von Martin Neff - Raiffeisen

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Lagebeurteilung und Ausblick

Ausatmen oder nur Durchatmen?

Martin Neff

Chefökonom Raiffeisen Schweiz

18. Juni 2013


Intakte Welt – auf den ersten Blick

• Wir haben fast überall auf der Welt Frieden.

• Nie war der Wohlstand grösser als heute.

• Die Weltwirtschaft wächst, damit einher gehen

Verschiebungen von Niveau und Dynamik.

• Sättigung: Die hochentwickelten Industriestaaten in

Europa aber auch die USA vermitteln seit geraumer Zeit

das Bild gealterter Wohlhabender, die sich um ihren

Wohlstand, vor allem aber ihren Besitzstand fürchten.

• Appetit: in den aufstrebenden Volkswirtschaften

Lateinamerikas und Asiens streben junge, leistungsbereite

und gut gebildete Menschen nach dem wirtschaftlichen

Aufstieg.

• Hunger: noch immer sterben jährlich mehr Menschen an

Hunger als in der Schweiz leben und in gut dreissig

Ländern der Welt herrscht Hungersnot


Doch es häufen sich Finanz- und Wirtschaftskrisen

• Börsencrash 1987

• Frühe Neunzigerjahre: Immobilienkrisen Schweden, Japan, Schweiz

• Lateinamerikanische Schuldenkrise

• Russlandkrise

• Asienkrise

• Argentinienkrise

• Dotcom Debakel

• Subprime Debakel

• Europäische Schuldenkrise

• Grosser Staatbankrott?

• Zentralbankenkrise?

• Staatenkrise?


Finanzmärkte mausern sich zu ständigen Unruheherden

US Aktien (S&P500)

50

45

50er: 60er: 70er: 80er: 90er: 00er:

0.6 Tage / Jahr 0.6 Tage / Jahr 1.8 Tage / Jahr 2.7 Tage / Jahr 2.2 Tage / Jahr 11.6 Tage / Jahr

40

35

Anzahl 3-Sigma Tage

30

25

20

15

10

5

0

1951 1956 1961 1966 1971 1976 1981 1986 1991 1996 2001 2006 2011


Die Welt vor rund 20 Jahren (1990)

2 Billionen $

ausserbörslich

gehandelte

Finanzderivate

147 Billionen $

Volumen der

Devisengeschäfte

22 Billionen $

Wert aller produzierten

Güter und Dienstleistungen

9 Billionen $

Volumen gehandelter

Aktien und Bonds

Handelsblatt/Quelle: HB Research


Die Welt im Jahre 2010

63 Billionen $

Wert aller produzierten

Güter und Dienstleistungen

87 Billionen $

Volumen gehandelter

Aktien und Bonds

601 Billionen $

ausserbörslich

gehandelte

Finanzderivate*

955 Billionen $

Volumen der

Devisengeschäfte**

Handelsblatt/Quelle: HB Research


Parallel dazu sind massive Veränderungen im Gang

1. Von den alten zu den neuen Volkswirtschaften

2. Vom Schuldenmachen zum Sparen

3. Vom Geldbad zu einer normalen Geldversorgung

4. Von der Geld-und Finanzwirtschaft zur Realwirtschaft

5. Von der Dynamik zur Stabilität

6. Vom schnellen Gewinn zum nachhaltigen Geschäftsmodell

7. Vom Bürger zum Staat und (hoffentlich bald wieder) zurück

8. Vom Wachstum zur Verteilung


Lagebeurteilung und Ausblick

Ausatmen oder nur Durchatmen?

Wie sieht die aktuelle Lage überhaupt aus?


Wirtschaftlage (zu) stark durch Politik geprägt

Auseinanderbrechen der Eurozone? (geringes

Risiko, starke Auswirkung)

• Euro Schuldenkrise als Dauerbrenner

• Risiko Frankreich inkl. dessen Verhältnis zu

Deutschland

• Wird die Mogelei weiter geduldet?

Anhaltende EU Rezession (mittleres Risiko,

mittlere Auswirkung)

• Beschränkung des Kreditwachstums (Deleveraging

der Banken)

• Fiskale Konsolidierung mit Wachstumsrisiken

• Arbeitslosigkeit birgt Sprengstoff

Öl- und Rohstoffpreise? (geringes Risiko, starke

Auswirkung)

• Geopolitische Risiken und Angebotsverknappung

(+)

• Nachfrage aus den Schwellenländern (-)

Harte Landung in China (mittleres Risiko, mittlere

Auswirkung)

• Ansteckung aus der EU Krise

• Interne Abkühlung

• Spielraum Politik (Inflation, Kreditexpansion,

Immobilienpreise)

US Rezession (geringes Risiko, starke

Auswirkung)

• Reduktion Investitionen nach Auslaufen

Steuererleichterungen.

• Arbeitsmarkt?

• Politische Unsicherheiten („fiscal cliff etc.“)

Globale Rezession (geringe Wahrscheinlichkeit,

starke Auswirkung)

• Globale Ansteckung aus der EU-Krise

• Politische Spannungen/Protektionismus erhöhen

den Mangel an politische Koordination

• Kampf der wirtschaftlichen Philosophien


Fragen wir die Politik…


Bei gleichzeitiger Neuverteilung der politischen Macht

2007 2008 2009

Private "unter Wasser" Lehman und Co. fallen Staaten helfen

2010 2011 2012

Staaten vor Bankrott Politik «kapituliert» Geldpolitik «regiert»


Fragen wir die Aktienmärkte….

2.00

1.75

1.50

1.25

1.00

0.75

0.50

0.25

-

2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013

SMI EuroSTOXX50 DAX DowJones S&P500 Nikkei Hang Seng ASX


Wissen die Aktienmärkte tatsächlich mehr?

Index YTD Hoch - Tief Tiefst am Höchst am

SMI 19.7% 95.2% 09.03.2009 22.05.2013

EuroSTOXX50 4.9% 69.5% 09.03.2009 18.02.2011

DAX 9.1% 132.7% 06.03.2009 22.05.2013

DowJones 16.8% 135.0% 09.03.2009 21.05.2013

S&P500 15.7% 146.7% 09.03.2009 21.05.2013

Nikkei 40.6% 121.5% 10.03.2009 22.05.2013

Hang Seng -0.2% 126.6% 27.10.2008 08.11.2010

ASX 13.4% 102.3% 03.03.2009 22.05.2013


… oder die Obligationenmärkte?

8

Zinsen 10 Jahres-Staatsanleihen

40

7

35

6

30

5

25

4

20

3

15

2

10

1

5

0

2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013

0

CH US Eurozone Japan IT E GR (rechte Skala)


Kaum, aber sie setzen voll auf geballte monetäre Macht

500

450

400

350

300

250

200

150

100

50

0

2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013

FED EZB SNB BOJ BOE

Quelle: Bloomberg


Die hat aber auch (unerwünschte) Nebenwirkungen

Yield Spread

Quantil: 80%-95%

Yield Spread

Quantil: 5%-10%

(Renditeliegenschaften)

2013

Quelle: IAZI, Credit Suisse Economic Research


Zum Beispiel eine „Blase“ am Immobilienmarkt

• Übermässige Liquidität

• Übermässiger Risikoappetit und zu tiefe Risikoprämien

• Lang anhaltende Phase ansteigender Immobilienpreise

• Entkoppelung der Immobilienpreise von der

Entwicklung der Einkommen

• Hohes/übermässiges Wachstum der

Hypothekarkreditvolumina

• Überschiessende Bautätigkeit und Angebotsüberhang

• Hoher Anteil spekulativer Immobilientransaktionen

• Mangelnde Kreditprüfung bei der

Hypothekarkreditvergabe (aufgrund falscher Anreize)

• JA

• NEIN

• JA

• Regional, kommunal

• NEIN

• NEIN

• JEIN

• NEIN


PMIs: Mehr Herbst als Frühling an der Konjunkturfront

70

65

60

55

50

45

40

35

30

25

2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013

USA Manufacturing USA Non-Manufacturing Eurozone Manufacturing

Eurozone Composite Schweiz Japan


Lagebeurteilung und Ausblick

Ausatmen oder nur Durchatmen?

„Sonderfall Schweiz“

Die Politik in den hochentwickelten Volkswirtschaften hat fast

das ganze Pulver verschossen; weniger Grund zur Sorge besteht

in der Schweiz.

Aber Achtung: jeder Abschwung beginnt im Kopf, kein

Aufschwung ohne Zuversicht.


Die Welt 2013 konkret

•Weltwirtschaftswachstum unter 4%

•Inflationspfad moderat

•Starkes Gefälle und asynchroner Konjunkturverlauf

•USA führen neben BRIC und Co den Zyklus an

•Japan dürfte etwas aufschliessen können, es ist aber zu früh,

die Nachhaltigkeit von Abenomics zu beurteilen

•Europa hinkt deutlich hinterher

•Innerhalb Europas herrschen nach wie vor zwei

Geschwindigkeiten bei insgesamt verlangsamtem Wachstum

•Die Schweiz ist innerhalb Europas eine Insel der Stabilität,

relativer Gewinner der Finanzkrise und vor allem einer der

Wachstumsoutperformer in Europa!


Schweiz 2013 konkret

•Wachstum 1.5%

•Inflation leicht negativ

•Arbeitslosenrate bei rund 3%, Beschäftigung leicht im Plus

•Kein Immobiliencrash

•Hohe Auslastung im Bau hält an

•Investitionstätigkeit zieht höchstens leicht an

•Zaghafte Erholung der Exportwirtschaft

•Tourismus verdaut Wechselkursschock nur langsam

•Bankenwertschöpfung mittelfristig rückläufig

•Kaufkraft bleibt gewährleistet

•Relative Wettbewerbsfähigkeit steigt


Zusammenfassung und Empfehlung für Anleger/innen

• Märkte hängen am Tropf der Politik, genau gesagt an dem der

Geldpolitik und tun sich schwer, auf den eigenen Beinen zu stehen.

• Konjunkturerwartungen wurden auf ein realistisches Mass

heruntergeschraubt, damit fallen negative Überraschungen weg.

• Formula ZERO führt zu massiven Verzerrungen (Immobilien)

• Festverzinsliche Anlagen können selbst aus Diversifikationsaspekten

immer weniger empfohlen werden.

• Aktien sind vor allem auf Grund der relativen Outperformance weiterhin

zu bevorzugen, wenn taktische Reaktionsfähigkeit gegeben.

• Alternative Anlagen: Rohstoffe nur mit Langfristfokus, Edelmetalle nach

Korrektur zumindest wieder ein Thema, Immobilien ein Dauerbrenner

(v.a. Selbstnutzer).

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