hotelrevue» vom 28. Februar 2013

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hotelrevue» vom 28. Februar 2013

fokus

htr hotel revue

Nr. 9 / 28. Februar 2013

Keine Energiewende ohne sanierte Gebäude: Die Hotelbranche wird enorme Investitionen vornehmen müssen, im Kanton Bern womöglich schon bald.

Verdrängte Energiefrage

Die Berner Hoteliers

schweigen zu einer

Initiative, die sie zu

Grossinvestitionen

zwingen und landesweit

ausstrahlen

wird. Noch kümmert

das Thema Energie

nur Wenige.

B

ALEX GERTSCHEN

eatrice Imboden, die

Präsidentin des Hotelierverbands

Bern+Mittelland,

ist in Energiefragen

keine Schlafmütze. Die von

ihr geführten Best-Western-Hotels

Bären und Bristol sind dank

Einsparungen und Effizienzsteigerungen

mit dem anerkannten

Nachhaltigkeitslabel des Vereins

für Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft

prämiert worden. Und

dennoch gibt Imboden zu, die

kantonale Initiative «Bern erneuerbar»

sei weder in ihren Betrieben

noch im Hotelierverband ein

Thema gewesen. Dabei, sagt sie,

würde eine Annahme am 3. März

für alle Liegenschaftsbesitzer

massive Mehrkosten bedeuten –

auch für viele Hotels.

«Initiative würde

für alle Liegenschaftsbesitzer

zu

massiven Mehrkosten

führen.»

Passivität der Branchenverbände

gegenüber Initiative

Die Abstimmung ist über die

Kantonsgrenzen hinaus bedeutsam,

weil die Initiative bis 2050

einen klar definierten,

schrittweisen

Ausstieg

aus nicht erneuerbaren

Energien

verlangt. Wird sie

angenommen,

gäbe Bern sich den

landesweit ambitioniertesten

Zeitplan

für die Energiewende

und entsprechenden

Bemühungen auf Bundesebene

neuen Auftrieb (vgl. Kasten).

Monika Güntensperger, Leiterin

Wirtschaftspolitik bei hotelleriesuisse,

sagt: «Die Folgekosten

der Initiative wären riesig. Zwar

unterstützen wir die ökologische

Nachhaltigkeit, doch setzen wir

uns gleichzeitig für eine sichere

und wirtschaftliche Energieversorgung

ein – und dieses Ziel wäre

Beatrice Imboden

Hotelierverband Bern+Mittelland

gefährdet, würden die Ziele der

Initiative auf Bundesebene ihre

Entsprechung finden.»

Der Präsident des Hotelierverbandes

Berner Oberland, Stephan

JJ. Maeder vom Hotel Carlton-

Europe in Interlaken, gibt zu bedenken,

dass bei einer Annahme

der Vorlage Gebäudeinvestitionen

notwendig würden, die die Möglichkeiten

vieler, vor allem kleiner

Betriebe übersteigen.

Und wie Beatrice

Imboden sagt

er, dass die Branche

angesichts der

Tragweite der Initiative

zu passiv

geblieben sei (vgl.

Interview auf Seite

11). Weder der

eine noch der andere

Hotelierverband hat sich mit

der Vorlage befasst.

Alltagssorgen und andere

politische Themen dominieren

Dafür gibt es gute Gründe: In

vielen Betrieben werden alle Ressourcen

von den Herausforderungen

des Alltags absorbiert. Und

die Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative,

die Abstimmungen

über das Raumplanungsgesetz

und die Bündner Olympia-

Kandidatur sind weitere Themen,

die auf der politischen Branchenagenda

ganz weit oben stehen.

Und doch scheint die vergessene

Berner Initiative symptomatisch

für eine allgemeine Geringschätzung

der Energieproblematik

zu sein. Der Beispiele von Hoteliers,

die konsequent in die Nachhaltigkeit

investieren, sind einige,

Landesweite Signalwirkung

E

ine Annahme der Energieinitiative

«Bern erneuerbar»

am 3. März hätte

wohl nicht nur für die Hotellerie

des Kantons Bern Folgen. Die

Gegner warnen, dass die privaten

Liegenschaftsbesitzer rund

50 Milliarden Franken in die Umsetzung

der Initiative investieren

müssten. Davon betroffen wären

natürlich auch zahlreiche Hotels.

Der Betrag dürfte hoch gegriffen

sein, doch besteht kein Zweifel,

dass die notwendigen Investitionen

gross wären – und über

kurz oder lang auch Hotels in

anderen Landesteilen blühten.

Fotolia

Die Grünen wollen bei einem ansprechenden

Ja-Anteil in weiteren

Kantonen entsprechende Initiativen

zu lancieren. Auch die

bundesrätliche Energiewende

würde neue Impulse erhalten.

Um was geht es bei «Bern erneuerbar»?

Die Initiative verlangt,

dass der Strombedarf ab

2025 zu 75 und ab 2035 vollständig

aus erneuerbaren Quellen

gedeckt wird – 15 Jahre bevor der

Bundesrat den vollständigen

Ausstieg aus dem Atomstrom

vorsieht. Noch ambitionierter ist

das zweite Ziel: Die Energie für

Heizungen und Warmwasser in

aber gemessen an der Anzahl Betriebe

doch wenige.

«Es ist schwierig, an die Hotels

heranzukommen», sagt Erich Kalbermatter,

Mitglied der Geschäftsleitung

der Energie-Agentur der

Wirtschaft (EnAW). Etwas mehr

als 200 Betriebe nehmen an den

Programmen der EnAW teil, in

denen Energieeinsparungen und

Treibhausgas-Emissionsreduktionen

evaluiert und umgesetzt werden.

Die Zahl entspricht rund

4 Prozent aller Betriebe in der

Schweiz und ist in den letzten Jahren

sogar leicht gesunken.

Zwar sagt Kalbermatter, dass

ohne Investitionen beträchtliche

Einsparungen möglich seien –

ökologische und ökonomische.

Doch schwächen die gegenwärtigen

Preise die Anreize. Energie ist

relativ günstig. Im Personal- oder

Beschaffungswesen ist das Sparpotenzial

ungleich grösser. Hinzu

kommt, dass die bedeutendsten

Energieeinsparungen eben doch

mit Investitionen in die Verbesserung

der Gebäudetechnik und

-hülle erzielt werden (vgl. auch

den Haupttext auf Seite 12).

Wenig Interesse an Abgabebefreiung

und «Öko-Krediten»

Aus diesen Gründen sehen laut

Adrian Peter «viele Hoteliers den

Nutzen von Spar- und Effizienzprogrammen

nicht». Peter ist

beim Energiekonzern BKW Leiter

Energieeffizienz und Neue Technologien.

Er verantwortet das

Programm «Klimaneutrales Hotel»

(seit April 2009) sowie ein auf

Hotels ausgerichtetes Energie-

Benchmarking und Energiepreis-

Monitoring (seit April 2012).

Die Analyse- und Beratungsangebote,

die mit hotelleriesuisse

entwickelt worden waren, sind

laut Peter auf geringes Interesse

gestossen. Dennoch will die BKW

weiter in sie investieren – unter

anderem in der Hoffnung, von der

CO2-Verordnung profitieren zu

können, die seit Anfang Jahr in

Kraft ist: Neu müssen Hotels, die

sich von der CO2-Abgabe befreien

lassen wollen, nicht mehr mit der

Energie-Agentur der Wirtschaft

assoziiert sein. Auch Programme

der BKW könnten dazu berechtigen.

Doch wird für die grosse

Mehrheit der Betriebe die Abgabebefreiung

auch weiterhin ausser

Betracht fallen (vgl. Seite 13).

Ein anderes Beispiel dafür, dass

die Energiewende für meisten Hoteliers

ein Randthema ist, liefert

Philippe Pasche, Direktor der Gesellschaft

für Hotelkredit (SGH).

Für ökologisch besonders sinnvolle

Projekte biete die SGH günstigere

Zinse und Kreditmöglichkeiten

an, sagt er. Doch sei die

Zahl solcher Projekte in den letzten

Jahren sehr klein geblieben.

Gebäuden soll ab 2025 zu mindestens

50, ab 2035 zu mindestens

75 und ab 2050 vollständig

erneuerbar sein. Ein Gegenvorschlag

beinhaltet ähnliche Ziele,

aber keinen verbindlichen Zeitplan

für die Umsetzung.

Der heutige Energieverbrauch

ist weit vom Ziel der Erneuerbarkeit

entfernt. Laut dem Bundesamt

für Statistik wurden 2011 in

der Schweiz 194 000 Terajoule

an erneuerbaren Energien verbraucht,

was 17 Prozent des Gesamtverbrauchs

entsprach –

bloss 2 Prozent mehr als 20 Jahre

zuvor.

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htr hotel revue

12 fokus Nr. 9 / 28. Februar 2013

Nur optimieren reicht nicht

Die Energiepreise

sind tief und die

Kosten von Gebäudesanierungen

hoch.

Deshalb bleiben

vorab in Altbauten

viele Sparmöglichkeiten

ungenutzt.

F

GREGOR WASER

ranz Beyeler, der Geschäftsführer

von Minergie,

dem Label für den

schonungsvollen Umgang

mit Energieressourcen bei

Bauten, stellt der Hotellerie als

Experte und betroffener Gast kein

gutes Zeugnis aus. «Ich habe den

Eindruck, dass die Energie nach

wie vor viel zu günstig ist. Sonst

würden nicht so viele Betriebe

ihre Räume so stark überheizen.»

Die Woche zuvor

habe er in

Schönried in

einem 5-Sterne-

Hotel übernachtet,

in dem sich die

Zimmertemperatur

– von rund 25

Grad – nicht individuell

habe regulieren

lassen. «Wir

mussten mit konstant gekippten

Fenstern schlafen, obwohl nachts

draussen 15 Grad minus herrschten.

Auf meine Reklamation hin

hiess es nur, es sei nicht möglich,

einzelne Zimmer zu regulieren.»

Das sei ein sehr kostspieliger Unsinn

und führe zu extrem trockener

Raumluft. Zudem habe auf

dem Gang während 24 Stunden

das Licht gebrannt.

Das «Ermitage» ist das einzige

5-Sterne-Hotel in Schönried. Auf

Anfrage nimmt Direktor Stefan

Walliser Stellung: «Bei den neuen

Zimmern erfolgt die Heizung über

die Lüftung, hier kann man die

Temperatur sofort ändern.» Er

räumt aber ein, dass bei älteren

Zimmern, die auf einem Stockwerk

mit Bodenheizung liegen,

das Problem der fehlenden individuellen

Regulierung bekannt sei.

Weit fortgeschritten ist im «Ermitage»

der Einsatz erneuerbarer

Energien. Laut Walliser sind eine

Holzschnitzelheizung und eine

Wärmerückgewinnungsanlage in

Betrieb. Öl sei nicht mehr im Einsatz.

Höchstens für den Notfall

stehe eine Ölheizung bereit.

Einsparungen von 10 Prozent mit

kostenlosen Optimierungen

Für Minergie-Chef Beyeler steht

ausser Frage, dass in vielen Hotels

die Sparmöglichkeiten nicht ausgeschöpft

werden: «Ob bei einem

2- oder 5-Sterne-Hotel – ich könnte

ohne grossen Aufwand Tipps

geben, wie rund 10 Prozent Energiekosten

eingespart werden

könnten. Mit Investitionen

liessen

«Wenn man neu

baut, müssen

viele Standards

bereits eingehalten

werden.»

sich um die 20

Prozent sparen.»

Mit vernünftigen

Betriebskonzepten

für die Beleuchtung

und die Beheizung

könne

man viel Energie

sparen.

Allerdings haben kostenlose

Optimierungen ihre Grenzen.

Eine umfassende Sanierung, die

die Energiekosten um 20 oder

mehr Prozent senken hilft, kann

teuer zu stehen kommen.

Das «Valbella Inn» im gleichnamigen

Bündner Ferienort erstellte

vor zweieinhalb Jahren einen

Neubau. «Das Holzhaus mit Wellnessturm

wird von 14 Erdsonden

befeuert», erläutert Direktor Thomas

Vogt. «Wenn man neu baut,

müssen viele Standards bereits

Thomas Vogt

Hoteldirektor des «Valbella Inn»

Ökologischer Neubau: das mit 14 Erdsonden geheizte Holzhaus des Hotels Valbella Inn.

eingehalten werden.» – Anders

sehe es beim älteren Haupthaus

aus. Er habe von der Energie-

Agentur der Wirtschaft vor sechs

Jahren ein 50-seitiges Dossier mit

Einsparmassnahmen erhalten.

«Bei diesem Gebäude ist es viel

schwieriger, die Spar- und Effizienzvorgaben

einzuhalten.»

Jugendherbergen setzen auf

Minergie-Standards

Auf die Kosten angesprochen,

sagt Thomas Vogt: «Die Erdwärmesonden

haben die Stromkosten

stark erhöht. Hingegen sparen

wir mit Rückgewinnungspumpen,

die wir beim Küchenumbau installierten,

25 Prozent des vormaligen

Stromverbrauchs.» Und die

Zimmer seien nun zu 95 Prozent

auf LED-Basis ausgerüstet – ob

13 000 oder nur 2500 Watt Leistung,

gehe schon ins Geld.

Nachhaltigkeit wird bei der

Schweizerischen Stiftung für Sozialtourimus

gross geschrieben, der

Eigentümerin der Schweizer Jugendherbergen.

Geschäftsleiter

René Dobler sagt: «Bei den umfassenden

Erweiterungen und

Neubauten setzen wir auf Minergie-Standards,

etwa in Interlaken,

Saanen oder Saas-Fee.»

Dass sich einzelne Hotels angesichts

der hohen Kosten mit einer

Sanierung schwertun, versteht

Dobler: «Klar, es ist eine grosse Investition,

die dem Gast nicht viel

bringt hinsichtlich Komfort.»

Doch sei die Gebäudeinvestition

langfristig zu betrachten. Man

verhindere so, später in Zugzwang

zu geraten. Wer vorausschauend

handle, trage später weniger

Mehrkosten, profitiere teilweise

von Subventionen und pflege ein

gutes Image.

Hoteliers stehen mit alten

Gewohnheiten nicht alleine

Auf die Frage, wie hoch denn

die Einsparungen nach einer Sanierung

seien, sagt Dobler: «Bei

Häusern aus den 50er-, 60er- und

70er-Jahren kann dies bis zu 50

Prozent ausmachen.» Generell auf

«Vielen Hotels wird das Kapital fehlen»

Ein Gegner und ein Befürworter der Initiative «Bern erneuerbar» sind sich einig: Für viele Betriebe ist eine energetische Sanierung zu teuer.

zvg

die Schweizer Hotellerie angesprochen,

findet René Dobler,

dass zu wenige Hotels den Wert

ökologischen Bauens erkannt hätten

und es verpassten, frühzeitig

etwas zu machen – in einem Moment,

in dem der Umbau noch

Signalwirkung haben könnte.

Allerdings sind die Hoteliers

nicht die einzigen Zaungäste der

Energiewende. Zwei Jahre nach

der Nuklearkatastrophe im japanischen

Fukushima kommt das

Markt- und Sozialforschungsinstitut

gfs-zürich im eben publizierten

Univox Umweltmonitoring

zum Schluss, dass das Umweltverhalten

der Schweizer in alte Gewohnheiten

zurückfalle.

Herr Mäder, wieso sind Sie

gegen die Energie-Initiative

«Bern erneuerbar»?

Wenn die Initiative angenommen

und restriktiv umgesetzt

wird, kann ich gleich Konkurs

anmelden. Dasselbe gilt

übrigens auch für den Gegenvorschlag.

Die zwei Gebäude

des «Carlton-Europe» sind

über 100-jährig und denkmalgeschützt.

Ich könnte einen

schnellen Umstieg auf rein

erneuerbare Energien nicht

bezahlen.

Die Energie macht in der

Kostenrechnung eines Hotels

nur wenige Prozent aus.

Das Problem sind die Investitionen,

die der Umstieg erfordert.

Zahlreiche Hotels erwirtschaften

heute nicht einmal die

Erträge für den Gebäudeunterhalt

– geschweige denn für

eine energetische Sanierung.

Laut Alec von Graffenried

würde mit energetischen

Auflagen für Renovierungen

bloss die Lücke zu den

strengen Neubauvorschriften

geschlossen.

Das stimmt, doch wurde einst

auch nicht verlangt, dass alle

Gebrauchtfahrzeuge sofort mit

einem Katalysator ausgerüstet

würden. Der Tourismus ist auf

eine intakte Umwelt angewiesen,

und auch gegenüber den

kommenden Generationen

zvg

Contra «Bern erneuerbar»:

Stephan JJ. Maeder ist Direktor

des «Carlton-Europe» in

Interlaken und Präsident der

Berner Oberländer Hoteliers.

haben wir eine Verpflichtung.

Aber die Initiative und der

Gegenvorschlag sind nicht

umsetzbar.

Kneifen Sie nicht einfach?

Nein. Beim derzeitigen Ausund

Umbau meines Hotels

werden Gasheizungen durch

Fernwärme ersetzt und

Anlagen für die Wärmerückgewinnung

gebaut. Aber diese

Investitionen lassen sich

innerhalb einer vernünftigen

Frist abschreiben. Eine

forcierte Energiewende würde

einen enormen Investitionsdruck

auslösen und in der

Branche den Strukturwandel

stark beschleunigen.

Weshalb denn haben sich die

Hoteliers nicht im Abstimmungskampf

engagiert?

Tatsächlich haben wir uns

wahrscheinlich nicht genügend

mit der Thematik beschäftigt.

Die unerwartete Annahme der

Zweitwohnungs-Initiative, der

L-GAV, das Raumplanungsgesetz

und die grossen betriebswirtschaftlichen

Herausforderungen

der letzten Zeit: Aus

vielen Gründen ist die Energiepolitik

in der Branche etwas in

Vergessenheit geraten.

Ein weiterer Grund könnte

sein, dass es in den Vorlagen

vordergründig eben «nur» um

die Energieträger geht.

Das ist möglich. Viele Betriebe

sind sich der Folgen einer

Annahme wahrscheinlich nicht

bewusst. Hier spielt möglicherweise

eine Rolle, dass sich

bloss grössere Hotels einen

Angestellten leisten können,

der sich eigens um diese

Thematik kümmert.

Sollten da nicht die Verbände

für Entlastung sorgen?

Der Hotelier-Verband Berner

Oberland hat die Problematik

erkannt, hat aber etwa im

Gegensatz zu den Bündnern

nur einen Teilzeit-Geschäftsführer.

Wir sind organisatorisch

schwach, was zu den Versäumnissen

in der Energiepolitik beigetragen

haben dürfte. axg

Herr von Graffenried, was

bedeutet die Energie-Initiative

«Bern erneuerbar» für den

Tourismus des Kantons Bern?

Eine nachhaltige Energie- und

Umweltpolitik trägt dazu bei,

die Lebensgrundlagen zu

sichern. Das sind auch die

Grundlagen für den Tourismus.

Insofern wäre die Annahme der

Initiative zu begrüssen.

Sie sind Mitglied des Befürwortungskomitees.

Viele

Hoteliers glänzen im Abstimmungskampf

durch Abwesenheit

– auch auf der Seite der

Gegner. Wie erklären Sie sich

dies?

Die Energiekosten der Branche

fallen im Vergleich zu anderen

Kosten wenig ins Gewicht.

Daher geht es nicht um ein

Thema, das die Branche

spezifisch betrifft. Das ist der

Unterschied zum Agrarfreihandel,

in welchem die Hotellerie

gegenüber dem Konkurrenten

Österreich einen Nachteil

erleidet. Aus diesem Grund

engagiert sich die Branche in

der Agrarpolitik, nicht aber in

der Energiepolitik.

Dennoch: Die Gegner warnen,

dass die Annahme der

Initiative zu einem faktischen

Sanierungszwang führen und

dieser bei privaten Liegenschaften

Kosten von rund 50

Milliarden Franken zur Folge

Pro «Bern erneuerbar»:

Alec von Graffenried ist seit

2007 Nationalrat (Grüne

Partei) und seit 2010 Präsident

von Bern Tourismus.

zvg

haben würde. Davon wäre

auch die Hotellerie betroffen.

Das Problem ist, dass es heute

eine markante Ungleichbehandlung

gibt. Bei Neubauten

sind die Vorschriften sehr

streng und verlangen praktisch

den Minergie-Standard.

Hingegen wird bei Altbauten

sogar bei tiefgreifenden

Sanierungen mit jahrzehntelangen

Wirkungen die Energie

ausgeklammert. Da geht eine

Schere auf, das geht auf die

Dauer nicht.

Diese Ungleichbehandlung

ändert aber nichts daran, dass

viele Hotels nicht das Kapital

haben, um eine allfällige

energetische Sanierung

durchzuführen.

Das stimmt, hier sind die

Hotels aber auch nicht anders

betroffen als andere Hauseigentümer.

Die einen sorgen

vor und sanieren, die anderen

bleiben passiv und ärgern sich

dann, wenn Vorschriften

aufgestellt werden.

Hat kein Hotelier gefordert,

dass Sie als Präsident von

Bern Tourismus die Initiative

ablehnen sollten?

Nein, die Hotellerie verhält sich

in dieser Abstimmung in

meiner Wahrnehmung neutral.

Kann die Abwesenheit der

Hoteliers im Abstimmungskampf

als Indiz dafür gewertet

werden, dass die Branche

das Thema Energie nach wie

vor zu wenig ernst nimmt?

Wie gesagt, spielen die

Energiekosten letztlich aus

touristischer Sicht keine

entscheidende Rolle. Aber es

gibt viele sehr engagierte

Hotels. So setzen zahlreiche

Betriebe schon lange auf den

Einsatz erneuerbarer Energien,

etwa Sonnenenergie. Viele

bemühen sich auch um

Energieeffizienz, zum Beispiel

durch den Einsatz von Wärmerückgewinnungsanlagen.

Nachhaltigkeit ist heute im

Tourismus auch ein wichtiges

Verkaufsargument. axg


htr hotel revue

Nr. 9 / 28. Februar 2013

fokus 13

Vieles ist unklar

bezüglich des neuen

CO2-Gesetzes, aber

eines fast sicher:

Gerade bei kleinen

Hotels ist durch

die Revision das

Interesse an einer

Abgabenbefreiung

nicht gewachsen.

S

CHRISTINE KÜNZLER

eit Anfang Jahr können

sich kleinere Hotels nicht

mehr von der CO2-Abgabe

befreien lassen –

ausser sie seien in Gruppen organisiert.

Mit der revidierten

CO2-Verordnung können nur

noch Betriebe oder Hotelgruppen

mit über 100 Tonnen CO2-

Ausstoss von der Befreiung profitieren.

Betriebe mit einem CO2-

Ausstoss zwischen 100 und 1500

Tonnen (38 000 bis 570 000 Liter

Heizöl) können sich dem KMU-

Modell der Energie-Agentur der

Wirtschaft (EnAW) anschliessen,

Gruppen ausschliesslich dem

Energie-Modell der EnAW. Letzteres

steht auch grösseren Hotels

offen, ist jedoch in der Umsetzung

etwas anspruchsvoller als das

KMU-Modell. Die bisherigen

Benchmark-Gruppen wurden

Ende letzten Jahres aufgelöst.

Aktive Hotels könnten durch

passive entmutigt werden

Am Montag hat hotelleriesuisse

die Geschäftsführer ihrer Sektionen,

Vertreter von Hotelgruppen

und Hoteliers über die Umsetzung

der neuen CO2-Verordnung

informiert. Am meisten zu diskutieren

gab die Bildung von Gruppen

kleinerer Hotels. Das Hauptproblem

ist die Solidarhaftung:

Ein Ansprechpartner trägt gegenüber

dem Staat die Verantwortung

für alle beteiligten Hotels.

Diesen Punkt erachtet auch

Thomas Graf, der die Benchmark-

Gruppen «Berner Oberland»,

«Luzern» und «Zürich» moderiert

hat, als heikel. Viele Hoteliers seien

grundsätzlich daran interessiert,

sich zusammenzuschliessen,

würden jedoch von der

Solidarhaftung abgeschreckt. Er

ortet weitere Schwierigkeiten:

«Das Risiko besteht, dass passivere

Hotels die Zielerreichung der

Gruppe gefährden und aktivere

Hotels zum Aussteigen zwingen.»

Sandra Schürmann, die das

CO2-Dossier bei hotelleriesuisse

betreut, setzt bei der Solidarhaftung

ebenfalls «ein grosses Fragezeichen».

Sie rät, «gut abzuklären,

mit wem man sich zusammentut

Zur Durchsetzung des Umstiegs auf erneuerbare Energien – etwa Sonnenenwärme – wird die CO 2

-Abgabe in den kommenden Jahren erheblich angehoben.

CO ² -Gesetz zieht nicht

und wer die Ansprechperson sein

soll». Grundsätzlich erachtet

Schürmann die Gruppierung aber

als gute Möglichkeit zur Einsparung

von Kosten.

Fehlende Wertschätzung früherer

Bemühungen kritisiert

Ein Hotelier, der sich an der Solidarhaftung

besonders stört, ist

Roland Scherrer, Direktor des Hotels

Terrasse am See in Vitznau.

Bis Ende 2012 war sein Hotel von

der CO2-Abgabe befreit. Er hatte

allein mit organisatorischen

Massnahmen den Heizölverbrauch

um 23 Prozent gesenkt,

weit unter die 100-Tonnen-Grenze.

Nun ärgert er sich, dass der

Bund mit der neuen Verordnung

den kleineren Hotels «keine Wertschätzung»

zolle. Er schlägt vor,

auch juristische Personen wie

eine GmbH oder einen Verein als

«Auch juristische

Personen wie eine

GmbH sollten

Ansprechpartner

sein können.»

Roland Scherrer

Direktor, «Terrasse am See», Vitznau

Zwei Rechenbeispiele für den finanziellen Nutzen, den ein Hotel

aus der CO ² -Abgabenbefreiung ziehen kann

Hotel 1 Hotel 2

50000 l Heizöl, 100000 l Heizöl,

200000 kWh Strom 400000 kWh Strom

Energiekosten/Jahr CHF 85000.– CHF 170000.–

(davon Heizöl CHF 45000.–) (davon Heizöl CHF 90000.–)

CO ² -Ausstoss 2013–2020 1055 Tonnen 2111 Tonnen

(132 Tonnen jährlich) (264 Tonnen jährlich)

CO ² -Abgabe 2013–2020 CHF 75994.– CHF 151988.–

(bei CHF 72.– pro Tonne CO ² )

Geschätzte Teilnahmekosten am KMU-Modell der Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW)

Erstjahresbetrag CHF 4030.– CHF 6360.–

Folgejahresbeträge CHF 2820.– CHF 4280.–

Geschätzte Einsparungen durch die Teilnahme am KMU-Modell 2013–2020

Energiekosteneinsparung CHF 61200.– CHF 122400.–

CO ² -Abgabenbefreiung CHF 75994.– CHF 151988.–

Total Kosten und Nutzen 2013–2020

Total Kosten EnAW CHF 23770.– CHF 36320.–

Total Einsparungen CHF 137194.– CHF 274388.–

Geschätzter Nutzen bei Teilnahme CHF 113424.– CHF 238068.–

Annahmen

Energiepreise: Heizölpreis CHF 90.–/100 l, Elektrizitätspreis CHF 0.20/kWh

Finanzielle Einsparungen durch Massnahmen: Payback 4 Jahre, Wirkungsdauer 10 Jahre

Effizienzsteigerung: 1,5 Prozent/Jahr

Quelle: hotelleriesuisse, Merkblatt «Umsetzung der CO2-Verordnung», Januar 2013

Ansprechpartner einer Gruppierung

zuzulassen.

Thomas Graf stellt «bei vielen

Hoteliers eine gewisse Verunsicherung»

fest. Praktisch alle grösseren

Betriebe, die sich befreien

lassen wollten, wählten den Weg

der Einzelvereinbarung. Von seinen

drei ehemaligen Benchmark-

Gruppen bilden sich wahrscheinlich

keine Gruppierungen, obwohl

diese Möglichkeit zurzeit an mehreren

Orten geprüft wird.

Noch keine Reaktionen, aber zu

früh für Bilanzierung

Waadtländer Hoteliers haben

hingegen bereits entschieden, zusammenzuspannen.

Sahar Pasche

von der EnAW, bis Ende 2012

die Moderatorin der Waadtländer

Benchmark-Gruppe, nimmt an,

dass zu den 31 bisherigen Teilnehmern

weitere 30 stossen werden.

Am 19. März wird entschieden,

welche Hotels mitmachen

und wie der Prozess ablaufen soll.

Die Revision hat noch keine zusätzlichen

Hoteliers zur Teilnahme

bewegt, sagt Stefan Eggimann,

der bei der EnAW das KMU-Modell

betreut. Das könne daran liegen,

dass für viele Hoteliers nicht

die Energiekosten im Vordergrund

stünden, sondern die wesentlich

höheren Lohnkosten.

Auch Graf hat noch keine Reaktion

der Hoteliers beobachtet.

Dabei wird sich die Befreiung von

der CO2-Abgabe zunehmend lohnen:

Der Betrag pro Tonne dürfte

nächstes Jahr von 36 auf 60 Franken

und später nochmals erhöht

werden (vgl. die Tabelle o. rechts

und die Rechenbeispiele links).

Sandra Schürmann möchte

«möglichst viele Hoteliers für

nachhaltiges Handeln motivieren».

Ob dies gelingen wird, kann

sie im Moment noch nicht abschätzen.

Dass die Umsetzung des

neuen CO2-Gesetzes viele Fragen

aufwirft, liegt auch an der Kurzfristigkeit

der Revision. «Die neue

Verordnung wurde erst letzten

November vom Bundesrat genehmigt,

viele Fragen müssen noch

mit dem Bundesamt für Umwelt

geklärt werden», gibt Schürmann

zu bedenken. Jene Antworten, die

bereits heute gegeben werden

können, hat hotelleriesuisse in

Spezialisierungs-Kategorien zur

Vermarktung nachhaltiger Hotels

H

otels, die auf Nachhaltigkeit

setzen, können

sich nun spezifisch vermarkten.

hotelleriesuisse lanciert

zwei neue Spezialisierungs-

Kategorien: «Green Living»

(Nachhaltigkeit im Bereich Ökologie)

und «Sustainable Living»

(Nachhaltigkeit in allen Bereichen).

Daniel Beerli, Leiter Klassifikation

& Normen bei hotelleriesuisse,

rechnet mit rund 130

Hotels, die die Spezialisierungskriterien

heute schon erfüllen.

Die CO ² -Abgabe wird in den kommenden

Jahren sukzessive angehoben werden

CO ² -Abgabe in CHF 2013 2014 2016* 2016**

001 Tonne 36.– 60.– 72.– 84.–

050 Tonnen 1800.– 3000.– 3600.– 4200.–

100 Tonnen 3600.– 6000.– 7200.– 8400.–

Die zu erwartende Nicht-Einhaltung der Emissionsziele wird

automatisch Abgabenerhöhungen nach sich ziehen. Ob 2016*

oder 2016** zum Zuge kommt, hängt vom Erfüllungsgrad ab.

Quelle: hotelleriesuisse, Merkblatt «Umsetzung der CO2-Verordnung», Januar 2013

Die ökologischen Erfolge der EnAW-

Teilnehmer aus der Hotellerie

Stand Ende 2011 Anzahl Energie- CO ² -

Betriebe effizienz % Intensität %

Kongresshotels Zürich 24 127 60

Hôtellerie Vaudoise 34 104 95

Hotels Berner Oberland 32 131 64

Hotels Luzern 10 102 88

Hotels Zürich II 19 116 83

Jugendherbergen 52 127 62

Hotels im KMU-Modell 42 (18) (22)

Fotolia

einem Merkblatt aufgelistet, das

auf der eigenen Website in der

Rubrik «Nachhaltigkeit» eingesehen

werden kann.

Die Hotels werden im März

angeschrieben und danach auf

swisshotels.com unter den Spezialisierungs-Kategorien

aufgeführt.

Schweiz Tourismus nimmt

auf myswitzerland.com nur die

Kategorie «Green Living» auf.

Die neuen Spezialisierungen erleichtern

es dem Gast erheblich,

ein nachhaltig geführtes Hotel

zu finden.

ck

www.hotelleriesuisse.ch/Spezialisierungen

Basisjahr 2002 (=100%). Zahlen in ( ) beziehen sich auf Energiebzw.

CO ² -Einsparung. Teilnehmerzahl = 4% aller Hotels.

Quelle: Energie-Agentur der Wirtschaft, Februar 2013


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