Serie Teil 4: Karo, Roxy-Bar und Schießbefehl wegen einer Sünderin

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Serie Teil 4: Karo, Roxy-Bar und Schießbefehl wegen einer Sünderin

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Die fünfziger Jahre Oktober 2013 Oktober 2013 Die fünfziger Jahre

Karo, Roxy-Bar und Schießbefehl

wegen einer Sünderin

Teil IV der Stadtzeitungsserie „Regensburg: Wie wir wurden, was wir sind“: Die Fünfziger Jahre

Es ist Januar 1950. Die Währungsreform in Deutschland ist

vollzogen, auch in Regensburg gilt die D-Mark als alleiniges

Zahlungsmittel. Der Krieg ist fast fünf Jahre lang vorbei,

doch in der Stadt sind seine Auswirkungen immer noch

deutlich sichtbar: Amerikanische US-Soldaten prägen das

Stadtbild, überall gibt es noch Kriegsruinen. In Regensburg

sind weder genügend Wohnungen noch genügend Arbeitsplätze

vorhanden. Doch das sollte sich in diesem Jahrzehnt

alles nahezu schlagartig ändern. Regensburg geht mit der

Konjunktur und erlebt einen „Sünderinnen-Pfuhl“: Die

Fünfziger Jahre kommen!

Für die kleine Gerda vom Hohen Kreuz beginnt

das Jahrzehnt mit eher unliebsamen Begegnungen.

Ihre Familie war bei Kriegsende aus

Schlesien vor der Roten Armee geflüchtet,

über Lossa (Sachsen-Anhalt) nach Anzenkirchen

(Niederbayern). Ihr Vater, ein ehemaliger

Berufssoldat, hatte dann nach Kriegsende in

Regensburg Arbeit gefunden: als Wachmann

im Internierungslager am Hohen Kreuz.

Seine delikate Aufgabe: „Er musste Herrmann

Göring bis zu seinem Prozess in Nürnberg bewachen“,

erinnert sich Gerda Gärtner. Göring

war als Hitlers Stellvertreter der zweitwichtigste

Mann in Nazi-Deutschland gewesen. Im

Herbst 1946 wurde er bei den Kriegsverbrecherprozessen

zum Tod durch den Strang verurteilt.

Der Vollstreckung entzog er sich durch

Selbstmord: Er schluckte am 15. Oktober 1946

eine Zyankali-Kapsel.

Das kleine Mädchen und die Witwe des Nazi-

Bonzen

In der Zeit der Regensburger Gefangenschaft

entwickelte sich offenbar eine freundschaftliche

Beziehung des Vaters von Gerda Gärtner

zu Görings zweiter Ehefrau Emmy, einer

Schauspielerin. „Die hatte Anfang der Fünfziger

Jahre ein Engagement in Regensburg am

Theater“, erzählt die heute 66-Jährige.

Einmal im Monat, immer samstags, musste

die kleine Gerda den Vater ins Michalski-Haus

an der Weißenburger Straße begleiten – zum

Besuch bei der feinen Dame. Doch die Besuche

blieben ihr nicht in guter Erinnerung: „Emmy

Göring war eine vollbusige Frau, die stets weiße

Spitzenblusen trug. Sie wollte mich immer

an ihre Brust drücken, aber das mochte ich gar

nicht, sie roch so stark nach Rosenseife“.

Irgendwann musste Gerda nicht mehr in die

Weißenburger Straße. „Ich weiß nicht mehr, ob

ihr Engagement geendet hatte oder ob meiner

Mutter die Besuche zuwider wurden. Aber ich

war erleichtert, dass ich die Frau nicht mehr

besuchen musste.“

Alltagsleben: Röhrenradios und

Gassenschänken

Die Lebenssituation für die meisten Regensburger

ist Anfang des Jahrzehnts schwierig.

Es gibt nur wenige Arbeitsstellen und kaum

Wohnungen für die 117.000 Einwohner, die

die Stadt Ende 1950 zählte. Nicht selten teilt

sich eine vierköpfige Familie ein Zimmer zum

Essen, Schlafen, Kochen. Die Toilette ist am

Flur, eigene Badezimmer sind unvorstellbarer

Komfort. Wasser kam auch in der Altstadt nicht

selten aus dem Brunnen im Hof und wurde mit

dem Blecheimer nach oben geschafft. Fernsehgeräte

galten als unerschwingliche Luxusartikel,

die Familie versammelte sich um riesige

Röhrenradios.

„Sonntags kam immer eine Sportsendung“, erzählt

Gerda Gärtner. „Ich weiß noch genau, wie

wir beim Abendbrot keinen Ton sagen durften,

weil mein Vater die Ergebnisse hören wollte.“

Wer später gut verdiente, schaffte sich einen

Musikschrank an, eine Kombination aus Plattenspieler,

Radio, Abstellfläche und vor allem

– ein Statussymbol. Für Schallplatten war aber

meistens kein Geld da – so dudelten Tag und

Nacht immer nur dieselben zwei Scheiben…

Bier für die Väter holten die Kinder aus Gassenschänken,

die gab es etwa in der Gaststätte

„Zur Eisenbahn“ an der Albertallee, der Hubertushöhe,

beim „Thomaskeller“ am Römling

oder beim „Straubinger Hof“ neben dem

Schlachthof. Milch wurde ebenfalls in eigenen

Krügen oder Kannen besorgt, bei „Thurmann“

in der Hemauerstraße oder in den Milchläden

neben der Sparkasse am Arnulfsplatz oder an

der Ecke Kramgasse/Tändlergasse.

Unter der Woche wurde meistens beim Kramer

angeschrieben. Wenn der Vater am Freitag die

Lohntüte erhielt, bekam der Kaufmann sein

Geld. Zum Schwimmen ging es in die Donau,

das Bad an der Schillerwiese kostete ja Eintritt.

„Höchste Winterportvergnügen“ waren

die Schlittenfahrten am Drei-Bäumerl-Berg in

Königswiesen, der Engelgrube am Ziegetsberg

und am Dreifaltigkeitsberg oder das Schlittschuhlaufen

im Stadtpark.

Eine Regensburger Stadtansicht aus dem Jahr 1957:

Rechts der Rathaus-, ganz links der Goldene Turm.

Die strengen amerikanischen Herren

Regensburg war zwar inzwischen wieder

selbstverwaltet, stellte die Bürgermeister, hatte

freie Wahlen. Doch die eigentlichen Herren

in der Stadt waren noch immer die Amerikaner.

Sie lebten überwiegend im Ostenviertel,

rund um die Kasernen, entlang der Otto-Hahn-

Straße oder in eigenen Holzhütten in Weichs.

Die einfachen Soldaten gaben den Kindern

zwar immer wieder Schokolade und Kaugummi

und den jungen Damen Nylonstrümpfe,

doch bei den höheren Dienstgraden war diese

Annäherung gar nicht gern gesehen. Sie wollten

keine „Fraternisierung“, wie sie es nannten;

Liebschaften ihrer GIs zu deutschen „Frolleins“

waren ihnen ein Dorn im Auge. Edith Rölz (71)

erinnert sich: „Bei uns in der Gumprechtstraße

gab es eine Dame, die hatte etwas mit einem

Ami. Irgendwann einmal ist die Militärpolizei

angerückt, die MP und hat den armen Mann

mit den Gummiknüppeln aus dem Schlafzimmer

geholt. Ich habe ihn nie wieder gesehen.“

Andererseits lassen sich mit den Amis auch

gute Geschäfte machen: Bauern aus dem Umland

kommen mit ihren Enten und Hennen in

die Stadt. Heim geht es dann ohne die Viecher,

aber mit Bohnenkaffee und Zigaretten im Sackerl.

Randale wegen der sündigen Knef

Im Februar 1951 erlebt Regensburg einen echten

Skandal: Das Bavaria-Kino in der Speichergasse

zeigt Willi Forsts Film „Die Sünderin“

mit der damals 25-jährigen Schauspielerin

Hildegard Knef. Der Streifen behandelt viele

Tabuthemen der damaligen Zeit: Prostitution,

Selbstmord, Sterbehilfe. In einer kurzen Sequenz

ist die Knef sogar nackt zu sehen!

In ganz Deutschland regt sich wilder Protest, in

Regensburg finden sich besonders erbitterte

Gegner. Oberbürgermeister Georg Zizler (CSU)

verbietet die Filmaufführung, der Kinodirektor

zeigt ihn trotzdem. Die Schutzpolizei besetzt

das Kino, kassiert die Filmrollen. Es kommt zur

Gegendemonstration, der OB erteilt Schießbefehl.

Doch der Polizeipräsident setzt den nicht

um, er beschränkt sich auf den Einsatz von

Gummiknüppeln und eines Wasserspritzwagens

der Feuerwehr. Am 23. Februar entscheidet

der Stadtrat mit 16 : 15 Stimmen: Der Film

darf gezeigt werden.

Der Zauner Walter und sein Einsatz

für die Stadt

Im Jahr 1952 wird Walter Zauner zu einer

wichtigen Figur der Stadtgeschichte. Aus dem

Lausbuben von der Weingasse, den wir in den

Blick in Regensburger Hinterhöfe Ende der Fünfziger.

ersten Teilen unserer Serie kennen gelernt haben,

ist ein junger Mann von 19 Jahren geworden,

den die Kriegserlebnisse zum mutigen

und überzeugten Pazifisten geformt hatte.

Am 22. August 1952 marschiert er mit einem

Spezl zur Mariaorter Eisenbahnbrücke. Dort

haben die Amerikaner Sprengkammern angebracht,

um die Brücke in die Luft zu jagen,

wenn es ihnen zweckdienlich erschien. „Vor

fünf Jahren sind alle Brücken gesprengt worden,

und jetzt haben die Amis wieder haargenau

dieselbe Schweinerei vor“, erinnert sich

der 2005 gestorbene Zauner in seinem Büchlein

„Regensburger Erinnerungen“ an seine

damaligen Gedanken. Mit einem Leiterwagen

schafft er Zement an die Stadtgrenze und

mauert mit dem Spezl die Sprengkammern zu.

Er wird bei den Behörden hingehängt, am 12.

Dezember 1952 verurteilt ihn ein amerikanisches

Militärgericht zu vier Jahren Zuchthaus

wegen Sabotage. Bis zum 7. September 1955

sollte er in Straubing einsitzen, ehe er vorzeitig

entlassen wird.

Erste Schritte gegen die Wohnungsnot

In der Stadt wird Anfang der Fünfziger Jahre

der soziale Wohnungsbau vorangetrieben. Bis

1952 entstehen Hunderte von neuen Wohneinheiten:

ein riesiger Mietblock zwischen

Fesche Damen im Einteiler: Die Wahl der Miss Regensburg!

Die Goliathstraße in den Fünfzigern, ganz

rechts das Kaufhaus Carlson. Gerda Gärtner (66).

Die Legende ist da! Louis Armstrong bei

seinem Gastspiel in der RT-Halle.

Wohnen in der Altstadt war in den

Fünfzigern kein Genuss.

Auch auf schwierigem Untergrund alltagstauglich:

der Messerschmitt-Kabinenroller.

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Die fünfziger Jahre Oktober 2013 Oktober 2013 Die fünfziger Jahre

In den Regensburger Friseursalons herrschte Hochbetrieb.

Regensburg wird mobil: Frauen mit ihren Fahrrädern auf

dem Weg zur Arbeit in den neuen Fabriken, die Männer

fahren schon Motorrad, Moped oder VW Käfer.

Die Straßenbahn bekommt Konkurrenz: Ab 1953 fährt der O-Bus zwischen

Hauptbahnhof und der Konradsiedlung.

Auch die Polizei testete den Kabinenroller (sogar mit Telefonanschluss!).

Als Streifenwagen nahm sie ihn dann aber doch nicht.

Augsburger-, Nibelungen, Kriemhild- und

Siegfriedstraße, große Mehrfamilienhäuser für

sechs bis acht Familien an der Brandlberger-,

der Isar- und der Hermann-Geib-Straße.

Die Wohnungen sind zwischen 35 und 66

Quadratmeter groß, haben zwei bis vier Zimmer,

eine Küche, eine Toilette mit Waschgelegenheit,

aber nur selten einen Herd oder ein

Badezimmer, lediglich die Anschlüsse dafür

sind vorhanden. Der Mietpreis ist gedeckelt, er

darf höchstens 1,10 D-Mark pro Quadratmeter

betragen.

Strikte Auflagen für Häuslebauer

Rund um die Guericke- und an der Furtmayrstraße

werden Wohnblöcke errichtet, sie sind

schon 40 bis 80 Quadratmeter groß. 1958 folgen

Mietshäuser an der Humboldtstraße, an der

Isar- und der Altdorfer Straße entstehen Ende

des Jahrzehnts die ersten Hochhäuser der Stadt.

Auch die Familie der kleinen Gerda findet ein

neues Zuhause: Vom Hohen Kreuz geht es an

den Ziegetsberg, in der Karl-Stieler-Straße darf

sie eines von vier kleinen Reihenhäusern bauen.

Aber nur, weil sie strenge Auflagen erfüllt:

Sie ist eine Flüchtlingsfamilie, die Eltern und

die zwei Kinder – Gerdas Bruder wurde 1952

geboren – bewohnen lediglich zwei Zimmer,

Küche und Bad im Erdgeschoss, die Großmutter

eines im ersten Stock. Zudem muss die Familie

noch einem Flüchtlingspaar zwei Zimmer

im Haus zur Verfügung stellen.

„Am 17. Dezember 1954 sind wir eingezogen“,

erzählt Gerda Gärtner, „ohne Strom und ohne

Wasser. Das kam erst am Tag vor Heiligabend.“

Die damals Siebenjährige ist froh, dass sie

das Hohe Kreuz verlassen darf. „In der Nachbarschaft,

vor allem an der Plattlinger Straße,

wohnten viele Polen. Die hielten Pferde in den

Wohnungen und haben alles rausgerissen,

weil sie nichts zu heizen hatten. Türen, Dielen,

Fußböden. Das war mir unheimlich.“

Das Regensburger Wirtschaftswunder

Größere und vor allem bessere Wohnungen

können sich in den Fünfzigern immer mehr Regensburger

leisten. Denn die Industrie in der

Stadt boomt: In den Messerschmitt-Werken

werden die legendären Kabinenroller produziert,

dazu braucht man 350 Arbeiter, ebenso

viele Stellen entstehen bei der Heyden-

Chemie. Das Teppichwerk steigert die Belegschaft

zwischen 1954 und 1960 von 10 auf 510

Mitarbeiter, die Maschinenfabrik Reinhausen

wächst von 26 Beschäftigten 1948 auf 556 im

Jahr 1960, das Sachsenwerk von 275 Angestellten

1952 in drei Jahren auf 600.

Eine wichtige Rolle spielt auch der Textilsektor:

Bleimund lässt sich auf Teilen des Messerschmittgeländes

nieder, schafft 1953 zuerst

368 Arbeitsplätze, 1960 sind es bereits 600.

Rieger & Schildt Modellkleidung beginnt Mitte

1952 in der Furtmayrstraße mit 99 Stellen, hat

15 Jahre später 1.400 Mitarbeiter. Die Regina

Strickwarenfabrik stellt 320 Menschen ein, bei

Elfis Strumpffabrik stehen 750 Beschäftigte in

Lohn und Brot. Triumph richtet in der Reithalle

an der Von-der-Tann-Straße acht Fließbänder

ein, dort finden 376 Menschen Arbeit. Später

gründet das Unternehmen ein Werk an der

Irler Höhe mit 1.000 Arbeitsplätzen. Der Hafen

schlägt bereits 1957 wieder 3 Millionen

Tonnen um, so viel wie vor dem Krieg. 1959

wird das Großprojekt neuer Osthafen realisiert.

Auch dort werden jeden Tag Arbeitskräfte

benötigt – die Tagelöhner, von den Regensburgern

„Sacklträger“ genannt, sind gefragt.

Die wohl wichtigste Neuansiedlung aber ist

die von Siemens. Der spätere Weltkonzern

nimmt 1950 die Fertigung im neuen Installationsgerätewerk

Regensburg auf, wo bis 1959

1.600 Arbeitsplätze entstehen, schafft zudem

noch ein Halbleiterwerk mit 500 Stellen. Auch

Gerda Gärtners Vater wechselt als Revisor zu

Siemens. Insgesamt gibt es in Regensburg zwischen

1950 und 1960 rund 9.000 neue Stellen.

Roxy-Bar, Diamond Club, Milchschwammerl

und Louis Armstrong

Das Wirtschaftswunder färbte auch auf die

Bedürfnisse der Regensburger ab, alle wollten

unter die Leute und dabei natürlich gut

aussehen. Friseurläden und Kosmetiksalons

haben Hochkonjunktur, an der Berufsschule

(die übrigens zunächst im Thon-Dittmer-Palais

angesiedelt ist) ist die größte Klasse die für

Friseusen.

Die neue Haarpracht trägt man dann abends

zu Markte. Entweder im angesagtesten Innenstadt-Laden

der damaligen Zeit, der Roxy-Bar

in der Malergasse. Oder gleich bei den Amerikanern,

wo es im Diamond Club Live-Musik

und echten Bohnenkaffee gibt. Für größere

Musik-Veranstaltungen ist aber die RT-Halle

zuständig. Dort richtet die Regensburger Turnerschaft

ihre legendären Piraten- und Neptunbälle

aus und dort tritt im April 1952 auch

Jazz-Trompeter Louis „Satchmo“ Armstrong

auf.

Schritte für die Bälle – der Lumpenball im

Gasthaus Zuckerfabrik z.B. war sagenumwoben

– eignen sich die Regensburger bei der

Tanzschule Wolf am Bismarckplatz an, wo jeden

Samstagabend Tanz ist. Dort gibt es für die

Heranwachsenden auch Anstands-Unterricht,

die Herren lernen etwa, dass sie zum Tanze

weiße Handschuhe tragen. Mit denen macht

man auch im Tanzcafé Fürstenhof in der Maxstraße

was her. Die Herren trinken das neue

Taxis-Pils, das ab 1958 am Galgenberg gebraut

Die typische Regensburger Wohnsituation Anfang der Fünfziger: Schlafen,

Wohnen und Essen in einem Raum. Gekocht wurde auf dem Holz-Kohle-Ofen.

Passanten bewundern einen Lambretta-Roller bei BMW-Martin.

Das Fernsehen ist da! OB Rudolf Schlichtinger wird an

seinen ersten Arbeitstagen im Rathaus gefilmt.

Wegen des Films „die Sünderin“ kam es im Februar

1951 vor dem Rathaus zu heftigen Tumulten.

Die neuen Spezialfahrzeuge der Regensburger Müllabfuhr.

Die Fürstliche Notstandsküche. 1919 gegründet, versorgte

sie auch in in den 1950ern Bedürftige.

Eine typische Alltagszene aus den Fünfzigern: Der Herr lauscht den

Neuigkeiten aus dem Röhrenradio und genießt dabei eine Zigarette.

Abends traf man sich im feinen Zwirn auf einen Drink in der Roxybar.

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Wer schön sein will, muss leiden: eine Regensburgerin bei der Behandlung im Kosmetiksalon.

wird. Wer etwas auf sich hält, ist motorisiert

unterwegs. Richtige Automobile können sich

zwar nur die betuchten Regensburger leisten,

aber da gibt es ja das 150-ccm-Dreirad mit

zwei Sitzplätzen und Plexiglaskuppel von der

Prüfeninger Straße – den Kabinenroller. Später,

in der Luxusausführung als Tiger, sogar mit vier

Reifen und 250 Kubik. 5752 „Karos“ werden

allein 1954 gebaut. Sehr beliebt ist auch der

Lambretta-Roller. Auch die Stadt Regensburg

rüstet auf: Sie schafft neue Spezialfahrzeuge

für die Müllabfuhr an.

Mit ihren Gefährten steuern die jungen Leute

ein neues „Bauwerk“ am Alleen-Gürtel an: das

1954 aufgestellte „Milchschwammerl“. 40 davon

ließ die Allgäuer Firma Waldner ausliefern,

heute stehen davon noch vier. In Regensburg

ersetzte der Fliegenpilz den Milchkiosk, der am

Bahnhof dem Bombenhagel zum Opfer gefallen

war. Doch das Schwammerl hatte nicht

Richtig große Autos konnten sich nur die Betuchten leisten. Dennoch schossen in der

Stadt Tankstellen wie Pilze aus dem Boden. Damals übrigens ein hochgeachteter

Beruf: der Tankwart!

Heute gar nicht mehr vorstellbar: Das VW-Autohaus in der Maximilianstraße. Im

Schauraum steht neben dem Käfer der Traum eines Sportwagens: ein Karmann Ghia!

nur Milch im Angebot: Die Waffeln mit Sahne

waren in den Fünfzigern ein Genuss.

Kaufhäuser schießen in die Höhe

Die Regensburger mochten es damals süß, die

Kaffeehäuser sind voll. Besonders beliebt: das

Café Schürnbrand am Neupfarrplatz, die Drei

Kronen, das Prinzess und die Konditoreien

Frick und Rösch. Die Mädels müssen aber auf

ihre Figur aufpassen, denn bei zahlreichen

Miss-Wahlen in der Stadt werden die schönsten

Gesichter und Figuren gekürt.

Doch auch die Stadt passt ihr Gesicht an, viele

moderne und noch heute charakteristische

Bauten entstehen: 1953 wird das Kolpinghaus

eingeweiht. Im selben Jahr wird das mächtige

Kaufhaus Merkur am Neupfarrplatz groß umgebaut,

dafür müssen die kleine Schlossergasse

und der Spielhof an der südöstlichen Ecke

des Platzes weichen. Das Kaufhaus kann nach

Auch die Regensburger Stadtpolizisten machten in ihren Uniformen und

den weißen Handschuhen in den 1950ern eine gute Figur.

der Renovierung mit einer Sensation aufwarten.

Es hat gleich drei Rolltreppen!

Und ein Kaufhaus kommt selten allein: 1954

entstehen an der Maximilianstraße der Bilka

und das Modehaus Sperb, 1955 der Woolworth.

Den Carlson gibt es schon länger: Hans Rosengold,

unter der Nazi-Schreckensherrschaft

nach Argentinien emigrierter Jude, war 1950 in

seine Heimat zurückgekehrt. Er übernahm das

Familiengeschäft in der Goliathstraße, das die

Gebrüder Manes gegründet hatten und das

vor dem Krieg sein Vater führte. Das Modehaus

sollte später mehrere Filialen in Regensburg

und ganz Bayern haben.

1959 schließlich die nächste Sensation aus der

Domstadt: Deutschlands erster Schuh-Selbstbedienungsladen

öffnet am Kohlenmarkt –

und das mit einem griffigen Slogan: „Fürs Haxl

– Schuh Daxl!“

Auch an anderen Orten der Stadt wird kräftig

OB Hans Herrmann wird nach seinem Tod im Alten Rathaus aufgebahrt.

Walter Zauner.

gebaut: An der Roten-Hahnengasse entsteht

ein großer Bau, direkt daneben an der Gesandtenstraße

spaltet der 1959 fertiggestellte

Pustet-Komplex die Bevölkerung: Die einen

lobpreisen ihn als Musterbeispiel modernfunktionaler

Architektur, die anderen finden

ihn abstoßend und hässlich.

Die wunderbare Wurst und die Riesensauerei

Auch die kleine Gerda geht immer wieder mit

ihrer Mutter und der Großmutter in die Stadt.

„Schön war es immer an den vier verkaufsoffenen

Sonntagen vor Weihnachten. Wie gern bin

ich mit in den Merkur oder ins Fischlhaus am

Neupfarrplatz!“ Dort gab es wunderbare Stoffe

und Tücher, an denen sich das Mädchen nicht

satt sehen konnte.

Doch einen anderen Tag liebte das Mädchen

bei den Ausflügen in die Stadt noch mehr: den

Samstag! „Meine Mutter hat am Donaumarkt

eingekauft, wenn alles erledigt war, ist sie mit

mir zum schlesischen Metzger am Schwanenplatz.

Dort habe ich immer eine warme Knoblauchwurst

mit Senf bekommen. Mein Gott,

wie habe ich die geliebt!“

Mit Senf verbindet die heutige Vorsitzende

einer Selbsthilfegruppe für Krebskranke auch

eine ganz andere Erinnerung: „Mein Vater hatte

1952 beim Siemens-Faschingsball bei der

Tombola einen Nachttopf voll mit Senf gewonnen.

Den ließ er dann am Tisch stehen, als er

nach Hause kam. Ich bin am nächsten Morgen

aufgewacht und habe sofort meine Eltern geweckt:

Da hat doch jemand eine Riesensauerei

in den Nachttopf gemacht und den dann auch

noch mitten auf den Tisch gestellt…“

Kinostadt und Goldene Zeiten für den Jahn

Zum Lebensstil gehören jetzt auch schicke

Möbel. Die feinsten von WKS gibt es ab 1953

bei Möbel Fuhrmann am Haidplatz. Auch sonst

gönnen sich die Regensburger immer wieder

etwas. Zum Beispiel einen Kinobesuch im 1954

erbauten „Gloria“-Filmpalast am Vier-Eimer-

Platz.

Denn Regensburg ist in den Fünfzigern ja

eine richtige Kinostadt! 13 davon gibt es in

der Stadt: neben dem Gloria noch das Astoria

(Weißgerbergraben, heute Garbo), das Bavaria

(Speichergasse), das Capitol (am Arnulfsplatz,

heute das Velodrom), das Film-Casino (Leublfingstraße),

die Kammer-Lichtspiele (Maxstraße),

das Metropol (Aussiger Straße), das

Olympia (Goliathstraße), das Ostentor-Kino,

das Regina, das Scala (Augsburger Straße), den

Filmpalast Schloß Tirol (Meraner Straße) und

die Stadtamhofer Lichtspiele (Stali).

Gute Unterhaltung erleben die Regensburger

auch an der Prüfeninger Straße: Der SSV Jahn

spielt in der Oberliga Süd, der damaligen 1.

Liga, keine schlechte Rolle. Der Zuschauerschnitt

lag bei 17.000, der Zuschauerrekord

wurde im Februar 1950 aufgestellt: Gegen

die SpVgg Fürth kamen 30.000 Menschen ins

Jahnstadion.

Ein Rennfahrer rettet die Römermauer

Ab 1959 entstehen am Ernst-Reuter-Platz

die heutigen Heroldbauten, vor dem Presse-

Schießl-Haus soll es einen Parkplatz geben.

Als der ausgehoben wird, stoßen die Arbeiter

auf Reste einer Römermauer. Die wollen sie

im Auftrag des Bauherrn sofort wieder zuschütten.

Doch der Autorennfahrer und Journalist Horst

Bergschneider sammelt Geld für weitere Grabungen.

Er kann die Herold-Chefs davon überzeugen,

weiter nach Resten der Römermauer

zu suchen. 1961 sollte ein weiteres vorgelagertes

Stück Römermauer freigelegt werden. Die

Begrenzungen des einstigen Castra Regina

sind auch heute noch auf einer Länge von

etwa 75 Metern zu sehen.

Gottseidank werden auch andere Pläne in der

Stadt nicht verwirklicht. Breite Autoschneisen

hätten durch die Stadt geschlagen werden

sollen, unzählige Bauten in der Altstadt wären

diesen Vorhaben zum Opfer gefallen (siehe

eigener Kasten). 1955 entwickelt die Stadt ein

eigenes Sanierungsprogramm, mit dem die

historische Bausubstanz gerettet werden soll.

Die Universität scheitert

Die irrwitzigen Verkehrspläne

Das neue Bilka-Kaufhaus eröffnete 1954.

Gleich daneben: der Sternbräu.

Regensburg wird in den Fünfziger Jahren weitestgehend

von der CSU regiert: Georg Zizler

ist bis 1952 im Amt, ihm folgt der wegen seiner

NSDAP-Mitgliedschaft heute umstrittene Hans

Herrmann nach. Erst nach dessen Tod am 20.

August 1959 stellt die SPD den Rathauschef:

Rudolf Schlichtinger kommt auf 58,1 Prozent

der Stimmen.

Alle drei Oberbürgermeister bemühten sich

um eine Universitätsansiedlung in Regenburg,

das Kultusministerium favorisierte als vierte

Landesuniversität (nach München, Erlangen

und Würzburg) aber eher eine Gemeinschaftshochschule

Bamberg-Regensburg. Die Oberfranken

sollten die Naturwissenschaften bekommen,

in Regensburg die Geisteswissenschaften

und die Medizin angesiedelt werden.

1952 wird dieser Plan aber zunächst abgelehnt.

Erst 1960, als Regensburg 127.000 Einwohner

zählt, empfiehlt der Wissenschaftsrat Regensburg

als Standort einer Universität zur Entlastung

der süddeutschen Hochschulen. Doch

mehr darüber in unserer nächsten Folge…


(ssm)

In unserer November-Ausgabe beschäftigen wir uns in unserer

Serie „Regensburg: Wie wir wurden, was wir sind“ mit den

Sechziger Jahren in unserer Stadt.

Fotos: Stadtbildstelle Regensburg/ssm

In den Fünfziger Jahren wurde der sogenannte Eichhorn-Plan weiter

vorangetrieben. Der Regierungsbaumeister Rudolf Eichhorn

hatte ein Verkehrskonzept entwickelt, das die Altstadt weitgehend

zerstört hätte.

Man müsse sich „befreien vom unnützen Ballast“, hieß es damals,

„belanglose Bauten des 19. Jahrhunderts“ könnten ja getrost geopfert

werden. Und das hätte dann so ausgesehen: Von der Autobahn

Regensburg - München hätte eine vierspurige Schneise über den

Galgenberg, die D-. Martin-Luther-Str., den Hunnen- und Georgenplatz

und von dort über eine neue Kanalbrücke in den Stadtnorden

führen sollen. Dafür brauchte man natürlich Platz.

Was bedeutet hätte, dass 82 Häuser hätten weichen müssen.

Lindner- und Trunzergasse hätte es ebenso wenig mehr gegeben

wie die Seifensiedergasse in Stadtamhof. Speichergasse, Schwanenplatz,

Erhardigasse, Georgenplatz, Hunnenplatz, Unter den

Schwibbögen, Thundorfer-, Proske-, Wöhrd-, Gerhardinger Straße

und der Gries hätten einschneidende Veränderungen erfahren.

Und das war erst die eine Seite. Denn parallel zu der Süd-Nord-Trasse

sollte es noch eine Ost-West-Trasse geben, die vom neuen Hafen

bis zu einer neuen Donaubrücke bei Pfaffenstein führen sollte. Dabei

wurde 1953 auch eine Magistrale als Donauuferstraße geplant,

die zwischen Clermont-Ferrand-Allee und Adolf-Schmetzer-Straße

verlaufen sollte.

Zwischen Weißgerbergraben und Königlicher Villa wäre der Verkehr

vierspurig durch die Altstadt geflossen! Das Wirtshaus zum

Sauseneck wäre abgerissen worden, Kepler- und Thundorferstraße

zu Rennstrecken mutiert!

Das Ende dieser Planungen gab es übrigens erst 1968 – zum Glück

wurde das Vorhaben nie in die Tat umgesetzt!

Doch nicht etwa höhere Einsicht führte zum Abbruch der irrwitzigen

Planungen. Vielmehr ging Regensburg schlichtweg das Geld

dafür aus. Ein glücklicher Umstand, den Bayerns oberster Denkmalpfleger,

Prof. Dr. Egon Johannes Greipl, Jahrzehnte später in

geselliger Runde einmal wie folgt umschrieb: „Dort, wo Ignoranz

und Dummheit herrschen, werden leere Kassen oft zum einzigen

Verbündeten des Denkmalschutzes!“

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