Serie Teil 2: Regensburg im Zweiten Weltkrieg - Regensburger ...

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Serie Teil 2: Regensburg im Zweiten Weltkrieg - Regensburger ...

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Die Jahre 1939 bis 1945 Juli 2013 Juli 2013 Die Jahre 1939 bis 1945

Bomben über der Stadt: Als es

Nacht wurde über Regensburg

Teil II der Stadtzeitungsserie „Regensburg: Wie wir wurden, was wir sind“: Die Jahre 1939 bis 1945

Die Männer waren im Krieg, also gab es bei der

Regensburger Straßenbahn auch Schaffnerinnen.

Schneidig sieht sie aus, die Schaffnerin, die da vor der Regensburger

Straßenbahn steht und in die Kamera lächelt.

Eine Frau in einem typischen Männerberuf – Anfang der

Vierziger Jahre auch in Regensburg keine Seltenheit mehr.

Denn viele Männer unserer Stadt waren ja nicht da: Sie

kämpften im Krieg - in dem Krieg, der Regensburg erst

verschonte, dann aber umso heftiger traf.

Am 1. September überfiel die deutsche Wehrmacht

Polen – der Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Von dem war in der Ratisbona zunächst

nicht viel zu spüren. Freilich wurden alle Wehrtüchtigen

zum Kriegsdienst eingezogen, und

die Familien fieberten auch an der Donau jeder

sogenannten Lebenszeichenkarte (einer Nachricht

von der Front mit maximal zehn Wörtern)

des Ehemannes, Vaters oder Sohnes entgegen.

Aber sonst fielen höchstens Aktionen wie die

Metallspenden-Sammlung auf, als im April 1940

in der Ulrichskirche und in der Margaretenau

die Eisenstapel immer höher wurden. Oder die

Anzeige in der Tageszeitung „Regensburger

Ostmark“, mit der später Frauen als Bürokräfte

gesucht wurden, weil es eben nicht genügend

Männer gab.

Zu Kriegsbeginn läuft alles ruhig weiter

Das öffentliche Leben verlief in normalen Bahnen,

auch deshalb, weil die Regensburger sich

alles andere als kriegsbegeistert zeigten. Sie

hatten bei den letzten freien Wahlen vor der

Machtergreifung die Nazis mehrheitlich abgelehnt.

Im Norden der Stadt wuchs die Schottenheim-

Siedlung weiter, im Süden das 1936 aus dem

Boden gestampfte „Göringheim“, der Siedlung

für die Mitarbeiter der Mitte der 1930er entstandenen

Messerschmitt-Werke an der Prüfeninger

Straße, das zu Spitzenzeiten 11.500 Beschäftigte

hatte.

Entsprechend führte bis Ende der 1980er Jahre

ein kombinierter Rad- und Fußweg von der

Augsburger Straße nach Dechbetten direkt in

die Nähe der Flugzeugwerke, nach dem Krieg

sollte der Weg „Pensionistenlaufsteg“ heißen.

Im Stadtsüden werden jetzt zwischen Theodor-

Storm- und Adalbert-Stifter-Straße vorwiegend

4-Familienhäuser gebaut, in denen später im

Dachboden noch Wohnungen entstehen. Der

Gasthof „Zum Hubertus“ mit Saalbau wird errichtet.

1941 weihen die Nazis in der Brentano-

Straße die Horst-Wessel-Schule (heute Wolfgangschule)

ein. Sogar eine zusätzliche Industrieansiedlung

wird vorbereitet. Das Düsseldorfer

Henkel-Werk plant in Regensburg ein

Zweigwerk für Waschmittel. 500 Arbeitsplätze

sind vorgesehen, zur Realisierung kommt es

aber nicht mehr.

Auch für unsere Lausbuben von der Weingasse,

die wir aus dem ersten Teil unserer Serie

kennen, sah das Leben zunächst nur wenige

Veränderungen vor. „An der Schule mussten wir

jetzt mehr Kriegslieder singen“, berichtet Walter

Zauner (1932 – 2005) in seinen „Regensburger

Erinnerungen“: „Oh wir singen, oh wir fallen,

Deutschland einig Vaterland. Das hat mich genervt.

Weil ich aber einmal so schön gesungen

habe, durfte ich für die Klavierlehrerin öfter was

aus ihrer Wohnung holen, wenn sie was vergessen

hatte.“ Die Dame wohnte in der Ostengasse,

die Kreuzschule ist am Nonnenplatz. „Da war

die Singstunde oft vorbei, wenn ich wiederkam.“

Ansonsten machten die Lausbuben, was

Lausbuben eben machen. Sie ärgerten die Wirtin

Haberschaden von der Weingasse 10, indem

sie ihr Lehm auf die Türklinke schmierten, und

besänftigten sie, indem sie die Tochter der Frau

in der Theatergruppe aufnahmen, um später im

Wirtshaus „Peterchens Mondfahrt“ aufzuführen:

Jeder Besucher musste ein Zehnerl Eintritt

zahlen.

Bilder aus den frühen 1940er Jahren zeigen

reges Treiben in der Stadt, dem Marktbetrieb

am Moltkeplatz (heute Dachauplatz) oder dem

vorwiegend von Radfahrern hervorgerufenen

Verkehrschaos an der Wurstkuchl oder an der

Steinernen Brücke. 1940 überschreitet die Einwohnerzahl

die 100.000, Regensburg wird damit

zur Großstadt. Im Januar 1940 freuen sich

die Kinder über den gewaltigen Eisstoß an der

Donau, sie können jetzt über den Fluss laufen.

Das sagenumwobene Portal der Schottenkirche wurde ebenso mit einer

Luftschutzmauer umgeben…

Erster Einschnitt: Lebensmittelmarken

Wo die Regensburger den Krieg aber bemerken,

ist bei der Nahrungsversorgung: Am 4.

September wird auf Kriegswirtschaft umgestellt,

das bedeutet, dass Lebensmittel nur noch

gegen Bezugsscheine erhältlich sind. Ein Normalarbeiter

hat Anrecht auf 343 Gramm Brot,

76 Gramm Fleisch und 48 Gramm Fett, 1941

werden auch Bier, Tabak und Kleidung kontingentiert,

es kommt zu Hamsterkäufen. Das

Bezugssystem trifft auch den jungen Walter,

doch er findet Tricks, um die Rationierung zu

umgehen: In der Goliathstraße gab es eine Bäckerei,

in der arbeitete eine Frau mit dicker Brille.

„Die war 60 oder 70 und hat nicht so gut gesehen.

Wir haben von den Lebensmittelmarken

das Kasterl 510 ausgeschnitten, das war für die

Sonderzuteilung für Fisch, Fleisch und Fett - und

die gab’s praktisch nie.“ Also sind die Buben rein

in die Bäckerei, haben zwei Pfund Brot bestellt

und der Verkäuferin den falschen Bezugsschein

vorgelegt. Die hat den „zwar kritisch, aber kurzsichtig

angeschaut“ – die Buben hatten ihr Brot.

Der Walter ging mit seinen Eltern öfter in eine

kleine Wirtschaft in der Kranzgasse beim Dom.

Dort gab es ein Stammessen ohne Marken.

„Weil wir dort oft gegessen haben, hat mir die

Bedienung Anni ab und zu ein Schweinernes

mit Knödel hergestellt.“ Der Walter und seine

beiden besten Freunde haben ein relativ freies

Leben: Sie müssen nicht zur Hitler-Jugend: Die

HJ hat es verpasst, den drei Jungen eine Uniform

zu geben. Und der Fähnlein-Führer will

drei barfüßige Buben mit Lederhose nicht in

seiner Gruppe haben. Walter und seinen Spezln

ist das nur recht: Während ihre Schulkameraden

beim Appell strammstehen, springen sie mitsamt

ihrer Lederhose am Oberen Wöhrd in die

Donau, weil es dort Wellen bis zu einem halben

Meter gibt.

Manchmal schwimmen sie auch von der

Wöhrdspitze beim heutigen Wehr um die Wette

bis zum Eisernen Steg, der damals noch von

einer filigranen Eisenkonstruktion umspannt ist

und ein Stück echter Brückenbaukunst darstellt.

Der Krieg kommt nach Regensburg

Doch im Winter 1942/1943 erreicht der Krieg

die Stadt dann doch. Kohlen und Treibstoff sind

knapp, alles wird für die Wehrmachts-Feldzüge

benötigt. Und die Feindangriffe? Bombenalarm

hatte es in Regensburg schon öfter gegeben.

Und im November 1940 fiel eine einzelne Bombe

im Wald bei Kelheim, im Oktober 1941 eine

bei Donaustauf.

Da installierte Nazi-OB Otto Schottenheim rund

um die Uhr Luftschutzwachen. Doch die feindlichen

Maschinen hatten immer andere Ziele

anvisiert, schließlich gab es den Alarm schon,

wenn sie sich südlich von Frankfurt befanden.

Die Sirenen nahmen die Oberpfälzer Frauen mit

der ihnen eigenen stoischen Gelassenheit hin:

Sie schickten höchstens ihre Kinder in den Keller,

während sie in der Küche weiterwerkelten.

Die meisten Regensburger dachten, die Alliierten

würden Regensburg nicht bombardieren.

Denn schließlich lebte der Fürst in Regensburg.

Und der war mit der Cousine des englischen

Königs verheiratet… Dann kam der 17. August

1943. 126 US-Bomber vom Typ B -17 bombardieren

erstmals die Messerschmitt-Flugzeugwerke.

…wie das Portal zum Reichssaal am Alten Rathaus

Ein Horrorangriff: Es gibt 402 Tote, darunter

120 Lehrlinge. Die Attacke ist so heftig, dass im

benachbarten Krankenhaus der Barmherzigen

Brüder die Fensterscheiben bersten. Die Toten

werden in Massengräbern am Unteren Katholischen

Friedhof verscharrt.

Regensburg ist nach diesem Angriff im Schockzustand,

doch die Einwohner glauben immer

noch, die Amis tun der Zivilbevölkerung nichts,

sie verschonen die Altstadt. Dabei ist es nur der

Präzision der Fliegerpiloten zu verdanken, dass

die Altstadt zunächst verschont bleibt. Doch die

Bomben vom August 1943 sind nur der Auftakt

zu einer Bombardierungswelle, die in der Stadt

über 1.100 Tote fordert. Doch zunächst sind die

kriegswichtigen Anlagen in der Stadt Angriffsziele

der Alliierten:

- die Messerschmittwerke

- der Fliegerhorst Regensburg/Obertraubling

- der Ölhafen und die Tanklager an der Donaulände

- die Gleisanlagen und die Lok-Depots an der

Friedenstraße

- der Luitpoldhafen

- die Kasernen und das Heereszeugamt

Randbezirke werden auch getroffen, Prüfening

z.B. ist zum Hauptbahnhof hin und weiter zum

Ostbahnhof von Bombentrichtern übersät.

Dort, wo heute die Kaufmännische Berufsschule

steht, befand sich eine Vierlingsflak. Auch die

wird von den Bombern zerlegt.

Zugemauertes Rathaus, Dom ohne Fenster,

Schreibmaschinen unter dem Tisch

Die Stadt reagierte auf die Bombardements.

Die Portale des Alten Rathauses und der Schot-

Die Städtische Sparkasse am Neupfarrplatz 1940. Links daneben die noch immer bestehende Feuerwache und das damalige Kaufhaus Merkur.

Hektisches Verkehrstreiben an der Steinernen Brücke.

10 Die Regensburger Stadtzeitung Die Regensburger Stadtzeitung

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Stadtamhof 1940.


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Die Jahre 1939 bis 1945 Juli 2013 Juli 2013 Die Jahre 1939 bis 1945

Bald ein alltägliches Bild: Deutsche Truppen rollen durch die Stadt,

hier durch die Augsburger Straße.

tenkirche wurden zum Schutz eingemauert,

wichtige Stadtakten und Kunstschätze ein- und

ausgelagert: Die unschätzbar wertvollen Domfenster

wurden im Untergeschoss des Römerturms

am Alten Kornmarkt deponiert, Unterlagen

in der Regendorfer Waldschänke oder im

Kloster Pielenhofen.

In der Stadt gibt es 4.600 Luftschutzräume und

34 Luftschutzbunker, die Größten am Hauptbahnhof,

am Neupfarrplatz, in der Schottenheimsiedlung

und an der Gutenbergstraße

beim Habbel-Verlag.

In Dechbetten (32 Meter lang), am Brandlberg

(35 Meter) und im Kokslager der Kaffeerösterei

in der Obermünsterstraße entstehen Luftschutzstollen,

am Schelmengraben führt ein

Stollen 76 Meter weit in den Fels, er kann 1.000

Menschen aufnehmen.

Die Verdunkelungsverordnung wird eingeführt.

Das bedeutet, dass kein Licht mehr aufgedreht

werden darf, ohne dass die Fenster abgedichtet

werden. „Es gab extra einen Luftschutzbeauftragten,

der die Höfe und Gassen abgegangen

ist und schaute, ob in irgendwelchen Wohnungen

Licht brannte. Dann bekam man ganz

schnell eine Strafe aufgebrummt“, schreibt Walter

Zauner.

Häuser werden unterirdisch miteinander verbunden,

so entstehen Kleinstollen von 600 Metern

Gesamtlänge, Die Nazis planen zwei große

Stollen, um die Bevölkerung aus der Altstadt

zu führen. Im April 1945 sollten beim unterirdischen

Gang von der Obermünsterstraße zum

Alleegürtel nur noch eineinhalb Meter fehlen.

Auch kuriose Vorsichtsmaßnahmen werden

eingeführt: In kriegswichtigen Betrieben müssen

die Schreibdamen ihre Maschinen in der

Mittagspause unter den Tisch stellen, über

Nacht werden die Geräte im Keller eingesperrt.

Der tägliche Kampf ums Essen

Als der Krieg nach Regensburg gekommen war,

wurde es mit der Nahrungsbeschaffung zusehends

schwieriger. Auf Bezugsscheine gibt es

nur das Allernötigste – wenn überhaupt – und

das reicht hinten und vorne natürlich nicht. Also

schaut jeder, wo er etwas zusätzlich organisieren

kann. Wer Schnaps oder Zigaretten besitzt,

hat wenig Probleme. Beides ist die Währung des

Schwarzmarktes, der vieles bietet, die Bauern

am Land nehmen sie ebenfalls.

Ansonsten heißt es anstehen, gewitzt sein oder

die Ohren offen halten. Walter Zauner kennt

alles: Die Mutter weckt ihn früh um vier, damit

er sich in der Keplerstraße anstellt. „Da war die

Freibank, wo es Fleisch von Tieren gab, die sich

den Fuß gebrochen hatten oder so was, das

war billiger.“ Walter stand Schlange, bis er kurz

vor acht zur Schule musste und von der Mutter

abgelöst wurde.

Auch in der Schule kümmert sich Walter ums

Essen – dank Religionslehrer Kraus. Der hat in

Walter seinen Lieblingsschüler, fragt ihn oft:

Was können wir in der Prüfung drannehmen?

Der Walter schlägt vor – und der Herr Kraus

folgt. So kennt der Walter alle Prüfungen und

sagt seinen Mitschülern die Fragen, aber nur für

einen Apfel oder ein halbes Pausebrot.

1943 haben Walter und seine Freunde einen

Garten am Oberen Wöhrd entdeckt. „Da gab

es alles, Äpfel, Birnen, Tomaten. Zehn bis zwölf

Buben waren wir und haben uns die Sachen

Die Rothosen des SSV Jahn kickten auch in den 1940ern im Schatten

der Brauerei an der Prüfeninger Straße.

einfach geklaut. Es gab ja nur einen einfachen

Maschendrahtzaun.“ Der war für hungrige Burschen

aber kein Hindernis… Wichtige Informationsquelle

war die Mundpropaganda. Meistens

stimmten die Gerüchte, nach denen es dieses

und jenes da und dort gab. Es konnte aber

auch ins Auge gehen: In der Silbernagelgasse

werden angeblich zehn Liter Schnaps ausgegeben.

Auch Walter läuft dahin. Als er um die Ecke

biegt, explodiert eine Granate – Dutzende tote

Frauen liegen auf der Straße.

Die Big Week und Sprengkörper in der Altstadt

Doch jetzt haben die Amis Regensburg fest

im Visier: Bei der „Big Week“ im Februar 1944

werden zunächst Bahngleise, die von Zwangsarbeitern

notdürftig wieder aufgebauten Flugzeugwerke

und der Fliegerhorst von US-Bombern

zerstört. 150 Fortressbomber nehmen das

Kasernenviertel unter Beschuss, bombardieren

die Wehrmachtsunterkünfte zwischen Safferlingstraße

und Pürkelgut.

Im Oktober 1944 trifft es erstmals die Altstadt:

Das mächtige Stadtlagerhaus am Donaumarkt

und das nur einige Meter entfernte Erhardihaus

(heute Kolpinghaus) werden vernichtet. Auch

das Bratwurstherzl in der Weißen-Liliengasse,

die Minoritenkirche und die Kinderklinik werden

schwer beschädigt. Bombentreffer gibt es

in der Maxstraße, am Moltkeplatz (jetzt Dachauplatz),

dem Kornmarkt und an der Thundorfer

Straße. Die Ostengasse wird zum einzigen

Trümmerhaufen:

Einige US-Piloten haben beim Angriff auf den

Bahnhof offenbar ihre Bomben zu früh ausgeklinkt.

Längst sind auch Zivileinrichtungen Ziel

Anfangs des Zweiten Weltkrieges flanierten die Menschen völlig

entspannt durch Stadtamhof.

der Feindflüge: Die Heil- und Pflegeanstalt in

Karthaus beklagt 65 tote Patienten, der Abwasserkanal

für Kumpfmühl in der Friedenstraße ist

nicht mehr funktionsfähig, vom Keilberg zieht

sich ein Bombenteppich zum Ostbahnhof. Beim

Volltreffer auf den Bahnhof gibt es ebenfalls 65

Tote.

Am 13. März 1945 gehen 569 Bomben über

Regensburg nieder, mittlerweile fliegen die

Sprengkörper auf alle Ziele. Auf das Elektrizitätswerk,

das Straßenbahndepot, das Fürstliche

Schloss, den Justizpalast, die Altdorferschule,

die Antoniuskirche.

Leben bricht zusammen

Ständige Bombardements, keine Kohle und

kein Treibstoff: Das öffentliche Leben in Regensburg

bricht vollständig zusammen. Immer

wieder kappen Bomben die Wasser- und Abwasserversorgung

ganzer Stadtteile, Gasleitungen

sind zerstört, es gibt keinen Strom, dafür

erste Typhusfälle.

Auf den Straßen fahren kaum Automobile:

Konnten in den ersten Kriegsjahren wenigstens

noch die Müllabfuhr und die Michwerke ihren

Fahrbetrieb aufrechterhalten, sind 1944 auch

die Müllkutscher mit Pferdefuhrwerken unterwegs.

Feuerwehr, Leichentransporte, Räumarbeiter

für den Wiederaufbau – sie alle haben

längst keinen Sprit mehr.

Die Straßenbahn wird zum Gütertransport eingesetzt

oder zur Milchversorgung. Den Kohlehändlern

wird die Lieferung frei Haus untersagt,

damit sie nicht unnötig Benzin verbrauchen.

Hintergrund: Im September 1944 sollen für

ganz Regensburg 5300 Liter Benzin und 4000

Judenverfolgung in Regensburg

Sie hatten lange Treibstoff: die Müllabfuhr Anfang der Vierziger.

Die Volkszählung vom 16. Juni 1933 kam auf 427 Juden in der Stadt, das war gerade einmal

ein halbes Prozent der Bevölkerung. In der Reichskristallnacht wurden 290 von ihnen festgenommen,

30 wurden sofort ins KZ Dachau gesteckt, 244 kamen in die Augustenburg.

170 wurden sofort wieder freigelassen – unter der Bedingung, dass sie Deutschland sofort

verlassen. Ab 1940 mussten die Juden auch in Regensburg den Stern tragen. Sie durften nur

noch in zwei bestimmten Geschäften einkaufen – und das auch nur zwischen 13 und 14 Uhr.

Am 2. April 1942 wurden 106 Juden vom Platz der zerstörten Synagoge in der Schäffnerstraße

in Vernichtungslager gebracht, am 23. April 1942 verschwinden 39 Juden aus dem Altenheim

in der Weißenburger Straße Richtung KZ Theresienstadt. Auch am 15. Februar 1942 werden

noch zehn Juden nach Theresienstadt deportiert, sie überleben. Im Stadtamhofer Colosseum

befand sich eine Außenstelle des KZ Flossenbürg. Von dort wurden Juden über den Haidplatz

zum Bahnhof getrieben, um dort die zerstörten Gleise zu reparieren. Walter Zauner hat den

Zug mit eigenen Augen gesehen. Er ist in seinem Buch sicher: „In Dachau war ein KZ, das

wusste jeder. Ich weiß aber nicht, ob sie wussten, dass es so viele davon gab.“ (ssm)

Die Juden werden durch die Stadt getrieben, die Nazi-Schergen finden Spaß daran.

Für Verkehrschaos sorgten in den 1940ern vorwiegen die Radler – hier an der Wurstkuchl.

Die Einweihung der Horst-Wessel-Schule (heute Wolfgangschule)

in der Brentanostraße 1941.

Viele Wohngebäude wurden in den letzten Kriegsjahren in Regensburg zerstört.

Die Bevölkerung baute wieder auf – und suchte in den Ruinen nach Brennmaterial.

Das Stadtlagerhaus am Donaumarkt ist vollkommen ausgebombt.

12 Die Regensburger Stadtzeitung Die Regensburger Stadtzeitung

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Die Jahre 1939 bis 1945 Juli 2013 Juli 2013 Die Jahre 1939 bis 1945

Blick von der Dreieinigkeitskirche auf die Hengstenberg- und im Hintergrund auf

die Adolf-Hitler-Brücke (später Eiserne Brücke und Nibelungenbrücke).

Liter Diesel zur Verfügung stehen, das Treibgas

ist von einem Tag auf den anderen um die

Hälfte gekappt worden. Für Privatleute gibt es

längst kein Benzin mehr. Doch auch Kohle ist

längst zum Luxusgut geworden. Krankenhäuser

und Lazarette bekommen 60 Prozent dessen,

was ihnen eigentlich zusteht, Normalverbraucher

gerade mal die Hälfte. Museen, Theater,

Kirchen, Kinos und Vergnügungsstätten sind

geschlossen, Gaststätten können nicht einmal

die Mahlzeiten für die Berufstätigen zubereiten.

Irgendwann ist es dann soweit, dass die Polizisten

wegschauen, wenn rotzfreche und doch

sonst hilflose Bürger Brennholz aus bombardierten

Häusern wegschaffen.

Patienten der Barmherzigen Brüder werden

nach Schloss Köfering verlegt, die der Kinderklinik

ins Kreiskrankenhaus Regenstauf und

die Säuglingsklinik nach Undorf ins Haus Werdenfels.

Ende 1944 werden auch die Schulen

geschlossen. 58 Schulklassen werden zur Kinderlandverschickung

bestimmt, sie kommen in

den Bayerwald oder nach Oberfranken, wo der

Krieg noch nicht angekommen ist.

Überall Lazarette und Notunterkünfte

Die meisten Schulen werden ohnehin schon

lange anderweitig genutzt – überwiegend als

Lazarette. Die Verwundeten liegen in der Mädchen-Oberrealschule

an der Helenenstraße, an

der für Knaben an der Goethestraße, im Alten

Gymnasium, in der Horst-Wessel-Schule (heute

Wolfgangschule) und der Augustenschule.

Die Klarenanger-Schule ist Flüchtlings-Durchgangslager

und Sitz des Gesundheitsamtes.

Die Pestalozzischule ist Notquartier für Ausgebombte,

auch in den Kasernen, im Fürstlichen

Schloss, in Schloss Prüfening, im Landshuter

Hof, im Brandlbräu, der Kirchenmusikschule, im

Schlachthof und in der Blauen Traube: Überall

Der Treibstoffmangel trifft Regensburg langsam: Vereinzelt fahren Autos, Lasten

werden mit dem Ochsenkarren die Kumpfmühler Straße hoch befördert.

wohnen Tausende, die nahezu alles verloren haben.

Angesichts des ganzen Elends sagt Johann

Igl, der Mesner von St. Emmeram: „Findet sich

keiner, der dem Hitler ein Messer reinrennt?“.

Das kostet ihn das Leben – Igl wird hingerichtet.

Die letzte Kriegstage

Markttreiben auf dem Moltkeplatz (heute Dachauplatz) in den 1940er Jahren.

Das Café Bavaria wurde später das Café Drei Kronen.

1945 ist Regensburg im Stadtwesten zerbombt,

der Stadtnorden hat schwere Schäden erlitten,

auch in der Altstadt stehen Explosionsruinen.

Die Regensburger sind des Krieges längst überdrüssig

geworden, die Amerikaner befinden

sich im Frühjahr immer weiter auf dem Vormarsch.

Am 20. April nehmen sie Neumarkt im

Sturm, die deutschen Truppen geben Hemau

und Painten auf.

Am 23. April jagen die Nazis die Eiserne Brücke

und den Eisernen Steg in die Luft, denn US-

Panzer rollen auf die Stadt zu, der Übergang

über die Donau soll verhindert werden. Die Nazis

kündigen an, auch die Steinerne Brücke vor

den Augen der Bevölkerung zu sprengen. Dagegen

regt sich heftiger Widerstand, es kommt

zu einer Kundgebung am Moltkeplatz (heute

Dachauplatz), bei der die Übergabe der Stadt

gefordert werden soll.

Obwohl das als Vaterlandsverrat gilt, kommen

Tausende, schwenken weiße Taschentücher

und wollen das Ende des Krieges. Domprediger

Dr. Johann Maier (38) bittet die Nazis, die Stadt

aufzugeben und weitere Tote zu vermeiden.

SS-Schergen nehmen ihn sofort fest, auch der

Lagerarbeiter Josef Zirkl, der Maier befreien

will, wird in Arrest genommen. Der Polizist a.D.

Michael Lottner, der dem Prediger zur Seite

steht, wird ebenfalls inhaftiert. Binnen weniger

Stunden steht das Urteil fest: Die drei Männer

werden am Moltkeplatz aufgehängt.

Noch am 23. April wird die Steinerne Brücke

gesprengt. „Ein Pfeiler und zwei Joche flogen in

die Luft“, erinnert sich Walter Zauner. Die Amerikaner

stehen bei Stadtamhof, doch die Nazis

geben Regensburg nicht auf, obwohl sie von

den Winzerer Höhen und Kareth aus beschossen

werden. Auch als die US-Armee schon am

Oberen Wöhrd steht, hebt der Volkssturm auf

der gegenüberliegenden Flussseite noch einen

Schützengraben aus!

Am 25. April setzen die US-Truppen bei Donaustauf

über die Donau, andere Verbände nähern

sich der Stadt von Bad Abbach, Hagelstadt und

Alteglofsheim aus. Da endlich kommt Nazi-OB

Otto Schottenheim zur Besinnung. Er schickt

den pensionierten Generalmajor Hermann

Leyt häuser als Parlamentär zur US-Zentrale nach

Sarching und lässt ihn die Kapitulation erklären.

Der Nazi-Schreck ist vorüber. (ssm)

In der nächsten Folge unserer SerieRegensburg: Wie wir

wurden, was wir sind“ beschäftigen wir uns mit der Stunde Null

und den Jahren danach.

Das Messerschmitt-Werk an der Prüfeninger Straße ist schwer getroffen, unter

den schockierten Betrachtern ist auch ein Kriegsversehrter.

Regensburger Erinnerungen“

In seinem Büchlein erzählt Walter Zauner (1932 -

2005) seine Lebensgeschichte und damit auch die

vom Leben in der Stadt. Der Lausbub aus der Weingasse

wurde durch den Zweiten Weltkrieg zum glühenden

Pazifisten und überzeugten Gewerkschafter.

Als Jugendlicher protestierte er gegen die Wiederbewaffnung

unter Adenauer, als junger Mann wurde

er in den 50ern von einem amerikanischen Militärgericht

zu vier Jahren Gefängnis wegen Sabotage

verurteilt, weil er die Sprengkammern an der Mariaorter

Brücke zugemauert hatte. Zauner, der seine

Erfahrungen als Jugendlicher bei der Sprengung der

Steinernen Brücke kurz vor Kriegsende gemacht hatte,

saß drei Jahre ab. Doch er ließ sich im Zuchthaus

nicht verbittern. Seine Regensburger Erinnerungen

sind eine Liebeserklärung an die Stadt und an das

Leben. Erhältlich u.a. bei Bücher Pustet.

Die Postkarten-Ansicht in den Vierziger Jahren.

Der zweite Bauabschnitt des Göringheimes wurde 1941 fertiggestellt.

So sah der Eiserne Steg vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg aus.

Die Bahnhofsgebäude sind zum Teil in Schutt und Asche gelegt.

Die Neupfarrkirche um 1940.

Der Treibstoff war so streng rationiert, dass Eselskarren – wie hier am Weißgerbergraben

– bald beliebte Lastfuhrwerke wurden.

Nach dem Bombenangriff.

Generalmajor a. D. Hermann Leythäuser (rechts) übergibt die Stadt Regensburg

am 27. April kampflos an den Kommandanten der 3. US-Armee.

14 Die Regensburger Stadtzeitung Die Regensburger Stadtzeitung

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