Fieseler Fi 103 V1<br />

Hitlers „Wunderwaffe“<br />

Kleinst-U-Boot „Seehund“: Gefährliche Verzweiflungswaffe


4/2014 JULI | AUGUST €5,50 A: € 6,30 CH: sFr 11,00 BeNeLux: € 6,50 SK, I: € 7,45 S: SKR 75 N: NOK 79 FIN: € 8,10<br />

Clausewitz<br />

Das Magazin für Militärgeschichte<br />

Tscherkassy 1944<br />

Ausbruch aus<br />

dem Kessel<br />

<strong>Vabanquespiel</strong> <strong>Schlieffenplan</strong>:<br />

<strong>Marne</strong> <strong>1914</strong><br />

Spartas Ruhm<br />

480 v. Chr.: Schlacht<br />

bei den Thermopylen<br />

Spurensuche<br />

in<br />

Wilhelmshaven<br />

Seit 150 Jahren<br />

Marinehafen<br />

MILITÄRTECHNIK IM DETAIL<br />

Fieseler Fi 103 V1<br />

Hitlers „Wunderwaffe“<br />

Kleinst-U-Boot „Seehund“: Gefährliche Verzweiflungswaffe


Editorial<br />

Liebe Leserin,<br />

lieber Leser,<br />

vor 100 Jahren fand in Nordfrankreich<br />

entlang des Flusses <strong>Marne</strong> das erste<br />

große Kräftemessen an der Westfront<br />

statt.<br />

Hunderttausende von Deutschen<br />

auf der einen Seite sowie Franzosen<br />

und Briten auf der anderen Seite lieferten<br />

sich im<br />

Sommer <strong>1914</strong><br />

eine heftige<br />

und folgenreiche<br />

Schlacht.<br />

Bereits zu einem<br />

sehr frühen<br />

Zeitpunkt<br />

des „Großen<br />

Krieges“ markiert<br />

die „Première<br />

bataille de la marne“, wie sie die<br />

Franzosen nennen, einen der entscheidenden<br />

Wendepunkte.<br />

Die militärisch am Rande einer Katastrophe<br />

stehenden Franzosen und ihre<br />

britischen Verbündeten stemmten<br />

sich mit aller Macht gegen einen Durchbruch<br />

der deutschen Armeen bis Paris.<br />

Eine schmachvolle Niederlage Frankreichs<br />

wie im Krieg von 1870/71 sollte<br />

sich auf keinen Fall wiederholen.<br />

Dass es tatsächlich gelang, diese<br />

Demütigung zu verhindern, bezeichnen<br />

noch heute viele Menschen in Frankreich<br />

als das „Wunder an der <strong>Marne</strong>“.<br />

Überhaupt dient besonders diese<br />

Schlacht vielen Franzosen der in ihrem<br />

Selbstbewusstsein angeschlagenen<br />

Fünften Republik als eine Art „Heldenepos“,<br />

an dem man sich wiederaufrichten<br />

kann.<br />

Wie kam es zu der unerwarteten<br />

Wendung in Nordfrankreich? Warum war<br />

die Entente nach einer Reihe schwerer<br />

Misserfolge in der Lage, zum massiven<br />

Gegenschlag auszuholen? Wer trägt auf<br />

deutscher Seite die Verantwortung für<br />

das Scheitern der Offensive? Wurde der<br />

Sieg im Westen leichtfertig „verspielt“?<br />

Antworten auf diese und viele weitere<br />

spannende Fragen finden Sie in<br />

unserer Titelgeschichte zur „<strong>Marne</strong>schlacht<br />

<strong>1914</strong>“ auf den Seiten 10 bis<br />

31. Erfahren Sie alles Wissenswerte<br />

über den dramatischen Verlauf der<br />

Kämpfe und die neuartige Waffentechnik,<br />

die das „Gesicht“ des Krieges<br />

stark veränderte.<br />

Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht<br />

Ihnen<br />

Dr. Tammo Luther<br />

Verantwortlicher Redakteur<br />

9. Folge<br />

FAKTEN<br />

Krieger, Söldner & Soldaten<br />

Mit den Schwingen des Adlers<br />

Die polnischen Flügelhusaren des 16. und 17. Jahrhunderts gehören zu den<br />

farbenprächtigsten und imposantesten Truppen der Weltgeschichte.<br />

SCHILLERNDER STREITER:<br />

Die „Flügel“ geben dem polnischen<br />

Husaren seine unverkennbare<br />

Erscheinung. Über die Funktion der<br />

Schwingen herrscht bis heute Uneinigkeit<br />

– eine Theorie besagt z.B.,<br />

dass die Federn beim Reiten ein<br />

Geräusch machen, das gegnerische<br />

– nicht trainierte – Tiere in Panik<br />

versetzt. Am wahrscheinlichsten<br />

dürfte aber ein psychologischer<br />

Grund sein: Der Anblick mehrerer<br />

dieser „Flügel-Dämonen“ verbreitet<br />

Angst und Schrecken beim<br />

Feind. Abb.: Johnny Shumate<br />

Zeit: 16. bis Mitte des 18. Jahrhunderts<br />

Uniform: Kettenhemd, Plattenpanzer, Sturmhaube,<br />

schwere Reiterstiefel, Rückenschmuck<br />

aus Adlerfedern<br />

Hauptwaffen: Lanze, daneben Säbel, Panzerstecher,<br />

Pallasch, Radschlosspistolen und<br />

-karabiner<br />

Kampftaktik: Angriff in geordneter Formation<br />

mit eingelegter Lanze<br />

Wichtige Schlacht: Wien 1683<br />

Die Wurzeln der polnischen Flügelhusaren<br />

liegen im Ungarn und Serbien des beginnenden<br />

16. Jahrhunderts, als von dort stammende<br />

leichte Reiter in polnische Dienste<br />

treten. Sie unterstützen zunächst die nach<br />

westlichem Vorbild ausgerüstete schwere Kavallerie,<br />

die für die spezielle Kriegsführung der<br />

weit nach Osten gerichteten Feldzüge nicht<br />

tauglich ist – und beginnen diese schließlich<br />

ganz abzulösen. In der typischen Ausrüstung<br />

der Flügelhusaren, wie sie mit Beginn des<br />

17. Jahrhunderts erscheint, mischen sich<br />

westeuropäische, osteuropäische, türkische<br />

und steppennomadische Traditionen auf eine<br />

besondere Weise. Die Plattenpanzerung und<br />

das Kettenhemd entstammen dem europäischen<br />

Rittertum, während die Form der Sturmhauben<br />

sowie der Einsatz des Säbels auf türkischen<br />

Einfluss hinweisen. Der Gebrauch des<br />

aufwendigen Schmucks aus Adlerfedern und<br />

der Verwendung von Raubtierfellen fußen wohl<br />

in der Welt der nomadischen Steppenvölker.<br />

Der Sinn der federbesetzten Flügel ist bis heute<br />

nicht eindeutig festzulegen; die Erklärungen<br />

reichen von praktischen Motiven (Abwehr<br />

von Schwerthieben oder Fangschlingen) bis<br />

hin zur reinen Schmuckfunktion. Die Bewaffnung<br />

umfasst die lange Reiterlanze, einen Säbel,<br />

sowie den Panzerstecher oder einen Pallasch.<br />

Dazu kommen Radschlosspistolen<br />

sowie gelegentlich ein Radschlosskarabiner.<br />

Die Aufstellung von Flügelhusaren ist nicht zuletzt<br />

wegen der teuren Pferde ungeheuer kostspielig,<br />

und daher stellen sie ab der zweiten<br />

Hälfte des 17. Jahrhunderts mit 4.000 Mann<br />

nur etwa 20 Prozent der polnischen Kavallerie.<br />

Jedes „Banner“ trägt den Namen seines<br />

Kommandeurs und führt einen speziellen Lanzenwimpel<br />

in den Regimentsfarben. Die Flügelhusaren<br />

sind in 150 bis 200 Mann starke<br />

Schwadronen gegliedert, die in einer zweigliedrigen<br />

Linie aufgestellt mit eingelegter<br />

Lanze angreifen. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts<br />

sind die Husaren vom Schlachtfeld<br />

verschwunden.<br />

Clausewitz 4/2014


Inhalt<br />

Clausewitz 4/2014<br />

Titelthema<br />

„Frankreich in Not!“. .......................................................................................................................10<br />

Die Erste <strong>Marne</strong>schlacht im September <strong>1914</strong>.<br />

Titelgeschichte<br />

Vor 100 Jahren: Erste <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

„Frankreich in Not!“<br />

Ende August <strong>1914</strong>: Frankreich steht militärisch massiv unter Druck. Die deutschen<br />

Truppen stoßen scheinbar unaufhaltsam Richtung Paris vor. Ein Triumph scheint für sie<br />

zum Greifen nahe, als es an der <strong>Marne</strong> zur Entscheidungsschlacht gegen die Armeen<br />

der Entente kommt.<br />

Von Holger Hase<br />

Qualen für Körper und Seele. ...................................................................................24<br />

Das Leid der Soldaten und Zivilisten.<br />

Feuersturm statt Einzelfeuer. .................................................................................28<br />

Einsatz neuer Waffentechnik an der <strong>Marne</strong> <strong>1914</strong>.<br />

NACH FRANKREICH HINEIN:<br />

Eine deutsche Infanteriekolonne passiert auf ihrem Vormarsch<br />

nach Nordfrankreich ein brennendes Dorf. Angesichts der<br />

wichtigen militärischen Erfolge im Monat August <strong>1914</strong> gegen<br />

die französisch-britischen Truppen scheint ein schneller Sieg<br />

im Westen für die Deutschen möglich. Foto: ullstein bild – ullstein bild<br />

10<br />

11<br />

Wegbereiter der deutschen Truppen:<br />

Ein deutscher 21-cm-Mörser, entwickelt<br />

und produziert von der Firma<br />

Krupp.<br />

Foto: picture-alliance/Mary Evans Picture Library<br />

Magazin<br />

Neues zur Militärgeschichte, Ausstellungen und Bücher. .....................6<br />

Der Zeitzeuge<br />

Als die Bombe hochging! .........................................................................................32<br />

Adolf Heusingers detaillierte Schilderungen zum Attentat vom<br />

20. Juli 1944.<br />

Schlachten der Weltgeschichte<br />

„Holt sie Euch!“ .............................................................................................................................34<br />

Die berühmte Schlacht bei den Thermopylen 480 v. Chr.<br />

Militärtechnik im Detail<br />

Kleinst-U-Boot Typ 127 „Seehund“<br />

der Kriegsmarine.......................................................................................................................40<br />

Kleine Waffe mit großer Wirkung.<br />

Schlachten der Weltgeschichte<br />

Ausbruch aus der „Todesfalle“. ..................................................................42<br />

Die dramatischen Kämpfe um den Kessel<br />

von Tscherkassy im Frühjahr 1944 in der Ukraine.<br />

Das historische Dokument<br />

Mächtiges Militärbündnis? ...................................................................................48<br />

Der Dreimächtepakt zwischen dem<br />

Deutschen Reich, Italien und Japan aus dem Jahr 1940.<br />

Militär und Technik<br />

Starke „Wegbereiter“. ......................................................................................................50<br />

Brückenlegepanzer von NVA und Bundeswehr.<br />

Titelfotos: Guiseppe Rava/www.g-rava.it; picture-alliance/dpa©dpa-Report; Sammlung<br />

Dietmar Hermann; Weider History Group/Jim Laurier, bpk/RMN – Grand Palais/Jean-Louis<br />

Charmet; picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo<br />

4


Foto: Slg. Dirk Krüger<br />

Zeichnung: Guiseppe Rava/www.g-rava.it<br />

Foto: bwpict-4443622<br />

Foto: Slg. Dirk Krüger<br />

Clausewitz 4/2014<br />

Clausewitz 4/2014<br />

Clausewitz 4/2014<br />

Foto: Sammlung Dirk Krüger<br />

war durch die Nie-<br />

Foto: picture-alliance/dpa<br />

Foto: Sammlung Dirk Krüger<br />

Foto: Sammlung Dirk Krüger<br />

Foto: picture-alliance/akg-images<br />

Foto: picture-alliance/United Archives/TopFoto<br />

Clausewitz 4/2014<br />

Clausewitz 4/2014<br />

Clausewitz 4/2014<br />

Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich<br />

Schlachten der Weltgeschichte | Thermopylen 480 v. Chr.<br />

Schlachten der Weltgeschichte | Tscherkassy 1944<br />

34<br />

DER WEG IN DIE UNSTERBLICHKEIT: Der Kampf am<br />

Engpass zwischen Kallidromosgebirge und dem<br />

Malischen Golf macht aus den Spartanern ruhmreiche<br />

Helden, die in ganz Griechenland verehrt werden. König<br />

Leonidas – hier an der Seite seiner Männer kämpfend –<br />

versucht den persischen Vormarsch nach Mittelgriechenland<br />

aufzuhalten.<br />

Die Schlacht bei den Thermopylen<br />

„Holt sie euch!“<br />

480 v. Chr.: Mit dem Ausruf „molon labe“ („Holt sie euch!“) beantwortet Leonidas I. der<br />

Überlieferung zufolge die Aufforderung des persischen Großkönigs zum Niederlegen der<br />

Waffen. Es folgt eine der berühmtesten Schlachten der Weltgeschichte. Von Otto Schertler<br />

490 v. Chr.<br />

Griechen<br />

derlage in der Schlacht von Marathon der erste<br />

Versuch des persischen Weltreiches gescheitert,<br />

sich Griechenland untertan zu manesier,<br />

700 Thespier, 400 Thebaner, über 1.000<br />

Truppenstärke: 300 Spartaner, 3.700 Peloponchen.<br />

Zehn Jahre später unternimmt der Phoker und Lokrer, zusammen etwa 7.000 Mann<br />

persische Großkönig Xerxes I. einen erneuten<br />

Feldzug in Richtung Griechenland. Er<br />

Verluste: angeblich 4.000, wohl eher höchstens<br />

zwischen 1.000 und 2.000<br />

versammelt ein aus allen Völkern seines Reiches<br />

bestehendes gewaltiges Heer und zieht sogar durchaus perserfreundlich. Angesichts<br />

in Richtung Kleinasien, wo er den Hellespont der Kriegsgefahr kommt es bereits 481 v. Chr.<br />

auf einer Schiffsbrücke überquert. Parallel zu einem als „Hellenische Symmachie“ genannten<br />

Bund der Griechen unter Führung<br />

zum Marschweg des Heeres segelt entlang<br />

der Küste eine 1.200 Schiffe (darunter viele Spartas. Gleichzeitig setzt Athen unter dem<br />

Transport- und Versorgungsfahrzeuge) zählende<br />

Flotte.<br />

tenbauprogramm um, da dieser fest davon<br />

Strategen Themistokles ein gewaltiges Flot-<br />

überzeugt ist, die Perser nur auf See entscheidend<br />

bezwingen zu können. Bei den<br />

Flotte oder Heer?<br />

Angesichts der persischen Bedrohung Beratungen bezüglich der Abwehrmaßnahmen<br />

kann sich schließlich Themistokles mit<br />

herrscht bei den ständig um die Vormacht<br />

ringenden griechischen Stadtstaaten, deren seiner auf die Flotte gestützten Strategie<br />

bedeutendste Athen und Sparta sind, keine durchsetzen, und damit erhält Athen den<br />

Einigkeit, wie man der Gefahr begegnen soll. Oberbefehl über die gemeinsame Flotte,<br />

Gleichzeitig zeigen sich manche Griechen, während Sparta die Führung des Landheeres<br />

übertragen bekommt. Der gesamte<br />

wie die Thessalier und die meisten Böotier,<br />

HINTERGRUND Spartaner im Film<br />

Die Schlacht bei den Thermopylen inspirierte<br />

zahllose Künstler von der von Brustpanzern, die trotz allen Hel-<br />

ist jedoch das Fehlen jedweder Art<br />

Antike bis in die Gegenwart. Neben denmutes einen lebenswichtigen Teil<br />

dem Film „Der Löwe von Sparta“ der historischen Ausrüstung bildeten.<br />

Das auf die Schilde geprägte<br />

(The 300 Spartans) von 1960 bildet<br />

die heute bekannteste filmische Darstellung<br />

von Spartanern wohl diejeni-<br />

Lakedaimon (Sparta) ist zwar belegt,<br />

griechische Zeichen Lambda („L“) für<br />

ge des Films „300“ aus dem Jahr doch es erscheint erst nach den Perserkriegen.<br />

2007. Der Film ist alles andere als<br />

eine historische Wiedergabe der damaligen<br />

Geschehnisse und orientiert HOLLYWOOD-SPARTANER: König<br />

sich sowohl beim Ablauf der Ereignisse<br />

als auch bei der Gestaltung der panzer – dafür mit computeranimierten<br />

Leonidas I. (Gerard Butler) ohne Brust-<br />

Spartaner nur sehr vage an der geschichtlichen<br />

Wahrheit. Zu den weni-<br />

Snyder ist „übergroßes“ Kino, dem<br />

Muskeln. Der Film „300“ von Zack<br />

gen authentischen Ausrüstungsstücken<br />

gehören die roten Mäntel und historische Genauigkeit geht.<br />

es mehr um filmische Ästhetik als um<br />

die korinthischen Helme; auffallend<br />

Perser<br />

Truppenstärke: Circa 100.000 Mann<br />

Verluste: angeblich 20.000, wohl eher<br />

um die 3.000 bis 4.000<br />

Kriegsplan der Griechen beruht auf einem<br />

strategischen Gesamtkonzept, bei<br />

dem der Einsatz der griechischen Flotte den<br />

eigentlich entscheidenden Punkt darstellt.<br />

Der Marschweg der Perser in Richtung Süden<br />

ist nämlich durch zwei Faktoren eindeutig<br />

festgelegt: Sie müssen auf jeden Fall entlang<br />

der Küste marschieren, da dies für ein<br />

dermaßen großes Heer den einzig gangbaren<br />

Weg in Richtung Süden darstellt. Selbst<br />

wenn es eine andere Straße weiter westlich<br />

im Landesinneren gäbe, könnte zumindest<br />

der Hauptteil des Heeres diese nicht nehmen,<br />

da ein enger Kontakt mit der entlang<br />

der Küste segelnden Flotte aus Versorgungsgründen<br />

unabdingbar ist. Damit müssen die<br />

Griechen einen geeigneten Ort finden, wo sie<br />

den Persern entgegentreten können.<br />

S.34<br />

35<br />

Kessel von Tscherkassy 1944<br />

Ausbruch aus der „Todesfalle”<br />

Jahresbeginn 1944:<br />

Unweit der ukrainischen<br />

Stadt Tscherkassy reicht<br />

die deutsche Front noch<br />

bis an den Dnjepr<br />

heran. Die sowjetische<br />

Militärführung will die<br />

dort stehenden Verbände<br />

von Wehrmacht und<br />

Waffen-SS einkesseln<br />

und vernichten.<br />

Von Tammo Luther<br />

IN GROßER ZAHL: Im Gegensatz zur deutschen Seite<br />

verfügen die sowjetischen motorisierten Verbände über<br />

eine Vielzahl an Panzern und Fahrzeugen. Die Rote Armee<br />

ist auch bei Tscherkassy dem Gegner an Menschen<br />

und Material zahlenmäßig weit überlegen.<br />

D<br />

ie gesamte Heeresgruppe Süd (HGr.) von 70 Kilometern und eine Tiefe von etwa 1944 erneut an. Dieses Mal lautet das Ziel<br />

steht zum Jahreswechsel 1943/44 an 90 Kilometern. Gehalten wird dieser sensible der beiden Zangenflügel Swenigorodka südwestlich<br />

von Tscherkassy. Zu Beginn der An-<br />

der Ostfront bereits seit Monaten in einem<br />

schweren Abwehrkampf. Gegen einen der 1. Panzerarmee und dem XI. A.K. der 8. griffsoperation beträgt die sowjetische Trup-<br />

Abschnitt vom XXXXII. Armeekorps (A.K.)<br />

zahlenmäßig weit überlegenen Gegner versuchen<br />

die deutschen Verbände, einen Zuten<br />

Verbände verfügen über mehr als 5.000<br />

Armee.<br />

penstärke circa 340.000 Mann. Die beteiligsammenbruch<br />

der Front zu verhindern. Ursprünglich<br />

wollte Hitler den Frontbogen von Nachdem eine erste Zangenbewegung zur und circa 1.050 Kampfflugzeuge.<br />

Sowjetische Offensive<br />

Geschütze und Granatwerfer, 520 Panzer<br />

Tscherkassy-Kanew sogar für eine eigene Offensive<br />

nutzen. Doch die nach Westen vorschen<br />

Kräfte durch die 1. Ukrainische Front deutlich überlegenen Gegner führen die ab-<br />

Einkesselung und Vernichtung der deut-<br />

Gegen einen an Mensch und Material<br />

dringende Rote Armee sucht schließlich ihrerseits<br />

die Entscheidung im Angriff. Front unter Iwan Konew nicht den ge-<br />

der unter dem Oberbefehl von Generalfeld-<br />

unter Nikolai Watutin und die 2. Ukrainische gekämpften und unterversorgten Verbände<br />

Der trapezförmige „Frontbalkon“ erreicht wünschten Erfolg für die sowjetische Seite marschall Erich von Manstein stehenden<br />

zu Jahresbeginn 1944 bei Kanew eine Breite brachte, greift die Rote Armee Ende Januar HGr. Süd von Anfang an einen nahezu aus-<br />

42<br />

KARTE Kessel von Tscherkassy-Korsun 1944<br />

Lage vom 4. bis 17. Februar 1944<br />

Ausbruch am 16. bis 18. Februar 1944<br />

sichtslosen Kampf. Neben einigen Divisionen<br />

der Wehrmacht unterstehen ihr auch die<br />

kampferprobte 5. SS-Panzerdivision „Wiking“<br />

unter dem Kommando von SS-Gruppenführer<br />

Herbert Otto Gille und die etwa<br />

2.000 Mann starke SS-Sturmbrigade „Wallonien“<br />

(auch: „Wallonie“).<br />

S.42<br />

Diesen Verbänden gehören vor allem<br />

Freiwillige aus sogenannten germanischen Am 24. Januar 1944 beginnt der ungleiche Am 28. Januar gelingt es den sowjetischen<br />

Ländern an – darunter Norwegen, Dänemark<br />

und die Niederlande. Bei den Soldaten östlicher Richtung Schpola an. Die Truppen Mehrere, zum Teil stark dezimierte deutsche<br />

Kampf: Die 2. Ukrainische Front greift aus Flügeln, sich bei Swenigorodka zu vereinen.<br />

der SS-Sturmbrigade handelt es sich vor allem<br />

um belgische bzw. wallonische Freiwilter<br />

mit einem Angriff in südwestlicher Richsamt<br />

fast 60.000 Soldaten von Wehrmacht<br />

der 1. Ukrainischen Front folgen wenig spä-<br />

Divisionen sind damit eingekesselt – insgelige<br />

in deutschen Diensten.<br />

tung auf Swenigorodka.<br />

und Waffen-SS.<br />

43<br />

Militär und Technik | Brückenleger<br />

Militär und Technik | Fieseler Fi 103/V1<br />

Brückenlegepanzer von NVA und Bundeswehr<br />

Starke „Wegbereiter“<br />

1960–1980er-Jahre: Mit ihrer Hilfe können natürliche und künstliche Hindernisse aus der<br />

Bewegung heraus überwunden werden. Die „Brückenleger“ aus Ost und West sollen/sollten<br />

den motorisierten Heeresverbänden im Ernstfall den Weg bereiten. Von Jörg-M. Hormann<br />

I<br />

m Winter 1971 auf dem Truppenübungsplatz<br />

Wittstock (DDR): Geübt wird die man die Luft an und ist froh, noch auf der Typs kauft die DDR zwölf fabrikneue Geräte<br />

Schneeflocken. Beim Kippen nach vorn hält winklige Auffahrtrampe. Vom Panzer dieses<br />

Überwindung eines natürlichen Hindernisses<br />

unter Gefechtsbedingungen mit<br />

führt ihn als MTU-54 bei den Pioniertruppen<br />

Spurbrücke zu sein.<br />

beim „großen Bruder“ Sowjetunion und<br />

Kampfpanzern vom Typ T-55A. Die Übung DDR kauft von der Sowjetunion der NVA-Landstreitkräfte im Jahr 1962 ein.<br />

erscheint unproblematisch, wenn das Schneetreiben<br />

nicht wäre. Was hatte der Fahrausbil-<br />

des BLG-60 noch deutlich ausgeprägter. Die zung MTU für Brückenleger, bezieht sich auf<br />

Dieses Gefühl war beim Vorgängermodell Die Ziffer 12, nach der russischen Abkürder<br />

gesagt: „Kommen Sie nicht auf die Idee, Vorschubspurbrücke des russischen Brückenlegers<br />

MTU-12 verfügte über eine sehr NVA-Benennung steht die Ziffer 54 für das<br />

die Brückenlänge von zwölf Metern. Bei der<br />

auf der Spurbrücke eine Lenkbewegung zu<br />

machen, sonst liegen Sie im Graben“. Dies ist<br />

verwendete Basisfahrzeug. Hier kommt der<br />

keine erbauliche Vorstellung bei 36 Tonnen<br />

mittlere Kampfpanzer T-54 ohne Turm und<br />

Gefechtsmasse um einen herum. Kurz vorher<br />

hat das Brückenlegegerät (BLG) 60 die<br />

Kanonenbewaffnung zur Verwendung.<br />

zwei Teile seiner Spurbrücke turmhoch angehoben,<br />

hydraulisch wie eine Schere gespreizt<br />

und abgesenkt. Jetzt liegt die Brücke,<br />

20 Meter lang, über dem 15 Meter breiten<br />

Graben und besitzt genau die Kettenbreite<br />

des T-55. Nur wenn sie absolut gerade angefahren<br />

wird und der Fahrer nicht nachlenken<br />

muss, entgeht man der Ausbilderwarnung<br />

von oben. Das Herzklopfen bleibt trotzdem.<br />

Jeder Panzerfahrer kennt das mulmige Gefühl<br />

beim Erklimmen einer Rampe, wenn der VORREITER: Brückenlegegerät MTU-54 der WEITERENTWICKLUNG: Stützschild des<br />

Blick durch die Winkelspiegel nur grauen NVA, horizontale Vorschubbrücke.<br />

BLP-72 mit Nebelgranaten-Verschussanlage.<br />

Himmel bietet – dieses Mal zusätzlich mit<br />

50<br />

IN AKTION: Durch das horizontale<br />

Verschiebemontage der Brückenelemente<br />

und den freien Vorbau über das Hindernis<br />

fällt die Panzerschnellbrücke „Biber“ im<br />

Gelände kaum auf.<br />

ÜBUNG: Ein Brückenlegegerät<br />

BLG-60 auf einer selbst fahrenden<br />

Fähre GSP 55 bei der<br />

Flussüberquerung.<br />

PARADE: Brückenleger der NVA vom Typ MTU-54 rollen im Rahmen einer Parade über Straßen<br />

Ostberlins.<br />

Die Panzer ihrer Landstreitkräfte muss<br />

sich die DDR bei den Vertragsstaaten des<br />

Warschauer Paktes „zusammenkaufen“. Sie<br />

stammen aus der Sowjetunion, oder es sind<br />

Lizenzfertigungen der russischen Typen aus<br />

Polen, der Tschechoslowakei oder Bulgarien.<br />

Eine eigene Panzerproduktion wird in der<br />

DDR nicht aufgebaut – mit einer Ausnahme.<br />

Zumindest die Brückensysteme ihrer Brückenleger<br />

lässt die NVA im eigenen Staat<br />

produzieren. Im Osten wird die DDR Vorreiter<br />

bei der militärischen Brückenlegetechnik.<br />

Dies geht so weit, dass der modernste russische<br />

Brückenleger von heute, MTU-90, auf<br />

die Erfahrungen und Entwicklungen der<br />

Doppelscherenbrücke des Brückenlegepanzers<br />

BLP-72 aus DDR-Zeiten zurückgreift.<br />

Überwindung von Hindernissen<br />

Im möglichen Ernstfall des Kalten Krieges<br />

ergibt sich für angreifende Panzertruppen<br />

beider Seiten in der Topografie des Kriegsschauplatzes<br />

Mitteleuropa eine Vielzahl von<br />

Hindernissen. Diese könnten das Vorstürmen<br />

der motorisierten Verbände stoppen,<br />

wenn Straßen und Wege nicht zur Verfügung<br />

stehen. Jedes tiefe, ungängige Hindernis,<br />

das die Überschreitfähigkeit von Kampfpanzern<br />

(etwa 2,50 Meter) in der Länge übertrifft<br />

und nicht sofort umfahren werden<br />

kann, erfordert pioniertechnische Hilfestellung<br />

unter Gefechtsverhältnissen. Jedes breite<br />

Sumpfloch, ein breiterer Bachlauf mit weichen<br />

Ufern, ein steiler Abhang und auch der<br />

klassische Panzergraben stellen eine „Angriffsbremse“<br />

dar.<br />

„OBEN OHNE“: Das Brückenlegegerät MTU-<br />

12, das bei der NVA nach seinem T-54-Basispanzer<br />

MTU-54 genannt wird, mit abgelegter<br />

Vorschubbrücke.<br />

In den Forderungen des DDR-Pionierwesens<br />

aus dem Jahr 1973 an „wissenschaftlichtechnische<br />

Leistungen zur Aufnahme in den<br />

Perspektivplan 1976 bis 1980“ ist unter anderem<br />

die Entwicklung eines neuen Brückenlegepanzers<br />

aufgeführt. In zeitgemäßer Formulierung<br />

wird die Notwendigkeit von Brückenlegern<br />

umschrieben: „Auf Grund der<br />

steigenden Forderungen an die Pioniersicherstellung<br />

der Gefechtshandlungen ist die<br />

Entwicklung eines neuen Brückenlegepanzers<br />

notwendig. Er dient der Erhöhung der<br />

Beweglichkeit und Manövrierfähigkeit der<br />

Gefechtselemente der ersten Staffel, vorrangig<br />

der mit gepanzerter Technik ausgerüsteten<br />

Einheiten, durch das Verlegen der<br />

Sturmbrücke aus der Bewegung heraus<br />

über schmale natürliche und künstliche<br />

Hindernisse ohne Vorbereitung der Ufer<br />

bzw. Ränder. Als Basisfahrzeug dient ein<br />

moderner mittlerer Panzer.“ Die Kernaussage<br />

ist, dass Brückenleger mit vorrückenden<br />

S.50<br />

51<br />

Terror aus der Luft<br />

Hitlers erste<br />

„Vergeltungswaffe“<br />

58<br />

GESPENSTISCHER ANBLICK:<br />

Eine V1 beim Steigen kurz nach<br />

dem Katapultabschuss.<br />

SCHOCK-ANGRIFF: Völlig unerwartet<br />

trifft es die Londoner am 30. Juni<br />

1944. Während die Menschen ihrem<br />

Alltag nachgehen und gerade aus dem<br />

Bus steigen, detoniert im Hintergrund<br />

eine V1 in der Nähe des Air Ministry.<br />

Bei dem Einschlag sterben 46 Menschen,<br />

200 werden schwer verletzt.<br />

Alle Fotos: Autor<br />

Juni 1944: Nur wenige Tage<br />

nach dem „D-Day“ stürzen<br />

kleine Fluggeräte über London<br />

ab und explodieren<br />

beim Aufschlag. Erst waren<br />

es nur wenige, doch ihre<br />

Zahl nahm von Tag zu Tag<br />

beängstigend zu.<br />

Von Dietmar Hermann<br />

B<br />

ereits 1939 gibt es Überlegungen zum<br />

Einsatz von unbemannten Flugzeugen<br />

gegen Feindziele, eine entsprechende<br />

Entwicklung wird aber nicht eingeleitet. Nach ARSENAL DES TODES: Die V1 kann durch den einfachen Aufbau in Massen hergestellt<br />

der verlorenen Luftschlacht um England beginnt<br />

1941 der Krieg gegen die Sowjetunion.<br />

werden. Hier sind mehrere Flugbomben in einem Depot zu sehen.<br />

Der Großteil der Luftwaffenverbände wird Fluggerät entwickelt werden, das 800 Kilogramm<br />

Sprengstoff 250 Kilometer weit trans-<br />

erste Modelle im Freiflug abgeworfen wer-<br />

Anfang Dezember 1942 können bei Fieseler<br />

nun im Osten gebraucht. Fast völlig ungehindert<br />

beginnt die Royal Air Force und später portieren und gezielt gegen Flächenziele eingesetzt<br />

werden kann. Vor allem soll es schnell Ing. Fritz Gosslau. Dieses simpel aufgebaute<br />

den. Den Antrieb entwickelt Argus unter Dr.<br />

die USAF einen bisher noch nie da gewesenen<br />

strategischen Luftkrieg gegen Deutschland. und billig herzustellen sein, um es in Massen Schubrohr funktioniert nur ab einer bestimmten<br />

Geschwindigkeit. Daher ist grund-<br />

Den schweren Angriffen der RAF gegen deutsche<br />

Städte hat die Luftwaffe allein zahlenmäsätzlich<br />

eine Starthilfe mittels Katapult,<br />

gegen England verwenden zu können.<br />

ßig kaum etwas entgegenzusetzen. Eine neue Waffe<br />

Startraketen oder Träger-Flugzeug notwendig.<br />

Der erste Start mit dem Argusschubrohr<br />

Schnell taucht der Gedanke des Fernbeschusses<br />

wieder auf. Unter Federführung neten Marschflugkörpers stammt von Dr. findet am 24. Dezember 1942 statt. Nur we-<br />

Der erste Entwurf des nun als Fi 103 bezeich-<br />

von Fieseler soll ein kleines unbemanntes Robert Lusser und entsteht im März 1942. nige Monate später, im Mai 1943, leitet man<br />

die Massenproduktion ein. Gleichzeitig beginnt<br />

die Aufstellung eines 150 Mann starken<br />

Lehr- und Erprobungskommandos un-<br />

HINTERGRUND Bombereinsatz der V1<br />

Als es keine Möglichkeit mehr gibt, die V1 auf schwerfällig. Einsätze sind nur nachts oder ter der Aufsicht von Oberst Max Wachtel,<br />

London vom Boden aus abzuschießen muss bei schlechtem Wetter möglich. Im Tiefflug das die nun als FZG ( Flak Ziel-Gerät ) 76 bezeichnete<br />

Flugbombe erproben und alle Ab-<br />

die Luftwaffe erstmals dafür Bomber einsetzen.<br />

Ab Oktober 1944 beginnt der Einsatz zu entgehen. 70 Kilometer vor dem Ziel müsläufe<br />

für die Vorbereitung des praktischen<br />

über der Nordsee versucht man, dem Radar<br />

von rund 100 umgerüsteten He 111 vom sen die He 111 für den Abwurf auf 500 Meter<br />

steigen. Dann geht es wieder im Tiefflug<br />

Einsatzes entwickeln soll.<br />

KG 53, die eine V1 seitlich unter dem Rumpf<br />

tragen. Wiederum darf nur London angegriffen<br />

werden. Damit sind die Einsätze für die ar 1945 statt. Viele He 111 fallen an den so-<br />

zurück. Der letzte Einsatz findet am 5. Janu-<br />

Schwachpunkt Schleuderanlagen<br />

Der erste Weitschuss mit 234 Kilometern gelingt<br />

am 27. Juni 1943. Für Hitler kommt die<br />

britische Abwehr vorhersehbar. Mit der genannten Abwurfpunkten britischen Nachtjägern<br />

zum Opfer.<br />

schweren V1 ist die He 111 langsam und<br />

neue Waffe wie gerufen – sie soll zu seiner<br />

UMFUNKTIONIERT: Eine an ersten Vergeltungswaffe V1 werden. Zu diesem<br />

Zeitpunkt erreicht die V1 ein Entwick-<br />

einem Bomber befestigte V1.<br />

lungsstadium, das einen erfolgreichen Einsatz<br />

verspricht und damit die Massenproduktion<br />

zulässt. Nur wenig später erteilt das<br />

RLM (Reichsluftfahrtministerium)am 3. August<br />

1943 den Aufstellungsbefehl für das<br />

Flak-Regiment 155 (W), das für den Massenabschuss<br />

eingesetzt werden<br />

S.58<br />

soll. Damit beginnt<br />

die personelle Aufstellung von vier<br />

Flak-Batterien mit je vier Schleudern. Erprobt<br />

und geübt wird in Zempin auf Usedom.<br />

Anfang Oktober treffen beim Erprobungskommando<br />

die ersten „scharfen“ V1<br />

ein. Während die Starts jetzt fehlerfrei gelingen,<br />

bereiten die Blindgänger noch Sorgen.<br />

59<br />

Spurensuche<br />

Feldherren<br />

Wilhelmshaven und die Marine<br />

Maritime Geschichte<br />

an der Nordseeküste<br />

Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Seit fast 150 Jahren ist Wilhelmshaven mit den<br />

deutschen Seestreitkräften eng verzahnt. Viele Spuren von Kaiserlicher Marine sowie<br />

Reichs-, Kriegs- und Bundesmarine sind heute verwischt, doch so manch historisches<br />

Relikt lässt sich noch entdecken.<br />

Von Eberhard Kliem und Ulf Kaack<br />

Generalfeldmarschall Walter Model<br />

Hitlers<br />

„Feuerwehrmann“<br />

21. April 1945: Walter Model sieht angesichts<br />

der aussichtslosen Lage „seiner“<br />

Heeresgruppe B im „Ruhrkessel“ keinen<br />

anderen Ausweg mehr als den Freitod. In<br />

den Jahren zuvor konnte Model wichtige<br />

„Abwehrerfolge“ in Russland erzielen und<br />

wurde daher auch als Hitlers „Feuerwehrmann“<br />

bezeichnet. Von Lukas Grawe<br />

HEUTE: Die Kaiser-Wilhelm-Brücke in<br />

Wilhelmshaven im Jahr 2014. Sie wurde ab 1905<br />

als größte Drehbrücke Deutschlands gebaut.<br />

E<br />

inem unkundigen Besucher präsentiert<br />

sich Wilhelmshaven in weiten Teilen frei<br />

von Charisma und kosmopolitischen<br />

Anmutungen. Natürlich gewachsene Strukturen,<br />

kulturhistorisch bedeutsame Orte und<br />

Altstadtflair sucht er hier vergebens. Kein<br />

Wunder, betrachtet man die Stadtgeschichte<br />

etwas genauer. Gegründet wird Wilhelmshaven<br />

vor nicht einmal 150 Jahren rein zu dem<br />

Zweck, hier an der Jademündung einen<br />

Kriegshafen für die Preußische Marine zu errichten.<br />

Ein gigantischer Zweckbau, entstanden<br />

auf dem Reißbrett von Planern und Architekten.<br />

Seitdem vielfach erweitert und verändert,<br />

von Fliegerbomben zerstört, von<br />

Sprengungen zerfurcht und durch wenig einfühlsame<br />

Stadtplaner verändert.<br />

Doch begibt man sich sehenden Auges, mit<br />

einem gesunden historischen Interesse und<br />

einiger Sachkenntnis auf die Spurensuche, so<br />

64<br />

findet man in Wilhelmshaven doch noch die wehrlos gegenüber feindlichen Blockaden<br />

Spuren seiner bewegten, wenn auch kurzen und Invasionen. Prinz Adalbert von Preußen<br />

Geschichte. Und die ist vor allem durch die wird am 1. März 1849 zum Oberbefehlshaber<br />

Marine und von zwei Weltkriegen geprägt. aller preußischen Kriegsfahrzeuge ernannt.<br />

Hauptstützpunkt der wenig schlagkräftigen<br />

Ideale Bedingungen<br />

Seestreitkräfte ist Danzig. Preußen will aufrüsten,<br />

dabei vor allem die Präsenz an der<br />

Der Deutsch-Dänische Krieg von 1848 bis<br />

1850 offenbart: in Ermangelung einer wehrhaften<br />

Flotte sind die deutschen Küsten Marinekommission unter dem Vorsitz von<br />

Nordseeküste verstärken. Eine technische<br />

HINTERGRUND V oder F?<br />

Während der Bauzeit wird das Projekt „Hafen Heinrich Wilhelm Goeker auf. In Berlin wird<br />

Heppens“ genannt. Nach Fertigstellung soll der vermeintliche Rechtschreibfehler korrigiert<br />

und durch ein „f“ ersetzt. Als die Ände-<br />

die Stadt den Namen „Zollern am Meer“ tragen.<br />

Erst kurz vor der Einweihung taucht das rung am Gründungstag bemerkt wird, wendet<br />

erste Mal die Bezeichnung Wilhelmshaven – sich Goeker an General Albrecht von Roon<br />

in typisch niedersächsischer Schreibweise und dieser direkt an König Wilhelm I. von<br />

mit dem Buchstaben „v“ in der letzten Silbe Preußen. Der Monarch befiehlt, das „v“ wieder<br />

– in einer Urkunde von Hafenbaudirektor einzusetzen.<br />

Alle Fotos wenn nicht anders angegeben: Autoren<br />

Prinz Adalbert untersucht verschiedene<br />

mögliche Standorte, wobei sich schnell das<br />

Terrain der Kirchspiele Heppens und Neuende<br />

als ideal erweist. Grund dafür sind die<br />

naturtiefen Fahrwasserbedingungen, aber<br />

auch die Abgeschiedenheit der Region. Hier<br />

können die Militärs ungestört bauen und<br />

agieren.<br />

Ursprünglich ist an der Flussmündung<br />

die Errichtung eines Festungsbaus angedacht.<br />

Doch unter der Ägide von Geheimrat<br />

Gotthilf Heinrich Ludwig Hagen, einem<br />

Wasserbauexperten, beginnen nun die Planungen<br />

eines Kriegshafens mit der notwendigen<br />

Infrastruktur: Werftbetrieb, Pieranlagen,<br />

Kasernen, Versorgungseinrichtungen<br />

und eine Stadtansiedlung. Nach Abschluss<br />

der ersten Aufbauphase ist das Terrain 1869<br />

bezugsfertig. Am 17. Juni erfolgen die Namengebung<br />

Wilhelmshavens und gleichzei-<br />

DAMALS: Die stählerne Kaiser-Wilhelm-Brücke kurz nach ihrer Fertigstellung<br />

(Aufnahme von 1910).<br />

tig die Grundsteinlegung für die Elisabethkirche,<br />

die heutige Christus- und Garnison-<br />

den Hohenzollern und damit zur Stadt – ist<br />

Coligny – eine hugenottische Verbindung zu<br />

kirche.<br />

verschwunden.<br />

Es beginnt eine rasante Entwicklung, die<br />

1871 mit Gründung des Kaiserreichs eine zusätzliche<br />

Dynamik erfährt. Wilhelmshaven Der Hafen erhält mit dem zweiten Bauab-<br />

Auf Expansionskurs<br />

wird Reichskriegshafen und erhält zwei Jahre<br />

später die Stadtrechte. 1872 wird in der nalhafen wird breiter gestaltet und in seinem<br />

schnitt eine deutliche<br />

S.64<br />

Erweiterung: Der Ka-<br />

Viktoriastraße das repräsentative Stationsgebäude<br />

des Kommandierenden Admirals der fen ausgedehnt. Durch die absehbar immer<br />

nördlichen Bereich um den Ausrüstungsha-<br />

Marinestation der Nordsee eingeweiht. 1944 mehr zunehmende Größe der Schiffe kommt<br />

fällt das Weiße Schloss, wie es genannt wird, außerdem eine weitere Einfahrt mit einer<br />

einem Bombenangriff zum Opfer. Heute erinnert<br />

nichts mehr an diesen historischen Marinelazarett seiner Bestimmung überge-<br />

größeren Schleuse hinzu. Zeitgleich wird das<br />

Ort. Auch das Denkmal von Gaspard de ben. Ein weiteres Lazarett entsteht 1937 vor<br />

65<br />

70<br />

BEFÖRDERT: Walter Model,<br />

erst wenige Tage zuvor zum<br />

Generalfeldmarschall<br />

ernannt, im Gespräch mit<br />

Soldaten der bei Kamenez-<br />

Podolsk ausgebrochenen<br />

Einheiten der 1. Panzerarmee,<br />

April 1944.<br />

S.70<br />

AN DER OSTFRONT: Generalfeldmarschall<br />

Walter Model als Oberbefehlshaber<br />

der Heeresgruppe Nordukraine<br />

am Frontabschnitt im Raum Brody,<br />

April 1944. Foto: picture-alliance/akg-images<br />

71<br />

Kolumne<br />

Der Special Air Service (SAS)<br />

als Sprungbrett für Schriftsteller? .......................................................56<br />

Die Bestellerautoren Andy McNab und Chris Ryan.<br />

Militär und Technik<br />

Hitlers erste „Vergeltungswaffe“. ...........................................................58<br />

Die V1 und der tödliche Terror aus der Luft.<br />

Spurensuche<br />

Maritime Geschichte an der Nordseeküste..................64<br />

Wilhelmshaven und die Marine.<br />

Feldherren<br />

Hitlers „Feuerwehrmann“. ...................................................................................70<br />

Generalfeldmarschall Walter Model und seine Einsätze an den<br />

Brennpunkten von Ost- und Westfront.<br />

Museen & Militärakademien<br />

In Flanders Fields Museum. ...........................................................................78<br />

Belgisches Museum mit moderner Präsentation<br />

des Themas „Erster Weltkrieg”.<br />

Ein Bild erzählt Geschichte<br />

Der letzte Augenblick<br />

des kämpfenden Poeten...................................................................................................80<br />

Theodor Körners Tod im Jahr 1813 bei Gadebusch,<br />

dargestellt im berühmten Holzstich von Johann Kirchhoff.<br />

<strong>Vorschau</strong>/Impressum .........................................................................................................................82<br />

Titelbild: Gemälde von Eugène Chaperon (1857–1938), das eine Episode von der<br />

<strong>Marne</strong>-Schlacht <strong>1914</strong> zeigt. Das Bild hängt heute im Armeemuseum in Paris.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

5


Magazin<br />

AUSSTELLUNGSTIPP<br />

„<strong>1914</strong>–1918. Der Erste Weltkrieg“<br />

Beeindruckende Sonderausstellung in Berlin<br />

Kriegsgefangene englische Soldaten<br />

an der Westfront, 1917/1918.<br />

©Stiftung Deutsches<br />

Historisches Museum,<br />

Gestaltung: Thoma+Schekorr<br />

©Stiftung Deutsches Historisches Museum<br />

Zum Gedenken an den Beginn des Ersten<br />

Weltkriegs vor 100 Jahren präsentiert das<br />

Deutsche Historische Museum (DHM) in<br />

Berlin vom 29. Mai bis 30. November 2014 die<br />

deutschlandweit einzigartige Überblicksausstellung<br />

zum Kriegsgeschehen, die die europäische<br />

und globale Dimension des „Großen<br />

Kriegs“ verdeutlicht. Der Fokus der Ausstellung<br />

liegt auf der Eskalation<br />

der Gewalt. Die Gewalterfahrung<br />

veränderte nicht nur die<br />

nachfolgenden Kriege, sondern<br />

auch das politische Denken und<br />

Handeln im 20. Jahrhundert.<br />

Anhand von 14 markanten<br />

Orten bietet die Ausstellung<br />

eine geografisch-chronologische<br />

Übersicht des<br />

Krieges. Bei den Orten handelt es sich um konkrete<br />

Schlachtfelder – etwa Verdun, Tannenberg,<br />

„Deutsch-Ostafrika“ oder Gallipoli – aber<br />

auch um politisch-kulturelle Zentren wie Petrograd<br />

oder Berlin sowie besetzte Städte wie<br />

Brüssel. Alle Orte stehen für wichtige Stationen<br />

und Situationen des Krieges. Sie verweisen<br />

auf übergreifende Entwicklungen:<br />

die Modernisierung<br />

der Kriegstechnik mit<br />

ihren physischen und psychischen<br />

Folgen für die Menschen,<br />

die weltumspannende Kriegswirtschaft,<br />

die globale Ausweitung der<br />

Schweres Maschinengewehr mit Lafette,<br />

Deutschland <strong>1914</strong>, ©Stiftung Deutsches<br />

Historisches Museum Foto: Sebastian Ahlers<br />

Kämpfe sowie die Totalisierung des Krieges<br />

an der „Heimatfront“.<br />

Mit Exponaten aus Deutschland und einer<br />

Vielzahl internationaler Leihgaben entwirft die<br />

Ausstellung auf mehr als 1.000 Quadratmeter<br />

ein umfassendes Bild der „Urkatastrophe des<br />

20. Jahrhunderts“.<br />

Zur Ausstellung erscheint ein Begleitband,<br />

der anhand von 100 Objekten aus den Sammlungen<br />

des DHM die Geschichte des Ersten<br />

Weltkriegs erzählt.<br />

Kontakt:<br />

Deutsches Historisches Museum<br />

Unter den Linden 2<br />

10117 Berlin<br />

Tel: 030/20304-0<br />

www.dhm.de<br />

NEUERSCHEINUNG<br />

Der vergessene Verschwörer<br />

General Fritz Lindemann und der 20. Juli 1944<br />

Ein achtenswerter Aufständischer<br />

– General Fritz Lindemann gehörte<br />

zum engsten Verschwörerkreis<br />

gegen Hitler. Mit diesem<br />

Werk wird der Literatur über den<br />

Widerstand gegen Hitler eine bisher<br />

kaum beachtete Geschichte hinzugefügt,<br />

es liefert einen vertieften<br />

Blick auf das tragische Jahr 1944<br />

und stellt gleichzeitig einen mutigen<br />

Menschen vor, der fast in Vergessenheit<br />

geraten wäre.<br />

Als General der Artillerie nahm<br />

Fritz Lindemann aktiv an den<br />

Vorbereitungen des Hitler-Attentats<br />

am 20. Juli 1944 teil. Das Buch<br />

würdigt neben dem Mut des Generals<br />

auch die Opferbereitschaft<br />

und das Schicksal jener Menschen,<br />

die ihm auf seiner Flucht<br />

beistanden, dafür ihr<br />

Leben riskierten und<br />

dieses schließlich<br />

durch ihre Hinrichtung<br />

verloren.<br />

Der Autor des Buches,<br />

Bengt von zur<br />

Mühlen (Jg. 1932), ist<br />

Produzent von 500 zeithistorischen<br />

Dokumentationen für Fernsehen<br />

und Kino. Zwei seiner Produktionen<br />

wurden für den Oscar<br />

nominiert, darunter „Battle of<br />

Berlin“. Für „Flucht und Vertrei-<br />

„Der vergessene Verschwörer“<br />

stellt einen Menschen vor, der fast<br />

in Vergessenheit geraten wäre.<br />

bung“ und „Die Frauen<br />

des 20. Juli“ erhielt er die<br />

Goldene Kamera.<br />

Bengt von zur Mühlen: Der<br />

vergessene Verschwörer –<br />

General Fritz Lindemann und der<br />

20. Juli 1944, 224 Seiten, ca. 40<br />

Abb., Hardcover mit Schutzumschlag,<br />

ISBN: 978-3-7658-1851-6,<br />

Preis: 19,99 EUR<br />

Foto: Bucher Verlag<br />

6


Abb.: Archiv <strong>CLAUSEWITZ</strong><br />

ENGLISCHSPRACHIGES<br />

„Proud Legions“<br />

Mitreißender Militär-Thriller über einen fiktiven Koreakrieg<br />

Spannendes Szenario: In<br />

„Proud Legions“ marschieren<br />

kommunistische Truppen 1999<br />

in Südkorea ein. Die Themenfelder<br />

Geopolitik, High-Tech-<br />

Krieg und menschliche Schicksale<br />

verbinden sich zu einem<br />

äußerst fesselnden Roman.<br />

Im Jahr 1999: Das kommunistische<br />

Regime in Nordkorea ist<br />

am Ende – Jahrzehnte der Isolation,<br />

der Misswirtschaft und<br />

Diktatur haben das Land an den<br />

Rand des Ruins gebracht, bzw.<br />

bereits weit darüber hinaus. Um<br />

dem Schicksal der rumänischen<br />

oder ostdeutschen Äquivalente<br />

zu entgehen, setzen die Machthaber<br />

der Volksrepublik alles auf<br />

eine Karte: In einer lange vorbereiteten<br />

Operation schlägt Nordkorea<br />

völlig unerwartet zu. Ziel<br />

ist es, den Süden samt seiner<br />

amerikanischen Verbündeten zu<br />

überrumpeln, Seoul einzunehmen<br />

und dann einen Friedensvertrag<br />

zu diktieren. Dieser<br />

schafft aus dem kränkelnden<br />

Nordkorea ein starkes vereintes<br />

Korea unter kommunistischer<br />

Führung. In Pjöngjang geht man<br />

davon aus, dass der Süden sich eher ergibt, als<br />

vernichtet zu werden (zur Not sollen chemische<br />

Kampfstoffe eingesetzt werden) und dass<br />

die Amerikaner politisch „einknicken“, sobald<br />

mehr als 20.000 GIs gefallen sind. Aufgrund<br />

der Geheimhaltung (die z.B. eine generelle<br />

Mobilmachung verhindert), der knappen Ressourcen<br />

(Treibstoff) sowie der vorhergesehenen<br />

Reaktionen des Gegners muss die Operation<br />

innerhalb von maximal zehn<br />

Tagen abgeschlossen sein. Die<br />

nordkoreanischen Annahmen<br />

scheinen sich insofern zu bestätigen,<br />

als das die Südkoreaner einen<br />

Krieg schon lange nicht mehr<br />

für möglich halten und starke<br />

Einschnitte im Militärhaushalt gemacht<br />

wurden. Die Amerikaner<br />

hingegen verlassen sich zu sehr<br />

auf ihre technologische Überlegenheit<br />

– Vietnam scheint bereits<br />

vergessen zu sein. Dies ist der<br />

Hintergrund von John Antals erstem<br />

Roman. Der Autor ist selbst<br />

Angehöriger der U.S. Army und<br />

war in Korea stationiert: Seine Geschichte<br />

überzeugt daher mit Authentizität<br />

und Detailwissen in<br />

den geschilderten militärischen<br />

Angelegenheiten (die Panzertruppe<br />

spielt eine zentrale Rolle).<br />

Da die Perspektiven zwischen<br />

Nord- und Südkoreanern sowie Amerikanern<br />

changieren, erhält der Leser Einsicht in die<br />

Sichtweisen aller Beteiligten. Das fiktive Szenario<br />

dieses neuen Koreakrieges ist so schlüssig<br />

ausgearbeitet und packend geschrieben,<br />

dass man das Buch nur schwer aus der Hand<br />

legen kann.<br />

John Antal: Proud Legions. A Novel of America’s<br />

Next War. New York 1999.<br />

67<br />

Meter Gesamthöhe misst die imposante Berliner<br />

Siegessäule im Herzen der Spreemetropole. Das nach<br />

einem Entwurf von Johann Heinrich Strack erbaute<br />

Monument erinnert an die „Einigungskriege“ von<br />

1864, 1866 und 1870/71. Am 2. September 1873,<br />

dem dritten Jahrestag der für Preußen siegreichen<br />

Schlacht bei Sedan, wurde es feierlich eingeweiht.<br />

Gekrönt wird die Säule von der „Viktoria“, einer von<br />

dem Bildhauer Friedrich Drake in Anlehnung an die<br />

römische Siegesgöttin geschaffenen Bronzeskulptur.<br />

Foto: picture-alliance/chromorange<br />

Käsefondue nach Art der Schweizer Armee<br />

Zutatenliste<br />

- Käse (z.B. eine Mischung<br />

aus Greyerzer und<br />

Emmentaler für ein eher<br />

kräftig-würziges Fondue)<br />

- Weißwein<br />

- Zitronensaft<br />

- Brot<br />

- Knoblauch<br />

- Kartoffelmehl<br />

- Paprika, Pfeffer und<br />

Muskat zum Würzen<br />

Die Schweizer Armee stützt sich nach wie<br />

vor – und im Gegensatz zu den meisten<br />

europäischen Armeen – auf die Wehrpflicht.<br />

Beispiellos ist zudem das System der Volksbewaffnung:<br />

Jeder Soldat bewahrt<br />

seine Waffe<br />

(das Sturmgewehr<br />

90/SIG 550) zu Hause<br />

auf – allerdings seit<br />

2007 ohne dazugehörige<br />

Munition. Der genannte Umstand hat<br />

zu dem Sprichwort „Die Schweiz hat keine<br />

Armee, die Schweiz ist eine Armee!“ geführt.<br />

Und eine Armee muss essen – eine Möglichkeit,<br />

die Wehrpflichtigen während eines Manövers<br />

zu versorgen, ist das Käsefondue der<br />

Schweizer Armee. Dazu sollte der Käse vorbereitet<br />

– d.h. gerieben – und das Brot in<br />

Würfel geschnitten sein. Danach wird folgendermaßen<br />

vorgegangen:<br />

Der zerkleinerte Knoblauch wird zusammen<br />

mit dem Weißwein und dem Zitronensaft<br />

erhitzt. Dann wird der Käse hinzugegeben<br />

– unter stetem Umrühren aufkochen las-<br />

Der Klassiker, auch für Soldaten:<br />

das original Schweizer Käsefondue<br />

ist einfach zuzubereiten und<br />

extrem nahrhaft.<br />

sen. Anschließend das mit dem Weißwein angerührte<br />

Kartoffelmehl beifügen. Das Fondue<br />

unter starkem Rühren so lange aufkochen<br />

lassen, bis es eine cremige Bindung hat.<br />

Mit Pfeffer, Paprika und Muskat würzen und<br />

in einem vorgewärmten Caquelon (Keramiktopf)<br />

servieren.<br />

Bei der Armee wird meist Schwarztee zum<br />

Käsefondue gereicht. Sie können dazu aber –<br />

ganz nach Gusto – auch ein Glas Weißwein<br />

einschenken. Traditionellerweise wird außerdem<br />

ein kleines Glas Kirschschnaps hinterher<br />

getrunken (auf das die Soldaten natürlich<br />

meist verzichten müssen).<br />

Foto: picture alliance/foodcollection<br />

Clausewitz 4/2014<br />

7


Clausewitz<br />

Magazin<br />

Blick auf einen Teilbereich der Dauerausstellung<br />

„Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt in der<br />

Wilhelm- und Prinz-Albrecht-Straße“.<br />

Foto: Uwe Bellm/Stiftung Topographie des Terrors<br />

MUSEUMSTIPP<br />

Topographie des Terrors<br />

Dokumentationszentrum zur NS-Diktatur<br />

Die „Topographie des Terrors” gehört zu den<br />

meist besuchten Erinnerungsorten in Berlin.<br />

Allein im Jahr 2013 wurden über eine Million<br />

Besucher gezählt. Mitten im Zentrum der<br />

deutschen Hauptstadt befand sich während<br />

des „Dritten Reichs” jeweils der Sitz der Geheimen<br />

Staatspolizei, der SS und des Reichssicherheitshauptamts.<br />

Am authentischen Ort informiert das Dokumentationszentrum<br />

über die Zentralen des<br />

SS- und Polizeistaats und macht die europäische<br />

Dimension der NS-Herrschaft sichtbar.<br />

Die Eröffnung des neuen Dokumentationszentrums<br />

fand im Jahr 2010 statt. Seither stehen<br />

den Besuchern drei Ausstellungsbereiche offen.<br />

Im Gebäude befindet sich die Dauerausstellung<br />

„Topographie des Terrors. Gestapo, SS<br />

und Reichssicherheitshauptamt in der Wilhelm-<br />

und Prinz-Albrecht-Straße”. Im Außenbereich<br />

wird der neu gestaltete Ausstellungsgraben<br />

entlang der freigelegten Kellermauerreste<br />

an der Niederkirchnerstraße (ehemalige<br />

Prinz-Albrecht-Straße) weiterhin als Ausstellungsfläche<br />

genutzt – jeweils in der Zeit von<br />

Luftaufnahme des Dokumentationszentrums Topographie<br />

des Terrors mit Außengelände.<br />

Foto: Wolfgang Chodan/Stiftung Topographie des Terrors<br />

Frühjahr bis Herbst. Präsentiert wird hier die<br />

Ausstellung „Berlin 1933–1945. Zwischen Propaganda<br />

und Terror”. Das Gesamtgelände der<br />

„Topographie des Terrors” ist durch einen<br />

„Geländerundgang” mit 15 Stationen inhaltlich<br />

erschlossen. Sie vermitteln dem Besucher<br />

einen Überblick über die Geschichte des historischen<br />

Orts.<br />

Kontakt:<br />

Stiftung Topographie des Terrors<br />

Niederkirchnerstraße 8<br />

10963 Berlin<br />

Tel.: 030/254509-50<br />

www.topographie.de<br />

Abb.: Archiv <strong>CLAUSEWITZ</strong><br />

SAMMELTIPP<br />

„Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl,<br />

während des Krieges und nach der Jagd.“<br />

Otto von Bismarck (1815–1898)<br />

„Les soldats de plomb“<br />

Briefmarken ehren 2.000 Jahre französische<br />

Militärgeschichte<br />

Im Sommer 2012 brachte die französische Post<br />

(„La Poste“) sechs 60-Cent-Briefmarken unter<br />

der Bezeichnung „Les soldats de plomb“<br />

(„Zinnsoldaten“) heraus. Die ausgewählten<br />

Motive – allesamt sehr liebevoll gestaltet – präsentieren<br />

einen Querschnitt aus zwei Jahrtausenden<br />

französischer Militärgeschichte.<br />

Der Satz enthält den antiken Gallierfürsten<br />

und Gegner Caesars Vercingétorix, einen mittelalterlichen<br />

„Kreuzritter“, einen Infanteristen<br />

mit Hellebarde sowie einen Trommler der<br />

Frühen Neuzeit, einen „Grognard“ der Kaiserlichen<br />

Garde Napoleons und schließlich einen<br />

Infanteristen des Ersten Weltkrieges aus<br />

dem Jahr <strong>1914</strong>. Der Bogen wird am unteren<br />

Rand mit einer Zeichnung des Invalidendoms<br />

geschmückt, der ab 1840 – als Teil des „Hôtel<br />

Französische<br />

Militärgeschichte<br />

im Kleinstformat:<br />

Die<br />

Briefmarken<br />

„Les soldats de<br />

plomb“.<br />

des Invalides“ – zur Grabstätte Napoleons<br />

wurde und heute einer der meistbesuchten<br />

Orte der Welt ist. Außerdem beherbergen „Les<br />

Invalides“ auch das „Musée de l’Armée“ – die<br />

Zeichnung ergänzt somit diese interessante<br />

Briefmarkenreihe perfekt.<br />

Die Marken sollten antiquarisch noch recht<br />

einfach zu bekommen sein.<br />

BUCHTIPP<br />

REIMAHG-Werk<br />

Das geheime Rüstungswerk „Lachs“ im<br />

thüringischen Walpersberg<br />

egenstand des Buches sind vor allem die<br />

GEreignisse gegen Ende des Zweiten Weltkrieges<br />

rings um den Walpersberg in Thüringen<br />

und sein REIMAHG-Rüstungswerk zur<br />

Fertigung der Me 262.<br />

In Deutsch, Englisch, Russisch, Italienisch<br />

und Niederländisch informiert der Bildband<br />

vor allem über das Baugeschehen in den Jahren<br />

1944/45 sowie über Planung, Nutzung<br />

und Ende des weitgehend unterirdisch angelegten<br />

Rüstungswerkes.<br />

Zudem wird auf die Nachnutzung der einzelnen<br />

Objekte in der Folgezeit bis hin zur Gegenwart<br />

eingegangen.<br />

Markus Gleichmann: REIMAHG-Werk<br />

„Lachs“<br />

118 Seiten, 201 Abb., geb.,<br />

ISBN 978-3-943552-05-8,<br />

Preis: 17,95 EUR<br />

Reich illustrierter Bildband<br />

mit Texten und<br />

Bildunterschriften in<br />

fünf Sprachen.<br />

Foto: Heinrich-Jung-Verlagsgesellschaft mbH<br />

8


3/2014 Mai | Juni €5,50 A: € 6,30 CH: sFr 11,00 BeNeLux: € 6,50 SK, I: € 7,45 S: SKR 75 N: NOK 79 FIN: € 8,10<br />

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MILITÄR & TECHNIK<br />

Mil Mi-4<br />

Sikorsky H-34G<br />

tobt die Schlacht um<br />

Paris. Dazu gehören im<br />

Vorfeld auch ein Streik<br />

sowie ein Aufstand mit<br />

Aktionen der Résistance –<br />

wie z.B. die hier gezeigte<br />

Straßenbarrikade am Quai<br />

des Grands Augustins. Am<br />

25. August 1944 kapituliert<br />

der deutsche Stadtkommandant<br />

Dietrich von<br />

Choltitz, als alliierte Einheiten<br />

anrücken.<br />

ZEITSCHICHTEN<br />

Damals: Im August 1944<br />

Die Fotocollage des russischen Fotografen<br />

Sergey Larenkov stellt eindrucksvoll<br />

visualisiert einen Brückenschlag zwischen<br />

Vergangenheit und Gegenwart her.<br />

www.sergey-larenkov.livejournal.com<br />

Heute: Der nach einem<br />

Augustinerkonvent<br />

benannte „Quai“ liegt im<br />

Zentrum von Paris und ist<br />

eine belebte Uferpromenade<br />

an der Seine – im Hintergrund<br />

ist die gotische<br />

Kathedrale Notre Dame de<br />

Paris zu sehen, eine der<br />

Haupttouristenattraktionen<br />

der französischen Metropole.<br />

Spuren des Aufstandes<br />

von 1944 sind heute nicht<br />

mehr vorhanden.<br />

www.sergey-larenkov.livejournal.com<br />

Briefe an die Redaktion<br />

Zur Titelgeschichte „Sprung ins<br />

Verderben“ in <strong>CLAUSEWITZ</strong> 3/2014:<br />

An der Schlacht um Arnheim waren<br />

auch reguläre, niederländische Einheiten<br />

beteiligt – auf beiden Seiten!<br />

Die exil-niederländische Brigade „Prinses<br />

Irene“ war dem britischen XXX. Korps<br />

unterstellt, auf deutscher Seite gehörte<br />

ein Bataillon des SS-Freiwilligen-Regiments<br />

„Landstorm Nederland“ zum<br />

Sperrverband Harzer.<br />

Dieser war eine der erwähnten, aus<br />

der Not geborenen und aus Truppenteilen<br />

der 9. SS-Panzerdivision gebildeten<br />

Kampfgruppen.<br />

Ab dem 22.9.1944 stand „Landstorm<br />

Nederland“ vor Arnheim und bei Oosterbeek<br />

gegen britische und exil-polnische<br />

Fallschirmtruppen im Einsatz und war mit<br />

daran beteiligt, deren letzte<br />

Widerstandsnester niederzukämpfen.<br />

Jürgen Kaltschmitt, per E-Mail<br />

In der Ausgabe 3/2014 ist Ihnen<br />

im Artikel über die Operation<br />

„Market Garden“ ein<br />

Das Magazin für Militärgeschichte<br />

Clausewitz<br />

Militärtechnik<br />

im Detail<br />

Gorlice-Tarnów<br />

Durchbruchsschlacht<br />

im Osten 1915<br />

Luftschiff „L 59“<br />

In geheimer Mission<br />

Verehrt,<br />

verhasst,<br />

verklärt<br />

Paul von<br />

Hindenburg<br />

1944: Das Debakel von Arnheim<br />

Operation<br />

„Market Garden“<br />

Robuste „Allrounder“: Marinehubschrauber<br />

von Bundes- und Volksmarine<br />

kleiner Bildfehler unterlaufen. Die deutschen<br />

Soldaten auf der Seite 14 verwenden<br />

kein „erbeutetes englisches Maschinengewehr<br />

Bren Gun“, sondern ein<br />

tschechisches MG. Das genaue Modell<br />

lässt sich aufgrund der Bildqualität nicht<br />

eindeutig feststellen, aber es dürfte wohl<br />

ein ZB vz26 oder vz30 sein. Diese Modelle<br />

wurden unter deutscher Besatzung als<br />

MG26(t) bzw. MG30(t) weiter gefertigt und<br />

in großer Stückzahl eingesetzt. (...) Ansonsten<br />

ist die Ausgabe<br />

mal wieder spitze. Weiter<br />

so. Michael Heidler,<br />

per E-Mail<br />

Zu „Zwischen Hoffen<br />

und Bangen“ in CLAU-<br />

SEWITZ 3/2014:<br />

Ich habe in der Mai/Juni-Ausgabe Ihres<br />

Magazins den interessanten Artikel „Zwischen<br />

Hoffen und Bangen“ von Jörg M.<br />

Hormann gelesen, bei dem sich auf der<br />

Seite 26 ein Zitat findet, das als britischer<br />

Schreiben Sie an:<br />

redaktion@clausewitz-magazin.de oder<br />

<strong>CLAUSEWITZ</strong>, Postfach 40 02 09, 80702 München<br />

Soldatenausspruch bezeichnet wird. Der<br />

Ausspruch „Their’s not to reason why“<br />

wird in der Tat noch heute gelegentlich<br />

benutzt, etwa in dem Sinne von „Befehl<br />

ist Befehl“, aber ursprünglich handelt es<br />

sich dabei um einen Vers aus dem Gedicht<br />

von Alfred Lord Tennyson (1809–<br />

1892) „The Charge of the Light Brigade“,<br />

das den katastrophalen Todesritt der<br />

Leichten Brigade während des Krimkrieges<br />

in der Schlacht von Balaklava am<br />

25. Oktober 1854 im Stile der Zeit verklärt.<br />

(...) Ulrich F. Kastilan, per E-Mail<br />

Leserbriefe spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider. Die Redaktion behält sich vor,<br />

Leserbriefe aus Gründen der Darstellung eines möglichst umfassenden Meinungsspektrums<br />

sinnwahrend zu kürzen.<br />

House of<br />

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Titelgeschichte<br />

Vor 100 Jahren: Erste <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

„Frankreich in<br />

Ende August <strong>1914</strong>: Frankreich steht militärisch massiv unter Druck. Die deutschen<br />

Truppen stoßen scheinbar unaufhaltsam Richtung Paris vor. Ein Triumph scheint für sie<br />

zum Greifen nahe, als es an der <strong>Marne</strong> zur Entscheidungsschlacht gegen die Armeen<br />

der Entente kommt.<br />

Von Holger Hase<br />

NACH FRANKREICH HINEIN:<br />

Eine deutsche Infanteriekolonne passiert auf ihrem Vormarsch<br />

nach Nordfrankreich ein brennendes Dorf. Angesichts der<br />

wichtigen militärischen Erfolge im Monat August <strong>1914</strong> gegen<br />

die französisch-britischen Truppen scheint ein schneller Sieg<br />

im Westen für die Deutschen möglich. Foto: ullstein bild – ullstein bild<br />

10


Not!“<br />

Clausewitz 4/2014<br />

11


Titelgeschichte | <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

ENDE DER BELAGERUNG:<br />

Übergabe der französischen Festung Maubeuge durch die<br />

Besatzung am 7./8. September <strong>1914</strong> – zu einem Zeitpunkt, als<br />

die französisch-britische Gegenoffensive an der <strong>Marne</strong> bereits<br />

begonnen hat. Zwar gerät durch die Kapitulation eine große<br />

Zahl alliierter Soldaten in deutsche Gefangenschaft, doch bindet<br />

der Widerstand der Besatzung in der entscheidenden Phase<br />

der <strong>Marne</strong>schlacht immerhin ein deutsches Armeekorps.<br />

Abb.: picture-alliance/akg-images<br />

12


Entente unter Druck<br />

FAKTEN<br />

Deutsches Reich<br />

Ziel:<br />

Fortsetzung des bereits begonnenen Angriffs<br />

im Westen nach Süden; westliche<br />

Umfassung und Zerschlagung der französisch-britischen<br />

Streitkräfte.<br />

Truppenstärke zu Beginn der <strong>Marne</strong>schlacht:<br />

Circa 720.000 Mann<br />

46 Infanterie- und 7 Kavalleriedivisionen<br />

Beteiligte Truppenteile:<br />

1. bis 5. Armee<br />

Oberbefehl über die deutschen Armeen:<br />

Generaloberst Helmuth von Moltke der<br />

Jüngere<br />

Verluste (1. bis 10. September <strong>1914</strong>):<br />

Circa 70.000 Tote, Verwundete und Gefangene<br />

Clausewitz 4/2014<br />

13


Titelgeschichte | <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

ZUM WIDERSTAND ENTSCHLOSSEN:<br />

Ein französisches Feldgeschütz nimmt die deutschen Linien<br />

an der <strong>Marne</strong> unter Feuer. Die Franzosen erweisen sich trotz<br />

empfindlicher Niederlagen in den vorangegangenen Grenzschlachten<br />

als erbitterte Gegner. Eine Schmach wie<br />

1870/71 wollen sie unter allen Umständen verhindern.<br />

Abb.: picture-alliance/Mary Evans Picture Library<br />

14


Aufbäumen gegen die Niederlage<br />

FAKTEN<br />

Frankreich und Großbritannien<br />

Ziel:<br />

Auffangen des deutschen Angriffs zwischen<br />

Seine und <strong>Marne</strong>;<br />

Durchführung eines Gegenangriffs ostwärts<br />

von Paris in die rechte deutsche Flanke unter<br />

Ausnutzung der Frontlücke zwischen der deutschen<br />

1. und 2. Armee; Binden der 3., 4. und<br />

5. deutschen Armee durch einen Frontalangriff<br />

in der Champagne und westlich der Maas<br />

in Lothringen.<br />

Truppenstärke zu Beginn der <strong>Marne</strong>schlacht:<br />

Circa 800.000 (davon etwa 100.000 Briten)<br />

Beteiligte Truppenteile:<br />

3., 4., 5., 6. und 9. französische Armee<br />

Britische Expeditionsarmee (B.E.F.)<br />

54 Infanterie- und 9 Kavalleriedivisionen<br />

Oberbefehlshaber französische Streitkräfte:<br />

General Joseph Joffre<br />

Oberbefehlshaber britische Streitkräfte:<br />

Feldmarschall Sir John French<br />

Verluste (1. bis 10. September <strong>1914</strong>):<br />

Circa 120.000 Tote, Verwundete und<br />

Gefangene (davon etwa 13.000 Briten)<br />

Clausewitz 4/2014<br />

15


Titelgeschichte | <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

Der deutsche Feldzugplan für den Krieg<br />

gegen Frankreich stammt von Generalfeldmarschall<br />

Alfred Graf von Schlieffen<br />

(1833–1913). Sein Offensivplan soll<br />

Deutschland vor einem kräftezehrenden<br />

Zweifrontenkrieg bewahren und eine schnelle<br />

Entscheidung in Frankreich herbeiführen.<br />

Helmuth von Moltke der Jüngere, der Schlieffen<br />

1906 als Chef des Großen Generalstabs<br />

nachgefolgt ist, zieht im Sommer <strong>1914</strong> mit einer<br />

modifizierten Variante dieses Planes und<br />

mit einer gewaltigen Streitmacht in den<br />

Krieg. Zwar hält er an Schlieffens operativer<br />

Grundidee fest, verändert jedoch einige entscheidende<br />

Parameter.<br />

Insbesondere der für den Angriff durch<br />

Belgien und Nordfrankreich vorgesehene<br />

Angriffsflügel fällt deutlich schwächer aus,<br />

als ursprünglich vorgesehen. Trotzdem verfügen<br />

die dort eingesetzten drei Armeen<br />

über eine erhebliche Kampfkraft. Generaloberst<br />

Alexander von Kluck, der Oberbefehlshaber<br />

der äußerst rechts eingesetzten<br />

1. Armee, kommandiert 320.000 Mann, sein<br />

linker Nachbar, Generaloberst Karl von Bülow<br />

mit der 2. Armee immerhin 260.000. Hinzu<br />

kommt die 3. Armee unter Generaloberst<br />

Max von Hausen mit einer Stärke von<br />

180.000 Mann.<br />

Ludendorffs „Handstreich”<br />

Am 4. August <strong>1914</strong> überschreiten die Deutschen<br />

die Grenze zum neutralen Belgien.<br />

Das belgische Feldheer ist zahlenmäßig weit<br />

unterlegen und damit kein ernsthafter Geg-<br />

SCHLÜSSELFIGUR: Alexander von Kluck<br />

(1846–1934), Oberbefehlshaber der<br />

1. Deutschen Armee während der <strong>Marne</strong>schlacht.<br />

Er wird wegen seines eigenmächtigen<br />

Handelns mitverantwortlich für<br />

das Scheitern der deutschen Westoffensive<br />

im Sommer <strong>1914</strong> gemacht.<br />

Abb.: picture-alliance/Mary Evans Picture Library<br />

ner. Teile der 1. und 2. deutschen Armee stoßen<br />

auf Lüttich vor, das von einem Ring aus<br />

zwölf Sperrforts geschützt wird. Die Stadt<br />

und die wichtigen Maas-Brücken werden<br />

durch einen Handstreich der 14. Infanteriebrigade<br />

unter Generalmajor Erich Ludendorff<br />

genommen. Danach beginnt die Be-<br />

ERFOLGREICH: Dem französischen Oberbefehlshaber<br />

General Joseph Joffre<br />

(1852–1931) gelingt es mit seinen Truppen<br />

<strong>1914</strong>, den deutschen Vormarsch an<br />

der <strong>Marne</strong> zu stoppen.<br />

Foto: picture-alliance/akg-images<br />

ZUM KAMPF BEREIT: Französische Infanterie<br />

in Erwartung eines deutschen Angriffs während<br />

der <strong>Marne</strong>schlacht im September <strong>1914</strong>.<br />

Foto: picture-alliance/Everett Collection<br />

16


ZUVERSICHTLICH: Deutsche Soldaten überschreiten die Grenze zum westlichen Nachbarn Frankreich. In den ersten Gefechten im August<br />

<strong>1914</strong> behalten sie die Oberhand. Foto: picture-alliance/dpa©dpa-Bildarchiv<br />

kämpfung der Sperrforts mit schwerster Artillerie.<br />

Am 16. August kapituliert das letzte<br />

Lütticher Fort. Der Weg nach Zentralbelgien<br />

ist frei. Brüssel fällt bereits am 20. August.<br />

Das französische Heer hat nach der Mobilmachung<br />

mit fünf Armeen entlang der<br />

Ostgrenze Frankreichs Aufstellung genommen.<br />

Oberkommandierender ist General<br />

Joseph Joffre (1852–1931). Gemäß dem 1913<br />

erarbeiteten Plan XVII soll ein mächtiger<br />

Frontalangriff gegen die Deutschen in Elsass-Lothringen<br />

durchgeführt werden. An<br />

der Schweizer Grenze stößt die 1. Armee unter<br />

General Auguste Dubail auf Mühlhausen<br />

im Elsass vor, das zeitweilig besetzt werden<br />

kann. Weiter nördlich überschreitet die<br />

„Es geht schlecht. Die Kämpfe im Osten von Paris<br />

werden zu unseren Ungunsten ausfallen. (...)<br />

Der so hoffnungsvoll begonnene Anfang des Krieges<br />

wird in das Gegenteil umschlagen.“<br />

Helmuth von Moltke d. J. am 9. September <strong>1914</strong> an seine Frau Eliza<br />

2. Armee unter General Noël de Castelnau<br />

am 14. August auf breiter Front die deutsche<br />

Grenze im Raum Saarburg. Der Angriff<br />

wird jedoch abgewehrt. Beide französische<br />

Armeen ziehen sich daraufhin hinter die<br />

Meurthe und in den Festungsgürtel von<br />

Nancy zurück.<br />

Misserfolge der Entente<br />

Im Zentrum beginnt am 22. August der französische<br />

Angriff in Richtung Luxemburg.<br />

Die 3. und 4. Armee stürmen gegen die deutschen<br />

Verteidigungslinien in den Ardennen<br />

an. In dem schwierigen Gelände bricht die<br />

Offensive aber schnell zusammen. Die am<br />

linken französischen Flügel eingesetzte 5.<br />

Armee unter General Charles Lanrezac soll<br />

die Grenze zum südlichen Belgien decken.<br />

Sie wird jedoch am 22. August bei Charleroi<br />

von Bülows Truppenverbänden überraschend<br />

angegriffen und zurückgeworfen.<br />

Die Deutschen sind inzwischen in Richtung<br />

Süden eingedreht und beginnen ihren Vormarsch<br />

nach Nordfrankreich. Am 23. August<br />

stoßen sie bei Mons auf die British Expeditionary<br />

Force (BEF) unter Führung von Feldmarschall<br />

Sir John French (1852–1925). Nach<br />

anfänglichen Erfolgen müssen sich die Briten<br />

vor der Übermacht des Gegners zurückziehen.<br />

Sie werden von Klucks 1. Armee<br />

hartnäckig verfolgt und weichen am 28. August<br />

über die Oise nach Süden aus. Die Festung<br />

Maubeuge wird am 25. August von den<br />

Deutschen eingeschlossen. Am selben Tag<br />

befiehlt das französische Grand Quartier Général<br />

(G.Q.G.) die Aufstellung der 6. Armee<br />

unter General Joseph Maunoury im Raum<br />

Amiens. Dazu werden in den folgenden Tagen<br />

Truppenteile aus dem Elsass mit der<br />

Bahn quer zur Front nach Nordwesten verlegt.<br />

Am 29. August greifen diese bei Roye<br />

an, können sich aber gegenüber der Armee<br />

Clausewitz 4/2014<br />

17


Titelgeschichte | <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

IM GEFECHT: Zeitgenössische Darstellung eines Nahkampfes zwischen französischen und deutschen Truppen an der Westfront <strong>1914</strong>.<br />

Die Verluste auf beiden Seiten sind sehr hoch.<br />

Abb.: picture-alliance/prismaarchivo<br />

Klucks nicht durchsetzen und ziehen sich<br />

auf Paris zurück. Währenddessen führt Lanrezac<br />

mit seinen Truppen seit dem 28. August<br />

bei Saint-Quentin und Guise einen Gegenangriff<br />

auf die 2. deutsche Armee durch.<br />

Dieser entwickelt sich zunächst günstig,<br />

wird schließlich jedoch wiederzurückgeschlagen.<br />

Ende August <strong>1914</strong> blickt das deutsche<br />

Heer somit auf eine Reihe von militärischen<br />

Erfolgen zurück. Jeglicher Versuch der Entente,<br />

die Initiative auf dem Schlachtfeld zu<br />

erringen, ist bisher gescheitert. Und doch<br />

zeichnen sich bereits ernste Probleme für die<br />

deutsche Seite ab. Die voranmarschierenden<br />

Truppen haben damit zu kämpfen, dass ihre<br />

drei rechten Flügelarmeen Truppenteile abstellen<br />

müssen. Diese werden benötigt, um<br />

Antwerpen in Schach zu halten, Zentralbelgien<br />

zu kontrollieren sowie die Festungen<br />

ZEITGENÖSSISCH<br />

Propagandadarstellung<br />

Darstellung zur „Bataille de Marais des Saint-<br />

Gond“ vom 5. bis 9. September <strong>1914</strong>, in der die<br />

Franzosen schließlich die Oberhand behalten.<br />

Abb.: picture-alliance/akg-images<br />

Givet und Maubeuge zu belagern. Personalersatz<br />

vom Oberrhein ist vorerst nicht in<br />

Sicht.<br />

Mangelnde Koordinierung<br />

Gleichzeitig gibt es Schwierigkeiten mit der<br />

Logistik. In den letzten Augusttagen liegen<br />

zwischen den Armeespitzen und den Bahnhöfen<br />

für den Nachschub im Durchschnitt<br />

135 Kilometer. Das noch immer überwiegend<br />

auf den Transport mit Pferdefuhrwerken abgestellte<br />

Versorgungssystem ist nicht in der<br />

Lage, den Bedarf der Truppe zu decken.<br />

Darüber hinaus bereitet die Koordinierung<br />

der Bewegungen und Operationen der<br />

Armeen mit den jeweiligen Nachbarn<br />

Schwierigkeiten. Ein Problem, mit dem sowohl<br />

die Deutschen als auch die Franzosen<br />

zu kämpfen haben. Gleichgültig, ob die Armeen<br />

vorrücken oder sich zurückziehen: Die<br />

Verbindung vor allem zu den Flügeln kann<br />

nur mit großer Mühe gehalten werden.<br />

Dieses Führungsproblem ist der OHL<br />

durchaus bewusst und Moltke versucht, seine<br />

Armeen entsprechend zu dirigieren. Am<br />

27. August gibt er eine „Allgemeine Anweisung<br />

an die 1. bis 7. Armee für den Fortgang<br />

der Operationen“ heraus. Geplant ist ein Angriff<br />

auf ganzer Front mit den fünf westlich<br />

von Metz stehenden Armeen in allgemein<br />

südwestliche Richtung. Aufgrund der mangelhaften<br />

Kommunikationsverbindungen<br />

dauert es zwölf Stunden, ehe die 1. und 2.<br />

Armee am äußersten rechten Flügel diese Information<br />

erhalten. Die 1. Armee besitzt lediglich<br />

zwei Funkgeräte. Diese sind so<br />

schwach, dass sie die OHL, die sich seit dem<br />

29. August in Luxemburg befindet, gar nicht<br />

direkt erreichen können. Die Funksprüche<br />

werden an die Funkzentrale nach Metz gesendet<br />

und von dort an Moltke weitergeleitet.<br />

Mitunter dauert es dreißig Stunden vom<br />

Absender zum Empfänger. Die OHL ist da-<br />

18


Kluck und Bülow handeln eigenmächtig<br />

durch zeitweilig ebenso wenig über die Lage<br />

auf dem Flügel unterrichtet, wie die dortigen<br />

Armeeführer über die Absichten der<br />

übergeordneten Führung.<br />

Dieser Umstand führt dazu, dass Kluck<br />

und Bülow eigenständig Entschlüsse fassen,<br />

die der operativen Idee Moltkes zuwiderlaufen.<br />

So entschließt sich Kluck, nach seinem<br />

Erfolg über die 6. französische Armee, am<br />

30. August zu einem Rechtsschwenk, um<br />

sich näher an die Armee Bülows heranzuziehen.<br />

Das bedeutet für seine Truppenverbände<br />

den Marsch ostwärts an Paris vorbei. Die<br />

ursprünglich vorgesehene Umfassung der<br />

französischen Hauptstadt wird fallengelassen.<br />

Die OHL akzeptiert schließlich dieses eigenmächtige<br />

Handeln – zumal die 5. Armee<br />

unter dem Kommando von Kronprinz Wilhelm<br />

von Preußen in Lothringen aufgrund<br />

des Feindwiderstandes bei Verdun von ihrem<br />

rechten Nachbarn, der 4. Armee, unterstützt<br />

werden muss. Am 2. September befiehlt<br />

Moltke einen allgemeinen Südschwenk<br />

aller Armeen, um die Franzosen in<br />

südöstlicher Richtung von Paris abzudrängen.<br />

Bereits am selben Tag überschreiten die<br />

Spitzen der 1. Armee bei Château Thierry die<br />

<strong>Marne</strong>.<br />

Flucht aus Paris<br />

Zu diesem Zeitpunkt fällt General Joseph<br />

Gallieni, dem Gouverneur von Paris, eine besondere<br />

Aufgabe zu. Die französische Regierung<br />

setzt sich am 2. September nach Bordeaux<br />

ab und überlässt die „Festung Paris“ ihrem<br />

Schicksal. Gallieni verdichtet mit Hilfe<br />

von Aufklärungsflugzeugen sein Lagebild.<br />

Er erkennt in den Abendstunden des 3. September<br />

<strong>1914</strong> die Chance für einen Angriff in<br />

die Flanke der Deutschen ostwärts von Paris<br />

– und damit die Möglichkeit zur Gegenoffensive.<br />

Generalstabschef Joffre ist weiterhin<br />

für einen allgemeinen Rückzug nach Süden<br />

bis zur Seine. Er hat inzwischen auch einen<br />

Sündenbock für die bisherigen Niederlagen<br />

gefunden und entlässt Lanrezac als Oberbefehlshaber<br />

der 5. Armee. Dessen Nachfolger<br />

wird General d´ Espèrey.<br />

FRANKREICHS VERBÜNDETER: Der<br />

Oberbefehlshaber der British Expeditionary<br />

Force (BEF), Feldmarschall John<br />

French (1852–1925),<br />

kämpft an der Seite der<br />

in Bedrängnis geratenen<br />

Franzosen und leistet<br />

mit seinen Truppen<br />

einen wichtigen Beitrag<br />

zum Erfolg der<br />

Entente.<br />

Foto: picture-alliance/<br />

Everett Collection<br />

KARTE<br />

<strong>Marne</strong>schlacht (Lage am 9.9.<strong>1914</strong>), klein: <strong>Marne</strong>feldzug (Aug./Sept. <strong>1914</strong>)<br />

Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich<br />

Clausewitz 4/2014<br />

19


Titelgeschichte | <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

Am 4. September versucht Gallieni, Joffres<br />

Zustimmung zu einem Angriff der Pariser<br />

Garnison und der 6. Armee zu erlangen.<br />

An der Offensive sollen sich auch die Briten<br />

und die 5. Armee beteiligen. Am späten<br />

Abend erklärt sich Joffre einverstanden. Er<br />

Missverständnisse mit den französischen<br />

Verbündeten. Joffre muss daher persönlich<br />

intervenieren, um die Briten für einen Gegenangriff<br />

zu gewinnen. Nach einem dramatischen<br />

Auftritt in Frenchs Hauptquartier in<br />

Melun am Nachmittag des 5. September, bei<br />

„Am 9. September <strong>1914</strong> nachmittags war der<br />

<strong>Marne</strong>feldzug verloren, nicht aber der Krieg.<br />

Die Hoffnung auf eine schnelle Entscheidung mussten<br />

wir freilich zu Grabe tragen.“<br />

Generalmajor Hermann von Kuhl, <strong>1914</strong> als Generalstabschef der<br />

deutschen 1. Armee an der <strong>Marne</strong> eingesetzt<br />

ordnet die Einstellung des Rückzuges und<br />

die Vorbereitung einer Gegenoffensive für<br />

den 6. September an. Zuvor muss der französische<br />

Oberkommandierende aber noch den<br />

britischen Bündnispartner von seiner Idee<br />

überzeugen. Die BEF befindet sich seit den<br />

Ende August erlittenen Misserfolgen auf<br />

dem Rückzug nach Süden. Hinzu kommen<br />

dem er an die Ehre seines britischen Gegenübers<br />

appelliert, erhält er die Zusage des<br />

Feldmarschalls. Dieser will sich nun doch an<br />

der geplanten Offensive beteiligen.<br />

Deutsche in Bedrängnis<br />

Auf deutscher Seite befiehlt am Abend des<br />

4. September die OHL eine Schwerpunktverlagerung<br />

vom rechten zum linken Flügel des<br />

deutschen Westheeres. Die 6. und 7. Armee<br />

sollen südlich Metz den bereits begonnenen<br />

Angriff auf Nancy und Epinal durchführen.<br />

Die 4. und 5. Armee sollen in den Rücken des<br />

lothringischen Festungsgürtels vordringen.<br />

Der 3. Armee wird Troyes als neues Operationsziel<br />

zugewiesen. Die 1. und 2. Armee<br />

FREUNDLICH BEGRÜßT: Die Bewohner einer<br />

französischen Ortschaft verteilen Blumen<br />

an britische Soldaten, die sich auf dem<br />

Weg zur Front befinden. Die Unterstützung<br />

durch das Britische Expeditionskorps war<br />

wichtig für die militärisch in Bedrängnis geratenen<br />

Franzosen. Foto: ullstein bild – Photo 12<br />

sind für den Flankenschutz in Richtung Paris<br />

verantwortlich: Dabei soll die 1. nördlich,<br />

die 2. südlich der <strong>Marne</strong> stehenbleiben. Dieser<br />

Befehl erreicht die Armeeoberkommandos<br />

jedoch erst im Verlauf des 5. September.<br />

An diesem Tag rückt die deutsche 1. Armee<br />

zum Gran Morin vor. Vier Korps stehen nun<br />

auf eine Länge von 50 Kilometern verteilt<br />

VERSCHANZT: Deutsche Soldaten im<br />

Gefecht in einer französischen Ortschaft.<br />

Sie suchen Schutz hinter einer Straßenbarrikade.<br />

Foto: ullstein bild – Rolf Klein<br />

20


frühe helle Selbsteinkleideruniform von 1957<br />

mit freundlicher Genehmigung von Herrn Czarski vom<br />

Uniformenmuseum Nieder-Gemünden<br />

Gefreiter der Militärmusik 1965 nach Einführung der<br />

Schützenschnur<br />

<br />

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<br />

Emblem, Rock mit spitzen Schulterstücken und ohne<br />

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-<br />

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Privatsammlung<br />

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wie folgt: „Der Dienstanzug,<br />

, eine graue Kammgarn<br />

tuchbekleidung, besteht aus der Dienstbluse (zwei<br />

reihig mit geschwungen verlaufenden Knöpfen,<br />

eng in der<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

deckend),<br />

aus der Tuchhose (als Überfallhose oder lang zu<br />

tragen), der bergmützenähnlichen Dienstmütze, aus dem<br />

grauen Diensthemd und Langbinder. .Jenach Dienst und<br />

<br />

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und im Felde.“<br />

Korrekte Darstellung:<br />

weißes<br />

Sporthemd, Binder<br />

silberfarben,<br />

Schirmmütze noch<br />

mit Metallabzei-<br />

chen (passend zu<br />

den metallenen<br />

<br />

-<br />

abzeichen und dem<br />

geraden Eichenlaub<br />

<br />

<br />

mit freundlicher<br />

Genehmigung<br />

der Infanterieschule<br />

der Bundeswehr<br />

Privatsammlung<br />

<br />

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<br />

werden.“<br />

mit freundlicher Genehmigung der<br />

<br />

<br />

„Der Ausgehanzug<br />

unterscheidet sich von diesem durch<br />

<br />

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Auftrieb für die Entente<br />

GEFALLEN: Während der Kämpfe an der <strong>Marne</strong> getötete deutsche Soldaten. Französische<br />

Soldaten „sichten“ die übrig gebliebenen Ausrüstungsgegenstände und Habseligkeiten.<br />

und nähern sich der BEF und der 5. französischen<br />

Armee bis auf eine Entfernung von<br />

acht Kilometern. Das zur Flankensicherung<br />

im Westen eingesetzte IV. Reservekorps<br />

greift, um endlich Klarheit über den Feind in<br />

der Armeeflanke zu erhalten, westlich des<br />

Flusses Ourcq an und stößt auf starke Kräfte<br />

der 6. französischen Armee. Jetzt erst erkennt<br />

Kluck die drohende Gefahr. Doch es<br />

BIOGRAPHIE<br />

Der 1869 in Köln geborene Hentsch tritt<br />

1888 in das sächsische Infanterieregiment<br />

Nr. 103 ein. Nach der Auswahl für die Generalstabsausbildung<br />

wird er 1899 für zwei<br />

Jahre zum Großen Generalstab kommandiert<br />

und 1902 endgültig dorthin versetzt.<br />

Von 1912 bis <strong>1914</strong> dient Hentsch<br />

als Major im Generalstab des<br />

XIX. Armeekorps in Leipzig.<br />

Im April <strong>1914</strong> wird er erneut<br />

in den Großen Generalstab<br />

versetzt und zum Oberstleutnant<br />

befördert. Bei<br />

Ausbruch des Krieges ist<br />

er Abteilungsleiter für militärisches<br />

Nachrichtenwesen<br />

der OHL und damit<br />

einer der wichtigsten Berater<br />

Moltkes. Seine Rolle<br />

während der Ersten<br />

<strong>Marne</strong>schlacht ist bis heute<br />

umstritten.<br />

Foto: picture-alliance/Mary Evans Picture Library<br />

bleibt keine Zeit mehr, sich auf die neue Lage<br />

einzustellen. Als einziger Ausweg bietet<br />

sich die sofortige Rücknahme der bereits<br />

südlich der <strong>Marne</strong> stehenden Korps an. Bestärkt<br />

wird er in seinem Entschluss von<br />

Oberstleutnant Richard Hentsch, der am 5.<br />

September als Abgesandter der OHL in<br />

Klucks Hauptquartier weilt und den Oberbefehlshaber<br />

der 1. Armee zum staffelweisen<br />

Oberstleutnant i.G. Richard Hentsch<br />

Eine 1917 durchgeführte Untersuchung<br />

entlastet ihn zwar, dennoch wird er weiterhin<br />

zum Sündenbock für den Abbruch der<br />

Schlacht gemacht. Hentsch, zwischenzeitlich<br />

noch zum Oberst befördert und mit dem<br />

Orden „Pour le Mérite“ ausgezeichnet, stirbt<br />

im Februar 1918 in Bukarest.<br />

UMSTRITTEN: Über Oberstleutnant<br />

Richard Hentschs<br />

Anteil am Scheitern der<br />

<strong>Marne</strong>-Offensive wird bis<br />

heute kontrovers diskutiert.<br />

Trotz seiner Rehabilitation<br />

im Jahre 1917 gilt er für<br />

viele Zeitgenossen und<br />

zum Teil bis in die Gegenwart<br />

hinein als „Sündenbock“.<br />

Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo<br />

Lothar Schuster<br />

Das Ausstattungssoll der<br />

Heeresangehörigen der<br />

Bundeswehr von<br />

1955 bis 2010<br />

Mitd<br />

diesem Buch möchte der Autor einen<br />

Beitrag zur<br />

Dokumentierung ng der<br />

Ausrü-<br />

stung<br />

der Heeresangehörigen ehörigen leisten.<br />

Klar gegliedert werden en alle Ausrüstungs-<br />

gegenstände<br />

und<br />

Uniformteile<br />

in<br />

ihrer<br />

Entwicklung von nden Anfängen bis zur<br />

Gegenwart gezeigt.<br />

Über 1500 farbige Abbildungen<br />

376 Seiten + Daten-CD<br />

Best.-Nr. . 502/105<br />

59.95 €<br />

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28 | <br />

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| 29<br />

E<br />

Die Entwicklung der<br />

Dienst- und Ausgehuniform<br />

Clausewitz 4/2014<br />

21


Titelgeschichte | <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

IM SCHÜTZENGRABEN: Mit dem deutschen<br />

Rückzug endet die Erste <strong>Marne</strong>schlacht am<br />

12. September <strong>1914</strong> letztlich mit einem<br />

Erfolg für die Entente. Die an diesem Tag<br />

beginnende Erste Schlacht an der Aisne markiert<br />

den Beginn eines blutigen Stellungskriegs,<br />

der das Bild an der Westfront für die<br />

kommenden vier Kriegsjahre prägen sollte.<br />

Abb.: picture-alliance/Everett Collection<br />

Kluck beginnt noch am 6. September mit<br />

dem Herauslösen des III. und IX. Armeekorps<br />

aus der Front, die ebenfalls zum Ourcq<br />

abmarschieren. Dadurch muss die 2. Armee<br />

ihren nun exponierten rechten Flügel auf<br />

Montmirail zurücknehmen. Die entstehende<br />

Lücke zwischen beiden Armeen wird nur<br />

von schwachen Nachhuten und den beiden<br />

Höheren Kavallerie-Kommandos 1 und 2 gedeckt.<br />

In diese Lücke tastet sich nun langsam<br />

das Expeditionskorps der Briten hinein. Allerdings<br />

kommen sie nur langsam voran und<br />

stehen am Abend des 7. September noch immer<br />

am Gran Morin. Kluck ist am Ourcq<br />

weiter in heftige Kämpfe mit den Franzosen<br />

verwickelt. Allerdings verbessert sich die Situation<br />

für ihn von Stunde zu Stunde.<br />

Kritischer sieht die Lage an diesem Tag<br />

bei der 2. Armee aus. Bülows neun Divisionen<br />

stehen 17 der Franzosen gegenüber. Er<br />

Abmarsch nach Norden bewegen soll. In den<br />

Morgenstunden des 6. September <strong>1914</strong> beginnt<br />

nach einer massiven Artillerievorbereitung<br />

die französische Gegenoffensive entlang<br />

der <strong>Marne</strong>. Auf einer Frontlänge von<br />

rund 230 Kilometern wird zwischen Verdun<br />

und Paris um die Entscheidung gerungen.<br />

Heftige Kämpfe<br />

Auf deutscher Seite sind an dieser Schlacht<br />

die 1. bis 5. Armee beteiligt. Ihnen stehen die<br />

3. bis 6. französische sowie die am 29. August<br />

neu gebildete 9. Armee unter General Ferdinand<br />

Foch gegenüber. Hinzu kommt das<br />

verbündete britische Expeditionskorps. Im<br />

Westen entwickelt sich am Ourcq ein heftiges<br />

Gefecht. Maunoury greift mit zwei<br />

Korps nördlich der <strong>Marne</strong> in Richtung Osten<br />

an. Kluck befiehlt daraufhin dem II. und IV.<br />

Armeekorps eine Kehrtwende nach Norden.<br />

Dadurch gelingt es ihm, die Flanke im Westen<br />

zu stabilisieren. Der linke Flügel seiner<br />

Armee, das III. und IX. Armeekorps, kämpft<br />

am 6. September gemeinsam mit Bülows<br />

rechtem Flügel (X. Armeekorps) gegen den<br />

linken Flügel der 5. französischen Armee<br />

und kann sich erfolgreich behaupten.<br />

Ostwärts davon dringt gleichzeitig das<br />

preußische Gardekorps durch die Sümpfe<br />

von Saint-Gond gegen die Linie Sezanne-Vitry<br />

vor und zwingt dadurch den linken Flügel<br />

der 9. französischen Armee in die Defensive.<br />

Die 3. Armee unter von Hausen ist vor<br />

allem damit beschäftigt, ihre beiden Nachbarn<br />

zu unterstützen.<br />

Die sich anschließende 4. Armee ringt<br />

währenddessen heftig mit der 4. französischen<br />

Armee am Ornain. Die durch Truppenabstellungen<br />

nach Paris geschwächte<br />

3. Armee der Franzosen unternimmt einen<br />

erfolglosen Angriff südlich des Argonnerwaldes.<br />

Literaturtipp<br />

Sebastian Haffner, Wolfgang Venohr:<br />

Das Wunder an der <strong>Marne</strong>. Rekonstruktion der<br />

Entscheidungsschlacht des Ersten Weltkrieges,<br />

Bergisch Gladbach 1982.<br />

GESCHEITERT: Generalstabschef Helmuth<br />

von Moltke der Jüngere (1848–<br />

1916) wird nach dem Scheitern der deutschen<br />

Großoffensive an der <strong>Marne</strong> durch<br />

Erich von Falkenhayn ersetzt.<br />

Foto: picture-alliance/akg-images<br />

22


Französisches „Wunder”<br />

besitzt zudem keine Reserven mehr. In der<br />

Mitte greift dagegen von Hausens linker Flügel<br />

erfolgreich gegen Teile von Fochs 9. Armee<br />

an. Sein rechter Flügel unterstützt das<br />

angriffsweise Vorgehen der 4. deutschen gegen<br />

die 4. Armee des Gegners.<br />

Gefährliche Lücke<br />

Die Nachrichten, die die OHL in Luxemburg<br />

von diesen Vorgängen erhält, bleiben im Allgemeinen<br />

auf die allabendlichen Lagemeldungen<br />

der Armeeoberkommandos oder auf<br />

mitgehörte Meldungen zwischen einzelnen<br />

Kommandostellen an der Front beschränkt.<br />

Nach Erlass der Befehle zum Einschwenken<br />

der 1. und 2. Armee gegen Paris in der Nacht<br />

vom 4. zum 5. September ergehen keine Weisungen<br />

mehr aus Luxemburg an die drei Armeen<br />

auf dem Westflügel.<br />

Am 8. September vormittags erfährt Moltke,<br />

dass Kluck mit allen seinen Korps am<br />

Ourcq im Kampf steht und sich zwischen der<br />

1. und 2. Armee eine Lücke entwickelt hat, die<br />

nur durch Kavallerie gedeckt wird. Als<br />

schließlich eine Lagemeldung vom Höheren<br />

Kavallerie-Kommando 1 eingeht, dass der<br />

Gegner die Petit-Morin-Stellung durchbrochen<br />

hat, entschließt sich der deutsche Generalstabschef<br />

zum Handeln. Erneut entsendet<br />

er Hentsch zur Lagefeststellung. Der Auftrag,<br />

den dieser von Moltke erhält, ist unpräzise<br />

formuliert und wird nicht schriftlich fixiert.<br />

Hentsch glaubt jedoch ermächtigt zu sein,<br />

im Notfall eine Rückwärtsbewegung der 1.<br />

bis 5. Armee bis hinter die Vesle und die Höhen<br />

des Nordrandes der Argonnen im Namen<br />

der OHL anordnen zu können. Bei seiner<br />

Fahrt zur Front sucht er nacheinander die<br />

Oberkommandos der 5., 4. und 3. Armee auf.<br />

Die Nachrichten dort sind günstig. Anders<br />

sieht es bei der 2. Armee in Montmort aus, wo<br />

Hentsch am Abend des 8. September eintrifft.<br />

Bülows Verbindung zur 1. Armee ist abgerissen<br />

und der rechte Armeeflügel musste aufgrund<br />

des Feinddruckes noch weiter zurückgezogen<br />

werden. Dadurch wird die Lücke zur<br />

Nachbararmee immer größer. Die in diesem<br />

Frontabschnitt eingesetzten Sicherungsverbände<br />

melden zudem die Forcierung der<br />

<strong>Marne</strong>-Linie durch die Briten und Franzosen.<br />

Diese Umstände veranlassen Hentsch, Bülow<br />

den Rückzug nahe zu legen. Dieser weigert<br />

sich zunächst. Er will den am 8. September<br />

auf dem linken Flügel gemeinsam mit der<br />

3. Armee errungenen Erfolg ausnutzen. Für<br />

den kommenden Tag ist daher eine Fortsetzung<br />

des Angriffes nach Süden geplant. Eingehende<br />

Lagemeldungen am Vormittag des<br />

9. September lassen jedoch keinen Zweifel<br />

daran, dass der Gegner im Begriff ist, die<br />

<strong>Marne</strong> nach Norden zu überschreiten. Nun<br />

fügt sich Bülow in sein Schicksal und erteilt<br />

SYMBOLISCH: Die Schlacht an der <strong>Marne</strong> stellt bereits zu einem frühen Zeitpunkt einen<br />

entscheidenden Wendepunkt des Ersten Weltkrieges dar – für die Franzosen das „Wunder<br />

an der <strong>Marne</strong>“, zeitgenössische Allegorie.<br />

Abb.: picture-alliance/akg-images<br />

um 11.00 Uhr den Rückzugsbefehl. Der rechte<br />

Nachbar, die 1. Armee, wird über diese Absicht<br />

informiert, nimmt den Funkspruch jedoch<br />

erst gegen 13.00 Uhr auf. Der linke<br />

Nachbar, die 3. Armee, erfährt davon nichts.<br />

Deutscher Rückzug<br />

Nur ein zufällig mitgehörter Funkspruch<br />

setzt Generaloberst von Hausen, der sich mit<br />

seinen Truppen weiter auf dem Vormarsch<br />

befindet, in Kenntnis über den beginnenden<br />

Rückzug der 2. Armee. Hentsch ist zwischenzeitlich<br />

in Klucks Hauptquartier in<br />

Mareuil eingetroffen. Dort besitzt man ebenfalls<br />

keine Informationen über Bülows Armee.<br />

Der Abgesandte Moltkes schildert die<br />

dramatische Lage bei der Nachbararmee<br />

und überzeugt das Armeeoberkommando<br />

von der Notwendigkeit des Rückzuges.<br />

Die deutschen Truppen lösen sich überall<br />

ohne Schwierigkeiten vom Feind und weichen<br />

über die <strong>Marne</strong> zurück. Die abgekämpften<br />

Franzosen sind zunächst zu keiner nachhaltigen<br />

Verfolgung in der Lage. Hentsch<br />

trifft am Mittag des 10. September <strong>1914</strong> in Luxemburg<br />

ein und erstattet Bericht. Moltke<br />

steht vor vollendeten Tatsachen. Er ist in den<br />

kommenden 48 Stunden damit beschäftigt,<br />

den begonnenen Rückzug zu koordinieren.<br />

Da ein französischer Durchbruch im Verantwortungsbereich<br />

der 3. Armee droht,<br />

wird ein koordiniertes Zurückgehen aller<br />

Armeen hinter die Aisne-Vesle-Linie befohlen.<br />

Die Schlacht an der <strong>Marne</strong> ist damit endgültig<br />

zu Ende. Nun beginnt die Schlacht an<br />

der Aisne und damit der Stellungskrieg an<br />

der Westfront.<br />

Holger Hase, Jg. 1976, Major und Lehrstabsoffizier für<br />

Militärgeschichte an der Offiziersschule des Heeres in<br />

Dresden.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

23


Titelgeschichte | <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

Das Leid der Soldaten und Zivilisten<br />

Qualen für Körper<br />

und Seele<br />

Sommer <strong>1914</strong>: Die Soldaten der verfeindeten Kriegsparteien erleiden körperliche und<br />

seelische Qualen. Auch die Zivilbevölkerung bekommt die Folgen des unbarmherzigen<br />

Krieges am eigenen Leib zu spüren.<br />

Von Holger Hase<br />

Der Sommer des Jahres <strong>1914</strong> ist einer der<br />

heißesten und trockensten seit 150 Jahren.<br />

Das Marschieren und Kämpfen<br />

stellt unter diesen Bedingungen eine extreme<br />

Herausforderung dar. Vor jedem Angriff<br />

muss der Infanterist lange Strecken zu Fuß<br />

zurücklegen. Dieser Marsch auf den Straßen<br />

Nordfrankreichs und Belgiens ist eine Hitzeschlacht,<br />

ein Kampf mit einer Staubwand, die<br />

sich über die endlos scheinenden Kolonnen<br />

legt und nicht mehr auflösen will.<br />

Die größten Entfernungen haben dabei<br />

die Deutschen zurückzulegen. Vor allem die<br />

rechts eingesetzten Flügelarmeen, die in einem<br />

weit ausholenden Bogen auf Paris vorstoßen<br />

sollen. Besonders die Truppen von<br />

Klucks 1. Armee müssen – auf dem äußersten<br />

rechten Flügel marschierend – ungeheure<br />

Entfernungen bewältigen. An manchen<br />

Marschtagen werden durch sie Strecken von<br />

45 Kilometern und mehr überwunden.<br />

Die Leiden des Infanteristen sind während<br />

des Marsches zahllos. Das schwere Gepäck<br />

lastet auf ihm. Die Uniform ist schweißdurchtränkt<br />

und wunde Stellen schmerzen.<br />

Die Füße schwellen an, so dass die Soldaten<br />

sie nicht mehr aus den Stiefeln bekommen,<br />

die fast nie ausgezogen werden auf einem<br />

Vormarsch, der jeden Augenblick in ein Gefecht<br />

übergehen kann. Für die Hitze des<br />

Spätsommers sind die Uniformen tagsüber<br />

zu warm, nachts frieren die Soldaten darin.<br />

In den Marschpausen drängen sich die Durstigen<br />

um die Brunnen, andere werfen sich erschöpft<br />

in den Schatten der Chausseebäume,<br />

um im verstaubten Gras des Straßenrandes<br />

Ruhe zu finden.<br />

Unzweckmäßige Uniform<br />

Als besonders unzweckmäßig erweist sich<br />

die Uniform der Franzosen. Der französische<br />

Infanterist ist noch immer so gekleidet wie<br />

vor 44 Jahren, während des Krieges von<br />

1870. Nur der Tornister ist etwas kleiner geworden<br />

– und sein Gewehr hat jetzt ein Magazin.<br />

Der stahlgraue Soldatenmantel, der<br />

zur Ausrüstung gehört, wird unter der Hüfte<br />

so gekreuzt, dass die darunter getragenen<br />

roten Hosen weithin leuchten und er den<br />

Soldaten beim Marschieren nicht stört. Die<br />

Rothosen markieren ihn, machen ihn regelrecht<br />

zur „Zielscheibe“. Hinzu kommt das<br />

Käppi, ebenfalls rot wie die Hose. Selbst im<br />

Liegen sind diese im Gelände gut auszumachen<br />

und bieten so ein hervorragendes Ziel<br />

für den Gegner.<br />

Auf dem Rücken trägt der französische<br />

Infanterist im Sommer <strong>1914</strong> einen Tornister,<br />

der als das schlechteste Modell der Zeit gilt.<br />

Junge Rekruten sind nicht dazu in der Lage,<br />

ihn ohne Hilfe von Kameraden überzuwerfen.<br />

Insgesamt wiegt die persönliche Ausrüstung<br />

etwa 30 Kilogramm. Dazu gehören ne-<br />

24


MIT HOHER SYMBOLKRAFT:<br />

Verwundete französische Soldaten verlassen<br />

das Schlachtfeld an der <strong>Marne</strong>, September<br />

<strong>1914</strong>; Zeichnung von Jean Veber.<br />

Abb.: picture-alliance/akg-images/Jean-Pierre Verney<br />

MARSCHPAUSE:<br />

Deutsche Soldaten<br />

haben ihr schweres<br />

Marschgepäck und<br />

ihre Waffen während<br />

einer Rast abgelegt,<br />

Westfront <strong>1914</strong>.<br />

Foto: picture-alliance/Süddeutsche<br />

Zeitung Photo<br />

IN GEFANGEN-<br />

SCHAFT: Soldaten<br />

einer Husareneinheit<br />

führen zwei<br />

mutmaßliche<br />

Francs-tireurs ab.<br />

„Freischärler“<br />

verwickeln die Deutschen<br />

in Belgien<br />

und Frankreich<br />

immer wieder in<br />

blutige Gefechte.<br />

Foto: picture-alliance/<br />

Everett Collection<br />

ben Leibwäsche und Uniformteilen jeweils<br />

ein Sack Kaffee, Salz und Zucker sowie ein<br />

Holzbündel für das Biwakfeuer. Die Füße<br />

stecken in Schnürstiefeln, die von den Soldaten<br />

in Erinnerung an ein frühneuzeitliches<br />

Folterwerkzeug den Beinamen „spanische<br />

Stiefel“ erhalten.<br />

Unzureichender Nachschub<br />

Der deutsche Soldat trägt einfache Schaftstiefel,<br />

die sogenannten „Knobelbecher“.<br />

Auf dem Kopf sitzt die obligatorische Pickelhaube.<br />

Seine 1910 eingeführte Felduniform<br />

ist grau und damit im Gelände deutlich<br />

schwerer auszumachen als die französische.<br />

Aber auch er schleppt eine Ausrüstung von<br />

rund 24 Kilogramm mit sich herum. Während<br />

des Vormarsches mangelt es bei vielen<br />

deutschen Truppenteilen zudem an Brot. Bereits<br />

kurz nach Überschreiten der französischen<br />

Grenze gehen die Verbindungen zu<br />

ENORME<br />

STRAPAZEN:<br />

Eine Zivilistin hält<br />

am Wegesrand<br />

Trinkwasser als Erfrischung<br />

für vorbeimarschierende<br />

französische<br />

Soldaten bereit.<br />

Foto: picture-alliance/<br />

Everett Collection<br />

den Nachschubkolonnen verloren. Die Feldbäckereien<br />

bleiben häufig weit zurück. Zum<br />

Durst gesellt sich damit auch der Hunger.<br />

Dieser wird zum Teil mit frischem Obst vom<br />

Wegesrand gestillt, doch dies führt oft genug<br />

zu Durchfallerkrankungen.<br />

Nach dem Erreichen der Champagne halten<br />

sich viele Soldaten in den Kellereien<br />

schadlos. Der junge Champagner zeigt eine<br />

entsprechende Wirkung. Die deutschen<br />

Truppen sind, als sie in der ersten Septemberwoche<br />

die <strong>Marne</strong> erreichen, ausgebrannt,<br />

erschöpft und unterversorgt. Ihr Gefechtswert<br />

nimmt von Tag zu Tag rapide ab.<br />

Verheerende Feuerwirkung<br />

Bereits unmittelbar nach Kriegsbeginn Anfang<br />

August <strong>1914</strong> machen die meisten französischen,<br />

deutschen und britischen Soldaten<br />

zum ersten Mal Bekanntschaft mit den<br />

modernen Feuerwaffen. Deren Wirkung ist<br />

verheerend. Hinzu kommen die antiquierten<br />

Clausewitz 4/2014<br />

25


Titelgeschichte | <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

NACH BEENDIGUNG DER KÄMPFE: Beisetzung von Gefallenen der <strong>Marne</strong>schlacht in einem<br />

Massengrab der französischen Armee, Mitte September <strong>1914</strong>. Foto: picture-alliance/akg-images<br />

taktischen Vorstellungen der Generalität. Besonders<br />

die französische Truppenführung<br />

zeichnet sich durch eine erstaunliche Gefühllosigkeit<br />

und durch Einfallsarmut aus. Gemäß<br />

der vor dem Krieg entwickelten Doktrin<br />

von der „Offensive à outrance“ (dt.: Offensive<br />

bis zum Äußersten), die davon<br />

ausgeht, dass das geballte Voranstürmen bewaffneter<br />

Kräfte in einer Schlacht den Sieg<br />

erzwingen könne, werden die Grenzschlachten<br />

in Lothringen und in den Ardennen geschlagen.<br />

Hohe Verluste sind die Folge. Zwischen<br />

dem 20. und dem 25. August <strong>1914</strong> fallen<br />

40.000 französische Soldaten: Das heißt<br />

durchschnittlich 8.000 Männer pro Tag. Aber<br />

auch die deutschen Verlustzahlen sind hoch.<br />

Extreme Verluste<br />

Im September <strong>1914</strong> kommen fast 17 Prozent<br />

der eingesetzten Soldaten zu Tode, werden<br />

verwundet oder gelten als vermisst – insgesamt<br />

rund 260.000 Mann. Damit liegt die<br />

Verlustquote höher als in den späteren Materialschlachten<br />

des Jahres 1916. Besonders<br />

hoch sind die Ausfälle bei den Offizieren.<br />

Der deutsche Offizier ist in der Regel nicht<br />

dazu ausersehen, zu liegen, wenn geschossen<br />

wird. Für ihn gilt noch immer, was auch<br />

sein französisches Pendant für sich in Anspruch<br />

nimmt: Aufrecht stehend neben den<br />

liegenden Soldaten seiner Einheit jenen Mut<br />

zu demonstrieren, der zu seinem Standesethos<br />

gehört. Entsprechend furchtbar sind<br />

die Konsequenzen.<br />

In der französischen Armee führen die<br />

ersten, oft schockartig erlebten Gefechte<br />

schon im August und September <strong>1914</strong> zu<br />

auffällig vielen Desertionsversuchen, Befehlsverweigerungen<br />

und zum Teil sogar zur<br />

Ermordung der eigenen Offiziere. Standgerichte<br />

sollen die Disziplin wieder herstellen.<br />

Literaturtipp<br />

Wolfgang Paul: Entscheidung im September.<br />

Das Wunder an der <strong>Marne</strong> <strong>1914</strong>, Esslingen<br />

1974.<br />

„FARBENFROH“: Französische Soldaten<br />

während einer Rast am Rande der <strong>Marne</strong>schlacht<br />

östlich von Paris. Die im Felde<br />

auffälligen Farben ihrer Uniformen werden<br />

während der Kämpfe des ersten Kriegsjahres<br />

vielen Franzosen zum Verhängnis.<br />

Foto: ullstein bild – LEONE<br />

Ab dem 1. September <strong>1914</strong> sind Todesurteile<br />

binnen 24 Stunden zu vollstrecken, häufig<br />

ohne jede Verhandlung.<br />

Die deutschen Soldaten fürchten sich bei<br />

ihrem Vormarsch durch Belgien und Nordfrankreich<br />

vor Überfällen der sogenannten<br />

Francs-tireurs. Basierend auf den Erfahrungen<br />

der Väter und Großväter im Deutsch-<br />

Französischen Krieg 1870/71 grassiert bei<br />

der Truppe eine übersteigerte Angst vor tatsächlichen<br />

oder vermeintlichen Freischärlern,<br />

die schließlich zu Gewaltübergriffen<br />

auf die Zivilbevölkerung führt. Auslöser dieser<br />

brutalen Aktionen und drakonischer<br />

Strafmaßnahmen sind oftmals unerwartete<br />

Schusswechsel und Explosionen, deren Verursacher<br />

meist unbekannt bleiben. Dafür<br />

kommen versprengte belgische Soldaten,<br />

Angehörige der Miliz oder vor Ort agierende<br />

„Widerstandskämpfer“ in Frage. Es kann<br />

„Die Nacht bricht an. Todmüde erreichen wir schließlich<br />

das Dorf Ruette. (...) Der feuchte, kühle Ackerboden<br />

verhindert einen erquickenden Schlaf. Gegen<br />

Morgen wird es kalt, wir frieren alle jämmerlich. Für<br />

den letzten Teil der Nacht hält mich und so manchen<br />

Leidensgenossen der kranke Magen in Bewegung.“<br />

Leutnant Erwin Rommel, Zugführer 7./InfRgt 124, über den Vormarsch im August <strong>1914</strong><br />

sich jedoch auch um orientierungslose deutsche<br />

Soldaten handeln, die sich in einem<br />

feindlichen Hinterhalt wähnen und dann<br />

das Feuer auf die eigenen Leute richten.<br />

Massaker von Dinant<br />

In der belgischen Stadt Dinant werden am<br />

23. August <strong>1914</strong> insgesamt 674 Einwohner,<br />

darunter auch Frauen und Kinder, von Soldaten<br />

der 3. deutschen Armee getötet. Eine<br />

traurige Berühmtheit erreicht schließlich die<br />

Brandschatzung der historischen Universitätsstadt<br />

Löwen, bei der die wertvolle Bibliothekssammlung<br />

zerstört wird.<br />

26


Titelgeschichte | <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

Einsatz neuer Waffentechnik<br />

Feuersturm<br />

statt Einzelfeuer<br />

Kriegsjahr <strong>1914</strong>: Seit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 sind mehr als 40<br />

Jahre vergangen. Seither hat sich die Bewaffnung der Armeen verändert. Neuentwicklungen<br />

verleihen den Waffen eine erheblich gesteigerte Wirkung. Von Holger Hase<br />

Alle europäischen Mächte bemühen sich<br />

seit dem späten 19. Jahrhundert in einem<br />

Rüstungswettlauf, dem möglichen<br />

Gegner durch überlegene Waffen einen<br />

Vorteil abzugewinnen und dadurch einen Vorsprung<br />

in der materiellen Rüstung zu erreichen,<br />

wenigstens aber nicht zurückzubleiben.<br />

Infolge technischer Neu- und Weiterentwicklungen<br />

nimmt die Feuerkraft der Waffengattungen<br />

Infanterie und Artillerie enorm zu.<br />

Die Wirkung der Infanteriegewehre wird<br />

bereits ab den 1880er-Jahren ganz erheblich<br />

durch die Einführung des leitungsfähigen<br />

rauchschwachen Pulvers auf Basis nitrierter<br />

Schießbaumwolle bzw. Zellulose gesteigert.<br />

Der schwedische Sprengstoffpionier Alfred<br />

Nobel (1833–1896) entwickelt ein Verfahren,<br />

bei dem schwach nitrierte Nitrozellulose in<br />

Nitroglyzerin aufgelöst wird, so dass eine<br />

Masse entsteht, die sich in Form von Würfeln,<br />

Strängen, Rohren, Körnern usw. bringen<br />

lässt. Das neue Treibmittel hat die drei-<br />

fache Leistung von Schwarzpulver bei niedrigem<br />

Spitzendruck und erzeugt nur wenige<br />

Rauchgase. Die Schützen können somit ihr<br />

Ziel ständig im Auge behalten und sind im<br />

Gelände nicht mehr so leicht aufzuklären.<br />

Durch den Übergang vom Bleigeschoss zum<br />

Stahlmantelgeschoss mit Bleikern ist es möglich,<br />

das Kaliber etwa in Deutschland, von 11<br />

auf 7,9 mm zu verringern. Dadurch wird das<br />

WELTBERÜHMT: Der schwedische<br />

Chemiker Alfred Nobel (1833–1896)<br />

erfand den Sprengstoff Dynamit und<br />

meldete mehr als 350 Patente an.<br />

Der jährlich seit 1901 an herausragende<br />

Forscher und Wissenschaftler<br />

vergebene „Nobelpreis“ trägt<br />

seinen Namen.<br />

Foto: picture-alliance/Mary Evans<br />

Picture Library<br />

Gewicht der Gewehrpatrone um fast die<br />

Hälfte reduziert. Der Infanterist kann nun eine<br />

entsprechend größere Menge von Patronen<br />

mitnehmen. Dies wiederum begünstigt<br />

den Übergang vom Einzellader zum Mehrladegewehr.<br />

In Deutschland wird das Kastenmagazin<br />

1888 eingeführt. Das Gewehr 88<br />

vereinigt damit erstmals alle drei waffentechnischen<br />

Neuerungen (rauchschwaches<br />

Pulver, kleines Kaliber, Kastenmagazin),<br />

ist jedoch mit<br />

zahlreichen Mängeln behaftet<br />

und wird während des<br />

Weltkrieges vorwiegend nur<br />

beim Landsturm eingesetzt.<br />

Dies führt bereits 1898 zur<br />

Einführung eines neuen Gewehrs,<br />

das in leicht modernisierter<br />

Form als Karabiner 98<br />

noch im Zweiten Weltkrieg<br />

die deutsche Standardwaffe<br />

ist. Es hat eine Lauflänge von<br />

28


MIT AUFGEPFLANZTEM BAJONETT: Voranstürmende<br />

deutsche Soldaten an der Westfront<br />

<strong>1914</strong>. Die Verlustzahlen bei der angreifenden<br />

Infanterie sind infolge der aufkommenden<br />

Schnellfeuerwaffen extrem hoch.<br />

Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo<br />

LEBEL MLE 1886/93: Das Lebel-Gewehr der französischen<br />

Armee wird 1893 modifiziert.<br />

Foto: Süddeutsche Zeitung Photo/Rue des Archives<br />

74 Zentimetern und ein Kaliber von 7,9 Millimetern.<br />

Es wiegt mit Seitengewehr 4,6 Kilogramm<br />

und verfügt über einen Ladestreifen<br />

mit fünf Patronen. Nach Einführung der sogenannten<br />

S-Patrone (1903) ergibt sich eine Anfangsgeschwindigkeit<br />

von 895 Metern pro Sekunde<br />

und damit auf 700 Meter Entfernung<br />

eine unter Mannshöhe liegende Flugbahn.<br />

Das Visier reicht von 400 bis 2.000 Metern.<br />

Die Entwicklung zum kleinkalibrigen<br />

Mehrladegewehr verläuft in fast allen Ländern<br />

auf die gleiche Art und Weise und führt<br />

dazu, dass die im Krieg stehenden Heere<br />

<strong>1914</strong> im Wesentlichen gleichwertig mit Infanteriegewehren<br />

ausgerüstet sind. Die<br />

Franzosen führen 1886/93 das Lebel-Gewehr<br />

bei der Truppe ein. Es verfügt über ein<br />

Röhrenmagazin, das acht Patronen aufnehmen<br />

kann. Das Gewehr hat ein Kaliber von<br />

8 Millimetern, eine Lauflänge von 80 Zentimetern<br />

und wiegt mit Bajonett ebenfalls 4,6<br />

Kilogramm. Die Visiereinrichtung ist auf 200<br />

bis 2.000 Meter ausgelegt.<br />

Die britische Armee benutzt das Lee-Enfield-Gewehr<br />

M/95 II mit einem Kastenmagazin<br />

für zehn Patronen. Dieses hat ein Kaliber<br />

von 7,69 Millimetern und eine Lauflänge von<br />

NAHAUFNAHME: Deutsche Infanteristen an der <strong>Marne</strong>front. Im Vordergrund<br />

ist beim Maschinengewehr 08 die Vorrichtung für die Wasserkühlung<br />

des Laufs gut zu erkennen. Foto: picture-alliance/picture-alliance<br />

FINGER AM ABZUG: Belgische Soldaten mit einem MG vom Typ Hotchkiss,<br />

das seit Ende des 19. Jahrhunderts in verschiedenen Varianten<br />

eingesetzt wird.<br />

Foto: picture-alliance/Mary Evans Picture Library<br />

Clausewitz 4/2014<br />

29


Titelgeschichte | <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

77 Zentimetern. Das Gewicht beträgt 3,7 Kilogramm.<br />

Die Visierung reicht von 180 bis 2.250<br />

Meter. 1903 wird zusätzlich ein kurzes Modell<br />

mit 64 Zentimetern Lauflänge eingeführt, das<br />

auch ein Bajonett aufnehmen kann.<br />

Neuartige Maschinengewehre<br />

Parallel zu den ständigen Verbesserungen<br />

der Gewehre gibt es die Bestrebungen der<br />

Waffenbauer, Feuerwaffen kleiner Seelenweite<br />

(Seele: Bohrung des Laufes) mit großer<br />

Feuergeschwindigkeit zu konstruieren.<br />

Schon im Krieg von 1870/71 werden Vorläufer<br />

der Maschinengewehre (MG), die sogenannten<br />

Mitrailleusen, eingesetzt. Diese verfügen<br />

über ein Laufbündel von 25 Rohren<br />

mit einem Kaliber von 13 Millimetern.<br />

Erst im Jahre 1885 bringt der amerikanische<br />

Erfinder Hiram Maxim (1840–1916) ein<br />

Aufstieg der Artillerie<br />

Das System Maxim ist die am weitesten verbreitete<br />

Bauart des Rückstoßladers im Ersten<br />

Weltkrieg. Es wird nicht nur von Deutschland,<br />

sondern auch von Großbritannien,<br />

Russland und Italien verwendet. Die Briten<br />

führen 1909 das Vickers-Maschinengewehr<br />

auf Dreibeinlafette ein. Dies führt zu einer<br />

bedeutenden Gewichtsverminderung.<br />

Das russische MG 10 erhält dagegen eine<br />

Räderlafette, die 54 Kilogramm wiegt, zuzüglich<br />

20 Kilo für die Waffe selbst. Die Kadenz<br />

liegt bei allen Maschinengewehren des<br />

Systems Maxim zwischen 400 und 500<br />

Schuss pro Minute. Frankreich beschreitet<br />

bei der Maschinengewehrentwicklung indes<br />

einen ganz anderen Weg. Die Franzosen entscheiden<br />

sich für einen luftgekühlten Gasdrucklader<br />

der Firma Hotchkiss. Dieses MG<br />

wird ab 1897 erprobt und im Jahr 1900 in die<br />

Truppe eingeführt. Es ist Ausgangspunkt für<br />

die Entwicklung von weiteren Gasdruckladern,<br />

die in den staatlichen Arsenalen von<br />

Puteaux und St. Étienne hergestellt werden.<br />

Dies sind die Modelle Puteaux 1905 und St.<br />

Étienne 1907. Beide MG verfügen über eine<br />

Dreibeinlafette, haben eine Kadenz von 500<br />

Schuss pro Minute und wiegen 24 bzw. 27 Kilogramm.<br />

Das St. Étienne ist das reguläre MG<br />

der französischen Infanterie bei Kriegsbeginn,<br />

während die Hotchkiss- und Puteaux-MG zur<br />

Ausrüstung der Festungen dienen.<br />

Der rasante Aufstieg der Artillerie während<br />

des Ersten Weltkrieges zu der das Gefechtsfeld<br />

dominierenden Waffe ist ebenfalls<br />

eng mit der Einführung des rauchschwachen<br />

Pulvers und den sich daraus ergebenden tech-<br />

PROPAGANDA-<br />

FOTO: Ein deutscher<br />

21-cm-<br />

Mörser wird in einem<br />

Waldstück<br />

an der Westfront<br />

geladen.<br />

Foto: picture-alliance/<br />

akg-images<br />

BEWÄHRT: Die<br />

französische<br />

75-mm-Feldkanone<br />

M 1897 entwickelt<br />

sich während der<br />

Kriegsjahre <strong>1914</strong>–<br />

1918 zum Hauptgeschütz<br />

der französischen<br />

Feldartillerie.<br />

Foto: picture-alliance/<br />

Mary Evans Picture Library<br />

ERBEUTET: Diese<br />

105-mm-Feldhaubitze<br />

98/09 fällt<br />

während der <strong>Marne</strong>schlacht<br />

in die<br />

Hände des Gegners.<br />

Mehr als<br />

1.200 Exemplare<br />

sind im August<br />

<strong>1914</strong> im Bestand<br />

des deutschen<br />

Heeres.Foto: picturealliance/Mary<br />

Evans<br />

Picture Library<br />

brauchbares einläufiges Maschinengewehr<br />

heraus. Dabei handelt es sich um einen<br />

Rückstoßlader mit kurzem Rohrücklauf. Das<br />

Militär begegnet diese Erfindung zunächst<br />

mit Ablehnung und Misstrauen. Es bedarf in<br />

Deutschland zum Beispiel der persönlichen<br />

Intervention von Kaiser Wilhelm II., um die<br />

Armee dazu zu bringen, das Maxim-Maschinengewehr<br />

zu erproben.<br />

Die ersten Erprobungen der Gewehr-Prüfungs-Kommission<br />

mit der 7,9-Millimeter-Patrone<br />

des Gewehrs 88 verlaufen ungünstig.<br />

Es kommt ständig zu Hülsenreißern, 1892<br />

werden die Tests schließlich eingestellt. Auf<br />

Betreiben Wilhelms II. beginnen diese 1894<br />

jedoch von neuem. Diesmal finden verbesserte<br />

Patronenhülsen aus einer hochwertigen<br />

Legierung Verwendung. Die Firma Ludwig<br />

Loewe aus Berlin erhält zudem eine Herstellungslizenz<br />

von Maxim. 1895 stehen schließlich<br />

die ersten in Deutschland gefertigten Maschinengewehre<br />

zur Verfügung. Die Waffe<br />

wird schließlich 1899 offiziell angenommen<br />

und als MG 01 in die Truppe eingeführt.<br />

Das deutlich verbesserte Maschinengewehr<br />

08 steht seit 1908 zur Verfügung. Wegen<br />

seines hohen Gewichts von 26 Kilogramm<br />

muss das MG 08 Lafetten erhalten.<br />

Der Lauf der Waffe wird beim Schießen mit<br />

Hilfe eines Wassertanks gekühlt. Transportiert<br />

wird es auf einem Gewehrwagen, auf<br />

dem die Bedienungsmannschaft mitfährt. Im<br />

Gefecht steht das MG 08 auf einer Schlittenlafette.<br />

In Feuerstellung hat es damit ein Gesamtgewicht<br />

von 34,5 Kilogramm.<br />

Literaturtipp<br />

Siegfried Fiedler: Kriegswesen und Kriegführung<br />

im Zeitalter der Millionenheere, (Heerwesen<br />

der Neuzeit, Abteilung V), Bde. 1 u. 2, Bonn<br />

1993.<br />

30


Tödliche Feuerwalze<br />

NACHGESTELLT: Französische Soldaten<br />

bedienen ein 75-mm-Geschütz, wie es<br />

auch während der <strong>Marne</strong>schlacht <strong>1914</strong><br />

zum Einsatz kam, links im Bild ist der mitgeführte<br />

Munitionswagen zu sehen.<br />

Foto: picture-alliance/akg-images<br />

IM GEFECHT: Deutsche<br />

Feldartillerie<br />

nimmt die feindlichen<br />

Linien unter Beschuss,<br />

zeitgenössische<br />

Darstellung.<br />

Abb.: ullstein bild – Archiv<br />

Gerstenberg<br />

nischen Neuerungen verbunden. Zunächst<br />

geht es um eine Erhöhung der Anfangsgeschwindigkeit<br />

zur Vergrößerung der bestrichenen<br />

Räume. Die Tiefe des bestrichenen<br />

Raumes ist umso größer, je flacher die Flugbahn<br />

des Geschosses verläuft, insbesondere je<br />

kleiner sein Fallwinkel im Zielbereich ist. Dies<br />

ist ganz wesentlich abhängig von der Anfangsgeschwindigkeit.<br />

Ein weiteres Entwicklungsziel<br />

ist die Steigerung der Feuergeschwindigkeit,<br />

da bei Verwendung von rauchschwachem<br />

Pulver nicht mehr abgewartet<br />

werden muss, bis der das Ziel verhüllende<br />

Pulverdampf abzieht. Hinter einer Deckung<br />

aufgestellte Batterien sind nach Wegfall des<br />

Pulverdampfes kaum noch für feindliche Artilleriebeobachter<br />

sichtbar und können daher<br />

auch von einem stärkeren Gegner nur noch<br />

mit Schwierigkeiten bekämpft werden. Das<br />

indirekte Richten wird nach dem russischjapanischen<br />

Krieg 1904/05 zur Regel. Dazu<br />

erhält die Feldartillerie moderne Richtmittel<br />

wie etwa das Rundblickfernrohr.<br />

Um die Feuergeschwindigkeit steigern zu<br />

können, wird eine Lafette benötigt, die beim<br />

Feuern ruhig steht, damit nicht nach jedem<br />

Schuss nachgerichtet werden muss. Insbesondere<br />

die Franzosen bemühen sich seit 1890 um<br />

eine Lösung dieses technischen Problems mit<br />

Hilfe von hydropneumatischen Brems- und<br />

Vorholvorrichtungen.<br />

Gefürchtete Schnellfeuerwaffen<br />

1897 gelingt ihnen mit der 75-mm-Feldkanone<br />

der Durchbruch. Dank seiner ausgefeilten<br />

Technik ist dieses Geschütz dazu in der Lage,<br />

bis zu 20 Schuss pro Minute abzugeben. Die<br />

Höchstschussweite liegt bei 11.000 Metern. In<br />

Feuerstellung hat die Kanone ein Gewicht von<br />

1.160 Kilogramm. Die 75-mm-Feldkanone<br />

M 1897 entwickelt sich zum Hauptgeschütz<br />

der französischen Feldartillerie zwischen <strong>1914</strong><br />

und 1918. Bei Kriegsbeginn befinden sich<br />

3.800 Stück im Bestand der Truppe.<br />

Die deutsche Feldartillerie erhält erst ab<br />

1906 ein mit einem hydromechanischen Rohrrücklaufsystem<br />

ausgestattetes Geschütz. Dazu<br />

wird die veraltete 77-mm-Feldkanone C 96<br />

umgerüstet. Die Feldkanone C 96 n.A. (neuer<br />

Art) nivelliert den technischen Vorsprung der<br />

Franzosen. Mit 5.000 eingeführten Exemplaren<br />

ist sie bei Kriegsbeginn <strong>1914</strong> das Hauptgeschütz<br />

der deutschen Feldartillerie. Großbritannien<br />

führt 1904 ebenfalls eine Schnellfeuerkanone<br />

mit hydromechanischer Brems- und<br />

Vorholvorrichtung ein. Das britische Expeditionskorps<br />

in Frankreich verfügt <strong>1914</strong> über 900<br />

dieser 83,8-mm-Feldkanonen.<br />

Bei den Feldhaubitzen sind die Deutschen<br />

zu Kriegsbeginn führend. Frankreich verfügt<br />

<strong>1914</strong> über keine moderne leichte Feldhaubitze.<br />

Die britische Armee hat nur eine sehr geringe<br />

Stückzahl im Bestand. Die deutsche Feldartillerie<br />

verwendet die 105-mm-Feldhaubitze<br />

98/09, ein 1909 mit dem Rohrücklauf nachträglich<br />

ausgestattetes Geschütz mit einer<br />

Höchstschussweite von 6.300 Metern. 1902<br />

wird die 150-mm-Feldhaubitze eingeführt,<br />

das erste Geschütz mit Rohrrücklauf im Bestand<br />

der deutschen Streitkräfte. Frankreich<br />

folgt 1904 mit einer 155-mm-Schnellfeuerhaubitze.<br />

Die Briten haben bereits 1897 eine 152-<br />

mm-Rohrrücklaufhaubitze eingeführt. Das<br />

schwerste bewegliche Feldgeschütz ist der<br />

deutsche 210-mm-Mörser aus dem Jahre 1910.<br />

Ausgerüstet mit einem hydropneumatischen<br />

Rohrücklaufsystem, verschießt er 120 Kilogramm<br />

schwere Granaten auf eine maximale<br />

Entfernung von 9.400 Metern.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

31


Der Zeitzeuge<br />

Das Attentat vom 20. Juli 1944<br />

Als die Bombe hochging!<br />

12.42 Uhr: Generalleutnant Adolf Heusinger steht direkt neben dem Diktator, als Stauffenbergs<br />

Sprengsatz explodiert. Detailliert schildert er, was sich in jenen Minuten abspielte,<br />

als der Widerstand die Welt von Hitler befreien wollte.<br />

Von Stefan Krüger<br />

Die Häscher des Regimes haben nicht<br />

lange auf sich warten lassen: Noch<br />

während der General schwer verletzt<br />

im Lazarett liegt, erhält er am 23. Juli 1944<br />

Besuch von der Gestapo. „Wir haben Sie im<br />

Auftrag des Reichsführers SS zu verhaften<br />

und heute Nacht nach Berlin zu bringen.“,<br />

bellt der Beamte mit schneidender Stimme.<br />

„Ich mache mich fertig“, lautet die schlichte<br />

Antwort.<br />

Weg in den Widerstand?<br />

Adolf Bruno Heinrich Ernst Heusinger gerät<br />

schon in seiner Jugend in das turbulente<br />

Fahrwasser einer europäischen Katastrophe.<br />

Geboren am 4. August 1897 verlässt er bereits<br />

1915 das Gymnasium mit einem<br />

Notabitur in der Tasche und<br />

meldete sich freiwillig, um seine<br />

Pflicht im Weltkrieg zu erfüllen.<br />

Zwar erleidet er 1917 eine Verwundung<br />

und tritt gleich darauf den bitteren<br />

Marsch in die Gefangenschaft<br />

an. Doch von seiner Berufung als<br />

Soldat entfremdet ihn diese Erfahrung<br />

nicht.<br />

Nach dem Krieg gehört er zu den<br />

wenigen Berufssoldaten, denen es<br />

möglich ist, in der arg geschrumpften<br />

Reichswehr zu dienen. Von da an<br />

plätschert seine Karriere wie bei vielen<br />

anderen Offizieren dieser Zeit vor<br />

sich hin – bis der Zweite Weltkrieg<br />

auch ihn beruflich ein ganzes Stück<br />

nach vorne bringt. So avanciert er am<br />

ZEUGE DES ATTENTATS: Adolf Heusinger<br />

steht neben Hitler, als die von<br />

Stauffenberg platzierte Bombe hochgeht.<br />

Der verletzte Heusinger wird zunächst<br />

der Mittäterschaft verdächtigt,<br />

da er den „Führer“ oft in fachlichen<br />

Angelegenheiten kritisiert hat.<br />

Doch die Aussagen der festgenommenen<br />

Verschwörer entlasten ihn. Aufnahme<br />

aus den 1950er-Jahren.<br />

Foto: picture-alliance/dpa<br />

15. Oktober 1940 im Range eines Oberst zum<br />

Chef der Operationsabteilung des Oberkommandos<br />

des Heeres. Von nun an gehört<br />

er zum militärischen Führungszirkel des<br />

Deutschen Reiches und hilft, die Operationsführung<br />

der Wehrmacht zu gestalten. Dieses<br />

Amt beschert ihm allerdings nicht nur Verantwortung<br />

und Ansehen, sondern auch<br />

Einsichten. Etwa die Erkenntnis, dass Hitlers<br />

dilettantische Führung unnötige Verluste<br />

verursacht und maßgeblich zu militärischen<br />

Katastrophen wie der Schlacht von Stalingrad<br />

beiträgt. Doch ungeachtet seiner zunehmend<br />

kritischen Haltung gegenüber Hitler<br />

versieht er seine Pflichten, zu denen es auch<br />

gehört, an den Lagebesprechungen im Führerhauptquartier<br />

teilzunehmen. So auch am<br />

20. Juli 1944. Der Lagevortrag findet in einer<br />

Baracke des Führerhauptquartiers bei Rastenburg<br />

in Ostpreußen statt.<br />

Die Bombe in der Baracke<br />

Heusinger beschreibt den „Tatort“ in seinen<br />

Erinnerungen recht akkurat: Bei dem Gebäude<br />

handelt es sich um einen zehn Meter breiten<br />

und vier bis fünf Meter tiefen Backsteinbau,<br />

der an einen Betonbunker grenzt und<br />

den man ausschließlich über diesen betreten<br />

kann. Fenster befinden sich lediglich gegenüber<br />

der Eingangstür und auf der linken Seite.<br />

Wände, Decke und Boden bewertet Heusinger<br />

als von „leichter Bauart“.<br />

Es herrscht ein wenig Hektik an diesem<br />

feuchtwarmen Tag. Hitler hat den<br />

Vortrag um eine halbe Stunde auf<br />

12.30 Uhr nach vorne verlegen lassen,<br />

da er sich am Nachmittag mit Benito<br />

Mussolini, dem „Führer“ der faschistischen<br />

Italienischen Sozialrepublik,<br />

treffen möchte.<br />

,,Gibt’s an der rumänischen Front<br />

etwas Neues?“, eröffnet Hitler die Besprechung.<br />

„Im Funkbild sind sie seit<br />

einiger Zeit nicht mehr geortet“, antwortet<br />

Heusinger, der den Diktator<br />

heute vertretungsweise über die Gesamtlage<br />

informieren soll. „Es kann<br />

sein, dass sie noch in ihren alten Räumen<br />

stehen […].“<br />

„Hat die Luftaufklärung wieder<br />

nichts gebracht?“, hakt Hitler nach.<br />

,,Leider nein.“<br />

„Weiter!“, faucht er, ,,Wie steht’s<br />

ostwärts Lemberg?“<br />

„Die Lage spitzt sich mehr und<br />

mehr zu. Die Vereinigung der beiden<br />

russischen Angriffskeile wird<br />

kaum noch zu verhindern sein. Unsere<br />

Reserven sind verbraucht. Wir<br />

müssen schnell aus dem Generalgouvernement<br />

helfen.“<br />

In diesem Augenblick betreten<br />

der Chef des Oberkommandos der<br />

32


Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm<br />

Keitel, und Oberst Claus Stauffenberg die<br />

Baracke. Letzterer hatte sich verspätet, da er,<br />

wie er selbst angibt, zunächst noch sein<br />

Hemd wechseln wollte.<br />

Keitel hat Heusingers letzten Satz noch<br />

aufgeschnappt und greift diesen auf: ,,Mein<br />

Führer, vielleicht kann Stauffenberg hierzu<br />

gleich vortragen?“<br />

Nichts, nicht die kleinste Regung in Stauffenbergs<br />

Mimik deutet daraufhin, dass der<br />

Oberst in diesem Augenblick eine tickende<br />

Bombe in seiner Aktentasche mit sich trägt<br />

und den Raum deshalb so schnell wie möglich<br />

wieder verlassen möchte.<br />

Doch der ,,Führer“ hilft ihm unbewusst:<br />

,,Nein, ich möchte erst hören, wie es an der<br />

übrigen Front aussieht. Wir werden das<br />

dann am Schluss besprechen.“<br />

Hitler steht mit dem Rücken zur Eingangstür,<br />

während sich Heusinger direkt<br />

rechts vom Diktator befindet. So bekommt<br />

der vortragende General mit, was Stauffenberg<br />

nun mit gedämpfter Stimme zu Keitel<br />

sagt: ,,Herr Feldmarschall, ich erledige noch<br />

rasch ein Telefongespräch und komme<br />

gleich wieder.“ Keitel quittiert dies mit einem<br />

Nicken. Stauffenberg schiebt daraufhin<br />

seine Mappe unter den massiven Eichentisch<br />

und verlässt die Baracke.<br />

Eine gewaltige Explosion<br />

Heusinger setzt jetzt seinen Vortrag fort.<br />

„[...] Umso bedrohlicher ist die Entwicklung<br />

gegenüber Ostpreußen. Der Russe nähert<br />

sich der Provinz.“<br />

„Er wird sie nicht betreten, dafür bürgen<br />

mir Model und Koch“, fegt Hitler diese Warnung<br />

beiseite.<br />

„Sie werden alles versuchen“, bestätigt<br />

Heusinger. „Vielleicht ist Ostpreußen auch<br />

im Augenblick gar nicht das Ziel des Gegners.<br />

Vielleicht will er zunächst die Heeresgruppe<br />

Nord vernichten. Die Gefahr wird<br />

für sie immer größer.“<br />

„Das hat sie sich selbst zuzuschreiben.“,<br />

wirft der ,,Führer“ ein. „Sie hat nichts getan,<br />

um durch Angriff nach Süden ihre rechte<br />

Flanke zu schützen.“<br />

„Der Russe dreht mit starken Kräften<br />

westlich der Düna nach Norden ein. Seine<br />

Spitzen stehen bereits südwestlich Dünaburg.<br />

Wenn jetzt nicht endlich die Heeres-<br />

Literaturtipps<br />

Bengt von zur Mühlen (Hrsg.): Der vergessene<br />

Verschwörer. General Fritz Lindemann und der<br />

20. Juli 1944. München 2014.<br />

Joachim Fest: Staatstreich. Der lange Weg zum<br />

20. Juli. Berlin 1994.<br />

NACH DEM ATTENTAT:<br />

Adolf Hitler besichtigt zusammen<br />

mit Mussolini<br />

den Konferenzraum, in<br />

dem am 20. Juli der Anschlag<br />

auf den „Führer“<br />

misslang.<br />

Foto: picture-alliance/akg-images<br />

gruppe zurückgenommen wird, dann werden<br />

wir eine Katastrophe ...“<br />

Eine gewaltige Explosion erschüttert<br />

plötzlich die Baracke. Der massive, schwere<br />

Eichentisch springt wie ein federleichtes<br />

Spielzeug nach oben und Stichflammen<br />

schlagen unter der Platte nach allen Seiten<br />

hervor. Die Detonation schmettert die Offiziere<br />

zu Boden und katapultiert einige weitere<br />

sogar durch das Fenster.<br />

Verdächtigt und verhört<br />

„Wo ist der Führer?“, kann Heusinger Keitel<br />

noch sagen hören, als er wieder zu Bewusstsein<br />

kommt. An Armen, Beinen und Händen<br />

verletzt, schleppt sich der blutende General<br />

nach draußen. Hier sieht er, wie andere Verwundete<br />

die Baracke verlassen. Auch Hitler.<br />

Der leicht verletzte Diktator wankt und wird<br />

von zwei Personen gestützt. Sie bringen ihn<br />

zu dessen Wohnraum.<br />

Bereits nach drei Tagen nimmt die Gestapo<br />

Heusinger in die Mangel. Bei ersten Verhören<br />

ist nämlich auch sein Namen gefallen,<br />

es sieht nicht gut für ihn aus. In einem Gestapokeller<br />

in Berlin konfrontieren sie ihn mit<br />

dem Vorwurf, Hitler nicht nur kritisiert, sondern<br />

auch dessen gewaltsame Beseitigung<br />

gefordert zu haben. Ersteres gibt Heusinger<br />

freimütig zu. „Ich habe viele [Handlungen]<br />

für außerordentlich verderblich gehalten.“<br />

Er wehrt sich jedoch gegen die verhängnisvollere<br />

letztere Anschuldigung. Die Gestapo<br />

lässt allerdings nicht locker. Die Beamten legen<br />

ihm eine Liste der Verschwörer vor und<br />

fragen, ob der General mit diesen Personen<br />

FILMVERSION: Das Attentat vom 20. Juli<br />

in dem amerikanischen Spielfilm „Hitler“<br />

(1962, Regie Stuart Heisler). Hitler (dargestellt<br />

von Richard Basehart) unmittelbar<br />

nach der Explosion der Bombe.<br />

Foto: picture-alliance<br />

Kontakt hatte. Auch dies bejaht er. Der Ermittler<br />

zieht seine Brauen zusammen. „Sie<br />

haben also all diese Leute gekannt und mit<br />

ihnen in Verbindung gestanden. Und dann<br />

wollen Sie behaupten, von den ganzen Planungen<br />

[rund um das Attentat] nichts gewusst<br />

zu haben?“ Der Verdächtige weicht<br />

aus und erklärt dies mit seinem Amt im<br />

OKW. Es sind schließlich die festgenommenen<br />

Verschwörer, die Heusinger retten, indem<br />

sie der Gestapo dessen Version bestätigen:<br />

Er habe sich kritisch geäußert, jedoch<br />

nichts vom geplanten Attentat gewusst. Der<br />

General kommt im September 1944 frei, steht<br />

jedoch weiterhin unter Aufsicht.<br />

Ende September sieht Heusinger den<br />

Diktator schließlich wieder. Verbittert beklagt<br />

sich Hitler darüber, dass ihn am 20. Juli<br />

Leute umbringen wollten, denen er, seiner<br />

Ansicht nach, viel Gutes getan hat. Auch<br />

kann er die fachliche Kritik an seiner Operationsführung,<br />

wie sie Heusinger geäußert<br />

hat, nicht nachvollziehen. An dieser Stelle<br />

wagt der General einen mutigen Einwand:<br />

,,Wenn die Entscheidungen immer wieder<br />

zu Misserfolgen führen, dann kann man sich<br />

nicht wundern, wenn Zweifel und Kritik<br />

sich immer mehr breit machen.“<br />

Nach dem Krieg tritt Adolf Heusinger der<br />

neugegründeten Bundeswehr bei, deren<br />

Aufbau er mitgestaltet. Er stirbt am 30. November<br />

1982 in Köln.<br />

Stefan Krüger, M.A., Jg. 1982, Historiker aus<br />

München<br />

Die Zitate sind folgendem Werk entnommen: Adolf Heusinger: Befehl im Widerstreit.<br />

Schicksalsstunden der deutschen Armee 1923–1945 (erschienen 1950).<br />

Clausewitz 4/2014<br />

33


Schlachten der Weltgeschichte | Thermopylen 480 v. Chr.<br />

DER WEG IN DIE UNSTERBLICHKEIT: Der Kampf am<br />

Engpass zwischen Kallidromosgebirge und dem<br />

Malischen Golf macht aus den Spartanern ruhmreiche<br />

Helden, die in ganz Griechenland verehrt werden. König<br />

Leonidas – hier an der Seite seiner Männer kämpfend –<br />

versucht den persischen Vormarsch nach Mittelgriechenland<br />

aufzuhalten.<br />

Zeichnung: Guiseppe Rava/www.g-rava.it<br />

34


Die Schlacht bei den Thermopylen<br />

„Holt sie euch!“<br />

480 v. Chr.: Mit dem Ausruf „molon labe“ („Holt sie euch!“) beantwortet Leonidas I. der<br />

Überlieferung zufolge die Aufforderung des persischen Großkönigs zum Niederlegen der<br />

Waffen. Es folgt eine der berühmtesten Schlachten der Weltgeschichte. Von Otto Schertler<br />

490 v. Chr.<br />

war durch die Niederlage<br />

in der Schlacht von Marathon der erste<br />

Versuch des persischen Weltreiches gescheitert,<br />

sich Griechenland untertan zu machen.<br />

Zehn Jahre später unternimmt der<br />

persische Großkönig Xerxes I. einen erneuten<br />

Feldzug in Richtung Griechenland. Er<br />

versammelt ein aus allen Völkern seines Reiches<br />

bestehendes gewaltiges Heer und zieht<br />

in Richtung Kleinasien, wo er den Hellespont<br />

auf einer Schiffsbrücke überquert. Parallel<br />

zum Marschweg des Heeres segelt entlang<br />

der Küste eine 1.200 Schiffe (darunter viele<br />

Transport- und Versorgungsfahrzeuge) zählende<br />

Flotte.<br />

Flotte oder Heer?<br />

Angesichts der persischen Bedrohung<br />

herrscht bei den ständig um die Vormacht<br />

ringenden griechischen Stadtstaaten, deren<br />

bedeutendste Athen und Sparta sind, keine<br />

Einigkeit, wie man der Gefahr begegnen soll.<br />

Gleichzeitig zeigen sich manche Griechen,<br />

wie die Thessalier und die meisten Böotier,<br />

Griechen<br />

Truppenstärke: 300 Spartaner, 3.700 Peloponnesier,<br />

700 Thespier, 400 Thebaner, über 1.000<br />

Phoker und Lokrer, zusammen etwa 7.000 Mann<br />

Verluste: angeblich 4.000, wohl eher höchstens<br />

zwischen 1.000 und 2.000<br />

sogar durchaus perserfreundlich. Angesichts<br />

der Kriegsgefahr kommt es bereits 481 v. Chr.<br />

zu einem als „Hellenische Symmachie“ genannten<br />

Bund der Griechen unter Führung<br />

Spartas. Gleichzeitig setzt Athen unter dem<br />

Strategen Themistokles ein gewaltiges Flottenbauprogramm<br />

um, da dieser fest davon<br />

überzeugt ist, die Perser nur auf See entscheidend<br />

bezwingen zu können. Bei den<br />

Beratungen bezüglich der Abwehrmaßnahmen<br />

kann sich schließlich Themistokles mit<br />

seiner auf die Flotte gestützten Strategie<br />

durchsetzen, und damit erhält Athen den<br />

Oberbefehl über die gemeinsame Flotte,<br />

während Sparta die Führung des Landheeres<br />

übertragen bekommt. Der gesamte<br />

Perser<br />

Truppenstärke: Circa 100.000 Mann<br />

Verluste: angeblich 20.000, wohl eher<br />

um die 3.000 bis 4.000<br />

Kriegsplan der Griechen beruht auf einem<br />

strategischen Gesamtkonzept, bei<br />

dem der Einsatz der griechischen Flotte den<br />

eigentlich entscheidenden Punkt darstellt.<br />

Der Marschweg der Perser in Richtung Süden<br />

ist nämlich durch zwei Faktoren eindeutig<br />

festgelegt: Sie müssen auf jeden Fall entlang<br />

der Küste marschieren, da dies für ein<br />

dermaßen großes Heer den einzig gangbaren<br />

Weg in Richtung Süden darstellt. Selbst<br />

wenn es eine andere Straße weiter westlich<br />

im Landesinneren gäbe, könnte zumindest<br />

der Hauptteil des Heeres diese nicht nehmen,<br />

da ein enger Kontakt mit der entlang<br />

der Küste segelnden Flotte aus Versorgungsgründen<br />

unabdingbar ist. Damit müssen die<br />

Griechen einen geeigneten Ort finden, wo sie<br />

den Persern entgegentreten können.<br />

HINTERGRUND<br />

Spartaner im Film<br />

Die Schlacht bei den Thermopylen inspirierte<br />

zahllose Künstler von der<br />

Antike bis in die Gegenwart. Neben<br />

dem Film „Der Löwe von Sparta“<br />

(The 300 Spartans) von 1960 bildet<br />

die heute bekannteste filmische Darstellung<br />

von Spartanern wohl diejenige<br />

des Films „300“ aus dem Jahr<br />

2007. Der Film ist alles andere als<br />

eine historische Wiedergabe der damaligen<br />

Geschehnisse und orientiert<br />

sich sowohl beim Ablauf der Ereignisse<br />

als auch bei der Gestaltung der<br />

Spartaner nur sehr vage an der geschichtlichen<br />

Wahrheit. Zu den wenigen<br />

authentischen Ausrüstungsstücken<br />

gehören die roten Mäntel und<br />

die korinthischen Helme; auffallend<br />

ist jedoch das Fehlen jedweder Art<br />

von Brustpanzern, die trotz allen Heldenmutes<br />

einen lebenswichtigen Teil<br />

der historischen Ausrüstung bildeten.<br />

Das auf die Schilde geprägte<br />

griechische Zeichen Lambda („L“) für<br />

Lakedaimon (Sparta) ist zwar belegt,<br />

doch es erscheint erst nach den Perserkriegen.<br />

HOLLYWOOD-SPARTANER: König<br />

Leonidas I. (Gerard Butler) ohne Brustpanzer<br />

– dafür mit computeranimierten<br />

Muskeln. Der Film „300“ von Zack<br />

Snyder ist „übergroßes“ Kino, dem<br />

es mehr um filmische Ästhetik als um<br />

historische Genauigkeit geht.<br />

Foto: picture-alliance/dpa<br />

Clausewitz 4/2014<br />

35


Schlachten der Weltgeschichte | Thermopylen 480 v. Chr.<br />

kommen praktisch unmöglich macht. Das<br />

griechische Kontingent bei den Thermopylen<br />

hat also die Aufgabe, hier den Vormarsch der<br />

Perser solange zu verzögern, bis die griechische<br />

Flotte diejenige der Perser zerstört<br />

hat, um deren Landstreitmacht zum Rückzug<br />

zu zwingen. Die gut gewählte Stellung<br />

bei den Thermopylen ist trotz aller augenscheinlicher<br />

Vorteile keineswegs auf lange<br />

Sicht zu halten, und auch ohne die Möglichkeit<br />

von Verrat ist es einem erfahrenen Krieger<br />

wie Leonidas klar, dass die Perser früher<br />

oder später einen Pfad durch das Gebirge finden<br />

würden. Das relativ kleine Heer des Leonidas<br />

setzt sich aus 4.000 Mann aus der Peloponnes<br />

(darunter die berühmten 300 Spartaner),<br />

700 Thespiern, über 1.000 Phokern und<br />

Lokrern sowie 400 Thebanern zusammen,<br />

wobei die Loyalität Letzterer zweifelhaft ist.<br />

Das Lager der Griechen befindet sich hinter<br />

dem Mittleren Tor, von dort aus marschieren<br />

sie in Richtung Westen und nehmen vor der<br />

phokischen Mauer ihre Kampfstellung ein,<br />

während die 1.000 Phoker zur Bewachung<br />

der südlich gelegenen Gebirgspfade abkommandiert<br />

werden, um ein feindliches Umgehungsmanöver<br />

zu verhindern.<br />

WAFFENSTARRENDE SCHLACHTENREIHE: Eine schwer bewaffnete Hopliten-Phalanx rückt<br />

auf den Gegner zu. Kavallerie spielt in der antiken Kriegführung, zumindest der „westlichen“<br />

Armeen, eine untergeordnete Rolle – die Infanterie beherrscht das Schlachtfeld.<br />

Zeichnung: Guiseppe Rava/www.g-rava.it<br />

Die Wahl fällt auf einen Thermopylen<br />

(„heiße Tore“) genannten, etwa sechs Kilometer<br />

langen Engpass zwischen dem Kallidromosgebirge<br />

und dem Malischen Golf, der<br />

direkt an der Küste liegt. Der gesamte Engpass<br />

ist durch drei hintereinanderliegende,<br />

besonders enge, nur wenige Meter breite<br />

Todesmutig<br />

Leonidas, König von Sparta<br />

Der aus dem Geschlecht der Agiaden<br />

stammende Leonidas ist einer<br />

der beiden Könige im Rahmen des<br />

damals bestehenden Doppelkönigtums<br />

von Sparta. Als Sohn des Königs<br />

Anaxandridas besteigt Leonidas<br />

488 v. Chr. den Thron von Sparta.<br />

Die politische Macht wird in Sparta<br />

jedoch hauptsächlich von einem gewählten<br />

Beamtengremium, den sogenannten<br />

Ephoren, ausgeübt, während<br />

die Könige eher als Feldherren<br />

fungieren. Nach seinem Tod bei den<br />

Stellen charakterisiert, die als<br />

West-, Mittel- und Osttor bezeichnet<br />

werden. Das Mitteltor<br />

ist zusätzlich durch die<br />

sogenannte phokische<br />

Mauer befestigt,<br />

was ein Durch-<br />

Thermopylen wird der<br />

Leichnam des Leonidas<br />

auf Befehl des Xerxes verstümmelt,<br />

und in Sparta wird dafür<br />

eine Statue mit porträthaften Zügen<br />

des Leonidas beigesetzt. 40 Jahre<br />

nach der Schlacht werden die Gebeine<br />

des Leonidas nach Sparta in ein<br />

Leonideion genanntes Kultgebäude<br />

überführt, wo die Verehrung<br />

des toten Helden ihren Ausdruck<br />

in kultischen Ehren und jährlichen<br />

Wettkämpfen findet.<br />

Das „Millionenheer der Barbaren“<br />

Im August 480 v. Chr. gehen die Perser am<br />

fünften Tag nach ihrer Ankunft vor den<br />

Thermopylen zum Angriff über. Gleichzeitig<br />

treffen, nicht weit entfernt, die beiden feindlichen<br />

Flotten beim Kap Artemision aufeinander,<br />

und es toben nun zwei erbittert zu<br />

Lande und zu Wasser geführte Schlachten<br />

um das zukünftige Schicksal Griechenlands.<br />

Das persische Heer ist mit Sicherheit<br />

nicht die ungeordnete wilde<br />

Horde als die es in den antiken Quellen<br />

oftmals dargestellt wird. Ebenso übertrieben<br />

sind die in diesem Zusammenhang<br />

genannten Zahlenangaben bezüglich<br />

der Stärke des Perserheeres,<br />

das angeblich mehrere<br />

Millionen Mann umfasst<br />

haben soll. Neuere Schätzungen<br />

gehen von etwa<br />

150.000 Mann aus, obwohl<br />

auch diese Zahl etwas zu<br />

hoch gegriffen sein könnte,<br />

und 100.000 vielleicht etwas<br />

realistischer sind. Im Heer der<br />

GROßER GRIECHE: König Leonidas I.<br />

ist ein Anführer, der an der Seite seiner<br />

Truppe kämpft und stirbt – ganz<br />

nach dem antiken Ideal „führen<br />

durch Vorbild“. Die abgebildete Statue<br />

wird 1968 in Sparta aufgestellt.<br />

Foto: picture alliance/Prisma Archivo<br />

36


Die Perser können ihre zahlenmäßige Überlegenheit nicht ausspielen<br />

Auf Expansionskurs<br />

Xerxes I., Großkönig des persischen Weltreiches<br />

Der um 519 v. Chr. geborene Xerxes I. (altpersisch Chschajarscha „Herrscher<br />

der Helden“) entstammt dem persischen Königshaus der Achämeniden<br />

und ist der Sohn von König Darios I. 486 v. Chr. folgt er diesem<br />

auf den Thron. Nach der Niederschlagung von Aufständen in Ägypten<br />

und Babylonien wendet er sich 480 v. Chr. der Eroberung Griechenlands<br />

zu. Nachdem diese Expansion schließlich durch die Niederlagen bei Salamis<br />

(480 v. Chr.) und Platäa (479 v. Chr.) endgültig gescheitert ist, ist<br />

diese Gefahr für die Griechen gebannt. Über das persönliche Leben des<br />

Herrschers ist ansonsten nicht sehr viel bekannt, das Wenige stammt<br />

aus dem Buch Esther in der Bibel sowie hauptsächlich aus griechischen<br />

Quellen, die natürlich tendenziös und nicht überprüfbar<br />

sind. Dies zeigt sich auch in der Aussage, dass<br />

sich der König nach der Niederlage gegen Griechenland<br />

in den Harem seiner Palasthauptstadt Persepolis<br />

zurückgezogen habe. Als Herrscher tritt<br />

Xerxes I. dort auch als Bauherr in Erscheinung.<br />

465 v. Chr. wird Xerxes I. in Persepolis<br />

bei einer Palastrevolution ermordet.<br />

Perser finden sich Truppen aus allen Reichsteilen,<br />

wobei Perser und die mit diesen eng<br />

verwandten Meder den Kern darstellen.<br />

Diese Verbindung spiegelt sich auch in ihrer<br />

militärischen Ausrüstung wider, in der der<br />

durchschlagskräftige Bogen skythischen<br />

Typs eine große Rolle spielt. Dem Einsatz der<br />

starken und guten persischen Kavallerie<br />

sind in dem gebirgigen Griechenland enge<br />

Grenzen gesetzt, so dass diese sich nicht entfalten<br />

kann. Bei den Thermopylen nimmt sie<br />

Gegenstücke ist. Das als „akinakes“ bezeichnete<br />

rechts getragene Kurzschwert vervollständigt<br />

die Bewaffnung. Gegen die bei den<br />

Thermopylen in einer starken Defensivstellung<br />

stehenden schwer gerüsteten Griechen<br />

sind die Perser trotz ihrer zahlenmäßigen<br />

Überlegenheit von vorneherein im Nachteil.<br />

Aufgrund der geografischen Gegebenheiten<br />

können sie weder ihre zahlenmäßige Übermacht<br />

ausspielen noch ihre zweifellos starke<br />

Kavallerie einsetzen. Eine Umgehung mit<br />

„[...] hier wurden sie [die Spartaner, Anm.<br />

des Autors], mit Dolchen sich wehrend [...] oder<br />

mit Händen und Zähnen kämpfend, unter<br />

den Geschossen der Barbaren begraben, [...] die teils<br />

sich im Kreise um sie herum drängten,<br />

so dass Feinde auf allen Seiten standen.“<br />

Herodot, Historien, Siebentes Buch, 225<br />

EXOTISCHER EROBERER: Xerxes I. kurz<br />

vor der Überschreitung der Dardanellen (Hellespont)<br />

im sogenannten „Zweiten Perserkrieg“<br />

gegen Griechenland, 480 v. Chr., Ölgemälde<br />

des französischen Malers Adrien<br />

Guignet.<br />

Abb.: picture-alliance/akg-images/Joseph Martin<br />

Angriff der „Unsterblichen“<br />

Eigenartigerweise verzichtet Xerxes I. auf ein<br />

„Vorfühlen“ oder eine Ermattungstaktik, die<br />

darin bestehen könnte, zunächst leichter bewaffnete<br />

Truppen einzusetzen, um die<br />

Kampfstärke des Feindes zu ermitteln und<br />

diesen vielleicht etwas zu ermüden oder zu<br />

schwächen. Stattdessen setzt er gleich am<br />

ersten Tag die zu seinen Kerntruppen gehörenden<br />

Meder und Kissier ein. Diese erreichen<br />

jedoch nichts und müssen sich schließlich<br />

unter schweren Verlusten zurückziehen.<br />

Danach rückt die persische Gardeinfanterie,<br />

die „10.000 Unsterblichen“, gegen die feindliche<br />

Stellung vor. Alle diese persischen<br />

Angriffe werden von einem massiven Pfeilhagel<br />

begleitet, doch trotz der hohen Durchschlagskraft<br />

der Bögen können die Geschosse<br />

den schwer gepanzerten und durch große<br />

Schilde geschützten Griechen relativ wenig<br />

anhaben. Auch den „Unsterblichen“ gelingt<br />

es auf diesem engen Raum nicht, die massive<br />

Phalanx zu durchbrechen. Die Bewaffnung<br />

und die Panzerung der griechischen<br />

Hopliten ist in einer derartigen Defensivstellung<br />

derjenigen der Perser doppelt überlegen,<br />

und sie bilden so etwas wie eine „lebende<br />

Mauer“.<br />

aufgrund der besonderen Gegebenheiten<br />

überhaupt nicht am Kampf teil. Im Gegensatz<br />

zu den Griechen sind die Perser insgesamt<br />

gesehen relativ leicht bewaffnet und<br />

gerüstet. Dem Körperschutz dienen lediglich<br />

eiserne Schuppenpanzer oder solche aus<br />

gestepptem Material, auf Helme wird weitgehend<br />

verzichtet. Die aus Flechtwerk und<br />

Leder bestehenden Schilde sind von unterschiedlicher<br />

Form und Größe, neben großen<br />

rechteckigen Exemplaren erscheinen in den<br />

Darstellungen kleinere halbmondförmige<br />

oder ovale Schilde. Zusätzlich zum Bogen<br />

führen die Perser Lanzen, deren Schaft etwas<br />

kürzer als derjenige der griechischen<br />

Hilfe der Flotte ist ebenfalls unmöglich, da<br />

diese bei Artemision im Kampf mit den Griechen<br />

gebunden ist.<br />

Gut geschützte Griechen<br />

Die großen Rundschilde aus mit Bronzeblech<br />

beschlagenem Holz, der den ganzen<br />

Kopf umhüllende Bronzehelm korinthischen<br />

Typs, Beinschienen aus Bronze sowie die aus<br />

dem gleichen Metall oder starkem Leinen<br />

bestehenden Brustpanzer bieten gegen jede<br />

feindliche Waffenwirkung besten Schutz.<br />

Daneben sind die griechischen Lanzen etwas<br />

länger als diejenigen der Perser, und ebenso<br />

verhält es sich bei den Schwertern. Damit<br />

sind bei den Griechen mindestens die ersten<br />

beiden Glieder sofort aktiv am Kampf beteiligt,<br />

während bei den Persern nur das vorderste<br />

Glied in der Lage ist, den Gegner<br />

Clausewitz 4/2014<br />

37


Schlachten der Weltgeschichte | Thermopylen 480 v. Chr.<br />

IMPOSANTE KRIEGSMASCHINE: König Xerxes I. verfügt über ein Heer, das den Griechen zahlenmäßig weit überlegen ist. Die Zeichnung<br />

rekonstruiert persisches Militär im Kampfeinsatz – deutlich zu erkennen sind die zentrale Bedeutung des Bogens sowie die leichtere Panzerung<br />

der Soldaten im Vergleich zu den Griechen.<br />

Zeichnung: Guiseppe Rava/www.g-rava.it<br />

direkt anzugehen. Deshalb sieht sich jeder<br />

Perser dem gleichzeitigen Angriff durch<br />

zwei Griechen ausgesetzt.<br />

Berufs- und „Hobbykrieger“<br />

Obwohl sich auch die „10.000 Unsterblichen“<br />

aus erfahrenen Berufskriegern zusammensetzen,<br />

sehen sie sich jedoch mit den<br />

Spartanern einem Feind gegenüber, der<br />

nicht nur mit die „besten Krieger der Geschichte“<br />

hervorgebracht hat, sondern der<br />

sich zu dieser Zeit auch auf dem Höhepunkt<br />

seiner Kriegskunst und militärischen Entwicklung<br />

befindet. Anders als die anderen<br />

griechischen Hopliten, die man als „Teilzeitkrieger“<br />

bezeichnen könnte, ist der spartanische<br />

Kriegeradel von Geburt an einem gnadenlosen<br />

militärischen Drill unterworfen<br />

und sein ganzes Leben auf Kampf und Krieg<br />

ausgerichtet. Während die übrigen griechischen<br />

Hopliten im speziellen Einzelkampf<br />

mit den Waffen weniger geschult sind<br />

und eher als Teil der Phalanx kämpfen, sind<br />

die spartanischen Hopliten als Berufskrieger<br />

sowohl im Formations- als auch im Einzelkampf<br />

wesentlich besser geübt und ausgebildet.<br />

In diesem militärischen System spiegelt<br />

sich die besondere Stellung der Stadt<br />

HINTERGRUND<br />

Das spartanische Heer<br />

Das unter Führung der spartanischen Könige<br />

stehende Heer setzt sich aus voll ausgerüsteten<br />

Hopliten zusammen, die in der<br />

Phalanx kämpfen. Die Spartaner verfügen<br />

zur Zeit der Perserkriege weder über Kavallerie<br />

noch über reguläre Leichtbewaffnete;<br />

lediglich die Heloten greifen gelegentlich<br />

als leichte Infanterie zur Unterstützung ihrer<br />

Herren in den Kampf ein. Die Organisation<br />

des Heeres basiert auf einer straffen Gliederung:<br />

Die Könige geben die Befehle an<br />

Sparta wider, deren zahlenmäßig relativ kleine<br />

Bevölkerung ein weites Umland beherrscht,<br />

das von Unterworfenen bewohnt<br />

wird. Diese gliedern sich in zwei Gruppen,<br />

die als Heloten und Periöken bezeichnet<br />

werden. Während die Heloten als Nachkommen<br />

der Urbevölkerung den Status von<br />

hohe Offiziere (Polemarchen), die sie an die<br />

Kommandeure der größten taktischen Einheit,<br />

den Lochos (1.000 Mann) weitergeben.<br />

Der Lochos unterteilt sich in vier Pentekostyes<br />

(jeweils von einem Offizier geführt),<br />

von denen jeder wiederum aus vier,<br />

wiederum von Offizieren befehligten, Enomotiai<br />

besteht. Diese Basiseinheit setzt<br />

sich aus 30 bis 40 Mann zusammen, die<br />

durch einen feierlichen Treueid zusammengeschweißt<br />

sind.<br />

38


Sämtliche Spartaner sterben<br />

HINTERGRUND<br />

Das persische Heer<br />

Den Oberbefehl des Perserheeres führt der<br />

König auf den großen Feldzügen persönlich,<br />

wobei bei unwichtigeren militärischen Operationen<br />

ein Provinzgouverneur (Satrap)<br />

oder ein Mitglied des Hochadels an seine<br />

Stelle tritt. Das Heer ist in der Regel nach<br />

dem Dezimalsystem aufgebaut, also in Einheiten<br />

zu zehn, hundert und tausend Mann.<br />

Beim Heer der Perser handelt es sich um eine<br />

aus vielen tributpflichtigen Völkern bestehende<br />

Streitmacht, deren Basis persische<br />

und medische Truppen bilden. Die 10.000<br />

Mann starke königliche Gardeinfanterie hingegen<br />

setzt sich ausschließlich aus Persern<br />

zusammen. Diese Elitetruppe trägt die Bezeichnung<br />

„10.000 Unsterbliche“, da ihre<br />

Sollstärke nach Verlusten sofort ausgeglichen<br />

wird. Daneben versammeln sich im<br />

Heer des Großkönigs bunt gemischte Kontingente<br />

aus allen Teilen des Reiches: Ägypten,<br />

Phönizien, Syrien, Kleinasien, Babylonien,<br />

dem östlichen Iran und Nordwestindien.<br />

Alle diese Truppen sind unterschiedlich<br />

ausgerüstet und verfügen über ihre eigene<br />

Kampftaktik, was natürlich eine koordinierte<br />

Vorgehensweise erschwert. So bilden beispielsweise<br />

Ägypter und Phönizier die Mannschaften<br />

und Seesoldaten der Schiffe, aus<br />

Kleinasien kommen mittelschwer und leicht<br />

bewaffnete Fußkrieger, während die aus<br />

dem östlichen Iran stammenden pferdegewohnten<br />

Saken (Skythen) und Baktrer leichte<br />

und mittelschwer gepanzerte Reitereinheiten<br />

stellen.<br />

Fundiert recherchiert,<br />

packend erzählt!<br />

praktisch rechtlosen Leibeigenen einnehmen,<br />

setzen sich die Periöken aus den Einwohnern<br />

der von Sparta eroberten Gebiete<br />

auf dem Peloponnes zusammen. Im Kriegsfall<br />

werden die spartanischen Herren von<br />

zahlreichen Heloten begleitet, die im Feld als<br />

Diener und im Kampf als Leichtbewaffnete<br />

oder (in späterer Zeit) gelegentlich auch als<br />

Hopliten auftreten. Zeichnet sich ein Helot<br />

hierbei besonders aus, kann er unter Umständen<br />

sogar seine Freiheit erlangen. Die Periöken<br />

hingegen stellen, ihrem sozialen Status<br />

entsprechend, zusätzliche ebenfalls als Hopliten<br />

ausgerüstete Truppenkontingente.<br />

Bis zum letzten Mann<br />

Zwei Tage rennen die Perser immer wieder<br />

erfolglos gegen die Griechen an, ohne einen<br />

Durchbruch zu erzielen. Den griechischen<br />

Quellen zufolge bietet am dritten Tag ein griechischer<br />

Verräter, ein gewisser Ephialtes, dem<br />

Perserkönig an, gegen eine hohe Belohnung<br />

seinen Truppen einen Pfad in den südlich gelegenen<br />

Bergen zu zeigen, um so die feindliche<br />

Stellung umgehen zu können. Ob dies der<br />

historischen Wahrheit entspricht, lässt sich<br />

heute nicht mehr feststellen. Es ist nämlich<br />

auch gut möglich, dass auf eigene Initiative<br />

hin operierende Kundschafter des Perserheeres<br />

eine Alternativroute entdeckt haben.<br />

Wie auch immer, die Perser beginnen nun<br />

mit einem Umgehungsmanöver. Schließlich<br />

stoßen sie auf das Kontingent der Phoker –<br />

diese sind von Panik ergriffen, weichen einem<br />

Kampf aus und ziehen sich zurück. Damit<br />

ist die Thermopylen-Stellung für Leonidas<br />

unhaltbar geworden. Ein Rückzug wäre<br />

noch möglich, doch Leonidas entschließt<br />

sich, die Stellung weiter zu halten, um der<br />

griechischen Flotte die Möglichkeit zu geben,<br />

sich nach der unentschiedenen Seeschlacht<br />

vom Feind zu lösen. Damit beginnt der heroischste<br />

Teil der Schlacht, der Leonidas und<br />

Clausewitz 4/2014<br />

seine 300 Spartaner unsterblich machen<br />

wird. Die meisten übrigen griechischen Kontingente<br />

treten auf Befehl des Leonidas den<br />

Rückzug an, lediglich die Thespier bleiben<br />

freiwillig an der Seite der Spartaner, während<br />

die Thebaner zum Bleiben gezwungen<br />

werden. Am dritten Tag der Schlacht rücken<br />

die verbliebenen Griechen etwas weiter aus<br />

dem Pass heraus und setzen den Kampf gegen<br />

die Perser mit unverminderter Härte<br />

fort, wissend, dass sie nicht lebend davonkommen<br />

werden. In diesen Nahkämpfen fallen<br />

Leonidas, sowie zwei Brüder des Xerxes.<br />

Die Spartaner können den Leichnam des<br />

Leonidas noch bergen, doch dann erscheinen<br />

die persischen Umfassungstruppen auf dem<br />

Schlachtfeld. Während sich die überlebenden<br />

Spartaner und die Thespier auf einen hinter<br />

der Mauer gelegenen Hügel zurückziehen<br />

und sich zum Kampf bis zum letzten Mann<br />

bereitmachen, nutzen die Thebaner die Gelegenheit<br />

zum Überlaufen.<br />

Geburt einer Heldensage<br />

Damit wird der letzte Akt des Dramas eingeläutet,<br />

die Perser umringen die sich zäh wehrenden<br />

und bereits verwundeten Spartaner<br />

und decken sie erneut mit einem Geschosshagel<br />

ein. Der Kampf währt solange, bis keiner<br />

der Spartaner und Thespier mehr am Leben<br />

ist. Im Gegensatz zu vielen anderen<br />

Schlachten der Weltgeschichte zeichnet sich<br />

die Schlacht bei den Thermopylen weder<br />

durch gewagte Manöver noch durch taktische<br />

oder strategische Kunststücke aus. Ihren<br />

Ruhm verdankt sie zum größten Teil der<br />

Opferbereitschaft und dem Todesmut der<br />

Spartaner und ihrem ungebrochenen Widerstand<br />

in aussichtsloser Lage.<br />

Otto Schertler, Jg. 1962, studierte an der Universität<br />

München und arbeitet als Autor und Übersetzer.<br />

GeraMond Verlag GmbH, Infanteriestraße 11a, 80797 München<br />

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Militärtechnik im Detail<br />

Kleine Waffe mit großer Wirkung<br />

Deutschlands Kleinst-U-Boot<br />

Typ 127 „Seehund“<br />

Kleinst-U-Boote waren meist Selbstmordmaschinen,<br />

doch im deutschen Kleinkampfmittel<br />

„Seehund“ steckte deutlich<br />

mehr Potential. Laut Plan waren 1.000 Einheiten<br />

angefordert, doch verzögert durch<br />

beständiges Bombardement der Alliierten<br />

wurden in einer Kieler Produktionsstätte lediglich<br />

285 Stück fertig gestellt.<br />

Der „Seehund“ basierte auf einem erbeuteten<br />

britischen U-Boot und gab sein Frontdebüt<br />

am Neujahrstag 1945. Eine Flottille<br />

von 17 Einheiten griff dabei – aus den Niederlanden<br />

kommend – einen Konvoi an, verlor<br />

selbst 15 Einheiten und versenkte ein<br />

Schiff. Bis zum Mai hatten die „Seehund“-<br />

Besatzungen bei 20 eigenen verlorenen Einheiten<br />

acht weitere Schiffe mit einer Gesamttonnage<br />

von 18.451 Tonnen versenkt und<br />

drei weitere beschädigt.<br />

Die Aufgaben zur Bekämpfung der deutschen<br />

Kleinkampfmittel banden auf alliierter<br />

Seite mehr als 500 Schiffe und 1.000 Flugzeuge,<br />

die somit nicht mehr für weitere Offensivaufgaben<br />

zur Verfügung standen.<br />

Die letzten Einsatzfahrten der „Seehunde“<br />

dienten der Versorgung der belagerten<br />

Stützpunkte in Dünkirchen, was diesen ermöglichte,<br />

den Widerstand bis zum 10. Mai<br />

1945 aufrecht zu halten. Von den insgesamt<br />

35 verlorenen „Seehunden“ wurden 20 ein<br />

Illustration: Jim Laurier<br />

Opfer des Winterwetters und der mangelnden<br />

Erfahrung ihrer Besatzungen.<br />

Zusammenfassend sagte Admiral Charles<br />

Little von der Royal Navy: „Unser großes<br />

Glück war, dass diese verdammten Dinger<br />

zu spät kamen, um im Krieg noch großen Effekt<br />

zu haben!“<br />

Schutz vor<br />

„Kabelsalat“<br />

Um den „Seehund“<br />

vor Anti-U-Bootnetzen<br />

in Häfen zu<br />

schützen, verfügten<br />

sie wohl über einen<br />

Propellerschutz –<br />

aber eben nicht<br />

über Tiefenruder.<br />

Somit konnte die<br />

Besatzung die Tiefe<br />

allein über das<br />

Füllen und Leeren<br />

der Ballasttanks<br />

regulieren.<br />

Doppelter Antrieb<br />

Ein 6-Zylinder-Dieselmotor, der 60 PS lieferte, verlieh dem „Seehund“<br />

aufgetaucht eine Geschwindigkeit von 7 kn. Getaucht lief er immerhin noch<br />

fast 3 kn. Setzte man den 25-PS-Elektromotor ein, schlich sich der „Seehund“<br />

nahezu geräuschlos durch die Meere. Späte Ausführungen des<br />

„Seehunds“ hatten eine Reichweite von gut 800 Kilometern.<br />

Schulungsboot<br />

Große weiße Ziffern deuten auf Ausbildungsboote.<br />

Der hier gezeigte „Seehund“ ist<br />

teilweise durch U-5075 inspiriert, welches im<br />

USS SALEM-Museum in Quincy, Massachusetts,<br />

ausgestellt ist.<br />

DIE KONKURRENTEN:<br />

Das japanische Typ A<br />

Ko-hyoteki<br />

Länge: 23,77 Meter<br />

Verdrängung: 46 Tonnen<br />

Besatzung: 2 Mann<br />

Antrieb: 600 PS Elektromotor<br />

Geschwindigkeit: aufgetaucht<br />

ca. 22 kn, getaucht ca. 19 kn<br />

Tauchtiefe: 103 Meter<br />

Reichweite: circa 190 km<br />

Bewaffnung: 2 Torpedos,<br />

eine 135-kg-Sprengladung<br />

Transportiert von Mutter-U-Booten;<br />

Typ A-U-Boote könnten für die<br />

Versenkung der USS OKLAHOHMA in<br />

Pearl Harbor verantwortlich sein.<br />

Auch beschädigten sie das<br />

Schlachtschiff HMS RAMILLIES bei<br />

Diego Suarez, Madagaskar.<br />

Produktion: 101 Stück<br />

Das italienische CB<br />

Länge: 14,94 Meter<br />

Verdrängung: 44 Tonnen<br />

Besatzung: 4 Mann<br />

Antrieb: 80-PS-Dieselmotor, 50-PS-<br />

Elektromotor<br />

Geschwindigkeit: aufgetaucht ca.<br />

7,5 kn, getaucht ca. 7 kn<br />

Tauchtiefe: 55 Meter<br />

Reichweite: circa 2.570 km<br />

Bewaffnung: 2 Torpedos oder 2<br />

Minen<br />

Kräftiger als das CA, mit dem<br />

Froschmänner noch vor der Kapitulation<br />

Italiens hofften – transportiert<br />

von Mutter-U-Booten –, New York<br />

angreifen zu können. Abgesehen von<br />

Erfolgen in Ägypten blieben die<br />

italienischen Mini-U-Boote fast<br />

wirkungslos.<br />

Produktion: 12 vor und 9 Stück nach<br />

dem Waffenstillstand<br />

40


Wenig Kopffreiheit<br />

Die Kommandantenkuppel widerstand einem<br />

Druck bis zu einer operativen Tauchtiefe von<br />

45 Metern. Reflexionen des Kunststoffmaterials<br />

der Kuppel machten gegnerische Piloten<br />

bisweilen auf das Boot aufmerksam.<br />

Immer ausgefahren<br />

Das Periskop, mit dem der Kommandant<br />

die Meeresoberfläche nach Zielen und den<br />

Himmel nach Gegnern absuchte, konnte<br />

nicht weiter eingefahren werden, da im<br />

Boot einfach kein Platz vorhanden war.<br />

„Abgehangen“<br />

Kranführer verwendeten<br />

diese Hebeösen, um den<br />

„Seehund“ zu bewegen oder<br />

ihn emporzuheben, was der<br />

einzige Weg war, ihn mit<br />

Torpedos zu bewaffnen.<br />

Kurz nach der deutschen<br />

Kapitulation in Hamburg untersucht<br />

Personal der Royal<br />

Navy einen erbeuteten<br />

„Seehund“. Die Größe der<br />

Männer dient als Maßstab<br />

für die geringen Abmessungen<br />

des nur 12 Meter langen<br />

Bootes bei gerade mal<br />

17 Tonnen Verdrängung.<br />

Fotos: WEIDER ARCHIVES<br />

Eine Fertigungslinie<br />

für „Seehunde“<br />

demonstriert die<br />

Kapazität des<br />

„Dritten Reichs“,<br />

ganze Geschwader<br />

von Kleinst-U-Booten<br />

zu produzieren<br />

und ins Gefecht zu<br />

werfen. Hitler persönlich<br />

war ein<br />

starker Befürworter<br />

dieser Waffengattung.<br />

Beengte Platzverhältnisse<br />

Die zweiköpfige Besatzung des<br />

„Seehunds“ quetschte sich über Tage<br />

in die ungemein beengte Räumlichkeit<br />

mittschiffs.<br />

Explosive Fracht<br />

Ein „Seehund“ trug zwei elektrische G7e-Torpedos. Diese<br />

Waffen wurden auch von „konventionellen“ U-Booten verschossen.<br />

Die Torpedos waren mit 300-kg-Sprengköpfen<br />

versehen. Auch gab es spätere Varianten mit Steuereinheiten,<br />

die automatisch den Kurs auf das anvisierte Ziel hielten.<br />

„Leisetreter“<br />

Geräuscharmer Vortrieb, niedrige<br />

Geschwindigkeit und kompakte Größe<br />

hielten untergetauchte Boote annähernd<br />

vor den Unterwasserortungssystemen der<br />

Alliierten verborgen.<br />

Das britische X-Craft<br />

Länge: 15,5 Meter<br />

Verdrängung: 30 Tonnen<br />

Besatzung: 4 Mann<br />

Antrieb: 42-PS-Dieselmotor, 3-PS-<br />

Elektromotor<br />

Geschwindigkeit: aufgetaucht ca. 6,5<br />

kn, getaucht ca. 2 kn<br />

Tauchtiefe: 30 Meter<br />

Reichweite: circa 930 km<br />

Bewaffnung: 2 2.000-kg-Minen<br />

Ein X-Craft, das bei einer Mission, das<br />

Schlachtschiff TIRPITZ zu versenken,<br />

verloren ging, wurde von den<br />

Deutschen geborgen und diente ihnen<br />

als Inspiration für den „Seehund“. Vor<br />

dem „D-Day“ überwachte X-20 den<br />

Omaha-Beach. Während der Invasion<br />

geleitete es die Invasionsflotte.<br />

Produktion: 20 Stück<br />

In dieser Serie bereits erschienen:<br />

Kampfpanzer Sherman M4 (2/2013)<br />

Flugzeugträger Independent-Klasse (3/2013)<br />

Deutsches Schnellboot Typ S-100 (3/2013)<br />

Maschinengewehr (MG) 42 (4/2013)<br />

Amerikanische Haubitze M2A1 (5/2013)<br />

Fairey Swordfish (6/2013)<br />

Russischer Kampfpanzer T-34/76 (1/2014)<br />

Japanischer Jäger A6M Zero (1/2014)<br />

Heinkel He 111 (2/2014)<br />

Amerikanischer Lastwagen GMC 6x6 (3/2014)<br />

Demnächst:<br />

Deutsches Kettenkraftrad HK 101 (5/2014)<br />

Clausewitz 4/2014<br />

41


Schlachten der Weltgeschichte | Tscherkassy 1944<br />

Kessel von Tscherkassy 1944<br />

Ausbruch aus der<br />

Jahresbeginn 1944:<br />

Unweit der ukrainischen<br />

Stadt Tscherkassy reicht<br />

die deutsche Front noch<br />

bis an den Dnjepr<br />

heran. Die sowjetische<br />

Militärführung will die<br />

dort stehenden Verbände<br />

von Wehrmacht und<br />

Waffen-SS einkesseln<br />

und vernichten.<br />

Von Tammo Luther<br />

IN GROßER ZAHL: Im Gegensatz zur deutschen Seite<br />

verfügen die sowjetischen motorisierten Verbände über<br />

eine Vielzahl an Panzern und Fahrzeugen. Die Rote Armee<br />

ist auch bei Tscherkassy dem Gegner an Menschen<br />

und Material zahlenmäßig weit überlegen.<br />

Foto: picture-alliance/United Archives/TopFoto<br />

Die gesamte Heeresgruppe (HGr.) Süd<br />

steht zum Jahreswechsel 1943/44 an<br />

der Ostfront bereits seit Monaten in einem<br />

schweren Abwehrkampf. Gegen einen<br />

zahlenmäßig weit überlegenen Gegner versuchen<br />

die deutschen Verbände, einen Zusammenbruch<br />

der Front zu verhindern. Ursprünglich<br />

wollte Hitler den Frontbogen von<br />

Tscherkassy-Kanew sogar für eine eigene Offensive<br />

nutzen. Doch die nach Westen vordringende<br />

Rote Armee sucht schließlich ihrerseits<br />

die Entscheidung im Angriff.<br />

Der trapezförmige „Frontbalkon“ erreicht<br />

zu Jahresbeginn 1944 bei Kanew eine Breite<br />

von 70 Kilometern und eine Tiefe von etwa<br />

90 Kilometern. Gehalten wird dieser sensible<br />

Abschnitt vom XXXXII. Armeekorps (A.K.)<br />

der 1. Panzerarmee und dem XI. A.K. der 8.<br />

Armee.<br />

Sowjetische Offensive<br />

Nachdem eine erste Zangenbewegung zur<br />

Einkesselung und Vernichtung der deutschen<br />

Kräfte durch die 1. Ukrainische Front<br />

unter Nikolai Watutin und die 2. Ukrainische<br />

Front unter Iwan Konew nicht den gewünschten<br />

Erfolg für die sowjetische Seite<br />

brachte, greift die Rote Armee Ende Januar<br />

1944 erneut an. Dieses Mal lautet das Ziel<br />

der beiden Zangenflügel Swenigorodka südwestlich<br />

von Tscherkassy. Zu Beginn der Angriffsoperation<br />

beträgt die sowjetische Truppenstärke<br />

circa 340.000 Mann. Die beteiligten<br />

Verbände verfügen über mehr als 5.000<br />

Geschütze und Granatwerfer, 520 Panzer<br />

und circa 1.050 Kampfflugzeuge.<br />

Gegen einen an Mensch und Material<br />

deutlich überlegenen Gegner führen die abgekämpften<br />

und unterversorgten Verbände<br />

der unter dem Oberbefehl von Generalfeldmarschall<br />

Erich von Manstein stehenden<br />

HGr. Süd von Anfang an einen nahezu aus-<br />

42


„Todesfalle”<br />

KARTE<br />

Kessel von Tscherkassy-Korsun 1944<br />

Lage vom 4. bis 17. Februar 1944<br />

Ausbruch vom 16. bis 18. Februar 1944<br />

sichtslosen Kampf. Neben einigen Divisionen<br />

der Wehrmacht unterstehen ihr auch die<br />

kampferprobte 5. SS-Panzerdivision „Wiking“<br />

unter dem Kommando von SS-Gruppenführer<br />

Herbert Otto Gille und die etwa<br />

2.000 Mann starke SS-Sturmbrigade „Wallonien“<br />

(auch: „Wallonie“).<br />

Diesen Verbänden gehören vor allem<br />

Freiwillige aus sogenannten germanischen<br />

Ländern an – darunter Norwegen, Dänemark<br />

und die Niederlande. Bei den Soldaten<br />

der SS-Sturmbrigade handelt es sich vor allem<br />

um belgische bzw. wallonische Freiwillige<br />

in deutschen Diensten.<br />

Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich<br />

Am 24. Januar 1944 beginnt der ungleiche<br />

Kampf: Die 2. Ukrainische Front greift aus<br />

östlicher Richtung Schpola an. Die Truppen<br />

der 1. Ukrainischen Front folgen wenig später<br />

mit einem Angriff in südwestlicher Richtung<br />

auf Swenigorodka.<br />

Am 28. Januar gelingt es den sowjetischen<br />

Flügeln, sich bei Swenigorodka zu vereinen.<br />

Mehrere, zum Teil stark dezimierte deutsche<br />

Divisionen sind damit eingekesselt – insgesamt<br />

fast 60.000 Soldaten von Wehrmacht<br />

und Waffen-SS.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

43


Schlachten der Weltgeschichte | Tscherkassy 1944<br />

KAMPFERPROBT: Angehörige der SS-<br />

Brigade „Wallonien“ bringen einen Granatwerfer<br />

in Stellung, am linken Arm<br />

tragen sie auf der Uniform unterhalb<br />

des Ärmeladlers ihr charakteristisches<br />

Abzeichen. Foto: picture-alliance/ZB©dpa<br />

In dieser Situation muss nun das Oberkommando<br />

der HGr. Süd entscheiden, wie die<br />

Eingeschlossenen aus der Umklammerung<br />

des Gegners befreit werden können.<br />

Eine Meinungsverschiedenheit der Heeresgruppenführung<br />

mit Hitler, der den Kessel<br />

als „Festung am Dnjepr“ halten wollte,<br />

erschwerte und verzögerte die Entscheidungsfindung.<br />

Generalfeldmarschall von Manstein sollte<br />

schließlich auf neun Panzerdivisionen<br />

(PzDiv.) für seinen im Rahmen einer weiträumigen<br />

Offensive vorgetragenen Angriff zu-<br />

rückgreifen können. Allerdings stehen zu Beginn<br />

der Operation am 1. Februar 1944 mit<br />

der 11. und der 13. Panzerdivision nur zwei<br />

von ihnen einsatzbereit zur Verfügung. Zudem<br />

verwandelt ein überraschender Warmlufteinbruch<br />

den Frontabschnitt Anfang Februar<br />

in eine riesige Schlammwüste. Dies behindert<br />

den Vormarsch der Panzer zusätzlich.<br />

Hoffen auf Bäkes Panzer<br />

Während das XXXXVII. Panzerkorps unter<br />

Generalleutnant Nikolaus von Vormann<br />

(1895–1959) im Wesentlichen damit beschäftigt<br />

ist, überlegene Feindkräfte zu binden,<br />

soll das stärkere III. Panzerkorps unter General<br />

der Panzertruppe Hermann Breith (1892–<br />

1964) den Hauptstoß des Entsatzangriffs zur<br />

Befreiung der Eingekesselten durchführen.<br />

Besonders das schwere Panzerregiment<br />

Bäke, benannt nach seinem Kommandeur<br />

Franz Bäke (1898–1978), gilt mit seinen modernen<br />

Kampfpanzern vom Typ „Tiger“<br />

und „Panther“ als schlagkräftiger Verband.<br />

Allerdings treffen die für den Entsatzvorstoß<br />

vorgesehenen Verbände nur nach und<br />

nach im Kampfraum ein. Sie mussten zuvor<br />

erst aus anderen Frontabschnitten herausgelöst<br />

werden.<br />

Während es der 16. Pz.Div. am 8. Februar<br />

gelingt, jenseits des Flusses Gniloi Tikitsch<br />

einen Brückenkopf zu errichten, erreicht die<br />

11. Pz.Div. am 12. Februar 1944 schließlich<br />

die Höhen südlich von Swenigorodka. Ihr<br />

Vorstoß kommt jedoch rund 25 Kilometer<br />

vom Kessel entfernt zum Erliegen.<br />

Inzwischen hat sich Erich von Manstein<br />

für einen Entsatzangriff auf kürzestem Wege<br />

entschieden. Die 16. und 17. Pz.Div. und<br />

Bäkes Panzer sollen den zentralen Stoßkeil<br />

bilden. Das Ziel heißt: Lissjanka. Die Durchführung<br />

der dafür erforderlichen Richtungs-<br />

HOFFNUNGSTRÄGER: Ein schwerer Kampfpanzer VI<br />

„Tiger“. Die leistungsfähigen Panzer von Franz Bäkes<br />

schwerem Panzerregiment starten bei Tscherkassy<br />

zum Entsatzangriff, um ihre eingeschlossenen<br />

Kameraden aus dem Kessel zu befreien.<br />

Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo<br />

44


Verzweifelter Entsatzversuch<br />

BEFEHLSHABER: Die 5. SS-Panzerdivision<br />

„Wiking“ unter ihrem Kommandeur<br />

Herbert Otto Gille (1897–1966) trägt Anfang<br />

1944 die Hauptlast der schweren Kämpfe um<br />

den Kessel von Tscherkassy-Korsun.<br />

Foto: ullstein bild – Walter Frentz<br />

MIT HOHEN VERLUSTEN: Die Verbände<br />

von Armeegeneral Iwan Konews<br />

2. Ukrainischer Front müssen bei den<br />

Kämpfen im Raum Tscherkassy schwere<br />

Verluste hinnehmen und können ein<br />

Ausbrechen der Deutschen aus dem<br />

Kessel am 17./18. Februar 1944 nicht<br />

verhindern. Foto: picture-alliance/AP Images<br />

änderung und das Beziehen neuer Bereitstellungsräume<br />

kosten jedoch wertvolle<br />

Zeit. Die Gesamtlage für die deutschen Verbände<br />

im Kessel wird derweil von Tag zu<br />

Tag prekärer.<br />

Als Mitte Februar 1944 feststeht, dass die<br />

Kräfte der zum Entsatz angetretenen Verbände<br />

nahezu erschöpft sind, ist den Verantwortlichen<br />

auf deutscher Seite klar: Nur ein<br />

gleichzeitiger Ausbruchversuch kann noch<br />

den erhofften Erfolg bringen. Manstein befiehlt<br />

daher am 15. Februar den Ausbruch<br />

der auf engstem Raum um Schanderowka<br />

zusammengezogenen Eingekesselten in<br />

Richtung Südwesten.<br />

Befehl zum Ausbruch<br />

Zumindest haben die Ungewissheit und das<br />

Warten der Eingeschlossenen an diesem Tag<br />

ein Ende, als der ersehnte Funkspruch des<br />

Armeeoberkommandos 8 eintrifft: „An XI.<br />

Armeekorps. Aktionsfähigkeit III. Panzerkorps<br />

witterungs- und versorgungsmäßig<br />

eingeschränkt. Gruppe Stemmermann muss<br />

entscheidenden Durchbruch bei Dshurshenzy<br />

– Höhe 239,0 – zwei Kilometer südlich<br />

davon aus eigener Kraft führen. Dort Vereinigung<br />

mit III. Panzerkorps. Der Durchbruchsstoßkeil<br />

hat unter Führung von Generalleutnant<br />

Lieb und unter Zusammenfassung<br />

aller Angriffskräfte, insbesondere<br />

SS-Panzerdivision „Wiking“, unterstützt<br />

durch Masse der Artillerie, Bresche zu schlagen.<br />

Keine Teilangriffe führen. AOK 8, gez.<br />

Wöhler“.<br />

Generalleutnant Theobald Lieb, Kommandierender<br />

General des XXXXII. A.K., befiehlt<br />

am selben Tag seinen vom Gegner massiv<br />

bedrängten Truppen den Ausbruch, um<br />

den Anschluss an die unter anderem bei<br />

Lissjanka stehenden Teile des III. Panzerkorps<br />

zu erreichen. Die Parole für das Zusammentreffen<br />

mit den Entsatztruppen lautet<br />

„Freiheit“.<br />

Dramatische Szenen<br />

Die Reste der 57. Infanteriedivision und der<br />

88. Infanteriedivision sollen den Plänen zufolge<br />

die Nachhut bilden. Der Angriff ist für<br />

„Wer sich in Russland<br />

verteidigt, muss verlieren.“<br />

Leitsatz von Generalleutnant<br />

Nikolaus von Vormann,<br />

Kommandierender General des<br />

XXXXVII. Panzerkorps<br />

HINTERGRUND<br />

Ende des Jahres 1943 tritt die aus der Wallonischen<br />

Legion hervorgegangene und zuvor<br />

im Juni des Jahres in die Waffen-SS eingegliederte<br />

SS-Sturmbrigade „Wallonien“<br />

(auch: Wallonie“) der 5. SS-Panzerdivison<br />

„Wiking“ zur Seite. Sie war nach den Kämpfen<br />

im Westkaukasus im Winter 1942/43<br />

nach Belgien zurückbeordert worden, wo sie<br />

dann als motorisierte Kampfgruppe neu aufgestellt<br />

wurde.<br />

Die etwa 2.000 wallonischen Freiwilligen<br />

stehen bei Tscherkassy zunächst unter dem<br />

Kommando von Lucien Lippert. Als dieser am<br />

den 16. Februar vorgesehen. Er soll eine<br />

Stunde vor Mitternacht im Schutz der Dunkelheit<br />

beginnen.<br />

Ein markanter geografischer Punkt spielt<br />

beim Ausbruch aus dem Kessel von Tscherkassy<br />

(auch: Tscherkassy-Korsun) eine besondere<br />

Rolle: Die Eingeschlossenen mussten<br />

die „Höhe 239“ passieren, um zu den eigenen<br />

Linien zu gelangen. Doch genau auf<br />

dieser strategisch bedeutsamen Anhöhe hat<br />

die Rote Armee eine stark befestigte Riegelstellung<br />

errichtet.<br />

Trotz heftiger Angriffe gelingt es den<br />

deutschen Entsatzverbänden nicht, die<br />

wichtige „Höhe 239“ zu nehmen. Hier spielen<br />

sich in der Phase des Ausbruchs besonders<br />

dramatische Szenen ab: Soldaten, die<br />

fälschlicherweise davon ausgehen, die Höhe<br />

sei in deutscher Hand, werden von den dort<br />

verschanzten Russen scharenweise niedergemacht.<br />

Das vermeintliche „Tor zur Freiheit“<br />

wird für viele der ausbrechenden Soldaten<br />

zur tödlichen Falle. Auch die eisigen<br />

Fluten des Gniloi Tikitsch werden vielen der<br />

entkräfteten Soldaten zum Verhängnis.<br />

Allerdings gelingt es trotz hoher Verluste<br />

dem größten Teil der Eingeschlossenen, die<br />

von Hitler unter das Kommando von General<br />

der Artillerie Wilhelm Stemmermann<br />

SS-Sturmbrigade „Wallonien“<br />

13. Februar bei Nowa Buda im Raum Tscherkassy<br />

fällt, übernimmt Léon Degrelle die<br />

Führung der Brigade.<br />

Diese ist stark motorisiert und gut ausgerüstet.<br />

Sie verfügt neben einer Vielzahl an<br />

Fahrzeugen, über Sturmgeschütze, Infanteriegeschütze,<br />

Pak und Flak.<br />

Die Soldaten der Sturmbrigade erweisen<br />

sich im Januar/Februar bei den Kämpfen im<br />

Raum Tscherkassy als besonders harter<br />

Gegner für die zahlenmäßig weit überlegene<br />

Rote Armee. Etwa 700 von ihnen gelingt der<br />

Ausbruch aus dem Kessel.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

45


Schlachten der Weltgeschichte<br />

IM QUARTETT: Die Offiziere Herbert Gille,<br />

Theobald Lieb und Léon Degrelle (v.l.n.r.)<br />

mit Reichspressechef (ganz rechts) Otto<br />

Dietrich am Rande der „Tscherkassy-Pressekonferenz”<br />

in Berlin, Frühjahr 1944.<br />

Foto: picture-alliance/akg-images<br />

(XI. A.K.) gestellt wurden, entlang der Linie<br />

Dshurshenzy – Lissjanka – Potschapinzy das<br />

rettende Ufer auf der anderen Seite des Gniloi<br />

Tikitsch zu erreichen.<br />

Der 55-jährige Stemmermann selbst fällt<br />

am 18. Februar 1944 beim Ausbruchsversuch.<br />

Er wird am 20. Februar 1944 namentlich<br />

im Wehrmachtbericht erwähnt und posthum<br />

mit dem „Eichenlaub zum Ritterkreuz<br />

des Eisernen Kreuzes“ ausgezeichnet.<br />

Im Gegensatz zu Stemmermann schafft<br />

Generalleutnant Lieb den Durchbruch zu<br />

den eigenen Linien. Ihn erreichte bereits am<br />

IN GEFANGENSCHAFT: Eine Vielzahl deutscher<br />

Soldaten muss den schweren Gang in<br />

sowjetische Lager antreten.<br />

Foto: picture-alliance/akg-images/RIA Nowosti


Ans rettende Ufer<br />

… Jahrhundert.<br />

384 Seiten · ca. 450 Abb. · 21,5 x 27,6 cm<br />

€ [A] 46,30 · sFr. 59,90<br />

ISBN 978-3-7658-2033-5 € 45,–<br />

PROPAGANDA: Zeitgenössische Darstellung eines Angriffs der Roten Armee mit Panzern<br />

und Raketenwerfern auf Stellungen der Wehrmacht.<br />

Abb.: picture-alliance/akg-images<br />

DOKUMENT<br />

NKFD-Flugblatt vom Februar 1944<br />

Der Ausweg: Eure Lage im Kessel ist aussichtslos.<br />

Alle Versuche des Entsatzes und<br />

Ausbruchs sind gescheitert. Die Vernichtung<br />

des Kessels schreitet unaufhaltsam voran.<br />

Eure Rettung: Stellt unverzüglich die Kampfhandlungen<br />

ein und tretet auf die Seite des<br />

„Nationalkomitees Freies Deutschland“.<br />

Sendet sofort zu mir Bevollmächtigte, mit denen<br />

ich die Einzelheiten des Übertritts besprechen<br />

kann.<br />

Kennzeichen: dieser Ausweis.<br />

Parole: „General Seydlitz!“<br />

Das freie, unabhängige Deutschland soll erstehen.<br />

Es braucht Euch!<br />

[gez.] Walther von Seydlitz,<br />

General der Artillerie, Präsident des<br />

„Bundes Deutscher Offiziere“,<br />

Vizepräsident des „Nationalkomitees Freies<br />

Deutschland“.<br />

224 Seiten · ca. 200 Abb. · 22,8 x 22,8 cm<br />

€ [A] 25,70 · sFr. 34,90<br />

ISBN 978-3-7658-2038-0 € 24,99<br />

17. Februar ein Glückwunschtelegramm des<br />

Oberbefehlshabers der 8. Armee, General<br />

der Infanterie Otto Wöhler: „Lieber Lieb.<br />

Herzlich willkommen bei uns. Hoffentlich<br />

glückt noch recht vielen tapferen Soldaten<br />

der Durchbruch in die Freiheit.“ Auch Lieb<br />

erhält am 18. Februar das „Eichenlaub zum<br />

Ritterkreuz“.<br />

Während circa 40.000 Soldaten von Wehrmacht<br />

und Waffen-SS, darunter etwa 4.000<br />

zuvor ausgeflogene Männer, dem Inferno im<br />

Kessel von Tscherkassy entkommen, trifft<br />

dies für schätzungsweise 16.000 bis 18.000<br />

Eingekesselte nicht zu.<br />

Über die Verluste der Roten Armee können<br />

keine genauen Angaben gemacht werden.<br />

Sie liegen aber vermutlich deutlich über<br />

der Zahl an Toten und Verwundeten auf<br />

deutscher Seite.<br />

Der „Todesfalle” entronnen<br />

Zwar gelingt es den Deutschen durch den<br />

Teilausbruch aus der „Todesfalle“, die vollständige<br />

Vernichtung der fast 60.000 Eingekesselten<br />

zu verhindern und immerhin<br />

knapp zwei Drittel von ihnen zu retten. Dennoch<br />

bedeutet der Ausgang der Kesselschlacht<br />

eine weitere herbe Niederlage für<br />

die Wehrmacht an der Ostfront.<br />

Die „Deutsche Wochenschau“ berichtet<br />

Anfang März 1944 über die schweren Kämpfe<br />

im Raum Tscherkassy. Die NS-Propaganda<br />

inszeniert ein Treffen von Reichspropagandaminister<br />

Joseph Goebbels und Frontsoldaten,<br />

die den Durchbruch durch den sowjetischen<br />

Einschließungsring schafften, und<br />

wertet den Teilausbruch als großen Erfolg.<br />

Die Zerschlagung des XI. A.K. und des<br />

XXXXII. A.K. durch den Gegner sollte jedoch<br />

die Voraussetzung für den anschließenden<br />

Durchbruch der Roten Armee über Bug und<br />

Dnjestr im März 1944 schaffen.<br />

Dr. Tammo Luther, Jg. 1972, verantwortlicher Redakteur<br />

von <strong>CLAUSEWITZ</strong> und freier Autor und Lektor in<br />

Schwerin mit Schwerpunkt „Deutsche Militärgeschichte<br />

des 19. und 20. Jahrhunderts“.<br />

224 Seiten · ca. 80 Abb. · 14,3 x 22,3 cm<br />

€ [A] 20,60 · sFr. 27,90<br />

ISBN 978-3-7658-1851-6 € 19,99<br />

288 Seiten · ca. 50 Abb. · 14,3 x 22,3 cm<br />

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ISBN 978-3-7658-1850-9 € 19,99<br />

Erlebnis Geschichte<br />

Auch als eBook erhältlich<br />

Clausewitz 4/2014


Das historische Dokument<br />

Der Dreimächtepakt<br />

Mächtiges<br />

Militärbündnis?<br />

1940: Deutschland, Italien und<br />

Japan schließen einen zehnjährigen<br />

Pakt. Handelt es sich bei<br />

dieser Achse Berlin–Rom–Tokio<br />

um eine effektive Allianz oder<br />

um eine kraftlose Koalition?<br />

Von Peter Andreas Popp<br />

Im offiziellen Olympia-Buch zu den Berliner<br />

Spielen von 1936 findet sich auf Seite<br />

111 als Bildunterschrift zur Entscheidung<br />

im 400-Meter-Freistil eine für das NS-Regime<br />

bezeichnende Passage. Sie lautet in Kommentierung<br />

des Sieges des US-Sportlers Medica<br />

über den Japaner Uto: „Den Vorteil, den die<br />

Natur der weißen Rasse gab, vermag auch<br />

die verbissenste Energie der Söhne des Fernen<br />

Ostens nur schwer auszugleichen.“<br />

Die Worte lassen erahnen, worauf die Brisanz<br />

des Dreimächtepaktes zwischen dem<br />

Deutschen Reich, Italien und Japan vom 27.<br />

September 1940 unter anderem beruhte: Es<br />

war ein Bündnis, welches nicht ins rassistische<br />

Raster des NS-Staates passte und dennoch<br />

geschlossen wurde aus ganz bestimmten<br />

Überlegungen. Diese ihrerseits geben<br />

Anlass zur Legendenbildung in zweierlei<br />

Form: (1) hier sei eine ganz konkrete antisowjetische<br />

Allianz geschlossen worden,<br />

und (2) drei antidemokratisch orientierte<br />

Mächte hätten eine Verschwörung ausgeheckt.<br />

Die Verschwörung erwies sich letztlich<br />

inhaltlich als nicht vorhanden. Ersteres<br />

würde passen, wenn man den Dreimächtepakt<br />

als logische Fortsetzung des am 22. Mai<br />

1939 geschlossenen Militärbündnisses der<br />

beiden ideologisch verwandten Mächte, Hitlers<br />

Deutschland und Mussolinis Italien,<br />

werten könnte, welches den martialischen<br />

Namen „Stahlpakt“ trug.<br />

Stalin wird nicht umstellt<br />

Die rasseideologische Schräglage des Dreimächtepaktes<br />

erfährt zweifellos auch dadurch<br />

eine Relativierung, da das nationalso-<br />

PROBLEMATISCHER PAKT: Die Allianz ist aus Sicht Tokios und Berlins primär gegen die<br />

USA gerichtet, die von einem Eingreifen in den Krieg abgeschreckt werden soll. Konkrete<br />

Beistandsverpflichtungen bleiben aber vage formuliert. Das Titelbild der Zeitschrift „Signal“<br />

zeigt die japanische und italienische Delegation zusammen mit Außenminister Ribbentrop<br />

in der Reichskanzlei in Berlin.<br />

Abb.: picture alliance/akg<br />

zialistische Deutschland zusammen mit der<br />

stalinistischen Sowjetunion am 23. August<br />

1939 eine Vereinbarung getroffen hatte. Diese<br />

zielte auf die Auslöschung der staatlichen<br />

Existenz Polens. Außerdem sollte ein Zweifrontenkrieg<br />

bei dem „Waffengang“ zunächst<br />

vermieden werden, der am 1. September<br />

1939 auf Veranlassung Hitlers losbrach –<br />

der Zweite Weltkrieg. Ideologisch passt auch<br />

dieses Abkommen nicht.<br />

Doch die Zusammenschau beider Abkommen<br />

in ideologischer Schräglage ist geboten.<br />

Zu einem Zweifrontenkrieg (wie<br />

<strong>1914</strong>–18) wurde der Zweite Weltkrieg erst in<br />

48


dem Augenblick, als die Wehrmacht die<br />

Sowjetunion angriff: am 22. Juni 1941. Von<br />

da an befand sich das nationalsozialistische<br />

Deutschland im ideologisch „richtigen“ und<br />

dann auch entsprechend brutal und menschenverachtend<br />

geführten Krieg. Indes, am<br />

Rasse- und Vernichtungskrieg gegen die<br />

Sowjetunion nahm als Komplize gerade<br />

nicht das japanische Reich teil.<br />

Wozu dann dieser Pakt?<br />

(1)Unterschiedliche Akteure prägen die NS-<br />

Außenpolitik.<br />

(2)Der Zweite Weltkrieg besitzt einen asiatischen<br />

Vorlauf: den Angriff der Militärmonarchie<br />

Japan auf China seit der Mandschurei-Krise<br />

von 1931.<br />

(3)Die Interessenlage der vertragsschließenden<br />

Parteien vom 27. September 1940 ist<br />

äußerst heterogen. Eine konzertierte Aktion<br />

gegen die Sowjetunion konnte gar<br />

nicht zustande kommen. Mithin stand ein<br />

anderes Zielobjekt als die Sowjetunion für<br />

alle drei Unterzeichnerstaaten im Vordergrund,<br />

was zu der These Anlass gibt, dass<br />

dieser Pakt entweder von Dilettantismus<br />

oder von Bluff oder gar von beidem<br />

zeugt. Denn die Sowjetunion wäre wirklich<br />

vor dem existenziellen Ende gewesen,<br />

wenn sie sich einem Zweifrontenkrieg<br />

ab Juni 1941 hätte stellen müssen.<br />

Dies geschah aber nicht. Im Dezember<br />

1941 kann Stalin seine „frischen“ sibirischen<br />

Divisionen in die Schlacht um Moskau<br />

werfen. Damit ist das Unternehmen<br />

„Barbarossa“ endgültig gescheitert.<br />

Literaturtipps<br />

Hinweis: Jüngeres Schrifttum mit neuen Erkenntnissen<br />

zu dieser Materie findet sich im<br />

deutschen Sprachraum momentan nicht. Die<br />

folgenden Literaturangaben decken aber alle<br />

Aspekte des Vertrages gut ab.<br />

Barnhart, Michael A.: Japan Prepares for Total<br />

War. The Search for Economic Security,<br />

1919–1941, Ithaca, N.Y. - London 1987.<br />

Martin, Bernd: Die deutsch-japanischen Beziehungen<br />

während des Dritten Reiches, in: Hitler,<br />

Deutschland und die Mächte. Materialien zur<br />

Außenpolitik des Dritten Reichs, Hg. Manfred<br />

Funke, TB Düsseldorf (Athenäum Droste) 1979,<br />

S. 454–470.<br />

Martin, Bernd: Das deutsch-japanische Bündnis<br />

im Zweiten Weltkrieg, in: Der Zweite Weltkrieg.<br />

Analysen – Grundzüge – Forschungsbilanz,<br />

im Auftrag des MGFA hgg. von Wolfgang Michalka,<br />

Neudruck Weyarn (Seehamer Verlag) 1997,<br />

S. 120–137.<br />

Rahn, Werner: Der Krieg im Pazifik, in: Das<br />

Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, hg.<br />

MGFA, Bd. 6, Stuttgart (DVA) 1990, S. 173–271.<br />

Der Reihe nach: Die NS-Außenpolitik ist<br />

in der Tat bis zum Dreimächtepakt von mehreren<br />

konkurrierenden Instanzen geprägt.<br />

Diese Konkurrenz dokumentiert sowohl das<br />

langsame Abtreten wie auch das Hineinwachsen<br />

der alten Eliten im Auswärtigen<br />

Amt in den NS-Staat. Auf deutscher Seite<br />

steht hinter dem Dreimächtepakt (genau wie<br />

schon hinter dem Hitler-Stalin-Pakt!) Joachim<br />

von Ribbentrop, Reichsaußenminister<br />

seit dem 4. Februar 1938. Ribbentrop ist bis<br />

kurz vor Kriegsbeginn fest davon überzeugt,<br />

dass Großbritannien nicht in den Krieg eintreten<br />

wird. Es kommt bekanntlich anders.<br />

Seine Überlegung zielt seitdem darauf, die<br />

Außenpolitik Deutschlands so zu gestalten,<br />

dass Großbritannien für diesen „Fehltritt“ eine<br />

Lektion erteilt und zugleich als „germanischer<br />

Cousin“ nicht vernichtet wird – was<br />

auch mit Hitlers Weltsicht korrespondiert.<br />

„Voller Ressentiments gegenüber dem Opportunismus<br />

der ‚gelben‘ Japaner, im Windschatten der deutschen<br />

Siege ihren Machtbereich zu arrondieren,<br />

sprach Hitler verächtlich von ‚Erntehelfern‘.“<br />

Bernd Martin, in: Hitler, Deutschland und die Mächte, S. 466<br />

Brüchiges Bündnis<br />

Diesem Ziel einer „Lektion“ entspricht der<br />

Dreimächtepakt nach Ribbentrops Auffassung<br />

aufs vorzüglichste: Die Bildung eines<br />

eurasischen Landblocks, repräsentiert durch<br />

das in Nordafrika bald sehr glücklos agierende<br />

Italien und das dafür im pazifischen<br />

Raum umso erfolgreichere Japan, werde<br />

Großbritannien in Bälde als Kriegsteilnehmer<br />

neutralisieren.<br />

Ribbentrops naives, aber in der deutschen<br />

Militärgeschichte gar nicht so einsam im Raume<br />

stehendes, Kalkül harmoniert mit den<br />

Ressentiments extremer japanischer Militärkreise,<br />

die auf eine militärische Konfrontation<br />

mit Großbritannien zielen (um dadurch<br />

umso leichter im südasiatischen Raum in<br />

Richtung Australien und Indien expandieren<br />

zu können). Aus deren Sicht war eine Neutralisierung<br />

Deutschlands geboten – gerade für<br />

den Fall, dass Großbritannien sich der neuen<br />

europäischen Hegemonialmacht Deutschland<br />

beugen würde und das geballte europäische<br />

Potential dem Aufbau einer „ostasiatischen<br />

Wohlstandssphäre“ entgegenstünde.<br />

Das heißt, mit dem Dreimächtepakt werden<br />

machtpolitische Claims abgesteckt, und<br />

dies spricht indizienhaft für eine Verschwörung.<br />

Aber: Es folgen daraus keine konkreten<br />

auf- und miteinander abgestimmten Angriffspläne<br />

im Sinne des gemeinsam vereinbarten<br />

Zieles „Aufteilung der Welt in Einflusssphären“.<br />

Jede der vertragsschließenden<br />

Parteien glaubt, sein Imperium allein<br />

realisieren zu können. Japan und die Sowjetunion<br />

schließen gar am 13. April 1941 einen<br />

auf fünf Jahre befristeten Neutralitätspakt.<br />

Japan steht vor dem Dilemma, entweder<br />

zur See oder zu Lande zu expandieren. Dahinter<br />

verbergen sich auch unterschiedliche<br />

expansionistische Strömungen im Militär,<br />

vereinfachend wiedergegeben in der Formel<br />

„Heer gegen Marine“. Das Ergebnis ist bis<br />

dahin ein für die betroffenen asiatischen Völker<br />

dennoch unangenehmer Formelkompromiss:<br />

die den Aufbau japanischer Macht zur<br />

See flankierende Expansion auf dem asiatischen<br />

Festland. Zu raumgreifenden militärischen<br />

Handlungen in den Weiten Sibiriens<br />

ist Japan nicht in der Lage. Festlandsbesitz in<br />

der Mandschurei und Korea benötigt es, um<br />

Energiesicherheit für das Ausgreifen in den<br />

pazifischen Raum zu erhalten.<br />

Vereinte Verbrecher-Regime<br />

An diesem Punkt kommen die USA ins Spiel.<br />

Mit der Chicagoer „Quarantäne-Rede“ vom<br />

5. Oktober 1937 hat US-Präsident Roosevelt<br />

dokumentiert, dass die USA Aggressoren<br />

fortan unter „Quarantäne“ stellen werden.<br />

Einen Tag nach Abschluss des Dreimächtepaktes<br />

verhängen die USA erstmals Embargo-Maßnahmen<br />

gegen Japan. Fortan steht<br />

dessen Erdölversorgung auf dem Spiel.<br />

Angesichts der Tatsache, dass nach dem<br />

japanischen Angriff auf Pearl Harbor nicht<br />

die USA Deutschland, sondern Deutschland<br />

den USA den Krieg erklärt, würde nun wieder<br />

„Dreimächtepakt“ im stimmig-aggressiven<br />

Sinne passen. Doch bei genauem Hinsehen<br />

ist er nichts anderes als eine – diplomatisch<br />

ausgedrückt – temporäre strategische<br />

Allianz von „Partnern“, deren kleinster gemeinsamer<br />

Nenner die Verachtung von Freiheit<br />

und Demokratie ist. Spöttisch könnte<br />

man aus deutscher Sicht auch in Anspielung<br />

auf die berufliche Vergangenheit Ribbentrops<br />

sagen: „Ribbentrop Spätlese, Jahrgang 1940“.<br />

Dr. Peter Andreas Popp, Oberstleutnant, ist<br />

Lehrstabsoffizier für Militärgeschichte und ständiger<br />

Mitarbeiter von <strong>CLAUSEWITZ</strong>.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

49


Militär und Technik | Brückenleger<br />

IN AKTION: Durch das horizontale<br />

Verschiebemontage der Brückenelemente<br />

und den freien Vorbau über das Hindernis<br />

fällt die Panzerschnellbrücke „Biber“ im<br />

Gelände kaum auf. Foto: bwpict-4443622<br />

Brückenlegepanzer von NVA und Bundeswehr<br />

Starke „Wegbereiter“<br />

1960–1980er-Jahre: Mit ihrer Hilfe können natürliche und künstliche Hindernisse aus der<br />

Bewegung heraus überwunden werden. Die „Brückenleger“ aus Ost und West sollen/sollten<br />

den motorisierten Heeresverbänden im Ernstfall den Weg bereiten. Von Jörg-M. Hormann<br />

Im Winter 1971 auf dem Truppenübungsplatz<br />

Wittstock (DDR): Geübt wird die<br />

Überwindung eines natürlichen Hindernisses<br />

unter Gefechtsbedingungen mit<br />

Kampfpanzern vom Typ T-55A. Die Übung<br />

erscheint unproblematisch, wenn das Schneetreiben<br />

nicht wäre. Was hatte der Fahrausbilder<br />

gesagt: „Kommen Sie nicht auf die Idee,<br />

auf der Spurbrücke eine Lenkbewegung zu<br />

machen, sonst liegen Sie im Graben“. Dies ist<br />

keine erbauliche Vorstellung bei 36 Tonnen<br />

Gefechtsmasse um einen herum. Kurz vorher<br />

hat das Brückenlegegerät (BLG) 60 die<br />

zwei Teile seiner Spurbrücke turmhoch angehoben,<br />

hydraulisch wie eine Schere gespreizt<br />

und abgesenkt. Jetzt liegt die Brücke,<br />

20 Meter lang, über dem 15 Meter breiten<br />

Graben und besitzt genau die Kettenbreite<br />

des T-55. Nur wenn sie absolut gerade angefahren<br />

wird und der Fahrer nicht nachlenken<br />

muss, entgeht man der Ausbilderwarnung<br />

von oben. Das Herzklopfen bleibt trotzdem.<br />

Jeder Panzerfahrer kennt das mulmige Gefühl<br />

beim Erklimmen einer Rampe, wenn der<br />

Blick durch die Winkelspiegel nur grauen<br />

Himmel bietet – dieses Mal zusätzlich mit<br />

Schneeflocken. Beim Kippen nach vorn hält<br />

man die Luft an und ist froh, noch auf der<br />

Spurbrücke zu sein.<br />

DDR kauft von der Sowjetunion<br />

Dieses Gefühl war beim Vorgängermodell<br />

des BLG-60 noch deutlich ausgeprägter. Die<br />

Vorschubspurbrücke des russischen Brückenlegers<br />

MTU-12 verfügte über eine sehr<br />

VORREITER: Brückenlegegerät MTU-54 der<br />

NVA, horizontale Vorschubbrücke.<br />

Foto: Slg. Dirk Krüger<br />

winklige Auffahrtrampe. Vom Panzer dieses<br />

Typs kauft die DDR zwölf fabrikneue Geräte<br />

beim „großen Bruder“ Sowjetunion und<br />

führt ihn als MTU-54 bei den Pioniertruppen<br />

der NVA-Landstreitkräfte im Jahr 1962 ein.<br />

Die Ziffer 12, nach der russischen Abkürzung<br />

MTU für Brückenleger, bezieht sich auf<br />

die Brückenlänge von zwölf Metern. Bei der<br />

NVA-Benennung steht die Ziffer 54 für das<br />

verwendete Basisfahrzeug. Hier kommt der<br />

mittlere Kampfpanzer T-54 ohne Turm und<br />

Kanonenbewaffnung zur Verwendung.<br />

WEITERENTWICKLUNG: Stützschild des<br />

BLP-72 mit Nebelgranaten-Verschussanlage.<br />

Foto: Slg. Dirk Krüger<br />

50


ÜBUNG: Ein Brückenlegegerät<br />

BLG-60 auf einer selbst fahrenden<br />

Fähre GSP 55 bei der<br />

Flussüberquerung.<br />

Foto: Sammlung Dirk Krüger<br />

PARADE: Brückenleger der NVA vom Typ MTU-54 rollen im Rahmen einer Parade über die<br />

Straßen Ostberlins.<br />

Foto: Sammlung Dirk Krüger<br />

Die Panzer ihrer Landstreitkräfte muss<br />

sich die DDR bei den Vertragsstaaten des<br />

Warschauer Paktes „zusammenkaufen“. Sie<br />

stammen aus der Sowjetunion, oder es sind<br />

Lizenzfertigungen der russischen Typen aus<br />

Polen, der Tschechoslowakei oder Bulgarien.<br />

Eine eigene Panzerproduktion wird in der<br />

DDR nicht aufgebaut – mit einer Ausnahme.<br />

Zumindest die Brückensysteme ihrer Brückenleger<br />

lässt die NVA im eigenen Staat<br />

produzieren. Im Osten wird die DDR Vorreiter<br />

bei der militärischen Brückenlegetechnik.<br />

Dies geht so weit, dass der modernste russische<br />

Brückenleger von heute, MTU-90, auf<br />

die Erfahrungen und Entwicklungen der<br />

Doppelscherenbrücke des Brückenlegepanzers<br />

BLP-72 aus DDR-Zeiten zurückgreift.<br />

Überwindung von Hindernissen<br />

Im möglichen Ernstfall des Kalten Krieges<br />

ergibt sich für angreifende Panzertruppen<br />

beider Seiten in der Topografie des Kriegsschauplatzes<br />

Mitteleuropa eine Vielzahl von<br />

Hindernissen. Diese könnten das Vorstürmen<br />

der motorisierten Verbände stoppen,<br />

wenn Straßen und Wege nicht zur Verfügung<br />

stehen. Jedes tiefe, ungängige Hindernis,<br />

das die Überschreitfähigkeit von Kampfpanzern<br />

(etwa 2,50 Meter) in der Länge übertrifft<br />

und nicht sofort umfahren werden<br />

kann, erfordert pioniertechnische Hilfestellung<br />

unter Gefechtsverhältnissen. Jedes breite<br />

Sumpfloch, ein breiterer Bachlauf mit weichen<br />

Ufern, ein steiler Abhang und auch der<br />

klassische Panzergraben stellen eine „Angriffsbremse“<br />

dar.<br />

„OBEN OHNE“: Das Brückenlegegerät MTU-<br />

12, das bei der NVA nach seinem T-54-Basispanzer<br />

MTU-54 genannt wird, mit abgelegter<br />

Vorschubbrücke. Foto: Sammlung Dirk Krüger<br />

In den Forderungen des DDR-Pionierwesens<br />

aus dem Jahr 1973 an „wissenschaftlichtechnische<br />

Leistungen zur Aufnahme in den<br />

Perspektivplan 1976 bis 1980“ ist unter anderem<br />

die Entwicklung eines neuen Brückenlegepanzers<br />

aufgeführt. In zeitgemäßer Formulierung<br />

wird die Notwendigkeit von Brückenlegern<br />

umschrieben: „Auf Grund der<br />

steigenden Forderungen an die Pioniersicherstellung<br />

der Gefechtshandlungen ist die<br />

Entwicklung eines neuen Brückenlegepanzers<br />

notwendig. Er dient der Erhöhung der<br />

Beweglichkeit und Manövrierfähigkeit der<br />

Gefechtselemente der ersten Staffel, vorrangig<br />

der mit gepanzerter Technik ausgerüsteten<br />

Einheiten, durch das Verlegen der<br />

Sturmbrücke aus der Bewegung heraus<br />

über schmale natürliche und künstliche<br />

Hindernisse ohne Vorbereitung der Ufer<br />

bzw. Ränder. Als Basisfahrzeug dient ein<br />

moderner mittlerer Panzer.“ Die Kernaussage<br />

ist, dass Brückenleger mit vorrückenden<br />

Clausewitz 4/2014<br />

51


Militär und Technik | Brückenleger<br />

Zum Ablauf:<br />

Aufrichten, aufklappen und über dem<br />

Hindernis absenken.<br />

1<br />

2<br />

DRITTER MANN: Neben dem Kommandanten und dem Fahrer zählte zur MTU-54-Besatzung<br />

ein Fla-MG-Schütze.<br />

Foto: Sammlung Dirk Krüger<br />

3<br />

Panzerverbänden mitmarschieren. Dies bedeutet<br />

zugleich, dass die Basisfahrzeuge für<br />

die getragene Brückenkonstruktion dem<br />

technischen Leistungsstand der angreifenden<br />

Kampfpanzer entsprechen müssen. Ändert<br />

sich dieser entscheidend, ist auch der<br />

Bau eines neuen Brückenlegers erforderlich<br />

– zumindest, was die Transportbasis betrifft.<br />

Neuentwicklung nötig<br />

Genau daran lässt sich die Entwicklungslinie<br />

der NVA-Brückenleger recht gut ablesen.<br />

Schon 1956 gibt es Überlegungen im Bereich<br />

des Pionierwesens, dem Mangel an beweglichen<br />

Übersetzmitteln mit der Neuentwicklung<br />

eines Brückenlegegerätes zu begegnen.<br />

Als Basisfahrzeug muss Verwendung finden,<br />

was zur Verfügung steht. Und das sind die<br />

Wanne und das Fahrwerk des mittleren<br />

Kampfpanzers T-34/76 ohne Panzerturm.<br />

Zwei Jahre später geht das 34,8 Tonnen<br />

schwere Brückenlegegerät (BLG) 34 in die<br />

Truppenerprobung.<br />

Die vorausschauende technische Lösung<br />

bleibt jedoch ein Einzelstück. Größter Nachteil<br />

des Systems ist die notwendige Sicherung<br />

des Verlege-Fahrzeugs am Heck durch ein entsprechendes<br />

„Schwergewicht“, um ein Abheben<br />

und Umkippen zu verhindern. Allein die<br />

zwei Teile der Faltbrücke nach dem Scherensystem<br />

machen 11,5 Tonnen der Gefechtsmasse<br />

aus. Die 20 Meter lange Spurbahnbrücke, ei-<br />

4<br />

BRÜCKENLEGEGERÄT BLG-60 AUF BASIS DES T-55A<br />

Brückenspurbahn<br />

der Panzerbrücke.<br />

Schwimmfähiges Brückenpaket<br />

als voll verschweißte Kastenkonstruktion<br />

aus DDR-Fertigung.<br />

Über den Abstützbock am Bug werden die<br />

Kräfte der Scherenbrücke beim Auslegen und<br />

Aufnehmen auf den Untergrund abgetragen.<br />

5<br />

Fotos: Sammlung Dirk Krüger<br />

Scherengelenk der beiden<br />

Spurbahnelemente.<br />

Abschleppseil und<br />

Werkzeugkästen.<br />

Fahrzeugbasis T-55A mit<br />

modifizierter Wanne<br />

Fahrer- und Kommandantenluken.<br />

Foto: Sammlung Dirk Krüger<br />

52


Für den schnellen Vormarsch<br />

TECHNISCHE DATEN<br />

Brückenlegegeräte der Landstreitkräfte der NVA<br />

Brückenlegegerät MTU-54<br />

(Basisfahrzeug T-54)<br />

Brückenlegegerät BLG-60<br />

(Basisfahrzeug T-55A)<br />

Brückenlegegerät BLG-60M2<br />

(Basisfahrzeug T-55A)<br />

Gefechtsmasse 36,0 t (mit Brücke) 40,0 t (mit Brücke) 40,3 t (mit Brücke)<br />

Länge 12,26 (mit Brücke) 10,70 m (mit Brücke) 10,70 m (mit Brücke)<br />

Breite 3,27 m 3,27 m 3,47 m<br />

Höhe 2,80 m (mit Brücke) 3,35 m (mit Brücke) 3,35 m (mit Brücke)<br />

Besatzung 3 (Kdt.,MG-Schütze, Fahrer) 2 (Kommandant, Fahrer) 2 (Kommandant, Fahrer)<br />

Motor W-54 W-55 W-55<br />

V12-Zylinder V12-Zylinder V12-Zylinder<br />

4-Takt-Dieselmotor 4-Takt-Dieselmotor 4-Takt-Dieselmotor<br />

Leistung 382 kW/520 PS 426 kW/580 PS 426 kW/580 PS<br />

Höchstgeschwindigkeit 25 km/h 38 km/h 38 km/h<br />

Brückengerät 1-teilige Vorschubbrücke 2-teilige Spurbahnbrücke 2-teilige Spurbahnbrücke<br />

Prinzip Vorbau über Auslegerahmen Scherenverfahren Scherenverfahren<br />

Stützweite 10,0 bis 11,0 m 19,0 m (bei Mehrfachverlegungen bis 52,0 m)<br />

Länge 12,26 m 20,0 m 20,0 m<br />

Breite 3,27 m 3,27 m 3,47 m<br />

Tragkraft 50,0 t 50,0 t Panzer – 15 t Achslast 50,0 t<br />

Verwendung 1962–1970 1969–1990 1978–1990<br />

Stückzahl NVA 12 187 30<br />

IM MANÖVER:<br />

Brückenlegegerät<br />

BLG-60 bei einer<br />

Flussdurchfahrt.<br />

Foto: Sammlung Dirk Krüger<br />

ne voll verschweißte Kastenträger-Konstruktion<br />

mit fischbauchartig ausgebildetem Obergurt,<br />

kann bis zu 59 Tonnen schwere Panzer<br />

tragen. Das hydraulische Ausklappen und die<br />

Verlegung wird von zwei Mann Besatzung<br />

vorgenommen. Hier sind bereits die klassischen<br />

Kriterien kommender Brückenleger zu<br />

erkennen: Um die 20 Meter Stützweite, etwa<br />

50 Tonnen Tragkraft, zwei Mann Besatzung,<br />

Verlegen und Einholen unter Panzerschutz.<br />

Wird diesen Kriterien durch die technische Lösung<br />

nicht entsprochen, beschwert sich die<br />

eingesetzte Truppe – und: Über kurz oder lang<br />

verschwinden unzureichende Geräte.<br />

„Auf Grund der steigenden Forderungen an die<br />

Pioniersicherstellung der Gefechtshandlungen<br />

ist die Entwicklung eines neuen Brückenlegepanzers<br />

notwendig…“<br />

Der Chef des DDR-Pionierwesens im Jahr 1973 über den Ersatz<br />

für das Brückenlegegerät BLG-60<br />

Wohl nicht ohne Druck aus der Sowjetunion<br />

erhalten die Pionierbataillone der vier<br />

motorisierten Schützendivisionen und der<br />

beiden Panzerdivisionen der NVA im Jahr<br />

1962 zwölf fabrikneue Brückenlegegeräte<br />

MTU auf Basis des T-54. Doch es werden<br />

gleich mehrere Kriterien nicht erfüllt. Dazu<br />

zählen unter anderem: Die Vorschubbrücke<br />

hat lediglich eine Länge von 12,3 Metern, zudem<br />

steht die Fahrzeugbasis für die DDR-<br />

Seite nicht zur Diskussion. Dort ist die Einführung<br />

des neuen mittleren Kampfpanzers<br />

T-55A beschlossene Sache.<br />

Modifizierte Variante<br />

Mittels Kettenantriebes wird die gesamte<br />

Vorschubbrücke als Gitterkonstruktion mit<br />

Spurbahn über einen Auslegerrahmen abgelegt<br />

und wieder aufgenommen. Aufgrund<br />

der Gefahr des Verrutschens der Brücken<br />

darf sie im Einsatz in Friedenszeiten bei den<br />

Pionieren nur für Hindernisse von bis zu<br />

zehn Metern Breite verwendet werden.<br />

Im Dezember 1964 erhält die NVA ihre ersten<br />

mittleren Panzer vom Typ T-55 aus tschechoslowakischer<br />

Lizenzproduktion. Er wird<br />

der Standardpanzer der Landstreitkräfte, und<br />

IN DER ERPROBUNG: Als Ersatz für die Panzerschnellbrücke<br />

„Biber“ wird bei der Bundeswehr ein neues Brückenlegesystem auf<br />

der Basis des Kampfpanzers „Leopard 2“ erprobt. Foto: bwpict-3765399<br />

Clausewitz 4/2014<br />

53


Militär und Technik | Brückenleger<br />

AUF MARSCHFAHRT:<br />

Brückenlegepanzer<br />

„Biber“ während einer<br />

winterlichen Gefechtsübung.<br />

Foto: bwpict-4436484<br />

dafür muss das entsprechende Brückenlegegerät<br />

entwickelt werden. Basierend auf dem<br />

technischen Prinzip des BLG-34 wird ab 1967<br />

mit dem T-55A als Basisfahrzeug das Brückenlegegerät<br />

BLG-60 entwickelt, konstruiert<br />

und in der DDR gefertigt. Als Bedarf<br />

werden zunächst 82 Geräte für den Einsatz<br />

bei den Pionierbataillonen errechnet, in denen<br />

sie ab 1969 in den Truppendienst gehen.<br />

Das Brückenlegegerät BLG-60 mit seinen Varianten<br />

BLG-60M und BLG-60M2 wird bis<br />

zur Auflösung der NVA 1990 zuverlässig seinen<br />

Dienst versehen.<br />

DDR-Brückenkonstruktion<br />

Die modifizierten Wannen und Fahrwerke<br />

vom Typ T-55A ohne Turm und Bewaffnung<br />

für das BLG-60 kommen aus der Volksrepublik<br />

Polen. Die Brücken baut das Schwermaschinen-Kombinat<br />

„Ernst Thälmann“ (SKET)<br />

in Magdeburg. Komplettiert werden die Brückenleger<br />

im VEB Stahl- und Apparatebau<br />

Genthin (STAG). Somit wird für die NVA in<br />

volkseigenen Betrieben der DDR ein Brückenlegepanzer<br />

entwickelt und gebaut, der<br />

relativ störungsarm seine Dienste versieht<br />

und noch in den 1980er-Jahren bei Manövern<br />

großes Interesse der westlichen Beobachter<br />

erregt. Bis 1984 werden insgesamt 187 Systeme<br />

hergestellt und in den Truppendienst<br />

übernommen. Eine Modernisierung zum<br />

BLG-60M2 folgt in den 1980er-Jahren durch<br />

Verbreiterung der Brückenspurbahnen, um<br />

das Gerät auch in den Panzerregimentern<br />

der zwei Panzerdivisionen nutzen zu können,<br />

die inzwischen mit dem breiteren<br />

Kampfpanzer T-72 ausgerüstet sind.<br />

Einige Besonderheiten zeichneten das<br />

BLG-60 im Unterschied zu seinen westlichen<br />

Pendants aus. Mit dem Gerät sind Mehrfachverlegungen<br />

mit drei Brücken über eine Län-<br />

ge von 52 Metern möglich. Der Nachteil bei<br />

der Verlegung nach dem Scherenprinzip im<br />

Gefecht ist die Höhe des aufgerichteten Brückenpakets<br />

von gut zehn Metern. Vor dem<br />

scherenartigen Spreizen der Brückenteile<br />

stellt der Brückenleger im Gelände ein weithin<br />

sichtbares Ziel dar.<br />

M48 A2 der Bundeswehr<br />

Dies ist ein Problem, das auch der erste Brückenlegepanzer<br />

der Bundeswehr M48 A2<br />

„Armored Vehicle Launched Bridge“ (AVLB)<br />

hat. In großer Stückzahl kauft die Bundesrepublik<br />

den US-Kampfpanzer M48 A2 ab 1957<br />

ein. Hier gleichen sich die Panzerbeschaffungs-Chronologien<br />

in Ost und West. Jetzt<br />

werden über 100 Wannen mit Fahrwerk und<br />

Motor des M48 über dem Turmdrehkranz ein<br />

Stahldeckel und jeweils eine Kuppel für den<br />

Kommandanten und den Fahrer eingebaut.<br />

Mehrere Kinonblöcke (beschussfeste Glasblöcke<br />

mit Winkelspiegelfunktion) in den Kuppeln<br />

ermöglichen den Rundumblick unter<br />

Panzerschutz. Beim Spreizen übernimmt die<br />

Abstützung der zweiteiligen Falt- oder besser<br />

Scherenbrücke mit 19,2 Metern Gesamtlänge<br />

ein massiver Ablagebock am Bug der Panzerwanne.<br />

Dieser Block nimmt dem Fahrer jegliche<br />

Sicht nach rechts vorn, so dass dieser<br />

während der Fahrt im Einsatz auf die Einweisung<br />

und Unterstützung seines Kommandanten<br />

angewiesen ist. Er ist mit 54,3 Tonnen<br />

Gefechtsgewicht der „Elefant“ aller Bundeswehrpanzer<br />

und darf als einziges Fahrzeug<br />

des Heeres nur mit dem Führerschein der damals<br />

gültigen Klasse F 4 gefahren werden.<br />

Gravierender Nachteil<br />

Die zweiteilige Faltbrücke wird mit vier Hydraulikzylindern<br />

verlegt und wieder aufgenommen.<br />

Die Hydraulikanschlüsse der<br />

Ausgewählte<br />

Arbeitsschritte:<br />

Fotos: bwpict-3871594 ff<br />

Panzerschnellbrücke „Biber“ beim<br />

Überwinden eines Hindernisses.<br />

1<br />

3<br />

2<br />

54


Westdeutsche Eigenentwicklung<br />

Brücke trennen sich automatisch durch<br />

Rückwärtsfahren nach dem Ablegen. Und<br />

nun kommt der Nachteil des Systems: Bei<br />

der Wiederaufnahme der Brücke muss ein<br />

Mann der Besatzung den M48 verlassen, um<br />

die Hydraulikverbindung herzustellen. Im<br />

Ernstfall wären jedem Brückenleger jeweils<br />

zwei Faltbrücken auf Tiefladern nachgeführt<br />

worden, um die weitere Einsatzfähigkeit<br />

nach jeder Brückenablage zu erhalten. Dies<br />

galt übrigens auch für den BLG-60. Die Überfahrgeschwindigkeit<br />

der Spurbrücke des<br />

M48 ist mit vier Stundenkilometern vorgeschrieben.<br />

In der Praxis sind – abhängig von<br />

der Geschicklichkeit des Fahrers – bis zu 20<br />

Stundenkilometer möglich.<br />

Mit der Einführung des Kampfpanzers<br />

„Leopard 1“ bei den Panzerbataillonen des<br />

Heeres des Bundeswehr ab Ende 1965 zeichnet<br />

sich das Ende des M48-Brückenlegers ab.<br />

Ein leistungsgerechter Brückenleger auf Leopard-Basis<br />

mit der Panzerschnellbrücke „Biber“<br />

wird entwickelt und ebenso wie der Basispanzer<br />

in der Bundesrepublik Deutschland<br />

gebaut. Von November 1973 bis April<br />

1975 produziert die Krupp-MaK Maschinenbau<br />

GmbH in Kiel auf den Wannen des<br />

„Leopard 1“ insgesamt 105 Brückenlegepanzer<br />

1 „Biber“ für die Panzerpioniere der<br />

Bundeswehr.<br />

TECHNISCHE DATEN<br />

PANZERSCHNELLBRÜCKE „BIBER“<br />

Fahrspuren der<br />

Schnellbrücke mit<br />

aufgerautem<br />

Brückenbelag.<br />

Natürliche oder künstliche<br />

Hindernisse mit einer maximalen<br />

Breite von 20 Metern<br />

können überbrückt werden.<br />

Das untere Brückenelement<br />

wird beim<br />

Brückenlegen nach<br />

vorn geschoben.<br />

Brückenlegepanzer der Bundeswehr<br />

Brückenlegepanzer M48 A2 AVLB<br />

(Basisfahrzeug M48 A)<br />

Brückenlegepanzer „Biber“<br />

(Basisfahrzeug „Leopard 1“)<br />

Gewicht 54,3 t (mit Brücke) 45,0 t (mit Brücke)<br />

Länge 11,23 m (mit Brücke) 11,79 m (mit Brücke)<br />

Breite 3,63 m 3,37 m<br />

Höhe 4,04 m (mit Brücke) 3,55 m (mit Brücke)<br />

Panzerung 25–120 mm 30–70 mm (Front)<br />

Besatzung 2 (Kommandant, Fahrer) 2 (Kommandant, Fahrer)<br />

Motor Continental AV-1790-5B MTU MB 838 CA M-500<br />

V12-Zylinder 4-Takt-Benzinmotor V10-Zylinder Dieselmotor<br />

Leistung 606 kW/824 PS 610 kW/830 PS<br />

Höchstgeschwindigkeit 51 km/h 62 km/h<br />

Brückengerät 2-teilige Faltbrücke 2-teilige Panzerschnellbrücke<br />

Prinzip Scherenverfahren horizontaler freier Vorbau<br />

Stützweite 18,3 m 20,0 m<br />

Länge 19,2 m 22,0 m<br />

Breite 4,01 m 4,0 m<br />

Eigengewicht 13,2 t 9,94 t<br />

Tragkraft 50,0 t (LMC 60) 50,0 t (MLC 60)<br />

Verwendung 1960–1990 1973–heute<br />

Stückzahl Bundeswehr 102 105<br />

Das obere Brückenelement wird<br />

angehoben und durch Absenken<br />

mit dem vorgeschobenen<br />

unteren Element verriegelt.<br />

Über den Stützschild des Basispanzers<br />

werden alle Kräfte beim Verlege- und<br />

Aufnahmevorgang der fast zehn Tonnen<br />

schweren Schnellbrücke auf den Geländeuntergrund<br />

abgetragen.<br />

Hydraulische Hebe- und<br />

Vorschubeinrichtung der<br />

Panzerschnellbrücke auf<br />

dem Heck des Basispanzers.<br />

Als Fahrzeugbasis werden<br />

die Wanne mit Kettenlaufwerken<br />

und Motor des<br />

„Leopard 1“ verwendet.<br />

„Leopard”-Panzer als Basis<br />

Die Panzerschnellbrücke ist 22 Meter lang,<br />

vier Meter breit und kann innerhalb von<br />

zwei bis acht Minuten ausgelegt werden. Die<br />

zwei Brückenelemente verschieben sich hydraulisch<br />

horizontal im freien Vorbau, um<br />

dann abgelegt zu werden. Bei flach bleibender<br />

Fahrzeug-Silhouette fällt im Gefecht und<br />

im Gelände eine Brückenlegung weniger auf<br />

als beim Vorläufermodell.<br />

Das Eigengewicht der Kastenträger der<br />

Schnellbrückenkonstruktion beträgt 9,94 Tonnen<br />

mit einer Tragkraft von 50 Tonnen. Im Gefecht<br />

sollen mit Panzerschnellbrücken „Biber“<br />

unter Panzerschutz Geländeeinschnitte wie<br />

Gewässer und Schluchten bis zu einer Breite<br />

von 20 Metern aus der Bewegung heraus<br />

überwunden werden. Während des Transportes<br />

sind die beiden jeweils elf Meter langen<br />

symmetrischen Brückenelemente übereinander<br />

auf dem Haupt- und Heckausleger der<br />

Panzerbasis abgelegt. Beim Ausbringen werden<br />

beide Hälften angehoben, anschließend<br />

wird das untere Teil nach vorne geschoben.<br />

Sind beide Elemente verbunden, erfolgt das<br />

Ablegen der gesamten Festbrücke mit Hilfe<br />

des Hauptauslegers über das Hindernis hinweg.<br />

Während der Arbeiten ruht die Last auf<br />

dem Stützschild am Bug, der die Hebelkräfte<br />

abfängt und die Standsicherheit garantiert.<br />

In den späten 1970er-Jahren wird innerhalb<br />

der NVA mit der vorgesehen Einführung<br />

des neuen Kampfpanzers T-72 die Entwicklung<br />

des passenden Brückenlegepanzers<br />

BLP-72 gefordert. Doch die vorgesehene<br />

Doppelscherenbrücke auf T-72-Basis mit geforderten<br />

25 Metern Brückenlänge endet in<br />

einer „Kostenfalle“. Das sprichwörtliche „finanzielle<br />

Fass ohne Boden“ wird durch den<br />

Politbüro-Beschluss vom 14. Februar 1989<br />

über die Nichtaufnahme der Produktion des<br />

Brückenlegepanzers BLP-72 endgültig geschlossen.<br />

Bei 30.834.000 Ostmark Entwicklungskosten<br />

ist für die DDR-Führung das<br />

Aus für das Projekt besiegelt.<br />

Doch ein Land profitiert von den DDR-<br />

Entwicklungen eines zukünftigen Brückenlegepanzers.<br />

Bei der Vorstellung des russischen<br />

MTU-90 lässt sich die „Patenschaft“<br />

zum BLP-72 nicht verleugnen.<br />

Jörg-M. Hormann,, Jg. 1949, Verantwortlicher<br />

Redakteur von SCHIFF CLASSIC und Sachbuchautor<br />

mit Schwerpunkten bei der deutschen Luftfahrt-,<br />

Marine- und Militärgeschichte mit über<br />

40 Buchveröffentlichungen.<br />

Foto: bwpict-1471388<br />

Clausewitz 4/2014<br />

55


Kolumne<br />

Der Special Air Service als Sprungbrett für Schriftsteller?<br />

Andy McNab und Chris Ryan<br />

Von Maximilian Bunk<br />

Zugegeben, die Frage in der Überschrift<br />

ist provokant und ein wenig überspitzt<br />

formuliert. Dennoch: Hierzulande weitgehend<br />

unbeachtet, existiert in Großbritannien<br />

seit Mitte der 1990er ein spezielles Phänomen.<br />

Zwei ehemalige SAS-Soldaten, die<br />

kontinuierlich Bücher in Millionenauflage<br />

verfassen: Andy McNab und Chris Ryan.<br />

Derartige Erfolge – noch dazu so langanhaltend<br />

– sind in der Regel schwer zu erklären.<br />

Es dürfte eine Mischung aus Glück, gutem<br />

Marketing und dem Partizipieren am „Mythos<br />

SAS“ sein – jedenfalls scheinen die Geschichten<br />

der beiden Veteranen den Nerv der<br />

Zeit (zumindest in Großbritannien) zu treffen.<br />

Und: Die Bücher sind spannend!<br />

Mit bürgerlichem Namen heißt Andy<br />

McNab eigentlich Steven Mitchell – doch<br />

aufgrund von Drohungen nordirischer Terroristen<br />

bleibt das Gesicht des ehemaligen<br />

Kommandosoldaten bei TV-Auftritten und<br />

auf Fotos stets unkenntlich. Kritiker bezeichnen<br />

diese „Geheimnistuerei“ als clevere Verkaufsstrategie.<br />

Doch zunächst die Fakten:<br />

Der 1959 geborene Andy McNab verlebt eine<br />

– vorsichtig ausgedrückt – turbulente Jugend<br />

(Adoptivfamilie, schlechte Schulnoten,<br />

Gelegenheitsjobs, Kriminalität). Als Retter<br />

vor einer nicht gerade strahlenden Zukunft<br />

erscheint dem Sechszehnjährigen die Armee.<br />

1976 tritt er den „Royal Green Jackets“ bei<br />

und erhält für einen bis heute umstrittenen<br />

Schusswechsel mit der IRA die Military Medal<br />

(MM). 1984 wechselt er in das 22. SAS-<br />

Regiment und ist bis zu seinem Ausscheiden<br />

1993 weltweit bei zahlreichen verdeckten<br />

Operationen im Einsatz – darunter Anti-Drogen-Missionen,<br />

Guerillakampf, Sabotageaktionen<br />

und die Arbeit als Undercover-Agent<br />

in Nordirland. Während des Golfkrieges<br />

1991 hat McNab das Kommando über Team<br />

Bravo Two Zero, unter dessen acht Mitgliedern<br />

auch Chris Ryan ist. Ihre Aufgabe ist<br />

das Aufspüren und Ausschalten irakischer<br />

Scud-Stellungen, die Israel bedrohen. Die<br />

Mission scheitert, drei Mann sterben, vier –<br />

darunter McNab – werden gefangen genommen<br />

und gefoltert. Nur Chris Ryan kann<br />

VORWURF: Chris Ryan betreibt<br />

Geheimnisverrat und schreibt in seinen<br />

Romanen trivialen Blödsinn.<br />

über die Grenze nach Syrien entkommen. Für<br />

seine Tapferkeit erhält McNab die Distinguished<br />

Conduct Medal (DCM). 1993 scheidet er<br />

aus dem Militärdienst aus. Er lebt heute in<br />

New York, arbeitet als Autor, Betreiber einer<br />

Bodyguard-Firma, Direktor der ForceSelect-<br />

Organisation und Berater von Filmen (zum<br />

Beispiel als Waffenexperte in dem Hollywood-Film<br />

„Heat“, 1995) und von Computerspielen<br />

(etwa dem Ego-Shooter „Battlefield<br />

3“, 2011).<br />

Bereits kurz nach dem Ausscheiden aus<br />

der Armee veröffentlicht McNab mit Bravo<br />

Two Zero (auf Deutsch als „Signal Bravo<br />

Two Zero“ bzw. „Die Männer von Bravo Two<br />

Zero“ erschienen) die geheime Mission, die<br />

dramatische Flucht und die von Torturen<br />

überschattete Gefangenschaft während des<br />

Golfkrieges. Das Buch ist sofort ein überwältigender<br />

Verkaufserfolg – über 1,7 Millionen<br />

Exemplare (die Hörbuch-Version nicht mitgerechnet)<br />

allein in Großbritannien machen<br />

es laut Verlag zum meistverkauften Kriegsbuch<br />

aller Zeiten. Der Nachfolge-Titel „Immediate<br />

Action“ von 1995 ist die Autobiographie<br />

von McNabs „wilder“ Jugend sowie<br />

den Einsätzen gegen die IRA bis hin zum<br />

Golfkrieg. Wieder können allein in Großbritannien<br />

weit über eine Millionen Bücher verkauft<br />

werden. Es folgen noch zahlreiche andere<br />

Sachbücher, alle mit Militärbezug.<br />

Bravo two zero mag McNab die Tür in<br />

die Medienwelt geöffnet haben – seine kontinuierlichsten<br />

Erfolge feiert er aber mit der<br />

Thriller-Reihe um den fiktiven Nick Stone.<br />

Bisher sind zwischen 1998 und 2013 insgesamt<br />

15 Bände um McNabs literarisches Alter<br />

Ego erschienen (der 16. Band ist für Ende<br />

2014 angekündigt). Stone ist ein ehemaliger<br />

SAS-Soldat, der für die britische Regierung<br />

„dreckige Jobs“ übernimmt. Diese führen<br />

ihn in die USA, nach Finnland, Frankreich,<br />

Malaysia, Bosnien und in den Kongo, er<br />

kämpft gegen Killer, Cyber-Terroristen und<br />

die Russische Mafia. Die ersten neun Bände<br />

sind bereits auf Deutsch erschienen. Allerdings<br />

ist die Übersetzung nicht immer gelungen,<br />

und im Zweifelsfall sollte auf die britischen<br />

Originalausgaben zurückgegriffen<br />

werden. Der Protagonist Nick Stone könnte<br />

außerdem bald den Sprung ins Kino schaffen<br />

– die amerikanische Produktionsfirma Miramax<br />

hat bereits die Rechte an einigen Romanen<br />

erworben. McNab selbst hat den Schritt<br />

ins Fernsehen schon getan: 1999 verfilmte die<br />

BBC „Bravo Two Zero“ mit Sean Bean in der<br />

Rolle als McNab. Grundlage ist das gleichnamige<br />

Buch, der Film basiert auf der<br />

McNab’schen Version der damaligen Ereignisse.<br />

2008 entstand die sechsteilige Reihe<br />

„Andy McNab’s Tour of Duty“ über die aktuellen<br />

Kriege in Afghanistan und dem Irak.<br />

Chris Ryan (wirklicher Name: Rowlands<br />

Gill), McNabs SAS-Kamerad während des<br />

„Bravo Two Zero“-Kommandounternehmens,<br />

war das einzige Teammitglied, das<br />

fliehen konnte. Dabei schrieb er SAS-Geschichte<br />

– er legte zu Fuß 300 Kilometer in<br />

der Wüste zurück und vergiftete sich dabei<br />

mit radioaktiv verseuchtem Wasser. Seine<br />

Version der Ereignisse – die von denen<br />

McNabs in manchen Punkten abweicht –<br />

Abb.: Archiv <strong>CLAUSEWITZ</strong><br />

56


veröffentlicht er 1995 unter dem Titel „The<br />

One That Got Away“. Unter dem Pseudonym<br />

Mike Coburn schreibt ein weiteres ehemaliges<br />

Mitglied von Bravo Two Zero ein<br />

Buch, das angeblich „the real truth about<br />

Bravo Two Zero“ enthält (Titel: „Soldier Five“).<br />

Der Abenteurer, Forscher und ehemalige<br />

SAS-Soldat Michael Asher („The Real Bravo<br />

Two Zero: The Truth Behind Bravo Two<br />

Zero“) sowie der ehemalige SAS-Sergeant<br />

Major Peter Ratcliffe („Eye of the Storm:<br />

Twenty-Five Years in Action with the SAS“)<br />

äußern ebenfalls Zweifel an der Authentizität<br />

von McNabs und Ryans Versionen. Gestritten<br />

wird etwa darum, wer Schuld am<br />

Scheitern der Mission war und über die Anzahl<br />

der getöteten Gegner (die zwischen<br />

0 und 250 schwankt).<br />

Ryan jedenfalls hat eine sehr ähnliche<br />

Karriere wie McNab hinter sich: 1961 geboren,<br />

von 1978 bis 1994 in der Armee, Dienst in<br />

Nordirland, Ausbilder der Roten Khmer (!)<br />

sowie SAS-Einsätze in Asien und Afrika.<br />

Ähnlich McNab hat er verschiedene Auszeichnungen<br />

und Orden während seiner<br />

Dienstzeit erhalten. Seit dem Ausscheiden<br />

arbeitet er als Sicherheitsberater sowie Autor<br />

von Sachbüchern (u.a. „SAS Fitness Book“<br />

oder dem „Ultimate Survival Guide“),<br />

Kriegsromanen für Jugendliche („Alpha Force“,<br />

vgl. dazu McNabs Serien „Boy Soldier“<br />

und „Dropzone“) und Thrillern. Letztere erscheinen<br />

regelmäßig seit 1996 und überflügeln<br />

McNabs Nick-Stone-Bücher in ihren<br />

Verkaufszahlen bereits. „Strike Back“ (2007)<br />

wurde als TV-Serie verfilmt und ist in<br />

Deutschland bei RTL II ausgestrahlt worden.<br />

In „Hunting Chris Ryan“ (BBC, 2003) wird<br />

der SAS-Veteran von vier ehemaligen Angehörigen<br />

britischer und amerikanischer Spezialeinheiten<br />

durch Wüste, Dschungel und<br />

Eis gejagt. Ryan bekommt dabei Missionen<br />

gestellt, die er erfüllen muss – z.B. einen abgestürzten<br />

englischen Spionagesatelliten finden<br />

und zerstören. Seine vier Gegner müssen<br />

diese Aufgaben vereiteln und Ryan fangen.<br />

Ergebnis: Ein Sieg für Ryan (im<br />

Dschungel von Honduras), eine Niederlage<br />

(in der Kalahari) sowie ein Unentschieden in<br />

Sibirien (Ryan kann zwar das Missionsziel<br />

nicht erfüllen, entkommt aber trotzdem seinen<br />

Häschern).<br />

Wo liegen nun die Unterschiede in den<br />

fiktionalen Romanen der beiden SAS-Veteranen?<br />

Hauptmerkmal dürfte sein, dass<br />

McNab immer Nick Stone ins Rennen<br />

schickt, während es bei Ryan verschiedene<br />

Helden gibt (die manchmal über mehrere<br />

NEBULÖS: McNabs Version von Bravo<br />

Two Zero wird teilweise heftig bestritten.<br />

Wer sagt die Wahrheit?<br />

Bücher hinweg im Einsatz sind, manchmal<br />

aber auch nur in einem Abenteuer vorkommen).<br />

Stone kann sich dadurch über einen<br />

längeren Zeitraum hinweg entwickeln, es<br />

gibt Nebenfiguren, die regelmäßig auftauchen,<br />

und für den Leser entsteht so eine Geschichte,<br />

die sich über die gesamte Reihe hinweg<br />

entfaltet. Andererseits bietet der Wechsel<br />

von Charakteren eher die Möglichkeit,<br />

mit diesen zu experimentieren und sorgt für<br />

ein besonderes Spannungsmoment: Wird<br />

der Held am Ende überleben (was bei Ryan<br />

nicht immer sicher ist)? Andererseits darf<br />

man diese Punkte nicht überbewerten – die<br />

Figuren sind sich insgesamt alle recht ähnlich,<br />

und eine „Charakterentwicklung“ im<br />

klassischen Sinn darf man bei den Actiongeschichten<br />

und Hit-and-Run-Stories nicht erwarten.<br />

Anders formuliert: Chris Ryan und<br />

Andy McNab sind nicht die Autoren, die im<br />

„Literarischen Quartett“ diskutiert worden<br />

wären. Der Hauptunterschied liegt wohl darin,<br />

dass McNab detaillierter über die Planung<br />

und Durchführung von Missionen<br />

schreibt – es kann durchaus sein, dass über<br />

mehrere Seiten berichtet wird, wie ein optimaler<br />

Observationsposten ausgewählt wird,<br />

und wie man Verfolger in einer Großstadt<br />

abschüttelt. Das finden manche Leser interessant,<br />

andere zu langatmig. Ryan dagegen<br />

schreibt „zackiger“, Gefahr folgt auf Gefahr<br />

und dem Leser stockt manchmal der Atem<br />

vor lauter schwindelerregenden Actionmarathons.<br />

Außerdem, und das soll nicht verschwiegen<br />

werden, gibt es bei Ryan die besseren<br />

Liebeszenen. Insgesamt dürfte es aber<br />

so sein: Wem McNab gefällt, der mag auch<br />

Ryan und umgekehrt. Gemeinsam ist beiden<br />

das marketingwirksame Verweisen auf ihr<br />

Militärwissen aus erster Hand – wo Tom<br />

Clancy nur schreibt, was er irgendwo gelesen<br />

oder gehört hat, da greifen McNab und<br />

Ryan auf mehr oder weniger eigene Erfahrungen<br />

zurück. Letztendlich stellen aber<br />

auch die ehemaligen SAS-Helden (wie sie<br />

von der Presse im Königreich genannt werden)<br />

im Zweifelsfall Authentizität hinter die<br />

Erfordernisse einer gut erzählten und spannenden<br />

Geschichte. Der SAS-Hintergrund<br />

der beiden Autoren dürfte aber trotzdem<br />

nicht unwesentlich für den Erfolg der Bücher<br />

sein – irgendwie schwingt beim Lesen<br />

doch immer die Vorstellung mit, dass hier<br />

Dinge passieren, die der Verfasser so (oder so<br />

ähnlich) tatsächlich erlebt haben könnte…<br />

Neben dem Authentizitätsproblem ist<br />

der größte Kritikpunkt: Ist es moralisch gerechtfertigt,<br />

wenn ehemalige Soldaten geheimes<br />

Wissen veröffentlichen, das eventuell<br />

Terroristen und Kriminelle verwenden können?<br />

Dazu muss gesagt werden, dass in keiner<br />

McNab- oder Ryan-Veröffentlichung –<br />

egal ob Sachbuch oder Roman – Informationen<br />

stehen, die nicht auch ein gut recherchierender<br />

Schriftsteller wie Frederick Forsyth<br />

in seine Thriller einbauen kann. Zudem<br />

müssen McNab und Ryan als ehemalige<br />

SAS-Angehörige jedes ihrer Werke dem britischen<br />

Verteidigungsministerium zur Überprüfung<br />

vorlegen. Geheime Informationen<br />

oder Anleitungen eine Bombe allein aus Supermarktprodukten<br />

zu basteln, wird man<br />

nicht erhalten. Zudem – und das dürfte dem<br />

Ministry of Defence nicht ungelegen kommen<br />

– sind McNab und Ryan wohl besser als<br />

jede Werbekampagne (auf McNabs offizieller<br />

Homepage www.andymcnab.co.uk ist<br />

sogar Rekrutierungsseite der British Army<br />

direkt verlinkt)! Das dürfte ein kleiner Trost<br />

für diejenigen sein, die meinen, dass die beiden<br />

ihre Militärerfahrungen kommerziell<br />

„ausschlachten“. Die Armee und der Special<br />

Air Service werden bei McNab und Ryan<br />

tendenziell sehr positiv beschrieben – nicht<br />

aber die eigene Regierung oder die Geheimdienste.<br />

Oft stellen diese sich als korrupt,<br />

bösartig und nicht viel besser als der vermeintliche<br />

Feind heraus. Loyalität zum Regiment:<br />

ja, überbordender Patriotismus:<br />

nein. Am Ende, und abseits der Authentizitätsdebatte,<br />

bleiben spannende Romane,<br />

teilweise skurrile Ideen und kuriose Einfälle.<br />

Kurz: gute Unterhaltung – nicht mehr<br />

und nicht weniger.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

57


Militär und Technik | Fieseler Fi 103/V1<br />

GESPENSTISCHER ANBLICK:<br />

Eine V1 beim Steigen kurz nach<br />

dem Katapultabschuss.<br />

Terror aus der Luft<br />

Hitlers erste<br />

„Vergeltungswaffe“<br />

SCHOCK-ANGRIFF: Völlig unerwartet<br />

trifft es die Londoner am 30. Juni<br />

1944. Während die Menschen ihrem<br />

Alltag nachgehen und gerade aus dem<br />

Bus steigen, detoniert im Hintergrund<br />

eine V1 in der Nähe des Air Ministry.<br />

Bei dem Einschlag sterben 46 Menschen,<br />

200 werden schwer verletzt.<br />

58


Juni 1944: Nur wenige Tage<br />

nach dem „D-Day“ stürzen<br />

kleine Fluggeräte über London<br />

ab und explodieren<br />

beim Aufschlag. Erst waren<br />

es nur wenige, doch ihre<br />

Zahl nahm von Tag zu Tag<br />

beängstigend zu.<br />

Von Dietmar Hermann<br />

Alle Fotos: Autor<br />

Bereits 1939 gibt es Überlegungen zum<br />

Einsatz von unbemannten Flugzeugen<br />

gegen Feindziele, eine entsprechende<br />

Entwicklung wird aber nicht eingeleitet. Nach<br />

der verlorenen Luftschlacht um England beginnt<br />

1941 der Krieg gegen die Sowjetunion.<br />

Der Großteil der Luftwaffenverbände wird<br />

nun im Osten gebraucht. Fast völlig ungehindert<br />

beginnt die Royal Air Force und später<br />

die USAF einen bisher noch nie da gewesenen<br />

strategischen Luftkrieg gegen Deutschland.<br />

Den schweren Angriffen der RAF gegen deutsche<br />

Städte hat die Luftwaffe allein zahlenmäßig<br />

kaum etwas entgegenzusetzen.<br />

Schnell taucht der Gedanke des Fernbeschusses<br />

wieder auf. Unter Federführung<br />

von Fieseler soll ein kleines unbemanntes<br />

HINTERGRUND<br />

Bombereinsatz der V1<br />

Als es keine Möglichkeit mehr gibt, die V1 auf<br />

London vom Boden aus abzuschießen muss<br />

die Luftwaffe erstmals dafür Bomber einsetzen.<br />

Ab Oktober 1944 beginnt der Einsatz<br />

von rund 100 umgerüsteten He 111 vom<br />

KG 53, die eine V1 seitlich unter dem Rumpf<br />

tragen. Wiederum darf nur London angegriffen<br />

werden. Damit sind die Einsätze für die<br />

britische Abwehr vorhersehbar. Mit der<br />

schweren V1 ist die He 111 langsam und<br />

ARSENAL DES TODES: Die V1 kann durch den einfachen Aufbau in Massen hergestellt<br />

werden. Hier sind mehrere Flugbomben in einem Depot zu sehen.<br />

Fluggerät entwickelt werden, das 800 Kilogramm<br />

Sprengstoff 250 Kilometer weit transportieren<br />

und gezielt gegen Flächenziele eingesetzt<br />

werden kann. Vor allem soll es schnell<br />

und billig herzustellen sein, um es in Massen<br />

gegen England verwenden zu können.<br />

Eine neue Waffe<br />

Der erste Entwurf des nun als Fi 103 bezeichneten<br />

Marschflugkörpers stammt von Dr.<br />

Robert Lusser und entsteht im März 1942.<br />

schwerfällig. Einsätze sind nur nachts oder<br />

bei schlechtem Wetter möglich. Im Tiefflug<br />

über der Nordsee versucht man, dem Radar<br />

zu entgehen. 70 Kilometer vor dem Ziel müssen<br />

die He 111 für den Abwurf auf 500 Meter<br />

steigen. Dann geht es wieder im Tiefflug<br />

zurück. Der letzte Einsatz findet am 5. Januar<br />

1945 statt. Viele He 111 fallen an den sogenannten<br />

Abwurfpunkten britischen Nachtjägern<br />

zum Opfer.<br />

UMFUNKTIONIERT: Eine an<br />

einem Bomber befestigte V1.<br />

Anfang Dezember 1942 können bei Fieseler<br />

erste Modelle im Freiflug abgeworfen werden.<br />

Den Antrieb entwickelt Argus unter Dr.<br />

Ing. Fritz Gosslau. Dieses simpel aufgebaute<br />

Schubrohr funktioniert nur ab einer bestimmten<br />

Geschwindigkeit. Daher ist grundsätzlich<br />

eine Starthilfe mittels Katapult,<br />

Startraketen oder Träger-Flugzeug notwendig.<br />

Der erste Start mit dem Argusschubrohr<br />

findet am 24. Dezember 1942 statt. Nur wenige<br />

Monate später, im Mai 1943, leitet man<br />

die Massenproduktion ein. Gleichzeitig beginnt<br />

die Aufstellung eines 150 Mann starken<br />

Lehr- und Erprobungskommandos unter<br />

der Aufsicht von Oberst Max Wachtel,<br />

das die nun als FZG ( Flak Ziel-Gerät ) 76 bezeichnete<br />

Flugbombe erproben und alle Abläufe<br />

für die Vorbereitung des praktischen<br />

Einsatzes entwickeln soll.<br />

Schwachpunkt Schleuderanlagen<br />

Der erste Weitschuss mit 234 Kilometern gelingt<br />

am 27. Juni 1943. Für Hitler kommt die<br />

neue Waffe wie gerufen – sie soll zu seiner<br />

ersten Vergeltungswaffe V1 werden. Zu diesem<br />

Zeitpunkt erreicht die V1 ein Entwicklungsstadium,<br />

das einen erfolgreichen Einsatz<br />

verspricht und damit die Massenproduktion<br />

zulässt. Nur wenig später erteilt das<br />

RLM (Reichsluftfahrtministerium)am 3. August<br />

1943 den Aufstellungsbefehl für das<br />

Flak-Regiment 155 (W), das für den Massenabschuss<br />

eingesetzt werden soll. Damit beginnt<br />

die personelle Aufstellung von vier<br />

Flak-Batterien mit je vier Schleudern. Erprobt<br />

und geübt wird in Zempin auf Usedom.<br />

Anfang Oktober treffen beim Erprobungskommando<br />

die ersten „scharfen“ V1<br />

ein. Während die Starts jetzt fehlerfrei gelingen,<br />

bereiten die Blindgänger noch Sorgen.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

59


Militär und Technik | Fieseler Fi 103/V1<br />

SCHRECKENSWAFFE IN RUHEPOSITION: Eine V1 Flugbombe auf einer mobilen Walter-<br />

Schleuder vor dem Start.<br />

Reaktion den entsprechenden Anfangsschub<br />

für die V1 erzeugt. Ab Mitte 1943 werden in<br />

Frankreich Abschussstellungen ausgewählt<br />

und mit deren Ausbau begonnen. Sie sollen<br />

alle im 250-Kilometer-Radius von London<br />

liegen, entsprechend der Reichweite der V1.<br />

Die Katapultanlagen besitzen aber eine große<br />

Ausdehnung von 48x34 Metern, eine Tarnung<br />

ist praktisch nicht möglich. Die Bautätigkeit<br />

für die Abschussstellungen in Frankreich<br />

bleibt auch dem britischen Geheimdienst<br />

nicht verborgen: Ab dem 5. Dezember<br />

1943 werden die Abschussrampen von der<br />

RAF gezielt bombardiert. Alliierte Bomber<br />

machen diese Stellungen letztendlich unbrauchbar.<br />

Ein neuer Weg muss gefunden<br />

werden.<br />

Deshalb entsteht ein neues, vereinfachtes<br />

und transportables Katapult, das beweglicher<br />

ist und in wenigen Tagen auf- und abgebaut<br />

werden kann. Es besteht aus sieben<br />

freitragenden Teilen von je sechs Metern<br />

Länge. Die Gesamtlänge beträgt zusammengebaut<br />

42 Meter, die größte Höhe fünf Meter.<br />

Am Fuß der Schleuder befindet sich ein<br />

Dampferzeuger, der mittig einen Bolzen in<br />

einem Rohr antreibt. Dieser Bolzen soll die<br />

V1 in Bruchteilen von Sekunden antreiben<br />

und auf Fluggeschwindigkeit bringen. Die<br />

notwendige Energie dazu entsteht durch die<br />

Reaktion von zwei chemischen Stoffen: Der<br />

T-Stoff (Wasserstoffsuperoxyd) reagiert mit<br />

dem Z-Stoff (Kaliumpermanganat). Dabei<br />

entsteht ein Sauerstoff-Dampfgemisch, das<br />

mit hohem Druck den Bolzen und damit die<br />

V1 auf bis zu 430 km/h beschleunigt.<br />

Die erste Generation von Startanlagen besteht<br />

noch aus einer reinen Betonunterkonstruktion,<br />

auf der Schienen zur Aufnahme des<br />

Startwagens angebracht sind. Die Schleuder<br />

von Rheinmetall Borsig, die mit Starthilferaketen<br />

arbeitet, konkurriert zunächst mit der<br />

Walter-Schleuder, die durch eine chemische<br />

Befehl „Rumpelkammer“<br />

Ursprünglich sollen die ersten V1 im Dezember<br />

1943 zum Einsatz kommen. Gezielte britische<br />

Luftangriffe gegen die V1-Stellungen<br />

und technische Unzulänglichkeiten verhindern<br />

jedoch das Vorhaben. Auch ein zweiter<br />

Termin am 15. Februar 1944 muss nochmals<br />

FAKTEN<br />

Die Technik der V1<br />

Die Fieseler Fi 103 (FZG 76) ist ein als freitragender<br />

Mitteldecker entwickeltes unbemanntes<br />

Fluggerät, das durch ein Schubrohr angetrieben<br />

wird und mit einer selbstständigen<br />

Kurs- und Höhensteuerung ausgerüstet ist.<br />

Eine Schleuderanlage dient dem Start. Sobald<br />

das Gerät die vorgeschriebene Höhe erreicht<br />

hat, beschleunigt es auf Höchstgeschwindigkeit.<br />

Aus Fertigungsgründen besteht<br />

der Rumpf aus fünf Teilen mit vier Trennstellen.<br />

In der Bugspitze befinden sich der Kompass<br />

und das sogenannte Luftlog. Im Mittelstück<br />

ist der 690 Liter fassende Kraftstofftank<br />

untergebracht, der für eine Reichweite<br />

von fast 250 Kilometern sorgt. Am Heck sitzen<br />

Höhen- und Seitenleitwerk. Das Tragwerk<br />

besteht aus zwei Tragflächen mit einem Rohrholm,<br />

der durch den Rumpf eingeschoben und<br />

anschließend festgeschraubt wird. Die rechteckigen<br />

Tragflächen werden dann mit dem<br />

Holm verbunden und am Rumpf fixiert.<br />

Das Argus Schubrohr sitzt auf dem Rumpf<br />

und ist an zwei Stellen mit dem Flugkörper<br />

verbunden. Das Triebwerk wird mittels Zündkerze<br />

angelassen. Damit das Aggregat im<br />

Stand überhaupt arbeiten kann, muss zunächst<br />

Druckluft von außen zugeführt werden.<br />

Gesteuert wird der Schleuderstart über<br />

ein externes Kommandogerät. Die V1 verfügt<br />

über eine automatische Steuerung, die den<br />

Flugkörper in der Fluglage stabil und auf Kurs<br />

hält. Weicht die V1 vom Kurs ab, sendet der<br />

im Bug eingebaute Kompass ein entsprechendes<br />

Korrektursignal an das Steuergerät.<br />

Das Steuergerät wiederum sorgt für entsprechende<br />

Ruderausschläge, um den Flugkörper<br />

wieder in die Ausgangsfluglage zu bringen.<br />

Die Übertragung ermöglicht ein ausgeklügeltes<br />

Druckluftsystem.<br />

Das Luftlog ist an der Bugspitze angeordnet.<br />

Es besteht aus einer vom Fahrtwind<br />

angetriebenen Luftschraube mit einem Kontaktgeber,<br />

der nach jeder halben Umdrehung<br />

einen Stromimpuls auf ein im Heck angebrachtes<br />

vierstelliges Zählwerk abgibt. Das<br />

Zählwerk ist das eigentliche Gehirn der V1.<br />

Abhängig von Entfernung, Flughöhe und Windverhältnissen<br />

wird eine vierstellige Zahl errechnet<br />

und dort eingegeben. Wenn das rückwärtslaufende<br />

Zählwerk bei „0“ angekommen<br />

ist, wird ein Kontakt geschlossen, der<br />

das Abstiegsgerät in Gang setzt.<br />

Die V1 wird anschließend dadurch zum Absturz<br />

gebracht, dass die unter der Höhenflosse<br />

angebrachten Klappen (Abstiegsgerät)<br />

nach unten schwenken und damit senkrecht<br />

zur Flugrichtung stehen. Das Seitenruder<br />

geht gleichzeitig in Nullstellung und blockiert.<br />

Das FZG 76 besitzt einen elektrischen<br />

Zünder zum Auslösen der Explosion. Bei<br />

Ausfall des elektrischen Bordnetzes gibt es<br />

zusätzlich noch zwei mechanische Zünder:<br />

einen Aufschlagszünder und einen mechanischen<br />

Zeitzünder. Rüstsatzmäßig kann auch<br />

ein Funkgerät FuG 23 eingebaut werden.<br />

Über die ausgesendeten Peilzeichen über eine<br />

Antenne ist es möglich, den Flug zu verfolgen.<br />

Ein Nachsteuern ist damit aber nicht<br />

möglich.<br />

60


London ist im Ausnahmezustand<br />

INFO<br />

Technische Daten V1<br />

Spannweite<br />

5,37 m<br />

Höhe<br />

1,553 m<br />

Länge<br />

8,325 m<br />

Fläche 5,4 m²<br />

Triebwerk 1 Argusrohr 109-014<br />

Standschub<br />

300 kg<br />

Abfluggewicht 2,2 Tonnen<br />

Kraftstoff<br />

690 l<br />

Sprengstoff<br />

830 kg<br />

Geschwindigkeit 620 km/h<br />

Reichweite<br />

250 km<br />

Abb.: P. Cronauer<br />

verschoben werden. Hitler persönlich kündigt<br />

Anfang Juni den Einsatz der neuen<br />

Fernwaffe gegen England an. Jederzeit muss<br />

mit dem Befehl zum Abschuss der V1-Flugkörper<br />

unter dem Decknamen „Rumpelkammer“<br />

gerechnet werden. Oberst Wachtel<br />

drängt darauf, die Ausgangshäfen für die erwartete<br />

Invasion Portsmouth und Southampton<br />

ins Visier zu nehmen. Auch den<br />

Ärmelkanal hält Wachtel für ein lohnenswertes<br />

Ziel, um innerhalb der Invasionsflotte<br />

möglichst viel Verwirrung zu stiften. Doch<br />

Hitler fordert den ausschließlichen Einsatz<br />

gegen London.<br />

Noch ehe die ersten V1 abgeschossen<br />

werden können, beginnt am 6. Juni 1944 die<br />

alliierte Invasion. Wenige Stunden danach<br />

erreicht der Befehl „Rumpelkammer“ das<br />

Flak-Regiment. Die einzelnen Batterien beginnen<br />

daraufhin, die Einzelteile der getarnt<br />

in den Wäldern gelagerten Abschussrampen<br />

zusammenzubauen. Doch der erste Einsatz<br />

am 13. Juni 1944 ist überhastet, nur vier der<br />

zehn abgeschossenen Flugkörper gehen tatsächlich<br />

auf London nieder. Das wird aber<br />

nicht so bleiben: Bereits am 16. Juni schlagen<br />

73 V1 in London ein. Auch die militärische<br />

Führung in England erkennt die Bedrohungslage<br />

und reagiert entsprechend. In<br />

kürzester Zeit sollen um London Flugabwehrgeschütze<br />

und Sperrballone zur Verteidigung<br />

eingesetzt werden.<br />

In der Woche um den 25. Juni kommen<br />

bei V1-Explosionen 357 Londoner ums Leben.<br />

Am 30. Juni detoniert eine V1 in der Nähe<br />

des britischen Luftfahrtministeriums,<br />

richtet schwere Schäden an und tötet 48<br />

Menschen. Mittlerweile erreichen täglich 70<br />

bis 100 V1-Geschosse London. Wegen ihres<br />

knatternden Triebwerksgeräuschs werden sie<br />

von den Engländern „Doodlebugs“ (Ameisenlöwe)<br />

genannt. Der Terror wird intensiviert:<br />

Am 22. Juli 1944 geben die deutschen<br />

V1-Batterien in Frankreich den 5.000. Schuss<br />

auf London ab. Zwischen dem 2. und 3. August<br />

1944 gehen 104 Flugbomben auf London<br />

nieder, es ist ein weiterer Höhepunkt der Angriffe.<br />

Die Einschläge verfehlen ihre Wirkung<br />

nicht und verbreiten unter der Bevölkerung<br />

Schrecken. Aus Angst verlassen täglich mehrere<br />

Tausend Londoner ihre Stadt. Doch nach<br />

und nach beginnen die Abwehrmaßnahmen<br />

Wirkung zu zeigen, und die V1-Angriffe verlieren<br />

immer mehr an Wirkungskraft.<br />

Jagdflugzeuge gegen die V1<br />

Besonders effektiv erweisen sich britische<br />

Jagdflugzeuge, um die in geringer Höhe fliegende<br />

V1 abzuwehren. Doch das ist keine<br />

einfache Sache. Die Höchstgeschwindigkeit<br />

der V1 liegt ähnlich hoch wie die der Flugzeuge.<br />

Nur die schnellsten Kolbenjäger der<br />

RAF können die V1 überhaupt erreichen. Eine<br />

V1 von hinten abzuschießen ist lebensgefährlich:<br />

Die Detonation der Sprengladung<br />

und die herumfliegenden Teile können den<br />

WICHTIGE KOMPONENTE: Eine getarnte<br />

V1-Abschussrampe in Almelo/Niederlande<br />

wird am 5. April 1945 von kanadischen<br />

Soldaten der Royal Canadian Artillery inspiziert.<br />

ERFOLGREICHE ABWEHR MIT TÖDLICHEM AUSGANG: Am 16. August 1944 bringt ein<br />

britischer Abfangjäger eine V1 bei Newington zum Absturz. Die V1 explodiert direkt unter<br />

einer Eisenbahnbrücke. Nur wenige Sekunden danach fährt ein Zug in den Krater und<br />

entgleist. So gehen durch diesen tragischen Unfall doch noch acht Menschenleben<br />

(und 33 Verletzte) auf das Konto der abgefangenen V1.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

61


Militär und Technik | Fieseler Fi 103/V1<br />

ZERSTÖRTES ANTWERPEN: Diese Aufnahme zeigt das Stadtzentrum nach dem V1-Angriff vom 13. Oktober 1944. Insgesamt werden dabei<br />

43 Häuser zerstört und 100 beschädigt – darunter auch das Kunstmuseum. 32 Menschen sterben, 45 erleiden schwere Verletzungen.<br />

Jäger zum Absturz bringen. Schnell finden<br />

die britischen Piloten die Achillesferse der<br />

V1 – wenn man die sie am Ende des Flügels<br />

„antippt“, wird der Flugkörper instabil, die<br />

Kreiselsteuerung versagt. Die V1 kann so gezielt<br />

zum Absturz gebracht werden, ohne<br />

den Piloten durch eine Detonation zu gefährden.<br />

Das erfordert aber äußerst viel Geschick.<br />

Der schnellste Jäger ist die neue britische<br />

Hawker Tempest. Speziell das 501.<br />

Squadron kann zwischen Mitte Juni und<br />

Mitte September über 600 Flugbomben zum<br />

Absturz bringen. Zur Abwehr kommt erstmals<br />

auch der erste einsatzfähige britische<br />

Düsenjäger, die Gloster Meteor, zum Einsatz.<br />

Da die Meteor eine deutlich höhere Bodengeschwindigkeit<br />

als normale Kolbenjäger<br />

besitzt, kann sie die V1 schneller erreichen.<br />

Am 4. August bringen Maschinen des 616.<br />

Squadron erstmals zwei Flugbomben zum<br />

Absturz, Ende des Monats sind es 14. Am 19.<br />

November 1944 findet der 10.000 V1-Abschuss<br />

auf London statt. Doch der alliierte<br />

Vormarsch in Frankreich ist nicht mehr aufzuhalten.<br />

Die Abschussrampen müssen<br />

durch die vorrückenden alliierten Truppen<br />

verlegt werden, damit liegt London außer<br />

Reichweite. Die Bilanz der Angriffe ist<br />

schrecklich, mehr als 6.000 Menschen verlieren<br />

durch die Explosionen der V1 ihr Leben,<br />

HINTERGRUND<br />

Aggregat A4 alias V2<br />

Während die V1 eher einem Flugzeug gleicht,<br />

handelt es sich bei der zweiten Vergeltungswaffe<br />

um eine ballistische Rakete. Die V2 hat<br />

eigentlich die Typenbezeichnung „Aggregat<br />

A4“. Sie startet vom Boden aus, erreicht<br />

Mach 5 und besitzt eine Reichweite von 300<br />

Kilometern. Die Rakete trägt einen Sprengkopf<br />

von fast 800 Kilogramm. Die Planung beginnt<br />

bereits 1939. Entwickelt wird sie von einer<br />

Gruppe von Wissenschaftlern unter Wernher<br />

von Braun. Der erste erfolgreiche Start<br />

gelingt am 3. Oktober 1942. Die Serienfertigung<br />

läuft 1943 an. Am 8. September 1944<br />

schlägt die erste V2 in London ein. Rund<br />

3.200 Raketen werden bis Kriegsende verschossen,<br />

hauptsächlich gegen London und<br />

Antwerpen. Neben den angerichteten Zerstörungen<br />

verlieren dabei 8.000 Zivilisten ihr Leben.<br />

Die V2 ist die erste einsatzfähige Rakete<br />

weltweit und gilt in technischer Hinsicht als<br />

Meilenstein in der Raketentechnik. Ein Abwehrmittel<br />

gibt es im Gegensatz zur V1 nicht.<br />

Für den Bau der V2 entsteht eine unterirdische<br />

Produktionsanlage bei Nordhausen, die<br />

als Mittelwerk bezeichnet wird. In Verruf gerät<br />

die V2 zudem durch die menschenverachtenden<br />

Produktionsmethode: Allein beim Bau der<br />

unterirdischen Stollen und bei der späteren<br />

Produktion kommen über 12.000 Zwangsarbeiter<br />

ums Leben.<br />

ANDERES<br />

KONZEPT: Im<br />

Gegensatz zur<br />

V1 handelt es<br />

sich bei der<br />

V2 um eine<br />

ballistische<br />

Rakete.<br />

62


Die V1 wird tausendfach verschossen<br />

18.000 Londoner werden schwer verletzt.<br />

Rund 2.500 Flugbomben treffen das vorgegebene<br />

Ziel London. Allein 4.000 V1 können<br />

durch Abfangjäger und Flak abgeschossen<br />

werden. Die Verluste wären sonst erheblich<br />

größer ausgefallen. Nach der Landung in der<br />

Normandie muss sich die Wehrmacht Schritt<br />

für Schritt aus Frankreich zurückziehen. Die<br />

wichtige belgische Stadt Antwerpen gerät<br />

bereits am 4. September 1944 unter die Kontrolle<br />

der Alliierten.<br />

HINTERGRUND<br />

US-Imitat<br />

Die Amerikaner erkennen das Potential der<br />

V1 für ihre Kriegszwecke. Noch 1944 entsteht<br />

unter der Bezeichnung JB-2 Loon in<br />

den USA eine Kopie der deutschen V-Waffe.<br />

Die Produktion beginnt bereits Anfang<br />

1945. Die amerikanische Kopie soll massenweise<br />

bei der Invasion Japans zum Einsatz<br />

kommen. Letztendlich „verhindert“ das<br />

Kriegsende durch den Atombombenabwurf<br />

deren Einsatz.<br />

EINSATZ FÜR AMERIKA: US-Versionen<br />

der V1 unter einem Bomber .<br />

Feuerregen auf Antwerpen<br />

Allerdings halten deutschen Truppen noch<br />

die Hafenanlagen besetzt. Antwerpen soll<br />

für die Alliierten zu einer wichtigen Nachschubbasis<br />

ausgebaut werden und gerät dadurch<br />

in den Mittelpunkt der Angriffe mit<br />

den neuen V-Waffen. Die Abschussstellungen<br />

werden erneut in Position gebracht. Unter<br />

dem Decknamen „Anton“ beginnen die<br />

Vorbereitungen für den Beschuss, der letztendlich<br />

175 Tage andauert. Der Angriff beginnt<br />

zunächst mit V2-Raketen. Am 13. Oktober<br />

1944 schlägt erstmals eine V1 direkt in<br />

Antwerpen ein. Viele Häuser werden zerstört,<br />

32 Menschen getötet. Erst am 8. November<br />

gelingt es den Alliierten, die Hafenzufahrt<br />

vollständig einzunehmen. Nachdem<br />

„Die alliierten Luftstreitkräfte sind anzuweisen,<br />

systematisch deutsche Städte und Dörfer zu<br />

zerstören, ohne Rücksicht auf ihre Bedeutung<br />

oder militärischen Wert.“<br />

Arthur Harris, Chef der britischen Bomberflotte, als Antwort auf die<br />

V1-Angriffe im Juli 1944.<br />

die verminten Anlagen geräumt sind, beginnt<br />

der alliierte Nachschub über Antwerpen<br />

zu rollen, circa 80 % der gesamten Versorgung<br />

wird von nun an über die belgische<br />

Hafenstadt abgewickelt.<br />

Um die V1 wirkungsvoller bekämpfen zu<br />

können, stellen die Alliierten ab dem 10. November<br />

1944 ein eigenes Flugbombenkommando<br />

Antwerpen X auf. Ziel ist es, einen<br />

dichten Flakgürtel rund um die Stadt zu legen,<br />

um damit 50% der anfliegenden V1 ausschalten<br />

zu können. Das Kommando ist in<br />

kürzester Zeit effektiv, im Dezember 1944<br />

liegt die Abschussquote bereits bei 52 %, im<br />

Januar 1945 bei 64 %.<br />

Die Bevölkerung leidet weiter unter den<br />

vielen Einschlägen der V-Waffen. Doch das<br />

Ziel der Deutschen, die Zerstörung des Hafens,<br />

wird nicht erreicht. Die wichtigen Hafenanlagen<br />

bleiben intakt. Erst im März 1945<br />

lassen die V1-Angriffe nach. Antwerpen X<br />

ist so erfolgreich, dass kaum noch eine V1 ihr<br />

Ziel erreicht. Am 30. März 1945 findet mit<br />

dem letzten Einschlag der Terror endlich ein<br />

Ende. Trotzdem gab es durch die deutschen<br />

V-Waffen über 30.000 Tote und Verletzte!<br />

Laut amerikanischer Nachkriegsanalyse<br />

vom Januar 1947 werden zwischen Januar<br />

1944 und März 1945 insgesamt 32.050 Flugbomben<br />

gebaut. Diese Zahlen sind fast deckungsgleich<br />

mit vorgefundenen Angaben<br />

des Ministeriums Speer von 30.257 Stück. Fieseler<br />

baut lediglich eine Kleinserie für die Erprobung<br />

zwischen 1942 und 1943, insgesamt<br />

59 Stück. Die Massenproduktion beginnt zunächst<br />

im VW-Werk Fallersleben, das zwischen<br />

Januar und Juni 1944 rund 10.000 Flugbomben<br />

herstellt. Ab Juli 1944 kommen noch<br />

die Mittelwerke hinzu. Die monatliche Produktionsrate<br />

zwischen Juli 1944 und März<br />

1945 liegt nun zwischen 2.100 und 2.800<br />

Stück. Die geforderte monatliche Menge von<br />

6.000 Stück kann nicht erreicht werden.<br />

Hitlers Vorstellungen<br />

Sicherlich utopisch sind Hitlers Forderung<br />

von 9.000 Stück im Monat. Bis März 1945<br />

stellt VW 21.450 Flugbomben her, während<br />

die Produktion in den Mittelwerken rund<br />

10.600 Stück erreicht. Im Kriegsverlauf verschießt<br />

man 10.000 Stück gegen London und<br />

6.550 Stück gegen Antwerpen. 4.000 bis 5.000<br />

weitere erlitten Schäden und erreichen nicht<br />

ihr Ziel, 5.000 bis 6.000 können noch vor dem<br />

Start von den Alliierten zerstört werden.<br />

Dietmar Hermann, Dipl. Ing. für Nachrichtentechnik,<br />

Experte für deutsche Luftfahrtgeschichte und Verfasser<br />

zahlreicher Fachartikel und Bücher zum Thema.<br />

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Eine V1 wird nach<br />

ihrer Bruchlandung<br />

untersucht.<br />

Wijers, Hans J.: Die Ardennenoffensive - Band I<br />

Angriff der 6. Pz.Armee und amerikanische Abwehr im Bereich der<br />

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Division, 3. Fallschirmjäger-Division und der Pz.Brigade 150 -<br />

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Clausewitz 4/2014<br />

63


Spurensuche<br />

Wilhelmshaven und die Marine<br />

Maritime Geschichte<br />

an der Nordseeküste<br />

HEUTE: Die Kaiser-Wilhelm-Brücke in<br />

Wilhelmshaven im Jahr 2014. Sie wurde ab 1905<br />

als größte Drehbrücke Deutschlands gebaut.<br />

Einem unkundigen Besucher präsentiert<br />

sich Wilhelmshaven in weiten Teilen frei<br />

von Charisma und kosmopolitischen<br />

Anmutungen. Natürlich gewachsene Strukturen,<br />

kulturhistorisch bedeutsame Orte und<br />

Altstadtflair sucht er hier vergebens. Kein<br />

Wunder, betrachtet man die Stadtgeschichte<br />

etwas genauer. Gegründet wird Wilhelmshaven<br />

vor nicht einmal 150 Jahren rein zu dem<br />

Zweck, hier an der Jademündung einen<br />

Kriegshafen für die Preußische Marine zu errichten.<br />

Ein gigantischer Zweckbau, entstanden<br />

auf dem Reißbrett von Planern und Architekten.<br />

Seitdem vielfach erweitert und verändert,<br />

von Fliegerbomben zerstört, von<br />

Sprengungen zerfurcht und durch wenig einfühlsame<br />

Stadtplaner verändert.<br />

Doch begibt man sich sehenden Auges, mit<br />

einem gesunden historischen Interesse und<br />

einiger Sachkenntnis auf die Spurensuche, so<br />

findet man in Wilhelmshaven doch noch die<br />

Spuren seiner bewegten, wenn auch kurzen<br />

Geschichte. Und die ist vor allem durch die<br />

Marine und von zwei Weltkriegen geprägt.<br />

Ideale Bedingungen<br />

Der Deutsch-Dänische Krieg von 1848 bis<br />

1850 offenbart: in Ermangelung einer wehrhaften<br />

Flotte sind die deutschen Küsten<br />

HINTERGRUND<br />

V oder F?<br />

Während der Bauzeit wird das Projekt „Hafen<br />

Heppens“ genannt. Nach Fertigstellung soll<br />

die Stadt den Namen „Zollern am Meer“ tragen.<br />

Erst kurz vor der Einweihung taucht das<br />

erste Mal die Bezeichnung Wilhelmshaven –<br />

in typisch niedersächsischer Schreibweise<br />

mit dem Buchstaben „v“ in der letzten Silbe<br />

– in einer Urkunde von Hafenbaudirektor<br />

wehrlos gegenüber feindlichen Blockaden<br />

und Invasionen. Prinz Adalbert von Preußen<br />

wird am 1. März 1849 zum Oberbefehlshaber<br />

aller preußischen Kriegsfahrzeuge ernannt.<br />

Hauptstützpunkt der wenig schlagkräftigen<br />

Seestreitkräfte ist Danzig. Preußen will aufrüsten,<br />

dabei vor allem die Präsenz an der<br />

Nordseeküste verstärken. Eine technische<br />

Marinekommission unter dem Vorsitz von<br />

Heinrich Wilhelm Goeker auf. In Berlin wird<br />

der vermeintliche Rechtschreibfehler korrigiert<br />

und durch ein „f“ ersetzt. Als die Änderung<br />

am Gründungstag bemerkt wird, wendet<br />

sich Goeker an General Albrecht von Roon<br />

und dieser direkt an König Wilhelm I. von<br />

Preußen. Der Monarch befiehlt, das „v“ wieder<br />

einzusetzen.<br />

Alle Fotos wenn nicht anders angegeben: Autoren<br />

64


Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Seit fast 150 Jahren ist Wilhelmshaven mit den<br />

deutschen Seestreitkräften eng verzahnt. Viele Spuren von Kaiserlicher Marine sowie<br />

Reichs-, Kriegs- und Bundesmarine sind heute verwischt, doch so manch historisches<br />

Relikt lässt sich noch entdecken.<br />

Von Eberhard Kliem und Ulf Kaack<br />

DAMALS: Die stählerne Kaiser-Wilhelm-Brücke kurz nach ihrer Fertigstellung<br />

(Aufnahme von 1910).<br />

Prinz Adalbert untersucht verschiedene<br />

mögliche Standorte, wobei sich schnell das<br />

Terrain der Kirchspiele Heppens und Neuende<br />

als ideal erweist. Grund dafür sind die<br />

naturtiefen Fahrwasserbedingungen, aber<br />

auch die Abgeschiedenheit der Region. Hier<br />

können die Militärs ungestört bauen und<br />

agieren.<br />

Ursprünglich ist an der Flussmündung<br />

die Errichtung eines Festungsbaus angedacht.<br />

Doch unter der Ägide von Geheimrat<br />

Gotthilf Heinrich Ludwig Hagen, einem<br />

Wasserbauexperten, beginnen nun die Planungen<br />

eines Kriegshafens mit der notwendigen<br />

Infrastruktur: Werftbetrieb, Pieranlagen,<br />

Kasernen, Versorgungseinrichtungen<br />

und eine Stadtansiedlung. Nach Abschluss<br />

der ersten Aufbauphase ist das Terrain 1869<br />

bezugsfertig. Am 17. Juni erfolgen die Namengebung<br />

Wilhelmshavens und gleichzeitig<br />

die Grundsteinlegung für die Elisabethkirche,<br />

die heutige Christus- und Garnisonkirche.<br />

Es beginnt eine rasante Entwicklung, die<br />

1871 mit Gründung des Kaiserreichs eine zusätzliche<br />

Dynamik erfährt. Wilhelmshaven<br />

wird Reichskriegshafen und erhält zwei Jahre<br />

später die Stadtrechte. 1872 wird in der<br />

Viktoriastraße das repräsentative Stationsgebäude<br />

des Kommandierenden Admirals der<br />

Marinestation der Nordsee eingeweiht. 1944<br />

fällt das Weiße Schloss, wie es genannt wird,<br />

einem Bombenangriff zum Opfer. Heute erinnert<br />

nichts mehr an diesen historischen<br />

Ort. Auch das Denkmal von Gaspard de<br />

Coligny – eine hugenottische Verbindung zu<br />

den Hohenzollern und damit zur Stadt – ist<br />

verschwunden.<br />

Auf Expansionskurs<br />

Der Hafen erhält mit dem zweiten Bauabschnitt<br />

eine deutliche Erweiterung: Der Kanalhafen<br />

wird breiter gestaltet und in seinem<br />

nördlichen Bereich um den Ausrüstungshafen<br />

ausgedehnt. Durch die absehbar immer<br />

mehr zunehmende Größe der Schiffe kommt<br />

außerdem eine weitere Einfahrt mit einer<br />

größeren Schleuse hinzu. Zeitgleich wird das<br />

Marinelazarett seiner Bestimmung übergeben.<br />

Ein weiteres Lazarett entsteht 1937 vor<br />

Clausewitz 4/2014<br />

65


Spurensuche<br />

ARCHITEKTONISCHES ERBE: Die Ruine<br />

der Südzentrale verfällt immer weiter.<br />

ZERSTÖRT: Der<br />

Befehlsbunker der<br />

Kriegsmarinewerft in<br />

Schutt und Asche.<br />

MILITÄRHAFEN: Nach wie vor ist Wilhelmshaven ein Stützpunkt der Deutschen<br />

Marine. Kriegsschiffe gehören zum alltäglichen Anblick. Foto:picture-alliance/dpa©dpa-Report<br />

den Toren Wilhelmshavens, das heutige<br />

Krankenhaus Sanderbusch.<br />

Ab 1890 verstärkt sich die Expansion von<br />

Wilhelmshaven immens. Grund dafür sind<br />

der in fast allen größeren Nationen betriebene<br />

„Navalismus“, die damit auch im deutschen<br />

Reich beginnende Flottenrüstung und<br />

Kolonialpolitik – gefördert natürlich durch<br />

die Marineaffinität des Kaisers. Die Garnisonsbauämter<br />

bauen, was die Zeit hergibt:<br />

Kasernen, Exerzierplätze, Schiffbauhallen,<br />

Sportanlagen, Kraftwerke sowie das Offizierskasino.<br />

In der Folge des zweiten Flottengesetzes<br />

von 1900 werden bis 1909 in dem<br />

bis dahin umfangreichsten Bauabschnitt die<br />

Kaiserliche Werft vergrößert, eine dritte Einfahrt<br />

gebaut und die Hafenanlagen<br />

nach Süden durch umfangreiche<br />

Eindeichungen erweitert. 1907 wird nach<br />

zweijähriger Bauzeit, als größte Drehbrücke<br />

Deutschlands, die Kaiser-Wilhelm-Brücke<br />

eingeweiht. Mit einer Länge von 159 Metern<br />

quert sie bis heute den Verbindungshafen<br />

und gilt als Wahrzeichen von Wilhelmshaven.<br />

Werft und Kriegshafen<br />

1911 geht unmittelbar daneben das seinerzeit<br />

größte Kohlekraftwerk der Welt, die Südzentrale,<br />

für die Stromversorgung der Kaiserlichen<br />

Werft in Betrieb. Während des Ersten<br />

Weltkriegs ist die Kaiserliche Werft bis an ih-<br />

re Kapazitätsgrenzen ausgelastet. Neben der<br />

Fortführung des Schiffneubauprogramms<br />

sind die Umrüstung ziviler Schiffe für Seekriegszwecke<br />

und die Reparatur beschädigter<br />

Einheiten die Aufgabenschwerpunkte.<br />

Der Kriegshafen ist häufig Ausgangspunkt<br />

für Operationen der Kaiserlichen Marine –<br />

so bei den Seegefechten <strong>1914</strong> vor Helgoland<br />

und 1915 auf der Doggerbank sowie 1916 bei<br />

der Skagerrakschlacht.<br />

Das Ende von Krieg und Kaiserreich trifft<br />

Wilhelmshaven mit besonderer Härte, sind<br />

die Stadt und ihre Bürger doch nahezu vollkommen<br />

von der Marine abhängig. Durch<br />

die einseitige Ausrichtung der Kaiserlichen<br />

Werft verliert ein großer Teil der Bevölkerung<br />

seine Existenzgrundlage. Zwar wird<br />

der Betrieb unter dem Namen Reichsmarinewerft<br />

in deutlich reduziertem Maße weitergeführt,<br />

aber wegen der Auflagen des Versailler<br />

Vertrages werden zunächst keine neuen<br />

Schiffe gebaut. Erst 1925 läuft mit dem<br />

Leichten Kreuzer EMDEN der erste Neubau<br />

IM BAU: Torpedoboot LEOPARD in der Marinewerft Wilhelmshaven, Ende 1920er-Jahre.<br />

ZUGEFROREN: Ein Blick aus der Luft auf die<br />

vereiste Vierte Einfahrt im Winter 1996.<br />

66


Von der Marine geprägt<br />

EINSCHLAG: Mittelteil des<br />

28-cm-Geschützrohres des<br />

Schlachtkreuzers „Seydlitz“<br />

mit einem direkten Treffer aus<br />

der Skagerrakschlacht<br />

MUSEALES SCHMUCKSTÜCK: Diese Luftaufnahme zeigt das Marinemuseum Wilhelmshaven<br />

– ein Besuch lohnt immer.<br />

für die Reichsmarine vom Stapel. Mit der<br />

Machtergreifung der Nationalsozialisten<br />

1933 erhält Wilhelmshaven wieder neuen<br />

Aufwind.<br />

Erneuter Höhenflug<br />

Mit dem deutsch-britischen Flottenabkommen<br />

beginnt ein neuerlicher Prozess der<br />

Aufrüstung. Auf der Kriegsmarinewerft entstehen<br />

hier unter anderem die Schlachtschiffe<br />

TIRPITZ und SCHARNHORST sowie die<br />

Panzerschiffe ADMIRAL GRAF SPEE und<br />

ADMIRAL SCHEER. Mit der Schleusung<br />

des Leichten Kreuzers EMDEN wird am 7.<br />

November 1942 die Raeder-Schleuse, auch<br />

als Vierte Einfahrt bezeichnet, nach sechsjähriger<br />

Bauzeit in Betrieb genommen. Der<br />

Kriegsverlauf beendet sämtliche Erweiterungsmaßnahmen.<br />

Zwischen dem 4. September 1939 und<br />

dem 30. März 1945 finden mehr als hundert<br />

Bombenangriffe auf Wilhelmshaven statt,<br />

davon 16 Großangriffe. Am Ende des Zweiten<br />

Weltkriegs liegen mehr als 60 Prozent der<br />

Wohnbebauung sowie große Teile der militärischen<br />

und zivilen Anlagen in Schutt und<br />

Asche. Das gesamte noch vorhandene Inventar<br />

der Kriegsmarinewerft wird nach der Kapitulation<br />

von den Siegern demontiert und<br />

zumeist in die Sowjetunion verschifft.<br />

Mit Gründung der Bundeswehr wird Wilhelmshaven<br />

erneut Marinestützpunkt. Auf<br />

dem Gelände der ehemaligen Kaiserlichen<br />

Werft entsteht das Marinearsenal, heute einer<br />

der größten Arbeitgeber der Stadt.<br />

Der Wiederaufbau der Vierten Einfahrt<br />

dauert acht Jahre und ist am 4. Oktober 1964<br />

abgeschlossen. Integriert in dieses gigantische<br />

wasserbauliche Projekt ist der tidenunabhängige<br />

Vorhafen mit dem Marinestützpunkt<br />

Heppenser Groden, der am 9. August<br />

1968 eingeweiht wird.<br />

Zum dritten Mal beflügelt die Marine die<br />

Wirtschaft Wilhelmshavens, sorgt für Investitionen<br />

und Arbeitsplätze. Erneut bilden Offiziere,<br />

Unteroffiziere und Mannschaften mit<br />

ihren Familien einen erheblichen Anteil der<br />

hier lebenden Menschen. Doch unverkennbar<br />

ist das Bemühen der Stadtväter nach<br />

dem Zweiten Weltkrieg, Wilhelmshaven<br />

durch Industrie- und Gewerbeansiedlung,<br />

durch Nutzung von Mineralölindustrie,<br />

Tourismus und aktuell den Weser-Jade-Port,<br />

von der Marine unabhängiger zu machen.<br />

Was ist geblieben?<br />

Wir beginnen unsere Spurensuche nach historischen<br />

Relikten der Marine am südlichen<br />

Rand der Stadt, und zwar im Deutschen Marinemuseum.<br />

In der denkmalgeschützten<br />

ehemaligen Scheibenhofwerkstatt des um<br />

1888 erbauten Torpedohofes der Kaiserlichen<br />

Werft werden Exponate aus allen Epochen<br />

der deutschen Seestreitkräfte gezeigt.<br />

Breiten Raum nehmen dabei die Museumsschiffe<br />

aus der Flotte der Bundesmarine im<br />

Außenbereich ein: der Zerstörer MÖLDERS,<br />

das Minenjagdboot WEILHEIM, U 10 oder<br />

das Segelschulboot NORDWIND. Im Foyer<br />

empfängt den Besucher ein Zweimann-U-<br />

Boot vom Typ „Seehund“ aus der Schlussphase<br />

des Zweiten Weltkriegs.<br />

Ein weitaus handfesteres Stück Vergangenheit<br />

der Kaiserlichen Marine befindet<br />

sich ebenfalls auf dem Freigelände: das Segment<br />

eines Rohres der schweren Artillerie<br />

des Schlachtkreuzers SEYDLITZ. In der Seeschlacht<br />

vor dem Skagerrak 1916 gegen die<br />

englische Hochseeflotte schwer beschädigt,<br />

erreicht das Schiff dank des aufopfernden<br />

Einsatzes seiner Besatzung die Kaiserliche<br />

Werft in Wilhelmshaven. Ein 28-cm Rohr eines<br />

der schweren Geschütztürme hatte einen<br />

direkten englischen Treffer erhalten. Es wird<br />

ausgebaut, und der mittlere Teil des Rohres<br />

mit dem Treffer ist bis heute erhalten geblieben.<br />

Aus derselben Zeit stammt das Originalbugwappen<br />

des in Wilhelmshaven stationierten<br />

Schlachtschiffes OSTFRIESLAND.<br />

Unmittelbar daneben befindet sich ein<br />

11,2 Tonnen schweres Panzerplattensegment<br />

der 1944 in Norwegen nach einem britischen<br />

Luftangriff gesunkenen TIRPITZ, die zwischen<br />

1936 und 1941 in Wilhelmshaven gebaut<br />

worden war. Zu sehen ist außerdem ein<br />

Teil der Netzsperren, die das Schlachtschiff<br />

gegen Torpedoangriffe schützen sollten.<br />

Anschließend folgen wir der parallel zum<br />

Jadedeich verlaufenden Schleusenstraße<br />

Richtung Osten und gelangen bereits nach<br />

200 Metern zu den Resten der Ersten Einfahrt.<br />

Das Schleusenbecken ist verfüllt, doch<br />

sind die Zufahrten zur Kammer unschwer<br />

zu erkennen. Prägnantestes Relikt aus kaiserlicher<br />

Zeit ist die ehemalige Marinesignalstelle,<br />

die heute als Lotsenstation genutzt<br />

wird.<br />

Der Straße folgend, wird der Pontonhafen<br />

passiert. Die hier erhalten gebliebene eiserne<br />

Nassau-Brücke war einst Liegeplatz der Boote,<br />

die die Besatzung des Schlachtschiffes<br />

SMS NASSAU, das von 1907 bis 1909 auf der<br />

Kaiserlichen Werft gebaut wurde, an Land<br />

brachten. Flankiert von zwei mächtigen weißen<br />

Gebäuden – einst Depots für Minen und<br />

Torpedos – stoßen wir als nächstes auf das<br />

Wendebecken der Zweiten Einfahrt.<br />

Die Schleusenstraße endet auf einem<br />

Parkplatz nahe der ehemaligen Dritten Einfahrt,<br />

von der kaum noch etwas zu sehen ist.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

67


Spurensuche<br />

BLICK IN DIE VERGANGENHEIT: Historische Aufnahme des Werfttores 1.<br />

IMPOSANTER BACKSTEINBAU: Das 1876<br />

erbaute Werfttor 1 ist heute der Zugang<br />

zum Marinearsenal.<br />

HÄNGT IMMER<br />

NOCH: Der historische<br />

Briefkasten<br />

der Kaiserlichen<br />

Werft!<br />

Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt,<br />

später mit Trümmerschutt verfüllt<br />

und eingeebnet. Lediglich die weit in die Jade<br />

ragende Nordmole, die einst als Schutz<br />

der einlaufenden Schiffe vor dem starken Tidenstrom<br />

diente, existiert noch.<br />

HINTERGRUND<br />

Geschichtsträchtige Ruine<br />

Weiter geht die Spurensuche nun in Richtung<br />

Stadtmitte, wobei die erst kürzlich umfassend<br />

renovierte Kaiser-Wilhelm-Brücke<br />

passiert wird. Rechterhand fällt ein graues<br />

und offensichtlich dem Verfall preisgegebenes<br />

Gebäude auf, an dessen Giebel unverkennbar<br />

der Schriftzug „Kaiserliche Werft –<br />

Südzentrale“ zu lesen ist. Es handelt sich<br />

hier tatsächlich um das letzte vorhandene<br />

Betriebsgebäude der einstigen Kaiserlichen<br />

Werft, später die Reichs- und Kriegsmarinewerft<br />

und heute das Marinearsenal. In der<br />

Südzentrale wird über Jahrzehnte die für<br />

den Betrieb der Werft notwendige Energie<br />

erzeugt. Heute ist das Gebäude ein einzigartiges<br />

Denkmal der Industriearchitektur der<br />

Jahrhundertwende. Jede Stadt mit Traditionsbewusstsein<br />

wäre begeistert von einem<br />

solchen Gebäude – nicht so Wilhelmshaven.<br />

Ungeliebt von der Stadtverwaltung und als<br />

Spekulationsobjekt von Investoren missbraucht,<br />

bemüht sich seit Jahren eine<br />

Bürgerinitiative gegen vielfältigen Widerstand<br />

um den Erhalt und eine würdevolle<br />

Nutzung der Südzentrale.<br />

Einen kurzen Stopp machen wir anschließend<br />

bei einem unscheinbaren dreigeschossigen<br />

Haus in der Weserstraße 17 – einst der<br />

Dienstwohnsitz des damaligen Korvettenkapitäns<br />

Hans Langsdorff in seiner Zeit als<br />

Flottillenchef des II. Torpedobootsflottille<br />

der Reichsmarine, später dann legendärer<br />

Kommandant des Panzerschiffs ADMIRAL<br />

GRAF SPEE. Nur wenige Straßenzüge weiter<br />

gelangt man zum Eingang des Marinearsenals,<br />

dem einstigen Werfttor I der Kaiserlichen<br />

Werft: Typische Industriearchitektur<br />

aus der Gründerzeit, dunkelroter Klinker,<br />

versetzt mit schmalen braunen Steinschichten,<br />

runde Fensterbögen. Kopfsteinpflaster<br />

führt zweispurig auf das Werftareal, vorbei<br />

an einem bemerkenswerten Relikt: Im Portal<br />

befindet sich leuchtend gelb der originale<br />

Briefkasten der Kaiserlichen Werft. Er ist<br />

nach wie vor in Gebrauch. Unschwer stellt<br />

man sich vor, welch unermesslicher Strom<br />

an real erlebter Geschichte in Schriftform –<br />

verfasst vom Admiral bis zum Matrosen –<br />

mit trivialem bis hochpolitischem Inhalt<br />

durch dieses „eiserne Verbindungsstück zur<br />

Verwirrspiel um die Einfahrten<br />

Mit Einweihung der Dritten Einfahrt am 15.<br />

Oktober 1909 – die beiden ersten von der<br />

Kaiserlichen Werft gebauten Großkampfschiffe<br />

NASSAU und WESTFALEN durchlaufen an<br />

diesem Tag das neue Doppelkammern-<br />

Schleusensystem – werden die Bezeichnungen<br />

der Einfahrten neu vergeben. Die Nummerierung<br />

wird jetzt von Ost nach West vorgenommen.<br />

Die zuerst gebaute Einfahrt, bislang<br />

als Alte Einfahrt bezeichnet, heißt nun Zweite<br />

Einfahrt. Aus der Schleuse zum Neuen Hafen<br />

wird die Erste Einfahrt. Bereits 1917 wird die<br />

Planung der Vierten Einfahrt angebahnt. Ihr<br />

Bau beginnt jedoch erst 1936, die Inbetriebnahme<br />

Ende 1942. Einzig dieses Wasserbauwerk<br />

ist heute noch in Betrieb.<br />

Welt“ geflossen<br />

sein mag.<br />

Die innere Stadt ist geprägt von Kasernenanlagen,<br />

Luftschutzbunkern sowie Wohnund<br />

Dienstgebäuden militärarchitektonischer<br />

Prägungen der jeweiligen Epochen.<br />

Maritimes Gotteshaus<br />

Stilistisch fügt sich hier die von 1869 bis 1872<br />

im neugotischen Stil errichtete Elisabethkirche<br />

ein. Sie dient seit der Stadtgründung als<br />

Marinegarnisonkirche, wird im Zweiten<br />

Weltkrieg durch alliierte Luftangriffe schwer<br />

beschädigt und 1959 mit dem Namen Christus-<br />

und Garnisonkirche neu geweiht.<br />

Die evangelisch-lutherische Kirche im<br />

Stadtkern beherbergt neben ihren sakralen<br />

Insignien ein Mahnmal für die in beiden<br />

Weltkriegen gefallenen Marinesoldaten. Das<br />

Altarbild zeigt ein Seebild mit einem Kreuz<br />

und symbolisiert den unbekannten Ort vieler<br />

Schiffsuntergänge. An den Kopfenden<br />

der Kirchenbänke sind die Wappen nahezu<br />

aller deutschen Marineeinheiten bis 1945 angebracht.<br />

Bis zum Jahr 2001 befanden sich<br />

auch zahlreiche Flaggen mit Bezug zur Deutschen<br />

Marinegeschichte bis 1918 in der Kirche.<br />

Angeblich zu Zwecken der Restaurierung<br />

wurden sie abgehängt und sind seitdem<br />

nicht mehr öffentlich zu besichtigen.<br />

Anrührend sind die alten Marmortafeln, die<br />

zumeist auf Schiffsuntergänge in der Kaiserlichen<br />

Marine vor <strong>1914</strong> hinweisen.<br />

Unweit der Kirche befindet sich ein Denkmal,<br />

das an die Seesoldaten der Kaiserlichen<br />

Marine erinnert. Die Kommune fühlt sich für<br />

Pflege und Erhalt nicht zuständig, Veteranen<br />

der Bundeswehr haben freiwillig diese Aufgabe<br />

übernommen.<br />

68


Vernachlässigte Erinnerung<br />

Kleine Schiffe,<br />

großartige Modelle<br />

KAISERLICH: Steuerrad<br />

der Kaiseryacht HOHEN-<br />

ZOLLERN und eine Standarte<br />

des Kaiserlichen<br />

Hauses der Hohenzollern.<br />

ERINNERUNG: Gedenkstelle an den<br />

Untergang des Segelschulschiffes der<br />

Reichsmarine NIOBE in Jahr 1932.<br />

An die Bundesmarine, die vor mehr als<br />

fünfzig Jahren in Wilhelmshaven wieder begründet<br />

wurde, erinnert in der Stadt selbst<br />

nichts.<br />

Letzte Station der Spurensuche ist der Ehrenfriedhof<br />

der Stadt. Ein Ort, an dem sich<br />

der Mensch als Teil der Geschichte erlebt.<br />

Insbesondere viele Gefallene der Skagerrakschlacht<br />

sind hier auf einem gesonderten<br />

Gräberfeld zur letzten Ruhe gebettet. Ebenso<br />

die 31 Marinesoldaten des Panzerschiffs<br />

DEUTSCHLAND, die am 29. Mai 1937 auf<br />

ERINNERND: Gedenkstein für die Gefallenen<br />

der DEUTSCHLAND und der LÜTZOW.<br />

EHRENFRIEDHOF WILHELMSHAVEN. Gräberfeld<br />

für die Gefallenen der Skagerrakschlacht<br />

1916<br />

Clausewitz 4/2014<br />

der Reede von Ibiza bei einem Luftangriff<br />

während des Spanischen Bürgerkriegs ums<br />

Leben kamen. Weitere Gedenksteine erinnern<br />

an die Gefallenen der TIRPITZ und der<br />

SCHARNHORST sowie der schwimmenden<br />

Flak-Batterie MEDUSA. Eine Bronzetafel gedenkt<br />

außerdem jener zwölf Soldaten der<br />

Deutschen Marine, die am 13. September<br />

1997 bei einer Flugzeugkollision über dem<br />

Südatlantik ums Leben kamen. Nur am<br />

Volkstrauertag wird durch die örtliche Marinekameradschaft<br />

des Deutschen Marinebunds<br />

die Erinnerung an die Gefallenen der<br />

Schlachten und Gefechte gepflegt – die Vertreter<br />

der Stadt Wilhelmshaven ehren vorrangig<br />

nur die Toten der örtlichen revolutionären<br />

Kämpfe von 1918.<br />

Das Ergebnis der maritimen Spurensuche<br />

in Wilhelmshaven fällt zwiespältig aus. Unübersehbar<br />

sind die Relikte aus den verschiedenen<br />

Epochen deutscher Marinegeschichte.<br />

Von der Kommune nur widerwillig<br />

akzeptiert, sind sie nicht geliebt, und gepflegt<br />

werden sie kaum. Die doch nun über<br />

50 Jahre alte Geschichte der Bundesmarine<br />

kommt in Wilhelmshaven so gut wie nicht<br />

vor. Nur das privat geführte Deutsche Marinemuseum<br />

und der Deutsche Marinebund<br />

nehmen sich dieser Epoche mit ihren Mitteln<br />

und Möglichkeiten an. Die Stadt selbst hält<br />

sich aus unerklärlichen Gründen zurück.<br />

Ulf Kaack, Jg. 1964, ist Verfasser zahlreicher Bücher zu<br />

militärgeschichtlichen und marinetechnischen Themen.<br />

Eberhard Kliem, Jg. 1941, Fregattenkapitän a.D., zuletzt<br />

tätig im NATO-Hauptquartier Brüssel, anschließend<br />

drei Jahre Geschäftsführer des Deutschen Marinemuseums<br />

in Wilhelmshaven.<br />

GeraMond Verlag GmbH, Infanteriestraße 11a, 80797 München<br />

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© yarchyk - Fotolia.com


Feldherren<br />

Generalfeldmarschall Walter Model<br />

Hitlers<br />

„Feuerwehrmann“<br />

BEFÖRDERT: Walter Model,<br />

erst wenige Tage zuvor zum<br />

Generalfeldmarschall<br />

ernannt, im Gespräch mit<br />

Soldaten der bei Kamenez-<br />

Podolsk ausgebrochenen<br />

Einheiten der 1. Panzerarmee,<br />

April 1944.<br />

Foto: picture-alliance/akg-images<br />

70


21. April 1945: Walter Model sieht angesichts<br />

der aussichtslosen Lage „seiner“<br />

Heeresgruppe B im „Ruhrkessel“ keinen<br />

anderen Ausweg mehr als den Freitod. In<br />

den Jahren zuvor konnte Model wichtige<br />

„Abwehrerfolge“ in Russland erzielen und<br />

wurde daher auch als Hitlers „Feuerwehrmann“<br />

bezeichnet. Von Lukas Grawe<br />

AN DER OSTFRONT: Generalfeldmarschall<br />

Walter Model als Oberbefehlshaber<br />

der Heeresgruppe Nordukraine<br />

am Frontabschnitt im Raum Brody,<br />

April 1944. Foto: picture-alliance/akg-images<br />

Clausewitz 4/2014<br />

71


Feldherren<br />

Als Walter Model in einem Waldstück<br />

nahe Duisburg Selbstmord begeht, ist<br />

der vom Gegner gefürchtete Generalfeldmarschall<br />

54 Jahre alt. Er stammt aus der<br />

Kleinstadt Genthin bei Magdeburg, in der am<br />

24. Januar 1891 geboren wurde. Obwohl sich<br />

keiner seiner Vorfahren als Soldat hervorgetan<br />

hat, schlägt der junge Mann bereits im Alter<br />

von 18 Jahren die Offizierslaufbahn ein<br />

und avanciert ein Jahr später zum Leutnant.<br />

IM MANÖVER: Model während einer<br />

Kampfübung im Gespräch mit einem<br />

Soldaten der Waffen-SS, 1944.<br />

Foto: picture-alliance/IMAGNO/Schostal Archiv<br />

Schnell gilt er bei seinen Vorgesetzten als ehrgeiziger<br />

und mutiger, aber auch als unbequemer<br />

Offizier – denn er scheut sich nicht, seine<br />

Ansichten zu vertreten und eigene Standpunkte<br />

durchzusetzen.<br />

Model ist ein Einzelgänger, der nur wenige<br />

Freundschaften schließt und der vorrangig<br />

am eigenen Fortkommen interessiert ist.<br />

Als im August <strong>1914</strong> der Erste Weltkrieg ausbricht,<br />

zieht er mit seinem Infanterie-Regiment<br />

Nr. 52 ins Feld. An der Westfront<br />

nimmt er unter anderem an den Kämpfen<br />

um Verdun 1916 teil und wird mehrmals verwundet.<br />

Auf Fürsprache des Prinzen Oskar<br />

von Preußen erhält Model im selben Jahr die<br />

Möglichkeit, an einem verkürzten Lehrgang<br />

für die Generalstabsausbildung teilzunehmen.<br />

Dieser sollte sein Fortkommen in der<br />

Folge vereinfachen. 1918 fungiert er bereits<br />

als 2. Generalstabsoffizier einer deutschen<br />

Reservedivision.<br />

Schrittweiser Aufstieg<br />

Nach Kriegsende 1918 wird Model dem<br />

„Grenzschutz Ost“ zugeteilt, um die östlichen<br />

deutschen Landesteile gegen den neu entstandenen<br />

polnischen Staat zu verteidigen.<br />

Obwohl die Reichswehr aufgrund der Versailler<br />

Bestimmungen auf eine Stärke von<br />

100.000 Mann beschränkt ist, kann sie nicht<br />

auf fähige junge Offiziere wie Model verzichten.<br />

Als Hauptmann im Generalstab beteiligt<br />

er sich an der Niederwerfung kommunistischer<br />

Aufstände und wird anschließend als<br />

Chef einiger kleinerer Truppenverbände tätig.<br />

In der jungen und instabilen Weimarer<br />

Republik sieht er sich selbst als „unpolitisch“.<br />

Seiner Ansicht nach sollen sich pflichtbewusste<br />

Offiziere aus der Politik heraushalten und<br />

einzig und allein dem Staat dienen. Aufgrund<br />

dieser Ansichten gilt der ehrgeizige und unbestechliche<br />

Emporkömmling bald als Inbegriff<br />

des „preußischen Offiziers“.<br />

Zwei Jahre nach der Machtübernahme<br />

Hitlers wird Model im Jahr 1935 Chef der<br />

neu entstandenen Technischen Abteilung<br />

des Generalstabs. Er unterstützt in dieser<br />

Funktion Pläne zur Motorisierung des Heeres<br />

sowie Ideen der Luftunterstützung zur<br />

„Blitzkriegführung“. Unter seiner Aufsicht<br />

entwickelt die Abteilung ein motorisiertes<br />

und gepanzertes Geschütz, das später als<br />

„Sturmgeschütz“ zum Einsatz kommen wird.<br />

Recht schnell übernimmt Model auch die<br />

Anschauungen des Nationalsozialismus.<br />

Vor allem seine antikommunistische und nationalkonservative<br />

Haltung, die von Ordnungsliebe,<br />

Staatstreue und dem Wunsch<br />

nach einem starken Reich gekennzeichnet<br />

ist, macht ihn für die NS-Ideologie empfänglich.<br />

1938 wird er zum Chef des Generalstabs<br />

des IV. Armeekorps ernannt, wo er sich als<br />

ungeduldiger und antreibender Vorgesetzter<br />

keiner sonderlich großen Beliebtheit erfreut.<br />

Seiner Unerschrockenheit und seinem<br />

Soldatentum zollen viele der ihm unterstellten<br />

Soldaten jedoch während seiner ganzen<br />

Laufbahn großen Respekt.<br />

Im Jahr 1938 zum Generalmajor befördert,<br />

nimmt Model ein Jahr später am Feldzug<br />

gegen Polen teil. Bereits in den folgenden<br />

Feldzügen gelingt dem ehrgeizigen Of-<br />

72


Ehrgeiziger Einzelgänger<br />

fizier der schrittweise Aufstieg. Im Krieg gegen<br />

Frankreich 1940 ist er bereits Generalstabschef<br />

der 16. Armee. Nach dem siegreichen<br />

Ende ernennt Hitler ihn schließlich im<br />

November 1940 zum Kommandeur der<br />

3. Panzerdivision. Hier kann Model sein Organisationstalent<br />

und seine Offenheit für die<br />

schnelle Panzerkriegsführung als Truppenkommandeur<br />

unter Beweis stellen. Da seine<br />

Division durch zahlreiche Abgaben an das<br />

neu aufgestellte „Deutsche Afrikakorps“ geschwächt<br />

wird, muss er große Umorganisierungsmaßnahmen<br />

vornehmen und seinen<br />

Verband in großem Stil „umbauen“.<br />

Vorstoß an der Ostfront<br />

Mit seiner Panzerdivision nimmt Model mit<br />

Beginn des Unternehmens „Barbarossa“ am<br />

Russlandfeldzug teil. Sein Verband stößt bereits<br />

Anfang Juli 1941 über den Bug vor und<br />

zerschlägt die russische Abwehrfront. In der<br />

Folgezeit leisten Models Panzer wichtige<br />

Dienste bei der Schließung des Kessels von<br />

Kiew. Als sich seine 3. Panzerdivision am 15.<br />

September 1941 mit Teilen der 9. Panzerdivision<br />

vereinigt, ist die umfassendste Einkesselung<br />

des Zweiten Weltkriegs beendet. Riesige<br />

Truppenverbände der Roten Armee geraten<br />

in deutsche Gefangenschaft. In<br />

Anerkennung seines militärischen Erfolges<br />

wird Walter Model zum General der Panzertruppe<br />

befördert und erhält im Oktober das<br />

„Haben Sie das Auge gesehen? Dem Mann<br />

traue ich zu, dass er es schafft.<br />

Aber ich selber möchte nicht unter ihm dienen.“<br />

Hitler zu seinem Adjutanten Rudolf Schmundt über Model, 17. Januar 1942<br />

BEIM „FÜHRER“: Walter Model im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ anlässlich seiner<br />

Ernennung zum Generaloberst und der Auszeichnung mit dem „Eichenlaub zum Ritterkreuz<br />

des Eisernen Kreuzes“ im Februar 1942. Model erwirbt sich später den Ruf eines „Defensivspezialisten“.<br />

Foto: ullstein bild – Heinrich Hoffmann<br />

Kommando über das XXXXI. Panzerkorps,<br />

das sich am Vorstoß auf Moskau beteiligen<br />

soll. Schnell stellt sich die Schwierigkeit des<br />

Vorhabens heraus: Die bislang so erfolgreichen<br />

deutschen Vorstöße haben der Roten<br />

Armee zwar riesige Verluste zugefügt, doch<br />

hält die sowjetische Verteidigung nach wie<br />

vor stand. Zudem sind die deutschen Verbände<br />

extrem ausgedünnt. Durch die vorangegangenen<br />

Kesselschlachten haben die Angreifer<br />

Zeit eingebüßt, die nicht mehr aufzuholen<br />

ist.<br />

Im November 1941 schlägt das Wetter<br />

um. Das Regenwetter wird durch Schneestürme<br />

und eisige Temperaturen abgelöst. In<br />

dieser Situation ist auch Models XXXXI. Panzerkorps<br />

nicht mehr in der Lage, einen erfolgreichen<br />

Angriff auf die sowjetische<br />

Hauptstadt zu unternehmen. Doch gesteht<br />

sich sein Kommandeur die schwierige Lage<br />

nicht ein. Anfängliche Erfolge lassen warnende<br />

Stimmen zudem vorerst verstummen.<br />

Models Panzer stoßen bis zum 4. Dezember<br />

1941 gegen erbitterte Gegenwehr der Roten<br />

Armee nördlich von Moskau vor und gelangen<br />

bis Kalinin, das nur 170 Kilometer<br />

nordwestlich der Hauptstadt liegt. Dem gut<br />

vorbereiteten sowjetischen Gegenschlag<br />

können sie jedoch keinen ausreichenden Widerstand<br />

mehr entgegensetzen. Ein Rückzug<br />

ist schließlich unvermeidlich.<br />

Wichtiger Karrieresprung<br />

Die Lage für die deutschen Verbände entwickelt<br />

sich in der Folge äußerst kritisch. Vor<br />

allem die 9. Armee unter Generaloberst<br />

Adolf Strauß, zu der auch Models Panzerkorps<br />

gehört, gerät in arge Bedrängnis. Sie<br />

kann dem sowjetischen Druck kaum noch<br />

standhalten. Strauß ist gesundheitlich und<br />

nervlich stark angeschlagen und wird daher<br />

am 18. Januar 1942 zur allgemeinen Überraschung<br />

durch den erst knapp 51-jährigen<br />

Model ersetzt.<br />

Ohne lange zu zögern, reorganisiert dieser<br />

die Verteidigung des Frontvorsprungs,<br />

HINTERGRUND<br />

Der „Ruhrkessel“<br />

Nach der erfolglosen Offensive durch die Ardennen<br />

im Winter 1944/45 hat die Wehrmacht<br />

ihre letzten Reserven verbraucht, sodass<br />

sie dem alliierten Vordringen nur noch<br />

wenig Widerstand entgegensetzen kann. In<br />

der Folge dringen alliierte Truppen im Frühjahr<br />

1945 weit auf deutsches Territorium<br />

vor. Die HGr. B zieht sich daraufhin in das<br />

von Industrieanlagen geprägte Ruhrgebiet<br />

zurück und wird dort am 1. April von der<br />

1. und 9. US-Armee eingekesselt.<br />

Mehr als 320.000 Soldaten, darunter vor<br />

allem Angehörige des Volkssturms, der Hitlerjugend<br />

und Flakhelfer, sitzen im Ruhrgebiet<br />

und im angrenzenden Sauerland in der<br />

Falle. Bis zum 12. April drängen die amerikanischen<br />

Verbände die demoralisierten<br />

deutschen Truppen immer enger zusammen.<br />

Anschließend spaltet die 86. US-Division<br />

von Süden kommend den Kessel in<br />

zwei Teile. Während der kleinere östliche<br />

Teil am 14. und 15. April kapituliert, kämpft<br />

der westliche Teil bis zum 21. April 1945<br />

weiter.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

73


Feldherren<br />

der sich um die Stadt Rshew gebildet hat. Er<br />

plant einen Gegenschlag, der die Lage der<br />

9. Armee an der Nordflanke der HGr. Mitte<br />

erleichtern soll. Model fliegt nach Ostpreußen<br />

zur „Wolfsschanze“, um sich sein geplantes<br />

Vorgehen von Adolf Hitler genehmigen<br />

zu lassen. Er will die von drei sowjetischen<br />

Armeen umzingelte 9. Armee mit<br />

einer Schwerpunktbildung angriffsweise<br />

vorgehen lassen und die gegnerischen Verbände<br />

einkesseln.<br />

Model beeindruckt Hitler<br />

Der „Führer“ ist zu Beginn skeptisch, doch<br />

fürchtet sich Model nicht, dem Diktator zu<br />

widersprechen. Er selbst kenne die Lage besser.<br />

Außerdem weist er auf die Befehlslage<br />

hin: „Mein Führer, befehligen Sie die 9. Armee<br />

oder ich?“<br />

Hitler zeigt sich beeindruckt. In Anlehnung<br />

auf das Monokel Models äußert er sich<br />

zu seinem Adjutanten: „Haben Sie das Auge<br />

gesehen? Dem Mann traue ich zu, dass er es<br />

schafft. Aber ich selber möchte nicht unter<br />

ihm dienen.“<br />

„Der Sieg der nationalsozialistischen Idee steht außer<br />

Zweifel, die Entscheidung liegt in unserer Hand.“<br />

Walter Model zu untergebenen Offizieren, März 1945<br />

Das Wetter scheint die Pläne Models zu<br />

verhindern. Die Temperaturen sinken auf bis<br />

zu minus 40 Grad, die Truppen sind erschöpft.<br />

Doch aufkommenden Zweifeln<br />

stellt sich der General entgegen: „Morgen<br />

und übermorgen wird es auch nicht wärmer.<br />

Die Russen marschieren ja auch.“ Tatsächlich<br />

haben Models Pläne Erfolg. Die Offensive<br />

bereinigt nicht nur die feindlichen Fronteinbrüche,<br />

sondern führt auch zum Einschluss<br />

der sowjetischen 29. Armee. Model<br />

erhält Ende Februar 1942 das „Eichenlaub<br />

zum Ritterkreuz“ und wird zum Generaloberst<br />

befördert. Seine Operation rettet die<br />

HGr. Mitte vor der Vernichtung und stabilisiert<br />

die Front. Einige Wesenszüge Models<br />

tragen zum Erfolg bei: Als Optimist neigt er<br />

dazu, Schwierigkeiten zu ignorieren. Dies erweist<br />

sich zunächst als großer Vorteil. Fortan<br />

fungiert der Generaloberst als Hitlers „Feuerwehrmann“,<br />

der an den zahlreichen<br />

Brennpunkten der Ostfront besonders aussichtslose<br />

Lagen bereinigen soll.<br />

Bis Anfang 1943 gelingt der 9. Armee die<br />

Verteidigung des Frontvorsprungs bei<br />

SPUREN DER VERWÜSTUNG: US-Truppen<br />

überqueren auf einer Behelfsbrücke einen<br />

Flusslauf während der Kämpfe um den<br />

„Ruhrkessel“ im April 1945.<br />

Foto: picture-alliance/akg-images<br />

Rshew, der wie ein Dorn in die sowjetische<br />

Front hineinragt. In dieser Zeit gehen seine<br />

Truppen unerbittlich gegen rückwärtige Partisanenbewegungen<br />

vor. Wiederholt gelingen<br />

der 9. Armee Abwehrerfolge gegen sowjetische<br />

Angriffe. Den Generaloberst kann<br />

auch ein Lungendurchschuss nicht lange<br />

von der Front fern halten.<br />

„Meister der Defensive”<br />

Nach der endgültigen Niederlage von Stalingrad<br />

ist jedoch auch Hitlers „Meister der Defensive“<br />

gezwungen, den Frontbogen zu<br />

räumen. Sein planmäßiger Rückzug, der unter<br />

dem Decknamen „Büffelbewegung“ abläuft,<br />

erhält von vielen Seiten Anerkennung:<br />

Er verläuft deutlich geordneter als die meisten<br />

Rückwärtsbewegungen der Wehrmacht.<br />

Im März 1943 ist der von zehn sowjetischen<br />

Armeen bedrohte Frontvorsprung geräumt<br />

und die Front selbst um hunderte Kilometer<br />

verkürzt. Bis dahin ist es Model mehr als ein<br />

Jahr lang gelungen, die weit überlegenen<br />

sowjetischen Verbände aufzuhalten.<br />

In den folgenden Monaten sollen nach<br />

dem Willen Hitlers die Verbände der Wehrmacht<br />

noch einmal eine umfassende Offensive<br />

beginnen, um die Verbände der Roten<br />

74


Schroffer Führungsstil<br />

Armee zu zerschlagen. Models 9. Armee<br />

kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu, da<br />

sie nördlich des als Ziel des Angriffs anvisierten<br />

Frontbogens bei Kursk stationiert ist.<br />

Gemeinsam mit Hoths 4. Panzerarmee im<br />

Süden sollen die exponierten sowjetischen<br />

Verbände eingekesselt und vernichtet werden.<br />

Vor allem auf Betreiben von Walter Model<br />

wird die Offensive jedoch mehrmals verschoben.<br />

Der Generaloberst hält seine eigenen Verbände<br />

nicht für ausreichend stark genug und<br />

will auf weitere Verstärkungen sowie auf die<br />

Zuführung der neuen Panzertypen „Tiger“<br />

und „Panther“ warten.<br />

Das Warten erweist sich als verhängnisvoller<br />

Fehler. Die Rote Armee nutzt die<br />

Atempause zur Befestigung des Bogens und<br />

rechnet zudem mit einem deutschen Vorgehen.<br />

Die Panzerschlacht bei Kursk endet im<br />

Juli 1943 mit einem Scheitern des „Unternehmens<br />

Zitadelle“ von deutscher Seite. Der<br />

Misserfolg führt endgültig zum Verlust der<br />

Initiative an der Ostfront.<br />

Trotz seiner entscheidenden Rolle bei der<br />

Verzögerung der Angriffsoperation ist Models<br />

Ansehen bei Hitler nach wie vor sehr<br />

groß. Zeitweise überträgt der „Führer“ seinem<br />

Generaloberst sogar den zusätzlichen<br />

Oberbefehl über die deutsche 2. Panzer-<br />

CHARAKTERISTISCH: Walter Model mit<br />

Monokel auf einer Porträtaufnahme um<br />

1942/43. Foto: SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo<br />

armee und erlaubt ihm eine „elastische<br />

Kampfführung“. Dies schließt auch Rückzüge<br />

mit ein.<br />

Überzeugter NS-Anhänger<br />

Der Neuerungen nicht unaufgeschlossene<br />

Model neigt in der Phase des Rückzugs zu<br />

Kontrollwahn und mischt sich häufig in Angelegenheiten<br />

untergeordneter Verbände ein.<br />

Sein schroffer Führungsstil macht ihn bei vielen<br />

Offizieren der Wehrmacht zunehmend<br />

unbeliebt. Sie sehen in ihm zudem einen<br />

Günstling Hitlers. Tatsächlich ist Model bis<br />

zum Schluss ein Anhänger der nationalsozialistischen<br />

Ideologie, wenngleich er selbst<br />

stets sein Desinteresse für Politik betont hat.<br />

Am 30. März 1944 ernennt Hitler Model<br />

zum Generalfeldmarschall. Bis zum Sommer<br />

1944 wird er seinem Ruf als „Feuerwehrmann“<br />

gerecht und von einem Brennpunkt<br />

der Ostfront zum nächsten entsandt. Er erhält<br />

den Oberbefehl über wechselnde Heeresgruppen<br />

und erweist sich dabei mehrmals<br />

als „Retter“ kritischer Situationen.<br />

Nach dem Zusammenbruch der HGr. Mitte<br />

übernimmt Model dort den Befehl und organisiert<br />

eine zusammenhängende Front, die<br />

die sowjetische Offensive zum Stehen bringt.<br />

Hitler stattet ihn daher öffentlich mit dem<br />

Prädikat „Retter der Ostfront“ aus.<br />

NEU!


Feldherren<br />

KURZ VOR KRIEGSENDE: Models schwer angeschlagene Heeresgruppe B<br />

kann den Vormarsch der Westalliierten nicht aufhalten. Angesichts der<br />

aussichtslosen Lage verweigert sich Model einer Kapitulation und befiehlt<br />

die Auflösung der HGr. B.<br />

Foto: picture-alliance/akg-images<br />

Die Landung der Alliierten in der Normandie<br />

bringt Mitte 1944 schließlich auch<br />

die deutschen Truppen im Westen in Bedrängnis.<br />

Model soll nun auch zum „Retter<br />

der Westfront“ avancieren und wird am 16.<br />

August 1944 zum Oberbefehlshaber West<br />

(OB West) ernannt. Gleichzeitig befehligt er<br />

die HGr. B. Die Situation im Westen ist jedoch<br />

bereits so kritisch, dass Model nur noch<br />

die Rettung der Reste der deutschen Verbände<br />

gelingt. Erst nach der Aufgabe von Paris<br />

Ende August 1944 und der Räumung von<br />

Frankreich und Belgien glückt ihm die Stabilisierung<br />

der Front an der „Siegfried-Linie“.<br />

Auf eigenen Wunsch gibt er die Aufgaben<br />

des OB West bereits am 4. September wieder<br />

ab, um sich auf seine HGr. B konzentrieren<br />

zu können. Noch einmal gelingen unter seiner<br />

Führung einige Abwehrerfolge, wie die<br />

Vernichtung der britischen Fallschirmtruppen<br />

bei Arnheim Mitte September 1944.<br />

Die Ardennenoffensive scheitert<br />

Im Winter 1944/45 will Hitler mit einer letzten<br />

großen Offensive den Vormarsch der<br />

Westalliierten stoppen. Ein Vorstoß durch<br />

die Ardennen soll bis zum Hafen Antwerpen<br />

führen, um auf diese Weise den alliierten<br />

Nachschub zu unterbinden. Models HGr. B<br />

Literaturtipps<br />

Walter Görlitz: Model. Der Feldmarschall und<br />

sein Endkampf an der Ruhr, 4. Aufl., München<br />

1989.<br />

Marcel Stein: Generalfeldmarschall Walter Model.<br />

Eine Neubewertung, 2. Aufl., Bissendorf<br />

2008.<br />

AUF FRONTBESUCH: Model spricht mit Offizieren<br />

ihm unterstellter Einheiten an der<br />

Ostfront, rechts im Bild „Ritterkreuzträger“<br />

Ernst Georg Buchterkirch.<br />

Foto: ullstein bild – Süddeutsche Zeitung Photo/Scherl<br />

soll den Hauptschlag führen und das Unmögliche<br />

vollbringen. Als gehorsamer Offizier<br />

stürzt er sich in die neue Aufgabe und<br />

treibt seine Untergebenen unermüdlich an.<br />

In der am 16. Dezember 1944 angelaufenen<br />

„Ardennenoffensive“ bringen die deutschen<br />

Truppen die amerikanischen Verbände zwar<br />

anfangs in starke Bedrängnis. Doch muss die<br />

Operation bereits nach sechs Wochen eingestellt<br />

werden. Während die Alliierten weiter<br />

vormarschieren, hat die Wehrmacht in der<br />

Folge auch ihre letzten Reserven eingebüßt.<br />

Nunmehr ist auch Model von der Ausweglosigkeit<br />

der Lage überzeugt. Dies ändert<br />

jedoch nichts an seiner Haltung gegenüber<br />

dem Nationalsozialismus. Noch Ende<br />

März 1945 betont er gegenüber untergebenen<br />

Offizieren: „Der Sieg der nationalsozialistischen<br />

Idee steht außer Zweifel, die Entscheidung<br />

liegt in unserer Hand.“ Als Verfechter<br />

von Hitlers Durchhaltestrategie lässt<br />

er Deserteure und zur Kapitulation bereite<br />

Entscheidungsträger standrechtlich erschießen.<br />

Model tötet sich selbst<br />

Seine HGr. B wird schließlich am 1. April<br />

1945 im Ruhrgebiet in einem riesigen Kessel<br />

eingeschlossen. Mehr als 320.000 Soldaten,<br />

von denen jedoch eine große Zahl nur geringe<br />

Kampferfahrung besitzt, sind umzingelt.<br />

Model setzt sich mehrfach dem feindlichen<br />

Feuer aus und sucht den Tod in der Schlacht,<br />

doch wird er nicht tödlich getroffen. Ein<br />

Gang in die Gefangenschaft kommt für ihn<br />

nicht in Frage: „Ein Feldmarschall geht nicht<br />

in Gefangenschaft“, äußert er gegenüber einem<br />

Offizier. Auch eine Kapitulation schließt<br />

er aus und wählt daher den Freitod.<br />

Seinen letzten Begleitern hinterlässt er<br />

folgende Botschaft: „Unter dem Druck der<br />

Kriegsereignisse zeigt sich, dass noch immer<br />

weite Kreise des deutschen Volkes und damit<br />

auch der Truppe vom jüdischen und demokratischen<br />

Gift der materialistischen<br />

Denkweise verseucht sind.“<br />

Im Jahr 1955 wird Models Leichnam aus<br />

dem Feldgrab exhumiert und auf der Kriegsgräberstätte<br />

Vossenack im Hürtgenwald beigesetzt.<br />

Lukas Grawe, M.A., Jahrgang 1985, Historiker aus<br />

Münster.<br />

76


Schrauben, Fahren,<br />

Träumen<br />

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Museen & Militärakademien<br />

Wo der Mohn blüht<br />

In Flanders Fields<br />

Museum<br />

<strong>1914</strong>–1918: Flandern ist der Ort schrecklicher Schlachten.<br />

Das In Flanders Fields Museum widmet sich diesen<br />

Kämpfen mit innovativen Methoden und einem modernen<br />

Ausstellungskonzept.<br />

Von Alexander Querengässer<br />

Foto: picture alliance/DUMONT Bildarchiv<br />

Seit dem Mittelalter ist die kleine flämische<br />

Stadt Ypern für ihr Tuchgewerbe<br />

bekannt. <strong>1914</strong> wird die am Marktplatz<br />

gelegene gotische Lakenhale (Tuchhalle)<br />

beim Vormarsch der deutschen Armee fast<br />

vollständig zerstört. Es waren Ernst Jüngers<br />

berühmt-berüchtigte „Stahlgewitter“, die die<br />

Stadt in Schutt und Asche legten. Es dauert<br />

fast 50 Jahre, von 1920 bis 1967, das architektonische<br />

Kleinod zu restaurieren. Im Jahr<br />

2000 eröffnet in den Räumen der Tuchhalle<br />

das In Flanders Fields Museum. Der Name<br />

geht auf ein Gedicht des kanadischen Lieutenant<br />

Colonel John McCrae von 1915 zurück,<br />

der darin den Tod eines Freundes in<br />

den mit Klatschmohn übersäten Feldern<br />

Flanderns beweint. McCraes Kamerad<br />

steht stellvertretend für 600.000 Soldaten<br />

aus fünfzig Nationen, die auf belgischem<br />

Boden ihr Leben ließen.<br />

Facettenreiche Zeitreise<br />

Das In Flanders Fields Museum ist daher<br />

vor die schwierige Aufgabe gestellt, der<br />

Geschichte all dieser Gefallenen aus<br />

Deutschland, Frankreich, England,<br />

Australien, Kanada und Indien gerecht<br />

zu werden. Bereits wenige Jahre nach<br />

seiner Eröffnung erkennt die Museumsleitung,<br />

dass das Konzept für die anstehenden<br />

100-Jahr-Gedenkfeiern nicht<br />

nur erweitert, sondern inhaltlich überarbeitet<br />

werden muss. Der Erste Weltkrieg ist kein<br />

geschichtliches Ereignis mehr, das von den<br />

Hinterbliebenen verarbeitet, sondern das<br />

von den Nachgeborenen neu entdeckt werden<br />

muss. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelt<br />

das Museum eine Dauerausstellung,<br />

die sich zunächst mit der Geschichte des<br />

Weltkrieges in Flandern an sich beschäftigt.<br />

Sie beginnt mit dem deutschen Einfall und<br />

der fast vollständigen Besetzung des Königreiches.<br />

Anschließend werden die vier großen<br />

Ypern- oder Flandernschlachten beleuchtet.<br />

Da es keine menschlichen Zeitzeugen<br />

mehr gibt, wird der große Glockenturm<br />

(gegen 2,- Euro Aufpreis) in den Rundgang<br />

mit einbezogen – von dessen Spitze aus die<br />

Besucher die den Krieg prägende und vom<br />

Krieg verformte Landschaft betrachten können.<br />

Übereinandergelegte Luftaufnahmen<br />

von <strong>1914</strong> bis heute, die in den Hallen präsentiert<br />

werden, machen die vom Artilleriebeschuss<br />

hervorgerufenen Veränderungen<br />

deutlich. Aber auch materielle Gegenstände<br />

gewinnen in der neuen Ausstellung zunehmend<br />

an Bedeutung: Sie bieten dem Besucher<br />

eine Brücke in die Vergangenheit. Dazu<br />

gehören nicht nur Geschütze, Waffen und<br />

Ausrüstung, die in neuwertigem Zustand in<br />

die Sammlungen des Museums gelangten,<br />

sondern auch archäologische Fundstücke.<br />

STIMMIGER STANDORT: Die Unterbringung<br />

des Museums in der Tuchhalle<br />

erzählt selbst schon die Geschichte<br />

von Krieg und Wiederaufbau<br />

– das gotische<br />

Gebäude wurde während<br />

des Ersten Weltkrieges<br />

zerstört und danach<br />

aufwendig<br />

restauriert.<br />

KONTAKT<br />

In Flanders Fields Museum<br />

Lakenhallen – Grote Markt 34<br />

B-8900 Ieper<br />

Tel: +32(0)57.239.220<br />

flandersfields@ieper.be<br />

Mehr Informationen unter:<br />

http://www.inflandersfields.be/de<br />

78


GESPENSTISCH: Die Präsentation<br />

dieser Gasschutzmasken ruft<br />

beim Betrachter ein beklemmendes<br />

Gefühl hervor. Das Museum<br />

besitzt Waffen und Ausrüstung<br />

in teilweise neuwertigem Zustand.<br />

Fotos: In Flanders Fields Museum<br />

MODERNES MUSEUMSKONZEPT:<br />

Es werden nicht nur Militaria (hier<br />

Sanitätszubehör) ausgestellt – die<br />

Ereignisse bzw. Empfindungen von<br />

damals werden durch Schauspieler<br />

lebendig gemacht. Geplante Doppelausstellungen<br />

und ein detaillierter<br />

Blick auf Leben und Leid der Soldaten<br />

runden die Präsentation ab.<br />

Landschaft und Material würden trotz alledem<br />

einen nur unpersönlichen Zugang zur<br />

Geschichte liefern. Daher bildet ein sogenannter<br />

„Personenparcours“ den eigentlichen<br />

Leit- und Identifikationsfaden für die<br />

Besucher. Ihnen begegnen Schauspieler in<br />

den Rollen historischer Personen und in echten<br />

Uniformen, die in Tagebüchern, Briefen<br />

und Postkarten festgehaltene Eindrücke und<br />

Meinungen wieder geben. Zusätzlich dazu<br />

gibt es vier Begegnungskioske. Hier trifft jeder<br />

Gast auf andere Personen aus drei<br />

Kriegs- und einem Nachkriegsabschnitt.<br />

Wem genau, dass entscheidet ein Computer<br />

anhand von Informationen, die die Besucher<br />

an der Kasse abgeben. Personenkästen stellen<br />

eine Verbindung zu ausgesuchten materiellen<br />

Gegenständen dar und zeigen dem<br />

Besucher das Gesicht des Mannes, der eine<br />

bestimmte ausgestellte Uhr oder ein Buch mit<br />

sich führte. Zudem wurden ausgewählte<br />

Künstler noch einmal herausgehoben, deren<br />

Texte unser Verständnis für den Krieg geprägt<br />

haben. Für die Kanadier ist dies natürlich<br />

McCrae, für die Briten der Dichter Ivor<br />

Gurney, Cyriel Buysse für die Belgier und Jean<br />

Giono für die Franzosen. Die deutsche Seite<br />

ist mit einem Text von Stefan Zweig vertreten.<br />

Zwar war der geborene Österreicher ein<br />

begabter Schriftsteller, aber hier hätten sich<br />

wahrscheinlich eher Texte von Ernst Jünger<br />

oder Ludwig Renn angeboten, die ebenfalls<br />

eine hohe schriftstellerische Qualität haben<br />

und aus den Kriegserfahrungen der beiden<br />

als Offiziere in Flandern schöpfen.<br />

Attraktive Doppelausstellungen<br />

Das Museum in Ypern sieht sich vor die Herausforderung<br />

gestellt, nicht einfach nur ein<br />

Museum für militärische Verlaufsgeschichte<br />

sein zu wollen. Zudem wird man in den<br />

nächsten Jahren zunehmend mit interessierten<br />

– aber wenig vorgebildeten – Besuchern<br />

konfrontiert werden. Das Museum plant daher<br />

innerhalb der nächsten vier Jahre Doppelausstellungen,<br />

die sich zum einen chronologisch<br />

mit den einzelnen Flandernschlachten<br />

befassen und zum anderen<br />

thematisch bestimmte Aspekte des Krieges<br />

detaillierter aufgreifen sollen. Dabei rückt<br />

der einfache Soldat stark in den Mittelpunkt,<br />

seine Sorgen, Ängste, Nöte und sein Leid. Es<br />

bleibt zu hoffen, dass der Frontkämpfer nicht<br />

nur in das moderne Täter-/Opferschema gepresst<br />

wird, sondern auch aus dem Werteverständnis<br />

der Zeit als mutig und patriotisch<br />

beleuchtet und kritisch hinterfragt<br />

wird.<br />

Das In Flanders Fields ist ein Museum, das<br />

über die Tuchhallen hinaus reicht. Auf der<br />

Website ist ein Wissenszentrum eingerichtet,<br />

in dem Namen, Herkunft, Alter, Einheit, Sterbeort<br />

und Friedhof von in Flandern gefallenen<br />

und identifizierten Soldaten gesammelt<br />

und für jeden zugänglich sind. Die Datenbank<br />

wird ständig ergänzt. Smartphonebesitzer<br />

können mit der App „In Flanders Earth“<br />

350 Punkte an den ehemaligen Frontlinien ansteuern,<br />

zum Beispiel Grabenstellungen, Panzerfriedhöfe,<br />

Flugplätze und vieles mehr.<br />

ZERMALMTE LANDSCHAFT: Diese Luftaufnahme<br />

aus dem Jahr 1917 verdeutlicht die<br />

zerstörerische Wirkung des industriellen<br />

Krieges – das Museum bezieht die Landschaft<br />

in das Ausstellungskonzept mit ein.<br />

Foto: picture alliance/Mary Evans Picture Library<br />

SONDERAUSSTELLUNGEN<br />

Oktober bis Dezember 2014 Chronologischer<br />

Teil: Die Schlacht an der Yser<br />

und die Erste Flandernschlacht<br />

Thematischer Teil: Anthony d’Ypres<br />

April bis Juni 2015<br />

Chronologischer Teil: Die Zweite<br />

Flandernschlacht<br />

Thematischer Teil: Schlossdomänen<br />

der Frontregion<br />

März bis Juli 2016<br />

Chronologischer Teil: Kanada in<br />

Flandern<br />

Thematischer Teil: Kanadische<br />

Kriegskünstler<br />

Juni bis November 2017<br />

Chronologischer Teil: Die Minenschlacht<br />

und die Dritte Flandernschlacht<br />

Thematischer Teil: Australische Kriegsfotografen<br />

April bis November 2018<br />

Chronologischer Teil: Die Offensiven<br />

von 1918: Frühling und Befreiung<br />

Thematischer Teil: Kunst im Dienst<br />

des Krieges<br />

Wer nach Ypern reist, wird nicht nur in<br />

der Landschaft Spuren des Krieges finden,<br />

sondern erhält im Museum viele interessante<br />

Hintergrundinformationen. Einzig Militariafreunde<br />

werden bemängeln können, dass<br />

eine umfangreiche Objektausstellung einer<br />

modernen, übersichtlichen Raumpräsentation<br />

weichen musste. Trotzdem, wer die<br />

Schlachtfelder Flanderns besucht, sollte erst<br />

durch die Tuchhallen von Ypern ziehen und<br />

sich Anregungen und Informationen für<br />

Schlachtfeld-, Friedhofs- und Denkmalwanderrouten<br />

holen.<br />

Alexander Querengässer, Jg. 1987, ist Militärhistoriker<br />

und Autor aus Dresden.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

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Ein Bild erzählt Geschichte<br />

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Körners Tod<br />

Der letzte Augenblick<br />

des kämpfenden Poeten<br />

26. August 1813: Theodor Körner wird tödlich verwundet. Der „Opfergang“ des<br />

glühenden Patrioten im Kampf gegen Napoleon bringt eine Flut an Kunstwerken hervor<br />

– darunter ist auch der bekannte Holzstich von Johann Kirchhoff. Von Maximilian Bunk<br />

Theodor Körner wird am 23. September<br />

1791 in eine Dresdner Familie hineingeboren,<br />

die engen Kontakt zu Schiller,<br />

Goethe und zahlreichen anderen „Geistesgrößen“<br />

der Zeit unterhält. Während des Studiums<br />

muss der temperamentvolle Körner<br />

(u.a. wegen eines Duells) mehrfach die Universität<br />

wechseln. Anfang 1813 tritt der jugendliche<br />

Poet und Patriot in das Lützowsche<br />

Korps ein um gegen die französische<br />

Fremdherrschaft zu kämpfen. Am 17.<br />

Juni wird Körner bei einer Überfallaktion bei<br />

Kitzen verwundet – eilt aber nach der Genesung<br />

sofort wieder zurück zu den Jägern. Am<br />

25. August lagert die „schwarze Schar“ in einem<br />

Wald bei Gadebusch in Mecklenburg.<br />

Ihre Aufgabe: Angriff auf einen französischen<br />

Proviantkonvoi. Als der nächste Tag anbricht,<br />

nähert sich der – durch französische Infanterie<br />

gesicherte – Tross. Mit gezücktem Säbel<br />

stürzen sich die Lützower aus dem Unterholz<br />

auf die Wagen auf der Landstraße – ein<br />

Schuss fällt und Körner zuckt im Sattel zusammen.<br />

Seine Worte dabei sind angeblich:<br />

„Da habe ich eins – schadet weiter nicht!“ Der<br />

kämpfende Dichter fällt von seinem Pferd<br />

und wird kurz darauf unter einer Eiche bei<br />

Wöbbelin beerdigt.<br />

Den dramatischen letzten Augenblick<br />

Theodor Körners fängt der Maler und Illustrator<br />

Johann Jakob Kirchhoff (1796–1848) in<br />

seinem Holzstich „Körners Tod“ ein. Der Getroffene<br />

sinkt von seinem Ross, Kameraden<br />

DER „TODESRITT“ THEODOR KÖRNERS:<br />

Der Holzstich von Kirchhoff (hier in einer<br />

nachkolorierten Version) zeigt den Augenblick<br />

von „Körners Tod“ im Kampf gegen<br />

französische Soldaten. Theodor Körner wird<br />

durch seinen „Heldentod“ zur patriotischen<br />

Identifikationsfigur verklärt.<br />

Abb.: picture alliance/akg<br />

HINTERGRUND<br />

Bis heute ist das Lützowsche Freikorps besonders<br />

wegen zwei Dingen bekannt: der<br />

charakteristischen schwarzen Uniform (die<br />

zusammen mit den roten Ärmelaufschlägen<br />

und den goldenen Knöpfen Vorbild für die<br />

heutige deutsche Nationalflagge war) sowie<br />

seinen berühmten Mitgliedern. Zu letzteren<br />

gehören – neben Theodor Körner – zum Beispiel<br />

auch Joseph von Eichendorff und Friedrich<br />

Ludwig Jahn, besser bekannt als „Turnvater<br />

Jahn“. Gegründet wird die Truppe offiziell<br />

durch den Freiherrn von Lützow Anfang<br />

stützen ihn. Im Hintergrund ist eine Eiche –<br />

der deutsche „Nationalbaum“ zu sehen, am<br />

rechten Bildrand wird noch gekämpft. Ursprünglich<br />

erschien der Holzstich in<br />

schwarz-weiß – die Abbildung zeigt eine<br />

später kolorierte Fassung (bei der die – für<br />

die damalige Zeit recht ungewöhnlichen –<br />

schwarzen Uniformen besser zur Geltung<br />

kommen). Kirchhoff selbst hat sich den „Befreiungskriegen“<br />

mehrfach künstlerisch gewidmet,<br />

etwa in Form einer Serie „Porträts<br />

preußischer Feldherren der Befreiungskriege“<br />

oder dem Holzstich „Tod des Prinzen<br />

Louis Ferdinand“.<br />

Körner ist oft das Sujet für Künstler gewesen.<br />

Wilhelm Camphausen fertigte ebenfalls<br />

einen Holzstich zum „Todesritt“ bei Gadebusch<br />

an, der in seiner Komposition fast<br />

identisch mit dem Werk Kirchhoffs ist. Besonders<br />

bekannt ist außerdem das Gemälde<br />

„Auf Vorposten“ von Georg Friedrich Kersting<br />

(siehe hierzu <strong>CLAUSEWITZ</strong> Ausgabe<br />

1/2012). Theodor Körner ist ein geradezu<br />

idealer Träger für die patriotische Idee: In<br />

ihm vereinigen sich Theorie und Praxis. Was<br />

er in seinen mitunter stürmischen Liedern,<br />

Gedichten und Dramen propagierte, setzte<br />

Das Lützowsche Freikorps<br />

1813 – und zwar als regulärer Bestandteil<br />

der preußischen Armee. Hauptaufgabe der<br />

„schwarzen Schar“ sind Störmanöver, Streifzüge,<br />

Guerilla-Aktionen und propagandistisch<br />

wirksame „Husarenstücke“. Die Mitglieder<br />

des Korps sind allesamt Freiwillige.<br />

Jenseits ihres eher geringen militärischen<br />

Wertes (das Korps hatte eine der höchsten<br />

Desertationsraten!) entfalten die Lützower<br />

eine gewaltige psychologisch-propagandistische<br />

Wirkung – wie nicht zuletzt das Beispiel<br />

Theodor Körners zeigt.<br />

er in die Tat um. Unter dem Titel „Leier und<br />

Schwert“ veröffentlichte er Freiheitslieder,<br />

sein „Lützows wilde, verwegene Jagd!“ ist<br />

ein glühender Schlachtengesang. Körners<br />

Ableben mit gezücktem Säbel wird deshalb<br />

schnell zum Heldentod und Opfer für das<br />

Vaterland stilisiert – er wird zur Identifikationsfigur<br />

sowie zum Vorbild von Generationen<br />

deutscher Patrioten. Sein Grab unter der<br />

Wöbbeliner Eiche in der Nähe von Ludwigslust<br />

wird zum Wallfahrtsort der Nationalbewegung.<br />

Bis heute entstanden zahlreiche Gedenksteine,<br />

Denkmäler und „Körnereichen“.<br />

Körner ist einerseits in Postkarten, Gemälden<br />

und bisher zwei Filmen unsterblich geworden,<br />

wurde aber andererseits auch für<br />

Propagandazwecke missbraucht. Die beiden<br />

Mythen „schwarze Schar“ und „Held Theodor<br />

Körner“ wirken wechselseitig aufeinander<br />

– das Bild von Kirchhoff partizipiert an<br />

beiden Geschichten und trägt somit seinen<br />

Teil zur lange anhaltenden „Wirkung“ des<br />

Freikorps und Körners bei.<br />

Maximilian Bunk, Jg. 1976, ist Historiker und<br />

Redakteur bei <strong>CLAUSEWITZ</strong>.<br />

Clausewitz 4/2014<br />

81


<strong>Vorschau</strong><br />

Scapa Flow<br />

U 47 und der „Coup“ des<br />

Günther Prien<br />

14. Oktober 1939: Kapitänleutnant<br />

Günther Prien<br />

greift mit seinen Männern<br />

von U 47 Scapa Flow, den<br />

Heimathafen der britischen<br />

„Home Fleet“, an und versenkt<br />

das Schlachtschiff<br />

HMS Royal Oak. Während<br />

die Royal Navy an diesem<br />

Tag eine ihrer schwärzesten<br />

Stunden erlebt, wird Prien<br />

im Deutschen Reich als<br />

„Nationalheld“ gefeiert.<br />

Nr. 20 | 4/2014 | Juli-August | 4.Jahrgang<br />

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Golfkrieg 1991<br />

Operation „Wüstensturm“<br />

August 1990: Irakische Truppen marschieren in das<br />

am Persischen Golf gelegene Emirat Kuwait ein. Dieser<br />

Krise folgt nach einem diplomatischen Tauziehen ein<br />

handfester Waffengang: Am 17. Januar 1991 beginnt<br />

die Operation „Desert Storm“ (Wüstensturm).<br />

Römische Militärlager<br />

Wichtiger Bestandteil der Kriegsmaschinerie<br />

Antike: Die Legionen Roms verfügen über ein effizientes<br />

Logistiksystem, zu dem auch Standlager und Kastelle für<br />

die Grenzsicherung sowie Marschlager während der Feldzüge<br />

gehören. Diese Anlagen sind ein so zentrales Element<br />

der römischen Armee, dass sie symbolisch für die<br />

überlegene Militärtechnik der Legionen stehen.<br />

Außerdem im nächsten Heft:<br />

Weißenburg 1870. Auftakt im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71.<br />

Winston Churchill. Großbritanniens streitbarer Premier- und Kriegsminister.<br />

Und viele andere Beiträge aus den Wissengebieten Geschichte, Militär und Technik.<br />

Lieber Leser,<br />

Sie haben Freunde, die sich ebenso für Militärgeschichte<br />

begeistern wie Sie? Dann empfehlen Sie uns<br />

doch weiter! Ich freue mich über jeden neuen Leser.<br />

Ihr verantwortlicher Redakteur<br />

<strong>CLAUSEWITZ</strong><br />

Dr. Tammo Luther<br />

Die nächste Ausgabe<br />

von<br />

erscheint<br />

am 4. August 2014.<br />

Geschäftsführung Clemens Hahn, Carsten Leininger<br />

Herstellungsleitung Sandra Kho<br />

Vertriebsleitung Dr. Regine Hahn<br />

Vertrieb/Auslieferung Bahnhofsbuchhandel,<br />

Zeitschriftenhandel: MZV Moderner Zeitschriften<br />

Vertrieb GmbH & Co. KG, Unterschleißheim<br />

Im selben Verlag erscheinen außerdem:<br />

SCHIFFClassic<br />

Militär & Geschichte<br />

AUTO CLASSIC<br />

FLUGMODELL<br />

SCHIFFSMODELL<br />

LOK MAGAZIN<br />

BAHN EXTRA<br />

TRAKTOR CLASSIC STRASSENBAHN MAGAZIN<br />

Preise Einzelheft € 5,50 (D),<br />

€ 6,30 (A), € 6,50 (LUX), sFr. 11,00 (CH)<br />

(bei Einzelversand jeweils zzgl. Versandkosten)<br />

Jahresabonnement (6 Hefte) € 29,70 € incl. MwSt.,<br />

im Ausland zzgl. Versandkosten<br />

Erscheinen und Bezug <strong>CLAUSEWITZ</strong> erscheint zweimonatlich.<br />

Sie erhalten <strong>CLAUSEWITZ</strong> in Deutschland,<br />

in Österreich, in der Schweiz und in Luxemburg im<br />

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sowie direkt beim Verlag.<br />

ISSN 2193-1445<br />

© 2014 by GeraMond Verlag. Die Zeitschrift und alle<br />

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über Vorgänge des Zeitgeschehens und dokumentieren<br />

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82


Operation »Overlord«<br />

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