ANNA NETREBKO MIRIJAM CONTZEN FAVORITEN ... - classix-mag

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ANNA NETREBKO MIRIJAM CONTZEN FAVORITEN ... - classix-mag

# 9

Juli/ August 2004

www.classix-mag.de

ANNA NETREBKO

„Ich bin kein Filmstar“

MIRIJAM CONTZEN

„Was fällt dem ein, so zu grinsen?“

FAVORITEN

Neue CDs, DVDs, Charts


� Gibt´s hier nur was

auf die Ohren?

„...fU ·· r jeden Wagnerianer ein MuSS...“

(www.dvdinside.ch)

ARTHAUS 100152

„Volltreffer in jeder Hinsicht...“

(Stuttgarter Zeitung)

ARTHAUS 100451

� NEIN hier Gibt´s AUCH was

FU .. R die AUGEN!

„...Das Ziel seiner Arbeit

ist in jeder Sekunde

prA ·· senT...“

(Rondo)

ARTHAUS 100452

ErHA ·· ltlich im Fachhandel - im Vertrieb von:

NAXOS DEUTSCHLAND GmbH, Abt. N15

Wienburgstr. 171 a, 48147 MU ·· nster

www.arthaus-musik.de

editorial

Nach heutigen Marketingregeln

hätte die junge Geigerin keine

Chance gehabt. Auf dem CD-Cover

sehen wir ein Provinzpummelchen

im roten Norwegerpulli, ganz versunken

in ihr Instrument, rechts

daneben, in despektierlicher Entfernung,

der große Herbert von Karajan.

Sie spielt das Violinkonzert von

Mendelssohn. 17 Jahre später: dieselbe

Geigerin, dasselbe Konzert, ein

anderes Foto. Welch eine Metamorphose

hat das Aschenputtel vollzogen!

Schulterfreies schwarzes

Abendkleid, lockige Haarpracht, professionelles

Make-up. Der Name der

mittlerweile zum Weltstar gereiften

Künstlerin: Anne-Sophie Mutter.

Ein gut gestyltes Gesicht macht

ein Produkt attraktiver, das kennen

wir aus der Werbung. Aber macht es

das Produkt auch besser? Die Fachwelt

schüttelte den Kopf, als eine ge-

wisse Vanessa Mae spärlich bekleidet

ins Wasser stieg und sich ihre

CD „The Violin Player“ tatsächlich

millionenfach verkaufte. Das Repertoire

war eher nachranging.

Anders bei den Musikern der neuen

Generation, die enormes künstlerisches

Potenzial mit einer gesunden

Einstellung zum schönen Schein

verbindet. „Alle Frauen möchten gut

aussehen“, sagt Anna Netrebko. „Ich

bin auch eine von ihnen. Wenn es

mir auf der Bühne hilft, um so

besser.“ Als sie 16 war, nahm sie sogar

an einem Schönheitswettbewerb

teil. Sie wurde nur Zweite: „Gewonnen

hat natürlich eine Blondine!“

Irgendwie beruhigend, oder?

Viel Vergnügen wünscht

Helge Birkelbach, Chefredakteur

GEWINNEN! Wo wurde Anna Netrebko geboren? Die

Antwort finden Sie in diesem Heft. Zu gewinnen: 3 CD-Boxen

„Tristan und Isolde“, handsigniert von Christian Thielemann,

3 CDs „Tripelkonzert“ mit Martha Argerich sowie 2 Tickets für

„Eine Italienische Nacht“. Schicken Sie Ihre Lösung per Post

oder Mail bis 21. 8. an unten stehende Adresse. Viel Glück!

classix, Stephanstr. 15, 10559 Berlin, redaktion@classix-mag.de


diese wahnsinnigen

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Bei dem piept’s wohl! Das haben Freunde

und Musikerkollegen wohl gedacht,

als Einojuhani Rautavaara ihnen

1974 sein frischkomponiertes Werk vorstellte:

„Cantus Arcticus – Konzert für

Vogelstimmen und Orchester“. Ja, richtig

gehört: für Vogelstimmen. Natürlich

zwitschert da nicht irgendeine ordinäre

Bachstelze, sondern die Arktische

Küstenlerche, eine Stimme aus der

Heimat des Finnen.

Ganz so revolutionär war die Idee nun

wieder nicht. Schon in den Zwanziger

Jahren ließ Ottorino Respighi in seiner

sinfonischen Dichtung „Pini di Roma“

den Gesang der Nachtigall von Schallplatte

ertönen. Schade fürs Publikum:

Bei Respighi wie bei Rautavaara fliegen

die kleinen Piepmätze nicht durch den

DIE VÖGEL

Konzertsaal, sondern werden per Konserve

zugespielt. Doch tatsächlich sind

die Vogelstimmen keine skurrile Zutat,

sondern machen den eher schlichten

Orchestersatz in „Cantus Arcticus“

überhaupt erst interessant.

Was kommt wohl als Nächstes?

Die Tanzsuite „3 Billion Honey-Bees“

oder der Liederzyklus „Reflexionen –

Echos der Fledermäuse“? Weiß der

Kuckuck. „Cantus Arcticus“ kann

man jedenfalls live genießen,

am 16. August im Rahmen

des Festivals young

euro. classic in Berlin.

16. August, 20 Uhr, Konzerthaus am

Gendarmenmarkt, Berlin _

„Cantus Arcticus“ u. a., Sinfoniaorkesteri

Vivo/Esa Heikkilä

Tickets _ Tel. (0 30) 53 02 60 60

Infos _ www.young-euro-classic.de


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neu entdeckt

TAFELMUZAK

Wahrer Luxus: Wir legen eine CD ein, setzen uns an den gedeckten Tisch und lassen

uns die Pasta schmecken, während der große Horowitz im Hintergrund über die

Tasten fegt. Die Fürsten des Barock hätten uns beneidet. Sie mussten haufenweise

Goldstücke hinlegen, um in den Genuss erlesener Tafelmusik zu kommen. Ihre

Gäste labten sich derweil am Fasan und anderen Leckereien, als wenn es kein

Morgen gäbe.

Zur Klangtapete speist sich’s besser. Adrian North, Psychologieprofessor an der

Universität von Leicester, wollte es genau wissen. Er spielte Restaurantbesuchern

Musik verschiedener Stile vor und kam zur Erkenntnis: Klassik animiert zum

teuren Genuss. Während sich die ahnungslosen Esser bei Popgedudel eher

zurückhielten und umgerechnet 32 Euro pro Kopf ausgaben, waren es beim Einsatz

von klassischer Musik durchschnittlich 37 Euro. Erklang keine Musik, lag das Ergebnis

deutlich unter den Berieselungsumsätzen. Endlich eine Perspektive für die

geplagte Musikindustrie – und ein Argument für alle, die bei Whitney Houston eher

an umgekehrte Nahrungsaufnahme denken.

meine klassiker

Jonathan Frakes (51) spielte in „Star Trek“ neben Captain Picard stets die zweite

Geige. Erst als er in den Regiestuhl wechselte, wurde er die „Nr. 1“. Mit „Thunder-

Titas birds“ liebster bringt Spruch: er nun „Bleiben eine weitere Sie stark!“ erfolgreiche Sciene-Fiction-Serie ins Kino

(Filmstart: 7. Oktober).

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5

Ludwig van Beethoven _ Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125

Johann Sebastian Bach _ Toccata & Fuge d-Moll, BWV 565

Wolfgang Amadeus Mozart _ Sinfonie Nr. 41 C-Dur „Jupiter“

Charles Ives _ Central Park in the Dark

Barry Gray _ „The Thunderbirds Are Go!” (Original Soundtrack der TV-Serie)

Im heißen Sommer spiele sich der

Schumann nicht so gut, sagt die

Argentinierin. Das Klima ihrer Wahlheimat

Brüssel behage ihr schon eher.

Und: „In Europa ist das Licht so wunderschön.“

Martha Argerich, die vielleicht

größte lebende Pianistin, verbindet das

Temperament Südamerikas mit der

Tiefe romantischer Tradition

und gibt ihre Spielfreude seit

Jahren an den Nachwuchs

weiter. Das nach ihr

benannte Festival im

schweizerischen Lugano

hat schon einige Talente

ins Rampenlicht befördert,

unter anderem

Alexander Gurning und

Polina Leschenko, die

„Romantik und tropische

Hitze passen schlecht zusammen.

Ich brauche immer etwas Nebel.“

Martha Argerich, Pianistenlegende

unter Argerichs Patronat gerade ihre

Debüt-CDs veröffentlicht haben. So

unverschämt jung und souverän sehen

die beiden auf dem Cover aus, wie die

Argerich vor 30 Jahren. Aber wie wir

sehen: Die heute 63-Jährige ist immer

noch ein wilder Feger.

W. A. Mozart, Robert Schumann u.a. _Martha Argerich – Live from the Concertgebouw

Diverse Orchester und Dirigenten, Klavier: Martha Argerich (EMI 5 62917 2, 3 CD-Box)

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IT’S BETTER TO BURN OUT … than to fade away“,

schrieb Kurt Cobain als letzten Satz unter seinen Abschiedsbrief, bevor er sich

am 5. April 1994 mit einer Ladung Schrot ins Jenseits schoss. Ob der Nirvana-

Frontmann ahnte, dass sein Zorn eines Tages zu plakativ-pathetischer Nostalgie

verkommen würde?

Torsten Sense hat zum zehnten Todestag ein „Requiem für Kurt“ geschrieben.

Darin traktiert der Berliner drei Flügel und gewittert auf sieben Kontrabässen.

Zwischendurch klimpert er ein paar Nirvana-Motive, greift den Klavieren in die

Innereien und hält diesen Mix aus Rock und moderner Klassik offenbar für das

typische Grunge-Feeling aus Resignation, Wut, Lethargie und Fatalismus. Doch

ging es Kurt Cobain niemals um vordergründige Effekte. Sein eigenes Lied solle

jeder singen, hatte der Antiheld einst verkündet, sei es auch noch so dissonant.

Das eigene Lied – Sense hat es wohl noch nicht gefunden.

Torsten Sense _ Requiem für Kurt

Klavier: Torsten Sense, Kontrabass: Klaus Janek (Navigator/edel 89182NAV)

WIR SIND HELDEN

Ein Ring verheißt unermessliche Macht – für Tolkien

und Wagner-Fans eine vertraute Tatsache. Um ihn zu

schmieden, verzichtet ein Zwerg auf Liebe. Um ihn zu kriegen, riskiert ein Gott Vertragsbruch.

Riesen ermorden sich gegenseitig und Wassernixen beklagen das Unrecht.

So außergewöhnlich wie sein Gegenstand ist „Der Ring des Nibelungen“ als

Werk. Robert Maschka führt in seinem kleinen Taschenbuch in dieses groß angelegte

Epos ein. Der einzige Zyklus der Operngeschichte

beginnt mit dem Vorabend „Das Rheingold“, dann folgen die

drei Abende „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“.

Heldenepos, Göttersage und Menschenschicksal:

Wagner benutzt viele Quellen, letztlich aber erschafft

er einen neuen Mythos. Der „Dichter-Musiker“ erzählt

von den uralten Gegensätzen Macht und Liebe, Zwang und

Freiheit, Schuld und Reinheit. Am Ende bleibt der Ausblick

auf eine neue Ordnung: Einziger Hoffnungsträger ist der

freie, selbständig handelnde, von Liebe geleitete Mensch.

Eine romantische Utopie – und doch so aktuell!

Robert Maschka _ Wagners Ring kurz und bündig

Bärenreiter-Verlag, 125 Seiten, 9,95 Euro (ISBN 3-7618-1739-8)

LIVE FAST, DIE YOUNG

Als Wolfgang Amadeus Mozart

von einer Angebeteten eine Abfuhr einstecken musste, setzte er sich beleidigt ans

Klavier und schmetterte lauthals eine Arie mit den Worten „Leck mir den Arsch“.

Diese Anekdote ist nur eine von unzähligen Geschichten, die das kurze

Leben des Genies wie eine überdrehte Karussellfahrt erscheinen lassen.

Das Buch gibt mit vielen Abbildungen einen formidablen Eindruck

vom Wunderkind, dessen Lebenselixier die Musik war. Schon mit sechs

Jahren führten ihn unzählige Tourneen durch ganz Europa. Zwischen

den Zeilen liest man aber auch, was später alles folgte: Intrigen,

Frauen, Späße, Ruhm und Reichtum, Armut und Isolation. Eine

außergewöhnliche Vita, die nur 35 Sommer zählte.

Alberto Conforti _ Mozart – Das junge Genie

Parthas Verlag, 144 Seiten, 19,80 Euro (ISBN 3-932529-41-3)

neu entdeckt

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neu entdeckt

IMMER NUR ORGELN

Für diese Aufführung braucht man Stehvermögen. Morgens um 8 Uhr geht es los:

In der Musikhalle Hamburg erklingen die ersten Takte von John Cages „Organ 2 /

ASLSP“, live übertragen aus der Kirche St. Burchardi in Halberstadt. Wir sehen uns

dann wieder im Jahr 2640 – so lange soll das Konzert laut den Angaben des

Komponisten dauern.

„As slow as possible“ lautet die Tempoanweisung für den Organisten, der eigentlich

nach spätestens 48 Stunden über seinem Manual eingeschlafen sein dürfte.

Aber vorher hat er anderthalb Jahre Zeit, denn die Notation schreibt diese Pause vor,

noch bevor der erste Akkord angeschlagen wird.

In St. Burchardi hat man sich natürlich etwas einfallen lassen, um es allen Beteiligten

leichter zu machen. Eins hilft sicher so früh am Tag: starker Kaffee.

10.– 11. September, Musikhalle Hamburg _ Hamburger Musikfest

Tickets _ Tel. (0 40) 34 69 20

PUTZMUNTER

Seine starken Arme und die blitzblanke Glatze

bringen Hausfrauen beiderlei Geschlechts seit

über 30 Jahren in Wallung: Mr. Proper, die

Ikone der Generation Tupperware.

Einst sprach man ihn noch mit „Meister“ an.

Da sang ein ecstasy-gefütterter Familienchor erbarmungslos

den hammereingängigen Werbesong:

„Meister Proper putzt so sauber, dass man

sich drin spiegeln kann.“ Heute dagegen:

geheimnisvolle Klarheit. Danke, Peter Iljitsch

Tschaikowsky, für den „Tanz der Zuckerfee“.

Peter I.Tschaikowsky _ Der Nussknacker op. 71

Diverse _ Yellow Lounge Vol. 2 (DG 476 116-8)

Infos _ www.musikhalle-hamburg.de

on screen

QUANTO È BELLA

Man darf doch wohl noch träumen: von der Schönheit, der Liebe, einer lauen Nacht

unterm funkelnden Sternenzelt, großen Gefühlen und kleinen Genüssen. Aber wir

sind hier in Deutschland, im Sommer des Jahres 2004 und die Reformen stecken im

Stau. Die Zeitungen schreiben ganz scheußliche Dinge, über die schleppende

Konjunktur, unsere schlappen Fußballer und das miese Wetter. Haben wir das

gewollt? Wer hat vergessen, Petrus Trinkgeld zu geben? Oder glaubten wir allen

Ernstes, er würde uns jedes Jahr mit einem Jahrhundertsommer beglücken?

Am 28. August wird alles besser. Anna Netrebko singt dann im Duett mit dem

argentinischen Superstar Marcelo Álvarez, unter freiem Himmel bei der „Italienischen

Nacht“ in der Berliner Waldbühne.

Die Zeitungen werden am nächsten Tag nicht übers Wetter schreiben, sondern über

einen unvergesslichen Abend mit einer Netrebko, die mit „Schönheit, Charme und

sprühender Lebenslust“ die Herzen eroberte, vom Latin Lover Álvarez, dem „jugendhaft

strahlenden Tenor“ und – jetzt eher die Feuilletonversion der Neuen Zürcher

Zeitung – „präziser Vokalbildung, substanzvoller Tiefe und elegantem Vibrato“.

Wir freuen uns darauf und lassen den Regenschirm demonstrativ zu Hause.

28. August, 20 Uhr, Berliner Waldbühne _ „Eine Italienische Nacht“, DSO Berlin/

Marco Armiliato, Solisten: Anna Netrebko, Marcelo Álvarez

Tickets _ Tel. (0 30) 8 52 40 80, 01805 – 33 24 33

Infos _ www.deag.de, www.annanetrebko.com

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12

interview

Interview _ Alexander Hollensteiner

Fotos _ Clive Arrowsmith/DG

ANNA NETREBKO

„ICH BIN

KEIN

FILMSTAR“

Ob Michael Jackson, Madonna oder

Björk – Regisseur Vincent Paterson hat

mit den ganz Großen des Popbusiness

gearbeitet. Jetzt auch mit Anna

Netrebko, Publikumsliebling auf den

internationalen Bühnen. Gleich fünf

Musikvideos hat der Opern-Neuling

mit der jungen Russin gedreht.

Das Ergebnis: die DVD „The Woman –

The Voice“. Netrebko goes MTV?

Warum eigentlich nicht?

Man weiß, dass Sie Partys

und Mode mögen. Gucken

Sie manchmal MTV?

Wenn ich unterwegs bin, zappe ich

gerne auf MTV oder andere Musikkanäle.

Das entspannt und macht Spaß.

Einer meiner Lieblingsclips ist „Come

Undone“ von Robbie Williams – total

verrückt!

Was hat Sie daran gereizt, eine

DVD zu machen?

Spaß an der Oper! Unsere Idee war,

einen Teil meiner Debüt-CD „Opera

Arias“ als Musikvideo umzusetzen.

Wir haben gemeinsam fünf Arien ausgewählt,

Vincent Paterson hat sie inszeniert,

gefilmt und geschnitten. Alles

ging recht schnell: Die Aufnahmen

dauerten meist nur einen Tag – einige

mit Probe, andere ohne.

Der Clip zu „Faust“ erinnert an

alte Kostümschinken und Musicals.

Warum diese Art der Visualisierung?

Eigentlich ist nur das schwarze Federkleid

historisch, die anderen Kostüme

stammen von ganz jungen Designern.

Die drei verschiedenen Orte zeigen drei

verschiedene Seiten einer Frau. Zum

einen das Cinderella-Girl: erst arm,

später durch den neuen Reichtum erhöht.

Dann das bunte wilde Mädchen,

der leichte und sorglose Typ. Und

schließlich die Retro-Diva, die das Geld

nur so atmet und weiß, dass man sich

Macht und Eleganz kaufen kann.

Bei „La Bohème“ fällt der starke

Kontrast zwischen hellem Licht

und den schnell geschnittenen

Schwarzweißbildern auf.

Die Autofahrt symbolisiert den Weg

der Hoffnung, dass die Liebe des Paares

wieder erstarkt. Dieses großartige natürliche

Licht ist die Salzburger Sonne. Das

Schwarzweiß beschreibt den Zustand

der nach innen gekehrten, fühlenden

Frau, die sich nach einem Leben in

Farbe sehnt, mit ihrem Mann.

„La Sonnambula“ wurde in einem

Flughafenhangar gedreht. Worauf

spielt dieser Ort an?

Der Hangar repräsentiert den Ort,

den Amina aufsucht, um ihre Freunde

und ihre Familie zu treffen. Dass wir

diese Halle benutzen konnten, war

pures Glück. Wir suchten einen atmosphärisch

warmen Ort, konnten > 13


aber in Salzburg zuerst nichts finden.

Vincent fiel die Architektur des Hangars

sofort auf. Da der Clip eine Fantasie

mit vielen wilden Charakteren und

exzentrischen Kostümen ist, boten die

Metallstreben des Hangars ein passendes

schräges Ambiente.

Man nennt sie die „glutäugige künftige

Diva der Opernwelt“: Anna

Netrebko (33) aus dem südrussischen

Krasnodar. 1995 singt sie die

Ludmilla in Glinkas „Ruslan und

Ludmilla“ und wird über Nacht zum

Star. Seither feiert sie rund um den

Globus Erfolge. Schon früh erkennt

man ihr Talent für den Gesang wie

auch das Schauspiel – Netrebko ist

die geborene „Singschauspielerin“.

„Sie ist anders als alle, denen ich

bisher begegnet bin“, sagt Regisseur

Vincent Paterson. Davon kann

man sich nun in Farbe überzeugen.

Wie kam es zu der „quietschigen“

Poolszene in „Rusalka“?

Ich hatte seinerzeit einen Auftritt im

Opernhaus von Los Angeles. Da ich nun

also schon mal in Hollywood war, haben

wir die Chance ergriffen, aus mir einen

glamourösen klassischen Filmstar zu

machen: lasziv auf einer Luftmatratze

im Vollmondschein. Hat Spaß gemacht.

Aber natürlich bin ich kein Filmstar.

Für die Kombination Musik und

Film gibt es zahllose Beispiele.

Was kann daraus entstehen?

Musik und Bilder sind zwei völlig

verschiedene Kunstgattungen. Die

Kombination von beiden kann den

Zuhörer bzw. Zuschauer inspirieren,

ihm neue Wege aufzeigen, Gedanken

und Gefühle anregen. Selbstverständlich

funktionieren beide Darstellungsformen

auch alleine, aber gut miteinander

kombiniert können sie eine noch

außergewöhnlichere Wirkung entfalten.

Keine Kunst ohne Stars. Was halten

Sie vom Starkult – im Pop wie in

der Klassik?

Die Menschen lieben ihre Stars. Sie

wollen ihnen so nahe wie möglich sein,

damit sie sich selbst ein wenig als Star

fühlen können – wenn auch nur für

einen Tag. Manchmal sehen sie dann

auch, was es wirklich bedeutet, nämlich

harte Arbeit und Einsatz. Stars haben viel

mehr zu verlieren als die meisten denken.

Man ist nie ganz für sich allein, hat

wenig Freiraum. Aber es ist großartig,

Menschen inspirieren und bewegen zu

können, das ist eine besondere Gabe.

Die Kunstszene füllt sich mehr und

mehr mit interessanten und faszinierenden

Persönlichkeiten, die die Trennungslinie

zwischen der Welt der Klassik

und der des Pop langsam auflösen.

Wie wichtig ist Schönheit in Ihrem

Business?

Seit den alten Griechen wird Schönheit

respektiert und beneidet. Dichter

und Künstler arbeiten nach unterschiedlichen

Maßgaben der Schönheit,

ihre Werke sind voll davon. Da die

Generation heute sehr gesundheitsbewusst

lebt und sich körperlich fit hält,

wird in Zukunft vielleicht noch mehr

Betonung darauf gelegt werden. Ob es

jemals die perfekte Schönheit geben

wird, glaube ich allerdings nicht.

Wollten Sie schon immer Sängerin

werden?

Nein, zuerst Schauspielerin für Film

und Theater. In der Schule hat man aber

meine Stimme entdeckt und mir nahe

gelegt, mich aufs Singen zu konzentrieren.

Da war ich 15. Als ich dann

herausfand, dass Gesang und Schauspiel

sich nicht ausschließen, war ich

natürlich sehr glücklich darüber.

Sie haben in St. Petersburg studiert.

Hat sich nach dem Ende des

Kalten Krieges dort viel verändert?

Eigentlich ist es nicht anders als vor-

Anna Netrebko _ The Woman – The Voice

Sopran: Anna Netrebko, Regie: Vincent Paterson

(DG 073 230-9, DVD)

her. Musik zu studieren war politisch

nicht so beeinflusst wie etwa Wirtschaft

und Politik. Man muss Tonskalen singen,

Rollen lernen und seine eigene

Gesangstechnik entwickeln, wie es die

Leute vorher taten und es in Zukunft

tun werden.

In welcher Stadt lebt es sich

besser, in St. Petersburg oder San

Francisco?

Ich habe nie wirklich in San Francisco

gelebt, aber manchmal fühlt es sich

wie eine zweite Heimat an, da ich dort

so viel Zeit für Proben und Auftritte

verbracht habe. Ich liebe San Francisco

und fühle mich den Leuten dort sehr

eng verbunden.

Gesetzt der Fall, ein Filmproduzent

klopft demnächst bei Ihnen an:

Was würden Sie tun?

Obwohl es der Traum meiner Kindheit

war, weiß ich, dass ich niemals eine

Filmdiva werde. (grinst) Na ja, eigentlich

gelogen, denn es ist ja bereits passiert.

Während meiner Zeit in Los Angeles

hatte ich mein kleines Hollywood-

Debüt, eine Theaterszene in „Princess

Diaries II“. Dort singe ich „Sempre libera“

aus „La Traviata“. Das wurde im

November 2003 gedreht. Im Herbst

kommt der Film in die Kinos – ich bin

schon sehr gespannt. ______________

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Interview _ Teresa Pieschacón Raphael

Fotos _ Jo Kircher/BMG

interview Sie bringt alles mit, was man heute für eine Geigerkarriere braucht: Ehrgeiz,

starke Nerven, Schönheit, eine musikalische Vision und gute Referenzen.

Der Dirigent Gerd Albrecht bescheinigte ihr „eine ganz ungewöhnliche Begabung“,

ihr Lehrer Tibor Varga lächelte versonnen, als er sie zum ersten Mal spielen hörte.

Nun hat Mirijam Contzen ihre dritte CD bei Arte Nova veröffentlicht.

MIRIJAM CONTZEN

„WAS FÄLLT DEM EIN, SO ZU GRINSEN?“

Ihre Mutter stammt aus Japan

und war Geigerin bei den Münchner

Philharmonikern. Inwiefern

hat Sie dieser Hintergrund als

Künstlerin geprägt?

Wenn ich in Japan bin, verstehe ich

zwar, was in den Köpfen der Japaner vor

sich geht. Zugleich ist da aber auch etwas

Fremdes. Ich kann zwar japanisch sprechen,

aber nicht lesen oder schreiben.

Eine typische Erfahrung der „Multikulti-Gesellschaft“?

Ich weiß nicht, was das sein soll. Man

kann ja aufeinander zugehen, ohne

gleich miteinander zu verschmelzen,

oder? (lacht) Ich denke, der Weg ist

anders: Je mehr sich der Mensch auf

seine eigene Tradition besinnt, desto

mehr kann er auch zu einem gesamten

Ganzen beitragen. Mit der sogenannten

Multikulti-Gesellschaft versucht man alles

einfach einzuebnen. Doch die Dinge

liegen sehr viel komplizierter. Man sollte

nicht Kulturen überwinden, sondern

die Gegensätze so lassen, wie sie sind.

Je mehr man versucht, alle in einen Topf

zu schmeißen, umso mehr werden die

Menschen nach ihrer eigenen Identität

suchen. Manche auch mit Gewalt – und

das kann gefährlich werden.

Die Japaner lieben die abendländische

Kultur. Wissen Sie weshalb?

Immer, wenn ich dort spiele, bin ich

über die vielen Konzertsäle und das

große Interesse erstaunt. Keine oberflächlichen,

sondern sehr überlegte

Fragen werden mir gestellt, alle sind am

Wesentlichen interessiert. Die Leute, die

sich dort für Musik begeistern, würde

man hier schon als Fanatiker abstempeln.

Alles wird aufgesogen, als müsse

ein Loch gefüllt werden. Ich habe >

16 17


nicht ergründen können, warum. Auch

meine Mutter konnte es mir nicht beantworten.

Vielleicht, weil Musik die schönste

Art ist, das Leben zu verbringen – so

wie Sie selbst einmal sagten?

Ich denke oft: Was ist das für ein

Glück, dass ich mich mit Musik

beschäftigen darf! Natürlich ist es oft

sehr hart. Aber dann sage ich mir: Wer

hat denn kein schweres Leben? Und

dann kommen mir Sätze meines Lehrers

Tibor Varga in den Sinn: „Wer hat

denn gesagt, dass es leicht ist?“

Wie haben Sie Varga kennen gelernt?

Bereits als Zweijährige habe ich

mich neben meine Mutter gestellt und

„mitgespielt“, später bekam ich Unterricht

bei der Lehrerin meines Bruders.

Mit sieben habe ich dann auf dem Festival

von Tibor Varga im schweizerischen

Sion gespielt. Er saß in der ersten Reihe,

hat Däumchen gedreht und gegrinst.

Das werde ich nie vergessen! Ich wusste

nicht, wer er war, ich dachte mir nur:

Was fällt dem ein, so zu grinsen?

Varga wurde nicht nur Ihr Mentor,

sondern auch eine Art Vater.

Ja, er passte auf, dass nichts schief

läuft. Dabei war es, wie ich heute sagen

kann, zunächst ein ganz strenges Lehrer-Schüler-Verhältnis.

Fast jede Woche

bin ich zum Unterricht in die Schweiz

gefahren. Er brachte mir bei, dass jeder

an sich selbst lernen muss und sich

nicht so sehr von außen her leiten

lassen darf. Jedes Gespräch mit ihm war

großartig. Als ich etwa 18 war, hat sich

Varga aus dieser Rolle herausgezogen

und nicht mehr versucht, mich zu

kontrollieren. Plötzlich wurde es ein

anderes Verhältnis. Bei meinem Debüt

in Salzburg im August 2003 konnte ich

ihn sehen – er stand an der Balustrade

und ich dachte mir: Da ist jemand, der

dich beschützt.

Einen Monat später verstarb er unerwartet.

Es war schon seltsam. Ich hatte noch

Fotos von ihm gemacht, seine Augen

waren anders, gingen irgendwie nach

innen, strahlten nicht mehr so. Im

Nachhinein macht man sich Gedanken.

Sie haben ihm Ihre neue CD gewidmet.

Dabei waren alle Stücke bereits geplant.

Und jetzt ist daraus eine Hommage

geworden. Auf der CD spiele ich

„Le Serpent“, ein Werk, das Varga 2002

für seinen Wettbewerb komponierte.

Die Partitur hat er mir bei unserem letzten

Treffen in Salzburg gegeben. Daneben

spiele ich die Partita Nr. 3 von Bach

und die Sonate für Solovioline von Bartók,

dem der Ungar Varga musikalisch

und geistig sehr nahe stand. Bei Bartók

kann ich auch total ausflippen! Der

Klang, der Rhythmus seiner Musik

zieht mich magisch an. Bartók konnte

seinen eigenen Charakter in der Folklore

wiederfinden und hat daraus Kunst

gemacht. Das finde ich phantastisch.

Es ist Ihre dritte Veröffentlichung bei

Arte Nova. Wie findet man als junge

Künstlerin die richtige Plattenfirma?

Ich hatte nie das Gefühl, dass eine

Entscheidung bewusst gefallen ist. Die

Dinge passieren und ich finde es span-

nend, wenn aus einer Begegnung etwas

anderes entsteht. 1998 hatte ich den

Preis der Reihe „MuSIEca – Junge Solistinnen

in NRW“ gewonnen. Zu diesem

Zeitpunkt stand ich bereits mit Arte

Nova im Kontakt. Ich bin bis heute sehr

glücklich darüber, die Programme mitbestimmen

zu können. Es sollen noch

zwei Orchester- und zwei Recital-

Aufnahmen folgen, darunter eine Aufnahme

mit den Bamberger Symphonikern

und Christopher Hogwood.

Sie arbeiten unermüdlich an Ihrem

Erfolg – eine Frage der Disziplin?

Meine Mutter ist unglaublich diszipliniert.

Das bewundere ich sehr. Zugleich

ist da aber diese Zurückhaltung, die ich

verstehen, aber nicht nachvollziehen

kann. In manchen Situationen müsste

man doch explodieren, aus sich herausgehen.

Zurückhaltung ist gut, aber auf

der Bühne sollte man das natürlich

nicht sein. Da muss man alles geben,

Mirijam Contzen (27) stammt aus Münster und wurde bereits

in ihrer Jugend mit Preisen überhäuft. 1993 gewann sie den 1. Preis

beim Internationalen Violinwettbewerb Tibor Varga – das öffnete der

jungen Geigerin die Tore zur internationalen Musikwelt. Varga war

es auch, der ihren künstlerischen Reifeprozess wesentlich prägte.

Als beste Nachwuchskünstlerin wurde Mirijam Contzen für ihre

CD „Favourite Violin Pieces“ 2001 beim ECHO Klassik ausgezeichnet,

im August 2003 debütierte sie bei den Salzburger Festspielen.

Sie spielt eine Violine von Carlo Bergonzi.

sich offenbaren.

Sie sind eine sehr schöne Frau. Haben

Sie nicht Angst, vom Marketing in die

falsche Ecke gedrängt zu werden?

Es ärgert mich, dass ich mir Gedanken

darüber machen muss. Es ist der

absolute Wahnsinn, heute alles verpacken

zu müssen. Oft geht es nicht

mehr um Inhalte, sondern nur noch

darum, anderen etwas vorzugaukeln,

um daraus Geld zu machen. Es passieren

so eigenartige Dinge: Jemand hat

sich auf einem Festival beschwert, warum

ich denn nicht im Chanel-Kleid

auftrete. (grübelt) Charisma entsteht,

wenn man sich auf das Wesentliche

konzentriert und nicht von Äußerlichkeiten

ablenken lässt. Ich gebe zu: Man

muss eine gewisse Ausstrahlung haben,

wenn man den Raum betritt, man muss

den Raum füllen. Doch ich möchte eine

natürliche Ausstrahlung bewahren und

mich nicht aufplustern. ____________

Johann Sebastian Bach,Tibor Varga, Igor Strawinsky u.a. _

Mirijam Contzen – Solo

Geige: Mirijam Contzen (Arte Nova 82876 57741 2)

18 19


20

feature

Text _ Alexander Hollensteiner

Fotos _ akg-images, Interfoto

TAKTWECHSEL

Jeder kennt sie, jeder mag sie, jeder hört sie: die Ohrwürmer, Highlights, Superstars

der Klassik. Es sind Werke wie die „Zauberflöte“, Komponisten wie Beethoven

oder Bach, die unsterblich sind. Aber wer legt fest, welcher Name in die „Hall of

Fame“ aufgenommen wird, welches Stück zum unverrückbaren Kanon der Musikgeschichte

zählt?

Zwei Veranstaltungen der Reihe „taktwechsel“ versuchen, diesen Fragen nachzugehen.

Moderatorin Dr. Margarete Zander hat sich dazu kompetente Gäste

nach Berlin eingeladen. Ort ist wie immer Dussmann das KulturKaufhaus in der

Friedrichstraße.

GROSS ,GRÖSSER,

UNVER WÜSTLICH

Anhand von CD-Timecodes können Sie die erläuterten Passagen aus den Werkbeispielen

leicht heraushören.

Hören wir doch mal rein: Die

ersten Takte aus „Also sprach

Zarathustra“ kennt wirklich

jeder Track 1, 00:00–01:47 . Der Komponist

heißt Richard Strauss. Aber

mal ehrlich: Gehört haben wir es zuerst

in der Bierwerbung, oder im Kino

als monumentaler Opener zu „2001 –

Odyssee im Weltraum“. Regisseur

Stanley Kubrick beförderte die Verklärung

von Mensch und Natur zum

musikalischen Motto seines >

21


22

epochemachenden Films. Tausende von

Kinobesuchern rannten tags darauf in

die Läden und kauften das gute Stück.

Es kommt also – so scheint es – nicht

nur auf die Musik selbst an, sondern

auch auf die Art und Weise ihrer Präsentation.

Eine noch so gute Komposition

ist keine, wenn niemand von ihr

weiß! Trotzdem wäre es übereilt, einfach

zu behaupten, ihr Wert bestimme

sich ausschließlich über die Wirkung

im Konzertsaal oder in den Medien. Es

führt kein Weg daran vorbei: Die Frage

nach dem Wert einer Komposition

führt immer zurück zu den Quellen,

zur Musik selber.

Also sprach Karajan

Kubrick jedenfalls war sich der

Qualität der Tondichtung bewusst. Aus

dem Nichts kommend signalisiert eine

Trompete eine Neuigkeit – zuerst fern

und leise, später nah und laut, potenziert

von einem ganzen Chor von Bläsern.

Stampfend wälzt darauf die Pauke

zum neuerlichen Signal Track 1, 00:33 –

00:39 . Nach zweifacher Wiederholung

mündet der Bläsersatz in ein brillantes,

apotheotisches Finale Track 1, 01:07 –

01:47 . Strauss gelingt es, in gut 90

Sekunden mit einem individuellen,

unverwechselbaren Klang einen unbeschreiblichen

musikalischen Sog zu

entwickeln. Damit sind die Voraussetzungen

für einen Abräumer erfüllt.

Und alle stehen sie Schlange: der Regisseur,

die Werbeleute, der Nachbar mit

seinem Silvesterfeuerwerk – um der

Meisterleistung des Komponisten die

Ehre der Untermalung zukommen zu

lassen.

Ein wichtiger Aspekt fehlt dennoch

auf dem Weg in die Auslagen der CD-

Shops: die Pflege des Werks im Konzertsaal.

Denn nur, weil immer wieder

Dirigenten und Orchester den bereits

akzeptierten Werkkanon aufführen und

pflegen, kennen ihn die Kubricks und

Creative Directors dieser Welt überhaupt.

Einer der größten Strauss-Apologeten

war der Dirigent Herbert von Karajan.

Allein „Don Juan“ führte er über 40 Mal

in seinem letzten Lebensjahrzehnt auf.

Nicht weniger lieb war ihm „Also sprach

Zarathustra“: In der Einspielung mit

den Berliner Philharmonikern beweist

der Maestro sein sensibles Gespür für

den Großromantiker Strauss zwischen

Trivialität, Pomp und Übertreibung. Mit

üppigem, immer reinem und ekstatischem

Klang zelebrieren die Musiker

die Vereinigung des Übermenschen mit

der Natur und trennen beide auf tragische

Weise wieder voneinander. Karajans

musikalischer und spiritueller Zugang

half – genau wie sein enger Schulterschluss

mit den Medien –, das Werk

nicht nur als Fin-de-Siècle-Spielerei anzusehen,

sondern als zentrale Komposition

der Musikgeschichte.

Spiel mit dem Feuer

Sergej Rachmaninow ist Urheber eines

der wohl respekteinflößendsten und

opulentesten Kompositionen der abendländischen

Kultur: das Klavierkonzert Nr.

3 d-Moll op. 30, auch „Rach III“ genannt.

Martha Argerich wiederum gehört zu

den bekanntesten Pianistinnen unserer

Zeit. Ihre Verbindung? Nun, die Argerich

ist quasi das Werk und das Werk ist

sie. Neben berühmten Vorfahren wie

Horowitz oder Giles ist sie es, die Rachmaninows

Tastenfeuerwerk zähmt, beherrscht,

dominiert und nicht – wie so

häufig gehört – anders herum. In der

Live-Aufnahme mit dem RSO Berlin

unter Riccardo Chailly ist Argerichs erhabener

Blick auf die explosive Partitur

eindrucksvoll zu hören. Besonders in

dem zuerst noch verhalten scheinenden

Anfang Track 1, 05:35 – 05:57 und 07:22 –

08:35 , vor allem aber in dem gefährlich

aufgleißenden Finale Track 3,11:03–11:55.

Um Missverständnissen vorzubeugen:

Weder der Pianistin noch dem

Komponisten geht es um Virtuosität um

ihrer selbst willen, sondern um Virtuosität

als Ausdruck einer bestimmten

romantischen Geisteshaltung und kraftvollen

Vitalität, die nichts anderes als Lebensbejahung

meint. Beweis? Nicht nur

das drängende Zupacken, sondern auch

die leisen, gedämpften, zurückhaltend

melodischen Töne formt Argerich so erwartungsgewiss

intensiv und bebend,

dass es eine Freude ist Track 1,14:00 –

14:53 . Es gehört schon eine gute Portion

Mut und Selbstvertrauen dazu, den

extremen Kontrasten, den wuchtigen

Akkorden und pfeilschnellen Kaskaden

so unerschrocken entgegenzutreten wie

sie es tut. Kompositorische und interpretatorische

Qualität kommen hier unzweifelhaft

zusammen. Auch für dieses

Werk gilt: Erst die einfühlsame und

langfristige Pflege des musikalischen

Gutes sichert dessen Überleben, wobei

die Interpretation durch eine der größten

lebenden Pianistinnen sicher hilfreich

ist. Wer jetzt noch fragt, warum

„Rach III“ unabdingbar zu den Highlights

der Klassik gehört, sollte es sich

>

Mit einer „fixen Idee“

setzte er sich ein Denkmal:

Hector Berlioz

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24

mal im Konzert anhören. Man wird einfach

mitgerissen – wollen wir wetten?!

Prinzip Überwältigung

Andere Beispiele gefällig? Gustav

Mahlers Sinfonie Nr. 10 trägt den Beinamen

„Sinfonie der Tausend“, da zur

Uraufführung in München mehr als

tausend Instrumentalisten und Sänger

auf der Bühne standen. Einen ebenso

großen Besetzungsaufwand treibt

Hector Berlioz mit seiner „Symphonie

Fantastique“, ein häufig gespieltes und

äußerst beliebtes Werk. Neben einer

extrem farben- und klangfrohen Musiksprache

erhält es seinen Reiz vor allem

durch die „Idée fixe“, das zentrale Motto,

das die Komposition in verschiedenen

charakteristischen Ausformungen (leise,

laut, drängend, ruhig, rhythmisch,

fließend) durchdringt. Beim Zuhörer

stellt sich schnell der auch für die Werbeindustrie

wichtige „Aha“-Effekt ein:

Das kenne ich! So macht das Werk Satz

für Satz (insgesamt fünfmal) Werbung

für sich selbst. Keine schlechte Idee.

Im Hinblick auf überbordende rhythmische

Vielfalt kommt man an Igor

Strawinsky nicht vorbei. In seinen

berühmten Ballett-Suiten „Petruschka“

und „Le Sacre du Printemps“ überlagert

er zahlreiche ungleiche Rhythmen und

spannt so ein äußerst komplexes und

verstörend pulsierendes Netz – für Musiker

wie Zuhörer eine Tour de force.

Absolut einzigartig

Wer jetzt denkt, große Komponisten

treten nur durch einen stark besetzten

Orchesterkörper hervor, der irrt. Jeder,

dem beim Stichwort „Barock“ nur Perücken

und Puder einfällt, kennt doch

in der Regel zwei wichtige Werke: Bachs

„Brandenburgische Konzerte“ und

Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Beide gehören

zu den beliebtesten klassischen

Orchesterstücken überhaupt. Auch hier

haben die aufführenden Künstler nicht

unwesentlich zur Popularisierung beigetragen,

allen voran Nigel Kennedy –

und in der Elterngeneration, mal

wieder, Herr von Karajan.

Im Gegensatz zu Bach war Vivaldi ein

durchaus unabhängiger Souverän im höfischen

Kontext der damaligen Weltstadt

Venedig. Um diese Freiheit zu untermauern,

traten viele Komponisten als Solisten

auf, so auch Vivaldi auf der Geige.

Da sich technisches Können am besten

in eigenen Kompositionen präsentieren

lässt, sind seine „Vier Jahreszeiten“ als

Instrumentalkonzerte genau darauf ausgerichtet.

Mit der zunächst unter dem

Titel „Der Wettstreit zwischen Harmonie

und Einfall“ erschienenen Komposition

beabsichtigte Vivaldi, bestimmte Ereignisse

musikalisch zu beschreiben und

auszumalen – unter Verwendung von

lautmalerischen Details, die auch vor

scharfen Dissonanzen nicht zurückschrecken.

So stehen sich vier Stimmungen

gegenüber: die fröhliche Leichtigkeit

des Frühlings Tracks 1–3, der aufgeheizte

Pathos des Sommers Tracks 4–6 , die

abgedämpfte Gelassenheit des Herbsts

Tracks 7– 9 und der dunkle Ernst des

Winters Tracks 10 –12 .

Was zum Rang der Komposition bei-

getragen hat, ist neben hervorragenden

Einspielungen vor allem die jedem

nachvollziehbare Schattierung der Gefühle,

diese vier Archetypen alltäglicher

Emotion. Man meint, das Werk sei für

jeden einzelnen Hörer persönlich geschrieben

worden. Als Zyklus hat es

darüber hinaus einen nicht geringen

Absolutheitsanspruch: das Werden und

Vergehen des Jahres in Musik abzubilden,

ein Prozess, den jeder Mensch

kennt, ein greifbares Thema, das jeden

anspricht. Vivaldi schuf damit nicht nur

einen Höhepunkt der fürstlich-höfischen

Unterhaltungskunst, sondern

einen „Millionseller“ der Klassik.

Entdecke die Möglichkeiten

Die Frage lautete eingangs: Warum

ist Großes so groß? Wie wir gesehen ha-

taktwechsel: Klassik zum Reinhören, Dabeisein, Auskennen

Dussmann das KulturKaufhaus, Berlin

19. August, 18 Uhr _ „Groß komponiert – Was macht einen guten zu einem großen

Komponisten?“, Gast: Vadim Repin

13. September, 18 Uhr _ „Unverwüstlich – Klassische Dauerbrenner“, Gast: Sabine Meyer

Infos und Termine _ www.kulturkaufhaus.de, Eintritt frei

Richard Strauss _ Karajan – The Collection

Berliner Philharmoniker/Herbert von Karajan (DG 474 281-2, 2 CD)

Sergej Rachmaninow _ Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30 u.a.

RSO Berlin/Riccardo Chailly, Klavier: Martha Argerich (Philips 446 673-2)

Antonio Vivaldi _ Die vier Jahreszeiten

ben, gibt es mehrere Antworten. Zählen

wir sie auf: hohe musikalische Qualität,

individuelle Tonsprache, entsprechende

Pflege durch bekannte Dirigenten und

Interpreten, Präsenz in den Medien

sowie das gewisse Etwas – sei es ein

besonderes musikalisches Programm,

eine besondere Orchesterbesetzung, ein

besonders hoher Aufwand oder einfach

besonders günstige Zufälle.

Interessant wird es in der Musik aber

immer dann, wenn im Fahrwasser der

Hits auch einiges Unbekannte und Unentdeckte

mitschwimmt und den Weg

an die Oberfläche findet. Zur größten

Überraschung aller sind diese Werke

häufig viel wertvoller, charmanter und

anregender als die durchgenudelten

Best-of-Schinken. Es gibt noch viel zu

entdecken, deshalb: Ohren auf! _____

The Amsterdam Baroque Orchestra/Ton Koopman (Erato 0927 46726-2)

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26

blind date

Interview _ Markus Tschiedert

Fotos _ Henrik Jordan

Entspannt liegt Nadja Uhl auf dem Sofa, bereit für einen Ausflug in

klassische Gefilde. Dabei waren ihr die zarten Klangfarben französischer

Komponisten lieber als die wuchtigen Töne der

Deutschen. Die in Potsdam lebende Schauspielerin ist

eben eine Träumerin – nicht nur auf der Leinwand.

„ZUM

HEULEN

SCHÖN! “

Camille Saint-Saëns _ Der Karneval

der Tiere (Das Aquarium)

Philharmonisches Staatsorchester Halle/

Karl-Heinz Zettl, Sprecher: Roger Willemsen

(Lido 1001/Naxos)

Das ist doch bestimmt ein Franzose,

das höre ich sofort. Mit dieser Musik

assoziiere ich eine surreale Sommeratmosphäre:

Blätter schimmern im

Sonnenlicht, man sitzt auf einer Veranda

und träumt so in den Tag hinein.

Das Ganze hat etwas von einem süßen

Schmerz, denn neben schönen Harmo-

nien hört man auch dunkle Töne heraus.

Genau das, was ich mag.

Ludwig van Beethoven _ Für Elise

Diverse _ chill: classical

(WSM 0927 46995-2, 2 CD)

Der Ohrenpeitscher von Beethoven.

Jeder, der Klavierspielen lernt, vergeht

sich an der „Elise“. Eigentlich gemein,

dass das Stück so missbraucht wird,

denn eigentlich ist es sehr schön.

W. A. Mozart _ Die Entführung aus

dem Serail (Ouvertüre)

Diverse Orchester und Dirigenten _

Festliche Ouvertüren (hänssler 98.454, 2 CD)

Deutsche Festlichkeit! Ist das nicht auch

von Beethoven? Nein, Mozart! Es ist

immer so peinlich, die beiden zu

verwechseln. Man hört gleich, dass es

etwas Deutsches ist. Ehrlich gesagt bin

ich auch nicht so ein großer Mozart-Fan.

Seine Musik ist mir zu opulent und

unsinnlich. Da werden jetzt bestimmt

alle Mozart-Verehrer aufschreien.

>

27


28

Johann Strauß (Sohn) _

Champagner-Polka op. 211

Wiener Philharmoniker/Riccardo Muti _

Neujahrskonzert 2004 (DG 474 900-2, 2 CD)

Das ist absolut nicht mein Ding! Die großen,

fetten Orchester mag ich gar nicht.

Klingt doch sehr nach Operette. Ist das

diese „Champagner-Polka“? Davon wird

man regelrecht betrunken – und zum

Schluss hört man auch noch den Korken

knallen. Prost, aber ohne mich!

Léo Delibes _ Lakmé (Arie: Dôme

épais le jasmin, „Flower Duet“)

Diverse Orchester und Solisten _

The Pearl Fishers u. a. (Naxos 8.555797)

Ein Stück, das in der Werbung schon

oft verbraten wurde. Mir fällt leider der

Name des Komponisten nicht ein, obwohl

ich mich sogar mal danach erkundigt

hatte, weil ich das Stück so toll

fand. Eine Melodie, die dich verzaubert.

Ich weiß auch nicht mehr, für welches

Produkt eigentlich geworben wurde.

Giuseppe Verdi _ La forza del

destino (Arie: Solenne in quest'ora)

Orchestra Sinfonica di Milano,Tenor:

Ramón Vargas, Bariton: Roberto Frontali _

Between Friends (RCA /BMG 82876 54343 2)

Oper, italienische Oper, ganz klar! Ich

habe zuhause alte Aufnahmen von

Maria Callas, aber in die Oper gehe ich

nur selten. Das hier könnte Verdi sein …

Wenn ich jetzt die leichten Flöten im

Hintergrund höre, könnte es auch Mozart

sein. Ich will ja Herrn Verdi nichts

unterstellen – aber hat er hier nicht ein

bisschen von Mozart abgekupfert?

Peter I.Tschaikowsky _ Eugen

Onegin (Walzer)

Orchestre Philharmonique de Radio France/

Paavo Järvi _ Ballets Russes

(Virgin Classics /EMI 5 45609 2)

Sehr beschwingt. Gefällt mir auf Anhieb

aber nicht so gut. Das könnte ein

Walzer sein, klingt aber ganz schön

wuchtig. Jetzt hört man etwas feinere

Töne. Vielleicht Tschaikowsky (den ich

übrigens sonst sehr mag)? Mit diesem

Walzer lädt er mich nicht gerade zum

Tanzen ein. Sorry!

Frédéric Chopin _ Mazurka a-Moll

op. 17 Nr. 4

Klavier: Vladimir Horowitz _ In the Hands

of the Master

(Legacy/Sony S3K 93039, 3 CD-Box)

Eine Melodie, die mich berührt. Ich

denke dabei an einen verregneten Tag,

den man in seiner Wohnung verbringt.

Man schaut aus dem Fenster, träumt

vor sich hin und macht vielleicht eine

Kerze an. Leider habe ich nicht den

geringsten Schimmer, wer das ist.

Chopin? Den liebe ich! Ich würde gern

Klavier spielen können. Ich habe mich

mal kurzzeitig mit einer Gitarre gequält

– mit meinen kleinen Fingern war das

aber nicht gerade ideal.

Modest Mussorgsky (arr. Nikolaj

Rimskij-Korsakow) _ Eine Nacht

auf dem Kahlen Berge

NSO of Ukraine/Theodore Kuchar _ Bilder

einer Ausstellung u.a. (Naxos 8.555924)

Im Klassik Radio wird das oft gespielt.

Das Stück hat viel Temperament, etwas

Getriebenes und Gepeitschtes. Irgendetwas

braut sich zusammen und versetzt

dich in Aufregung. Das Hauptmotiv

mag ich sehr, weil es so dramatisch

ist. Aber ich merke jetzt immer mehr,

dass ich eher ein Fan von ruhiger und

etwas getragener Musik bin. Wenn es

zu aufregend wird, macht mich das so

nervös. Ja, davon kriege ich Herzrasen.

(lacht)

Johann Sebastian Bach _ Cellosuite

Nr. 1 G-Dur, BWV 1007 (Prélude)

Cello: Alexander Kniazev _ Cellosuiten Nr. 1–6

(WSM 2564 61294-2, 3 CD-Box)

Wunderschön! Ich liebe Cello, denn es

hat gleichzeitig etwas Warmes und Raues.

Ist bestimmt schwer zu spielen, weil

man sich bei den Griffen ganz auf sein

Gehör verlassen muss. Das Stück ist

doch auch ein Schlager der Klassik, von

Herrn Bach, oder? Obwohl es schnell

und lebendig ist, macht es mich nicht

so unruhig wie der Mussorgsky.

Johann Sebastian Bach _ Suite Nr. 3

D-Dur, BWV 1068 (Air)

Akademie für Alte Musik Berlin _ Ouvertüren

(harmonia mundi HMC 901578)

Oh, zum Heulen schön! Das müsste ich

sogar auf einer CD haben. Auch wenn

es jetzt etwas kitschig klingt, aber es

gibt Musik, bei der man am liebsten die

ganze Welt umarmen möchte. Da lasse

ich mich gern hinreißen und sage: Das

Leben ist schön! Man spürt Demut, es

wird einem ganz feierlich zumute.

Solche Gefühle löst Bach bei mir aus.

Ist doch wahnsinnig, oder?

John Williams _ Theme from

„Schindler’s List“ (OST)

Royal Philharmonic Orchestra,Violine: Janine

Jansen (Decca 475 011-2)

Da kriege ich sofort eine Gänsehaut.

Man empfindet einen zarten Schmerz,

man weint, aber auch ein bisschen

vor Glück. Ich habe „Schindlers Liste“

dreimal im Kino gesehen, er ist sehr

berührend und äußerst grausam. Mir

fällt dabei sofort das kleine Mädchen im

roten Mantel ein, weil der Film ansonsten

in Schwarzweiß gedreht wurde.

Eine starke Szene. ________________

Fast heimlich ist Nadja Uhl (32) zum

Star gereift. Die in Stralsund geborene

Schauspielerin war in diversen TVund

Kinoproduktionen zu sehen, u.a.

in „Was tun, wenn’s brennt?“, „Das

Wunder von Lengede“ und „Lautlos“.

Die holländische Produktion „Zwillinge“,

die am 7. Oktober in unseren

Kinos startet, war sogar für den Oscar

nominiert. Als beste Darstellerin erhielt

sie den Silbernen Bären 2000 für

ihre Rolle als junge DDR-Arbeiterin

in „Die Stille nach dem Schuss“.


30

a night at the opera

Dieser „Produzent“ war Leiter

einer populären Vorstadtbühne

in Wien, hieß Emanuel Schikaneder

und sicherte nicht nur die Finanzierung

der Produktion. Er schrieb

auch das Drehbuch und hatte klare Vorstellungen

von der Ausstattung und

den Spezialeffekten. Wie in Hollywood

sollte alles so richtig nach dem Geschmack

des Publikums sein. Die Kulisse

bildet das exotische Ägypten in

mythischer Vorzeit. Im Sommer 1791

hatte sich ganz Wien für den ersten

Ballonflug in der Stadt begeistert. Kein

Wunder also, dass in der „Zauberflöte“

viel geflogen wird. Außerdem gibt es

wilde Tiere, Theaterdonner und Götter,

die im Boden versinken. Mozart unter-

Text _ Eva Junghänel

Foto _ DG Archiv Produktion

WER TANZT

NACH PAPAGENOS

ZAUBERFLÖTE?

Hätte es Hollywood 1791 schon gegeben, „Die Zauberflöte“ wäre ein unvergleichlicher

Blockbuster geworden. Schon im ersten Jahr brachte es die Oper

auf 100 Vorstellungen – andere liefen nur einen Abend. Bis heute gilt sie als

Touristenmagnet in allen Opernhäusern dieser Welt. Und das, obwohl niemand

den chaotischen Plot flüssig erzählen kann. Da muss ein Produzent mit gutem

Händchen im Spiel gewesen sein.

stellte seiner Schwiegermama süffisant,

dass sie die Oper wohl eher schauen als

hören würde. Doch erst die Musik hat

das Spektakel so unsterblich gemacht.

So plant Schikaneder, der Geschäftsmann:

Man nehme etwas Liebe, den

Kampf zwischen Gut und Böse, eine

feierliche Krönungsszene am Ende –

und die Kasse wird klingeln. Aber im

Detail hakt es, man verliert leicht den

Überblick. Da gibt es die Feindschaft

zwischen Sarastro, Herrscher im Sonnentempel

und der Königin der Nacht.

Erst denkt man, Sarastro ist der Böse,

weil er die Tochter der Königin gefangen

hält. Sie schickt den Prinzen Tamino,

um Pamina (die Tochter) zu retten.

Der zieht auch tapfer los und wird

Passen zusammen

wie Bild und Spiegelbild:

Papageno

und seine Papagena

dabei vom lustigen Vogelfänger Papageno

begleitet. Jener sucht übrigens

auch eine Frau – aber dazu später.

Dann stellt sich heraus, dass die Königin

eine böse Fee ist und Sarastro der

Gute. Tamino will nun in den Club der

Erleuchteten aufgenommen werden

und muss dafür schwere Prüfungen bestehen.

Dabei helfen ihm Papageno

und seine Zauberflöte, die wilde Tiere

zahm macht. Unterdessen findet der

Vogelfänger eine Liebste, die allerdings

zunächst als verhextes altes Weibchen

GEWINNEN!

W. A. Mozart _ Die Zauberflöte

The English Baroque Soloists/John Eliot

Gardiner,The Monteverdi Choir, Solisten:

Harry Peeters, Christiane Oelze u.a.

(DG Archiv Produktion 449 166-2, 2 CD-Box)

auftritt. Die Königin der Nacht versucht

vergebens, ihre Tochter zum Mord an

Sarastro anzustiften und verschwindet

schließlich besiegt im Erdreich. Kompliziert?

Das Ende ist wieder ganz

einfach: Tamino wird feierlich in den

Tempel aufgenommen, heiratet Pamina

und Pagageno bekommt seine nun

hübsch verwandelte Papagena.

Wenn ein so chaotisches Drehbuch

dem Erfolg keinen Abbruch tut, dann

muss es schon eine verdammt gute Oper

sein. Überzeugen Sie sich selbst! _____

Wir verlosen 3 CDs der empfohlenen Einspielung.

Schreiben Sie uns bis 21. 8.: classix, Stephanstr. 15,

10559 Berlin, redaktion@classix-mag.de

31


CDs/DVDs

König Saul war mächtig,

Händels Musik prächtig.

Diese Aufnahme

setzt einen obendrauf

Die Jahreszahlen bezeichnen das

Entstehungsdatum der Komposition

wundervoll!

sehr gut

gut

ganz nett

muss nicht sein

ORATORIUM 3 CD-BOX

Barock 1738

Georg Friedrich Händel _ Saul

Gabrieli Consort & Players/Paul McCreesh,

Solisten: Andreas Scholl, Neal Davies u.a.

DG Archiv Produktion 474 510-2

Neid zerfrisst den eben noch mächtigen

König Saul: Im strahlenden David

wächst ihm ein Konkurrent heran. Händel

formte aus diesem Bibelstoff um

Eifersucht und Macht ein grandioses

barockes Seelendrama, ein bühnenreifes

Oratorium voller packender Szenen.

Orchester, Chor und die ausnahmslos

vorzüglichen Solisten lassen Händels

Musik leuchten. Der exzellente Neal

Davies singt einen ergreifenden Saul,

der smarte Andreas Scholl lässt als

zugleich starker wie verletzlicher David

alle Konkurrenz weit hinter sich. Paul

McCreesh und sein Gabrieli Consort &

Players legen mit dieser Aufnahme die

neue Referenz-Einspielung vor! ___ TW

classix No. 1

LIEDER-ZYKLEN 3 CD-BOX

Romantik 1816 – 1828

Franz Schubert _ Die schöne Müllerin,

Winterreise, Schwanengesang u. a.

Bariton: Christian Gerhaher,

Klavier: Gerold Huber

Arte Nova/BMG 82876 57747 2

Schon vor Schubert gab es Lieder. Er

aber machte das Lied als solches zum Gesamtkunstwerk

im Kleinen. Die Klavierstimme

avancierte zum gleichwertigen

Partner der Singstimme, ausgestattet

mit allen Mitteln der Instrumentalmusik.

So konnte der Komponist nicht nur

den direkten Wortsinn, sondern auch

den Subtext, sogar die Sprachstruktur in

Musik übersetzen. Geradezu eine Lehrstunde

der Liedinterpretation ist diese

CD-Box: der Text klar artikuliert, die Töne

gefühlvoll gestaltet, die Motive in

Klavier und Gesang aufeinander bezogen.

Mit seinem vollen und doch leichten

Bariton trifft Gerhaher genau jenen

intimen Ton, der gefangennimmt. _ DK

Kunstvoll

ORCHESTERMUSIK CD

Klassik, Romantik 1804, 1845

L. van Beethoven _ „Tripelkonzert“ C-Dur

R. Schumann _ Klavierkonzert a-Moll

Orch. della Svizzera italiana , Klavier: M.

Argerich,Violine: R. Capuçon, Cello: M. Maisky

EMI 5 57773 2

„Tripelkonzert gleich Krüppelkonzert“

witzelt man in Musikerkreisen. Gern aber

wird Beethovens Werk von 1804 dazu

missbraucht, drei Stars werbewirksam

zusammenzuspannen. Martha Argerich,

Renaud Capuçon und Mischa Maisky

sind die Jüngsten nun nicht, jeder ist für

sich ein Star. Dennoch spielen die drei

nicht aneinander vorbei, scheinen sich

vielmehr voranzutreiben, zu inspirieren,

aber auch zu bremsen, wenn etwa der

gefährdete Cellist ins Schmachten gerät.

Ergebnis: eine wunderbar nuancierte,

natürlich fließende Interpretation. Große

Stunde zudem für Martha Argerich

mit dem romantischsten aller Klavierkonzerte:

Schumanns op. 54. ____ TPR

Beseelt

33


34

KLAVIERMUSIK CD

Moderne 1977 – 2001

John Adams _ Road Movies

Klavier: Nicolas Hodges, Rolf Hind, John

Novacek,Violine: Leila Josefowicz

Nonesuch/WSM 7559 79699-2

Zum Komponieren zieht sich John

Adams immer in eine Hütte zurück, fort

aus San Francisco, hinauf in die Wälder

im Norden Kaliforniens. Die Flucht in die

Einsamkeit als Stätte allen Ursprungs,

um sich der musikalischen Reduktionen

und dem Minimalismus zu öffnen. Ohne

Ablenkung, in völliger Stille entwickeln

kleine, ständig wiederholte Motive aus

nur wenigen Tönen einen tranceartigen

Sog, wandeln sich die strengen Klangvisionen

in eine gewaltige, alles zermalmende

Rhythmusmaschine. Eine fixe

Idee mutiert zum Mysterium.

Aber auf Dauer kann zuviel Einsamkeit

das Hirn vernebeln. Der schöne Schein

zerfällt in beliebige Berieselung. _____ CF

Tranceartig

KAMMERMUSIK CD

Klassik 1805, 1807

W. Matiegka, L. van Beethoven _

Serenaden für Flöte,Viola und Gitarre

Flöte: Ricarda Bröhl, Gitarre: Tadashi Sasaki,

Viola: Hariolf Schlichtig

aulos 68544

Um 1800 avancierte die Gitarre fast zum

Modeinstrument. Die Kammermusik

boomte, neue Werke wurden geschrieben

und alte bearbeitet. Diese Aufnahme

bietet beides: ein eigenes Werk des

Gitarristen Matiegka und seine Bearbeitung

von Beethovens op. 8. Hier trimmt

er die Violinstimme gitarrentauglich.

Der Reiz der Stücke liegt weniger in der

harmonisch-melodischen Struktur als

vielmehr im Klangfarbenspiel. Das Pan

Trio konzentriert sich auf Kontraste, ohne

den Gesamtklang zu zerstören. Die helle

Flöte hebt sich vom warmen Bratschenton

ab, die Gitarre setzt dazu gezupfte Akzente.

Für laue Sommernächte – wenn sie

nun mal kommen mögen. _________ DK

Poetisch

CELLOSONATEN CD

Barock, Moderne 1727 – 1964

B. Britten _ Suite Nr. 1 op. 72, J. S. Bach _

Suite Nr. 5 c-Moll, Z. Kodály _ Sonata op. 8

Cello: Alban Gerhardt

Oehms Classics 332

Dass Alban Gerhardt Solist geworden ist,

bezeichnet er selber zu „95 Prozent als

Glückssache“. Da muss er wohl richtig

Glück gehabt haben: Seine Karrierekurve

weist steil nach oben.

Doch Glück allein genügt nicht. Gerhardt

ist auch mutig – und Mut gehört

dazu, drei so extrem verschiedene Werke

für Cello solo auf einer CD zu versammeln.

Auf Brittens Suite Nr. 1 folgt

ein ungewöhnlich rauer Bach. Schließlich

die Königin der Cellosonaten, Kodálys

op. 8 – ein Stück wie ein Orkan! Doch

Gerhardt fängt die extremen Ausbrüche

aus stillster Einkehr gekonnt auf. Er fordert:

„Wir müssen mehr riskieren.“ Und

geht mit gutem Beispiel voran. ____ AH

Mutig

ORCHESTERMUSIK SACD

Romantik 1873

Anton Bruckner _ Sinfonie Nr. 3 d-Moll

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin/

Kent Nagano

harmonia mundi HMC 801817

Wer Bruckner aufs Programm setzt, hat

die Qual der Wahl. Denn der Wiener Romantiker

rang, vom Perfektionismus getrieben,

Zeit seines Lebens mit seinen

Werken. Da wurde gestrichen, ergänzt

und an Form und Klang gefeilt. So auch

bei der 3. Sinfonie, die er „dem unerreichbaren

und erhabenen Meister“ Richard

Wagner widmete.

Kent Nagano und das DSO haben sich

für die seltener gespielte, etwas sperrige

und längere Urfassung von 1873 entschieden.

Mit viel Gespür für Nuancen und akribische

Detailarbeit erarbeitet der Klangästhet

Nagano den über 2000 Takte langen

Koloss. Das überraschende Ergebnis: ein

ungewöhnlich schlanker Bruckner. __ RW

Kristallklar

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36

KONZERT, KAMMERMUSIK CD

Spätbarock 1716 – 1732

Antonio Vivaldi _ Vivaldi’s Cello

Amsterdam Baroque Orchestra/Ton Koopman,

Cello: Yo-Yo Ma

Sony SK 90916

Ein Album nur mit Vivaldi? Nach Yo-Yo

Mas exotischen Ausflügen nach Brasilien

und zur Seidenstraße klingt das wie

eine Studienreise für Pensionäre. Der

Starcellist geht’s frisch an: Das prickelt

und brodelt, zumal Koopman jede

Phrase klar heraus modelliert und den

Barock swingen lässt.

Das funktioniert bei den Originalen.

Aber unter die Cellokonzerte hat der Multikulti-Virtuose

ein paar Arrangements von

Stücken geschummelt, die sonst Geiger

und Sänger erfreuen. Seine Neugier in allen

Ehren: Bravourarien in tiefen Lagen,

das bekommt schnell einen ziemlichen

Bart. Manchmal hat historische Korrektheit

eben auch ihre guten Saiten. _____ CF

Swingend

OPER 3 SACD-BOX

Rokoko 1786

Wolfgang Amadeus Mozart _

Le Nozze di Figaro

Concerto Köln/René Jacobs, Solisten:

Véronique Gens, Lorenzo Regazzo u.a.

harmonia mundi HMC 801818.20

Wieder ein großer Wurf von Meister Jacobs

und dem Concerto Köln. Wer die

geniale „Hochzeit des Figaro“ nicht nur

wegen der berühmten Arien, sondern

auch wegen der Rezitative genießen

möchte, wer ein Orchester hören will,

das den Witz und die knisternde Erotik

des Dramatikers Mozart durchweg hörbar

macht, der ist hier optimal bedient.

Im Vordergrund steht nicht etwa romantisierender

Schönklang, sondern die

von der Musik vollkommen dargestellte

Spannung zwischen den Protagonisten.

An stilsicherer Verzierung im Gesang fehlt

es auch nicht – manchmal aber am letzten

Quäntchen Grazie! Mozart war eben nicht

nur Rebell und Draufgänger. ________ HB

Erotisch

OPERNARIEN, DUETTE CD

Barock, Wiener Klassik 1711 – 1792

Georg Friedrich Händel, W. A. Mozart _

Opernarien, Duette

Orchestra Filarmonica Marchigiana/

Gustav Kuhn, Countertenor: Franco Fagioli

Arte Nova/BMG 82876 58835 2

Eine schöne Stimme macht noch lange

keinen guten Sänger. Franco Fagioli war

in seiner Jugend ein begnadeter Pianist.

Hier liegt wohl einer der Gründe für

seinen sängerischen Erfolg.

Die CD eröffnet mit drei Arien aus

Händels „Rinaldo“. Wirklich außergewöhnlich

dann die Darbietungen von Partien

aus den Mozart-Opern „Mitridate“,

„Titus“ und „Lucio Silla“! Solcher stimmlicher

Qualität gebührt ein adäquater

Gegenpart in der Orchesterbegleitung.

Leider kommt die hier etwas lendenlahm

daher, das Ganze wirkt zu oft wie ein oberflächliches

Geplänkel. Wir warten mit

Spannung auf die anvisierte Zusammenarbeit

Fagiolis mit Harnoncourt. ____ MR

Schade

KAMMERMUSIK 2 CD

Spätromantik 1934

Wilhelm Furtwängler _ Klavierquintett

C-Dur

Clarens-Quintett

Tacet 119

„Es wird nicht viele Menschen geben,

die dieser Katastrophenmusik gewachsen

sind“, sagte der Lehrer zum Schüler

und meinte damit dessen Klavierquintett

von 1934. „Ich bin nun mal ein

Tragiker“, antwortete der Schüler, kein

Geringerer als der Dirigent Wilhelm

Furtwängler (1886–1954). Zwei Jahrzehnte

hatte er an dem Quintett gefeilt,

ohne es je als „fertig“ abzulegen.

Das Clarens-Quintett hat sich nun

getraut, und das Ergebnis ist alles andere

als tragisch. Mit Verve, Herz und

Verstand gelingt es den Musikern, das

hochemotionale und gewaltige Werk

(80 Minuten Dauer!) zu bändigen, ohne

dass es an Intensität verliert. __ TPR

Bravourös

37


OPER 3 CD-BOX

Romantik 1856 – 1859

Richard Wagner _ Tristan und Isolde

Wiener Philharmoniker/C. Thielemann,

Solisten: Thomas Moser, Deborah Voigt u.a.

DG 474 974-2

Was München 1865 bei der Urauffühung

zu hören bekam, war wirklich

unerhört. Schon das Vorspiel: auskomponierte

buddhistische Weltentstehungstheorie,

Tristans akustische Erektion!

Betörendstes Lauschgift jedenfalls.

Zwei Opernhäuser waren an dem Werk

zuvor verzweifelt, ein Sänger hatte sich zu

Tode gesungen. Diese Partitur sprengte

alles bisher Dagewesene. An „Tristan“-Einspielungen

herrscht seitdem kein Mangel

– an guten schon. Christian Thielemann,

Spezialist für schwere Brocken, hat eine

der besten vorgelegt. Mit einem hervorragend

disponierten Orchester und einem

süchtig machenden Ensemble bringt er

den Hörer um den Verstand. ________ JS

ORCHESTERMUSIK CD

Moderne 2002

Tony Banks _ Seven – A Suite for

Orchestra

London Philharmonic Orchestra/Mike Dixon

Naxos 8.557466

Wenn gut verdienende Rockstars, die

jahrzehntelang ihre Fans in großen

Hallen und Stadien zum Schwitzen

gebracht haben, in die Jahre kommen,

wenden sie sich gerne der Klassik zu –

mit meist zweifelhaftem Ergebnis.

So geschehen bei Paul McCartney und

Billy Joel. Nun also auch Tony Banks,

Keyboarder der legendären Genesis.

Gar nicht schlecht fürs Erste: Banks‘

Orchestersuite „Seven“ ist gut hörbar, gibt

nicht vor, mehr zu sein als sie ist (nämlich

gute Filmmusik, nur ohne Film) und

kommt einfach und direkt dort an, wo sie

hin soll (nämlich beim Hörer). Achtung,

Mr. John Williams und Hans Zimmer:

Hier ist ein neuer Mann im Club! ___ AH

KLAVIERMUSIK CD

Romantik 1836 – 1849, 1839

Robert Schumann _ Fantasie op. 17,

„Bunte Blätter“ op. 99

Klavier: Matthias Kirschnereit

Arte Nova/BMG 82876 57745 2

Die „große Fantasie in C-Dur“ zählt zu

Schumanns besten und leidenschaftlichsten

Schöpfungen – das fand jedenfalls

der Komponist selbst. Ursprünglich war

dieses herrliche Werk als Sonate geplant,

dem Vorbild Beethoven posthum gewidmet.

Schumanns op. 99, genannt „Bunte

Blätter“, ist dagegen ein Geheimtipp. Trotz

ihrer unerhörten Schönheit sind diese kleinen,

zum Teil sehr schwer zu spielenden

Fanatasiestücke heute relativ unbekannt.

Beide Werke fordern vom Pianisten

hohe Risikobereitschaft und höchste

Leidenschaft – bei vorliegender technisch

einwandfrei hergestellter Einspielung

nur minimal zu vernehmen. Ein

doppelt schweres Manko. ________ MR

KLAVIERMUSIK 2 CD

Klassik – Moderne 1795 – 1979

Diverse _ Live at Carnegie Hall

Klavier: Lang Lang

DG 474 820-2

In seinem rundlichen Gesicht finden

sich zwar noch die letzten Züge des

Babyspecks, doch auf der Bühne hat

Lang Lang die Wunderkind-Last längst

abgestreift. Nach seinem letztjährigen

Solo-Debüt in der New Yorker Carnegie

Hall dürfte dem Virtuosen ein Platz

in der Ruhmeshalle der Pianisten

sicher sein – und das mit 22 Jahren!

Ob Haydns große C-Dur-Sonate, Schuberts

„Wanderer-Fantasie“ oder Liszts

„Liebestraum“: Der Chinese liebt die romantische

Pose ebenso wie die Bravour,

da stimmt jeder Ton und jede Phrasierung,

da bestechen Klangfarbenvielfalt

und rhythmische Energie. Gelbes Feuer

auf schwarzen und weißen Tasten! __ CF

Suchtgefährdend

Cineastisch

Unromantisch

Übersprudelnd

38 39


40

KLAVIERMUSIK CD

Impressionismus, Expr. 1894 – 1921

I. Strawinsky _ 3 Stücke aus „Petruschka“

C. Debussy _ Préludes, Images (Heft 2)

Klavier: Alexander Gurning

EMI 5 62665 2

Martha Argerich als Fürsprecherin:

Das kann schon hilfreich sein für eine

junge Karriere. Und vielleicht nimmt

die legendäre Pianistin ihren Schützling

ja noch mal etwas intensiver unter

die Fittiche, führt ihn ein in das

Geheimnis des Zusammenspiels von

Motorik, Brillanz und Wildheit.

Effekte und Schwung sind nämlich nur

die eine Seite bei Strawinsky. Überzeugender

der Debussy: Klar arbeitet Gurning

die Strukturen der „Préludes“ heraus,

überrascht mit fantasievollem Gesten- und

Farbenspiel in den „Images“. Und in der

nachmittäglichen Flatterhaftigkeit des

liebestollen „Fauns“ ist der 30-Jährige

seiner Mentorin schon sehr nahe. ____ CF

Impulsiv

LIEDER CD

Spätromantik 1865, 1880 – 1888

Antonín Dvoˇrák _ Lieder

Mezzosopran: Bernarda Fink,

Klavier: Roger Vignoles

harmonia mundi HMC 901824

Dvoˇráks Lieder zählen zu dem Schönsten,

was er je geschrieben hat. Als Mensch war

er wortkarg nach Bauernart, als Musiker

aber schienen die Melodien geradezu aus

ihm zu strömen, auch in den dunklen

Momenten unerwiderter Liebe.

Warm und innig fasst die fabelhafte

Bernarda Fink die Sehnsucht und

Hoffnungslosigkeit des Komponisten

in Töne und zeichnet ergreifende

Bilder, etwa im Liederzyklus „Zypressen“,

Symbol der unglücklichen Liebe

des gerade 24-Jährigen zu der Goldschmiedstochter

Josefa Cermák. Dvo-

ˇráks Schicksal wendete sich unerwartet

wie im Leben Mozarts: Er heiratete

später die jüngere Schwester. ____ TPR

Ergreifend

ORCHESTERMUSIK 2 CD

Romantik 1841 – 1853

Robert Schumann _ Sinfonien Nr. 1 – 4

Tonhalle Orchester Zürich/David Zinman

Arte Nova/BMG 82876 57743 2

„In mir paukt und trompetet es seit einigen

Tagen sehr ... ich weiß nicht, was

daraus werden wird.“ Schumanns Worte

an Mendelssohn – bevor er in die

größte Krise seines Lebens rasselte. Die

lieferte genug Schmerz für seine 2. Sinfonie

mit dem berühmt gewordenen

Beethoven-Zitat „An die ferne Geliebte“.

Zinman geht das Werk so gar nicht

dunkel erdrückt an und entdeckt – genau

wie in den drei Schwesterwerken –

das Heitere, Beschwingte, Tänzerische.

So gerät die sinfonische Poesie Schumanns

als Hilfe zur Selbsthilfe, spannt

den ganzen Bogen der Lebenswelten.

Wen wundert‘s: Auch am Ende der dunklen

2. Sinfonie siegt das Gute. ____ AH

Heiter

LIEDER CD

Romantik 1888 – 1899

Gustav Mahler _ Des Knaben Wunderhorn

Sopran: Diana Damrau, Bariton: Iván Paley,

Klavier: Stephan Matthias Lademann

telos 1001

Gesellschaftskritik mittels Ironie: Mahler

griff in seinem „Wunderhorn“-

Zyklus nach den Sternen der Liedkunst.

Und da seine Musik noch radikaler ist

als der Text, gerät auch jede Interpretation

zum Griff nach dem Sängerlorbeer.

Diana Damrau verdient ihn sich

durch ausdrucksstarken, schattierungsreichen

Sopran mit strahlenden Höhen.

Ihr Partner besticht mit Feuer, Esprit

und angerautem Timbre. Mit einem brillanten

Klavierbegleiter im Gepäck, der

dezent noch kleinste Nuancen kultiviert,

geht’s mühelos durch alle Höhen und

Tiefen der Lust- und Leidensfähigkeit.

Eine gelungene Weltpremiere der Originalfassung

für zwei Stimmen. _____ CF

Ausdrucksstark

41


42

ORCHESTERMUSIK CD

Klassische Moderne, Jazz 1932, 1938/39

Erwin Schulhoff _ Sinfonien Nr. 2 & 5,

Suite für Kammerorchester

Symphonieorchester des Bayerischen

Rundfunks/James Conlon

Capriccio/Delta Music 67 080

So schillernd wie seine Persönlichkeit

war auch sein Weg: Erwin Schulhoff, in

jungen Jahren Avantgardist, Dadaist,

Viertelton- und Jazzliebhaber. Ein „Jazzoratorium“

schreibt er und eine „Hot

Sonate". In späten Jahren mutiert der gebürtige

Prager zum glühenden Kommunisten,

der sich nicht scheut, das schwer

verdauliche Kommunistische Manifest

zu vertonen. 1942 stirbt er – kaum 46jährig

– im KZ Wülzburg. Sechs vollständige

Sinfonien hat er hinterlassen.

James Conlon zeigt mit den zwei Sinfonien,

die in unsicheren Zeiten entstanden:

Auch jenseits aller Ideologie war

Schulhoff ein großer Könner. Expressiv

und aufwühlend klingt das. _______ TPR

Expressiv

FILMMUSIK CD

Moderne 1964

Dmitri Schostakowitsch _ Hamlet

op. 116/116a

Russian Philharmonic Orchestra/

Dmitri Yablonsky

Naxos 8.557446

Seit seiner Jugend war Schostakowitsch

vom neuen Medium Film fasziniert: Erst

spielte der russische Meister als Kinopianist,

später schrieb er 34 Filmmusiken.

Stets auf Eigenständigkeit statt Illustration

bedacht erzählt er die Geschichte

Hamlets. Präzise und pointiert instrumentiert

dräut in den knappen Stücken

unerbittlich das Schicksal – ebenso hartnäckig

fordert Yablonsky vom Orchester

immer wieder kammermusikalische

Transparenz. So bezieht das von Grigorij

Kosinzew verfilmte Shakespeare-Drama

seine bildliche Kraft vor allem aus dieser

konsequenten Reduktion auf moderne,

fast minimalistische Klangfarben. __ CF

Düster

KLAVIERMUSIK CD

Neo-Romantik 1895 – 1912

Felix Woyrsch _ Klavierwerke

Klavier: Rolf Plagge

aulos 66108

Eine Floskel, wie man sie oft liest: „Ein

weitgehend vergessener Komponist“.

So einer wie Felix Woyrsch. An seinem

Vergessen war der 1860 geborene und

in Altona erfolgreich wirkende Schlesier

unschuldig, eher war es die Übermacht

der zeitgleichen Komponistenstars

wie Mahler oder Strauss.

In seinem Klavierwerk, das gerade mal

eine CD füllt, gibt es einiges zu entdecken:

chopinhafte Walzer, klassizistische Formen,

geschmeidige Melodien. Woyrsch

stand für Tradition, Einfachheit und Bescheidenheit.

Und das in Zeiten des Umbruchs,

wachsender Unüberschaubarkeit

und Kriegschaos. Damals wenig populär,

heute eine lohnende Entdeckung. ___ AH

Unaufdringlich

VIOLINKONZERTE CD

Moderne 1931, 1936

I. Strawinsky _ Violinkonzert D-Dur

A. Schönberg _ Violinkonzert op. 36

Berliner SO/Michael Schønwandt,

Claus Peter Flor,Violine: Michael Erxleben

Berlin Classics/edel 0183622BC

Als „unspielbar“ hatte Geigengott

Jascha Heifetz seinerzeit dieses Violinkonzert

stigmatisiert und die Partitur

an Schönberg zurückgesandt. Michael

Erxleben beweist das Gegenteil, zelebriert

das zornige Zeugnis aus schwerer

Zeit mit lupenreiner Präzision und

lässt die Fülle an expressionistischen

Charakteren funkeln.

Seine Orchesterkollegen zeigen da

nicht so viel Sinn, auch nicht für das Zusammenspiel

mit ihrem Konzertmeister.

Fehlende Rückendeckung ebenso bei

Strawinsky: Wo der Solist Inbrunst und

Eindringlichkeit offenbart, verweigert

Flor konsequent die Emotionen und raubt

dem Werk einen Teil seiner Energie. _ CF

Unspielbar

43


44

CELLOMUSIK CD

Spätbarock – Moderne 1720 – 2003

Diverse _ Cello Portrait

Cello: Beate Altenburg

Arte Nova/BMG 82876 58142 2

Es gibt Künstler, die mit technischen

Mätzchen imponieren wollen. Andere

stellen ihre Virtuosität uneitel in den

Dienst der Werke und faszinieren

durch eine scheinbare Leichtigkeit.

Wie Beate Altenburg: Für ihre Debüt-

CD hat die Kölnerin echte Herausforderungen

gewählt, fesselt aber vor allem

durch Sensibilität für Fragiles (Halffter,

Kurtág) und starke Ausdruckskraft

(Jolivet). Feine Nuancen im Vibrato lassen

ebenso aufhorchen wie Phrasierungen,

in denen sie dem Atem der

Stücke nachlauscht. Und dass eine 28-

Jährige den Tonfall von Mahnung und

Klage derart berührend trifft, zeugt von

staunenswerter Tiefsinnigkeit. ____ CF

Tiefsinnig

ORCHESTERMUSIK SACD

Spätromantik 1903

Gustav Mahler _ Sinfonie Nr. 5 cis-Moll

Bamberger Symphoniker/Jonathan Nott

Tudor 7126

„Die Fünfte ist ein verfluchtes Werk. Niemand

capiert sie“, orakelte Mahler. Dabei

ist dies Bekenntnis-Werk ein echter

Krimi, den Jonathan Nott mit packenden

Tempo- und Stimmungswechsel verdeutlicht.

Der Ausbruch des komponierten

„Entsetzen“ im Trauermarsch, die

Höllenfahrt, die Doppelbödigkeit des

Scherzos, die Zuspitzung zum Himmlischen

im berühmten Adagietto: Hier

wird ein fesselnder Seelenroman erzählt.

Klar, dass die auf Ausgewogenheit bedachten

Gemüter der Mahler-Zeit solche

Blicke in den Abgrund verfluchten. Dieses

düstere Vorkriegs-Welttheater versprüht

giftige Unruhe und Verstörung –

Spätschäden nicht ausgeschlossen. __ CF

Zerrissen

KAMMERMUSIK CD

Spätromantik 1875 – 1917

Gabriel Fauré _ Sämtliche Werke für

Violine und Klavier

Violine: Alban Beikircher, Klavier: Roy Howat

Arte Nova/BMG 74321 92763 2

Wer ist Gabriel Fauré? Ein Star des Pariser

Fin de Siècle, Lehrer von Maurice

Ravel. Uns ist er allenfalls durch Vokalwerke

bekannt (wunderschöne Verlaine-Lieder

und ein Requiem), weniger

als Schöpfer von Violinmusik. Zwei Juwelen

sind auch seine Theatermusiken

zu Molières „Bürger als Edelmann“ und

Dumas‘ „Caligula“, hier von Pianist Roy

Howat für Geige und Klavier arrangiert.

Den beiden Musikern fehlt es oft an

Ruhe, wo ein freieres Zeitmaß angebracht

wäre. So plätschern die „Berceuse“

und beide Sonaten akademisch

korrekt dahin. Aufregend hingegen

Faurés Harmonik: Sie erinnert an viel

später entstandene Jazzstücke. ____ MR

Schön


46

klassik-charts 6/04

1 (6)

J. S. Bach _

Goldberg-Variationen

Martin Stadtfeld

Sony SK 93101

2 (1) > Interview S. 12

Diverse _

Opera Arias

Wiener Philharmoniker/

G. Noseda, A. Netrebko

DG 474 240-2

3 (3) > Interview S. 12

Anna Netrebko _

The Woman – The Voice

Regie: Vincent Paterson

DG 073 230-9 (DVD)

4 (-) > CD-Rezension S. 39

Diverse_

Live at Carnegie Hall

Lang Lang

DG 474 820-2

5 (2) > CD-Rezension S. 36

Antonio Vivaldi _

Vivaldi’s Cello

Amsterdam Baroque

Orchestra,Yo-Yo Ma

Sony SK 90916

© 2004

6 (7)

7 (5)

8 (4)

9 (8)

10 (15)

Diverse _ Tenor Arias

Orchestra Sinfonica

di Milano, J. Calleja

Decca 475 250-2

Diverse _ Widmung –

Romantische Lieder

Thomas Quasthoff,

Justus Zeyen

DG 474 501-2

Antonio Salieri _

The Salieri Album

Orchestra of the Age of E./

A. Fischer, Cecilia Bartoli

Decca 475 100-2

Antonio Vivaldi _

The Vivaldi Album

Berliner Philharmoniker,

Nigel Kennedy

EMI 5 57647 2

S. Rachmaninow _

Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Boston SO/Seiji Ozawa,

Krystian Zimerman

DG 459 643-2

Ermittelt i. A. des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft, Hamburg.

Weitere Entertainment-Verkaufscharts: Top 100 Musik, Kino,Video, Buch, Games. www.media-control.com

OPER DVD OPER 2 DVD

Benjamin Britten _ Billy Budd

English National Opera/David Atherton,

Solisten: R. van Allan, P. Langridge u.a.

Arthaus Musik 100 278

Wahrlich britisch-unterkühlt, diese

Oper: ein Schiff, ein Kapitän und seine

Besatzung auf hoher See. Keine Frauen.

Diese Seefahrt ist alles andere als lustig:

Der jugendlich-unschuldige Titelheld

Billy Budd gerät in einen Strudel finsterer

Machenschaften, wird Opfer von Verschwörung

und Heimtücke. Eine Story,

schwarz wie die Tiefen des Meeres.

Die Solisten sind allesamt erste Wahl,

allen voran Richard van Allan als fieser

Strippenzieher John Claggart. Tim Alberys

Inszenierung geht unter die Haut! _ RW

Sturmgepeitscht Entstaubt

Richard Wagner _ Götterdämmerung

Staatsoper Stuttgart/L. Zagrosek,

Solisten: L. DeVol u. a., Regie: P. Konwitschny

TDK DV-OPRDNG

Die „Götterdämmerung“, der letzte Teil

von Wagners „Ring des Nibelungen“, zerreißt

das Netz aus Leidenschaft, Lüge, Verrat

und Vertrag. Die alte Götterwelt geht

unter, mit ihr der naive Held Siegfried, Opfer

des todbringenden Intrigengeflechts.

Konwitschnys Ansatz, in der Tragödie

die komischen Seiten zu suchen, geht in

vielen Szenen auf. Blutige Blutsbrüderschaft

ist heutzutage eben nicht mehr gefragt.

Dem Ensemble gelingt eine schöne

musikalische Gesamtleistung. Eine

Inszenierung für offene Geister. __ DK

47


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Sinfonien,dirigiert von David Zinman und einem qualitativ hochwertigen Kopfhörer der

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lexikon


IMITATION _ Kompositionstechnisches Verfahren: Ein in einer Stimme gespieltes

Motiv (z.B. in der Flöte) wird von einer anderen Stimme beantwortet, imitiert

(z.B. im Fagott). Für den aufmerksamen Hörer immer eine Bestätigung der

eigenen Hörfähigkeiten.

IMPRESSIONISMUS _ Der ästhetische Abschied von der Romantik, um 1900

von den Franzosen initiiert. Wichtiger Impuls war die Distanz zum spätromantischen

Pathos Wagners. Die Musik sollte nur den Eindruck eines Naturzustands

vermitteln, ihn nicht dramatisieren. Die Tonalität wurde freier. Wegbereiter: Satie.

Stars: Debussy und Ravel.

IMPROMPTU _ Klavierstücktypus der Romantik mit der Attitüde des „spontanen

Einfalls“, in der Regel aber durchkomponiert, nicht improvisiert. Wegbereiter der

Salonmusik.

INTERMEZZO _ Siehe Impromptu. Der Titel verspricht noch mehr Kurzweiligkeit.

In italienischen Opern bezeichnet Intermezzo ein unterhaltsames Zwischenstück.

INTRODUKTION _ Musikalische Ankündigung. Sehr wichtiges Formelement:

Achtung, es geht los! Oder: Auf was müssen wir uns da einstellen? Der Hörer wird

dramaturgisch und/oder musikalisch auf das Kommende vorbereitet. Längere

Introduktionen sind die Ouvertüre oder das Präludium.

INVENTION _ Instrumentalstücktypus des Barock, ein musikalisches Lehrstück

über die Raffinesse im Setzen von Tönen. Kein Tastenkünstler kommt an den zweiund

dreistimmigen Inventionen von J. S. Bach vorbei. Hier soll der Musiker mit

sparsamsten Mitteln über des Komponisten Erfindungsreichtum erfahren.

HÖRBEISPIEL

IMPROMPTU

Frédéric Chopin _ Impromptu I–III, Fantaisie-Impromptu u. a.

Klavier: Jon Nakamatsu

(harmonia mundi HMU 907244)

präsentiert von

49


50

für einsteiger

NACH DRAUSSEN?

Bei Strandmatte und Sonnenmilch

denken Sie an Mallorca? Picknickkorb

und kalten Sekt verbinden Sie

mit einem Ausflug aufs Land? Denken

Sie doch mal an Mozart und Verdi –

denn es ist Festival-Saison!

Klassik unter freiem Himmel erfreut

sich großer Beliebtheit – und ist

für alle was. Ob örtliches Jugendorchester

oder Kirchenchor, an einem

sonnigen Nachmittag ist jede Live-

Musik großartig. Die sonst übliche

Etikette bleibt zuhause. Bringen Sie

Kinder mit: Können die in der ersten

Reihe nicht mehr still sitzen, stört es

nicht, wenn der Nachwuchs auf die

Wiese spielen geht. Kleiderzwang gibt

es auch keinen und kulinarischer

Genuss ist meist nicht nur erlaubt,

sondern erwünscht. Außerdem sind

manche Veranstaltungen umsonst!

Daneben gibt es aber auch jene Konzerte,

die einfach nur vom Saal nach

draußen verlegt wurden. Oder von der

Opernbühne ins Stadion oder Amphitheater

wie in Verona. Da gelten dann

ähnliche Anstandsregeln wie in der

Philharmonie und statt Sekt perlt

Champagner im Glas. Ob es sich

lohnt, dafür Geld auszugeben? Die

Akustik ist meist mies und oft sieht

man nur auf eine Leinwand statt auf

die (meilenweit entfernte) Bühne. Aber

Verona ist auf jeden Fall eine Reise

wert. Wenn Sie am nächsten Tag noch

den Balkon von Romeo und Julia besichtigen

wollen, hat das auch was für

sich, denn es ist ja „Open Air“. ____ EJ

Anschrift _ classix, Stephanstr. 15, 10559 Berlin, Tel. (0 30) 3 95 91 50,

impressum

redaktion@classix-mag.de _____ Herausgeber _ Helge Birkelbach,

hb@classix-mag.de _____ Chefredakteur (V.i.S.d.P.) _ Helge Birkelbach

_____ Textredaktion _ Alexander Hollensteiner _____ Mitarbeiter _ Felix

F. Falk, Christoph Forsthoff, Eva Junghänel, Dorothea Kirschbaum,

Teresa Pieschacón-Raphael, Markus Reschtnefki, Jens Schellhammer, Markus Tschiedert, Robert Waltemath,

Thorsten W. Weber _____ Art Direction _ Karsten Greve, greve@pilot-fish.de _____ Reinzeichnung, Litho _

Ahmed Kusserow _____ Bildredaktion _ Jacek Slaski _____ Fotos _ Archiv, Deag, Simon Fowler/EMI, Dejan Patic,

Roger Tidman/Corbis _____ Druck _ Lochmann Grafische Produktion GmbH, Berlin _____ Vertrieb _ Dinamix

Werbemedien, Dussmann das KulturKaufhaus, Hempf Prigge Promotion, Sorat Hotels _____ Anzeigen und

Koops _ poolmate, Christoph Hömberg, Tel. 07 00 – 76 65 62 83, choemberg@poolmate.de

Es gilt Anzeigenpreisliste Nr. 2 b vom 1. 6. 2004 ___ classix-Schriftzug unter Verwendung des Fonts TradeMarker

von Critzler _____ Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Herausgebers. Keine Haftung für

unverlangt eingesandte Fotos, Datenträger und Manuskripte. _____ © 2004 classix/H. Birkelbach

Martha Argerich gehört zu den berühmtesten und

einflussreichsten Künstler-Persönlichkeiten des Musiklebens unserer

Zeit; seit Jahren kümmert sie sich auch um den musikalischen

Nachwuchs. Ihre Suche nach jungen Pianisten, die in den kommenden

Jahrzehnten das künstlerische Erbe antreten können, führte

zum Progetto Martha Argerich, in dessen Rahmen sich auf dem Internationalen

Musikfestival Lugano junge Pianisten dem Publikum

vorstellen – hoffnungsvolle Talente, die in diesem Zusammenhang

bei EMI Classics mit zwei weiteren Recitals der Serie Martha Argerich

Presents ihre diskografischen Debüts geben.

Martha Argerich presents:

ALEXANDER GURNING

STRAWINSKY

3 Sätze aus Petruschka

DEBUSSY 6 Préludes, Images,

Prélude a l’après-midi d’un faune

(transkr. von Leonard Borwick) etc.

Alexander Gurning, Klavier

CD 5 62665 2

Martha Argerich presents:

POLINA LESCHENKO

LISZT Rhapsodie espagnole,

Paganini-Etüde Nr.6 etc.

KREISLER/RACHMANINOFF

Liebesleid · CHOPIN Introduction

et Rondo op.16 etc.

BRAHMS Paganini-Variationen etc.

POLINA LESCHENKO Klavier

CD 5 62666 2

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