Was ist Sozialpsychiatrie? - Kantonale Psychiatrische Dienste ...

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Was ist Sozialpsychiatrie? - Kantonale Psychiatrische Dienste ...

Sozialpsychiatrische

Beratungsstelle

Rorschach

Was ist Sozialpsychiatrie?

Wieso heißt unsere Beratungsstelle sozialpsychiatrische? Was hat das Soziale mit dem Psychiatrischen zu tun?

Ihnen ist sonst sicher die Silbe „sozial“ nur im Zusammenhang mit Sozialhilfe oder Sozialdiensten geläufig. Die folgenden

Zeilen sollen Ihnen einen Eindruck vermitteln, was unter Sozialpsychiatrie zu verstehen ist und welches die

Arbeitsmethoden der Sozialpsychiatrischen Beratungsstelle sind. Natürlich ist dies aufgrund der hier gebotenen

Kürze nur allgemein und unvollständig möglich.

Geschichtliches:

Die Wurzeln der Sozialpsychiatrie reichen bis in das 19. Jahrhundert zurück. Damals dachten die Mediziner das

erste Mal über die Wechselwirkung zwischen sozialer Situation und Krankheit bzw. Gesundheit nach. Breite wissenschaftliche

Arbeit zur Sozialpsychiatrie finden wir allerdings zuerst vorwiegend in Amerika seit den 30er und

40er Jahren des letzten Jahrhunderts. In den folgenden Jahrzehnten entstanden viele bedeutende Untersuchungen

zu den Zusammenhängen zwischen psychischen Krankheiten und sozialer Klasse, belastenden Lebensereignissen,

familiären Beziehungen, Stigmatisierung oder Krankenhausmilieu. Gleichzeitig entstanden in mehreren

europäischen Ländern umfangreiche sozialpsychiatrisch beeinflusste gesundheitspolitische Reformen mit Verkleinerung

psychiatrischer Anstalten und Aufbau ambulanter und halbstationärer Behandlungseinrichtungen sowie

Einrichtungen der Rehabilitation. Die Schweiz wurde von diesen Reformbestrebungen 1962 erreicht. In diesem

Jahr führte der Kanton Waadt als erster Kanton eine sozialpsychiatrische Versorgung ein. 1984 wurde die Schweizerische

Gesellschaft für Sozialpsychiatrie gegründet. Im Kanton St. Gallen begann die Entwicklung der Sozialpsychiatrie

mit dem Bericht des Regierungsrates „Aktive Gesundheitspolitik“ von 1971. Im gleichen Jahr wurde der

Verein Sozialpsychiatrischer Beratungsstellen im Kanton St. Gallen gegründet. Von 1972 bis 1990 wurden insgesamt

7 für die ambulante Betreuung zuständige sozialpsychiatrische Beratungsstellen aufgebaut. Gleichzeitig sind

mit Unterstützung privater Träger viele geschützte Wohn- und Arbeitsplätze entstanden. 1997 wurde schließlich in

St. Gallen eine Tagesklinik eröffnet und die Sektorisierung der Kantonalen Psychiatrischen Dienste durchgeführt.

Der Begriff Sozialpsychiatrie

Sozialpsychiatrie ist zunächst eine bestimmte Denkrichtung innerhalb der Psychiatrie. Hierbei stehen die sozialen

Zusammenhänge einer Belastungsreaktion oder psychischen Störung im Mittelpunkt des Interesses und des therapeutischen

Handelns.

Zweitens wird Sozialpsychiatrie als eine therapeutische Praxis aufgefasst, die durch das langfristige Bemühen um

eine soziale Integration psychisch Kranker in Familie und Gesellschaft und um das Erreichen einer größtmöglichen

Lebensqualität der Betroffenen geprägt ist.

Drittens wird unter „Sozialpsychiatrie“ eine gesundheitspolitische Bewegung verstanden, die in den letzten 40 Jahren

für die Integration und die Rechte psychisch Kranker eingetreten ist und Reformen der psychiatrischen Versorgung

angeregt und vorangetrieben hat.

Schliesslich handelt es sich bei Sozialpsychiatrie um einen universitär verankerten Wissenschaftsbereich, der sich

mit der Bedeutung sozialer Faktoren für psychische Gesundheit und Krankheit beschäftigt.

Grundideen der Sozialpsychiatrie

Zunächst geht es der Sozialpsychiatrie um Gemeindenähe. Die psychischen Probleme sollen dort behandelt werden,

wo sie entstehen und sichtbar werden, d.h. im Lebensumfeld und in der sozialen Umgebung der Patienten.

Den psychisch Kranken soll ein weitgehend „normales“ Leben mit aktiver Teilhabe an der Gemeinschaft und weitgehender

Selbstbestimmung ermöglicht werden. Eine ambulante Behandlung ist also grundsätzlich der Betreuung

in einer Institution vorzuziehen. Dazu ist es wichtig, dass nichtprofessionelle Unterstützungsmöglichkeiten in der

Gemeinde einbezogen und die Selbsthilfepotentiale der Patienten gefördert werden.

Eine weitere Grundidee der Sozialpsychiatrie ist die Sektorisierung. In einem bestimmten geografischen Gebiet

sollten idealerweise alle erforderlichen psychiatrischen Behandlungseinrichtungen zur Verfügung stehen. Das hat


den Vorteil, dass die Einrichtungen durch die Gemeinden gut erreichbar sind und dass eine enge Kooperation

zwischen den Institutionen möglich ist.

Schwer und chronisch psychisch kranke Menschen sollten eine Bezugsperson haben, durch welche die Kontinuität

und Koordination der Betreuung gewährleistet wird.

Die sozialpsychiatrische Behandlung orientiert sich an den Bedürfnissen der Patienten, z.B. in den Bereichen

Wohnen, soziale Kontakte, Tagesstruktur oder berufliche Tätigkeit. Sie zielt nicht nur auf eine Veränderung von

Krankheitssymptomen ab, sondern auf eine positive Beeinflussung der gesamten Lebenssituation der Betroffenen

und auf die Sicherung einer angemessenen Lebensqualität.

Ein weiteres wichtiges Prinzip der Sozialpsychiatrie besteht im Bemühen um eine wirksame Prävention. Krankheitsepisoden,

Krisen und sozialer Abstieg bei psychisch Kranken sollen möglichst von vornherein verhindert werden.

Typische Arbeitsmethoden der Sozialpsychiatrie

1. Rehabilitation:

Darunter wird die möglichst weitgehende soziale und berufliche Wiedereingliederung verstanden. In der sozialpsychiatrischen

Beratungsstelle werden die Patienten in diesem Prozess begleitet und unterstützt. In der Beratung

geht es z.B. darum, die Kompetenzen des Patienten in den Bereichen Wohnen, Freizeitgestaltung usw. gezielt

zu fördern oder die im Rahmen einer beruflichen Rehabilitation auftretenden Probleme zu bewältigen.

2. Krisenintervention:

Im Fall einer Krise gerät der Betroffene unter der Einwirkung äusserer belastender Lebensereignisse aus dem gewohnten

psychischen Gleichgewicht. Die Krisenintervention verfolgt das Ziel, das psychische Gleichgewicht möglichst

rasch wieder herzustellen. Die Erforschung der Ursachen der Krise soll dem Betroffenen helfen, künftig mit

den entsprechenden Belastungen leichter fertig zu werden.

3. Familiengespräche, Koordinationsgespräche:

In Familiengesprächen wird versucht, durch Aufklärung und Unterstützung der Angehörigen Unsicherheiten und

Konflikte in der Familie abzubauen. Oft sind auch Koordinationsgespräche sinnvoll, um weitere Bezugspersonen

oder Helfer des Patienten in die Betreuung mit einzubeziehen oder die Aktivitäten dieser Personen aufeinander

abzustimmen.

4. Arbeit mit Gruppen (Soziotherapie):

Unter Soziotherapie wird die heilsame Wirkung der Beziehungen innerhalb von Gruppen verstanden. Dadurch gelingt

es oftmals auch, passive und zurückgezogene Patienten wieder zu Kontakten und Aktivitäten anzuregen.

Konkret wird die Soziotherapie z.B. in Form von Freizeittreffs oder Gruppen in Tagesstätten angewendet.

5. Interdisziplinarität:

Durch das Zusammenwirken verschiedener Berufsgruppen (Arzt, Psychiatrieschwester, Sozialarbeiter) bei der

Arbeit ist in komplizierten Fällen eine umfassende und effektive Betreuung möglich.

6. Nachgehende Betreuung (Begleitung, Besuch):

Oft ist es nötig, sehr ängstliche oder passive Patienten bei Behördengängen zu begleiten oder sie im eigenen

Wohnbereich zu besuchen.

7. Projektarbeit:

Hierbei geht es z.B. um die Entwicklung von therapeutischen Angeboten, die in einer Versorgungsregion noch

fehlen. Sie ist eine Antwort auf die sich wandelnden Bedürfnisse der psychisch Kranken.

8. Öffentlichkeitsarbeit:

Sie soll in der Gesellschaft das Bewusstsein für psychische Probleme und deren Ursachen wecken und auf mögliche

Gegenmaßnahmen hinweisen.

Dr. med. A. Mehlstaub, Stellenleiter

Sozialpsychiatrische Beratungsstelle

für Erwachsene

Rorschach

31. August 2000

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