Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-06-23 (Vorschau)

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Einblick

Ein Gespenst geht um in Deutschland – grummelnder

Antikapitalismus und die Furcht, alle Lebensbereiche

würden ökonomisiert. Von Roland Tichy

Der verspätete Marx

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Von dem zu früh verstorbenen

Feuilletonisten Frank Schirrmacher

stammt die Formel vom

„Primat des Ökonomischen“, das

Deutschland beherrsche. Seither ist ein

gepflegter Antikapitalismus en vogue; gewarnt

wird vor dem „Durchmarsch der

Marktradikalen“ und ihrem „Versuch,

wirklich alle Lebensbereiche ökonomisch

zu verwerten“ (siehe Seite 24). Es ist die

bekannte Melodie, seit Karl Marx und

Friedrich Engels im Kommunistischen

Manifest schrieben, dass dieser Kapitalismus

„kein anderes Band zwischen

Mensch und Mensch übrig lasse als das

nackte Interesse, als die gefühllose ,bare

Zahlung‘“. Selbst dem „Familienverhältnis

werde sein rührend-sentimentaler Schleier

abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis

zurückgeführt“. Dominiert das

ökonomische Denken die Moral, wird nur

noch kalkuliert, auch in den heiligsten Bezirken

der Profit maximiert?

Die neue Art spätmarxistischer Gesellschaftskritik

hat mitgeholfen, dass ein ganz

anderer Trend das Land beherrscht: die

gedankenlose Entökonomisierung staatlichen

Handelns.

Mit ihrer Rentenreform hat die faktisch

sozialdemokratisch geführte Bundesregierung

gerade sämtliche Gewissheiten in den

Mülleimer getreten, wie die, die da lauteten:

Die Chose ist nicht finanzierbar; schon

in zwei Jahren läuft aus dem Ruder, was den

Menschen über Jahrzehnte ihrer Lebensplanung

eigentlich Verlässlichkeit vermitteln

sollte. Aber es ist halt angeblich „gerecht“.

Schade nur, dass dies zukünftig

Menschen völlig ungerechterweise bezahlen

müssen. Schlimmer noch als die absehbaren

Finanzlöcher, die dann irgendwie gestopft

werden müssen, ist aber, dass eine

Fata Morgana der Machbarkeit vermittelt

wird, die über die böse Zukunft hinwegtäuscht:

längeres, sehr viel längeres Arbeiten

für weniger Rente, statt einer abschlagsfreien

Rente mit 63. So wird in immer

neuen Bereichen staatliches Handeln ohne

Rücksicht auf die dafür notwendigen Ressourcen

durchgesetzt. Die Energiepolitik

löste eine Kostenexplosion und großflächige

Naturzerstörung aus. Beim Mindestlohn

wird schnell von menschenwürdiger Bezahlung

und von Hungerlöhnen gefaselt,

die unter 8,50 Euro beginnen. Aber wenn es

sie nun doch nicht gibt, die Millionen von

gut bezahlten Jobs für gering Qualifizierte?

Was dann? Der regierungsamtliche Zynismus

zeigt sich entfesselt, wenn man das

Aus für Unternehmen, die nur weniger bezahlen,

geradezu erzwingen will. Schön,

aber was machen dann die Mindestlohn-

Arbeitslosen? Ist subventionierte Arbeitslosigkeit

wirklich besser statt zugegebenermaßen

mickrig bezahlte Teilhabe und

Aufstockung? Wünsche können nicht ohne

Rücksicht auf Ressourcen und Konsequenzen

verordnet werden – sie müssen erst einmal

verdient werden.

ROT-GRÜNER FLEISCHMARKT

Wer aber ein gut gemeintes Projekt nach

dem anderen durchzieht, ohne die Konsequenzen

zu beachten, dem geht es wie der

früheren rot-grünen Regierung. Sie hat aus

der ehemals geächteten Prostitution ein

„Normalarbeitsverhältnis“ mit Sozialversicherungspflicht

gemacht. Befreit von jeder

Repression wie sonst nur eine Flickschusterei,

hat die nackte Normalarbeit begonnen,

alle Wohnviertel zu durchziehen, und

aus Deutschland den Flatrate-Puff Europas

gemacht, der Busse von Sextouristen aller

Länder anzieht: Erst wurde ein lukrativer

Fleischmarkt geschaffen, und jetzt wundert

man sich, dass er funktioniert.

Moralische Argumentationen ohne ökonomische

Analyse der Kosten, des Ressourcenverbrauchs

und der unerwünschten

Begleiterscheinungen sind zutiefst amoralisch.

Inklusion ist der jüngste Versuch, der

Gutes will und Böses schafft: Behinderte

Kinder in überfüllten Klassen ohne Betreuer

und behindertengerechten Schulumbau

verschlechtert die Lage aller – der Behinderten

wie der Nichtbehinderten. Warum

tun wir unseren Kindern das an?

Nicht weniger Ökonomisierung braucht

Deutschland, sondern dringend mehr davon.

Denn früher als erwartet rächt sich

Ignoranz – die Gesetze der Ökonomie sind

unerbittlich.

n

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Riskante Meerblicke

8 Internet-Handel: EU-Steuerreform trifft vor

allem deutsche Unternehmen

9 Banken: Skype statt Postident | Stresstest:

Konjunkturprogramm für Prüfer

10 Interview: Der Chefjurist der Deutschen

Bahn, Gerd Becht, fordert Millionen von

Visa und Mastercard

11 WestLB: Interessenten für Ex-Immobilientochter

| Star Alliance: Partner in Brasilien

gesucht | Drei Fragen zum Gasstreit mit

Russland

12 WirtschaftsWoche-Start-up-Tour

14 Chefbüro Walter Hühn, Vorstandschef des

Diamantenherstellers Element Six

Politik&Weltwirtschaft

16 Kriminalität Zoll und organisierte Banden

liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel. Es

geht um viele Milliarden Euro | Mit dem

Mindestlohn kommt eine neue Aufgabe auf

Deutschlands Zollbeamte zu

24 Interview: Thorsten Schäfer-Gümbel Der

SPD-Vize will mit einem Kurswechsel die

Chance seiner Partei steigern, den nächsten

Bundeskanzler zu stellen

26 Irak Der Westen hat die falschen Kräfte

unterstützt und erlebt nun ein Desaster

29 Alice Schwarzer Die Publizistin Bettina

Röhl über die Frage, ob sich die Frauenrechtlerin

beim Aufbau ihres Imperiums

korrekt verhalten hat

31 Gobal Briefing | Berlin Intern

Der Volkswirt

32 Kommentar | New Economics

33 Deutschland-Konjunktur

34 Serie Frühindikatoren (II) Wie entsteht

der GfK-Konsumklimaindex?

35 Weltwirtschaft In China brechen die

Immobilienpreise ein

36 Denkfabrik US-Ökonom Martin Feldstein

über die Gefahr einer Inflation in den USA

Titel Deutschlands beste Unis

Kriminalität

Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel

um Milliarden Euro. Deutschlands

Zollbeamte rüsten im

Kampf gegen organisierten

Betrug auf – und können doch

nie gewinnen. Seite 16

Studieren mit Jobgarantie: Ein exklusives

Ranking zeigt, von welchen Hochschulen

Personaler am liebsten rekrutieren. Vor

allem Kooperationen mit der Wirtschaft

sind bei ihnen gerne gesehen und bereiten

Studenten optimal auf den ersten

Job vor. Seite 68

Aufbruch ins Unbekannte

Nach anfänglicher Schockstarre und drei Jahren Energiewende

wagen sich E.On-Chef Johannes Teyssen und die

anderen deutschen Strombosse an neue Geschäfte. Seite 38

Unternehmen&Märkte

38 Stromkonzerne Die verzweifelte Suche der

Versorger nach neuen Geschäftsfeldern |

Düstere Bilanz der Energiewende

46 Interview: Jacques van den Broek Der

neue Randstad-Chef will sich gegen Einschränkungen

bei der Leiharbeit wehren

50 Spionageabwehr Europa droht der

Ausverkauf neuester Sicherheitstechnik für

das Internet an die USA

52 Resysta Ein Mittelständler hat einen

Tropenholz-Ersatz aus Reishülsen entwickelt

54 Samsung Der weltgrößte Handyhersteller

steht vor einem riskanten Führungswechsel

56 Dating-Portale Die Balz per Smartphone

wälzt das Geschäft der Partnerbörsen um

58 Alstom Die Entscheidung in der Übernahmeschlacht

um Frankreichs Industrie-Ikone

wird das Land spalten

TITELILLUSTRATION: SILKE WERZINGER

4 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 26, 23.6.2014

Ausverkauf am Mittelmeer

Wirtschaftliche und politische Instabilität ließen die Preise für

Ferienhäuser vielerorts abstürzen. Billiger als jetzt dürfte es in

Spanien, Griechenland und Italien nicht mehr werden. Seite 76

Technik&Wissen

60 Antibiotika Jahrzehntelang hat die

Pharmabranche den Kampf gegen Killerkeime

vernachlässigt. Jetzt zeichnet

sich eine Kehrtwende ab | Interview: Der

Biologe Martin Blaser über gefährliche

Nebenwirkungen von Antibiotika

65 Haustiere Elektronische Gadgets optimieren

das Leben des modernen Vierbeiners

– und werden zum Milliardengeschäft

67 Valley Talk

ILLUSTRATION: MARTIN HAAKE; FOTOS: CHRISTOPH BUSSE FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, LAIF/THOMAS RABSCH, SAVILLS; ILLUSTRATION: MARTIN HAAKE

Biologische Brechstangen

Lebensbedrohende Keime sind weltweit auf dem Vormarsch – auch

weil die Pharmabranche lange nur halbherzig nach neuen Antibiotika

gesucht hat. Jetzt zeichnet sich eine Kehrtwende ab. Seite 60

Leseabenteuer

Vom fiktiven Geschichtsbuch des

wahren Wilden Westens bis zum

Thriller, der Wohltätigkeit als

Millionengeschäft enttarnt:Die

Buchtipps für den Sommer locken

nach Amerika, Afrika und rund

um die ganze Welt. Seite 98

Management&Erfolg

68 Uni-Ranking Deutschlands Personalchefs

haben gewählt: Wer an diesen Hochschulen

studiert, hat beste Jobaussichten

Geld&Börse

76 Ferienimmobilien Die Preise sind unten.

Das ist ein guter Zeitpunkt für Käufe in

Griechenland, Spanien und Italien

84 Geldanlage Neue Anbieter versprechen

günstige Vermögensverwaltung übers Netz.

Was taugen die Offerten?

88 Bethmann Wie die Privatbanker einen

Kunden fragwürdig berieten und dann mit

einer Gebührenerhöhung vergraulten

90 Steuern und Recht Wohngebäudeversicherung

| Verspätete Flüge | Lebensversicherung

| Fahrradhelm | Rauchverbote

92 Geldwoche Kommentar: US-Risiken im

Dax | Trend der Woche: Goldbesitz | Dax-Aktien:

Lufthansa | Hitliste: Börsenbewertung |

Aktien: ExxonMobil, BIC | Anleihe: Österreich

| Zertifikat: Türkische Lira Short |

Investmentfonds: MainFirst Germany

Perspektiven&Debatte

98 Bücher Lesetipps für den Sommer

102 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 104 Leserforum,

105 Firmenindex | Impressum, 106 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diesmal mit Videos über die neuesten

Trends bei den Dating-

Apps und über die beste

Literatur für den Sommerurlaub.

Zudem gibt

es einen 360-Grad-Blick

ins Chefbüro der Woche.

wiwo.de/apps

n Schenken statt vererben Eine

Schenkung zu Lebzeiten macht den

Nachlass planbar und bietet Steuervorteile.

Wie das geht und wo Risiken

lauern unter wiwo.de/schenken

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wirtschaftswoche

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+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 5

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Seitenblick

IMMOBILIEN

Risiko Meerblick

Rund um den Globus drohen Luxusimmobilien ins

Wasser zu fallen. Die Gefahr wächst, da Wetterextreme

zunehmen und der Meeresspiegel steigt. Gute

Aussichten für Immobilienspekulanten.

Englische Grafschaft Yorkshire

Zwei Meter wandert die Küste

hier jährlich landeinwärts, ganze

Dörfer verschwinden so

170Millionen Euro haben Schleswig-

Holstein und der Bund bisher ausgegeben, um die Insel

Sylt vor dem langsamen Verschwinden zu retten. Fast 45

Millionen Kubikmeter Strand wurden dort seit den Siebzigerjahren

aufgeschüttet – damit ließe sich 15 Mal die

Münchner Allianz-Arena füllen. Es ist ein endloser

Kampf, treiben Stürme den Sand doch immer wieder ins

Meer. Weltweit erodieren immer mehr Küsten, wachsen

die Schäden. Dennoch wird näher und näher am Strand

gebaut. An der australischen Gold Coast drohen sogar

Hochhäuser ins Meer zu fallen.

FOTOS: CORBIS/ASHLEY COOPER, REFLEX MEDIA/PAUL HARRIS, NANTUCKET AERIAL/GEORGE RIETHOF, JOHN REID

10Millionen Dollar und mehr kosten die

Villen im Ostteil der amerikanischen Ferieninsel Nantucket,

einer Art US-Sylt. Wirtschaftsgrößen wie Google-

Verwaltungsratschef Eric Schmidt und die Familie von

Investor George Soros besitzen hier Häuser. Doch viele

Gebäude an der Steilküste sind gefährdet. Seit Jahren

kämpfen die Eigner gegen die Behörden, um einen Absturz

zu verhindern. Die aber verweigern Sandaufschüttungen

und Befestigungsanlagen, weil sie Auswirkungen

auf Fischgründe und andere Strände befürchten. Die

Ämter empfehlen einen „geregelten Rückzug“.

60000Lkw-Ladungen

Sand wollen Bürger des kalifornischen Küstenorts Malibu

aufschütten, um ihre Immobilien zu retten. Eigentümer

wie Pierce Brosnan, Steven Spielberg und Oracle-Chef

Larry Ellison brachten dafür 20 Millionen Dollar auf.

Doch an den Nachbarstränden in Los Angeles will niemand

Sand verkaufen. Zugleich heizt die Küstenerosion

die Immobilienspekulationen an: Fällt ein Haus ins

Wasser, macht es den Meerblick frei für dahinterliegende

Gebäude. Deren Wert steigt drastisch. thomas.stoelzel@wiwo.de

Broad Beach in Malibu

Vom einst breiten Strand

existiert nur noch

ein schmaler Streifen

6 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Bildunterschrift Hier fehlt noch die Bildunterschrift

Hier fehlt noch die Bildunterschrift

Hier fehlt noch die Bildunterschrift Hier

fehlt noch die Bildunterschrift

Nantucket, Massachusetts

Millionenteure Villen drohen

der weiteren Küstenerosion

zum Opfer zu fallen

Australische Gold Coast

Noch sind die Hochhäuser

bewohnt, die Regierung will an

der Küste Sand aufschütten

FOTO:

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 7

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Menschen der Wirtschaft

Luxemburg ein

Schnippchen geschlagen

Finanzminister Schäuble

INTERNET-HANDEL

Kollateralschäden

Mit einer Reform der Mehrwertsteuer will

die EU vor allem Apple, Amazon und Co.

treffen. Doch noch mehr leiden darunter

deutsche Unternehmen.

Als „Steuerdrückerei“ schmähen Kritiker die Praxis

amerikanischer Internet-Konzerne wie Apple oder

Amazon: Die US-Riesen rechnen die Umsätze, die

sie mit digitalen Gütern wie Apps, Musik, Filmen

und E-Books in der EU erzielen, über ihre Töchter in

Luxemburg ab – egal, ob die Produkte in Deutschland,

Frankreich oder Dänemark verkauft werden.

Denn im Großherzogtum fällt weniger Mehrwertsteuer

an als in jedem anderen EU-Land. Entsprechend

günstig können die Unternehmen ihre Produkte

EU-weit anbieten. Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble gehen so jedes Jahr Einnahmen

in dreistelliger Millionenhöhe verloren. Doch

am 1. Januar 2015 ist Schluss damit. Dann fällt die

Mehrwertsteuer nicht mehr am Sitz der Konzerntöchter

an, sondern am Wohnort des Kunden.

Nicht nur die US-Konzerne müssen sich umstellen.

Mehr noch trifft die Änderung deutsche Verlage,

Plattenfirmen, Spiele- und App-Entwickler, die

Produkte über die US-Plattformen vertreiben.

Steigt etwa der Steuersatz in Apples iTunes oder

Amazons Kindle Shop, bleibt weniger Nettoumsatz,

denn die Preise werden nicht entsprechend steigen.

Da Apple 70 Prozent des Nettoumsatzes an

App-Entwickler, Verlage und andere Inhalte-Lieferanten

ausschüttet, erhalten sie je verkauftem Gut

künftig weniger Geld. Amazon verfährt ähnlich.

„Das hat enorme Folgen auf die Spieleindustrie

und die Preismodelle“, klagt Maximilian Schenk vom

Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware.

Am schwersten trifft es die deutschen E-Book-Verlage,

die ihre Publikationen meist über Amazon

und Apple vertreiben. Galt für sie in Luxemburg ein

ermäßigter Steuersatz von drei Prozent, fallen in

Deutschland künftig 19 Prozent an. Schon wegen

der Buchpreisbindung darf die Branche die Preise

für E-Books nicht beliebig erhöhen. „Für die Verlage

und Plattformen wird der Kuchen so deutlich

kleiner“, sagt Christian Sprang, Justiziar beim Börsenverein

des Deutschen Buchhandels.

Zwar will die Bundesregierung erreichen, dass der

ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent nicht nur

für gedruckte Bücher und Zeitungen gilt, sondern

auch für die digitalen Ausgaben. Aber das muss Berlin

mit Brüssel abstimmen. „Wir hoffen, dass die negativen

Folgen den Druck auf die Politik erhöhen“,

sagt Christoph Fiedler, Geschäftsführer beim Verband

deutscher Zeitschriftenverleger

Zudem soll jedes EU-Land eine Behörde einrichten,

die die Abwicklung der Mehrwertsteuer bei

Digitalprodukten betreut. „Noch“, sagt Schenk vom

Softwareverband, „wissen wir nicht einmal, wo die

Behörde hierzulande sitzen wird.“

thomas.stoelzel@wiwo.de, oliver voß

Große Einbuße

Wasbeispielsweise beim

E-Book-Krimi „Der Hof“

nach Abzug der Mehrwertsteuer

bei den

Händlern verbleibt

EU-weiter Endpreis

16,99 €

bei Luxemburger MwSt.

16,50 €

bei deutscher MwSt.

14,28 €

Quelle:Ebner Stolz

8 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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COMMERZBANK

Kredit per Skype

Blick in die Kamera reicht

Commerzbank-Chef Blessing

Wer im Internet Konten eröffnet

oder Kredite beantragt, musste

sich bisher in einer Postfiliale

identifizieren lassen. Doch nun

hat das Bundesfinanzministerium

als Alternative zum

Postident-Verfahren auch eine

„Fernidentifizierung“ per

Videoübertragung zugelassen.

Dazu muss sich der Kunde

übers Internet mit einem Bankmitarbeiter

verbinden und seinen

Ausweis in die Kamera halten.

Commerzbank-Chef

Martin Blessing ist einer der

ersten, der einigen Kunden den

Gang zur Post erspart: Die

Commerz Finanz, ein Gemeinschaftsunternehmen

von Commerzbank

und BNP Paribas, hat

den Dienst für Ratenkredite

beim Händler Real eingeführt.

Weitere Partner sollen dazukommen.

Auch die Tochter

Comdirect prüft mehrere Optionen.

„Die Identifikation per

Web-Cam wird früher oder später

Standard“, heißt es.

Andere Banken wollen ebenfalls

die Technik nutzen. „Wir

prüfen derzeit verschiedene

Möglichkeiten“, teilt ING Diba

mit. Die DKB ist „aufgeschlossen,

die Methode in Zukunft

einzusetzen“. Als erster Anbieter

hatte die Süd-West-Kreditbank

das Verfahren vor zwei

Monaten gestartet. „Wir befinden

uns mit 50 Kunden in Verhandlungen

und Gesprächen

über die Anbindung“, sagt Thomas

Fürst, Geschäftsführer der

Firma WebID Solutions, die für

Unternehmen die Technik

bereitstellt. Bisher nutzen die

Finanzinstitute für die Videoübertragungen

Skype. Künftig

soll auch die Identifikation per

Smartphone möglich werden.

Felix Haas, Geschäftsführer des

Münchner Unternehmens

IDNow, sieht so Potenzial für

Finanz-Start-ups: „Die Technik

kann in Banking-Apps integriert

werden.“

oliver.voss@wiwo.de

Aufgeschnappt

Rothäute verboten Der amerikanische

Football-Club Washington

Redskins hat seine

Markenrechte verloren. Das US-

Patent- und Markenamt löschte

die Einträge der „Rothäute“,

da der Name amerikanische Ur-

einwohner verunglimpfe. Geklagt

hatten mehrere Indianer,

begonnen hatte der Streit schon

1992.

Stillen erlaubt Kaum etwas ist

im Netz so beliebt wie Babyfotos.

Um so mehr ärgerten sich

junge Mütter über Facebook.

Denn das soziale Netzwerk hatte

solche Bilder immer wieder

gelöscht. Fotos stillender Mütter

waren beim prüden US-Konzern

bisher unerwünscht. Nun sind

Babys und Brüste erlaubt. „Wir

sind der Meinung, dass Stillen

etwas Natürliches und Schönes

ist“, heißt es inzwischen in den

Facebook-Richtlinien.

BANKEN

Stresstest

erfreut Prüfer

Die Europäische Zentralbank

(EZB) beschert den Wirtschaftsprüfern

eine Sonderkonjunktur,

indem sie die großen Banken in

der EU einem Stresstest unterzieht.

Allein in der Commerzbank

beschäftigen sich jetzt

mehrere Hundert Mitarbeiter

damit, Daten bereitzustellen

und Fragen der Finanzaufsicht

zu beantworten. „Der Stresstest

und die vielen anderen Regulierungsthemen

sind ein richtiges

Konjunkturprogramm für Wirtschaftsprüfer,

Unternehmensberater

und Anwälte“, sagt

Commerzbank-Vorstand Frank

Annuscheit. Bereits die dem

Stresstest vorgelagerte Bilanzprüfung

beanspruche große

Kapazitäten.

Der Wirtschaftsprüfer KPMG

entsendet unter anderem 70 Experten

in die DZ Bank und weitere

45 in die Landesbank Hessen-Thüringen.

Die KfW Ipex

setzt ein internes Projektteam

mit 24 Experten ein, zusätzlich

kümmern sich je nach Bedarf

80 bis 90 weitere Mitarbeiter um

Prüfungsanfragen. KPMG-Konkurrent

Deloitte ist in der KfW

Ipex mit 40 Mitarbeitern aktiv.

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

FOTOS: LAIF/DOMINIK BUTZMANN, DDP/THOMAS LOHNES, AP PHOTO/NICK WASS

Googles Siegeszug

Weltweiter Marktanteil der Internet-Browser*

und wo welcher dominiert

60%

40%

20%

2009 10 11 12 13 14

*Desktop, Tablets und Konsolen; Quelle: StatCounter

47%

Chrome

(Google)

24%

Internet Explorer (Microsoft)

20%

Firefox (Mozilla)

5%

Safari (Apple)

Chrome

Firefox

Internet

Explorer

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 9

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Jo-Jo-Börse

Der Dax nimmt zu und zu.

Seit Wochen schon. Mit

zeitweise über 10 000 Punkten

hat er sich ganz schön

was angefuttert. Zeit für

eine Diät, sagen die einen.

Übergewichtige haben

die Tendenz zum Kollaps,

sagen die anderen. Aber

vorher wird am Buffet

noch mal so richtig zugeschlagen,

während die

Sparer mit Opis 0,25-Prozent-Festgeldkonto

am

Hungertuch nagen. Des

einen Freud, des anderen

Leid(zins). Doch früher

oder später kommt auch

dieser Magersuchtkandidat

ganz sicher wieder

auf die Beine. Dann ist

beim Dax Schmalhans

Küchenmeister, und die

Sparer können sich der

Völlerei hingeben. Aber

keine Angst:Nach jeder

Diät hatte der Dax hinterher

wieder mehr drauf als

vorher. Das nennt man

Jo-Jo-Effekt. Bei den

Weight Watchers und

an der Börse.

DER FLOSKELCHECKER

Hans Gerzlich, 47, Diplom-

Ökonom, ehemaliger Marketing-Referent

und heute

Wirtschaftskabarettist und

Bürocomedian.

INTERVIEW Gerd Becht

»Wir können bis zu einer

Vergabesperre gehen«

Im Kampf gegen Kartelle hat der Chefjurist der

Deutschen Bahn die Rechtsabteilung in einen

Ertragsbringer verwandelt. Neue Fälle stehen an.

Herr Becht, die Deutsche Bahn

ist Daueropfer von Kartellen,

Betrügereien und Lieferverzug.

Wie hoch ist der Schaden?

Unsere Rechtsstreitigkeiten haben

derzeit ein Volumen von

rund 2,6 Milliarden Euro – im

Vorjahr waren es noch 1,7 Milliarden

Euro. Es sind große Forderungen

hinzugekommen. 90

Prozent betreffen Ansprüche

gegen andere, wie aus Kartellen

oder Lieferproblemen. In zehn

Prozent der Fälle geht es um

Ansprüche, die gegen die Bahn

erhoben werden, etwa wegen

Werklohnforderungen bei

Bauaufträgen oder im Zusammenhang

mit Trassen- und

Stationsentgelten. Grundsätzlich

versuche ich, Streitigkeiten

auf dem Verhandlungswege

beizulegen.

Beim Schienenkartell ist das

nicht gelungen. Haben ThyssenKrupp,

Voestalpine, Vossloh

und Moravia die rund 500 Millionen

Euro schon gezahlt?

Mit Voestalpine und Thyssen-

Krupp konnten wir Schadensersatzzahlungen

vereinbaren. Bei

den beiden anderen Unternehmen

sind wir noch nicht so

weit. Zwar kommen wir mit einem

langsam ins Gespräch. Das

andere hingegen mauert.

Kommen solche Unternehmen

als Lieferanten noch infrage?

Wenn Lieferanten nachweisen

können, dass sie ihre Vergangenheit

aufgearbeitet haben

und bereit sind, Schadensersatz

zu zahlen, ist eine Zusammenarbeit

auch zukünftig denkbar.

Andernfalls greifen wir konsequent

durch und können bis zu

einer Vergabesperre gehen. So

wurde etwa Moravia von einer

Vergabe ausgeschlossen.

Sie können kaum auf alle Lieferanten

verzichten.

Richtig. Wir bewegen uns oft in

engen Märkten mit wenigen

Anbietern. Daher müssen wir

versuchen, mit den Unternehmen,

die uns geschädigt haben,

wieder ins Reine zu kommen.

DER KARTELLSCHRECK

Becht, 62, ist seit 2009 Vorstand

für Recht und Compliance bei

der Deutschen Bahn. Zuvor

arbeitete der Jurist für Daimler

und General Motors. Er ist in

Deutschland und den USA als

Anwalt zugelassen.

Unsere Philosophie lautet: leben

und leben lassen. Ich sehe

mich als Konfliktmanager. Eine

Klage ist das letzte Mittel.

Funktioniert die Strategie?

Teils, teils. Aktuell fordern wir

zum Beispiel von Visa und

Mastercard einen dreistelligen

Millionenbetrag zurück. Die

Kreditkartenfirmen haben

jahrelang zu hohe Gebühren

von uns kassiert. Die EU-Kommission

verdonnerte sie zu

Bußgeldern. Eines dieser Unternehmen

verzichtet auf die

Verjährung unserer Ansprüche,

das andere nicht. Deswegen

klagen wir nun in London. Diskutieren

aber noch keinen Abbruch

der Geschäftsbeziehung.

Hilft Ihnen das Kartellamt?

Unternehmen, die ein Kartell

als Kronzeuge zu Fall bringen,

gehen straffrei aus. Vorher haben

sie beim Kartellamt alle

Details auf den Tisch gelegt.

Die Behörde kann Übeltäter

benennen und Bußgelder verhängen.

Zur Zahlung von Schadensersatz

an die geschädigten

Unternehmen kann die Behörde

die Kartellanten jedoch nicht

verpflichten. Es wäre zu begrüßen,

wenn der Gesetzgeber uns

ein Recht auf Herausgabe der

Informationen einräumen würde,

die wir zur Durchsetzung

unserer Ansprüche benötigen.

Was nicht die Bereitschaft der

Sünder steigern dürfte, als

Kronzeuge auszusagen.

Wir sehen in anderen Ländern,

dass Kartellbeteiligte, obwohl

sie den Kartellopfern Akteneinsicht

geben, nach wie vor die

Kronzeugenregelungen in Anspruch

nehmen.

Lohnt sich die Aufarbeitung der

Kartelle für die Bahn?

Die Einnahmen sind aktuell höher

als die Kosten für die Anwälte

und Wettbewerbsökonomen.

Die Rechtsabteilung ist

dadurch auf die Ertragsseite des

Konzerns gelangt. Neuerdings

kommen auch andere Unternehmen

auf uns zu und wollen

wissen, wie sie am besten gegen

Kartelle vorgehen sollen.

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

FOTOS: DEUTSCHE BAHN AG/MAX LAUTENSCHLÄGER, YOUR PHOTO TODAY, DPA/PICTURE-ALLIANCE/CHRISTOPH SCHMIDT; ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

10 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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WESTIMMO

Interessenten

gefunden

Die frühere WestLB-Tochter

Westimmo weckt Begehrlichkeiten.

Knapp ein Dutzend

Finanzinvestoren und Banken

haben Interesse an der Immobilienbank

angemeldet, heißt

es in ihrem Umfeld. Sie erhalten

Zugang zu einem Datenraum

und können bis zum Spätsommer

konkrete Angebote abgeben.

Ende des Jahres soll der

Verkauf durch sein. Die von

Claus-Jürgen Cohausz

geführte Westimmo hatte Ende

März eine Bilanzsumme von

12,7 Milliarden Euro, knapp

acht Milliarden Euro davon gewerbliche

Immobilienkredite

vor allem in Europa.

2012 hatte die WestLB ihre

Immobilientochter in die Abwicklungsanstalt

EAA übertragen

und das Neugeschäft eingestellt.

Zuvor war der Verkauf

an den Finanzinvestor Apollo

gescheitert. Mittlerweile ist die

Nachfrage nach Immobilienfinanzierungen

gestiegen, die

EAA hat den Verkauf im April

neu gestartet. Neben der Westimmo

dürfte mit der deutlich

größeren Hypo-Real-Estate-

Tochter Deutsche Pfandbriefbank

bald ein weiteres Institut

an den Markt kommen.

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

STAR ALLIANCE

Partnersuche

in Brasilien

Der Verlust ihres brasilianischen

Partners TAM trifft die

Star Alliance stärker als erwartet.

„Wir werden da wohl zwei

Partner brauchen“, sagt Mark

Schwab, Chef des Airline-

Bündnisses, zu dem auch die

Lufthansa gehört. TAM wurde

von der chilenischen Gesellschaft

LAN übernommen und

TOP-TERMINE VOM 23.06. BIS 29.06.

23.06. Arbeitsmarkt In Saarbrücken beginnt am Montag

der dreitägige Europatriates Kongress, der unter

der Schirmherrschaft des EU-Kommissionspräsidenten

José Manuel Barroso steht. Experten suchen

nach Konzepten gegen die Jugendarbeitslosigkeit

in der EU. Am Mittwoch stellt der frühere

VW-Manager und Namensgeber der Grundsicherung

Hartz IV, Peter Hartz, sein Sechs-Punkte-Programm

gegen die Jugendarbeitslosigkeit vor. Am

Donnerstag prognostiziert das Institut für Arbeitsmarkt-

und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur

für Arbeit, wie sich der deutsche Arbeitsmarkt

in den nächsten drei Monaten entwickelt.

25.06. Konsumklima Die Gesellschaft für Konsumforschung

veröffentlicht am Mittwoch

ihren Index zum Konsumklima. Im Mai

stagnierte er bei 8,5 Punkten, was aber

der höchste Wert seit sechs Jahren ist.

Konjunktur Das amerikanische Handelsministerium

berichtet, wie sich

die Konjunktur im ersten Quartal entwickelte.

In einer ersten Schätzung

hatte das Ministerium ein Plus von

2,5 Prozent genannt.

26.06. EU-Gipfel Im flämischen Ypern gedenken die

Staats- und Regierungschefs der EU am Donnerstag

des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Abends

beginnt in Brüssel der zweitägige EU-Gipfel.

27.06. Staatshaushalt Der Bundestag verabschiedet am

Freitag den Etat für 2014 und berät die Reform

des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG).

28.06. Piratenpartei Auf dem am Samstag beginnenden

Bundesparteitag in Halle wählt die Piratenpartei

einen neuen Vorstand.

wechselte zum Star-Alliance-

Konkurrenten Oneworld, dem

Verbund um British Airways

und Air Berlin.

Das Lufthansa-Bündnis wollte

deshalb einen Ableger seines

kolumbianischen Partners Avianca

als Repräsentanten in Brasilien

gewinnen, Südamerikas

größtem Flugmarkt. Aber die

Linie fliegt zu selten São Paulo

an, Finanzmetropole und Drehkreuz

der Region. Darum umwirbt

die Allianz nun den Premium-Billigflieger

Azul, der

dort stark ist und ein weiteres

Drehkreuz am weniger überlaufenen

Flughafen Campinas unterhält.

Dort kann Lufthansa-Chef

Carsten Spohr einen alten Bekannten

treffen: David Neelemann.

Der Chef und Mitinhaber

von Azul hatte zuvor die

US-Linie Jetblue gegründet, an

der Lufthansa knapp 16 Prozent

hält. Neelemann bereitet Azul

schon auf eine größere Rolle

vor. Die Airline schloss einen

Leasingvertrag über acht Airbus-Langstreckenmaschinen.

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

DREI FRAGEN...

...zum Gasstreit mit

Russland

Günther

Oettinger

60, EU-

Kommissar

für Energie

n Wie groß ist die Chance,

dass Russland und die

Ukraine den Gasstreit doch

noch im Sommer beilegen?

Es liegt im Interesse aller beteiligten

Parteien, also Russlands,

der Ukraine und der

EU, zumindest eine Interimslösung

zu finden, damit die

Gaslieferungen im kommenden

Winter gesichert sind.

Ich werde in Kürze mit beiden

Seiten ausloten, ob wir die

Verhandlungen wieder aufnehmen.

n Wird Russland von politischen

Motiven getrieben?

Der Gasmarkt ist immer nahe

an der Politik. Wenn im aktuellen

Streit beide Seiten einer

rein wirtschaftlichen Logik

folgten, dann wäre längst ein

Kompromiss gefunden worden.

Russland muss sich bewusst

sein, dass das Vertrauen

in stabile Gaslieferungen

gerade sinkt. Das ist nicht in

seinem Interesse.

n Ist Westeuropas Gasversorgung

im kommenden

Winter gefährdet?

Wir müssen Vorsorge treffen,

damit das nicht passiert. Wir

müssen sicherstellen, dass die

Gasspeicher ausreichend gefüllt

werden. Und wir müssen

eruieren, ob andere Gaslieferanten

mehr liefern könnten

als bisher. Zudem müssen wir

untersuchen, wo zum Heizen

oder zur Stromproduktion Gas

durch Kohle oder Biomasse

ersetzt werden kann. Ich habe

bereits Ende Mai eine Strategie

zur Erhöhung der Energiesicherheit

vorgelegt.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 11

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Menschen der Wirtschaft | Start-up-Tour

2

1

3

4

5

6

(1) Roland Tichy, Chefredakteur der

WirtschaftsWoche, begrüßt die Teilnehmer;

(2) Die Microsoft-Repräsentanz Berlin;

(3) Marius Sewing (links) schildert das

Konzept von Microsoft Ventures; (4) Teilnehmer

immer online; (5) Spiele-Helden aus

Pappe bei Wooga; (6) Fab-Lab-Berlin-Gründer

Murat Vurucu; (7) Start-up-Star ganz nah:

Zalando-Gründer Robert Gentz (links);

(8) Plista-Geschäftsführerin Jana Kusick

erklärt innovative Werbekonzepte; (9) zu

Besuch beim Inkubator Rocket Internet.

8

7

9

Mitte(n) rein

Einen Tag durch die Start-up-

Szene in Berlin-Mitte: Die WirtschaftsWoche

nahm ihre Leser

mit auf eine innovative Tour.

Wo lernt man sonst so viele Frauen und

Männer kennen, die einem die Zukunft

zeigen – mitten in der Gegenwart? Zalando-

Gründer Robert Gentz erzählte, wie aus einer

fixen Idee in einer kleinen Wohnung ein

Milliardenbusiness wurde. Unternehmen

wie SponsorPay oder Plista revolutionieren,

wie wir im Netz bezahlen oder Werbung

sehen. Wooga ist das Nintendo der Generation

iPhone. Und im Fab Lab arbeitet Murat

Vurucu daran, dass wir all unsere Wünsche

künftig selbst erfüllen: per 3-D-Drucker.

Fortsetzung folgt...

anmeldung@vhb.de

FOTOS: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

12 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Walter Hühn

Vorstandschef des Diamantenherstellers Element Six

Natürlich kennt er den Song

„Diamonds are a Girl’s best

friend“, den Marilyn Monroe in

dem Film „Blondinen bevorzugt“

sang. „Diamanten sind,

wenn man es so will, auch meine

besten Freunde“, scherzt

Walter Hühn, 52, über sein

hochkarätiges Geschäft. Seit

März 2013 ist er Vorstandsvorsitzender

von Element Six,

dem weltweit führenden Hersteller

synthetischer Diamanten.

Gleichzeitig sitzt er im

Vorstand von De Beers, dem

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

größten Diamantenproduzenten

und -händler der Welt. Die

südafrikanische De-Beers-

Gruppe ist neben dem belgischen

Technologiekonzern

Umicore Gesellschafterin von

Element Six. 500 Millionen

Euro setzte

das Unternehmen im

vergangenen Jahr mit

synthetischen Diamanten

und Materialien

um. Es beliefert

Branchen wie die Ölindustrie,

die Bohrköpfe

mit solchen Diamanten

besetzt. Auch Gas-, Automobilund

Luftfahrtunternehmen

zählen zu den Kunden. In seinem

Frankfurter Büro ist Hühn

meist nur auf Stippvisite. Oft

pendelt er zwischen seinen

Büros in London, Kalifornien

und Südafrika oder inspiziert

die Produktionsstätten in China

und Schweden. „Wir sind

global präsent“, sagt

der Wirtschaftsingenieur.

„Als gebürtiger

Frankfurter fühle ich

mich aber natürlich

hier wie zu Hause.“

Ein riesiger Monitor

dominiert die Besprechungsecke

in

seinem Frankfurter Arbeitszimmer.

Für Gespräche unter

vier Augen dient sein „Think

Tank“, ein kleiner, durch orange-gelbe

Stellwände abgetrennter

Raum. Und Diamanten?

Sie verbergen sich

unscheinbar in einem Bohrkopf

auf dem Sideboard, in den

High-End-Lautsprechern und

in der 500 000 Dollar teuren

Optik eines CO 2 -Lasers auf seinem

Schreibtisch. „Diamanten

sind auch ein Symbol für Wahrheit“,

sinniert Hühn, „wie meine

Kristallkugel.“ Eine Wahrsagerin

hat sie ihm gegeben. Die

Kristallkugel ist sein Glücksbringer.

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

14 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Schäubles

Abfangjäger

KRIMINALITÄT | Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel um Milliarden

Euro. Deutschlands Zollbeamte rüsten im Kampf gegen

organisierten Betrug auf – und können doch nie gewinnen.

Um22 Uhr landen die ersten

Maschinen. 56 Airbusse und

Boeings steuern in dieser

Nacht den Leipziger Flughafen

an. Lastkarren schaffen

die rund 2000 Tonnen Fracht ins 413 Meter

lange, 97 Meter breite und 16 Meter hohe

Verteilzentrum, auf kilometerlangen Laufbändern

rattern Pakete und Briefsäcke zu

den nächsten Transportcontainern. Im

DHL-Luftfrachtkreuz geht alles express,

damit die ersten Flugzeuge schon um ein

Uhr in der Früh wieder abheben können –

nach Amsterdam, Brüssel oder Mailand

genauso wie nach Cincinnati, Hongkong

oder Sharjah.

Doch in der Zeit dazwischen muss alles

noch durch den Zoll. Der residiert in einem

kleinen Gebäude am Rande des Leipziger

Flughafens. Zwei Dutzend Beamte blicken

dort auf ihre Monitore. Jede Sendung erscheint

in grüner Schrift, und zwar sobald

sie an einem DHL-Schalter in Istanbul

oder Shanghai aufgegeben wird – also

lange bevor sie Leipzig ankommt. So

gewinnen die Zöllner die Zeit, die sie

brauchen, um Frachtpapiere zu prüfen

und verdächtige Sendungen gegebenenfalls

abzufangen.

Auf einem Bildschirm taucht die Lieferung

von Elektroschaltern aus China auf,

34 Kilogramm für 283 Euro. Der Zöllner

stutzt. Viel zu billig, vermutet er und fordert

einen Zahlungsnachweis. Sofort benachrichtigt

DHL den Empfänger. Kurz darauf

erscheinen 2818 Euro auf dem Monitor, der

Wert der Ware hat sich mal eben verzehnfacht.

Ein typischer Fall von versuchter Unterfakturierung,

um Zoll und Einfuhrumsatzsteuer

zu sparen. Statt 67,22 Euro muss

der Empfänger nun 626,43 Euro zahlen,

freut sich der Leipziger Zolldienststellenleiter

Hans-Peter Rabenau.

Das Geld wandert in die Kasse von Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble. 48,5

Milliarden Euro Einfuhrumsatzsteuer kassierten

seine 39 000 Zollbeamten im vergangenen

Jahr, außerdem 4,2 Milliarden

Euro Einfuhrzoll. Daneben achten sie darauf,

dass die Importeure von Tabakwaren,

Kaffee oder Benzin auch die fälligen Verbrauchsteuern

entrichten; 66 Milliarden

Euro kamen dabei 2013 bundesweit zusammen.

Da ist die Versuchung groß, dem Fiskus

ein Schnippchen zu schlagen. Von einzelnen

schwarzen Schafen kann bei den Kontrollen

nicht die Rede sein. „Es gibt Nächte,

da ist jede zehnte Lieferung, die bei uns ankommt,

unterfakturiert“, schätzt Rabenau.

Bei den Sendungen aus China sind es nach

seinen Angaben sogar rund 90 Prozent.

DAS NETZ WEIT SPANNEN

Importeure verschleiern den wahren Warenwert,

chinesische Hersteller fälschen

die Herkunft, um Antidumpingzölle zu

umgehen, Touristen schleusen türkischen

Goldschmuck ein, Spediteure schmuggeln

ukrainische Zigaretten. An den Grenzen

und Kontrollstellen findet Tag und Nacht

ein Katz-und-Maus-Spiel statt – mit organisierten

Kriminellen, halbseidenen Händlern

und Gelegenheitsgaunern. Schäubles

Abfangjäger üben sich in der Kunst, ihr

Netz zwar eng genug zu knüpfen und weit

aufzuspannen, damit Täter und Taten hängen

bleiben. Doch gleichzeitig soll der unendliche

Fluss von Warenlieferungen in

die Handels- und Industrienation

»

FOTO: CHRISTOPH BUSSE FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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39 000 Personen

arbeiten beim Zoll, davon 26 000 bei den 43

Hauptzollämtern und 3500 beim Zollkriminalamt

100 Millionen

Zollabfertigungen werden jährlich abgewickelt.

Der Wert der Einfuhren aus Nicht-EU-Staaten

belief sich zuletzt auf 317 Milliarden Euro

52,7 Milliarden Euro

Einfuhrumsatzsteuer und Zölle haben

Schäubles Beamte 2013 an den Grenzen kassiert

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Politik&Weltwirtschaft

»

Deutschland nicht zum Erliegen

kommen.

„Wenn DHL auch nur die verdächtige

Ware zum Zoll bringen

müsste“, sagt Rabenau, „dann gäbe

es keinen Expressdienst

mehr.“ Also leisten seine Zöllner

am Leipziger Flughafen „einen

inhouse custom service – direkt

im DHL-Gebäude“, preist der Beamte

die Kooperation zwischen

Zoll und Wirtschaft. Was zu funktionieren

scheint. Im Weltbank-

Ranking der effizientesten Zollbehörden

kommt Deutschland

auf Platz zwei, hinter Norwegen

und vor Singapur (siehe Tabelle

Seite 20). Von einem „großen

Standortvorteil“, spricht Schäubles

Parlamentarischer Finanzstaatssekretär

Michael Meister.

Dabei geht es nicht nur um

Steuern und Zollabgaben. Drogen,

Waffen und spaltbares Material

stehen genauso auf der

Fahndungsliste des Zolls wie Produktfälschungen

oder illegale

Medikamente. In einer abgesperrten

Ecke des Leipziger Verteilzentrums

stehen Kisten mit

Prada-Plagiat-Täschchen, aus einer anderen

quellen Turnschuhe mit imitiertem Nike-Emblem,

daneben stapeln sich CD-

ROMs mit raubkopierter Microsoft-Software.

„Das sind die aktuellen Hits der Fälscher“,

sagt Rabenau.

Am DHL-Drehkreuz Leipzig war es auch,

wo Kokain in Kondomen auffiel, das im

Transit aus Südamerika in Richtung Vatikan

unterwegs war. Die Zöllner ließen den

Stoff kontrolliert weitertransportieren;

man wollte die Abnehmer ermitteln. Doch

im Vatikan wurde die postlagernde Ware

nicht mehr abgeholt, hieß es später in den

Medien. Dafür musste aber ein verdächtiger

Schweizergardist den Dienst still und

leise quittieren.

376 200 Euro

Einfuhrumsatzsteuer spart die Mafia pro

Container, wenn sie den Wert von Textilien

mit 20 000 Euro statt 2 Millionen Euro angibt

Auf dem Monitor im Leipziger Zollkontrollraum

ploppt eine weitere verdächtige

Lieferung auf. 21 Kilo Rollos für 96 Euro inklusive

Versandkosten – ungewöhnlich billig.

Versender ist eine Privatperson mit Vorsteuerabzug

– ebenfalls merkwürdig. Der

Zoll nimmt die Anmeldung so nicht an.

DHL muss einmal mehr mit dem Empfänger

Kontakt aufnehmen. Offenbar handelt

es sich um einen weiteren Fall von Unterfakturierung.

Strafen sind hier nicht zu befürchten.

Oft ist der Absender nicht auffindbar

und die Absicht einer vorsätzlichen

Steuerhinterziehung schwer nachweisbar.

Der Kampf gegen die millionenfachen

Klein-Klein-Delikte im Frachtverkehr erinnert

an das Steinerollen von Sisyphos.

Deutschlands Zollbeamte haben im vergangenen Jahr:

1052

Kilogramm Kokain

sichergestellt

147

Millionen Zigaretten

konfisziert

360840

Schuh-Plagiate

beschlagnahmt

Unterdessen rüstet der Zoll

insbesondere gegen gewerbsmäßige

Hinterzieher kräftig auf. Alle

Einfuhranmeldungen laufen

über das elektronische Zollsystem

Atlas. Verdächtige Lieferungen

merkt sich das System. Eingeloggt

ist Zora. So heißt die Zentralstelle

Risikoanalyse, die in

Münster sitzt. 48 Spezialisten

durchsuchen hier Atlas nach kriminellen

Lieferungen. Eine Art

elektronische Rasterfahndung.

STARKER ZUWACHS

Marko Stolle, der beim Zollkriminalamt

das System weiterentwickelt,

spricht lieber von „Risikomanagement“.

Das klingt besser

als der Begriff aus der Zeit der

Terroristenfahndung. Überdies

eröffnet das digitale Zeitalter

auch für den Zoll bisher ungeahnte

Möglichkeiten, Daten aus

den unterschiedlichsten Quellen

zu sammeln und gezielt auszuwerten.

Als besonders hilfreich erweist

sich die von Schäuble vorangetriebene

und 2012 verabschiedete

Geldwäschenovelle. Seit Finanzinstitute

verschärft verdächtige Kontobewegungen

melden müssen, ist es „zu einem starken

Zuwachs der Verdachtsmeldungen“ gekommen,

heißt es beim Zollkriminalamt.

Die Zahl der Mitteilungen wegen möglicher

Geldwäsche ist 2013 gegenüber dem

Vorjahr um 13 Prozent auf 3810 gestiegen.

Dabei wurden in 3242 Fällen Strafverfahren

wegen des Verdachts der Geldwäsche

eingeleitet, womit die Zahl von 2012 sogar

um 24 Prozent übertroffen wurde. Auf diese

Weise lassen sich oft Straftaten aufdecken,

die der Geldwäsche vorausgehen.

Das betrifft nicht allein Terrorismus und

Drogenhandel – worauf die Verschärfung

der Geldwäschegesetze in erster Linie

774520

Spiele und Konsolen

eingezogen

»

FOTOS: LAIF/CHRISTIAN O.BRUCH, DAPD/DDP IMAGES/MARTIN OESER; ILLUSTRATIONEN: KRISTINA DÜLLMANN

18 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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SCHWARZARBEIT

Kontrolle ist teuer

Ab Januar bekommt der Zoll noch mehr Arbeit: Die Fahnder sollen

dafür sorgen, dass beim gesetzlichen Mindestlohn nicht betrogen wird.

Der Saal war voll und festlich erleuchtet,

die Reden entsprechend feierlich. Anfang

Juni hatte Wolfgang Schäuble in sein Ministerium

geladen, um ein Jubiläum zu

würdigen – kein gewöhnliches, sondern

eines, das Finanzminister von Amts wegen

ganz besonders freut: zehn Jahre Finanzkontrolle

Schwarzarbeit (FKS). Eben

diese Schwarzarbeit, mahnte Schäuble

die Anwesenden, schade der ganzen Gesellschaft.

Man war sich einig an diesem

Tag: Die Anständigen dürften nicht die

Rechnung der Unanständigen

bezahlen. Und natürlich weiß

niemand besser als Schäuble,

welcher Anständige ganz besonders

unter unentdecktem

Betrug leidet: sein Bundeshaushalt

und mit diesem er selbst.

KRATZEN AM EISBERG

Der Minister hatte deshalb viel

Lob in Form von Zahlen vorbereitet.

Seit Vorvorgänger Hans

Eichel die FKS 2004 ins Leben

rief, haben die Sonderkontrolleure

des Zolls Schäden von

rund 6,3 Milliarden Euro aufgedeckt.

Allein im vergangenen

Jahr waren es 777 Millionen Euro.

Weiter so, war Schäubles

Botschaft. Angesichts des riesigen

Umfangs der deutschen Schattenwirtschaft,

die Experten des Tübinger Instituts

für Angewandte Wirtschaftsforschung

auf rund 340 Milliarden Euro

pro Jahr schätzen, kratzen die Zollfahnder

allerdings bisher nur an der Spitze

des Eisbergs.

Mit Blick auf den 1. Januar 2015 ist die

Stimmung innerhalb der FKS deshalb

durchwachsen bis gespannt. Bisher

schon sind die rund 6500 Kontrolleure –

unter anderem – für das Aufspüren illegaler

Arbeiter und die Einhaltung der mehr

als ein Dutzend Branchenmindestlöhne

zuständig. Im nächsten Jahr kommt noch

eine wichtige Aufgabe hinzu: Sie sollen

dann zusätzlich dafür sorgen, dass der

neue gesetzliche Mindestlohn nicht unterlaufen

wird. Nicht nur Bauunternehmer

oder Gebäudereiniger, sondern verstärkt

auch Hoteliers, Kneipenwirte, Reinigungen

oder Callcenter werden dann unerwarteten

Besuch der FKS bekommen müssen. Die

FKS wird wichtiger – aber auch die Belastung

steigt immens.

Seit Monaten drängt das SPD-geführte

Bundesarbeitsministerium deshalb darauf,

den zuständigen Zöllnern mehr Geld und

Personal zukommen zu lassen – ein Mindestlohn

ohne adäquate Kontrolle sei

Betrug am Bau Zollkontrolleure überprüfen Arbeitserlaubnis,

Papiere und Lohn – nicht selten werden sie fündig

nichts wert, so die Warnung und Mahnung

an das zuständige Finanzressort. Unter die

Branchenmindestlöhne fallen heute schon

rund vier Millionen Arbeitnehmer, mit der

gesetzlichen Lohngrenze von 8,50 Euro

werden es noch einige Millionen Niedriglöhner

mehr werden, deren Arbeitgeber in den

Fokus des Zolls geraten. Der schwarz-rote

Mindestlohn schafft zumindest dort eine

Menge neue Arbeit.

Den Kritikern ist diese Aussicht schon

jetzt ein doppeltes Ärgernis: Dass der Staat

überhaupt staatliche Lohnregeln setzt, finden

sie schon fraglich genug. Dass er nun

als Konsequenz auch noch die eigene Verwaltung

aufstocken muss, um seinen eigenen

Eingriff überhaupt kontrollieren zu können,

erst recht.

Es sei unstrittig, dass den zusätzlichen

Aufgaben zusätzliche Beamte folgen

müssten, heißt es gleichwohl aus Schäubles

Ressort. Nur wie viele genau es werden,

darauf könne man sich noch nicht

festlegen. In der Tat wollen auch die Bundestags-Haushälter

erst die Details des

Mindestlohn-Gesetzes abwarten, bevor

sie den Etat 2015 samt der Personalplanung

endgültig abnicken. Bleibt das Gesetz

allerdings ohne gravierende Änderungen,

die noch mehr Kontrollbedarf

nach sich ziehen würden, kursiert bereits

eine wahrscheinliche Zielmarke von 1600

neuen Fahndern.

WARNUNG AN DIE KOALITION

Der Beamtenvertretung selbst wäre eine

solche personelle Aufstockung allerdings

immer noch deutlich zu gering. „Wir halten

2000 neue Kollegen für das

Mindeste“, sagt der Vorsitzende

der Deutschen Zoll- und Finanzgewerkschaft,

Dieter Dewes. Er

schaut mit Sorge auf die anstehenden

Schlussverhandlungen

im Parlament, das den Mindestlohn

am 4. Juli beschließen soll:

Bleibt es bei den bestehenden

Ausnahmen für Praktikanten,

Langzeitarbeitslose und Jugendliche?

Kommen sogar noch

weitere hinzu? Bleiben Stücklöhne

erlaubt? All das erschwert

die zukünftige Arbeit der FKS.

„Je mehr Sonderregeln es geben

wird, desto aufwendiger

und komplizierter wird die Kontrolle“,

warnt Dewes die Koalitionäre.

„Schon heute sind wir

mit einer Vielzahl undurchsichtiger Abrechnungssysteme

konfrontiert. Wenn

der Bundestag nicht für die nötige gesetzliche

Transparenz sorgt, kann der Mindestlohn

leicht umgangen werden.“

Als wäre die neue Mindestlohn-Aufgabe

nicht schon Herausforderung genug, soll

die FKS nach dem Willen des Finanzministers

ohnehin einen Strategieschwenk

vollziehen. Die Sondertruppe möge sich in

Zukunft weniger auf massenweise Kleinfälle

stürzen, sondern auf die organisierte

Kriminalität. Erst wenige Tage vor dem Jubiläumsfest

hatte die FKS bei einer groß

angelegten Razzia in Berlin und München

ein international operierendes Schwarzarbeiter-Netzwerk

gesprengt.

n

max.haerder@wiwo.de | Berlin

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 19

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Politik&Weltwirtschaft

»

zielte –, sondern jede Form der

organisierten Kriminalität.

Ins elektronische Netz ging etwa

die sogenannte Chinazelle, eine

polnisch-vietnamesische Tätergruppe,

die Textilien aus dem

Reich der Mitte weit unter Wert

importierte und damit 32 Millionen

Euro Einfuhrumsatzsteuer,

17 Millionen Euro Zölle und

565 000 Euro Antidumpingzölle

hinterzog. Zwei Jahre lang wickelte

die Bande mehr als 2000

Lieferungen ab. Die Container

kamen per Schiff in Hamburg an,

konnten aber – der EU-Binnenmarkt

macht es möglich – anderswo

verzollt werden.

Zunächst meldete die Bande

die Textilien über ihre Speditionsfirma

P+M China beim Zollamt Celle

an. Als die Beamten dort Verdacht wegen

der niedrigen Einfuhrpreise schöpften,

schleuste die Chinazelle – so der spätere

Codename der Ermittler für die Bande –

die Container über die Zollämter Velten,

Neuruppin und Marzahn. Als den Zöllnern

hier ebenfalls Zweifel kamen, benannte die

Bande ihre Transportfirma kurzerhand in

MP China Import um und lenkte die Ware

über das Zollamt Wuppertal. Auch der (fiktive)

Lieferant aus Ho-Chi-Minh-Stadt erhielt

einen neuen Namen, um die Zollfahnder

abzuschütteln. Mit ständig wechselnden

Abnehmeradressen versuchten

die Gauner zusätzliche Haken zu schlagen.

54 750 Euro

pro Lkw spart die Mafia, wenn sie die Kaffeesteuer

nicht entrichtet und die Röstbohnen

über Broker in den Markt schleust

ZU VIEL IN CASH ABGEWICKELT

Richtig ins Rollen kamen die Ermittlungen,

als eine Verdachtsanzeige wegen Geldwäsche

eintrudelte. Die Speditionsfirma

hatte Rechnungen nicht per Überweisungen

beglichen und stattdessen in Cash abgewickelt.

Der Hausbank fiel der mickrige

Zahlungsverkehr auf. Auf deren Geldwäscheverdachtsmeldung

hin übernahm das

Zollfahndungsamt Hannover den Fall, filzte

die Geschäftsunterlagen und überwachte

die Gruppe. Der deutsche Zollverbindungsbeamte

in Peking konnte schließlich

über seine Kontakte ermitteln, dass die

Textilien in Wirklichkeit aus China stammten;

wegen der Antidumpingzölle auf chinesische

Produkte wurde die Ware einfach

vietnamisiert. Am Ende des Katz-und-

Maus-Spiels verurteilte das Landgericht

Stade die beiden Haupttäter zu vier und

drei Jahren Haft.

Der Fall Chinazelle zeigt den immensen

Aufwand auf beiden Seiten. Für die Ermittler,

um die Bande hieb- und stichfest zu

überführen; für die Täter mit ihrem eigenen

Risiko- und Krisenmanagement, um

unverzüglich auf Verfolger zu reagieren,

verräterische Spuren zu verwischen und

verbleibende staatliche Schwachstellen

konsequent auszunutzen.

Es ist ein Wettrüsten. Mit Paris (Pre Arrival

Risk Analysis) peppt Schäubles Truppe

seit Neuestem ihre IT-gestützte Risikoanalyse

auf. Paris analysiert die Daten aller

Sendungen – zusätzlich zum risikoprofilbasierten

Ansatz – auch nach unbekannten

Risiken. In Weiden in der Oberpfalz scannen

85 Beamte 2,5 Million Lieferungen

Deutschland ganz oben

Weltbank-Ranking der Leistungsfähigkeit

von 160 nationalen Zollbehörden

(Auswahl)

1

2

3

4

5 ...

14

16

18

38 ...

156

157

158

159

160

Norwegen

Deutschland

Singapur

Niederlande

Großbritannien

Japan

USA

Frankreich

China

Kamerun

Usbekistan

Demokratische Republik Kongo

Jemen

Republik Kongo

Quelle: Weltbank-Studie Connecting to Compete 2014

monatlich auch auf sicherheitsrelevante

Verdachtsmomente.

Auslöser hierfür waren die Jemen-Pakete.

Absender aus dem

arabischen Land schickten als

Geschenke deklarierte Paketbomben

via Köln/Bonn nach

London-Heathrow. Am Adenauer-Flughafen

wollten die Zöllner

eine dieser Sendungen kontrollieren,

doch UPS hatte sie

schon weiter nach London verladen.

„Mit den elektronischen Sicherheitsanalysen

gewinnen wir

im Express-Zeitalter mehr Vorlaufzeit“,

erklärt der Zollabteilungsleiter

im Bundesfinanzministerium,

Julian Würtenberger,

die IT-Aufrüstung.

Als Generalzolldirektor, so sein

offizieller Titel, bereist Schäubles Abteilungsleiter

regelmäßig europäische und

außereuropäische Länder, um Allianzen

mit anderen Zollbehörden zu schmieden.

17 Verbindungsbeamte sind bereits an

deutschen Botschaften im Einsatz, darunter

in China, Dubai, Kolumbien, Polen, der

Ukraine und den USA. Der persönliche

Kontakt über Grenzen hinweg ist auch im

digitalen Zeitalter wichtig. Gerade mit

China, woher 80 Prozent der Produktfälschungen

(einschließlich Hongkong)

und ein Großteil der unterfakturierten Waren

stammen, habe sich eine erstaunlich

gute Kooperation entwickelt, lobt Würtenberger.

Ein bisschen Sherlock Holmes hilft

ebenfalls. „Wenn die EU Antidumpingzölle

erhebt“, erklärt Risikoanalyst Stolle, „überlegen

wir uns schon im Vorfeld, wie Lieferanten

diese Zusatzabgabe umgehen

könnten.“ Angesichts von Strafzöllen, die

zum Teil so hoch wie der eigentliche Warenwert

sind, ist die Versuchung groß, bei

der Zollanmeldung einfach eine andere

Warengruppe oder ein anderes Herkunftsland

anzugeben.

NEUE URSPRUNGSZEUGNISSE

Als Brüssel chinesische Alufelgen mit einem

Antidumpingzoll von 22,3 Prozent belegte,

schnellten plötzlich die Importe von

Felgen aus Malaysia in die Höhe. Dabei

war das südostasiatische Land hier nie zuvor

in Erscheinung getreten. Bei Vor-Ort-

Ermittlungen stellten Zollfahnder fest, dass

die chinesische Ware im Hafen von Port

Klang an der viel befahrenen Straße von

Malakka umgeladen wurde und dabei

neue Ursprungszeugnisse erhielt. Ne-

»

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/BELGA/DIRK WAEM

20 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

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benbei erwiesen sich die angeblichen

VW-, Audi-, BMW-,

Mercedes- und Porsche-Felgen

als Fälschungen mit zum Teil gefährlichen

Produktionsfehlern.

Hinweise kommen oft von

Konkurrenten, die sich ärgern,

wenn sich zum Beispiel eine Baumarktkette

besonders günstig mit

Felgen, Schrauben oder Energiesparlampen

eindeckt. Oder der

Zoll wird selbst stutzig, wenn

nach Verhängen von Antidumpingmaßnahmen

plötzlich

Newcomer am Markt auftauchen.

Hinweise liefert das elektronische

Zollabfertigungsregister,

das alle Anmeldungen über

Jahre speichert. Risikoanalysten

müssen die Computer nur mit

entsprechenden Parametern füttern, und

schon spuckt das System eine Reihe von

potenziellen Hinterziehern aus.

Für solche Verdachtsfälle hält Bundesfinanzminister

Schäuble eine eigene Truppe

von 1500 Betriebsprüfern bereit. Die Zoll-

BPler sind erheblich besser geschult als ihre

Kollegen von den Finanzämtern der

Bundesländer. Und sie sind weniger kompromissbereit,

berichtet Frank-Peter Ziegler,

Global Trade Partner beim Wirtschaftsprüfungs-

und Beratungsunternehmen EY

und früher selbst Zollbetriebsprüfer. Wenn

sie kommen, wird es für die betroffenen

Unternehmen unangenehm.

Die Prüfer nisten sich oft über Wochen

ein und durchflöhen Rechnungen, Verträge,

Warenanmeldungen, Reiseunterlagen

und natürlich auch die Verrechnungspreise,

die in der Regel die Grundlage für den

Zollwert bilden. Sie vergleichen die Betriebsunterlagen

mit den Atlas-Daten, die

Steuererklärungen mit den Zollanmeldungen.

In 95 Prozent der Unternehmen stoßen

die BPler auf Ungereimtheiten, sagt

Ziegler. Meist kommt es zu steuerlichen

Nacherhebungen. Manche Unternehmen

geraten zwangsläufig auch in den Verdacht

von Hinterziehung oder Hehlerei, wenn sie

Waren zu ungewöhnlich niedrigen Preisen

beziehen.

ANFÄLLIGER EU-MARKT

Entdecken die Prüfer strafrechtliche Hinweise,

brechen sie sofort ihre Arbeit ab.

Dann rücken am nächsten Morgen bis zu

100 Zollfahnder an, beschlagnahmen

Computer und rekonstruieren gelöschte

E-Mails. Mit wachsendem Erfolg: Schäubles

Prüfer konnten im vorigen Jahr 608

90 Prozent

aller Sendungen aus China, die per

DHL-Express am Leipziger Flughafen

ankommen, sind unter Wert fakturiert

Millionen Euro unterschlagene Steuern

und Zölle eintreiben, ein Anstieg um mehr

als 80 Prozent gegenüber 2012.

Gerade der europäische Binnenmarkt ist

zum Tummelplatz für Fiskalverbrecher geworden.

Während die Zollschranken gefallen

sind, herrscht bei Steuern immer noch

europäische Kleinstaaterei. Sowohl kleine

Ganoven als auch organisierte Verbrecher

nutzen die fehlenden physischen Grenzkontrollen

zwischen den Mitgliedstaaten

konsequent aus. Bekannt sind Umsatzsteuerbetrügereien,

um Vorsteuern für Geschäfte

zu kassieren, die nur auf dem Papier

existieren.

Eine weniger bekannte, aber ausgesprochen

profitträchtige Variante sind

Kaffeekarusselle. Deutschland ist davon

betroffen, weil es als eines von wenigen

EU-Ländern Verbrauchsteuern auf die

braunen Bohnen erhebt. Pro Kilo Röstkaffee

fallen 2,19 Euro Verbrauchsteuer an,

bei löslichem Kaffee sind es sogar 4,78 Euro

(plus 19 Prozent Umsatzsteuer in beiden

Fällen). Ein einziger 25-Tonnen-Laster

bringt der Zollmafia fast 55 000 Euro Gewinn

ein.

Mit 166 Lkw-Fuhren kam ein Spediteur

aus Jüchen binnen eines Jahres auf 7,9 Millionen

Euro Profit. Die Masche ist simpel:

Der Kaffee wird im deutschen Großhandel

erworben und in andere EU-Länder gekarrt,

wobei die deutsche Verbrauchsteuer

rückerstattet wird. Anschließend fahren die

Laster wieder nach Deutschland. Hier bescheinigten

Zwischenhändler auf den

Rechnungen fälschlicherweise „Kaffeesteuer

entrichtet“. Das sind nur kurz genutzte

Firmen (Missing Trader), zum Teil mit

Obdachlosen als Geschäftsführern, die für

ein paar Flaschen Schnaps Namen

und Unterschrift hergeben.

Die so nur angeblich versteuerte

Ware gelangte im Fall der

Jüchen-Connection anschließend

über Broker unter anderem

als Jacobs Krönung in den Lebensmitteleinzelhandel

bis nach

Berlin, meist zu supergünstigen

Preisen. Doch offenbar gab es

in der Lieferkette einen Verräter,

der den Behörden einen Tipp gab.

Auf diese Weise kam das Zollfahndungsamt

Essen auch an

23,8 Tonnen Dallmayr-Kaffee,

den Beamte in Bochum beim

Entladen eines bulgarischen Sattelzuges,

der aus Belgien kam, sicherstellten.

Bei einer anderen

international vernetzten Bande,

die rund 800 Tonnen Kaffee geschmuggelt

hatte, stießen die Fahnder auf ein beachtlich

diversifiziertes Sortiment, das auch

Wodka, Bier und Wasserpfeifentabak umfasste.

Alles, was sich als gewinnträchtig erweist,

bietet das organisierte Verbrechen

an. Die Mafia erweist sich in dieser Hinsicht

als ausgesprochen kreatives und profitorientiertes

Unternehmen.

ERSCHRECKEND LEICHT

Bleibt die Frage, ob die legale oder die

illegale Wirtschaft besser floriert? Die fortschreitende

globale Vernetzung kommt

jedenfalls auch dem organisierten Verbrechen

zugute. Im anschwellenden

Strom der Warenlieferungen suchen (und

finden) kleine und große Gauner ihre

Chancen. Besonders kommt ihnen dabei

zugute, dass der Anteil der superschnellen

Fracht rasant anwächst. „Die Überwachung

von immer mehr Sendungen in äußerst

knapper Zeit gelingt nur durch Nutzung

moderner Risikomanagementinstrumente“,

sagt Schäubles Staatssekretär

Meister. Deshalb baue der Zoll zusätzlich

spezialisierte Arbeitseinheiten auf, zum

Beispiel die „Zentrale Internetrecherche“

in Frankfurt/Oder.

Doch es bleibt ein ungleicher Kampf –

bei dem die Betrüger immer schon einen

Schritt weiter sind. Daran ändert auch die

IT-Aufrüstung nichts, die eher ein Hinterherrüsten

ist. In einem vertraulichen Bericht

räumt das Zollkriminalamt ein, „mit

welcher erschreckenden Leichtigkeit der

Missbrauch des (elektronischen Zollanmelde-)Verfahrens

durchgeführt werden

kann“.

n

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin

FOTO: CHRISTOPH BUSSE FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

22 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

»Ich bin

noch

nicht zufrieden«

INTERVIEW | Thorsten Schäfer-

Gümbel Der SPD-Vize über

die Chancen, den nächsten

Kanzler zu stellen – und

was sich für dieses Ziel noch

alles ändern muss.

LINKER MITTE-STÜRMER

Schäfer-Gümbel, 44, gilt

als Kopf der Linken – und

ist Partei-Vize der SPD.

Der Politologe will ab jetzt

stärker in der Bundespolitik

mitmischen. 2013 verlor er

die Landtagswahl in Hessen

gegen Amtsinhaber Volker

Bouffier (CDU), nun führt

er die Landtagsfraktion.

Herr Schäfer-Gümbel, noch ein, zwei

weitere Legislaturperioden große Koalition

unter Angela Merkel – das wäre Ihr

Traum, oder?

Wie bitte? Bloß nicht. Wir wollen 2017 endlich

wieder den Kanzler oder die Kanzlerin

stellen. Um das zu schaffen, dürfen wir

Fehler der letzten großen Koalition nicht

wiederholen. Und dafür müssen wir eines

deutlich machen: Der Koalitionsvertrag ist

nicht unser Parteiprogramm. Was wir Sozialdemokraten

wollen, geht weit über den

Vertrag hinaus.

Aber offenbar muss die SPD gar nicht im

Kanzleramt sitzen, um in der Regierung

richtig viel SPD-Politik umzusetzen.

Ich bin trotzdem noch lange nicht zufrieden.

Nur ein Beispiel: Wir wollen Arbeitsverträge,

die ohne sachlichen Grund befristet

sind, abschaffen, um gerade jungen

Menschen stabile Lebensperspektiven zu

bieten. Das war mit der Union nicht durchsetzbar.

Also werden wir immer wieder den

Finger in diese Wunde legen. Allein um

solche wichtigen sozialdemokratischen

Ziele umzusetzen, macht es einen Unterschied,

wer den Regierungschef stellt.

Schafft es die SPD wieder in das Kanzleramt,

wenn sie nur die Partei der sozialen

Gerechtigkeit sein will?

Wir sind die Partei der Arbeit und der sozialen

Gerechtigkeit. In genau dieser Reihenfolge.

Uns ist wichtig, dass Menschen

nicht nur Arbeit haben, sondern solche,

von der sie vernünftig leben können. Daraus

leitet sich unsere Wirtschaftskompetenz

ab: Wir haben ein großes Interesse daran,

dass Unternehmen erfolgreich laufen,

damit sie diese guten Arbeitsplätze bieten

können, damit Arbeit sicher ist. Genau bei

dieser sozialen Verantwortung der Unternehmen

ist in den letzten Jahren aber bedenklich

viel ins Rutschen gekommen.

„Ins Rutschen kommen“ klingt noch sehr

nach Peer Steinbrücks Wahlkampf, in

dem Deutschland andauernd „aus dem

Lot“ geriet. Das hat den Nerv der meisten

Wähler doch überhaupt nicht getroffen.

Meine Analyse lautet anders: Es gibt drängende

Gerechtigkeitsfragen im Land, viele

haben doch zu Recht den Eindruck, dass

die Verhältnisse ungleicher, ungerechter

werden. Es geht darum, daran zu arbeiten,

dass uns Menschen wieder vertrauen und

uns glauben, dass unsere Politik einen Beitrag

leistet, die Lebensbedingungen wieder

ins Lot zubringen.

Also: Was fehlt? Sigmar Gabriel hat ja

selber auf einen Mangel an Wirtschaftskompetenz

hingewiesen...

FOTO: LAIF/STEFAN THOMAS KRÖGER

24 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Die erfolgreiche Entwicklung von Unternehmen

steht am Anfang – aus ihr erwachsen

die guten Verhältnisse, an denen Sozialdemokraten

so viel liegt. Darin besteht

der Kern unserer Wirtschaftskompetenz.

Das müssen wir im Handwerk, im Mittelstand

und in den Unternehmen wieder

verankern und unsere Glaubwürdigkeit

ausbauen. Dafür braucht man keine Wahlkampagne,

sondern lange, harte Arbeit.

Um es klar zu sagen: Der Mindestlohn ist

notwendig und segensreich, aber wenn die

Wirtschafts- und Arbeitsmarktkompetenz

der SPD allein auf ihn reduziert wird, dann

haben wir ein Problem.

Die SPD als Partei der Arbeit – klingt das

nicht allzu sehr nach stumpfem Nacherzählen

von Gewerkschaftsforderungen:

Wir sind der Betriebsrat der Nation?

Mitbestimmung ist wichtig und erfolgreich,

aber das reicht alleine nicht. Innovationsfreude

und Leistung, gute Infrastruktur

und aktive Industriepolitik gehören

auch dazu. Denn da sind wir weiter als andere,

beispielsweise Grüne und Linkspartei.

Deren Träumerei kann nicht das tägliche

Handwerk ersetzen.

Bei der Regierungs-SPD denkt man aber

nun einmal zuerst an Rente mit 63 und

Mindestlohn – jeweils Politik für eine

überschaubare Klientel. Für die große

Mehrheit bieten Sie nichts.

Unsere Themenauslage muss vielfältiger

und attraktiver werden, ja. Die mangelnde

Generationengerechtigkeit wurde bei unserer

Rentenreform kritisiert, und in der

Tat müssen wir dieses Problem durch andere

Maßnahmen lösen. Sicherlich gilt

auch hier: Die sozialdemokratische Messlatte

liegt höher.

Noch ein Rentengesetz?

Nein. Wir legen politisch die Grundlagen

für eine gute Rente. Dazu müssen wir viel

früher anfangen – nicht erst bei der Rente

selbst. Prekäre Beschäftigung bei der jüngeren

Generation ist doch ein zentrales

Thema – siehe Befristungen. Wir wollen

außerdem jedem unter 35-Jährigen ohne

abgeschlossene Berufsausbildung ermöglichen,

dass er innerhalb von zehn Jahren

einen Abschluss hinbekommt. Nicht nur,

um diesen Menschen zu helfen, sondern

auch, weil die deutsche Wirtschaft diese

Menschen brauchen wird – schon sehr

bald. Die Demografie schlägt zu. Und am

Ende dreht sich doch alles wieder darum,

dass Menschen sichere Arbeit haben.

Im Wahlkampf spielte die Vermögensteuer

eine große Rolle. Jetzt hat man den

Eindruck, sie sei still begraben worden.

Wir haben bisher keinen Gesetzentwurf vorgelegt,

das stimmt. Wir wollen ja Unternehmen

in ihrer Substanz nicht antasten. Genau

dieser Punkt hat im Wahlkampf für Debatten

gesorgt, weil wir den Verdacht nicht

ausräumen konnten, dass es doch anders

kommt. Das hat uns gerade im Handwerk

und bei Freiberuflern Vertrauen gekostet.

Sie haben gedacht, wir wollten ihre Betriebe,

Kanzleien oder Praxen wegnehmen. Genau

das wollen wir aber nicht. Mit Blick auf die

Wahl 2017 haben wir deshalb nur zwei Möglichkeiten:

Entweder wir nutzen die Zeit, um

einen glasklaren Gesetzentwurf vorzulegen,

der nicht denunziationsfähig und der verfassungsrechtlich

wasserdicht ist. Oder aber

wir müssen uns eben auf andere Instrumente

für mehr Steuergerechtigkeit stützen. Uns

nicht zu entscheiden bringt uns nicht weiter.

Deshalb müssen wir es klären. Ich muss allerdings

sagen, dass ich zunehmend Zweifel

am ersten Weg habe.

»Lohnzuwächse

dürfen nicht

einfach wegbesteuert

werden«

Wofür plädieren Sie?

Die Bekämpfung von Steuerflucht bringt

mehr in die Kasse als viele andere Instrumente.

Das habe ich schon vor der Wahl

gesagt. Damit können wir andere Instrumente

fallen lassen.

Liegt dann die Priorität eher bei Steuerflucht

à la Hoeneß oder bei global

agierenden Konzernen wie Google?

Die verschiebt sich gerade. Der Druck auf

Steuerhinterzieher muss hoch bleiben.

Aber der Fokus geht klar in Richtung der

Steuersparpraktiken internationaler Konzerne

wie Google, Apple oder Starbucks.

Das hat mit Unternehmertum im Geiste

der sozialen Marktwirtschaft nichts mehr

zu tun. Dem können wir uns aber auf nationaler

Ebene allein gar nicht entgegenstemmen.

Da ist die EU stärker gefragt.

Bleiben wir bei den Wendungen der Steuerpolitik.

Plötzlich will die SPD die kalte

Progression angehen – ein Thema, das im

Herbst noch brüsk abgelehnt wurde. Das

müssen Sie erklären.

Wir haben nie infrage gestellt, dass die kalte

Progression für viele Angestellte ein Ärgernis

ist. Man muss in einem Steuersystem

darauf achten, dass Lohnzuwächse

nicht einfach wegbesteuert werden. Aber

wir werden genau darauf achten müssen,

keine neuen Steuerausfälle zu generieren.

Gerade Länder und Kommunen, die unsere

Lehrer und Polizisten bezahlen, können

sich das nicht leisten.

Keine Gegenfinanzierung durch einen

höheren Spitzensteuersatz?

Für mich ist das weiterhin eine Möglichkeit,

um notwendige öffentliche Aufgaben

zu finanzieren und an anderer Stelle entlasten

zu können.

Also was nun: Will die SPD mehr

abkassieren oder nicht?

Eine ausbalancierende und gerechte

Steuerpolitik auf die Frage „Abkassieren

oder nicht“ zu reduzieren ist sehr polemisch.

Am Ende ist die Frage: Wie finanzieren

wir notwendige Aufgaben bei

Bildung, Infrastruktur und sozialer Sicherheit

ohne neue Schulden. Und zwar, ohne

dass wir einfach auf breiter Front belasten.

Sicherlich müssen wir hier unsere

Pläne klarer machen. Im Wahlkampf haben

wir viele Handwerker und Mittelständler

einfach nicht überzeugt, dass wir

sie mit unserer Steuerpolitik nicht treffen

wollen und werden. Das will ich nicht erneut

erleben.

Also schon mehr einnehmen, aber aus

den – nach SPD-Sicht – richtigen

Taschen?

(lacht) Genau.

Bedeutet Ihnen Gerhard Schröders

Slogan der „neuen Mitte“ noch etwas?

Die Idee dahinter bleibt attraktiv. Aber

anstatt alte Begriffe zu reaktivieren,

sollten wir besser nach einer Erzählung

suchen, die den Anspruch neu formuliert,

dass wir Politik für breite Mehrheiten der

Menschen machen, die vom Leben etwas

erwarten. Dafür müssen wir vermitteln,

dass nur die SPD den sozialen Zusammenhalt

stärken kann. Und zwar im Hier

und Heute ebenso wie in der Zukunft.

Nur so bekommen wir das kritische Bürgertum,

die Handwerker und Selbstständigen,

wieder auf unsere Seite. Und: Wir

müssen Angebote machen, die auch unter

45-Jährige stärker als in der Vergangenheit

ansprechen.

Wir sind ganz Ohr.

Nehmen wir das Thema Digitalisierung.

Das greift in unser aller Leben massiv ein,

gerade auch in den Arbeitsalltag. Aber keine

Partei hat bisher eine wirkliche Antwort

auf diese Herausforderungen. Wir wollen

die Ersten sein, die eine haben.

»

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 25

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Politik&Weltwirtschaft

»

Sie können hier damit beginnen...

Ein Beispiel: Als Google anfing, Haushaltsdienstleister

aufzukaufen, um neue Daten

zu sammeln und daraus Geschäftsmodelle

zu entwickeln, war das in meinen Augen

der Durchmarsch der Marktradikalen. Es

war ein Versuch, wirklich alle Lebensbereiche

ökonomisch zu verwerten. Das sehe

ich zutiefst skeptisch. Aber Digitalisierung

greift noch weiter: Neben Datenschutz berührt

sie die Erreichbarkeit von Arbeitnehmern.

Es geht um technologische, gesellschaftliche

und ökonomische Fragen – und

um die Veränderung der Arbeitswelt. Ich

halte es für eines der größten industriepolitischen

Versäumnisse, dass es uns Europäern

bisher nicht gelungen ist, eigene entsprechende

und attraktive, global erfolgreiche

Internet-Kompetenz aufzubauen, keine

Cloud-Dienste, keine Suchmaschine.

Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben: Ist

Google ein Feind?

Sigmar Gabriel hat recht: Die Kartellbehörden

sollten sich mit Google beschäftigen.

Aber das ist längst keine nationale

Frage mehr, sondern eine globale.

Früher hieß es „Enteignet Springer“. Ist

das heutige Pedant dazu „Zerschlagt

Google“?

Die Frage von heute ist in der Tat, wie wir

den Einfluss von großen Internet-Konzernen

kontrollieren können. Wenn Google-

Chef Eric Schmidt verspricht, dass unsere

Daten bei Google sicher sind, dann kann

ich das glauben oder nicht. Meine Erfahrung

sagt: besser nicht.

Das kann jeder Konsument selbst bewerten.

Was ist die Rolle der Politik?

Die Welt ist eine andere geworden. Es gibt

die naiv-bejahende Sicht der Piraten, aber

eine politische Antwort bieten die nicht.

Das fängt bei Mediennutzung an und endet

bei Bürgerrechten und Google. Diese

Themen werden wir als SPD adressieren,

zum ersten Mal beim Parteikonvent im

September.

Wenn das nicht zünden sollte, dann

bleibt Ihnen aber nur eine ganz analoge

Hoffnung: dass Merkel 2017 nicht mehr

antritt.

Mir ist egal, wer für die CDU antritt. Alles

hat seine Zeit. Der Führungsstil von Frau

Merkel, alles nur treiben zu lassen, hat sich

bereits überlebt. Wenn der gesellschaftliche

Wunsch wächst, dass sich etwas ändern

muss, damit es besser wird, dann implodiert

Merkels Führungsstil. Wenn dieser

Moment endlich gekommen sein wird,

müssen wir bestens aufgestellt sein. n

max.haerder@wiwo.de | Berlin, henning krumrey

Terror und Öl

IRAK | Der Westen hat auf die Falschen gesetzt und erlebt ein

Desaster. Von der Isis-Invasion profitiert ausgerechnet der Iran.

Fanatismus eskaliert

Schiitische Freiwillige

demonstrieren in der

Pilgerstadt Nadschaf

Alles halb so schlimm? BP-Konzernchef

Bob Dudley versichert, dass der

Gewaltausbruch im Irak die Aktivitäten

des britischen Energieriesen im Land

bisher nicht beeinträchtige. „Wir sind einfach

nur sehr vorsichtig und haben einige

nicht so wichtige Mitarbeiter abgezogen,

aber die Produktion geht weiter“, sagt Dudley.

Vom Bürgerkriegsland Syrien aus sind

islamistische Terroristen der schlimmsten

Sorte in den erdölreichen Irak eingefallen,

haben Mossul erobert, die zweitgrößte

Stadt, und stehen bedrohlich nahe vor der

Hauptstadt Bagdad. Aber BP ist in beruhigendem

Abstand vom Kriegsgeschehen tätig,

vor allem auf dem riesigen Ölfeld Rumaila

weit im Süden des Landes. Wer in

dieser Gegend des Irak zur Waffe greift, ist

in aller Regel ein schiitischer Freiwilliger,

gerüstet zum Kampf gegen die Eindringlinge

weiter nördlich.

Elf Jahre nach dem amerikanischen

Einmarsch in den Irak haben sich fast alle

großen Erdölunternehmen der Welt dort

etabliert. BP arbeitet in Rumaila mit dem

chinesischen Konzern CNPC zusammen;

auf anderen Ölfeldern sind ExxonMobil,

Royal Dutch Shell, Gazprom Neft tätig geworden.

Die Ölvorkommen sind alle irakisches

Staatseigentum, die Regierung in

Bagdad hat 2009 und 2010 langfristige Kooperationsabkommen

mit vielen internationalen

Unternehmen geschlossen. Aus

Sicht der Konzernzentralen in London,

New York oder Moskau sieht das immer

noch außerordentlich lukrativ aus: Der

Irak ist das Land mit den weltweit fünftgrößten

bekannten und nutzbaren Rohölreserven

der Welt.

IM ARABISCHEN DURCHSCHNITT

Weil unter Saddam Husseins Diktatur und

in den ersten Jahren nach dem amerikanischen

Einmarsch von 2003 kaum neue Felder

erschlossen wurden, verzeichnet das

Land derzeit außergewöhnliche Steigerungsraten

von Fördermengen und Einnahmen.

Von 2009 bis 2013 stieg die gesamte

Erdölproduktion im Irak nach Angaben

von BP um 28 Prozent, bis in den Mai

2014 setzte sich diese Entwicklung nach

Schätzung aller Experten fort. Und die

Wirtschaft wächst seit 2011 mit jährlichen

Raten von jeweils mehr als acht Prozent,

das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt inzwischen

mit 7100 Dollar pro Kopf wieder

im arabischen Durchschnitt, knapp hinter

Algerien und deutlich vor Ägypten.

»

FOTO: GETTY IMAGES/AFP/HAIDAR HAMDANI

26 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

»

Aber eigentlich gibt es den Irak als einheitlichen

wirtschaftlichen oder politischen

Raum schon lange nicht mehr. Das Land

zerfällt nicht nur religiös und kulturell in

drei sehr unterschiedliche Teile. Die Ölfelder

finden sich zum kleineren Teil im Norden

des Landes, der im Wesentlichen von

Kurden bewohnt wird und sich seit Jahren

von den arabischen Landesteilen zu separieren

sucht. Rund um die kurdische Provinzhauptstadt

Erbil hat sich in den vergangenen

fünf Jahren eine Oase der Stabilität

und marktwirtschaftlichen Entwicklung

etabliert, fast alle der etwa 150 im Irak tätigen

deutschen Unternehmen haben sich

hier angesiedelt, in aller Regel mit Verkaufsbüros.

Nach der Invasion der Terroristen-

Armee ist die irakische staatliche Armee aus

allen nördlichen Landesteilen verschwunden.

Die Kurden sind in das Vakuum vorgestoßen

und haben die ölreiche Gegend um

die Stadt Kirkuk in Besitz genommen. Erster

Schritt zu einem von Bagdad ganz unabhängigen,

ölreichen Kurdistan? Oder Eröffnung

einer neuen Front im Bürgerkrieg, sobald

die Terroristenführer sich stark genug

fühlen, die ihnen verhassten Kurden zu attackieren?

Das ist noch unklar.

Mit der Ruhe in Kurdistan ist es jedenfalls

vorbei. Denn ein unabhängiger Staat im

Nordirak ist für die Nachbarn Iran und Türkei

eine Horrorvorstellung, schon wegen

der mehr oder weniger unterdrückten kurdischen

Minderheiten auf eigenem Staatsgebiet.

Erst einmal wird die Türkei allerdings

den irakischen Kurden gegen die Terroristen

beistehen müssen. Denn die haben

die Pipeline zwischen Erbil und dem türkischen

Mittelmeerhafen Ceyhan unter Beschuss

genommen und türkische Bürger als

Geiseln genommen. Die Regierung in Ankara

muss jetzt dieselben terroristischen

Glaubenskämpfer abwehren, denen sie seit

Beginn des syrischen Bürgerkrieges vor drei

Jahren ein sicheres Hinterland geboten hat.

KREISENDE HUBSCHRAUBER

Nur auf den ersten Blick sieht es im Süden

viel besser aus, wo zwei Drittel der irakischen

Ölvorkommen liegen. Zwar ist das

Gebiet zwischen Bagdad und der Hafenstadt

Basra von Schiiten dominiert, also

den Erzfeinden der sunnitischen Glaubenskrieger.

Doch die sunnitischen Krieger,

international unter dem Namen Isis

(die englische Abkürzung steht für „Islamischer

Staat im Irak und in Syrien“) bekannt,

haben im syrischen Bürgerkrieg gelernt,

wie man mit Bombenanschlägen

feindliche Städte in Schutt und Asche legt.

Politik als permanenter Rachefeldzug

Ministerpräsident Nuri al-Maliki

Im Zentrum des Landes, zwischen den

beiden Erdölgebieten, tobt der Bürgerkrieg.

Was dazu führt, dass es im ölreichen

Irak kaum noch Benzin gibt. Die Isis-Leute

haben am Mittwoch vergangener Woche

die größte Raffinerieanlage des Landes 200

Kilometer nördlich von Bagdad eingenommen.

Ganz in der Nähe hatten kurz zuvor

noch Siemens-Angestellte an der Modernisierung

maroder Kraftwerke gearbeitet.

Der Konzern, bis zum Isis-Einmarsch mit

Abstand größtes deutsches Unternehmen

im Irak, organisierte mit großer Mühe die

Evakuierung seiner deutschen Mitarbeiter

auf dem Luftweg. Der Landweg nach Bagdad

war lebensgefährlich geworden.

„Es wäre keine Überraschung, wenn die

Aufständischen in ein paar Wochen vor den

Toren von Bagdad stehen“, sagt der amerikanische

Experte Steven Simon, bis vor

zwei Jahren Direktor der Nahostabteilung

im Nationalen Sicherheitsrat der USA. Die

Isis-Kämpfer haben es geschafft, frühere

Anhänger des Diktators Saddam Hussein

und auch die Führer vieler gut bewaffneter

Beduinenstämme hinter sich zu scharen.

Dass es dazu kommen konnte, ist auch

die Schuld Washingtons. Warum die USA

und mit ihr auch Europa jahrelang auf den

intoleranten Maliki und seine korrupten

8,9 Prozent

der weltweiten Erdölreserven

liegen unter

irakischem Territorium

Minister gesetzt haben, lässt sich schwer

erklären. Die Regierung des US-Präsidenten

Barack Obama hat toleriert, dass Maliki

Innenpolitik im Prinzip als Rachefeldzug

seiner Schiiten gegen die früher dominanten

Sunniten begriff. Die von den USA inspirierte

Verfassung sieht zwar eine Machtteilung

zwischen den Religions- und

Volksgruppen vor, doch der kurdische

Staatspräsident hat im System Maliki keinerlei

Einfluss, und der sunnitische Vizepremier

musste untertauchen, weil Maliki

ihn als angeblichen Mörder vor Gericht

stellen will.

So ist der Irak gespalten wie nie zuvor in

seiner Geschichte. Einen militärischen

Sieg der Terroristen könne es freilich gerade

darum nicht geben, meint Simon, noch

weniger als in Syrien, wo immerhin die

Mehrheit der Bevölkerung aus sunnitischen

Arabern besteht. Im Irak machen sie

etwa ein Viertel der Bevölkerung aus, und

in der Hauptstadt Bagdad sind sie eine kleine

Minderheit, die in den vergangenen elf

Jahren dramatisch geschrumpft ist: von 35

Prozent beim Einmarsch der Amerikaner

2003 auf zwölf Prozent im Jahre 2008 und

höchstens sieben Prozent heute.

BRÜCHIGES BÜNDNIS

Sollte Isis jetzt in Bagdad einmarschieren,

würde dies „nur die eingeschworenen

Feinde von Isis stärken, in Bagdad selber

und ganz besonders in Teheran“, sagt Simon.

Bagdads Armenviertel werden seit

Jahren von schiitischen Milizen kontrolliert,

die mit dem korrupten Glaubensgenossen

Maliki ein brüchiges Bündnis eingegangen

waren. Sollte Maliki stürzen,

würden sie den rücksichtslosen Kampf gegen

die radikalen Sunniten aufnehmen.

Siegen über die Eindringlinge können

die Schiiten des Irak nur mit massiver ausländischer

Unterstützung. Für Malikis bisherige

Förderer in Washington sind auch

Luftangriffe aus innenpolitischen Gründen

eine problematische Option. Bleibt der

Iran als natürliche Schutzmacht der Schiiten.

Ob der irakische Bürgerkrieg wirklich

die bisherigen Feinde Iran und USA zu Verbündeten

macht, ist noch offen. Sicher ist

dagegen, dass im Süden und im Zentrum

des Irak nichts mehr ohne Teheran geht.

Für BP-Mann Dudley und die anderen

Top-Manager der Ölkonzerne schließt sich

damit ein Kreis. Die BP heißt erst seit gut 60

Jahren so, vorher nannte sie sich „Anglo-

Iranian Oil Company“. Das passt demnächst

wieder.

n

hansjakob.ginsburg@wiwo.de

FOTO: CORBIS/ADMEDIA/CNP/OLIVIER DOULIERY

28 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Eine Frage der Glaubwürdigkeit

SUBVENTIONEN | Die sich ausweitenden Steuerermittlungen gegen Alice Schwarzer geben

einem alten Vorwurf neue Nahrung: Hat sich die Frauenrechtlerin beim Aufbau ihres Imperiums

korrekt verhalten? Von Bettina Röhl

FOTO: LAIF/POLARIS/HERMANN BREDEHORST

Nach einer Hausdurchsuchung bei Alice Schwarzer durch die

Steuerfahndung stellt sich die Frage: Hat Schwarzer der Öffentlichkeit

und dem Finanzamt 2013 mit ihrer Selbstanzeige

erneut einen Schwindel aufgetischt? Die strafrechtliche Dimension

beschäftigt Finanzbeamte und später die Justiz. Doch für die

öffentliche Wahrnehmung der angezählten Ikone ist ebenso bedeutsam:

Hat Schwarzer eigene

wirtschaftliche Interessen und

subventionierte gemeinnützige

Belange unsauber zu ihren Gunsten

vermengt? Schwarzer hat dies

stets vehement bestritten.

Seit der Gründung 1977 war

Schwarzer Chefredakteurin der

„Emma“, gefragte Feministin und

Autorin. Ab 1984 dann gab Jan Philipp

Reemtsma der Feministin

zwölf Millionen Mark für den Aufbau

und Betrieb einer gemeinnützigen

Stiftung, des „Feministischen

Archivs und Dokumentationszentrums“.

Schwarzer dirigierte

plötzlich ein schlagkräftiges, kapitalstarkes

„Unternehmen“. Ungefähr

zeitgleich richtete Schwarzer

ihr Schwarzgeldkonto in der

Schweiz ein.

Es gelingt ihr, neben Reemtsma

weitere Quellen anzuzapfen. Ende

der Achtzigerjahre hatte Alice

Schwarzer Gefallen an der Immobilie

Bayenturm in Köln gefunden,

einem einzigartigen historischen

Objekt. Sie erhielt den Zuschlag

der Stadt Köln zum Abschluss

Ärger mit dem Finanzamt Alice Schwarzer soll bei

ihrer Steuererklärung ein paar Kleinigkeiten verschwiegen

haben, unter anderem ein Konto in der Schweiz

MEHR ZUM THEMA

Einen Beitrag der Autorin

zu Schwarzers Rolle

in der Frauenbewegung

gibt es ab Dienstag unter

wiwo.de/schwarzer

eines Erbbaurechtsvertrages.

„Schwarzer verfügte über gute Klüngelkontakte zum damaligen

Landesvater Rau und der Kölner SPD-Spitze“ schrieb der Lokalpolitiker

Jörg Frank (Grüne) in „Klüngel mit Niveau“. Und der Spiegel

wusste 1995: „Rund 5,5 Millionen Mark Steuergelder hat die Berufsfeministin,

trotz leerer öffentlicher Kassen, bei Stadt- und Landespolitikern

für den Wiederaufbau des im Krieg zerstörten

Bayenturms losgeeist.“

Die Finanzierung der Innenausstattung des Turms

übernahm laut Schwarzer erneut Reemtsma mit

500 000 Euro. Ob dies tatsächlich so war, bleibt offen.

Reemtsma kommentiert: „Zu den von Ihnen erwähnten

500 000 vermag ich nichts zu sagen.“ Allerdings war

Reemtsma anlässlich der Begründung des Erbbaurechts

unstreitig freigiebig: „Dazu hat die Stiftung 1991 einen zusätzlich

gespendeten Betrag von 250 000 Mark auf ein sogenanntes

Instandhaltungs- und Rücklagenkonto bei der Stadtsparkasse

Köln für zu erwartende Erhaltungsmaßnahmen in Form von festverzinslichen

Wertpapieren bereitgestellt.“

1994 übergab die Stadt Köln den Bayenturm auf 30 Jahre mit

zwei Mal 20 Jahren Optionsfrist

dem feministischen Archiv. Der

dynamisierte Erbbauzins schlägt

derzeit mit rund 17 000 Euro pro

Jahr zu Buche, dürfte also 1994 bei

rund 7500 Euro gelegen haben.

Dafür erhielt Schwarzer 250 Quadratmeter

auf fünf Ebenen. Wahrlich

günstige Konditionen: Aktuell

ist ein Büro ähnlicher Größe im

Rheinauhafen mit Wasserblick für

42 000 Euro zu haben – beinahe

das Zweieinhalbfache der Schwarzer-Miete.

So üblich es ist, dass Gemeinden

Grundstücke unter begünstigten

Bedingungen vergeben,

wenn Erwerber einen förderungswürdigen

Zweck erfüllen, so

sehr hat Schwarzer in diesem Fall

den Vogel abgeschossen.

Im Frühjahr 1994 zog das Feministische

Archiv, das sich inzwischen

FrauenMediaTurm (FMT)

nannte, ein. Und auch Alice

Schwarzer bezog in ihrer Funktion

als Vorstandsvorsitzende der Stiftung

eins der Stockwerke des

Turms. Nur eine Auflage musste

der FMT akzeptieren: Er durfte die

Räumlichkeiten nicht gewerblich

nutzen. Die Emma Frauenverlags GmbH erhielt erst 2003 von der

Stadt Köln die Genehmigung, Büroräume im Bayenturm zu beziehen.

Allerdings deutet vieles darauf hin, dass die Zeitschrift

„Emma“ hier bereits seit 1994 gemacht worden sein könnte.

Schwarzer bestreitet dies bis heute mit allen Mitteln. Sie geht sogar

so weit zu behaupten, dass der zweite Stock, in

dem die Emma Verlags GmbH seit 2003 offiziell ihren

Sitz hat, in den Jahren 1994 bis 2003 komplett leer gestanden

habe und verweist auf eine freiwillige „Klarstellung“

der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“

vom 11. März 2012: „Außerdem legen die Stiftung

FMT, Frau Schwarzer und der Emma Frauenverlag

Wert auf die Feststellung, dass in dem Turm die

»

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 29

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Politik&Weltwirtschaft

»

Emma-Redaktion nicht bereits seit 1994 residierte, sondern erst

seit 2003. Der zweite Stock des Bayenturms habe leergestanden.“

Über diesen Leerstand gab es allerdings wiederholt öffentlichen

Streit, der im Lichte der aktuellen Ereignisse neu gesehen werden

muss. Dabei spielte vor allem der Förderverein für die Stiftung

FrauenMediaTurm eine Rolle. Detlef Fritz, Leiter des Kölner Liegenschaftsamtes

bestätigt:„Der Förderverein wurde am 23. 4. 1993

gegründet. Als Zweck wurde in der Vereinssatzung aufgeführt, dass

dieser ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige und mildtätige

Zwecke verfolgt. Ziel des Vereins ist bzw. war die praktische

Umsetzung der theoretischen Arbeit der Stiftung ,FrauenMedia-

Turm‘.“

Nebenbei bestätigt er, dass es Verdachtsmomente gab, der Bayenturm

werde unerlaubt gewerblich genutzt: „Am 22. 12. 1994

fand diesbezüglich eine Ortsbesichtigung statt, in deren Verlauf

glaubhaft dargelegt wurde, dass selbst bei vorliegender Personenidentität

zwischen Stiftungsmitgliedern, Emma-Redaktionsmitgliedern

und Vereinsmitgliedern

kein Verstoß gegen die Bestimmungen

des Erbbaurechtsvertrages

besteht und auch gegen die

Nutzung des Bayenturms durch

den Förderverein auf Grund der

gleichen Vereinszwecke keine Bedenken

bestehen.“ So viel Großzügigkeit

der Stadt Köln erstaunt.

Die personellen Überschneidungen

fielen auch der Publizistin

Bascha Mika auf, die in ihrer 1998

erschienenen Schwarzer-Biografie

zum Förderverein anmerkt: „Und

wer sind die Gründungsmitglieder?

Alice Schwarzer, die gleichzeitig

1. Vorsitzende des Vereins

ist, Ursula Scheu, ihre alte Freundin,

die darüber hinaus auch 2.

Vorstandsvorsitzende des Feministischen

Archivs ist, und dann

noch fünf weitere Frauen, die sich

alle im Emma-Impressum wiederfinden.

Ein bisschen viel der personellen

Überschneidungen.“ Sie

schließt mit der Frage: „Dient der

Förderverein als Deckadresse für

Emma?“

Dabei geht es nicht um eine

Scheinadresse für Emma, sondern

darum, ob es sich um einen

Scheinverein handelte, der die bis 2003 vertragswidrige Nutzung

des Bayenturms durch die „Emma“-Redaktion kaschiert haben

könnte. Immerhin: Die Emma Frauenverlags GmbH hatte bis 1994

zunächst recht fein in der Kolpingstraße auf zwei Etagen residiert

und war ausgerechnet im Frühjahr 1994 in ein schäbiges kleines

Ladengeschäft in die Alteburgerstraße 2 in unmittelbarer Nähe

zum Turm gezogen. Aber warum sollten die „Emma“-Redakteurinnen

im Schmuddel schuften, wenn ihnen gut ausgestattete Büros

im Turm zur Verfügung standen? Und saß nicht auch die Chefredakteurin

der „Emma“ höchstselbst im Turm?

Diesen Verdacht stützt ein „Spiegel“-Bericht von 1995: „Zu den

übrigen Räumen, insbesondere der zweiten Etage, hatten selbst

Diskreter Förderer Der Hamburger Mäzen Jan Philipp

Reemtsma ermöglichte mit einer großen Spende den

Aufbau von Schwarzers Stiftung FrauenMediaTurm

Angestellte des Dokumentationszentrums bislang nur in Ausnahmefällen

Zutritt: Dort, berichten ehemalige Mitarbeiterinnen

übereinstimmend, verfassten Redakteurinnen der feministischen

Zeitschrift ,Emma‘ über Monate ihre kämpferischen Werke.“

Schwarzer bestritt das damals gegenüber dem „Spiegel“ heftig:

„Die ,Emma‘ wird nicht im Turm, sondern in der Alteburgerstraße

gemacht.“ Der Stadtverordnete Jörg Frank attestierte der Kommune

in der Zeitschrift eine „totale Beißhemmung“ gegenüber der

„Emma“-Chefin. Bei einer Begehung fanden die Vertreter der Stadt

und des Landes Nordrhein-Westfalen schließlich laut „Spiegel“

eindeutige Hinweise: „ Sie fanden im Turm rund ein Dutzend Arbeitsplätze

mit Computern und Druckern vor – allerdings verwaist.“

Hat der ominöse zweite Stock also leer gestanden, wie

Schwarzer heute noch behauptet? Oder residierte dort die

„Emma“ im Kleid eines Fördervereins? Ein Förderverein für eine in

Flüsternähe befindliche, personell weitgehend identisch besetzte

Stiftung macht kaum Sinn. Dazu kommt, dass es über 30 Jahre keinerlei

recherchierbare Aktivitäten

des Vereins gab – trotz exquisiter

Arbeitsmöglichkeit. Wozu dann

aber all die Computerarbeitsplätze?

Auch auf wiederholte Nachfrage

wollte sich Alice Schwarzer der

Autorin gegenüber nicht zu den

Vorwürfen äußern.

Seit 2003 bis heute wurde die

Stiftung FrauenMediaTurm mit

rund 2,3 Millionen Euro von zwei

Bundesministerien und – bis 2013

– drei Ministerien des Landes

Nordrhein-Westfalen gefördert.

Schwarzer ist die alleinige Dirigentin

eines kleinen Imperiums und

de facto niemandem rechenschaftspflichtig.

Der Stifter Jan Philipp

Reemtsma bestätigt, dass er

keine inhaltliche Kontrolle ausübe:

„Sie müssen nur immer berücksichtigen,

dass ,Aufsicht‘ im stiftungsrechtlichen

Sinne heißt: darauf

achten, dass die Gemeinnützigkeit

nicht tangiert wird. ,Aufsicht‘

heißt nicht: zu prüfen, ob gute

Arbeit geleistet wird.“ Die Privilegien

der Gemeinnützigkeit setzen

allerdings ein gemeinnütziges Produkt,

einen gemeinnützigen Mehrwert

voraus.

Ob der FMT in diesem Sinne wirklich gemeinnützig ist und inwieweit

der FMT eine schlagkräftige Basis für die Verfolgung der

persönlichen Interessen Schwarzers war, müsste wohl ohne die erwähnte

„Beißhemmung“ nun auch von den öffentlichen Subventionsgebern

geprüft werden.

n

Bettina Röhl, Jahrgang 1962, ist eine der polarisierendsten

deutschen Publizistinnen. Die Autorin

des Buches „So macht Kommunismus Spaß“

setzte sich intensiv mit der Geschichte der Linken

und des Feminismus auseinander.

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/KEYSTONE/RENE RUIS, PAUL SCHIRNHOFER

30 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

FOTOS: JOHANN SEBASTIAN KOPP, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ESMT/PETER HIMSEL

SHANGHAI |

Glaube, Aberglaube

– den meisten

Chinesen ist das

egal. Von Philipp

Mattheis

Religiöses

Opium

Celine, meine Chinesisch-

Lehrerin, glaubt an Geister.

Am 15. Juli findet das

Zhongyuanjie, das Geisterfest,

statt. „Du solltest

an diesem Tag auf keinen

Fall umziehen“, sagt sie. Celine ist eine

moderne Frau, Mitte 30, alleinerziehende

Mutter, hat Europa bereist und sich wie

viele westlich inspirierte Chinesinnen die

Lidfalte straffen lassen – so werden aus

Schlitzaugen große Kugelaugen. Aber sie

ist felsenfest von der Existenz von Geistern

überzeugt.

Religiöses Opium hat im sozialistischen

China Hochkonjunktur. Offiziell sind fünf

Religionen anerkannt: Protestantismus,

Katholizismus, Islam, Buddhismus und

Daoismus. Das interessiert die meisten

Chinesen jedoch nicht. Sie glauben, was

das Zeug hält, und füllen so das postkommunistische

Wertevakuum. Wahrsager

orakeln günstige Namen für Neugeborene,

Straßenhändler aus der Provinz verticken

glücksbringende Steine.

Auch Zahlenmystik ist ein großes Ding

in China. Weil die Zahl Vier, auf Chinesisch:

si, genauso klingt wie das Wort für

Tod, gibt es in vielen Hotels keinen vierten

Stock. Weil Acht eine Glückszahl ist, kaufen

sich reiche Chinesen Telefonnummern,

in denen möglichst oft diese Ziffer

vorkommt. Mir dagegen hat man vor drei

Jahren eine Nummer mit insgesamt drei

Vieren angedreht.

„Oh!“, sagte meine Chinesisch-Lehrerin,

als sie die Nummer sah, und riss die

Kugelaugen noch weiter auf. „Das ist

keine gute Nummer.“

„Das ist doch Aberglaube“, antwortete

ich. „Nein“, sagte sie. „Aberglaube ist es

nur, wenn man nicht daran glaubt.“

Philipp Mattheis ist Korrespondent

der WirtschaftsWoche in Shanghai.

BERLIN INTERN | Bei einem Auftritt vor Elite-Studenten

verlangt Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain mehr

Biss von der Politik – und lobt doch die Bundeskanzlerin

überschwänglich. Von Cordula Tutt

Musik für Merkels Ohren

Er kam durch den Hintereingang

ins Staatsratsgebäude am Berliner

Schlossplatz. Unter mächtigen

Buntglasfenstern mit fröhlichen

Menschen im Stil des sozialistischen Realismus

lief Anshu Jain, Co-Vorstandschef

der Deutschen Bank, hindurch und auf die

blank polierte Tafel zu, auf der auch der

Name seines Instituts prangt. Staatsrat

und DDR, das beschreibt das erste Leben

des wuchtigen Gebäudes aus den Sechzigerjahren.

Seit zwölf Jahren residiert hier

die Elite-Hochschule ESMT, eine auch von

Rucksack statt Ruck Deutsche-Bank-

Co-Chef Anshu Jain blieb im Ungefähren

der Deutschen Bank geförderte Kaderschmiede

für Nachwuchsmanager.

Die Bank hatte Jains Vorlesung vor MBA-

Studenten als politischen Ausblick und Termin

mit dem CEO quasi zum Anfassen angekündigt.

„Europas Potenziale entfesseln“

war Jains Thema. Er verlangte härtere Reformen

und doch sollte sein Auftritt gespickt

sein mit Lob auf Angela Merkel.

Der 51-Jährige gab sich jovial und zugänglich.

Er kam mit Rucksack, längst ein

Markenzeichen, den in Berlin allerdings

sein Sprecher über der Anzugschulter tragen

musste. Im großen Saal sprang er dann

bei einer Frage aus dem Publikum vom Sessel

auf und blieb mit dem Hinweis auf der

Bühne stehen: „Sonst kann ich nicht Blickkontakt

mit Ihnen halten.“

Oft gliedern sich die öffentlichen Reden

von Bankvorständen in drei Teile. Etwas

Weltwirtschaft, dann Thesen zu einzelnen

Branchen und der Politik, schließlich wohldosierte

Einblicke ins Geschäft. Jain blieb

beim großen Bogen. Europa habe viel erreicht

nach 1945, doch jetzt seien andere

besser. Asien profitiere von der „demografischen

Dividende“, einer wachsenden Mittelschicht

etwa und bildungshungrigen Jugendlichen.

Die USA dürften die

„Energiedividende“ ernten – deutsche Unternehmen

zahlten zweieinhalb Mal so viel

für Strom wie amerikanische und doppelt

so viel für Gas. Dank Schiefergas-Boom erstarke

die Industrie, bei Innovation und

Technologie seien US-Konzerne Spitze.

„Europa ist genau da verletzlich, wo die

wettstreitenden Regionen stark sind.“ Ergebnis

seien drei Geschwindigkeiten. In

Asien wachse die Wirtschaft in fünf Jahren

um 36 Prozent, in den USA um die Hälfte

davon, in Europa nur um ein Viertel. Im

„weltweiten Krieg um Talente“ tue sich der

alte Kontinent schwer. „50 000 Deutsche

leben im Silicon Valley. Die Gegend um San

Francisco zählt über 500 Start-ups, die von

Franzosen gegründet wurden.“

Jains Rezept: Märkte liberalisieren, Rentensystem

beschneiden, Steuersystem entrümpeln,

Bildung und Forschung päppeln.

Das Scheitern von Geschäftsideen dürfe

nicht länger Makel sein. Drei von vier Startups

schlügen fehl. Dann gelinge das Wichtigste:

„Europa muss wachsen.“

Über den Klee lobte er Kanzlerin Angela

Merkel. Dabei tat sich ihre Regierung mit

Wohltaten für Rentner und einer Scheu vor

Steuerreformen hervor. In der Finanzkrise

habe sie jedoch „entschieden, aber differenziert“

Führungsstärke bewiesen. Und

auch wenn es in deutschen Führungszirkeln

entschieden zu wenig Zuwanderer und

Frauen gebe – „Deutschland sollte stolz

sein, wie es ganz an der Spitze aussieht“.

So viel Geschmeidigkeit? Jain gilt als vorsichtig,

um Kritik zu vermeiden, er kenne

Land und Sprache kaum. Es könnte auch

der Versuch gewesen sein, sich wieder an

Bundespolitiker anzunähern. Die hatten

sich nach der Finanzkrise und Skandalen –

etwa um manipulierte Zinsen – distanziert.

Am Abend war Jain immerhin mit anderen

Vorstandschefs und Vertretern des World

Economic Forums (WEF) samt Gründer

Klaus Schwab ins Kanzleramt geladen.

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 31

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Die Debatte um die

Stimmrechtsreform in der EZB und

die Sparpolitik zeigt: Der Euro wird

weichgespült. Von Malte Fischer

Stabilität ade

Vor rund zwei Jahren,

auf dem Höhepunkt

der Euro-Krise, gingen

Bildmontagen aus

den Krisenländern um die Welt,

die Bundeskanzlerin Angela

Merkel mit Nazi-Symbolen verunstalteten.

Die Botschaft war

klar: Deutschland beherrsche

den alten Kontinent und oktroyiere

anderen Ländern eine

unmenschliche Spar- und Stabilitätspolitik

auf. Schon damals

waren dies üble Zerrbilder

der Realität. Doch mittlerweile

ist klar: Das Gegenteil des Behaupteten

ist eingetreten. Der

Geist der deutschen Stabilitäts-

und Sparpolitik ist auf

dem Rückzug, die Euro-Gemeinschaft

entwickelt sich im

Zeitraffertempo zur Schuldenunion.

Die jüngsten Belege dafür

sind die Debatte um die

Stimmrechtsreform in der Europäischen

Zentralbank (EZB)

und die aktuelle Austeritätsdiskussion

in der EU.

Anfang nächsten Jahres führt

Litauen als 19. Land den Euro

ein. Dann werden die Stimmrechte

der nationalen Zentralbankchefs

im EZB-Rat rotieren,

um weiterhin rasche Entscheidungen

treffen zu können. Das

hat zur Folge, dass Bundesbank-Präsident

Jens Weidmann

alle fünf Monate auf sein

Stimmrecht verzichten muss.

Nun mag man einwenden, dass

es keinen großen Unterschied

macht, ob Weidmann abstimmen

darf oder nicht, da er als

Verfechter der deutschen Stabilitätstradition

eh in der Minderheit

ist und im Zweifelsfall

überstimmt wird. Doch genau

hier liegt das Problem. Eine verantwortungsbewusste

Geldpolitik

kann nur funktionieren,

wenn das Prinzip der Kongruenz

von Haftung und Kontrolle

gewährleistet ist. Deutschland

haftet mit einem Anteil von

rund 27 Prozent am EZB-Kapital

für das Gros potenzieller Verluste

der Notenbank. Es sollte

daher auch 27 Prozent der

Stimmrechte besitzen. Tatsächlich

aber gilt das Prinzip „one

man, one vote“, das dem Zwergenstaat

Malta ebenso viel Einfluss

gewährt wie Deutschland.

Statt sich für eine Reform der

Stimmrechte einzusetzen,

blockt die Bundesregierung ab.

Sie fürchtet wohl zu Recht, die

Südländer könnten die nötige

Vertragsrevision nutzen, um

den Stabilitätsauftrag der EZB

aufzuweichen. Das zeigt, dass

es nicht gelungen ist, die deutsche

Stabilitätskultur auf Europa

zu übertragen. Das aber war

das zentrale Versprechen der

Bundesregierung an die Bürger,

als sie die D-Mark gegen den

Euro eintauschte.

DER DRUCK WÄCHST

Noch schlimmer ist, dass die

Bundesregierung daran mitwirkt,

die Stabilitätskultur zu

zerstören. Soeben hat Bundeswirtschaftsminister

Sigmar Gabriel

(SPD) im Schulterschluss

mit Frankreich und Italien die

Konsolidierungspolitik infrage

gestellt. Statt zu sparen, müsse

mehr für das Wachstum getan

werden. Setzt er sich durch,

gibt es kein Halten mehr. Mit

dem Freifahrtschein aus Berlin

werden sich die Südländer ungehemmt

weiter verschulden.

Der Druck auf die EZB, die Zinsen

niedrig zu halten und die

Schuldenorgie mit der Notenpresse

zu finanzieren, dürfte

wachsen – und die Enteignung

der Sparer setzt sich dank Gabriel

fort.

NEW ECONOMICS

Heiße Debatte

China denkt über einen landesweiten CO 2 -Emissionshandel

nach. Eine neue Studie analysiert, wie sich

dieser Schritt auf die Wirtschaft auswirken würde.

* Hübler, Löschel, Voigt: Designing an

Emissions Trading Scheme for China –

An Up-to-date Climate Policy Assessment,

ZEW 2014

Dicke Luft China ist der weltweit

größte Treibhausgas-Emittent

Die Ziele sind zwar unverbindlich,

aber ambitioniert:China,

der weltgrößte Treibhausgas-

Emittent, will bis 2020 seinen

CO 2 -Ausstoß um 40 bis 45 Prozent

im Vergleich zu 2005 senken

– so das Versprechen beim

Weltklimagipfel 2009. Ein erster

Schritt dazu: Die Volksrepublik

hat begonnen, in einigen Modell-Regionen

einen Emissionszertifikate-Handel

nach EU-

Vorbild aufzubauen. Welche

Auswirkungen ein solches System

der Emissionskontrolle auf

die chinesische Wirtschaft hätte,

haben jetzt Ökonomen vom

Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung

in Simulationsrechnungen

untersucht.*

Danach könnte bei „mittlerer“

Wachstumsrate das chinesische

BIP 2020 um 1,2 Prozent kleiner

ausfallen, wenn Unternehmen

nur noch mit Zertifikaten Kohlendioxid

ausstoßen dürften.

Bis 2030 ergäbe sich ein Minus

von etwa zwei Prozent. „Das

sind eher moderate Zahlen“,

sagt Sebastian Voigt, Co-Autor

der Studie. „Ähnliche Studien

für europäische Länder kommen

teilweise auf höhere Werte.“

Zudem sei nicht berücksichtigt,

inwiefern durch weniger

CO 2 volkswirtschaftliche Schäden

aufgrund des Klimawandels

vermieden würden.

Folgenlos bleiben die Maßnahmen

auf keinen Fall: So

könnte der Nettoausfuhrwert

2020 um gut vier Prozent niedriger

ausfallen. Auch wären nicht

alle Wirtschaftsbereiche gleichermaßen

betroffen. Der

Energiesektor könnte 2020 bis

zu 6,1 Prozent weniger produzieren

als im Simulationsmodell

ohne klimapolitische Anstrengungen.

Andere Bereiche,

etwa die Erdöl- oder Chemieindustrie,

könnten im günstigsten

Fall hingegen vom Zertifikate-

Handel profitieren.

Entscheidend ist, auf welche

Weise der Staat die Zertifikate

ausgibt. Die kostenfreie Vergabe

bringt weniger Nachteile als

ein Auktionssystem, bei dem

der Staat die Zertifikate versteigert.

Die Energiewirtschaft

stünde bei kostenfreier Vergabe

der Zertifikate statt um 6,1 nur

um 2,7 Prozent schlechter da,

als im System ohne CO 2 -reduzierende

Maßnahmen.

Profitieren könnte China von

einer Verknüpfung seines Zertifikate-Handels

mit dem europäischen

System. Ökonom

Voigt hält das durchaus für politisch

durchsetzbar, für ihn ist es

nur eine Frage der Zeit, bis ein

gemeinsamer Markt zumindest

für einen Teil der Emissionen

kommt. 2030 könnte das BIP

Chinas bei freier Vergabe der

Zertifikate laut Studie um 0,1

Prozentpunkte höher ausfallen

als bei getrennten Märkten.

Auch für die EU ergäben sich

Vorteile – das „Carbon Leakage“,

also die Abwanderung von Industrie

nach China aufgrund lascherer

Klimavorgaben, würde

eingedämmt.

julia schulte | politik@wiwo.de

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, VISUM/PANOS PICTURES/NATALIE BEHRING

32 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Deutschland steht vor

einem Investitionsboom

In der Euro-Krise hatten viele

Unternehmen ihre Investitionspläne

auf Eis gelegt. Nun holen

sie sie wieder aus den Schubladen

heraus. Deutschland, so

scheint es, steht vor einem

Investitionsboom. Der vom

Münchner ifo Institut und dem

Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen

exklusiv für

die WirtschaftsWoche ermittelte

Investitionsindikator, der auf

den Geschäftslagebeurteilungen

der Leasinggesellschaften

beruht, signalisiert für dieses

Jahr einen Anstieg der Ausgaben

für Maschinen, Ausrüstungen

und Softwareprodukte um

acht Prozent. Im vergangenen

Jahr waren die Investitionen

noch um rund 1,7 Prozent gesunken.

Die Leasinggesellschaften

beurteilten ihre Geschäftslage

im Mai so günstig wie zuletzt im

Dezember 2007. Der Saldo aus

positiven und negativen Antworten

lag bei plus 36 Prozent.

Auch die Erwartungen für die

nächsten Monate sind aufwärts

gerichtet, der entsprechende

Saldo der Antworten beträgt

plus 23 Prozent. Der Investitionstest,

mit dem ifo die Investitionsabsichten

der Unternehmen

erfragt, zeugt ebenfalls von

Optimismus. Danach wollen 66

Prozent der Befragten in diesem

Jahr mehr investieren als im

Vorjahr, lediglich 30 Prozent

planen, ihre Investitionsbudgets

zu kürzen.

Ausschlaggebend für die Investitionsoffensive

sind zum

einen die besseren Absatzaussichten

in wichtigen Exportmärkten.

Die Krisenländer der

Euro-Zone haben die konjunkturelle

Talsohle durchschritten,

in Großbritannien boomt die

Wirtschaft, und in den USA

Vor dem Höhenflug

Entwicklungder Investitionstätigkeit

60

55

50

Investitionen in

Ausrüstungenund

sonstige Anlagen 1

schaltet der Konjunkturmotor

einen Gang hoch. Zum anderen

sind die Hürden für die Finanzierung

von Investitionen so

niedrig wie lange nicht mehr.

Die Betriebe verfügen über

beträchtliche freie Mittel. Die

Kreditzinsen liegen auf Tiefständen

– und die Banken vergeben

bereitwillig Darlehen.

malte.fischer@wiwo.de

Prognose

45

Frühindikator 2

40

2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015

1

saisonbereinigt (inMilliarden Euro); 2 auf dem ifo-Schätzmodell beruhender

Frühindikator für die Investitionen (inMilliarden Euro);

Quelle:ifo, Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen, Statistisches Bundesamt

ZEW-Indikator

enttäuscht

Die jüngsten geldpolitischen

Lockerungsmaßnahmen der

Europäischen Zentralbank haben

die Experten an den Finanzmärkten

nicht sonderlich

beeindruckt. Das zumindest

legt der Indikator zur Messung

der Konjunkturerwartungen

nahe, den das Mannheimer

Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung

(ZEW) monatlich

durch Umfragen unter

Finanzmarktteilnehmern ermittelt.

Für Deutschland gab

der Index im Juni um 3,3 auf

29,8 Punkte nach. Das war der

sechste Rückgang in Folge. Dagegen

beurteilten die Experten

die aktuelle Konjunkturlage

besser als zuvor, der entsprechende

Index stieg um 5,6 auf

67,7 Zähler. Das spricht dafür,

dass sich der Aufschwung nach

dem witterungsbedingten

Schub im ersten Quartal im

weiteren Jahresverlauf in gemäßigterem

Tempo fortsetzt.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2012 2013

Durchschnitt

0,7

0,8

1,0

–4,0

–1,4

3,4

3,2

1,4

2012 2013

Durchschnitt

–0,9

–4,2

0,1

3,3

105,0

46,7

5,9

2,0

1,6

2,1

2896

478

29006

0,5

0,9

0,4

–2,4

–0,2

3,0

0,9

1,5

–0,2

2,5

0,0

–0,2

106,9

50,6

6,5

1,5

–0,1

–2,5

2950

435

29370

I/13

0,0

0,3

0,0

–1,4

–1,5

–0,9

–0,7

0,2

Februar

2014

0,5

0,9

0,6

–1,3

111,3

54,8

8,2

1,2

–0,9

–2,7

2917

444

29668

II/13 III/13 IV/13

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,7

0,7

–0,2

0,5

1,7

1,6

2,5

1,5

März

2014

–0,6

–2,8

0,6

–1,8

110,7

53,7

8,5

1,0

–0,9

–3,3

2906

445

29730

0,3

0,3

0,7

0,1

2,1

1,4

–0,1

0,8

April

2014

0,2

3,1

–1,6

3,0

111,2

54,1

8,5

1,3

–0,9

–2,4

2881

446


0,4

–0,3

–0,3

1,4

0,2

1,2

2,5

1,3

Mai

2014





110,4

52,3

8,5

0,9



2905

443


I/14

0,8

0,7

0,4

3,3

3,6

–0,8

0,2

2,2

Juni

2014







8,5







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

2,5

1,1

0,5

6,0

10,2

3,3

5,5

6,2

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

–1,5

3,4

3,2

–0,2

4,5

5,9

30,8




–1,9

3,5

1,6

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 33

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Der Volkswirt

SERIE FRÜHINDIKATOREN (II)

Ärger am Festtag

Der Konsum-Indikator des Marktforschungsunternehmens

GfK ist in Deutschland konkurrenzlos, aber

nicht unumstritten. Jetzt soll eine Revision her.

Rolf Bürkl, 52,

hat selten Ärger

im Job. Aber

Weihnachten

2013 war übel. Da stand er auf

einmal am Pranger. Der versammelte

deutsche Einzelhandel

klagte an: Herr Bürkl, sie haben

uns tolle Umsätze versprochen.

Und jetzt sind sie

sogar schlechter

als 2012!

Bürkl arbeitet

bei der GfK, der

Gesellschaft für

Konsumforschung

in Nürnberg.

Neben

Hunderten nicht für die Öffentlichkeit

bestimmten Verbraucherbefragungen

präsentiert

die GfK einmal im Monat ihren

Konsumklimaindex. Seit 22 Jahren

gibt es den schon, und seit

22 Jahren kümmert sich Rolf

Bürkl darum. Rolf Bürkl, Mr.

Konsumklima? „Das klingt mir

zu eindimensional“, sagt Bürkl,

schließlich mache er auch ein

paar andere Dinge.

SERIE

Wie entstehen Frühindikatoren?

Was sagen

sie aus? Alle Teile der

WirtschaftsWoche-Serie

finden Sie unter

wiwo.de/indikatoren

NEUES PROJEKT

Jede Woche schickt die GfK gut

600 Interviewer raus ins Land,

befragt rund 1000 Konsumenten

in persönlichen Gesprächen.

Mal werden die Konsumenten

gefragt, ob sie ein

bestimmtes Waschmittel kennen,

mal, ob sie die neue

Schlemmerwurst schon probiert

haben. Doch bevor es in

die Details geht, wird Grundsätzliches

geklärt. Planen Sie

demnächst größere Anschaffungen?

Wie wird sich das Gehalt

in den kommenden zwölf

Monaten entwickeln? Wie

schätzen Sie die Wirtschaftslage

ein? Die Ergebnisse dieser Fragen

werden dann zusammengetragen

und landen – genau! –

bei Rolf Bürkl.

Der macht daraus das „GfK-

Konsumklima“, das jeweils zum

Monatsanfang vorhersagt, wie

sich die Verbraucher in den folgenden

Wochen verhalten werden.

Der Konsumklimaindex ist

auch Grundlage

für die deutsche

Komponente des

EU-Verbrauchervertrauens,

das

die EU-Kommission

ermittelt.

Angefangen hat

das Ganze 1991,

Bürkl weilte gerade für die

Hanns-Seidel-Stiftung, die Parteistiftung

der CSU, in Namibia.

Weit weg von allem, doch dann

erreichte ihn dieser Anruf. Am

Apparat ein Kommilitone, der

nach dem volkswirtschaftlichen

Diplom die Promotion

draufgesetzt hatte. Jetzt entwickelte

er für die GfK einen

Frühindikator, aufbauend auf

der nur beschreibenden Verbraucherstimmung.

Rolf, bist

du dabei?

Offene Portemonnaies

GfK-KonsumklimainPunkten

10

8

6

4

2

0

-2

-4

Jan. 2002 2008 Juni 2014

Quelle: GfK

Mein Haus, mein Auto,

mein Index GfK-Mann Rolf Bürkl

War er. Ein paar Monate tüftelten

die beiden vor allem an

der Auswahl geeigneter Einflussgrößen.

Regressionsanalysen

zeigten schließlich drei

Ausschläge: Sparneigung, individuelle

Einkommenserwartung

und Anschaffungsneigung.

AUF DEN PUNKT

Ein paar Monate später war

Bürkl zurück in Nürnberg, der

Index ging an den Start. „Der

Indikator funktioniert mit einem

Vorlauf von rund einem

Monat sehr gut.“ Deshalb wird

nicht bei jeder der wöchentlichen

Fragerunden das Konsumklima

erfasst, sondern nur

in den ersten beiden Wochen

eines Monats. Wenn der Index

dann am Monatsende veröffentlicht

wird, soll er die Stimmung

auf den Punkt treffen.

Dennoch ist die Aufmerksamkeit

der Märkte für den GfK-

Index eher begrenzt. Nicht immer

passen die Werte des

Indikators und die realen Einzelhandelsumsätze

widerspruchsfrei

zusammen.

Einmal im Jahr schaut das

Land dennoch nach Nürnberg.

Ende November, wenn Bürkl an

der Pressemeldung für den Dezember

feilt. Dann bangen und

hoffen die deutschen Einzelhändler,

denn die Hälfte ihrer

Jahresumsätze machen sie direkt

vor Weihnachten. Da kann

die Stimmungslage schon mal

über Existenzen entscheiden.

2013 sagte Bürkl, die Deutschen

seien in Shoppinglaune,

der Konsum werde wachsen.

Umso größer der Kater, als im

Januar die offiziellen Zahlen

folgten: Die Deutschen hätten

im Dezember weniger Geld

ausgegeben als im Vorjahr, teilte

das Statistische Bundesamt

mit. „Zahlen aus Wiesbaden

werden oft als amtliche Endergebnisse

verstanden“, wendet

Bürkl ein. Dabei stimme das so

nicht: Weil das Amt seine Zahlen

möglichst schnell veröffentlichen

soll, fließen nicht alle

Branchen ein. Zudem kann das

Amt seine Daten nachträglich

beliebig oft korrigieren. Schaut

man auf die revidierten Werte,

zeigt sich, dass die GfK-Prognose

oft näher an der Wahrheit ist

als die frühen Zahlen aus Wiesbaden.

Auf das Bundesamt schimpfen

will Bürkl dennoch nicht.

Der Druck sei immens, so früh

verlässliche Zahlen zu liefern

kaum möglich. Außerdem verweist

er auf methodische Unterschiede:

Während bei Bürkls

Frage nach geplanten Anschaffungen

nicht nur Autos oder

Kühlschränke, sondern auch

Wohnungen und Häuser Erwähnung

finden, laufen Immobilienkäufe

in Wiesbaden unter

einer ganz anderen Kategorie.

Dennoch ist Bürkl sich bewusst,

dass der GfK-Indikator

seine Schwächen hat. In den

vergangenen Jahren wurden

viele Ausschläge beim Verbraucherverhalten

nicht vorhergesehen.

Die GfK wird den Index

daher im Sommer einer Revision

unterziehen.

Fakt ist:Die deutschen Konsumenten

haben sich in den

vergangenen 20 Jahren verändert

. „Gesamtwirtschaftliche

Aspekte wie Preiserwartungen

und Arbeitslosigkeit spielen eine

größere Rolle“, sagt Bürkl.

Zumindest eine der Größen soll

in Zukunft in den Indikator einfließen.

Die Sparneigung, die

laut GfK an Prognosekraft verloren

habe, soll dafür weichen.

Mal schauen, ob Bürkls nächstes

Weihnachtsfest dann entspannter

wird.

konrad.fischer@wiwo.de

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/DANIEL KARMANN

34 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: CORBIS/IMAGINECHINA

WELTWIRTSCHAFT

Chinas Titanic

Im Reich der Mitte brechen nach Jahren des Booms

die Immobilienpreise ein. Was bedeutet das für die

chinesische Konjunktur?

Boris Shao hat keine Ahnung,

wie er zu einer Eigentumswohnung

in

Shanghai kommen soll. „Mit

meinem jetzigen Gehalt ist das

quasi unmöglich“, sagt der

25-jährige Manager eines chinesischen

Automobilzulieferers.

6000 Yuan, rund 700 Euro, verdient

er im Monat. „Meine Eltern

haben einen kleinen Gemischtwarenladen,

die können mir

nichts dazugeben. Ich werde

nun wohl was mieten.“

Junge Männer wie Shao waren

früher eine der wichtigsten Käufergruppen

von Immobilien in

China. Wer heiraten will, muss

eine Eigentumswohnung vorweisen

– so verlangen es die

Schwiegereltern in spe. In den

vergangenen Jahren aber stiegen

die Preise so massiv, dass Wohnungen

in den Städten für Normalverdiener

unbezahlbar geworden

sind. Mittlerweile

müssen Chinesen im Schnitt das

19-Fache eines Jahreseinkommens

hinblättern, um an Wohneigentum

zu kommen.

Umso aufmerksamer registrierten

Analysten die neuesten

Zahlen zum Immobilienmarkt.

Im ersten Quartal 2014 brachen

die Immobilienumsätze um acht

Prozent im Vergleich zum Vorjahr

ein, die verkaufte Fläche fiel

um sieben Prozent. Das ist ein

Novum – und ein Anzeichen dafür,

dass der Scheitelpunkt erreicht

sein könnte. Yu Liang, der

Chef von Vanke, einer der größten

Immobilienfirmen des Landes,

spricht bereits von „dem Ende

einer goldenen Ära, in der

jeder mit Immobilien Geld verdienen

konnte“. Kollege Pan Yishi

von Soho China vergleicht die

jüngsten Entwicklungen gar mit

„der Titanic, die auf einen Eisberg

zusteuert“.

Kleinere Abschwünge gab es

auf dem Häusermarkt immer

wieder. Doch dieses Mal ist etwas

anders: „Der aktuelle Preisverfall

ist nicht durch politische

Maßnahmen verursacht“, sagt

Tao Wang von der Investmentbank

UBS in Hongkong. In den

vergangenen Jahren hatte die

Regierung durch Gesetze wie

dem Verbot von Zweitwohnungen

versucht, den überhitzten

Sektor abzukühlen. Nun aber

Schöner wohnen Bauprojekt im ostchinesischen Rizhao

gibt es laut Wang „grundlegende

Veränderungen in der Angebotsund

Nachfragestruktur“.

Bisher sorgte der Zustrom von

Bauern in die Städte für stete

Nachfrage. 2012 lebten erstmals

in der Geschichte mehr Chinesen

in Städten als auf dem Land.

Rund 20 Millionen Menschen

drängen im Schnitt pro Jahr in

Chinas Metropolen. Es wurde

daraufhin so eifrig gebaut, dass

das Angebot mittlerweile die

Nachfrage übersteigt. Während

pro Jahr ungefähr sieben Millionen

neue Wohnungen benötigt

werden, kommen zehn Millionenhinzu.

Und nicht überall

passen Angebot und Nachfrage

zudem zusammen. Das gilt vor

allem für Provinzstädte im Landesinneren.

„Es wurden zu viele

Luxusapartments gebaut, aber

zu wenige Wohnungen, die sich

auch einfache Bürger leisten

können“, sagt Ashley Davis, Ökonom

bei der Commerzbank in

Singapur.

VIELE GEISTERSTÄDTE

Während die Menschen in die

Metropolen an der Ostküste

drängen, sind im Landesinneren

Dutzende von Geisterstädten

entstanden. So wurde bei Ordos

in der Inneren Mongolei eine

Stadt für eine Million Bewohner

gebaut – die aktuelle Einwohnerzahl

liegt bei 30000. Die Brokerfirma

CLSA aus Hongkong geht

davon aus, dass der Leerstand in

der Provinz für in den vergange-

Endeder Hausse?

ImmobilienpreiseinPeking

(2009=100)

250

200

150

100

2009 10 11 12 13 14

Quelle: China Index Academy

nen fünf Jahren gebaute Wohnungen

bei 16 Prozent liegt, an

der Ostküste nur bei zehn Prozent.

Und schließlich schnappt

auch in China bald die demografische

Falle zu: Die Zahl der

Erwerbstätigen hat ihren Gipfel

überschritten.

Die Frage ist jetzt, wie stark

sich ein Preisverfall auf die Realwirtschaft

auswirkt. „Rund 20

Prozent von Chinas BIP hängen

am Immobiliensektor – er war

der Hauptwachstumstreiber in

den vergangenen Jahren“, warnt

Commerzbank-Ökonom Davis.

Weil die Immobilienbranche

„too big to fail“ sei, rechnen viele

mit einem Eingreifen der Regierung.

Deren Maßnahmen zielten

bisher darauf, den Preisanstieg

zu dämpfen. Das könnte sich

bald ins Gegenteil verkehren.

Die Regierung könnte etwa

mehr Geld für die Infrastruktur

lockermachen oder den sozialen

Wohnungsbau ankurbeln.

Commerzbank und UBS rechnen

für 2015 mit einem Abflauen

des Wirtschaftswachstums auf

6,8 Prozent. Treffen dürfte der

Abschwung am Immobilienmarkt

auch Unternehmen, die

Chinas Baubranche beliefern –

wie deutsche Baumaschinenhersteller.

Zudem könnten die fallenden

Preise auf den Bankensektor

ausstrahlen: 38 Prozent

aller Kredite hängen am Immobiliensektor.

Ein weiterer Preisverfall hat

auch Folgen für die Haushalte

vieler Kommunen und Lokalregierungen.

Landverkäufe sind

deren Haupteinnahmequelle:

2013 betrugen sie mit Grundsteuern

60 Prozent der Einnahmen.

Einige Städte setzen daher

bereits wieder Kaufanreize: In

Wenzhou, in der Provinz Jiangsu,

dürfen Familien wieder ein

zweites Haus kaufen, in Tongling

wurde die Mindestanzahlung

von 30 auf 20 Prozent des Kaufpreises

reduziert.

Boris Shao wird sich freuen.

Fallen die Preise weiter, kann er

sich vielleicht doch noch eine

Wohnung kaufen.

philipp.mattheis@wiwo.de | Peking

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 35

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Die US-Notenbank hat mit ihrer Geldpolitik die Aktien- und Immobilienpreise

nach oben getrieben. Die Amerikaner fühlen sich wieder reich, konsumieren mehr

und fördern so das Wachstum. Die Gefahr: Ziehen die Banken ihre bei der Fed geparkten

Mittel ab, um Kredite zu vergeben, droht ein Inflationsschub. Von Martin Feldstein

Schwieriger Balanceakt

Vor einem halben Jahr

habe ich eine halbwegs

optimistische

Konjunkturprognose

für die USA abgegeben: Das

Wachstum in meinem Heimatland

werde sich 2014 auf drei

Prozent erhöhen. So weit die

Prognose – und was ist in Wirklichkeit

geschehen? Nachdem

die Wirtschaft nicht mehr wie

zu Jahresanfang unter fürchterlichem

Wetter zu leiden hat,

scheint die Wirtschaft tatsächlich

einen dynamischen Kurs

eingeschlagen zu haben.

Der wichtigste Faktor für den

schnelleren Anstieg des Bruttoinlandsprodukts

(BIP) in diesem

Jahr ist das Wachstum des

Vermögens der amerikanischen

Haushalte. Nach Zahlen der

Notenbank Fed dürfen sich die

Amerikaner über einen Wertzuwachs

bei Wohneigentum von

zwei Billionen Dollar freuen, bei

Aktien, sonstigem Unternehmensbesitz

und anderen privaten

Kapitalanlagen sind es gar

acht Billionen Dollar.

400 MILLIARDEN MEHR

Die Erfahrung lehrt, dass private

Haushalte bei einem Wachstum

ihres Vermögens den Konsum

langsam hochfahren, und zwar

bis zu einer Steigerung von rund

vier Dollar pro 100 Dollar Vermögenszuwachs.

Dies würde

bedeuten, dass der 2013 beobachtete

Vermögenszuwachs

von zehn Billionen Dollar den

Konsum in den USA um etwa

400 Milliarden Dollar nach oben

treibt – mithin rund 2,5 Prozent

vom BIP. Selbst wenn dieser Effekt

2014 nur zur Hälfte eintritt,

würde das immer noch für ein

BIP-Wachstum von über einem

Prozentpunkt sorgen.

Im ersten Quartal des Jahres

stiegen die Konsumausgaben im

Vergleich zum Vorquartal bereits

um real drei Prozent, Tendenz:

steigend. Gleichzeitig sinkt die

Sparquote in den USA. Die Haushaltsersparnisse

gingen in Relation

zum verfügbaren Einkommen

von etwa sechs Prozent im Jahr

2011 auf nur noch 3,8 Prozent im

vergangenen Quartal zurück.

Gestiegene Vermögen bedeuten

auch mehr Neubauten. Als die

US-Notenbank Fed voriges Jahr

ankündigte, sie werde ihre Strategie

des „quantitative easing“ aufgeben,

stiegen die Hypothekenzinsen.

Darum wurden weniger

Neubauten in Angriff genommen,

»Das Vermögen

der Amerikaner

stieg 2013 um

zehn Billionen

Dollar«

schnitt noch unter 200 000 Personen.

Setzt sich diese Entwicklung

fort, führt das zu einem

noch schnelleren Wachstum von

Einkommen und Konsum.

Die positiven konjunkturellen

Folgen des wachsenden Vermögens

werden 2014 durch die

bessere Haushaltslage verstärkt.

2013 litt die US-Wirtschaft unter

Steuererhöhungen, der Kappung

von Staatsausgaben wegen des

Haushaltsstreits in Washington

und der damit verbundenen zeitweisen

Schließung des Regierungsapparates.

Dazu kam die

Befürchtung, eine neue feste

Schuldengrenze für den US-

Haushalt würde weitere Kürzun-

Machtvoll Die Fed in Washington

und der zusammengerechnete

Wert aller neuen Wohnbauprojekte

ging zurück. Doch hier hat sich

der Wind nun wieder gedreht. Im

April wurden 26 Prozent mehr

Bauprojekte begonnen als im Vorjahresmonat.

Die Preise für Wohnimmobilien

steigen wieder schneller.

Das gilt für Neubauten und

Altbestand gleichermaßen.

Die höheren Konsumausgaben

und der Anstieg der Investitionen

im Wohnungsbau haben die

Nachfrage nach Arbeitskräften

steigen lassen. Dies hat im April

zu einem Anstieg der Zahl der abhängig

Beschäftigten um 288 000

Personen geführt. Anfang des

Jahres lag der Monatsdurchgen

erzwingen. Heute sieht es anders

aus: Auch wenn auf längere

Sicht mit einem steigenden Defizit

und entsprechender Staatsverschuldung

zu rechnen ist, haben

die Parlamentarier in Washington

erst einmal für zwei Jahre einen

Haushaltskompromiss gefunden.

Was bedeutet, dass die Wirtschaft

2014 und 2015 nicht mit fiskalischen

Schocks zu rechnen hat.

Ein wirkliches Problem wird die

positive Konjunkturentwicklung in

den kommenden zwei Jahren allerdings

für die Notenbank. Die

Fed muss die inflationären Kräfte

bändigen, die aus der Neigung

der Privatbanken entstehen dürften,

im Zeichen einer robusteren

Wirtschaft mehr Kredite an

Unternehmen und Privatleute

zu vergeben.

HOHE RESERVEN

Die Banken verfügen derzeit

über viel Liquidität. Noch sind

sie damit zufrieden, Geld zu Minizinsen

bei der Fed zu parken,

weil sie dort keinerlei Risiken

ausgesetzt und nicht durch Eigenkapitalvorgaben

belastet

sind. Die Alternative wäre, gewerbliche

Kredite zu relativ

niedrigen Zinsen zu vergeben,

damit die eigene Liquidität zu

verringern, größere Risiken

einzugehen und Eigenkapital

hinterlegen zu müssen.

Es wird der Zeitpunkt kommen,

wo die Banken ihre Überschussreserven

– aktuell fast

2,5 Billionen Dollar – für eine

profitablere Kreditvergabe nutzen

wollen. Dann muss die Fed

den Zinssatz erhöhen, den sie für

Überschussreserven zahlt, um

das Maß zu begrenzen, in dem

Banken für zusätzliche Kredite

auf diese Reserven zugreifen.

Das wird ein schwieriger Balanceakt.

Steigt der Zins nicht

stark genug, werden die Banken

so viel von ihren Einlagen für die

Kreditvergabe einsetzen, dass

dadurch die Inflation steigt. Erhöht

die Fed den Zins zu stark,

hemmt das die wirtschaftliche

Aktivität.

Die US-Volkswirtschaft befindet

sich derzeit auf gutem

Kurs. Ob es dabei bleibt, hängt

wesentlich von der Fed ab.

Martin Feldstein ist Professor

an der Harvard-Universität.

Der renommierte US-Ökonom

schreibt jeden Monat exklusiv

für die WirtschaftsWoche und

wiwo.de

FOTOS: LAIF/POLARIS, GETTY IMAGES/HISHAM IBRAHIM

36 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Pakt mit dem

Unbekannten

STROMKONZERNE | Nach drei Jahren Energiewende

entdecken die großen Versorger neue Geschäftsfelder wie

Minikraftwerke und Energieberatung. Der Schwenk

zum Klein-Klein entspringt schierer Verzweiflung, viel

anderes bleibt den Giganten aber nicht.

FOTOS: LAIF/THOMAS RABSCH, REUTERS/WOLFGANG RATTAY

Wenn Uli Huener nach

der Zukunft sucht, tut er

das nicht am Konzernsitz

in Karlsruhe. Dann

jettet der Chef des neuen

Ressorts Innovationsmanagement

beim baden-württembergischen

Stromerzeuger EnBW um den halben

Globus ins kalifornische Silicon Valley.

Dort, wo die Wiege der Internet-Giganten

Google und Facebook stand, hofft der

57-Jährige auf die große Eingebung, wie

EnBW statt mit Großkraftwerken und

Atommeilern künftig Geld verdienen kann.

„Es ist spannend, wie dort drüben über

neue Angebote diskutiert wird, wie Kunden

rund um ihren reinen Energiebedarf

mit Dienstleistungen versorgt werden können“,

sagt Huener, frisch aus dem amerikanischen

Start-up-Mekka zurück am beschaulichen

Oberrhein.

RAUS AUS DER SCHOCKSTARRE

Aus dem Munde des früheren Deutschen-

Telekom-Managers spricht doppelter Mut

– der Mut des Zuversichtlichen wie der

Mut des Verzweifelten. Seit Monaten wird

Huener von EnBW-Chef Frank Mastiaux in

alle Welt geschickt, um neue Geschäftsmodelle

für die Zeit zu finden, wenn 2022

das letzte der einst vier Atomkraftwerksblöcke

der Südwestdeutschen vom Netz

muss. Doch der große Wurf ist dabei noch

nicht herausgekommen, stattdessen regiert

das Prinzip Hoffnung. „Wir brauchen

neue Anstöße, die wir nicht nur vor unserer

Haustür finden, um aus der Enge des

alteingessenen Versorgerdenkens herauszukommen“,

heißt es wortreich aus dem

Konzern.

Hueners schwierige Mission könnte genauso

oder ähnlich für die drei anderen

Stromgiganten in Deutschland – E.On,

RWE und Vattenfall – gelten. Seit die

schwarz-gelbe Koalition vor fast genau drei

Jahren das Atom-Aus bis 2022 beschloss

und immer mehr vorrangberechtigter

Ökostrom die fossilen Meiler bedroht, ist

bei dem Quartett eine Umwälzung historischen

Ausmaßes angelaufen. Im Übergang

zum vierten Jahr der Energiewende, nach

Schockstarre und gigantischen Abschreibungen

auf den Kraftwerkspark, blasen die

Konzernchefs nun zur Jagd auf neue Geschäftsfelder

und Kunden.

Ob Marktführer E.On in Düsseldorf, der

Branchenzweite RWE in Essen oder EnBW,

die Richtung für die kommenden Jahre steht

mehr oder weniger fest: der Einstieg in die

dezentrale Energieversorgung, vom Gewerbe

bis zur Wohnsiedlung, dazu Dienstleistungen

zur effizienteren Energienutzung.

n Am weitesten prescht derzeit E.On vor.

Konzernchef Johannes Teyssen hat erfolgreich

begonnen, Minikraftwerke für Unternehmen

und Beratung für Energieeffizienz

ins Angebot zu nehmen, obwohl er anfangs

dagegen war.

n RWE-Chef Peter Terium arbeitet am Aufbau

virtueller Kraftwerke, indem er mittelständische

Kunden miteinander vernetzt

und ihnen so Strom sparen hilft.

n Und EnBW-Chef Mastiaux will mit Langzeit-Dienstleistungsverträgen

ebenfalls

mittelständische Unternehmen, aber auch

Städte und Kommunen an sich binden.

n Der schwedische Staatskonzern Vattenfall,

der in Ostdeutschland mit Braunkohleverstromung

vertreten ist, mischt beim

Geschäft mit dezentraler Energieerzeu-

»

38 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Trendführer Teyssen

E.On ist am weitesten

beim Ausbau des Neugeschäfts

mit dezentraler

Energie und

Energieeffizienz

Reumütiger Schwarzbrenner

E.On-Chef Johannes Teyssen wagte sich vor einem halben Jahr

noch ganz weit vor: Unternehmen mit eigenen Kraftwerken, die

sich von der allgemeinen Stromversorgung, der Finanzierung des

Netzes und der Ökostromumlage abkoppeln wollen, seien

„Schwarzbrenner“ – also vergleichbar mit heimlichen Schnapsherstellern,

die sich der Branntweinsteuer entziehen. Teyssens

Energiemanager, die Minikraftwerke für Mittelständler und

Handelsketten längst installiert hatten, waren entsetzt. Es gelang

ihnen, den Chef umzustimmen.

Teyssen setzt sich jetzt an die Spitze des Trends und treibt seine

Leute an, Geschäfte mit den Schwarzbrennern zu machen. Vorzeigekunde

ist die Cash & Carry-Kette-Metro, für die E.On an zwei

deutschen und zwei russischen Märkten Gas-Blockheizkraftwerke

baut. Der Düsseldorfer Stromriese übernimmt die Planung,

Finanzierung und Wartung der Minikraftwerke. Das Projekt läuft

unter dem Etikett „dezentrale Energie“. In Deutschland verhandelt

E.On zurzeit mit weiteren Großkunden, um ihnen als Generalunternehmer

eine eigene Energieversorgung zu ermöglichen.

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 39

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Unternehmen&Märkte

»

gung auch mit, hängt aber noch alten

Atomtagen nach. So verweist der Konzern

beim Thema Energieeffizienz immer noch

stolz auf seinen schonenden Umgang mit

Kühlwasser für AKWs.

Jenseits solchen Selbstlobs ist der

Schwenk zu neuem Geschäft unübersehbar.

Ob das aber jemals so viel einbringt,

dass die Konzerne ihre alte Größe behalten

können, ist die große Unbekannte. Zum einen

haben die neuen Geschäftsfelder mit

dem bisherigen Verkauf von Strom an

Stadtwerke oder Großunternehmen so wenig

zu tun wie eine Kraftwerksturbine mit

dem Fahrraddynamo. Zum andern ist der

Weg für die Stromkonzerne noch weit, auf

diesem Feld Fuß zu fassen.

So werden in der Studie „Geschäftsmodell

Energiewende“ des Fraunhofer-Instituts

IWES vom Januar 2014 die einst kraftstrotzenden

Stromkonzerne keines Wortes

gewürdigt. Schließlich gibt es immer mehr

Selbsterzeuger, die an den Versorgern vorbei

ihren eigenen Strom produzieren.

Was da für die Konzerne übrig bleibt, ist

völlig offen. Sicher ist nur: Für die großen

vier gleicht die Hinwendung zu den neuen

kleinteiligen Geschäften einer Verzweiflungstat,

ohne die sie aber erst recht chancenlos

wären.

Zumindest auf dem Papier klingen die

Aussichten vielversprechend. Laut EnBW

wird der europäische Markt für dezentrale

Energieerzeugung im Jahr 2020 rund 80

Milliarden Euro betragen, heute sind es

nur 20 Milliarden Euro. Aber anders als früher

begeben sich die Stromkonzerne damit

auf ein Feld, in dem harter Wettbewerb

tobt. Nach einer Einschätzung von EnBW

tummeln sich in Europa 500 Anbieter dezentraler

Kraftwerke.

MÜHSAMER WEG INS DETAIL

Nicht minder ausgeprägt ist schon jetzt

auch der Run auf Dienstleistungen rund

um den Stromverbrauch. Weltweite Giganten

wie Google, Philips oder Deutsche Telekom

haben das Geschäft entdeckt. Im

Gegensatz zu E.On, RWE und EnBW sind

diese Konkurrenten seit Jahren im Klein-

Klein-Geschäft mit dem Endkunden aktiv.

„Wir sind nicht allein am Markt und jetzt

sogar bereit, Klinken zu putzen“, sagt ein

RWE-Manager.

Wie mühsam der Weg in die neue Detailwelt

ist, zeigt Branchenführer E.On. Bereits

4000 dezentrale Kraftwerke haben die Düsseldorfer

inzwischen errichtet. Das klingt

nach Großtat. Unterm Strich kommen die

Anlagen jedoch nur auf eine Gesamtleistung

von 800 Megawatt. Das entspricht der

Leistung gerade mal eines Steinkohlekraftwerks.

Entsprechend winzig ist das Geschäft.

Die eine Milliarde Euro, die E.On in

der Zukunftssparte erwirtschaftet, betrug

2013 weniger als ein Prozent des Konzernumsatzes

von zuletzt 122 Milliarden Euro.

Zurzeit leiden E.On, RWE und Co. vor allem

darunter, dass Unternehmen das Geschäft

machen, deren Namen kaum jemand

kennt, Ingenieurbüros wie NEK in

Braunschweig oder 2G Energy, ein Hersteller

von Minikraftwerken in Heek im nördlichen

Ruhrgebiet. Die beiden entwickeln

und bauen Minikraftwerke für VW.

Hier wollen nun auch die großen Versorger

einsteigen, indem sie sich als Generalunternehmer

anbieten. Das heißt, sie wol-

Aus vollen Rohren

Gasspezialist E.On ist

vorn beim Neugeschäft

Angebaggert

Braunkohleriese RWE

sucht neue Kunden

E.On

Umsatzanteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung

2,0 %

Gewinnanteil vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen

15,0 %

Installierte Minikraftwerke in Deutschland

4000

Unterstützung des Neugeschäfts durch Vorstandschef (3 Sterne = groß, 1 = gering)

RWE

Umsatzanteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung

1,7 %

Gewinnanteil vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen

4,5 %

Installierte Minikraftwerke in Deutschland

1300

Unterstützung des Neugeschäfts durch Vorstandschef (3 Sterne = groß, 1 = gering)

Kooperationen mit anderen Unternehmen

135

Kooperationen mit anderen Unternehmen

90

40 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: DDP/ROLAND MAGUNIA, AGRAR-PRESS/KRICK, VISUM/AUFWIND-LUFTBILDER, BLOOMBERG NEWS/JASPER JUINEN/

len dem Kunden eine komplette funktionsfähige

Anlage am besten noch einschließlich

Betrieb anbieten. Dabei würden die

Riesen viele Teilarbeiten an Dritte vergeben,

so ihre Idee, aber den Löwenanteil des

Profits einstreichen. Diese Position müssen

sie sich aber erst erkämpfen.

Der E.On-Gefechtsstand dazu befindet

sich deutlich außerhalb der Konzernzentrale

am Düsseldorfer Rheinufer, eine gute

halbe Autostunde entfernt in der Ruhrgebietsstadt

Essen. „E.On Connecting Energies“

steht auf dem Schild an dem kühlen

Zweckbau direkt am Messegelände. Ein

Shuttlebus steht bereit für Manager, die

zum Rapport ins Hauptquartier in die

nordrhein-westfälische Landeshauptstadt

müssen. Oben in der zehnten Etage residieren

Ingo Luge, der für das Deutschland-

Geschäft von E.On verantwortliche Geschäftsführer,

und sein Leiter der dezentralen

Energien, Robert Hienz.

Luge hat nur noch wenig gemeinsam mit

der alten Mega- und Gigawatt-Fraktion bei

E.On. Kühl analysiert er: „Die Kundennachfrage

für die dezentrale Energie ist da.

Wir sind Investor und suchen das Gespräch

mit Handelsketten und mittelständischen

Unternehmen.“ Und sein Adlatus

Hienz sekundiert:„Der Kunde benötigt Beratung,

wie er Energie sparen kann.“

AUSBRUCH MIT NEUEN IDEEN

Für E.On ist das ein Sinneswandel. Noch

im Herbst vergangenen Jahres hatte Vorstandschef

Johannes Teyssen die Betreiber

eigener, dezentraler Energieanlagen wütend

als „Schwarzbrenner“ gebrandmarkt,

weil sie sich um die Ökostromumlage und

die Netznutzungsgebühren drücken würden.

Ins gleiche Horn stieß unlängst Manuel

Frondel, Energieexperte des Rheinisch-

Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung

(RWI) in Essen, indem er vor der

Flucht aus der üblichen Stromversorgung

über Großkraftwerke und Hochspannungsleitungen

warnte: „Es besteht bei der

Ausbreitung der dezentralen Energieversorgung

die Gefahr einer Umverteilung

von ärmeren Haushalten zu reicheren.“

Manager wie E.On-Deutschland-Chef

Luge ficht derlei nur noch wenig an. Sein

Kollege, EnBW-Innovationsmanager Huener,

sagt ganz offen: „Wir müssen mit neuen

Ideen ausbrechen aus dem alten Großkraftwerksdenken,

auch wenn wir uns kurzfristig

dadurch Nachteile einhandeln.“ Kannibalisierung

des Stammgeschäfts, das ist für

die beiden kein Schreckgespenst mehr,

sondern künftig Geschäftsalltag. Und als

ironisch-provokanter Seitenhieb auf E.On-

Chef Teyssen sagt EnBW-Innovationsexperte

Huener: „Ich bin ein Schwarzbrenner.“

Grund für die geänderte Einstellung ist

die Einsicht der großen Stromerzeuger in

die vom Atomausstieg erzwungene Notwendigkeit.

„Unser Neugeschäft kann niemals

das wegbrechende Altgeschäft mit

der flächendeckenden Stromversorgung

durch Großkraftwerke ersetzen“, sagt Michael

Stangel, bei RWE Leiter des „Segments

B2B“. Die Abkürzung steht für das

Geschäft von Unternehmen mit Unternehmen.

Hier zielt RWE künftig auf mittelständische

Kunden, die sich selbst mit Strom

versorgen wollen.

Dass sich Deutschlands zweitgrößter

Energiekonzern damit ins eigene Ge-

»

Lange Leitung

EnBW sucht Geschäftsideen

im Silicon Valley

Schwedischer Windmacher

Vattenfall ist Schlusslicht bei

Innovationen

EnBW

Umsatzanteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung

2,3 %

Gewinnanteil vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen

205

10,0 %

Installierte Minikraftwerke in Deutschland

Unterstützung des Neugeschäfts durch Vorstandschef (3 Sterne = groß, 1 = gering)

Vattenfall

Umsatzanteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung

k. A.

Gewinnanteil vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen

k. A.

Installierte Minikraftwerke in Deutschland

k. A.

Unterstützung des Neugeschäfts durch Vorstandschef (3 Sterne = groß, 1 = gering)

Kooperationen mit anderen Unternehmen

50

Kooperationen mit anderen Unternehmen

300

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 41

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Unternehmen&Märkte

»

schäft mit Strom schneidet, sieht

B2B-Chef Stangel eher gelassen. „Wir kommen

dem Autarkiegedanken vieler Mittelständler

bewusst entgegen, indem wir ihnen

Miniblockheizkraftwerke auf eigene

Kosten installieren und diese dann über

langlaufende Verträge an die Kunden verpachten.“

Dabei kalkulieren die Stromkonzerne

damit, dass sie die Wertschöpfungskette

verlängern und dadurch mehr verdienen

können. E.On-Deutschland-Chef Luge

etwa geht fest davon aus, dass der Kunde

künftig auch „Beratung benötigt, wie er

Strom sparen kann, und diese als wichtigste

Dienstleistung des Energieunternehmens

begreift“. Zweifel, dass die Stromverbraucher

dies den jahrelangen Monopolisten

glauben, gibt es in den Konzernen

kaum. „Die Kunden nehmen uns ab, dass

wir ihnen nicht möglichst viel Strom verkaufen

wollen“, glaubt Uwe Fritz, Vertriebschef

bei EnBW, es gehe um „Gesamtoptimierung“.

Um ihren neuen guten Willen unter Beweis

zu stellen, legen sich die Stromkonzerne

Aushängeschilder für ihr künftiges

Geschäftsgebaren zu. So übernahm E.On

im Herbst vergangenen Jahres das britische

Beratungsunternehmen Matrix. Der

Umsatz der Experten für Energiesparlösungen

liegt bei 60 Millionen Euro, eine

Größe, mit der sich früher die deutschen

Energiekonzerne kaum abgegeben haben.

Jetzt wird genauer hingeguckt, denn Matrix

berät Großverbraucher, wie sie durch eine

intelligentere Steuerung der Stromversorgung

ihre Energiekosten senken können.

MODELL METRO

Die Neukunden, die E.On durch die Übernahme

von Matrix in Großbritannien gewonnen

hat, zählen zu den angesehensten

Wirtschaftsadressen auf der Insel. Der Einzelhändler

Marks & Spencer mit seinen 798

britischen Filialen gehört dazu, Wettbewerber

Tesco, der Telekommunikationsnetzbetreiber

Virgin Media, Konkurrent British Telecom,

der US-Softwarekonzern Oracle und

das Medienunternehmen Bloomberg. Insgesamt

31 000 Firmenstandorte hat Matrix

mit seiner IT-basierten Stromverbrauchsdiagnose

unter Vertrag.

Damit begibt sich E.On auf einen Markt,

in den etwa auch die Deutsche Telekom

drängt. Der Bonner Konzern zielt mit seiner

Kommunikationstechnik auf das Energiesteuerungs-

und -abrechnungsgeschäft

und will dort bereits 2015 einen Umsatz

von einer Milliarde Euro erzielen. Und

»

ENERGIEWENDE-MONITORING

Kein Grün in Sicht

Höhere Stromkosten für private

Haushalte sowie stark gestiegene

CO 2 -Emissionen drücken die

bisherige Bilanz der Energiewende.

Am 30. Juni 2011 beschloss der Bundestag

den Ausstieg aus der Atomkraft bis

2022. Das Monitoring der Energiewende,

das die WirtschaftsWoche zusammen mit

der Unternehmensberatung A.T. Kearney

seitdem zum dritten Mal vorlegt, ist eindeutig:

Die Aussichten, dass das Jahrhundertprojekt

gelingt, haben sich weiter getrübt.

Beim Umstieg auf Sonnen- und

Windstrom hakt es an fast allen Ecken.

Wie in den Vorjahren ist die Energiewende

am weitesten vom Ziel einer bezahlbaren

und wirtschaftlichen Energieversorgung

entfernt. War das Ziel 2012

noch zu 49 Prozent erreicht, sank der

Wert 2013 auf nur noch 26 Prozent. Den

Grund sehen die Experten von A.T. Kearney

vor allem in der signifikant gestiegenen

Umlage für Ökostrom nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz

(EEG) und

der Belastung der privaten Haushalte

durch gestiegene Energiekosten.

Die EEG-Umlage in Höhe von 6,24 Cent

seit diesem Jahr könnte 2015 allerdings

wieder leicht sinken, nach Schätzung des

Berliner Thinktanks Agora Energiewende

auf 5,8 bis 6,2 Cent. Grund seien Prognosefehler

in der Vergangenheit, die bis

2015 ausgeglichen worden seien.

Während die privaten Kunden für ihre

Stromrechnung immer tiefer in die Tasche

greifen müssen, wird der Strom für

die Industrie stetig billiger. Nach der Stilllegung

von acht deutschen Atommeilern

sind entgegen den meisten Prognosen die

Strompreise nicht deutlich gestiegen,

sondern gesunken, teilte das Internationale

Wirtschaftsforum Regenerative Energien

(IWR) in Münster mit. Noch kurz

nach dem Reaktorunfall in Fukushima im

Jahr 2011 musste an der Strombörse für

Grundlaststrom deutlich über sechs Cent

pro Kilowattstunde bezahlt werden. Für

das Lieferjahr 2017 können Großabnehmer

und die Industrie heute ihren Strom

am Terminmarkt für aktuell nur noch 3,2

Cent pro Kilowattstunde einkaufen. Das

sind laut IWR die niedrigsten Strompreise

seit über zehn Jahren. Zum Vergleich: Im

Spitzenjahr 2008 musste die Industrie den

Strom noch für rund neun Cent pro Kilowattstunde

einkaufen.

Etwas näher als im Vorjahr ist die Energiewende

am Ziel einer sicheren Stromversorgung.

Laut A.T. Kearney bestehe jedoch

nach wie vor Handlungsbedarf: Die Zahl der

Unterbrechungen im Stromnetz hätte zwar

im vergangenen Jahr den niedrigsten Stand

seit Jahren erreicht, demgegenüber hätten

sich jedoch die Minuten ohne Strom pro

Jahr um vier Prozent erhöht. Zudem sorgen

Verzögerungen beim Netzausbau dafür,

dass es weiterhin keine Entwarnung für die

Zukunft gibt.

Die Zustimmung der Bevölkerung für die

Energiewende ist zwar nach wie vor hoch,

aber grundsätzlich seit 2010 rückläufig.

Der Kostenanstieg bei den Strompreisen für

Haushaltskunden wirkt sich negativ auf die

Zustimmung aus. Nach einer Umfrage des

Meinungsforschungsinstituts Allensbach,

aus der Institutschefin Renate Köcher vergangene

Woche in einem Gastbeitrag für

die WirtschaftsWoche zitierte, liegt die Zustimmung

„stabil bei 70 Prozent“. Immerhin

15 Prozent hielten den eingeschlagenen

Weg jedoch für falsch, so Köcher.

Vom Ziel der umweltfreundlichen Energieversorgung

ist die Energiewende ebenfalls

weiter entfernt als ein Jahr zuvor. Das

liegt vor allem an den stark gestiegenen

CO 2 -Emissionen, die den Höchstwert seit

2008 erreicht haben. Der Stromverbrauch

ist zwar insgesamt leicht rückläufig, das

Tempo reiche aber laut Einschätzung der

Berater nicht, um die für 2020 gesteckten

Ziele zu erreichen.

Vor allem die Frühwarnindikatoren für die

Umweltverträglichkeit unterstreichen den

dringenden Handlungsbedarf. Die CO 2 -Intensität

der Stromerzeugung nimmt zu statt

ab. Einer der Gründe sind die niedrigen

Preise für die Emissionszertifikate, die den

Stromerzeugern keine genügenden Anreize

bieten, auf CO 2 -arme Anlagen zu setzen.

Die Einspeisevergütungen für Ökostrom

wurden 2013 erneut gesenkt. Das sorgte jedoch

nicht dafür, dass die Entwicklung von

Ökostromprojekten die Ausbaupläne gefährden.

Der Anteil der erneuerbaren Energien

am Brutto-Inlands-Stromverbrauch

stieg nach vorläufigen Angaben des Bundesverbands

des Energie- und Wasserwirtschaft

im ersten Quartal 2014 auf 27 Prozent

gegenüber 23 Prozent vor einem Jahr.

mario.brueck@wiwo.de

42 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Ziel 1der Energiewende: Sichere Stromversorgung

Erreicht (in Prozent) Netzausfälle 1 Minuten pro Jahr

ohne Strom 1

99

206300 206700

15,9

2010

61

50

2011 2012

61

199000

1

Daten jeweilsEndedes Vorjahres; 2 Wert desVorjahres

191000

2013 2010 2011 2012 2013

14,6

14,9

15,3

Kraftwerksreserven

(in Prozent des Wertes

von 2010)

100

9 9 2

2010 2011 2012 2013 2010 2011 2012 2013

Aussicht, das Ziel

bis 2020 zu erreichen

nicht erreicht/Erreichung gefährdet

zum Teil nicht erreicht/

Erreichung offen

erreicht/Erreichung wahrscheinlich

27 2 2010 2011 2012 2013

Ziel 2: Zustimmung der Bevölkerung zur Energiewende

Erreicht (inProzent)

80

75

70

66

AkzeptanzEE 1 -Anlageninder

Nachbarschaft (inProzent)

80

Zahl der Kommunenmit Klimaschutzzielen

(inProzent)

80

Aussicht, das Ziel

bis 2020 zu erreichen

70

75

2010 2011 2012 2013

60

70

2010 2011 2012 2013 2010 2011 2012

2010 2011 2012 2013

1

Erneuerbare Energien

Ziel 3: Umweltfreundliche Energieversorgung 1

Erreicht (in Prozent)

60

92 89

69

Anteil erneuerbarer Energien

am Endenergieverbrauch

(in Prozent der

Zielgröße)

108

100 100

Anteil der erneuerbaren

Energien am Stromverbrauch

(in Prozent der

Zielgröße)

108

99

100 100

Minderung CO 2 -Emissionen

(in Prozent der Zielgröße)

Aussicht, das Ziel

bis 2020 zu erreichen

Ziel:100%

92

77

82

76

65

2010 2011 2012 2013

1

gemessen an den Zwischenzielen in jedem Jahr

2010 2011 2012 2013 2010 2011 2012 2013 2010 2011 2012 2013

2010 2011 2012 2013

Ziel 4: Bezahlbare und wirtschaftliche Energieversorgung

Erreicht (in Prozent)

53

48 49

26

EEG-Umlage

(in Cent/kWh)

2,05

3,59

5,28

6,24

Strompreise für Industriekunden

(in Cent/kWh)

9,14

8,99

8,95

8,83

Strompreise für Haushalte

(in Cent/kWh)

14,91

13,70

13,95

14,41

Aussicht, das Ziel

bis 2020 zu erreichen

2010 2011 2012

2013

2010 2012 2013 1 2014 1 2010 2011 2012 2013 2010 2011 2012 2013

2010 2011 2012 2013

1

ab 1. Januar Quelle:A.T.Kearney

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 43

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Unternehmen&Märkte

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auch Google sieht im Zusammenwirken

von Internet, Stromzähler und Steuerungsgerät

einen neuen Markt für das „Smart

Home“, also für Überwachung sowie Fernsteuerung

von Licht und Temperatur. Aus

diesem Grund erwarb der Internet-Riese

2013 das US-Unternehmen Nest, einen

Hersteller von Rauchmeldern.

Ob die Stromkonzerne sich mit Google

und Telekom um jeden Privathaushalt

streiten werden, ist allerdings fraglich.

„Großes Geschäft wird immer noch mit

Großkunden gemacht“, sagt ein E.On-

Kraftwerksmanager, der dem neuen, kleinteiligen

Dienstleistungstrend immer noch

nicht so ganz traut. Ein Vertrag, den E.On

vor einem Jahr mit der Handelsgruppe Metro

geschlossen hat, soll dabei Modellcharakter

haben: E.On errichtet zunächst an

zwei deutschen und zwei russischen Metro-Märkten

gasbetriebene Blockheizkraftwerke.

Die Läden werden damit sowohl

beheizt als auch mit Strom versorgt. E.On

plant, finanziert, baut und wartet die Minikraftwerke

und tritt als Generalunternehmer

auf.

NEUE TAUSCHGESCHÄFTE

Im Wettbewerb um solche sogenannten

Contracting-Projekte sehen sich die Stromriesen

im Vorteil gegenüber mittelständischen

Konkurrenten, weil sie mit ihrer Finanzkraft

punkten können. So preist RWE-

Geschäftskunden-Chef Stangel vor allem

seinen langen Atem. „Wir bieten bei unserem

Contracting-Angebot Pachtverträge

über 18 Jahre an, in denen ein festes Pachtgeld

vereinbart wird, das an die Ersparnis

am Stromverbrauch gekoppelt ist.“ Für die

Installation, den Betrieb, die Wartung und

die Versicherung dieser Anlagen schaltet

RWE meist örtliche Installateure ein. „Wir

verfügen über ein ausgedehntes Handwerker-Netzwerk“,

sagt Stangel.

Zugleich nutzt RWE die bisherige Expertise

im Großkraftwerksgeschäft, indem der

Konzern die einzelnen Minikraftwerke in

einer Region vernetzt. So haben die Essener

im Münsterland gut 400 Kleinkraftwerke

in mittelständischen Betrieben zu einem

„virtuellen Kraftwerk“ verbunden.

Wenn nötig kann ein höherer Strombedarf

in einem Unternehmen von einem unausgelasteten

Kraftwerk eines anderen gedeckt

werden. „Innerhalb des Netzwerkes

können die Kunden voneinander lernen,

wie Stromkosten eingespart werden können“,

sagt Stangel.

Im Kampf um den Kunden kennt die

Fantasie der Großstromer offenbar keine

Aktien-Info RWE

ISIN DE0007037129

110

100

90

80

70

60

50

2011 2012 2013 2014

Umsatz (in Mrd. €)

Mitarbeiter

Nettoergebnis (in Mrd. €)

Netto-Umsatzrendite (in %)

Verschuldung* (in Mrd. €)

Eigenkapialrendite (in %)

Investitionen (in Mrd. €)

Aktueller Börsenkurs (in €)

Börsenwert(in Mrd. €)

Chance

Risiko

Niedrig

E.On

Indexiert: seit 1.7.2011 (= 100)

RWE

51,4

66 341

-2,65

-5,2

30,7

-27,7

4,6

29,34

17,8

EnBW

E.On

122,5

62 239

2,14

1,7

32,0

6,3

8,1

14,43

28,9

Quelle: Thomson Reuters, Bloomberg, Unternehmen

RWE

EnBW

20,5

19 822

0,05

0,2

7,3

1,0

1,1

27,49

7,6

*Wirtschaftl. Nettoverschuldung bzw.(bereinigte) Nettoschulden

Hoch

Anleger setzen darauf, dass RWE 2014 die Gewinnwende

schafft und politische Rückendeckung bekommt. Die Bewertung

der Aktie ist noch moderat, allerdings darf RWE

die Anleger nicht ein weiteres Mal enttäuschen; die Aussicht

auf einen Euro Dividende je Aktie stützt den Kurs.

Grenzen mehr. So macht RWE neuerdings

etwas nach, was die Strommanager allem

Anschein nach bei ProSiebenSat.1 abgeschaut

haben: Der Fernsehsender bietet

jungen Internet-Firmen an, Werbung zu

schalten, und bekommt dafür zum Beispiele

Anteile an dem Start-up. Eine ähnliche

Kooperation ist RWE mit dem Internet-Portal

ImmoScout eingegangen.

Ziehen Haushaltskunden in ein anderes

Bundesland, wechseln sie damit meist

den Stromversorger. Um dem entgegenzuwirken,

wirbt RWE kostenlos in dem

Maklerportal für günstige Stromtarife. Im

Gegenzug darf ImmoScout bei RWE in den

konzerneigenen Mitarbeiterpublikationen

mit einer Gesamtauflage von 3,4 Millionen

Exemplaren zum Nulltarif inserieren. „Solche

Tauschgeschäfte waren für uns bisher

neu“, sagt ein RWE-Manager.

Dass diese Art von Beweglichkeit und

die neue Dienstleistungsorientierung

nicht nur bei Contracting-Kunden stehen

bleibt, sondern auch Aktionäre erfreuen

soll, zeigt EnBW. Der Konzern gehört zu je

46 Prozent dem Land Baden-Württemberg

und den oberschwäbischen Kommunen.

Um die Gemeinden von Ausgaben zu entlasten

und die mächtigen Landräte von

der Innovationskraft des Stromkonzerns

zu überzeugen, bietet EnBW nun den

Kommunen Energieberatung an, zum Beispiel

bei der Beleuchtung von Straßen und

Plätzen.

So stellte Konzernchef Mastiaux im April

bei der Hauptversammlung in Karlsruhe

stolz eine neue Straßenlaterne mit integrierter

Notrufsäule und Bewegungsmelder

vor. Der schaltet die Lampe erst dann

an, wenn des Nachts ein Passant vorbeigeht.

Dadurch würden die Stromkosten einer

Kleinstadt um gut 20 Prozent sinken,

lobt ein EnBW-Manager die Idee.

ERSTE FEHLSCHLÄGE

Auf solche Einfälle kommen auch andere.

So stellte am vorvorigen Freitag der niederländische

Elektrogerätehersteller Philips

eine Kooperation mit der Nordseeinsel Sylt

vor. Das Jetset-Eiland soll künftig zusammen

mit Philips flächendeckend und bei

Bedarf mehrfarbig illuminiert werden.

Dass es auch Fehleinschätzungen geben

kann, zeigt das Beispiel Volkswagen. Europas

größter Autobauer war vor fünf Jahren

eine Kooperation mit dem Hamburger

Ökostromanbieter Lichtblick beim Bau

von Miniblockheizkraftwerken eingegangen,

diese stellt VW in Salzgitter her. Es

sollte eine „Revolution am Strommarkt“

werden. Bis 2018 wollte Lichtblick 100 000

Miniblockheizkraftwerke in deutschen

Wohn- und Geschäftshäusern installieren,

die dort Strom und Wärme erzeugen sollten.

Geplant war, die Anlagen mit einer

Software (interner Arbeitstitel: „Schwarmenergie“)

zu vernetzen.

Doch Lichtblick verkaufte angeblich zu

wenig Zuhause-Kraftwerke. VW schlug eine

andere, „nachgebesserte“ Geschäftsbeziehung

vor. Für Lichtblick drohte das Geschäft

unwirtschaftlich zu werden. Als

nach der jüngsten Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes

die vollständige

Umlagebefreiung bei Eigenstromerzeugung

wegfiel, wurden nach Einschätzung

von Insidern die Geschäftsaussichten der

Kooperation schlechter. VW und Lichtblick

stoppten die Zusammenarbeit.

Ähnliches befürchten nun die großen

Stromversorger auf ihrem Weg in neue

Märkte. Denn künftig will Wirtschaftsminister

Sigmar Gabriel den bisher freien Eigenstromverbrauch

mit 40 Prozent der

Ökostromumlage belasten, rund 2,5 Cent

pro Kilowattstunde. „Das wäre das Eigentor

der Energiepolitik“, sagt ein Manager eines

großen Stromversorgers.

n

andreas.wildhagen@wiwo.de, mario brück

44 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»Wir wären bereit, zu klagen«

INTERVIEW | Jacques van den Broek Der neue Chef von Randstad, dem weltweit zweitgrößten Leiharbeitskonzern,

will in Deutschland den Angriff von Adecco und gesetzliche Einschränkungen abwehren.

DER BESTÄNDIGE

Van den Broek, 54,

arbeitet seit 1988 für

die niederländische

Randstad-Gruppe, die

in Diemen bei Amsterdam

ihren Sitz hat und

in Deutschland Marktführer

ist. Am 1. März

dieses Jahres wurde

der Jurist Vorstandschef

des Konzerns.

Herr van den Broek, einer Sekretärin, die

2013 ihren Job verloren hat, habe ich gestern

ein seriöses Zeitarbeitsunternehmen

empfohlen, das ich kenne...

...also Randstad.

Nein, ein anderes. Sie hat geantwortet:

„Zeitarbeit ist natürlich das Allerletzte,

was man versucht.“ Wissen Sie, dass viele

Arbeitnehmer in Deutschland so denken?

Ja. Aber den schlechten Ruf hat die Branche

vor allem bei Leuten, die sie nicht kennen.

Da gibt es noch einiges zu tun für uns.

Ihre Bekannte sollte wissen, dass Randstad

2013 im kaufmännischen Bereich bundesweit

durchschnittlich eine Vermittlungsquote

von 35 Prozent hatte. Branchenüblich

sind 20 bis 30 Prozent. Randstad wäre

also ein guter Tipp für die Dame. Sie verpasst

sonst die Chance, bei einem unserer

Kunden einen guten Job zu bekommen –

das wäre doch schade.

Ist Ihre Branche in anderen Ländern auch

so unbeliebt wie in Deutschland?

In Holland hat die Zeitarbeit auch nicht

den besten Ruf. Aber nirgends finde ich die

Kritik an der Zeitarbeit so paradox wie in

Deutschland.

Warum?

Deutschland war vor zehn Jahren, was jetzt

Frankreich ist: eine unflexible, schwache

Wirtschaft. Dann machte der sozialdemokratische

Bundeskanzler Gerhard Schröder

mit seiner Agenda 2010 den Arbeitsmarkt

flexibler. Das ist nicht die einzige Ursache,

warum es Deutschland wieder viel

besser geht, aber eine wichtige. Trotzdem

erleben wir jetzt einen Reflex der Politik.

Sie will das Rad wieder zurückdrehen.

Aber warum?

Weil die Branche ihre Freiheiten missbraucht

hat?

Was verstehen Sie unter Missbrauch?

Dumpinglöhne, Tarifumgehung – Stammarbeitnehmer

mussten in schlechter bezahlte

Zeitarbeitsverhältnisse wechseln.

Das hat es gegeben. Aber es wird zu viel

über die negativen Einzelfälle geredet und

zu wenig über Zehntausende von Leuten,

die jedes Jahr neu eingestellt wurden. Mehrere

Jahre hat keine Branche mehr Arbeitsplätze

in Deutschland geschaffen als die

Zeitarbeit. Und die Zeitarbeit hat sich ge-

FOTO: PR

46 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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ändert: Es gibt heute gute Tarifverträge.

Unsere Einstiegstarife in der Entgeltgruppe

1 liegen in Westdeutschland über dem jetzt

diskutierten gesetzlichen Mindestlohn von

8,50 Euro pro Stunde. Auch in Ostdeutschland

wird ab Juni 2016 der Mindestlohn

von 8,50 Euro bezahlt.

Der Mindestlohn macht Ihnen also keine

Sorgen, wenn er in Kraft tritt?

Nein. Aber wenn der Mindestlohn zu

schnell steigt, werden Unternehmen, denen

schon kleine Kostensteigerungen die

Marge wegnehmen, neue Standorte suchen.

Autozulieferer zum Beispiel. Polen

ist nicht weit für die deutsche Industrie.

Was halten Sie von den Berliner Plänen,

Arbeitnehmerüberlassungsverträge auf

18 Monate zu befristen?

Das ist keine gute Idee. Welches Problem

wollen wir damit lösen? Zeitarbeiter, die

gute Arbeit leisten, müssen dann nach 18

Monaten das Unternehmen verlassen, wo

wir sie einsetzen, und in einen anderen

Einsatz gehen. Das ist vor allem bei höher

qualifizierter Projektarbeit nachteilig für

Kunden und Mitarbeiter gleichermaßen.

Oder sie werden vom Einsatzbetrieb nach

18 Monaten übernommen.

Sicher nicht der überwiegende Teil. Leider

übersehen Politik und Medien, dass Zeitarbeitsjobs

in keinem anderen Land – ausgenommen

in Österreich – so sicher sind wie

in Deutschland. In vielen anderen Ländern

sind die Zeitarbeitsunternehmen reine

Vermittler befristeter Arbeitsverhältnisse.

Dort ist nach einem Einsatz das Arbeitsverhältnis

zu Ende, und die Arbeitsverträge

sind somit von Anfang an auf den Auftrag

befristet. In Deutschland hingegen sind

Zeitarbeitsunternehmen vollwertige Arbeitgeber

mit allen gesetzlichen Pflichten

plus denen aus dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz.

Sie stellen die Mitarbeiter

bei sich selber fest an – befristet oder unbefristet

– und zahlen Lohn auch für einsatzfreie

Zeiten. Weshalb also die 18 Monate?

Weil betroffene Arbeitnehmer es als unfair

empfinden, auf Dauer Zeitarbeitskräfte

zu bleiben und nicht in die Stammbelegschaft

des entleihenden Unternehmens

übernommen zu werden.

Jede Wirtschaft braucht aber gute Flexibilität.

Ohne sie kann kein Land konkurrieren

im Weltmarkt. Sonst werden Arbeitsplätze

verschwinden. Wenn man die gute Flexibilität

weiter einschränkt, wird es nicht mehr

feste Arbeitsverhältnisse geben, sondern

mehr schlechte Flexibilität.

Sehen Sie noch die Chance, die Höchstüberlassungsdauer

zu verhindern?

Aktien-Info Randstad

ISINNL0000379121

Indexiert: seit einem Jahr =100

160

Randstad

150

140

130

Adecco

120

110

100

90

2013 2014

Umsatz (in Mio.€)

Interne Mitarbeiter (12/2013)

Gewinn (in Mio.€)

Umsatzrendite (in %)

Eigenkapitalrendite (in %)

Kurs (16.06.14, in €)

KGV12/2014

Börsenwert(in Mio.€,6/2014)

Zeitarbeitskräfte

Geschäftsjahr zum 31.12.2013

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle: Thomson Reuters, Bloomberg

Randstad

16 568,3

28 030

230,7

1,4

9,1

41,06

15,37

7394

570 000

Adecco

19 503

31 000

557

2,9

16,4

60,84

15,92

11525

650 000

Hoch

Die Aktie hatPotenzial, wenn die europäische Konjunktur

anzieht und wenn Randstad in Deutschland die gesunkene

Marge wieder steigert. Die wirtschaftlichen Probleme in

Frankreich treffen Adecco aufgrund stärkerer Marktpräsenz

weitaus härter als Randstad.

Ja, denn Brüssel steht der Zeitarbeit positiv

gegenüber. Der zuständige EU-Kommissar

Lazlo Andor hat uns geschrieben, er werde

jetzt alle Länder mit unzulässigen Beschränkungen

der Zeitarbeit fragen, warum

sie die EU-Richtlinie von 2008 noch

nicht umgesetzt haben. Die verbietet Einschränkungen

der Zeitarbeit. Eine Begrenzung

auf 18 Monate verstößt gegen den

Geist dieser EU-Richtlinie. Uns vorzuschreiben,

wie lange wir Mitarbeiter an einem

Arbeitsplatz beschäftigen dürfen, ist

ein Eingriff in unsere Vertragsfreiheit.

Würden Sie auf Grundlage der EU-Richtlinie

gegen die Höchstüberlassung klagen?

Dazu wären wir bereit.

Werden Zeitarbeitsunternehmen versuchen,

die Befristung zu umgehen – indem

sie etwa Mitarbeiter zu eigenen Tochtergesellschaften

verschieben und von da

aus erneut zum selben Kunden vermitteln

wie zuvor?

Für die Branche hoffe ich es nicht. Für

Randstad kann ich sagen, dass wir uns daran

nicht beteiligen und uns an die gesetzlichen

Bestimmungen halten.

Medienberichten zufolge beendet gerade

Randstad aber bei der Telekom-Tochter

T-Systems langfristige Zeitarbeitseinsätze

– eine Randstad-Tochter schickt die Leute

dann als Werkvertragskräfte erneut zu

T-Systems. Kennen Sie den Vorgang?

Nein, den kenne ich nicht. Aber ich bin sicher,

dass die Kollegen in Deutschland ihr

Geschäft nach gültigen gesetzlichen Regelungen

handhaben. Grundsätzlich steht

Randstad nicht für Umgehungen von

rechtlichen Vorgaben oder für Tricks wie

Ketten-Arbeitnehmerüberlassung, Drehtüreffekt

und Ähnliches zur Verfügung.

Bessere Tarifverträge und Branchenzuschläge

haben die Zeitarbeit in Deutschland

verteuert? Wer bezahlt das?

Dadurch steigt zwar unser Umsatz in

Deutschland, unsere Marge jedoch nicht.

Es kommt auf die Preisverhandlungen mit

unseren Kunden an.

Randstad als Massenanbieter tritt in

Deutschland auf der Stelle. Warum ist

Adecco im margenstarken Geschäft mit

Fachkräften besser als Sie?

Zunächst: Wir verstehen uns nicht als Massenanbieter,

sondern als Full-Service-Anbieter.

Adecco hat 2006 die DIS AG gekauft

– für sehr viel Geld. Das fanden wir zu teuer.

Aber DIS ist ein gutes Unternehmen.

Deshalb hat Adecco zurzeit mehr Professionals

und Spezialisten als wir. Derzeit hat

Randstad Deutschland einen deutlich höheren

Anteil an gewerblichen Mitarbeitern

im Vergleich zu höher Qualifizierten wie

kaufmännischen Mitarbeitern oder Ingenieuren.

Aber auch hier weiten wir unsere

Aktivitäten derzeit deutlich aus.

Sie kommen mit der Dachmarke Randstad

gegen die eigenständigen Marken

von Adecco nicht an?

Das hat nichts mit der Marke zu tun. Andere

Ländergesellschaften machen unter

dem Namen Randstad ein gutes Geschäft

im Professionals-Bereich. Dass Randstad

als Unternehmen und Marke identisch ist,

hilft uns bei Großkunden wie Philips und

ThyssenKrupp, wo wir Komplettanbieter

sind. Bei Adecco hingegen geht nicht die

»Die Poleposition in Deutschland

werden wir nicht freiwillig räumen«

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WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 47

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Unternehmen&Märkte

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Gruppe zu den Kunden, sondern jedes

einzelne Unternehmen.

Trotzdem greift Adecco-Deutschland-

Chef Andreas Dinges Ihre Marktposition

an. Dinges hat erklärt, er wolle Randstad

von der Branchenspitze verdrängen. Was

tun Sie dagegen?

Die Poleposition in Deutschland ist uns

wichtig. Die werden wir nicht freiwillig räumen,

sondern verteidigen, indem wir

wachsen – insbesondere im Professionals-

Bereich. Das müsste in der Tat schneller

gehen. Deshalb haben wir für den Ingenieur-

und IT-Bereich einen neuen Geschäftsführer

in Deutschland eingestellt.

Könnten Sie mit einer größeren Übernahme

den Spezialistenbereich stärken?

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass eine

Übernahme vor allem dann gut gelingt,

wenn man selber seine Hausaufgaben in

dem jeweiligen Geschäftsbereich gemacht

hat. Daran arbeiten wir derzeit intern. Daher

wäre es jetzt kein guter Moment, um im

Professionals-Bereich in Deutschland etwas

zu kaufen.

Wie unterscheiden sich die Margen zwischen

einfacher Zeitarbeit und dem Spezialistenbereich?

Zweikampf an der Spitze

Die größten Arbeitskräfteverleiher

in Deutschland 2013

Randstad

Adecco

Persona Service

Manpower

Autovision

Quelle: Lündendonk

Umsatz

in Mio. Euro

1880

1571

662

576

550

Zeitarbeitnehmer

60000

40000

18000

19000

13000

In unserer weltweiten Strategie streben wir

insgesamt einen Gewinn vor Zinsen, Steuern

und Abschreibungen von fünf bis sechs

Prozent an: vier bis fünf im Inhouse-Bereich,

also mit Sitz im Kunden-Unternehmen,

fünf bis sieben Prozent im einfachen

und acht Prozent im Professionals-Bereich.

Ist Deutschland ein Krisenland im Portfolio

der weltweit insgesamt 39 Randstad-

Gesellschaften?

Nein. Wenn zehn Prozent des Geschäfts einen

Mangel an Wachstum hat, ist das keine

Krise. Deutschland ist wichtig für uns, die

größte Wirtschaft Europas mit weniger

Zeitarbeitskräften als im europäischen

Durchschnitt – also mit viel Potenzial.

Manpower ist in 80 Ländern aktiv, Adecco

in 60. Lassen Sie Chancen ungenutzt?

Die 39 Länder rund um den Globus decken

90 bis 95 Prozent des Weltmarktes ab. Es ist

leichter, in einem florierenden Markt zwei

oder drei gute Leute im Management zusätzlich

einzustellen und damit zwei, drei

Millionen Euro zusätzlichen Umsatz zu erwirtschaften,

als in Ländern mit kleineren

Märkten mit geringem Potenzial neu einzusteigen

und jahrelang Anlaufverluste zu

haben. Es gibt allenfalls zwei oder drei Länder,

die für uns noch interessant sein könnten

in den nächsten drei bis fünf Jahren.

Aber kurzfristig haben wir nicht die Absicht,

in neue Märkte einzusteigen.

Manpower und Adecco haben dem Emirat

Katar angeboten, Personal für den Bau

von WM-Stadien zu rekrutieren. Und Sie?

Wir haben uns das angeschaut. Das ist ein

großes Geschäftsvolumen, aber nicht profitabel.

Man sollte nur etwas unterstützen,

wovon man glaubt, dass es ein Erfolg wird.

Die WM in Katar gehört aus meiner Sicht

nicht dazu. Die Arbeitsumstände für die

Arbeiter sind nicht akzeptabel. Außerdem:

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Ich habe 30 Jahre Fußball gespielt. Bei 50

Grad im Schatten geht das nicht.

Wieso sponsern Sie als Ex-Fußballer kein

Fußball-, sondern ein Formel-1-Team?

Weil unsere Recherchen ergeben haben,

dass uns das weltweit die größte Aufmerksamkeit

schaffen würde. Es ist der Sport

Nummer eins im TV, der ein großes Publikum

anspricht. Formel-1-Rennen finden

auch in den Ländern statt, in die wir mit

unserem Clipper „Stad Amsterdam“ nicht

hinsegeln können, und schafft uns dort

Aufmerksamkeit. Wir setzen die Formel 1

auch zur Rekrutierung von Bewerbern und

als Incentive für unsere Mitarbeiter ein.

26 Jahre Randstad, zehn im Vorstand,

nun weltweiter Konzernchef. Reizte Sie

nie eine Branche mit besserem Image?

Das Branchenimage war für mich nicht so

ausschlaggebend. Wir finden pro Jahr Jobs

für zwei Millionen Menschen weltweit. Wir

senken die Arbeitslosigkeit. Wir bieten den

Unternehmen die erforderliche Flexibilität.

Für die Sorgen der Wirtschaft in Europa

sind wir die Lösung, nicht das Problem.

Daran bin ich beteiligt, und das macht

diese Branche für mich sehr attraktiv. n

harald.schumacher@wiwo.de

GESETZESÄNDERUNG

Strategie paradox

Künftig sollen Leiharbeitseinsätze

nach 18 Monaten zu Ende sein.

Der politische Druck unter der vergangenen

schwarz-gelben Bundesregierung und

die Rechtsprechung der Arbeitsgerichte

haben dafür gesorgt, dass sich die Zeitarbeitsbranche

wandeln musste. Dumping-

Tarifverträge der christlichen Gewerkschaften,

mit denen Unternehmen die mit den

DGB-Gewerkschaften vereinbarten Tarife

umgingen, verloren ihre Gültigkeit. Vereinbart

haben die Tarifparteien, dass kein

Zeitarbeiter mehr weniger als 8,50 Euro

pro Stunde bekommt. In acht Wirtschaftszweigen

erhalten Zeitarbeitskräfte zudem

Branchenzuschläge, die ihren Lohn schrittweise

an den des Stammpersonals in den

Einsatzbetrieben annähern.

Dass diese Gleichbezahlung von Leiharbeitnehmern

und Stammbelegschaft bald

nicht nur für 50, sondern für 100 Prozent

aller Zeitarbeitskräfte gilt, will die große

Koalition nun per Gesetz erreichen – und

noch viel mehr. Sie will auch festlegen, dass

der Einsatz eines Zeitarbeitnehmers in einem

Unternehmen bald nicht mehr länger

als 18 Monate dauern darf. So steht es im

Koalitionsvertrag. Praxisnah sei das nicht,

schimpfen Zeitarbeitsbranche und Personalchefs

in den entleihenden Betrieben.

Denn die Phasen, in denen Leihkräfte

Stammmitarbeiter vertreten, dauerten etwa

bei Elternzeit, bei Entwicklungsprojekten in

der Auto- oder Softwareindustrie oder auch

bei schweren Erkrankungen oft länger.

SOLIDERE JOBS

Längere Verleihzeiten will Berlin zwar

zulassen, wenn ein Tarifvertrag oder eine

darauf basierende Betriebsvereinbarung

dies zulässt. Doch die Strategie der Politik

bleibt paradox: Nachdem es weitgehend

gelungen ist, aus den oft prekären Jobs in

der Zeitarbeitsbranche solidere Arbeitsverhältnisse

zu machen, wird deren Nutzung

nun per Gesetz erschwert.

harald.schumacher@wiwo.de

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Unternehmen&Märkte

Ohne versteckte Hintertüren

SPIONAGEABWEHR | Europäische Unternehmen forschen an neuen Techniken für ein superschnelles

und sicheres Internet. Doch der Ausverkauf der IT-Sicherheitsanbieter in die USA läuft bereits.

nehmen und Forschungseinrichtungen

geben erstmals Einblick in ihre bislang geheimen

Entwicklungsarbeiten. Seit zwei

Jahren tüfteln sie an einem superschnellen

und zugleich supersicheren Internet, das

gegen Spionageangriffe ausländischer Geheimdienste

gewappnet ist. Ein Jahr nach

den Enthüllungen des ehemaligen NSA-

Agenten Edward Snowden wollen die Forscher

demonstrieren, dass Europa die Vormachtstellung

der Amerikaner untergraben

und ein Internet ohne Schwachstellen

und Hintertüren aufbauen kann.

Das Projekt ist nur Insidern in der IT-Szene

ein Begriff und firmiert unter dem Kürzel

Saser (Safe and Secure European Routing).

Dahinter verbirgt sich das derzeit

wohl prestigeträchtigste Projekt zur Wiedererlangung

der europäischen Souveränität

im Internet. Zum ersten Mal wollen

die beteiligten Unternehmen Komponenten

für supersichere Routing-Verfahren

zeigen, die ohne die durch die NSA-Affäre

in Verruf geratenen amerikanischen Web-

Giganten auskommen. Nur:Zwei beteiligte

Firmen wurden bereits in die USA verkauft.

Wenn Forscher der Weltöffentlichkeit

Bahnbrechendes vorstellen,

wählen sie gern einen Ort mit historischem

Flair. Die Berliner Kalkscheune,

fünf Gehminuten vom Brandenburger Tor

entfernt, ist so gesehen ein idealer Schauplatz.

In der aufwendig restaurierten und

denkmalgeschützten Fabrikhalle eröffnete

der Unternehmer Johann Caspar Hummel

zu Beginn des 19. Jahrhunderts die erste

Rote Karte Europa sucht Alternativen zu den

Produkten von Cisco-Chef John Chambers

Berliner Maschinenfabrik – ein Wegbereiter

der industriellen Revolution.

Am kommenden Dienstag werden die

alten Backsteinmauern erneut Zeuge einer

Pioniertat, die Eingang in die deutsche

Wirtschaftsgeschichte finden könnte. Vertreter

von 61 in Europa ansässigen Unter-

VORMACHTSTELLUNG BRECHEN

Das ursprünglich mit rein europäischen

Unternehmen besetzte Konsortium – mit

von der Partie sind die Deutsche Telekom

und Orange (ehemals France Télécom) sowie

Netzausrüster wie Nokia, Alcatel-Lucent

und der Münchner Glasfaserspezialist

Adva – soll die Vormachtstellung von

Router-Herstellern aus den USA (Cisco, Juniper)

und aus China (Huawei, ZTE) brechen.

Router sind Netzwerkgeräte, die Datenpakete

im Internet weiterleiten.

Dabei versuchen die Europäer nicht, den

Technologievorsprung führender Router-

Hersteller wie Cisco durch einen besseren

Router aufzuholen. Ziel sei, so Hermann

Rodler, Sprecher der Geschäftsführung der

Netzwerksparte von Nokia in Deutschland,

„eine völlig neue, softwarebasierte Netzarchitektur

zu schaffen, die wichtige Funktionalitäten

vom Router in die Cloud verlagert“.

Zentrale Aufgaben der Router, die

bisher den Datenverkehr steuern und kontrollieren,

wandern also als Programme in

die Rechenzentren.

FOTO: MICHAEL SEXTON FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

50 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Im neuen Gigabit-Zeitalter sollen alle

Schwachstellen in den Telekommunikationsnetzen

ausgemerzt sein, ohne dass die

Bedienbarkeit leidet. In einer völlig vernetzten

Welt, in der sich auch Maschinen

über das Internet gegenseitig automatisch

steuern, darf es keine Hintertüren für Sabotageakte

und Spionageangriffe geben.

„Wir wollen an die alten Erfolge der Europäer

beim Bau von Kommunikationsnetzen

anknüpfen“, sagt Nokia-Manager Rodler.

Saser sei dafür ein „wichtiger Baustein“.

Auch der bei Alcatel-Lucent zuständige

Koordinator Eugen Lach ist zuversichtlich:

„Die Projektziele werden erreicht.“

Die Feierlaune der Forscher in der Kalkscheune

trübt allerdings ein kleiner Schönheitsfehler.

Denn die Europäer sind bei

diesem vor zwei Jahren vom Bundesforschungsministerium

aufgelegten Projekt

nicht mehr unter sich. Wichtige Teilergebnisse

drohen nun in die USA abzufließen.

Denn bei zwei der an Saser beteiligten

Unternehmen haben Amerikaner die Kontrolle

übernommen: Stonesoft, ein finnischer

Sicherheitsspezialist, wurde 2013 für

knapp 390 Millionen Dollar vom Virenschützer

McAfee übernommen und gehört

Deutsche Firmen

für IT-Sicherheit

warten noch auf

Snowden-Effekt

damit heute zum Imperium des US-Chipproduzenten

Intel. Und das Berliner Startup

U2t Photonics, spezialisiert auf superschnelle

optische Übertragungstechnologien,

wurde Anfang dieses Jahres vom US-

Glasfaserhersteller Finisar für rund 20 Millionen

Dollar geschluckt. Die Konsortialpartner

hoffen nun, dass sich die beiden an

die Vorgaben halten und die Forschungsergebnisse

nur in Europa verwerten.

Die Übernahmen sind symptomatisch

für die Lage der Branche in Europa. Vor allem

die deutschen Anbieter von IT-Sicherheit,

die eine hohe Expertise beispielsweise

bei Verschlüsselungsverfahren besitzen,

seien zwar „international grundsätzlich

wettbewerbsfähig“, urteilte bereits vor vier

Jahren eine vom Bundeswirtschaftsministerium

in Auftrag gegebene Marktstudie.

„Allerdings“, warnten die Autoren, „besteht

sie nahezu ausschließlich aus kleineren

und mittleren Unternehmen, für die es bisweilen

schwierig ist, sich gegen ausländische

Global Player zu behaupten.“

Vor einem Jahr, im Sog der ersten NSA-

Enthüllungen, hofften auf Spionageabwehr

spezialisierte deutsche Anbieter wie

Secunet Security Networks (Essen), Genua

(Kirchheim/Bayern) oder Lancom Systems

(Würselen bei Aachen) noch auf mehr

Großaufträge aus der Wirtschaft. Doch der

Wachstumsschub blieb bisher aus. Die IT-

Sicherheitswirtschaft wird 2014 zwar stärker

als andere IT-Marktsegmente um 6,3

Prozent wachsen, ermittelte das Brandenburgische

Institut für Gesellschaft und Sicherheit.

Doch die Hoffnung, mit zweistelligen

Zuwachsraten eine Aufholjagd gegen

die viel größeren Konkurrenten im Ausland

zu starten, erfüllt sich nicht.

Unternehmer wie Ralf Koenzen, Gründer

und Geschäftsführer von Lancom Systems,

sind erstaunt, wie wenig Betriebe Konsequenzen

ziehen: „Gäbe es einen Souveränitätsindex,

würde der sogar weiter fallen“,

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Unternehmen&Märkte

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meint Koenzen. „Während zum Beispiel

US-Netzinfrastrukturhersteller in Schwellenländern

wie Brasilien und Indien aufgrund

der NSA-Affäre massive Umsatzeinbußen

verzeichnen, bleibt eine derart dramatische

Änderung des Investitionsverhaltens

in Deutschland aus.“

Marktbeobachter befürchten einen Ausverkauf

der mittelständischen IT-Sicherheitsanbieter.

Vor allem IT- und Telekomriesen

wie Japans NTT, die amerikanische

IBM und die französische Orange entdecken

die Cyberabwehr als lukratives Geschäftsfeld

und stellen gerade Shoppinglis-

Quasi-Monopolist Cisco

Weltweite Marktanteile beim Verkauf von

Internet-Routern an Unternehmen 2013

(in Prozent)

Andere

Hewlett-

Packard

Juniper

Networks

Quelle: IDC

16,7

6,0

7,1

Gesamt:

3,7

Mrd. Dollar

70,2

Cisco

ten mit potenziellen Übernahmekandidaten

zusammen.

In dieser Liga spielt in Deutschland derzeit

nur die Telekom mit, die ebenfalls

nach Verstärkungen für ihren neuen Geschäftsbereich

Cyber Security sucht. T-Systems-Chef

Reinhard Clemens empfiehlt

sich gar als weißer Ritter, um einen ungewollten

Know-how-Transfer ins Ausland

zu verhindern. Als im Februar die eng mit

Polizei- und Sicherheitsbehörden kooperierende

Rola Security Solutions aus Oberhausen

zum Verkauf stand, schlug Clemens

kurzerhand selbst zu. „Durch die

Übernahme von Rola behält Deutschland

die technologische Souveränität“, heißt es

bei der Telekom.

Künftig strebt die Telekom einen Schulterschluss

mit ausgesuchten deutschen IT-

Sicherheitsanbietern an. „Wir wollen mit

weiteren deutschen IT-Sicherheitsfirmen

zusammenarbeiten, um ein Cluster ,Cybersecurity

made in Germany‘ aufzubauen“,

kündigt Jürgen Kohr, Chef des Geschäftsbereichs

Cyber Security, an. Im Einzelfall

ist die Telekom aber auch bereit, fehlendes

Know-how dazuzukaufen.

CDU/CSU und SPD hatten eine stärkere

Förderung der deutschen IT-Sicherheitsindustrie

im Koalitionsvertrag festgeschrieben.

„Zur Rückgewinnung der technologischen

Souveränität unterstützen wir die

Entwicklung vertrauenswürdiger IT- und

Netzinfrastruktur sowie die Entwicklung sicherer

Soft- und Hardware“, formulierten

die Koalitionäre und setzten die Internet-Sicherheit

ganz oben auf ihre digitale Agenda.

Und, als hätten sie es geahnt, fügten sie

einen weiteren Handlungsauftrag hinzu:

„Wir prüfen, inwieweit ein Ausverkauf von

nationaler Expertise und Know-how in Sicherheits-Schlüsseltechnologien

verhindert

werden kann.“

SCHNÜFFELVERBOT PER ERLASS

„Prüfen“ – das heißt bei der Bundesregierung

allerdings in der Regel „auf die lange

Bank schieben“. Die deutschen IT-Unternehmen

hätten viel mehr öffentliche Aufträge

bekommen können, hätte sich die

Bundesregierung nicht beim Ausformulieren

neuer Vergaberichtlinien so viel Zeit

gelassen. Erst am 30. April gab das Bundesinnenministerium

bekannt, dass bei öffentlichen

Ausschreibungen für sensible

IT-Projekte des Bundes jetzt eine „no-spy-

Klausel“ gilt.

IT-Unternehmen, die mit Bundesbehörden

ins Geschäft kommen wollen, müssen

schriftlich zusichern, dass sie nicht mit

ausländischen Geheimdiensten zusammenarbeiten.

Ein Bieter könne im Rahmen

einer Zuverlässigkeitsprüfung abgelehnt

werden, wenn er zur Weitergabe von vertraulichen

Informationen, Geschäfts- und

Betriebsgeheimnissen an Dritte verpflichtet

sei, heißt es aus dem Bundesinnenministerium.

Mit dieser Klausel brauchen Behörden

nicht mehr den günstigsten Anbieter

zu nehmen, sondern können ausländische

Bewerber aussortieren.

Für Lancom-Chef Koenzen ist das nur

ein erster Schritt. Noch mehr Geschäft

könnten die deutschen Anbieter machen,

wenn der Gesetzgeber das Schnüffelverbot

auf IT-Projekte der Länder und Kommunen

ausdehnen würde. Auch eine „nobackdoor-Klausel“

müsse ins Vergaberecht

aufgenommen werden: Alle Anbieter

müssten dann garantieren, dass sie keine

versteckten Hintertüren für Geheimdienste

in ihre Produkte einbauen. „Nur so können

Behörden ihre Verwaltungsnetze effektiv

schützen“, empfiehlt Koenzen, „und

ihrer Vorbildrolle für die Wirtschaft gerecht

werden.“

n

juergen.berke@wiwo.de

König der

Reishülsen

RESYSTA | Ein Gartenmöbelhersteller

hat einen Ersatzstoff

für Tropenholz erfunden –

und Kunden wie Tchibo, Disney

und McDonald’s gewonnen.

Die Luft ist feucht, typisch für Hongkong.

Fischerboote steuern langsam

auf einen langen Steg zu, der seit

zehn Jahren Salzwasser und Sonne ausgesetzt

ist. „Die schlimmsten Bedingungen

eigentlich“, sagt Bernd Duna, Chef des Gartenmöbelherstellers

Münchener Boulevard

Möbel (MBM). Doch der Steg, gefertigt

aus einem neuen Holzersatzstoff aus

Reishülsen, ist weder aufgequollen noch

verbogen. „Da wusste ich, dass ich das

Richtige gefunden hatte“, sagt Duna: nämlich

eine Alternative zum Tropenholz.

Die Kunden seines Unternehmens aus

Taufkirchen bei München wollen keine

Gartenstühle aus Teakholz mehr auf ihrer

Terrasse, für die Regenwald gerodet wird.

Und Duna, ein Weltenbummler mit schulterlangem

Haar, hat genug von halbseidenen

Ökozertifizierungen. „Der Umsatz

ging zurück, die Kosten für Holz aus zertifiziertem

Anbau explodierten“, sagt er.

Duna nimmt sein Geld – mittlerweile ein

mittlerer einstelliger Millionenbetrag –

und steckt es in die Weiterentwicklung des

Materials aus Hongkong. Er nennt es

Resysta.

WASSERFEST UND SPLITTERFREI

Das war 1996. Bis zur Marktreife dauert es

fast zehn Jahre: Duna und der Hongkonger

Chemiker und Resysta-Entdecker Antonio

Siu verfeinern Verfahren und Optik. Das

Material, ein Gemisch aus Reishülsen und

Kunststoff, sieht bald wie Holz aus und lässt

sich auch so verarbeiten. 2007 verkauft

MBM den ersten Stuhl aus Resysta, 2009 die

erste Bodendiele. Mittlerweile vertrauen einige

McDonald’s-Restaurants bei ihren Außenmöbeln

auf Resysta. Tchibo hat in

Deutschland 600 Filialen damit ausgestattet.

Und bald wird das Disney Resort in Orlando

im US-Staat Florida 1000 wasserfeste und

lichtbeständige Gartenstühle aus Resysta

aufstellen.

52 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: STEFAN NIMMESGERN

Der Markt ist riesig: Fast 2,5 Millionen

Tonnen biobasierte Kunststoffe wurden

2012 weltweit produziert – auch für die

Autoindustrie. 2020 könnten es zwölf Millionen

Tonnen sein, prognostiziert eine

Studie des privaten Forschungsinstituts

Nova aus Hürth bei Köln.

Doch bei den wichtigsten Herstellern

wie Timbertechs oder Trex aus den USA

kommen in den Verbundstoffen neben

Baumwolle noch immer Holzfasern zum

Einsatz. Resysta kommt komplett ohne

Das bessere Holz

Resysta-Chef Duna

will die Industrie

von seinem Material

überzeugen

Holz aus. Sie haben es geschafft, Reishülsen

und Kunststoff chemisch zu verbinden.

25 000 Tonnen Rohmaterial kann Resysta

pro Jahr in seinem Werk in Malaysia herstellen.

Es besteht zu 60 Prozent aus Reishülsen,

die Duna aus Südostasien bezieht,

zu 22 Prozent aus Steinsalzen und zu 18

Prozent aus Erdöl, also Kunststoff.

Rau und faserig fühlt sich das Material

an. Doch im Gegensatz zu Holz nimmt das

Naturfaser-Kunststoff-Gemisch kein Wasser

auf, splittert nicht und ist pflegeleicht.

2010 will Duna expandieren und Industriekunden

beliefern und braucht mehr

Geld. Mitsamt einem Resysta-Biergartenstuhl

marschiert er zu einem Unternehmer-

Treff in München. „Wir haben uns alle gefragt,

was kommt denn jetzt?“, erinnert sich

Alexander Domin, Partner des britischen

Finanzinvestors WHEB Partners.

WHEB investiert einen hohen siebenstelligen

Betrag, Resysta wird 2011 aus MBM

ausgegliedert. Die Anteile halten Duna, Siu

und WHEB. Heute stellt Resysta nur noch

das Rohmaterial her und liefert es Möbelherstellern

wie auch der heute von Dunas Bruder

Markus geleiteten MBM oder an Baumärkte

und Dielenfabrikanten. Die pressen

das Gemisch in eigenen Anlagen. „Würden

wir alle Produkte selbst herstellen, könnten

wir nie so schnell wachsen“, sagt Resysta-

Prokurist Roland Stoiber. Der Umsatz verdoppelt

sich jedes Jahr – 2014 auf 20 Millionen

Euro bei 120 Mitarbeitern. „Wir kommen

jetzt in die Gewinnzone“, sagt Duna.

Mit Großkunden reist der Münchner gerne

nach Hongkong und spaziert mit ihnen

über den alten Steg: „Dort kann sich jeder

selbst überzeugen, was das Produkt kann.“ n

jacqueline.goebel@wiwo.de

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Unternehmen&Märkte

Gescheiterte Gehversuche

SAMSUNG | Der absehbare Führungswechsel beim weltgrößten Handyhersteller scheint niemanden

zu beunruhigen. Dabei sollte er das. Zweifler fragen, ob der Sohn des schwersterkrankten

Konzernpatriarchen die erforderliche Eignung und den notwendigen Erfolgshunger besitzt.

Man stelle sich vor, der reichste und

mächtigste Wirtschaftsführer einer

Industrienation erleidet einen

Herzinfarkt, wird notoperiert und ins

künstliche Koma versetzt. Die Firmengruppe,

die dieser Mann ganz allein kontrolliert,

erbringt über 30 Prozent der Wirtschaftsleistung

und fast 20 Prozent der Exporte

des Landes. Dennoch lagern keine

Reporter vor dem Krankenhaus, und am

Aktienmarkt bleibt ein Erdbeben aus.

Die ungewöhnliche Begebenheit

spielt sich gerade in Südkorea ab.

Der Mann heißt Lee Kun-hee

und herrscht in zweiter Generation

über das Konglomerat

rund um den Technologiegiganten

Samsung Electronics.

Der Zustand des 72-Jährigen

ist seit dem 10. Mai besorgniserregend.

Lee Kun-hee

reagiert gerade einmal auf

äußere Reize und kann

nur seine Hände und Füße

„ein bisschen“ bewegen,

heißt es. Damit ist

der weltgrößte Produzent

von Smartphones,

Speicherchips und Fernsehern

im zweiten Monat

führungslos.

EMPFUNDENE LAST

Dass weder Politiker in

Südkorea noch Analysten

und Aktionäre nervös

sind, leuchtet vordergründig

ein. Denn erstens

hat Lee Kun-hee die operative

Führung seiner Firmen

stets professionellen Managern

überlassen. Und zweitens

hat er seinen einzigen Sohn Lee

Jay-yong frühzeitig zum Nachfolger aufgebaut

und ihn Ende 2012 als Stellvertreter

bei Samsung Electronics installiert.

Also alles gut, wenn der Patriarch einmal

nicht mehr ist? Der Eindruck

täuscht. Der Generationenwechsel bei

dem Giganten birgt Gefahren, die bisher

kaum in die breite Öffentlichkeit

drangen. Offen sind die künftige Strategie,

die Führungsqualitäten und die Reputation

des Nachfolgers.

Vor allem weiß niemand, wie der heutige

Kronprinz das Unternehmen einmal führen

wird. Bislang lief der 46-Jährige bei gemeinsamen

Auftritten immer zwei, drei

respektvolle Schritte hinter seinem Vater,

wie es die konfuzianisch geprägte Tradition

verlangt. „Ich würde lügen, wenn ich

behaupten würde, dass ich (die Nachfolge)

nicht als Last empfinde, aber ich hatte gute

Eltern und bei Samsung ausgezeichnete

Vorgesetzte“, sagte er bescheiden, wie es

sich eben für den Zögling des Patriarchen,

aber auch dessen Untertanen geziemt.

BLENDENDE PAPIERFORM

Genau darin aber liege die Gefahr, meint

Kim Yong-cheol, Ex-Chefjurist bei Samsung

und Kritiker des Konzerns. Gebe Lee

Jay-yong seine Zurückhaltung auf, sobald

er alleine das Sagen habe, wachse das Risiko

unternehmerischer Fehlentscheidungen,

weil kaum ein Manager es wagen

dürfe, den Repräsentanten der

Gründerfamilie zu kritisieren.

Der jetzt erkrankte Konzernherrscher

beschränkte sich auf die Rolle des

Mahners und Motivators, warnte vor

Arroganz und forderte ein ständiges

Krisenbewusstsein. „Er gibt

keine konkreten Befehle, sondern

stellt nur scharfe Fragen“,

beschreibt der Samsung-

Kenner Chang Sea-jin das

Führungsverhalten des Patriarchen.

Ob sein Sohn,

der sich außerhalb Koreas

Jay Lee nennen

lässt, diesen Führungsstil

fortsetzt,

ist unklar.

Auf dem Papier

gibt es we-

Respektvoller Sohn Bei offiziellen

Terminen lief Kronprinz Lee Jay-yong

immer zwei Schritte hinter Vater Lee

Kun-hee. Niemand weiß, wie er als

Samsung-Konzernchef agieren würde

FOTOS: GETTY IMAGES/WIREIMAGE, CORBIS/REUTERS/TORU HANAI

54 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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nig auszusetzen an Lee Jay-yong. Er studierte

Ostasien-Wissenschaften an der

Universität Seoul, machte seinen Master of

Business and Administration an der Keio-

Universität in Tokio und nahm am Doktoranden-Programm

der US-Universität Harvard

teil. Für Samsung arbeitet er, seitdem

er 23 Jahre alt ist, blieb jedoch lange im

Schatten. Das änderte sich 2007. Von da an

war der Filius des Konzernchefs zunächst

für die Beziehungen zu Großkunden zuständig.

Dann stieg er zum Chief Operating

Officer auf und vermittelte von 2010 an als

einer von vielen Präsidenten zwischen den

sieben Sparten der Gruppe.

8,0 %

7,4 %

17,0 %

1,5 %

Quelle: Kiwoom Securities

4,7 %

4,1 %

13,5 %

3,7 %

19,4 %

7,2 %

Mahner und Motivator Samsung-Patriarch

Lee Kun-hee konnte den Umbau des

Konglomerats nicht vollenden

Bunter Beteiligungsreigen

Wie sich der Lee-Clan die Macht über den Samsung-Konzern sichert

KCC

(Autoteile, Chemie)

Samsung

C&T Corporation

(Hochhausbau)

Samsung

SDI +Cheil Industries

(Batterien, Elektro)

Lee Kun-hee

Patriarch

Samsung Everland

(Freizeitpark, Mode)

Samsung

Life Insurance

(Versicherungen)

Samsung

Electronics

(Smartphones, Chips)

Lee Jay-yong Lee Boo-jin Lee Seo-hyun

Sohn, Nachfolger Tochter Tochter

25,1 % 8,4 % 8,4 %

34,4 %

5,0 %

Samsung

Card

(Kreditkarten)

3,4 %

HINTER VORGEHALTENER HAND

Lee Jay-yong spricht Englisch und Japanisch

und führt viele strategische Gespräche

selbst, etwa mit BMW-Chef Norbert

Reithofer. Als exklusiver Batteriepartner

der Münchner liefert Samsung die Akkus

für den Elektro-BMW i3. Auch Martin Winterkorn

von Volkswagen, Tim Cook von

Apple und Larry Page von Google kennt

Lee Jay-yong persönlich. Manager im Konzern

beschreiben ihn als „strategischen

Denker“, der früh die Chancen organischer

sogenannter OLED-Bildschirme, Computer-Steuerchips

und Elektroauto-Batterien

erkannt habe.

An Lee Jay-yongs Eignung wird nur hinter

vorgehaltener Hand gezweifelt. Grund

dafür sind seine einzigen Gehversuche als

Unternehmer Ende der Neunzigerjahre im

Internet-Sektor, die allesamt scheiterten.

Die Samsung-Gruppe musste die Fehlversuche

ausbügeln und die Firmen des Patriarchensohns

retten.

Beobachter vermuten, dass sich Lee Jayyong

nach der Machtübernahme auf die

Expansion von Samsung konzentrieren

könnte. „Natürlich steht er unter Druck,

sich zu beweisen, etwa indem Samsung

sich auf den neuen Geschäftsfeldern

schneller bewegt“, meint Hong Jeongwoong

von der Alpha-Vermögensverwaltung

in Seoul. Diese Felder sind Batterien,

Solarzellen, LED-Lichttechnik, Medizingeräte

und Bio-Engineering.

Doch Zweifler fragen, ob das Clan-Mitglied

in dritter Generation nicht schon zu

reich und zu satt ist, um den notwendigen

Erfolgshunger mitzubringen. „Er wurde

mit dem Silberlöffel im Mund geboren und

hat bisher nichts vorzuweisen“, warnt ein

hoher Samsung-Mitarbeiter. Er pflegt

Hobbys, die nicht nur Geld, sondern vor allem

Zeit verschlingen. Er spielt bei Golfturnieren,

die von Großkunden oder von

Samsung selbst gesponsert werden. Als

passionierter Reiter nahm er sogar für Südkorea

an Olympischen Spielen teil.

Ungeklärt ist auch, ob Lee Jay-yong sowie

seine beiden Schwestern das Konglomerat

mit 74 Firmen so leicht beherrschen

können werden wie ihr Vater. Dem war es

gelungen, das Firmenimperium über kreisförmig

angelegte Beteiligungen im eisernen

Griff zu halten (siehe Grafik). Im Zentrum

des Beteiligungsreigens steht der

Freizeitparkbetreiber Samsung Everland,

der der Familie und ihren Verbündeten zu

mehr als der Hälfte gehört. Insbesondere

den Handy- und Technikriesen Samsung

Electronics führte der Alte bis zuletzt wie

seinen Privatbesitz, obwohl er nur 3,4 Prozent

der Aktien direkt hält.

ANGEKRATZTES IMAGE

Diese Macht aber droht nun zu wackeln.

Denn Patriarch Lee hatte erst im Herbst

begonnen, die Gruppe umzubauen, damit

die nächste Generation das Sagen behalten

kann, ist jedoch nicht fertig geworden.

Sein Plan war es, die heimliche Holding-

Gesellschaft Samsung Everland mit der

Freizeitpark- und Modesparte des Konglomerats

sowie den IT-Dienstleister Samsung

SDS an die Börse zu bringen. Dadurch

sollen sein Sohn Lee Jay-yong und dessen

beide Schwestern Lee Boo-jin und Lee Seohyun

genug Geld erlösen, um einerseits die

exorbitante Erbschaftsteuer von mindestens

3,6 Milliarden Euro zu bezahlen. Andererseits

sollen sie in die Lage versetzt werden,

sich stärker in die Filetstücke der

Gruppe einzukaufen. Sollte der alte Lee seinen

Plan nicht vollenden, könnte dies die

Steuerung durch den Clan erschweren.

Auch um den gesellschaftlichen Ruf des

designierten Samsung-Herrschers ist es

nicht zum Besten bestellt. Grund ist seine

aufsehenerregende Scheidung von Lim Seryeong,

der zweitgrößten Aktionärin der

Nahrungsmittelgruppe Daesang. Die Eheschließung

mit der zweiten Tochter des

Oberhaupts der Unternehmerfamilie wurde

1998 in Korea wie die Verbindung zweier

königlicher Familien zelebriert. Doch

dann wollte die Angetraute die Trennung.

Lee Jay-yong lebte die unfreiwillige Freiheit

mit Sportwagen, Hostessen und Models

aus. Tanten aus dem Clan reagierten wenig

amüsiert und fragten: „Wie soll ein Mann,

der sich nicht einmal um die eigene Familie

kümmern kann, eine so große Organisation

wie die Samsung-Gruppe führen?“ n

martin fritz | Tokio, unternehmen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 55

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Unternehmen&Märkte

60 Treffer pro Minute

DATING-PORTALE | Die Kontaktsuche per Smartphone boomt – zulasten der herkömmlichen

Partnervermittlungen im Internet. Je mehr Big Data, desto erfolgreicher die Balz.

Der Radar läuft, das Smartphone tastet

die nähere Umgebung ab. Auf

dem Bildschirm erscheint Anja, 26,

braunes Haar, die Lippen rot und zum Kuss

geformt – Entfernung: 150 Meter Richtung

Westen. 300 Meter nördlich weilt offenbar

Jacqueline, 24, blondes Haar, kurzes Oberteil.

Ein paar Worte ins Handy getippt und

abgeschickt, mal schauen, welche der beiden

zuerst zurückschreibt.

Flirten mit dem Smartphone, das „Mobile

Dating“, ist der große Trend im Geschäft

mit der Partnersuche im Internet.

Von null auf 25 Millionen Euro explodiert

der Umsatz der blutjungen Branche in

Deutschland in nur drei Jahren. Start-ups

wie Lovoo in Dresden oder Tinder (zu

Deutsch: Zunder) in den USA haben sich

neue Funktionen wie einen Live-Radar einfallen

lassen, um Kundschaft anzuziehen.

Mit der Kontaktsuche per App in Echtzeit

machen die Anbieter klassischen

Kupplern im Internet gehörig Konkurrenz.

„Für die etablierten Singlebörsen und Partnervermittlungen

sind die neuen Apps der

blanke Horror“, sagt Henning Wiechers,

Betreiber des Branchendienstes Singlebörsen-Vergleich.de.

Vor allem für Kontaktanzeigen-Portale

wie neu.de oder Friend-

Scout24 sei die Entwicklung zum mobilen

spielerischen Flirten ein „Riesenproblem“.

URSPRUNG SCHWULENSZENE

Wiechers schätzt, dass die beiden Unternehmen

zusammen bereits bis zu zehn

Millionen Euro Umsatz an die neuen Wettbewerber

verloren haben, weil deren Apps

bei ähnlicher Leistung preisgünstiger sind.

Auf den Web-Seiten von neu.de und

FriendScout24 können Kunden zwar Single-Profile

kostenlos durchforsten. Die

Kontaktaufnahme aber kostet ab 35 Euro

pro Monat – ein Mehrfaches von Lovoo.

„Natürlich spüren wir neue Anbieter wie

Lovoo“, räumt Joachim Rabe ein, Geschäftsführer

von neu.de. Dies sei „keine

kurzfristige Mode, sondern eine langfristige

Entwicklung“, die mit „dramatischen

Veränderungen“ einhergehe. „Die Konsolidierung

ist mitten im Gange.“

Das Potenzial für Kontakt- und Partnervermittler

ist groß. Rund zwölf Millionen

Erwachsene leben in Deutschland ohne

feste Beziehung, Tendenz steigend. Vor allem

auf die jüngeren, digital affinen Jahrgänge

haben es die Mobile-Dating-Portale

abgesehen. Denn von den 18- bis 30-Jährigen

hierzulande hat nach einer repräsentativen

Studie der Internet-Plattform Elite-

Partner jeder zweite keinen festen Lebensgefährten

– je jünger, desto single.

Die Offenheit dieser Altersklasse sowohl

für mobile Dienste als auch für die Balz war

für Benjamin Bak vor drei Jahren der

Grund, Lovoo zu gründen. Der Dresdner,

damals 24 Jahre jung, hatte mit seinem Unternehmen

dampfer.net – einer Art Facebook

für Ostdeutschland – schon Erfahrung

mit sozialen Netzwerken gesammelt.

Dann hörte er von einer App, die es Schwulen

ermöglicht, mit dem Smartphone über

Liebesgrüße aus Dresden

Anteil der mobilenDating-Dienste im

App-Store von Apple (in Prozent)

eHarmony

(Santa Monica, USA)

PlentyofFish

(Vancouver,

Kanada)

Match.com

(Dallas, USA)

Lovoo

(Dresden)

Quelle: Distimo

8

8

7

7

11

OkCupid (New York, USA)

4

meetic (Boulogne-

Billancourt, Frankreich)

Zoosk (San

Francisco,USA)

12

Gejaultes

„I love you“

Lovoo-

Gründer Bak

43

YYC

(Tokio, Japan)

die Funktion der Standortbestimmung

Gleichgesinnte in der Nähe zu finden.

„Ich war fasziniert von dieser neuen

Möglichkeit des digitalen Flirtens, aber für

Heteros gab es so was noch nicht“, sagt Bak.

Also entwickelte er mit sieben anderen

Gründern ein Portal, auf dem sich Singles

per Smartphone finden können. Lovoo war

geboren. Auf den Namen kamen die

Dresdner durch ein YouTube-Video, in

dem ein Husky die Worte „I love you“ jault.

Heute flirten mit Baks App weltweit

mehr als 11,3 Millionen junge Leute, davon

die Hälfte in Deutschland. Die Nutzer sind

im Schnitt 24 Jahre alt und zu zwei Dritteln

männlich. Das Unternehmen mit 65 Mitarbeitern

erlöst eine siebenstellige Summe

im Monat, ist nach eigenen Angaben profitabel

und gehört Bak und seinen sieben

Kompagnons komplett, ohne dass sie

fremde Geldgeber benötigen.

WIE IN DER SCHIESSBUDE

Laut Bak kommt der Umsatz von Lovoo je

zur Hälfte aus Werbung und aus Einnahmen

von den Nutzern. Wer den vollen

Umfang des Liebeslotsen in Anspruch

nehmen will, muss als Premium-Mitglied

acht Euro im Monat überweisen. Rund 15

Prozent der Lovoo-Kunden tun das.

Einer der großen Wettbewerbsvorteile

der Mobile-Dating-Apps gegenüber den

stationären Dating-Portalen ist das Angebot

an neuen Funktionen. Neben dem

Live-Radar ist bei den Nutzern das sogenannte

Matchgame besonders beliebt.

Hierbei sieht der Teilnehmer das Foto eines

Flirtkandidaten und darüber drei verschiedene

Entscheidungsmöglichkeiten:

ja, nein, vielleicht. Interessiert sich der

Handybesitzer für sein Gegenüber in der

Nähe, drückt er auf „Ja“. Beruht das auf Gegenseitigkeit,

jubiliert das Handy wie in einer

Schießbude: „Volltreffer.“

Der spielerische Ansatz spricht ein Publikum

an, das im digitalen Dating bisher

eher einen Akt der Verzweiflung sah. Die

amerikanische App Tinder etwa basiert auf

dem Prinzip, Fotos von Fremden zu bewerten.

Mehr als 800000 Deutsche spielen mit.

Die drei großen Vermittler im stationären

Internet, ElitePartner, Parship und

FOTOS: PR (2), SZ PHOTO/SNAPSHOT-PHOTOGRAPH (2)

56 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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eDarling, reden die Gefahr durch die mobilen

Wettbewerber klein. Sie glauben,

dass ihnen ihre Kundschaft – 35 Lenze aufwärts,

am liebsten „mit Niveau“ – nicht auf

Dating-Apps fremdgeht. „Unsere Nutzer

haben wenig Zeit und klare Vorstellungen

von ihrem Partner. Die wollen nicht lange

suchen und viele Leute treffen, sondern eine

langfristige Beziehung beginnen“, sagt

eDarling-Gründer Lukas Brosseder. Lovoo

oder Tinder seien für ihn keine ernst zu

nehmenden Konkurrenten.

Dem widerspricht Branchenexperte

Wiechers: „Die etablierten Flirtportale

merken den Angriff des ‚Mobile Dating‘ bereits,

nämlich durch weniger Registrierungen,

weniger Seitenzugriffe und kürzere

Nutzungszeiten“, sagt er. Nur wegen der

langfristigen Abos der Nutzer seien noch

keine Umsatzrückgänge zu verzeichnen.

Als eine „Verzweiflungstat“ gegen die

neue Konkurrenz wertet Wiechers etwa die

Vertriebsoffensive der Internet-Kontaktbörse

FriendScout24. Die Münchner verlangen

von PC-Nutzern 40 Euro, in der neuen App

dagegen gibt es alle Funktionen kostenlos.

FriendScout24 ist zum Erfolg verdammt.

Die Vermittlungsbörse ist Teil der

Scout24-Holding, die der Telekom

gehörte und 2013 zu 70 Prozent

von dem US-Finanzinvestor Hellman&Friedman

übernommen

wurde. Der neue Scout24-Chef

Greg Ellis hat wenig Interesse am

Flirtgeschäft und will die Sparte

verkaufen. Bislang hat sich aber

noch kein Investor gemeldet.

EHRLICHER ALS FRAGEBÖGEN

Lovoo-Gründer Bak betrachtet den Wettbewerb

mit anderen mobilen Vermittlern

gelassen. „Wir sehen uns als Technologie-

Unternehmen, das unterscheidet uns von

anderen Dating-Anbietern“, sagt er. Während

Parship oder eDarling künftige Paare

mithilfe von Persönlichkeitstests zu finden

versuchen, arbeitet Lovoo mit einem

selbstlernenden Algorithmus. Dieser analysiert

jeden Klick des Nutzers und speichert

dessen Vorlieben. Auf diese Weise

checkt das Handy, ob Anja Richtung Westen

und Jacqueline im Norden überhaupt

zu den Neigungen seines Besitzers passen.

Die Folge: Lovoo wird einem Single, der

Video

In unserer App-

Ausgabe berichtet

der Autor über

seine Erlebnisse

beim Dating

im Matchgame immer wieder

20-jährige Blondinen bevorzugt,

keine brünetten Frauen

reiferen Alters anbieten. Für Bak

sind solche Flirtvorschläge „ehrlicher

als Verkupplungsangebote,

die auf selbst ausgefüllten

Fragebögen beruhen“. Allerdings

müssen die Nutzer ihr

vollständiges Balzverhalten preisgeben.

Vorbild für derlei Big Data im Handtaschenformat

ist US-Anbieter Zoosk, der es

mit Algorithmen auf Basis von Massendaten

zur weltweiten Marktführerschaft beim

Mobile Dating gebracht hat. Das Start-up

erfasst rund 200 Merkmale pro Nutzer.

Lovoo wird künftig mehr ältere Nutzer

gewinnen und gleichzeitig die Alternden

behalten müssen, sagen Experten. Dating-

Spezialist Wiechers ist optimistisch, dass

sich auch reifere Herren für die App aus

Dresden interessieren. Der Live-Radar sei

gerade für Geschäftsleute eine praktische

Sache, um sich auf Reisen in Abenteuer zu

stürzen. Denn die beliebteste Online-Lüge

laute immer noch: „Ich bin Single.“ n

maximilian nowroth | unternehmen@wiwo.de

Wie wär’s?

Das Smartphone

zeigt flirtbereite Singles

in der Nähe

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 57

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Unternehmen&Märkte

Tiefe Gräben

ALSTOM | Die Entscheidung in der Übernahmeschlacht um

Frankreichs Elektro-Ikone wird das Land spalten – egal, ob Siemens

oder General Electric gewinnt.

Seit acht Wochen liefern sich Siemens

und der US-Rivale General Electric

(GE) eine Schlacht um den französischen

Elektroriesen Alstom. GE-Chef Jeff

Immelt will Frankreichs Industrie-Ikone

im Wesentlichen schlucken, während Siemens-Vormann

Joe Kaeser nur das Gasturbinengeschäft

herauskaufen möchte und

ansonsten der Grande Nation ihren Vorzeigekonzern

lassen möchte.

Der Übernahmekampf, begonnen von

GE-Chef Immelt, trifft die französische

Wirtschaft in einem denkbar ungünstigen

Moment. Von Wachstumsschwäche,

Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit und

Debatten über Frankreichs Zukunft gezeichnet,

droht der Grande Nation eine tiefe

Spaltung. Wer auch immer das Rennen

um Alstom macht, die endgültige Entscheidung,

die sich noch lange hinziehen kann,

wird die Gräben vertiefen, die derzeit

Frankreich durchziehen: in Politik, Wirtschaft,

Arbeitnehmerschaft und Region.

Tabubruch im

Élysée-Palast

Persönliche Vorbehalte gegenüber

Deutschen Alstom-Chef Kron

Gegner des US-Kapitalismus Frankreichs

Wirtschaftsminister Montebourg

François Hollande kann, egal, wie die Entscheidung

ausfällt, die Kluft quer durch

das Land im Grunde nur vergrößern. Lässt

er GE durchkommen, outet er sich gegenüber

seinen ohnehin etatistischen und

neuerdings rechtslastigen Landsleuten als

Vaterlandsverräter. Sein konservativer Vorgänger

Nicolas Sarkozy hatte Alstom vor

zehn Jahren – damals als Wirtschafts- und

Finanzminister – noch mit einer Staatsbeteiligung

vor der Pleite gerettet. Würde der

Sozialist Hollande den Stolz des Landes an

die Amerikaner durchwinken, bräche er

damit ein unausgesprochenes Tabu.

So viel GE auch bieten und versprechen

würde, der Ausverkauf Frankreichs dürfte

Hollande bis zum Lebensende als Vorwurf

anhaften, und das in allen politischen Lagern.

Ein Veto und der Zuschlag für Siemens

würde ihm den Vorwurf des Verrats zwar

eher ersparen, der Abstand zu den Aktionären

der französischen Hochfinanz, den er gerade

mit Wirtschaftsreformen zu verringern

sucht, würde dadurch aber wieder größer.

Staatsgläubige gegen

Globalisierer

Einer kann sich schon jetzt zugutehalten,

durch sein Manöver den Keil in Frankreich

getrieben haben: Arnaud Montebourg. Hollandes

Parteifreund und Wirtschaftsminister,

Globalisierungskritiker und Gegner des

US-Kapitalismus, hat alles getan, um die

Fronten zu verhärten. Er warf Alstom-Chef

Patrick Kron und damit den Aktionären des

Landes den Fehdehandschuh hin, weil der

ihn nicht informiert hatte. „Muss der Wirtschaftsminister

in seinem Büro einen Lügendetektor

installieren“, wütete er und

trommelte für ein Siemens-Angebot.

Montebourg hat die von Hollande mühsam

besänftigten Arbeitgeber wieder auf

Gegenkurs zur Regierung gebracht, indem

er in Windeseile ein Dekret durchboxte,

das dem Staat bei der Übernahme von Alstom

ein Vetorecht zubilligt. Das kreiden

Frankreichs Manager ihm als unlautere

Einmischung in Unternehmensfragen an.

Käme GE zum Zuge, wäre das eine schwere

persönliche Niederlage für Montebourg

und eine Zäsur in der französischen Industriepolitik.

Ausgerechnet unter sozialistischer

Führung gäbe es den Präzedenzfall,

dass der Staat nicht mehr Herr im vermeintlich

eigenen Hause wäre. Der Streit

zwischen Traditionalisten und Reformern

gewänne neu an Fahrt.

Stärkung antideutscher

Ressentiments

Fällt Siemens durch, würde dies die Vorbehalte

jener in Frankreich gegenüber den

Deutschen bestätigen, die trotz des Sieges

über die Nazis deren Greuel nicht vergessen

haben. Nahrung fanden diese Ressentiments

im Zuge der Übernahmeschlacht

durch Alstom-Chef Kron. Es sei nicht gelungen,

Krons tiefe Ablehnung gegenüber

Deutschland und Siemens zu ändern,

heißt es in Siemens-Kreisen. Im Alstom-

Management gibt es durchaus Befürworter

eines Deals mit Siemens und Co.

Kron ist Sohn polnischer Immigranten,

die die Haft im Konzentrationslager der

Nazis überlebten. Ende der Vierzigerjahre

kamen seinen Eltern nach Paris und schlu-

FOTOS: IMAGO/PANORAMIC (2), AFP PHOTO/JOHN THYS, GETTY IMAGES/AFP/SEBASTIEN BOZON

58 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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gen sich in der französischen Hauptstadt

durch. Niemand in der Familie sprach

Französisch;zu fünft lebten die Krons in einer

Einzimmerwohnung. Der Vater sorgte

als Schneider für den Lebensunterhalt. Seit

elf Jahren führt der heute 60-jährige Alstom.

2003 verhinderte er schon einmal die

Übernahme durch Siemens – indem er Sarkozy

zu einer Staatsbeteiligung überredete.

Provinz gegen Paris

Distanz zu Paris

Belforts Bürgermeister

Meslot

Damien Meslot, der

Bürgermeister von

Belfort, sucht die

Loslösung von der

Hauptstadt, zumindest

im Fall Alstom.

In der 50 000-Einwohner-Stadt

in den

Vogesen baut Alstom

Dampfturbinen, Generatoren

und Züge.

Seit GE 1999 Alstom die Gasturbinensparte

dort abkaufte, haben die beiden Konzerne

ihre Fabriken auf demselben Gelände. GEund

Alstom-Arbeiter teilen sich sogar die

Kantine. 2600 Leute beschäftigt Alstom in

Belfort, bei GE sind es 1800.

Sorge macht den Stadtoberen vor allem

eine mögliche Jobverlagerung, sollte Siemens

bei Alstom den Zuschlag bekommen.

Aber auch GE könnte nach einem

Sieg irgendwann Aktivitäten von Frankreich

in die USA verlagern, so die Befürchtung.

Schon jetzt ist die Region Belfort geprägt

vom industriellen Niedergang. Rund

10 000 Menschen fanden in guten Zeiten

bei Alstom Arbeit, heute ist es noch ein

Viertel. Ganz in der Nähe hat Peugeot

seinen Stammsitz. Von einst 40 000 Mitarbeitern

sind 12 000 übrig geblieben. Gerade

musste der Autohersteller durch eine

Allianz zwischen dem französischen Staat

und Dongfeng, einem Autohersteller aus

China, gerettet werden.

Wer auch immer künftiger Herr bei Alstom

wird: Fallen in Belfort Jobs weg, sitzen

die Schuldigen an der Seine.

Hässlicher oder aufrechter

Kapitalist

Martin Bouygues steht in Frankreich, je

nach politischer Couleur, entweder für den

Inbegriff des Kapitalisten, der engstens mit

der bürgerlichen Opposition verbunden ist,

oder für den aufrechten Großbourgeois.

Ihm gehört ein Bau- und Telekommunikationskonzern,

zudem hält er 29,3 Prozent

von Alstom. Einen dicken Brocken davon

hat Bouygues 2006 dem französischen Staat

abgekauft und dann aufgestockt. Er wolle

„langfristig Alstom-Aktionär bleiben“, und

zwar mit seinen 29,3 Prozent, ließ Bouygues

am vergangenen Dienstag erklären.

Doch Zweifel an Bouygues’ Standfestigkeit

sind angebracht. Denn Bouygues

musste 2013 insgesamt 1,4 Milliarden Euro

auf Alstom abschreiben, und sein Telekommunikationsgeschäft

läuft schlecht. Womöglich

ist alles nur eine Frage des Preises.

Würde er mit Alstom für einen Deal mit GE

stimmen, könnte er aus Sicht vieler Franzosen

gleich Präsident Hollande als Ausverkäufer

Frankreichs die Hand reichen.

Gewerkschaft gegen Partei

Für französische

Lösung Gewerkschafter

Lepaon

Geht es um den Klassenkampf,

sind die

beiden oft anderer

Meinung: Thierry

Lepaon, Chef der radikalen

französischen

Gewerkschaft

CGT, und Laurent

Berger, sein Pendant

von der gemäßigten

Konkurrenzorganisation

(CFDT). In einem Punkt gehen die beiden

Arbeiterführer jedoch konform:Für sie

wäre es das Beste, der Staat würde Mehrheitsaktionär

bei Alstom, den Konzern sanieren

und Fremde draußen halten.

Doch die von den Gewerkschaften proklamierte

„französische Lösung“ stößt an

profane Grenzen: Der Staat ist klamm und

droht weiterhin die Verschuldungsregeln

der EU zu brechen. Schon bei der Rettung

des Traditionsautokonzerns Peugeot

musste Paris die Chinesen um finanzielle

Hilfe bitten. Und private Unternehmen wie

Safran, Schneider Electric oder Thales, bei

denen Wirtschaftsminister Montebourg

wegen eines Einstiegs bei Alstom vorstellig

wurde, haben Besseres zu tun, als dem

Sozialisten beizuspringen.

Überließe Paris Alstom den Amerikanern

oder den Deutschen, wären Lepaon

und Berger sich in einem weiteren Punkt

einig: Die Verräter wären die Mehrheitssozialisten

um Präsident Hollande. n

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris,

matthias kamp | München

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Technik&Wissen

Biologische

Brechstangen

GESUNDHEIT | Sterben wir bald wieder an Lungenentzündungen? Die Gefahr besteht,

weil die meisten Pharmakonzerne jahrzehntelang die Antibiotikaforschung

vernachlässigt haben – und nun immer mehr dieser Medikamente gegen Killerkeime

versagen. Jetzt zeichnet sich eine Kehrtwende ab.

Eiskalter Nebel steigt auf. Jochen

Maas und Peter Hammann ziehen

vorsichtig einen Schieber

mit Hunderten Plastikröhrchen

aus dem fast 200 Grad kalten

Stickstofftank. Was die beiden da in einem

Labor des französisch-deutschen Pharmakonzerns

Sanofi aus einer Art tiefgekühltem

Hochsicherheitstrakt heben, sind teils

mehr als 100 Jahre alte Mikroben. Die gut

120 000 Pilz- und Bakterienstämme sind

nicht bloß ein unbezahlbarer Schatz des

Unternehmens. Vor allem sind sie so etwas

wie die Lebensversicherung der Menschheit

gegen immer neue Formen extrem aggressiver,

lebensbedrohlicher Keime.

Diesen Schatz wollen Maas, Forschungschef

von Sanofi Deutschland, und Hammann,

der beim Unternehmen weltweit für

Innovationen zuständig ist, nun heben. In

einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Gießener

Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie

und Angewandte Oekologie suchen

sie nach modernen und hochwirksamen

Medikamenten gegen bakterielle Infektionen

wie Lungenentzündungen oder

Blutvergiftungen – nach neuen Antibiotika.

Zahlreiche solcher Wirkstoffe sind schon

aus dieser Sammlung hervorgegangen.

Doch das ist lange her. Wie fast alle Pharmakonzerne

hatte auch Sanofi die Antibiotikaforschung

weitgehend aufgegeben. Es

gab ja so viele, inzwischen spottbillige Medikamente

gegen einst tödliche Seuchen

wie Syphilis und Tuberkulose oder gegen

Allerweltsinfekte wie Mittelohr- und Blasenentzündungen.

Noch entscheidender:

Mit Herz- oder Krebsmitteln, die Kranke

jahrelang einnehmen müssen, ließ sich

viel mehr verdienen als mit Antibiotika.

25000

Tote pro Jahr in der EU

durch resistente Erreger

1,5

Milliarden Euro Kosten

verursachen Problemkeime

in der EU

60%

Fehlverordnungen

bei Antibiotika allein in

Deutschland

Denn die muss der Patient meist nur wenige

Tage schlucken, um gesund zu werden.

Inzwischen hat sich die Lage aber extrem

zugespitzt. Die Allzweckwaffe Antibiotikum

droht ihre Schlagkraft zu verlieren.

Viele Erreger sind resistent geworden.

Längst besiegt geglaubte Seuchen kehren

zurück. Die Experten der Weltgesundheitsorganisation

WHO schlagen bereits lautstark

Alarm. In ihrem jüngst veröffentlichten

ersten globalen Resistenz-Report malen

sie ein geradezu apokalyptisches Bild.

Passiere nichts, müssten Ärzte bald wieder

hilflos zusehen, wie Menschen an heute

gut heilbaren Erkrankungen oder selbst

kleinsten Wundinfektionen sterben.

Die Lage ist so brisant, dass selbst Regierungen

investieren, um der Pharmaindustrie

die Keimabwehr wieder schmackhaft

zu machen: Der britische Pharmakonzern

GlaxoSmithKline erhält 200 Millionen Dollar

vom US-Gesundheitsministerium, um

in den kommenden fünf Jahren neue Resistenzbrecher

zu entwickeln. Die Europäische

Union plant Ähnliches mit dem Programm

New Drugs for Bad Bugs.

Inzwischen haben neben Sanofi auch

andere Branchengrößen, etwa Roche oder

Bayer, eine Kehrtwende gemacht und investieren

erneut in die Forschungsfelder,

die sie vor Jahren geschlossen oder abgespalten

hatten. Sie alle rechnen nun mit

guten Geschäften. Angesichts der neuen

Notlage sind Kassen und Patienten zumindest

in der wohlhabenden Welt bereit, für

wirksame Antibiotika viel Geld zu zahlen.

Doch während es Jahre dauern wird, bis

aus den jetzt angestoßenen Forschungsprojekten

der Branchenriesen marktreife

Medikamente entstanden sind, sind einige

wenige Pharma- und Biotechfirmen schon

weiter, die unbeirrt die Forschung weiter

betrieben haben.

ANGRIFF UND VERTEIDIGUNG

Sie sind nun mit neuen Medikamenten

schon am Start oder kurz vor der Marktreife.

Auf ihnen ruhen große Hoffnungen.

Denn auf diese neuen Mittel wird es ankommen,

wenn die Menschheit im 21. Jahr-

FOTO: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

60 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Eiskalter Schatz

Sanofi-Forscher Hammann (links)

und Maas wollen Pilzen und

Bakterien neue Antibiotika entlocken

hundert das Feld nicht wieder krank machenden

Bakterien überlassen will.

Angriff und Verteidigung, das ist der natürliche

Lauf der Evolution – auch im

Kampf zwischen Keimen und Medikamenten.

Schon seit den Anfangstagen von Penicillin

und Co. zu Beginn des 20. Jahrhunderts

haben Krankheitserreger Taktiken

entwickelt, um der Wirkung der Antibiotika

zu entgehen: Denn die meisten Antibiotika

stammen aus Schimmelpilzen oder im Boden

lebenden Mikroben, die sich mit den

Substanzen gegen lästige Konkurrenz wehren.

Die bekämpften Bakterien wiederum

kontern mit Resistenzen.

Antibiotika sind heimtückische Waffen:

Mal reißen sie Löcher in Zellwände wachsender

Bakterien. Mal verhindern sie, dass

Keime Schadstoffe ausschleusen, woran

die Erreger zugrunde gehen. Oder sie blockieren

das Entknäulen des Erbgutstrangs,

sodass sich dessen Informationen nicht

mehr auslesen lassen. Auch den Bau von

Eiweißen zu stoppen ist eine Strategie, um

Bakterien am Wachsen zu hindern. Solange

ein Krankheitserreger nur Resistenzen

gegen einen oder zwei dieser Mechanismen

besitzt, lässt er sich meist noch mit einem

dritten oder vierten Wirkmechanismus

angreifen. Problematisch wurde die

Sache erst, als einzelne, mehrfach- und

später multiresistente Keime auftraten: Sie

hatten so viele Abwehrstrategien entwickelt,

dass keines der vielen Hundert Antibiotika

noch wirkte.

Mittlerweile ist die Situation prekär: Allein

in Europa fallen Jahr für Jahr etwa

25 000 Menschen multiresistenten Keimen

zum Opfer. Vor allem in Krankenhäusern

»

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 61

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Technik&Wissen

PRÄVENTION

Taktisch kämpfen

Wie wir Antibiotika einsetzen

sollten, damit sich nicht laufend

neue Resistenzen entwickeln.

Bakterien verändern sich ständig, um

sich an wandelnde Umweltbedingungen

anzupassen. Kleine Variationen im Erbgut,

die Mutationen, verschaffen manchen

Mikroben einen Überlebensvorteil,

die sich daraufhin stärker vermehren als

ihre übrigen Artgenossen. Dieses Grundprinzip

der Evolution hilft auch Krankheitserregern,

sich gegen Antibiotika zu

wehren, etwa indem sie Wirkstoffe zerstören,

bevor sie ihnen gefährlich werden.

Doch wir können es den Keimen schwerer

machen, diese Resistenzen zu bilden,

indem wir einige Taktiken beachten:

Sparsam verwenden Auch wenn es banal

klingt – nur wenn ein Bakterium mit einem

Antibiotikum in Kontakt kommt,

bringt ihm eine Resistenz einen Überlebensvorteil.

Daher sollten Mediziner die

Mittel nur dann verordnen, wenn es aus

medizinischen Gründen wirklich erforderlich

ist. Doch noch immer setzen sie Antibiotika

viel zu lax und häufig ein. Sogar

dort, wo sie gar nicht wirken: etwa bei Erkältungen.

Die werden meist von Viren

verursacht, gegen die jedes Antibiotikum

machtlos ist. Erste Schnelltests für Hausärzte

gibt es schon, die zwischen Viren

oder Bakterien unterscheiden.

Zudem verwenden Landwirte Breitbandantibiotika

seit Jahrzehnten als Mastmittel

in der Tierzucht, was zumindest in Europa

offiziell verboten ist. Von den 2000

pro Jahr in Deutschland verbrauchten

Tonnen sind nur 350 Tonnen für den Menschen

bestimmt, der Rest für Tiere. In

den Ställen entstehen durch den dauernden

Kontakt mit Antibiotika schnell Resistenzen,

die auch auf Keime überspringen,

die Menschen befallen.

Richtig dosieren Verordnet ein Arzt ein

Antibiotikum, darf es nicht zu niedrig

dosiert sein oder die Behandlung zu früh

abgebrochen werden. Sonst überleben

genau jene Keime, die Abwehrstrategien

entwickelt haben. Sie geben die Resistenzen

dann an die Nachkommen weiter.

Sorgfältig desinfizieren Krankenhäuser

sind eine Art Paradies für Keime: Die vielen

vorkommenden Erreger können Resistenzgene

austauschen; alte, immungeschwächte

Patienten bringen neue Keime

ins Haus: Jede Operation eröffnet den

Erregern ideale Einflugschneisen in den

Körper. Deshalb ist penible Hygiene in

den Kliniken extrem wichtig. Viele Häuser

lehnen es mittlerweile ab, verkeimte Patienten

etwa aus schlecht geführten Pflegeheimen

aufzunehmen, oder schicken

sie konsequent auf Isolierstationen.

Früh diagnostizieren Bisher weiß ein Arzt

oft nicht, ob er mit einem Breitbandantibiotikum

früh zugeschlagen soll, um möglichst

schnell viele Bakterienarten zu töten,

oder ob er lieber mit einem speziellen

Mittel einen einzelnen Erreger zielgerichtet

angreifen soll. Gen-Schnelltests machen

es jetzt möglich, einen Krankheitserreger

vor der Behandlung genau zu

identifizieren. Bisher dauerte das Tage.

Backe an Backe

Antibiotika nicht zum

Mästen einsetzen

»

ist die Gefahr sehr groß, sich etwa beim

Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks

mit einem der Hauptübeltäter anzustecken:

dem methicillinresistenten Staphylococcus

aureus, kurz MRSA. Er verursacht

Wund- und Weichteilinfektionen, Blutvergiftungen

und Lungenentzündungen.

Und selbst wer einen resistenten Keim

überlebt, liegt oft lange in der Klinik und

produziert in Deutschland im Schnitt etwa

4000 Euro zusätzliche Kosten. Bezogen auf

die Europäische Union, ergibt das samt

Produktivitätsverlusten rund 1,5 Milliarden

Euro wirtschaftlichen Schaden im Jahr.

Das Problem ist zu großen Teilen hausgemacht,

weil wir mit dem massenhaften

Einsatz von Antibiotika bei Mensch und

Tier solche Resistenzen geradezu züchten.

Eine Reihe von Maßnahmen könnte nun

zumindest verhindern, dass dieser Prozess

weiter an Fahrt gewinnt und neue Superkeime

schneller entstehen, als die Forscher

neue Antibiotika entwickeln können (siehe

Kasten links).

RESISTENZEN GEZIELT BRECHEN

Nach Jahrzehnten des Stillstands, in denen

nur eine einzige wirklich neue Substanzklasse

mit innovativem Wirkmechanismus

auf den Markt kam, ist die Antibiotikaforschung

endlich wieder in Bewegung geraten.

Die Forscher wollen heute nicht mehr

eine möglichst breite Dampfwalze entwickeln,

die alle nur erdenklichen Bakterien

plattmacht. Stattdessen suchen sie jetzt

nach Wirkstoffen, die mit gezielten Schlägen

die Resistenzen brechen.

Das hätte laut Martin Blaser noch einen

ganz anderen – sehr positiven – Effekt. Es

würde dazu führen, dass wir unsere eigenen,

hilfreichen Bakterien, etwa im Darm,

nicht laufend malträtierten. „Das führt zu

Folgeschäden, mit denen wir bisher überhaupt

nicht gerechnet haben“, warnt der

New Yorker Forscher (siehe Seite 64).

Ganz weit vorn ist das britisch-schwedische

Unternehmen Astra Zeneca. 2012

brachte es mit Ceftarolin einen ersten Resistenzbrecher

auf den europäischen

Markt, der auch den MRSA-Keim in den

Griff bekommt. Astra Zenaca hat als eines

von wenigen Pharmaunternehmen die Antibiotikaforschung

nie aufgegeben. „Wir

haben uns die langjährige Expertise unserer

Forscher und Entwickler auf diesem

Gebiet erhalten“, freut sich Christian Kreher,

der in Deutschland für die Medikamentengruppe

zuständig ist.

Konkurrenten dagegen geben unumwunden

zu, wie mühsam es ist, überhaupt

FOTOS: CARO/SEEBERG, BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

62 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Keim-Killer gesucht Im Labor reaktivieren Forscher die tiefgefrorenen Mikroben und untersuchen ihre Inhaltsstoffe

noch gute Mikrobiologen an Bord zu bekommen.

Astra Zeneca dagegen hat 2009

seine Abteilung sogar aufgestockt. Für 400

Millionen Dollar kaufte der Konzern die

französische Novexel. Dorthin hatte einst

Sanofi seine Antibiotikaforschung ausgegliedert.

So landete mit Novexel auch die

Medikamenten-Pipeline der Forscher aus

Höchst beim Konkurrenten Astra Zeneca.

Darunter ein weiterer hochinteressanter

Resistenz-Brecher der neuesten Machart,

genannt Avibactam. Den kombinierten

Astra-Zeneca-Entwickler mit einem klassischen

Breitbandwirkstoff aus der Gruppe

der Cephalosporine, die Zellwände durchlöchern.

Das Kombipräparat durchläuft

gerade die letzten beiden Phasen der Zulassung

mit Tests am Menschen.

Der Clou am „Avi“, wie Experte Kreher

seine biologische Brechstange liebevoll

nennt: Es trickst hartnäckigste multiresistente

Bakterien aus, indem es deren Abwehr

gegen Cephalosporin außer Kraft

setzt. Das gelingt bei fast allen Bakterien,

die unseren Körper befallen. Klappt alles,

will Astra Zeneca das Kombipräparat 2016

für Harnwegsinfekte und Lungenentzündungen

zur Zulassung einreichen.

Dieser Erfolg dürfte die Sanofi-Forscher

ebenso betrüben wie die Kollegen bei der

schweizerischen Roche, dem eidgenössischen

Rivalen Novartis oder bei Bayer in

Leverkusen: Denn sie alle haben vor Jahren

zahlreiche vielversprechende Ideen aufgegeben.

Die damals ausgegründeten Unternehmen

Basilea in Basel, Nabriva in Wien

und Aicuris in Wuppertal entwickeln die

Konzepte nun munter eigenständig weiter.

So besitzt Basilea seit Oktober 2013 die

Zulassung für Ceftobiprol, einem Cephalosporin

der fünften Generation. Das Besondere

daran: Das Mittel wurde so lange im

Labor optimiert, bis es mit einer Vielzahl

von Killerkeimen zugleich fertig wird. Ceftobiprol

soll sie alle schaffen, versichert Basileas

Entwicklungschef Achim Kaufhold.

Bisher ist das innovative Präparat zugelassen,

um Menschen mit schweren Lungenentzündungen

zu helfen. Da für diese

Fälle Ausnahmeregeln bei der Abrechnung

der Behandlung gelten, konnte Kaufhold

mit den Kassen einen für sein Unternehmen

sehr attraktiven – sprich hohen – Preis

85 %

aller Antibiotika

werden in Deutschland

an Tiere verfüttert

aushandeln. Er will keine Zahlen nennen,

Analysten aber schätzen, dass das neue

Antibiotikum auf mehr als eine Milliarde

Dollar Umsatz kommen wird. „Mit modernen

Antibiotika lässt sich schon Geld verdienen“,

ist Kaufhold jedenfalls überzeugt.

Dagegen wird wohl noch einige Zeit vergehen,

bis auch der ehemalige Mutterkonzern

Roche – 14 Jahre nach der Abtrennung

der Basilea – mit einem eigenen Produkt

nachziehen kann. Roche verkündete Ende

2013, wieder aktiv in die Antibiotikaforschung

einzusteigen, und lizenzierte einen

völlig neuen Wirkstoff namens POL7080

vom Schweizer Unternehmen Polyphor. Es

hat mit Forschern der Universität Zürich

spezielle Peptide entwickelt, die Bakterien

dabei stören, Schutzhüllen aufzubauen.

Diese Eiweißbruchstücke greifen dabei in

ganz andere Mechanismen ein als bisher

bekannte Antibiotikaklassen. Die neuartigen

Medikamente sollen schwere bakterielle

Infektionen heilen, die der ebenfalls

mit Resistenzen gespickte Krankenhauskeim

Pseudomonas aeruginosa verursacht.

Er gehört zusammen mit dem

MRSA-Erreger zu den sechs weltweit gefährlichsten

resistenten Mikroben.

Der Wirkstoff ist in der zweiten Phase der

Arzneimittelzulassung. Damit liegt Roche

fast gleichauf mit der Novartis-Ausgründung

Nabriva: Deren neue Stoffklasse der

Pleuromutiline war in Phase-II-Studien bei

multiresistenten Erregern von Haut- und

Weichteilinfektionen hochwirksam.

ERSCHIESSEN STATT VERGIFTEN

Ganz im Verborgenen hat die in Liechtenstein

und Regensburg angesiedelte Biotechfirma

Lysando derweil einen ganz anderen

Ansatz im Kampf gegen Keime entwickelt,

der bei Patienten mit wund gelegenen

Stellen am Körper, dem Dekubitus,

schon gut anschlug.

Das Unternehmen arbeitet wie Roche

mit Peptiden. Doch die Eiweißschnipsel,

die belgische Forscher erfunden haben,

greifen nicht wie klassische Antibiotika in

der Wachstumsphase biochemisch in den

Bakterienstoffwechsel ein. Stattdessen zerstörten

sie diese auch in der Ruhephase,

indem sie die Keime richtiggehend physikalisch

durchlöchern. „Wir vergiften die

Bakterien nicht, wir erschießen sie“, sagt

Firmengründer Markus Matuschka von

Greiffenclau. Das Gute daran: Gegen Erschießen

können nicht mal Keime Resistenzen

entwickeln.

n

susanne.kutter@wiwo.de

Lesen Sie weiter auf Seite 64 »

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 63

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Technik&Wissen

INTERVIEW Martin Blaser

»Der Urwald in uns«

Antibiotika schaden den guten Bakterien in uns, warnt der US-Biologe.

Die Folge: Die Mittel machen uns statt gesund krank – und dick.

Professor Blaser, die meisten Forscher

sorgen sich, dass Antibiotika nicht mehr

gegen lebensbedrohliche Krankheiten

wirken. Sie dagegen warnen vor diesen

Medikamenten, weil sie unseren Darmbakterien

schaden. Ist das so tragisch?

Ich meine nicht den Durchfall, den Sie

nach der Einnahme eines Antibiotikums

bekommen. Mir geht es um die Vielzahl

von Mikroben in Milliardenstärke, die

unser Körper beherbergt und die alle

äußerst wichtig für uns sind, nicht nur

im Darm. Sie helfen uns bei der Verdauung

unseres Essens, sie machen

Vitamine für uns, sie schützen uns vor

Krankheitserregern, sie trainieren unser

Immunsystem. Die Gesamtheit dieser

hilfreichen Organismen – das sogenannte

Mikrobiom – ist so vielfältig wie ein

tropischer Urwald. Doch dieses Biotop

in uns verändert sich.

Und diese Veränderungen sind von

Menschen gemacht?

Ja. Ich gehe davon aus, dass viele dieser

Veränderungen eine unbeabsichtigte

Folge von etwas sehr Positivem sind –

den Antibiotika.

Sie halten diese Wirkstoffe also nicht

generell für gefährlich?

Es ist wunderbar, dass es sie gibt. Denn

sie bekämpfen Mikroben, die uns krank

machen und umbringen können. Aber

wir erkennen allmählich auch die negativen

Konsequenzen: Die Antibiotika

schädigen eben auch all diese hilfreichen

Mikroben. Eine Art Kollateralschaden.

Und diese Folgen hatten wir bisher

nicht berücksichtigt.

Sie sprechen dabei aber nicht über

Resistenzen?

Nein, dass die krank machenden Keime

Resistenzen gegen die Antibiotika entwickeln,

ist ein ganz anderes Thema. Dadurch

entstehen zwar auch Folgekosten,

weil diese Medikamente in der Zukunft

unwirksam werden und wir neue Wirkstoffe

entwickeln müssen. Aber diese

Kosten trägt die Gesellschaft. Die Konsequenzen,

die ich meine, trägt jeder Einzelne

von uns.

DER ARTENSCHÜTZER

Blaser, 65, ist Mikrobiologie-Professor an

der New York University. Er leitet das

Human Microbiome Program und erforscht

all die hilfreichen Bakterien, die unseren

Körper besiedeln. Über die Gefahr, die ihnen

durch Antibiotika drohen, hat er jetzt das

Buch „Missing Microbes“ geschrieben.

Und wie sehen diese Folgen aus?

Sie betreffen die Art und Weise, wie sich

unsere Kinder entwickeln. Ob sie zum Beispiel

dick werden oder Diabetes bekommen.

Nicht ohne Grund werden Antibiotika

als Mastbeschleuniger eingesetzt. Oder

ob sie an Allergien, Asthma und Autoimmunerkrankungen

wie Morbus Crohn, einer

chronischen Darmentzündung, leiden,

weil ihre Immunabwehr gestört ist.

Und ob sich ihr Nervensystem korrekt entwickelt,

wenn das Mikrobiom gestört ist,

wissen wir auch noch nicht. Es gibt aber

Hinweise auf einen Zusammenhang mit

Krankheiten wie dem Autismus.

Das klingt ja gruselig.

Das ist es auch.

Und wie lassen sich die negativen Konsequenzen

verhindern, ohne auf den Schutz

durch Antibiotika zu verzichten?

Nun, es kommt darauf an, wie wir mit diesen

Mitteln umgehen. Bisher verschreiben

Ärzte überwiegend Breitband-Antibiotika,

die gegen möglichst viele Mikroben

gleichzeitig wirken. Denn der Mediziner

geht damit auf Nummer sicher, den Erreger

auf jeden Fall zu erwischen. Doch

je breiter das Wirkspektrum ist, desto

größer ist auch der Kollateralschaden.

Viel sinnvoller wäre es, nur Antibiotika

zu verwenden, die ausschließlich gegen

genau diesen einen Krankheitserreger

wirken.

Gibt es solche Medikamente bereits?

Nicht in ausreichendem Maße. Doch

eine ganze Reihe junger, forschungsorientierter

Firmen entwickelt genau solche

Antibiotika. Allerdings müssen wir dazu

auch die entsprechenden Diagnosemethoden

etablieren. Denn nur wenn der

Arzt zuvor testen kann, welcher Erreger

bei seinem Patienten die Lungen- oder

Hirnhautentzündung verursacht, kann er

auch das passende Medikament auswählen.

Alles andere wäre fatal.

Antibiotikahersteller setzen bisher aber

auf Breitbandmittel, damit sie möglichst

viele Patienten als Kunden erreichen.

Das stimmt. Die Hersteller haben ein

nachvollziehbares Interesse daran, dass

möglichst viele Antibiotika verschrieben

werden. Doch die Folgekosten werden

verheerend sein. Wir müssen deshalb

die ökonomischen Anreize anders

setzen – und die Entwicklung solcher

hochspezifischen Antibiotika samt der

Diagnostik öffentlich fördern. Das wird

sich nicht in ein oder zwei Jahren verwirklichen

lassen, aber zehn Jahre halte

ich für ein realistisches Ziel.

Was tun bis dahin?

Wir müssen den Antibiotikaverbrauch

drastisch senken. Dass diese Mittel in

den USA noch als Mastbeschleuniger in

der Landwirtschaft zugelassen sind, ist

eine Schande. Aber auch jeder Einzelne

kann etwas beitragen. Beispielsweise

wenn er Ärzte nicht drängt, ein Antibiotikum

zu verschreiben, wenn es nichts

bringt, etwa bei einem Virusinfekt. Gerade

in den USA glauben viele Menschen,

Antibiotika seien Allheilmittel. In China

ist es noch schlimmer: Dort liegt der Pro-

Kopf-Verbrauch noch einmal doppelt bis

vierfach so hoch.

Sie plädieren für inneren Biotopschutz?

Ja. Wir müssen den unspezifischen

Feldzug gegen alle Keime dieser Welt beenden,

bevor wir uns selbst schaden. n

susanne.kutter@wiwo.de

FOTO: NYU SCHOOL OF MEDICINE/CARL GLENN

64 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Mieze als Spion

HAUSTIERE | Fitnessbänder für schlappe Hunde, Fressautomaten

für dicke Katzen: Elektronische Gadgets optimieren das Leben des

modernen Vierbeiners – und werden zum Milliardengeschäft.

Die Katze von Nick Hill war ein wenig

eigen. Flipper mochte Gesellschaft

nicht so gern. Vor allem nicht die des

Nachbarkaters. Der aber ignorierte die Ablehnung

und stieg Flipper weiter hinterher,

verfolgte sie ins Hill’sche Revier und markierte

dort die Küche mit seinem Duft. Zu

viel für Flipper – die Katze fraß nichts mehr.

Um den aufdringlichen Nachbarn fernzuhalten,

probierte Hill diverse Katzenklappen

aus – erfolglos. Da wurde es dem

promovierten Physiker von der Universität

Cambridge zu viel. Er entwickelte

selbst eine Klappe: Elektronisch aufgerüstet

gewährt sie nur der Katze den Zutritt,

die den richtigen Chip zwischen den

Schulterblättern unter dem Fell trägt – im

Hause Hill: Flipper.

Das war vor sieben Jahren. Damals gründete

der Physiker Sureflap und brachte die

erste mikrochipgesteuerte Klappe auf den

Markt. Aus der Drei-Mann-Schmiede ist

inzwischen ein Unternehmen mit 30 Mitarbeitern

geworden – die Katzenklappe exportiert

Hill weltweit. Hauptabsatzmärkte

sind England und Deutschland.

Elektronische Katzenklappen, GPS-Sender

für Hunde, Apps fürs Aquarium – die

Liste der smarten Technikspielereien für

Haustiere wird immer länger. Längst gibt es

die Webcam für die Katze oder Activity-

Tracker, die über einen Clip am Hundehalsband

– ähnlich wie Fitnessbänder

beim Menschen – Lauf-, Spiel und Ruhezeiten

des Tieres aufzeichnen und aufs

Smartphone schicken. Während in den

USA und England Tierliebhaber ihre

Schoßtiere schon seit Jahren mit derlei

Gadgets ausstatten, schwappt

der Trend nun auch nach

Deutschland.

DIÄT FÜR DICKE KATER

Noch ist es ein Nischenmarkt.

Doch ähnlich wie beim Menschen,

bei dem die tragbare Elektronik

– die Wearables – zu boomen

beginnt, soll nun auch das

moderne Haustier technisch aufgerüstet

werden. Bis 2025 erwartet die britische

Marktforschung IDTechEx Umsätze von

2,6 Milliarden Dollar, einschließlich der

Anwendungen für Nutztiere in der Landwirtschaft.

Dabei geht es etwa darum, Tiere

per Funkchip zu identifizieren, ihren Aufenthaltsort

per Satellitennavigation zu bestimmen

und irgendwann sogar über Sensoren

ihr Wohlbefinden zu überwachen.

Video

In unserer

App-Ausgabe

finden Sie

Filme zu den

Tiergadgets

Ferngesteuerte Fische

Der ambitionierte Aquariumbesitzer

steuert mit der App GHL ProfiLux vom

gleichnamigen Anbieter aus Kaiserslautern

Licht und Fütterungszeiten in

der Unterwasserwelt.

Preis: kostenloser Download

Andy Bank, Commercial Director von

Sureflap, ist zuversichtlich: „Die steigenden

Verkaufszahlen in Deutschland lassen darauf

schließen, dass der Markt ähnlich wie

in England wachsen wird“, sagt er. „Nur die

Entwicklung wird etwas langsamer sein.“

Bei den Katzenklappen hat das zwei Gründe:

Während in England jede Katze einen

implantierten Chip unter der Haut trägt, ist

das hierzulande nur bei denjenigen der

Fall, die schon Reisen ins europäische Ausland

unternommen haben. Und die britischen

Tierarztketten sind geschäftstüchtiger.

Sie haben eigene Mitarbeiter, die sich

um den Verkauf solcher Produkte kümmern.

Das erleichtert den Vertrieb.

Das größte Angebot an smartem

Schnickschnack finden technikbegeisterte

Tierhalter im Internet. Aber auch

die lokalen Fachmärkte haben

durchaus elektronische Katzenklappen

oder Futterautomaten

ins Sortiment aufgenommen.

„Das sind feine Sachen, gerade

wenn Sie einen ständig fressenden

adipösen Vierbeiner zu Hause

haben“, sagt Kressen Thomsen

von der Handelskette Das Futterhaus.

„Wenn Sie zur Arbeit sind, können

Sie damit hervorragend per Zeitschaltuhr

die Fütterung regulieren.“ Als Extra lässt

sich auch noch eine Web-Cam installieren,

um über das Internet mitzuverfolgen, wie

sich Mieze den Magen vollschlägt.

Für noch mehr Kontrolle will Sureflap

mit dem Surefeed sorgen, der jetzt auf den

Markt kommen soll. Er funktioniert mit

derselben Technik wie die Katzenklappe

»

FOTOS: PR (3), FOTOLIA

Stolze Kamerakatze

Mountainbiker zeichnen mit einer

Actioncam Touren auf, die Katze von

heute mit der Catcam von Catnip

Technologies aus Hongkong. Herrchen

und Frauchen erfahren so, wo ihr Felltiger

am liebsten Mäuse jagt.

Preis: 39 Euro

Unsichtbarer Öffner

Nur wenn ein Vierbeiner

den richtigen Mikrochip

unterm Fell trägt, öffnet

die Katzenklappe des britischen

Anbieters Sureflap

den Weg in die Wohnung.

Preis: 99,99 Euro

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 65

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Technik&Wissen

»

– nur das Tier mit dem richtigen Chip

bekommt Futter. Speziell auf Mehrkatzenhaushalte

zugeschnitten und für die besondere

diätische Lebensweise besonders

dick geratener oder kranker Vierbeiner.

Und wer wissen will, wo sich die eigene

Katze so herumtreibt, kann ihr eine kleine

Videokamera umhängen. So erfahren

Herrchen und Frauchen auch, bei welchen

Nachbarn die eigene Mieze noch ein paar

Extra-Happen abstaubt – und wie es dort

im Schlafzimmer aussieht.

DACKEL AM BODEN

Um die Pirschwege von Hund und Katze

ganz genau zu überwachen, ohne ihnen

atemlos hinterherzuhecheln, kann der Besitzer

sie mit einem GPS-Sender ausstatten.

Zumindest theoretisch. Die Firma

Grube in Bispingen in der Nähe von Hamburg

vertreibt seit 2010 die Technik des

amerikanischen Herstellers Garmin und

hat die Geräte in Deutschland marktfähig

gemacht. Was nicht einfach war.

Denn hierzulande ist eine Zulassung bei

der Bundesnetzagentur erforderlich, da

die Systeme Daten in sicherheitsrelevanten

Funkfrequenzen übertragen. Das Verfahren

hat Grube durchgeboxt und bietet

für ihre Kunden einen speziellen Service

mit Zulassung und Anmeldung an – etwa

für Schweißhunde und ihre Hundeführer.

Das sind Tiere, die durch Autounfälle verletztes

oder bei der Jagd angeschossenes

Wild aufspüren. „Nur weil der Hund mal

im Wald beim Spazierengehen verschwindet,

das reicht noch nicht“, sagt Udo

Schmidt, Assessor des Forstdienstes und

bei Grube zuständig für die Technik. „Das

ist kein lustiges Spielzeug, was Sie sich mal

eben für Ihren Hund kaufen.“ Neben der

besonderen Zulassung ist es vor allem

eins: besonders teuer. Eine Geräteeinheit

kostet 729 Euro, ohne Anmelde- und Nutzungsgebühren.

Kein Wunder, dass unter

den Kunden in Bispingen hauptsächlich

Spezialisten sind – Führer von Hunderettungs-

oder Polizeihundestaffeln und Jäger.

Die Firma verkauft bundesweit jährlich

1000 bis 1200 Einheiten. „Von Jahr zu

GPS-Sender

helfen, verloren

gegangene Hunde

aufzuspüren

Jahr wird es langsam, aber stetig mehr“,

freut sich Schmidt.

Für Katzen ist die Garmin-Technik allerdings

nicht geeignet. Die Halsbänder wiegen

samt Zubehör bis zu 700 Gramm „Das

ist ja noch nicht mal was für einen Dackel“,

sagt Schmidt, „da zieht der mit dem Unterkiefer

schon über den Boden.“

Wenn es mit dem Garmin nicht unbedingt

der Porsche unter den Peilgeräten

sein muss, dann geht es auch eine Nummer

günstiger. Mit einem Chip lassen sich

etwa die Daten per Mobilfunk aufs Handy

übertragen. Das Problem dabei: Wenn kei-

ne Netzabdeckung da ist, funktioniert es

nicht. Was im Wald schon mal passieren

kann. Der Vorteil: Dieses System funktioniert

weltweit immer dort, wo es Mobilfunk

gibt „Wenn jemand Ihren Hund nach Timbuktu

verschifft, dann sehen Sie ihn immer

noch auf dem Display“, sagt Schmidt.

SONNENAUFGANG FÜR DEN GUPPY

Wachstum verzeichnet auch eine ganz andere

Sparte: die Aquaristik. „Im nassen Bereich

ist Deutschland führend und hat

auch die meisten Unternehmen“, sagt Ralf

Grützner, Vizepräsident des Zentralverbands

Zoologischer Fachbetriebe ZZF. So

lässt sich etwa ein Großteil der Technik im

Aquarium fernsteuern oder programmieren.

Auch aus dem Urlaub lassen sich dann

Temperatur, Wasserstand oder Sauerstoffkonzentration

im Becken überwachen und

regeln. Ein Sensor im Wasser überträgt die

Daten über einen speziellen Aquarium-

Computer auf einen Web-Server. Von dort

lassen sich über das Internet die Daten auf

die Handy-App runterladen.

Mit dem Siegeszug der LED-Technik hat

sich viel in Sachen Beleuchtung getan. „Da

sind in den vergangenen sechs Jahre in

Deutschland gute Schmieden entstanden,

die Hochleistungs-LEDs in Aquarien einbauen“,

sagt Grützner. Wer es ganz besonders

ausgeschlafen mag, kann den

Sonnenauf- und -untergang im Aquarium

inszenieren. Das ist aber eher was fürs Auge

des Betrachters. „Dem Fisch ist’s egal“,

sagt Grützner, „dem können Sie auch die

Nachttischlampe drüberhängen.“ n

Kristin Hüttmann, technik@wiwo.de

Fitter Vierbeiner

Der münzgroße Sensor The Whistle der kalifornischen

Firma Whistle Labs misst, wie viel ein

Hund rennt, spielt und schläft – ganz wie ein Fitnessband

beim Menschen. Die Daten funkt er

vom Halsband aus aufs Smartphone des Besitzers.

Preis: circa 95 Euro

Tierische Selfies

Mit der App Cat Snaps können sich

Katzen per Tablet ablichten. Schlagen

sie auf einen farbigen Punkt auf dem

Display, lösen sie die Aufnahme aus.

Preis: kostenloser Download

Strenger Speiseplan

Will Katze fressen, muss sie sich

per Mikrochip ausweisen. Nur

dann gibt der Fressnapf Surefeed

der britischen Firma Sureflap

das Futter frei (ab dem Sommer

erhältlich).

Preis: 124,99 Euro

FOTOS: GETTY IMAGES/JUSTIN SULLIVAN, PR (3)

66 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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VALLEY TALK | Elon Musk, Chef des Elektroauto-

Pioniers Tesla Motors, will alle Patente freigeben.

Profitieren würden die Chinesen – und am Ende

auch Musk selbst. Von Matthias Hohensee

Tollkühner Schachzug

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Eigentlich ist’s ein Widerspruch in

sich, aber im Silicon Valley sind sie

inzwischen daran gewöhnt, von

Elon Musk überrascht zu werden.

Der gebürtige Südafrikaner tickt einfach

anders. Als die E-Auto-Pioniere Martin

Eberhard und Marc Tarpening vor zehn

Jahren Investoren für Tesla Motors suchten,

lehnten alle großen Wagnisfinanzierer

des High-Tech-Tals ab. Der PayPal-Multimillionär

aber glaubte an die Idee, investierte

Teile seines Vermögens und übernahm

das Management von Tesla Motors.

Auch sein Plan, mit Space X den ersten

privaten Anbieter von Raumtransporten zu

etablieren, stieß auf Skepsis. Nicht minder

verstieß gegen übliche Gepflogenheiten,

sich mit den Einkäufern des US-Militärs

anzulegen, weil diese Boeing und Lockheed

Martin Aufträge für Satellitentransporte

ohne Ausschreibung zuschanzten.

Trotzdem erschüttert, was Musk sich

nun ausgedacht hat, die Grundfesten des

Silicon Valley: Er will alle Patente von Tesla

Motors zur Nutzung freigeben.

Ausgerechnet die Patente! Allein Apple

beschäftigt Heerscharen von Anwälten, um

sein geistiges Eigentum zu verteidigen.

Oracle überzieht Google mit Klagen, weil der

Suchkonzern Grundlagen seines Android-

Betriebssystems beim Computerkonzern

Sun Microsystems abgekupfert haben soll,

den Oracle vor Jahren übernommen hatte.

TAFELSILBER VERSCHENKEN

Sicher, die freie Nutzung von Programmcode

in Form von Open Source hat lange

Tradition, nicht nur bei den Betriebssystemen

Linux und Android. Aber Musk will

alles freigeben – auch Hardware. Darunter

Tafelsilber wie das Zusammenspiel der vielen

Lithium-Ionen-Akkus im Batteriepack.

Damit gefährdet er auch seine eigenen

Umsätze. Denn Verkauf und Lizenzierung

von Komponenten war eigentlich das Ur-

Geschäftsmodell von Tesla. Erst als sich

zeigte, dass das Unternehmen den Markt

nur mit kompletten Autos würde gewinnen

können, stellte es E-Mobile in Serie her.

Die Freigabe der Patente ist auch wegen

der politischen Sprengkraft tollkühn. US-

Politiker sorgen sich über den Fortschritt

Chinas bei Forschung und Entwicklung.

Was dessen staatlich gestützte Unternehmer

nicht abkupfern können, akquirieren

sie. Etwa in der Solarbranche, wo China am

Stück innovative westliche Hersteller aufkaufte

– und deren teils mit Milliarden öffentlicher

Gelder geförderte Technologien.

Auch A123, ein innovativer Batteriehersteller

für Elektroautos, ist inzwischen unter

chinesischer Kontrolle. Der Einsatz von

Elektroautos ist im größten Automarkt der

Welt und seinen von Luftverschmutzung

geplagten Großstädten sinnvoll. Zumal die

Chinesen wenig Berührungsängste mit

Nuklearenergie haben, um den nötigen

Strom herzustellen.

Deshalb auch ist Musks Schritt so brisant

für die westlichen Autoproduzenten, denen

er damit die Daumenschrauben anzieht.

Sie müssen endlich in die Gänge kommen,

wenn sie beim Verkauf von E-Mobilen global

noch mitmischen und den chinesischen

Konkurrenten voraus sein wollen. Denn die

könnten nun – dank Teslas Patenten –

einen Sprung nach vorne machen.

Das, so sein Kalkül, eröffnet nicht nur

den Weg zum Massenmarkt für Elektrofahrzeuge

und damit auch den Ausbau der Infrastruktur

zum Laden der Akkus – von der

wiederum auch Tesla profitiert. Zugleich

könnte der Schritt Bemühungen bremsen,

wie die von etwa Toyota, statt Elektroautos

lieber den Brennstoffzellenantrieb zu fördern.

Mit der Folge, dass Tesla auch vom

boomenden Markt für Elektroauto-Akkus

profitieren kann, in dem sich das Unternehmen

gemeinsam mit Panasonic als Ausrüster

etablieren will.

Trotzdem ist der Schritt, Tafelsilber zu

opfern, tollkühn. Aber das erwartet man

von Musk nicht anders.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 67

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Management&Erfolg

Ran ans Leben

UNI-RANKING | Von der Kooperation mit Dax-Konzernen bis zum Rhetorikseminar:

Universitäten wie die in Karlsruhe oder Berlin, die nicht nur akademische

Theorien lehren, sondern auch aufs Berufsleben vorbereiten, stehen bei Personalern

wie Studenten hoch im Kurs. Und gehören zu den Siegern des diesjährigen

Hochschul-Rankings von Universum, das der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt.

Wie viel Platz benötigt der

Fahrer hinterm Lenkrad,

wie viel zum Schlafen? Wie

kann er auch mal pinkeln,

ohne den Lkw zu verlassen?

Kommen wir mit unserem Budget

klar? Und wie tragen wir dazu bei, dass der

Laster möglichst wenig Sprit verbraucht?

Fragen, auf die Stefan Held im vergangenen

Winter Antworten suchte, fünf Monate

lang. Immer wieder besuchte der 25-jährige

Student der Universität Karlsruhe zusammen

mit seinen Kommilitonen deshalb

Speditionen, befragte auf Autobahnraststätten

schon früh morgens Lkw-Fahrer,

die sich beim ersten Kaffee gerade die

Nacht aus den müden Gliedern schüttelten.

Und saß danach oft bis spät in die

Nacht vor dem Computer – immer auf der

Suche nach Ideen, mit denen er den Truckern

das Leben hinterm Steuer komfortabler

machen könnte.

Der Grund für Helds Engagement: „Free

Style Green Truck“, die Konzeption eines

umweltfreundlichen und möglichst nachhaltig

betriebenen Lkws. Auftraggeber des

Studententeams: Daimler Trucks, die Lkw-

Sparte des Automobilkonzerns.

„Wir hatten ein Budget von 1000 Euro,

vor allem für Material und Fahrtkosten. Als

die Teamrollen noch nicht klar verteilt waren,

war die Abstimmung noch etwas

chaotisch“, erinnert sich Held an die Anfänge

seiner Arbeit für den Stuttgarter Autobauer.

Doch er und sein Team lernten, sich

abzustimmen. Regelmäßig kamen die Ingenieure

von Daimler Trucks an das Karlsruher

Institut für Technologie, so der offizielle

Name der Uni (KIT), um die Fortschritte

mit den Studenten zu besprechen.

Persönlichkeit schlägtAbinote

Auf welche Qualifikationen und auf welche

Softskills Personaler achten¹

77,6

69,8

52,1

43,2

41,2

36,0

33,9

31,3

24,5

23,0

48,2

47,6

46,0

37,6

37,0

32,3

30,7

30,7

30,2

26,5

Persönlichkeit

Praxiserfahrung

Sehr gutesEnglisch

Abschlussart 2

Examensnote

SozialesEngagement

Auslandserfahrung

Studiendauer

Hochschule

Abiturnote

LösungsorientiertesDenken

Selbstständigkeit

Kommunikationsfähigkeit

Konfliktfähigkeit

Teamfähigkeit

Einfühlungsvermögen

Analysefähigkeit

Zeitmanagement

Kritikfähigkeit

Leistungsbereitschaft

WieAbsolventen von Privatunis

im Vergleich zu jenen von staatlichen

Hochschulen abschneiden 1

Besser Gleich Schlechter

58 31 11

50 36 14

45 44 11

40 51 9

36 38 26

36 48 16

35 47 18

30 41 29

15 61 24

Auftreten

Auslandserfahrung

Studiendauer

Fremdsprachenkenntnisse

Praxiserfahrung

Durchsetzungsvermögen

Motivation

Eigenständigkeit

Theoretisches Wissen

1 in Prozent, Mehrfachnennungen möglich; 2 Bachelor,

Master, Diplom; Quelle: Universum

„Wir haben gelernt, ein Projekt komplett

durchzuplanen“, sagt Held, der im 11. Semester

Maschinenbau studiert, „und nicht

gleich beim ersten Widerstand aufzugeben.“

Das Lkw-Projekt ist Teil der Lehrveranstaltung

„Integrierte Produktentwicklung“,

die an Helds Fakultät angeboten wird. Keine

theoretische Spielwiese, sondern für die angehenden

Ingenieure begehrter Lackmustest

auf ihre Praxistauglichkeit: Seit sieben

Jahren entwickeln an der Karlsruher Universität

jedes Wintersemester 42 Studenten

im Masterstudiengang in Abstimmung mit

einem Partner aus der Industrie Ideen für

neue Produkte. Neben Daimler waren

schon der Motorgerätehersteller Stihl, der

Werkzeugmaschinenbauer Trumpf und der

Getriebeproduzent Wittenstein alpha Kooperationspartner

des KIT.

„Die Studenten lernen, welche Produkte

am Markt gefragt sind und wie diese entwickelt

werden“, sagt Jan Breitschuh, der am

KIT die Lehr-Kooperation mit den Unternehmen

koordiniert. „Realitätsnahe Bildung

kann nur in einem realitätsnahen

Umfeld stattfinden.“

DIE WEISHEIT DES LEBENS

Wie in Karlsruhe setzen auch andere Universitäten

verstärkt darauf, nicht nur akademische

Theorien zu vermitteln, sondern

Fragen und Aufgaben zu thematisieren, die

den Herausforderungen im Berufsleben

möglichst nahekommen. Ganz im Geiste

des römischen Philosophen Seneca also,

der schon vor gut 2000 Jahren im 106. seiner

„Briefe an Lucilius über Ethik“ schrieb:

„Non vitae, sed scholae discimus.“ – „Nicht

für das Leben, sondern für die Schule lernen

wir.“ Und mit seinem ironischen Aus-

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

68 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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TECHNIK ZUM ANFASSEN

Maschinenbau-Student Stefan Held, 25,

in der Technik-Sammlung des Karlsruher

Instituts für Technologie

spruch, der später in umgekehrter Formulierung

zum geflügelten Wort wurde, schon

damals die Lebensferne der Philosophieschulen

aufs Korn nahm. „Sagen wir’s doch

gerade heraus: Es wäre besser, wir könnten

unserer gelehrten Schulbildung einen gesunden

Menschenverstand abgewinnen.“

Eine Haltung, die Experten wie Peter Zervakis

auch heute an Deutschlands Universitäten

sehen wollen: „Die Hochschulen sind

sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung

bewusst. Angesichts des Fachkräftebedarfs

ist die Nachfrage nach wissenschaftlich

gut ausgebildeten Absolventen

hoch“, sagt Zervakis, der für die Hochschulrektorenkonferenz

das Projekt Nexus leitet,

das sich unter anderem die „fachspezifische

Integration der Arbeitsmarktrelevanz in das

Studienangebot“ auf die Fahnen geschrieben

hat. „Gleichzeitig kann und will nicht

jeder in der Wissenschaft bleiben“, sagt Zervakis.

„Die Hochschulen setzen daher auf

eine problemlösungsorientierte Lehre, um

die Studierenden auch auf den Einstieg in

den Arbeitsmarkt optimal vorzubereiten“

(siehe Interview Seite 74).

Das zeigen auch die Ergebnisse des aktuellen

Uni-Rankings, das die Beratergesellschaft

Universum und der Personaldienstleister

access KellyOCG exklusiv für die

WirtschaftsWoche erstellt und für das sie

571 Personalchefs befragt haben (siehe

Methodik Seite 72).

„Es punkten genau die Universitäten, die

sich darum bemühen, ihre Absolventen

optimal auf den Übergang in den Arbeitsmarkt

vorzubereiten“, fasst Universum-

Deutschland-Geschäftsführer Stefan Lake

das Ergebnis der Umfrage zusammen. »

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 69

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Management&Erfolg

Die besten Universitäten 2014

Informatik

Betriebswirtschaftslehre

1

2

3

4

5

5

7

7

9

9

9

9

1

2

3

4

5

6

6

8

8

10

10

Karlsruhe (KIT)

Aachen (RWTH)

München (TU)

Darmstadt (TU)

Berlin (TU)

Dresden (TU)

Mannheim

Kaiserslautern (TU)

Stuttgart

Chemnitz (TU)

Ilmenau (TU)

Mannheim

München (LMU)

Köln

Vallendar (WHU)

Münster

Frankfurt am Main

Hohenheim

Östrich-Winkel (EBS)

Berlin (ESCP Europe)

Berlin (HU)

Frankfurt (School of Finance &

Management)

Leipzig (HHL)

Elektrotechnik

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Aachen (RWTH)

Karlsruhe (KIT)

Darmstadt (TU)

München (TU)

Kaiserslautern (TU)

Berlin (TU)

Dresden (TU)

Stuttgart

Dortmund (TU)

Braunschweig (TU)

Naturwissenschaften

1

2

3

4

5

5

5

8

8

10

Aachen (RWTH)

Berlin (TU)

München (LMU)

Berlin (HU)

Frankfurt am Main

Heidelberg

München (TU)

Karlsruhe (KIT )

Mainz

Berlin (FU)

19,8

18,8

17,7

15,6

14,6

11,5

11,5

8,3

8,3

7,3

7,3

45,6

27,8

26,6

21,5

16,5

15,2

15,2

15,2

13,9

13,9

13,9

13,9

37,1

29,0

27,4

25,8

19,4

17,7

14,5

12,9

9,7

8,1

29,3

24,4

22,0

19,5

17,1

17,1

17,1

14,6

14,6

12,2

Maschinenbau

1

2

3

3

5

6

7

8

9

9

9

Wirtschaftsinformatik

1

2

2

4

5

6

7

7

9

9

9

9

Karlsruhe (KIT)

Aachen (RWTH)

Darmstadt (TU)

Kaiserslautern (TU)

München (TU)

Stuttgart

Berlin (TU)

Dresden (TU)

Braunschweig (TU)

Ilmenau (TU)

Dortmund (TU)

Darmstadt (TU)

München (TU)

Mannheim

Dresden (TU)

Köln

Chemnitz (TU)

Hohenheim

Ilmenau (TU)

Saarbrücken

Hamburg

Paderborn

Augsburg

Volkswirtschaftslehre

1

2

3

4

5

6

7

8

9

9

Frankfurt am Main

Köln

München (LMU)

Mannheim

Bonn

Berlin (HU)

Göttingen

Konstanz

Heidelberg

Berlin (FU)

Wirtschaftsingenieurwesen

1

2

3

4

5

6

7

7

9

9

Karlsruhe (KIT)

Aachen (RWTH)

Darmstadt (TU)

Berlin (TU)

Dresden (TU)

Hamburg-Harburg (TU)

Kaiserslautern (TU)

Braunschweig (TU)

Erlangen-Nürnberg

Ilmenau (TU)

An der Umfrage beteiligten sich 571 Personaler; Angaben in Prozent; Mehrfachnennungen möglich

43,9

39,4

25,8

25,8

22,7

21,2

19,7

18,2

16,7

16,7

16,7

19,5

14,3

14,3

13,0

11,7

9,1

7,8

7,8

6,5

6,5

6,5

6,5

24,7

23,5

21,5

18,6

17,7

16,3

13,9

11,4

9,3

9,3

50,7

49,3

33,3

30,7

20,0

18,7

13,3

13,3

10,7

10,7

»

Zwar bleibt etwa die Uni Mannheim

für angehende Betriebswirte ebenso die

Nummer eins wie die TU Darmstadt im

Fach Wirtschaftsinformatik. Doch dahinter

gab es mitunter bemerkenswerte Verschiebungen:

Karlsruhe konnte im Fach Maschinenbau

zwei Plätze vorrücken, belegt

nun in den Fächern Maschinenbau, Informatik,

Wirtschaftsingenieurwesen den ersten

Rang. Und verdrängte damit so renommierte

Adressen wie die RWTH Aachen

vorerst vom Platz an der Spitze.

AUFSTEIGER BERLIN

Ebenfalls auf dem Vormarsch: der Hochschulstandort

Berlin. Die TU Berlin, die

ebenfalls einen starken Fokus auf die Praxis

legt, konnte in den Studienfächern Informatik,

Elektrotechnik und in den Naturwissenschaften

einige Plätze vorrücken

und zählt in diesen Fächern zu den zehn

besten Universitäten Deutschlands. Und

auch unter den Fachhochschulen konnte

die Hauptstadt aufholen: Die Berliner

HTW eroberte im Maschinenbau den ersten

Rang und konnte im Fach Informatik

auf den zweiten Rang vorrücken (siehe Tabelle

Seite 72) .

Eine Entwicklung, die nicht nur den Vorstellungen

der befragten Personaler entspricht.

Auch die angehenden Akademiker

selbst haben sehr ähnliche Ansprüche an

ihre Ausbildung an der Uni, wie Universum

im Frühjahr bei einer Befragung unter

mehr als 30 000 Studierenden an 140

Hochschulen in Deutschland feststellen

konnte: Nicht allein das Ausbildungsangebot

entscheidet darüber, ob Studenten sich

an ihrer Alma Mater gut aufgehoben fühlen:

Für sie spielen die Jobaussichten im

Anschluss ans Studium eine immer größere

Rolle. Sie wollen nicht nur erstklassige

theoretische Kenntnisse erwerben, sondern

befriedigende Antworten finden auf

die Fragen: Wie gut werde ich auf den Arbeitsmarkt

vorbereitet? Und wie groß sind

meine künftigen Karrierechancen?

Doch von einer so praxisnahen Ausrichtung

der universitären Lehre profitieren

nicht nur die Studenten – auch die Unternehmen

ziehen Vorteile aus der Kooperation.

Denn sie wollen keine Theoretiker, die

sich erst lange in den Berufsalltag einfinden

müssen, sondern schnell in der Lage

sind, ihr Studienwissen in die Praxis einzubringen.

Im Kampf um die besten Fachkräfte

müssen sie außerdem für die angehenden

Absolventen sichtbar sein.

So ist Daimler nicht nur am KIT präsent.

Die Kooperationen mit Hochschulen rei-

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

70 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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STARTKLAR Der angehende Wirtschaftsingenieur

Julian Jacob, 26, hat sich mit Kursen

für Rhetorik und Unternehmensführung an

der TU Berlin auf den Jobeinstieg vorbereitet

chen von Lehraufträgen und Vorlesungen

durch Mitarbeiter über die Präsenz auf

Messen, und die Betreuung von Abschlussarbeiten

und Praktika von Studierenden.

„Für uns als Technologiekonzern sind diese

Kooperationen wichtig“, sagt Anna-Maria

Karl, Leiterin Akademische Bildung

und Wissenskooperationen bei Daimler.

„Wir sind überall dort präsent, wo aktuell

innovative Ideen entwickelt werden.“

Am KIT etwa kommt ein Viertel des

Hochschuletats aus der Industrie, die Dozenten

haben häufig bereits eine Karriere

in der Wirtschaft gemacht oder sind sogenannte

„Share Professors“ – also Lehrbeauftragte,

die hauptberuflich in der Industrie

arbeiten und nebenbei an der Universität

lehren. Jeder Studiengang wird außerdem

regelmäßig evaluiert – dazu arbeitet

das KIT mit Vertretern aus der Industrie zusammen,

die den Studiengang auf ihre Anforderungen

hin überprüfen.

Das gilt auch für die TU Berlin: Dort gibt

es derzeit zwölf Stiftungsprofessuren – also

Lehrstühle, die komplett von einem Unternehmen

oder einer industrienahen Stiftung

finanziert werden. Partner sind unter

anderem der Energiekonzern Vattenfall,

die Deutsche Telekom und die Helios

Kliniken.

Einige ausgewählte Studenten, die ein

praxisnahes Studium absolvieren, profitieren

auch unmittelbar vom finanziellen Engagement

der Wirtschaft – etwa über das

im Sommersemester 2011 vom Bundesministerium

für Bildung und Forschung eingeführte

Deutschlandstipendium, bei dem

Studenten, unabhängig von ihrem Einkommen,

einen monatlichen Zuschuss in

Höhe von 150 Euro von Unternehmen erhalten.

Etwas mehr als 21 Millionen Euro

stifteten Unternehmen 2013 in diesen Fördertopf,

knapp 20000 Stipendiaten wurden

2013 bedacht, 42 Prozent mehr als im Jahr

zuvor. Das KIT konnte im vergangenen

Wintersemester 190 dieser Deutschlandstipendien

vergeben. An der TU Darmstadt,

die im Fach Wirtschaftsinformatik

den ersten Platz belegt, waren es im vergangenen

Semester sogar 302.

Auch die Vergabe der Drittmittel durch

Unternehmen an die Universitäten nimmt

zu. Laut Statistischem Bundesamt stieg die

Summe für 2012 gegenüber dem Vorjahr

um rund zwei Prozent. Insgesamt stellten

deutsche Unternehmen vor zwei Jahren

rund 1,3 Milliarden Euro für Forschungszwecke

zur Verfügung. Absoluter Spitzenreiter

ist die RWTH Aachen mit mehr als 67

Millionen Euro, die TU Berlin erhielt im

gleichen Jahr mehr als 20 Millionen Euro an

Drittmittel aus der gewerblichen Wirtschaft.

Und beim KIT, das etwa ein Viertel

seines Geldes aus der Industrie erhält, waren

das 2012 mehr als 23 Millionen Euro.

„Wir freuen uns, dass es uns gelingt, viele

Drittmittel für die Forschung einzuwerben“,

sagt Alexander Wanner, Vizepräsident für

Lehre am KIT. „Allein mit der staatlichen

Grundfinanzierung könnten wir viele Forschungsprojekte

nicht anpacken.“

Der Preis der Zusammenarbeit: „Die Unternehmen

kalkulieren ihr Engagement genau“,

sagt Universum-Manager Lake.

„Wenn sie von der Kooperation nicht »

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Management&Erfolg

Die besten Fachhochschulen 2014

Betriebswirtschaftslehre

Wirtschaftsinformatik

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Reutlingen (ESB)

Pforzheim

Berlin (HTW)

Köln

München

München (MBS)

Wiesbaden (RheinMain)

Heilbronn

Stuttgart (HfT)

Berlin (HWR)

20,5

11,5

9,8

9,1

9,0

8,2

7,4

6,9

5,7

5,5

1

2

3

4

5

6

7

8

8

10

Karlsruhe

Berlin (HTW)

Pforzheim

Reutlingen

Bonn-Rhein-Sieg

Köln

München

Berlin (HWR)

Dresden (HTW)

Furtwangen

Elektrotechnik

Maschinenbau

1

2

3

4

5

6

7

7

9

9

9

9

Aachen

München

Karlsruhe

Pforzheim

Köln

Esslingen

Leipzig (HTWK)

Kaiserslautern

Dortmund

Dresden (HTW)

Hamburg (HAW)

Mannheim

13,8

13,1

12,8

10,7

10,5

9,6

8,6

8,6

6,9

6,9

6,9

6,9

1

2

3

4

5

6

7

8

8

8

8

8

Berlin (HTW)

Esslingen

Mannheim

Pforzheim

Reutlingen

Aachen

Berlin (BHfT)

Karlsruhe

Köln

Leipzig (HTWK)

Darmstadt

Hamburg (HAW)

Informatik

Wirtschaftsingenieurwesen

1

2

3

4

5

6

6

8

8

8

München

Berlin (HTW)

Dresden (HTW)

Furtwangen

Darmstadt

Dortmund

Karlsruhe

Aachen

Köln

Mannheim

11,6

10,5

10,3

9,9

7,5

6,3

6,3

5,3

5,3

5,3

1

2

3

4

5

6

6

8

8

10

Reutlingen (ESB)

Karlsruhe

München

Pforzheim

Berlin (HTW)

Darmstadt

Esslingen

Mannheim

Dresden (HTW)

Heilbronn

An der Umfrage beteiligten sich 571 Personaler; Angaben in Prozent; Mehrfachnennungen möglich

10,5

9,2

8,3

8,1

7,9

7,2

6,9

6,6

6,6

6,4

13,4

12,6

11,1

10,3

9,8

9,7

9,5

7,9

7,9

7,9

7,9

7,9

17,8

16,4

15,1

13,7

12,3

11,0

11,0

9,6

9,6

8,2

METHODIK

Praxis entscheidet

Für das Ranking der Beratungsgesellschaft

Universum und des Personaldienstleisters

access KellyOCG, das der

WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt,

bewerten Personaler die deutsche

Hochschullandschaft.

In den vergangenen Monaten beantworteten

deutschlandweit 571 Personalverantwortliche

die Frage, welche

Universitäten und Fachhochschulen die

Studenten am besten für ihre Bedürfnisse

ausbilden.

Die Experten wählten aus einer Liste

aller Hochschulen genau die Einrichtungen

aus, deren Absolventen ihre

Erwartungen am besten erfüllen. Pro

Studienfach konnten sie mehrere Hochschulen

nennen. Daneben beantworteten

sie Fragen zu den Fähigkeiten, auf

die sie bei der Einstellung der Absolventen

achten – etwa lösungsorientiertes

Denken, Selbstständigkeit und Kommunikationsfähigkeit.

Darüber hinaus stellte

Universum Fragen zu einstellungsrelevanten

Qualifikationen. Außerdem

wollte das Beratungsunternehmen

wissen, ob die Absolventen von privaten

oder von staatlichen Hochschulen

besser ankommen.

FOKUS AUF PRAXISRELEVANZ

Das Uni-Ranking der WirtschaftsWoche

legt den Fokus auf die Praxisrelevanz.

Deshalb konzentriert es sich auf wirtschaftsnahe

Studienfächer, wie Betriebswirtschaftslehre,

Wirtschaftsingenieurwesen

und Maschinenbau. An der

Umfrage beteiligten sich sowohl Personalabteilungen

kleiner Mittelständler als

auch die großer Konzerne.

»

profitieren, wird die Zusammenarbeit

schnell auf den Prüfstand gestellt.“

Längst spielt etwa die Examensnote bei

der Beurteilung von Studenten und Universitäten

eine nur noch untergeordnete

Rolle. Nur knapp über 40 Prozent der befragten

Personaler legen ein besonderes

Augenmerk darauf. Stattdessen achten sie

darauf, wie viele Absolventen sie von der

entsprechenden Uni schon eingestellt haben,

wie lange sie schon im Unternehmen

sind und ob sie Führungsverantwortung

übernommen haben. Gefragt sind außerdem

Absolventen, die lösungsorientiert

und selbstständig arbeiten: Fast 70 Prozent

der von Universum befragten Personaler

halten Praxiserfahrung für die wichtigste

Qualifikation. Nur der Persönlichkeit

eines potenziellen Arbeitnehmers

wird in den Personalabteilungen noch

größere Beachtung geschenkt. Rund 50

Prozent der Personaler ist außerdem lösungsorientiertes

Denken wichtig (siehe

Grafik Seite 68).

Und auch zur Unternehmenskultur sollten

die Studenten passen. „Unsere Unternehmenswerte

sind bei der Bewerberauswahl

entscheidend“, bestätigt etwa Anna-

Maria Karl von Daimler. Es ist also hilfreich,

wenn Unternehmen die potenziellen

Arbeitnehmer schon an der Universität

kennenlernen, um sie frühzeitig mit den

Werten vertraut zu machen.

Die Zusammenarbeit mit dem KIT im

Rahmen der Lehrveranstaltung Integrierte

Produktentwicklung hat für Daimler aber

FOTO: TU DARMSTADT/THOMAS OTT

72 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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ATTRAKTIVER STANDORT TU Darmstadt

bleibt Top-Uni für Wirtschaftsinformatik

noch einen weiteren Vorteil. Weil die Studenten

mit einem anderen Blick als die

routinierten Ingenieure an die Projekte herangehen,

erarbeiten sie oft unkonventionelle

Lösungen. „Uns war es bei diesem

Projekt wichtig, unsere eigenen Überlegungen

mit der frischen Sicht angehender

Ingenieurinnen und Ingenieure anzureichern

und so das Portfolio unkonventioneller

Ideen zu vergrößern“, sagt Daimler-

Bildungsmanagerin Karl.

Tatsächlich gehen aus der Lehrveranstaltung

regelmäßig Patentanmeldungen

hervor – so wie beim Maschinenbauer Wittenstein

alpha, dem Industriepartner aus

dem vergangenen Jahr: In Kooperation mit

dem Maschinenbauer entwickelten die

Studenten einen neuen Befestigungsmechanismus,

der etwa bei Zahnradbahnen

eingesetzt werden kann – dieser wird nun

serienmäßig produziert. Kein Wunder,

dass die Partner der Lehrveranstaltung

schon bis 2025 feststehen.

„Die primäre Aufgabe der Universitäten

liegt darin, Studenten zu bilden, die später

in der Wirtschaft arbeiten“, sagt auch Christian

Thomsen, Präsident der TU Berlin. Gerade

die Berliner Hochschulen müssten besondere

Anstrengungen unternehmen,

sagt Thomsen. Er sieht es als Standortnachteil,

dass in Berlin fast keine produzierenden

Unternehmen vor Ort sind. Universitäten,

die den Studenten über die

bloße Vermittlung der Theorie

hinaus etwas bieten, hätten einen

Wettbewerbsvorteil.

Themenwoche

Mehr zum Thema

Studium finden Sie ab

dem 30. Juni unter

wiwo.de/studium

Besonders in den Ingenieurstudiengängen

müssten die

Universitäten den Fokus auf die

Ausbildung für die Wirtschaft

legen. Den eigenen wissenschaftlichen

Nachwuchs heranzuziehen

spiele mittlerweile nur eine sekundäre

Rolle.

„Die Arbeitgeber fordern eine klare Denke

und Eigenständigkeit“, sagt Thomsen,

„und das muss die Universität vermitteln.“

Die TU Berlin hat deshalb in den letzten

drei Jahren die Angebote, die den Studenten

Qualifikationen für den Berufsalltag

vermitteln sollen, ausgebaut. Mit ihrem sogenannten

Career Service als Schnittstelle

zwischen Hochschule und Arbeitswelt will

die Uni-Verwaltung weit mehr bieten, als

offene Stellen zu vermitteln. Über ein

Alumni-Netzwerk begleiten derzeit 70 Absolventen

TU-Studierende als Mentoren

beim Berufseinstieg. Im Angebot sind außerdem

Dutzende Kurse vom Präsentationstraining

über Networking-Tipps bis hin

zum Training für das Bestehen von Auswahlverfahren

bei Bewerbungen.

LAMPENFIEBER VERSCHWUNDEN

Auch Julian Jacob fühlte sich durch den Besuch

der Vorlesungen allein noch nicht

ausreichend aufs Berufsleben vorbereitet.

Der 26-Jährige studiert an der TU Berlin

Wirtschaftsingenieurwesen im Master. Er

weiß, dass es in der Arbeitswelt nicht nur

auf Fachwissen und gute Noten ankommt.

Sondern etwa auf Führungsqualitäten oder

einfach darum, vor den Kollegen eine

überzeugende Präsentation zu halten.

Seit Jacob an der Uni ein Rhetorikseminar

besucht hat, achtet er darauf, bei einem

Vortrag immer locker auf zwei Beinen zu

stehen, ein bisschen in die Knie zu gehen,

nicht zu wackeln. Und bloß nicht die Arme

so dicht am Körper halten, dass kein Bleistift

mehr dazwischen passt.

„Beim Präsentieren hatte ich noch Verbesserungspotenzial“,

sagt Jacob. „Mein

Lampenfieber vor Vorträgen ist seit dem

Besuch des Seminars fast verschwunden.“

Aber auch seine fachlichen Kompetenzen

hat Jacob im letzten Wintersemester

verbessern können: Im Seminar Prepare

lernte der angehende Ingenieur klassische

BWL-Themen kennen – etwa, wie Marketing

in einem Unternehmen funktioniert.

Die Studenten belegen jeweils einwöchige

Theoriekurse – dabei werden

entweder Sozialkompetenzen

oder Managementkompetenzen

vermittelt. In enger Abstimmung

mit einem Unternehmen

gilt es anschließend, in einer

mehrwöchigen Praxisphase

selbstständig Aufgaben zu bearbeiten.

In den vergangenen Jahren

ging es dabei um Ideen

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 73

»

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Management&Erfolg

INTERVIEW Peter Zervakis

»Optimal

vorbereiten«

Der Bildungsexperte über die

Vorteile praxisnaher Lehre.

EINSAME SPITZE Die Hochschule HTW Berlin ist die erste Adresse für Maschinenbauer

»

für die Erschließung eines neuen Marktes,

um Kundenakquise oder den Entwurf

einer neuen Web-Seite.

Master-Student Jacob hat zusammen mit

seinem Team für den diesjährigen Kooperationspartner

Biotronik, einen Hersteller

von Medizintechnik, Ideen für ein neues

Geschäftsfeld entwickelt.

„In der Berliner Hochschullandschaft“,

bestätigt Universum-Deutschland-Chef

Lake, „sind die Karriereberatungen mittlerweile

gut und nah an der Wirtschaft dran.“

Das gilt längst nicht mehr nur für die

Technische Universität – auch die Fachhochschulen

in der Hauptstadt haben ihr

Angebot in dieser Hinsicht aufgestockt: An

der HTW Berlin können die Studenten aus

einer Reihe von Seminaren wählen, darunter

„Führungskompetenzen erweitern“,

„Selbst-PR“, oder „Mediation – Konfliktlöser

im Unternehmen“.

Der Lohn der Mühe: Die Fachhochschule

belegt aktuell den ersten Platz im Fach

Boom in Berlin

Maschinenbau. In den Fächern Informatik

und Wirtschaftsinformatik stieg sie jeweils

auf Rang zwei.

WERTVOLLE KONTAKTE

Auch Stefan Held hat von der Praxisorientierung

seiner Hochschule profitiert. Nicht

nur, weil er am KIT mit Mitarbeitern von

Daimler daran mitgewirkt hat, die Hygieneeinrichtungen

und die Raumaufteilung

der Lkws so zu verbessern, dass die Fahrer

um die Toiletten an den Raststätten einen

Bogen machen können oder in ihren Kabinen

mehr Platz haben.

Auf der Abschlussveranstaltung im

Februar konnte der angehende Maschinenbauer

auch Kontakte zu Vertretern anderer

Industriepartner seiner Hochschule

knüpfen. „Wenn ich im nächsten Jahr das

KIT verlasse“, ist Held überzeugt, „bin ich

auf den Start ins Berufsleben bestens vorbereitet.“

n

Diese Top-Ten-Universitäten konnten die meisten Plätze vorrücken.

Betriebswirtschaftslehre

Berlin (HU)

Berlin (ESCP)

Naturwissenschaften

Berlin (FU)

Mainz

Wirtschaftsinformatik

Paderborn

Chemnitz (TU)

Informatik

Chemnitz (TU)

Dresden (TU)

Rang

9

9

10

8

9

6

10

6

Veränderung

4 17

4 8

4 24

4 13

4 12

4 10

4 13

4 7

Volkswirtschaftslehre

Konstanz

Köln

Elektrotechnik

Kaiserslautern (TU)

Berlin (TU)

Wirtschaftsingenieurwesen

Erlangen-Nürnberg

Hamburg-Harburg (TU)

Maschinenbau

München (TU)

Karlsruhe (KIT)

anja stehle | erfolg@wiwo.de

Rang

8

2

5

6

9

6

5

1

Veränderung

4 3

4 2

4 5

4 4

4 6

4 2

4 4

4 2

Die Universitäten wollen Studenten

auf den Arbeitsmarkt vorbereiten –

dafür setzen sie auf praxisnahe Lehre.

Was ist der Grund für diese Entwicklung?

Die Hochschulen sind sich ihrer gesellschaftlichen

Verantwortung bewusst.

Angesichts des Fachkräftebedarfs ist

die Nachfrage nach wissenschaftlich

gut ausgebildeten Absolventen hoch.

Gleichzeitig kann und will nicht jeder

in der Wissenschaft bleiben. Die

Hochschulen setzen daher auf eine

problemlösungsorientierte Lehre, um

Zervakis, 50,

Experte für Studium

und Lehre bei der

Hochschulrektorenkonferenz

die Studierenden auch auf den Einstieg

in den Arbeitsmarkt optimal vorzubereiten.

Kooperieren die Universitäten nur

deshalb so stark mit Unternehmen?

Natürlich bietet eine solche Kooperation

auch neue Finanzierungsmöglichkeiten.

Die Hochschulen erhalten immer

weniger Grundfinanzierung vom

Staat und sind in der ressourcenintensiven

Lehre zunehmend auf Drittmittel

angewiesen. Wenn eine sinnvolle

Kooperation durch ein Unternehmen

finanziert wird, haben die Hochschulen

im Einzelfall sicher nichts dagegen

einzuwenden, sofern ihre Gestaltungsautonomie

erhalten bleibt. Aber dies

kann kein Ersatz für eine auskömmliche

Grundfinanzierung sein.

Wie sehr können Universitäten die

Studenten überhaupt auf den Arbeitsmarkt

vorbereiten – ohne ihre

eigentliche Aufgabe, das Vermitteln

von Fachwissen, zu vernachlässigen?

Es ist klar, dass Hochschulen keine

Berufsschulen sind. Aber Wissen ist

eben auch kein Selbstzweck.

FOTO: ULLSTEIN BILD/CARO/ANDREAS MUHS, PR

74 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Feriendomizil mit

besten Aussichten

IMMOBILIEN | Die Preise von Häusern, Wohnungen und Grundstücken

am Mittelmeer dürften kaum noch fallen. Ein guter Zeitpunkt für Käufe in

Spanien, Griechenland oder Italien.

Am Anfang, das haben alle

Käufer gemeinsam, steht ein

Traum. Die griechische Insel

Makri im Ionischen Meer etwa

lädt zum Träumen ein.

13,5 Millionen Euro soll die knapp einen

Quadratkilometer große Insel kosten.

37 000 Quadratmeter darf der Käufer bebauen.

Ihre Nachbarschaft ist erlesen:

Die nächsten Inseln sollen dem russischen

Milliardär Dimitri Rybolowlew

und dem Ex-Staatsoberhaupt von Katar,

Hamad bin Chalifa Al Thani, gehören.

Klar, die eigene Insel wird für die meisten

ein Wunschtraum bleiben. Häuser

oder Wohnungen aber sind erschwinglich

wie selten. Am Mittelmeer haben

schwache Konjunktur, Arbeitslosigkeit

und politische Instabilität in der Euro-

Krise Spuren hinterlassen. In spanischen

Ferienorten etwa werden Immobilien

ein Drittel günstiger angeboten als vor

fünf Jahren (siehe Grafik Seite 80).

Viel billiger dürfte es nicht mehr werden.

„Vor einigen Monaten warteten Interessenten

noch ab und hofften auf sinkende

Preise“, sagt Georg Petras, Geschäftsführer

von Engel & Völkers auf

Rhodos. „Nun beeilen sich schon manche,

um noch günstig zu kaufen.“ Es gebe

deutliche Anzeichen dafür, dass der 2009

begonnene Aufschwung am weltweiten

städtischen Immobilienmarkt nun auf

Wochenend- und Ferienhäuser überspringe,

sagt Yolande Barnes, Marktforscherin

beim britischen Immobiliendienstleister

Savills. Käufern geht es nicht

mehr nur um die eigene Urlaubsfreude.

Laut einer Studie des Vermietungsportals

Fewo-Direkt und des Maklers Engel &

Völkers haben seit 2011 34 Prozent der

Käufer aus Deutschland ihre Ferienimmobilie

auch als Geldanlage gekauft.

Wir zeigen, wo der Kauf von Haus,

Wohnung oder Landsitz in Spanien, Italien

und Griechenland Aussicht auf Wertsteigerung

bietet – und welche Vorschriften

und Gesetze Käufer kennen müssen.

76 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Griechenland

Insel Makri

13,5 MILLIONEN *

Die Insel im Ionischen Meer, in

der Nachbarschaft von Scheichs

und Oligarchen, ist knapp einen

Quadratkilometer groß. Noch steht

hier kein Haus, eine Baugenehmigung

aber gibt es bereits.

*alle Preise in Euro

Griechenland:

Gute Gelegenheit

Die niedrigen Preise locken

Käufer aus dem Ausland.

Gabriele Guennewig Kraniotaki hat ein

gutes Gespür für Timing – oder einfach

viel Glück gehabt. Als Bochumer Jura-

Studentin kam sie Anfang der Achtzigerjahre

nach Griechenland, als Animateurin

in einem Robinson-Club auf Kreta.

Sie verliebte sich in einen Griechen und

blieb auf der Insel hängen. Eine drastische

Abwertung der Drachme nutzten

Guennewig und ihr Mann 1985, um

günstig eine Autovermietung aufzubauen.

Vor fünf Jahren bauten sie für 1,3 Millionen

Euro vier Villen mit Pools in Chersonisos,

im Norden Kretas. „Heute sind

die Banken hier so streng, dass wir die

Kredite nicht mehr bekommen würden“,

sagt Guennewig. Die Villen vermieten sie

an Urlauber. So wollen die 53-Jährige

und ihr Mann ihren Ruhestand finanzieren

und die Autovermietung in ein paar

Jahren an ihre Kinder übergeben.

Die Chancen auf Vermietungserfolge

stehen nicht schlecht. Griechenland erlebt

nach den Krisenjahren einen Tourismus-Boom.

2013 kamen knapp 18 Millionen

Besucher aus dem Ausland – ein

Rekord. Dieses Jahr könnten es schon 19

Millionen werden. Auch der Markt für

Ferienimmobilien profitiert, nachdem

Investoren langsam wieder Vertrauen

fassen. Für Käufer biete sich eine „einmalige

Gelegenheit“, sagt nicht etwa ein

berufsnotorisch optimistischer Makler,

sondern Stratos Paradias, Präsident des

Immobilieneigentümerverbandes Pomida.

„Schon seit Mitte 2013 haben sich

bei uns deutlich mehr Interessenten gemeldet“,

sagt Christian Seyrer vom Griechenland-Makler-

und Bauunternehmen

G.I.S. „Daraus ist seit Jahresanfang

ein regelrechter Ansturm geworden.“

»

FOTO: SAVILLS

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 77

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Geld&Börse

»

Insel Rhodos

Villa in Lindos

1,5 MILLIONEN

Die 230-Quadratmeter-Villa,

hell und offen gebaut, direkt am

Meer in Lindos, im Südosten

von Rhodos, ist schon verkauft.

Die französische Eigentümerin

wartete ab und konnte ihre Preisvorstellung

nun durchsetzen.

Deutsche suchten auf der südlichen

Halbinsel Peloponnes, mit guter Anbindung

an den Flughafen Athen, auf der östlichen

Halbinsel Chalkidiki, nahe Thessaloniki,

und auf Inseln wie Kreta und Rhodos.

Ferienimmobilien sind günstiger geworden,

doch Preisstürze um fast 40 Prozent,

wie sie die griechische Zentralbank für

Wohnungen in Athen seit 2008 ausweist,

hat es nicht gegeben. Drei von vier Ferienimmobilien

seien im Besitz von Ausländern,

sagt Georg Petras von Engel & Völkers

auf Rhodos. Notverkäufe aus Geldmangel?

Fehlanzeige. Eine französische

Versicherungsmanagerin etwa saß die

Preisdelle aus. 1,2 Millionen Euro für ihre

Luxusvilla auf Rhodos (Foto oben) waren

ihr im April 2013 zu wenig. Jetzt konnte sie

die geforderten 1,5 Millionen durchsetzen.

Wollen Eigentümer schnell Geld sehen,

müssen sie nachgeben. Eine 336-Quadratmeter-Villa

mit Pool auf der Insel Zakynthos

im Ionischen Meer etwa sollte 2013

noch 650 000 Euro kosten. Jetzt gibt es sie

für 490 000 (Foto rechts). Bis 20 Prozent

günstiger als auf dem Hoch 2008 kommen

Käufer häufig zum Zug. Auf Rhodos müssten

Interessenten für ein Haus nahe zum

Meer zwischen 300 000 und 600 000 Euro

einplanen, sagt Petras. Seyrer von G.I.S, der

meist zu Grundstückskauf und Neubau rät,

hält für Ferienregionen Kosten von 160 000

bis 240 000 Euro für realistisch. Heute seien

zudem verstärkt Investoren unterwegs, die

Luxusvillen suchten, etwa auf Mykonos

oder Korfu, sagt Alexandros Moulas, Griechenlandexperte

beim Immobiliendienstleister

Savills. Manchen Nicht-EU-Bürger

mag auch die Aufenthaltserlaubnis locken:

Die spendiert der Staat für fünf Jahre beim

Kauf einer Immobilie ab 250 000 Euro. Später

kann sie beliebig oft verlängert werden.

GRUNDERWERBSTEUER GESENKT

Vergünstigt wird der Einstieg durch eine

niedrigere Grunderwerbsteuer. Seit Jahresanfang

müssen Käufer nur noch drei statt

zehn Prozent auf den Kaufpreis zahlen. Bei

Neubauten fallen auf die Baukosten 23

Prozent Mehrwertsteuer an (auf den Inseln

sind es nur 16 Prozent). Für den Notar

müssen Immobilienkäufer inklusive verschiedener

Gebühren, etwa für den

Grundbucheintrag, knapp zwei Prozent

des Kaufpreises einplanen. Nach dem Kauf

kommen ab 200 000 Euro Verkehrswert der

Immobilie noch laufende Steuern von derzeit

0,2 bis 2 Prozent pro Jahr hinzu. Meist

wird als Verkehrswert allerdings ein Wert

deutlich unter dem Kaufpreis angesetzt.

Besondere Vorsicht ist in Griechenland

vor Vertragsabschluss geboten. Die Grundbücher

sind nicht immer verlässlich, wer

im Vertrauen auf die Angaben im Grund-

buch gekauft hat, ist nicht unbedingt geschützt.

Bislang wird das Grundbuch in

vielen Regionen auch nur personenbezogen

geführt. Es nennt also alle von einer

Person gehaltenen Immobilien, aber nicht

aktuelle und frühere Eigentümer für eine

konkrete Immobilie. Bis 2020 soll ein zu

Deutschland vergleichbares Grundbuchwesen

aufgebaut werden. Schon heute gibt

es dieses auf den Inseln Rhodos und Kos.

In einigen Landesteilen, vor allem auf

Kreta, stehen die Besitzer von Immobilien

nicht selten gar nicht als Eigentümer im

Grundbuch. Dort sind viele Grundstücke

nur „ersessen“ worden. Um rechtlich auf

der sicheren Seite zu sein, müssen Käufer

daher die Historie einer Immobilie möglichst

über 20 Jahre klären. So lange ist maximal

die zur Ersitzung nötige Frist. Das

kann nur ein Anwalt, der mit 1,5 bis 3,0

Prozent des Kaufpreises zu Buche schlägt.

Anwalt, Steuerberater und gute Makler

können auch bei der Beantragung einer

griechischen Steuernummer helfen, die

Immobilienkäufer benötigen.

Ein Notar darf den Immobilienkauf in

Griechenland nur beurkunden, wenn ein

vom Verkäufer beauftragter und bezahlter

Ingenieur eine Bescheinigung erstellt, dass

es keine Verstöße gegen Bauauflagen gibt

oder diese legalisiert worden sind. Käufer

sollten sich bei kritischen Fällen aber nicht

auf dessen Angaben verlassen, sondern

selbst einen Ingenieur zu Rate ziehen.

Insel Zakynthos

Villa in Laganas

650 000,-

490 000,-

Die Villa (336 Quadratmeter) hat

4 Schlafzimmer. Sie steht auf der

griechischen Insel Zakynthos. Der

Verkäufer hat seine Preisforderung

seit Ende 2013 deutlich gesenkt.

»

78

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Geld&Börse

Spanien:

Kurz vor der Wende

Nach heftigen Preisstürzen

bieten sich erste Chancen.

FOTOS: ENGEL & VÖLKERS/GEORGIOS MPLESSAS, SAVILLS, VALLEHERMOSO

Mercedes Korzeniowski liebt Spanien. Ihre

Mutter war Spanierin, ihr Vater Deutscher.

Von ihnen hat sie in der Touristen-Hochburg

Benidorm eine Wohnung geerbt. Die

45-Jährige würde die an der unter Deutschen

sehr beliebten Costa Blanca gelegene

Bleibe gerne verkaufen. „Das ist aber

nicht so einfach“, sagt Korzeniowski. Das

Angebot dort ist groß; die Preise sind stark

gefallen. „Ich wollte mal 70 000 Euro für die

Wohnung, jetzt bin ich bei 40 000 Euro.“

Noch weiter will sie nicht runtergehen.

Ihr 40 Quadratmeter großes Apartment

liegt zentral in einem Komplex mit

Schwimmbad (siehe Foto Seite 81). Eine

Zeit lang hatte sie es vermietet: „Aber das

lohnt sich bei einer so kleinen Wohnung

gar nicht.“ Denn nicht nur die Preise auf

dem Ferienimmobilienmarkt sind in den

vergangenen drei Jahren ordentlich gefallen,

sondern auch die Mieten. Nur in den

spanischen Metropolen und in Top-Lagen

auf den Balearen habe es leichte Mietsteigerungen

gegeben, hat das Immobilienportal

Idealista ermittelt. An der Küste haben

die Mieten hingegen nachgegeben.

PREISE UM DIE HÄLFTE GEFALLEN

Kein Wunder also, dass auch die Kaufpreise

von Bestandsobjekten in den vergangenen

zwölf Monaten landesweit um weitere

gut sieben Prozent abgerutscht sind. Nach

Berechnungen des Londoner Finanzanalysten

Borja Mateo haben sich auch Ferienimmobilien

massiv verbilligt. Deren Preise

seien seit 2009 um über 50 Prozent gefallen.

„Teilweise liegt der Preisrückgang bei

88 Prozent. Das gilt zum Beispiel für die

wenig attraktive andalusische Küste vor

Almeria“, sagt Mateo.

Eine schnelle Trendwende erwartet Mateo

nicht. Bei preisgünstigeren Objekten

drückt das große Angebot. Schätzungsweise

750 000 Immobilien sollen in Spanien

insgesamt zum Verkauf stehen, die meisten

davon sind neu. „Die spanischen Banken

und verbleibenden Sparkassen versuchen

derzeit, die Preise oben zu halten,

weil sie immer noch über einen großen Bestand

verfügen, dessen Wert sie nicht komplett

abschreiben wollen“, sagt Mateo. Um

die Preise nicht zu stark zu drücken, würden

sie die Immobilien nur nach und nach

anbieten. Allein die spanische Bad Bank

Sareb verfügt über 100 000 Immobilien, die

sie derzeit nicht verkaufen kann. Der Großteil

davon liegt an der Küste. Interessenten

können bei spanischen Banken gezielt

nach solchen Objekten fragen, bei denen

große Preisnachlässe drin sind.

Immerhin rechnet selbst der pessimistische

Finanzanalyst Mateo mit einem Preisanstieg

auf breiter Front – wenn auch erst

ab 2016. Noch können sich Kaufinteressenten

also in Ruhe umschauen. In einzelnen

Urlaubsregionen ziehen die Preise

aber schon wieder an, etwa im Südwesten

Mallorcas, vor allem bei Luxusobjekten.

„Hier gibt es Bewegung im Bereich fünf bis

zwölf Millionen Euro“, sagt Heidi Stadler

vom Maklerbüro First Mallorca. Hotspot

sei nach wie vor das malerische Hafenstädtchen

Port d’Andratx, wo mangels freier

Grundstücke Villen abgerissen und von

Investoren wieder aufgebaut werden.

Ansonsten können Käufer aber auch auf

Mallorca günstiger zum Zug kommen – etwa

im Südosten der Insel. Dort gehen die

Preise von vielen Wohnungen, die nicht in

der ersten Reihe liegen, weiter nach unten.

Ganz zu schweigen vom Insel-Inneren:

„Hier findet man jetzt wirkliche Schnäppchen,

weil sich gar nichts bewegt“, sagt Stefan

Greim, der für die mallorquinische

Baufirma Novoforma Proyectos arbeitet.

Zu diesen Schnäppchen gehört etwa ein

Haus im malerischen Dorf Pina (siehe Foto

Seite 80), knapp 30 Autominuten östlich

von Palma. Im Jahr 2007 wurde es gebaut,

30 000 Euro flossen seitdem in die Instandhaltung.

Nach verzweifelten Verkaufsver-

Mallorca

Penthouse in Cala Figuera

1 MILLION

500 000

Die Neubauanlage an der Südostküste

der Insel bietet Luxuswohnungen.

Doch mit den geforderten

Preisen musste Makler Vallehermoso

deutlich herunter gehen.

suchen, anfangs zu geforderten 360 000 Euro,

gibt der Eigentümer Nicolas Llergo es

nun für 240 000 Euro ab: „Damit decke ich

nur noch meine Kosten.“ Weil das Haus

nicht am Strand, sondern in einer Anlage

im Landesinneren liegt, ist es schwer zu

verkaufen. Vor allem Spanier müssen unter

Druck verkaufen, weil sie sich Instandhaltungskosten

nicht mehr leisten können.

Stark im Preis gefallen sind auch die Luxuswohnungen

des vom spanischen Makler

Vallehermoso beworbenen Projekts

Cap Blau in Cala Figuera an der Südostküste

von Mallorca (siehe Foto). Hier wurde

vor der Krise für die teuersten Wohnungen

rund eine Million Euro bezahlt. Jetzt

müssen Käufer nur noch halb so viel mitbringen.

Aber es gibt auch Abschnitte in Spanien,

welche die Krise fast unbeschadet überstanden

haben, etwa an der teilweise unter

Naturschutz stehenden Atlantikküste Costa

de la Luz, insbesondere die Region von Cádiz

bis nach Tarifa. Hierher zieht es nicht

nur Surfer und Madrilenen, sondern auch

viele Ausländer, die Ruhe suchen. „Die

Preise sind hier direkt an der Küste kaum

»

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 79

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Geld&Börse

Ausverkauf an der Küste

Entwicklung der Angebotspreise in Euro pro Quadratmeter an der spanischen Mittelmeerküste

März 2014 seit 1Jahr seit 5Jahren

1 Sitges

3000 -20% -31%

2 Calvià

2300 -6% -18%

Barcelona

3 Marbella 2250 +4% -8%

1 Costa Brava

Sitges

4 Palma de Mallorca 1850 -4% -13%

5 Benidorm 1850 -6% -27%

9

6 Calpe

1750 -3% -19%

Peñíscola

7 Torremolinos 1550 -9% -32%

8 Las Palmas de G.C. 1 1500 -8% -25% Valencia Golf von

Valencia

9 Peñíscola 1500

2 4 PalmadeMallorca

-7% -27%

Dénia

Calvià

10 Estepona 1450 0% -25% 12

11 Puerto da la Cruz 1400 -6% -25% Calpe 6

Ibiza

5

12 Dénia

1400 -6% -30%

Benidorm

Torrevieja

Spanien

13 Almería 1350 -11% -33% 14

Kanarische Inseln

Costa

14 Torrevieja 1050 -5% -33% Blanca

Puerto de la Cruz

Gran Canaria

13

10 3 7 11

Torremolinos Almería

8

Estepona

Teneriffa

Las Palmas de G.C. 1

Marbella Costa del Sol

»

S

1 Las Palmas de Gran Canaria; Quelle: Branchenportal idealista.com

gesunken“, sagt die Norwegerin Ellen

Kittelsen, die in Zahara de los Atunes als

Maklerin für Ferienimmobilien arbeitet.

Wer nicht verkaufen kann, kassiert erst mal

die Miete – und die steigt wegen des knappen

Angebots in diesem Küstenabschnitt.

Stabile, jüngst sogar leicht steigende

Preise gibt es auch an der Mittelmeerküste,

etwa in Marbella. Der Jetset-Ort zieht vor

allem reiche Russen an.

P A

E

N I

N

B a

l e

Mallorca

Ferienhaus in Pina

360 000

240 000

Das Haus, knapp 30 Auto-Minuten

östlich von Palma, soll jetzt nur

noch 240 000 Euro kosten. Damit

würden nur die Baukosten gedeckt,

so der Besitzer. Die Hinterlandlage

macht es wenig begehrt.

GEFÄHRLICHE NÄHE ZUM MEER

Parallel zur Suche nach dem passenden

Objekt sollten sich Interessenten mit dem

Ablauf des Immobilienkaufs und den Nebenkosten

vertraut machen. Wichtig ist es,

auf jeden Fall eine Identifikationsnummer

(die N.I.E.-Nummer) zu beantragen, ohne

die der Kauf nicht möglich ist. Helfen kann

hierbei zum Beispiel das spanische Konsulat

in Deutschland. Unterstützung bietet

auch die Schutzgemeinschaft für Auslandsgrundbesitz,

die für ihre Mitglieder

die Nummer direkt beantragt und ein Dossier

mit Tipps für den Kauf einer Immobilie

in Spanien veröffentlicht hat.

Noch bevor Käufer Vertragsverhandlungen

beginnen, sollten sie sich vergewissern,

dass der Verkäufer wirklich Eigentümer

ist und allein über die Immobilie verfügen

kann. In Spanien brauchen Ehegatten

die förmliche Zustimmung ihres Partners,

um wirksam verkaufen zu können.

Dies gilt selbst, wenn nur ein Ehegatte im

Grundbuch steht, dort aber als „verheiratet“

vermerkt ist. Das spanische Grundbuch

(es heißt Eigentumsregister, „registro

de la propriedad“) kann jeder Kaufinteressent

problemlos einsehen. Dort sollte nicht

nur das Grundstück, sondern auch die Immobilie

und, so vorhanden, Nebengebäude

und Pool eingetragen sein.

Vorsicht ist bei sehr dicht am Meer gelegenen

Immobilien geboten. Das schon

a

r

e

n

1988 verabschiedete, aber anfangs kaum

beachtete Küstengesetz hat Immobilien

auf einem Streifen von 100 Metern zum

Meer für unzulässig erklärt. Die Küste ist

öffentliches Eigentum, Eigentümer wurden

enteignet. Allerdings wurde das Gesetz

vorerst entschärft, Eigentümer dürfen ihre

Immobilien bis 2048 weiter nutzen. Was

danach passiert, ist unklar. Im Grundbuch

ist dieses Risiko nicht ersichtlich.

ABRISS DROHT

Generell greifen die spanischen Behörden

beim Umweltschutz seit einigen Jahren härter

durch;auf einen Bestands- oder Vertrauensschutz

hoffen Immobilieneigentümer

meist vergeblich. Dies ging in den vergangenen

Jahren so weit, dass in Traumlagen

wie dem Tramuntanagebirge auf Mallorca

vor über 20 Jahren errichtete Häuser abgerissen

werden mussten, weil der oberste balearische

Gerichtshof einer Klage des Naturschutzverbandes

GOB stattgegeben und

die einst von der Gemeinde erteilten Baugenehmigungen

für ungültig erklärt hat. Ein

Anwalt kann die Genehmigungshistorie

klären, um solche Risiken früh zu erkennen.

„Wegen der Unterschiede des spanischen

Eigentumsregisters gegenüber dem

deutschen Grundbuch empfehle ich, einen

deutschsprachigen Anwalt bei der Vertragsprüfung

und -gestaltung hinzuzuziehen.

Die Mehrkosten sind gut angelegt“,

sagt der in Spanien tätige Makler Matthias

Meindel von der Mariciel GmbH in Leipzig.

Wichtig: Beim Kauf sollten im Grundbuch

keine Hypotheken mehr eingetragen

sein. Zwar sind diese direkt an einen Kredit

geknüpft und erlöschen mit dessen Tilgung.

Doch dafür muss der Kreditgeber zustimmen.

Diese Löschung sollte immer vor

dem Kauf erfolgen, um böse Überraschungen

für den Käufer, wie zusätzliche Gebühren

des Grundbuchamts, zu vermeiden.

Die Gebühren für den Notar sind in Spanien

niedriger als in Deutschland und richten

sich nach dem Verkaufspreis. Bei einer

Immobilie, die zu 300 000 Euro verkauft

wird, fallen rund 500 Euro an. Mit den übrigen

Nebenkosten, etwa für Grundbuchamt

und einen Anwalt, kommen bis zu drei

Prozent des Kaufpreises zusammen.

Käufer einer Ferienimmobilie zahlen in

Spanien normalerweise Grunderwerbsteuer,

je nach Kaufpreis und Region zwischen

acht und zehn Prozent – allerdings

nicht zwingend auf den Kaufpreis, sondern

auf den geschätzten Wert der Immobilie.

Handelt es sich um einen Neubau fallen

statt Grunderwerbsteuer zehn Prozent

FOTOS: PRIVAT, BRIAN HICKEY FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, SAVILLS

80 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Mehrwertsteuer und 1,2 Prozent Stempelsteuer

an. Damit nicht genug: In beiden

Fällen kommen noch lokale Steuern hinzu.

Auch nach dem Kauf bleiben die Eigentümer

nicht vom Fiskus verschont. Allein

die Immobiliennutzung ist auch für nichtansässige

Ausländer steuerpflichtig, dafür

fallen pro Jahr zwischen 0,3 und 0,6 Prozent

des Katasterwertes der Immobilie an.

Dieser liegt, ähnlich wie der für die deutsche

Grundsteuer maßgebliche Einheitswert,

meist deutlich unter dem Kaufpreis.

Lange Zeit haben Käufer und Verkäufer

in Spanien beim Notar einen niedrigeren

Preis angegeben als tatsächlich vereinbart.

So sollte Steuer vermieden oder Schwarzgeld

verborgen werden. Das ist kaum noch

möglich. Die Finanzämter steuern gegen,

indem sie Kaufpreise schätzen. Generell

schauen spanische und deutsche Steuerbehörden

zunehmend genauer hin. Es

empfiehlt sich nicht mehr, eine Ferienimmobilie

über eine extra gegründete spanische

GmbH zu kaufen – lange Zeit ein

Trick, der später helfen sollte, Erbschaftsteuer

zu sparen. Spanischer und deutscher

Fiskus sehen darin ein Verschleierungsmanöver,

es drohen Nachzahlungen

und Bußgelder. Der Bundesfinanzhof verdonnerte

die Besitzer einer spanischen Ferienimmobilie

sogar dazu, mehr Einkommensteuer

zu zahlen, weil sie diese über eine

vorgeschaltete Gesellschaft hielten (I R

109–111/10). Die Logik: Urlaub in der Ferienbleibe

sei eine verdeckte Gewinnausschüttung

der Gesellschaft – und die müsse

versteuert werden.

Costa Blanca

Wohnung in Benidorm

70 000

40 000

Das kleine Apartment mit 40 Quadratmeter

Grundfläche liegt in der

Touristenhochburg an der spanischen

Mittelmeerküste. Trotz über

40 Prozent Preisnachlass fehlen

bislang Interessenten.

Italien:

Hoffen auf Stabilität

Selbst Steinhäuser in der

Toskana gibt es günstiger.

Viele trauen sich am Ende nie. Peter Hoenisch,

79, griff dagegen gleich zwei Mal zu.

Schon vor 30 Jahren kaufte der frühere

Kommunikationsberater mit seiner Frau

ein Haus in Ligurien. Aus einer Laune heraus

– weil es ihnen dort bei einem Besuch

so gut gefallen hatte. „Eine verwohnte Butze

war das“, erinnert sich Hoenisch. Dafür

kostete sie damals auch nur 36 000 Euro.

Nach einigen Investitionen verkauften sie

das Haus gut 15 Jahre später deutlich aufgehübscht

– für 155 000 Euro.

Vor gut zehn Jahren tat es ihm in Ligurien

erneut eine „Bruchbude“ an, die nur

25 000 Euro kostete. Etwa 200 000 Euro

steckten Hoenisch und seine Frau in den

Ausbau des alten Steinhauses im kleinen

Bergdorf Tavole. Heute verbringt das Berliner

Ehepaar ein Drittel des Jahres hier.

Hoenisch: „Direkt hinter dem Haus geht es

auf 1000 Meter hoch. Und zum Meer sind’s

auch nur 20 Minuten.“ Zum Flughafen von

Nizza brauchen sie eine Stunde. So kommen

auch Kinder und Enkel schnell ins Ferienhaus.

Auch heute ließe sich für 50 000

Euro in Ligurien noch eine ausbaubare

Ruine finden, sagt Hoenisch. Für 150 000

Euro sei ein ordentliches Haus drin.

Italien ist von Preisstürzen wie in Spanien

verschont geblieben. Rare Top-Lagen,

etwa in Venedig, sind mit bis zu 10000 Euro

je Quadratmeter teuer wie eh und je. In anderen

beliebten Regionen, etwa an den

norditalienischen Seen und auch in der

Toskana, haben die Preise seit dem Hoch

Toskana

Landhaus in San Sano

4,5 MILLIONEN

3,95 MILLIONEN

Das Anwesen im rustikalen Landhaus-Stil

liegt 20 Kilometer nördlich

von Siena. Im Haus sind sechs

Schlafzimmer, außerdem gibt es

einen großen Swimmingpool. Ein

Käufer aber fehlt noch.

von 2007/08 zwar um 10 bis 30 Prozent

nachgegeben. Doch die Nachfrage ist viel

stärker eingebrochen. So hat sich die Anzahl

der Hausverkäufe seit 2006 landesweit

mehr als halbiert. „Die Banken geben keine

Kredite mehr“, berichtet Angela Andretta,

Maklerin bei Italresidence am Lago

Maggiore. „Für uns Makler ist die Lage katastrophal.“

Preisstützend wirkt, dass – anders

als in Spanien – vor allem Privatleute

Immobilieneigentümer sind. Wer nicht

muss, verkauft zu Niedrigpreisen nicht.

WICHTIGER VORVERTRAG

Auch Nils Dyken von Toscana Immobili,

der seit 20 Jahren in der Toskana als Makler

arbeitet, hatte „über Jahre weniger Anfragen

von deutschen Interessenten“. Viele

hätten angesichts von Euro-Krise und

den ständigen Regierungswechseln Sorgen

um die politische Stabilität gehabt. Langsam

kehre das Vertrauen zurück. „Jetzt

melden sich wieder mehr“, sagt Dyken,

„und die wollen wirklich kaufen.“ Für

Interessenten böten sich Chancen: Noch

konzentriere sich die Nachfrage auf einfachere

Wohnungen am Meer bis 200 000

Euro und auf höherpreisige Landgüter. „Im

mittleren Segment zwischen 400 000

»

81

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Geld&Börse

»

und 800 000 Euro gibt es noch wenig Interessenten.“

Dyken rät zu den Küstenlagen der südlichen

Toskana, von Livorno bis Grosseto,

„naturbelassen und unverbaut“. Ferienhäuser

seien vor allem bei Florenz, Siena

und Lucca interessant. Einige davon seien

günstig: „Viele Italiener wollten vor Jahren

vom Boom der Agriturismi profitieren, einer

Art Ferien auf dem Bauernhof“, sagt

Dyken. Oft seien die Urlauber dann aber

ausgeblieben, Vermieter hätten sich übernommen.

„Diese müssen nun verkaufen

und können nicht mehr warten.“

Auch der deutsche Ferienwohnungsvermieter

Don Scheunert spürt „seit einigen

Monaten eine bescheidene Nachfrage“ und

hofft auf Besserung. Vor zwölf Jahren haben

er und seine Frau ihre Jobs als Möbeleinkäufer

und Marketing-Projektleiterin aufgegeben,

um in die Marken westlich der Toskana

auszuwandern. Sie haben ein abgelegenes

Steinhaus als Ruine gekauft, saniert und ausgebaut.

Dank viel Eigenarbeit konnten sie die

Investition für ihre „Casa Lucia“ mit drei Ferienwohnungen

auf 310000 Euro begrenzen.

„Von der gefürchteten italienischen Bürokratie

haben wir wenig gespürt. Wer

nicht großspurig auftritt, bekommt Unterstützung“,

sagt Scheunert. Nur eins hatten

sie übersehen: Da ihr Haus lange leer

stand, muss sich die Kommune nicht mehr

um die Zufahrtsstraße kümmern. „Etwa

400 Euro pro Jahr für die Instandhaltung

zahlen wir selbst“, sagt Scheunert.

Eine wichtige Besonderheit in Italien ist

der Vorvertrag. „Er ist bindend, dort wird

schon alles Wichtige geregelt“, sagt Doris

Reichel, Anwältin in Mailand und Autorin

des Buchs „Ferienimmobilien in Italien“.

Mit Abschluss des Vorvertrags werden 10

bis 30 Prozent als Anzahlung fällig.

Venedig

Palazzo Vendramin

4,3 MILLIONEN

Das große Gebäude in Venedig

steht noch zum Verkauf.

13 Wohnungen finden hier Platz.

Die Preise in der Lagunenstadt

im Nordosten Italiens sind

stabil geblieben; der Markt zieht

finanzstarke Investoren an.

Verstößt der Verkäufer gegen die Auflagen

des Vorvertrags, sodass das Geschäft

platzt, hat der Käufer gesetzlich Anspruch

auf die doppelte Anzahlung. Bringt der

Käufer die Transaktion zum Scheitern, darf

der Verkäufer die Anzahlung behalten. Ein

Makler hat schon mit Abschluss des Vorvertrags

Anspruch auf seine Courtage, gezahlt

normalerweise vom Auftraggeber.

Toskana

Haus im Chianti

288 000

240 000

Das Haus in Poggibonsi im

Chianti-Gebiet, gut 30 Kilometer

nordwestlich von Siena, lockt

mit einer großen Terrasse, die

einen guten Ausblick auf die

toskanische Landschaft bietet.

Wichtig ist, dass das Wunschobjekt genehmigt

und gemäß gesetzlichen Auflagen

gebaut worden ist. Kein theoretisches Risiko:

Laut Schutzgemeinschaft für Auslandsgrundbesitz

wurde rund um den Gardasee

jede dritte Immobilie, in Sizilien gar jede

zweite nicht gesetzeskonform gebaut. In

solchen Fällen können die Grundbuchämter

die Umschreibung verweigern. Grenzen

Felder an, sollten Vorkaufsrechte von

Bauern beachtet werden. „Käufer sollten

sich schon im Vorvertrag zusichern lassen,

dass keine Vorkaufsrechte bestehen oder

diese nicht ausgeübt werden“, sagt Reichel.

Natürlich sollte der Verkäufer auch Eigentümer

sein. In Italien gibt es einst herrenlose

Grundstücke, auf denen die Hausbesitzer

einfach wohnen. Durch diese „Ersitzung“

können sie spätestens nach 20 Jahren einen

Antrag auf Eigentum stellen. Käufer sollten

sich vom Verkäufer eine Kopie seines Kaufvertrags

und die Baugenehmigung zeigen

lassen, die es flächendeckend allerdings

erst seit 1968 gibt. Aufschlussreich ist auch

das Immobilienregister. In diesem sind

auch alle Hypotheken sichtbar. Zusätzlich

hilft ein Katasterauszug, den Interessenten

über das Katasteramt bekommen.

OHNE NUMMER LÄUFT NICHTS

Käufer sollten unbedingt bei italienischen

Konsulaten in Deutschland frühzeitig und

kostenlos eine italienische Steuernummer

(„codice fiscale“) beantragen.

Auch in Italien war es lange üblich, dass

im Vertrag ein zu niedriger Kaufpreis

stand. So konnten Käufer Notargebühren

(bis zu zwei Prozent) sowie Käufer und Verkäufer

Steuern sparen. Seit 2007 wird für

die Grunderwerbsteuer der Katasterwert

angesetzt, der deutlich unter dem Kaufpreis

liegt. Auf diesen fallen neun Prozent

Steuer an (mindestens 1000 Euro), plus 100

Euro Hypotheken- und Katastersteuer. Für

Erstwohnsitze sind es nur zwei Prozent.

Wer deshalb seinen Erstwohnsitz nach Italien

verlegen will, sollte aber Steuernachteile

bei anderen Erträgen ins Kalkül ziehen.

Käufer müssen über den Erstwohnsitz

direkt entscheiden und dann binnen 18

Monaten umziehen. Wird ein als Zweitwohnsitz

genutzter Neubau vom Bauträger

gekauft, fallen statt Grunderwerbsteuer

zehn Prozent Mehrwertsteuer plus 400 Euro

Hypotheken- und Katastersteuer an.

In Italien müssen Eigentümer nach dem

Kauf laufend verschiedene, nationale und

lokale, Steuern zahlen, auch wenn sie das

Haus nur selbst nutzen.

n

niklas.hoyer@wiwo.de, stefanie müller | Madrid

82 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

FOTOS: SAVILLS (2)

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Geld&Börse

Bank ohne Banker

GELDANLAGE | Neue Internet-Anbieter versprechen Vermögensverwaltung

übers Netz – bequem und provisionsfrei. Wir haben geprüft,

was die Offerten taugen und für wen sie geeignet sind.

ken haben Vertrauen verspielt; laut einer

Studie der Uni Bochum halten nur 27 Prozent

der Privatanleger Bankberater für

„vertrauenswürdig“ (2008: 39 Prozent).

Vielen gelten Banker als provisionsgetriebene

Verkäufer, die statt Aktien und

einfacher Anleihen lieber teure Fonds oder

Versicherungspolicen als gute Geldanlagen

empfehlen. Bei quirion, heißt es dagegen

in einem Video auf der Homepage,

seien Anleger „sicher vor falschen Ratschlägen“.

Denn: „Wir sind die Bank ohne

Banker.“

Es ist sein dritter Anlauf, die Finanzbranche

zu revolutionieren. In den

Neunzigern gründete der Bankierssohn

Karl Matthäus Schmidt den Online-

Broker Consors und gewöhnte die Deutschen

daran, Aktiengeschäfte via Internet

abzuwickeln. Zwölf Jahre später, im Jahr

2006, ging Schmidt mit der Berliner Quirin-

Bank an den Start, die unabhängige Anlageberatung

ohne Provisionen verspricht.

Jetzt führt der 44-jährige Schmidt beides

zusammen – das Internet und provisionsfreie

Empfehlungen: Mit der Quirin-Tochter

quirion offeriert er seit einigen Monaten

eine standardisierte Vermögensverwaltung

– nur übers Internet, ganz ohne Beratungsgespräche.

Es ist ein weiterer Angriff auf das Geschäftsmodell

der etablierten Banken.

Nachdem Internet-Start-ups in Bereichen

wie Zahlungsverkehr und Kreditvergabe

bereits Marktanteile ergattert haben, wollen

neue Anbieter wie quirion, Finance-

Scout24 und easyfolio nun in die letzte

Bastion der Geschäftsbanken und Sparkassen

vordringen: die Vermögensverwaltung

und Anlageberatung.

Das Credo der Finanz-Revoluzzer: Es

geht auch ohne lästige und bürokratisch zu

protokollierende Beratungsgespräche –

billiger und mindestens genauso gut. Wirklich?

Wir haben geprüft, wie die Angebote

funktionieren, für wen sie geeignet sind

und was die Empfehlungen taugen.

Keine Frage: Bei vielen Deutschen dürfte

das Angebot der Angreifer, für das sich in

den USA der Begriff „robo-advice“ etabliert

hat, einen Nerv treffen. Deutschlands Ban-

ELF MUSTERPORTFOLIOS

Das funktioniert wie folgt: Anleger geben

auf der Homepage eine Zielrendite zwischen

3,4 und 8,1 Prozent an. Auf einen

Klick sehen sie dann zwei Dinge: die empfohlene

Vermögensaufteilung – insgesamt

gibt es elf Musterportfolios – sowie den

wahrscheinlichen Wertzuwachs bei guter,

mittlerer und schlechter Kapitalmarktentwicklung.

„Das ist extrem wichtig, damit

Anleger das Risiko einschätzen können“,

sagt Schmidt. Bei 5,2 Prozent Zielrendite

bekämen Anleger demnach am Ende der

empfohlenen Mindestlaufzeit von fünf Jahren

bei schlechter Entwicklung zumindest

ihr Geld zurück.

Das ist allerdings keine Garantie, sondern

eine Prognose auf Basis historischer

Kapitalmarktzahlen. Bei Börsencrashs

zum falschen Zeitpunkt, das sollten Anleger

wissen, drohen trotzdem Verluste –

schließlich besteht das Portfolio nicht nur

aus Anleihen, sondern zudem zu 30 Prozent

aus Aktien, je abgedeckt über Indexfonds

(siehe Grafik Seite 86). Welche quirion

hineinpackt, erfährt der Anleger erst,

wenn er Kunde wird. Gekauft werden „Exchange

Traded Funds“ (ETF), börsengehandelte

Fonds, die die Entwicklung eines

einzelnen Index abbilden, und andere

Fonds. Aktienanteile werden abgedeckt etwa

durch den Dimensional Global Targeted

Value Funds und die ETFs UBS MSCI

EMU sowie iShares MSCI Emerging Markets.

Das Anleiheportfolio bildet der Dimensional

Global Short Fixed Income ab,

außerdem packt quirion den Mischfonds

db x-tracker Portfolio Total Return ins Depot.

„Einige unserer Fonds sind speziell für

institutionelle Investoren aufgelegt und

bilden Körbe von mehreren Tausend Aktien

ab“, sagt Schmidt. Das sorge für eine

breitere Streuung. Darüber hinaus hätten

die Papiere dieselben Vorteile wie normale

ETFs: Anleger müssen keinen teuren

Fondsmanager finanzieren und hätten

»

ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

84 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

BERATUNG

Riestern im

Internet

Vergleichsportale drängen ins

Geschäft mit der Altersvorsorge.

Einige bieten sogar Beratung.

Es war eine Kampfansage: Henrich Blase,

Mitbegründer des Portals Check24,

kündigte unlängst an, die Telefonberatung

„massiv“ auszubauen. Kunden

können nicht nur Strom- oder Handytarife

vergleichen, sondern auch Tagesgeldkonten

eröffnen oder Rentenversicherungen

abschließen.

Die verstärkte telefonische Beratung

dürfte das Portal für mehr Menschen

attraktiv machen – gerade im Versicherungsbereich.

Denn auch wenn viele

keine Lust auf ihren Versicherungsvermittler

haben: Ganz ohne Gespräch mit

einem Experten schließen die wenigsten

Anleger langfristige Riester- oder

Rürup-Policen ab. Check24 stellt dazu

Banker und Versicherungskaufleute

ein, die intern von Verkäufern zu Beratern

geschult werden sollen.

NETTO IST BILLIGER

Diese Erfahrung haben auch die Gründer

der Münchner Maklerfirma i-finance

gemacht, die auf ihrer Seite

www.vorsorgekampagne.de Rentenpolicen

vergleichen. Die Besonderheit: Die

Ranglisten in Kategorien wie fondsgebundene

Riester-Renten oder kapitalgebundene

Rürup-Renten enthalten

überwiegend „Nettotarife“ ohne Provisionen.

Anleger können diese günstigen

Tarife direkt online abschließen – auch

ohne vorherige telefonische Beratung.

„Die meisten nehmen aber das Angebot

wahr, vorher ein telefonisches Beratungsgespräch

zu führen“, sagt Geschäftsführer

David Zahn. Die Makler

beraten gratis, Geld fließt nur bei Abschluss.

Der Kostenvorteil von Nettopolicen

sei enorm, rechnet Zahn vor. Während

bei klassischen Policen drei bis vier

Prozent der Beitragssumme an den Vermittler

fließen – schnell mehrere Tausend

Euro –, kassiert i-finance einen

Versicherungs-Monatsbeitrag als Gebühr.

Hinzu kommen in den ersten sieben

Jahren je 79 Euro Servicegebühr.

»

zudem bessere Renditechancen. Unabhängige

Experten wie Andreas Zittlau, Geschäftsführer

der Vermögensverwaltung

Privacon in Bonn, bestätigen das. „In den

vergangenen Jahren hat sich immer deutlicher

gezeigt, dass es nur sehr wenigen

Fondsmanagern mittel- und langfristig gelingt,

den Markt zu schlagen“, sagt er. „Die

Zahlen sprechen für Indexfonds-Lösungen.“

Bei den wenigen Perlen unter den aktiv

gemanagten Fonds ist der Mehrertrag

oft so überschaubar, dass er von den Nebenkosten

wieder aufgefressen wird.

Schließlich zahlen Anleger in der Regel bereits

am Anfang drei bis fünf Prozent Ausgabeaufschlag.

Hinzu kommen jährliche

Ausgaben für Fondsmanagement und Verwaltung,

die sich in der Regel auf ein bis

zwei Prozent des investierten Geldes summieren.

Bei Aktien- und Mischfonds sind

zudem Gewinnbeteiligungen von 20 Prozent

durchaus nicht unüblich.

KOSTENGÜNSTIGE INDEXFONDS

Anbieter von ETFs kassieren deutlich weniger,

im Schnitt erhalten sie beim quirion-

Modell nur 0,43 Prozent pro Jahr. Ausgabeaufschläge

oder Gewinnbeteiligungen gibt

es keine. Weitere 0,38 Prozent pro Jahr zahlen

Anleger an quirion selbst. Die Gesamtkosten

von 0,81 Prozent pro Jahr werden

auf der Homepage auch in Euro und Cent

angezeigt.

Aber bedeutet günstig auch gut? Vermögensverwalter

Zittlau hält es zwar für ambitioniert,

mit einer 69-prozentigen Anleihequote

eine Rendite von 5,2 Prozent zu erzielen.

Trotzdem sei die quirion-Empfehlung

„solide“. Die Anlageklassen Aktien

Schwerpunkt Anleihen

Die quirion-Empfehlung bei einer Zielrendite

von 5,2 Prozent

Mindestanlagesumme:

Empfohlene Mindestlaufzeit:

Kosten in den ersten fünf Jahren:

Kasse 1

Aktien 6

Schwellenländer

10

Aktien Europa

in

Prozent

des

Portfolios

14

Aktien global

10000 Euro

5 Jahre

449 Euro 1

69

Renten

1 bei 10 000 Euro Anlagesumme, das entspricht

0,81 Prozent des jeweiligen jährlichen Depotwerts p. a.;

Quelle: quirion

und Anleihen reichten in den meisten Fällen

für ein ausgewogenes Portfolio, sagt

Zittlau.

Eines müsse Anlegern aber klar sein:

„Sie dürfen nicht die Nerven verlieren und

verkaufen, wenn die Aktienmärkte einbrechen.“

Solche Modelle seien nur sinnvoll,

wenn Investoren „mindestens fünf Jahre“

durchhalten.

Das kann aber zwischenzeitlich

schmerzhaft sein. Denn auch wenn die

Börsen in einen mehrjährigen Abwärtsstrudel

geraten, bleibt die Aktienquote im

Beispielfall stabil bei 30 Prozent. Das liegt

am regelmäßigen „Rebalancing“ von quirion:

Sind die Aktien-ETF gesunken und haben

dadurch einen niedrigeren Depotanteil

als vorgesehen, wird nachgekauft, bis

die Anfangsquote wieder erreicht ist.

„Das ist zwar prinzipiell sinnvoll, weil

Anleger bei niedrigen Kursen stärker in Aktien

investieren“, sagt Zittlau. Aber es könnten

eben – trotz des stabilisierenden Anleiheanteils

– zwischenzeitlich hohe Verluste

auflaufen. Und wenn ängstliche Anleger

dann aussteigen, war alles für die Katz.

Auf ein ähnliches Konzept wie quirion

setzt FinanceScout24, Teil der

Scout24-Gruppe. Anleger wählen auf der

Homepage managed-depot.financescout24.de,

die seit März online ist, allerdings

keine Zielrendite, sondern geben

den Anlagezeitraum, ihre Risikobereitschaft

und den Betrag ein. Wer 10 000 Euro

für fünf Jahre mit moderatem Risiko anlegen

will, bekommt als Empfehlung das

Portfolio „Ich will streuen“ – eines von fünf

„Managed Depots“, die FinanceScout24

anbietet (siehe Grafik unten rechts) .

Rohstoffe beigemischt

Die FinanceScout24-Empfehlung bei

moderater Risikobereitschaft 1

Mindestanlagesumme:

Empfohlene Laufzeit:

Kosten in den ersten fünf Jahren:

Rohstoffe

Aktien

Schwellenländer

5

5

50

Anleihen

in

Prozent

des

Portfolios

40

4000 Euro 2

3 bis 7 Jahre

702 Euro 3

Aktien global

1 Renditeprognose: 5,8 Prozent; 2 alternativ: Sparplan mit mind.

50 Euro/Monat; 3 bei einer Anlagesumme von 10 000 Euro (bis

50000 Euro berechnet FinanceScout24 1,25% des jeweiligen

jährlichen Depotwertes); Quelle: FinanceScout

86 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

Anleihen kaufen die Scouts über ETFs

auf den iBoxx Euro Sovereign Eurozone Index

und den Barclays Capital Euro Corporate

Bond Index, Aktien durch Papiere auf

den MSCI World und den MSCI Emerging

Markets Index sowie Rohstoffe durch einen

ETF auf den Commodity ex-Agriculture

EW Index.

Die Gebühren sind für Kleinanleger höher

als bei quirion – pro Jahr pauschal 1,25

Prozent des investierten Geldes. Wer mehr

als 50 000 Euro anlegt, zahlt 1,0 Prozent;

danach sinkt der Satz schrittweise bis auf

0,5 Prozent. Eine regelmäßige Anpassung

der Quoten ist ebenfalls im Preis mit drin.

Wenn wegen steigender Aktienkurse der

Aktienanteil des Portfolios zum Beispiel

von 45 auf 60 Prozent gestiegen ist, werden

Aktien verkauft und Anleihen gekauft.

AKTIEN BRAUCHEN LANGEN ATEM

Auch dieses Portfolio hält Zittlau für solide,

kritisiert aber die empfohlene Laufzeit von

drei bis sieben Jahren. „Drei Jahre sind bei

einer Aktienquote von 50 Prozent zu wenig“,

meint er. Gerade angesichts aktuell

starker Börsen müssten Anleger einkalkulieren,

dass die Kurse in drei Jahren unter

dem jetzigen Niveau liegen.

„Sie sollten notfalls länger auf ihr Geld

verzichten können und auch hier mindestens

fünf Jahre einplanen“, rät Zittlau. Dabei

gelte die Regel: Je höher die Aktienquote,

desto wichtiger ist ein langer Atem.

Wer schwache Nerven hat oder nicht

lange auf sein Geld verzichten will, wird bei

der neuen Online-Avantgarde aber ebenfalls

fündig. Das ETF-Portfolio „Ich will’s

defensiv“ von FinanceScout24 zum Beispiel

enthält zu 90 Prozent Anleihen und zu

zehn Prozent Aktien. Empfohlene Laufzeit

ist ein bis drei Jahre, die Renditeprognose

beträgt 3,7 Prozent.

Das ist immer noch weit mehr, als es derzeit

für Tages- oder Festgeldkonten gibt –

bei überschaubarem Zusatzrisiko. Auch

mit Lebensversicherungen, die vergleichbar

investieren, aber deutlich höhere Gebühren

einsacken, kann das Angebot locker

mithalten. Die standardisierte Online-

Vermögensverwaltung über ETFs sei für alle

geeignet, „die mittel- bis langfristig Geld

anlegen wollen – zum Beispiel für die Altersvorsorge“,

sagt FinanceScout24-Geschäftsführer

Ralf Johnsen.

Doch Vorsicht: Wer zweifelt, ob er in Sachen

Altersvorsorge das Richtige getan hat,

sollte keine einsamen Anlageentscheidungen

treffen, sondern zuvor einen Experten

seines Vertrauens hinzuziehen. Das gilt

Besser als jedes Konto? Das defensive

Online-Depot soll 3,7 Prozent bringen

insbesondere für Portfolios mit einem hohen

Aktienanteil.

Anleger, die elementare finanzielle Risiken

wie Berufsunfähigkeit abgedeckt haben

und darüber hinaus für eine Einnahmebasis

auch im hohen Alter vorgesorgt

haben, finden bei quirion und Finance-

Scout24 dagegen für ihre zusätzlichen Reserven

attraktive Angebote, die den Vergleich

mit herkömmlicher Bank- und Vermögensberatung

nicht zu scheuen brauchen.

Und die allemal mehr Sinn machen,

als Reserven über Jahre zu Magerzinsen

auf dem Tagesgeldkonto zu bunkern.

Aber kann sich das Modell hierzulande

etablieren? Quirion-Gründer Schmidt ist

zuversichtlich. „Es gibt eine große Zahl von

Anlegern, die selbst ihre Anlageentscheidungen

treffen und von der Flexibilität digitaler

Dienstleistungen profitieren wollen.“

Die ersten Zahlen von quirion seien

vielversprechend, man habe ohne Werbekampagne

einen siebenstelligen Betrag

eingesammelt. Auch Johnsen von Finance-

Scout24 ist optimistisch. „Finanzen im

Internet sind ein Wachstumsthema“, sagt

er. Allerdings sind Schmidt und Johnsen

nicht allein: Auch Vergleichsportale wie

Check24 oder vorsorgekampagne.de buhlen

um Kunden, die sparen wollen, aber

keine Lust mehr auf Bankberater oder Versicherungsvertreter

haben. Angeboten

werden sogar Konzepte für komplexere

Produkte wie die Riester-Rente (siehe Kasten

Seite 86).

Die etablierten Finanzhäuser tun sich

dagegen schwer bei Online-Angeboten zu

Geldanlage und Vermögensverwaltung,

sagt Alfons Niebuer, Partner der Unternehmensberatung

SMP in Düsseldorf. „Das ist

für die Branche ein schwieriges Thema.“

Kein Wunder: Wenn Kunden ihr Geld

ohne Beratungsgespräch via Internet anlegen,

lassen sich hohe Provisionen nicht

mehr rechtfertigen.

n

daniel schönwitz | geld@wiwo.de

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 87

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Geld&Börse

Selbst schuld

BETHMANN BANK | Wie die Privatbanker einen Kunden fragwürdig

berieten und dann mit einer Gebührenerhöhung vergraulten.

* Name von der Redaktion geändert

Die Frankfurter Bethmann Bank ist

stolz auf ihre Historie. Das Selbstporträt

im Internet verweist auf die

„Exklusivität einer regional verwurzelten

und bis ins Jahr 1712 zurückreichenden

deutschen Privatbank“. Das heißt: „Strikte

Unabhängigkeit, höchste Beratungsqualität

und persönliche Verbundenheit mit

den Kunden sind Eigenschaften, die das

Bankhaus seit jeher prägen.“

Paul Meier* war beeindruckt, als sich das

noble Geldhaus vor ein paar Jahren um ihn

bemühte. „Man muss glauben, hier steckt

die reine Kompetenz, hier ist man als Kunde

König und wird so behandelt“, sagt Meier.

Jetzt aber liegt er mit der Bank

über Kreuz. Sein Vorwurf: Die feine

Bank gehe recht unfein mit Kunden

um. Er sei erst fragwürdig beraten

und dann mit einer saftigen Gebührenerhöhung

vergrault worden.

Bethmann gehört zur niederländischen

ABN Amro. Zuletzt hat Bethmann

das Privatkundengeschäft der

Credit Suisse übernommen (WirtschaftsWoche

19/2014), rund 35 Milliarden

Euro Kundenvermögen betreut

die Bank.

Auch Meier hatte der Bank einiges

Geld anvertraut, 2006 kam er mit

knapp 280 000 Euro zu Bethmann.

Die steckten zuvor in Aktien, einer

Lebensversicherung und Immobilien

– breit diversifiziert. „Mein Berater

empfahl mir intensiv, meine Vermögenswerte

zusammenzufassen“,

sagt Meier. Er habe zu einem neu

aufgelegten Fonds der Bethmann

Bank geraten. „Der sei ein neues,

aber sehr sicheres Produkt. Man

könne damit keine Fehler machen.“

Die Bank verteidigt die Empfehlung.

„Der Fonds entsprach dem Risikoprofil

und den Anlagewünschen

von Herrn Meier“, teilt sie mit. Der

Kunde habe sich „nach entsprechender

Aufklärung selbst für den

Fonds entschieden“. Meier habe

auch noch Vermögen außerhalb der

Bethmann Bank gehabt und von seinem

Vermögen bei der Bank selbst auch lediglich

einen Großteil in den Fonds gesteckt.

Mit dem Fonds habe Meier zudem

keineswegs alles „auf eine Karte“ gesetzt,

da der Fonds wiederum eine Vielzahl von

Einzelinvestments durchführt.

Der Bethmann-Fonds Absolute Flex International

will mit weltweiten Investitionen

in Zertifikate „eine langfristig aktienähnliche

Rendite“ bei deutlich reduzierter

Schwankungsintensität erzielen. Das

klappte nicht allzu gut. In der Finanzkrise

schmierte der Fonds ab, in der nachfolgenden

Rally holte er kaum auf. Von Oktober

2007, als Meier sich beteiligte, bis heute hat

Feines Haus, raue Sitten Frankfurter Bethmann-Zentrale

»Der Fonds entsprach

Risikoprofil und Anlagewünschen

des Kunden«

Stellungnahme der Bethmann Bank

der Fonds mehr als 14 Prozent verloren.

Der weltweite Index MSCI World gewann

im gleichen Zeitraum knapp 5 Prozent, der

heimische Dax sogar fast 25 Prozent.

Mit der schwachen Performance des

Bethmann-Fonds will die Bethmann Bank

nicht viel zu tun haben – in einem Brief an

Meier teilt sie mit, man könne zwar seine

Enttäuschung nachvollziehen. „Allerdings

trifft die Entscheidung für den Kauf einer

Anlage immer der Kunde. Sollte sich die

gewählte Anlage nicht in die gewünschte

Richtung entwickeln, ist dies allein das Risiko

des Anlegers und nicht der Bank.“

GEBÜHREN: PLUS 1233 PROZENT

Was beim Vermögen des Kunden nicht

klappte, versuchte die Bank dafür bei den

Gebühren zu erreichen: enorme Steigerungen.

Per Brief forderte die Bank Meier auf, eine

neue Vereinbarung zur Anlageberatung

oder Vermögensverwaltung abzuschließen.

Andernfalls könne sein Depot nur noch als

„beratungsfreies Wertpapiergeschäft“

weitergeführt werden. Statt wie bisher

89,25 Euro pro Jahr inklusive Mehrwertsteuer

sollte er dafür ab Mai satte

1190 Euro berappen, eine Steigerung

von 1233 Prozent. „Da fällt mir nichts

mehr ein“, sagt Meier, „die Bank hat

mir ein Eigenprodukt angedreht, über

die Verwaltungsgebühren gut an mir

verdient, und jetzt das. Ich bin wohl

als Kunde nicht mehr interessant.“

Das erinnert an die Konkurrenz

von der Berenberg-Privatbank, die

im Mai für Wirbel sorgte, als sie Kunden

mit einem Vermögen von weniger

als einer Million Euro das Konto

kündigte. Bethmann weist Parallelen

zurück. Die Bank teilt mit, sie widerspreche

„entschieden der Vermutung“,

dass uninteressante Kunden

herausgedrängt werden sollten. „Die

Zielkunden der Bank sind Vermögende

in jeder Größenordnung.“

Der Kunde habe ein Schreiben erhalten,

das ihn über die Umstellung

des Gebührenmodells informierte.

„Das Schreiben diente somit einer

Fortführung der Kundenbeziehung.“

Das neue Gebührenmodell sei transparent

und fair, weil die Bank Vertriebsprovisionen

erstatte. Die Umstellung

betreffe alle Kunden, nicht

nur Herrn Meier.

Den allerdings betrifft sie inzwischen

nicht mehr – er hat sein Depot

auf eine andere Bank übertragen. n

florian.zerfass@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: AGENTUR FOCUS/KOLLEKTIV 25/LUCAS WAHL

88 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse | Steuern und Recht

WOHNGEBÄUDEVERSICHERUNG

Rauswurf ohne Schaden

Versicherer drängen Kunden aus günstigen Verträgen mit umfangreichem Schutz.

Der verheerende Sturm am

Pfingstmontag hinterließ in

Düsseldorf eine Spur der Verwüstung

und Millionenschäden.

Nur wenige Tage später

gingen von der Düsseldorfer

Zentrale des Versicherers Ergo

Tausende Briefe in die Post, die

Kunden der Wohngebäudeversicherung

bundesweit den

Rauswurf ankündigten: „In Kürze

beenden wir alle alten Wohngebäudeversicherungen.“

Der

Schutz verhindert den finanziellen

Ruin, wenn Feuer, Leitungswasser

oder eben ein Sturm das

RECHT EINFACH | Rauchen

Raucher geraten zunehmend

in die Defensive – auch vor

Gericht.

§

Versammlung. Bei einer Eigentümerversammlung

im

Ruhrgebiet stritten die Eigentümer

im wesentlichen

um die Frage: Darf während des

Treffens geraucht werden? Als eine

Einigung nicht in Sicht war, zog

ein Zigarettengegner vor den Kadi.

Mit Erfolg. Die Juristen bestätigten

dem Kläger, dass keinem

Eigentümer zuzumuten sei, sich

Haus beschädigen. Erweitert

um eine Elementarschadenversicherung

sind auch Erdbebenoder

Starkregenfolgen versichert.

In den vergangenen Jahren

hat es durch Unwetter teure

Schäden gegeben. „Die alten

günstigen Tarife sind für die Versicherer

nicht wirtschaftlich,

und die Verwaltung unterschiedlicher

Vertragsbedingungen

aus vielen Jahrzehnten

überfordert die IT-Systeme“, sagt

Thorsten Rudnik, Versicherungsberater

aus Henstedt-Ulzburg.

den Gefahren des Passivrauchens

auszusetzen. Wenn jemand paffen

wolle, könnten Rauchpausen eingelegt

werden (Landgericht Dortmund,

1 S 296/12).

Nachbar. Die Eigentumswohnung

eines Frankfurters hatte zwei Balkone.

Rauchen tat er jedoch immer

nur auf einem. Dies störte den Eigentümer

der Nachbarwohnung,

der neben dem „Raucherbalkon“

sein Schlafzimmerfenster hatte. Die

Bitte, zukünftig nur noch auf dem

anderen Balkon zu qualmen, lehnte

der Raucher ab. Der Zweitbalkon,

so seine Begründung, sei nur vom

Gästezimmer erreichbar, und

seine Gäste wolle er nicht stören.

Das sahen die Richter anders.

Tagsüber könne man Gästezimmer

durchqueren. Nachts könne

der Hesse außerhalb des Hauses

qualmen (Landgericht Frankfurt

am Main, 2–09 S 71/13).

Häufig kommt es zu außerordentlichen

Kündigungen durch

Versicherer, nachdem Kunden

Schäden gemeldet hatten. Mit

dreimonatiger Frist dürfen sie

jeden Vertrag beenden. Melden

Kunden einen Schaden, wird es

für sie schwieriger und teurer,

zu einem anderen Versicherer

zu wechseln. „Die Versicherten

haben einen Makel. Sie müssen

in jedem Versicherungsantrag

die Frage wahrheitsgemäß beantworten,

ob es Schäden gab“,

sagt Rudnik. Schummeln fliegt

im branchenweiten Informationssystem

auf. Rudnik rät, nach

Schäden eine neue Police zunächst

beim Altversicherer abzuschließen,

selbst wenn die

Prämie höher ist. Der Hausbesitzer

vermeidet, ohne Schutz

dazustehen, den auch finanzierende

Banken verlangen. „Zum

Ablauf des Versicherungsjahres,

spätestens nach drei Jahren

kann er selbst kündigen und ist

in einer besseren Position“, sagt

Rudnik.

Je nach Lage und Ausstattung

des Hauses unterscheidet sich

der Preis der Police. Für ein Reihenendhaus

aus dem Jahr 1969

mit Keller, Garage, ausgebautem

Dachgeschoss und einer

Wohnfläche von 140 Quadratmetern

nahe Frankfurt zahlen

Ergo-Versicherte in einem alten

Tarif nur 207 Euro jährlich. Der

neue Schutz dürfte das Doppelte

kosten, zudem enthält die Police

eine Selbstbeteiligung von

350 Euro. „Auf abgespeckte Tarife,

die billig sind, damit sie in

Vergleichen oben stehen, die

aber wenig Schutz bieten, sollte

kein Kunde reinfallen“, rät Rudnik.

Selbst beim gleichen Versicherer

liegen die Tarifunterschiede

bei einigen Hundert

Euro. Ein teurer umfasst etwa

Schäden durch Abwasserrohre,

der billige schließt sie ebenso

aus wie Hotelübernachtungen

nach Schäden, das Entfernen

umgekippter Bäume sowie die

Haftung bei grober Fahrlässigkeit.

Aus den gesetzlichen Produktinfos

gehen die Unterschiede

oft nicht hervor.

Vorbild. Ein Lehrer entdeckte die

Vorzüge der E-Zigarette. Als der

Direktor ihn damit auf dem Schulhof

erblickte, setzte es ein Verbot.

Auch vor Gericht erhielt der Lehrer

eine Abfuhr. Laut Schulgesetz

sei Rauchen auf dem Schulgelände

verboten. Experten plädieren

für die Gleichstellung mit herkömmlichen

Zigaretten. Zudem

sei der Konsum von Tabak-Ersatzprodukten

nicht mit der „Vorbildfunktion“

von Lehrern zu vereinbaren

(Verwaltungsgericht

Gießen, 5 K 455/12 GI).

FOTOS: ACTION PRESS/WAZ FOTOPOOL/DANIEL GRUNWALD, IMAGO/STEINACH, PR

90 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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ALTERSVORSORGE

Neues Gesetz gefährdet Lebensversicherer

Die Politik setzt ihre Pläne für

das Lebensversicherungs-Reformgesetz

unverdrossen fort.

Schon bald könnte der Garantiezins

für Neuverträge auf 1,25

Prozent sinken. Und bereits ab

Ende Juli könnte die Ausschüttung

von Bewertungsreserven

aus Kursgewinnen von Zinspapieren

bei fälligen Verträgen

begrenzt werden. Dies gilt,

wenn der Versicherer das Geld

braucht, um zugesagte Garantien

zu sichern. Bislang müssen

Kunden zum Vertragsende

zur Hälfte an den mit ihren Beiträgen

aufgebauten stillen

Reserven beteiligt werden

(WirtschaftsWoche 22/2014).

Der Bundesrat hat den Plänen

zugestimmt, fordert allerdings

noch mehr Transparenz bei

den Provisionen der Versicherungsverkäufer.

Beschwert haben

sich einige Landespolitiker

über den zeitlichen Druck.

Statt einer sechswöchigen Beratungsfrist

blieben nur wenige

Tage zur Vorbereitung von Stellungnahmen.

Der selbstständige Versicherungsanalyst

Carsten Zielke

hält das Gesetz für schädlich.

„Es belastet künftige Rentner,

macht die Lebensversicherung

für Neukunden unattraktiv und

macht das fragile Geschäftsmodell

der Versicherer brüchiger“,

FAHRRAD

Kein Helm, trotzdem Geld

Die Richter am Bundesgerichtshof

haben ein Herz für Radler,

die partout keinen Helm tragen

wollen. Werden sie in einen Unfall

verwickelt, an dem sie nicht

mitschuldig sind, steht ihnen

der volle Schadensersatz und

Schmerzensgeld zu (VI ZR

281/13). Verhandelt wurde ein

alltäglicher Fall: Am Straßenrand

geparktes Auto; die Fahrerin

öffnet die Tür, ohne sich

nach dem Verkehr umzusehen;

eine Radfahrerin kann nicht

ausweichen und kracht in die

SCHNELLGERICHT

HAFTUNG FÜR NACHBARSCHAFTLICHE HILFE

§

Bringt ein Elektriker bei einer betagten Nachbarin

unentgeltlich eine Lampe an, an der ein anderer

Handwerker einen Stromschlag erleidet und so zum

Pflegefall wird, haftet der Elektriker (Oberlandesgericht

Koblenz, 5 U 311/12).

UNVERHEIRATET UND OHNE ZUSCHUSS

§

Zur künstlichen Befruchtung darf eine Krankenkasse

unverheirateten Paaren im Gegensatz zu

Ehepaaren keinen Zuschuss zahlen (Landessozialgericht

Berlin-Brandenburg, L 1 KR 435/12 KL). Die Revision

gegen das Urteil läuft vor dem Bundessozialgericht.

Das Bundesverfassungsgericht hatte aber

bereits die Bevorzugung von Verheirateten gebilligt.

Autotür; sie verletzt sich am

Kopf, ist monatelang arbeitsunfähig.

Vorinstanzen hatten ihr

eine Mitschuld an den Folgen

des Unfalls gegeben, weil sie

keinen Helm trug, und ihr den

vollen Schadensersatz verweigert.

Hätten die Richter auf das

Tragen eines Helmes bestanden,

hätten davon Auto-Haftpflichtversicherer

profitiert, die

in vielen Fällen weniger zahlen

müssten. So stellten die Richter

klar: Helmtragen ist nicht vorgeschrieben.

so Zielke. Er bemängelt, dass

die volkswirtschaftlichen Auswirkungen

des Gesetzes nicht

berücksichtigt würden. So

könnten die Auszahlungssummen

für Rentner ab 2035 um ein

Drittel niedriger ausfallen als

erwartet. Die geplante höhere

Beteiligung von Kunden an „Risikogewinnen“

(diese entstehen

etwa, wenn weniger Versicherte

sterben als kalkuliert)

von 90 statt 75 Prozent belaste

Gewinne und Rücklagen kleinerer

Anbieter. Zielke sagt, es

wäre für viele Versicherer besser,

die Bewertungsreserven zu

verteilen, als Einbußen bei Risikogewinnen

zu erleiden.

STEUERBESCHEID

Teures Fax

vor Silvester

Finanzämter können einen

Steuerbescheid mit der Aufforderung

zur Nachzahlung per

Fax an den Steuerzahler schicken.

Im Fall, den der Bundesfinanzhof

entschieden hat (VIII R

28/13), verhinderte das nachweislich

am 30. Dezember

übermittelte Fax, dass eine

hohe Nachzahlung nach vier

Jahren verjährte. Der Steuerzahler

hatte vergeblich gegen

den Versand per Fax geklagt.

NUR BESCHRÄNKT ABZIEHBARE REISEKOSTEN

§

Kosten für Fahrten zu einer Großbaustelle darf ein

dort länger beschäftigter Monteur nur mit der

Entfernungspauschale von 30 Cent pro Kilometer für

die einfache Strecke ansetzen. Er hat keinen Anspruch

auf die Dienstreise-Regelung, bei der tatsächlich

gefahrene Kilometer abgesetzt werden können

(Bundesfinanzhof, VI R 74/13). Das Urteil ist nur

noch für das Steuerjahr 2013 anwendbar.

KEIN GELD BEI UNKLARER INFEKTIONSQUELLE

§

Eine Ärztin haftet nicht für eine Infektion im punktierten

Knie eines Patienten, wenn nicht erwiesen

ist, dass er sich die Keime in ihrer Praxis eingefangen

hat (Oberlandesgericht Hamm, 26 U 166/13).

VERSPÄTETE FLÜGE

PIERRE ROSENBERGER

ist Wirtschaftsrechtsexperte

in

der Kanzlei

Dornbach in

München.

n Herr Rosenberger, kürzlich

entschied der Bundesgerichtshof,

dass Airlines

bei Flügen, die sich wegen

Streiks verspäten, Fluggäste

nicht entschädigen müssen.

Der BGH wertet einen Streik

von Piloten oder Bodenpersonal

als außergewöhnlichen

Umstand, den eine Fluggesellschaft

nicht zu vertreten habe

und den sie mit zumutbaren

Maßnahmen nicht hätte verhindern

können. Gleiches gilt

für Vulkanausbrüche, Terroranschläge

oder Stürme.

n Wann müssen Airlines

ihre Kunden entschädigen?

Passagiere haben einen Anspruch

auf Entschädigung,

wenn die Fluggesellschaft die

Verspätung zu vertreten hat.

Dies gilt etwa bei einem technischen

Defekt der Maschine

oder wenn der Flug überbucht

war und der Passagier erst

später fliegen kann. Geld gibt

es, wenn der Flug dann mindestens

drei Stunden verspätet

war. Entscheidend ist dabei

die Verspätung am Zielflughafen.

Entschädigungen

gibt es allerdings nur für Flüge

innerhalb der EU und solche

von Airlines mit Sitz in der EU,

die in Drittländern starten und

auf Flughäfen der EU enden.

n Wie hoch sind die

Entschädigungen?

Das hängt von der Flugstrecke

ab. Bei bis zu 1500 Kilometer

sind es 250 Euro, bis 3500 Kilometer

400 Euro und bei über

3500 Kilometer 600 Euro,

wenn der Flug mindestens vier

Stunden verspätet war. Passagiere

können Entschädigungen

bis zu drei Jahre nach

dem Flug geltend machen.

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 Redaktion: heike.schwerdtfeger@wiwo.de | Frankfurt, martin gerth

91

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Amerikaner haben

viele Milliarden Dollar in deutsche

Aktien gepumpt. Was bedeutet das

für den Dax? Von Hauke Reimer

Schneller raus

Der Dax hält sich unverdrossen

oben,

aber die Deutschen

haben nichts davon.

Der Datenanbieter Ipreo untermauert

mit Zahlen, was wir

schon immer geahnt haben. Die

Rechnung geht so: In Depots

weltweit – Großaktionäre wie

die Quandts oder der Bund zählen

hier nicht mit – liegen Dax-

Aktien für umgerechnet 1150

Milliarden Dollar. Deutsche Anleger

halten davon nur 18 Prozent,

rund 207 Milliarden Dollar.

Amerikaner besitzen 32

Prozent deutsche Blue Chips

für 368 Milliarden.

Seit Präsident Mario Draghi

im Sommer 2012 verkündete,

die Europäische Zentralbank

werde den Euro bewahren, „koste

es, was es wolle“, haben Investoren

aus Regionen außerhalb

der Euro-Zone rund eine

Billion Euro neu in die europäischen

Finanzmärkte investiert.

Der Löwenanteil – 430 Milliarden

Euro – floss an die Börsen.

In einer globalisierten Welt

sollte es eigentlich egal sein, in

welchem Land ein Investor lebt.

Wo ist das Problem?

Zum einen bekommen deutsche

Sparer zu wenig ab von den

Erfolgen der heimischen Industrie

– weil sie keine Aktien haben.

Zum anderen macht ein hoher

Anteil ausländischer Anleger

eine Börse anfälliger für Zinsund

Wechselkursbewegungen in

anderen Regionen der Welt. Anleger

an Schwellenländerbörsen

können ein Lied davon singen.

Denn viel schneller, als das Geld

hereinströmt und die Kurse

treibt, wird es wieder abgezogen,

wenn sich die Welt ändert. Das

könnte jetzt wieder passieren.

Der Euro verliere gegenüber

dem Dollar an Attraktivität, sagt

Hans Redeker, Währungsstratege

von Morgan Stanley. Die US-

Wirtschaft wuchs im ersten

Quartal zwar schwach, aber Unternehmen

signalisierten Bereitschaft

zu investieren, suchten

Arbeitskräfte und fragten mehr

Kredite nach. Dies könnte, in

Kombination mit dem Zurückfahren

der Anleihekäufe der Notenbank,

die Renditen von US-

Anleihen nach oben schieben.

„US-ZINSEN ZIEHEN AN“

Die Rendite zweijähriger US-Anleihen

werde sich bis März 2015

auf 1,1 Prozent mehr als verdoppeln.

Zehnjährige Staatspapiere,

aktuell bei 2,6 Prozent, sollten

dann mit 3,1 Prozent

rentieren. Klingt wenig, könnte

aber heftige Folgen haben. US-

Zinsanlagen dürften vermehrt

nachgefragt werden, das würde

den Dollar stärken und den Euro

schwächen. Es sei eine Milchmädchenrechnung,

anzunehmen,

dass die Folgen einer strafferen

Geldpolitik in den USA von

der lockereren in Europa und Japan

auszugleichen wäre, warnt

Redeker. Denn fast zwei Drittel

der Schulden, die Staaten und

Unternehmen im Ausland aufgenommen

haben, sind Kreditpapiere

in US-Dollar. US-Renditen

und Dollar sind entscheidend für

die Kosten der globalen Verschuldung.

Redeker erwartet

deshalb Währungsschwankungen

und Umschichtungen von

Dollar-Depots. Die Beliebtheit

der Dax-Aktien bei US-Investoren

könnte zum Malus werden,

sobald Letztere aus Furcht vor

Wechselkursverlusten und Turbulenzen

Gewinne mitnehmen.

Gerade Aktien mit einer hohen

Quote von US-Investoren, etwa

FMC, Adidas oder die Deutsche

Börse, wären gefährdet.

TREND DER WOCHE

Zwangsanleihebesitzer

Die Bundesbürger sehen in Gold und Aktien die

besten Geldanlagen, stecken aber in der Zinsfalle fest.

Das Meinungsforschungsinstitut

Forsa hat im Auftrag des

Edelmetallhändlers Pro Aurum

1001 Deutsche zum Thema

Geldanlage befragt. Der Auftraggeber

dürfte mit dem Ergebnis

zufrieden sein: Trotz

scharfer Korrektur und einer

mehrjährigen Seitwärtsbewegung

bietet Gold für 28 Prozent

der Befragten auf Sicht von drei

Jahren immer noch das stärkste

Gewinnpotenzial unter allen

Geldanlagen. Nachdem der

Goldpreis im September sein

Rekordhoch bei 1921 Dollar erreichte,

lag der Wert allerdings

bei 38 Prozent. Umgekehrt verhielt

es sich mit der Einschätzung

zu Aktien. Im September

2011 sahen nur elf Prozent bei

Aktien die lukrativsten Gewinnchancen.

Heute, nach einem

Leichtgewicht

Nur sieben Prozent der

Deutschen besitzen Gold

strammen Anstieg des Dax,

sind es 27 Prozent.

Allerdings klafft zwischen

Theorie und Praxis eine ziemlich

große Lücke. Denn nur

zwölf Prozent der Befragten haben

tatsächlich in Aktien investiert.

Die Aktienbesitzquote ist

gegenüber September 2011 gar

um vier Prozentpunkte gefallen.

Auf noch tieferem Niveau verharrt

die Goldbesitzquote. Sieben

Prozent der Deutschen halten

Barren oder Münzen.

Die Deutschen bleiben ein

Volk von Anleihebesitzern, gezwungenermaßen:

Zwar sehen

nur zwei Prozent mit Anleihen

die besten Chancen, doch allein

über ihre Lebensversicherungen,

die vor allem Zinspapiere

kaufen, stecken 35 Prozent der

Deutschen in der Zinsfalle.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 18.6.2014 / 18.00 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9930,33 –0,2 +20,7

MDax 16943,68 –0,5 +20,0

Euro Stoxx 50 3279,20 –0,3 +21,4

S&P 500 1941,21 –0,1 +17,5

Euro in Dollar 1,3563 +0,1 +1,4

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,38 –0,02 2 –0,19 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,64 ±0 2 +0,45 2

Rohöl (Brent) 3 113,94 +4,2 +8,0

Gold 4 1269,75 +0,6 –7,1

Kupfer 5 6739,00 +0,7 –3,3

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 935,29 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, CORBIS/MATTHIAS KULKA, BLOOMBERG NEWS/SCOTT EELLS

92 Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Chips vor Tickets

Während Halbleiterhersteller Infineon durchstartet,

muss die Lufthansa ihren Boden erst noch finden.

Preiskampf mit europäischen

Konkurrenten, Überkapazitäten

auf den Nordatlantikrouten,

schwache Buchungen

von Geschäftskunden und

dazu die Aussicht auf teuren

Treibstoff: Nach 252 Millionen

Euro Nettoverlust im ersten

Quartal und bei derzeit

zähem Geschäft wird 2014 für

die Lufthansa ein schwaches

Jahr. Neu-Chef Carsten Spohr

schwört Anleger auf einen

harten Kurswechsel ein; sogar

der Aufbau einer neuen Billiglinie

ist im Gespräch. Das von

Dax

Dax 9930,33 –0,2 +20,7

Aktie

Analysten erwartete Gewinnziel

von gut 600 Millionen Euro

netto dürfte in den nächsten

Wochen zusammengestrichen

werden. Vielleicht findet die

Lufthansa-Aktie dann ihren

Boden; bis dahin Finger weg.

Neue Top-Kurse peilt WirtschaftsWoche-Favorit

Infineon

an. Die Aktie profitiert davon,

dass Halbleiterprimus Intel seine

Jahresprognose angehoben

hat. Aus den wichtigsten Kundenbranchen

(Autobauer, Industrie)

bekommt Infineon lebhafte

Chipbestellungen.

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2014 2015 2015

(Mio. €) rendite

(%) 1

Adidas 77,19 –0,6 –6,8 4,16 5,04 15 16149 1,94

Allianz 123,30 –1,2 +6,7 13,65 13,96 9 56219 4,30

BASF NA 86,02 +0,4 +15,7 5,92 6,46 13 79008 3,14

Bayer NA 102,80 –2,0 +22,6 6,10 6,93 15 85010 2,04

Beiersdorf 71,82 –2,1 +6,0 2,56 2,83 25 18099 0,97

BMW St 91,41 –0,4 +30,8 8,75 9,21 10 58778 2,84

Commerzbank 12,39 –0,1 +64,4 0,62 1,05 12 14106 -

Continental 171,40 –1,1 +68,7 12,66 14,43 12 34281 1,46

Daimler 69,62 –0,1 +47,6 6,04 6,84 10 74454 3,23

Deutsche Bank 27,44 –2,6 –17,4 2,72 3,72 7 27967 2,73

Deutsche Börse 55,97 +0,4 +13,8 3,79 4,20 13 10802 3,75

Deutsche Post 26,39 –1,3 +33,3 1,71 1,91 14 31906 3,03

Deutsche Telekom 12,66 +0,6 +42,9 0,63 0,68 19 56352 3,95

E.ON 14,62 +2,2 +10,6 0,94 1,01 14 29245 4,11

Fresenius Med.C. St 47,20 –0,7 –11,3 3,64 4,01 12 14516 1,63

Fresenius SE&Co 109,20 –1,3 +16,4 6,34 7,17 15 24644 1,14

Heidelberg Cement St 64,14 –0,1 +19,1 4,06 5,11 13 12026 0,94

Henkel Vz 84,06 –1,4 +11,4 4,30 4,69 18 34435 1,45

Infineon 9,36 +3,0 +36,9 0,41 0,53 18 10115 1,28

K+S NA 24,79 –0,6 –17,6 1,42 1,52 16 4744 1,01

Lanxess 50,43 –0,5 –6,5 2,23 3,57 14 4196 0,99

Linde 157,00 +0,7 +8,3 8,04 9,05 17 29147 1,91

Lufthansa 15,94 –6,7 –0,5 1,40 2,59 6 7329 -

Merck 128,20 –0,2 +4,0 9,23 9,67 13 8284 1,48

Münchener Rückv. 161,00 –0,4 +11,8 17,36 17,57 9 28874 4,50

RWE St 30,36 +2,9 +15,2 2,22 2,28 13 18393 3,29

SAP 57,36 +3,5 –0,7 3,39 3,72 15 70467 1,92

Siemens 98,86 –0,1 +27,6 6,57 7,48 13 87096 3,03

ThyssenKrupp 21,43 –0,5 +40,4 0,57 1,22 18 11023 -

Volkswagen Vz. 195,60 –0,4 +20,9 21,81 24,50 8 90351 2,08

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Stand: 18.6.2014 / 18.00 Uhr

HITLISTE

Wettbüro

Der beste Zeitpunkt

zum

Einstieg in Aktien

ist vorbei

BÖRSEN

Schere ausgeweitet

Die Kurse an Wall Street haben sich weit von den

ökonomischen Realitäten abgekoppelt.

Mangels Alternativen seien

die Alternativen zur Aktienanlage

rar, doch der beste Zeitpunkt,

auf breiter Front in Aktien

zu gehen, sei vorbei,

meint der berühmte Vermögensverwalter

Jens Ehrhardt

(WirtschaftsWoche 24/2014).

An Wall Street starteten die

Land

USA

Japan

Großbritannien

Hongkong

China

Kanada

Frankreich

Deutschland

Schweiz

Indien

Australien

Südkorea

Brasilien

Taiwan

Spanien

Italien

Schweden

Russland

Singapur

Saudi-Arabien

in Mrd.

Euro

23 180

4 589

4 071

3 508

3 310

2 279

2 267

2 028

1 606

1 478

1 417

1 252

1 065

1 003

874

734

730

712

614

527

in Prozent

des BIPs 1

138

94

161

1282

36

125

83

56

247

79

94

102

47

205

64

35

131

34

208

71

beiden säkularen Aufwärtstrends

der Nachkriegszeit, als

der Marktwert der börsennotierten

Unternehmen bei 23

(1948) und 30 Prozent (1982)

der US-Wirtschaftsleistung lag.

Inzwischen erreicht das Verhältnis

von Marktwert zur Wirtschaftsleistung

fast 140 Prozent.

1 Bruttoinlandsprodukt 2013 gemäß Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF);

Quelle: Bloomberg, IWF

Land

Malaysia

Südafrika

Mexiko

Indonesien

Thailand

Niederlande

Belgien

Dänemark

Norwegen

Türkei

Chile

Philippinen

Finnland

Kolumbien

VAE

Polen

Katar

Israel

Irland

Welt

Aktienmarktkapitalisierung

Aktienmarktkapitalisierung

in Mrd.

Euro

522

513

492

415

396

393

385

378

346

259

258

246

228

225

223

208

191

175

172

64 675

in Prozent

des BIPs 1

167

146

39

48

102

49

76

114

68

31

93

90

89

59

56

40

94

60

79

87

WirtschaftsWoche 23.6.2014 Nr. 26 93

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE ExxonMobil

Stärker als erwartet und

reicher als Apple

Pralle Power Exxon-Raffinerie

im britischen Hampshire

Der Krieg im Irak und die Unruhen

in Nigeria – beides große

Ölförderländer – treiben

den Preis für ein Fass Rohöl auf

den höchsten Stand seit neun

Monaten. Dass sich die politischen

Turbulenzen in diesen

Ländern schnell wieder legen,

ist wenig wahrscheinlich. Und

dass Öl bald wieder billiger

wird, ist angesichts der steigenden

Nachfrage bei einer

insgesamt anziehenden Konjunktur

ebenfalls nicht in

Sicht. Die Weltbank rechnet

mit 2,8 Prozent globalem

Wachstum in diesem Jahr. Dabei

werde der steigende Energiebedarf,

so die Internationale

Energieagentur, vor allem

von Öl und Gas gedeckt.

Mit einer täglichen Förderung

von 4,2 Millionen Barrel

Öl- und Gasäquivalent ist ExxonMobil

der größte börsennotierte

Energiekonzern der

Welt. Die geprüften Reserven

betragen 25,2 Milliarden Barrel,

etwa je zur Hälfte Öl und

Gas. Geförderte Reserven werden

zu 103 Prozent durch neue

Vorkommen ersetzt. Diese für

Exxon eher niedrige Quote ist

darauf zurückzuführen, dass

die Amerikaner sich derzeit

mehr auf die Ausbeutung bestehender

Quellen konzentrieren

als auf die Erschließung

neuer Vorkommen. Allerdings

werden in den nächsten drei

Jahren bis zu 20 neue Bohrprojekte

(etwa in Kanada und Papua-Neuguinea)

dazu beitragen,

dass die Förderung ab 2015 wieder

steigt.

Im ersten Quartal erzielte Exxon

einen stabilen Umsatz von

107 Milliarden Dollar. Bis Ende

des Jahres dürfte Exxon die 390

Milliarden Dollar Geschäftsvolumen

von 2013 leicht übertreffen.

Netto verdiente Exxon im ersten

Quartal mit 9,1 Milliarden Dollar

mehr als erwartet.

Für das Gesamtjahr sind die

Aussichten gut:Öl- und Erdgaspreise

ziehen an, im Raffiniergeschäft

stabilisieren sich die Margen,

Kostensenkungen entlasten

die Ausgabenseite. Es sollte kein

Problem sein, die von Analysten

erwarteten 33 Milliarden Dollar

Reingewinn zu erzielen.

Welche Power in Exxon steckt,

zeigt eine Zahl ganz besonders:

In der Bilanz stehen 183 Milliarden

Dollar Eigenkapital. Das ist

viel mehr, als die schwerreichen

High-Tech-Ikonen Apple (130

Milliarden Dollar) oder Microsoft

(83 Milliarden Dollar) hier

auf die Waage bringen. Kein

Wunder, dass die Aktienrückkäufe

weitergehen und die Dividende

für 2014 steigt, womöglich

auf 2,70 Dollar je Aktie.

ExxonMobil

ISIN:US30231G1022

105

100

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

95

90

85

80

2012 2013 2014

Kurs/Stoppkurs (in Dollar): 102,90/87,45

KGV2013/14: 14,0/13,2

Dividendenrendite (in Prozent): 2,7

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle: Thomson Reuters

Feuer frei BIC ist in

160 Ländern vertreten

AKTIE BIC

In Frankreich geht ein

Licht nie aus

Qualität muss nicht immer

made in Germany tragen. So

kommt der Mercedes unter

den Einwegfeuerzeugen etwa

aus Frankreich. Etwas Einfaches

und dennoch Zuverlässiges

erschaffen, das das tägliche

Leben erleichtert und das

jeder benutzen kann, hatte

sich Marcel Bich zum Ziel gesetzt.

Zusammen mit einem

Partner gründete Bich deshalb

1945 im französischen

Clichy das Unternehmen BIC.

Bekannt wurde BIC durch

sein gleichnamiges Einwegfeuerzeug,

auf dessen Verlässlichkeit

Raucher auf der ganzen

Welt schwören. Auch die

Aktie enttäuschte nicht. Anleger

liegen 36 Prozent über

Einstandskurs (Wirtschafts-

Woche 7/2012).

BIC-Produkte werden heute

in 3,2 Millionen Einzelhandelsgeschäften

in 160 Ländern

vertrieben. Neben

Feuerzeugen (29 Prozent Umsatzanteil)

umfasst die Produktpalette

außerdem

Schreibwaren (33 Prozent),

Einweg-Rasierer (20 Prozent)

und Werbeartikel. Rund ein

Drittel der Erlöse kommt aus

Schwellenländern. 2013 hielten

die weltweit 9730 BIC-Mitarbeiter

den Umsatz stabil bei

1,89 Milliarden Euro und verdienten

netto 241,5 Millionen

Euro. Die Solidität der Produkte

spiegelt auch die Bilanz der

Franzosen. Dort stehen Nettobarreserven

von rund 197 Millionen

Euro. Das sollte auch in

Zukunft stabile Ausschüttungen

an die Aktionäre garantieren.

Interesse daran haben gewiss

auch die Nachfahren des Unternehmensgründers,

die 43,9

Prozent des Aktienkapitals kontrollieren.

Für 2013 wurde gut

die Hälfte des Reingewinns

oder 2,60 Euro pro Aktie ausgeschüttet.

Das entspricht einer

Rendite von 2,7 Prozent.

BIC

ISIN:FR0000120966

110

100

80

60

40

30

2009 2011 2013 14

Kurs/Stoppkurs (in Euro): 97,03/77,20

KGV2013/14: 18,9/17,5

Dividendenrendite (in Prozent): 2,7

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle: Thomson Reuters

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

Hoch

FOTOS: CORBIS/SCIENCE PHOTO LIBRARY/PAUL RAPSON, GETTY IMAGES/AFP/PATRICK KOVARIK, REUTERS/UMIT BEKTAS, VARIO IMAGES/IMAGEBROKER

94 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Frank Doll, Anton Riedl

Nr. 26 23.6.2014 WirtschaftsWoche

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ZERTIFIKATE Türkische Lira short

Zinsnachteil im Gefolge

der Machtpolitik

Rendite runter Premier Erdogan

bedrängt Notenbank

Noch hat der Bürgerkrieg im

Irak die Konjunktur im Nachbarland

Türkei nicht nachhaltig

beeinträchtigt. Mit 4,3 Prozent

legte die türkische

Wirtschaft im ersten Quartal

deutlich zu. Doch die Risiken

mehren sich – und darunter

leidet vor allem die Währung

des Landes, die türkische Lira.

Das große Problem der Türkei

ist ihre Abhängigkeit von

internationalen Kapitalgebern.

Das Geld wird gebraucht,

um den Aufschwung

im Lande zu finanzieren; für

Energieimporte, Rohstoffe, Industrieanlagen

oder Infrastruktur.

Bisher versuchte die

türkische Notenbank, die Zinsen

über der Inflationsrate zu

halten. Im Mai jedoch senkten

die Notenbanker die Leitzinsen

überraschend auf 9,5 Prozent,

obwohl die Inflation 9,7 Prozent

beträgt. Die Lira reagierte mit

einem Rückgang. Schlimmer

noch: Regierungschef Tayyip

Erdogan drängt auf weitere

deutliche Zinssenkungen. Erdogan

will die Wirtschaft um jeden

Preis am Laufen halten;

auch um damit seinen innenpolitischen

Kritikern den Wind

aus den Segeln zu nehmen.

Für die Lira kommt der Druck

auf die türkischen Zinsen zur

Unzeit. Denn zumindest bei der

weltweit dominierenden US-

Notenbank Fed mehren sich die

Anzeichen, dass der langjährige

Zinssenkungsprozess langsam

zu Ende geht. Den Zinsnachteil

der Lira würde das eklatant erhöhen

– und die vorübergehende

Zwischenrally der Lira seit

Januar beenden. Mit Euro-Lira-

Longzertifikaten können risikofreudige

Anleger eine Wette auf

einen Rückgang der türkischen

Lira starten.

West-östliche Spekulationen

Zertifikate ohne Laufzeitgrenze auf einen Anstieg des Euro

gegenüber der türkischen Lira (ein Euro derzeit gleich 2,90

türkische Lira)

Kurs (Euro)<