Ein guter pädagogischer Ort auf Zeit für Kinder und Jugendliche in ...

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Ein guter pädagogischer Ort auf Zeit für Kinder und Jugendliche in ...

Ein guter pädagogischer Ort auf Zeit für Kinder und

Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen

Nachhaltigkeit und Wert der F e e H-Maßnahmen

in Wyk auf Föhr und Timmendorfer Strand

Die F e e H gibt eine interessante Antwort auf eine wichtige gesell schaft -

liche Frage: Wie können die Entwicklungschancen von Kindern aus

hoch belasteten Familien auch dort verbessert werden, wo die Ursachen

für die Probleme in der Familie nur begrenzt beeinflussbar sind? Hierzu

eine fachlich-wissenschaftliche Beurteilung von Prof. Wolf von der

Universität Siegen.

Während die ambulanten Erziehungshilfen

primär an der Verbesserung der Sozialisationsbedingungen

in der Familie ansetzen,

kann die F e e H insbesondere neue Bewältigungsversuche

der Kinder anregen und

somit die ambulanten Erziehungshilfen ergänzen

und im Einzelfall ersetzen.

Das Wirkungsmodell ist nicht, dass die Kinder

hier einem Behandlungsprogramm unterzogen

werden, in dem sie von Grund auf geändert

werden könnten. Der F e e H liegt

also kein Reparaturmodell zugrunde, in dem

die Störungen, Mängel und Defizite aufgelistet

werden und das Behandlungsziel im Abbau

der Störungen und in einer punktuellen Verhaltensmodifikation

liegt. Sie wird stattdessen

zu einem guten pädagogischen Ort.

Die Mitarbeiter/-innen der F e e H verstehen

die Kinder und Jugendlichen als Subjekte,

die vor komplexen Entwicklungsaufgaben

und besonderen Belastungen stehen und

in schwierigen, manchmal sehr ungünstigen

Lebens- und Lernfeldern zurechtkommen

müssen. Ihre Lösungs- und Bewältigungsversuche

sollen unterstützt werden, sie sollen

positive Anregungen für selbstwertschonende

und ihre Sozialintegration unterstützende

Deutungsmuster und Verhaltensalternativen

erhalten, neue konstruktive Erfahrungen

mit Erwachsenen und Gleichaltrigen machen

und in einem zeitlich begrenzten Schutzraum

mit neuen Antworten auf ihre biografischen

und identitätsbezogenen Fragen

experimentieren.

Die Kinder und Jugendlichen, die hier betreut

werden, haben vielfältige Probleme zu

bewältigen und ihr Leben ist durch besondere

Belastungen im familialen und weiteren

sozialen Umfeld und durch – oft gravierende –

biografische Risiken gekennzeichnet.

Da sind zum einen die altersentsprechend

schwierigen Entwicklungsaufgaben im

Kindes- und Jugendalter, wie zum Beispiel

die Identitäts- und Autonomieentwicklung,

Leistungsanforderungen in Schule oder Berufsausbildung,

die Gestaltung der Beziehung

zu Gleichaltrigen und Erwachsenen, der

Umgang mit Sexualität und oft gravierende

Unsicherheiten über die eigenen Zukunftsperspektiven.

Die Lösung der damit verbundenen

Entwicklungsaufgaben fordert und

überfordert sie gelegentlich – wie andere

Kinder auch. Zusätzlich haben viele der Kinder

und Jugendlichen aber auch besondere

und ungewöhnliche Probleme zu bewältigen,

die sich zu einem dichten Geflecht aus

(noch) nicht gelösten Entwicklungsaufgaben,

biografischen Belastungen und den Folgen

von Benachteiligung verdichten können.

Dabei können Gewalt- und Vernachlässigungserfahrungen,

Erkrankungen der Eltern,

instabile Familienkonstellationen, unbewältigte

Trennungsprobleme, extreme Armut,

viele Ortswechsel und Beziehungsabbrüche,

ungünstige Schulkarrieren und Belas-

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Kommentar

tungen in Gleichaltrigenbeziehungen im

Einzelfall eine große Rolle spielen. Schließlich

stellt der F e e H-Aufenthalt selbst

neue Aufgaben zum Beispiel in der Trennung

von den Eltern und Freunden in Hamburg,

der Orientierung in einem völlig anderen Milieu

und den Gruppenprozessen während der

F e e H.

Für die Bewältigung dieser verschiedenartigen

Probleme benötigen die Jungen und

Mädchen einen entwicklungsfördernden

Ort, an dem sie viele Ressourcen finden, die

sie für die Bewältigung ihrer individuellen

Probleme benötigen. Was kann die F e e H

also den Kindern und Jugendlichen anbieten

und was ihren Eltern und den Sozialen

Diensten?

Die Wirkungen einer wenige Wochen umfassenden

Intervention können nicht in einer

grundlegenden Verhaltensänderung bestehen.

Trotz der relativ kurzen Zeit können

aber nachhaltig positive Wirkungen erzielt

werden, wenn die Kinder in der F e e H

einen Zugang zu Ressourcen bekommen,

die sie für die Lösung von Entwicklungsaufgaben

und die Bewältigung besonderer

biografischer Belastungen benötigen.

Folgende Ressourcen sind zugleich als Erfolgskriterien

zu verstehen:

1. Es gelingt dem Kind, eine vertrauensvolle

Beziehung zu mindestens einem Betreuer

zu entwickeln, mit dem es auch

sehr persönliche Themen und Probleme

besprechen kann.

2. Das Kind macht neue selbstwertschonende

und seine Handlungsfähigkeit

fördernde Erfahrungen.

3. Es findet während der F e e H neue

Impulse und Möglichkeiten für seine

Identitäts- und Biografiearbeit.

4. Es kann neue Erfahrungen mit einem

anderen Lebensrhythmus und Aktionslevel

machen.

5. Das Kind kann neue Strategien im Umgang

mit Gleichaltrigen und mit Erwachsenen

entwickeln und ausprobieren.

6. Es kann neue Erfahrungen mit Regelsetzungen

und der Einhaltung von Regeln

durch Weiterentwicklung seiner Selbststeuerungsmöglichkeiten

und seiner

Selbstverantwortung machen.

7. Es erfährt Ermutigung (im Sinne einer

Steigerung seiner Selbstwirksamkeitserwartungen)

und gewinnt neue Einflussmöglichkeiten

auf sein Leben.

8. Die Jungen und Mädchen erleben eine

gute Zeit, fühlen sich wohl, machen genussvolle

Erfahrungen, an die sie später

auch noch gerne zurückdenken.

Diese Ziele sind auf Nachhaltigkeit ausgerichtet,

das heißt, es geht immer darum,

während und durch die F e e H Entwicklungen

anzuregen und zu intensivieren, die

eine erfolgreiche individuelle Lebensführung

erleichtern und die Zukunftschancen der

Kinder und Jugendlichen verbessern.

Das generelle Ziel, nachhaltig wirksame Entwicklungsimpulse

zu setzen, lässt sich

insbesondere in der Funktion der Perspektivenklärung

überprüfen: Gelingt es, Perspektiven

zu klären, weiterzuentwickeln und

neue Handlungsoptionen zu eröffnen zum

Beispiel in Hinblick auf:

• ndie derzeit belasteten Beziehungen zu

wichtigen Menschen, wie zu Gleichaltrigen,

Eltern, Geschwistern und anderen

Verwandten,

• nden weiteren Bildungsverlauf (Schul- und

Berufsausbildung) und

• numfassend die Zukunftsperspektiven

Solche Klärungsprozesse können den Druck

auf die Kinder und Jugendlichen erheblich

verringern, ihre Unsicherheit reduzieren und

verhindern, dass sie in eine Lage geraten,

in der sie nichts mehr zu verlieren haben.

Dies wiederum ermöglicht Einstellungs- und

Verhaltensänderungen.

Für die Eltern ist die F e e H eine Unterbrechung

des Zusammenlebens, die auch als

Auszeit mit der Chance, das (familiale) Leben

nachdenklich zu betrachten, genutzt

werden kann. Für viele Eltern ist die Trennung

von ihren Kindern aber andererseits eine

Herausforderung und Quelle der Sorge.

Dann entwickeln sich manchmal intensive

Telefon- oder Besuchskontakte, in denen

sie diese Probleme zu bewältigen suchen.

Die F e e H-Mitarbeiter/-innen werden zeitweise

zu wichtigen Ansprechpartnern und

Beratern. Insofern ist die F e e H auch eine

Intervention, die sich auf die Familie insgesamt

bezieht.

Schließlich führen die Gespräche und Beobachtungen

in der Vorbereitung und während

der F e e H zu vielen interessanten

Informationen, die für eine sozialpädago gische

Diagnose hochrelevant sind. Gerade

die Vielfalt an gesprächsträchti gen Situationen,

die Beobachtung der Kinder in einem

neuen sozialen Feld im Umgang mit Gleichaltrigen,

zunächst fremden, aber sensiblen

Erwachsenen und mit herausfordernden

Freizeitaktivitäten ermöglichen oft tiefe Eindrücke

von ihrer Problemsicht, von ihrem

Selbstbild, den Zukunftshoffnungen und

-ängsten, den für sie bedeutsamen Schutzfaktoren

und Verletzungsrisiken.

Diese Informationen können für eine weitere

Hilfeplanung und für weichenstellende Entscheidungen

der Sozialen Dienste in Hamburg

bedeutsam sein.

So kann die F e e H insbesondere unmittelbar

den Kindern und Jugendlichen, aber

auch ihren Familien und den Sozialen

Diensten interessante, bisher fehlende Ressourcen

zugänglich machen. Das ist ein

bemerkenswertes Potenzial für ein nur wenige

Wochen umfassendes Jugendhilfeangebot

und eine interessante Alternative zu

Langzeitinterventionen.

Autor:

Univ.-Prof. Dr. Klaus Wolf

Universität Siegen

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