Dokumentation der gemeinsamen Fachtagung

risp.duisburg.de

Dokumentation der gemeinsamen Fachtagung

Arbeitspapier des BQN Emscher-Lippe Nr. 10

BQN Emscher-Lippe – Berufliches QualifizierungsNetzwerk für

Jugendliche mit Migrationshintergrund in der Region Emscher-Lippe

EQUAL Entwicklungspartnerschaft ChanZE – Chancengleichheit für

Frauen und Männer in den Zukunftsfeldern der Region Emscher-Lippe

Dokumentation der gemeinsamen Fachtagung

„Zukunftsberufe

in der Region Emscher-Lippe“

am 8. November 2005 in Gelsenkirchen


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Inhalt

Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Gelsenkirchen Frank Baranowski

3

Einleitung

4

Zum Begriff „Zukunftsberufe“ und zu den Methoden der Identifikation

Dr. Ulrich Blötz, Bundesinstitut für Berufsbildung

Wie lassen sich Zukunftsberufe identifizieren?

6

Dr. Klemens Wittebur, PERMANENT – Personal-Management Niederrhein

Arbeitsmarktmonitoring zur Identifizierung von Qualifikationsbedarfen und

Beschäftigungsmöglichkeiten

Udo Höderath, Regionalagentur Emscher-Lippe

Bedingungen der Identifikation von Zukunftsberufen in der Emscher-Lippe-Region

21

29

Strategien zur Öffnung von Zukunftsberufen – Beispiele aus der Praxis

Stefan Leopold, Fachseminar für Altenpflege Hagen

Die Zukunft der Gesundheitsfachberufe – eine Zukunft für alle?

33

Ralf Stock, Berufsfortbildungswerk des DGB Ruhr

Ein realistischer Blick auf die IT-Berufe – In Zukunft immer noch Berufe nur für junge

deutsche Männer?

44

Petra Müller, Projekt „Online-Akademie“ der Entwicklungspartnerschaft ChanZE

Kompetenzfeld Neue Chemie – Gleiche Chancen für Frauen und Männer in den

Chemieberufen

48

Dokumentation der Podiumsdiskussion

Wie erreichen wir in der Region Chancengleichheit beim Zugang zu Zukunftsberufen?

53

2


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Grußwort

3


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Einleitung

Die folgenden Texte dokumentieren die Fachtagung „Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe“,

die am 08. November 2005 als gemeinsame Veranstaltung der EQUAL Entwicklungspartnerschaft

ChanZE – Chancengleichheit für Frauen und Männer in den Zukunftsfeldern der Region Emscher-

Lippe (www.chanze.de) und des BQN Emscher-Lippe – Berufliches QualifizierungsNetzwerk für

Jugendliche mit Migrationshintergrund (www.bqn-emscher-lippe.de) durchgeführt wurde.

Das Thema „Zukunftsberufe“ steht seit Jahren im Blickpunkt von Debatten um die Entwicklung der

Region, sowohl in den Bereichen Politik und Wirtschaftsförderung wie in den Bereichen

Berufsorientierung, berufliche Bildung und Berufsberatung. Je nach Arbeitsbereich wird der Begriff

„Zukunftsberufe“ jedoch unterschiedlich betrachtet und definiert – die Fachtagung umgreift also

ein facettenreiches Thema zwischen der „Makro-Ebene“ der Regionalpolitik und der „Mikro-Ebene“

der individuellen Berufswahl.

Aus dem Blickwinkel der Regionalpolitik sind zunächst Berufe aus den Zukunftsfeldern „Neue

Chemie“ und „Zukunftsenergien“ im Fokus, zwei entscheidenden Kompetenzfeldern für den

Strukturwandel in Emscher-Lippe. Daneben sind jedoch weitere stark diskutierte Felder bedeutsam

für die Weiterentwicklung der Region, darunter Industrie-Service, Logistik und, forciert durch den

demographischen Wandel, die Gesundheitswirtschaft.

Ebenso bedeutsam wie der regionalpolitische Blickwinkel ist jedoch die Sichtweise der beruflichen

Bildung und Beratung: „Zukunftsberufe“ sind hier vor allem neugeordnete Berufe, die auch in

Zukunft eine qualifizierte Ausbildung und Erwerbschancen für Fachkräfte bieten – und dazu zählen

durchaus auch tradierte Berufe aus klassischen Branchen. Das Thema Zukunftsberufe reicht nicht

zuletzt in den Arbeitsbereich der Lehrkräfte und BeraterInnen: Welche Branchen und Berufe bieten

– angesichts der angespannten Arbeitsmarktsituation – Jugendlichen und Arbeitsuchenden eine

Perspektive? Gibt es Möglichkeiten, zukunftsträchtige Berufe zu identifizieren und dadurch die

Beratung zu optimieren?

Neben dem Wunsch, eine verlässlichere (Daten-)Basis für Planung, Entscheidung und Beratung zu

gewinnen, verbindet sich mit dem Thema „Zukunftsberufe“ also auch die Hoffnung, Ansatzpunkte

für Strategien zu finden, die zur Verbesserung der Situation auf dem regionalen Arbeits- und

Ausbildungsmarkt beitragen. Ausgewiesene „Zukunftsbranchen“ und „Zukunftsberufe“ wecken

Hoffnung: neue Arbeitsplätze könnten hier entstehen. Mit der Frage nach Zukunftsberufen verknüpft

sich auch die Frage nach der Chancengleichheit beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Studien

zeigen, dass gerade Berufe aus den Zukunftsfeldern der Region für manche Gruppen von

Arbeitsuchenden schwer zugänglich sind. Hierzu zählen junge Erwachsene mit Migrationshintergrund

und Frauen, insbesondere Berufsrückkehrerinnen, aber zunehmend auch Männer mit diskontinuierlichen

Berufsbiographien.

Der erste Teil der Dokumentation zur Fachtagung beschäftigt sich mit den verschiedenen Facetten

des Begriffs „Zukunftsberufe“ und mit Methoden zur Identifikation. Dr. Ulrich Blötz zeigt in seinem

Vortrag die möglichen unterschiedlichen Betrachtungsweisen des Begriffs „Zukunftsberufe“. Aus

dem Blickwinkel der Qualifikationsforschung erläutert er, welche Faktoren zur Entstehung neuer

oder zukunftsträchtiger Berufe beitragen und welche Schritte der Einführung eines neuen

Berufsbildes vorausgehen. Wie zukünftige Personal- und Qualifizierungsbedarfe der Betriebe frühzeitig

erkannt und mit regionaler Arbeitsmarktpolitik und Weiterbildung in Einklang gebracht werden

können, zeigt der Vortrag von Dr. Klemens Wittebur. Mit dem Strukturwandel und den

Zukunftsfeldern der Region beschäftigt sich der Vortrag von Udo Höderath. Der Referent lenkt

4


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

dabei den Blick auf die Tatsache, dass Strukturwandel nicht nur ökonomische und soziale Folgen

hat, sondern von den betroffenen Menschen auch erhebliche mentale Veränderungen verlangt und

Existenzängste auslösen kann, die stärker beachtet werden sollten.

Im zweiten Teil der Dokumentation zur Fachtagung rückt mit Beispielen aus der Praxis die Frage

nach der Chancengleichheit beim Zugang zum Arbeitsmarkt in den Mittelpunkt. Stefan Leopold

erläutert Rahmenbedingungen und Trends der Gesundheitsfachberufe, die auf Grund der demographischen

Entwicklung als Wachstumsbereich gelten. Der Vortrag zeigt Chancen, aber auch

Probleme und Barrieren dieser Zukunftsberufe. Mit der erst hochgejubelten, dann totgesagten

Zukunftsbranche Informations- und Kommunikationstechnologien beschäftigt sich Ralf Stock. Die

wirtschaftliche Erholung der IT-Branche hat neue Arbeitsplätze geschaffen, aber die Zugangsbarrieren

zur „Männerdomäne IT-Berufe“ für Frauen nicht verringert. Mit der Verbesserung der

Chancengleichheit für Frauen und Männer im Kompetenzfeld „Neue Chemie“ beschäftigt sich das

Projekt „Online-Akademie“ im Rahmen der EQUAL Entwicklungspartnerschaft ChanZE, das der

Vortrag von Petra Müller vorstellt.

Den Abschluss dieses Arbeitspapiers bildet die Zusammenfassung der Podiumsdiskussion, mit der

auch die Fachtagung endete. Die Podiumsdiskussion greift Anregungen aus den Vorträgen kritisch

wie zustimmend auf, konzentriert sich jedoch auf eines der Problemfelder der Region Emscher-

Lippe: auf den regionalen Ausbildungsmarkt. Dabei steht die Situation von HauptschülerInnen und

besonders von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Mittelpunkt der Debatte. Problemsichten

und Lösungsansätze werden kontrovers diskutiert.

Ursula Kreft, Mitarbeiterin des Berufsfortbildungswerks des DGB Geschäftsstelle Ruhr-

Emscher-Lippe, Projektbüro BQN Emscher-Lippe

5


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Wie lassen sich Zukunftsberufe identifizieren?

Vortrag von Dr. Ulrich Blötz, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Zusammenfassung

Wer Zukunftsberufe identifizieren will, sollte zuerst fragen: Was verstehe ich unter dem Ausdruck

„Zukunftsberufe“? Darunter kann zum einen die große Zahl der neugeordneten Berufe verstanden

werden, die aus klassischen Berufsbildern hervorgingen und bereits aktuellen und zukünftigen

betrieblichen Anforderungen angepasst wurden. Zum anderen kann aber auch jene kleine Gruppe

brandneuer Berufe für „junge Branchen“ wie Mikrotechnologie oder Systemgastronomie gemeint

sein. Eine dritte Definition steht besonders bei der Arbeit mit Jugendlichen im Mittelpunkt: Hier

geht es um den persönlichen „Zukunftsberuf“, der den Potenzialen, den Neigungen, der Vorbildung

und Lernerfahrung eines Menschen entspricht. Die Titelfrage des Vortrags wird daher auch je nach

Blickwinkel unterschiedlich zu beantworten sein.

Die Frage „Wie lassen sich Zukunftsberufe identifizieren?“ wird im Vortrag vor allem aus dem

Blickwinkel der Qualifikationsforschung und „Früherkennung“ betrachtet. Erwerbsberufe als

Zukunftsberufe zu „identifizieren“ bedeutet aus dieser Sicht, neuartige Erwerbsberufe, aber auch

den Wandel klassischer Erwerbsberufe zu erkennen und festzustellen, wie sich das Profil der

Tätigkeit absehbar entwickelt, damit neue Aus- und Weiterbildungsberufe gestaltet oder klassische

Berufe neu geordnet werden können. „Zukunftsberufe“ entstehen ausschließlich auf der Ebene der

Betriebe und können erst dann in diesem Sinne „identifiziert“ werden, wenn die betrieblichen

Einsatzfelder deutlich sichtbar sind.

Der Vortrag erläutert, welche Faktoren (Basisinnovationen, Krisen, Marktwettbewerb,

Gesetzgebung) neue Berufe oder Zukunftsberufe in den Betrieben erzeugen und welche Schritte

notwendig sind, um am Ende eines längeren Prozesses ein neues Berufsbild zu gestalten und offiziell

und verbindlich einzuführen.

Der Referent beleuchtet außerdem einige Merkmale von so genannten „Zukunftsberufen“ und stellt

dar, dass auch tradierte Berufe durchaus zukunftsfähig sind. Die neuen Modelle zur

„Stufenausbildung“ sieht der Referent als gute Philosophie, um bestimmten Zielgruppen den

Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Dr. Ulrich Blötz ist promovierter Berufspädagoge und als wissenschaftlicher

Mitarbeiter am Bundesinstitut für Berufsbildung vorrangig in der Qualifikationsforschung

tätig.

6


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

7


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

8


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

9


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

10


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

11


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

12


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

13


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

14


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

15


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

16


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

17


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

18


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

19


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

20


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Arbeitsmarktmonitoring zur Identifizierung von Qualifizierungsbedarfen

und Beschäftigungsmöglichkeiten

Vortrag von Dr. Klemens Wittebur, PERMANENT – Personal-Management

Niederrhein

Zusammenfassung

Der Vortrag stellt das landesweite Arbeitsmarktmonitoring „Prospect“ vor, das zurzeit in neun

Wirtschafts- und Arbeitsmarktregionen des Landes NRW eingesetzt wird. Prospect baut ein

Früherkennungssystem auf, um die Arbeitsmarktpolitik und die Weiterbildung einer Region zeitnah

mit der Entwicklung der regionalen Wirtschaft in Einklang zu bringen. Kernelement von Prospect

ist der ständige Dialog zwischen regionalen Akteuren, Unternehmen und Bildungsträgern, die in

einem Netzwerk verbunden sind. Prospect erstellt Analysen der regionalen Beschäftigungsentwicklung,

ermittelt den zukünftigen Personal- und Qualifizierungsbedarf der Betriebe durch

Befragungen und Tiefeninterviews und entwickelt zeitnah Empfehlungen für angepasste

Qualifizierungsmaßnahmen in der Region.

Dr. Klemens Wittebur, Soziologe mit langjähriger Erfahrung als Lehrer und sozialpädagogischer

Begleiter in Umschulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen sowie

in der Jugendhilfeplanung, betreut als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei PERMA-

NENT – Personal-Management Niederrhein das Arbeitsmarktmonitoring in den

Kreisen Kleve und Wesel.

21


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

22


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

23


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

24


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

25


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

26


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

27


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

28


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Bedingungen der Identifikation von Zukunftsberufen in der

Emscher-Lippe Region

Vortrag von Udo Höderath, Regionalagentur Emscher-Lippe

Zusammenfassung

Der Strukturwandel wird durch die übliche Darstellung ökonomischer Prozesse und sozialer Folgen

nicht hinreichend beschrieben. Die Prozesse des Wandels sind – so die erste These des Vortrags –

erheblich komplizierter als sie in makroökonomischen Vorstellungen erscheinen. Auch die notwendigen

mentalen Veränderungen der Menschen, die den Wandel vollziehen sollen, müssen beachtet

werden. Die Tendenz, die von den wirtschaftlichen Prozessen betroffenen Menschen für ihr Zögern

verantwortlich zu machen und sie als „unfähig“ abzuschreiben, wird daher kritisch bewertet. In der

Wahrnehmung der Menschen stellen der Strukturwandel und seine Folgen oft die gesamte

Existenzgrundlage und alle sozialen Bindungen auf den Prüfstand. Dies führt zu unterschiedlichen

menschlichen Reaktionsweisen. Die Region steht zudem vor politisch uneinheitlichen

Interventionen zwischen neuen landespolitisch definierten Industrieclustern und den regional

abgestimmten Eckpunkten, die bisher die Grundlage der öffentlichen Förderung waren.

Udo Höderath ist Leiter der Regionalagentur Emscher-Lippe.

29


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Bedingungen der Identifikation von Zukunftsberufen in der

Emscher-Lippe Region

Udo Höderath, Regionalagentur Emscher-Lippe

Die Ist-Situation: Wir befinden uns im Strukturwandel. Dieser Satz ist so komplex wie unmittelbar

einleuchtend.

Ich will Sie zunächst nicht mit Zahlen und Statistiken langweilen und quälen, sondern meine erste

These lautet:

1.These

Strukturwandel ist mit den ökonomischen Zusammenhängen und ihren beschreibbaren sozialen

Folgen für die Emscher-Lippe Region nicht hinreichend beschrieben; sondern es bedarf der notwendigen

Ergänzung: Strukturwandel bedarf neben seinen ökonomischen und sozialen Prozessen notwendig

der Beachtung und Beschreibung der mentalen Veränderungen der Menschen, die den

Strukturwandel vollziehen und umsetzen sollen.

Was meine ich damit:

Ich will es von der so genannten Arbeitgeberseite beschreiben: Ein Unternehmer eines KMU (kleine

und mittlere Unternehmen), der 50 Jahre Ketten geschmiedet hat und damit die soziale und

wirtschaftliche Situation seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bis in die familiären und

Milieubeziehungen gesichert hat, bedarf der mental-inhaltlichen Zustimmung seiner Mitarbeiter,

will und muss er sich auf neue Geschäftsfelder für sein Unternehmen konzentrieren. Dies erfordert

zunächst und allererst:

• verändertes Denken bezogen auf das neue Produkt

• eine veränderte Produktionsweise / neue Maschinen

• damit notwendig verbunden einen veränderten qualifikatorischen Einsatz seiner

MitarbeiterInnen

• veränderte Arbeitszeiten

• neue Qualifikationen

• neue Zugänge zu Absatzmärkten

• usw. – hier nur die wichtigsten Punkte –

• last but not least: veränderte Kapitalflüsse und -einsätze im Unternehmen und damit neue

Löhne und Gehälter.

Das alles und weitere Veränderungen im staatlichen Sektor (z. B. Schule) erfordern veränderte

mentale Einstellungen, die in der Regel in den familiären und nachbarschaftlichen Milieus gebildet

und diskutiert werden.

Ich erwähne diesen Zusammenhang deshalb, weil ich sehe, dass gerade wir, als Menschen, die sich

mit dem Thema beruflich auseinandersetzen und nach beruflichen Zukunftsfeldern für die Region

suchen, häufig in unserer Ungeduld dazu neigen, diejenigen, die da nicht unmittelbar und unhinterfragt

mitziehen, für ihr Unverständnis und Zögern selbst verantwortlich zu machen, und dazu

neigen, sie als unfähig abzuschreiben.

Die Prozesse sind also augenscheinlich komplizierter als wir uns das in unseren makroökonomischen

Vorstellungen ausmalen.

30


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Das führt zu meiner 2. These.

2. These

Der Verlust der großindustriellen Strukturen und ihrer korporatistischen Bindungen zwischen

Arbeitgebern und Arbeitnehmern und in engem Zusammenhang damit auch der Umgebung mittelständisch

organisierter Zukunftsbetriebe stellt in der Wahrnehmung der davon Betroffenen mehrheitlich

ihre gesamte „Existenz- bzw. Lebensgrundlage“ auf den Prüfstand.

Das führt zu unterschiedlichen menschlichen Reaktionen:

• dem Verschieben der Verantwortung an Dritte, z. B. die Sozialpartner, gegen besseres Wissen

mit der Folge des individuellen „Absturzes“;

der schnellen und kurzfristigen Umorientierung auf Neues, bei ausgeprägter

Mobilitätsbereitschaft auf neue berufliche Zukunftsfelder außerhalb der Region;

der Bereitschaft sich auf Neues einzulassen unter Verlust angestammter, aber nicht mehr einlösbarer

Ansprüche in der finanziellen und beruflichen Perspektive;

• insbesondere Frauen neigen in der Wahrnehmung von Dienstleistungstätigkeiten zu genannter

Reaktionsweise.

Wichtig ist zu erwähnen, dass die ökonomische Krise der vergangenen vier/fünf Jahre diese

Prozesse deutlich beschleunigt hat, da die staatlichen Interventionsmöglichkeiten mit abnehmenden

staatlichen Ressourcen zunehmend geringer werden.

Hartz IV ist dafür der deutlichste Ausdruck, u. a. auch für die Umkehrung von der staatlichen

Angebotsstruktur der Arbeitsförderung hin zur individuell verantwortlichen Nachfragestruktur.

3.These

Wir leben mit politisch uneinheitlichen Interventionen zwischen regional abgestimmtem Anspruch

und landespolitisch induzierter Clusterbildung: Wohin geht der Weg?

Wir sind noch dabei uns von einem Cluster (Montanindustrie) zu verabschieden, da sollen wir schon

neue Cluster bilden!?

Gleichwohl:

Wenn wir uns auf diesen Weg einlassen, und das sollten wir aufgrund der Konkurrenzsituation in

Europa bzw. weltweit, dann kristallisieren sich für Emscher-Lippe vorrangig zwei bedeutende

Industriecluster heraus:

•Chemie und

•Energie

Dahinter stehen wichtige Indikatoren zu den Bedingungen der Entwicklung von Zukunftsfeldern

und damit Berufen in Emscher-Lippe.

Die Region hat definiert und vereinbart:

• Gesundheit / Gesundheitswirtschaft

• Industrie-Service

• Logistik

31


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

• Freizeitwirtschaft

• Mittelstand und Gründungsregion

All diese Eckpunkte in den Zielvereinbarungen sind die Grundlage für die Weiterentwicklung der

Region und (bis jetzt?!) die Grundlage öffentlicher Förderung der Landesregierung.

Auf diese Eckpunkte haben sich alle politisch Verantwortlichen, die Interessenorganisationen und -

verbände mit der Landesregierung verständigt und diese vereinbart.

4.These

Ohne eine Akzentuierung des Themas Bildung / Bildungsregion wird die Region den strukturellen

Wandel zukünftig nicht bestehen.

Die Zielvereinbarungen zwischen Land und Region machen dazu treffende Aussagen.

32


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Die Zukunft der Gesundheitsfachberufe – eine Zukunft für alle?

Vortrag von Stefan Leopold, Fachseminar für Altenpflege, Hagen

Zusammenfassung:

Die Zukunft der Gesundheitsfachberufe, hinsichtlich des quantitativen Bedarfs an Fachkräften wie

der qualitativen Anforderungen, wird zum einen durch den demografischen und sozialen Wandel

bestimmt, der zu einem höheren Bedarf an Pflegeleistungen bei einer geringeren Zahl professioneller

Pflegeanbieter führt. Zum anderen haben die Veränderungen im Gesundheitswesen schon

heute deutliche Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen in der Branche.

Der Vortrag gibt im ersten Teil einen Überblick zu den Rahmenbedingungen, Trends und beruflichen

Anforderungen und stellt die unterschiedlichen Bereiche der Gesundheitsfachberufe vor. Im

Anschluss geht der Vortrag auf den Bereich der pflegerischen Berufe näher ein, der aufgrund der

demographischen Entwicklung als besonderer Wachstumsbereich gilt. Mit einer Reform der

Berufsbilder und einer fortschreitenden Anpassung der Ausbildung haben die Pflegeberufe auch bei

jungen Erwachsenen wieder an Attraktivität gewonnen. Die Pflegeberufe sind jedoch auch mit einer

Reihe von Problemen konfrontiert, darunter ein Mangel an Pflegepersonal und eine kurze

Berufsverweildauer von Fachkräften bei gleichzeitiger Ausbildungszurückhaltung der Pflege-

Einrichtungen. Die Vereinheitlichung der Zugangsvoraussetzungen (z. B. Fachoberschulreife)

berücksichtigt die gestiegenen Anforderungen, versperrt aber den Zugang für Jugendliche mit

Hauptschulabschluss. Es gibt jedoch neue Ansätze zur Öffnung der Pflegeberufe.

Stefan Leopold, ausgebildeter Krankenpfleger und Ausbilder im Bereich Altenpflegeausbildung,

ist Leiter des Fachseminars für Alten- und Familienpflege in

Hagen. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist das Qualitätsmanagement (maxQ. –

Partner für Kompetenz und Qualität im Netzwerk Gesundheit und Soziales).

33


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Die Zukunft der Gesundheitsfachberufe – eine Zukunft für alle?

Stefan Leopold, Fachseminar für Alten- und Familienpflege Hagen

Sehr verehrte Damen und Herren,

zunächst möchte ich mich für die Einladung zu dieser Veranstaltung bei den Verantwortlichen der

EQUAL Entwicklungspartnerschaft sowie dem BQN Emscher Lippe - Berufliches Qualifizierungsnetzwerk

für Migrantinnen und Migranten bedanken.

Als Vertreter der Berufsgruppe der Gesundheitsfachberufe hoffe ich, Ihnen einige aufschlussreiche

Tendenzen und Trends aufzeigen zu können.

Kurz zu meiner Person: Ich habe selbst einen Pflegeberuf erlernt und stehe im Zuge der

Chancengleichheit hier als Vertreter meiner Berufsgruppe. Nach einigen Jahren praktischer

Tätigkeit in verschiedenen Bereichen der ambulanten und stationären Pflege bin ich seit 1995 als

Lehrer für Pflegeberufe beim Berufsfortbildungswerk des DGB beschäftigt. Seit dem Jahre 2002 bin

ich Leiter des Fachseminars für Alten- und Familienpflege in Hagen und habe in meiner Funktion

beinahe täglich mit der Gewinnung neuer Interessenten für die große Gruppe der

Gesundheitsfachberufe zu tun.

Zu Beginn möchte ich die Fragestellung für diesen Nachmittag aufgreifen und noch einmal fragen:

„Wie lassen sich Zukunftsberufe öffnen?“ Gehören Gesundheitsfachberufe nicht schon zu den

Berufen, die geöffnet sind? Oder werden die Türen, die geöffnet waren, bedingt durch politische

und wirtschaftliche Zwänge und Veränderungen, gerade wieder geschlossen?

Mein Anliegen ist es heute, deutlich zu machen, welche Chancen sich für viele junge und ältere

Berufsanfänger sowie Menschen mit Migrationshintergrund (ohne Berufsabschluss bzw. in

Deutschland nicht anerkanntem Abschluss) bieten, sich mit einer Berufsausbildung im Bereich der

Gesundheitsfachberufe dauerhaft eine Berufsbasis zu gestalten, Beschäftigungsgarantie zu haben

sowie gute Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten zu erlangen.

Der erste Teil meiner Ausführungen soll noch einmal belegen, dass die demografischen

Entwicklungen und Veränderungen im Markt Gesundheitswirtschaft auf dem Gebiet der

Dienstleistungsbranche von entscheidender Bedeutung sein können, wenn man von der Frage

spricht: Sind Gesundheitsfachberufe eine Zukunft für alle bzw. werden diese Berufe in der Zukunft

gebraucht?

Im zweiten Teil möchte ich mich dann speziell der Gruppe der Pflegeberufe innerhalb der

Gesundheitsfachberufe widmen und Ihnen einen Überblick geben, wie sich Pflegeberufe, der

Zugang zu ihnen und die derzeitigen Entwicklungen darstellen.

Demografischer Wandel in Deutschland – eine Basis für Zukunftsberufe?

Es ist uns allen hinlänglich bekannt: Die demographische Entwicklung in Deutschland ist eindeutig,

unsere Gesellschaft altert, das heißt, dass die Lebenserwartung für Menschen in Deutschland

stetig wächst und dementsprechend der Pflegebedarf, gemessen an der Pflegebedürftigkeit, ständig

zunimmt.

34


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Wie im ganzen Bundesgebiet wird auch in NRW in den nächsten Jahren ein demografischer Wandel

stattfinden. Dabei ist mit einem Rückgang der Gesamtbevölkerung von ca. 6%, vor allem aber mit

einer Veränderung der Altersstruktur zu rechnen.

In einem Gutachten der Universität Bremen / Zentrum für Sozialpolitik für die Enquetekommission

„Situation und Zukunft der Pflege in NRW“ aus dem Jahre 2004, aber auch in einer Vielzahl anderer

wissenschaftlicher Erhebungen und Bewertungen, werden aktuell konkrete Zahlen und

Entwicklungen sowie Schlussfolgerungen für Politik und Wirtschaft in der Region beschrieben.

An dieser Stelle möchte ich nur einige Streiflichter einer wissenschaftlich evaluierten Zahlenmenge

benennen.

Nach den Vorausberechnungen des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik NRW wird die

Zahl der mindestens 65jährigen in NRW bis 2040 um über 40% steigen, die der mindestens 80jährigen

sogar um 90%. Wichtig ist hierbei, dass gerade die Zahl der Hochaltrigen (80+), die im

besonderen Maße von Pflegebedürftigkeit betroffen sind, bereits in den kommenden Jahren stark

ansteigen wird.

Zurzeit haben wir in NRW ca. 450.000 pflegebedürftige Menschen in den Pflegestufen 1 bis 3. Diese

Zahl wird in den nächsten Jahren auf 600.000 ansteigen. Das bedeutet auf den Untersuchungszeitraum

bezogen eine Steigerungsrate von ca. 50%.

35


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Im Rahmen einer weiteren Untersuchung des Robert Koch Instituts Berlin werden mit dem Anstieg

der Pflegebedürftigkeit auch Teilpopulationen der Demenzerkrankten, Migranten, alt werdenden

Menschen mit Behinderungen, Alleinlebenden, Homosexuellen und Paaren ohne Kinder berücksichtigt.

Hier muss noch einmal deutlich auf die Problematik der steigenden Zahl von demenziellen

Erkrankungen (Gedächtnisverlust im Alter) verwiesen werden. Schon heute leiden bis zu 70% der

Bewohner in Einrichtungen der Altenhilfe an Krankheitsbildern, die in den Bereich der Demenz eingeordnet

werden müssen.

Vor dem Hintergrund des demografischen, sozialen und gesundheitspolitischen Wandels steht die

pflegerische und gesundheitliche Versorgung vor neuen Herausforderungen. Für die Einschätzung

der zukünftigen quantitativen Bedarfe und der qualitativen Anforderungen an die Gesundheitsberufe

haben die soziodemografischen Trends besondere Bedeutung.

Die Veränderungen im Gesundheitswesen bleiben nicht ohne Auswirkungen auf die

Gesundheitsfachberufe und hier speziell auf die Gruppe der Pflegeberufe. Verkürzte Liegezeiten in

den Krankenhäusern und die Aufweichung der bestehenden Grenzen zwischen ambulanter und stationärer

Versorgung sind Faktoren, mit denen sich Angehörige der Berufsgruppe bereits heute auseinander

zu setzen haben.

Die zukünftige Ausrichtung von Gesundheitsfachberufen wird maßgeblich durch die demographische

Entwicklung beeinflusst sein, denn die wird zu einem höheren Bedarf an Pflegeleistungen führen

bei einer geringeren Zahl professioneller Pflegeanbieter. Es werden Formen gefunden werden

36


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

müssen, diese Herausforderung zu bewältigen. Ein Ansatz zum Erhalt der Autonomie im höheren

Lebensalter ist die Förderung des Präventionsgedankens.

Die Positionierung von pflegerischen und therapeutischen Berufen in diesem Feld ist in den neuen

Ausbildungsgesetzen und Verordnungen für diese Berufsgruppe verankert. So ergibt sich zum

Beispiel für die Pflegeberufe eine gute Argumentationsgrundlage für die eigenen

Professionalisierungsbemühungen. Das dient auch der Gesellschaft, weil Pflege ein wirtschaftlich

bedeutender Faktor ist und sein wird. Außerdem können die Pflegeberufe einen wesentlichen Teil

dazu beitragen, das soziale Sicherungssystem tragfähig zu halten, zum Beispiel durch die

Ausstattung mit Schnittstellenkompetenzen.

Die größte Berufgruppe innerhalb der Gesundheitsfachberufe stellen laut Landesgesundheitskonferenz

NRW die Heil- und Pflegeberufe dar. Bei Krankenschwestern und Krankenpflegern ergibt

sich mit mehr als 146.000 Beschäftigten gegenüber 1995 mit damals 138.000 Beschäftigten ein

Plus von 7,6%, das sich im ambulanten stärker als im stationären Bereich niedergeschlagen hat.

Gestiegen ist auch die Zahl der Beschäftigten der therapeutischen Berufe und Assistenzberufe. Die

Anzahl der Pharmazeutisch-Technischen Assistentinnen und Assistenten (PTA) stieg seit Mitte der

90er Jahre um 20% von 8.000 auf 10.000. Die Beschäftigung in den therapeutischen Berufen – aus

Gründen der Vereinfachung nenne ich hier nur die männlichen Formen – unter anderem

Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten, stieg seit 1995 um 28,7% auf 24.500

Beschäftigte.

Bevor ich im Detail weiter auf die Pflegeberufe eingehe, zunächst ein allgemeiner Überblick über

die gängigen Gesundheitsfachberufe.

Überblick über die Gesundheitsfachberufe

Die Gesundheitsfachberufe werden nach ihrem Schwerpunkt in folgende Bereiche eingeteilt:

• Assistenz Berufe

• Pflegerische Berufe

• Therapeutische Berufe

• Medizinisch-technische Berufe

Hier nun einige Beispiele zu den verschiedenen Gruppen:

Assistenz Berufe

• Arzthelferin/Arzthelfer

• Zahnmedizinische Fachangestellte

Der Beruf der Arzthelferin / des Arzthelfers beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Betreuung

von Patienten in der ärztlichen Praxis während und nach der Behandlung. Zu dem Berufsbild gehören

außerdem die Pflege der medizinischen Geräte, die Durchführung von Laborarbeiten sowie allgemeine

Bürotätigkeiten.

Therapeutische Berufe

• Logopäde/-in

• Physiotherapeut/-in

37


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

• Diätassistent/-in

• Motopäde/-in

Der Beruf der Logopädin / des Logopäden beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Störungen der

Stimme, der Sprache, des Sprechablaufs sowie damit verbundenen Hörstörungen, die eine differenzierte

Diagnose sowie eine darauf abgestimmte Therapie erfordern.

Der Beruf der Physiotherapeutin / des Physiotherapeuten beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit

präventiven und rehabilitativen Maßnahmen bei Störungen des gesamten Bewegungsapparates

und daraus resultierenden Einschränkungen.

Medizinisch-technische Berufe

• Pharmazeutisch-technische Assistent/-in (PTA)

• Gesundheitsaufseher/-in

• Rettungsassistent/-in

Der Beruf der Pharmazeutisch-Technischen Assistentin / des Pharmazeutisch-Technischen

Assistenten beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Ausübung pharmazeutischer Tätigkeit

unter Aufsicht einer Apothekerin / eines Apothekers. Dazu gehören die Entwicklung und

Herstellung von Arzneimitteln, die Wartung der Apparaturen sowie die Abgabe von Arzneimitteln.

Der Beruf der Gesundheitsaufseherin / des Gesundheitsaufsehers beschäftigt sich schwerpunktmäßig

mit dem gesundheitlichen Umweltschutz, insbesondere mit der Umwelthygiene und der

Seuchenbekämpfung.

Auch hier gehören weitere Berufe zum Bereich. Zu nennen wären zum Beispiel Rettungsassistenten/innen

und Desinfektor/-in.

Eine weitere Darstellung aller Gesundheitsfachberufe in Einzelheiten würde hier den Zeitrahmen

sprengen. Daher möchte ich mich als Vertreter der eigenen Berufsgruppe und in meiner Funktion

als Leiter des Fachseminars für Alten- und Familienpflege nun dem 4. Bereich, den pflegerischen

Berufen, intensiver zuwenden.

Anforderungen und Perspektiven der pflegerischen Berufe

Zu den Pflegeberufen werden gerechnet:

• Gesundheits- und Krankenpfleger/-in

• Altenpfleger/-in

• Hebammen und Entbindungspfleger

Schon lange gehören diese Berufe nicht mehr nur in barmherzige Frauenhände, die für ein

Trinkgeld oder ehrenamtlich Mitmenschen in ihrer Krankheit oder auf ihrem letzten

Lebensabschnitt betreuen und pflegerisch versorgen.

Hinsichtlich der Chancengleichheit muss man im Bereich der Pflegeberufe darauf hinweisen, dass

über viele Jahre eine Benachteiligung der Männer vorgelegen hat und dass Migranten und

Migrantinnen mit in Deutschland nicht anerkannten Hochschulabschlüssen seit vielen Jahren und

bis heute eine stabile, wenn auch zahlenmäßig kleine Beschäftigtengruppe in den Pflegeberufen

38


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

ausmachen. Diese Berufe können daher, wenn es um Chancengleichheit oder Benachteiligung geht,

nicht immer unter den gleichen Blickwinkeln betrachtet werden wie die kaufmännischen oder die

technischen Berufe.

Zwei klassische Pflegeberufe möchte ich kurz näher darstellen. Die Berufe des/der Gesundheitsund

Krankenpfleger/in bzw. des/der Altenpfleger/Altenpflegerin sind eigenständige, durch bundeseinheitliche

Ausbildungs- und Prüfungsgesetze geregelte Berufe, die mit anderen Berufsgruppen

des Gesundheits- und Sozialwesens gemeinsam und möglichst gleichberechtigt die komplexen

Aufgaben der Gesundheitsversorgung im Bereich Prävention, Behandlung und Rehabilitation bzw.

der Betreuung und Beschäftigung zu erfüllen haben.

Eine nähere Darstellung über gesetzlich geregelte Zugangsvoraussetzungen, Ausbildungsverlauf

und -inhalte sowie Ausbildungsschwerpunkte und Tätigkeitsbereiche von Pflegeberufen würde hier

den Rahmen sprengen.

Ich will jedoch auf wichtige Anforderungen und Perspektiven der Pflegeberufe hinweisen.

Beschäftigte in den Pflegeberufen benötigen zur Bewältigung der unterschiedlichen Aufgaben vor

allem Schlüsselkompetenzen, die dazu befähigen, das eigene Handeln zu reflektieren, flexibel auf

Veränderungen zu reagieren, kooperativ in einem Team zu arbeiten und eigeninitiativ sowie eigenverantwortlich

den Arbeitsprozess mitzugestalten.

Dennoch wird immer wieder deutlich: Pflegeberufe sind in der Öffentlichkeit nach wie vor völlig

unterbewertet.

Krankenpflege, Altenpflege oder Familienpflege waren bislang Berufe, die viele Jugendliche durch

die Aussicht auf körperliche Arbeit, ständiges Engagement, große Verantwortung und schlechte

Bezahlung abgeschreckt haben. Inzwischen erkennen immer mehr Schulabgänger, dass

Pflegeberufe eine Perspektive darstellen, weil sie Abwechslung im Alltag bieten und einen wichtigen

Beitrag für die Gesellschaft leisten.

39


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Nicht nur in den strukturschwachen Regionen der Republik, sondern auch in Ballungszentren wie

dem Ruhrgebiet oder speziell in der Emscher-Lippe-Region bieten die Berufe der Alten-,

Gesundheits- und Krankenpflege eine Perspektive für junge Menschen, die Wert auf eine

Ausbildung mit ausgeprägten Möglichkeiten zur beruflichen Fort- und Weiterbildung legen.

Die Wende ist mit einer Reform der Berufsbilder eingeleitet. Seit einigen Jahren eröffnen zum

Beispiel Abschlüsse einer staatlich anerkannten Alten- oder Gesundheits- und Krankenpflegeschule

auch die Chance, anschließend ein Fach- oder Hochschulstudium in den Bereichen Pflegemanagement,

in der Pflegewissenschaft oder Pflegepädagogik aufzunehmen.

Des weiteren ist die Alten- und Krankenpflege eine Wachstumsbranche im Dienstleistungssektor,

speziell im Markt der Gesundheitswirtschaft, die zwar vor großen Anpassungsproblemen steht,

ihren aktuellen und künftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aber wachsende Beschäftigungschancen

und -garantien bietet.

Zudem lockt auch die Privatwirtschaft mit zahlreichen Möglichkeiten, den Schritt in die Selbstständigkeit

zu unternehmen, seit die Zahl alter und pflegebedürftiger Menschen in der Gesellschaft

steigt.

Gesundheitsvorsorge und pflegerische Behandlung sind in zunehmendem Maße auf besonders qualifizierte

Fachkräfte angewiesen. Die stetig sinkende Verweildauer bei Klinikaufenthalten ist ein

weiterer Hinweis darauf, dass ambulante Pflege und die vor- und nachstationäre Betreuung der

Patienten an Bedeutung gewinnen. Es liegt auf der Hand, dass nicht nur in Pflegeberufen, sondern

in allen Gesundheitsfachberufen der Bedarf an fachgerecht ausgebildeten Kräften steigt.

Ein Pflegeberuf bedeutet Abwechslung, Selbstständigkeit, soziale Kompetenz und Teamwork mit

guten Beschäftigungsmöglichkeiten. Aufgabenvielfalt, Eigenverantwortung, Vielfalt der Pflegehandlungen

und der Einsatzmöglichkeiten kennzeichnen zusätzlich das Aufgabengebiet.

Politischer Handlungsbedarf im Bereich der Pflegeberufe

Einige Aspekte sind jedoch auch kritisch zu beleuchten. Dazu gehört – in Deutschland wie in anderen

Ländern der Europäischen Union – der sich bereits heute abzeichnende und bezifferte Mangel

an Pflegepersonal in vielen Bereichen der Gesundheitsversorgung. Die derzeitige Entwicklung zeigt

leider auch, dass einerseits die Zahl der Auszubildenden zurückgeht und dass andererseits die

Berufsverweildauer der Fachpflegekräfte außerordentlich kurz ist. Die Ursachen dafür möchte ich

an dieser Stelle nicht weiter beleuchten.

Vor dem Hintergrund dieser Probleme und des weiter wachsenden Bedarfs an Pflegekräften wird es

zunehmend wichtiger, den Verbleib im Pflegeberuf zu fördern. Nur so werden weitere Engpässe

vermieden, damit die pflegerische Versorgung der Bevölkerung gesichert werden kann. Der anstehende

Bedarf kann in Zukunft nicht – wie hin und wieder behauptet – durch die Gewinnung ausländischer

Pflegekräfte und auch nicht durch den eigenen Pflegenachwuchs gedeckt werden. Um so

mehr müssen Verantwortliche in diesen Bereichen handeln.

Für die Verantwortlichen in der Ausbildung in den Pflegeberufen und letztlich in allen Gesundheitsberufen

gilt, dass die Ausbildungen zukünftig stärker als bisher an den Bedürfnissen einer

alternden Bevölkerung orientiert werden müssen. Geriatrische, gerontologische und gerontopsychiatrische

Fachkenntnisse sollten verstärkt Berücksichtigung in den Ausbildungen finden. Dies gilt

40


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

auch für die zunehmende Bedeutung ethnisch-kultureller Besonderheiten.

Auf der anderen Seite müssen auch Politik und Gesellschaft die Gesundheitsberufe in den notwendigen

Entwicklungen unterstützen. Die Bürgerinnen und Bürger sind gefordert, für sich und ihre

Gesundheit mehr Eigenkompetenz zu entwickeln und Eigenverantwortung zu übernehmen. Der

Ausbau und die Stärkung primärer Netze sind erforderlich; nur so werden Versorgung und Pflege

in einer älter werdenden Gesellschaft auch künftig gewährleistet werden können. Und Staat und

Politik als Normen vorgebende Verantwortungsträger sind aufgefordert, die Rahmenbedingungen

weiterzuentwickeln und anzupassen.

Neue Ansätze verbessern den Zugang zu Pflegeberufen

Die veränderten Anforderungen haben schon jetzt dazu geführt, dass die Gesetze und

Ausbildungsbestimmungen in den Pflegeberufen annähernd angepasst wurden. Die Änderung der

Zugangsmöglichkeiten über einheitliche Zugangsvoraussetzungen, wie z.B. der Fachoberschulreife,

trägt den erhöhten Anforderungen in der theoretischen und praktischen Ausbildung Rechnung.

Auf der anderen Seite versperrt diese Änderung natürlich auch Jugendlichen mit geringeren

Schulabschlüssen den Zugang zu Gesundheitsfachberufen. Gerade in den sozial schwächeren

Regionen erfüllen Jugendliche heute nicht die notwendige schulische Vorbildung. Mit einem

Hauptschulabschluss in die Pflege – früher noch machbar, heute undenkbar.

Hier gibt es jedoch in letzter Zeit Bestrebungen, neue Ansätze zu schaffen, um Gesundheitsfachberufe

und darunter vor allem die Pflegeberufe für alle zu einem attraktiven und vor allem

erreichbaren Ziel in der Berufsauswahl zu machen.

Einige Beispiele dafür möchte ich benennen.

Kompetenzchecks erleichtern die Berufswahl

So werden in NRW verstärkt wieder so genannte Kompetenzchecks angeboten, die auch für

Pflegeberufe von hoher Bedeutung sein können. Das Ausloten von Stärken und Interessen,

Fähigkeiten und Kompetenzen, um einen Pflegeberuf zu ergreifen, oder die Frage nach

“Alternativen zum nicht erreichbaren Traumberuf“ ist Aufgabe fachkundiger Berater-/innen und

kann Fehlentscheidungen in der Berufsauswahl minimieren.

Modellprojekte bauen eine Brücke zur Fachkraftausbildung

Menschen ohne Realschulabschluss, der für den Zugang zu den meisten Gesundheitsfachberufen

notwendig ist, haben derzeit im Rahmen mehrerer Modellprojekte des MAGS NRW und des

Europäischen Sozialfonds die Möglichkeit, über eine einjährige Qualifizierung im Bereich der

Altenpflegehilfe nach erfolgreichem Abschluss den Zugang zur dreijährigen Fachkraftausbildung zu

erlangen. Dieses Angebot richtet sich gezielt an Jugendliche unter 25, zum Teil im ALG II-Bezug,

die bisher keinen Ausbildungsberuf erlernt haben.

Öffnung der Pflegeberufe für Menschen mit Migrationshintergrund

Von großer Bedeutung für die Zukunft der Region ist der relativ hohe Anteil der Migrantinnen und

Migranten, der derzeit in Nordrhein-Westfalen rund 11 % beträgt. In den Ballungsräumen steigt

dieser Anteil auch weiter kontinuierlich an. Hier kumulieren zudem soziale Probleme generell –

auch bezogen auf die einheimische Bevölkerung. Prognosen gehen dahin, dass Migrant/innen und

Aussiedler/innen bereits im nächsten Jahrzehnt die Mehrheit der Menschen in Ballungsräumen stel-

41


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

len werden. Hier sind gesellschaftliche Integrationsleistungen erforderlich, denen sich auch die

Heil- und Pflegeberufe verstärkt stellen müssen.

In einem Projekt des Rhein-Ruhr-Instituts (RISP) Duisburg mit dem Berufsfortbildungswerk des

DGB im Rahmen des XENOS Programms werden seit einiger Zeit, begleitend zur dreijährigen

Altenpflegeausbildung, Konzepte entwickelt und erprobt, die den zukunftssicheren Beruf des

Altenpflegers / der Altenpflegerin stärker für Migrantinnen und Migranten öffnen.

Inhalte der Altenpflegeausbildung werden hier an der wachsenden Gruppe der älteren und nun

auch vermehrt pflegebedürftigen Migranten und Migrantinnen ausgerichtet.

Schlussbetrachtung

Wie sie sehen, werden auch in sicheren Zukunftsberufen, die durch wissenschaftliche Erhebungen

und Bewertungen von Veränderungen in unserem Land bezogen auf die eingangs beschriebene

demografische Entwicklung positiv gekennzeichnet sind, neue Lösungsansätze und Veränderungen

geschaffen:

• Die Weiterentwicklung der Ausbildungen in der Pflege muss mit dem Aufgabenzuwachs und

dem Paradigmenwechsel in der Pflege Schritt halten.

• Die Ausbildungsqualifikation und die spätere Berufsausübung müssen sich aufeinander beziehen,

um so die Gefahr der Unter- oder Überversorgung zu vermeiden. Praxisorientierte

Handlungskonzepte, wie problemorientiertes Lernen oder die Lernfeldkonzeption im Rahmen

der Altenpflegeausbildung, sind hier notwendige und bereits praktizierte Ansätze.

• Horizontale und vertikale Durchstiegsmöglichkeiten zwischen den verschiedenen

Ausbildungen in den Gesundheitsfachberufen müssen verbessert werden. Die eingeleiteten

Initiativen zur Vereinheitlichung der Ausbildungsgänge im Bereich der Krankenpflege,

Kinderkrankenpflege und der Altenpflege sind dafür ein gutes Beispiel. Diese müssen weiter

verfolgt und modifiziert werden.

• Wenn auch für Pflegekräfte die Möglichkeiten der ganztägigen, Arbeitsplatz nahen und

Dienstzeit kompatiblen Kinderbetreuung verbessert und flexible Arbeitszeitmodelle etabliert

werden, um eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen, dann

werden die schon sowieso als Zukunftsberuf deklarierten Pflege- und Gesundheitsfachberufe

noch mehr an Attraktivität gewinnen.

Als Vertreter des Berufsfortbildungswerkes des DGB vertrete ich hier den Bereich Erziehung,

Soziales und Gesundheit. Das maxQ. als Sparte im Berufsfortbildungswerk des DGB steht für

Qualität und Qualifizierung. Als Branchenspezialist für den Gesundheits- und Sozialbereich vernetzen

wir das Fachwissen beider Sektoren und bieten neben integrierten Bildungs- und

Beratungsleistungen an verschiedenen Standorten in NRW seit vielen Jahren Ausbildungen sowie

Fort- und Weiterbildungen in den Gesundheitsfachberufen und Pflegeberufen an.

Für Fragen und nähere Ausführungen stehe ich ihnen auch nach dieser Veranstaltung gerne zur

Verfügung.

Ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.

42


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

43


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Ein realistischer Blick auf die IT-Berufe – In Zukunft immer noch

Berufe nur für junge deutsche Männer?

Vortrag von Ralf Stock, Berufsfortbildungswerk des DGB

Zusammenfassung

Der Vortrag beleuchtet die Entwicklung des Arbeitsmarktes in der ITK-Wirtschaft seit dem Jahr

2000. Nach einem wirtschaftlichen Einbruch melden die Unternehmen wieder ein Wachstum. Der

Stellenabbau in der Branche scheint gestoppt, und der Bundesverband der ITK-Branche BITCOM

erwartet sogar einen weiteren Zuwachs bei der Beschäftigung von IT-Fachkräften. Weitgehend

unberührt vom Wachstum der ITK-Branche stagniert der Anteil der weiblichen Fachkräfte auf niedrigem

Niveau; die Zahl der Studentinnen der Informatik ist sogar rückläufig.

Ralf Stock ist Leiter der Geschäftsstelle Ruhr-Emscher-Lippe des Berufsfortbildungswerks

des DGB (bfw).

44


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Ein realistischer Blick auf die IT-Berufe – In Zukunft immer noch

Berufe nur für junge deutsche Männer?

Ralf Stock, Berufsfortbildungswerk des DGB

Die vorliegende Betrachtung der IT-Wirtschaft erfolgt nach der Definition des „European

Information Technology Observatory“. Danach zählen zur IT-Wirtschaft die Bereiche

Informationstechnologie, IT-Dienstleistungen, Software-Produkte, Computer, Hardware, Provider-

Dienste sowie Daten- und Netzwerkprodukte.

Die aktuelle Situation des ITK-Marktes in Deutschland

Der deutsche Markt für Informationstechnik und Telekommunikation (ITK) wird 2005 um 3,4 % auf

135,2 Mrd. Euro wachsen. Damit bestätigt der Bundesverband Informationswirtschaft,

Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) seine Prognosen für das laufende Jahr. Nach einigen

mageren Jahren befindet sich somit die Branche auf Wachstumskurs mit positiven

Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt. „Das Wachstum gibt den Unternehmen die Kraft, rund 10.000

zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen“ (BITKOM, 2005), insbesondere in den Bereichen

Softwareentwicklung und IT-Dienstleistungen.

Arbeitsplatzentwicklung im IT-Bereich

In den Jahren 1996 bis 2000 hat die Informations- und Kommunikationswirtschaft rund 200.000

45


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Allerdings blieb die Branche von der gesamtkonjunkturellen

Lage nicht verschont und verlor durch notwendig gewordene Anpassungen im Jahre 2003 etwa

30.000 Arbeitsplätze.

In 2005 kann mit einem Zuwachs bei der Beschäftigung qualifizierter IT-Experten und Expertinnen

gerechnet werden.

Es wird erwartet, dass nach 2006 die Zahl der freien Stellen das Arbeitskräfteangebot überschreiten

wird. Mittelfristig wird sich der erwartete Fachkräftemangel verstärken.

Der Stellenabbau in der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche ist gestoppt. Die

ITK-Unternehmen wollen im Jahr 2005 wieder neue Arbeitsplätze schaffen.

Zusätzlich wurden in 2004 13 % mehr offene Stellen gemeldet als noch im Jahr 2003.

IT-Arbeitsplätze – nur für Männer?

In den ITK-Berufen sind weibliche Fachkräfte nach wie vor kaum vertreten. Der Anteil der

Studentinnen in der Informatik ist rückläufig. Informatik ist aus irrationalen Gründen nach wie vor

eine Männerdomäne.

Dass Frauen in den IT-Berufen immer noch stark unterrepräsentiert sind, bestätigen auch die

Ausbildungszahlen des Berufsfortbildungswerks, Geschäftsstelle Ruhr-Emscher-Lippe, für die Jahre

1990 bis 2005.

46


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

47


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Kompetenzfeld Neue Chemie – Gleiche Chancen für Frauen und

Männer in den Chemieberufen

Vortrag von Petra Müller, Teilprojekt „Online-Akademie“ in der EQUAL-

Entwicklungspartnerschaft ChanZE

Zusammenfassung

Der Vortrag stellt Ziele, Methoden und Beispiele aus Lerneinheiten des Projekts „Online-Akademie“

vor, einem Kooperationsprojekt des Hans-Böckler-Berufskollegs in Marl und des Fachinformationszentrums

Chemie in Berlin. Ziel des Projekts ist die Schaffung gleicher Chancen für

Frauen und Männer im Kompetenzfeld „Neue Chemie“.

Im Projekt werden multimediale, web-basierte Lehr- und Lernmodule aus dem Themenfeld der

Chemie entwickelt und erprobt. Das Angebot richtet sich an Frauen (u. a. Schülerinnen des

Berufskollegs, Beschäftigte, Arbeitslose, Berufsrückkehrerinnen) aus den Berufsbereichen der

Chemie und der Sozialpädagogik. Mit Hilfe dieses neuen (Weiter-) Qualifizierungsinstruments können

die Teilnehmerinnen ihr Lerntempo, die Lerninhalte und ihre Bildungsziele bestimmen.

Bemerkenswert ist der interdisziplinäre Ansatz zwischen Pädagogik und Naturwissenschaften: Das

Projekt entwickelt u. a. Lerneinheiten für Erzieherinnen, die naturwissenschaftliche Experimente im

Vorschulbereich einsetzen wollen.

Petra Müller, als diplomierte Chemie-Ingenieurin am Fachinformationszentrum

Chemie in Berlin tätig, promoviert zum Thema „Struktur-Eigenschafts-Korrelationen

mit Hilfe von neuronalen Netzen“.

48


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

49


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

50


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

51


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

52


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

53


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Podiumsdiskussion der Veranstaltung „Zukunftsberufe in der

Region Emscher-Lippe“

Die vorliegende Darstellung der Podiumsdiskussion ist keine wörtliche Wiedergabe der Äußerungen

der Teilnehmenden, sondern fasst wesentliche Diskussionsstränge zusammen.

Schwerpunkte der Podiumsdiskussion:

• Mit einer Debatte über Zukunftsberufe in der Region und neue Berufsbilder wurden die

Referate des Vormittags wieder aufgegriffen.

• Der regionale Ausbildungsmarkt und die Situation von Hauptschüler/innen und besonders

von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bildeten einen weiteren Schwerpunkt.

• Lösungsperspektiven, darunter der Vorschlag zu einem „Sozialkontrakt für Jugendliche mit

Migrationshintergrund“, wurden kontrovers diskutiert.

Auf dem Podium diskutierten:

• Udo Höderath, Regionalagentur Emscher-Lippe

• Michael Vornweg, IHK Nord Westfalen

• Reiner Lipka, Integrationscenter für Arbeit Gelsenkirchen (ArGe)

• Bora Ergin, RAA Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus

Zuwandererfamilien in Gelsenkirchen

• Georg Altenkamp, Gesamtschule Gelsenkirchen Berger Feld

Moderation: Hartmut Schröder, S&H Organisationsberatung

„Zukunftsberufe“ – schwer zu definieren und kaum vorherzusagen

Prognosen über die zukünftige Entwicklung bestimmter Berufe sind nach Ansicht mehrerer

Podiumsteilnehmer extrem schwierig.

So betonte Herr Vornweg (IHK), dass es auch aus der Sicht der Wirtschaft in der Region kaum

möglich sei, eindeutig zu sagen: Dies ist ein Zukunftsberuf und dies nicht. Als prägnantes Beispiel

schilderte Herr Vornweg die Euphorie um die Entwicklung in den IT-Berufen, deren Arbeitsmarkt-

Segment keineswegs in dem Umfang gewachsen ist, wie es noch im Jahr 2000 vorhergesagt wurde.

Der Arbeitsmarkt für IT-Berufe habe sich nach dem Einbruch der New Economy zwar wieder stabilisiert,

aber auf einer anderen Basis als angenommen. Ähnliche Fehleinschätzungen habe es in der

Vergangenheit zum Lehramts- und zum Maschinenbau-Studium gegeben. Als ein Mangel an

Arbeitskräften prognostiziert wurde, haben viele Menschen mit diesen Studiengängen begonnen.

Bei ihrem Studienabschluss war der Bedarf jedoch bereits gedeckt.

Unsichere Prognosen über die Zukunft mancher Berufsbereiche erschweren besonders die Beratung

für Lehrstellensuchende und Arbeitslose. Herr Lipka (Integrationscenter für Arbeit Gelsenkirchen)

verdeutlichte die Problematik aus Sicht der Arbeitsberatung. Obwohl sich die Beraterinnen

und Berater ständig bemühten, Trends aufzuspüren und Schritt zu halten, hätten sie oft den

Eindruck, von der Entwicklung überrollt zu werden. Fragen wie: Zu welchen Technologien soll man

Arbeitsuchenden aktuell raten? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um in einen Berufsbereich einzu-

54


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

steigen? seien für die Arbeitsberatung manchmal schwer zu beantworten. In der Vergangenheit sei

es daher durchaus vorgekommen, dass am Bedarf vorbei beraten und geschult wurde.

Eine Plenumsteilnehmerin, Lehrerin an einer Gesamtschule, wies auf ein weiteres Problem der

Berufsberatung hin: In manchen Berufsbereichen – wie im Gesundheitswesen – erzeuge ein hoher

Bedarf an ausgebildeten Arbeitskräften nicht automatisch auch neue Arbeitsplätze. Da im

Gesundheitssystem auf Gewinnmaximierung geachtet, Krankenhäuser geschlossen und

Pflegekräfte entlassen würden, fragte die Teilnehmerin: Können wir Jugendlichen unter diesen

Bedingungen wirklich raten, einen Beruf im Gesundheitswesen zu wählen? Auch der Beruf der

Erzieherin scheine nicht immer empfehlenswert, da es keine ausreichende Stellenfinanzierung

gebe, obwohl in den Kommunen ein hoher Bedarf an Frühförderung gesehen werde.

Mehrere Teilnehmende plädierten trotz dieser Problematik dafür, Jugendlichen zu raten, den 1.

Schritt zu tun und zum Beispiel über ein Praktikum in eine Berufsausbildung zu gehen – auch wenn

klar sei, dass der Beruf nicht bis zur Rente beibehalten werden könne. Herr Lipka

(Integrationscenter für Arbeit Gelsenkirchen) betonte, es sei notwendig, von der Vorstellung

einer konsistenten Berufswegeplanung bis zum 67. Lebensjahr Abschied nehmen. Wichtig sei, dass

Jugendliche überhaupt den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt erreichten.

Diese Problemsicht wurde auch von Teilnehmenden aus dem Plenum unterstützt: Wichtig sei der

Berufseinstieg, weniger wichtig sei, ob es sich dabei um einen ausgewiesenen „Zukunftsberuf“

handele. So erläuterte eine Plenumsteilnehmerin, Mitarbeiterin der LEG, „zukunftsträchtige

Berufe“ zeichneten sich in erster Linie dadurch aus, dass Auszubildende hier Fertigkeiten erlernten,

die sie auch woanders verwenden könnten. Beratungsstellen und Träger könnten nicht die

Verantwortung für so genannte Zukunftsberufe übernehmen, da Prognosen häufig falsch seien.

Angebote zur beruflichen Integration müssten vielmehr die Jugendlichen befähigen, ihr Leben

selbst in die Hand zu nehmen.

Auch wenn konkrete Berufe mit Zukunft schwer zu identifizieren sind, gibt es in den Unternehmen

der Region, wie Herr Vornweg (IHK) ausführte, durchaus neue Entwicklungen und infolgedessen

auch einen sichtbaren Bedarf an neuen oder umgestalteten Berufsbildern. Herr Vornweg betonte,

dass bei der Neuordnung von Berufsbildern Entwicklungen aus den Unternehmen aufgegriffen werden.

Von rund 360 Ausbildungsberufen sind in den letzten 10 Jahren bereits 250 neu geordnet worden.

Herr Höderath (Regionalagentur Emscher-Lippe) erläuterte, dass sich auch aus traditionellen

Berufen der früheren regionalen Schwerpunkte, insbesondere der Montanindustrie, neue

Berufsbilder entwickeln. Eine Weiterentwicklung traditioneller Berufe in den Betrieben sei für die

Region besonders wichtig, da auf diese Weise vorhandene Kompetenzen von Beschäftigten und

Unternehmen für die Zukunft genutzt werden.

Dass Berufsbilder nicht nur mit Blick auf den Markt, sondern auch mit Blick auf die Menschen entwickelt

werden müssten, betonte Herr Altenkamp (Gesamtschule Gelsenkirchen Berger Feld).

Es gebe bereits Generationen von Sozialhilfe-Empfängern, die sich für die Arbeitslosigkeit programmiert

fühlten. Um diese Entwicklung zu durchbrechen, plädierte Herr Altenkamp dafür, in der

Region vermehrt Ausbildungen anzubieten, die Schulabschlüsse unterhalb der Fachoberschulreife

oder des Abiturs erfordern. Auch verkürzte Ausbildungen und die so genannte Stufenausbildung

sollten in der Region stärker beachtet werden als bisher.

Auch wenn spezifische „Zukunftsberufe“ schwer zu identifizieren sind, ist es, wie Herr Lipka

55


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

(Integrationscenter für Arbeit Gelsenkirchen) ausführte, unbedingt notwendig, wirtschaftliche

Zukunftsfelder der Region auszuloten, um die strukturellen Probleme anzugehen. Zugleich dürfe

der Blick für die individuellen Potentiale der Menschen nicht verloren gehen, denn nicht jeder

Arbeitslose könne in ein Zukunftsfeld hinein qualifiziert werden.

Unterschiedliche Problemsichten zum regionalen Ausbildungsmarkt

Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt in der Region Emscher-Lippe gilt schon seit Jahren als besonderer

„Problemfall“ in NRW. Die Angebots-Nachfrage-Relation bei den Ausbildungsplätzen, also das

Verhältnis zwischen angebotenen Lehrstellen und der Zahl der Bewerberinnen und Bewerber, ist

seit Jahren kontinuierlich gesunken. Insbesondere der Arbeitsagenturbezirk Gelsenkirchen zeigt

Negativ-Rekorde in der Berufsbildungsstatistik. Im Berufsbildungsbericht 2004 hat Gelsenkirchen

mit 82,1 die zweitschlechteste Relation in Deutschland. Der Bezirk Recklinghausen zeigt etwas

günstigere, aber ebenfalls besorgniserregende Zahlen. Trotz des demographischen Wandels wird

die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen auch in den nächsten Jahren noch nicht sinken. Nach

Berechnungen des Instituts Arbeit und Technik Gelsenkirchen wird die Zahl der Jugendlichen, die

Lehrstellen suchen, bis 2010 zunächst sogar steigen.

Hauptschulabschluss und Migrationshintergrund sind besondere Risiken am

Ausbildungsmarkt

Verschiedene Studien belegen, dass Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss kaum noch

Ausbildungsstellen finden. Auch der Hauptschulabschluss scheint in der öffentlichen Wahrnehmung

entwertet zu sein, obwohl das Handwerk diesen Abschluss weiterhin würdigt: In 2004 hatten

immerhin 43,3% aller Lehrlinge im Handwerkskammer-Bezirk Münster einen Hauptschulabschluss.

Trotzdem muss festgestellt werden, dass die Zugangsvoraussetzungen vieler Berufe erhöht wurden

und dass immer mehr Berufe für Jugendliche mit Hauptabschluss verschlossen sind. In den verbleibenden

Berufen konkurrieren sie zunehmend mit Jugendlichen, die einen Realschulabschluss

oder das (Fach-)Abitur vorweisen.

In der Podiumsdiskussion über den Ausbildungsmarkt standen daher Hauptschulabgänger/innen

und hier insbesondere Jugendliche mit Migrationshintergrund im Mittelpunkt. Über Problemsichten

und mögliche Lösungsperspektiven wurde kontrovers diskutiert.

Nach Einschätzung von Herrn Altenkamp (Gesamtschule Berger Feld) sind Schulabgänger/innen

aus der Hauptschule mit und ohne Abschluss die größte Problemgruppe. Sie stellten die größte

Gruppe derjenigen, die ohne Lehrstelle blieben, auf den Berufskollegs „geparkt“ würden und dort

mehrere „Ehrenrunden“ drehten, ohne einen Ausbildungsplatz zu finden. Unter den

Hauptschüler/innen haben nach Einschätzung des Schulleiters Jugendliche mit

Migrationshintergrund besonders große Probleme, eine Lehrstelle zu finden.

Daten aus der Gesamtschule Gelsenkirchen Berger Feld, die mit über 1.500 Schülerinnen und

Schülern die größte Gesamtschule in Gelsenkirchen ist, illustrierten die Situation. Rund 800 der

Schülerinnen und Schüler dieser Gesamtschule haben einen Migrationshintergrund. Im letzten Jahr

sind hier 86 Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund aus der Sekundarstufe I abgegangen.

Ein Teil davon ist in die Oberstufe oder in die Abendrealschule gewechselt. Nur 7 von diesen

86 haben einen Ausbildungsplatz gefunden; das sind keine 10% der Gruppe.

56


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Die Informationsarbeit für Familien mit Migrationshintergrund gewinnt an

Bedeutung

In Zukunft wird es immer wichtiger sein, auf Jugendliche und Eltern mit Migrationshintergrund

besonders zuzugehen. Heute haben in Gelsenkirchen bereits rund 30% der Jugendlichen einen

Migrationshintergrund. Nach Schätzungen wird ihr Anteil in zehn Jahren auf 40 bis 50% gestiegen

sein.

Herr Ergin (RAA Gelsenkirchen) betonte, dass es entscheidend sei, das Know-how der

Expertinnen und Experten weiter zu tragen zu den Jugendlichen, den Eltern, den Schulen und auch

zu den Migrantenselbstorganisationen. Gerade im Bildungsbereich sollten die Institutionen darüber

nachdenken, wie ihre Informationsarbeit wirksamer werden könne, denn viele der angebotenen

Informationen erreichten die Eltern und Jugendlichen nicht. Hier müssten neue Wege der

Informationsvermittlung gefunden werden.

Die hohe Bedeutung der Informationsarbeit wurde auch von anderen Podiumsteilnehmern unterstrichen.

Jugendliche müssten die Vielfalt der Ausbildungsberufe kennen lernen und mit

Instrumenten zur Informationsbeschaffung vertraut sein, um ihre beruflichen Möglichkeiten auszuschöpfen.

Auf eine zu geringe Flexibilität vieler Jugendlicher bei der Berufswahl wies Herr Vornweg (IHK)

in seinem Beitrag hin. Danach nutzen die Jugendlichen nicht alle Möglichkeiten, die ihnen in der

Palette der Ausbildungsberufe geboten werden. Es gelinge regelmäßig nicht, alle von den

Arbeitgebern angebotenen Plätze zu besetzen.

Viele Jugendliche suchen nach Einschätzung des IHK-Vertreters nur nach einer Ausbildung in

beliebten Berufen und ignorieren andere Angebote. Die aktuelle Bertelsmann-Studie habe gezeigt,

dass sich die Skala der Wunschberufe seit den 60er Jahren kaum verändert habe.

Da die Eltern und Praktika einen großen Einfluss auf die Berufswahl haben, plädierte Herr Vornweg

dafür, mit der Informationsarbeit hier anzusetzen. Es müsse gelingen, den Eltern und Jugendlichen

die große Bandbreite der 360 Ausbildungsberufe nahe zu bringen. Auch das Instrument der

Einstiegsqualifizierung – des 6-monatigen Praktikums im Betrieb – werde nicht genug genutzt.

Die Bedeutung der Zweisprachigkeit als Ressource

Neben einer wirksamen Informationsarbeit für Eltern und Jugendliche müssen nach Ansicht einiger

Podiumsteilnehmer auch die Kenntnisse der Betriebe über die Jugendlichen mit

Migrationshintergrund verbessert werden. Die These, dass Unternehmer die Potenziale von

Jugendlichen mit Migrationshintergrund nicht ausreichend wahrnähmen, blieb jedoch nicht unwidersprochen.

Wenn in der Öffentlichkeit nur über Sprachdefizite und fehlende Deutschkenntnisse einiger

Jugendlicher diskutiert werde, sei das wenig hilfreich, betonte Herr Ergin (RAA Gelsenkirchen).

Gerade in Emscher-Lippe gebe es viele qualifizierte junge Leute mit Migrationshintergrund, die

beruflich erfolgreich seien und sich in den Kommunen engagierten. Sie sollten, so Herr Ergin, als

positive Vorbilder stärker herausgestellt werden, um die Potenziale von Jugendlichen mit

Migrationshintergrund auch in der Öffentlichkeit zu verdeutlichen. Zu den für die Wirtschaft wichtigen

Potenzialen gehöre unter anderem die Zweisprachigkeit.

57


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Herr Altenkamp (Gesamtschule Berger Feld) ergänzte diese Darstellung mit Erfahrungen aus

der schulischen Praxis und stellte die These auf, dass Sprachkenntnisse in der Öffentlichkeit unterschiedlich

bewertet werden. Wenn die Presse berichte, dass die Angehörigen der japanischen

Community in Düsseldorf zweisprachig seien, dann gebe es Applaus. Wenn aber Schülerinnen und

Schüler in Gelsenkirchen Türkisch sprächen, dann reagiere die Öffentlichkeit negativ.

In Bezug auf Zweisprachigkeit sei in der Öffentlichkeit und in den Betrieben ein Umdenken nötig.

Zweisprachige Auszubildende seien wirtschaftlich bedeutsam, zum Beispiel im Dienstleistungsbereich,

der auch Kundinnen und Kunden ohne Deutschkenntnisse ansprechen oder neue

Kundengruppen erschließen will.

Herr Altenkamp forderte auch ein Umdenken in der Berufsbildung: Zweisprachigkeit und

Bikulturalität müssten als feste Bestandteile der gesamten Berufsbildung verankert werden.

Fördermittel zur Unterstützung der Zweisprachigkeit müssten in der Berufsbildung stärker genutzt

werden, damit die schulischen Programme auch in der Ausbildung weiterlaufen könnten und die

sprachliche Kompetenz gesteigert werde.

Die Bedeutung der Zweisprachigkeit war in der Debatte jedoch nicht unumstritten. So wies Herr

Vornweg (IHK) darauf hin, dass Zweisprachigkeit zwar ein Pfund sei, mit dem bei einer

Bewerbung gewuchert werden kann und soll, dass sie jedoch nicht das wichtigste Argument bei der

Einstellung eines Auszubildenden sei. In der betrieblichen Praxis gehöre noch mehr dazu, um einen

Arbeitgeber zu überzeugen.

Fördermaßnahmen für Jugendliche sind unverzichtbar

In mehreren Beiträgen wurde deutlich, dass Fördermaßnahmen insbesondere für Jugendliche aus

der Hauptschule als unbedingt notwendig angesehen werden. Dabei geht es jedoch nicht nur um

Integration in den Arbeitsmarkt, sondern auch um eine Unterstützung der

Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen, wie besonders Herr Altenkamp (Gesamtschule

Berger Feld) verdeutlichte: Wenn keine Unterstützung angeboten werde, verschärfe sich die

Sinnleere der Jugendlichen.

Mit Blick auf Fördermaßnahmen erläuterte Herr Lipka (Integrationscenter für Arbeit

Gelsenkirchen) die besonders schwierige Situation am Ausbildungsmarkt in Gelsenkirchen, die

auch besondere Maßnahmen fordere. Die Kommune dürfe nicht auf das warten, was die

Bundesregierung beschließe, sondern müsse selbständig über Leuchtturmprojekte, Kombilohn und

subventionierte Ausbildung nachdenken. Das Integrationscenter für Arbeit Gelsenkirchen sei

bereit, in der beruflichen Bildung neue Wege zu gehen. Entscheidend für den Erfolg sei jedoch die

aktive Teilnahme der Arbeitgeber.

Gute Ergebnisse zeigten nach Einschätzung mehrerer Teilnehmer zum Beispiel Projekte wie BUS,

mit denen es gelinge, schulmüde Jugendliche zu motivieren und in die Schule und in ein Praktikum

zurückzuholen. Auch andere niederschwellige qualifizierende Angebote, die Schule und betriebliche

Praxis kombinieren, werden als hilfreich eingeschätzt. Wichtig sei, dass schulische Förderungen

nicht mit dem Schulabschluss enden, sondern in der Ausbildung fortgesetzt werden. Mit Blick auf

Hauptschulabgängerinnen und -abgänger mit Migrationshintergrund plädierte Herr Altenkamp

(Gesamtschule Berger Feld) dafür, mehr handlungsorientierte Ausbildungen anzubieten. Diese

Ausbildungen sollten zweisprachig angelegt sein und die Förderung von Deutsch als Zweitsprache

auch in der Ausbildung weiterführen. Herr Altenkamp forderte die Entscheidungsträger dringend

auf, finanzielle Mittel dafür bereit zu stellen.

58


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

Herr Vornweg (IHK) verdeutlichte, dass Maßnahmen wie BUS und das Werkstattjahr auch bei der

Kammer auf Akzeptanz treffen. Er wies jedoch darauf hin, dass die berufliche Orientierung angemessen

sein müsse: Der Jugendliche müsse auch die Neigung für einen Beruf mitbringen und den

Anforderungen entsprechen. Nicht alle Jugendlichen könnten in Zukunftsberufe und Wunschberufe

gehen.

Wege zur Chancengleichheit am Ausbildungsmarkt

In der abschließenden Debatte über Wege zur Chancengleichheit standen Jugendliche mit

Migrationshintergrund im Mittelpunkt. Die Debatte wurde geprägt durch den Vorschlag zu einem

„Sozialkontrakt für Jugendliche mit Migrationshintergrund“. Die Podiumsteilnehmer vertraten dazu

kontroverse Positionen.

Herr Altenkamp (Gesamtschule Berger Feld) regte an, in der Region Emscher-Lippe einen

Sozialkontrakt für Ausbildungssuchende mit Migrationshintergrund zu vereinbaren. Da 30% der

jungen Leute in der Gelsenkirchener Bevölkerung einen Migrationshintergrund hätten, sollte sich

dieser Anteil auch bei den Ausbildungsverträgen widerspiegeln. Im Sozialkontrakt für die Region

sollten sich alle Ausbildungsfelder dazu verpflichten, 30% Ausbildende mit Migrationshintergrund

einzustellen.

Angesichts der Ausbildungssituation sei auch von Seiten der Betriebe ein besonderes Engagement

nötig. Da es in der Region inzwischen viele Betriebe mit Unternehmern türkischer Herkunft gebe,

müssten auch sie stärker in die Ausbildungsverpflichtung genommen werden. Dazu müsse es

jedoch gezielte Unterstützungsprogramme für diese Unternehmer geben.

Darüber hinaus mahnte Herr Altenkamp mehr Fördermittel für die Bevölkerungsgruppe der

Migrantinnen und Migranten an, um Chancengleichheit zu erreichen. Die Politik habe diese Gruppe

lange vernachlässigt, in der Siedlungspolitik wie in der Sprachförderung, die erst mit großer

Verspätung einsetzte.

Herr Vornweg (IHK) widersprach dem Vorschlag zum Sozialkontrakt. Migrantinnen und Migranten

sollten die gleichen Chancen haben, aber es sollte keine positive Diskriminierung geben. Um die

Situation am Arbeitsmarkt zu verbessern, brauche die Region neben einer besseren

Informationsarbeit für alle Jugendlichen in erster Linie eine aktive Wirtschaftsförderung.

Auch Herr Höderath (Regionalagentur Emscher-Lippe) beurteilte einen Sozialkontrakt als positive

Diskriminierung, die nicht hilfreich sei. Eine solche Aktivität greife zu kurz, da auch viele Nicht-

Migranten in einer schwierigen beruflichen Situation seien. Einen Sozialkontrakt will Herr Höderath

zudem nicht nur berufsbezogen sehen. Mittlerweile gebe es Stadtteile, in denen fast alle Einwohner

von Sozialhilfe leben. Nötig sei eine Debatte über Chancengleichheit, die sich nicht nur auf Frauen

und Migranten beziehe. Die Bewohner ganzer Stadtteile seien inzwischen zu den Benachteiligten

zu rechnen.

Hinsichtlich der Jugendlichen mit Migrationshintergrund sollte nach Ansicht von Herrn Höderath

zunächst eine positive Abgrenzung formuliert werden: Was mache ihre positive Zusatzqualifikation

aus? Dann könne ein Sozialkontrakt sinnvoll sein, sofern auch deutsche Jugendliche berücksichtigt

und Unternehmer in die Gespräche einbezogen würden.

Herr Ergin (RAA Gelsenkirchen) unterstützte den Vorschlag zum Sozialkontrakt. Zur Herstellung

von Chancengleichheit für Jugendliche mit Migrationshintergrund sollten Arbeitgeber stärker ange-

59


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

sprochen und in der Öffentlichkeit die Vorstellung von „defizitären Jugendlichen“ überwunden werden.

Dazu könne in Zusammenhang mit dem Sozialkontrakt eine Kampagne mit vielen Akteuren

initiiert werden mit dem Tenor: Diese Jugendlichen sind etwas Besonderes; sie sind mehrsprachig

und denken bikulturell.

Auch Herr Lipka (Integrationscenter für Arbeit Gelsenkirchen) befürwortete einen

Sozialkontrakt und betonte, dass in Gelsenkirchen die Agentur für Arbeit und die ArGe einen solchen

Kontrakt unterstützen würden. In Gelsenkirchen sei eine Wachrüttel-Aktion dringend nötig,

da hier eine besondere Problemlage bestehe. Daher müsse man auch über tabuisierte Bereiche

nachdenken und unkonventionelle Wege gehen.

60


Zukunftsberufe in der Region Emscher-Lippe

61

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine