Routenplaner Bestandsquartiere – 6 Dimensionen für praktisches ...

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Routenplaner Bestandsquartiere – 6 Dimensionen für praktisches ...

Jahrestreffen des AK Quartiersforschung der DGfG in Köln am 12.11.2010

„Nachhaltige Quartiersentwicklung. Zur Wirkkraft eines normativen Konzeptes“

Routenplaner Bestandsquartiere

Sechs Dimensionen für praktisches nachhaltiges Handeln

Prof. Dipl.-Ing. Architekt Ulli Meisel

ILS - Institut für Landes- und Stadtentwicklungs-Forschung gGmbH, Dortmund & Aachen

Honorarprofessor an der RWTH Aachen am Lehrstuhl für Wohnbau

Das ILS betreibt Grundlagenforschung. ILS-Leitthema ist: Neue Urbanisierungsprozesse im

europäischen Kontext – Zukünfte des Städtischen. Das ILS ist assoziiertes Mitglied der Leibniz

Gemeinschaft. Es strebt die Vollmitgliedschaft mit Bund-Länder-Finanzierung an.


Struktur des Beitrages:

Architektur, Soziales und Ökonomie

Wirksame Nachhaltigkeits-Strategien

Perspektiven auf Bestandsquartiere

2


Stadtquartiere im Wandel

1950

1955

1960

1965

1970

Bildserie Jörg Müller, 1976 Patmos Verlag, Düsseldorf

1975

Professor Dipl.-Ing. Ulli Meisel


Architektur & Städtebau: Annäherung an ein fachliches Profil

• Architektur und Städtebau sind eng miteinander verzahnte, akademisch

gelehrte Wissensgebiete, die sich mit der materiellen Formung der

Anthroposphäre nach sich wandelnden Anforderungen an diesen

menschlichen Lebens- und Wirtschaftsraum auseinandersetzen.

• Ihre Aktivitäten richten sich auf die Entwicklung komplexer

funktionaler Innen- und Außenräume für das menschliche Leben und

Wirtschaften. Sie antworten mit in die Zukunft gerichteten Konzepten auf

die Analyse sich wandelnder gesellschaftlicher Bedürfnisse.

• Veränderungen von Lebensweisen, Werthaltungen, technischen

Entwicklungen und Gesellschaftsordnungen finden ihren jeweiligen

zeitgemäßen Ausdruck in der Theorie und Praxis von Architektur und

Städtebau.

• In Architektur und Städtebau gibt es keine „richtigen“ Ergebnisse.

Einiges überdauert längere Zeit, anderes wird bald nach dem

Anwendungstest durch die Gesellschaft schon wieder durch Neues

abgelöst – ein evolutionäres Prinzip.

4


Typologien und Zustände heute

1900 1900

1920

1950

5

Professor Dipl.-Ing. Ulli Meisel


1960

1970

1980

6

Professor Dipl.-Ing. Ulli Meisel


Space matters …

Fachwerkschäden

Hausschwamm in Holzdecke

Feuchteschäden

Fassaden- und PKW-Schaden

Professor Dipl.-Ing. Architekt Ulli Meisel


Bewertungs-Methodik physischer Zustand

( Bearbeitung der Ratgeber-Serie Ulli Meisel, ILS )

Professor Dipl.-Ing. Architekt Ulli Meisel


Struktur des Beitrages:

Architektur, Soziales und Ökonomie

Wirksame Nachhaltigkeits-Strategien

Perspektiven auf Bestandsquartiere

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Einige Ereignisse, die die Nachhaltigkeits-Debatte forcierten:

1973 - Erste Ölkrise zeigt die Abhängigkeit der Industriestaaten

von fossiler, nicht erneuerbarer Energie

1984 - Giftgasunfall in Bhopal, Indien mit 23.000 Toten und mehr

als 100.000 chronisch Erkrankten

1984 - Holzschutzmittel-Skandal mit schweren Gesundheits-

Schäden und Gerichtsverfahren gegen Herstellerfirmen

1986 - Nukleare Umwelt-Katastrophe von Tschernobyl mit der

Einstufung von Höchstwert 7 auf der INES-Skala

1998 - Verseuchung des spanischen Nationalparks Coto

Donana durch Giftschlamm aus Bergbauabfällen

2010 - Ölpest im Golf von Mexiko und Verseuchung in Ungarn

durch Dammbruch von Giftschlammbecken

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Nuklear-Katastrophe

Ölpest

Menschengemachte Stoffströme (Stefan Bringezu, Wuppertal Institut 1993)

Gift-Verseuchung

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Methoden der Nachhaltigkeits-Bewertung 1

Nachhaltige Entwicklung bedeutet die Abkehr von „End-of-

Pipe-Strategien“ und eine Hinwendung zu prospektivem

Handeln, das Umweltrisiken vorausschauend vermindert,

bewertet z.B. durch Stoffströme / ökologische Rucksäcke.

( Hinweis: Schmidt-Bleek , Friedrich Wie viel Umwelt braucht der Mensch? Faktor 10

– das Maß für ökologisches Wirtschaften. DTV München 1997 )

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Professor Dipl.-Ing. Ulli Meisel


Methoden der Nachhaltigkeits-Bewertung 2

Ein wichtiges Nachhaltigkeits-Tool sind Effizienz-Prüfungen,

die die Optimierung des Verhältnisses von aufgewendeten

Mitteln und Nutzen bewerten, zum Beispiel durch den Faktor

10 als normatives Maß für Effizienz-Steigerung.

( Hinweis: Lehmann; Stanetzky Stoffströme beim Modernisieren – Einsparpotenzial,

Konstruktionsvergleiche, Rechenbeispiele, Aachen 2000 )

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Professor Dipl.-Ing. Ulli Meisel


Nutzungszyklus materieller Strukturen

1 Stoffe und Produkte

• Gewinnung von Rohstoffen

• Herstellung von Produkten

• Handel und Transport

2 Bauen und Wohnen

• Erstellung von Gebäuden

• Nutzung von Gebäuden

• Pflege und Unterhaltung

3 Nachnutzung und Entsorgung

• Modernisierung und Wiederwendung

• Verwertung und Recycling

• Abbruch und Entsorgung

14


15

Auszug aus Ökobilanzierung einer

komplexen Produkt-Prozesskette


Methoden der Nachhaltigkeits-Bewertung 3

Suffizienz-Bewertungen hinterfragen die Maßstäbe für den

realen Nutzen, den verschiedene Handlungs-Alternativen für

den Menschen haben. Sie zielen damit nicht auf Effzienz-

Verbesserungen, sondern auf neue Nutzenkategorien.

( Hinweis: und Schmidt-Bleek; Tischner Produktentwicklung. Nutzen gestalten – Natur

schonen. BMWFK Wien 2000 )

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Professor Dipl.-Ing. Ulli Meisel


Methoden der Nachhaltigkeits-Bewertung 4

Den physischen, sozialen und ökonomischen Kapitalstock

von Bestandsquartieren zu erhalten und behutsam weiter

zu entwickeln erfüllt zahlreiche Nachhaltigkeits-Kriterien.

Theorien und Methoden der Modernisierung und

Erneuerung von Bestandsquartieren unterscheiden sich

aber erheblich von denen für einen Neubau.

Die prozessorientierte Verknüpfung von Gesundheit

und Umwelt, Wirtschaftlichkeit und Sozialverträglichkeit

kennzeichnet Verfahren behutsamer Entwicklung von

Bestandsquartieren.

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Professor Dipl.-Ing. Ulli Meisel


Mieterin

Modernisierer

Modernisierungspraxis von Sozialwohnungen

Baudurchführung

Mieterin

Beteiligungs-Gespräch

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Professor Dipl.-Ing. Architekt Ulli Meisel


Bestandsquartiere – wie kann ihre Zukunftsfähigkeit bestimmt werden?

Wirtschaftliche Orientierung

Volks- und Betriebswirtschaft

Bewirtschaftungskonzepte

Facility - Management

Rating von Baubeständen

Markt- & Standortanalysen

Portfolio - Bewertung

Nutzungs - Bewertung

Investitionsrechnungen

Marketing - Strategien

Erneuerungszyklen

Objekt-Cash-Flow

Kostengrenzen

Finanzierung

Mieten

Planerische Orientierung

Städtebau Architektur Ingenieurbau

Städtebau & Leitbilder

Quartiers-Typologien

Mängel & Schwachstellen

Instandsetzungssockel

Stadtentwicklungskonzepte

Quartiers-Infrastrukturen

Image & Identitätsbildung

Gestaltung & Baustoffe

Fehlertolerante Planung

Baukosten & Standards

Baumanagement

Masterpläne

Qualität

Soziale Orientierung

Soziologie Geographie Kunst Kultur

Sozialraum Quartier

Soziokulturelle Struktur

Quartiersmanagement

Nutzer-Zufriedenheit

Nachhaltiges Bauen

Information & Beteiligung

Wohngesundheit

Fluktuation & Wandel

Ressourcen & Energie

Zielgruppen-Management

Telefon-Hotline

Internet

Bindung

Privat- und volkswirtschaftliche - baulich-städtebauliche - sozialräumlich-soziokulturelle Bestände

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Professor Dipl.-Ing. Architekt Ulli Meisel

Quelle: eigene Abbildung


Methoden der Nachhaltigkeits-Bewertung 5

Die Anwendung von Bewertungsmethoden kann

Entscheidungen nicht ersetzen. Sie kann lediglich dazu

beitragen, Entscheidungen vorzubereiten und das Maß an

Unsicherheit und Nicht-Wissen zu reduzieren.

• Risikoanalyse: Risiko sinkt ggf. mit Grad des Nicht-Wissens

• Kosten-Nutzen-Analyse: nicht monetarisierbares nicht erfasst

• Ökobilanz und Produktlinien-Analyse: Problem fehlende Daten

• Szenarien-Methode: komplex einsetzbar, aber sehr aufwendig

Appelle und Einsicht allein können Entscheidungen und

Handeln der Akteure nicht verändern. Diese handeln

zweckrational innerhalb der Logik ihrer jeweiligen Systeme.

( Hinweis: Konzept Nachhaltigkeit. Vom Leitbild zur Umsetzung, S.73, Bonn 1998 )

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Unterscheidung von Nutzenkategorien

ICH

?

?

WIR

?

SACHE

1. Persönlicher, unmittelbar erlebbarer Nutzen: +++

2. Nutzen im engeren, noch beeinflussbaren Umfeld: ++

3. Regionaler, nationaler und globaler Nutzen: +

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Professor Dipl.-Ing. Ulli Meisel


Räumlicher Abstand

als Kriterium für die

Nutzen - Bewertung

Barton & Grant & Guise:

Shaping Neighbourhoods

for Local Health and

Global Sustainability,

Routledge, 2010, Oxon, UK,

2.Edition

Zeitlicher Abstand als

Kriterium für die

Nutzen - Bewertung

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Aufmerksamkeit

2010


2015


2050


2100


2300


Routenplaner Nachhaltigkeit

1. Energie und Ressourcen

2. Gesund leben und arbeiten

3. Dauerhaftigkeit von Strukturen

4. Weiter- und Wiederverwendung

5. Kosten und Risiken verringern

6. Soziale Verträglichkeit

Quelle: Meisel, Ulli, Handbuch Altbaumodernisierung. Methoden für die Energie

sparende und nachhaltige Entwicklung von Baubeständen, Dortmund 2005

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Professor Dipl.-Ing. Ulli Meisel


Zieldimension 1 - Energie und Ressourcen

• Nutzung unerschöpflicher Energiequellen

• Minimieren von Herstellungsenergie

• Verringerung des Primärenergie-Bedarfs

• Schonung begrenzter Rohstoffvorräte

• Einsparung von Heizungs-Aufwand

• Minimieren von Nutzungsenergien

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Professor Dipl.-Ing. Ulli Meisel


Zieldimension 2 - Gesund leben und arbeiten

• Keine Feuchte in Wohnbauteilen

• Reduzierung von Lärmbelästigung

• Keine Ausgasungen in Wohnräumen

• Vermeiden von Wohngiften

• Verringerung von Staub und Fasern

• Keine erhöhte Strahlenbelastung

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Professor Dipl.-Ing. Ulli Meisel


Zieldimension 3 - strukturelle Dauerhaftigkeit

• Anpassbare städtebauliche Struktur

• Infrastruktur & Versorgung ausreichend

• Veränderbare Gebäude-Typologien

• Identifikations-Möglichkeiten gegeben

• Langlebige Konstruktionen & Baustoffe

• Schadensfreiheit & Funktionssicherheit

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Zieldimension 4 - Weiter-/ Wiederverwendung

• Stadtumbau statt Stadterweiterung

Bestandsquartiere pflegen und erhalten

• Gebäude und Bauteile weiterverwenden

• Verwendung von Recycle-Produkten

• Trennbarkeit von Baustoffen beachten

• Reduzierung der Materialvielfalt

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Zieldimension 5 - Kosten & Risiken verringern

• Senkung des Investitions-Aufwandes

• Bedenken externer Kostenfaktoren

• Qualitäten und Kosten differenzieren

• Kosten-Nutzenvergleiche durchführen

• Verringerung von Betriebskosten

• Verträglichkeit von Kostensteigerungen

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Bauwerkskosten je m² Wohnungsneubau

Einfamilienhäuser 1.500 €/m 2 WFL

Geschosswohnungen 1.150 €/m 2 WFL

Kostensparende Bauweise 850 €/m 2 WFL

Bauwerkskosten je m² Modernisierungen

Wohnbau 50er-70er Jahre 800 €/m 2 WFL

Wohnungsbau 1900-1930 950 €/m 2 WFL

Umnutzung zu Wohnen 1.500 €/m 2 WFL

( Quelle: Dahlhaus; Meisel - Nachhaltiges Bauen. Kostenwerte, Konstruktionen,

ökologische Bewertung, Ausführungshinweise, Essen 2009)

Professor Dipl.-Ing. Ulli Meisel


Zieldimension 6 - Soziale Verträglichkeit

• Nutzer-Beteiligung bei Modernisierungen

• Sozial-integrative Quartierskonzepte

• Mietsteigerungen begrenzen

• Altersgerechte Wohnkonzepte

• Sozialverträgliche Baudurchführung

• Selbsthilfe und familiengerechtes Bauen

30


31

Zieldimensionen können unverträglich sein:

z.B. natürliche Baustoffe vs. Hi-Tec-Energiehäuser


Konzept-Phasen der Routenplanung

Daten-

Beteiligung

Beschaffung

Beteiligung

Ziele klären,

Chancen

Aufwand

und Nutzen

Begründung

Konzept Stufe A

Beteiligung

Konzept Stufe B

Konzept Stufe C

Vorschläge

Beteiligung

Professor Dipl.-Ing. Architekt Ulli Meisel


Struktur des Beitrages:

Architektur, Soziales und Ökonomie

Wirksame Nachhaltigkeits-Strategien

Perspektiven auf Bestandsquartiere

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Architekturraum Sozialraum Kulturraum

Räumliche Netze

Wirtschaftsraum

Bildungsraum

Die jeweilige fachliche Konditionierung prägt die Wahrnehmung von Bestandsquartieren

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Professor Dipl.-Ing. Architekt Ulli Meisel


Bestehende Quartiere: Was kann „multiperspektivisch“ bedeuten?

Investment

Nutzungszyklen

Bestand

Quartier

Sozialraum

Bedeutungen

Räumliche Netze

Physische Struktur

multidisziplinär - interdisziplinär - transdisziplinär - integrativ

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