Quartiere auf Zeit (Manfred Perlik)

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Quartiere auf Zeit (Manfred Perlik)

Manfred Perlik

Quartiere auf Zeit

Jahrestreffen des AK Quartiersforschung, 31.10.08- 1.11.08, Berlin

“Wohin steuern unsere Quartiere? Zur Governance in der Quartiersentwicklung”


1 Neue Mobilitätsmuster: Fernpendeln – Multilokales Wohnen

– Temporäre Stadtflucht

2 Erwartungen/Probleme

3 Doppelfunktion von “Raum”

4 Regimes – Ausdruck territorialer Kompromisse

5 Gouvernance und Regime

6 Praktische Konsequenzen

7 Zusammenfassung


1 Neue Mobilitätsmuster

1a Beispiel Schweiz: Pendeln und Fernpendeln

Freiburg

Basel

Zürich

Bern

Lausanne

Alpen

Genève-

Annemasse

Lugano

© Dessemontet, P./Perlik,

M./Schuler, M. (2005); in: Blöchliger,

H.: Baustelle Föderalismus. Zürich.


Distanzverkürzung Visp (Oberwallis) – Bern:

55 Minuten via Lötschberg-Basistunnel

Bern

Lötschberg-

Base-Tunnel

Genève

Visp

Brig

Lugano

Milano


• Pendeln, Fernpendeln

• Multilokales Wohnen


St. Moritz

Zürich

Davos


Distanz Chamonix(F) – London

via Genève: 3 Stunden


Rennes

Lille

Ile de

France

Strasbourg

1b

Beispiel

Frankreich

Nantes

Bordeaux

Massif

Central

Lyon

Alps

Toulouse

Montpellier

Nice

Fernpendeln:

Neue Metropolräume in

Meer- und Gebirgsnähe


Le Monde 21.7.2007

1b Beispiel Frankreich

Multilokales Wohnen:

Engländer kaufen

Grundstücke im dünn

besiedelten Nordwesten

und in den Alpen


1c Beispiel Norwegen

• Früher: Zweitwohnungen als komfortlose Hütten als Verbindung zur

Naturverbundenheit der alten Bauerngesellschaft

• Heute: Zweitwohnungen als spezifisches Wohlstandsphänomen

(Basis: Erdölreichtum)

• Ein Grossteil der Familien haben Zugang zu Zweit- oder

Drittwohnungen im 3-Stunden-Radius von Oslo

• Die Fussballspiele des Fussballclubs Brann Bergen finden montags

statt, weil am Sonntag nicht genügend Zuschauer kommen


1d Beispiel Tschechische Republik

• Früher: Zweitwohnung auf dem Lande als “realsozialistische Nische“

des Grundbesitzes

• Heute: Zweitwohnungen als spezifischer Weg zum Wohlstand in

den Transformationsländern auf der Basis verfallender Häuser


1e Beispiel USA: “Amenity Migration”

Temporäre Stadtflucht (Wohlstandsmigration): Migration aus den

grossen Städten in Kleinstädte auf dem Land aus Gründen von

hoher Lebnensqualität und Image auf der Basis verschiedener

ortsungebundener Einkommen

Santa Fe/New Mexico/USA


1f Beispiel Canada Canmore/Alberta

Skigebiet “Three Sisters“

The Silvertip Village


Silvertip Village: “High-End”-Resort im Stil des “New Urbanism”


“We are selling experiences…“

The Silvertip Village,Canmore/Alberta (Canada)


1 Neue Mobilitätsmuster

Drei Typen der Wohnmobilität (am Beispiel des Berggebietes):

A. Fernpendeln: Arbeiten in einer Metroplregion nahe der

Alpen (peri-alpin), Wohnen in einer Kleinstadt am Alpenrand

(«Alpentyp»)

B. Multilokales Wohnen: Wohnen in verschiedenen

Umfeldern (Grossstadt, in den Bergen, an der See)

entsprechend der Jahreszeit oder im Wochenrhythmus

(«Skandinavien-Typ»)

C. Temporäre Stadtflucht: Wohnen in prestigeträchtigen

Resorts mit ortsunabhängigem Arbeitsplatz

(«Rocky Mountains-Typ»)


2 Erwartungen an die neuen Mobilitätsmuster

1. Regionalwirtschaftlich

• Inwertsetzung der Landschaft als Antwort auf den

Zusammenbruch von Landwirtschaft und Industrie

• Ausweg aus schleichendem Bevölkerungsverlust

(Erhaltung des “Steuersubstrats“)

• Erhalt regionaler Innovationsfähigkeit

2. Normativ

• Entwicklung von Urbanität, Stärkung urbaner

Lebensstile, Stadt als “überlegene“ Siedlungsform

3. Partikularinteressen

• Optimale Bewirtschaftung des Grundbesitzes

• Neues Bauen auf der “Brache“


2 … und die daraus resultierenden Probleme

• “ Zersiedlung“

• Soziale Anpassungsprobleme der Regionen mit

Bedeutungsverlust

• Neue Standortanforderungen = Flächenbedarf

• Verzicht auf Mischnutzungen = höherer Gesamtflächenbedarf

• Übernutzung an sensiblen (Gebirgs-)standorten

• Ressourcenprobleme (Wasser, Luft, Verkehrswege)

• Tendenz zur Abschottung homogener Gruppen

(Segregation, “gated communities“)


3 Raum als Konstrukt sozialer Beziehungen

und als Ware/Finanzprodukt

A. Alte und neue Interaktions- und

Mobilitätsmuster

Quartier Sub-/Periurban Multilokal


3 Raum als Konstrukt sozialer Beziehungen

und als Ware/Finanzprodukt

B. Real Estate

Investment Trusts

(REIT), Finanzprodukte

(börsenkotierte

Immobilienfonds),

in den

USA seit 1961, in

Deutschland seit

2007;

Anlagekapital

sucht nach Rendite


3 Raum als Konstrukt sozialer Beziehungen

und als Ware/Finanzprodukt

B. Regionales Rating: GIS-basierte Regionalanalyse

zur Kreditvergabe an Bau-Investoren.

Eingerechnetes Handikap für periphere Regionen


3 Raum als Konstrukt sozialer Beziehungen

und als Ware/Finanzprodukt

Fazit: Territorium (gebaute Umwelt) als

• Ergebnis sich verändernder Normen, Werte und

Lebensbedingungen

• Pufferungssystem der Kapitalverwertung


4 Akkumulations- und Regulationsregime

– Ausdruck territorialer Kompromisse

Regime:

Verhältnis (“rapport”), ausgehandelt

zwischen den gesellschaftlichen Akteuren,

in Bezug auf

• Wertschöpfung (Akkumulationsregime)

• Verteilung (Regulationsregime)


Chicago

2006

Akkumulationsregime, aktuelle Prozesse

• Grossräumige Arbeitsteilung

- Asien: Produktion - Brasilien: Bio-Treibstoffe

- Metropolen: Headquarters, Wohnen und Kultur

- Hochgebirge und Meer: Resorts

• Mobilitäts-&Kommunikationstechnologien

überbrücken verschiedene Welten

• Neue Vorteile urbaner

Ökonomien

- Grösse

- Spezialisierung

(Arbeitsmärkte, Kultur,

Image)


4 Akkumulations- und Regulationsregime

– Ausdruck territorialer Kompromisse

Regulationsregime, aktuelle Prozesse

• Kommodifizierung ehemals öffentlicher Güter

• Lifestyle der Segregation

Private City Celebration, Orlando/Florida


4 Akkumulations- und Regulationsregime

– Ausdruck territorialer Kompromisse

Regimewechsel

als Folge funktionalen Wandels und

Veränderung der Machtverhältnisse


4 Akkumulations- und Regulationsregime

– Ausdruck territorialer Kompromisse

Territoriale

Logiken

Gouvernance

Wirtschaft

Raum-

Entwicklung

Fordismus

• Gleichheit von

Stadt & Land

• Beseitigung von

Disparitäten

• Strassenverkehr zur

nationalen Kohäsion

• Multinationale

Gesellschaften

• Integrierte Konzerne

• Transport =

Verteilungsaufgabe

• Dezentrales

Wachstum

Postfordismus

• Regionale Differenzierung

• Akzeptierte Disparitäten

• Transeuropäische Netze

• Transnationale

Gesellschaften

• KMUs

• Transport = Abbau von

Handelshemmnissen

• Metropolisation

Aufgabe/Neunutzung der

Peripherien ("Brachen")


4 Akkumulations- und Regulationsregime

– Ausdruck territorialer Kompromisse

Das Ineinanderwirken von

regional spezifischem

Akkumulationaregime und

Regulationsregime

erzeugt spezifische

Entwicklungspfade

Pfad A

individualistisch

Pfad B

Risikovermeidend

wenig dynamisch

Regulationsregime

Akkumulationsregime

risikoreich

dynamisch

Pfad C

Pfad D

kohäsiv


4 Akkumulations- und Regulationsregime

– Ausdruck territorialer Kompromisse

Pfad A

individualistisch

Pfad B

Risikovermeidend

wenig dynamisch

Regulationsregime

Akkumulationsregime

risikoreich

dynamisch

Pfad C

Pfad D

kohäsiv


Szenarien für die Schweiz 2030, Pfad A: Vorsichtig

und individualistisch - Räumliche Dispersion

Perlik, M./Wissen, U./Schuler, M. et al. (2008): Szenarien

für die nachhaltige Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung

in der Schweiz (2005-2030)..

© Perlik, Wissen, Schuler et al., 2008


Szenarien für die Schweiz 2030, Pfad B: Dynamisch

und individualistisch – Metropolitane Expansion

Zürich

Région

Lémanique

Perlik, M./Wissen, U./Schuler, M. et al. (2008): Szenarien

für die nachhaltige Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung

in der Schweiz (2005-2030)..

Milano

© Perlik, Wissen, Schuler et al., 2008


Szenarien für die Schweiz 2030, Pfad C: Vorsichtig

und sozial - Kernstädtisch und rural

Perlik, M./Wissen, U./Schuler, M. et al. (2008): Szenarien

für die nachhaltige Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung

in der Schweiz (2005-2030)..

© Perlik, Wissen, Schuler et al., 2008


Szenarien für die Schweiz 2030, Pfad D: Dynamisch

und sozial – Regionale Gleichwertigkeit

Perlik, M./Wissen, U./Schuler, M. et al. (2008): Szenarien für

die nachhaltige Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung in

der Schweiz (2005-2030)..

© Perlik, Wissen, Schuler et al., 2008


5 Gouvernance und Regime

Quartierentwicklung und die damit verbundenen

Fragen der gouvernance nur die eine Seite des

Problems (Mikro-Ebene).

• Regime = Makro-Ebene, Aushandeln territorialer

Kompromisse:

1.Welche Regionen gewinnen langfristig, welche

Regionen verlieren? Welche Interessengruppen

können welche Stadträume/Landschaften wie

nutzen? (=Regulationsregime).


5 Gouvernance und Regime

2. Welche Eigenschaften gehen bei einer

Änderung der Nutzung verloren, welche

Eigenschaften werden neu dauerhaft

geschaffen? (=Akkumulationsregime)


5 Gouvernance und Regime

Regionale Gouvernance führt zur Herausbildung

regional spezifischer Regimes.

Folglich ist bei der Entwicklung von Gouvernance

bereits darauf zu achten, in welche Richtung

Regimes langfristig verschoben werden.


6 Praktische Konsequenzen

• Ähnlich wie Quartiermischungen im Kleinen:

Multifunktionale Nutzungen

- Redundanz als Risikominderung (Effizienzgedanke)

- Sozio-kulturelle Vielfalt als Lebensqualität (normative

Ziele)

• Verzicht auf sogenannte “saubere Lösungen“

(Lucius Burckhardt)

• Spielräume für Regimeänderungen nutzen (Akkumulation,

Anlageprodukte, Immobilienwirtschaft/Investitionen in die

bebaute Umwelt)

• Instrumente der Raumordnung (top down und bottom-up)


7 Zusammenfassung

1. Räumliche Ausweitung der persönlichen Mobilität und

Beziehungsnetze: durch veränderten Wirtschaftsstruktur &

Technik (Akkumulation) und veränderte Normen & Gesetze

(Regulation) ( multilokale Nachfrage)

2. Die Warenfunktion von Territorium hat eine neue Qualität

erlangt ( multilokale Angebote)

3. Multilokale Beziehungen, Bindungen, Verantwortlichkeiten

werden zur Regel. Einhergehend mit sozialer

Homogenisierung (Segregation, gated communities)

4. Homogenisierte Räume nutzen Grössen- und Spezialisierungsvorteile.

Sie vernachlässigen die die gesellschaftlichen

Vorteile von Redundanz und sozialer Mischung.

5. Es gibt jeweils mehrere mögliche Entwicklungspfade.

6. Lokale Gouvernance muss die Regimeebene mitdenken und

versuchen, sie zu beeinflussen (in Richtung Mischnutzungen,

gebrauchswertorientierte Regimes)