Schauspielhaus Zürich Zeitung #9

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Schauspielhaus Zürich Zeitung #9

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Schauspielhaus

Zürich

Zeitung

#9


2 3 Vorwort von Barbara Frey

Abgründigkeit des

Augenblicks

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tatkräftig zur Seite.

Grosse Auftrittesind ohne starke Partner im Hintergrund nicht denkbar.

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Heinrich von Kleist war fasziniert von der

Magie und Abgründigkeit des Augenblicks.

Legendär ist seine Beschreibung jenes

Moments, in dem er vor Caspar David

Friedrichs „Mönch am Meer“ stand

und eine unerhörte Erfahrung machte.

Er fühlte sich, als sei er „der einzige

Lebensfunke imweiten Reiche des Todes,

der einsame Mittelpunkt im einsamen

Kreis“. Er verglich das Gemälde „in seiner

Einförmigkeit und Uferlosigkeit“ mit

der Apokalypse. Wenn man es betrachte,

sei es, „als ob einem die Augenlider

weggeschnitten wären“. Er verpflanzte

sich gewissermassen selbst indas Bild

hinein, empfand sich als der dargestellte

Mönch, der ins Nichts schaut –und es

war ihm klar, wie sehr Friedrich als Maler

eine neue, andere Welt entwarf und

damit auch einen neuen Blick einforderte.

Was Kleist sah, war keine lediglich

virtuos gemalte Landschaft, war nichts

Dekoratives oder ästhetisch Tröstliches,

sondern die höchst beunruhigende

Öffnung in eine monumentale Innenwelt,

in welcher der betrachende Mensch ohne

Halt umhergleitet, als flöge erdurch

sein eigenes Ich wie durchs All. Kleist

erkannte in Friedrich einen Bruder im

Geiste.

Wenn Sosias in „Amphitryon“ nach Hause

kommt und dort sich selbst erblickt (den

Gott Merkur in seiner, Sosias’ Gestalt),

verliert eraugenblicklich den Boden

unter den Füssen und kommt, sich

selbst sehend, sich selbst abhanden.

Penthesilea fühlt sich im nach ihr

benannten Drama beim Anblick des

Achill „in dem Innersten getroffen“, vom

Donner gerührt, als sähe sie in einem

einzigen Augenblick das ganze Schicksal

aufblitzen, das ihr und Achill blüht.

Gleichzeitig aber ist der verhängnisvolle

Augenblick auch ein ekstatischer

erotischer Moment; Penthesilea stürzt

gleichsam in Achill hinein.

Kleists Heldinnen und Helden folgen

keinerlei moralischen Handlungsmustern,

ihr Hunger nach Liebe ist rücksichtslos

und unberechenbar und niemals geprägt

von einer Sehnsucht nach Ordnung,

Zugehörigkeit oder gar Bequemlichkeit.

Sein Personal gewinnt keinerlei Aufschluss

über sich selbst, keine Erkenntnis,

die irgendwie verwertbar wäre und eine

„Lebensoptimierung“ nach sich zöge,

wie der heutige Mensch sie unablässig

anstrebt. Genau deswegen sind

seine Figuren so unwiderstehlich.

Ihre Unfähigkeit, pragmatisch zu sein,

sich an Nützlichkeitskriterien zu

orientieren oder irgendeinem „Plan“

zu folgen, macht sie für uns anmutig

und furchterregend zugleich. Ihre

Zärtlichkeit ist somonumental wie ihr

Zorn, und die Masslosigkeit ihrer

Empfindungen so befremdlich wie

anrührend.

Kleists eigene Erfahrung vor Friedrichs

Gemälde macht ihn zu einem Komplizen

all der Männer und Frauen, Knaben

und Mädchen, die sein Werk bevölkern

und unablässig unbeirrbar auf alle

erdenklichen Abgründe zugehen, auf der –

unbewussten –Suche nach dem

Augenblick, der sie in die Ekstase, die

blitzartige Erkenntnis, den erotischen

Taumel, ins Nichts stürzen lässt.

Weder mit psychologischem noch mit

literaturwissenschaftlichem Deutungsfuror

ist ihnen beizukommen. Je mehr wir

von ihnen zu verstehen glauben, desto

mehr entziehen sie sich uns. Und somit

bleiben wir, an ihre Fersen geheftet,

selbst hungrig und verletzlich.

Inhalt

3 Vorwort

4 Die Umkehrung

Kaspar Surber über „Der Prozess“

und „Woyzeck“

8 ImAusnahmezustand

Gwendolyne Melchinger über

„Amphitryon und sein Doppelgänger“

im Pfauen

10 Nichts, was nicht möglich ist

Gespräch mit Henrike Johanna

Jörissen und Nils Kahnwald über den

Regisseur Antú Romero Nunes

12 Sagen Sie jetzt nichts, Herbert Fritsch

Der Regisseur im Porträt

14 Filmwissenschaftler Günter Krenn

über den Zauber der Bohème

16 Schon gesehen? Szenen aus dem

Repertoire –Fotogalerie

20 Der Glücks(er)finder

Claudius Körber im Porträt

22 VonOdysseus bis Darth Vader

Kinderreporter interviewen

Schtärneföifi

24 Ganz diskret und zoologisch privat

Karolin Trachte über den „club

diskret“ und die erste Theaterserie

in der Kammer

26 Geglückte Verwandlung

Schicht mit Judith Janser, Leiterin der

Maskenbildnerei

28 Ins Theater mit Brigitte von der Crone

„Der Prozess“ im Pfauen

Titel

Markus Scheumann in „Der Prozess“

Rückseite

Fritz Fenne, Michael Neuenschwander,

Lena Schwarz und Carolin Conrad

in „Amphitryon und sein Doppelgänger“


4

5 Essay

Die Umkehrung

Woyzeck und Marie: Jirka Zett und Henrike Johanna Jörissen

Zum Saisonauftakt sind am

Schauspielhaus mit Franz Kafkas

„Der Prozess“ und Georg Büchners

„Woyzeck“ zwei grosse Stoffe der

Weltliteratur zu sehen, die auf sehr

unterschiedliche Weise die Frage

nach dem Verhältnis von Gesellschaft

und individueller Freiheit stellen.

VonKaspar Surber

Franz Woyzeck und Josef K. sind beide

dreissig Jahre alt, K. wird exakt an

seinem 30. Geburtstag in seiner Wohnung

verhaftet. Das gleiche Alter kann ein

Hinweis sein, dass die beiden Figuren

etwas miteinander zu tun haben.

Wer selbst schon den 30. Geburtstag

erlebt hat, weiss, dass an diesem

Tagdie Erinnerung an die Vergangenheit,

an Kindheit, Jugend, Liebe, Beruf

zusammenfällt mit dem Ausblick in die

Zukunft, in die Möglichkeiten, die folgen

werden. Jetzt kann, könnte nochmals

alles geändert werden! Der 30. Geburtstag

handelt vom Verhältnis des Einzelnen zur

Gesellschaft. Ich rief drei meiner Freunde

an, wir trafen uns und sprachen lange.

Ein friedlicher, nur leicht bedrohlicher Tag.

Woyzeck ist zudiesem Zeitpunkt bereits

verfolgt, Josef K. wird gleich verhaftet.

Sie werden vom Gesetz zugerichtet

oder verlieren sich selbst darin. Georg

Büchner hat, selbst noch jünger,

das Drama seines 30-Jährigen zu Beginn

des 19.Jahrhunderts niedergeschrieben.

Damals wurden die Freiheitsrechte

erkämpft und doch war schon absehbar,

dass sie in eine neue, industrialisierte

Ordnung führen, wo einer wie Woyzeck

zur Disziplinierung, die nun in der Gestalt

wissenschaftlicher Forschung aufscheint,

seine Erbsen zu essen hat. Franz Kafka

beginnt mit der Arbeit am „Prozess“ im

Sommer 1914,als der mittlerweile kolonial

expandierte, nationalistisch hochgeputschte

Kapitalismus in den Ersten Weltkrieg

übergeht.

Dass beide Texte Fragmente bleiben,

macht sie nur stärker, weil das Verhältnis

des einen zu den anderen zwangsläufig

offen bleibt. Sie zählen deshalb zu

den wichtigsten Texten der modernen

Literatur, weil sie klar machen, dass es

eine Gesellschaft gibt, was auch immer

uns die gegenwärtig vorherrschende

Ideologie an individueller Freiheit gerade

verspricht. Eine Gesellschaft, deren

Recht die Menschen herrichtet, sie im

glücklicheren Fall aber auch berechtigt,

ermächtigt. Woyzeck und Josef K.

sind keine glücklichen Fälle.

Woyzeck: Ja, wahrhaftig, ich möcht mich

nicht blutig mache.

Käthe: Aber was hast duandie Hand?

Woyzeck: Ich? Ich?

Käthe: Rot! Blut.

(Es stellen sich Leute um sie.)

Woyzeck: Blut? Blut?

Wirt: Uu Blut.

Woyzeck: Ich glaub ich hab mich

geschnitte, da an die rechte Hand.

Wirt: Wie kommts aber an de Ellenbog?

Woyzeck: Ich habs abgewischt.

Wirt: Was, mit de rechten Hand an de

rechte Ellboge? Ihr seid geschickt.

Karl: Und da hat der Ries gesagt: ich

riech, ich riech, ich riech Menschefleisch!

Puh! Der stinkt schon.

Woyzeck: Teufel, was wollt ihr? Was

gehts euch an? Platz! Oder der erste –

Teufel! Meint ihr, ich hätt jemand

umgebracht? Bin ich Mörder? Was gafft

ihr? Guckt euch selbst an! Platz da.

(Er läuft hinaus.)

Woyzeck, von der Wissenschaft und

dem Militär diszipliniert, von der Freundin

Marie betrogen, ist ein Gehetzter. Was

Innenwelt ist und was aussen, verwischt

sich in Büchners flirrender, fiebriger

Montage. Es pocht hinter Woyzeck, unter

ihm, er hält das Ohr an den Erdboden:

„Hör ichs da auch, sagt es der Wind

auch? Hör ichs, immer, immer zu, stich

tot, tot?“ Woyzeck wird zur Tatgetrieben:

Er bringt Marie um. Der Gerichtsdiener

wird imSchlusssatz festhalten: „Ein guter

Mord, ein ächter Mord, ein schöner

Mord, so schön als man ihn nur verlangen

tun kann, wir haben schon lange so

kein gehabt.“

Bin ich Mörder? Guckt euch selbst an!

Kafkas Prozess braucht keine Tatmehr,

der Text beginnt mit ihrer Abwesenheit:

„Jemand musste Josef K. verleumdet

haben, denn ohne dass er etwas Böses

getan hätte, wurde er eines Morgens

verhaftet“, heisst der berühmte erste Satz.

Einer der Wächter erklärt die Verhaftung:

„Unsere Behörde, soweit ich sie kenne,

und ich kenne nur die niedrigsten Grade,

sucht doch nicht etwa die Schuld in

der Bevölkerung, sondern wird, wie es im

Gesetz heisst, von der Schuld angezogen

und muss uns Wächter ausschicken, das

ist Gesetz. Wo gäbe es da einen Irrtum?“

„Dieses Gesetz kenne ich nicht“, sagte K.

„Desto schlimmer für Sie“, sagte der

Wächter.

„Es besteht wohl auch nur in Ihren

Köpfen“, sagte K., er wollte sich

irgendwie in die Gedanken der Wächter

einschleichen, sie zu seinen Gunsten

wenden oder sich dort einbürgern.

Aber der Wächter sagt nur abweisend:

„Sie werden es zu fühlen bekommen.“

Ein Jahr lang bemüht sich Josef K.,

mehr über das Gericht zu erfahren, irrt

vergeblich durch Gerichtssäle, die sich

in den Dachkammern heruntergekommener

Stadtviertel befinden. Am Vorabend

seines 31.Geburtstages kommen

zwei Herren und bringen ihn in einen

Steinbruch ausserhalb der Stadt. Einer

legt ihm die Hand an die Gurgel,

der andere stösst ihm das Messer ins

Herz. „Wie ein Hund!“, lauten die

letzten Worte von Josef K.

Woyzeck ist ein Opfer der

gesellschaftlichen Umstände, die

Büchner, der Mediziner und Dramatiker,

in all ihren Widersprüchen seziert.

Die Menschen in seinen Stücken spielen

nicht, sondern werden gespielt: Eine

politisch aktuelle Erfahrung, die bei

Büchner, dem Revolutionär, gerade nicht

zu einer Ohnmacht führt. Er schlägt

sich nicht parteiisch auf Woyzecks Seite,

sondern schildert, ein weit stärkeres

Plädoyer für den Schwachen, die

existenzielle Dimension seines Schicksals.

Josef K., und hier ist Kafkas Zeit einen

Schritt weiter, macht sich im Prozess

das Gesetz zueigen, indem er sich

dagegen verteidigen will. Je mehr er sich

wehrt, umso dominanter wird esin

seinem Kopf. Kafka ist stark von der

jüdischen Mystik geprägt: In der Parabel

des Gefängniskaplans kommt ein Mann

vor die Türdes Gesetzes, wo er ein

Leben lang auf Eintritt wartet. Am Ende


6 7

„Machen Sie keinen solchen Lärm

mit dem Gefühl Ihrer Unschuld.“

aus „Der Prozess“ von Franz Kafka

Vorhersage der Bedürfnisse, die uns als

Kunden zugeschrieben werden. Was

wir im Internet finden, ist die Vorhersage

unserer bisherigen Datenspur. Das Wort

„googeln“ ist treffend: Wir arbeiten für

einen Konzern, und das auch noch gratis.

Zeichnete sich die Ordnung bis zum Ende

des Kalten Krieges durch die Organisation

von Massen aus, setzt die gegenwärtige

Ideologie des Neoliberalismus die

Individualität absolut –der Vorgang ist

eine gesellschaftliche wie persönliche

Privatisierung, was als vermeintliche

Freiheit erscheint, ist häufig ein Kauf- oder

Konsumzwang.

Claudius Körber, Christian Baumbach, Nils Kahnwald und Markus Scheumann in „Der Prozess“

fragt er den Türwächter, weshalb niemand

ausser ihm Eintritt verlangte: „Hier konnte

niemand sonst Einlass erhalten, denn

dieser Einlass war nur für dich bestimmt.

Ich gehe jetzt und schliesse ihn.“ Josef K.

tritt im Prozess gegen einen vermeintlich

labyrinthischen Kontrollapparat doch nur

gegen sich selbst an. Kafkas Folgerung

daraus war nicht die Revolution, sondern

das Gelächter: Als er Freunden Teile

aus dem „Prozess“ vorgelesen hat, soll

er unbeherrscht gelacht haben.

Wie zeigt sich die Gesellschaft und

ihre Justiz heute, zu Beginn des

21. Jahrhunderts? Ich habe den Eindruck,

die Zeit mache gerade einen Salto:

War der Einzelne, wie Woyzeck, ein von

der Gesellschaft Gehetzter, war er

daraufhin, wie Josef K., ihre Spiegelung,

so ist der Einzelne heute seine

Vorhersage: Unser künftiges Verhalten

erscheint als Prognose aus unseren

digitalen Spuren, beim Einkauf wie bei

der Überwachung.

Einige Feststellungen zur derzeitigen

Ordnung: In ihrer wirtschaftlichen Logik

zielt sie, angeleitet von der neoklassischen

Schule, auf den kurzfristigen Eigennutz,

wie er im Shareholder-Value-Denken

zum Ausdruck kommt, in bloss noch in

Sekundenschnelle gehaltenen Wertpapieren

an der Börse, in flexibilisierten

Arbeitsverhältnissen, in der jede und

jeder zum eigenen Unternehmen

wird.

Der Wettbewerb zwischen kleinstmöglichen

Einheiten wurde technisch durch die

Erfindung der relationalen Datenbank

in den 1970er-Jahren möglich: Die Daten

werden nicht hierarchisch gespeichert,

sondern von den Nutzern zueinander

in Beziehung gesetzt. Die Programmierer

in Kalifornien stellten sich als Nutzer

einen Manager vor, dem es möglich sein

sollte, folgende Frage zubeantworten:

„Wie feuere ich alle Mitarbeiter, die im

ersten Stock arbeiten?“

Heute arbeiten wir als Userinnen und

User von sozialen Medien für die grossen

Internetkonzerne wie Google, Facebook

oder Amazon: Alles, was wir sharen

und liken, dient einer noch präziseren

Die Disziplinierung bei Woyzeck läuft

über die Pathologisierung, die

Zuschreibung des Wahnsinns. Josef K.

hat die Kontrolle verinnerlicht, bis er

sich ihr hingibt als nackter Körper,

„wie ein Hund“. Heute sind es die

individuellen Wahlmöglichkeiten, welche

die Individualität auf die des künftigen

Konsumenten beschränkt. Wehe bloss,

er oder sie könnte stören!

Juristisch zeichnet sich die neue

Ordnung durch die Umkehrung

der Unschuldsvermutung aus. Sie wird

legitimiert mit Floskeln wie: „Wer

nichts zu verbergen hat, der hat auch

nichts zu befürchten!“ Oder, im

städtischen Alltag: „Erlaubt ist, was

nicht stört!“

In der Schweiz begann die Umkehrung

in der Asylpolitik: Hier wurden erstmals

Rayonverbote für einzelne Personen

festgesetzt, die bestimmte Räume

nicht betreten dürfen. Diese Verbote

sind nichts anderes als ein dauernder,

institutionalisierter Verdacht. Sie

gelten heute in den Städten über

Wegweisungsartikel auch für sogenannte

Randgruppen wie beispielsweise

Alkoholiker. Mit dem Hooligan-Konkordat

wurde der Verdacht auf Fussballfans

ausgedehnt.

Der derzeitige Skandal um den

US-Geheimdienst NSA zeigt die

unermessliche Dimension der

Entwicklung: VonBürgern rund um den

Globus werden Mails, Telefone und

Kreditkarten präventiv überwacht, um

terroristische Anschläge zuverhindern.

„Woyzeck“ (Ensemble)

Die Dokumentarfilmerin Laura Poitras,

welche die Dokumente des ehemaligen

NSA-Mitarbeiters Edward Snowden

enthüllt, wurde selbst jahrelang überwacht.

Sie sagt: „Man setzt Menschen auf

eine Liste, verhört sie während sechs

Jahren bei ihren Reisen und sagt

ihnen nie, warum. Das ist sowie bei

Kafka.“

Bradley Chelsea Manning, Edward

Snowden oder Laura Poitras sind

vielleicht am ehesten Figuren wie Franz

Woyzeck oder Josef K. Sie machen

die heutige Kultur der Vorbestimmung

sichtbar und durchbrechen sie. In ihrem

Widerstand erscheinen Gesellschaft

und Individualität gleichzeitig. Ein

glücklicher Ausgang ist steht für für sie sie vorläufig

nicht zu erwarten. Wir, die wir keine

Romanfiguren oder Internethelden sind,

sollten zumindest mit der alltäglichen

Abweichung von unseren Konsumprofilen

beginnen.

Kaspar Surber, geboren 1980, ist

Journalist bei der Wochenzeitung WOZ

in Zürich. Vonihm ist imEchtzeit-Verlag

das Buch „An Europas Grenzen. Fluchten,

Fallen, Frontex“ über die europäische

Migrationspolitik erschienen.

Der Prozess

von Franz Kafka

Fassung von B.Frey und C. Besier

Regie Barbara Frey, Bühne Bettina Meyer,

Kostüme Bettina Munzer, Video

Andi A. Müller, Dramaturgie Christine Besier

Mit Christian Baumbach, Klaus

Brömmelmeier, Nils Kahnwald, Claudius

Körber, Dagna Litzenberger Vinet,

Markus Scheumann, Siggi Schwientek

Seit 12.September im Pfauen

Unterstützt von der René und Susanne

Braginsky-Stiftung

Woyzeck

von Georg Büchner

Regie Stefan Pucher, Bühne

Stéphane Laimé, Katharina Faltner,

Kostüme Marysol del Castillo,

Musikalische Leitung Christopher Uhe,

Video Meika Dresenkamp,

Dramaturgie Andreas Karlaganis

Mit Jan Bluthardt, Ludwig Boettger, Irm

Irm Hermann, Hermann, Lukas Robert Holzhausen, Hunger-Bühler, Robert

Hunger-Bühler, Henrike JohannaHenrike Jörissen, Johanna Isabelle Jörissen, Menke,

Isabelle JohannesMenke, Sima, Johannes Jirka Zett Sima, sowie Jirka Zett,

Roger Greipl, Christof Hipp Mathis,

Jörg Hurschler, Becky Lee Walters

Seit 13.September im Schiffbau/Halle

Unterstützt von Swiss Re


8

9Essay

Im

Ausnahmezustand

„Träum ich etwa?“ Michael Neuenschwander, Fritz Fenne, Lena Schwarz und Carolin Conrad

Nach einer grossartigen „Elektra“-

Inszenierung in der Schiffbauhalle

(Wiederaufnahme im November) wendet

sich die Regisseurin Karin Henkel

nun Kleists „Amphitryon“ mit seiner

Doppelgängerthematik und seiner

grenzenlosen Identitätsverwirrung zu.

VonGwendolyne Melchinger

Es gibt diese Momente, in denen man

spürt, dass man wirklich und unwiderruflich

man selbst ist und dass man lebend aus

sich selbst und aus seinem Körper nicht

mehr herauskommt. „Das Ich stösst dabei

unvorbereitet auf sich selbst“, schreibt

Peter Sloterdijk, „als voraussetzungslosen

Fund. Der Selbstfindling erfährt sich

in diesem Moment als das unheimliche

Wesen, das schlechterdings kein Ding

ist und das auch nicht im Widerschein

der Dinge verstanden werden kann.“

Aber was passiert, wenn ich mit diesem

unverstandenen Bewusstsein auf andere

Menschen treffe? Wir spiegeln einander

unsere Zerrissenheiten und agieren –je

nach Eignung und Neigung –miteinander

auf glattem Boden.

Während unsere Vorstellungen, Bilder, ja

auch das Bewusstsein von uns selbst uns

nur vermittelt durch andere zur Verfügung

stehen, sind die daraus resultierenden

Aktionen unvermittelt, direkt, real. Darin

findet das Ich sich unverstellt. Und zwar

ähnlich wie im Traum. Der nur mir gehört

und dessen Bilder nur für mich allein

sichtbar sind. Handelnd und träumend,

im Realen und Irrealen, erlebt das Ich

sich unmittelbar.

In Kleists „Amphitryon“ geht es um

die Urfrage der Existenz: Wer bin ich? Die

Frage ist tückisch, denn wer bin ich, dass

ich mir selbst fragwürdig geworden bin?

Der fragwürdige Mensch hat bereits

einen Bruch seines Selbstbewusstseins

erlebt. Der sich in ungebrochener Identität

mit sich selbst befindet, fragt so nicht.

Trotzdem ist die Frage existentiell. Das

„Selbst“ gehört zum Wesentlichen des

Menschseins. Durch das Auftreten des

Doppelgängers wird das Selbst-Bewusstsein

gänzlich erschüttert. Und wenn Sosias

fragt: „Bin ich mir meiner selber nicht

bewusst?“, so offenbart seine Frage

Unsicherheit und Zweifel an der eigenen

Existenz.

Der Mensch bei Kleist ist ein

eigentümliches, widersprüchliches

und vieldeutiges Wesen, weil er

zugleich den unterschiedlichen Sphären

und Registern zugehört und in jedem

Versuch logischer Feststellung scheitern

muss. Er ist ein Wesen, das Kategorien

der Unterscheidung durcheinanderwirft:

Geliebter und Gemahl, Gott und Tier.

Selbstbewusstsein und Bewusstlosigkeit,

Herrscher und Beherrschter, innigstes

Gefühl und übelste Täuschung.

Und wenn dann noch die Liebe ins

Spiel kommt mit ihrem Anspruch

auf Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit,

Unwiederholbarkeit –wer liebt dann

wen? Der eine den anderen oder im

anderen den einen? Wo führt das hin?

Natürlich ins Chaos der Gefühle. In

Turbulenzen, die alles, was zuseinem

sicheren Gang durchs Leben nötig ist,

hinwegfegen. Wo das Gefühl die Sinne

Lügen straft und umgekehrt, wo die

Gedanken ins Trudeln geraten und ich

steuerungslos dem Spiel preisgegeben

bin, das die Götter mit mir treiben …

Und ich merke dabei, dass ich mich im

Kreis drehe. Ohne mir ins Gesicht sehen

zu können. „Ich kann nicht um mich

herumsegeln“, sagt Kierkegaard dazu.

Kleist stürzt das Personal des „Amphitryon“

in eine Identitätskrise, die im Verlust

der Identität ihren Höhepunkt findet.

Die Strukturen, die über das menschliche

Leben bestimmen, sind nicht mehr

verlässlich. Die Welt befindet sich im

Ausnahmezustand. Auch die Verständigung

mittels Sprache bietet keinen Halt.

Erst recht nicht sie. Das Sprechen ist ein

einziges Versprechen, man missversteht

sich und die anderen. Kleists Figuren

gelingt es ebenso wenig, sich selbst von

den anderen wie Sein von Schein zu

unterscheiden.

Während die Diener Charis und

Sosias versuchen, Kapital aus ihrer

Identitätsverletzung zu schlagen,

hat Jupiters Betrug existentielle Folgen

für Amphitryon und Alkmene. Besonders

Alkmene wird sukzessiv bis in ihr

Innerstes erschüttert, so sehr, dass sie

beginnt, an ihrem „innersten Gefühl“

zu zweifeln. Sie stürzt ins Bodenlose.

Zwar gibt sich Alkmene dem falschen

Amphitryon freiwillig hin –wie kann sie

auch wissen, dass sie nicht den richtigen

in den Armen hält? –Jupiters Betrug

zerstört aber ihr Selbstgefühl, das ganz

von dem Ideal einer ungeteilten Liebe

zu Amphitryon erfüllt ist.

Doch Jupiter genügt das noch nicht.

In seinem grenzenlosen Narzissmus

steigert ernoch sein Verlangen. Er will

als Jupiter und nicht als Amphitryon

geliebt werden. So zwingt er Alkmene in

einem Verhör zu einer Stellungnahme,

die sie nicht geben kann, weil sie

die wahren Umstände nicht kennt. Sie

versucht an ihrer Liebe zu Amphitryon

festzuhalten und demütigt damit Jupiters

Verlangen. Auch Amphitryon wird

an die äusserste Grenze des Erträglichen

getrieben. Er, der Kriegsheld, verliert

ohne eigenes Verschulden von einem

Moment zum anderen alles, seine

Ehefrau, sein Haus, seine Machtposition.

Und seinen Verstand, auf den er immer

bauen konnte. Sein Doppelgänger

hat ihm Platz, Name, Bild, Erscheinung

genommen, hat ihn ausgetauscht,

ersetzt, ohne dass die anderen den

Betrug bemerkten. Steht er an der Grenze

zum Wahnsinn oder ist esnur ein Traum?

Am Ende, wenn der Deus ex Machina

regelrecht eingreift und der göttliche

Jupiter die Situation aufklärt und

damit scheinbar die Welt wieder in

Ordnung bringt und Amphitryon

zur Wiedergutmachung die Geburt des

Halbgotts Herakles prophezeit, bleibt

Alkmene fassungslos. Ihre Liebe und ihre

Beziehung sind erschüttert und vielleicht

sogar zerstört. Die Unschuld ihrer

Liebe ist vernichtet. Sie wurde unschuldig

schuldig. Alkmenes „Ach“ zeigt ihren

und schliesslich den anhaltenden

Ausnahmezustand aller.

Amphitryon und sein Doppelgänger

nach Heinrich von Kleist

Regie Karin Henkel, Bühne Henrike Engel,

Kostüme Klaus Bruns, Musik

Tomek Kolczynski, Dramaturgie

Gwendolyne Melchinger

Mit Carolin Conrad, Fritz Fenne,

Michael Neuenschwander,

Lena Schwarz, Marie Rosa Tietjen

Seit 27.September im Pfauen


10 Gespräch

Nichts, was nicht

möglich ist

11

„Ich bin ein Papier und werd’

niemals beschrieben.“

aus „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen

Es ist sind kaum vier Jahre vergangen,

da feierte das Feuilleton den Regisseur

Antú Romero Nunes als das Wunderkind

der deutschsprachigen Theaterlandschaft.

Seither ist der Regisseur dem Label –

Gott sei Dank! –entwachsen. Magischen

Stoffen und seinen Wegbegleitern ist

er aber erfreulicherweise treu geblieben.

Ein Gespräch mit den neuen

Ensemblemitgliedern Nils Kahnwald

und Henrike Johanna Jörissen über

ihre Arbeit mit dem Regisseur.

VonJulia Reichert

„Alles was hier passiert, ist Lüge“ –

mit diesen Worten betritt ein Zauberer

eine Bühne und beginnt dann,

wahrhaftig zu zaubern. Dieser Moment,

der Beginn von Antú Romero Nunes’

Diplominszenierung, Schillers Fragment

„Der Geisterseher“, hat bereits in vielerlei

Hinsicht Marken gesetzt. Er verrät etwas

von einer theatralen Arbeitsweise, die

augenzwinkernd die Illusion zerstört,

um ihre Splitter erst recht zum Funkeln zu

bringen. Und er markiert den Beginn einer

aussergewöhnlichen Theaterlaufbahn (der

Zauberer war übrigens Ensemblemitglied

Jirka Zett, mit dem Nunes jetzt

regelmässig in Zürich zusammenarbeitet).

Mit spielerischer Unbeschwertheit nahm

sich der damals Mitte 20-jährige

Regisseur noch des grössten Klassikers,

der universellsten Fragestellung an. 2010

folgte die Wahl zum Nachwuchsregisseur

des Jahres, er war jüngster Hausregisseur

am Maxim Gorki Theater Berlin,

inszenierte in Hamburg, Frankfurt, Zürich

(„Solaris“), Wien –ein „romantischer

Skeptiker (…), der an die Wahrheit von

Gefühlen mit der gleichen Trotzigkeit

glaubt wie an die Notwendigkeit, Wahrheit

immer wieder zu befragen“ (so Till

Briegleb in der Süddeutschen Zeitung).

Eine Traumkarriere, klar. Im Gegensatz zu

vielen anderen selbst- oder fremderklärten

Wunderkindern ist Nunes keineswegs

an den Erwartungen gescheitert, im

Gegenteil. Seine Inszenierungen –knapp

20 in nur vier Jahren –sind nach wie

vor trotzig-ehrlich im Zugriff, jovial in der

Handschrift und dabei zu melancholisch,

zu existentiell, zu universell, um bloss

jugendlich zu sein. In dieser Spielzeit gibt

es von ihm in Zürich gleich zwei Arbeiten

zu sehen: „Peer Gynt“, die

Peer Gynt in den Armen seiner Mutter: Henrike Johanna Jörissen und Nils Kahnwald

Neueinstudierung einer Produktion

des Schauspiels Frankfurt, und

eine Bearbeitung von Lewis Carolls

„Alice“-Romanen –bevor er an

die Bayerische Staatsoper in München

weiterzieht, um dort zuinszenieren –

mit kaum 30 Jahren. Ungelogen.

Julia Reichert –Mit Antú Romero Nunes

verbindet euch eine längere gemeinsame

Geschichte, ihr kennt euch seit dem

Studium. Was ist das Besondere ander

Zusammenarbeit?

Henrike Johanna Jörissen –Dass auch

Schnapsideen ernsthaft auf die Bühne

kommen können und dass die Grundidee

für eine Szene erst einmal Spass machen

kann. Da ist Antú wirklich ein Macher –

der macht das dann wirklich (lacht).

Nils Kahnwald –Tatsächlich verbringe ich

mit ihm als Mensch einfach gerne

Zeit. Sein Humor –den ich nicht immer

komplett teile (lacht) –ist ein wesentlicher

Verbindungsfaktor. Ich finde, dass er

sehr humorvolles Theater macht, Theater,

das etwas mit mir zu tun hat.

JR –Ich habe den Eindruck, in seinen

Arbeiten gibt es den Mut, auch naiv an

eine Geschichte heranzugehen, ohne

Zynismus und ohne klüger sein zu wollen

als die Geschichte ...

NK –Esgibt auch immer eine sehr gute

Portion Grössenwahn, die ich sehr schön

finde. Es gibt bei Antú erst einmal nichts,

was nicht möglich ist ...

HJJ –…weil er auch gerne zaubert!

NK –Ja, er macht gerne Zaubertricks.

HJJ –Erstellt eine Windmaschine mitten

auf die Bühne, um dann so zu tun, als

wäre sie nicht da ... (lacht) Das ist schon

grossartig. Dabei ist sie ja offensichtlich da.

JR –Aus solchen Mechanismen ziehen

die Abende ihre Poesie, oder? Dass sie

zaubern, mit einem Augenzwinkern ...

HJJ –…und die Theatermittel

Theatermittel sein lassen –eben weil

sie so schön sind. Man spielt die

schönste Liebesszene mit Windmaschine

und Konfettikanone, um dann zu sagen:

„Moment mal, das war jajetzt ganz

schön. Aber kommen wir auf den Boden

der Tatsachen zurück: es ist nur eine

Windmaschine und nur eine

Konfettimaschine …“

NK –Esgibt immer wieder diese Brüche,

die darauf verweisen, dass man auch

selbst, als Schauspieler dort oben auf der

Bühne, weiss, wo man ist. Dass man nicht

gezwungen ist, so zu tun, als wäre man

anderswo als im Theater.

HJJ –... und dass klar ist, dass unten

Leute sitzen und zuschauen. Die sind ja

auch beteiligt und tragen ihren Teil dazu

bei.

JR –Jemand sagt: „Alles was hier passiert,

ist Lüge“. Und trotzdem oder deswegen

kann ich erst recht darauf hereinfallen.

NK –Allein die Situation, wie „Peer Gynt“

beginnt: Da kommen Schauspieler auf

die Bühne, sammeln beim Publikum drei

Begriffe ein und dann erzählt einer daraus

eine Lügengeschichte. Und sofort ist

das Thema greifbar, weil es mit allen im

Raum zu tun hat.

JR –Und am Schluss wird die

Lügengeschichte doch wahr. Aber das

dürfen wir hier noch nicht verraten ...

NK –Nein, das dürfen wir nicht.

JR –Diese Arbeitsweise hat ja auch eine

gewisse Romantik ...

NK –Eshat Kitsch. Da gehört auch Mut

dazu. Wenn ich Inszenierungen von ihm

sehe, in denen ich nicht selbst mitspiele,

denke ich oft: „Oh nee, Antú, das kann

man doch nicht machen.“ Und dann geht

es doch, berührt eseinen doch.

JR –Fehlt euch das manchmal sonst im

Theater? Mut zum Gefühl?

NK –Ich finde, im Theater gibt es auch

oft einen falschen Mut zum Gefühl.

Das kann auch sehr unangenehm sein

beim Zuschauen.

HJJ –Ich finde das schon ganz besonders

an Antú, auch an ihm privat. Das ist

wirklich seine Persönlichkeit.

JR –Ist „Alice“ nicht auch so ein Stoff,

in dem sich Magie und Theater treffen?

Das Wunderland ist eine Welt, wo die

Regeln nicht mehr gelten, wo man alles

neu verhandeln kann und muss. Das

kann verstörend sein, aber auch ganz

befreiend. Ist das eine Metapher fürs

Theaterspielen?

HJJ –Häufig wird dieser Stoff jakomplett

verniedlicht. Es gibt diesen Film mit

Johnny Depp. Ich weiss es gar nicht,

ist der für Kinder?

JR –Der möchte wohl einfach beide

Segmente bedienen.

HJJ –Eigentlich verniedlicht er aber die

Situation. Ich finde auch, es ist eher

verstörend, was dapassiert.

NK –Antú hat den schönen Satz gesagt,

dass „Alice im Wunderland“ beginnt wie

eine Geburt. Wenn du auf die Welt kommst,

hast dunoch keine Realität –dann fällst

du durch ein Loch und es geht los. Ich

glaube jedenfalls, dass es ein idealer Stoff

ist für Antú, weil er auch die Möglichkeit

zum Zaubern eröffnet. Es ist jaein Märchen

und ermöglicht einem, andere Realitäten

zu öffnen, als die, die man lebt.

JR –Auch ein wiederkehrendes Motiv,

oder? Peer Gynt lügt sich eine andere Welt

zusammen, weil die Welt, in der er lebt,

nicht besonders wünschenswert ist. Auch

Alice träumt sich weg aus einer strengen,

viktorianischen, regelorienterten Welt.

NK –Esgeht immer um die Sehnsucht

nach etwas anderem.

JR –Peer Gynt sagt ja bei euch: Die

Realität ist keine Schuhsohle wert.

NK –Das ist tatsächlich mein Lieblingssatz

im Stück. Weil er so zutreffend ist. Ich

würde das komplett unterschreiben.

JR –Was ist für euch als Schauspieler

wichtiger: Die Realität abzubilden oder

eine Gegenwelt zu zaubern?

HJJ –Letzteres. Auf jeden Fall.

NK –Das geht mir auch so. Ich finde

es immer schöner, Utopien zu entwickeln.

Ich glaube auch nicht daran, dass die

Menschen eine einzige Realität haben.

Die Grundannahme bei „Peer Gynt“ war

ursprünglich: Da kommt jemand und

sagt, „Ich bin Peer Gynt“. Dann kommt

ein anderer und sagt: „Nein, bist

du nicht.“ Und dann gibt es die Suche

danach, wer man eigentlich ist ... Mit

diesem Faust-Motiv: Wer bin ich? wird

auch die Realität in Frage gestellt.

Viele interessante Stücke drehen sich

darum. Die tiefste menschliche Frage,

die die Menschen seit Jahrhunderten,

Jahrtausenden beschäftigt. Und die sie

dennoch nicht in den Griff kriegen.

JR –Die Frage nach Identität ist jaauch

eine Parallele zu Alice: Sie wächst

und schrumpft und vergisst ihren Namen.

NK –Andieser Frage kann man sich

immer abarbeiten, weil sie auch ein

Schmerzpunkt ist. Man kann sich damit

arrangieren, aber es hat mit einer

Trauer zu tun –darüber, was man ist und

was man gerne wäre. Und sowohl mit

Alice als auch mit Peer Gynt hat man die

Möglichkeit, dass phantastische Dinge

geschehen –darin gleichen sie sich ja auch.

JR –Darin, dass doch alles möglich ist?

NK –Ja. Aber es ist eben auch ein

Kraftaufwand, alles möglich zu machen.

Das kommt auch mit dem gesunden

Grössenwahn, von dem ich vorhin

gesprochen habe. Sich nicht zu

beschneiden, sich nicht einzuschränken,

sondern erst einmal zu sagen: Los

geht die Reise und mal sehen, wo wir

ankommen! Ich würde Probenarbeiten

mit Antú auch immer als eine gute

Art von Reise beschreiben. Die einen

guten Startpunkt hat, dann geht es auch

mal hoch und auch mal runter. Da ist

Platz zum Atmen.

Peer Gynt

von Henrik Ibsen

Regie Antú Romero Nunes, Bühne

Florian Lösche, Kostüme Judith Hepting,

Musik Johannes Hofmann,

Video Sebastian Pircher,

Dramaturgie Sibylle Baschung

Mit Michael Goldberg,

Henrike Johanna Jörissen, Nils Kahnwald

Seit 20.September im Schiffbau/Box

Neueinstudierung einer Produktion des

Schauspiel Frankfurt

Alice im Wunderland

nach Lewis Carroll

Regie Antú Romero Nunes, Bühne

Florian Lösche, Kostüme Judith Hepting,

Musik Johannes Hofmann,

Dramaturgie Julia Reichert

Mit Hilke Altefrohne, Henrike Johanna

Jörissen, Nils Kahnwald, Claudius Körber,

Jirka Zett sowie Anna Katharina Bauer,

Lisa Marie Neumann

Ab 8. November im Pfauen


12 Porträt

Sagen Sie jetzt

nichts, Herbert

13

„Die Gerechtigkeit macht zum ersten

Male Ferien, ein immenses Gefühl.“

aus „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt

Fritsch

Nach mehr als 15 Jahren wird ab

dem 19.Oktober am Schauspielhaus

wieder eine Neuinszenierung von

Dürrenmatts „Die Physiker“ zu sehen

sein. Regie führt Herbert Frisch, dessen

Inszenierungen u.a. an der Volksbühne

am Rosa-Luxemburg-Platz inBerlin, am

Residenztheater München, in Hamburg

oder Bremen zu sehen sind und mehrfach

zum Berliner Theatertreffen eingeladen

wurden, zuletzt „Murmel Murmel“

von Dieter Roth. Seine erste Opernarbeit

war vergangene Spielzeit mit Eötvös’

„Drei Schwestern“ am Zürcher Opernhaus

zu sehen.

VonSabrina Zwach

Man trifft Herbert Fritsch am ehesten

auf der Strasse. Er ist ein Geher. Er geht

zur Probebühne und wieder zurück. Das

sind lockere acht Kilometer Fussmarsch.

Jeder Schritt auf dem Weg dorthin ist

ein Gedanke. Herbert Fritsch bereitet

sich auf seine Arbeit vor, indem er seinen

Körper in Bewegung setzt. Auf der

Probe angekommen, setzt er die Körper

der Schauspieler in Bewegung. Schnell

erhitzen sich alle bei Fritsch auf der

Bühne, verrenken und verdrehen sich.

Dabei geht es um etwas. Er inszeniert

nicht mit dem Textbuch in der Hand,

sondern mit einem schweissnassen

Regie-Hemd am Leib, denn auch auf der

Probe bleibt Herbert Fritsch in Bewegung.

Den Inszenierungen sieht man die

Körperlichkeit des Regisseurs an. Fritsch

ist jedoch kein Zirkusdirektor oder

Turnlehrer, sondern er verkörperlicht und

sexualisiert jeden seiner Gedanken

zum Stück. Die Geschichten werden bei

ihm über die Körper erzählt, die dabei

auch und unter anderem sprechen.

Die Prioritäten und Erzählgewohnheiten

verschieben sich dadurch bei Herbert

Fritsch extrem. Man wirft ihm gerne

vor, dass er die Geschichten nicht ernst

nähme oder nicht erzähle, dass er

sie nicht verstehe und auch nicht auf den

Punkt bringen könne. Dem muss man

entgegensetzen, dass alle Geschichten

erzählt werden, nur eben anders.

Nichts auf Herbert Fritschs erfolgreichem

beruflichen Weg ist geradlinig. Er ist nicht

geradlinig! 1951 in Augsburg geboren, wirft

es ihn als Jugendlichen mit katholischer

Prägung gehörig aus der Bahn. Ein kluger

Jugendrichter verschont ihn vor allzu langer

Haft und formuliert die Bewährungsauflage,

unverzüglich eine Ausbildung anzufangen.

Fritsch bewirbt sich an der Otto-

Falckenberg-Schule in München, wird

aufgenommen und nach dem Abschluss

(heute sagt er, er hätte die Schule

nur ein Jahr regulär besucht) an grosse

Häuser als Schauspieler engagiert.

Sein Weg als Regisseur und Bühnenbildner

ist beispiellos und kerzengerade. Allerdings

findet er ihn vergleichsweise spät.

Anfang der 2000er-Jahre beginnt Fritsch

zu inszenieren und kommt über Luzern,

Halle, Oberhausen, Wiesbaden, Schwerin,

Berlin, Hamburg, München nun –

nachdem er in der letzten Spielzeit am

Opernhaus inszenierte –nach Zürich.

Seine Inszenierungen „Nora oder

Ein Puppenhaus“, „Der Biberpelz“,

„Die (s)panische Fliege“ und „Murmel

Murmel“ wurden zum Berliner

Theatertreffen eingeladen. 2013 wurde

Herbert Fritsch Bühnenbildner des Jahres.

Fritschs Grundannahme als Regisseur

ist, dass alle Körper in einem Verhältnis

stehen: Ganz naturwissenschaftlich

und einleuchtend. Seine Grundannahme

ist Physik: Er erzählt von der Ordnung

der Dinge. Und sie ist Metaphysik, weil er

von dem, was dahinter liegt, noch mehr

erzählt. Während man sich im Theater

nun gemeinhin darauf geeinigt hat, sich

auf die Psychologie der Figuren zu

konzentrieren, konzentriert Fritsch sich

auf die Körper, auf alle Komplexe,

unbewusste und bewusste Begierden, auf

alle Verkrampfungen und Ekstasen oder

eben –ganz naturwissenschaftlich –

auf die Energie der Dinge, also der Körper.

Keine Energie geht verloren, alles bleibt

erhalten: Der Energieerhaltungssatz –

ganz einfach und physikalisch. Das heisst,

Fritsch versieht die Körper und den

Raum mit einer sehr spezifischen, meist

sexualisierten Energie, unter deren

Einfluss dann die jeweiligen Figuren

agieren und sich verhalten. Ausgedehnt

wird die naturwissenschaftliche

Herangehensweise durch die Gestaltung

klarer Arrangements. Die Körper verhalten

sich zueinander im Raum.

Der Fritsch’sche Bühnen-Raum wird

durch die Schauspieler-Körper sichtbar

gemacht und vereinnahmt. Figuren

begegnen sich über grosse Distanzen

oder supernah. Räume werden

aufgemacht und verteidigt –ähnlich

wie in Feldsportarten, wie beim Fussball.

Energie –Körper –Raum! Dürrenmatt

beschrieb die Schweiz als Gefängnis.

Fritsch hat dazu einen Raum gebaut,

in dem er seinen physik-basierten

Theateransatz mit den „Physikern“ und

einem grossartigen Ensemble in

Zürich zusammenbringen will. Für Herbert

Fritsch ist nicht die Schweiz, sondern fast

alles darum herum ein Gefängnis. Frei

fühlt er sich auf den Proben und befreiend

ist sein Lachen dort. Überhaupt: Eine

Sache wird bei Herbert Fritschs Arbeiten

ganz gross geschrieben, die die Physik

leider nicht als Naturkraft erkennt: der

Witz. Der Fehler, Fundament des Humors,

Ironie, Zweideutigkeit, das Stolpern:

All das wird der Physik für immer verborgen

bleiben. Vielleicht, weil es menschlich,

allzu menschlich ist und mit der Ordnung

der Dinge imeigentlichen Sinn nichts

zu tun hat? Für Fritsch jedenfalls ist es

die Kraft, die hinter allem steht.

Die Physiker

von Friedrich Dürrenmatt

Regie und Bühne Herbert Fritsch,

Kostüme Victoria Behr, Dramaturgie

Sabrina Zwach

Mit Jan Bluthardt, Gottfried Breitfuss,

Jean-Pierre Cornu, Corinna Harfouch,

Wolfram Koch, Julia Kreusch,

Miriam Maertens, Friederike Wagner,

Susanne-Marie Wrage, Milian Zerzawy

Ab 19.Oktober im Pfauen

Unterstützt von der Charlotte Kerr

Dürrenmatt-Stiftung

Sie stecken mitten in den Proben zu

Dürrenmatts „Physikern“. Können Sie uns

eine kleine Kostprobe geben?

Und wie hat man sich Sie beim

Inszenieren vorzustellen?

Dürrenmatt beschrieb die Komödie als

schlimmstmögliche Wendung einer

Geschichte. Teilen Sie seine Ansicht?

Was schätzen Sie am Schauspielerberuf?

Wie stellt man sich gemeinhin den Beruf

des Regisseurs vor?

Sie inszenieren zum zweiten Mal in

Zürich. Wie erleben Sie die Stadt bzw.

die Zürcherinnen und Zürcher?


14 Essay

15

Zauber der Bohème

„Mir gefallen diese Dinge, die einen sosüssen

Zauber haben, die von Liebe sprechen,

vom Frühling, von Träumen und Hirngespinsten,

diese Dinge, die Poesie heissen.“

aus „Das Leben der Bohème“ von Aki Kaurismäki

Aki Kaurismäki

Was versteht man eigentlich unter

der „Bohème“ und worauf beruft

sich Aki Kaurismäki in seinem Film

„Das Leben der Bohème“? Der

Filmwissenschaftler Günter Krenn

geht der Frage auf den Grund.

Die Regisseurin Corinna von Rad,

die sowohl im Schauspiel als

auch im Musiktheater tätig ist, und

zuletzt „Zwerg Nase“ im Pfauen

inszenierte, wird sich ausgehend von

Kaurismäkis „Leben der Bohème“

diesem poetischen Stoff zusammen mit

einem Ensemble von Schauspielern

und Musikern widmen.

VonGünter Krenn

Bordellhalter, Lastträger, Literaten,

Orgeldreher, Lumpensammler,

Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler –

solcherart bunt personifizierte Karl

Marx einen Mitte des 19.Jahrhunderts

in Mode gekommenen Begriff, „kurz

die unbestimmte, aufgelöste, hin und her

geworfene Masse, die die Franzosen

la Bohème nennen.“ Honoré deBalzac,

der den Begriff 1840 im Titel eines

Bandes seiner „La Comédie humaine“

verwendete („Ein Fürst der Bohème“)

sah in ihnen Leute aus gutem Hause,

Aristokraten und Bürgersöhne, aber auch

Journalisten, Schriftsteller und Künstler,

also eine Halbwelt aus Begüterten und

Lebenskünstlern. Der Name selbst

spielt auf Böhmen an, dem Land,

aus dem nach der zeitgenössischen

französischen Meinung die Roma

herstammten (spätestens seit Monsieur

Sarkozy wird inFrankreich anders

zugeordnet).

In der, quod erat demonstrandum,

immer schon recht willkürlich auslegbaren

Metapher Bohème vereint sich heute

die idealisierte Vorstellung von nicht

bürgerlichem Leben und künstlerischem

Talent. Ihre Anhänger formierten sich

nach der Juli-Revolution 1830 und

rekrutierten sich vor allem aus dem

Kleinbürgertum. Unter ihnen waren der

Maler Gustave Courbet sowie die

Schriftsteller Henri Murger und Jules

Champfleury, die in Konkurrenz zu

begüterten Künstlern wie Flaubert oder

den Brüdern Edmond und Jules de

Goncourt standen. Murger hat allerdings

immer betont, dass sein Werk nicht

1830 in Paris sondern „zu allen Zeiten

und allerorts“ spiele. Er bezeichnet

in seiner Vorrede zu seinem Buch

„Scènes de la vie de Bohème“ mit dem

Terminus Maler, Musiker, Schriftsteller,

Bildhauer und Philosophen, die um

ihre Existenz ringen, bestand aber

darauf, dass für echte Bohémiens ihr

unbürgerliches Leben nur ein

Übergangsstadium darstellt, bis sie

vom Ertrag ihrer Werke mehr als gut

leben können.

Die bühnentaugliche Bearbeitung der

Buchvorlage erfolgte zunächst durch

Murger selbst, der seinen Roman

gemeinsam mit Théodore Barrière 1849

in das Theaterstück „La vie de Bohème“

umwandelte. Nicht zuletzt durch die

Adaptierung des Stoffes durch zwei

italienische Opernkomponisten, Ruggero

Leoncavallo und vor allem Giacomo

Puccini (1896), blieb der Bohème-Begriff

denn auch in Murgers phantasievoller

Ausprägung der geläufigste. Durch

die ungebrochene Popularität von Puccinis

Version liest sich Bohème heute als

flexible Metapher zwischen überlebter

Historie und verklärter Idylle, mit

Akzentuierung auf letzterer. Bereits

in der ersten literarischen Manifestation

zeichnet sich ab: Die Ungebundenheit

ihrer Lebenssituation erlaubt den witzigüberhobenen

Tonder Bohémiens.

Der Galgenhumor der Lebenskünstler

schuf eine eigene Sprach- und Begriffswelt,

um deren Akkordanz Murger sich sehr

bemühte: „Alle Stilmischungen finden

sich in diesem unerhörten Idiom,

wo apokalyptische Wendungen neben

Unsinn stehen, wo die Derbheit der

Volkssprache sich mit phantastischen

Perioden verbindet (...) ein Jargon,

dessen Kühnheit die freiesten Sprachen

übertrifft. Dieses Wörterbuch der

Bohème ist die Hölle der Rhetorik und

das Paradies des Neologismus.“

In diesem Umfeld ist vermutlich der

eigentliche Kern des Begriffes zu

suchen, dort finden alle dramaturgischen

Varianten Unterschlupf, von Murger

über Puccini bis zu filmischen Variationen

von Géza von Bolvary („Zauber der

Bohème“, 1937) über Aki Kaurismäki

(„Das Leben der Bohème“, 1992) bis hin

zu Baz Luhrman („Moulin Rouge!“, 2001).

Der Film hatte das populäre Thema

früh für sich entdeckt. „Men die

and governments change but the songs

of ‚La Bohème‘ will live forever“ –

lauten die Worte eines Briefes, mit dem

Thomas Alva Edison im September

1920 seinem Respekt für Puccinis Oper

Ausdruck verleiht. Zehn Jahre zuvor

hatte seine Gesellschaft „La Bohème“

erstmals verfilmt, zahlreiche Stummund

Tonfilmadaptierungen sollten folgen,

die meist auf Puccini und weniger

auf Murger basierten. Zu den Ausnahmen

zählt Aki Kaurismäki, der bei seinem

Film Wert auf die Feststellung legte,

dass er sich nicht auf die Oper, sondern

ausschliesslich auf Murger bezog.

„Die Oper ist eine aussterbende Gattung“,

heisst esbezeichnenderweise in

seinem Film. Puccini hatte „La Bohème“

allerdings nicht als Oper sondern

wie das literarische Vorbild als „Szenen“

bezeichnet. Die lyrische Komponente

überwiegt gegenüber der dramatischen,

wenngleich letztere sich speziell

gegen Ende als unverzichtbar erweist.

Die illustrative Kolorierung einzelner

Situationen tritt an vielen Stellen vor die

eigentliche Handlung, ohne dass diese

jedoch dadurch vernachlässigt wird.

Murger schrieb seine „Bohème“ in betont

heiterem Stil, für „ein Lachen, das

nahe den Tränen“ liegt. Die Handlung

des Romans zentriert ziemlich

gleichmässig jeden der vier männlichen

Charaktere, einige Kapitel sind Mimi,

ihrer Vorgängerin Francine und Musette

gewidmet. Puccinis Oper balanciert

in der Introduktion das männliche

Quartett, um sich im weiteren Verlauf auf

die beiden Paare und schliesslich das

tragische der beiden zu konzentrieren. In

der Vorlage Murgers verdingt sich Mimi

ihren Unterhalt als Maitresse wechselnder

Herrenbekanntschaften und nimmt auch

ihre Liebe zu Rudolf als Teil eines grossen

Spiels, dessen Einsatz sie stets selbst zu

bestimmen trachtet. Die Oper wählte das

unhappy end, also die, gemessen am

literarischen Vorbild, nicht zu Ende erzählte

Geschichte, denn Murgers Roman

schliesst nicht mit Mimis Tod, sondern

beschreibt danach noch die gutbürgerliche

Karriere von Rodolphe und Marcel.

Kaurismäkis „Das Leben der Bohème“

zeigt moderne Bohémiens, über seine

Version wurde geschrieben, dass, während

bei Puccini die Pariser Atmosphäre die

eigentliche Heldin sei, sich der Finne mehr

für den Lebensstil seiner Protagonisten

interessiere. Diese wären zwar nach

wie vor von den Sehnsüchten des

19.Jahrhunderts gesteuert, aber dennoch

unverkennbar Menschen von heute:

„So wie sie sich ihre Kleider beim Trödler

zusammenstellen, kommen auch all

ihre Eigenschaften heute vor. Sie sind

postmoderne Individualisten.“

Was wir heute als klassische Kunst

definieren, meint Baz Luhrman, war

bei ihrer Entstehung Pop: „Man glaubte,

dass Shakespeare nicht von Dauer

sein werde. Oder die griechischen

Skulpturen. Die Akropolis war inbunten

Disco-Farben bemalt –das ist die

Wahrheit! ‚La Bohème‘ war die TV-Show

ihrer Zeit.“ An einer Weiterdichtung

des Bohème-Begriffs ist demnach wohl

nicht zu zweifeln, zu gut kann sich

jede neue Generation darin wiederfinden,

sich ihre eigene Interpretation davon

erstellen. Der offenbar unverzichtbare

Mythos wird weiter gedeihen, wie es in

„Bohemian Rhapsody“ von Queen heisst

(um dem eingangs zitierten Personal

noch die Rockmusiker zu addieren):

„Any way the wind blows ...“

Das Leben der Bohème

nach dem Film von Aki Kaurismäki

Regie Corinna von Rad, Bühne

Piero Vinciguerra, Kostüme

Sabine Blickenstorfer, Musik

Jürg Kienberger, Dramaturgie

Gwendolyne Melchinger

Mit Klaus Brömmelmeier, Daniel Sailer,

Jürg Kienberger, Dagna Litzenberger Vinet,

Peter Conradin Zumthor, Nicolas Rosat,

Vreni Urech

Ab 2. November im Schiffbau/Box

Unterstützt von der Gesellschaft der

Freunde des Schauspielhauses


16 Fotogalerie

Schon gesehen?

17

Szenen aus

dem Repertoire

oben: „Die Geschichte von Kaspar Hauser“, Regie Alvis Hermanis; unten: „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen, Regie Antú Romero Nunes

„Elektra“ nach Sophokles/Hofmannsthal/Aischylos/Euripides, Regie Karin Henkel –Wiederaufnahme im November!


18 19

„Woyzeck” von Georg Büchner, Regie Stefan Pucher


20

21 Porträt Claudius Körber

Der Glücks(er)finder

Neu im Ensemble: Der Schauspieler Claudius Körber

Claudius Körber ist seit dieser Spielzeit

Ensemblemitglied am Schauspielhaus

Zürich. In Barbara Freys Bühnenadaption

von Kafkas Roman „Der Prozess“ steht

er zum ersten Mal auf der Pfauenbühne.

VonAndreas Karlaganis

Claudius Körber stammt aus keiner

Theaterfamilie. Auch in seinem

Freundeskreis hatte keiner direkt etwas

mit Theater zu tun. Jedenfalls nicht,

wenn man sich unter Theater eine

herkömmliche Bühne vorstellt.

Aufgewachsen im Dresden der 80er-Jahre,

hatte er als Kind eine viel weiter gehende

Vorstellung davon, was Theater sein

kann. Die prägt ihn bis heute.

Theater –das bedeutete für den jungen

Claudius Körber erst einmal das famose

mütterliche Geschichtenerzählen. Oder

die vielen Feiern, die in der

Nachbarschaft zujeder Zeit und an

allen Orten begangen wurden, wenn etwa

eine Waschküche ausgebaut oder ein

Treppenhaus renoviert worden war. Das

Zelebrieren des Alltags also, sobald

es eine Gelegenheit dazu gab. Ein Haus

konnte auch ein Schiff und die Veranda

deren Kommandozentrale sein. Im

„Wünscheland“ durfte sich jeder einen

Wunsch ausdenken, der augenblicklich

von den anderen erfüllt wurde. So wurde

gemeinsam überlegt und improvisiert,

wie man dem Kollegen einen Amerika-

Auswanderungsausflug herbeizaubern

konnte.

Wenig später kam dann das „eigentliche“

Theater. Am Staatstheater suchte man

Knaben, die singen konnten. Kurzerhand

fand sich der Elfjährige auf der

gewaltigen Dresdner Bühne und sang

in einer Inszenierung von „Was ihr wollt“

Vertonungen von Shakespeares Sonetten.

Natürlich wurde auch dieses Ereignis

zelebriert: Der grosse Bruder sah fast alle

Vorstellungen und nahm seine Freunde

mit. So erlebte man erneut gemeinsam

einen schönen Abend. Ob man als

Beteiligter auf der Bühne stand oder als

Zuschauer dabei war, spielte weniger

eine Rolle. Hauptsache, man hatte

zusammen eine gute Zeit. Claudius war

dabei mehr Vermittler und Mitagierender

als Mittelpunkt.

Diese soziale Komponente in seiner

Sicht auf das Theater hat sich gehalten.

An Stelle seiner Freunde sind es nun

meist die Kollegen auf und hinter der

Bühne, die von Bedeutung sind. „Woman

hingeht –man ist sofort aufgefangen in

einem Netz von Menschen, die irgendwo

dasselbe wollen.“

Zum Schauspielstudium reiste er ans

renommierte Max Reinhardt Seminar

nach Wien. Eine Schule, die ihm weniger

einen bestimmten Stil vermittelte. Eher

wurde er in Wien mit Theaterästhetiken

konfrontiert, die er bislang nicht

kannte und hatte die Gelegenheit, von

verschiedensten Schauspielerkalibern

zu lernen, die am Seminar als Dozenten

tätig waren. Ist aus ihm ein Intellektoder

Bauchschauspieler geworden? Er

selbst beschreibt sich als Ausprobierer,

der durchaus das genaue, reflektierte

Arbeiten schätzt. Dinge bei den Proben

zu erspielen ist ihm jedoch wichtiger

als langes Reden. Zu Regisseuren sucht

er eine Vertrauensbasis. Er schätzt es,

wenn er das Gefühl hat: Da ist jemand,

der einen lenkt, der alles sieht und

der versteht, was man gerade probiert.

Die Aufgabe des Schauspielers wiederum

sei es, ein Gefühl dafür zu entwickeln,

wo der Regisseur mit seinem Instinkt

gerade hin wolle und dort anzudocken.

Mit Sensibilität, mit Gespür, mit Hilfe des

Intellekts und des Handwerks. Begreiflich,

dass er es ablehnt, wenn in der

Probenarbeit der gemeinsame Prozess

ausbleibt, die Dinge imVornherein

feststehen, der Schauspieler Ausführender

bleibt.

Wie geht er mit dem Fremdbestimmten

um, dem man als Schauspieler in

einem Ensemble oftmals ausgesetzt ist?

Am Schauspielhaus Graz, wohin er

direkt nach dem Studium engagiert

wurde, hatte er aus nachvollziehbaren

Gründen wenig Probleme damit. Er hatte

stets das Glück, gute Rollen spielen zu

dürfen. Gleich nach seinem Engagement

wurde er als Ödipus besetzt. Nach

dem Erfolg der Inszenierung folgten

weitere Titelrollen, in denen er über die

Stadtgrenze hinaus Aufmerksamkeit

erregte. Für seine Darstellung als Hamlet

(Regie Theu Boermans) und Peer Gynt

(Regie Ingo Berk) erhielt er eine

Nominierung für den österreichischen

Theaterpreis Nestroy in der Kategorie

„Bester Nachwuchsschauspieler“. Ein Jahr

später wurde ihm der Publikumspreis

übergeben. Fast zeitgleich entdeckte ihn

Barbara Frey bei einem Vorsprechen.

Seit ein paar Wochen ist ernun in der

Schweiz. Was sind seine Eindrücke?

Natürlich hatte er hier –einmal mehr! –

Glück. Er fand gleich eine tolle Wohnung,

während der Arbeit am „Prozess“ konnte

er vor der Probe morgens direkt vom

Haus aus ein Bad in der Limmat nehmen.

Und er lernte interessante Menschen

kennen, die Gelegenheit und Lust haben,

Dinge weiterzuentwickeln, zu optimieren.

Er erkennt hier „immer ein verstecktes

Prozent Anarchie. Das gehört zur

Optimierung vielleicht schon wieder dazu –

das verrückte Moment, das freie Radikal,

was ein sehr sympathischer Faktor ist.“

Folgt ihm das Glück auf den Fersen?

Und ist Glück überhaupt gut für den

kreativen Prozess –woesamTheater

doch vor allem darum geht, Probleme und

Konflikte auszuloten? Beim Erarbeiten

von Theaterrollen sucht Körber nicht in den

tiefsten Abgründen und traumatischsten

Erfahrungen aus dem eigenen Leben.

Private Erlebnisse mag er nicht benutzen,

um Gefühle auf der Bühne herzustellen.

Es geht ihm viel mehr darum, die Phantasie

für Konflikte im Umgang mit Menschen

zu finden. Ein Verständnis füreinander

zu entwickeln. Abzutasten, wie man

miteinander reagiert, agiert, umgeht –

daraus entsteht Kreativität. Das Verständnis

für das Gemeinsame ist mit dem Theater

verhaftet geblieben. Es scheint ihm Glück

gebracht zu haben.


22 Kinderreporter

VonOdysseus bis

23

Darth Vader

Semfira –Und habt ihr schon einmal den

Text vergessen?

Sibylle –Ja, und auch kein anderes

Bandmitglied wusste, wie es weiterging.

Ich fragte also die Kinder. Und ein

Mädchen kam dann auf die Bühne und

hat mir gesagt, wie die zweite Strophe geht.

Boni –Solche Aussetzer sind aber selten.

Eher kommt es vor, dass sich beim

Singen mal eine Textzeile verdreht.

Manchmal wird der Sinn dadurch total

verändert. Dann muss man aufpassen,

dass man keinen Lachkrampf bekommt.

Semfira –Sibylle, wann hattest duam

meisten Lampenfieber?

Sibylle –Vor den Konzerten habe ich kein

grosses Lampenfieber mehr. Aber vor

dem Theaterspielen. Also weiss ich, wann

ich bestimmt das nächste Mal grosses

Lampenfieber haben werde: nämlich vor

der Odyssee!

Sibylle Aeberli und Boni Koller im Gespräch mit den Kinderreportern

Zum diesjährigen Familienstück

„Die Odyssee“ für Kinder schreibt die

Zürcher Band Schtärneföifi neue Songs

und ist auch live auf der Bühne mit

dabei. Unsere zwei Kinderreporter, die

Schtärneföifi-Fans Semfira und Emil,

haben die beiden Sänger Sibylle und Boni

zum Gespräch in der Kantine im Schiffbau

getroffen –und alles gefragt, was sie

schon immer von ihnen wissen wollten ...

Semfira –Sibylle, wie lange kannst du

schon so gut singen?

Sibylle –Ich weiss nicht, wie lange

ich schon gut singe ... danke vielmals

übrigens! Angefangen zu singen

habe ich vermutlich gleichzeitig mit

meinen ersten Sprechversuchen!

Semfira –Boni, wie lange gibt es die

Band schon unter diesem Namen und wie

viele Konzerte habt ihr schon gespielt?

Boni –Schtärneföifi gibt es seit 18 Jahren.

Und den Bandnamen haben wir ebenfalls

schon so lange. Pro Jahr spielen wir

50 bis 70 Konzerte. Unser allererstes Lied

„Heicho –ohni Znacht is Bett“ haben

wir schon weit über 1000 Mal gesungen.

Emil –Ist das Lied „Mir mached Fride“

in Dur oder Moll?

Boni (beeindruckt) –Soetwas hat noch

nie jemand gefragt. Es ist inMoll und

endet in Dur. Oder umgekehrt!

Semfira –Sibylle, ich bin ja dein Fan!

Hast duals Kind auch eine

Lieblingssängerin gehabt?

Sibylle –Nein, eigentlich nicht. Aber es

gab ja auch keine Kinderbands damals.

Ich liebte schon sehr früh die Beatles und

meine erste Platte war „Ho-chi-ka-ka-ho”

„Ho-chi-ka-ka-ho“

von Sweet. Das klang wie Hosegaggi ho.

Das fand ich super.

Semfira –Ist euch mal was Peinliches

auf der Bühne passiert?

Sibylle –Einmal musste ich nach einem

anstrengenden Lied extrem viel Wasser

trinken, Wasser mit Bläterli. Als ich dann

wieder ans Mikrophon ging, musste ich

sehr laut rülpsen. Das kam direkt über die

Lautsprecher. Und als mir dann auch

noch „Scheisse“ rausrutschte, wollte ich

vor Scham im Boden versinken.

Semfira –Ich kenne die Geschichte.

Odysseus wird darin fast von einem

einäugigen Riesen gefressen. Der hat

ihm versprochen, ihn als letzten zu

verspeisen, um ihm einen Gefallen zu tun.

Aber das ist jagar kein Gefallen! (lacht)

Emil –Welche Rollen spielt ihr in der

Geschichte?

Sibylle –Wir spielen verschiedene Rollen.

Unter anderem spiele ich die Zauberin

Circe, die Odysseus verzaubern will und

es nicht schafft. Daverliebt sie sich in

Odysseus –denn sie ist noch nie einem

Mann begegnet, der ihren Zauberkräften

widerstehen konnte.

Boni –Und ich spiele einen Gefährten von

Odysseus, denn er ist mit zehn starken

Männern auf seinem Schiff unterwegs.

Sie kommen alle zusammen aus dem

Krieg und obwohl sie alle ziemlich mutig

und unerschrocken sind, wollen sie jetzt

vor allem eins: nach Hause. Aber auf dem

Weg dahin müssen sie viele Abenteuer

überstehen. Zum Beispiel auch den

einäugigen Riesen, von dem Semfira

erzählt hat. So wird erbei uns im Stück

aussehen. (Boni zeigt eine Skizze der

Bühnenbildnerin, auf der der Zyklop mit

seinen Schafen zu sehen ist.) Findet

ihr den zum Fürchten?

Emil –Nein, ich fürchte mich eher vor

den Schafen, die haben Hörner und

Schtärneföifi-Fans Semfira (7) und Emil (6)

haben die Köpfe so nah zusammen.

Ich finde übrigens, dass Töme, der

Schlagzeuger von Schtärneföifi, sehr gut

den Zyklopen spielen könnte. Welche

Lieder werdet ihr denn spielen? Auch

„Königin“?

Sibylle –Nein, das spielen wir nicht,

es gibt komplett neue Lieder! Lieder mit

Geschichten aus der Odyssee.

Emil –Sind sie schon fertig?

Boni –Viele Liedtexte sind schon

geschrieben. Die Ideen dazu sind

zusammen mit der Regisseurin Meret

Matter entstanden. Und die Musik

schreiben wir derzeit. Allerdings werden

wir auch während der Proben, die im

Oktober beginnen, einiges

weiterentwickeln. Das ist deswegen so,

weil auch die anderen Schauspieler

mitsingen werden. Das ist für uns auch

etwas Neues.

Semfira –Eine Frage zum Schluss: Habt

ihr gewusst, dass in einem eurer Lieder

Darth Vader mitspielt, nämlich im

„Trotselbähnli“?

Sibylle –Nein! Wie das denn?

Semfira –Esgibt diese Stelle mit einem

Blasebalg. Das hört sich genau an wie

der Atem von Darth Vader!

Boni –Dasind wir ja platt. So gut hat

noch nie jemand zugehört! Und wir selber

haben es gar nicht gemerkt!

Dank an Theaterpädagogin

Manuela Runge, die das Gespräch

begleitet hat.

Die Odyssee für Kinder

nach Homer

Familienstück ab 6Jahren

mit Musik von Schtärneföifi

Regie Meret Matter, Bühne

Sara Giancane, Kostüme Renate Wünsch,

Musik Schtärneföifi, Dramaturgie

Karolin Trachte

Mit Christian Baumbach, Fritz Fenne,

Aaron Hitz, Lisa-Katrina Mayer,

Johannes Sima, Dimitri Stapfer,

Barbara Terpoorten und der Band

Schtärneföifi:

Sibylle Aeberli, Adrian Fiechter,

Töme Haldimann, Boni Koller, Jean Zuber

Ab 30. November im Pfauen


24 Zoo der Zeitgenossen /club diskret

25

Ganz diskret und

zoologisch privat

Mit dem „club diskret“ wird am

24.Oktober eine Art öffentliches

Wohnzimmer eröffnet: der ganz und

gar mit Teppich überzogene Raum,

den die Bühnenbildnerin Bettina

Meyer für das neue Kammerformat

entworfen hat, hat eine Bar –aber

keine Bühne. Karolin Trachte stellt das

neue Programm vor.

Im „club diskret“ sind sie alle zu Hause:

Der Basler Theatermacher Marcel Schwald

verfasst für sein Konversationsformat

„Host Club“ mit dem Zürcher Autor,

Performer und Regisseur Andreas

Liebmann und der Choreographin Lea

Martini vier „conversation pieces“.

Der Wissenschaftsjournalist Roland

Fischer hat eine Live-Studie entwickelt,

bei der alle Zuschauer zugleich Teilnehmer

sind. Der Berner Autor Jonas Lüscher ist

in „Geschichten verstrickt“ und berichtet,

warum komplexe Zusammenhänge

wie die Finanzkrise durch Erzählungen viel

besser zu verstehen sind. Die drei

jungen Autoren Anna Papst, Konstantin

Küspert und Lukas Linder werden

auf halber Strecke zum neuen Stück ihr

Recherchematerial offenlegen –sogeht

Neue Dramatik auch. Das Game-Designer

Kollektiv „UrbanOut“ entwickelt ein

interaktives Live-Computerspiel. In der

„Radioshow“ bearbeitet Alexander Keil

spielerisch Trends der Zeitgenossenschaft

als Radio-Feature. In einer Stadtreportage

begeben sich Magdalena Drozd, Liliane

Koch und Lea Schregenberger auf die

Spuren des Privaten im Öffentlichen und

kommen Erstaunlichem auf die Spur.

Donnerstags zum „club diskret“, das ist

wie Fernsehschauen, aber live ... und

nicht ganz so diskret! Die Bar ist bei jeder

Vorstellung eine Stunde vor Beginn

geöffnet.

Im Format „club diskret spezial“ geht

es dann weiter: Es entstehen zwei

Theaterserien, die aus jeweils vier bzw.

fünf Premieren bestehen und am Ende

als Marathon nochmals zur Gänze

gesehen werden können. Für die erste

der beiden Serien hat die Münchner

Regisseurin Antje Schupp das Projekt

„Zoo der Zeitgenossen“ entworfen.

Darin beschäftigt sie sich gemeinsam mit

vier Schauspielstudierenden der ZHdK

mit vier herrlichen Stereotypen: dem

Hipster, dem Moneymaker, dem Nerd

und dem Idealisten. Antje Schupp

nennt das eine „Feldforschung“, weil sie

sich gemeinsam mit den vier Spielern

auf die Spur der Zeitgenossen begibt –

jenen Wesen, über die man in einigen

Jahrzehnten sagen wird: Das war

2013!–und die heute natürlich trotz

aller Klischees bald jeder Eindeutigkeit

entbehren. Und obwohl es zunächst

scheint, dass jeder dieser Typen nur in

seiner ganz eigenen Währung rechnet –

sei es der Lifestyle, der Kontostand,

das Spezialwissen oder eben nichts

geringeres als die Rettung der Welt –

stellt sich bald heraus, dass die vier

sich viel zu erzählen haben, ja sich

vielleicht sogar ergänzen können. In vier

zoologischen Kurzporträts stellen wir

die Zeitgenossen vor ...

club diskret

Konzept Alexander Keil und Karolin Trachte,

Grundraum Bettina Meyer

Vonund mit Marcel Schwald,

Andreas Liebmann, Lea Martini,

Anna Papst, Jonas Gygax, Lukas Linder,

Konstantin Küspert, Roland Fischer,

Peter Jüni, Jonas Lüscher,

Magdalena Drozd, Lea Schregenberger,

Liliane Koch, Maike Thies und

Nuria Krämer („UrbanOut“) sowie

Schauspielern des Ensembles und vielen

anderen

Bar ab 19.30 Uhr, Beginn 20.30 Uhr

Ab 24.Oktober im Pfauen/Kammer,

jeden Donnerstag

Unterstützt von Ittinger Amber

Zoo der Zeitgenossen

Eine Feldforschung

Projekt von Antje Schupp

Regie Antje Schupp,

Grundraum Bettina Meyer, Ausstattung

Prisca Baumann, Dramaturgie

Karolin Trachte

Vonund mit Steffen Link,

Magdalena Neuhaus, Pascal Vogler,

Alina Vimbai Strähler

Eine Kooperation mit der ZHdK,

Departement Darstellende Künste und Film

Ab 1. November im Pfauen/Kammer

#1 Der Hipster

In seinem natürlichen Lebensraum im

Umfeld von Vintage-Shops, Shared

Workspaces und temporären Stadtgärten

bewegt sich der Hipster in

gemischtgeschlechtlichen Kleingruppen

von meist zwei bis drei Exemplaren.

Der Hipster ist ein natürlicher Nomade:

Indem er durch seine Niederlassung

in bestimmten Stadtteilen die dortige

Gentrifizierung befördert, zerstört erseine

eigene Lebensgrundlage –und muss in

ein neues Habitat weiterziehen. Zwar

lebt er meist infriedlicher Koexistenz

mit der Familie der sogenannten

Medienintellektuellen, doch bleiben

die von ihm gewählten Orte der Balz

und Nahrungsaufnahme durch den

arttypischen Wissensvorsprung exklusiv:

Wo der Mainstream ankommt, hat der

Hipster die Bildfläche gerade verlassen.

Natürliche Feinde der Hipsterpopulationen

sind neben dem Mainstream wie auch

dem Tourismus gerade die eigenen

Artgenossen: Hipster hassen Hipster.

Denn sie sind als Modeopfer, pseudopolitisch

und „spoilt kids“ der oberen

Mittelschicht in Verruf geraten. Auch die

Ironie und ein vertiefter, unaufdringlicher

Hedonismus sind Merkmale der

„hipsteresken“ Lebensweise.

#2 Der Moneymaker #3 Der Nerd #4Der Idealist

Selbst infreier Wildbahn ist diese

Art für Trapper und Fallensteller leicht

aufzufinden: Der Moneymaker ist da,

wo das Geld ist. Als Berater, Banker,

Jung-Unternehmer und Gründer von

Internet-Start-Ups treibt er sich in BWL-

Studiengängen, auf Technologiemessen

und in VIP-Lounges herum. Der

Moneymaker ist umtriebig, aber sesshaft,

im Beruf meist leistungsfreudig, belastbar

und unabhängig. Der Moneymaker

rechnet in bestechend ehrlichen

Währungen: Geld und Flugmeilen. Im

Umgang damit schwankt der Moneymaker

stark zwischen dem arttypischen

„hamstern“ und –bei Schlecht-Zins-

Wetterlage und hoher Inflation –

publikumswirksamem Verschleudern.

Laufen die Wetten gut, ist kein Destillat

zu teuer, kein Restaurant zu exquisit,

keine Suite unbezahlbar –alles ist gerade

gut genug. Zwar hat der Moneymaker

mit dem Hipster ein gewisses Savoir vivre

gemeinsam, seine Jagdgründe verteidigt

er allerdings nicht mit dem besagten

Exklusivwissen. Der karnivore Meilenkönig

flaniert auf den Dachterrassen, von

denen er den Aasfressern auf den Kopf

spuckt, deswegen alleine, weil er es

bezahlen kann.

Unbeirrt von Mode, finanziellen Anreizen

und der weit verbreiteten Sehnsucht

nach kurzfristiger sozialer Anerkennung

durch andere Bewohner des Ökosystems

beackert der Nerd ein meist abseitiges

oder unbekanntes Wissensfeld. Wo er

fischt, fischt er allein –was seinem

leicht soziophoben Temperament

entgegenkommt: Der Nerd meidet das

offene Feld und die direkte Konfrontation

mit Artgenossen und Tieren anderer

Arten. Die kleinen, über Jahre gewachsenen

Sozialverbände zeichnen sich durch

hohen Zusammenhalt und gemeinsame

Interessensausrichtung aus. Statistisch

kann in durchschnittlichen Nerdpopulationen

eine überproportionale Anzahl von extrem

intelligenten Exemplaren nachgewiesen

werden. Auch weil Paarung und Balz

im Leben des Nerds keine zentrale Stellung

einnehmen, gilt er als ausgesprochen

verspielte Gattung, kann er sich doch

mehrere Stunden am Tagden für ihn

charakteristischen Spielereien widmen,

darunter Science-Fiction-Comics,

Doppelspaltexperimente, programmierbare

Taschenrechner, mittelalterliche

Rollenspiele und selbstprogrammierte

Browserspiele.

Der Idealist konnte bisher selten längere

Zeit erfolgreich in Gefangenschaft

gehalten werden: Das freiheitsliebende

Rudeltier lebt in unabhängigen, grösseren

Sozialverbänden, in welchen er

Lebensraum und Nahrung teilt. Als

Lebensraum werden von klein- und

mittelgrossen Idealisten-Gruppen

leerstehende Häuser am Rande

grosser urbaner Gebiete zwischengenutzt

oder besetzt. Dort festigen sich

die weitestgehend autonomen

Zusammenschlüsse und bleiben häufig

über Jahre stabil –dabei verteidigen sie

die Orte der Niederlassung teils vehement

gegen Habitatsansprüche anderer

Gruppen. Neben hoher Standorttreue und

besonderer Sensibilität für die

Ausgeglichenheit im ihn umgebenden

Ökosystem zeichnen den Idealisten seine

besonderen Ambitionen zur langfristigen

Veränderung der bestehenden

Sozialsystems aus: Neuordnung oder

Aufhebung der bestehenden Hackordnung

zu Gunsten gleichberechtigter

Machtverhältnisse, Neuverteilung von

eroberten Nahrungsräumen, Verhinderung

von Überfischung, besonderer Schutz

für Minderheiten und geschwächte

Rudelmitglieder etc.


26 27 Schicht mit Judith Janser Ruckstuhl

Geglückte

Verwandlung

Seit 26 Jahren am Schauspielhaus Zürich: Judith Janser Ruckstuhl, Leiterin der Maskenbildnerei

Judith Janser Ruckstuhl, deren

Vater schon am Schauspielhaus

Beleuchtungsmeister war, war

bereits als kleines Kind vom Theater

fasziniert und liebte die Verwandlung.

Mittlerweile arbeitet sie selbst seit

26 Jahren am Schauspielhaus Zürich,

seit Beginn der Spielzeit 2013/14

ist sie Leiterin der Maskenbildnerei.

Eva-Maria Krainz hat sie bei ihrer

Arbeit im Schiffbau begleitet.

10:00 Uhr Judith und ich treffen uns

im ersten Stock des Schiffbaus im

Schminkraum, wo sie gerade mit der

Bestellung eines ganz speziellen

Teint-Make-ups beschäftigt ist: „Homer

Simpson-Gelb“, für die Gesichter

jener Physiker-Darsteller, die sich in

der Irrenanstalt aufhalten. Der richtige

Farbton ist gemäss Katalog nur

als Wasser-Make-up lieferbar, das

im Ergebnis allerdings mehr wie

Faschingsschminke denn professionelles

Theater Make-up aussieht, erklärt Judith.

Daher konnte sie die Herstellerfirma

schliesslich zur Anfertigung eines

Spezialprodukts für das Schauspielhaus

überreden.

10:22 Uhr Neben dem Computer,

an dem Judith gerade arbeitet, ist eine

ihrer Mitarbeiterinnen gerade mit der

Herstellung von Kunsthaartressen für die

„Physiker“ beschäftigt: In Herbert Fritschs

Inszenierung werden die drei Herren

Newton, Einstein und Möbius Perücken

aus sehr langem Kunsthaar tragen, die

Judith und ihre Kolleginnen nach einiger

Suche schliesslich in einem chinesischen

Online-Shop für Manga-Produkte gefunden

haben. Damit diese jedoch nicht zu

unnatürlich einfarbig aussehen, werden

nachträglich noch Haartressen in

verschiedenen Farbtönen eingearbeitet.

11:19 Uhr Neben den Manga-Haaren und

zahlreichen anderen Perücken entdecke

ich eine, die anscheinend verkehrt herum

auf ihrem Modellkopf sitzt, die Haare

stehen in alle Richtungen. Mit Absicht,

wird mir erklärt: Jan Bluthardts Haare als

Tambourmajor in „Woyzeck“ sollten

besonders verrückt und schräg aussehen –

die Idee, seine Perücke einfach verkehrt

herum aufzusetzen, ist zufällig bei einer

Anprobe entstanden und funktioniert

offensichtlich richtig gut. Ganz allgemein

würden Kostümbildner ihre Phantasie oft

von Dingen, die sie zufällig hier sehen,

inspirieren lassen, meint Judith –weshalb

sie nicht viel von klinisch aufgeräumten

Theaterwerkstätten hält.

11:53 Uhr Die eigentliche Werkstatt der

Maske ist aktuell (noch) eine Baustelle –

sie wurde über den Sommer renoviert,

um den technischen Anforderungen sowie

den Auflagen des Gesundheitsschutzes zu

entsprechen, die die modernen (durch

den Film mitgeprägten) Sehgewohnheiten

und die dafür verwendeten Materialien an

die Maskenbildnerei stellen. Daher

sieht es im Schminkraum, in dem die

Schauspieler bald wieder für die

Vorstellungen geschminkt und frisiert

werden, zur Zeit noch etwas anders

aus als sonst: Die Schminkstühle wurden

bis zu den Endproben für Büchners

„Woyzeck“ in den Keller gebracht, um

Platz inder provisorischen Werkstätte zu

schaffen. Etwas eng ist estrotzdem,

aber Judith und ihre Kolleginnen haben

beschlossen, das Beste aus der Situation

zu machen: So oft esdas Wetter zulässt,

übersiedeln sie etwa zum Perückenknüpfen

ins Freie –imAtrium des Schiffbaus

lässt essich bei warmen Temperaturen

sogar besser arbeiten als in der „alten“

Werkstatt im 3. Stock, wo es in den

Sommermonaten oft unerträglich heiss

gewesen sei.

14:32 Uhr Auf meine Frage, was man

als Maskenbildnerin alles können müsse,

beginnt Judith aufzuzählen: Neben allen

Fertigkeiten, die mit Make-up, Haaren

und Perücken zu tun haben, zählen dazu

natürlich auch Spezialeffekte wie z.B.

das Schminken von Hautverletzungen,

weiters das Modellieren von Masken und

Gesichtsteilen oder manchmal sogar von

ganzen Tieren. Wichtig ist es, bei alldem

immer Ruhe zu bewahren und über viel

psychologisches Feingefühl zu verfügen –

beispielsweise, um sich vor Premieren

nicht von der Nervosität der Schauspieler

anstecken zu lassen. Last but not least

muss man auch loslassen können: Wenn

man z.B. zahlreiche (etwa 40bis 60)

Arbeitsstunden in die Herstellung einer

Perücke investiert hat, diese jedoch nach

nur einer Bühnenprobe schon wieder

verworfen wird –das eigene „Baby“ so

schnell wieder aufgeben zu müssen, ist

manchmal hart, gehört aber auch dazu.

15:02 Uhr In ihren 26 Jahren hier am Haus

hat Judith schon fast alles erlebt: Sie hat

ihren Beruf hier erlernt und dann zunächst

eine 50 Prozent-Stelle angenommen,

die es ihr ermöglicht hat, daneben auch

für Film und Fernsehen, verschiedene

Theater- und Opernhäuser und sogar für

einen Zirkus zu arbeiten. So unterliegt

auch der Stellenwert, den die Maske

am Theater hat, den unterschiedlichsten

Strömungen –imMoment wird Judiths

Abteilung zu ihrer grossen Freude wieder

viel mehr geschätzt und genutzt, als dies

in der Vergangenheit teilweise der Fall

war, und die Zusammenarbeit mit dem

Schauspielensemble macht grossen

Spass.

15:28 Uhr Zum Abschluss machen

Judith und ich einen Rundgang durch

die noch nicht ganz bezugsfertige

Maskenwerkstatt und deren Herzstück,

den neuen „Kapellenraum“, in dem

künftig dank permanenter Versorgung mit

Frischluft auch Lösungsmittel (die etwa

bei der Herstellung von Glatzen zum

Einsatz kommen) ohne Mundschutz (wenn

auch nach wie vor inSchutzanzügen)

verarbeitet werden können.

16:12 Uhr Bald ist die neue Werkstatt

fertig und der Endproben- und

Vorstellungsbetrieb kann losgehen.

Judith freut sich auf die neue Spielzeit

und meint, das grösste Kompliment

für sie sei immer, wenn Zuschauer ihre

Arbeit gar nicht bewusst wahrnehmen

und nach einer Vorstellung sagen,

bei dieser Produktion hätte die Maske

doch gar nichts zu tun gehabt. Das

hört sie gerne, weil sie dann weiss: Die

Verwandlung, von der sie bereits als

Kind fasziniert war, ist geglückt.


28 Ins Theater mit ...

Brigitte von der

29

Crone

„Der Prozess“: Dagna Litzenberger Vinet und Markus Scheumann

Seit März dieses Jahres ist Dr. Brigitte

von der Crone Verwaltungsratspräsidentin

des Schauspielhauses. Sie arbeitet als

Rechtsanwältin in Zürich.

Am 12.September besuchte sie die

Premiere von „Der Prozess“ in der Regie

von Barbara Frey. Am Tagnach der

Premiere hat sie unseren Fragebogen

beantwortet.

Vonwoher kamen Sie zu der Vorstellung

ins Schauspielhaus?

Ich kam von einem kleinen Znacht zu

Hause. Da wir gleich um die Ecke wohnen,

habe ich nur fünf Minuten zum Theater.

Kannten Sie den Text vorher?

Ja, ich kannte den Text. Ich habe ihn in

jungen Jahren gelesen. Auch wusste

ich, dass er einmal von Orson Welles

verfilmt wurde, habe diesen Film

aber nicht gesehen. Dass bzw. ob es

auch Bühnenfassungen gibt, war mir

nicht bekannt. In diesem Sinne war es

für mich am Donnerstag in doppelter

Hinsicht eine Premiere.

In welcher Stimmung waren Sie in dem

Moment, als im Zuschauerraum das Licht

ausging?

Ich war infreudiger Anspannung,

Saisoneröffnung mit Kafka, wunderbar!

Haben Sie während der Vorstellung

gelacht, und wenn ja, worüber?

Die Szene mit Siggi Schwientek als alter

Anwalt senkrecht im Bett fand ich

grossartig, ja, da habe ich gelacht.

Ansonsten eigentlich nicht. Es gibt nach

meiner Auffassung auch keine lustigen

Passagen im Stück.

Hat Sie etwas an der Vorstellung berührt?

Wenn ja, was?

Das einsame Leben von Josef K. ist

trostlos, das hat mich berührt. Im Theater

ist das aber weniger ausgeprägt als im

Text selbst.

Entsprach die Aufführung Ihren

Erwartungen? Wenn ja, wie sahen diese

aus? Wenn nein, warum nicht?

Ich hatte keine konkreten Erwartungen.

Anders als bei Stücken, die für die Bühne

geschrieben sind, weiss man nicht,

was einen erwartet und wie der Text

umgesetzt werden wird. Bei Barbara

Frey weiss ich, und ging deshalb davon

aus, dass sie sich sehr intensiv mit

dem Text auseinandersetzen und eine

perfekt durchdachte Arbeit machen

würde. Das hat auch zugetroffen, ich fand

die Inszenierung ausgezeichnet.

Hatten Sie während des Zusehens den

Gedanken, dass es besser gewesen

wäre, wenn Sie sich vor Ihrem Besuch

noch einmal genauer über den Text

und den Autor informiert hätten?

Ich hatte noch Zeit, das Programmheft zu

studieren. Das hat mir weitere

Informationen geliefert.

Finden Sie, dass die Aufführung etwas

mit Ihnen zu tun hat? Wenn ja, was?

Da ich selbst Anwältin bin, habe ich der

damaligen Reputation meines Berufsstandes

natürlich etwas mehr Beachtung geschenkt

als wahrscheinlich jemand anderer.

Mein Schluss war aber, dass sich der

Rechtsstaat –obwohl er auch im Text

mehrfach als solcher vorkommt –seit

Kafkas Lebzeiten deutlich weiter entwickelt

hat. Da muss man daher abstrahieren.

Zudem lebte er in einer generell schwierigen

Zeit. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass

wir Anwälte heutzutage gerade wegen

der grösseren Rechtssicherheit in unserem

Rechtsstaat einen besseren Ruf geniessen

als damals –ich jedenfalls erlebe das

glücklicherweise so.

Was denken Sie als Juristin über Kafkas

Werk? Gibt es Parallelen zur heutigen

Rechtsprechung?

Schauspielhaus Zürich

Zeitung #9

Herausgegeben von der

Schauspielhaus Zürich AG

Zeltweg 5, 8032 Zürich

www.schauspielhaus.ch

Intendanz Barbara Frey

Kafka hat eine Welt beschrieben, die

mit dem damaligen unsicheren und

intransparenten System zusammenhing

und überdies war erjemand, der die

Welt als schwieriges Umfeld erlebte.

Direkte Parallelen sehe ich in unserer

Rechtsprechung glücklicherweise keine.

Hingegen scheint mir das Stück ein

flammendes Plädoyer für „due process“

zu sein. Das ist auch bei uns wichtig und

sollte nie verloren gehen. Unser Problem

liegt heute aber mehr bei Instanzen

staatlicher Verwaltung im Umgang mit

Bürgern oder etwa imöffentlichen

und kurzen Prozess der Medien als

beispielsweise im Strafprozess, in dem

diese Standards weitgehend gewährleistet

sind.

Wie zufrieden waren Sie mit dem

Publikum? Haben Sie sich geärgert oder

gefreut? Worüber?

Es wurde oft anStellen gelacht, an

denen ich nichts Lustiges entdecken

konnte. Aber darüber geärgert habe

ich mich nicht. Ich erlebe das fast

bei jeder Vorstellung. Die Menschen

sind unterschiedlich und haben

auch einen unterschiedlichen Humor.

Der Applaus am Schluss war toll,

in diesem Sinne habe ich mich über

das Premierenpublikum gefreut!

Haben Sie sich nach der Vorstellung

über das Stück unterhalten? Oder haben

Sie auf dem Heimweg noch über etwas

nachgedacht, das mit der Aufführung zu

tun hatte?

Ja, wir haben uns mit Bekannten gefragt,

was wohl die Beweggründe waren,

diesen Text überhaupt für die Bühne zu

Redaktion Andreas Karlaganis,

Eva-Maria Krainz, Gwendolyne Melchinger,

Julia Reichert, Andrea Schwieter

(Redaktionsleitung), Karolin Trachte

Fotos

Prisca Baumann S.24/25, Raphael Hadad

S.22/23, Matthias Horn S.1/6/8/16 unten/

17/28/32, Birgit Hupfeld S.10,

T+T Fotografie S.4/7/13/16 oben/

18/20/26, PD S.14

adaptieren. Später haben wir uns darüber

unterhalten, dass die Schauspieler

wieder einmal eine grossartige Leistung

gezeigt haben, insbesondere auch

deshalb, weil jeder etwa vier Rollen

spielte, die z.T. unterschiedlicher nicht

hätten sein können. So spielt etwa

Klaus Brömmelmeier einerseits den scharf

bellenden Onkel und unmittelbar darauf

kommt er als Künstler barfuss auf

die Bühne. Nur Herr K.spielt immer sich

selbst –Markus Scheumann auch

ganz wunderbar, keine Frage –aber alle

anderen wandeln sich laufend. Diese

Regie passt hervorragend zum Stück, ja,

setzt die ganze Ambivalenz des Textes

perfekt um, fanden wir.

Welche Frage würden Sie dem Regieteam

dieser Aufführung gerne stellen?

Was waren die Beweggründe, den Text

auf die Bühne zu bringen? Kafka als

Person oder der Inhalt des „Prozesses“?

Welches Stück würden Sie gerne als

nächstes sehen?

Da ich lange Theaterstücke liebe,

hätte ich gegen eine Bühnenadaption

von „Anna Karenina“ absolut gar

nichts einzuwenden. Ein wunderbares

Gesamtkunstwerk. Ich würde aber

gerne auch einmal etwas von Ernest

Hemingway sehen, z.B. eine meiner

Lieblingsgeschichten „The Short

and Happy Life of Francis Macomber“

aus „The Snows of Kilimanjaro“.

Gestaltung velvet.ch/Nina Oppliger

Druck Speck Print AG, Baar

Auflage 20000

Erscheint am 4.Oktober 2013

Partner des Schauspielhauses Zürich


30 31

ROMAIN

DURIS

AUDREY

TAUTOU

GAD

ELMALEH

OMAR

SY

AÏSSA

MAÏGA

CHARLOTTE

LE BON

leS aMIS Du

DER SCHAUM DER TAGE

EIN FILM VON

MICHEL GONDRY

NACH DEM ROMAN VON

BORIS VIAN

AB 10. OKTOBER IM KINO

★★★★★

«Grossartig und

berührend!»

LE MATIN

★★★★★

«…eine Hymne an

die Jugend.»

LE TEMPS

★★★★★

«Ein Festival der

Bildsprache!»

20MINUTES

Mehr Kultur für ZürICh.

Die Credit Suisse ist langjähriger Partner

des Schauspielhauses Zürich.

credit-suisse.com/sponsoring


32

„Ward, seit die Welt steht,

so etwas erlebt?“

aus „Amphitryon und sein Doppelgänger“

nach Heinrich von Kleist, Regie Karin Henkel

Jetzt im Pfauen!

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