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Die Geste des Musikhörens - Salzburger Festspiele

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Foto: Guy Le Querrec/Magnum Photos

Vilém Flusser

Die Geste

des Musikhörens

Die Geste des Sehers ist durch Mythos und Tradition so stark stilisiert worden,

daß man im Fernsehen und auf Reklamen täglich und überall beobachten kann,

wie sie zur Pose wurde (zum Beispiel die Pose des energisch die Sterne fixierenden

Staatsmannes). Die Geste des Denkers ist durch Rodin zu einem Klischee geworden.

Die Geste des Hörers hingegen scheint auf den ersten Blick nicht ebenso

stereotypisiert zu sein, obwohl sie der des Sehens und des Denkens verwandt ist,

insoweit es sich nämlich nicht um eine Bewegung, sondern eine Stellung des

Körpers handelt. Wirft man jedoch vom Standpunkt der Gestik einen Blick

auf mittelalterliche Ikonographie, dann begegnet man der Geste des Hörens als

einem der zentralen Themen. Sie ist die Gebärde Marias bei der Empfängnis, die

Gebärde des Befruchtetwerdens durch das Wort (logos). Maria „empfängt“, das

heißt, sie hört eine Stimme. Es ist belehrend zu beobachten, wie sich die Geste mit

Einbruch der Renaissance ändert. In der Gotik ist es die Geste der überraschten,

gerufenen, in der Renaissance die der entschlossenen, horchenden Maria. Wenn

es um das Hören von Musik geht, ist die Renaissancegeste für uns von Bedeutung,

dann muß man Ghirlandaio und nicht Giotto betrachten.

Und doch sind sofort Bedenken anzumelden. Musik wird anders gehört als Stimmen,

die sprechen (logoi). Bei sprechenden Stimmen hört man entziffernd, man

„liest“, und darum können Taube von den Lippen ablesen. Bei Musik können sie

das nicht. Maria hört lesend, und das eben meint „konzipieren“: sie empfängt

begreifend. Beim Musikhören gibt es zwar auch ein Entziffern, denn Musik ist

kodifizierter Ton, und darum ist die musikalische Botschaft ebenso logisch wie

die der logoi. Aber es ist kein „semantisches Lesen“, kein Entziffern einer kodifizierten

Bedeutung. Was entziffert wird, wenn Musik gehört wird, darüber ist man

sich trotz jahrhundertelanger Diskussion nicht einig geworden. Eigentlich müßte

SALZBURGER FESTSPIELE 2011

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man dies aber an der Geste des Musikhörens selbst erkennen

können. Dazu kann zwar Marias Geste der Empfängnis, wie

sie in der Renaissance malend konzipiert worden ist, als Ausgangspunkt

dienen, denn Musikhören ist Horchen. Aber man

muß im Gedächtnis behalten, daß Maria eben nicht Musik

hört, selbst wenn bei der Empfängnis geigenspielende Engel

im Himmel die Botschaft begleiten sollten. Bestenfalls könnte

man sagen, daß Maria einen musikalischen Grenzfall darstellt,

nämlich daß sie ein „Lied“ hört.

Gibt man dies zu, beginnt die Verwirrung. Angenommen,

Maria hört bei der Empfängnis ein Lied. Dann würde die

Geste des Hörens vom Lied abhängen, dem man zuhört. Die

Geste, mit der man die Marseillaise oder ein Lied der Rolling

Stones hört, ist doch anders als die Geste Marias, und würde

man die Marseillaise marienartig empfangen, oder würde

Maria bei der Empfängnis marschieren, dann wäre die musikalische

Botschaft irgendwie falsch empfangen worden.

Was aber für das Hören von Liedern gilt, muß für das Hören

von Musik im allgemeinen ebenso gelten können. Die Geste

des Hörens ist doch eine andere bei Kammermusik als bei

Kinomusik, eine andere bei elektronischer Musik als beim

Musizieren mit der Mundharmonika. Hat man aber zugegeben,

daß diese Geste von der Botschaft abhängt, die man

empfängt, etwa wie die des Fangens vom geworfenen Gegenstand,

dann stellt sich die Frage, ob es überhaupt einen Sinn

hat, von einer Geste des Musikhörens im allgemeinen zu

sprechen.

Nach einiger Überlegung wird sich diese Verwirrung jedoch

legen. Denn eben daß die Geste des Musikhörens von der

empfangenen Botschaft so stark abhängt (und zwar nicht nur

von ihrem Inhalt, sondern ebenfalls davon, was man ihren

„Kanal“ nennt), erlaubt und fordert zugleich, nach dem allen

diesen Gestenformen gemeinsamen Kern zu suchen. Eben

weil man Opern anders hört als indische Ragas, und Opern in

der Television anders als von Schallplatten, muß man fragen,

worin eigentlich die Zuordnung dieser besonderen Formen

des Hörens zu so etwas wie Musikhören im allgemeinen ihre

Berechtigung findet. Denn irgend etwas scheint ja die Geste

des Hörens einer Oper in der Television und einer Raga von

einer Schallplatte ganz wesentlich von anderen Hörgesten zu

unterscheiden, selbst wenn diese Gesten in der Nachbarschaft

der musikhörenden zu liegen scheinen. Das Hören einer Oper

in der Television steht dem Hören einer Raga von einer Schallplatte

näher als dem Hören einer Sportveranstaltung in der

Television oder einer politischen Diskussion von einem Tonband.

Auf den – allem Hören von Musik – gemeinsamen

Kern, und nicht auf die auffallenden Unterschiede zwischen

einzelnen Formen des Musikhörens, muß sich unsere Aufmerksamkeit

richten.

Wenn man bedenkt, daß die Geste des Musikhörens so weitgehend

von der empfangenen Botschaft abhängt wie kaum

eine andere rezeptive Geste (daß sich das Hören von Opern

in der Television weit mehr vom Hören der Marseillaise bei

einer politischen Versammlung unterscheidet als das Lesen

eines Romans vom Lesen eines politischen Pamphletes), dann

liegt es nahe, folgende Hypothese aufzustellen: Das Hören

von Musik ist eine Geste, die sich der empfangenen Botschaft

anpaßt, und eben daß sie ihre Form von Botschaft zu Botschaft

wechselt ist das Wesentliche und allen diesen Formen

Gemeinsame und macht sie zu Gesten des Musikhörens. Die

Renaissancegeste der empfangenden Maria bestätigt diese

These: Maria horcht, und das heißt gehorcht, sie schmiegt

sich der zu empfangenden Botschaft an.

Das provoziert aber mindestens zwei Einwände. Erstens ist,

wie schon gesagt, die Geste des Musikhörens keine Körperbewegung,

sondern eine Körperstellung, selbst wenn diese

Stellung nicht starr ist. Es handelt sich also nicht, wie beim

Fangen, um den Versuch, aktiv in den Prozeß des Empfangs

einzugreifen. Selbstredend kann man gelegentlich beobachten,

wie beim Hören der Fuß den Takt schlägt oder die Lippen

zu pfeifen scheinen, aber in diesen Fällen handelt es sich, wie

bei geflüstertem Lesen, um eine naive Abfuhr einer im wesentlichen

internen Spannung. Also kann von einem Anschmiegen

an die Botschaft im gewöhnlichen Sinn, wie beim Fangen

oder Tanzen, nicht gesprochen werden. Zweitens aber ist es

kennzeichnend für akustische Botschaften, daß sie nicht

eigentlich empfangen, sondern weitergeleitet werden. Der

menschliche Körper ist für Schallwellen permeabel, und zwar

so, daß ihn diese Wellen in Schwingung versetzen, daß sie ihn

ergreifen. Zwar gibt es im Körper spezifische Hörorgane,

welche die akustischen Schwingungen in andere, zum Beispiel

elektromagnetische Schwingungen übertragen, aber Musik

bringt nicht nur den Hörnerv, sondern den ganzen Körper

zum Schwingen. Also kann von einer Anpassung an die Botschaft

nicht die Rede sein, wo doch die Botschaft selbst dem

Hörer ihre Form aufprägt.

Trotz diesen beiden Einwänden kann die Hypothese aufrechterhalten

werden, wonach die Geste des Hörens im wesentlichen

ein Anpassen des Körpers an eine akustische Botschaft

ist und wonach sie sich darin von anderen Gesten unterschei-


det; und zwar nicht nur, weil sie von den beiden Einwänden

nicht widerlegt wird, sondern seltsamerweise auch, weil diese

beiden Einwände überhaupt erst zeigen, worum es sich beim

Hören als Anpassung an Schallwellen handelt. Darum soll

jetzt jeder der beiden Einwände etwas eingehender untersucht

werden.

Das Musikhören ist eine Körperstellung, das heißt eine innere

Spannung, die sich lockert, also selbst verneint, wenn sie sich

als Bewegung äußert. Darin ist die Geste des Musikhörens mit

der Habtachtstellung oder der Verteidigungsstellung eines

Boxers vergleichbar. Wie der Gardesoldat nicht niesen kann,

ohne dabei die richtige Stellung einzubüßen, so kann der

Musikhörende nur dann gut zuhören, wenn er sich „konzentriert“,

das heißt, seine Muskeln und Nerven irgendwie einstellt.

Der Unterschied zwischen Gardesoldat und Boxer

einerseits und Musikhörendem andererseits besteht darin,

daß Gardesoldat und Boxer nicht auf Empfang eingestellt

sind, sondern auf Handlung. Das heißt, sie konzentrieren sich

von innen nach außen. Der Musikhörende dagegen konzentriert

sich eigentlich gar nicht, sondern er konzentriert die

ankommenden Schallwellen ins Innere seines Körpers. Das

bedeutet, beim Musikhören wird der Körper Musik und die

Musik wird Körper.

Dementsprechend ist die Geste des Musikhörens eine Körperstellung,

in der sich die Musik verkörpert. (Charakteristischerweise

kann dabei nicht mehr Handlung von Leidenschaft,

Aktion von Passion, also Musik von Körper unterschieden

werden.) Der Einwand, wonach sich der Hörende der Botschaft

nicht anpassen kann, weil er in passiver Stellung ist,

ist damit behoben. Da der Hörende beim Hören selbst die

gehörte Musik ist, da sein „Selbst“ die Musik ist, heißt, sich

der Musik anzupassen, eben selbst Musik zu werden. Worum

es sich dabei handelt (und daß hier in keiner Weise in Romantik

verfallen wird), zeigt die Betrachtung des zweiten

Einwandes.

Der menschliche Körper ist für Schallwellen permeabel, aber

nicht in der gleichen Weise wie für Röntgenstrahlen. Ohne auf

physikalische Einzelheiten eingehen zu müssen, ist klar, daß

Schallwellen, wenn sie durch den Bauch gehen, dort andere

Effekte herbeiführen als Röntgenstrahlen. Man spürt sie, man

weiß, daß man sie erleidet. Dieses wissende Erleiden heißt im

Griechischen pathein. Der Empfang von Musik im Bauch

(und in der Brust, im Geschlecht, im Kopf, kurz in allen zur

Schwingung disponierten Körperteilen) ist Pathos, und sein

Effekt ist Empathie in die Botschaft. Dieser pathetische Charakter

ist buchstäblich nur für akustische Botschaften wahr,

für alle anderen gilt er nur metaphorisch. Beim Hören von

Musik wird der Mensch in ganz physischem (nicht in übertragenem)

Sinn von der Botschaft „ergriffen“, er ist in Empathie

mit ihrem Pathos. (Man kann dabei selbstredend an Pan

und Orpheus denken, aber ebensogut an Aerodynamik.)

Doch ist die Sache nicht ganz so einfach. Erstens schwingt

wahrscheinlich die Leber anders als die Sinushöhle, zweitens

ist die Leber auf andere Weise als die Sinushöhle mit dem Nervensystem

in Verbindung, und drittens gibt es eben einen auf

Empfang von Schallwellen spezialisierten Hörnerv. Demnach

ist die Empathie in die Botschaft ein komplizierter Vorgang.

Kompliziert vor allem dadurch, daß nicht nur ein kybernetisches

Feedback zwischen den einzelnen Körperschwingungen

entsteht, sondern auch, und hauptsächlich, weil im normalen

Sprachgebrauch dieses komplizierte pathetische Erleben mit

Verben wie „fühlen“, „wünschen“, „träumen“, „denken“, mit

Substantiven wie „Glück“, „Liebe“, „Sehnsucht“, „Schönheit“,

„Ordnung“ benannt wird. Kurz, die Sache mit der Permeabilität

des menschlichen Körpers für Schallwellen ist nicht so

einfach, weil sie als Glück, mathematische Ordnung und

Schönheit erlebt wird.

Kein Erlebnis zeigt so sehr wie das Hören von Musik, daß

„Geist“, „Seele“ oder „Intellekt“ Worte sind, die körperliche

Prozesse benennen. Dabei ist das Hören von Musik nicht

etwa ein sogenannter „Grenzfall“. Man kann nicht sagen, daß

das Musikhören eine Art Massage ist (etwa wie Diathermie),

wobei eine Art Geist stimuliert wird. Im Gegenteil, im Musikhören,

in dieser akustischen Massage, wird eine der höchsten

Formen, wenn nicht überhaupt die höchste Form von Geist,

Seele, Intellekt empfangen, und zwar so, daß in dieser akustischen

Massage der eigene Geist und derjenige des Senders der

Botschaft übereinkommen. Daher wäre eine Untersuchung

des Musikhörens vom physiologischen und neurologischen

Standpunkt wahrscheinlich eine gute Methode, Vorgänge

vom Typ „logisches Denken“, „schöpferische Imagination“

oder „intuitives Verstehen“ von ihrer körperlichen Seite aus

zu begreifen.

Faßt man die beiden erwähnten Einwände gegen die These

zusammen, wonach das Musikhören im wesentlichen eine

Geste ist, bei der sich der Körper der Botschaft anschmiegt,

so läßt sich sagen: Die beiden Einwände zeigen, was „Körper“

und „Anschmiegen“ in diesem Kontext bedeuten. Beim Musikhören

wird der Körper Musik, und zwar entspricht seine jeweilige

Körperstellung in ihrer internen Spannung eben jener

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Musik, die er im Begriff ist zu empfangen. Und er kann diese

Stellung einnehmen, weil er auf äußerst komplexe Art darauf

eingestellt ist, im Pathos dieser Musik mitzuschwingen. Diese

komplexe Art des Körpers mitzuschwingen nennt man in

anderen Kontexten „Fühlen“, „Denken“, „Wünschen“. Anders

und radikaler gesagt, das Musikhören ist eine Geste, bei der

durch akustische Massage der Körper zu Geist wird.

Diese Vergeistigung des Körpers durch Akustik (ein mit keinem

anderen körperlichen Vorgang vergleichbarer Prozeß) ist im

einzelnen vollkommen undurchsichtig; sie ist, kybernetisch

gesprochen, eine sogenannte „schwarze Kiste“. Es ist daher unmöglich,

daß ein Komponist sich etwa folgendes vornimmt:

Ich werde die Speicheldrüsen der Hörer so zum Schwingen

bringen, daß sie die geometrische Struktur der Fuge, und

damit einen logischen Aspekt der Welt überhaupt, denkend

und fühlend erfassen. Oder, ich werde die Mundhöhlen der

Hörer so zum Schwingen bringen, daß sie die allmenschliche,

allumfassende Liebe denkend erleben. Aber obwohl weder

Bach noch Beethoven so haben komponieren können, war es

doch ihre Absicht, eben diesen Effekt im Hörer zu provozieren.

Sie handelten kybernetisch: sie behandelten input und output

der schwarzen Kiste „Körper“. Sie fütterten sie mit Schwingungen,

welche Logik und Liebe als output haben, ohne sich um

die Vorgänge im Inneren des Körpers zu kümmern. Daher

ist die Beschreibung des Musikhörens als akustische Massage

keine Desakralisation des Geistes. Im Gegenteil, sie zeigt erst

richtig das Geheimnis des Geistigen im allgemeinen und der

Musik im besonderen: die geheimnisvolle Dunkelheit im Inneren

der schwarzen Kiste. Erst wenn man Musik auf Akustik

zurückführt und den Geist auf Nerven und Muskeln, erblickt

man das Geheimnis des Pathos, das orphische Mysterium, den

pythagoreischen „Lehrsatz“: die Harmonie, wonach Musik

und Mathematik als peri-pathein und em-pathein jene Kunst

(techne) sind, welche zur Weisheit der Schönheit und Güte

führt, zur sophia der kalokagathia.

Musikhören ist eine Geste, in der sich der Körper auf die

mathesis universalis einstellt. Er kann dies, weil die akustischen

Schwingungen die Körperhaut nicht nur durchdringen,

sondern sie dabei zum Mitschwingen bringen. Die Haut,

jenes Niemandsland zwischen Mensch und Welt, wird dadurch

aus Grenze zu Verbindung. Beim Musikhören fällt die

Trennung zwischen Mensch und Welt, der Mensch überwindet

seine Haut oder, umgekehrt, die Haut überwindet ihren

Menschen. Die mathematische Schwingung der Haut beim

Musikhören, die sich dann auf die Eingeweide, aufs „Innere“

überträgt, ist „Ekstase“, ist das „mystische Erlebnis“. Es ist die

Überwindung der Hegelschen Dialektik. Beim Musikhören

findet der Mensch sich selbst, ohne die Welt zu verlieren, indem

er sich selbst als Welt und die Welt als sich selbst findet.

Denn er findet sich selbst und die Welt nicht als Widerspruch

zwischen Subjekt und Objekt, sondern als „reines Verhältnis“,

nämlich als akustische Schwingung. Erst im Musikhören erlebt

man physisch, konkret, nervlich, buchstäblich, was die

Wissenschaft meint, wenn sie von „Feld“ und von „Relativität“

spricht. Man erlebt, wie im akustischen Feld (das ein

Spezialfall des Gravitationsfeldes ist) Mensch und Welt in der

reinen Relation, also relativ zueinander, eins werden, „pure

Intentionalität“, um mit Husserl zu sprechen. Darum ist das

Musikhören das „absolute“ Erlebnis, nämlich das Erlebnis

der Relativität von Subjekt und Objekt im Feld der mathesis

universalis.

Musikhören ist die Geste, welche die Haut überwindet, indem

sie sie aus Grenze in Verbindung verwandelt. Es ist die Geste

der Ekstase. Möglicherweise gibt es andere ekstatische Gesten.

Zum Beispiel kann man wahrscheinlich chemisch, durch

Drogen, oder mechanisch, durch Yogaturnen, den Körper

zu Gesten zwingen, in denen er sich selbst überwindet. Und

sicherlich gibt es auch Techniken, durch Autosuggestion körperliche

Vorgänge zu provozieren, die zu Ekstase führen. Die

Heilige Theresa ist wahrscheinlich so ein Beispiel. Aber Musikhören

ist doch von anderer Sorte. Wenn ich Radio France einschalte,

um France Musique zu hören, dann vollführe ich eine

ganz profane, ganz technische, ganz öffentliche (unhermetische)

Geste. Und wenn ich mich richtig einstelle, kann ich das

ekstatische Erlebnis haben. Gerade weil die Geste so profan,

so technisch, so öffentlich ist, weil es Musikschulen gibt und

musikalische Animationen und Happenings, gerade darum

ist die Musik das allergrößte, das heiligste Geheimnis. Sie hat

nicht nötig, sich zu verbergen, sie ist in ihrer großartigen,

superkomplexen Einfachheit, in der mathematischen Einfachheit,

dunkel. Wie der Tod und das Leben. Denn sie ist Leben

im Tod und Tod im Leben. Um das zu wissen, muß man nicht

Schopenhauer gelesen haben. Um das zu wissen, muß man

nur versucht haben, richtig Musik zu hören.

Vilém Flusser

Der in Prag geborene Kommunikations- und Medienphilosoph, Autor

und Hochschullehrer Vilém Flusser (1920–1991) emigrierte 1939 über

London nach São Paulo. 1959 wurde er Dozent für Wissenschaftsphilosophie,

1963 Professor für Kommunikationsphilosophie an der Universität

São Paulo. 1972 kehrte er nach Europa zurück. Vilém Flusser galt

als „digitaler Philosoph des 20. Jahrhunderts“, dessen zentrales Thema

der Untergang der Schriftkultur war.

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