BQN Arbeitspapier 1 -Jugendliche Migrantinnen und Migranten in ...

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BQN Arbeitspapier 1 -Jugendliche Migrantinnen und Migranten in ...

Arbeitspapier des BQN Emscher-Lippe Nr. 1

Jugendliche Migrantinnen und

Migranten in der Region Emscher-Lippe

Probleme und Chancen beim Übergang Schule – Beruf

Eine Situationsanalyse

Gelsenkirchen 2003


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Berufsfortbildungswerk des DGB, Gelsenkirchen 1

Jugendliche Migrantinnen und Migranten in der Region Emscher-Lippe

Probleme und Chancen beim Übergang Schule – Beruf / Eine Situationsanalyse

Inhalt:

1. Einleitung

2. Die Problemfelder im Überblick

3. Fehlende Sprachkompetenz und niedrige Schulabschlüsse als zentrales

Problem

4. Hürdenlauf zum Ausbildungsplatz - Das Handlungsfeld des Übergangs

zwischen Schule und Beruf

5. Wege zur Gewinnung von Unternehmen und zur Verbesserung der

Ausbildungsberatung für jugendliche Migrantinnen und Migranten

6. Die Rolle der Eltern und der Migrantenorganisationen im Übergang Schule –

Beruf

7. Das Problemfeld „Öffentlichkeit“

8. Wissenschaftliche Erkenntnis für die Region, in der Region und über die Region

9. Vernetzung innerhalb von Kommunen und in der Region

10.Bestehende Netzwerke in der Region Emscher-Lippe

11.Benutzte Literatur

Anhang

1. Einleitung

Die Planungsregion Emscher-Lippe umfaßt 12 Kommunen: die Städte Gelsenkirchen

und Bottrop sowie den Kreis Recklinghausen mit Recklinghausen, Gladbeck,

Castrop-Rauxel, Datteln, Dorsten, Haltern, Herten, Marl, Oer-Erkenschwick und

Waltrop. Hinsichtlich der Situation am Arbeitsmarkt erscheint Emscher-Lippe als eine

Region der Extreme: Sie hat eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Deutschland,

die höchste Arbeitslosenquote bei Ausländern und die schlechteste Ausbildungs-

Nachfrage-Relation bei den Lehrstellen in West-Deutschland.

Im folgenden Bericht zur BQN-Vorphase differenzieren wir dieses Bild der Region

und betrachten die Situation jugendlicher Migrantinnen und Migranten und ihre

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Der vorliegende Bericht fasst die Ergebnisse der Vorphase zur Errichtung eines beruflichen

Qualifizierungsnetzwerks für jugendliche Migrantinnen und Migranten (BQN) in der Region Emscher-

Lippe zusammen. Er beruht auf Recherchen, die zwischen Januar und April 2003 durchgeführt

wurden. Die verantwortliche Durchführung lag beim Berufsfortbildungswerk des DGB, Gelsenkirchen

(bfw). Kooperationspartner waren das Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung

(RISP) an der Universität Duisburg-Essen, das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung

(DISS) sowie die Firma S+H Münster. An der Recherche beteiligt waren Ursula Kreft (bfw), Ralf Stock

(bfw), Eva Kaewnetara (RISP), Dr. Hans Uske (RISP), Dr. Margarete Jäger (DISS), Björn Carius

(DISS), Peter Hunke (S+H) und Dr. Hartmut Schröder (S+H).


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besonderen Probleme beim Übergang von der Schule zum Beruf. Wir beschreiben

zunächst die in der BQN-Vorphase identifizierten Problem- und Handlungsfelder und

gehen dabei auch auf Beispiele guter Praxis und innovative Ideen ein. Vor diesem

Hintergrund werden wir dann auf in der Region vorhandenen Netzwerke eingehen,

die für unser BQN relevant sind.

Im Rahmen der BQN-Vorphase haben wir mit rund 50 regionalen Akteuren und

Akteurinnen intensive Gespräche, darunter 25 mehrstündige Interviews, über die

Probleme jugendlicher Migranten und Migrantinnen bei der Lehrstellensuche geführt.

Wir haben mit diesen Expertinnen und Experten aus Unternehmen, Gewerkschaften,

Kammern, Arbeitsämtern, Migrantenorganisationen, Jugendämtern, Sozialämtern,

Kulturvereinen, Schulen, Kindergärten, Netzwerkakteuren und Wissenschaftler/innen

auch die Idee eines BQN-Emscher-Lippe diskutiert. Wir haben außerdem das

vorhandene Datenmaterial analysiert, die Medien der Region einer Analyse

unterzogen und in einem Workshop mit regionalen Akteuren und Akteurinnen die

wichtigsten Zwischenergebnisse der BQN-Vorphase diskutiert.

In einer der schwierigsten Arbeitsmarktregionen Deutschlands werden wir mit

unserem BQN-Vorhaben mit Sicherheit nicht die beruflichen Übergangsprobleme von

jugendlichen Migranten und Migrantinnen in der Region lösen können. Wir können

jedoch zeigen, wie in solchen Regionen durch die Förderung endogener Potentiale,

die Steigerung von Lernfähigkeit und das gezielte Hineintragen guter Ideen und

Erfahrungen aus anderen Regionen messbare Erfolge erzielt werden können.

2. Die Problemfelder im Überblick

Jugendliche Migrantinnen und Migranten, die in der Emscher-Lippe-Region eine

Lehrstelle suchen, haben in der Regel nur geringe Chancen, einen Ausbildungsplatz

auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. In den Gesprächen und Interviews mit

regionalen Akteuren und Akteurinnen werden drei Faktoren häufig hervorgehoben:

- In der Region fehlen generell Ausbildungsplätze. Von diesem Mangel sind

Jugendliche mit Migrationshintergrund in der Regel stärker betroffen als ihre

Altersgenossen, da zusätzliche Probleme hinzu kommen:

- Jugendlichen Migrant/innen fehlt häufig ein ausreichend guter Schulabschluß.

- Sie haben häufig Probleme mit der deutschen Sprache.

Es gibt verschiedene Daten, die die Lage auf dem Ausbildungsmarkt beschreiben;

die Region Emscher-Lippe gehört aber stets zu den Schlußlichtern in der Statistik.

Der Berufsbildungsbericht 2002 (S.278) weist für den Arbeitsamtsbezirk

Gelsenkirchen (mit den Städten Gelsenkirchen, Bottrop und Gladbeck) mit 89,2 die

schlechteste Angebot-Nachfrage-Relation bei den Ausbildungsplätzen in West-

Deutschland aus. Nur drei brandenburgische Bezirke zeigen eine noch schlechtere

Relation. Etwas besser aufgestellt ist der Arbeitsamtsbezirk Recklinghausen; er liegt

jedoch mit 95,8 immer noch deutlich unter dem Landesdurchschnitt in NRW.

Ein noch düstereres Bild zeigt die aktuelle Statistik zur Relation der noch

unbesetzten Berufsausbildungsstellen zu den noch nicht vermittelten Bewerberinnen

und Bewerbern (Landesarbeitsamt NRW 2003, S.7). Danach stehen im

Arbeitsamtsbezirk Gelsenkirchen für 100 noch nicht vermittelte Bewerber/innen nur

38 unbesetzte Ausbildungsplätze zur Verfügung. Mit 83 unbesetzten Plätzen auf 100


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Bewerber/innen liegt der Arbeitsamtsbezirk Recklinghausen ebenfalls unter dem

Landesdurchschnitt von 86. Das benachbarte Münster weist dagegen eine Relation

von 100 zu 180 unbesetzten Lehrstellen auf.

Nach Auskunft des Arbeitsamtes Gelsenkirchen ist zudem die Zahl der

Ausbildungsplätze im laufenden Jahr stark rückläufig. In Gelsenkirchen und

Gladbeck stellt danach der Arbeitsmarkt rund ein Drittel weniger Ausbildungsstellen

zur Verfügung als im vergangenen Jahr. Mit einem Rückgang von zwölf Prozent ist

die Situation in Bottrop ebenfalls ernst.

In den zahlreichen Gesprächen und Interviews, die wir im Rahmen der BQN-

Vorphase geführt haben, spiegeln sich diese Befunde fast überall wider. Da das

Angebot an Ausbildungsplätzen in Emscher-Lippe erheblich geringer ist als in

anderen Regionen, treffen die Jugendlichen also auf ungünstige strukturelle

Rahmenbedingungen. Als Gründe werden die immer noch weiter wegbrechende

montanindustiell geprägte Wirtschaftsstruktur und ein nicht wirklich gelungener

Strukturwandel genannt. Trotz aller Bemühungen, neue Geschäftsfelder zu

erschließen, sei es in der Region nicht gelungen, eine gesunde Mischstruktur zu

schaffen, die frühere Arbeitsplatzverluste auch nur annähernd ausgleichen könne.

Hinzu kommen nach Ansicht vieler Geprächspartner/innen die aktuellen

konjunkturellen Probleme, die Handwerk und Mittelstand veranlaßten, sich aus der

Ausbildung noch stärker zurückzuziehen als in den vergangenen Jahren. Die

Probleme des Ruhrgebiets sind also in der Emscher-Lippe-Region besonders

ausgeprägt. In diesem Zusammenhang wird in mehreren Interviews die Ansicht

vertreten, daß Gemeinden und Wirtschaftsförderung auf die aktuelle Krise nicht

angemessen reagieren. Aus Angst vor den Kosten würden inzwischen auch gute

Ansätze zur Ausbildungsförderung nicht realisiert. Zwar sagten alle kommunalen

Akteure „Wir müssen Ausbildungsplätze schaffen“, aber die Prioritäten würden häufig

doch anders gesetzt.

Neben den ökonomischen Rahmenbedingungen sehen die Gesprächspartner/innen

jedoch eine Reihe weiterer wichtiger Faktoren, die dazu beitragen, daß viele

jugendliche Migrantinnen und Migranten sehr viel geringere Chancen auf eine

Lehrstelle haben als viele ihrer Altersgenossen. Dazu gehören in erster Linie

schlechtere Schulabschlüsse und fehlende oder zu geringe Sprachkenntnisse im

Deutschen.

Hier ist allerdings eine mehrfache Differenzierung der Zielgruppe nötig. In den

Gesprächen wurde immer wieder deutlich, daß pauschale Aussagen über „die

Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ zur Situationsbeschreibung wenig geeignet

sind. Vielmehr beeinflußt der soziale Hintergrund der Familien und der Grad ihrer

Bildungsferne oder Bildungsnähe die Schulleistungen, die Auswahl der

Schullaufbahn (z. B. die Wahl der weiterführenden Schule) und auch die Fähigkeit,

den Übergang zwischen Schule und Ausbildung strukturiert zu bewältigen.

Jugendliche Migrantinnen und Migranten mit hoher Schulausbildung (z. B. mit Abitur)

haben nach Auskunft der Interviewpartner/innen in der Regel dieselben Probleme

und Chancen auf dem Ausbildungsmarkt wie ihre Mitschüler/innen ohne

Migrationshintergrund. Als problematisch wird die Situation jugendlicher Migrantinnen

und Migranten geschildert, die aus eher bildungsfernen Schichten kommen. Sie

bilden die Mehrheit innerhalb der Gruppe der Migrant/innen.


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Zwei besonders stark betroffene „Problemgruppen“ wurden von den befragten

Akteuren und Akteurinnen immer wieder genannt: die muslimischen (nicht nur

türkischstämmigen) Jugendlichen, die allerdings mit Abstand die zahlenmäßig größte

Gruppe stellen, und jugendliche Spätaussiedler und Spätaussiedlerinnen, die seit

einigen Jahren als „neue Migranten und Migrantinnen“ aus Russland zugewandert

sind.

Die Frage, warum gerade diese Gruppen beim Übergang Schule – Beruf besondere

Probleme haben, wird von den Interviewpartner/innen unterschiedlich beantwortet.

Einige Gesprächspartner/innen führen vor allem soziale Gründe an: Diese

jugendlichen Migrant/innen sind sozial generell stärker benachteiligt, sie haben

deshalb schlechtere oder niedrigere Schulabschlüsse und bekommen infolgedessen

keine Ausbildungsplätze. Andere Expert/innen sehen schlechte deutsche

Sprachkenntnisse dieser Migrant/innen als Hauptproblem.

Mehrere Interviewpartner/innen verweisen außerdem darauf, daß der Eindruck, von

der alteingesessenen deutschen Bevölkerung nicht akzeptiert zu werden, die

berufliche Eingliederung jugendlicher Migrant/innen zusätzlich erschwert.

Rassistische Angriffe und Attentate, besonders die Morde in Solingen, haben bei der

muslimischen Bevölkerung tiefe Spuren hinterlassen. Anders gelagerte

Integrationsprobleme sehen die Gesprächspartner/innen bei den spät

zugewanderten Jugendlichen aus der Gruppe der Spätaussiedler/innen. Diese

Jugendlichen seien häufig nicht aus eigenem Antrieb, sondern unter dem Druck der

Familie eingewandert, und daher nur schwer zu motivieren.

Ein besonderes Problemfeld stellen in der Region besonders benachteiligte

Jugendliche unter den jungen Migrantinnen und Migranten (aber auch unter den

deutschen) dar. Bei einem derart knapp bemessenen Ausbildungsmarkt wie in der

Emscher-Lippe-Region haben Jugendliche, die einen Hauptschulabschluß ohne

Qualifikation oder einen Sonderschulabschluß haben oder selbst diese Abschlüsse

nicht erreichen, kaum eine Chance auf eine Integration in den Arbeitsmarkt abseits

der „Maßnahmeebene“. Will man diese Jugendlichen nicht fallenlassen, sind gerade

in der Emscher-Lippe-Region besondere Anstrengungen nötig.

Für jugendliche Migrant/innen, die eine Lehrstelle suchen, stehen auch in der Region

Emscher-Lippe eine Reihe von Beratungsangeboten und Maßnahmen zur

Verfügung. Mehrere Interviewpartner/innen verweisen jedoch darauf, daß es trotz

aller Bemühungen in einigen Kommunen eine relevante Zahl von Jugendlichen ohne

Lehrstelle gibt, die nach dem Schulabschluß „verschwinden“, also durch Beratung

und berufsorientierende Maßnahmen nicht erreicht werden.

Fast alle Gesprächspartner/innen sehen die Notwendigkeit, das bestehende Angebot

an Beratungen und Maßnahmen zum Übergang Schule – Beruf zu verbessern. In

den Interviews werden jedoch unterschiedliche Akzente gesetzt. Einige

Gesprächspartner/innen verweisen auf Lücken im kommunalen Angebot, andere

darauf, daß Beratungsangebote nicht abgestimmt seien und Maßnahmeträger häufig

aneinander vorbei arbeiteten. Außerdem wird der Mangel an Kontakten zu

Unternehmen und Wirtschaftsförderung als wichtiges Problem gesehen.


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In den folgenden Kapiteln stellen wir die von den Gesprächspartner/innen

angesprochenen Problemfelder ausführlicher dar. Dabei gehen wir auch auf Good-

Practice-Beispiele und Lösungsansätze ein.

3. Fehlende Sprachkompetenz und niedrige Schulabschlüsse als zentrales

Problem

Der Bereich Sprache wird von allen Gesprächspartner/innen aus der Region als

zentrales Problemfeld bewertet. In den Interviews wird mehrmals betont, daß dieses

hohe Problembewußtsein zum Bereich Sprache auch in Familien mit

Migrationshintergrund verbreitet ist. Den meisten Eltern aus Migrantenfamilien sei

sehr bewußt, daß Sprachkenntnisse für ihre Kinder wichtig sind. Insbesondere

türkische und kurdische Eltern seien hoch motiviert und wollten sich an der

sprachlichen Frühförderung ihrer Kinder aktiv beteiligen. „Pisa ist auch in den

Migrantenfamilien angekommen“, so fasste es einer unserer Gesprächspartner

zusammen.

In den Interviews stellten die Gesprächspartner/innen meist Sprachprobleme im

Deutschen in den Vordergrund. Doch weisen mehrere auch darauf hin, daß der

Bereich des muttersprachlichen Unterrichts ebenso große Beachtung verdient.

Deutschkenntnisse entscheiden über Schulchancen und berufliche Integration

Fast alle Gesprächspartner/innen sehen einen engen Zusammenhang zwischen

Sprachproblemen im Deutschen, den im Durchschnitt schlechteren und niedrigeren

Schulabschlüssen junger Migrant/innen und den Problemen beim Übergang Schule -

Beruf. Jugendliche aus Migrantenfamilien tauchen danach gehäuft bei den

Hauptschulabgängern auf und sind – trotz eines regulären Schulbesuchs - häufig

sprachlich weniger gut sozialisiert als ihre Altersgenossen.

Mit Blick auf den Übergang Schule – Beruf ist das Sprachproblem nach Ansicht

mehrerer Gesprächspartner/innen noch fataler als das Problem der niedrigeren oder

schlechteren Schulabschlüsse. Schulabschlüsse könnten nachgeholt werden, frühe

Versäumnisse im Bereich der Sprachkompetenz, beim Leseverstehen und bei der

Verarbeitung von Texten seien jedoch nur selten noch aufzuholen. Dabei gebe es

viele jugendliche Migrant/innen, die sehr wohl das Potential hätten, höhere

Abschlüsse bis hin zum Abitur zu erreichen. Wegen fehlender Sprachkompetenz im

Deutschen seien viele jedoch spätestens auf den weiterführenden Schulen im

Nachteil.

Nach Einschätzung mehrerer Gesprächspartner/innen steigt außerdem in den

Sonderschulen der Anteil der Kinder aus Migrantenfamilien. Danach sind in

einzelnen Kommunen der Region zur Zeit mehr als 40% aller Sonderschüler/innen

Migrantenkinder. Als Grund dieses Anstiegs wird häufig eine zu geringe

Frühförderung genannt. Kritisiert wird jedoch auch die „Abschiebe-Praxis“ mancher

Grundschulen, in denen es üblich sei, Kinder mit besonderen Problemen viel zu

rasch und zu häufig an die Sonderschulen weiter zu reichen.

Wenn Kinder aus Migrantenfamilien mit nicht ausreichenden Deutschkenntnissen

keine spezielle Frühförderung erhalten, werden Sprachprobleme häufig zementiert


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und belasten die gesamte Schulzeit bis zum Abschluß. Mehrere

Gesprächspartner/innen berichten, daß vorhandene Probleme im Deutschen in

Grundschulen oft nicht beseitigt werden könnten. In den Interviews wird die

unzureichende Frühförderung unterschiedlich begründet:

- Die finanzielle und personelle Ausstattung der Grundschulen sei generell viel zu

gering. Spezielle Frühförderung sei daher oft nicht leistbar. Kindergärten und

Grundschulen arbeiteten außerdem häufig nicht Hand in Hand oder seien

aufgrund der kommunalen Rahmenbedingungen dazu nicht in der Lage. Ansätze

zu integrierten Konzepten der Frühförderung gibt es in der Region jedoch

durchaus. Sie sind aber außerhalb der eigenen Kommune kaum bekannt und

können daher keine nachhaltige Wirkung entfalten.

- Die in Deutschland gängigen Lernkonzepte zum Spracherwerb und zur

Entwicklung der Sprachkompetenz seien untauglich, würden aber trotz neuer

pädagogischer Erkenntnisse weiter praktiziert.

- Obwohl bekannt sei, daß es allen Kindern schade, wenn sie keinen Kindergarten

besuchten, sei der Besuch noch immer nicht selbstverständlich. Eltern aus

Migrantenfamilien schickten ihre Kinder viel zu selten in den Kindergarten.

Mehrere Gesprächspartner forderten denn auch einen gesetzlichen Zwang zum

Kindergartenbesuch. Andererseits existieren zur Ansprache der

Migrantenfamilien in der Region bereits aussichtsreiche Konzepte. Diese

Konzepte setzen nicht auf Zwang, sondern auf Überzeugung und nutzen zur

Ansprache auch die Vermittlung von Migrantenorganisationen. Sie binden die

Eltern in die Arbeit ein und zeigen ihnen Wege, mit denen die Eltern ihre Kinder

auch zu Hause fördern lönnen. Diese Modelle haben bemerkenswerte Erfolge –

aber sie sind zu wenig bekannt.

- Fachkräfte in Kindergärten und Schulen würden für die interkulturelle Arbeit

häufig nicht ausreichend qualifiziert. Sie würden in der Ausbildung nicht auf die

Arbeit mit Migrantenkindern vorbereitet und fühlten sich im Alltag oft mit

Problemen allein gelassen – mit dem Problem, Kinder aus unterschiedlichen

Sprach- und Kulturkreisen gleichermaßen zu fördern, aber auch mit den

Vorurteilen und Stereotypen über „Ausländer“, die in den Medien verbreitet sind

und auch die Arbeit in Kindergarten und Schule beeinflussen. Auch zur

Weiterbildung der Fachkräfte in Kindergarten und Grundschule haben wir jedoch

Ansätze in der Region gefunden.

- Eine besondere Frühförderung von Kindern aus Migrantenfamilien wird nicht in

allen Kommunen der Region als dringende Notwendigkeit gesehen. Eine

Gesprächspartnerin faßte die Situation in ihrer Kommune so zusammen: „Schon

im Kindergarten kommen diese Kinder nicht zurecht. Auch bei der Einschulung

geschieht hier bei uns gar nichts. Die Kinder werden eben ohne

Deutschkenntnisse eingeschult und irgendwie verwurstet.“ Eine Vermittlung von

Best-Practice-Beispielen aus anderen Kommunen (auch außerhalb der Region)

könnte hier das Problembewußtsein erhöhen und Akteure vor Ort unterstützen.

Die meisten unserer Gesprächspartner/innen sehen die Frühförderung in

Kindergarten, Tagesstätte und Grundschule als zentral wichtige Aufgabe. Die

Förderung junger Migrant/innen setze meist zu spät an. Die Frühförderung sei der


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entscheidende Hebel, um die beruflichen Übergangsprobleme von jugendlichen

Migrant/innen mittelfristig zu beheben. Andere weisen darauf hin, daß die

Frühförderung zwar unverzichtbar sei, aber allein nicht ausreiche. Sprachförderung

müsse auch nach der Grundschule fortgesetzt werden.

In weiterführenden Schulen macht sich neben der unzureichenden Sprachkompetenz

im Deutschen ein weiteres Problem bemerkbar, das auch jugendliche Migrant/innen

betrifft, die sich in der Alltagssprache recht gut verständigen können. Neben der

Alltagssprache müssen nun fachsprachliche Kenntnisse gelernt werden, um die

Schule erfolgreich abzuschließen und den Einstieg ins Berufsleben zu schaffen.

Jugendliche mit Migrationshintergrund sind dabei in der Regel stärker gefordert als

ihre Altersgenossen. Wir haben hier erfolgversprechende Ansätze in Schulen

gefunden, die genauer diskutiert werden sollten, so zum Beispiel die Koppelung von

Sprachförderkursen an Unterrichtsfächer und Projekte, um die fachsprachliche

Kompetenz zu stärken. Auch Gesprächspartner/innen, die im Ausbildungsbereich

tätig sind, z. B. in Berufsvorbereitung und außerbetrieblicher Ausbildung, fordern

einen stärkeren Einsatz so genannter „Kombi-Maßnahmen“, bei denen

Sprachunterricht eng mit beruflicher Qualifizierung verzahnt wird und sprachliche

Trainingsphasen sich auf handwerkliche Praxis beziehen.

Hinzu kommen offenbar Probleme in einem Bereich, der in der Sprachwissenschaft

als „diskursives Wissen“ bezeichnet wird. Es handelt sich um ein kulturelles Wissen,

das sich in sprachlichen Bildern, kollektiven Symbolen und assoziativen

Verknüpfungen (Konnotaten) äußert. Ein Gesprächspartner berichtete zum Beispiel

von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund, die trotz eines qualifizierten

Schulabschlusses und recht guter Kompetenz in der deutschen Alltagssprache

erhebliche Probleme bei den betrieblichen Auswahlverfahren zur Ausbildung und bei

der Ausbildung selbst haben. Nach Einschätzung des Gesprächspartners scheitern

sie nicht wegen geringerer Sachkenntnis, sondern weil sie sprachlich nicht flexibel

genug sind. Danach können diese Jugendlichen manche Test- oder Prüfungsfragen

nicht beantworten, weil sie zwar den Inhalt verstehen, aber nicht die fachsprachliche

Formulierung und den assoziativen Hintergrund. Bestimmte sprachliche „Bilder“, die

hinter den Fragen stehen, seien ihnen nicht bekannt. Zum Problem des „diskursiven

Wissens“ bei jungen Migrant/innen gibt es jedoch, soweit uns bekannt, bisher keine

speziellen Untersuchungen.

Generell liegen spezielle lokale Daten zur Sprachkompetenz von Kindern und

Jugendlichen aus Migrantenfamilien nur in sehr wenigen Kommunen vor, und zwar

aus Modellen zur Frühförderung. In mehreren Interviews wird darauf hingewiesen,

daß die Angaben zur Sprachkompetenz und zum Teil auch zum Schulbesuch von

Jugendlichen mit Migratinshintergrund in erster Linie auf Beobachtungen beruhen, da

in der betreffenden Kommune keine systematischen Erhebungen stattfinden oder

aktuelle Daten nicht greifbar sind.

Kinder und Jugendliche aus spät eingewanderten Familien sind besonders stark

betroffen

Besonders große Probleme im Deutschen und in der Schule haben Kinder und

Jugendliche aus spät eingewanderten Familien. Sie werden in den Interviews als

Problemgruppe geschildert, die sehr viel stärker beachtet werden muß als bisher.


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Gravierende Probleme sehen mehrere Gesprächspartner/innen insbesondere bei

Kindern aus spät zugezogenen muslimischen (nicht nur türkischen) Familien und aus

der Gruppe der Spätaussiedler/innen. Hier haben die Eltern oder ein Elternteil keine

oder sehr geringe Deutschkenntnisse. Die Mutter ist zum Beispiel erst nach der

Heirat ohne Deutschkenntnisse aus der Türkei eingewandert, so daß in der Familie

ausschließlich Türkisch gesprochen wird. Auch in Spätaussiedler-Familien wird

häufig kein Deutsch gesprochen. Mehrere Interviewpartner/innen berichten, daß die

Zahl der Spätaussiedler/innen, die ohne Deutschkenntnisse zuwandern, seit einigen

Jahren deutlich gestiegen ist.

Die Gesprächspartner/innen schildern mehrfach die äußerst prekäre Situation dieser

Kinder, die im Kindergartenalter kaum ein Wort Deutsch sprechen und denen es

nicht gelingt, bis zur Einschulung genügend Deutsch zu lernen, um dem Unterricht

halbwegs zu folgen. Für ältere Kinder und Jugendliche aus neu zuwandernden

Familien (z. B. Spätaussiedler/innen, Flüchtlinge) kommt ein weiteres Problem hinzu.

Trotz des Besuchs von Förderklassen sind sie beim Eintritt in Regelklassen

sprachlich häufig noch überfordert, inhaltlich aber oft unterfordert und sozial isoliert,

da sie meist älter sind als ihre Mitschüler/innen. Auch Jugendliche, die eine gute

Schulausbildung aus dem Herkunftsland mitbringen, scheitern in der Regel an der

Sprachbarriere.

Beobachtungen zum Rückgang der Sprachkompetenz im Deutschen

Mehrere Interviewpartner/innen berichten, bei einigen Herkunftsgruppen habe in den

letzten Jahren ein Rückgang der Sprachkompetenz im Deutschen stattgefunden.

Manche Jugendlichen hätten schlechtere Deutschkenntnisse als ihre Eltern.

Ein Rückgang der Deutschkenntnisse wird unter anderem bei Kindern und

Jugendlichen aus muslimischen Familien beobachtet, sogar bei Kindern türkischer

Eltern, die schon länger hier ansässig sind. Als Grund wird häufig eine „Abschottung“

muslimischer Migrant/innen genannt. Manche Gesprächspartner/innen sehen darin

eine grundsätzliche „Verweigerungshaltung“, bei der auch die Religion eine Rolle

spiele. Andere korrigieren diesen Eindruck und warnen vor Pauschalisierungen. Sie

verweisen auf eine Vielfalt unterschiedlicher Haltungen innerhalb der Gruppe der

muslimischen Migrant/innen und beschreiben verschiedene Entwicklungsphasen im

Prozeß der gesellschaftlichen Integration, die auch die Deutschkenntnisse beeinflußt

haben.

Die Integration muslimischer Migrant/innen verlief nach Einschätzung dieser

Gesprächspartner/innen als Wellenbewegung aus Hinwendung und Abwendung. In

muslimischen Familien haben sich danach gesellschaftliche Integration und

Sprachkompetenz im Deutschen bis zum Ende der 80er Jahre recht positiv

entwickelt. Mit der Wiedervereinigung richtete sich die öffentliche Aufmerksamkeit

jedoch stärker auf die neuen Länder; die Integration von Migrant/innen wurde

weniger beachtet und weniger gefördert. Auch öffentliche Debatten über eine so

genannte „Ausländerflut“, vor allem aber rassistische Angriffe und Attentate,

insbesondere die Morde in Solingen, hätten dazu geführt, daß sich muslimische

Migrant/innen zurückzogen. Bei diesem Rückzug sei den muslimischen Familien der

Rückgang der Sprachkompetenz zunächst nicht aufgefallen, da sie eigene

Gruppierungen mit eigener Infrastruktur aufgebaut hatten. Inzwischen habe bei der


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Mehrheit der muslimischen Familien möglicherweise eine Phase der Wiederöffnung

begonnen und zugleich werde nun das Sprachproblem deutlich sichtbar.

In den Interviews wird die These vom Rückgang der Sprachkompetenz jedoch auch

in Frage gestellt. Einige Gesprächspartner/innen weisen darauf hin, daß die

deutschen Sprachkenntnisse junger Migrant/innen im Durchschnitt zwar immer noch

zu gering seien, sich aber in den letzten Jahren nicht verschlechtert hätten. Als

positive Beispiele werden Jugendliche genannt, deren Eltern als

Arbeitsmigrant/innen aus EU-Ländern zugewandert sind, insbesondere aus Spanien,

Griechenland und Italien. Diese Jugendlichen beherrschten das Deutsche in der

Regel ebenso gut wie ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund. Auch habe

bei diesen Jugendlichen eine weitgehende Angleichung der Schulabschlüsse

stattgefunden.

Andere Gesprächspartner/innen bestreiten dagegen auch diese positive

Einschätzung. Sie weisen darauf hin, daß auch bei den Jugendlichen, deren Familie

aus einem der genannten EU-Länder stammt, die Deutschkenntnisse oft nicht

ausreichen, um das Auswahlverfahren bei der Lehrstellenbewerbung zu bestehen.

Insbesondere bei Jugendlichen aus italienischen Familien seien die

Deutschkenntnisse und die Schulabschlüsse in den letzten Jahren deutlich

schlechter geworden, obwohl die Familien zum Teil seit 30 Jahren hier leben. Viele

Jugendliche pendelten mit ihren Eltern häufig zwischen Italien und Deutschland und

erhielten weder hier noch dort genügend Schulunterricht. Inzwischen gebe es

Jugendliche, die Deutsch und Italienisch gleich schlecht sprechen.

Insgesamt werden in den Interviews zum Rückgang der Deutschkenntnisse von

Jugendlichen aus einzelnen Herkunftsgruppen recht unterschiedliche, sich

manchmal widersprechende Einschätzungen formuliert. Dies ist zum Teil auf die

unterschiedlichen Arbeitsfelder und Erfahrungsbereiche der Expert/innen

zurückzuführen. Es unterstützt jedoch auch die Warnung vor pauschalen Aussagen

und zeigt, daß genauere Untersuchungen zur Sprachkompetenz jugendlicher

Migrant/innen notwendig sind.

„In Deutschland hat Bildung mit Geld zu tun“ - Soziale Herkunft und Migration sind

Bildungsrisiken

Mehrere Gesprächspartner/innen wenden sich gegen pauschale Aussagen über „die

Migrantenkinder“. In Debatten werde häufig übersehen, daß es auch in

Migrantenfamilien unterschiedliche Haltungen der Eltern gebe, die den Schul- und

Bildungsweg der Kinder prägen.

Auch gebe es die Tendenz, „die Migration“ für Fehlentwicklungen verantwortlich zu

machen, die tatsächlich – wie die Pisa-Ergebnisse zeigten - durch das deutsche

Schulsystem und seine Lernkonzepte verursacht worden seien. In Deutschland

würden Kinder und Jugendliche aus sozial benachteilgten Familien generell

vernachlässigt. Durch Versäumnisse der Schulpolitik werde jungen Migrant/innen

lediglich noch stärker geschadet als ihren Mitschüler/innen, da Migrantenfamilien oft

noch weniger in der Lage seien, diese Versäumnisse aufzufangen, zum Beispiel

durch Nachhilfe oder intensive häusliche Betreuung. Ein Gesprächspartner betonte:

„Pisa hat deutlich gezeigt, daß in Deutschland das Motto gilt: Bildung hat mit Geld zu


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tun. Und Migrantenfamilien gehören mehrheitlich eher zu den Armen als zu den

Reichen.“

Mehrere Gesprächspartner/innen schildern an Beispielen, daß auch bei

Migrant/innen der Bildungsweg von mehreren Faktoren abhängt, unter anderem vom

Bildungsniveau im Elternhaus, von der familiären Struktur und nicht zuletzt von der

individuellen Lernbereitschaft. Die individuelle Lebens- und Lernsituation werde bei

Kindern aus Migrantenfamilien in der Regel noch weniger beachtet als bei Kindern

aus deutschen Familien. Eine Gesprächspartnerin stellt in diesem Zusammenhang

den derzeit üblichen Sprachunterricht generell in Frage: Man müsse sich ganz

allgemein fragen, ob die hierzulande üblichen Angebote zum Spracherwerb

überhaupt geeignet seien, Kinder angemessen zu fördern, seien sie nun

Migrant/innen oder nicht.

Hinsichtlich der Haltung der Eltern aus Migrantenfamilien zu Bildung und

Spracherwerb wird in einem Interview eine grobe Unterteilung in drei Gruppen

vorgeschlagen. Wir übernehmen hier diese Einteilung, da sie bekannte Ansätze der

Sozialarbeit aufgreift und uns ermöglicht, auch Einschätzungen anderer

Gesprächspartner/innen zu bündeln:

Migrantenfamilien aus bildungsnahen Schichten:

Die Eltern sind selbst gut ausgebildet, sei es im Herkunftsland oder in Deutschland.

Sie haben sich häufig auch in Deutschland weitergebildet und zum Teil einen

sozialen Aufstieg erreicht. Sie legen viel Wert auf Bildung und fördern ihre Kinder in

demselben Maße wie deutsche bildungsnahe Familien. In allen Migrantengruppen

sind Eltern mit dieser Haltung zu finden, allerdings sind sie eine Minderheit.

Migrantenfamilien aus soliden bildungsfernen Schichten:

Diese Eltern wollen ihre Kinder fördern, können es jedoch häufig nicht oder nur bis

zu einem gewissen Grade. Sie sind im Durchschnitt selbst eher schlecht ausgebildet

und haben keine Gelegenheit zur Weiterbildung gehabt. Ihre deutschen

Sprachkenntnisse sind oft gering oder nur „halbwegs alltagstauglich“. Sie können

ihre Kinder vielleicht noch im Kindergarten und teilweise in der Grundschule

unterstützen, aber nicht mehr auf weiterführenden Schulen. Ein Gesprächspartner:

„Diese Eltern hat man seit Jahrzehnten einfach im Stich gelassen. Die

Integrationsbemühungen kommen im Grunde 30 Jahre zu spät.“ Unterstützung

suchen die Eltern häufig bei den örtlichen Hausaufgabenhilfen, die inzwischen

mehrheitlich Kinder aus Migrantenfamilien betreuen.

Den Eltern fehlen außerdem wesentliche Informationen: Sie haben keine oder nur

geringe Kenntnisse über das deutsche Schulsystem, über das System der Dualen

Ausbildung und über Ausbildungsberufe. Sie werden in den Interviews jedoch auch

als hochmotivierte Partner/innen der Kindergärten und Schulen geschildert, die sich

engagieren, wenn sie in der richtigen Art und Weise angesprochen werden.

Migrantenfamilien aus vernachlässigenden Schichten:

Diese Eltern sehen für sich selbst keine Perspektive. Sie nehmen eine resignative

Haltung ein und können daher auch ihren Kindern keine Orientierung geben. Häufig

können sie sich nicht von den prekären Lebensumständen im Herkunftsland lösen.

Da sie selbst früher zum Beispiel gezwungen waren, durch Gelegenheitsjobs zu

überleben, können sie sich auch für ihre Kinder nichts anderes vorstellen. Eine


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Ansprache dieser Familien ist nach Auskunft der Gesprächspartner/innen ebenso

schwierig wie bei vergleichbaren deutschen Familien.

Neben dem Bildungsniveau im Elternhaus beeinflußt die familiäre Struktur die

Fähigkeit der Kinder, sich für Neues zu öffnen und sich von den Eltern zu lösen und

damit auch den Spracherwerb. Einige Gesprächspartner/innen berichten, daß sich

die familiären Strukturen in manchen Migrantenfamilien im Laufe der letzten Jahre

eher verengt hätten. Manchen Jugendlichen aus Migrantenfamilien falle es daher

schwerer als ihren Altersgenossen, sich vom Elternhaus zu lösen und sich zum

Beispiel eine eigene Wohnung zu suchen. Sie entwickelten häufig die Vorstellung

„Meine Eltern brauchen mich“ und vermieden daher Aktivitäten, die den Eindruck

erwecken könnten, sie wollten ihre Eltern im Stich lassen und sich von der

Herkunftsfamilie abwenden.

Die Bedeutung des muttersprachlichen Unterrichts

Zur Herkunftssprache und damit auch zum muttersprachlichen Unterricht zeigen die

Interviews konträre Sichtweisen.

Manche Gesprächspartner/innen sehen den Gebrauch der Herkunftssprache in

erster Linie als Problem. Die sprachliche und berufliche Integration werde durch den

häufigen Gebrauch der Muttersprache behindert oder sogar verhindert.

Spätaussiedler/innen zum Beispiel haben danach eine Vorliebe für bestimmte

Wohnbezirke, in denen sie „ganz unter sich“ bleiben können. Dies fördere die

Tendenz, untereinander nur Russisch oder Polnisch zu sprechen. Dadurch werde

jeder Sprachkurs in kurzer Zeit zunichte gemacht und die sprachliche Integration von

Kindern und Jugendlichen verhindert. Auch junge Migrant/innen aus türkischen

Familien sonderten sich häufig ab. Sie vermieden Situation, in denen sie Deutsch

sprechen müßten, und „flüchteten“ in Qualifizierungsmaßnahmen so oft wie möglich

ins Türkische. In berufsvorbereitenden Maßnahmen und in der Ausbildung müsse

daher der Gebrauch der Muttersprache untersagt sein.

Andere Gesprächspartner/innen fordern dagegen einen guten und kontinuierlichen

muttersprachlichen Unterricht. Sie beziehen sich auf Untersuchungen, die belegen,

daß Kinder und Jugendliche, die ihre Muttersprache gut beherrschen, die

Zweitsprache leichter lernen können. Auch Erfahrungen in Schulen der Region

zeigten, daß muttersprachlicher Unterricht das Lernen der deutschen Sprache

begünstige. Der Stellenabbau bei muttersprachlichen Lehrkräften durch das Land

NRW wird daher mehrfach kritisiert. Die meisten Schulen seien nun nicht mehr in der

Lage, ausreichenden und vor allem qualifizierten Unterricht anzubieten. Es gibt

jedoch auch Verständnis für die Kürzungen der Landesregierung: Statt den

muttersprachlichen Unterricht – wie bisher zum Teil üblich – mit manchmal wenig

qualifizierten Lehrkräften anzubieten, sei es besser, zum Beispiel das Türkische als

Fremdsprache in den Regelunterricht zu integrieren und gut ausgebildete Lehrkräfte

einzustellen.

Eine Interviewpartnerin weist darauf hin, daß in länger hier ansässigen türkischen

Familien die Türkischkenntnisse geringer würden. Tatsächlich gebe es inzwischen

viele türkische junge Eltern, die kein Türkisch bzw. nur noch ein rudimentäres

Türkisch sprechen. Dies gelte besonders für Arbeiterfamilien, die eher bildungsfern

seien. Für diese Familien sei es auch eine Prestigefrage, die Kinder zum


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muttersprachlichen Unterricht zu schicken. Im Rahmen der BQN-Vorphase konnten

wir leider nicht klären, ob diese Beobachtung zum Rückgang von

Türkischkenntnissen in jungen Familien eher Einzelfälle oder eine allgemeine

Tendenz beschreibt. Auch ist es zunächst schwierig, eine solche Entwicklung zu

beurteilen. Wenn man andere Beobachtungen aus den Interviews mit heranzieht,

drängt sich die Vermutung auf, daß es inzwischen Kinder und Jugendliche aus

türkischen Familien gibt, die weder Deutsch noch Türkisch wirklich beherrschen.

Bei Forderungen nach einem besseren muttersprachlichen Unterricht in Schulen

steht das Türkische als Muttersprache der Mehrheit der Migrant/innen in der Region

deutlich im Vordergrund. In den Schulen wird denn auch das Türkische – trotz aller

Kürzungen – noch vergleichsweise häufig angeboten. Alle anderen Sprachen werden

in den Schulen noch seltener, nur am Nachmittag oder gar nicht angeboten.

Angesichts der Debatten über „leere Kassen“ und angesichts der Vielfalt der

Sprachen (in der Stadt Gelsenkirchen zum Beispiel sind rund 100 Nationalitäten

offiziell registriert) dürfte es den Schulen tatsächlich schwer fallen, eine auch nur

annähernd gleichartige Berücksichtigung aller Muttersprachen zu verwirklichen.

Migrantenorganisationen haben in einigen Kommunen Aufgaben der

Sprachförderung übernommen, zum Teil in Kooperation mit der örtlichen

Volkshochschule. Einige Vereine organisieren muttersprachlichen Unterricht, bieten

aber auch Deutschkurse für neu zugewanderte Familien an und kümmern sich um

die Integration von Neuankömmlingen. Solche Aktivitäten von Migrantenvereinen, die

versuchen, einen offensichtlichen Mangel zu beheben, kommen jedoch nur in

wenigen Interviews zur Sprache, werden dort aber als erfolgreiche Beispiele

geschildert und positiv bewertet. Auf die Frage nach der Zusammenarbeit zwischen

Migrantenorganisationen und regionalen Akteuren und Akteurinnen ohne

Migrationshintergrund, kommen wir an anderer Stelle zurück.

Im Zusammenhang mit dem muttersprachlichen Unterricht wird auch der „Defizit-

Ansatz“ kritisiert. Bei vielen Debatten zur Migration und bei Maßnahmen werden

danach immer noch Defizite, zum Beispiel Sprachdefizite im Deutschen, stark betont,

während Kompetenzen nicht wahrgenommen werden. Daß Kinder und Jugendliche

mit Migrationshintergrund häufig eine Fremdsprache vollständig beherrschen, werde

in der Regel nicht gewürdigt und weder in den Schulen noch von Arbeitgebern als

Vorteil erkannt.

Modelle zur Frühförderung von Kindern aus Migrantenfamilien

Flächendeckende und über die Regelförderung hinausgehende Ansätze zur

Frühförderung gibt es mittlerweile in den Städten Gelsenkirchen und Herten. Im

Rahmen von BQN sind vernetzte Sprachförderungskonzepte auch für die Stadt

Recklinghausen geplant.

Die Modelle zur Sprachförderung in Herten (seit 2001) und Gelsenkirchen (seit 1998)

existieren unabhängig voneinander, haben jedoch auch Gemeinsamkeiten, darunter

- eine gezielte Ansprache der Eltern und konkrete Angebote zur Mitarbeit bei der

Sprachförderung,

- der Einsatz regelmäßiger „Sprachstandseinschätzungen“ (Sprachtests),


13

- eine Zusatzqualifizierung der Fachkräfte in Kindergärten und Schulen im Bereich

interkulturelle Arbeit und Sprachförderung,

- das Ziel, eine möglichst flächendeckende Beteiligung und Vernetzung von

Kindergärten, Tageseinrichtungen und Grundschulen zu erreichen.

Die in der Öffentlichkeit verbreitete Meinung, viele Eltern aus Migrantenfamilien seien

nicht motivierbar und hätten kein Einsehen in die Problematik der negativen Schulund

Berufskarriere ihrer Kinder, wird durch die Erfahrungen dieser Fördermodelle

eindeutig widerlegt. Die Berichte zeigen vielmehr eine hohe Bereitschaft

insbesondere der Mütter, eine aktive Rolle zu übernehmen und auch ihnen völlig

unbekannte Lernmethoden zu akzeptieren und selbst auszuprobieren.

Wir wollen hier einige Aspekte des Hertener Modells als Beispiel ausführlicher

vorstellen. In Herten ist der kommunale Fachbereich „Schule und Jugend“

federführend. Hier wurde ein Stufenplan entwickelt, der das Ziel hat, die Kinder „von

der Geburt bis zur Einschulung“ zu begleiten. Bereits direkt nach der Geburt werden

die Eltern angeschrieben, besucht und auf die Sprachförderung hingewiesen. Sie

erhalten Informationen in deutscher und türkischer Sprache. In einer zweiten Welle

werden jene Eltern (zum Teil mehrfach) besucht, deren Kinder nicht zum

Kindergarten gehen. Die Besucher/innen beraten und bringen Bücher mit, um die

Kinder zum Lesen anzuregen. Zusätzlich werden muslimische Eltern direkt über die

Moscheen angesprochen. Auf diesem Weg wurden große Erfolge erzielt. Unsere

Gesprächspartnerin berichtete von einer Moscheeveranstaltung zum Thema

Sprachförderung, an der mehr als 60 Frauen teilnahmen.

Die Akzeptanz des Hertener Modells bei Eltern aus Migrantenfamilien ist groß: 2/3

arbeiten inzwischen mit den Behörden zusammen. Um auch das restliche Drittel zu

erreichen, wird nun über den Ausländerbeirat eine gezielte Ansprache türkischer

Väter konzipiert. Bereits im Kindergarten werden Sprachtests mit allen Kindern und

eine gezielte Sprachförderung durchgeführt. Über „Rucksack-Projekte“ im

Kindergarten werden vor allem die Mütter einbezogen. Bei „Rucksack-Projekten“

nach niederländischem Vorbild erhalten Mütter aus Migrantenfamilien Hinweise, wie

sie ihre Kinder zu Hause in der Muttersprache fördern können, zum Beispiel durch

Sprachspiele zu bestimmten Themen. Im Idealfall soll dasselbe Thema parallel im

Kindergarten auf Deutsch behandelt werden. Weitere Sprachtests gibt es ein Jahr

vor der Einschulung. Bei Bedarf erhalten die Kinder eine weitere intensive

Sprachförderung im Schulkindergarten. Das Personal der Kindergärten wird in

speziellen Qualifizierungsmaßnahmen auf die Aufgaben in der Sprachförderung

vorbereitet. Die Akzeptanz dieser Maßnahmen, an denen auch Lehrkräfte der

Grundschulen teilnehmen, ist hoch.

Das Hertener Modell hat seit dem Start im Jahre 2001 bereits Erfolge erzielt. Die

Einschätzungsbögen der Lehrer und Lehrerinnen zeigen eine Verbesserung der

Sprachkompetenz um 20%. Ein Vergleich mit Referenzdaten (Schuldaten) steht noch

aus.

In Gelsenkirchen werden Sprachförderangebote für Migrantenkinder in

Tageseinrichtungen und Grundschulen von der RAA betreut, der Regionalen

Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien in

der Trägerschaft der Kommune. Auch hier ist die Akzeptanz bei den Eltern aus

Migrantenfamilien inzwischen sehr hoch, und die regelmäßigen


14

Sprachstandsbeobachtungen zeigen bereits eine erhebliche Verbesserung der

Deutschkenntnisse. Eltern werden auch hier gezielt angesprochen und über

Rucksack-Projekte, Mutter-Kind-Gruppen und ein „Elterndiplom“ in die Arbeit der

Kindergärten eingebunden. In einem Modellversuch wurden außerdem in 24

Tageseinrichtungen bilinguale Erzieherinnen eingesetzt. Die Ergebnisse dieses

Versuchs liegen noch nicht vor.

Aufschlußreich ist hier der Bericht aus einer Gelsenkirchener Tageseinrichtung, die

mehrheitlich Kinder mit Migrationshintergrund besuchen. Zu Beginn waren große

Vorbehalte der Eltern zu überwinden. Insbesondere türkische Eltern lehnten es ab,

ihre Kinder in eine Einrichtung zu geben, die fast ausschließlich von Türkisch

sprechenden Kindern besucht wird. Von der Arbeit eines Kindergartens hatten die

meisten Eltern keine Vorstellung und beim Stichwort „Sprachförderung“ erwarteten

sie ein „Lernen an der Tafel“.

Das neue Problembewußtsein sowie die Anstrengungen von regionalen Akteurinnen

und Akteuren in diesem Feld (vor allem im Rahmen von Modellversuchen) geben

Anlaß zu der Hoffnung, daß das Sprachproblem in Zukunft in den Griff zu bekommen

ist. Dies setzt aber dreierlei voraus:

1. Die punktuellen Beispiele „guter Praxis“, die wir in Kommunen, Schulen und

Kindertagesstätten angetroffen haben, müssen zur Regel werden.

2. Um Regelfall zu werden, müssen sie in der Region kommuniziert und diskutiert

werden. Dies ist leider noch nicht der Fall.

3. Sie müssen das Stadium von Modellprojekten hinter sich lassen und

Nachhaltigkeit erreichen.

An den dafür nötigen Rahmenbedingungen wollen wir im BQN Emscher-Lippe

arbeiten. Das Thema „Sprachförderung“ soll eines unserer Schwerpunktthemen sein.

Die Frühförderung ist dabei ein entscheidender Hebel, um die beruflichen

Übergangsprobleme von Migrantenjugendlichen mittelfristig zu beheben. Wir wollen

uns aber nicht darauf beschränken. Sprachförderung muß auch in der Haupt- und

Gesamtschule weitergehen. Auch in Schulen gibt es Ansätze zur besonderen

Förderung von Migrant/innen und Aktivitäten zur Vernetzung (z. B. das

Gelsenkirchener GeBeNet).

4. Hürdenlauf zum Ausbildungsplatz - Das Handlungsfeld des Übergangs

zwischen Schule und Beruf

Das Handlungsfeld des Übergangs von der Schule zum Beruf ist eine der größten

Schwachstellen bei der Integration junger Migranten und Migrantinnen. Auf die

schlechte Angebot-Nachfrage-Relation des regionalen Ausbildungsmarkts haben wir

bereits hingewiesen: Noch nicht einmal jeder dritte Betrieb in der Region Emscher-

Lippe bildet aus.

Die Situation vor Ort ist aktuell noch prekärer als in der Statistik sichtbar. Unsere

Gesprächspartner/innen gehen davon aus, daß eine erhebliche Zahl von

Jugendlichen, darunter viele Migrant/innen, gar nicht als Lehrstellensuchende

registriert werden, da sie sich nicht beim Arbeitsamt melden. Berücksichtigen müsse

man auch die hohe Zahl von Jugendlichen, die nur deshalb weiterführende Schulen

besuchten, weil sie keine Lehrstelle finden. Nach Schätzungen eines

Gesprächspartners finden in der Region weniger als 20% der Hauptschüler/innen


15

(mit und ohne Migrationshintergrund) nach dem Schulabschluß eine Lehrstelle. Alle

übrigen gehen in „diverse Warteschleifen“ (weitere schulische Qualifizierung,

berufsvorbereitende Maßnahmen, außerbetriebliche Ausbildung). Dadurch werde

das Problem der beruflichen Integration jedoch nicht gelöst, sondern nur

hinausgeschoben. Mehrere Gesprächspartner/innen sehen jugendliche

Migrant/innen daher lediglich als eine besonders belastete Problemgruppe unter

anderen, die ebenfalls Unterstützung benötigen. „Der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt

ist im Grunde für alle Leute mit irgendwelchen Problemen geschlossen,“ stellte ein

Gesprächspartner fest.

Eine Verbesserung der prekären Lage in der Region ist in den nächsten Jahren nicht

zu erwarten. Unsere Interviews in Betrieben und die Verlautbarungen der

Arbeitsverwaltungen, der Industrie- und Handelskammer und der Handwerkskammer

zeigen vielmehr, dass der regionale Ausbildungsmarkt in diesem Jahr und vermutlich

auch in den nächsten Jahren immer enger werden wird.

Für viele Jugendliche und ganz besonders für jugendliche Migrantinnen und

Migranten stehen aber auch die verbleibenden Ausbildungsplätze nicht voll zur

Verfügung. Die meisten Gesprächspartner/innen sehen neben dem generellen

Lehrstellenmangel weitere Barrieren und Selektionsmechanismen, die den Übergang

erschweren. Auf einige Hindernisse im Übergang Schule – Beruf gehen wir im

Folgenden näher ein.

Berufswahlverhalten jugendlicher Migranten und Migrantinnen

Für die meisten Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird die Suche nach einem

Ausbildungsplatz durch das Berufswahlverhalten und einen Mangel an Informationen

zu Berufsbildern weiter eingeschränkt. Dies gilt nach Ansicht von

Gesprächspartner/innen in erhöhtem Maße für Jugendliche mit türkischem

Hintergrund und für Spätaussiedler/innen. Davon ausgenommen sind

erwartungsgemäß Abiturienten und Abiturientinnen, deren Berufswahlverhalten sich

danach nicht von dem ihrer Mitschüler/innen ohne Migrationshintergrund

unterscheidet.

Wegen im Durchschnitt niedrigerer Schulabschlüsse bleiben für jugendliche

Migrant/innen von insgesamt rund 350 Berufsbildern von vornherein nur geschätzte

50 Ausbildungsberufe übrig. Diese Zahl wird aber durch die Berufswahlentscheidung

weiter verringert. Nach wie vor wählen die meisten Jugendlichen mit

Hautschulabschluß unter den klassischen „Top Ten“, darunter Berufe im Kfz-Bereich,

Friseurin, Arzthelferin etc. Insbesondere türkische Mädchen konzentrieren sich auf

wenige traditionelle „Frauenberufe“. Hier werden von den Expert/innen im Vergleich

zu früheren Jahren allenfalls leichte Verschiebungen festgestellt. So wird zum

Beispiel bei jungen Migrantinnen die „Friseurin“ allmählich von Platz 1 verdrängt

zugunsten der „Arzthelferinund „Apothekenhelferin“. Auch wird zum Teil ein

steigendes Interesse an der „Erzieherin“ beobachtet. Für das stark eingeschränkte

Berufswahlverhalten von Migrantinnen und Migranten werden in den Gesprächen

und Interviews mehrere Gründe genannt.

- Viele Eltern und Jugendliche aus Migrantenfamilien haben zu geringe

Informationen über Ausbildungsmöglichkeiten und über die Bedingungen, die für


16

den Übergang Schule – Beruf wichtig sind. Wie bei den Sprachkenntnissen spielt

auch hier der Grad der Bildungsferne im Elternhaus eine Rolle. Viele

Ausbildungsberufe sind überhaupt nicht bekannt, über andere gibt es zu wenig

greifbare und anschauliche Informationen. Ein Gesprächspartner: „Man kennt

vielleicht noch den Dreher. Aber was ist ein Zerspanungstechniker?“

- Vielen jugendlichen Migrantinnen und Migranten fehlen berufliche Vorbilder in

ihrem unmittelbaren Lebensumfeld. Viele türkische Mädchen kennen in ihrer

Bekanntschaft eben häufig nur Hausfrauen, Friseurinnen, Arzthelferinnen und

Verkäuferinnen. Andere berufliche Perspektiven tauchen in ihrem Umfeld nicht

auf. Vorbilder in höher qualifizierten Berufen – die türkische Lehrerin mit

Kopftuch, der türkische Sozialarbeiter, der Ausbilder aus der Ukraine – könnten

eine weiter gehende Perspektive symbolisieren. Es gibt sie aber so gut wie gar

nicht, obwohl sie mit ihrer Kompetenz in Schulen, in der Familienhilfe, in

Maßnahmen und Projekten zur Lösung vieler Probleme beitragen könnten. Eine

Gesprächspartnerin: „Sie könnten als Vorbilder Jugendliche motivieren und

Berufsfelder öffnen. Außerdem müßten dann zum Beispiel hochqualifizierte

Lehrerinnen aus Osteuropa nicht mehr zu Putzfrauen degradiert werden.“

- Die Hoffnung der Eltern auf Rückkehr beeinflußt manchmal die Berufswahl. In der

Vergangenheit wurde besonders in türkischen Familien eine (wenn auch vage)

Hoffnung auf Rückkehr gepflegt. Die Berufswahl der Söhne und Töchter wurde

daher mit dem türkischen Arbeitsmarkt abgeglichen. Sie sollten Berufe erlernen,

die auch in der Türkei verwendbar sind und dort gesellschaftliche Anerkennung

genießen. Kfz-Mechaniker und Friseurin waren daher die erste Wahl. Diese

Haltung verändert sich allmählich und beeinflußt in manchen Familien die

Berufswahlentscheidung bis heute .

- Auch kulturell geprägte Vorstellungen von „ordentlichen“ Berufen beeinflussen

manchmal die Berufswahl, insbesondere für türkische Mädchen. Ein

Gesprächspartner: „Arzthelferinnen zum Beispiel tragen weiße Kittel und üben

daher einen sauberen Beruf aus. Und als Näherin kann die junge Migrantin mit

anderen Frauen zusammenarbeiten.“

- Jugendlichen Migrant/innen bzw. ihren Eltern fehlen in der Regel die nötigen

sozialen Kontakte. In mehreren Gesprächen und Interviews wird auf die hohe

Bedeutung des so genannten „Vitamin B wie Beziehungen“ bei der

Lehrstellensuche hingewiesen. Tatsächlich zeigen die Interviews in Betrieben,

daß die „interne Empfehlung“ durch Mitarbeiter und Kunden eine erhebliche Rolle

bei der Rekrutierung von Auszubildenden spielt. Die legendären „Mikis und Kukis“

(Mitarbeiterkinder und Kundenkinder) haben bei der Bewerbung durchaus

gewisse Vorteile.

Manche Jugendlichen „verschwinden“ nach der Schule

Mehrere Gesprächspartner/innen betonen, daß es in ihrer Kommune jedes Jahr eine

relevante Zahl von Jugendlichen gibt, darunter viele Migranten und Migrantinnen, die

nur über die Schule erreicht werden und danach „verschwinden“, weil sie sich nach

erfolgloser Lehrstellensuche nicht mehr beim Arbeitsamt melden. In den Gesprächen

und Interviews gibt es letztlich nur Vermutungen zum Verbleib dieser


17

„Verschwundenen“. Generell fehlen in der Region systematische Verbleibstudien zu

Schulabgänger/innen.

Der Übergang Schule – Beruf fordert von allen Jugendlichen ein Maß an

Selbständigkeit, Engagement und strukturiertem Vorgehen, das viele nicht haben.

Gespräche und Interviews zeigen, daß auch die Eltern oft nicht wissen, was in dieser

Phase zu tun ist. Wenn Jugendliche ohne Lehrstelle zur Berufsberatung gehen,

werden sie in der Regel auch weiter gefördert und kommen zum Beispiel in eine

berufsvorbereitende Maßnahme. Sie müssen jedoch selbst aktiv werden und

hartnäckig sein, um Unterstützung zu erhalten. Vielen Jugendlichen - mit und ohne

Migrationshintergrund – ist dies nicht bewußt.

Einige Interviewbeiträge deuten darauf hin, daß manche Jugendlichen mit

Mgrationshintergrund besonders schwer erreichbar sind, wenn sie nicht in kurzer Zeit

eine Lehrstelle finden. Das Gefühl, auf dem Arbeitsmarkt „überflüssig“ und insgesamt

„unerwünscht“ zu sein, beeinträchtige ihre Motivation und verstärke die Tendenz,

sich in die eigene Migrantengruppe zurückzuziehen bis hin zur „Abschottung“.

Soziale Kontakte, die bei der Lehrstellensuche hilfreich sein könnten, würden

dadurch weiter verringert. Gesprächspartner/innen berichten zum Beispiel von

jugendlichen Spätaussiedlern, die in der Übergangsphase häufig völlig isoliert und

orientierungslos wirken. Dies mache sie anfällig für Kriminalität. Problematisch sei

auch die Situation vieler muslimischer männlicher Jugendlicher. Wenn sie nach der

Schule nicht sofort eine Lehrstelle finden, seien sie nur noch schwer zu motivieren

und entwickelten eine aggressive und zugleich resignative Haltung.

Während männliche Jugendliche immerhin noch bei Beratungsstellen auftauchen,

fallen junge Migrantinnen und besonders muslimische Mädchen häufig aus allen

Beratungsangeboten und Maßnahmen heraus. Sie verschwinden oft völlig aus dem

Blickfeld der Berater/innen. Gesprächspartner/innen betonen, daß diese Mädchen

(entgegen dem landläufigen Vorurteil) sehr wohl Lehrstellen suchen, nach mehreren

erfolglosen Bemühungen jedoch resignieren und wahrscheinlich zu Hause bleiben.

Einige würden möglicherweise auch in die Türkei geschickt und verheiratet oder

inoffiziell im Familienbetrieb oder im Betrieb von Bekannten beschäftigt.

Manche Jugendlichen versäumen in der Übergangsphase die Berufsberatung beim

Arbeitsamt, sie melden sich dort gar nicht mehr oder halten Termine nicht ein. Nach

einiger Zeit werden sie buchstäblich „aussortiert“, also aus der Datenbank des

Arbeitsamtes gelöscht und fallen damit durch die Maschen des Betreuungsnetzes.

Um richtig reagieren zu können, müßten Eltern und Jugendliche zum einen

verwaltungstechnische Abläufe und Aufgaben des Arbeitsamtes verstehen, zum

anderen müßten sie einige Kenntnisse über das System der berufsorientierenden

Maßnahmen und außerbetrieblichen Qualifizierungen haben. Eine

Gesprächspartnerin: „Im Grunde brauchten manche Jugendlichen, besonders

Migrantinnen und Migranten, einen kompetenten persönlichen Integrationshelfer, der

sie beim Weg in den Arbeitsmarkt begleitet.“

Die Schilderungen einiger Gesprächspartner/innen über „Verschwundene“ verweisen

auf einige zentrale Probleme bei der Beratung jugendlicher Migrant/innen:

- Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure im Handlungsfeld des

Übergangs Schule – Beruf ist in manchen Kommunen nicht ausreichend

entwickelt.


18

- Die Eltern jugendlicher Migrant/innen werden nicht oder nicht ausreichend

angesprochen und nicht in die Beratungsphase eingebunden.

Kontakte zum Arbeitsamt und zu Unternehmen

In weiterführenden Schulen der Region gibt es verschiedene Bemühungen, die in

Frage kommenden Berufsbilder transparenter zu machen und die Berufswahl durch

Kontakte zu Firmen zu unterstützen. Wir haben bei unserer Recherche jedoch keine

speziellen Aktivitäten gefunden, die mit besonderen Methoden oder gar

ausschließlich Jugendliche mit Migrationshintergrund an Berufsbilder heranführen.

In der Regel beginnt die Berufsvorbereitung der Schulen in Klasse 8 und wird in den

folgenden Jahren mit Betriebspraktika (zumeist Blockpraktika) und berufskundlichen

Unterweisungen fortgesetzt. Auch werden in dieser Zeit meist Kontakte zur

Berufsberatung des lokalen Arbeitsamtes hergestellt, allerdings in unterschiedlicher

Intensität. Die Angebote reichen von Besuchen der Schulklassen im Arbeitsamt bis

hin zu intensiveren Formen der Berufsberatung: Schüler/innen werden zum Beispiel

in Kleingruppen beraten, getrennt nach Mädchen und Jungen, die Berufsberatung

findet verstärkt in der Schule selbst statt und reicht bis zu regelmäßigen

„Sprechstunden“ in der Schule, bei denen intensive Einzelgespräche möglich sind.

Einige Schulen versuchen über Veranstaltungen wie „Markt der Möglichkeiten“ mehr

Transparenz herzustellen und dazu Firmen zu gewinnen, die ihre

Ausbildungsbereiche vorstellen. Erwartungsgemäß sind Großbetriebe in diesem

Bereich erheblich aktiver als kleine und mittlere Unternehmen. Nur Großbetriebe

gehen selbst auf Schulen zu. Sie bieten zum Beispiel Infotage und Gesprächsrunden

in ausgewählten Schulen an oder laden Schulklassen in den Betrieb ein.

Insgesamt klagen die Schulen jedoch über das geringe bis extrem geringe Interesse

der Betriebe an solchen Informationsveranstaltungen. Insbesondere

Handwerksbetriebe und kleinere Produzenten seien kaum für die Teilnahme an

Infotagen oder gar für Kooperationen zu gewinnen. Oft ist die Ansprache von

Ehemaligen die einzige Chance: Man versucht, ehemalige Schüler/innen oder deren

Eltern, die Unternehmen leiten, für Infotage zu gewinnen.

Dieser Mangel an Kontakten zu Unternehmen gilt besonders für Schulen mit einem

hohen Anteil an Schüler/innen mit Migrationshintergrund, wie das Beispiel einer

Gesamtschule zeigt. Der Migrantenanteil liegt in der Schule bei 70%, wobei nur der

offizielle Ausländeranteil erhoben wurde. 27 Nationalitäten sind vertreten. Die Schule

hat keine natürlichen Wirtschaftspartner mehr im Einzugsgebiet, weil die Wirtschaft

im Stadtteil beinahe vollständig zusammengebrochen ist. Es gibt in der gesamten

Kommune keine Firmen, die bereit sind, als Sponsoren aktiv zu werden. Lehrkräfte

und Schulleitung versuchen, ein Netz von Ehemaligen mit „Erfolgsstories“

aufzubauen, die als Vorbilder und als Sponsoren aktiv werden können, doch reicht

dies nicht aus, um den Mangel an Kontakten zur Wirtschaft auszugleichen.


19

Auswahlverfahren in Betrieben: Gleichbehandlung schafft keine Chancengleichheit

Bei der Bewerbung um eine Lehrstelle in einem privatwirtschaftlichen Unternehmen

der Region müssen junge Migrantinnen und Migranten mehrere Barrieren

überwinden. Die ethnische Herkunft als solche spielt dabei nach Auskunft aller

Gesprächspartner/innen keine Rolle. Eine rassistisch motivierte Diskriminierung gibt

es demnach auf dem regionalen Ausbildungsmarkt nicht, allerdings fügte ein

Gesprächspartner hinzu: „Wo es keine Ausbildungsplätze gibt, gibt es auch keine

Diskriminierung.“

Insbesondere die Gesprächspartner/innen aus Betrieben betonen, daß es in ihrem

Unternehmen grundsätzlich keine Bedenken gebe, Migrant/innen einzustellen. In

allen befragten Betrieben sind bereits Migrant/innen beschäftigt, allerdings fast

ausschließlich im gewerblich-technischen Bereich.

Junge Migrant/innen, die sich um eine Lehrstelle bewerben, werden demnach

persönlich weder bevorzugt (z. B. im Sinne eines Diversity Managements) noch

benachteiligt. Sie werden in den Unternehmen vielmehr denselben

Auswahlprinzipien und Testverfahren unterworfen wie Bewerber/innen ohne

Migrationshintergrund. Diese Gleichbehandlung schafft jedoch keine

Chancengleichheit, wie die folgende Einschätzung aus einem Großbetrieb zeigt: 70%

der jungendlichen Bewerber/innen mit Migrationshintergrund scheitern hier schon zu

Beginn des Einstellungsverfahrens. Anders als ihre deutschstämmigen

Mitbewerber/innen werden sie mehrheitlich bereits bei der ersten Sichtung der

Bewerbungen aussortiert. Von den verbleibenden Migrant/innen bestehen weitere 50

– 60% den Einstellungstest nicht. Nur eine kleine Minderheit der Migrant/innen hat

nun die Chance, sich im Vorstellungsgespräch zu präsentieren.

Junge Migrant/innen scheitern bei der Lehrstellensuche durch strukturelle

Benachteiligungen auf mehreren Ebenen. Die Benachteiligung beginnt bereits lange

vor dem Einstellungsverfahren und setzt sich in den Auswahlverfahren der

Unternehmen fort.

Schulzeugnisse und Schulnoten als Barriere

Das Auswahlverfahren der Betriebe beginnt in der Regel in der „klassischen“ Form:

Schulabschlüsse, Zeugnisnoten und Aufmachung der Bewerbung bestimmen die

Vor-Auswahl. Die Interviews lassen den Schluß zu, daß die Mehrheit der

Migrant/innen bereits in dieser Phase ausscheidet.

Der Grad der schulischen Qualifikation ist ein entscheidendes Kriterium bei der

Auswahl der Bewerber/innen. Die Gespräche in den Betrieben zeigen, daß ein

Hauptschulabschluß ohne Qualifikation meist nicht mehr ausreicht, um überhaupt in

das betriebliche Auswahlverfahren zu kommen. Dies gilt auch für gewerbliche Berufe

wie Chemikant oder Industriemechaniker. Ein „deutlich guter“ Hauptschulabschluß

mit Fachoberschulreife wird bereits als „Minimalqualifikation“ für den gewerblichen

Bereich angesehen. Für kaufmännisch-verwaltende Berufe reicht auch dieser

Abschluß häufig nicht mehr aus: Hier werden Fachabitur, Abitur oder Höhere

Handlungsschule erwartet.


20

Insgesamt besteht in den Unternehmen die Tendenz, sich bereits bei der ersten

Sichtung der Bewerbungsunterlagen an den höchsten vorliegenden Abschlüssen zu

orientieren, also ein internes Benchmarking zu praktizieren, um „die besten“

Bewerber/innen frühzeitig zu entdecken und vermeintlich „problematische“ heraus zu

filtern. Mehrere Interviewpartner/innen bemerken, daß es in den gewerblichen

Berufen auf Facharbeiterebene immer schwieriger geworden sei, qualifizierte

Bewerber/innen zu finden, deren Schulabschlüsse den Erwartungen entsprechen.

Ein Unternehmer stellt fest: „Andererseits erwarten wir aber auch eine recht hohe

Eingangsqualifikation. Bewerber mit derart hoher Schulbildung versuchen jedoch

eher, ein Studium zu erreichen, als in die Ausbildung zu gehen.“

Während die Zahl der Ausbildungsangebote in der Region schrumpft, steigen also

zugleich die Erwartungen der Unternehmen hinsichtlich der Höhe und der Qualität

der Schulabschlüsse. Da Migrant/innen im Durchschnitt niedrigere Schulabschlüsse

vorweisen, werden ihre Bewerbungen häufig bereits aus diesem Grund aussortiert.

Unsere Gespräche deuten außerdem darauf hin, daß manche Betriebe

Bewerber/innen aus angrenzenden ländlichen Räumen bevorzugen und solche aus

Emscher-Lippe-Städten wegen wirklich oder vermeintlich schlechterer Leistungen

bereits in der Vorauswahl ablehnen. Diese Ablehnung ist unabhängig von der

Schulform. „Aufgrund langjähriger Erfahrung haben wir festgestellt,“ so ein

Unternehmensvertreter, „daß aus den Schulen insbesondere im Großraum

Gelsenkirchen mit sehr hohem nicht deutschstämmigem Anteil eine mangelhafte

Bewerberqualität kommt.“ Aus diesem Großraum würden generell sehr selten

Auszubildende eingestellt, da die Defizite in der Ausbildung kaum aufgearbeitet

werden könnten.

Mehrere Gesprächspartner aus Betrieben meinen, daß das Leistungsniveau in

Schulen mit hohem Migrantenanteil grundsätzlich niedriger sei und daß die

Schulnoten nicht dem Notenspiegel anderer Schulen entsprächen. „Wir wissen

inzwischen, aus welchen Schulen wir jemanden nehmen können und aus welchen

nicht“, sagt ein anderer Unternehmensvertreter. Bei bestimmten Schulen, die nah an

einem türkischen Wohngebiet liegen, wisse man, daß die durchschnittlichen

Schulleistungen sehr schlecht seien und die tatsächlichen Kenntnisse in der Regel

sogar eine Note niedriger lägen, als im Zeugnis angegeben.

Wir bezweifeln nicht, daß solchen Entscheidungen der befragten Unternehmen

Erfahrungen aus der Praxis zu Grunde liegen. Wenn diese Auswahlkriterien jedoch

eine allgemeine Tendenz in Unternehmen sind (was genauer zu untersuchen wäre),

ergeben sich folgende Schlußfolgerungen. In manchen Betrieben haben sich

offenbar interne Ranking-Listen entwickelt, in denen Schulen in Wohngebieten mit

relevantem Migrantenanteil von vornherein auf den unteren Plätzen liegen. Obwohl

in den Betrieben keine individuelle Diskriminierung junger Migrant/innen stattfindet,

kann sich als Folge von Benchmarking und Ranking-Listen eine Praxis durchsetzen,

die zur faktischen Ausgrenzung von Migrant/innen undin einer Art Sogwirkung –

zur Ausgrenzung ganzer Schulen, sogar ganzer Städte oder Stadtteile führt.

Angesichts der hohen Zahl von Bewerber/innen für jede Ausbildungsstelle ist zu

vermuten, daß der Besuch einer bestimmten Schule für Migrant/innen, aber auch für

ihre Mitschüler/innen, bereits zum Ausschlußkriterium werden kann.


21

Damit sinkt aber zugleich die Bedeutung der individuellen Leistungen und

Fähigkeiten, die doch nach allgemeiner Ansicht wichtige Kriterien der Auswahl von

Auszubildenden sein sollen. Schulnoten werden tendenziell bedeutungslos, wenn

ihre Aussagekraft grundsätzlich bezweifelt wird. An ihre Stelle tritt das Kriterium des

„Wohngebiets“ und damit im Grunde eine Selektion nach der sozialen Herkunft.

Jugendliche Migrant/innen aus unteren sozialen Schichten sind damit unter

Umständen chancenlos, auch wenn sie in der Schule gute bis sehr gute Leistungen

erbringen.

Bei Einstellungstests scheitern Migrant/innen an der Sprachbarriere

Die nächsten Schritte im Auswahlverfahren sind vor allem von der Größe des

Unternehmens abhängig. Bei kleineren Unternehmen zählt nach der Vor-Auswahl

vor allem der persönliche Eindruck und das Auftreten im Vorstellungsgespräch. Bei

größeren Unternehmen nimmt in der Regel die Zahl und Intensität der Instrumente

zu. Neben dem Vorstellungsgespräch werden hier auch Eignungstests (zum Beispiel

zum mathematisch-logischen Denken), allgemeine Intelligenztests und Praxistests,

darunter die traditionelle Drahtbiegeprobe, eingesetzt.

Die Kluft zwischen den Erwartungen der Unternehmen und den Kenntnissen der

Bewerber/innen kennzeichnet auch die Test-Phase des Auswahlverfahrens. Mehrere

Gesprächspartner/innen betonen, daß das Allgemeinwissen und die Kenntnisse in

Kernfächern wie Mathematik und Deutsch in den letzten Jahren kontinuierlich

gesunken seien. Die Bewerber/innen früherer Jahre verfügten danach im

Durchschnitt über fundiertere Kenntnisse. Heute finde man sogar bei Abiturient/innen

große Defizite. Ein Rückgang der Kenntnisse wird bei Jugendlichen mit und ohne

Migrationshintergrund gleichermaßen gesehen.

Nach Ansicht einiger Gesprächspartner/innen sind vor allem die Schulen für die

sinkende Qualifikation der Jugendlichen verantwortlich. Kritisiert werden

allgemeinbildende Schulen, aber auch die Arbeit von manchen Berufskollegs, die

nicht in der Lage seien, das während der Ausbildung erforderliche Wissen zu

vermitteln. Andere Gesprächspartner/innen verweisen auf eine ständig größer

werdende Kluft zwischen den geforderten beruflichen Kompetenzen und der in

Schulen vermittelten Qualifikationen. Während die Anforderungen in den

Ausbildungsberufen seit 10 bis 15 Jahren stetig und enorm, und zwar um mindestens

50%, gestiegen seien – unter anderem durch den vermehrten Einsatz neuer

Technologien – sei das in der Schule vermittelte Wissen auf dem damaligen Stand

stehengeblieben. So entstehe in den Betrieben der Eindruck, das Wissen der

Schüler/innen werde immer geringer. Ein Gesprächspartner, der die Auszubildenden

einer Kommune betreut, stellte fest: „Nach meinem Eindruck ist das Kenntnis-Niveau

unserer städtischen Azubis in den letzten Jahren nicht gesunken, eher sogar leicht

gestiegen. Ein Kenntnis-Niveau, das vor 10, 15 Jahren akzeptiert wurde, genügt den

Betrieben jedoch heute nicht mehr. Stillstand bedeutet auch hier Rückschritt.“

Die Einstellungstests der Betriebe sind grundsätzlich neutral, sie unterscheiden also

nicht nach dem sozialen Hintergrund der Bewerber/innen. Migrant/innen scheitern in

den Einstellungstests vor allem an fehlenden Deutschkenntnissen, also an Aufgaben,

die Textverständnis, die Umsetzung von Gelesenem in Verstehen und sprachliche

Flexibilität erfordern. Im Bereich Mathematik sind nach Einschätzung eines


22

Gesprächspartners „die Türken ebenso gut oder besser gesagt: ebenso schlecht wie

die Deutschen“. Nach Auskunft mehrerer Gesprächspartner/innen fallen jedoch

manche Spätaussiedler/innen aus Rußland durch „relativ gute“

Mathematikkenntnisse auf. Für Migrant/innen setzt sich damit die Erfahrung der

Schulzeit im Testverfahren fort: Von den wenigen, die es bis zu dieser Phase

geschafft haben, scheitert nach Schätzungen mehr als die Hälfte nun doch noch vor

allem an den Deutschkenntnissen.

Daß die deutsche Sprache bei Einstellungstests als entscheidender Auslesefilter

wirkt, zeigt das Beispiel eines Großunternehmens aus dem Ruhrgebiet, das für 10

Auszubildungsplätze im Bereich Energieelektronik bevorzugt Jugendliche mit

Migrationshintergrund suchte. In Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamtsbezirk

Recklinghausen entschloß sich das Unternehmen zu einem Experiment: Im

gesamten Auswahlverfahren sollten die Deutschkenntnisse keine Rolle spielen. Am

Verfahren beteiligt waren 30 Jugendliche mit türkischem und osteuropäischem

Hintergrund. Im Arbeitsamt wurden in einem Vortest zunächst die intellektuellen

Fähigkeiten geprüft, nach Auskunft unseres Gesprächspartners mit außerordentlich

guten Ergebnissen: „Als Aufgaben, die Sprachkenntnisse erfordern, aus dem Test

herausgenommen wurden, stellte sich heraus, daß eine ganze Reihe der

Jugendlichen in der Lage wäre zu studieren.“ Auch einen weiteren Vortest im

Unternehmen bestanden bis auf einen alle Bewerber/innen. Das anschließende

Auswahlverfahren mit betrieblichen Einstellungstests war in der BQN-Vorphase noch

nicht abgeschlossen. Das Unternehmen hat jedoch bereits angekündigt, weitere 18

Ausbildungsplätze einzurichten. Man sei sich darüber im klaren, daß während der

Ausbildung zusätzlicher Deutschunterricht nötig sei und daß auch die Kenntnisse im

Englischen verbessert werden müßten.

Ein bemerkenswerte Aktion, auch Jugendliche zu fördern, die den Einstellungstest

nicht bestehen, gibt es in einem der befragten Unternehmen. Im so genannten

„Startprogramm“ werden Bewerber/innen, die im Einstellungstest knapp scheiterten,

über das Arbeitsamt angesprochen. Sie werden vom Bildungszentrum des Handels

in Recklinghausen betreut, nehmen an einem dreimonatigen

Schreibmaschinenlehrgang teil und werden anschließend im Unternehmen selbst

gezielt auf die Ausbildung vorbereitet. Die meisten werden danach in ein reguläres

Ausbildungsverhältnis übernommen. Das Unternehmen plant eine ähnliche

Maßnahme speziell für Migrantinnen und Migranten mit zusätzlichen Trainings im

Bereich der sprachlichen und sozialen Kompetenz und sucht zur Zeit nach einer

geeigneten Förderung. Im Rahmen des BQN Emscher-Lippe sollten solche

Erfahrungen ausgewertet und diskutiert werden, ob sich daraus verallgemeinerbare

Modelle entwickeln lassen.

Die nächste Hürde: Das Vorstellungsgespräche

Alle Gespräche und Interviews zeigen, daß die Betriebe der Region, Dienstleister

ebenso wie die Industrie, bei Auszubildenden neben guten Deutschkenntnisse auch

ein recht hohes Maß an kommunikativer und sozialer Kompetenz erwarten. Dies gilt

auch in gewerblich-technischen Berufen. Moderne Formen der Arbeitsorganisation

mit Faktoren wie Teamarbeit, interne und externe Kundenorientierung haben

offenbar das tayloristische Modell weitgehend verdrängt, so daß der legendäre


23

„Gastarbeiter“ („Wer 4 deutsche Anweisungen versteht, wird eingestellt“), falls er je

existierte, heute gewiß keine Chance mehr hätte.

Erwartungsgemäß werden unzureichende Deutschkenntnisse auch im

Vorstellungsgespräch zu einer Belastung für viele jugendliche Migrantinnen und

Migranten. Sogar bei Migrant/innen, die alle Einstellungstests erfolgreich absolviert

haben, werden im Vorstellungsgespräch noch Probleme mit der deutschen Sprache

festgestellt. Mehrere Gesprächspartner/innen beobachten, daß männliche

jugendliche Spätaussiedler im kommunikativen Bereich noch erheblich größere

Probleme haben als z. B. türkischstämmige Mitbewerber. Insbesondere im Kontakt

mit potentiellen Vorgesetzten hätten sie Hemmungen, überhaupt zu sprechen und

Fragen zu stellen.

Daß junge Migrant/innen in der Regel eine Fremdsprache beherrschen, die bei

Kundenkontakten wie bei Auslandseinsätzen Vorteile bringen könnte, wird in den

Interviews in privatwirtschaftlichen Unternehmen nicht thematisiert. Solche

Kenntnisse werden dort entweder nicht benötigt oder nicht wahrgenommen.

Hinweise auf ein Diversity Management bzw. auf die Wahrnehmung der

interkulturellen Kompetenz junger Migrant/innen sind nur in einem betrieblichen (und

auch dort nur in Ansätzen) und in wenigen außerbetrieblichen Interviews zu finden.

Am deutlichsten werden die Vorteile der Einstellung von Migrant/innen von den

Gesprächspartnern in einer der Stadtverwaltungen wahrgenommen. Die

Beschäftigung mehrsprachiger Mitarbeiter/innen mit Migrationshintergrund erhöhe

die Bürgerfreundlichkeit der Verwaltung und erleichtere die Arbeit der Ämter. Manche

Fachbegriffe könnten zum Beispiel nicht eins zu eins ins Türkische übersetzt werden,

so daß eine genauere, persönliche Erklärung durch Türkisch sprechende

Mitarbeiter/innen hilfreich sei.

Probleme während der Ausbildung

Die Ausbildung absolvieren junge Migrant/innen nach Einschätzung der

Gesprächspartner/innen aus Betrieben in der Regel ebenso erfolgreich wie

deutschstämmige Auszubildende. Auch bei den Prüfungsergebnissen werden keine

auffallenden Unterschiede festgestellt.

Einige Gesprächspartner/innen berichten von einer „Tendenz zur Gruppenbildung“

bei Auszubildenden mit türkischem Hintergrund. Die Betriebe versuchen,

Gruppenbildung zu verhindern, und untersagen häufig den Gebrauch der

Muttersprache in der Gegenwart von nicht Türkisch sprechenden Personen, da dies

zu „Unfrieden“ führen könne. Soziale Spannungen unter Auszubildenden

unterschiedlicher Herkunft werden aus den Betrieben jedoch nicht berichtet.

In einigen Interviews wird die Vermutung geäußert, bei Jugendlichen mit türkischem

Hintergrund bestehe eher die Gefahr eines Abbruchs der Lehre. Sie müßten stärker

zum Familienunterhalt beitragen als andere Auszubildende und fühlten sich

gezwungen, zusätzliche Jobs neben der Lehre anzunehmen. Es wurde auch von

Migranten berichtet, die ihre Ausbildung abbrachen, um im elterlichen Betrieb zu

arbeiten oder in besser bezahlte Aushilfsjobs zu wechseln. Uns liegen jedoch keine

Untersuchungen vor, die erlauben, aus diesen Einzelfälle auf eine allgemeine

Tendenz zu schließen.


24

In mehreren der befragten Unternehmen werden bei Bedarf die im Land NRW

möglichen ausbildungsbegleitenden Hilfen eingeschaltet, die durch das Arbeitsamt

finanziert werden. Auch das Jugendamt ist hier Ansprechpartner der Betriebe. Freie

Träger, aber auch die Kreishandwerkerschaft führen die „Nachhilfe“-Maßnahmen

durch. Die Angebote stehen für alle Azubis zur Verfügung, Migranten und

Migrantinnen werden jedoch zum Teil bevorzugt in die Maßnahmen aufgenommen

(über „Bonuspunkte“). Bei der Nachschulung stehen Ausbildungsinhalte im

Vordergrund, z. B. im Bereich Technologie, Mathematik, WiSo. Ein gezieltes Training

im Bereich Deutsch ist uns bei der Recherche nicht begegnet.

Beobachtungen zur Integrationsfähigkeit und zum Sozialverhalten Jugendlicher im

Übergang Schule - Beruf

Hinsichtlich der klassischen Tugenden - Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit,

angemessenes Auftreten gegenüber Älteren - werden in Gesprächen und Interviews

kaum Unterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund

formuliert. Insgesamt fällt die Beurteilung des Verhaltens von Jugendlichen generell

erheblich positiver aus, als man nach einschlägigen Berichten der Massenmedien

vermuten könnte: Der unpünktliche, faule und unverschämte Jugendliche, der sich in

schmutziger Kleidung bewirbt, ist wohl eher ein Mythos.

Insbesondere junge Frauen mit Migrationshintergrund werden in den Gesprächen

häufig als sehr fleißig, strebsam und anpassungsfähig geschildert. In der Schule

haben die Mädchen im allgemeinen geringere Probleme als ihre Mitschüler, sie sind

im Durchschnitt auch sprachlich gewandter. Mehrere Gesprächspartner/innen

schildern, daß junge Migrantinnen in Deutschkursen und Maßnahmen durch

besondere Zielstrebigkeit auffallen: Sie sind entschlossen, ihre Kenntnisse zu

verbessern und haben im Unterricht das Lexikon griffbereit.

Zu der Frage, warum weibliche Jugendliche mit Migrationshintergrund trotz guter

Leistungen häufig keinen beruflichen Einstieg finden, werden in den Gesprächen und

Interviews mehrere Begründungen genannt. Die durch Industrieproduktion bestimmte

Wirtschaftsstruktur der Region Emscher-Lippe mit wenig ausgeprägtem

Dienstleitungssektor und eher geringen Arbeitsplatzangeboten in „Frauenberufen“

wird als wichtiger Grund gesehen. Damit korrespondiert das an anderer Stelle

geschilderte Berufswahlverhalten junger Migrantinnen, das die Lehrstellenchancen

weiter verringert.

Mehrere Gesprächspartner/innen nennen jedoch auch das Rollenverständnis,

insbesondere in muslimischen Familien, als wichtigen Faktor. Das Leben vieler

muslimischer Mädchen sei weiterhin von Traditionen bestimmt oder sogar

fundamentalistisch geprägt. Viele wollten eine Ausbildung machen, dürften es aber

nicht. Wenn sie an berufsvorbereitenden Maßnahmen teilnehmen, vorzugsweise im

Bereich Hauswirtschaft, würden sie zum Unterricht gebracht und abgeholt und so

daran gehindert, Kontakte zu anderen Teilnehmerinnen aufzubauen. Ein

Gesprächspartner berichtet von mehreren muslimischen jungen Frauen mit gutem

Schulabschluß, die eine Lehrstelle gefunden hatten, aber die Ausbildung vorzeitig

beendeten: Sie hatten inzwischen geheiratet und der Lehrlingslohn war zu niedrig für

die junge Familie.


25

Vor allem das Kopftuch erscheint in einigen Gesprächen als Hindernis bei der

beruflichen Integration junger Migrantinnen und zugleich als Symbol für ein betont

konservatives Rollenverständnis. Für die meisten Arbeitgeber ist es nach Ansicht

mehrerer Gesprächspartner/innen unmöglich, ein Mädchen mit Kopftuch als

Auszubildende einzustellen. Einzelhändler zum Beispiel würden von Kunden

angegriffen, weil sie „eine Ausländerinund „noch dazu eine mit Kopftuch“

beschäftigen. Auch viele Unternehmer, die selbst Migranten und Muslime sind,

lehnen angeblich betont religiöse Bewerberinnen mit Kopftuch ab.

Andere Gesprächspartner/innen betonen, daß viele Mädchen das Kopftuch nicht auf

Befehl der Eltern tragen, sondern als eigenes religiöses Bekenntnis, das nicht

automatisch auf Fundamentalismus schließen lasse. Gerade wegen des

traditionellen Rollenverständnisses in manchen muslimischen Familien sei es

wichtig, Erzieherinnen und Lehrerinnen mit Kopftuch zu beschäftigen, damit

muslimische Mädchen Vorbilder finden, die zeigen, daß sich die religiöse

Überzeugung sehr wohl mit Berufstätigkeit und Teilnahme am gesellschaftlichen

Leben verbinden lasse.

Wie immer das Kopftuch beurteilt wird – ob als Symbol religiös motivierter

Unterdrückung oder als religiöses Zeichen, das aufgrund der Religionsfreiheit

akzeptiert werden sollte – es ist ein umstrittener Gegenstand. Die Gespräche deuten

darauf hin, daß Arbeitgeber Bewerberinnen mit Kopftuch als potentielle

„Problemfälle“ einschätzen, also Konflikte voraussehen, bevor sie überhaupt

eingetreten sind. Ob die befürchteten Probleme dann im individuellen Alltag

tatsächlich auftauchen, ist angesichts des Lehrstellenmangels beinahe unwichtig, da

es genügend vermeintlich problemlose Bewerber/innen gibt.

Die Tragweite der öffentlichen Debatten um das Kopftuch zeigt ein Interview in einer

städtischen Kindertagesstätte, die von vielen Kindern mit Migrationshintergrund,

mehrheitlich aus muslimischen Familien, besucht wird. Die Gesprächspartnerinnen

sehen gute Aussichten, in diesem Bereich eine Beschäftigung zu finden,

insbesondere für junge Frauen aus muslimischen Familien, die in den letzten Jahren

auch vermehrt eine Ausbildung zur Erzieherin begonnen hätten. Wegen des

„Kopftuch-Problems“ hätten sie jedoch in der Regel keine Chance auf Einstellung. In

der Kommune ist das Tragen des Kopftuchs in städtischen Einrichtungen bereits per

Ratsbeschluß untersagt.

Letztlich wird ein Konflikt zwischen der Mehrheitsgesellschaft und einer wirklich oder

vermeintlich streng religiösen Minderheit auf dem Weg über das „Kopftuch-Problem“

an die Mädchen und Frauen delegiert. Muslimische junge Frauen haben nun den

gesellschaftlichen Konflikt stellvertretend auszutragen: Wenn sie das Kopftuch

beibehalten, können sie zum Beispiel nicht als Erzieherin arbeiten und erleben eine

berufliche Ausgrenzung. Wenn sie es ablegen, kann dies als „Lossagen“ von der

Religion und als Abwendung von der Familie interpretiert werden und damit zur

sozialen Ausgrenzung führen.

Nach Einschätzung einiger Gesprächspartner/innen ist ein streng konservatives

Frauenbild und Rollenverständnis zwar in betont muslimischen Familien zu finden,

beschreibt aber nicht die Haltung der Mehrheit. Insbesondere in türkischen Familien

sei die Erziehung längst nicht mehr so rigide, wie viele Deutsche glaubten. Mehrere


26

Interviews berichten über Veränderungen, die deutsche Ausbilder durchaus

bedauern. Bei Fehlzeiten muslimischer Auszubildender habe es früher zum Beispiel

genügt, einfach in die Teestube zu gehen und mit dem Vater zu sprechen, damit sich

der Sohn an die Regeln hielt. Auch die bloße Drohung „Ich geh zu deinem Vater“

habe früher oft schon gewirkt. Damit könne man heute nicht mehr unbedingt

rechnen. Muslimische Jugendliche, die in Deutschland sozialisiert worden sind,

bereiten heute ihren Lehrern und Lehrerinnen ähnliche Probleme wie ihre

Mitschüler/innen. Ein Gesprächspartner: „Auch als türkischer Lehrer hat man heute

Probleme, die türkischen Jugendlichen zu erreichen. Die lassen sich nicht mehr

einfach etwas sagen.“

Förderung besonders benachteiligter unter den jugendlichen Migranten und

Migrantinnen

In einer Region mit besonders geringen Ausbildungsangeboten haben Migrantinnen

und Migranten mit schlechten oder gar keinen Schulabschlüssen so gut wie keine

Chance auf einen Ausbildungsplatz außerhalb der „Maßnahmeebene“. In der Region

müssen innovative Wege gefunden werden, um auch diese Jugendlichen in den

Arbeitsmarkt zu integrieren.

Berufsvorbereitende Maßnahmen werden in der Region von einer Reihe von freien

Trägern durchgeführt und vom Arbeitsamt finanziert. Sie bieten meist handwerkliche

Unterweisung in mehreren Berufsfeldern und zum Teil zugleich die Gelegenheit, den

Hauptschulabschluß nachzuholen. Das Ziel ist, die Jugendlichen über

Betriebspraktika in eine reguläre Ausbildung zu vermitteln. Hinzu kommen

Maßnahmen der Ausbildung im außerbetrieblichen Bereich, die eine praktische

Unterweisung in Lehrwerkstätten mit zusätzlichem Unterricht verbinden, darunter

zum Teil auch Trainingphasen zur Verbesserung der Deutschkenntnisse. Eine

wichtige Funktion haben auch Maßnahmen der Sozialämter („Arbeit statt

Sozialhilfe“), die für junge Erwachsene eine niederschwellige Qualifizierung im

Diestleistungsbereich oder Handwerk mit einer versicherungspflichtigen Tätigkeit

verbinden. Im Zuge der geplanten Veränderungen im gesamten System der

beruflichen Eingliederung von Arbeitslosen sind alle diese Förderungen akut

gefährdet; in den meisten Kommunen wurden viele Maßnahmen bereits vorläufig

oder endgültig ausgesetzt.

Fast alle Gesprächspartner/innen (und vor allem Akteure aus Sozial- und

Arbeitsämtern) befürworten solche Maßnahmen, gerade mit Blick auf die Situation

jugendlicher Migrant/innen. In vielen Fällen könnten Jugendliche und junge

Erwachsene mit Migrationshintergrund nur über diesen „geschützten Raum“ einen

Anschluß an den Arbeitsmarkt finden. Die Gespräche und Interviews zeigen jedoch

auch einige Schwachstellen des Maßnahmebereichs in der Region.

Die mangelnde Vernetzung der Akteure ist der häufigste Kritikpunkt. Eine

Kooperation der Maßnahmeträger ist in allen befragten Kommunen zu gering.

Verantwortliche aus der Stadtverwaltung und in Arbeitsämtern kritisieren

Konkurrenzverhalten und fehlende Absprachen der Träger, durch die zum Teil

geplante Maßnahmen scheiterten, weil keiner der beteiligten Träger die nötige Zahl

von Teilnehmenden vorweisen konnte. Kritisiert wird auch die zu geringe Vernetzung

zwischen Trägern, Bereichen der Stadtverwaltung, Arbeitsamt und


27

Beratungseinrichtungen. Eine Gesprächspartnerin schilderte den Weg jugendlicher

Migrant/innen ohne Lehrstelle als „Kette von Zuständigkeitsfeldern“ von Arbeitsamt,

Maßnahmeträgern, Sozialamt usw., die sämtlich aneinander vorbei arbeiteten: „Am

Ende dieser Kette sind die Leute 25 und weiterhin arbeitslos. Effektiv wäre es, wenn

alle Betreuungsakteure dieser Kette an einem Strang zögen und miteinander

vernetzt die Probleme angingen. Das ist aber immer noch nicht der Fall.“ Durch

mangelnde Vernetzung der Akteure und fehlende Zusammenarbeit der Träger

würden an sich gute Maßnahmen zum „Verschiebe-Bahnhof“.

Einige Gesprächspartner/innen kritisieren jedoch auch die Konzeption mancher

Maßnahmen. Eine Berufsvorbereitung für junge Migrant/innen, in der keine

Sprachförderung angeboten werde, sei zum Beispiel völlig zwecklos. Auch fehle in

der Qualifizierung auf Maßnahmeebene häufig das „interkulturelle Lernen“.

Insbesondere im Dienstleistungsbereich (z. B. im Bereich der Betreuung alter

Menschen und im Gastgewerbe) müßten die Gepflogenheiten der

Mehrheitsgesellschaft erlernt werden, wie es umgekehrt auch notwendig sei,

deutschstämmigen Auszubildenden den angemessenen Umgang mit Migrant/innen

als Kunden beizubringen.

Die fehlende Zusammenarbeit zwischen Maßnahmeträgern und Unternehmen ist

eine weitere häufige Kritik. Einige der in Maßnahmen angebotenen Qualifikationen

werden als „auf dem Arbeitsmarkt unbrauchbar“ bewertet. Manche Angebote seien

nicht auf die Anforderungen der Betriebe bezogen. Eine Gesprächspartnerin aus

einer Beratungsstelle für Migrantenfamilien: „Da werden in Maßnahmen zum Teil

exotische Abschlüsse angeboten, die den Jugendlichen nicht helfen. Es hat sich eine

Maßnahmestruktur herausgebildet, die selbsttragend geworden ist, aber den

Problemen der Jugendlichen nicht gerecht wird.“

Andere Gesprächspartner/innen fragen, welche Berufsfelder denn in Maßnahmen

oder in der außerbetrieblichen Ausbildung abgedeckt werden sollten? Es sei

weitgehend unklar geworden, welche Qualifikationen am Markt noch nachgefragt

würden. In mehreren Gesprächen wird mit Bezug auf diese Unwägbarkeit eine

größere Entscheidungsfreiheit im Maßnahmebereich für die Kommunen gefordert.

„Die gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Förderung von Jugendlichen binden den

Akteuren vor Ort oft die Hände“, urteilt eine Gesprächspartnerin. Es sei notwendig,

das gesamte Maßnahmesystem flexibler zu gestalten und auch flexibel verfügbare

Gelder bereit zu stellen, um auf den lokalen Markt zu reagieren. Vor Ort gebe es zum

Beispiel im Bereich der Pflegehilfe einen Markt für junge Migrantinnen und

Migranten. Nötig sei eine niederschwellige Ausbildung zur Beschäftigung im

Helferbereich bei Altenheimen, mobilen Pflegediensten usw. Solche Maßnahmen

würden jedoch vom zuständigen Arbeitsamtsbezirk mit dem Hinweis auf statistische

Daten zu arbeitslosen Pflegekräften abgelehnt, obwohl in den Nachbarstädten

Pflegekräfte gesucht würden. Mit Blick auf junge Migranten wird auch der „kleine

Gesellenbrief“ mit geringeren theoretischen Kenntnissen in einigen Gewerken

befürwortet. Der lokale Markt biete durchaus noch Arbeitsstellen für Arbeitskräfte mit

niederschwelliger Ausbildung.

In den Städten der Emscher-Lippe-Region existieren mehrere informelle kommunale

Netzwerke, die für besonders benachteiligte jugendliche Migrant/innen Maßnahmen

entwickeln, Beratung anbieten und Kompetenzen fördern. Zwei dieser Netzwerke (in

den Städten Bottrop und Recklinghausen) wollen wir im Rahmen unseres BQN


28

Vorhabens beispielhaft stärken und weiterentwickeln. Ziel ist es, darüber hinaus

regionale Netzwerkstrukturen zu entwickeln, die es auch ermöglichen, Beispiele

guter Praxis in anderen Kommunen zu übernehmen.

In Recklinghausen soll ein lokales Netzwerk zur integrativen Ausbildungsförderung

junger Migrantinnen entwickelt werden. Es geht hier um Schülerinnen ohne

Hauptschulabschluß in den Vorklassen zum Berufsgrundschuljahr der Berufskollegs.

Die Schülerinnen, die hier den Schulabschluß erwerben, haben in der Regel nur

geringe Chancen, eine Erstausbildung aus eigener Anstrengung zu finden. Sie

haben jedoch die Möglichkeit, mit dem Hauptschulabschluß an berufsvorbereitenden

Maßnahmen von Bildungsträgern teilzunehmen, die mit intensiver Sozialbetreuung

und Betriebsakquise arbeiten, um ihre Teilnehmer/innen in Erstausbildung zu

vermitteln. Um die Quote junger Frauen, die sowohl den Hauptschulabschluß als

Basisvoraussetzung für die Ausbildung als auch den Einstieg in betriebliche

Erstausbildung erreichen, zu erhöhen, ist eine Verbindung von

schulabschußbezogener und berufsvorbereitender mit geschlechtspädagogischer

Förderung der jungen Frauen im Hinblick auf Sprachkompetenz, Medienkompetenz,

Lebensplanung und Erweiterung des Berufswahlspektrums notwendig.

Das Netzwerk in Recklinghausen geht von der Erfahrung aus, daß die existierenden

Beratungsangebote häufig nur unzureichend aufeinander abgestimmt sind bzw.

wenig von einander wissen und somit weder fachlicher Austausch noch

Zusammenarbeit stattfinden. In der Praxis zeigte sich immer wieder der enorm hohe

Informationsbedarf sowohl der jungen Migrantinnen als auch der betroffenen

Einrichtungen, wie Bildungsträger, allgemeinbildende und berufsbildende Schulen,

Arbeitsämter, Sozialämter etc. Die Vernetzung von Beratungs- und

Vermittlungsinstitutionen sowie der in diesem Bereich arbeitenden

ausbildungsrelevanten Einrichtungen und Träger in einem kommunalen

Kooperationsverbund ist daher ein wesentlicher und zielführender Beitrag zur

Verbesserung der Ausbildungssituation junger Migrantinnen.

Zentrale Akteure (Lokales Kernnetzwerk) sind das Bildungszentrum des Handels

e.V., die VHS Recklinghausen, Berufskollegs sowie die Regionalstelle Frau und

Beruf der Stadt Recklinghausen. Ab März 2004 soll das Netzwerk erweitert werden

um die Partner Jugendarbeit / Jugendhilfe, Regelschulen, Institutionen der

Berufsberatung und –orientierung (AA, IHK, HWK), Migrantenvereine sowie

Ausbildungsbetriebe. Ziel ist die Entwicklung eines gemeinsamen Leitsystems für

junge Migrantinnen mit den Komponenten Schulabschlüsse / Berufsvorbereitung /

Lebensplanung / integrative Sprachförderung / Förderung der Medienkompetenz /

Erstausbildung.

Ein weiteres Modellvorhaben ist das „Bottroper Netzwerk zur Förderung junger

Migranten / Migrantinnen“, das sich aus informellen Zusammenhängen zu einem

kommunalen Netz entwickeln soll. Im Rahmen des BQN kann hier modellhaft der

Aufbau, die Entwicklung und die Stabilisierung einer Kooperation begleitet und

unterstützt werden. Kernpartner sind hier die Firma GeDiRec Gesellschaft für

Dienstleistung und Recycling e.V., die RAA Bottrop sowie das Jugendamt Bottrop.

Es geht um die fachliche Koordinierung von drei Projektideen, die von den Partnern

(in Kooperation mit weiteren Partnern) entwickelt werden. Zum einen geht es um die

fachliche Betreuung berufsvorbereitender Maßnahmen innerhalb der IFK am

Berufskolleg in den Praxisfeldern Pflege, Hauswirtschaft, Maler- und


29

Lackiererhandwerk und Zweiradmechanikerhandwerk. Hinzu kommt die Umsetzung

eines „Careplace“-Konzeptes ab Klasse 8 zur individuellen Förderung von jungen

Migrant/innen. Das „Careplace-Konzept“ ist ein umfassender, präventiver Ansatz zur

Förderung von benachteiligten Jugendlichen. Diese Aktivitäten sollen gekoppelt

werden mit der Weiterentwicklung des Qualifizierungskonzeptes für das öffentlich

geförderte Jugend- und Ausbildungshotel, das 2005 in Trägerschaft der GeDiRec

e.V. seinen Betrieb aufnehmen wird. Parallel wird an der Erstellung eines Leitfadens

für die pädagogische Arbeit zur schulischen und beruflichen Orientierung von jungen

Migrant/innen gearbeitet.

5. Wege zur Gewinnung von Unternehmen und zur Verbesserung der

Ausbildungsberatung für jugendliche Migrantinnen und Migranten

Wie können die Hindernisse auf dem Weg zur Lehrstelle verringert werden? Trotz

der Lage auf dem Arbeitsmarkt herrscht in der Region keine „Endzeitstimmung“. In

den Gesprächen und Interviews gibt es vielmehr eine Reihe von Ansätzen und

Ideen, die weiter verfolgt werden sollen.

Ungenutzte Ressourcen bei Ausbildungsplätzen in der Region

Gespräche und Interviews zeigen, daß es in der Region einige Ressourcen bei

Ausbildungsplätzen gibt, die noch nicht ausgeschöpft sind. Insbesondere in

Kleinbetrieben gibt es häufig Unkenntnis über die Inhalte der in Frage kommenden

Ausbildungsberufe, über die Vorteile, die Auszubildende dem Betrieb bringen, aber

auch über den formalen Ablauf einer Ausbildung. Den Verantwortlichen in kleineren

Betrieben ist zum Teil nicht bewußt, daß ihr Unternehmen durchaus die Kapazität

hat, Ausbildungsbetrieb zu werden. Auch das Instrument der „Verbundausbildung“ –

die Kooperation mehrerer Betriebe, die gemeinsam Ausbildungsinhalte abdecken –

und seine direkten und indirekten Vorteile für die beteiligten Unternehmen sind in der

Region zu wenig bekannt.

Ein besonderes Arbeitsfeld stellen die Unternehmen der Migrantenökonomie dar. Bei

den Betrieben, deren Inhaber ebenfalls Migrationshintergrund haben, bilden fast 90%

nicht aus. Selbst wenn man die Kleinstbetriebe, Bauchläden und Kioske

unberücksichtigt läßt, bleiben immer noch mehrere tausend Betriebe von Migranten,

die nicht ausbilden. In den Gesprächen und Interviews wurde deutlich, daß die

Migrantenökonomie für viele deutsche Akteure in der Region ein weitgehend

unbekanntes Feld ist. Es gibt viele Vermutungen zur Struktur, zu den ökonomischen

Ressourcen und zur Ausbildungsbereitschaft der Migrantenökonomie. Tatsächlich ist

hier im Laufe der Jahre ein „ökonomisches Paralleluniversum“ entstanden, zu dem

deutsche Akteure aus Kommunen und Wirtschaftsförderung nur selten Zugang

haben.

Nach empirischen Befunden des „Fördervereins Ausbildungs- und

Fortbildungsverbund Emscher-Lippe e.V.“, der seit 1997 zusätzliche

Ausbildungsplätze in der Region organisiert, gibt es erhebliche ungenutzte

Ausbildungspotentiale in der Migrantenökonomie und generell in kleineren Betrieben.

Für die Zurückhaltung der Unternehmen im Bereich Ausbildung werden folgende

Gründe häufig genannt:


30

• Den Unternehmen fehlen Kenntnisse über das duale System der

Berufsausbildung und zum Teil auch über Berufsbilder.

• Es fehlen zuverlässige, nachvollziehbare Informationen über die Aufgaben eines

Ausbildungsbetriebs und eine gezielte Ansprache.

• Den Unternehmern fehlt die Zeit, sich mit bürokratischen Formalitäten zu

beschäftigen.

• Häufig fehlt die offizielle Ausbildereignung.

• In einem Betrieb allein können nicht alle Ausbildungsinhalte abgedeckt werden.

• Die Kosten der Ausbildung erscheinen den Unternehmern zu hoch und der

Nutzen ist noch nicht klar verdeutlicht worden.

• Die möglichen Auszubildenden sind wirklich oder vermeintlich unzureichend

vorqualifiziert.

• Viele Unternehmer halten es für schwierig und zu aufwendig, die „passenden“

Azubis zu finden.

• Bei den Betrieben der Migrantenwirtschaft fehlt häufig eine umfassende Beratung

und Begleitung aus einer Hand.

Der Förderverein geht davon aus, daß sich die Ausbildungsintensität insbesondere

von Migrantenunternehmen in der Region deutlich steigern läßt. Dies entspricht auch

den Vermutungen vieler Expert/innen, die wir in der BQN-Vorphase interviewt haben.

Unser BQN-Vorhaben wird deshalb an dieser Stelle einen Schwerpunkt setzen. Nach

den Ergebnissen der Vorphase sollte an folgenden Punkten angesetzt werden:

• Abbau von Ausbildungshemmnissen durch Beratung, Begleitung und

Unterstützung der Betriebe

• Organisation von Verbundausbildungen, um auch Betriebe an der beruflichen

Erstausbildung zu beteiligen, die dies allein nicht können.

• Begleitung der Unternehmen bei der Auswahl und paßgenauen Besetzung der

Ausbildungsplätze mit geeigneten Bewerbern / Bewerberinnen, z.B. mit

Mehrsprachigkeit und interkultureller Kompetenz

• Erhöhung der Marktchancen und Wettbewerbsfähigkeit kleiner Betriebe, um sie

dauerhaft als Ausbildungsbetriebe zu erhalten. Bei den ökonomischen Faktoren

sollen durch Hilfestellungen in den Bereichen Buchführung, Rechnungswesen,

Controlling und strategische Unternehmensführung die vorhandenen Defizite auf

ein akzeptables Maß reduziert werden. Auch die professionelle Vorbereitung von

Kreditgesprächen bei Banken gehört dazu. Als Gegenleistung verpflichten sich

die teilnehmenden Betriebe, bei erreichter Marktfestigung einen erstmaligen oder

zusätzlichen Ausbildungsplatz einzurichten.

• Bessere Verzahnung der Migrantenwirtschaft mit und in der Region.

Grundsätzlich stellt sich die Situation der Migrantenwirtschaft in unserer Region

so dar, daß es noch keine nennenswerten Vernetzungs- bzw.

Organisationsstrukturen gibt. Die auf Bundes- und Landesebene tätigen

Institutionen der Migrantenwirtschaft bzw. die Unternehmensverbände spielen

hier kaum eine Rolle.


31

Eine Vernetzung zwischen Schulen, Beratungsakteuren und Akteuren aus Betrieben

erhöht die Chancen junger Migrant/innen

Bei unserer Recherche haben wir sehr unterschiedliche Grade der Kooperation

zwischen Schulen und Unternehmen gefunden: von allgemeinbildenden Schulen mit

hohem Migrantenanteil, die in der Regel kaum Kontakte zu Unternehmen haben, bis

hin zu einer Hauptschule im Kreis Recklinghausen, in der ein „Kompetenzteam“ aus

Lehrkräften den regelmäßigen Kontakt zu rund 70 Betrieben hält. Schulen mit hohem

Migrantenanteil haben deutlich geringere Betriebskontakte als andere. Zum Aufbau

der Kooperation mit Betrieben brauchen diese Schulen eine auf ihre besondere

Situation ausgerichtete Kontaktstelle, die Best-Practice-Beispiele in der Region

bekannt macht und ihre Übertragbarkeit prüft sowie Schulen und Betriebe

zusammenführt, die an einer Brückenfunktion interessiert sind. Die Kontaktstelle soll

die Netzwerkpartner auf die Kooperation vorbereiten und die Schnittstellen Schule –

Ausbildung und Ausbildung – Beruf bearbeiten. Auch berufsbildende Schulen sollten

dabei einbezogen werden.

Darüber hinaus sollten über die Gewinnung von Unternehmen Netzwerkstukturen

entwickelt werden zwischen Personalverantwortlichen aus Unternehmen,

Ausbildungsakteuren, Schulen, Betriebsräten, Migrantenorganisationen, Beratern

sowie Projekten, die in diesem Feld arbeiten oder planen, dies zu tun. Dies kann –

zumindest im Ausgangspunkt - kein „formelles“ Netzwerk sein, kann sich später aber

dahin entwickeln.

Die Gespräche der Vorphase zeigen, daß es notwendig ist, Personalverantwortliche

und Betriebsräte stärker zu sensibilisieren für die Probleme von jugendlichen

Migrantinnen und Migranten an den Schnittstellen zwischen Schule und Ausbildung

und Ausbildung und Beruf. Insbesondere Betriebsräte sollten an der Entwicklung von

Konzepten und Strategien mitarbeiten, die zur Verbesserung der Situation an den

genannten Schnittstellen dienen.

Zentral wichtig ist eine genauere Beschäftigung mit den betrieblichen Barrieren, die

eine Einstellung von Auszubildenden mit Migrationshintergrund verhindern. Die

Methoden der Betriebe zur Gewinnung von Auszubildenden sollten auf

„Barrierefreiheit“ überprüft werden, um Strategien zu entwickeln, die Hindernisse für

Migrant/innen zumindest verringern. Auch die Erfahrungen der Schulen mit diesen

Barrieren und der jugendlichen Migrantinnen und Migranten selbst können dazu

wertvolle Hinweise geben. Ein Ziel der Netzwerkaktivitäten soll die Entwicklung eines

„Kompetenzkatasters“ für Auszubildende sein, das Anforderungen von Unternehmen

für jugendliche Migrant/innen und Bildungsakteure transparenter macht und den

Unternehmen Gelegenheit gibt, ihre Anforderungsprofile zu reflektieren bzw. solche

Profile zu erarbeiten.

Gespräche und Interviews zeigen, daß nicht nur das Wissen jugendlicher

Migrant/innen über mögliche Ausbildungsberufe jenseits der „Top Ten“ erhöht

werden muß, sondern auch das Wissen der Unternehmer über diese

Bewerber/innen. Wir haben oben dargestellt, daß in Unternehmen häufig keine

Gelegenheit mehr besteht die individuellen Leistungen und besonderen

Kompetenzen (Kenntnis einer Fremdsprache etc.) junger Migrant/innen überhaupt

wahrzunehmen.


32

Die meisten Geprächspartner/innen der Vorphase sehen vor allem den verstärkten

Einsatz von Praktika in Betrieben als eine mögliche Lösung an. Der „Klebe-Effekt“

eines guten Praktikums sei nach wie vor hilfreich bei der Lehrstellensuche. Auch

Hauptschüler/innen mit schlechteren Noten und Sonderschüler/innen hätten nach

einem guten Praktikum Chancen auf eine Lehrstelle. Tatsächlich befürworten die

Betriebe das Praktikum und andere berufsvorbereitende Angebote. Sie bewerten

Jugendliche positiver, wenn sie sich im Praktikum engagieren.

Es sollte jedoch diskutiert werden, wie die üblichen Blockpraktika verbessert werden

können, um den passenden Platz für die „richtigen“ Schüler/innen zu finden. Zum

Beispiel haben wir in einer Schule ein kontinuierliches Langzeit-Praktikum gefunden,

bei dem die Schüler/innen 1 Jahr lang einen vollen Tag im Betrieb verbringen. Die

Jugendlichen werden dadurch stärker mit der Arbeitswelt konfrontiert und die

Lehrkräfte haben die Möglichkeit, Wissenslücken der Schüler/innen auch kurzfristig

anzusprechen und zu bearbeiten. Anforderungen der Unternehmen werden hier

möglicherweise deutlicher sichtbar und für die Jugendlichen transparenter als im

Blockpraktikum. Auch in diesem Bereich zeigt sich, daß Erfahrungen einzelner

Akteure, Modellprojekte und Beispiele aus der Praxis in der Region zu wenig

kommuniziert werden

Wie können Zukunftsberufe in der Region identifiziert und für jugendliche

Migrantinnen und Migranten geöffnet werden?

Jugendliche Migrantinnen und Migranten haben in der Emscher-Lippe-Region nicht

nur deutlich schlechtere Chancen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, sie

„landen“, wenn sie es denn schaffen, häufig in Berufsfeldern, die nicht zukunftssicher

sind. Die Tendenz der „Unterschichtung“ des Arbeitsmarktes durch Arbeitsmigranten

wird so in der 2. und 3. Generation weitergeführt.

Wir haben in der Region 2 Projekte gefunden, die hier gegensteuern wollen: Das

EQUAL-Projekt „OpenIt - Öffnung der IT-Kernberufe für Migrantinnen und Migranten

und das XENOS-Projekt „Förderung von Interkultureller Kompetenz in der

Altenpflege“. Im Rahmen des EQUAL-Projektes gibt es Überlegungen, den

entwickelten Ansatz künftig auch auf andere technische Berufsfelder auszudehnen.

Es gilt, die Vielfalt der aussichtsreichen Zukunftsbranchen aufzuspüren, sie genauer

zu betrachten und festzustellen, welche Potentiale in der Region vorhanden sind und

wie diese gestärkt und gefördert werden können.

In den Interviews der BQN-Vorphase sind wir bei vielen Akteuren auf großes

Interesse am Themenfeld „Zukunftsberufe“ gestoßen. Das BQN Emscher-Lippe wird

deshalb dazu Aktivitäten in einem eigenen Arbeitsfeld entwickeln. Die Koordination

wird bei den Akteuren des EQUAL-Netzwerkes „openIt“ liegen.

6. Die Rolle der Eltern und der Migrantenorganisationen im Übergang Schule -

Beruf

Ein wichtiges Problem bei der Bewältigung des Übergangs Schule - Beruf ist das

Informationsdefizit bei den Eltern der jugendlichen Migrantinnen und Migranten.

Eines der wichtigsten Ergebnisse der BQN-Vorphase war die von unterschiedlichen


33

Gesprächspartner/innen geäußerte Feststellung, daß die Eltern von

Migrantenjugendlichen zu wenig über die Bedingungen wissen, die für den Übergang

Schule - Beruf wichtig sind. Dieses Defizit entsteht nicht etwa, wie dies manchmal

vermutet wird, aus Desinteresse. Die Eltern, das haben die meisten

Interviewpartner/innen betont, sind durchaus engagiert. Dies unterstützen die

Befunde neuerer empirischer Untersuchungen, nach denen etwa Maßnahmen zur

Erhöhung der Ausbildungsneigung türkischer Jugendlicher auf ein ausgeprägt

positives Bewußtsein der Eltern treffen. (Goldberg / Sauer 2002, S.10)

Es gibt zu wenig Informationsangebote für Eltern aus Migrantenfamilien, die diese

wirklich erreichen. Informationen von Arbeitsämtern, kommunalen Stellen etc. über

das duale System, über Zukunftsberufe, Zugangsvoraussetzungen,

Ausbildungsfragen kommen bei den Eltern aus Migrantenfamilien häufig gar nicht an.

Viele deutsche Beratungsakteure kennen Informationswege innerhalb der

Migrantenzusammenhänge nicht und wissen nicht, wie die Eltern erreicht werden

können. Die Ansprache von Eltern aus Migrantenfamilien wird auch in

Ausbildungsbetrieben und Schulen häufig als „Problemfeld“ gesehen. Generell sind

Eltern – auch solche ohne Migrationshintergrund - mit den komplizierter gewordenen

Berufsbildern häufig überfordert. Der moderne Ausbildungsmarkt erscheint als

unübersichtliches Feld, das Eltern und Jugendliche gleichermaßen verunsichert.

Es gibt allerdings in der Region auch Beispiele guter Praxis, deren Bedingungen

weiter analysiert werden sollten. Diese Konzepte sind außerhalb der Kommune

wenig bekannt, so daß eine Aufgabe des BQN Netzwerks darin bestehen sollte, für

eine Verbreitung und eine Diskussion zu sorgen. Bereits im Kindergarten wird zum

Teil sehr erfolgreiche Elternarbeit geleistet: Eltern werden dabei an die deutsche

Institution herangeführt, sie partizipieren z.B. an Sprachfördermaßnahmen in

doppelter Hinsicht: durch Eltern- und Kinderkurse. Das Problem dabei: Diese Arbeit

bricht leider in der Grundschule ab und findet in den weiterführenden Schulen selten

statt. Wir haben jedoch auch vereinzelte Beispiele guter Praxis in Schulen gefunden,

darunter Sprachkurse für türkische Mütter und einen Erziehungskurs, bei dem

türkische Mütter über Probleme sprechen können, die sie mit ihren

heranwachsenden Söhnen haben.

Der Bedarf von Seiten der Eltern aus Migrantenfamilien im Hinblick auf Beratung und

Austausch ist sehr hoch. Ziel müßte es sein, die Fortsetzung der Integrationsarbeit

der Kindergärten bis zum Schulabschluß zu organisieren. Dies erfordert allerdings

eine Zusammenarbeit verschiedener Institutionen, die in der Region kaum

ausgebildet ist. Zu beobachten ist, daß Eltern aus Migrantenfamilien, die in solche

Zusammenhänge eingebunden sind, gegenüber den Institutionen (Kindergarten /

Schule) fordernder auftreten. Vertreter/innen der RAA berichteten von Erfahrungen

mit Elternarbeit, die Empowerment-Effekte erzeugt: Nach Sprachfördermaßnahmen

in den Kindertagesstätten geraten die Grundschulen unter Druck der Eltern, die nun

erwarten und fordern, daß dort Ähnliches angeboten wird.

Gespräche und Interviews zeigen, daß in Beispielen guter Praxis den

Migrantenorganisationen bei der Informationsvermittlung eine wichtige Rolle

zukommt. In erster Linie geht es hier um eine Aufgabenerweiterung der bestehenden

Migrantennetzwerke in Hinblick auf die Fragen des Übergangs Schule-Beruf. Fragen

des Übergangs Schule-Beruf waren bisher nur am Rande Themen in den

Migrantenvereinen und ihren Netzwerken, obwohl die Vereine einen großen Bedarf


34

sehen. In den Gesprächen wurde deutlich, daß auch Ausländerbeiräte in den

Kommunen das Handlungsfeld des Übergangs Schule - Beruf inzwischen stärker

wahrnehmen als in der Vergangenheit. Im Kreis Recklinghausen gibt es bereits

Ansätze zur Zusammenarbeit von Ausländerbeiräten, Unternehmen und

Wirtschaftsförderung, die in das BQN einfließen werden.

Im Aufgabenfeld geht es zunächst darum, dafür zu sorgen, daß Informationen zum

Übergang Schule - Beruf in die Migrantenvereine kommen. Das kann nur durch

Akteure aus den Vereinen selbst geschehen. Diese müssen dafür die nötigen

Kenntnisse bekommen. Dazu wird das Migrantennetzwerk GE-MI in Gelsenkirchen

eine Stelle einrichten, die diese Funktion wahrnimmt. Geplant sind Gespräche mit

Vereinsvertretern, Info-Veranstaltungen in den Vereinen und die Erstellung von Info-

Materialien, die auf die jeweiligen Zielgruppen zugeschnitten sind. Dies ist nur dann

wirklich sinnvoll, wenn Migrantenvertreter/innen selbst an der Erstellung dieser Infos

mitarbeiten. Dafür braucht das Migrantennetzwerk andererseits die Unterstützung

der anderen relevanten Netze und Akteure im BQN. Die Vorphase hat jedoch auch

gezeigt, daß Netzwerkstrukturen von Migrantenvereinen nicht in allen Kommunen

ausgebildet sind und daß zum Teil nur wenig Kontakte zwischen Vereinen,

Verwaltung, Ämtern und Schulen bestehen. Es wird auch Aufgabe des BQN

Emscher-Lippe sein, hier Unterstützung zu geben und Kooperationen zu initiieren.

Ein weiteres wichtiges Aufgabenfeld des BQN Emscher-Lippe wird die Elternarbeit

selbst sein. Der Verbund der Migrantenvereine GE-MI wird die Eltern der

Migrantenjugendlichen in den Vereinen und darüber hinaus informieren und Akteuren

aus anderen BQN-Zusammenhängen dabei helfen, notwendige Informationen z. B.

über Sprachförderung, duales System, Zukunftsberufe, Zugangsvoraussetzungen,

Ausbildungsfragen usw. wirklich an die betroffenen Eltern heranzubringen. Hier gibt

es mit der Regionalen Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus

Zuwandererfamilien (RAA) in Gelsenkirchen einen weiteren kompetenten BQN-

Partner. Die RAA Gelsenkirchen arbeitet zur Zeit an der Planung eines

Interkulturellen Zentrums für Ausbildung und Arbeit (ZAA), das von der

Landesregierung NRW finanziert werden soll. Geplant sind unter anderem

Informationsveranstaltungen für Migrantenvereine, Eltern und Schüler zum

Themenfeld Schule - Beruf. Dies könnte eine wegweisende Einrichtung für die

Region sein und auch andere Kommunen motivieren.

Eine weitere wichtige Aufgabe ist die Stärkung des Selbsthilfepotentials durch

Qualifizierung von jugendlichen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Auch

Jugendliche mit Migrationshintergrund, die in Deutschland sozialisiert worden sind,

sind nicht mehr unbedingt bereit, den Ratschlägen von Eltern, Lehrkräften und

professionellen Berater/innen zu folgen. Jugendliche sollten daher untereinander in

Selbstlernprozessen diskutieren, die von jungen Migrant/innen selbst angeleitet und

moderiert werden. In diesem Bereich besitzt der türkische Lehrerverband im

Ruhrgebiet RUTEB bereits Erfahrungen, die im Rahmen des BQN ausgebaut,

erweitert und in der Region kommuniziert werden sollen. Auf 8

Wochenendseminaren werden Jugendliche und jungen Erwachsene türkischer

Herkunft als MultiplikatorInnen motiviert sowie aus- und weitergebildet, um in ihrer

jeweiligen direkten Umgebung, im Familienverbund, im Schul-, Universitäts-, Berufsund

Wohnumfeld ihre Potentiale und Kenntnisse einzusetzen, um so eine

breitenwirksame Hilfe zur Selbsthilfe zu initiieren. Geplante Themen sind:

• Migrationsgeschichte


35

• Bestandsaufnahme: Die Bevölkerungsgruppe türkischer Herkunft in Deutschland

• Sozialer Aufstieg durch Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

• Die Bedeutung von Netzwerken: Soziales Kapital im Gesellschaftsgefüge

• Formen und Instrumente der Selbsthilfe

• Funktion und Wirkung von Vorbildern

• Das kleine 1 mal 1 kommunaler Einrichtungen

• Berufs- und Bildungswege in Deutschland

Ein außerordentlich wichtiger Punkt wird schließlich der Informationstransfer aus den

Migrantennetzwerken in die anderen Netzwerke der BQN-Akteure sein. Die

Einbeziehung der authentischen Problemwahrnehmungen und Sichtweisen der

Migrantinnen und Migranten und die Mitarbeit der Betroffenen an den Aktivitäten sind

unverzichtbar für alle geplanten Aktivitäten des BQN.

7. Das Problemfeld „Öffentlichkeit“

Die Vorphase hat gezeigt, daß Öffentlichkeitsarbeit und Public Relations im

traditionellen Sinne zwar für die Lobbyarbeit eines BQN Emscher-Lippe

unverzichtbar sind, daß wir aber tatsächlich drei verschiedene „Öffentlichkeiten“

ansprechen müssen. Neben der deutschen Öffentlichkeit, die vor allem über

regionale Medien und Pressestellen erreicht wird, gibt es eine davon getrennte

Migrantenöffentlichkeit“ und schließlich eine „Fachöffentlichkeit“ der Experten und

Expertinnen im Handlungsfeld des BQN.

Die „Migrantenöffentlichkeit“

„Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien kommen in den regionalen Medien

kaum vor“, urteilte eine Gesprächspartnerin im Interview. Es sei auch

außerordentlich schwierig, Vertreter/innen der regionalen Presse dazu zu bewegen,

zum Beispiel über Sprachförderung zu berichten. An Migranten und Migrantinnen sei

die deutsche Presse nur interessiert, wenn sie entweder als gravierende

„Problemfälle“ oder „in rührender Weise“ dargestellt werden könnten, zum Beispiel in

der Weihnachtsausgabe der WAZ unter der Überschrift „So feiern Türken

Weihnachten“. Projekte, die sich mit der Förderung jugendlicher Migrant/innen

beschäftigen, klagen allgemein über das Desinteresse der Medien.

Die Öffentlichkeit der Deutschen und die Öffentlichkeit der Migrantinnen und

Migranten sind unterschiedlich; sie existieren nebeneinander und haben wenig

Berührungspunkte. Viele Migrant/innen lesen deutsche Regional- und

Lokalzeitungen nicht. Sie sind daher für die regionale Presse keine Kunden, die mit

Service, Informationen und Werbung angesprochen werden müssen. Auch für den

regionalen Hörfunk sind Migranten und Migrantinnen keine relevante Kundengruppe.

Zwar gibt es in anderen Regionen Deutschlands Migrant/innen, die in der

Muttersprache publizieren und Zeitschriften herausgeben. Diese haben jedoch nur

eine geringe Verbreitung. In der Region Emscher-Lippe ist uns keine Zeitschrift oder

Zeitung mit relevanter Auflage bekannt, die sich als regionales Medium für hier

ansässige Migrant/innen versteht. Was in der Region geschieht, muß daher auf

anderen Wegen kommuniziert werden, wenn man auch Migrant/innen erreichen will.


36

Öffentlichkeitsarbeit in Migrantenzusammenhängen funktioniert daher nicht über die

üblichen Kanäle traditioneller „Medienarbeit“ mit Pressekonferenzen etc. Sie ist in

hohem Maße auf mündliche Kommunikation angewiesen. Das Gelsenkirchener

Netzwerk der Migrantenvereine GE-MI wird diese Aufgabe für das BQN Emscher-

Lippe übernehmen. Hier müssen völlig neue Wege der Ansprache erprobt und auch

Recherche (z. B. zur Zusammenarbeit mit der Migrantenpresse) unternommen

werden.

Die „Mehrheitsöffentlichkeit“

Die Zusammenarbeit mit regionalen und lokalen Medien ist eine der wesentlichen

Voraussetzungen für unser Anliegen. Wir haben uns daher entschlossen, in der

BQN-Vorphase eine Studie über die (deutsche) Öffentlichkeit der Region

durchzuführen. Diese Presseanalyse hat das Duisburger Institut für Sprach- und

Sozialforschung (DISS) durchgeführt. Sie enthält wichtige Hinweise zur Konstruktion

unseres BQN-Vorhabens.

Gegenstand der vorliegenden Presseanalyse (www.uni-duisburg.de/diss) war der

Zusammenhang von Migration, Arbeitsmarkt und Bildung auf der Diskursebene der

regionalen bzw. lokalen Medien. Ausgewählt wurden hierfür Artikel aus den Mänteln

wie auch Lokalteilen von 12 Regionalzeitungen, die in den Analysezeiträumen

Dezember 2001, September 2002 und Januar 2003 veröffentlicht wurden.

Eine Strukturanalyse der betreffenden Ausgaben zeigte, dass sich in allen drei

Untersuchungszeiträumen jeweils selten Verschränkungen von Migrations- und

Bildungsdiskurs feststellen ließen. Doch es lassen sich auch Differenzen zwischen

den Untersuchungszeiträumen diagnostizieren. So dominiert die Thematisierung der

PISA-Studie (erwartungsgemäß) im Dezember 2001, dem Monat ihres Erscheinens.

Die entsprechenden Artikel mit Migrationsbezug finden sich in diesem

Untersuchungszeitraum vor allem im Mantelteil, in den anderen Monaten dagegen

überwiegen Artikel zu Migration und Bildung in den Lokalteilen. Dies weist darauf hin,

dass in den Lokalredaktionen dieser Zusammenhang durchaus gesehen wird. Für

ein zu installierendes Netzwerk zu Migration und Bildung bietet es sich daher an,

einen engen Kooperationskontakt mit den Lokalredaktionen zu suchen. Zugleich

ergibt sich die Notwendigkeit, diesen Zusammenhang auch überlokal verstärkt zu

thematisieren.

Die relativ geringe Anzahl von Artikeln mit Migrationsbezug verweist aber insgesamt

auf eine nur sehr schwach ausgebildete Sensibilisierung hinsichtlich des

Zusammenhangs von Migration, Schule, Ausbildung und Beruf bei den

Journalistinnen.

Die weitere Analyse konnte ermitteln, dass für die Berichterstattung die Kopplung

von Migration und (Sprach- und Integrations-) Problemen kennzeichnend ist. Es

werden mangelnde Deutsch-Kenntnisse beklagt und im Raum der Politik erhobene

Forderungen nach einem verbesserten Sprachförderunterricht aufgenommen, wobei

eine strikte bis rigide sprachliche Eingliederung als erforderlich angesehen wird (vgl.

BAUER-VERLAG, 10.12.01); es wird aber auch – leider nur in Lokalteilen – über die

Bedeutung des muttersprachlichen Unterrichts für Kinder und Jugendliche mit

Migrationshintergrund diskutiert. (vgl. WAZ BOTTROP).


37

Diese Probleme werden jedoch zumeist gesellschaftlich kontextualisiert – wenn etwa

darauf hingewiesen wird, dass es in Deutschland auch weitere Personengruppen

gibt, die sozial benachteiligt sind. Sprachliche Fähigkeiten werden generell als

„Schlüsselkompetenzen“ angesehen, die die Basis für weiteren Wissenserwerb –

auch bei deutschen Schülerinnen – bilden. Vor allem als Konsequenz des

miserablen Abschneidens der Schülerinnen in Deutschland bei der PISA-Studie wird

eine Ausweitung der Vorschul- und Ganztagsbetreuung als notwendig angesehen.

Zu bedenken ist hierbei jedoch, dass damit gleichzeitig zusätzliche Anforderungen

nicht nur, aber vor allem an Migrantenkinder ins Haus stehen, die deren Alltag und

Entfaltungsmöglichkeiten beschränken (können). Eine Debatte darüber, in welchen

Formen und mit welchen Inhalten solche (Sprach-) Förderungen stattfinden sollten,

steht noch aus und sollte von einem zukünftigen Netzwerk angestoßen und

mitgestaltet werden.

In Verbindung mit Bildung werden auch im regionalen Mediendiskurs

wahrgenommene Differenzen zwischen Einwanderinnen und ‚Eingeborenen’ häufig

und in teilweise rassistischer Manier an ‚den Islam’ gekoppelt. Die Debatte, ob es

z.B. Erzieherinnen im Kindergarten gestattet werden sollte, ein Kopftuch zu tragen,

wird auch in den regionalen Print-Medien geführt. Festzustellen ist, dass sowohl die

Befürworter wie auch die Gegner einer Kleiderordnung mit rassistischen Prämissen

operieren. Dies liegt zum Beispiel dann vor, wenn zur Toleranz gegenüber Personen

mit Migrationshintergrund aufgerufen wird, diese jedoch weiterhin als Gäste

angesehen werden, und/oder das Wohlwollen der Mehrheitsgesellschaft daran

gebunden wird, dass sich jemand legal und unauffällig in Deutschland aufhält.

Der Befund, dass im regionalen Diskurs „Bildung und Migration“ auch rassistisches

und/oder ethnozentristisches Wissen (re-)produziert wird, bedeutet für eine

Kooperation mit Journalistinnen innerhalb eines BQN, dass eine konsequent

reflexive journalistische Praxis eingefordert werden sollte. Darunter ist zu verstehen,

dass Journalistinnen sich nicht nur als Vermittlerinnen von Fakten verstehen,

sondern berücksichtigen, dass sie immer in einen bestimmten gesellschaftlichdiskursiven

Kontext hinein produzieren, den sie zugleich fortschreiben.

Die Berichterstattung enthält im gesamten Analysezeitraum sowohl auf lokaler wie

auch auf überlokaler Ebene immer wieder Artikel, in denen kritisch auf Probleme der

Mehrheitsgesellschaft verwiesen wird, mit Migration umzugehen und sich an einem

Integrationsprozess zu beteiligen. Festzustellen ist jedoch, dass es allenfalls

ansatzweise gelingt, die institutionellen und gesellschaftlichen Hindernisse

auszumachen, mit denen Migrantinnen konfrontiert sind. Diese Ansätze auszubauen,

sollte ein Anliegen eines künftigen BQN sein.

In den untersuchten Medien zeigt sich insgesamt, dass hier bei allem Bemühen um

eine vorurteilsfreie Berichterstattung erhebliche Defizite und Einseitigkeiten zu

beobachten sind. Das Thema Einwanderung und Ausbildung wird zwar

angesprochen, die damit verbundenen Schwierigkeiten, vor allem aber die sich

anbietenden Lösungsmöglichkeiten sind jedoch vielfach unterbelichtet. Aus diesem

Grunde und um eine nachhaltige Vernetzung zwischen den in diesem Komplex

agierenden Handlungsträgern zu installieren, bietet es sich an, eng mit

Journalistinnen aus den regionalen Print- und Hörfunkmedien und sonstigen


38

regionalen Multiplikatorinnen (z.B. Lehrer, Pressesprecher, Leiter von

Personalabteilungen etc.) zu kooperieren, etwa auch in Gestalt regelmäßig

durchzuführender gemeinsamer Workshops. Zu prüfen wäre zudem, ob und wie die

angesprochene Problematik für die Journalistinnenausbildung generell fruchtbar zu

machen wäre.

Die „Fachöffentlichkeiten“

Die Tätigkeitsfelder unseres BQN-Vorhabens sind eingebunden in verschiedene

wissenschaftliche Fachdiskurse, vor allem in ökonomische, pädagogische,

linguistische und sozialwissenschaftliche Diskurse.

In den Gesprächen und Interviews haben wir festgestellt, daß viele der regionalen

Akteure zum Teil gar nicht oder nur partiell in die genannten Fachdiskurse

eingebunden sind. Unser BQN-Vorhaben wird diese Einbindung durch eine Reihe

von Maßnahmen fördern und erweitern. Dadurch werden die Erfahrungen vor Ort

verallgemeinerbar und „auf der Höhe der aktuellen Diskussion“ reflektierbar.

Umgekehrt finden die Erfahrungen aus der Praxis nur auf diesem Wege Eingang in

die wissenschaftlichen Fachöffentlichkeit(en) und können dort rezipiert werden.

In den Gesprächen zeigte sich, daß zum einen Publikationsstrategien für die

jeweiligen Fachdiskurse entworfen werden müssen, damit Erkenntnisse aus

Emscher-Lippe Verbreitung finden. Außerdem besteht bei regionalen Akteur/innen

auch Bedarf an redaktioneller, inhaltlicher und publikationstechnischer Unterstützung

für geplante Publikationsvorhaben. Darüber hinaus wollen wir wissenschaftliche

Tagungen (nationale und wenn möglich auch internationale Tagungen) zum

Themenfeld des BQN durchführen, die in der Region Impulse geben und unsere

Lobbyarbeit auch im wissenschaftlichen und politischen Feld fördern. Die Resultate

des BQN Emscher-Lippe sollen gegen Ende der Laufzeit in einer zentralen

wissenschaftlichen Publikation umfassend ausgewertet werden. Damit verbunden

wird ein Auftaktkongress für die weitere, sich selbst tragende Phase des Netzwerks

für Emscher-Lippe.

Notwendige Voraussetzung für die Einbindung des BQN Emscher-Lippe in

Fachdiskurse ist ein Wissenschaftsnetzwerk, das wir in der Vorphase mit einer Reihe

von Akteuren und Akteurinnen diskutiert haben. Die Ergebnisse dieses

Aufgabenfeldes der Vorphase werden im folgenden Kapitel dargestellt.

Eine weiterer Bereich der Fachöffentlichkeit ist die Vermittlung von Erfahrungen und

Beispielen guter Praxis aus anderen Regionen Deutschlands in die Region Emscher-

Lippe hinein. Die Vorphase hat gezeigt, daß solche „Inputs“ aus anderen Regionen

bei den Akteur/innen in Emscher-Lippe selten ankommen, aber eingefordert werden.

Ein Gesprächspartner: „Das Wissen über einschlägige Projekte endet hier an der

jeweiligen Stadtgrenze. Das Rad muß deshalb eben immer wieder neu erfunden

werden.“ Da der Transfer guter Ideen schon innerhalb von Emscher-Lippe häufig

nicht gelingt, ist die Wahrnehmung der Beispiele aus anderen Regionen erst recht

kein „Selbstläufer“.

Beispiele guter Praxis, wie sie im Rahmen des nationalen Netzwerkes BQN

entstehen werden, müssen deshalb nicht nur identifiziert und weiter vermittelt


39

werden. Es müssen auch die jeweiligen besonderen Entstehungs- und

Umweltbedingungen analysiert und die Beispiele auf vergleichbare Situationen in der

Region Emscher-Lippe bezogen und damit abgeglichen werden. Die Akteur/innen in

der Region müssen vom möglichen Nutzen fremder Ansätze für ihre eigene

alltägliche Praxis überzeugt werden. Schließlich muß der Wissens- und

Praxistransfer so organisiert werden, daß dieser Nutzen während des gesamten

Prozesses erhalten bleibt. In „Transferphasen“ von Projekten werden häufig

Workshops organisiert, auf denen „Experten“ aus einer anderen Stadt ihre Erfolge

vortragen und schildern, daß anderswo „alles großartig läuft“. Diese übliche

Vorgehensweise kann in der Region Emscher-Lippe auf harsche Ablehnung stoßen,

vor allem dann, wenn für die Akteur/innen zwar Mehrarbeit, aber kein handfester

Zusatznutzen erkennbar ist.

8. Wissenschaftliche Erkenntnis für die Region, in der Region und über die

Region

Eine häufige Situation in der Vorphase: Ein Gesprächspartner schildert Probleme

jugendlicher Migrant/innen in der Kommune und fügt hinzu: „Genauere Daten haben

wir dazu leider nicht. Man müßte den Fragen auch viel gründlicher nachgehen. Aber

wo hätten wir die Zeit dazu hernehmen sollen?“ Ein Ergebnis unserer

Situationsanalyse war ein Mangel an Daten und ein Mangel an wissenschaftlichen

Studien über die Region, die für die Praxis brauchbar sind. Diesen Mangel konnten

wir in fast allen Gesprächen der Vorphase feststellen.

Die Region Emscher-Lippe hat ein Wissensproblem: Sie weiß zu wenig über sich

selbst. Und das, was über die Region wissenschaftlich bekannt ist, ist den Akteuren

und Akteurinnen aus der Praxis zu wenig bekannt. Dies gilt in besonderem Maße für

die Fragestellungen des BQN.

Ein Gesprächspartner beschrieb die Datenlage seiner Kommune z. B. als

„Datenwüste“. Vergleichbare Daten der Region, insbesondere zur Lage jugendlicher

Migrant/innen, sind nur vereinzelt vorhanden. Studien über die Region als Ganze

fehlen völlig. Verbleibstudien zu Schülern/Schülerinnen mit Migrationshintergrund

gibt es nicht oder sie sind nicht bekannt, werden von den Gesprächspartner/innen

aber eingefordert. Studien und Berichte zur Situation und zur Förderung junger

Migrant/innen sind nicht vorhanden oder werden nicht kommuniziert. In einer der

Kommunen erschien zum Beispiel der letzte Ausländerbericht vor 15 Jahren, der

letzte Armutsbericht vor 7 Jahren; beide wurden seitdem nicht fortgeschrieben.

Evaluationen von Projekten und Maßnahmen im Themenfeld des BQN finden nur

selten statt und werden außerhalb der jeweiligen Kommune nicht verbreitet.

Außerdem fällt auf, daß die regionalen Akteure und Akteurinnen zwar in der Regel

ein profundes Praxiswissen besitzen, daß dies aber selten an neuere

wissenschaftliche Fachdiskurse angekoppelt ist. Andererseits bieten die vielfältigen

Erfahrungen und Praxismodelle der Region zahlreiche Anregungen und

Gegenstände für die wissenschaftlichen Fachdiskurse.

Da die Region - im Gegensatz zu den Nachbarregionen um Essen, Bochum,

Dortmund und Münster - keine Universität besitzt, existiert auch kein „natürliches“

Zentrum wissenschaftlicher Aktivitäten für die Region. Andererseits bieten


40

wissenschaftliche Einrichtungen der Nachbarregionen (aber auch der Emscher-

Lippe-Region selbst) ein beachtliches wissenschaftliches Potential, das für die

Entwicklung der Region und speziell der Bedürfnisse des BQN-Vorhabens nutzbar

gemacht werden kann.

In der Region Emscher-Lippe gibt es für Wissenschaftler/innen viel zu tun. Aus den

Interviews und Gesprächen der BQN-Vorphase können wir zahlreiche Beispiele

nennen, bei denen es sich lohnt, genauer nachzuforschen. Die vielfältigen

Erfahrungen und Praxismodelle der Region ergeben zahlreiche Anregungen und

Gegenstände für die wissenschaftlichen Fachdiskurse. Es existieren wertvolle, aber

außerhalb des unmittelbaren Wirkungskreises völlig unbekannte Erfahrungen, z.B.

im Bereich der Frühforderung. Die Stadt Herten geht ungewöhnliche Wege bei der

Sprachförderung von Migrantenkindern, die RAA Gelsenkirchen geht andere Wege.

In beiden Modellen werden Erfolge beobachtet und die Akteur/innen sind sicher, daß

sich die Sprachkompetenz der Migrantenkindern durch ihre Aktivitäten verbessern

wird, so daß die heutigen Kinder, wenn sie vor der Schwelle zur Ausbildung stehen,

nicht mehr jene gravierenden Sprachprobleme haben werden wie die jetzige

Übergangsgeneration.

In den XENOS und EQUAL-Projekten der Region lassen sich viele Ansatzpunkte zur

Reflexion der Themenfelder „Eingeschränkte Berufswahl“ und „Öffnung von

Zukunftsberufen“ für Migrantinnen und Migranten finden, ebenso zur Frage der

Sensibilisierung von Arbeitsmarktakteuren und Jugendlichen gegen

Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Speziell die Erfahrungen dieser Region sind

für die Forschung wertvoll, denn der Arbeitsamtsbezirk Gelsenkirchen bietet mit

seiner mit Abstand problematischsten Ausbildungs- und Arbeitsmarktlage in ganz

Deutschland (mit Ausnahme einiger Bezirke in Ostdeutschland, aber dort gibt es

kaum Migrant/innen) praktische Untersuchungsfelder für die Überprüfung von

Hypothesen zum Zusammenhang von sozialen Problemlagen und

Rassismusentwicklung.

Außerdem bieten die Arbeitsamtsbezirke der Region reichlich Anschauungsmaterial

zu der Frage, wie ein Berufsbildungssystem, das auf derart problematische

Ausgangssituationen nicht zugeschnitten ist, trotz allem die Kreativität entwickelt, um

vielen Jugendlichen dennoch eine Chance zu geben. Die neue Arbeitsmarktpolitik

wird von vielen der befragten regionalen Arbeitsmarktakteure als Fehlentwicklung,

zum Teil als katastrophal empfunden, speziell mit Blick auf benachteiligte

Jugendliche. Ob sich dadurch die Situation dramatisch verändert oder ob das

System neue Wege finden kann – die Frage also, was das „Hartz-Konzept“ in einer

extremen Problemregion bewirkt - wäre ebenfalls wert untersucht zu werden.

Auch die Praxis der Unternehmen der Region bietet sich zur wissenschaftlichen

Forschung an. Zu untersuchen wären zum Beispiel die Kriterien der

Personalauswahl und die Praxis bestimmter Einstellungstests, die offenbar die

Chancen von Migrantenjugendlichen verringern. In der Region gibt es Beispiele, wie

die Bereitschaft der Unternehmen, Ausbildungsplätze zu schaffen, erhöht werden

kann. Es gibt Projekte in diesem Feld, aber auch Bemühungen von Kommunen und

lokalen Politikern. Die Erfahrungen dieser regionalen und lokalen Aktivitäten sind

bisher nicht wissenschaftlich ausgewertet worden. Ein kaum bearbeitetes

Forschungsfeld ist das „ökonomische Paralleluniversum“ der Migrantenökonomie. Zu


41

der Frage, wie die Migrantenwirtschaft in das Ausbildungssystem einbezogen

werden kann, gibt es Erfahrungen aus der Praxis, aber keine Untersuchung.

Interessant wäre es auch, zu untersuchen, wie es möglich sein kann, daß z. B. im

benachbarten Münster eine entspannte Ausbildungsplatzlage existiert, während

gleichzeitig in Großraum Gelsenkirchen die Lage dramatisch ist. Viele unserer

Gesprächspartner/innen vermuten ein Mobilitätsproblem der jugendlichen

Migrantinnen und Migranten. Vertreter der Migrantenvereine verneinen das. Hier

könnten Mobilitätsstudien, die jenseits der üblichen Faulheitsvermutungen den

konkreten Bedingungen mangelnder Mobilität in der Region nachgehen,

entscheidend weiterhelfen und auch Hinweise zur Verbesserung der Situation geben.

Unsere Beispiele zeigen nur einen Teil der Arbeitsfelder, die

Untersuchungsgegenstände von praxisnaher Forschung, aber auch von

Grundlagenforschung sein könnten – es aber bisher selten sind. Solche

Forschungen brächten Vorteile sowohl für Wissenschaftler/innen als auch für die

Akteur/innen vor Ort, die dringend auf die Ergebnisse solcher an den praktischen

Problemen orientierten Forschungsarbeiten angewiesen sind.

Im Rahmen der BQN-Vorphase haben wir auch mit potentiellen Interessent/innen in

Universitäten, Fachhochschulen und Instituten gesprochen und Zwischenergebnisse

unserer Situationsanalyse vorgestellt. Wir haben den Kreis der möglichen

Ansprechpartner/innen aber längst nicht ausschöpften können. Alle kontaktierten

Wissenschaftler/innen haben großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit dem

BQN Emscher-Lippe und sehen konkrete Anknüpfungspunkte zur ihrer eigenen

aktuellen Lehr- und Forschungstätigkeit. Es wurde insbesondere diskutiert, inwieweit

Studierende in die Forschungspraxis über Fragestellungen aus dem BQN Emscher-

Lippe einbezogen werden können, zum Beispiel in Lehrforschungsprojekten zur

BQN-Thematik mit regionalem Bezug, in Seminaren zu einzelnen Aspekten des BQN

oder durch Anregung von entsprechenden Diplomarbeiten und Dissertationen.

Aus der Situationsanalyse haben wir die Idee eines „Wissenschaftsnetzwerks

Emscher-Lippe“ entwickelt, das eine der Kernaufgaben im zukünftigen BQN

Emscher-Lippe sein soll. Unser Ziel ist die Entwicklung einer breit wirksamen

Innovationskultur in der Region durch ein dauerhaftes und praxisnahes

Wissenschaftsnetzwerk, das zahlreiche wissenschaftliche Einrichtungen innerhalb

und außerhalb der Region einbezieht und mit den Praxisakteuren vor Ort verbindet.

Dazu muß zum einen das bereits vorhandene wissenschaftliche Potential für das

BQN-Anliegen aktiviert werden. Zum anderen muß eine intensive Vernetzung mit der

regionalen Praxis und dem dort gesammelten Erfahrungswissen stattfinden.

Wir wollen also sicherstellen, daß nicht nur fundiertes wissenschaftliches Wissen

über regionale Probleme beim Übergang Schule – Beruf, insbesondere bezogen auf

jugendliche Migrant/innen, entsteht, sondern daß dieses Wissen auch zu

„Akteurswissen“ wird. Die Aktivitäten des Wissenschaftsnetzwerks sollen nicht nur

einen wissenschaftlichen Spezialdiskurs zu den Fragestellungen des BQN Emscher-

Lippe entfalten. Sie sollen dafür sorgen, daß ein Transfer seiner Ergebnisse in die

Fach- und Alltagsdiskurse der Region gelingt, daß Ergebnisse dort reflektiert und auf

eigene Erfahrungen bezogen werden. Das Wissenschaftsnetzwerk muß also mit den

anderen Aktivitäten des BQN verzahnt werden, insbesondere mit den kommunalen

Netzwerken und den Migrantennetzwerken. Dies kann nicht durch einen einfachen


42

und einseitigen Transfer geschehen, bei dem zum Beispiel Fachaufsätze verteilt

werden. Einerseits muß wissenschaftliches Wissen für die Praxis erschlossen und in

angemessener Form aufbereitet werden. Andererseits muß Erfahrungswissen in den

wissenschaftlichen Diskurs eingespeist und aufgenommen werden. Ausgehend vom

wechselseitigen Nutzen müssen wir also jeweils besondere Strategien entwickeln,

die in beiden Richtungen vermitteln, und für beide Seiten Wege finden, die das

„fremde Wissen“ erschließen und im eigenen Arbeitsfeld brauchbar machen.

9. Vernetzung innerhalb von Kommunen und in der Region

„Um in Emscher-Lippe Vernetzung zu schaffen“, so ein Gesprächspartner, „muß man

hier zuerst die Kleinstaaterei überwinden.“ Die Konkurrenz der Städte um

Unternehmen, Gelder und Image sei hier so hart wie in kaum einer anderen Region.

Vom Ruhrgebiet generell wird gesagt, es bestehe aus einem Haufen eifersüchtiger

Kommunen, für die hinter der jeweiligen Stadtgrenze das feindliche Ausland beginnt.

Hier sei jene sprichwörtliche „Kirchturmspolitik“ erfunden worden, die letztlich allen

schadet.

Emscher-Lippe, die Planungsregion im nördlichen Ruhrgebiet, ist tatsächlich ein

eigenartiges Gebilde. Hier gibt es weder den Zusammenhalt traditioneller

gewachsener Regionen (wie zum Beispiel das „Münsterland“) noch die – relativ

junge – Identität, die sich in der Gesamt-Region Ruhrgebiet im Strukturwandel der

letzten Jahrzehnte herausgebildet hat: der Mythos des montanidustriell geprägten

„Ruhrpotts“, abzulesen an der wachsenden Fülle der Industriedenkmäler, den

„Ruhrpott-Ruhrpott“-Gesängen in Fußballstadien und der liebevollen Pflege der

Ruhrgebietssprache, die jetzt nicht mehr als Sprachfehler kritisiert wird.

Für die Region Emscher-Lippe gilt das nicht. Im Bewußtsein der meisten Menschen

der Region existiert sie gar nicht. Die Region besitzt keine Bindekraft, obwohl ihre

Kommunen die gleichen Sorgen teilen. Sie besitzt keine Identität, obwohl die

Menschen, die hier leben, identische Probleme haben.

In den Gesprächen und Interviews wurde deutlich, daß die Region als Ganzes für

fast alle Akteur/innen kein Bezugspunkt ist. Es gibt Bezüge zwischen einzelnen

Nachbarstädten (aber nicht zum Rest der Region), es gibt zum Teil fachlichen

Austausch zwischen Akteuren, aber er ist in der Regel nicht auf die Region bezogen.

Das führt in unserem Zusammenhang zu zwei Problemen, die wir bei der

Konstruktion unseres Netzwerkes berücksichtigen müssen:

• Beispiele „guter Praxis“ werden nicht über die jeweiligen Gemeinde hinaus

kommuniziert. Viele mögliche Wirkungen bleiben daher aus.

• Bestehende Vernetzungen sind in der Regel kommunal bezogen und lokal

gestaltet. Regionale Netzwerkbildungen bedürfen daher besonderer Strategien.

Die Vernetzung auf kommunaler Ebene ist häufig unzureichend

Die meisten Aktivitäten zur Vernetzung im Handlungsfeld des Übergangs Schule –

Beruf, die wir in der Vorphase kennengelernt haben, beziehen sich auf alle

Jugendlichen und nicht speziell auf Migranten und Migrantinnen. In unserer Region

existieren noch keine ausgeprägten und etablierten Vernetzungsstrukturen für die


43

berufliche Förderung junger Migrantinnen und Migranten. Die existierenden Netze

müssen zu diesem Zweck gestärkt, verbunden, auf dieses Ziel hin orientiert und zum

Teil erst entwickelt werden.

Gespräche und Interviews zeigen, daß dauerhafte Erfolge im Übergang Schule –

Beruf nur durch eine systematische Vernetzung zu erreichen sind, die alle Akteure im

Handlungsfeld einbezieht. Eine umfassende Vernetzung ist in den meisten

Kommunen jedoch nicht vorhanden. Existierende Vernetzungsansätze (in der Regel

nicht speziell auf die Förderung jugendlicher Migrant/innen bezogen) werden häufig

als unzureichend angesehen oder funktionieren nicht zufriedenstellend. Mehrere

Gesprächspartner/innen beklagen, daß in ihrer Kommune die Zusammenarbeit der

verschiedenen Akteure im Übergang Schule – Beruf zu wenig ausgebildet sei oder

gar gravierende „Löcher“ habe. Es fehle ein systematisches

„Übergangsmanagement“, das die Übergänge regelt, eine gemeinsame Planung

entwickelt und die Angebote auf kommunaler Ebene bündelt und besser zugänglich

macht. Einige Gesprächspartner/innen kritisieren auch die in ihrer Kommune

fehlende Vernetzung im Bereich Sprachförderung für Kinder und Jugendliche aus

Migrantenfamilien. Sie berichten zum Beispiel von gänzlich unkoordinierten, parallel

ablaufenden Sprachkursen, deren Ergebnisse in der Kommune nicht evaluiert

werden.

Andere Gesprächspartner/innen kritisieren in diesem Zusammenhang auch die

traditionelle Arbeitsteilung der Migrantensozialarbeit, bei der bestimmte

Einrichtungen ausschließlich für bestimmte Herkunftsgruppen zuständig sind:

„Dadurch entsteht eine Zuständigkeitsmentalität. Hat ein Migrant ein Problem, wird

ihm gesagt: `Dafür ist nur die AWO zuständig`.“ Solche Strukturen müßten

aufgebrochen werden, da sie eine Zusammenarbeit verschiedener Akteure geradezu

verhinderten.

Die Situation vor Ort verschärft sich erwartungsgemäß, wenn eine kommunale

Jugendberufshilfe als Koordinator fehlt und auch keine Einrichtung (z. B. ein

kompetenter Maßnahmeträger) existiert, die entsprechende Aufgaben wahrnimmt,

oder wenn die Kontakte zwischen Schulen und Jugendamt wenig entwickelt sind.

Gespräche und Interviews zeigen jedoch auch, daß es in mehreren Kommunen

Aktivitäten zur Vernetzung im Übergang Schule – Beruf gibt, allerdings von

unterschiedlicher Intensität. Die Beispiele reichen von eher informellen Kontakten

zwischen Einzelpersonen, die sich von Zeit zu Zeit austauschen, über Kooperationen

zwischen einzelnen Bereichen der Stadtverwaltung und dem Arbeitsamt bis hin zu

lokalen Arbeitsgemeinschaften, in denen auch Schulen vertreten sind. Häufig

übernimmt das Jugendamt bzw. der entsprechende Fachbereich der Stadtverwaltung

die Koordination solcher Treffen. Nur in einer Kommune sagten die

Gesprächspartner: „Wir sind im lokalen Rahmen ausreichend vernetzt.“ Hier

organisiert das Jugendamt einen regelmäßigen Arbeitskreis mit Vertretungen aus

Stadtverwaltung, Arbeitsamt, Maßnahmeträgern und Schulen, der sich als

stadtweites Netzwerk versteht. Ein Gesprächspartner: „Es gelingt dem Arbeitskreis

oft, alle Jugendlichen zu versorgen, entweder mit Lehrstellen oder mit

berufsorientierenden Angeboten. Inzwischen verschwindet hier niemand mehr.“


44

Vernetzung ist auf die eigene Kommune beschränkt

Ein Merkmal fast aller Vernetzungsplanungen oder -aktivitäten in der Region ist die

starke Beschränkung auf die eigene Kommune. Die Zusammenarbeit mit Akteuren

und Akteurinnen aus demselben Handlungsfeld außerhalb der eigenen Stadt ist

gering. Selbstverständlich gibt es Arbeitskreise zwischen den Ämtern mehrerer

Kommunen (z. B. Arbeitskreise der Jugendhilfeplaner). Sie werden von den

Gesprächspartner/innen jedoch nicht als „echte regionale Netzwerke“ verstanden, da

sie vor allem dem fachlichen Austausch der Stadtverwaltungen dienen. Durch die

Orientierung auf die eigene Kommune existieren Beispiele guter Praxis und

innovative Ideen meist isoliert voneinander und erzielen nur selten Effekte außerhalb

der Stadtgrenzen. Viele Akteur/innen wissen daher nicht, an welchen Ideen und

Projekten Kollegen und Kolleginnen in einer anderen Kommune arbeiten.

Vernetzung schließt nicht alle Akteure ein

Auffallend ist außerdem, daß „Vernetzung“ meist als Austausch zwischen

Vertretungen bestimmter Institutionen definiert wird, in der Regel von Personen aus

Jugendamt, Arbeitsamt und Haupt- bzw. Gesamtschulen. In einigen Beiträgen

werden auch Maßnahmeträger als potentielle oder aktuelle Partner genannt. Nur in

wenigen Interviews gibt es Hinweise auf Konzepte, die auch Grundschulen und

Kindergärten systematisch mitdenken, obwohl fast alle Gesprächspartner/innen die

Bedeutung der sprachlichen Frühförderung betonen. Nur in einem Interview wurde

der systematische Aufbau einer durchgehend vernetzten Schul- und

Bildungslandschaft in der Kommune als Perspektive für die Zukunft formuliert. Dort

steht aktuell die Frühförderung von Kindern mit Migrationshintergrund im Mittelpunkt,

mit einem deutlichen Schwerpunkt bei der Elternarbeit.

Migrantenorganisationen werden selten als Netzwerkpartner wahrgenommen

In bestehende Netzwerke sind kaum Migrantinnen und Migranten einbezogen. Die

Netzwerke sind in der Regel „deutsche Veranstaltungen“. Dies hat mitunter kuriose

Folgen. So berichtete uns ein türkisches Mitglied eines Migrantenvereins, daß er

gebeten wurde, im Rahmen einer Netzwerkveranstaltung einer Gewerkschaft den

Vortrag eines Referenten über den Islam zu übersetzen. Es stellte sich aber dann

heraus, daß der Vortragende Bosnier war, der Übersetzer also kein Wort verstand.

Die Initiatoren hatten offenbar keinen Unterschied zwischen bosnischer und

türkischer Herkunft wahrgenommen.

Migrantenorganisationen und Migrantennetzwerke werden nur in wenigen

Gesprächen und Interviews überhaupt als potentielle Partner im Handlungsfeld des

BQN thematisiert. Damit wird ein gravierendes Defizit sichtbar, das uns bei der

Recherche mehrfach auffiel: Migrantenvereine und Migrantennetzwerke sind nur

selten in die kommunale bzw. öffentlich geförderte Arbeit mit Migrant/innen

eingebunden. Auch die meisten Maßnahmeträger und Verbände pflegen keine

engen Kontakte zu Migrantenorganisationen. Sie werden offenbar von den meisten

Gesprächspartner/innen gar nicht als kommunale Akteure wahrgenommen.

Kompetenzen und Potentiale der Migrantenvereine werden in der Region nicht

wirklich genutzt, obwohl sie entscheidend zur Lösung mancher Probleme beitragen

könnten.


45

In der Regel haben deutsche regionale Akteure, die im Handlungsfeld des BQN

arbeiten, auffallend geringe Kontakte in Migrantenzusammenhänge hinein.

Vorhandene Kontakte sind häufig eher informell und werden selten zu offiziellen und

dauerhaften Arbeitsbeziehungen. Nur in einer der untersuchten Kommunen gibt es in

der Stadtverwaltung einen fest installierten Aufgabenbereich „Interkulturelle

Koordination“ mit 3 ständigen Mitarbeiter/innen (davon ein Mitarbeiter mit

Migrationshintergrund) und einen regelmäßigen interkulturellen Arbeitskreis. Hier

sind die Beziehungen zwischen der Stadtverwaltung, dem Ausländerbeirat und

örtlichen Migrantenvereinen denn auch im Vergleich zu anderen Kommunen gut

entwickelt. Gerade in dieser Kommune wird jedoch auch eine große Unkenntnis,

sogar ein Desinteresse deutscher Akteure festgestellt. Ein Gesprächspartner:

„Maßnahmeträger, Vereine und Verbände und sogar die Gewerkschaft sind offenbar

an Kontakten zu Migrantenvereinen nicht interessiert, obwohl dadurch in der

Kommune viel mehr hätte erreicht werden können. Der Grund für dieses

Desinteresse ist nicht eindeutig zu benennen. Vielleicht spielen festgefahrene

Strukturen und eingefahrenes Denken eine Rolle.“

Andererseits sind Migranten und Migrantinnen, die länger hier ansässig sind, häufig

als „informelle Berater“ gefragt, wenn es in Projekten zur Migration darum geht,

Kontakte zu knüpfen, Informationen zu erhalten oder einen besseren Zugang zur

„Zielgruppe“ zu finden. Der kundige „informelle Berater“ mit Migrationshintergrund

wird stets geschätzt – aber er wird nur selten als Experte bezahlt. Obwohl es unter

den in der Region ansässigen Migrant/innen inzwischen gut qualifizierte Fachkräfte

und Akademiker/innen gibt, hat sich die Einstellungspraxis der Weiterbildungs- und

Maßnahmeträger, der Verwaltungen und Beratungseinrichtungen nicht verändert.

Fest beschäftigte Fachkräfte mit Migrationshintergrund sind in den Einrichtungen

seltene Ausnahmen. Sogar öffentlich geförderte Projekte, die sich dezidiert mit der

Unterstützung von Migrant/innen beschäftigen, werden in der Regel von rein

deutschen Teams durchgeführt. Migrantenorganisationen sind für kommunale und

regionale Netzwerke zur Förderung von Kindern und Jugendlichen jedoch

unverzichtbar. Wer sie einbinden will, muß auch eine Finanzierung ihrer Arbeit

anstreben und die Professionalisierung solcher Beratungstätigkeiten fördern.

Unternehmen fehlen in den Netzwerken

Kontakte zu Unternehmen sind eine weitere Schwachstelle vieler

Vernetzungsansätze. Daß die Wirtschaft auf Kooperationsangebote äußerst

zurückhaltend reagiert, wurde in einer Reihe von Gesprächen und Interviews

thematisiert: Diesen Mangel sehen Akteure und Akteurinnen in Schulen, Verbänden,

Stadtverwaltungen und bei Maßnahmeträgern gleichermaßen. Es gelingt in der

Regel auch nicht, Wirtschaftsförderung und Unternehmer in kommunale

Gesprächsrunden oder Arbeitskreise einzubeziehen. Auch die Akquise von

Praktikumsplätzen in Unternehmen wird häufig als gravierendes Problem gesehen.

Erfahrungen mit der Struktur bestehender Netzwerke

In den Gesprächen und Interviews fragten wir auch generell nach den Erfahrungen

mit Arbeitskreisen und Netzwerken, die sich auf die Region beziehen oder


46

Akteur/innen aus mehreren Kommunen erreichen wollen. Solche Aktivitäten gab es

und gibt es in der Region durchaus, und einige der Gesprächspartner/innen

erwähnen sie auch. Allerdings wird immer wieder beklagt, daß bestehende

Netzwerke oder Arbeitskreise nicht effektiv oder auch nicht produktiv seien. Bei

einigen Akteur/innen ist eine gewisse „Netzwerkmüdigkeit“ erkennbar.

Worauf ist dies zurückzuführen? Beschränken wir uns an dieser Stelle auf die

Aussagen der Beteiligten, so lassen sich signifikante Aussagen dazu finden, warum

diese Netzwerke oder Arbeitskreise in ihren Augen vermutlich ihre Ziele und eine

Nachhaltigkeit nicht erreichen werden:

1. Der Aufbau der Netzwerke ignoriert bereits bestehende Verbindungen der

Partner/innen oder schließt diese sogar aus. Bestehende Verbindungen sind zum

Teil entweder lokale Kooperationen oder existieren dann über Stadtgrenzen

hinaus, wenn einzelne Personen die Kontakte aktiv pflegen. Scheiden diese

Personen aus dem Zusammenhang aus, zerbricht in der Regel auch das

Netzwerk.

2. Den Personen, die sich an größeren Vernetzungen beteiligen, sind häufig Sinn

und Funktion des Zusammenschlusses nicht klar. Die Ansätze erscheinen

„aufgesetzt“ und künstlich. Möglicherweise gelingt es oft nicht, die zunächst eher

abstrakten Ziele in Praxis zu „übersetzen“, sie auf die Handlungsebene der

regionalen Akteure zu beziehen und soweit zu operationalisieren, daß konkrete

gemeinsame Aktionen entstehen.

3. In den bestehenden Netzwerken entsteht aus der Sicht einiger

Gesprächspartner/innen oft kein Mehrwert für die einzelnen beteiligten Personen,

Organisationen oder Institutionen. Die Beteiligten leisten zusätzliche Arbeit,

investieren also in Vernetzung, haben jedoch den Eindruck, keinen

entsprechenden zusätzlichen Nutzen zu bekommen.

4. Netzwerke wissen in der Regel nichts über andere Netzwerke. Sie wissen oft

nicht einmal, daß diese existieren. So gibt es z. B. drei Xenos-Projekte in der

Region. Keines der Projekte kannte die Arbeit der anderen. Der Wirkungskreis

solcher Projekte ist sehr klein und wäre ausbaubar, wenn die gängigen Wege von

Öffentlichkeitsarbeit und Kooperation erweitert würden.

10. Bestehende Netzwerke in der Region Emscher-Lippe

Im Rahmen unserer BQN-Vorphase haben wir die Netzwerkstruktur der Region

Emscher-Lippe - bezogen auf unsere Fragestellung - erkundet. Im Folgenden stellen

wir Netzwerke vor, die sich mit der Förderung von Kindern und Jugendlichen mit

Migrationshintergrund beschäftigen, und geben an, welche Rolle sie für unser

Vorhaben spielen werden.

Neben diesen formellen existieren eine Reihe von informellen Vernetzungen,

getragen von einzelnen Personen, die hier nicht weiter aufgeführt werden, die aber

natürlich bei der Umsetzung unseres BQN sehr wichtig sind.

Darüber hinaus gibt es im Übergangsfeld Schule – Beruf zahlreiche Aktivitäten von

einzelnen Schulen oder Maßnahmeträgern, die sich um eine stärkere Kooperation


47

mit Unternehmen bemühen und meist die Berufsberatung des lokalen Arbeitsamtes

einbeziehen. Diese Aktivitäten haben wir hier nicht aufgeführt, da sie in der Regel

keine speziellen Instrumente zur besonderen Unterstützung jugendlicher

Migrantinnen und Migranten entwickeln und nicht auf die Region bezogen sind.

• Das Netzwerk „arbeiten + lernen an lippe + emscher“ (a+l.l+e)

Das Projekt „arbeiten + lernen an lippe + emscher“ (Programm „Lernende Regionen“)

besteht seit Juli 2001 und verbindet wichtige Akteure der Struktur- und

Bildungspolitik der Region, darunter die zuständigen Arbeitsämter und Kammern,

Kommunen der Region und den Kreis Recklinghausen, den DGB Region Emscher-

Lippe, die IG BCE, Forschungseinrichtungen, Schulen, Volkshochschulen und die

Arbeitsgemeinschaft Weiterbildung Emscher-Lippe. Übergreifende Aufgabe des

Projekts ist die Förderung des Lernens und einer zukunftsorientierten Weiterbildung

in der Region.

Unter der Federführung des DGB Bildungswerks NRW sind in „a+l.l+e“ mehrere

Teilprojekte und regionale Arbeitskreise entwickelt worden. Einen engeren Bezug

zum Themenkomplex des BQN Emscher-Lippe haben das Teilprojekt „GeBeNet“ und

der „Bildungsratschlag“ mit dem Arbeitskreis „Multikulturelles integratives Lernen“.

Gelsenkirchener Beratungsnetzwerk GeBeNet

Perspektivisches Ziel von GeBeNet ist der Aufbau einer „Beratungsagentur“, die

Jugendliche im Übergang Schule - Beruf bei der beruflichen Orientierung und

Planung unterstützt. Schwerpunkte sind die Optimierung des Beratungsangebots für

Jugendliche, Eltern und Betriebe und der Ausbau von Kooperationen zwischen den

verschiedenen Beratungsinstitutionen. Zentrale Akteure sind Vertretungen mehrerer

Schulen und verschiedener Schulformen aus der Kommune. GeBeNet hat eine

eigene Netzwerkstruktur entwickelt und Bereiche der Stadtverwaltung, die

Arbeitsverwaltung, die Kammern, mehrere Bildungsträger, Betriebe und kirchliche

Einrichtungen als Partner gewonnen. Die Unterstützung von Jugendlichen

ausländischer Herkunft ist ein Schwerpunkt der Aktivitäten. Das Modell wird zunächst

auf lokaler Ebene erprobt, soll jedoch später zu einem regionalen

Übergangsmanagement Schule - Beruf weiter entwickelt werden.

Arbeitskreis „Multikulturelles integratives Lernen“

Der Arbeitskreis versteht sich als regelmäßiges Forum und als Ideenbörse von

Akteuren aus Schulen, Migrantenorganisationen und Weiterbildung. Er wird als „open

space“-Veranstaltung gestaltet und bietet Möglichkeiten der Diskussion und

Kooperation.

Zwischen dem BQN Emscher-Lippe und dem Projekt „a+l.l+e“ ist bereits während

der Vorphase eine Zusammenarbeit entwickelt worden. Das Projekt „a+l.l+e“ wird

pädagogischen Sachverstand und Kontakte in das BQN einbringen und seinerseits

die Dienstleistungen des BQN Emscher-Lippe intensiv nutzen.

• GE-MI

Die „Initiativgruppe der Migrantenvereine in Gelsenkirchen“ (GE-MI) ist ein 2002

gegründeter Zusammenschluss von zur Zeit 21 Migrantenvereinen in Gelsenkirchen.


48

Beteiligt sind Vereine türkischer, spanischer, griechischer, portugiesischer,

tunesischer, marokkanischer und serbischer Migrantinnen und Migranten, das Forum

Afrika Solidarität sowie der jüdische Kulturverein „Kinor“. GE-MI hat sich zum Ziel

gesetzt migrationspolitische Interessen gegenüber Politik, Verwaltung und sonstigen

Institutionen zu vertreten, eine enge Zusammenarbeit der beteiligten Vereine

sicherzustellen und gemeinsame Aktionen gegen Fremdenfeindlichkeit und für die

Verbesserung der Lebensqualität in Gelsenkirchen durchzuführen. In der BQN-

Vorphase haben wir mehrmals Gespräche mit Vertretern/ Vertreterinnen von GE-MI

geführt und sind auf großes Interesse an unserem Vorhaben gestoßen. Akteure von

GE-MI haben sich schließlich aktiv an der Vorphase beteiligt und sie werden in der

Hauptphase eine tragende Rolle spielen.

• RUTEB

Der „Türkische Lehrer- und Pädagogenverein im Ruhrgebiet e.V. – RUTEB“ ist ein

Migrantenverein (und Teil des oben beschriebenen GE-MI-Verbunds), der

schwerpunktmäßig in Gelsenkirchen integrationsfördernde Basisarbeit leistet. Das

Hauptziel von RUTEB ist die soziale, schulische und berufliche Integration der

Migrantinnen und Migranten in die deutsche Mehrheitsgesellschaft und ihre Teilhabe

an Entwicklungen in ihrer nächsten Umgebung. In Zusammenarbeit mit dem RAA-

Verbund, der RAA Gelsenkirchen, der VHS, dem DGB, der Universität Duisburg-

Essen, vier weiterführenden Schulen in Gelsenkirchen und Umgebung und anderen

örtlichen und regionalen Regeleinrichtungen führt der Verein seit Jahren Projekte,

Maßnahmen, Seminare und Workshops durch. Zielgruppen sind Eltern, Frauen,

Mädchen, Jugendliche, junge Erwachsene. RUTEB sucht gezielt nach Multiplikatoren

und Multiplikatorinnen, die über Seminare dazu befähigt werden sollen, in Stadtteilen

mit besonders hohen Anteilen türkischer Migranten/Migrantinnen z.B. Eltern bei

Erziehungsproblemen zu helfen.

Diese Arbeit soll im Rahmen von BQN verstetigt sowie räumlich und inhaltlich

erweitert werden. Migrantenjugendliche, „die es geschafft haben“, AbiturientInnen

und StudentInnen sollen als MultiplikatorInnen in „ihren“ Stadtteilen bei Schul- und

Ausbildungsproblemen beraten können und zugleich als Vorbild zeigen, dass auch

Migrantenjugendliche eine Chance auf qualifizierte Ausbildung haben.

• Das EQUAL-Projekt „OpenIt – Öffnung der IT-Kernberufe für Migrntinnen

und Migranten

Die Entwicklungspartnerschaft openIT, gefördert im Rahmen der Europäischen

Gemeinschaftsinitiative EQUAL, will Migrantinnen und Migranten verstärkt in die IT-

Kernberufe bringen und damit zur nachhaltigen Verbesserung ihrer

Arbeitsmarktchancen und zum Abbau von Diskriminierungseffekten beitragen. Um

dieses Ziel zu erreichen, werden aufeinander abgestimmte, integrierte Teilprojekte

durchgeführt:

- Qualifizierungsprojekte in den 4 neuen IT-Kernberufen und unterstützende

Brückenqualifizierungen im IT-Bereich

- Beratungsprojekte (Coaching, Profiling, Selbstmanagement, Lernplanung,

Unterstützung beim Kontakt zu Unternehmen; Konzepte für die Berufsberatung)

- Beratung von Unternehmen (Diversity Management, Erschließung neuer

Personalressourcen, interkulturelle Mediation)

- Marketing und Öffentlichkeitsarbeit


49

- begleitende Forschungsprojekte

Mit zur Zeit 10 Kern-Partnern mit 15 Teilprojekten und rund 20 unterstützenden

strategischen Partnern ist openIT als offenes, erweiterbares Netzwerk angelegt. Da

horizontales und vertikales Mainstreaming zu den zentralen Aufgaben gehört, ist die

Entwicklungspartnerschaft sehr daran interessiert, ihre Handlungsstrategien zu

verallgemeinern und sich mit externen Akteuren auszutauschen. Die bisherigen

Partner kommen aus dem Raum Nordrhein-Westfalen, wobei der Schwerpunkt der

Aktivitäten in der Region Emscher-Lippe liegt.

Auf der europäischen Ebene kooperiert openIT mit einer dänischen und einer

italienischen Entwicklungspartnerschaft.

Im Rahmen des BQN Emscher-Lippe wird openIT insbesondere im Aufgabenfeld

„Öffnung von Zukunftsberufen“ aktiv mitarbeiten und darüber hinaus Kontakte und

Know-how in die Arbeit des BQN einbringen.

• Das XENOS-Projekt „Förderung von Interkultureller Kompetenz in der

Altenpflegeausbildung“

Dieses Projekt wird im Seminar für Altenpflege in Castrop-Rauxel durchgeführt, einer

Einrichtung des Berufsfortbildungswerks des DGB. Kooperationspartner ist das

Rhein-Ruhr-Institut (RISP) an der Universität Duisburg-Essen. Eine breite

Vernetzung des Projekts in der Region bindet die politischen Gremien

(Gesundheitskonferenzen, kommunale Vertreter/innen im Gesundheits- und

Sozialwesen etc.) sowie Vertreter/innen der Institutionen des Gesundheits- und

Sozialbereichs (Altenheime, Tagesstätten, ambulante Dienste, Krankenkassen etc.)

mit ein.

In dem Projekt werden seit dem 1.3.2002 begleitend zur dreijährigen

Altenpflegeausbildung Maßnahmen durchgeführt, die den zukunftsicheren Beruf der

Altenpflegerin / des Altenpflegers stärker für Migrantinnen und Migranten öffnen und

Rassismus in seinen vielfältigen Formen, so wie ihn die künftigen Pflegerinnen und

Pfleger in ihrer beruflichen Praxis erleben (und praktizieren), zum Gegenstand der

Ausbildung machen. Vor allem die Integration in die Regelausbildung gewährleistet

dabei die Nachhaltigkeit des Vorhabens. Der Modellkurs ist paritätisch aus

MigrantInnen und Einheimischen zusammengesetzt. In diesem Kurs werden unter

anderem:

• bereits entwickelte Module zur kulturkompetenten Pflege in die Ausbildung

integriert;

• erarbeitet, wie das Problem des Rassismus in Pflegeteams und im Pflegealltag

(z.B. Heim, ambulante Dienste) zum Gegenstand des Unterrichts gemacht

werden kann;

• durch eine gezielte sozialpädagogische Betreuung Motivation und

Lernbereitschaft gefördert.

In den nächsten zwei Jahren soll folgendes geschehen:

Die Akteure des Projekts bemühen sich darum, die entwickelten Konzepte in die

geplante, landesweite Regelausbildung zu integrieren. Dazu werden

projektbegleitend Gespräche mit relevanten Akteuren (u.a. dem BIBB) geführt.

Die Ergebnisse sollen im Anschluß an das Projekt allen Fachseminaren für

Altenpflege zur Verfügung gestellt werden.

Durch eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit soll auf die Chancen und Möglichkeiten

hingewiesen werden, die Migrantinnen und Migranten in Pflegeberufen haben.

Das XENOS-Projekt sieht große Anschlussstellen zum BQN-Vorhaben und wird sich

vor allem an den geplanten Aktivitäten im Themenfeld „Zukunftsberufe“ beteiligen.


50

• XENOS-Projekt GABS gGmbH

Die GABS gGmbH, gemeinnützige Gesellschaft für Arbeitsförderung, berufliche

Qualifizierung und Soziokultur, unterhält Ausbildungstätten in 5 Städten der Region

Emscher-Lippe und ist mit 650 Beschäftigten ein großer Arbeitgeber der Region.

Gesellschafter sind Kirchenkreise unter dem Dach des Diakonischen Werkes

Westfalen.

Das XENOS-Projekt der GABS „Training gegen Fremdenfeindlichkeit“ läuft seit Ende

2001 und hat das Ziel, das gemeinsame Lernen und Arbeiten von Jugendlichen

verschiedener Nationen zu fördern und zum gegenseitigen Verständnis beizutragen.

Das Projekt bietet eine Reihe von Trainingseinheiten an, darunter interkulturelles

Lernen, Konflikt- und Sensibilisierungstraining, sowohl für Jugendliche und

Auszubildende als auch für Ausbilder/innen, Lehrer/innen und Pädagog/innen.

Kooperationspartner im Netzwerk des Projekts sind vor allem Berufsschulen und

Betriebe aus der Region.

Das XENOS-Projekt der GABS sieht eine Reihe von Anschlußstellen zum Vorhaben

des BQN Emscher-Lippe. Besonders interessant sind für das XENOS-Projekt die

Vernetzungsangebote, z. B. zu Migrantenorganisationen, der Dienstleistungspool

des BQN und die Mitarbeit in den Aufgabenfeldern Öffentlichkeitsarbeit und

Sensibilisierung von Unternehmen.

• Das XENOS-Projekt der Jugendberufshilfe des Jugendamtes der Stadt

Gelsenkirchen

Die kommunale Jugendberufshilfe des Jugendamtes der Stadt Gelsenkirchen bietet

in jedem Jahr Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte für ca. 350 junge

Menschen unter 25 Jahren an, die von ca. 60 AnleiterInnen und PädagogInnen

betreut werden. Der Anteil ausländischer junger Menschen in den Projekten

schwankt zwischen 30 und 60%. Damit haben die Maßnahmen nicht nur einen

wichtigen beschäftigungspolitischen, sondern auch einen bedeutsamen integrativen

Aspekt. Diese multikulturelle Zusammensetzung stellt AnleiterInnen und

PädagogInnen jedoch auch vor Probleme; insbesondere beim Umgang mit Gewalt

und/oder mit latent oder offen vorhandenen rechtsradikalen Tendenzen.

Das XENOS-Projekt der Jugendberufshilfe (seit Anfang 2003) soll hier Unterstützung

leisten, durch den Einsatz einer ständig ansprechbaren Fachkraft und durch

zusätzliche Schulungen, z. B. in den Bereichen "Körpersprache"

"Antiagressionstraining" und "Argumentationstraining". Übergeordnetes Projektziel ist

die Sensibilisierung von Jugendlichen für den Zusammenhang zwischen

zunehmender Konkurrenz auf den Arbeits- und Ausbildungsstellenmarkt und

fremdenfeindlichen Tendenzen. AnleiterInnen und PädagogInnen sollen in die Lage

versetzt werden, fremdenfeindliche Tendenzen bei den Jugendlichen in den

Projekten zu erkennen und zu vermeiden, aber auch eigene fremdenfeindliche

Haltungen und Äußerungen zu reflektieren, z. B über die Arbeit an und mit der

eigenen Biographie.

Besonderen Wert legt das Jugendamt auf eine intensive Zusammenarbeit mit

Kammern, Polizei (Ordnungspartnerschaft), Gewerkschaften, Berufsschulen und

Arbeitsamt. Vertreterinnen und Vertreter der Institutionen sind an der Planung und


51

Umsetzung des XENOS-Projekts beteiligt. Mittel- und langfristig sollen im XENOS-

Projekt entwickelte Konzepte einen Fahrplan für zukünftige Beschäftigungs- und

Qualifizierungsprojekte des Jugendamtes liefern und auch in die entsprechenden

Lehrpläne der Berufsschulen aufgenommen werden.

Die Jugendberufshilfe des Jugendamtes der Stadt Gelsenkirchen ist stark an einer

Mitarbeit im BQN Emscher-Lippe interessiert, insbesondere an einer intensiven

Vernetzung der Träger von Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen.

• Sprachförderungsnetzwerke Herten und Gelsenkirchen

In beiden Städten gibt es – unabhängig voneinander – besondere Anstrengungen zur

Sprachförderung.

Vor vier Jahren hat die Stadt Herten mit einer Reihe von Maßnahmen zur

Verbesserung der Schulsituation in Herten begonnen. Ausgangspunkt war ein

Projekt der Bertelsmann-Stiftung „Lebendige Schule in einer lebendigen Stadt“, das

in den Jahren 1998-2001 in den Städten Herten, Arnsberg, Castrop-Rauxel, Herford,

Minden und Unna mit der Zielsetzung stattfand „wirksame Kommunikations- und

Kooperationsstrukturen auszubauen und verschiedene Akteure für ein Konzept

öffentlich verantworteter Bildung zu gewinnen.“ (Stadt Herten 2002, S.2)

Flächendeckende Sprachförderung und Elternarbeit ist mittlerweile Praxis in Herten

auch dank eines weiteren Modellprojektes, das durch die Projekt Ruhr im Rahmen

der „Lernallianz Ruhrgebiet“ finanziert wird. Die Aktivitäten der Stadt Herten sind

projektgebunden. Angesichts leerer Stadtkassen ist an eine Regeleinführung durch

die Stadt vorerst nicht zu denken. Frau Pommerin, die Leiterin des Fachbereichs

Schule und Jugend der Stadt Herten, ist aber optimistisch, dass weitere Projektmittel

für eine kontinuierliche Weiterführung sorgen werden. Frau Pommerin ist am

weiteren Verlauf von BQN interessiert, konnte uns aber kurzfristig noch keine

konkrete Zusage für die Mitarbeit geben.

Ein weiteres Sprachförderungsnetzwerk betreut die RAA in Gelsenkirchen. Die RAA

Gelsenkirchen hat ihren Arbeitsschwerpunkt seit 1998 auf das Feld sprachliche

Frühförderung verlagert. Sie führt folgende Aktivitäten durch

• 81 Sprachförderangebote in Tageseinrichtungen für Migrantenkinder

• Sprachförderangebote in Grundschulen

• Elternarbeit mit vor allem türkischen Eltern der Kinder der Einrichtungen (mit

„Elterndiplom“)

• In einem Modellversuch wurden in 24 Tageseinrichtungen bilinguale

ErzieherInnen eingesetzt. (Der Modellversuch endet allerdings dieses Jahr. Ein

sozialpädagogisches Institut ist für die wissenschaftliche Begleitung zuständig

und wertet die Ergebnisse aus.)

Die RAA Gelsenkirchen wird ihre Erfahrungen und Kontakte in das BQN Emscher-

Lippe einbringen.

• ZAA Gelsenkirchen (Interkulturelles Zentrum für Ausbildung und Arbeit)

Die RAA Gelsenkirchen arbeitet zur Zeit an der Einrichtung eines Interkulturellen

Zentrums für Ausbildung und Arbeit (ZAA), das von der Landesregierung NRW

finanziert werden soll. Das ZAA soll eine breit angelegte Informationsarbeit für die

Zielgruppe Eltern und Jugendliche durchführen. Ziel ist es, Informationen über das


52

duale Ausbildungssystem, Ausbildungschancen, Zukunftsberufe in der Region und

darüber hinaus sowie konkrete Hilfestellungen zu geben und unterstützende

Maßnahmen während der Ausbildung anzubieten.

Zu diesem Zweck wird das ZAA mit allen acht Hauptschulen und den fünf

Gesamtschulen in Gelsenkirchen zusammenarbeiten und vor Ort unter Einbezug der

Muttersprachenlehrer mit Eltern und Schülern Veranstaltungen durchführen.

Außerdem ist es das Ziel der ZAA, durch Nutzung der vorhandenen

Kooperationsstrukturen der RAA mit Migrantenselbstorganisationen und religiösen

Vereinen (z.B. Moscheen, Alevitenvereine) an die Eltern heranzukommen, die über

die Schulen nicht zu erreichen sind.

Das Projekt will auch einen Beitrag dazu leisten, Ausbildungsabbrüche zu

vermeiden. Dazu sollen spezielle Coaching-Angebote für Jugendliche und

Ausbildungsbetriebe angeboten werden. Vor dem Hintergrund der langjährigen

Beratungspraxis der RAA werden diesen Jugendlichen gezielte Hilfestellungen

angeboten und auch die Ausbildungsbetriebe bei entsprechenden Problemen

beraten.

Die RAA wird diese Aktivitäten und ihr dazu geknüpftes Partnersystem in das BQN

einbringen, mit den entsprechenden Partnern des BQN-Netzwerkes

zusammenarbeiten und auf das Dienstleistungsangebot von BQN zugreifen.

• FrauenArbeitsGemeinschaft Emscher-Lippe (FAGEL)

Diese Arbeitsgemeinschaft ist ein loses Netzwerk der Regionalstellen „Frau und

Beruf“ in der Emscher-Lippe-Region. Koordiniert wird es von der FATZ (Frauen

Arbeit Technik Zukunft) in Recklinghausen. Sie hat das Ziel, die Chancengleichheit

von Frauen und Mädchen auf dem Arbeitsmarkt in der Region zu fördern. Sie soll

dazu beitragen, dass Frauen und Mädchen verstärkten Zugang zu

existenzsichernden Arbeitsplätzen haben, ihre Chancen im Strukturwandel nutzen

und in den Betrieben bessere Aufstiegsmöglichkeiten erhalten.

Die Regionalstellen arbeiten für diese Ziele mit Hilfe von Seminaren für die

Zielgruppe einerseits und Engagement in den Gremien der regionalisierten

Strukturpolitik andererseits. Um die Effektivität ihrer Arbeit zu erhöhen hat sich ein

loses Netzwerk dieser Stellen gegründet (FAGEL), das bei Bedarf und zu

bestimmten Themen agiert. Die Handlungsebenen sind dann jeweils lokal in den

einzelnen Städten an die jeweiligen Netzwerke angekoppelt. Wir halten dieses

Modell für ein gutes Beispiel einer gelungenen Netzwerkpraxis.

• Netzwerke der Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf

In der Emscher-Lippe-Region gibt es in beinahe allen Städten Stadtteile mit

besonderem Erneuerungsbedarf, deren integrierte Handlungsansätze erfolgreiche

Netzwerke auf Stadtteilebene installiert haben. Die Bewohner/innen dieser Stadtteile

sind in der Regel vorwiegend Menschen mit Migrationshintergrund.

Wir begreifen insbesondere die Vernetzung der dort existierenden Einrichtungen,

den Ausbau der Nachbarschaftshilfe und die Stärkung der Selbsthilfepotentiale der

Bewohner und Bewohnerinnen als wesentliche Ressourcen für unser BQN. Aber


53

auch die Erfahrungen, die im Zuge der Umsetzung der jeweiligen intergrierten

Handlungsansätze gemacht worden sind, sehen wir als einen wichtigen Beitrag für

das BQN. Die KollegInnen in den Stadtteilbüros werden einerseits als

MultiplikatorInnen der BQN-Ansätze in die Stadtteile hinein wertvoll sein als auch als

ExpertInnen für die besonderen Belange der jugendlichen BewohnerInnen integriert

werden.

• Die Arbeitsgemeinschaft Weiterbildung Emscher-Lippe

In der Emscher-Lippe Region haben sich mehr als 80 Institutionen in einem

Netzwerk zusammengeschlossen, um Ihre Kompetenz in Qualifizierungsfragen zu

bündeln.

Zu den wichtigsten Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft gehört die Organisation eines

Internetauftritts (www.arbeitsgemeinschaft-emscher-lippe.de), mit dem das

vollständige Angebot im Bereich der Weiterbildung in der Region präsentiert wird, die

Organisation und Durchführung von Weiterbildungs- und Ausbildungsmessen (Markt

der Bildung) in der Region, die Initiierung und Koordinierung von

Weiterbildungsangeboten, die in der Kooperation mehrerer Träger durchgeführt

werden.

Die Arbeitsgemeinschaft Weiterbildung tritt einmal im Jahr als Vollversammlung

zusammen. Alle drei Monate treffen sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe

Weiterbildung, die die Koordination und Federführung der Arbeitsgemeinschaft

übernommen hat. Mitglieder dieser Arbeitsgruppe sind unter anderen der

Arbeitgeberverband Emscher-Lippe, die Industrie- und Handelkammer, die

Handwerkskammer, der Deutsche Gewerkschaftsbund, das Institut Arbeit und

Technik in Gelsenkirchen (IAT), die Arbeitsämter Recklinghausen und

Gelsenkirchen, ein Vertreter der Kollegschulen, das Regionalsekretariat, ein

Vertreter der Volkshochschulen sowie als Vertreter der Weiterbildungsträger die

Gesellschaft für berufliche Bildung (FAA) und das Berufsfortbildungswerk des DGB

(bfw).

• „Starten statt warten“ – Eine Kampagne des Arbeitsamts Gelsenkirchen

In Zusammenarbeit mit der Kirchhellener Werbeagentur C4C hat der

Arbeitsamtsbezirk Gelsenkirchen im April diesen Jahres die Kampagne „Starten statt

warten“ begonnen. Die Aktion will die Vorteile von Ausbildung für Unternehmen

aufzeigen, erklären, wie aus einem Betrieb ein Ausbildungsbetrieb wird und

Informationen rund um das Thema Ausbildung bereitstellen. Die Kampagne will

aufzeigen, welche Hilfen es für Betriebe gibt, die sich dazu entscheiden,

Ausbildungsplätze einzurichten. In den Informationsseiten (siehe

www.startenstattwarten.de) werden Argumente zusammengefasst, die zeigen, wie

sehr es sich für Unternehmen lohnt, heute auszubilden.

Viele Betriebe möchten gerne ausbilden, sind sich aber unsicher, ob sie das

überhaupt können. Wer berät mich, wenn ich ausbilden möchte? Habe ich die

fachlichen Vorraussetzungen um auszubilden und wie finde ich geeignete Bewerber?

Viele Fragen, auf die das Arbeitsamt Antworten geben will.

In der Ausbildungsbörse werden Betriebe vorgestellt, die noch Auszubildende

suchen und Auszubildende, die noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Wer


54

den vollen Überblick über offene Stellen und suchende Auszubildende haben

möchte, kommt von den Internet-Seiten der Kampagne aus mit einem Klick auf die

Ausbildungsbörse des Arbeitsamtes, der Handwerkskammer-Münster und der IHK-

Nordwestfalen.

Die Aktion wird von der Handwerkskammer Münster, der IHK Nord Westfalen,

Arbeitgeberverbänden und dem DGB Region Emscher-Lippe unterstützt. Erste

Erfolge sind der Lokalpresse zu entnehmen: „Allein das Anschreiben an 300 Betriebe

in Bottrop hat bislang 27 zusätzliche Plätze eingebracht“ (Ruhr-Nachrichten,

Lokalausgabe Bottrop, 3.4.2003)

Die Kampagne des Arbeitsamtes kann als Teil einer Strategie begriffen werden, auf

verschiedenen Wege neue Ausbildungsplätze zu schaffen. Das Arbeitsamt

Gelsenkirchen wird sich in diesem Sinne am BQN Emscher-Lippe beteiligen.

11. Benutzte Literatur

Aktuelle Eckdaten der Ausländerstatistik für die Stadt Gelsenkirchen (2002)

Arbeitsamt Gelsenkirchen (2003): Arbeitsmarktbericht März 2003, Gelsenkirchen

Arbeitsamt Recklinghausen (2002): Arbeitsmarkt für Ausländer

Arbeitsamt Recklinghausen (2003): Der Arbeitsmarkt im März 2003

Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen (2001): Migrationsbericht der

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Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen (2002): Daten und Fakten zur

Ausländersituation, Berlin

Bericht der Unabhängigen Kommission „Zuwanderung“ (2001): Zuwanderung

gestalten – Integration fördern, Berlin

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Bezirksregierung Münster (2003): Statistischer Zahlenspiegel für die Region

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BMBF (2002): Berufsbildungsbericht 2002, Bonn

Der Bürgermeister der Stadt Gladbeck (2001) Berufswahlorientierung im Schuljahr

1999 / 2000. Verbleib der Gladbecker Schülerinnen und Schüler mit 10jähriger (z.T.

9jähriger) Schulpflichterfüllung, Gladbeck

Der Landesausschuss für Berufsbildung des Landes NRW (2002): Empfehlung.

Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Ausbildung und Beruf,

26.04.2002


55

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türkischstämmigen Migranten in Nordrhein-Westfalen. Zusammenfassung der vierten

Mehrthemenbefragung 2002 im Auftrag des Ministeriums für Gesundheit, Soziales,

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Heimberg, Heinz / Mayr, Alois / Seidel, Wolfgang / Temlitz, Klaus (Hg.) (2002):

Städte und Gemeinden in Westfalen. Die Emscher-Lippe-Region. Der Kreis

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Jäger, Siegfried (2001): Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung, Duisburg

Kommunalverband Ruhrgebiet (2002): Städte- und Kreisstatistik Ruhrgebiet 2001,

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Kommunalverband Ruhrgebiet (2003): Regionalinformationen Ruhrgebiet März 2003,

Essen

Kommunalverband Ruhrgebiet (2003a): Regionalinformationen Ruhrgebiet April

2003, Essen

Kommunalverband Ruhrgebiet (2003b): Regionalinformationen Ruhrgebiet Juli 2003,

Essen

Kommunalverband Ruhrgebiet (2003c): Städte- und Kreisstatistik Ruhrgebiet 2002,

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Landesarbeitsamt NRW (2003): Analysen zum Arbeitsmarkt 1/2003, Erste

Ergebnisse zum Arbeitsmarkt 2002, Düsseldorf

Landesarbeitsamt NRW (2003a): Statistik der Berufsberatung. Monatsergebnisse

Januar 2003, Düsseldorf

Landesarbeitsamt NRW (2003b): Daten zum Arbeitsmarkt. Jahreszahlen 2002,

Düsseldorf

Landesarbeitsamt NRW (2003c): Daten zum Arbeitsmarkt. Monatsübersicht Mai

2003

Landschaftsverband Westfalen-Lippe (2002): Sozialraumanalyse Stadt

Recklinghausen. Kleinräumige Analyse des Stadtgebietes als Grundlage der

Jugendhilfeplanung, Münster

Meinhold-Henschel, Sigrid / Menge, Annett / Meyer, Friedrich-Wilhelm (2000):

Lebendige Schule in einer lebendigen Stadt. Berichtswesen „Kommunale

Schullandschaft“ – Analyse der ersten Datenerhebung. Ein Projekt der Bertelsmann

Stiftung in Kooperation mit den Städten Arnsberg, Castrop-Rauxel, Herford, Minden

und Unna. Gütersloh

RAA Bottrop, Gelsenkirchen, Gladbeck (2003): Was kommt nach der Schule.

Maßnahmekatalog 2003 für Bottrop, Gelsenkirchen, Gladbeck


56

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Stadt Herten (2002): Lebendige Schule in einer lebendigen Stadt. Ein Projekt der

Bertelsmann Stiftung in Kooperation mit der Stadt Herten. Dokumentation 1998-

2001)

Strohmeyer, Klaus Peter (2001): Sozialraumanalyse Gelsenkirchen, stadträumliche

Differenzierung von Lebenslagen und Lebensformen der Bevölkerung, Armut und

politischer Partizipation. Materialien und Analysen zur Begründung der Auswahl

eines Stadtteils mit besonderem Erneuerungsbedarf. Abschlussbericht, Bochum

Strohmeyer, Klaus Peter (2002): Bevölkerungsentwicklung und Sozialraumstruktur

im Ruhrgebiet, eine Studie im Auftrag und herausgegeben von der Projekt Ruhr,

Essen

Zentrum für Türkeistudien (2002): Ethnisches Mosaik des Ruhrgebiets. Typisierung

der Stadtteile und Potenziale der Migranten, eine Studie im Auftrag und

herausgegeben von der Projekt Ruhr, Essen


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Anhang: Ausgewählte Statistiken zur Emscher Lippe Region

S. I

• Einwohner und Flächen (Quelle: Heineberg et al. 2002, S.66)

• Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Emscher-Lippe Region 1985-

1999 (Quelle: Heineberg et al. 2002, S.66)

S. II

• Regionaler Ausbildungsstellenmarkt. Relation noch unbesetzte

Berufsausbildungsstellen zu noch nicht vermittelten Bewerberinnen und

bewerbern. Januar 2003. Vergleich der AA-Bezirke Gelsenkirchen und

Recklinghausen zu den anderen Bezirken in NRW (Quelle: Landesarbeitsamt

NRW 2003a, S.7)

S. III

• Arbeitslosenquoten in den Arbeitsamtsgeschäftstellen des Kommunalverbandes

Ruhrgebiet. Geschäftsstellen Emscher-Lippe (RE; GE) (Quelle:

Kommunalverband Ruhrgebiet 2003c)

S. IV

• Arbeitslosenquoten der NRW-Arbeitsamtsbezirke differenziert nach Deutsche;

Ausländer; unter 25 Jahre; 20-25 Jahre; unter 20 Jahre. Die schwierige Lage der

Emscher-Lippe-Region (GE; RE) im Vergleich (Quelle: Landesarbeitsamt NRW

2003c, S.18)

S. V

• Entwicklung der ausländischen Bevölkerung sein 1980 in der Emscher-Lippe-

Region und den anderen Städten und Kreisen des KVR (Quelle:

Kommunalverband Ruhrgebiet 2003c, S.51)

S. VI - VIII

Struktur der ausländischen Bevölkerung in der Emscher-Lippe Region

• Ausländische Bevölkerung nach Staatsangehörigkeit am 31.12.2001 (Quelle:

(Kommunalverband Ruhrgebiet 2003c, S.50)

• Rangfolge der Nationalitäten in den Emscher-Lippe-Städten Gelsenkirchen (GE)

und Bottrop (BOT) (Quelle: Zentrum für Türkeistudien 2002, S.35)

• Rangfolge der Nationalitäten in den Kommunen des Kreises Recklinghausen

(Quelle: Zentrum für Türkeistudien 2002, S.38)

S. IX

• Schulabschlüsse an allgemeinbildenden Schulen in der Emscher-Lippe-Region

im Vergleich (Quelle: Kommunalverband Ruhrgebiet 2003c, S.79)

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