ÜBER RELIGION INS GESPRÄCH KOMMEN - Religionslehrer im ...

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Christentum nur dann noch not-wendig ist, wenn es zum Aufbau der

normativ bestimmten Persönlichkeit beiträgt. Und er erläutert:

„Es geht also darum, dem Menschen zu ermöglichen, noch menschlich zu

leben in einer Welt, die nach ihren Bauprinzipien auf seine Persönlichkeit

keine Rücksicht nimmt. Es geht darum, Menschen zu helfen, noch Person

zu sein in einer Welt, die von ihren Strukturen her sie immer nur partiell

beansprucht, ihnen nur bestimmte, rollenmäßig definierte Leistungen

abverlangt und dafür im Tausch spezifische Belohnungen anbietet. Es geht

noch tiefer um die Frage, wie der Mensch sich als einer vorkommen kann,

der sich akzeptiert weiß, der sich geliebt weiß, der in sich hineinblicken

kann, der ruhig werden kann, der weiß, wer er selbst ist. Wenn die

vorangehenden Analysen zutreffen, so liegt das spezifisch religiöse Moment

der Neuzeit gerade in diesen Formen der Selbstfindung.“ 100

Christen haben, so Kaufmann, die Aufgabe, gegen das „bloße Überleben“

eine Aussage über „die höchste Bestimmung des Menschseins“ zu wagen.

„Nur solange wir selbst daran glauben, daß die Hoffnung auf Erlösung

etwas anderes ist als die Hoffnung auf die Flasche, solange wir als Christen

die Hoffnungen wach halten, daß der Mensch in seiner eigenen, normativen

Selbstbestimmung zu Höherem befugt ist, kann der christliche Glaube Heil

vermitteln.“ 101

Und, so ist fortzufahren, nur so kann der christliche Glaube motivieren, sich

im Kampf gegen praktischen Nihilismus zu solidarisieren mit all jenen,

„denen es nicht um das bloße Überleben, sondern um ein

menschenwürdiges Leben geht.“ 102

Im Klartext: Kaufmanns Anliegen ist nicht das Überleben des Christentums

an sich, die Vermittlung eines abstrakten Wahrheitsanspruchs, einer Lehre,

sondern seine Überlegungen gehen in die Richtung, wie sich das

Christentum als höchste Möglichkeit möglichen Menschseins für die

Menschen erweisen kann, als Hilfe zur Selbstfindung in der

Auseinandersetzung mit konkurrierenden Sinnangeboten, als Hilfe zur

Menschwerdung, die das Zentrum der christlichen Botschaft darstellt. So

will Kaufmann mit seinen vier Stufen des religiösen Indifferentismus

beileibe keine Denkweisen festschreiben und etikettieren, sondern den Blick

für den religiösen Standort des Einzelnen, in unserem Fall des Schülers

100 Ebd. S. 74.

101 Ebd. S. 74.

102 Ebd. S. 74.

Christina Fabian-Heidrich, Über Religion ins Gespräch kommen, 2002 40

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