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Nº07<br />

JULI<br />

2014<br />

€ 8.50<br />

CHF 13<br />

Putsch des Marktes?<br />

Sigmar Gabriel über das<br />

Freihandelsabkommen TTI P<br />

In Frauenhänden<br />

Wie Christine Lagarde, Angela<br />

Kane und Fatou Bensouda<br />

die Welt regieren<br />

„ Europa fehlt die Idee “<br />

Der Historiker Christopher<br />

Clark trifft den Schriftsteller<br />

Michael Kleeberg<br />

<strong>Uschi</strong> <strong>lädt</strong> <strong>durch</strong><br />

Der Kampf um Merkels Nachfolge:<br />

Von der Leyens Chancen, wen die Kanzlerin<br />

im Blick hat und wie die CDU sich vorbereitet<br />

Österreich: 8.50 €, Benelux: 9.50 €, Italien: 9.50 €<br />

Spanien: 9.50 € , Finnland: 12.80 €<br />

07<br />

4 196392 008505


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bzw. der Audi Bank unterhielten. Je Kunde kann nur ein Plus Konto TopZins eröffnet<br />

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wird im Fall einer Zinsänderung entsprechend angepasst. Nach Ablauf des Aktionszeitraums<br />

gelten für die gesamte Einlage die dann gültigen Plus Konto Zinsen.<br />

Stand: Juni 2014<br />

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Volkswagen Bank GmbH), Leasingleistungen (<strong>durch</strong> Volkswagen Leasing GmbH),<br />

Versicherungsleistungen (<strong>durch</strong> Volkswagen Versicherung AG, Volkswagen Autoversicherung<br />

AG) und Mobilitäts leistungen (u. a. <strong>durch</strong> Volkswagen Leasing GmbH). Zusätzlich werden<br />

Versicherungs produkte anderer Anbieter vermittelt.


ATTICUS<br />

N°-7<br />

KRAFTAKT<br />

KANZLERAMT<br />

Titelbild: Jens Bonnke; Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />

Als Angela Merkel im Herbst 2005<br />

einzog in das gewaltige Gebäude der<br />

Macht an der Spree, da hat sie ihren<br />

engsten Mitarbeitern verboten, sich im<br />

Moment des Überschwangs über ihren<br />

Vorgänger lustig zu machen. Wer es bis<br />

hierhin geschafft habe, so lautete die<br />

Mahnung der neuen Regierungschefin, der<br />

habe allen Respekt verdient. Es erfordert<br />

einen immensen Kraftakt und einen<br />

enormen Willen, ins wichtigste Amt der<br />

Republik zu kommen, es ist eine Leistung,<br />

sich dort über Jahre zu halten. Die größte<br />

Kunst aber wäre es, von diesem Amt ganz<br />

aus freien Stücken zu lassen.<br />

Neun Jahre ist Merkel nun bald Kanzlerin,<br />

drei Wahlen hat sie gewonnen, ein<br />

Hattrick, sagt man im Fußball. Es ist an<br />

der Zeit, darüber zu sprechen, wie es nach<br />

ihr weitergeht. Und in der Union machen<br />

sich neuerdings viele Gedanken über diese<br />

Frage, nicht nur, weil eine Aspirantin auf<br />

die Nachfolge, Verteidigungsministerin<br />

Ursula von der Leyen, ihre Ambition<br />

kaum verhehlt.<br />

Von der „Stunde null“ reden sie hinter<br />

vorgehaltener Hand, weil sie ahnen, dass<br />

Merkels Abschied aus dem Nichts kommen<br />

wird. Dass sie nicht wie ihr großer<br />

Lehrmeister Helmut Kohl den Moment<br />

verpassen will, sondern ihn selbst bestimmt.<br />

Die Titelgeschichte dieser Ausgabe<br />

( ab Seite 14 ) befasst sich mit dieser<br />

Stunde null, mit von der Leyen, anderen<br />

Kandidaten und dem wohlwollenden<br />

Blick von Merkel auf eine Frau, die noch<br />

keiner auf dem Schirm hat.<br />

Raus aus dem Kanzleramt – einer hat<br />

es schon getan, und das ist Ronald<br />

Pofalla, lange Jahre treuester Knappe der<br />

Kanzlerin und alsbald Manager bei der<br />

Deutschen Bahn. Die Personalie hatte in<br />

Berlin für einigen Wirbel gesorgt. Zu Beginn<br />

des kommenden Jahres wird Pofalla<br />

nun seinen umstrittenen Wechsel zur<br />

Bahn vollziehen. Ein halbes Jahr nach<br />

Pofallas Abschied als Chef des Kanzleramts<br />

beschreibt Michael Bröcker, Chefredakteur<br />

der Rheinischen Post, erstmals<br />

in <strong>Cicero</strong> die Hintergründe, Motive und<br />

Abläufe des Abschieds eines Merkel-<br />

Treuen von seiner Chefin ( Seite 28 ).<br />

Mit besten Grüßen<br />

CHRISTOPH SCHWENNICKE<br />

Chefredakteur<br />

3<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


BORIS CHARMATZ / MUSÉE DE LA DANSE<br />

20 DANCERS FOR<br />

THE XX CENTURY<br />

27. & 28. JUNI, 17:00 UHR, EINTRITT FREI<br />

SOWJETISCHES EHRENMAL IM TREPTOWER PARK<br />

FOREIGN<br />

AFFAIRS<br />

26.6 –13.7.14<br />

FOREIGN<br />

AFFAIRS<br />

26.6. 13.7.14<br />

Programm<br />

Gefördert <strong>durch</strong><br />

Gefördert <strong>durch</strong> die<br />

Foto: Ivar Veermae


INHALT<br />

TITELTHEMA<br />

14<br />

DIE STUNDE NULL<br />

Was passiert, wenn Merkel geht? In der Union<br />

ist das Rennen um die Nachfolge eröffnet.<br />

In der Pole-Position: Ursula von der Leyen.<br />

Aber die Verteidigungsministerin hat auch<br />

Schwächen – und nur wenige Freunde<br />

Von GEORG LÖWISCH, CONSTANTIN MAGNIS, ALEXANDER<br />

MARGUIER und CHRISTOPH SCHWENNICKE<br />

Illustration: Jens Bonnke<br />

17<br />

DIE OPTIONEN DER CDU<br />

Erfahrung, Beliebtheit, Ausrichtung, Härte,<br />

Hausmacht. Acht CDU-Kandidaten und ihr<br />

Potenzial für den wichtigsten Job der Republik<br />

26<br />

WER EIGNET SICH FÜRS KANZLERAMT?<br />

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag<br />

von <strong>Cicero</strong> kommt zu<br />

überraschenden Ergebnissen<br />

5<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


BERLINER REPUBLIK WELTBÜHNE KAPITAL<br />

28 RAUS AUS DEM KANZLERAMT<br />

Warum Ronald Pofalla das Zentrum<br />

der Macht wirklich verließ<br />

Von MICHAEL BRÖCKER<br />

60 TÖTEN IST SEIN HANDWERK<br />

Der Boko-Haram-Chef<br />

Abubakar Shekau führt Krieg<br />

gegen die Christen<br />

Von JOHANNES DIETERICH<br />

80 SÜSSE LAST DER EWIGKEIT<br />

Werner Müller soll den Abbau<br />

der Atommeiler organisieren<br />

zulasten der Steuerzahler<br />

Von ANTJE HÖNING<br />

30 „DA IST WAS SCHIEFGELAUFEN“<br />

Simone Peter soll die Grünen vom<br />

Image der Bevormunder befreien<br />

Von ALEXANDER MARGUIER<br />

32 DADDY COOL<br />

Martin Dulig bringt Sachsens<br />

geprügelte SPD in Schwung<br />

Von GEORG LÖWISCH<br />

34 STAATSMÄNNER<br />

In der Deutschen Bank<br />

herrschen die Falschen<br />

Von FRANK A. MEYER<br />

36 DIE QUERULATOREN<br />

Gauweiler, Kubicki, Ströbele – acht<br />

Regeln zu einem Politikertypus<br />

Von CHRISTOPH SCHWENNICKE<br />

39 FRAU FRIED FRAGT SICH …<br />

… ob wir unsere Kinder zu<br />

egoistischen Strebern erziehen<br />

Von AMELIE FRIED<br />

62 HAUPTSACHE PREMIER<br />

Der griechische Regierungschef<br />

Antonis Samaras wollte<br />

immer nur das Eine<br />

Von RICHARD FRAUNBERGER<br />

66 DEMOKRATIE, EIN<br />

AUSLAUFMODELL?<br />

Ein Amerikaner analysiert<br />

das Ergebnis der EU-Wahl<br />

Von WILLIAM J.DOBSON<br />

68 FRAUEN VON WELT<br />

Wie Christine Lagarde,<br />

Angela Kane und Fatou<br />

Bensouda Politik verändern<br />

Von JULIA PROSINGER<br />

78 VERGESST INTERVENTIONEN!<br />

Der Irak zeigt, dass ein<br />

militärisches Eingreifen des Westens<br />

zum Scheitern verurteilt ist<br />

Von JUDITH HART<br />

82 EROTISCHES AUS THÜRINGEN<br />

Holger Raithels Porzellan aus Kahla<br />

ist ausgerechnet in China erfolgreich<br />

Von FLORIAN FELIX WEYH<br />

84 MEISTER DER FALSCHMELDUNG<br />

Wie der Postillon-Gründer Stefan<br />

Sichermann eine der populärsten<br />

Satireseiten Deutschlands erschuf<br />

Von MERLE SCHMALENBACH<br />

86 HARMONIE STATT HORMONE<br />

Die Kritik am Freihandelsabkommen<br />

TTIP ist vielstimmig,<br />

aber unbegründet<br />

Von DANIEL MARTIENSSEN<br />

88 „WIR MÜSSEN DAS ABKOMMEN<br />

ENTMYSTIFIZIEREN“<br />

Vizekanzler Sigmar Gabriel über die<br />

zweite Bändigung des Kapitalismus<br />

Von FRANK A. MEYER und<br />

CHRISTOPH SCHWENNICKE<br />

42 SUCH, ARTUS!<br />

Ein Polizeihund kann Handys riechen<br />

Von KAROLINE KUHLA<br />

48 NEIN, NEIN, NOCHMALS NEIN<br />

Ein Massengrab für Kinder erschüttert<br />

Von KARL KARDINAL LEHMANN<br />

90 IRRSINNIGER WETTLAUF<br />

Der Hochfrequenzhandel<br />

destabilisiert die Märkte – ein<br />

Besuch bei einem seiner Erfinder<br />

Von TIL KNIPPER<br />

50 WAS ÜBRIG BLIEB<br />

Fotoessay über das DDR-<br />

Musterdorf Mestlin<br />

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Von BETTINA FLITNER<br />

40<br />

Mobilität trifft Elektrizität:<br />

Der e ­Golf ist da<br />

VW_<strong>Cicero</strong>_Stopper_42x42.indd 1 03.06.14 08:56<br />

68<br />

Christine Lagarde, Direktorin des<br />

Internationalen Währungsfonds<br />

88<br />

Sigmar Gabriel, Wirtschaftsminister<br />

und TTIP-Befürworter<br />

Foto: David van Dam/Hollandse Hoogte/laif; Illustration: Miriam Migliazzi & Mart Klein<br />

6<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


STIL<br />

SALON<br />

CICERO<br />

STANDARDS<br />

98 MODE MIT GEWISSEN<br />

Ein Zwillingspaar macht vegane<br />

Mode, die glamourös wirkt<br />

Von SARAH-MARIA DECKERT<br />

108 MUSIK NUR, WENN SIE LAUT IST<br />

Die Gitarristin Mary Halvorson gibt<br />

dem Jazz seine Kanten zurück<br />

Von TOBIAS LEHMKUHL<br />

3 ATTICUS<br />

Von CHRISTOPH SCHWENNICKE<br />

8 STADTGESPRÄCH<br />

10 FORUM<br />

100 RAN AN DIE RIPPEN!<br />

Feuer, Fleisch und Rotwein –<br />

drei Farben Rot im Grünen.<br />

Wir haben fünf Entrecôtes<br />

auf den Grill gelegt<br />

110 STETS SOLLST DU IHN BEFRAGEN<br />

Stefan Mickisch erklärt Richard<br />

Strauss wie niemand sonst<br />

Von DOROTHEA WALCHSHÄUSL<br />

12 IMPRESSUM<br />

138 POSTSCRIPTUM<br />

Von ALEXANDER MARGUIER<br />

Illustrationen: Martin Haake, Jens Bonnke; Foto: Kai Nedden für <strong>Cicero</strong><br />

Von JULIUS GRÜTZKE mit<br />

Weinempfehlungen von BILLY WAGNER<br />

104 VOM STILLEN SIEGEN<br />

Der dezente Genuss eines<br />

Elektromotorrads<br />

Von ALEXANDER MARGUIER<br />

106 WARUM ICH TRAGE,<br />

WAS ICH TRAGE<br />

Wenn die Großmutter in<br />

Schwarz geheiratet hat, steht<br />

die Farbe nicht für Trauer<br />

Von CHRISTIANE ARP<br />

100<br />

Grillgenuss: Entrecôtes in<br />

der Feuerprobe<br />

112 GROSSER GRABEN<br />

An der Met in New York wird<br />

gestreikt statt gesungen<br />

Von KATHRIN WERNER<br />

116 MAN SIEHT NUR, WAS MAN SUCHT<br />

Die heilige Kümmernis und das<br />

Unbewusste der Spektakelgesellschaft<br />

Von BEAT WYSS<br />

118 „DIE REGIONEN RETTETEN EUROPA“<br />

Michael Kleeberg und Christopher Clark<br />

über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs<br />

Von ALEXANDER KISSLER<br />

124 LITERATUREN<br />

Bücher von Virginia Woolf,<br />

Peter Sloterdijk, Ronald<br />

Dworkin und Tamara Bach<br />

130 BIBLIOTHEKSPORTRÄT<br />

Ute Lemper liest in New York<br />

Bücher der Heimatlosen<br />

Von SEBASTIAN MOLL<br />

134 HOPES WELT<br />

Elvis Presley hatte vielleicht doch recht<br />

Von DANIEL HOPE<br />

136 DIE LETZTEN 24 STUNDEN<br />

Nicht ohne meinen Rucksack<br />

Von GLENN GREENWALD<br />

108<br />

Mary Halvorson ist die<br />

gefragteste Gitarristin des Jazz<br />

Habt Acht!<br />

Es fällt schwer, sich die<br />

Bundesrepublik nach<br />

Merkel vorzustellen. Wer es<br />

doch tut – so wie wir in unserer<br />

Titelgeschichte –, der<br />

kommt an Ursula von der<br />

Leyen kaum vorbei. Alles<br />

an ihr strahlt inzwischen<br />

den Willen zur Kanzlerschaft<br />

aus. Und obwohl die<br />

Verteidigungsministerin<br />

dafür kritisiert wird, sich zu<br />

viel mit Kitas und zu wenig<br />

mit Rüstung zu beschäftigen:<br />

Kampfgeist kann<br />

man ihr wahrlich nicht<br />

absprechen. Konflikte sind<br />

Teil ihrer Strategie, ihre<br />

öffentlichen Äußerungen<br />

sind wohlkalkulierte Schüsse,<br />

die selten ihr politisches<br />

Ziel verfehlen. Darum hat<br />

unser Titelkünstler Jens<br />

Bonnke die Ministerin mit<br />

zwei Pistolen in der Hand<br />

gezeichnet. Ob beide<br />

Waffen echt sind, weiß<br />

man bei einer Frau wie von<br />

der Leyen nie. Denn keiner<br />

blufft so gut wie sie.<br />

7<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


CICERO<br />

Stadtgespräch<br />

Wenn Knirpse wählen, was Steinbrück mit seiner Enkelin vorhat, warum<br />

nicht nur Merkel an Gewicht verlor und wie die FDP sich selbst versteigert<br />

Strikt vertraulich:<br />

Karlspreis für Putin<br />

Neulich im Doppeldecker:<br />

Die Qual der Wahl<br />

Zorniger Opa:<br />

Peers Vermächtnis<br />

Nichts bleibe so geheim wie das,<br />

was im Bundestag öffentlich gesagt<br />

wird, klagte einst der SPD-Politiker<br />

Erhard Eppler. Umgekehrt passt<br />

der Schuh auch: Nichts wird so gern<br />

kolportiert wie das, was Politiker hinter<br />

verschlossenen Türen in sogenannten<br />

Hintergrundkreisen „unter drei“ –<br />

also strikt vertraulich – Journalisten<br />

anvertrauen. Wenn zum Beispiel Angela<br />

Merkel sauer auf Volker Kauder ist,<br />

dann sagt sie das nicht im Bundestag,<br />

sondern „unter drei“ in so einem Kreis.<br />

Oder wenn Wolfgang Schäuble den russischen<br />

Präsidenten ärgern will, dann<br />

scherzt er: Wladimir Putin habe den<br />

Karlspreis verdient, also die Aache ner<br />

Goldkette für Vorzeige-Europäer. Begründung:<br />

„So einig wie in der Ukraine-Krise<br />

waren die Europäer schon<br />

lange nicht mehr.“ Eine schöne, ironische<br />

Spitze, die er so wenig dementieren<br />

muss wie Merkel die Kauder-<br />

Schelte. Denn was „unter drei“ erzählt<br />

wird, gilt offiziell als nie gesagt. til<br />

So ein Image klebt länger als jedes<br />

Wahlplakat. Montagmorgen nach<br />

der Europawahl im Bus M85 Richtung<br />

Rathaus Steglitz. Zwei Knirpse, neun<br />

bis zehn Jahre alt, auf den Logenplätzen<br />

im Doppeldecker oben ganz vorne.<br />

Am Straßenrand: lauter Wahlplakate.<br />

„Ich bin für die Grünen“, sagt der eine.<br />

„Und du? Für wen bist du?“ Der andere<br />

druckst herum und brummelt ein verschämtes<br />

„SPD“. „Was, echt?“, ruft der<br />

andere, als bräche eine Welt zusammen.<br />

„Das hätt’ ich nie gedacht! Ich<br />

dachte, du bist CDU! Du bist doch ein<br />

Streber hoch 27!“ Danach wenden sie<br />

sich wieder dem wichtigeren Thema zu,<br />

welche Spielkonsole denn nun die beste<br />

sei. Das Leben steckt eben voller Alternativen.<br />

Nintendo oder Playstation,<br />

Cowboy oder Indianer, CDU oder SPD,<br />

Bayern oder Dortmund? Auch Knirpse<br />

haben schon die Qual der Wahl. Und<br />

da sind selbst beste Freunde für eine<br />

Überraschung gut. swn<br />

Peer Steinbrück ist kürzlich Großvater<br />

geworden, und er lässt keinen<br />

Zweifel daran, dass er seine neue Rolle<br />

auch politisch ausfüllen will: „Die Enkeltochter<br />

schicke ich später einmal auf<br />

Demonstrationen gegen die Rentenpolitik<br />

der Bundesregierung“, ätzte der Ex-<br />

Kanzlerkandidat der SPD auf einer Diskussionsveranstaltung<br />

in Berlin.<br />

Als ihn der Moderator Roland<br />

Tichy, bis Oktober noch Chefredakteur<br />

der Wirtschaftswoche, fragte, wer wohl<br />

über die Rente mit 63 gesagt habe, dies<br />

sei „eine Botschaft, die wir jetzt nicht<br />

brauchen“, tippte Steinbrück auf „eine<br />

linke SPD-Politikerin“. Tichy: „Falsch.<br />

Das hat Kanzlerin Merkel gesagt.“<br />

Da freute sich der ehemalige Kanzlerkandidat:<br />

„Na, dann habe ich ja richtig<br />

gelegen.“ Später verriet er, die seiner<br />

Enkelin zugedachte Schokolade<br />

esse er lieber selber. Denn: „Schokolade<br />

ist schädlich für Neugeborene –<br />

wenn auch nicht so schlimm wie das<br />

Rentenpaket.“ tz<br />

Illustrationen: Jan Rieckhoff<br />

8<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Geschrumpftes Kanzleramt:<br />

Gewichtsverlust<br />

Dass die Bundeskanzlerin an Gewicht<br />

verloren hat, ist unübersehbar.<br />

Das Gesicht ist glatter geworden,<br />

die Figur straffer. Angeblich werden im<br />

Kanzleramt keine Kekse mehr gereicht,<br />

sondern nur noch geschälte Möhren<br />

und andere Rohköstlichkeiten. Runde<br />

zehn Kilo soll Angela Merkel seit ihrem<br />

Unfall beim Skiurlaub Anfang Januar<br />

abgenommen haben, hieß es. Von<br />

offizieller Seite gab es allerdings zu der<br />

gelungenen Abspeckaktion weder ein<br />

Dementi noch eine Bestätigung. Der<br />

Augenschein genügt.<br />

Nun aber hat Kanzleramtsminister<br />

Peter Altmaier auf einer Party doch ein<br />

wenig aus dem Nähkästchen geplaudert<br />

und die Dinge etwas zurechtgerückt.<br />

Nicht Merkel habe zehn Kilo verloren,<br />

sondern das Kanzleramt insgesamt,<br />

weil „die Kanzlerin und ich je fünf Kilo<br />

abgenommen haben“.<br />

Der joviale Saarländer, der gern<br />

und exzellent kocht und ebenso gern<br />

isst, weiß, wovon er redet. In seiner<br />

großen Altbauwohnung gegenüber dem<br />

KaDeWe hing (oder hängt vielleicht immer<br />

noch) ein handgemaltes Plakat mit<br />

der Zahl 145 – so viel wog er einmal.<br />

Als er aber jetzt auf der Party sein<br />

Bäuchlein vorstreckte, um seinen angeblichen<br />

Abspeckerfolg zu dokumentieren,<br />

erntete er Heiterkeit. Sein Leibesumfang<br />

sei gar nicht geschrumpft,<br />

widersprachen die Partygäste, das<br />

Hemd spanne immer noch, und an seinem<br />

Embonpoint sei eine Veränderung<br />

nicht erkennbar. Der CDU-Politiker<br />

tat die Einwände kurz und bündig ab:<br />

„Das ist kleinkarierter Neid.“ tz<br />

FDP versteigert sich:<br />

Heuss unterm Hammer<br />

Jahrzehntelang predigte die FDP, der<br />

Staat solle sich zurückziehen. Jetzt<br />

wurde sie selbst zurückgezogen. Die<br />

Partei des So-wenig-Staat-wie-möglich<br />

hat deshalb weniger Substanz als nötig.<br />

Aber auch dies versucht sie marktkonform<br />

auszugleichen, wie sich jetzt<br />

bei der Verwaltung ihres Nachlasses<br />

zeigt. Alles muss raus! Auf der Internet-Auktionsplattform<br />

Vebeg soll<br />

zum Beispiel die Büste des Ehrenvorsitzenden<br />

Theodor Heuss unter den<br />

Hammer. Als Verkäuferin tritt die<br />

„FDP-Bundestagsfraktion in Liquidation“<br />

auf. Liquidation! Klingt nach<br />

Nimmerwiedersehen.<br />

Das sieht auch Karlsruhe so: Das<br />

Bundesverfassungsgericht hat gerade<br />

eine Organklage (der NPD) gegen die<br />

FDP-Fraktion mit der Begründung abgewiesen,<br />

nach dem Ausscheiden der Liberalen<br />

aus dem Bundestag bestehe für<br />

die Klärung des Antrags kein Rechtsschutzbedürfnis<br />

mehr. Logisch: Was<br />

nicht existiert, kann auch nicht beklagt<br />

werden. In der Urteilsbegründung findet<br />

sich dann der fast noch schlimmere<br />

Nachsatz: „Die Antragstellerin kann ihr<br />

Rechtsschutzbedürfnis nicht aus einer<br />

absehbaren Wiederholungsgefahr herleiten.“<br />

Keine Wiederholungsgefahr?! Das<br />

ist eine höchstrichterliche Ohrfeige für<br />

Christian Lindner, der doch genau das<br />

werden will: ein Wiederholungstäter.<br />

Auf der Auktionsseite werden im<br />

Übrigen auch alte Plenarsaalsessel feilgeboten.<br />

Laut Beschreibung weisen sie<br />

„starke Gebrauchsspuren“ auf. Es gab<br />

sie also immerhin, die FDP. ts<br />

Bröckelndes Holocaust-Mahnmal:<br />

Auf der langen Bank<br />

Hundert Jahre sollten die Stelen des<br />

Berliner Holocaust-Mahnmals halten.<br />

Doch bereits nach sechs Jahren<br />

zeigte das Monument in der Mitte Berlins<br />

so viele Risse, dass ein Gutachter<br />

eingesetzt wurde, der die Mängel für<br />

ein späteres Gerichtsverfahren untersuchen<br />

und dokumentieren soll. Wer ist<br />

verantwortlich für den bröckelnden Beton:<br />

Der Hersteller? Der Architekt? Die<br />

Bauaufsicht?<br />

Schon im Dezember 2010 wurde<br />

eine besonders schwer beschädigte<br />

Stele demontiert und an das Institut für<br />

Bauforschung in Aachen transportiert.<br />

44 Stelen sind bereits, 380 weitere werden<br />

– angeblich – demnächst mit Stahlmanschetten<br />

gesichert. Aber als die<br />

Süddeutsche Zeitung kürzlich Alarm<br />

schlug und den fortschreitenden Verfall<br />

aufdeckte, spielte die für das Denkmal<br />

zuständige Stiftung den Skandal herunter:<br />

Alles bekannt, nichts Neues, alle<br />

Beteiligten sind längst über die Beschädigungen<br />

in Kenntnis gesetzt.<br />

„Derzeit können keine tragfähigen<br />

Aussagen zur Methode einer Sanierung<br />

schadhafter Stelen oder Herstellung<br />

rissfreier Stelen getroffen werden. Erst<br />

wenn diese Informationen vorliegen,<br />

können auch die Kosten kalkuliert werden“,<br />

erklärt eine Sprecherin. Einmal<br />

jährlich tage das Kuratorium, zuletzt im<br />

April dieses Jahres, und jedes Mal sei<br />

über die Schäden an den Stelen geredet<br />

worden. Da ist sie wieder, die sattsam<br />

bekannte lange Bank, auf die in Berlin<br />

so viele Bauprobleme geschoben werden.<br />

Wiedervorlage: spätestens im Frühjahr<br />

2015 – zum zehnjährigen Jubiläum. hp<br />

9<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


CICERO<br />

Leserbriefe<br />

FORUM<br />

Es geht um Rock ’n’ Roll und um die Wehrpflicht,<br />

ums <strong>Cicero</strong>-Jubiläum und um Tiere im Zoo<br />

Zu: „Der letzte Sommer des Rock ’n’ Roll“ und Atticus von Christoph Schwennicke, Juni 2014<br />

Ein Hauch „Schweizer Qualität“<br />

Eine wahre Explosion journalistischen Schaffens, in Ihren Heften von Mai und<br />

Juni. Sie setzen sich so vom Rest der gedruckten Medienlandschaft deutlich ab.<br />

Sicherlich ein Hauch „Schweizer Qualität“, die sonst beim Mainstream gern<br />

als verpönt gilt. Ihr Thema: „Der letzte Sommer des Rock ’n’ Roll“ hat mich<br />

besonders berührt. Sie sprechen damit offensichtlich den Zeitgeist an, da die<br />

heutigen Middle Ager und Silver Ager so ihre Fehlmengen aus den sechziger<br />

und siebziger Jahren auffüllen können. Denn damals waren sie mit dem schnöden<br />

Broterwerb und der Karriere beschäftigt und konnten nicht die angesagten<br />

Rock-Konzerte frequentieren.<br />

Peter Herrmann, Stuttgart<br />

Unsinnig und ärgerlich<br />

Seit mehreren Jahren lese ich<br />

<strong>Cicero</strong> mit Vergnügen. Seit dem<br />

Wechsel der Chefredaktion und der<br />

unverkennbaren Neuausrichtung ist<br />

dieses Vergnügen jedoch gelegentlich<br />

gemindert. Man kann Amelie<br />

Fried überlesen, es gibt viele andere,<br />

spannende Artikel. Die letzte<br />

Ausgabe hat mir allerdings gar nicht<br />

gefallen. Gibt es aktuell wirklich<br />

nichts Wichtigeres in der Welt als<br />

das drohende Ende des Rock ’n’ Roll?<br />

Sorry, interessiert mich überhaupt<br />

nicht, wird nicht der Weltuntergang<br />

sein. Und der Vergleich von Herrn<br />

Schwennicke mit dem Ende der<br />

Klassik, „als Mozart und Beethoven<br />

weg waren“ und damit eine Zeitenwende<br />

eintrat, ist gelinde gesagt<br />

unsinnig. Richtig ärgerlich fand ich<br />

dann den Artikel „Fernsehen 2014“.<br />

Jetzt weiß ich, was ich in den Augen<br />

der Stil-Redaktion bin: ein hoffnungsloser<br />

Hinterwäldler, eigentlich<br />

gibt es mich gar nicht.<br />

Georg Schreiber, Tönisvorst<br />

Zum Beitrag „Der prekäre Frieden“ von<br />

Karl Feldmeyer, Juni 2014<br />

Brillante Analyse<br />

Brillanter Artikel! Fast schon zu<br />

schade für die Seite 48 des <strong>Cicero</strong>.<br />

Er hat es verdient, als Leitartikel aller<br />

seriösen Tages- und Wochenzeitungen<br />

abgedruckt zu sein.<br />

Wolfgang H. Eisenhardt, Vallendar<br />

Ohne Wehrpflicht friedlicher<br />

Die Abschaffung der Wehrpflicht<br />

mag ein Fehler gewesen sein. Aber<br />

90 Prozent aller Angriffskriege in<br />

den letzten Jahrhunderten gingen<br />

vom Westen aus, nicht vom Osten.<br />

Matthias Weißenberg, Neuss<br />

Rückwärts gedacht<br />

Wenn Herr Feldmeyer meint, eine<br />

Wehrpflicht erhöhe unsere Sicherheit,<br />

dann lebt er gedanklich noch<br />

in der ersten Hälfte des vorigen<br />

Jahrhunderts.<br />

Christl Kamm, Augsburg<br />

Zum Kommentar „Misstraut euch!“ von<br />

Frank A. Meyer, Juni 2014<br />

Vertrauen ist besser<br />

Nie und nimmer kann Misstrauen<br />

erste Bürgerpflicht sein. In jedem<br />

Fall haben auch Geheimdienste dem<br />

Wohl des Staates zu dienen. Nur<br />

eine auf Vertrauen gegründete politische<br />

Kraft kann jeder Entgleisung<br />

wirksam entgegentreten, sicherlich<br />

auch mit sinnvollen Kontrollen. Auf<br />

Vertrauen, nicht auf Kontrolle und<br />

Überprüfung ist Demokratie, ist Gemeinschaft<br />

auf Dauer gebaut!<br />

Eduard Biedermann, Hamburg<br />

Zum Postscriptum „Leyen-Truppe“ von<br />

Alexander Marguier, Juni 2014<br />

Eine gute Wahl<br />

Auch wenn die Personalie auf diesem<br />

Posten seit ihrer Besetzung tausend<br />

Fragezeichen aufwirft, ist es<br />

doch, wenn man die Chaostruppe<br />

auf Regierungspöstchen insgesamt<br />

betrachtet, eine gute Wahl – diese<br />

Frau beschwichtigt ängstliche Gemüter,<br />

suggeriert die Bundeswehr<br />

als Familienstandort und irritiert<br />

wunderbar alle internationalen Mitspieler.<br />

Sie ist autoritär und diszipliniert,<br />

sie ist extrem erfolgsorientiert.<br />

Wenn sie den Auftrag bekommt, Zuwachs<br />

zu generieren, dann erfüllt<br />

sie das auch zur vollsten Zufriedenheit.<br />

Und das Image einer Kuscheltruppe<br />

wirkt <strong>durch</strong>aus anziehend<br />

auf unentschlossene Arbeitssuchende<br />

– beobachten wir doch einfach<br />

mal in Ruhe die Truppenstärke.<br />

Agnes Conrad, Böhl-Iggelheim<br />

10<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


∆Wie lässt sich Armut besiegen?<br />

Die Zahl der Menschen in extremer Armut hat sich seit 1990 halbiert. Und das ist nur<br />

einer von vielen Gründen, warum es sich lohnt, Verantwortung zu übernehmen.<br />

Darum fördert die KfW die Wirtschaft in armen Regionen der Erde – und ermöglicht<br />

jeder Generation, ihre Lebens bedingungen nachhaltig zu verbessern.<br />

Veränderung fängt mit Verantwortung an. kfw.de/verantwortung


IMPRESSUM<br />

VERLEGER Michael Ringier<br />

CHEFREDAKTEUR Christoph Schwennicke<br />

STELLVERTRETER DES CHEFREDAKTEURS<br />

Alexander Marguier<br />

REDAKTION<br />

TEXTCHEF Georg Löwisch<br />

CHEFIN VOM DIENST Kerstin Schröer<br />

RESSORTLEITER Lena Bergmann ( Stil ),<br />

Judith Hart ( Weltbühne ), Dr. Alexander Kissler ( Salon ),<br />

Til Knipper ( Kapital ), Constantin Magnis<br />

( Reportagen ), Dr. Frauke Meyer-Gosau ( Literaturen )<br />

CICERO ONLINE Christoph Seils ( Leitung ),<br />

Petra Sorge, Timo Stein<br />

ASSISTENTIN DES CHEFREDAKTEURS<br />

Monika de Roche<br />

REDAKTIONSASSISTENTIN Sonja Vinco<br />

ART-DIREKTORIN Viola Schmieskors<br />

BILDREDAKTION Antje Berghäuser, Tanja Raeck<br />

PRODUKTION Utz Zimmermann<br />

VERLAG<br />

GESCHÄFTSFÜHRUNG<br />

Michael Voss<br />

VERTRIEB UND UNTERNEHMENSENTWICKLUNG<br />

Thorsten Thierhoff<br />

REDAKTIONSMARKETING Janne Schumacher<br />

NATIONALVERTRIEB/LESERSERVICE<br />

DPV Deutscher Pressevertrieb GmbH<br />

Düsternstraße 1–3, 20355 Hamburg<br />

VERTRIEBSLOGISTIK Ingmar Sacher<br />

ANZEIGEN-DISPOSITION Erwin Böck<br />

HERSTELLUNG Michael Passen<br />

DRUCK/LITHO Neef+Stumme,<br />

premium printing GmbH & Co.KG,<br />

Schillerstraße 2, 29378 Wittingen<br />

Holger Mahnke, Tel.: +49 (0)5831 23-161<br />

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Sie <strong>Cicero</strong> bei Ihrem Pressehändler nicht<br />

erhalten sollten, bitten Sie ihn, <strong>Cicero</strong> bei seinem<br />

Großhändler nachzubestellen. <strong>Cicero</strong> ist dann in der<br />

Regel am Folgetag erhältlich.<br />

Zu den Beiträgen „Nach der Euphorie“<br />

von Michael Ringier und „Smog raubt<br />

die Sicht“ von Frank A. Meyer,<br />

Jubiläums ausgabe Mai 2014<br />

Immer weniger Leser<br />

Beide Herren sprachen mir aus<br />

der Seele. Vor allem Herrn Meyers<br />

Gedanken: „Zeitunglesen ist<br />

Lust an sich selbst: Der Zeitungsleser<br />

bremst die Hektik der Welt, verlangsamt<br />

sie zur Lesezeit, macht sie<br />

erfahrbar, erkennbar, begreifbar.<br />

Er ruht im Auge des Shitstorms –<br />

und beharrt auf geistiger Selbstbestimmung.“<br />

Es gibt in den Bahnen<br />

immer weniger Zeitungsleser, und<br />

wer die anderen Medien benutzt,<br />

liest auf seinem iPad, Kindle-Reader<br />

und so weiter dann doch eher ein digitales<br />

Buch, oftmals wird halt mit<br />

den Geräten nur gespielt.<br />

Rainer Bernecker, Berlin<br />

Gebrochene Versprechen<br />

Ich wollte Ihnen nur kurz mitteilen,<br />

dass ich sehr enttäuscht von der<br />

Jubiläumsausgabe war. Ich kaufe<br />

Ihr Magazin gerne, da ich hier oft<br />

Texte lese, die gegen den medialen<br />

Konsens sind – ohne auf der anderen<br />

Seite populistisch zu sein. Deshalb<br />

fand ich die Argumente zur EU<br />

besonders schwach, vor allem, was<br />

Wohlstand, Demokratie und Rechtsstaat<br />

angeht. Gerade in diesen drei<br />

Punkten hat die EU-Politik seit<br />

Euro-Einführung ihre großen Versprechen<br />

schlichtweg nicht gehalten.<br />

Robert Benkens, Barßel<br />

Blick nach „unten“<br />

Sie befassen sich redaktionell ausschließlich<br />

mit Arrivierten, Erfolgreichen,<br />

Bekannten und Berühmten<br />

– wie wäre es, wenn Sie in<br />

jedem Heft eine oder einen aus der<br />

Gruppe „unten“, Otto oder Ottilie<br />

Normalverbraucher zu Wort kommen<br />

ließen? Menschen, welche die<br />

Gabe des Schreibens nie erlernten –<br />

die aber etwas zu berichten haben,<br />

die denken, die handeln, die „über<br />

die Runden kommen“? Es wäre eine<br />

Bereicherung von <strong>Cicero</strong>!<br />

Peter Hockernholz, Alanya,Türkei<br />

12<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


CICERO<br />

Leserbriefe<br />

Zum Beitrag „Mercedes ausgebremst“<br />

im Stadtgespräch, Mai 2014<br />

Nur deutsche Karossen<br />

Recht so, Herr Strobl, freier Warenverkehr<br />

in Europa ist ja gut und<br />

schön, aber deutsche Politiker gehören<br />

ja wohl in deutsche Kraftfahrzeuge!<br />

Nicht auszudenken, wenn<br />

unsere Volksvertreter sich etwa in<br />

Limousinen chauffieren ließen, die<br />

mit welscher Nonchalance an der<br />

Seine montiert wurden. Oder sie<br />

benutzten gar Automobile, welche<br />

– lieblos zusammengeschustert –<br />

Werkhallen des perfiden Albions als<br />

Geburtsort ausweisen! Bleiben Sie<br />

standhaft und lassen Sie nicht zu,<br />

dass Audi & Co. jemals eine solche<br />

Demütigung widerfährt!<br />

Christian Friedrich Reineck, Berlin<br />

Zum Beitrag „Ein Zivilisationsbruch“,<br />

Gespräch mit dem Historiker Jörg<br />

Friedrich von Alexander Kissler, Mai 2014<br />

Karikatur: Hauck & Bauer<br />

Propaganda-Sieger<br />

Das Gespräch empfand ich als sehr<br />

informativ und von großer Sachkenntnis<br />

geprägt. Als Kriegspropagandisten<br />

waren die Alliierten<br />

eindeutig die Besseren. Die Versenkung<br />

der „Lusitania“ etwa war<br />

komplett mit dem herrschenden<br />

Kriegsrecht vereinbar, anders als<br />

die englische Seeblockade. Dennoch<br />

gelang es Churchill, die Deutschen<br />

als Monster hinzustellen,<br />

obwohl er als Marinechef die Versenkung<br />

wenn schon nicht herbeigewünscht,<br />

so doch billigend in Kauf<br />

genommen hat. Ab da waren wir<br />

die „Hunnen“.<br />

Prof. Dr. Claus Priesner, München<br />

Zum Beitrag: „Salz, Sonne und Meer“<br />

von Franziska Brantner und Robert<br />

Habeck, Mai 2014<br />

Camus in weiter Ferne<br />

Eine wunderbare Idee, sich auf Camus<br />

zu besinnen. Die Grünen aber<br />

sind ihm so fern wie alle anderen<br />

Politiker, weil sie den Kerngedanken<br />

des Existenzialismus, die verantwortungsvolle<br />

Selbstbestimmung<br />

des Einzelnen, völlig ignorieren.<br />

Thomas Siering, Berlin<br />

Zum Titelbeitrag: „Die dunkle Seite<br />

des Reformators“ von Christian<br />

Pfeiffer, April 2014<br />

Forschung ignoriert<br />

Sie erwecken den Eindruck, als hätten<br />

Sie das Thema Luther und die<br />

Juden entdeckt; endlich wird es behandelt!<br />

Endlich hat der investigative<br />

Journalismus sich darangemacht,<br />

und Christian Pfeiffer ist der<br />

Kriminologe, der kriminalistisch<br />

aufdeckt, was bisher verheimlicht<br />

wurde. Nur leider ignoriert der Autor<br />

die riesige Menge von Büchern,<br />

die in den vergangenen 50 Jahren<br />

dazu erschienen sind.<br />

Auch beim Umgang mit Sekundärliteratur<br />

hat er keine großen<br />

Künste offenbart. So zitiert er ein<br />

Buch von Wolfgang Gerlach und es<br />

gelingt ihm, mithilfe einer herausgerissenen<br />

Information den Tenor<br />

des Buches ins glatte Gegenteil zu<br />

verdrehen. Der Leser von <strong>Cicero</strong><br />

muss denken, Gerlach habe apologetische<br />

Absichten verfolgt; tatsächlich<br />

hat er sich über die evangelische<br />

Kirche im Dritten Reich<br />

kritisch geäußert.<br />

Dr. Siegfried v. Kortzfleisch, Lübeck<br />

Zum Beitrag „Das Leben ist ein<br />

Ponykopf“ von Marie Amrhein,<br />

Mai 2014<br />

„Zoos gehören abgeschafft“<br />

Das ist ein ziemlich widerlicher und<br />

überflüssiger Artikel. Tiere sind Mitgeschöpfe,<br />

die nicht dazu da sind,<br />

um jeden Preis und immer dem<br />

Menschen zu dienen, ihn zu verfetten<br />

oder ihn zu unterhalten. Zoos<br />

gehören abgeschafft.<br />

Natürlich fressen Tiere andere<br />

Tiere, das dürfen sie auch, aber sie<br />

jagen sie, und jedes hat dabei eine<br />

echte Chance, oder die Raubtiere<br />

sorgen für einen naturgemäßen<br />

„Reinigungsprozess“ (Vertilgen von<br />

schwachen und kranken Tieren), so<br />

ist die Natur, die wir auch nicht ändern<br />

können.<br />

Aber das bedeutet nicht, dass<br />

wir Menschen das zelebrieren und<br />

in Zoos demonstrieren müssen, auf<br />

eine Weise und mit Mitteln, die<br />

eben nicht der Natur entsprechen<br />

( = keine Jagd z. B. )!<br />

Ute Vogt, Schossin<br />

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen.<br />

Wünsche, Anregungen und Meinungsäußerungen<br />

senden Sie bitte an redaktion@cicero.de<br />

13<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


TITEL<br />

<strong>Uschi</strong> <strong>lädt</strong> <strong>durch</strong><br />

DIE<br />

STUNDE<br />

NULL<br />

Die Union macht sich Gedanken<br />

über die Zeit nach Angela Merkel.<br />

Ursula von der Leyen will ihr nachfolgen.<br />

Darf sie auch?<br />

Von GEORG LÖWISCH, CONSTANTIN MAGNIS,<br />

ALEXANDER MARGUIER und CHRISTOPH SCHWENNICKE<br />

Illustrationen JENS BONNKE<br />

14<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


TITEL<br />

<strong>Uschi</strong> <strong>lädt</strong> <strong>durch</strong><br />

Bevor die Macht entweicht, wird Angela Merkel<br />

noch mal am Handy knibbeln. Die Daumen<br />

der Noch-Kanzlerin werden über die<br />

Tastatur huschen. Vielleicht wird sie eine Sekunde<br />

länger über eine Formulierung nachdenken.<br />

Aber die SMS wird zur Situation passen, ihre lieb gewonnene<br />

Kommunikationsform, von der sie nicht mal<br />

ließ, als die Amerikaner ihre Daten abfischten. Die<br />

SMS’ haben ihren schnörkellosen Stil in all den Jahren<br />

so schön unterstrichen, es lag in ihnen immer auch<br />

ein Stück humorvolle Distanzierung vom Pomp der<br />

Politprominenz. Die Kurznachricht wird es ihr auch<br />

ermöglichen, die wuchtige, alles beendende Information<br />

mit der nötigen Gleichzeitigkeit zu verschicken.<br />

Kein Durchsickern, kein Krampf, ein souveräner Abgang.<br />

Durchatmen, ein letzter Daumendruck, gesendet:<br />

„bin weg danke und alles gute am“.<br />

So stellen sie es sich vor in der CDU. So reden sie<br />

über die „Stunde null“. Ein Mann aus der CDU-Führung<br />

sagt in seinem Büro: „Sie muss es so machen.<br />

Ohne Vorankündigung, ohne Gespräche. Was glauben<br />

Sie? Eine Kanzlerin auf Abruf ist keine Kanzlerin<br />

mehr.“ – „Die Partei muss sich dann neu finden“,<br />

überlegt ein Landesfürst, der auf Besuch in Berlin ist. –<br />

„Wie das Szenario aussieht, weiß nur sie“, sagt jemand<br />

tief im Regierungsgeschäft. Und meint damit: Im Kopf<br />

der Kanzlerin existiert eines.<br />

Neun Jahre, nachdem Angela Merkel Kanzlerin<br />

geworden ist, und 14 Jahre nach ihrer Wahl zur CDU-<br />

Vorsitzenden geschieht in Berlin Unerhörtes. Es wird<br />

über die Zeit nach ihr geredet. Ihren Abgang. Vorsichtig,<br />

vertraulich. In der Hierarchie eher oben als unten.<br />

Erst wenn die Union bei der Sonntagsfrage Richtung<br />

35 Prozent rutscht, wird das Geschnatter richtig<br />

losgehen. Dann wird die Partei darüber klagen, dass<br />

ihre alte Partnerin FDP so gut wie tot ist. Dass die SPD<br />

immer lebendiger wird. Die Frage nach der Zukunft<br />

wird in den Vordergrund rücken. Die Frage nach der<br />

Nachfolge von Angela Merkel.<br />

Es gibt noch einen anderen Grund, warum die<br />

Stunde null in den Blick gerät. Ursula von der Leyen.<br />

Sie will. Aber darf sie? Wenn ihre Zeit im Verteidigungsministerium<br />

ein Erfolg wird, hat sie gute Chancen.<br />

Jetzt schon verhält sie sich wie eine Rennfahrerin,<br />

die in der Pole-Position die Motoren röhren lässt. Man<br />

sollte sie sich schon einmal genauer ansehen.<br />

AN EINEM FREITAGABEND in Hamburg betritt sie die<br />

Manege im silbernen Glitzerkleidchen. Der Verlag<br />

Gruner + Jahr verleiht den Henri-Nannen-Preis, die<br />

Choreografie ist einem Zirkus nachempfunden. Der<br />

Schauspieler Dominique Horwitz gibt den Zirkusdirektor,<br />

er glänzt, aber selbst er findet in Ursula von der<br />

Leyen seine Meisterin. Im Scheinwerferlicht entfaltet<br />

sie eine Präsenz, als wäre sie Löwenbändigerin und Löwin<br />

in einem. Die Mähne sitzt, kein Härchen steht nur<br />

entfernt so ab wie die Ohren von Dominique Horwitz.<br />

Von der Leyen hält die Lobrede auf den Deutsch-<br />

Franzosen Alfred Grosser, der für sein publizistisches<br />

Lebenswerk ausgezeichnet wird. Ihre Gesten sind klar,<br />

sie artikuliert überdeutlich wie beim Vorsprechen. Sie<br />

redet, als hätte sie als Kind schon auf Onkel Alfreds<br />

Schoß gesessen, lächelt ihn dabei an, innig, vertraut.<br />

Wir Großen unter uns. Die Pointe setzt sie selbstverständlich<br />

in akzentfreiem Französisch, dann artig beiseitegetreten,<br />

damit der Onkel die Bühne für sich hat.<br />

Ein paar Tage später eine Mail an Alfred Grosser:<br />

Ob er und seine Laudatorin einander kennten? Er<br />

schreibt, dass er sie nie zuvor getroffen habe. Aber sie<br />

habe sehr warmherzig gesprochen.<br />

Sie spielt diese Wärme, in Perfektion. „Das ist<br />

das Unheimliche an ihr“, sagt ein früherer Kollege<br />

aus Merkels Kabinett. Er nennt sie „eiskalt, machtsüchtig<br />

und berechnend.“ Es ist kein Weichei und kein<br />

Warmduscher, der zu dieser Einschätzung kommt, und<br />

doch: „Die Frau macht mir Gänsehaut.“<br />

Wenn es in der deutschen Politik einen Menschen<br />

gibt, der die Show von Kindesbeinen an gelernt hat,<br />

dann sie. Sie wird 1958 in Brüssel als Tochter des späteren<br />

niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht<br />

geboren – und hinein in das Schauspielensemble<br />

ihrer Mutter Heidi Adele Albrecht. Zu deren Hobbys<br />

gehört das Verfassen von Theaterdrehbüchern, ihre<br />

Stücke inszeniert sie mit ihren Kindern auf privaten<br />

Vorführungen im Bekanntenkreis. Ursula Gertrud –<br />

genannt „Röschen“ – steht regelmäßig auf der Bühne.<br />

Als Ernst Albrecht 1976 Ministerpräsident von<br />

Niedersachsen wird, haben Röschen und ihre Geschwister<br />

das ganze Land als Publikum. Noch im selben<br />

Jahr trällert die Familie im NDR-Fernsehen Jägerlieder.<br />

1978 veröffentlichen die Albrechts mit<br />

„Wohlauf in Gottes schöne Welt“ eine Volkslied-Single.<br />

Wenn Parteigrößen „Tundrinsheide“ besuchen,<br />

das Gut der First Family in Beinhorn bei Hannover,<br />

gehört ein Hauskonzert der Kinder zum Begrüßungsritual,<br />

Röschen am Klavier. Ursulas inzwischen verstorbene<br />

Mutter Heidi Adele hat einmal gesagt: „Andere<br />

lesen Romane, wir leben sie.“<br />

In der Familie hat Röschen eine Sonderposition.<br />

Nicht nur weil sie das erste – und nachdem ihre kleine<br />

Schwester Benita 1971 an Krebs stirbt, auch das einzige<br />

– Mädchen im Haus ist. Der Vater ist ihr Fixstern<br />

und umgekehrt. Während die Brüder bei Besprechungen<br />

aus dem Zimmer geschickt werden, darf Röschen<br />

bleiben. Sie erfüllt die Erwartungen. Überspringt eine<br />

Klasse, macht schon mit 17 Jahren das Abitur, Note 0,7.<br />

Im Juni 2014 betritt sie in Berlin den Saal der Bundespressekonferenz.<br />

Die Bundesministerin der Verteidigung.<br />

Die Kameras rattern. Dunkelblauer Hosenanzug,<br />

Frisur in Fasson. Alles sitzt. Am Wochenende ist<br />

sie kritisiert worden. Der ehemalige Generalinspekteur<br />

Harald Kujat hat ihr vorgeworfen, ihre Agenda für<br />

eine attraktivere Bundeswehr verpasse den Streitkräften<br />

„das Image von Weicheiern und Warmduschern“.<br />

16<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Fotos: Werner Schüring/Imagetrust, Laurence Chaperon<br />

MERKELS NACHFOLGE –<br />

DIE OPTIONEN DER CDU<br />

URSULA VON DER LEYEN<br />

Sie hat die Chance: Wille zur Macht,<br />

Prominenz, Härte. Und Regierungs erfahrung.<br />

Zuerst Landesministerin in Niedersachsen,<br />

2005 Wechsel ins Bundeskabinett, wo sie<br />

Familien- und 2009 Sozialministerin wurde.<br />

Als Verteidigungsministerin kann sie sich beweisen.<br />

Problem: Von der Leyen, 55, ist zwar<br />

eine von fünf CDU-Bundesvizes, ihr fehlen<br />

aber eigene Truppen in der Partei<br />

THOMAS DE MAIZIÈRE<br />

Riesenerfahrung als Minister in Sachsen und<br />

im Bund. Glänzende vier Jahre als Merkels<br />

Kanzleramtschef bis 2009, dann besonnener<br />

Innenminister. Als Verteidigungsminister<br />

wegen an der geplanten neuen Drohne<br />

Eurohawk gescheitert. Jetzt, mit 60, wieder<br />

Innenminister, eigentlich um sich zu<br />

bewäh ren. Wirkt aber im neuen Amt wenig<br />

ehrgeizig und hat sich erstmal abgemeldet<br />

Die Ministerin lächelt die Hauptstadtjournalisten<br />

an. Sie <strong>lädt</strong> <strong>durch</strong>. Die Kritik sei eine „Einzelstimme<br />

vom Wochenende“. Zweiter Schuss: Die Probleme der<br />

Bundeswehr habe es schon gegeben, „als jene Verantwortung<br />

trugen, die sich heute gegen jede Veränderung<br />

wehren“. Mit anderen Worten: Kujat und seine Kameraden<br />

sind schuld, dass die Bundeswehr als unattraktive<br />

Arbeitgeberin gilt und kaum Nachwuchs findet.<br />

Aber jetzt kommt ja ihr Programm. Überschrift:<br />

„Aktiv. Attraktiv. Anders.“ Maßnahmen: bessere Vereinbarkeit<br />

von Familie und Beruf, flexiblere Laufbahnen,<br />

freundlichere Kasernen. Den Einwand, in Zeiten<br />

der Ukrainekrise seien Bundeswehr-Kitas das falsche<br />

Signal, nimmt sie gern auf: Gerade weil die Zeiten so<br />

ernst seien, müsse die Bundeswehr attraktiver werden.<br />

„Eine Riesenherausforderung.“<br />

Nach der Bundestagswahl im September<br />

2013 hat sich die Kanzlerin darangemacht,<br />

die Stunde null vorzubereiten. Die Große<br />

Koalition formiert sich. Zwei Ressorts besetzt<br />

sie im Lichte der Nachfolge. Thomas de Maizière<br />

ist im Verteidigungsministerium am Drohnenskandal<br />

gescheitert. Der Mann in der Regierung, den sie am<br />

längsten kennt, bekommt eine zweite Chance: das<br />

Innenministerium. Ursula von der Leyens Sozialministerium<br />

geht an die SPD. Wie kann Merkel ihr eine<br />

Chance geben und sie zugleich auf Distanz halten?<br />

Die Verteidigung. Erste Frau in dem Amt, das ist historisch.<br />

Zugleich ist es das härteste aller Ressorts.<br />

Soldaten und zivile Mitarbeiter zusammengenommen,<br />

arbeiten in der Bundeswehr fast eine Viertelmillion<br />

Menschen. Es ist eine eigene Welt mit sehr unterschiedlichen<br />

Sphären, sie ist auf die Inhaberin der<br />

Befehls- und Kommandogewalt ausgerichtet, auf die<br />

Ministerin. Ganz oben in der Befehlskette ist von der<br />

Leyen gut angesehen. Generale im Ministerium können<br />

selbst im informellen Gespräch nicht recht verstehen,<br />

warum die Chefin so viel Kritik bekommt. Die<br />

Wahrnehmung, sie habe nur Kitas und Teilzeitarbeitsplätze<br />

im Blick, stimme einfach nicht, sagt einer der<br />

Uniformierten mit mehreren goldenen Sternen auf der<br />

Schulter. Um die anderen wichtigen Baustellen ihres<br />

Hauses, vor allem um die Rüstung, kümmere sie sich<br />

genauso intensiv. Geht man in der Hierarchie etwas<br />

herunter, lässt die positive Sicht der Dinge nach. Selbst<br />

Kommandeure sehen eher die Ressortchefin, die in der<br />

Öffentlichkeit einen Bogen um die Frage macht, ob und<br />

wie die Bundeswehr sich mit Drohnen ausrüsten soll.<br />

Auf die Drohnen schauen die Bürger, doch um viel<br />

mehr Geld geht es bei den Planungen für neue Hubschrauber<br />

oder ein künftiges modernes Flugabwehrsystem,<br />

das auch Raketen abschießen können muss.<br />

Von der Leyen wäre gut beraten, auf dem komplizierten<br />

Feld der Beschaffung von milliardenteurem Gerät<br />

vorsichtig zu agieren. Doch sie hat ein Zeitproblem:<br />

Noch in diesem Jahr müssen grundlegende<br />

17<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


TITEL<br />

<strong>Uschi</strong> <strong>lädt</strong> <strong>durch</strong><br />

Die Beziehung von Merkel und<br />

von der Leyen hat einen Knacks.<br />

Jede seismische Auffälligkeit in<br />

ihrem Verhältnis wird registriert


ANNEGRET KRAMP-KARRENBAUER<br />

In der Öffentlichkeit unterschätzt, aber<br />

nicht nur von Merkel sehr geschätzt.<br />

Ministerpräsidentin des Saarlands, davor<br />

von 2000 an Landesministerin. Politologin,<br />

51 Jahre alt, verheiratet, Mutter von drei<br />

Kindern. Gut verdrahtet: Bundesvize der<br />

Frauenunion, Mitglied im Zentralkomitee<br />

deutscher Katholiken. Ausrichtung: unideologisch,<br />

pragmatisch, ein bisschen links,<br />

ein bisschen liberal<br />

VOLKER KAUDER<br />

Ohne den Chef der CDU/CSU im Bundestag<br />

geht wenig in Berlin. Setzte früh auf Merkel,<br />

war ihr Generalsekretär. Als sie Kanzlerin<br />

wurde, wurde er Fraktionschef. Stand hinter<br />

ihrem Mittekurs und machte zugleich mit<br />

Traditionsgepolter Konservative glücklich.<br />

Hat Humor, ist aber kein Publikumsliebling.<br />

Kauder, 64, kennt seine Grenzen. Keine<br />

Lust aufs mächtigste und brutalste Amt<br />

Entscheidungen fallen, wenn nicht Zeit und Geld verschwendet<br />

werden sollen. Das komplizierte Beschaffungsgefüge<br />

knirscht, nachdem von der Leyen angeordnet<br />

hat, es erst einmal zu <strong>durch</strong>leuchten.<br />

Sie muss die Position des Rüstungsstaatssekretärs<br />

neu besetzen. Als Ende Mai die Berliner McKinsey-<br />

Chefin Katrin Suder gehandelt wurde, glich das dem<br />

Einschlag einer Granate. „McKinsey, Frau und Lesbe –<br />

die Jungs in der Truppe haben ja Schnappatmung bekommen“,<br />

frotzelt eine Parteifreundin von der Leyens.<br />

Helmut Willmann atmet ruhig. Unter Strom steht<br />

er schon. Kontrollierte Wachsamkeit. Früher war er Inspekteur<br />

des Heeres. Ein gedrungenes Kraftpaket, ein<br />

Schleifer mit Herz. Als er zu viele junge Soldaten zu<br />

fett fand, befahl er ein Ertüchtigungsprogramm. Zirkeltraining,<br />

Dauerläufe. Sie nannten ihn „Tiger-Willi“.<br />

Willmann ist jetzt 74, von seiner Tochter weiß er,<br />

wie wichtig Kindertagesstätten heute sind. Seinem<br />

jüngsten Nachfolger habe er das auch erklärt: „Bauen<br />

Sie Kitas!“ Die Truppe müsse attraktiv werden. Grundsätzlich<br />

sei es nicht falsch, was Frau von der Leyen da<br />

mache, sagt er, „und Sie wissen: Ich bin kein Weichei!“<br />

Es folgt ein ABER, das man in Großbuchstaben<br />

schreiben muss. „Wenn man den Eindruck gewinnt,<br />

dass die eigene Person wichtiger ist als die Sache, wird<br />

es sehr kritisch. Und diese Grenze hat Frau von der<br />

Leyen in der kurzen Zeit im Amt schon deutlich überschritten.“<br />

Die Ministerin drücke sich vor den wichtigen<br />

Themen. Was heißt die Ukrainekrise für das Heer?<br />

Braucht man wieder mehr Panzer? „Dazu höre ich von<br />

Frau von der Leyen nichts!“<br />

In der Frage nach Drohnen für die Bundeswehr<br />

schlage sich von der Leyen in die Büsche, wettert<br />

Willmann. Sie sage, sie warte erst die gesellschaftliche<br />

Debatte ab. „Sie muss diese Debatte führen, von<br />

vorne!“ Überhaupt, von der Leyen und die Waffen.<br />

Zwei Stunden sei sie über die ILA, die Luftfahrtmesse<br />

in Berlin, spaziert und habe tunlichst vermieden, einem<br />

Waffensystem nahezukommen. „Führung von<br />

hinten ist das!“, ruft Willmann. Er redet über die anderen:<br />

Volker Rühe, Rudolf Scharping und Joschka Fischer,<br />

alles drei Männer, die Auslandseinsätze <strong>durch</strong>setzen<br />

mussten. „Das war Führung!“ „Nein“, schließt<br />

er fast resigniert, „Frau von der Leyen macht nur das,<br />

was ihrer Popularität dient, und schließt alle anderen<br />

Themen aus.“<br />

EIGENTLICH UNTERSCHEIDET ES von der Leyen gerade<br />

von Merkel, dass sie Konflikte provoziert. Elterngeld,<br />

Frauenquote – sie prescht vor, es gibt eine Debatte<br />

und – wenn es optimal läuft – einen Kompromiss, den<br />

sie als ihren Erfolg verkauft. Merkel dagegen nimmt<br />

gern Entwicklungen auf und sortiert die Dinge so, dass<br />

sie in ihre Strategie passen. Die Kanzlerin integriert,<br />

von der Leyen inszeniert. Doch ihre Konflikte – da<br />

hat Willmann recht – wählt sie genau aus: Die Chance<br />

muss hoch sein, Profil zu gewinnen.<br />

Fotos: Götz Schleser/Agentur Focus, Thomas Trutschel/photothek.net<br />

20<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


TITEL<br />

<strong>Uschi</strong> <strong>lädt</strong> <strong>durch</strong><br />

Angela Merkel liebt die Macht pur. Nicht die<br />

Insignien, das Brimborium. Sie will die Figur<br />

sein, die die anderen bewegt. Nicht die,<br />

die auf dem Spielbrett hin- und hergeschoben<br />

wird. Dann wäre das Spiel verdorben – und nicht<br />

mehr das ihre. Dann lieber rechtzeitig aufhören.<br />

Am Anfang ihrer Laufbahn hatte außer ihrem Vater<br />

noch ein CDU-Politiker ein großes Interesse an Ursula<br />

von der Leyens Aufstieg: Christian Wulff.<br />

Auf einem Reitturnier begegnet ihm Ursula von<br />

der Leyen 1998. Sie ist verheiratet, bereits Mutter<br />

von sechs Kindern, ausgebildete Medizinerin. Wulff<br />

ist CDU-Chef im Landtag und damit Oppositionsführer,<br />

denn in Niedersachsen regiert Rot-Grün. In der<br />

CDU herrscht ein kalter Krieg. Der Katholik Wulff<br />

gegen die Protestanten um Jürgen Gansäuer und Wilfried<br />

Hasselmann, CDU-Ehrenvorsitzender und rechte<br />

Hand von Ex-Ministerpräsident Albrecht. Wulff ist angetan<br />

von Albrechts talentierter Tochter. In der CDU<br />

ist der Stolz des früheren Regierungschefs auf sie weithin<br />

bekannt. Wulff erkennt in „Röschen“ das ideale<br />

Schild gegen seine parteiinternen Gegner. Er beruft sie<br />

in sein Kompetenzteam, zieht damit die Protestanten<br />

Albrecht und Hasselmann auf seine Seite.<br />

Der alte Büchsenmacher Heinrich Meier, ein Raucher<br />

mit runzligem Gesicht und fröhlichen Augen,<br />

erinnert sich noch, wie „Röschen“ 2001 von Wulff<br />

und ihrem Vater in den ersten Kommunalwahlkampf<br />

geschickt wurde. Meier war damals CDU-Chef in von<br />

der Leyens damaligem Heimatdorf Ilten, ihr Vater hat<br />

ab und zu mal eine Waffe bei ihm gekauft. Plötzlich<br />

steht dessen Tochter bei ihm in der Tür und sagt: „Ich<br />

will als Bürgermeisterin kandidieren, wie läuft das<br />

hier?“ Zweite Frage: „Wer sind meine Gegner?“ Heinrich<br />

setzt sich mit ihr in die Ortskneipe und versucht,<br />

sie zurück auf den Teppich zu bringen: „Vergiss es“,<br />

sagt er ihr. „Hier in Ilten hast du gegen die SPD keine<br />

Chance.“ Aber das ist Röschen egal.<br />

Sie lässt sich von Meier den ganzen Ort vorstellen.<br />

Sie stillt noch ihr jüngstes Kind, notfalls in der Besenkammer<br />

einer Turnhalle, die anderen Kinder haben<br />

„gut mitgezogen“, erinnert sich Meier, „immer<br />

in Reih und Glied“. Als sie beim Schützenfest auf der<br />

Rednerliste auf den dritten Platz gesetzt wird, hinter<br />

den Chef des Kaninchenzüchtervereins, ist sie sauer.<br />

Meier verhandelt sie auf Platz zwei.<br />

Um Publikum muss Röschen sich nicht sorgen.<br />

Die Regionalpresse interessiert sich sehr für die ersten<br />

politischen Stehversuche von Tochter Albrecht,<br />

der NDR schickt Kamerateams vorbei. Öffentlichkeit,<br />

von der andere Kandidaten nur träumen können.<br />

Trotzdem verliert sie die Wahl gegen die amtierende<br />

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VOLKER BOUFFIER<br />

Stand ewig im Schatten von Roland Koch,<br />

bevor er hessischer Ministerpräsident<br />

wurde. Gewann 2013 die Wahl, manövrierte<br />

die SPD aus und bildete die erste<br />

schwarz-grüne Regierung in einem großen<br />

Bundesland. Das ist auch bemerkenswert,<br />

weil Bouffier, 62, im CDU-Spektrum konservativ<br />

einzusortieren ist. Schlagkräftiger<br />

CDU-Landesverband. Aber für einen<br />

Kanzlerkandidaten zu altmodisch<br />

JULIA KLÖCKNER<br />

CDU-Bundesvize und Oppositionsführerin im<br />

Landtag von Rheinland-Pfalz. Hat die dortige<br />

Intrigen-CDU kernsaniert. In der Partei und<br />

bei den Journalisten beliebt. Wird es schwer<br />

haben, 2016 Ministerpräsidentin zu werden.<br />

Hat mit 41 aber auch noch Zeit. Für Berlin<br />

eine Kandidatin für irgendwann nach 2017<br />

SPD-Bürgermeisterin Gisela Neuse. Sie wird nur deren<br />

Stellvertreterin und CDU-Fraktionsvorsitzende im<br />

Rat des Nachbarorts Sehnde.<br />

Aus dieser Niederlage lernt sie: Prominenz und<br />

Fleiß reichen nicht. Sie muss sich richtig gut verkaufen.<br />

In Ilten sind sie zwar zunehmend genervt von der<br />

Frau, die die Namen der Nachbardörfer verwechselt.<br />

Allen aber fällt auf, dass sie von Monat zu Monat bessere<br />

Ansprachen hält, als würde jemand sie trainieren.<br />

„Sie hatte spätestens ab da Medienfachleute, die sie<br />

berieten und coachten“, sagt ein Bekannter aus der Regierung<br />

Wulff. „Ihr Genie besteht darin, den Rat ihrer<br />

Fachleute wie ein Schwamm aufzusaugen und perfekt<br />

zu mechanisieren. Das macht so kein anderer Politiker.“<br />

Als Ursula von der Leyen 2003 in den Landtagswahlkampf<br />

zieht, ist sie bereits ein Medienprofi. Und<br />

als sie aus dem Stand nicht nur Abgeordnete, sondern<br />

auch Sozialministerin in Niedersachsen wird, ist das<br />

ihr Abitur in Politik, Leistungskurs PR, Note 0,7.<br />

Sie weiß, dass ihre Geschichten eine reale Substanz<br />

brauchen, dass ihre Erzählungen mit Sacharbeit<br />

unterfüttert werden müssen. Aber die Priorität hat ihr<br />

persönliches Profil. Jeder Auftritt ist eine Investition,<br />

deren Nutzen genau kalkuliert wird.<br />

Nach der SMS werden die Drähte glühen.<br />

Die Fürsten der Union werden telefonieren.<br />

Wer ist jetzt maßgeblich? Volker<br />

Bouffier, der Ministerpräsident von Hessen.<br />

Volker Kauder, der Chef der Unionsfraktion im<br />

Bundestag, die am Ende einen neuen Kanzler oder<br />

eine neue Kanzlerin wählen muss. Armin Laschet aus<br />

Nordrhein-Westfalen und Thomas Strobl aus Baden-<br />

Württemberg, die Chefs der beiden mitgliederstärksten<br />

Landesverbände. Julia Klöckner, Parteiliebling<br />

aus Rheinland-Pfalz, wird mitmischen. Auf den Rat<br />

eines Wolfgang Schäuble wird man auch nicht verzichten.<br />

Eine Sitzung des Präsidiums wird anberaumt.<br />

Seit jeher irritiert Kollegen, Kontrahenten und<br />

Mitstreiter das Tempo, mit dem von der Leyen an ihnen<br />

vorbeirast. Schon den alten Büchsenmacher Heinrich<br />

Meier warnten die Leute in Ilten: „Leg dich nicht<br />

so für die ins Zeug, die bleibt doch eh nicht hier. Die<br />

will nach ganz oben. Die siehst du später nie wieder.“<br />

Im Rat von Sehnde genau wie im Landtag von Niedersachsen<br />

hinterlässt sie Kollegen, die sie für überheblich<br />

halten. Sie erwirbt sich keine Loyalitäten. Auch<br />

nicht im Bundestag in der niedersächsischen Landesgruppe.<br />

Wenn sie deutschlandweit Kollegen in ihren<br />

Wahlkreisen besucht, sind das Termine mit Bravour.<br />

Als Bundesministerin kann sie Mittelständler begeistern<br />

und Rentnerinnen glücklich machen. Aber bei diesen<br />

Besuchen geht es ihr nicht darum, einem Parteifreund<br />

zu helfen. „Sie macht das für sich“, sagt ein<br />

CDU-Politiker, der sie zu Besuch hatte.<br />

Starke Auftritte bringen ihr politisches Kapital,<br />

mit dem sich Ziele <strong>durch</strong>setzen lassen. Als sie 2005<br />

Fotos: Thomas Köhler/photothek via Getty Images, Stefan Boness/VISUM<br />

22<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


TITEL<br />

<strong>Uschi</strong> <strong>lädt</strong> <strong>durch</strong><br />

Familienministerin wurde, sammelte sie als eine der<br />

wenigen in Merkels CDU Punkte. Die Supermutterpowertochter.<br />

Eine weniger strahlende Aufsteigerin hätte<br />

es schwer gehabt, das Elterngeld in der Union so glatt<br />

<strong>durch</strong>zusetzen. In dieser Zeit lernt Merkel sie schätzen.<br />

DEN ERSTEN KNACKS bekommt die Beziehung im<br />

Juni 2010, in nur 72 Stunden. Es geht um das Amt des<br />

Bundespräsidenten, Horst Köhler hat hingeschmissen.<br />

Von der Leyen ist im Gespräch. Aus Merkels Umfeld<br />

folgt kein Einspruch, von der Leyen interpretiert das<br />

Schweigen als Zustimmung, ihre Eigenwerbung nimmt<br />

Fahrt auf. „Wird sie die Mutter der Nation?“, fragt Bild.<br />

Als ein Journalist wissen möchte, was denn nun mit ihrer<br />

Kandidatur wird, lächelt sie verschwörerisch, legt<br />

den Finger an den Mund und macht: „Pssssst!“<br />

Von der Leyen schwebt. Merkel schweigt. Dann<br />

nominiert sie Wulff für das Amt. Und demütigt damit<br />

öffentlich die Frau, der nichts so wichtig scheint wie<br />

ihr Bild in der Öffentlichkeit. Doch von der Leyen diszipliniert<br />

sich. Um nicht als Gelackmeierte dazustehen,<br />

lobt sie Wulff. Als ihn die CDU auf einer Pressekonferenz<br />

präsentiert, taucht sie überraschend auf: „Ach,<br />

Christian, ich gratuliere, ich freue mich so für dich.“<br />

Merkel schätzt allzu ehrgeizige Aspiranten auf<br />

höchste Ämter nicht. Als von der Leyen im Jahr 2012<br />

eine Debatte über eine Minimalrente für Geringverdiener<br />

inszenierte, ließ sie sie auflaufen. Die Kanzlerin<br />

schritt nicht ein, als ihre Ministerin vor der versammelten<br />

Fraktion niedergemacht wurde. Kurz darauf stand<br />

von der Leyen beim Parteitag als eine der Vizevorsitzenden<br />

zur Wiederwahl – und bekam dürftige 69 Prozent.<br />

Seither wird jede seismische Auffälligkeit im Verhältnis<br />

der beiden registriert. Da war doch diese Situation<br />

in der vergangenen Wahlperiode, erinnert sich<br />

ein CDU-Mann. Im CDU-Präsidium hat von der Leyen<br />

gefehlt. Merkel schaute in die Runde. „Wo ist sie denn<br />

jetzt wieder?“ – „Der Volker Kauder ist ja auch nicht<br />

da“, sagte jemand. Merkel: „Das ist was ganz anderes.<br />

Der Volker ist immer da, wenn man ihn braucht.“<br />

Von jetzt an wird Merkel sich raushalten. Rum<br />

ist rum. Aber es gibt andere. Hessens Ministerpräsident<br />

Volker Bouffier ist dafür bekannt,<br />

gern mal eine herbe Bemerkung über<br />

von der Leyen fallen zu lassen. Er ist stark, Schwarz-<br />

Grün in Wiesbaden sein Meisterstück. Die Hessen-<br />

CDU ist immer noch ein Kampfverband. Soll von der<br />

Leyen jetzt noch mehr zerstören von der alten CDU?<br />

Quote, Mindestlohn und dann der Ringelpiez bei der<br />

Bundeswehr. Geht zu weit! Soll „Buffi“ selbst antreten?<br />

Schwierig im Wahlkampf. Zu viel alte CDU.<br />

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TITEL<br />

<strong>Uschi</strong> <strong>lädt</strong> <strong>durch</strong><br />

Ursula von der Leyen kann Merkel nicht wegkriegen,<br />

sie kann nur warten, dass die Kanzlerin geht. Sie<br />

hat alles auf ihr Standing beim Wähler gesetzt. Auch<br />

bei einfachen CDU-Mitgliedern, die sie aus dem Fernsehen<br />

kennen, ist sie beliebt. Aber bei Abgeordneten<br />

und Funktionären fehlt ein Netzwerk. Es gibt keinen<br />

Kreis, der im Ernstfall für von der Leyen kämpfen<br />

würde. „Weil sie selbst den Einzelnen so selten das Gefühl<br />

gegeben hat, für sie zu kämpfen“, sagt ein Unionsmann<br />

aus Niedersachsen. Sie hat sich all den Ritualen<br />

verweigert, die zum Aufbau belastbarer Bindungen nötig<br />

sind, den Abenden an der Bar, den Kumpeleien und<br />

Kungeleien, den kleinen und großen Vertraulichkeiten.<br />

Natürlich, sie hat eine Familie und sieben Kinder.<br />

Wie soll da noch Zeit gewesen sein, nicht nur Ministerin<br />

zu werden, sondern obendrein eine Hausmacht in<br />

der Partei aufzubauen? Dennoch glauben viele, dass<br />

von der Leyen trotz des kunstvollen Lächelns emotionale<br />

Nähe gar nicht herstellen will. Auch Ernst Albrecht<br />

war distanziert, aber er hatte in Wilfried Hasselmann<br />

einen Weggefährten, der die Schwäche des<br />

Chefs <strong>durch</strong> seine Nahbarkeit auszugleichen wusste.<br />

In Niedersachsen gibt es mit David McAllister wieder<br />

so einen erdverwachsenen Parteiführer. Hasselmann<br />

ist sein Vorbild. Nach der Abwahl als Ministerpräsident<br />

hat Merkel McAllister aufgefangen und eng<br />

an sich gebunden. Er ist jetzt, mit 43 Jahren, erst einmal<br />

Europaparlamentarier. Auf ihn kann von der Leyen<br />

nicht bauen. Denn er hat seine Krise nach dem Verlust<br />

des Ministerpräsidentenamtes noch nicht überwunden.<br />

Kann jemand von diesem Amt lassen? Adenauer<br />

ist gegangen, weil die FDP ihn zwang.<br />

Erhard wurde nach einer Wahlniederlage<br />

von der eigenen Partei gestürzt. Kiesinger<br />

verlor die SPD als Bündnispartnerin, als Brandt sich<br />

mit der FDP auf die erste sozialliberale Koaliton verständigte.<br />

Brandt geriet <strong>durch</strong> die Guillaume-Affäre<br />

unter Druck und war es leid, von Wehner bekämpft<br />

zu werden. Schmidt? Von der FDP verraten. Kohl:<br />

abgewählt, wie Schröder. Merkel würde zum zweiten<br />

Mal Geschichte schreiben: Erste Frau im Amt. Und<br />

die erste, die es trotz einer starken Position hergibt.<br />

Das Verteidigungsministerium ist für Thomas<br />

de Maizière eine Herzenssache gewesen. Zum Großen<br />

Zapfenstreich im Januar wünschte er sich als Abschiedshymne<br />

„Live is Life“, jenen Popsong aus den<br />

Achtzigern, den er mit seiner Frau und den Kindern<br />

immer wieder hört. Es war eine persönliche Geste zum<br />

Abschied aus jenem Ministerium, das ebenfalls zur Familiengeschichte<br />

gehört, denn de Maizières Vater war<br />

früher Generalinspekteur. Das Musikcorps spielte, die<br />

Fackeln leuchteten. Neben de Maizière stand Ursula<br />

von der Leyen auf dem Podest. Sie wirkte perfekt.<br />

Anfang des Jahres sagte ein Kabinettskollege über<br />

die beiden: „Da laufen sich zwei warm.“ Aber nun<br />

macht der Minister auf einige den Eindruck, die Dinge<br />

bloß wegzuadministrieren. Früher war es ihm wichtig,<br />

nur aufzufallen, wenn es um etwas geht. Heute sinniert<br />

er öffentlich darüber, dass Deutschlands Fußballstars<br />

von den vielen Spielen verschlissen werden. Der Mann,<br />

24<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


der früher Mitarbeiter da<strong>durch</strong> gewann, dass er in der<br />

Poststelle seines Ministeriums vorbeischaute, streitet<br />

sich heute mit dem Personalrat herum.<br />

Im Rennen der Minister rennt somit bisher nur<br />

eine. Ursula von der Leyen. Wer soll sie aufhalten?<br />

Illustrationen: Jens Bonnke (Seiten 14 bis 24); Fotos: John Macdougall/AFP/Getty Images, Thorsten Futh/Laif<br />

ANGELA MERKEL NEHME natürlich wahr, dass das Gerangel,<br />

das Schaulaufen begonnen hat, sagt jemand an<br />

einer zentralen Stelle. „Mit Interesse, ein wenig Amüsement<br />

und großer innerer Ruhe.“<br />

Es gibt zwei Szenarien. Die Sofortlösung, etwa<br />

falls die Kanzlerin plötzlich erkrankt. Dann könnte<br />

Wolfgang Schäuble den Laden übernehmen und für<br />

den geordneten Übergang sorgen. Andere sehen auch<br />

dann von der Leyen vorn. Das zweite Szenario ist die<br />

Stunde null in einigen Jahren. In diesem Zusammenhang<br />

fällt ein neuer Name: Annegret Kramp-Karrenbauer,<br />

Ministerpräsidentin des Saarlands.<br />

Was Merkel an ihr beeindruckt? Sie sei zielstrebig,<br />

eigenständig, habe aber eine große Gelassenheit. Das<br />

hat sie immer wieder in den Pausen der Koalitionsverhandlungen<br />

gezeigt. Während alle rumhühnerten,<br />

stellte sie sich zwei Stühle zurecht, legte die Füße hoch<br />

und las ein Buch oder schloss einfach mal die Augen.<br />

Kramp-Karrenbauer ist derzeit Merkels Nummer eins.<br />

Vielleicht ist die Kanzlerin auch so fasziniert vom<br />

Bücheryoga der Saarländerin, weil sie ein Gegengewicht<br />

zur Verteidigungsministerin will. Ein Gegenentwurf<br />

zu von der Leyen ist Kramp-Karrenbauer auf jeden<br />

Fall. Inszenierungen sind ihr ziemlich egal.<br />

Das Saarland ist winzig. Aber Annegret Kramp-Karrenbauer<br />

hat hier schon mal eine Koalition gewechselt<br />

und danach die Wahl gewonnen: 2012 kündigte sie FDP<br />

und Grünen die Jamaika-Koalition. Bei der Neuwahl verbesserte<br />

sie sich sogar und regiert seither mit der SPD. Sie<br />

hat fast anderthalb Jahrzehnte Regierungserfahrung auf<br />

Landesebene und war – schönen Gruß an von der Leyen –<br />

als Deutschlands erste Innenministerin auch schon mal<br />

erste Frau in einem Männerressort.<br />

Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg<br />

haben selbst keine Traumkandidaten.<br />

Ein Comeback von Norbert Röttgen?<br />

Seine katastrophal gescheiterte Spitzenkandidatur<br />

in Nordrhein-Westfalen hat sich eingeprägt.<br />

Volker Kauder aus Baden-Württemberg?<br />

Kennt seine Grenzen, deshalb schätzt Merkel ihn<br />

ja. NRW, Baden-Württemberg und Bouffier könnten<br />

sich auf jemanden aus einem kleineren Landesverband<br />

einigen, der künftig auf sie angewiesen<br />

ist. Doch Julia Klöckner aus Rheinland-Pfalz?<br />

Kramp-Karrenbauer?<br />

Kramp-Karrenbauer wirkt rührig, das gilt als Qualität<br />

für eine Kanzlerkandidatin. „Die Person muss Empathie<br />

ausstrahlen“, sagt ein Mitglied des CDU-Präsidiums.<br />

„Angela Merkel verkörpert dieses Fürsorgliche.<br />

Genau wie Helmut Kohl, er ließ sich anrühren.“<br />

DAVID MCALLISTER<br />

Wurde mit 39 Ministerpräsident von<br />

Niedersachsen, als Nachfolger von Christian<br />

Wulff. 2013 abgewählt. Gerade wechselte<br />

der Deutsch-Schotte, 43, ins EU-Parlament,<br />

wo er sich stabilisieren kann. Baldiges<br />

Jobhopping etwa ins Bundeskabinett wäre<br />

dumm. In der Partei stark verankert. Chef<br />

der Niedersachsen-CDU, Nummer drei unter<br />

den Landesverbänden. Noch nicht wieder fit<br />

genug, um als ernsthafte Option zu gelten<br />

NORBERT RÖTTGEN<br />

Nach Scheitern als Spitzenkandidat in<br />

NRW schasste Merkel ihn als Bundesumweltminister.<br />

Erfahrung: Komm der Sonne nicht<br />

zu nah. Nun Mini-Comeback als Vorsitzender<br />

des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag.<br />

Wird im Juli 49. Die Politik ist schnelllebig,<br />

und starkes Personal ist in der riesigen und<br />

daher mächtigen NRW-CDU rar. Deshalb<br />

nicht von der Langfristliste streichen<br />

25<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


TITEL<br />

<strong>Uschi</strong> <strong>lädt</strong> <strong>durch</strong><br />

UMFRAGE *<br />

WER WÄRE DER<br />

GEEIGNETSTE<br />

NACHFOLGER VON<br />

ANGELA MERKEL?<br />

40 %<br />

CDU<br />

ANHÄNGER<br />

15 %<br />

14 %<br />

21%<br />

10 %<br />

Außenminister Frank-Walter Steinmeier<br />

halten Männer und Frauen gleichermaßen<br />

für geeignet, Deutschland zu regieren.<br />

Die höchsten Werte hat der SPD-Mann bei<br />

den Rentnern, von denen ihn 46 Prozent als<br />

besten Nachfolger Merkels sehen. Verteidigungsministerin<br />

Ursula von der Leyen ist bei<br />

Frauen, Innenminister Thomas de Maizière bei<br />

Männern beliebter. Mehr Ost- als Westdeutsche<br />

trauen es de Maizière zu, ein guter<br />

Kanzler zu sein. Bei seiner CDU-Kollegin von<br />

der Leyen ist es genau umgekehrt. Sie schneidet<br />

im Westen besser ab. SPD-Chef Sigmar<br />

Gabriel erzielt – obwohl Wirtschaftsminister –<br />

seine schlechtesten Werte bei den Selbständigen.<br />

Nur 3 Prozent der Selbständigen sehen<br />

ihn als geeigneten Merkel-Nachfolger.<br />

32% STEINMEIER<br />

21% VON DER LEYEN<br />

11% GABRIEL<br />

18% DE MAIZIÈRE<br />

18% KEINER DAVON<br />

SPD<br />

ANHÄNGER<br />

STEINMEIER 58%<br />

VON DER LEYEN 8%<br />

GABRIEL 20%<br />

DE MAIZIÈRE 3%<br />

KEINER DAVON 11%<br />

* Forsa-Umfrage, Datenbasis: 1008 Befragte,<br />

Erhebungszeitraum: 2. und 3. Juni 2014<br />

Jemand wird eine Mitgliederbefragung ins Spiel<br />

bringen. Das Parteivolk soll entscheiden, nicht<br />

die Fürsten! Vorstellungsrunden, Regionalkonferenzen,<br />

Fernsehinterviews. Dann würde der<br />

Auftritt zählen. Und Gefühle einfacher Mitglieder.<br />

Von der Leyen werde als jemand erlebt, der Biss<br />

hat und im Vergleich zu Merkel schärfer auftrete, sagt<br />

der Psychologe Stephan Grünewald. „Sie wird deshalb<br />

bewundert, aber sie irritiert auch, weil sie prototypisch<br />

ist für die Dominanz, die die Frauen auch aus Sicht der<br />

Männer in vielen Lebenslagen heute gewonnen haben.“<br />

Grünewald glaubt zu wissen, wie die Deutschen ticken.<br />

Er ist Mitbegründer des Kölner Rheingold Instituts, das<br />

nicht nur Stichworte abfragt, sondern in intensiven Interviews<br />

tiefere Beweggründe auslotet. Sein Bestseller<br />

heißt „Deutschland auf der Couch“.<br />

Grünewalds Diagnose: „Viele Frauen werden mit<br />

ihr in eine Mütterkonkurrenz treten und erleben, dass<br />

Frau von der Leyen das Perfektionsdilemma der modernen<br />

Frau grandios verstärkt hat – sieben Kinder, beruflich<br />

enorm erfolgreich und trotz fortgeschrittenen<br />

Alters noch sehr attraktiv. Das bekommt eine normale<br />

Frau so nicht hin. Frau von der Leyen ist der Beweis<br />

dafür, dass es aber möglich ist.“ Daraus würden ihr<br />

gegenüber unterschwellige Animositäten erwachsen.<br />

Sie wird kämpfen. Perfekt sein. Aktiv. Attraktiv.<br />

Anders. Sie muss aufpassen, sie hat kein Sicherheitsnetz<br />

in der Partei, das sie auffängt. Ein niedersächsischer<br />

Parteifreund, der sie seit Jahren kennt, sagt:<br />

„Alle bewundern sie irgendwie. Aber die allermeisten<br />

würden ihr auch genüsslich beim Sturz zusehen.“<br />

Schon seit der Wiederwahl 2009 hat sie diese<br />

Ruhe erfüllt, die dritte Amtszeit empfand sie<br />

bereits als Nachschlag. Sie muss sich nichts<br />

mehr beweisen. Am 17. Juli wird sie 60 Jahre<br />

alt. 1989 hat sie die Erfahrung gemacht, dass sich alles<br />

ändern kann. Zum Besseren. Das Amt schlaucht.<br />

Die UN brauchen Ende 2016 einen Nachfolger für Generalsekretär<br />

Ban Ki-moon. Aber vielleicht will sie<br />

es sich einfach gut gehen lassen. Seit dem Skiunfall<br />

hat sie abgenommen: Gemüsesticks statt Brötchen.<br />

Sie will nicht werden wie Kohl. Es gibt das Gerücht<br />

von der großen Reise, auf der sie mit ihrem Mann den<br />

amerikanischen Kontinent <strong>durch</strong>misst. Und man sieht<br />

sie oder ihren Mann Joachim Sauer manchmal fürs<br />

Abendessen einkaufen, bei Lebensmittel Ullrich. Sie<br />

wirken bescheiden, es sind Momente, in denen man<br />

ahnt: Es gibt ein Leben nach dem Kanzleramt.<br />

CONSTANTIN MAGNIS, <strong>Cicero</strong>-Reporter, hat sich in<br />

Niedersachsen auf Ursula von der Leyens Spuren begeben.<br />

Eigentlich war nur ein Report über sie in ihrem neuen<br />

Amt geplant. Während der Recherche merkten GEORG<br />

LÖWISCH, ALEXANDER MARGUIER und CHRISTOPH<br />

SCHWENNICKE, wie sehr die Merkel-Nachfolge in der<br />

Union schon Thema ist. THOMAS WIEGOLD, Fachjournalist<br />

für Verteidigungspolitik, brachte seine Expertise ein<br />

26<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

„ Keiner wird<br />

aus Mitleid gewählt.<br />

Mir geht das Ostgeseiere<br />

auf den Keks “<br />

Martin Dulig, SPD-Spitzenkandidat bei der sächsischen Landtagswahl, verlangt von der<br />

Sozialdemokratie im Osten der Republik ein neues Selbstbewusstsein, Porträt auf Seite 32<br />

27<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Porträt<br />

RAUS AUS DEM KANZLERAMT<br />

Als ihr Machtmanager sie verließ, war Merkel traurig. Sein Wechsel zur Bahn empört<br />

viele. Warum geht Ronald Pofalla wirklich? Protokoll einer Laufbahn der Extreme<br />

Von MICHAEL BRÖCKER<br />

Foto: Stefan Thomas Kröger/Laif<br />

Freitag, der 13. Dezember. Ronald<br />

Pofalla sitzt im Büro der Kanzlerin.<br />

Er bleibe dabei. „Ich gehe.“ Raus<br />

aus der Politik. Eine Familie gründen.<br />

Beruflich Neuland betreten. Seine gescheiterten<br />

Ehen führt er an. 2010 hatte<br />

sich Pofallas zweite Frau von ihm getrennt.<br />

Sie sei es leid gewesen, alleine<br />

in der Wohnung auf den viel beschäftigten<br />

CDU-Mann zu warten, heißt es. Nicht<br />

noch mal, ist nun die Botschaft an Angela<br />

Merkel. Eine Umarmung. Beide haben<br />

Tränen in den Augen.<br />

Kündigung im Kanzleramt. Ein freiwilliger<br />

Rückzug von der Macht. Ausgerechnet<br />

Pofalla, der Mann, der seit 2005<br />

so eng mit Merkel arbeitete wie kaum ein<br />

anderer Konservativer. Erst als Generalsekretär,<br />

ab 2009 als Chef des Kanzleramts.<br />

Sie duzen sich, abends trinken sie<br />

ein Glas Barolo zusammen. Kein Wunder,<br />

dass die Kanzlerin Pofalla nicht glauben<br />

will, als er ihr am Sonntag nach der<br />

Wahl von seinem Plan erzählt. Sie übergibt<br />

ihm trotzdem die Steuerungsgruppe<br />

für die Koalitionsverhandlungen. In einem<br />

Gespräch hält sie ihm vor, dass auch<br />

sie „Entbehrungen“ im Privatleben auf<br />

sich nehme. Unverständnis schwingt mit.<br />

Doch Pofalla bleibt bei seinem Entschluss.<br />

Um nicht seine neue Lebensgefährtin<br />

zu verlieren? Wohl auch. Ein Argument<br />

dürfte aber gewesen sein, dass Merkel<br />

einen Tag zuvor Ursula von der Leyen<br />

das Verteidigungsministerium und Thomas<br />

de Maizière das Innenministerium<br />

zugesichert hatte. Das Innenressort hätte<br />

auch Pofalla interessiert. Zu spät.<br />

In Pofallas Kreisvorstand am Niederrhein,<br />

der an jenem Freitag zum Weihnachtsessen<br />

geladen hat, erfahren die<br />

Parteifreunde aus den Medien vom Rückzug<br />

ihres Ehrenvorsitzenden. Der kurz<br />

anwesende Pofalla hatte kein Wort gesagt.<br />

Als die Leute im Kreis Kleve auch<br />

noch hören, dass ihr Mann in Berlin zur<br />

Deutschen Bahn wechseln soll, wird aus<br />

Irritation Empörung. Ausgerechnet der<br />

Staatskonzern? Das riecht nach Kungelei.<br />

Die SPD bringt den Begriff der „Käuflichkeit“<br />

ins Gespräch. Pofalla hat erstmals<br />

im November, erst zwei Monate<br />

nach der Wahl, mit Bahn-Chef Rüdiger<br />

Grube darüber gesprochen. Im Konzern<br />

wird erzählt, Grube habe einen Tipp für<br />

einen neuen Politikvorstand erbeten. Pofalla<br />

findet den Posten selbst gut. Dass<br />

er mehr freie Zeit haben würde als im<br />

Kanzleramt, räumen selbst Bahn-Vorstände<br />

heute ein. Pofalla sagt zu. Man<br />

einigt sich auf einen späteren Wechsel<br />

in die Chefetage.<br />

Das Bundestagsmandat will Pofalla<br />

Ende 2014 abgeben. Seine Heimat wäre<br />

erstmals seit 1949 ohne Vertreter im Parlament.<br />

Einfacher wird es in Kleve für<br />

Pofalla nicht. Vor den Kommunalwahlen<br />

im Mai hat die örtliche CDU bereits auf<br />

Termine mit dem Mann verzichtet, der<br />

die Region lange so prominent vertrat.<br />

JE HÖHER ER STIEG, umso sichtbarer ist<br />

das Dilemma dieses Mannes geworden:<br />

Er rackert für die Partei, beliebt werden<br />

andere. Seine Popularität entwickelt sich<br />

umgekehrt proportional zu der seiner<br />

Chefin. Mit dem inhaltsleeren Wohlfühlwahlkampf<br />

bringt er als Generalsekretär<br />

Schwarz-Gelb 2009 an die Macht. Merkel<br />

hält dies für eine unterschätzte Leistung.<br />

Sie macht ihn zum Chef des Kanzleramts,<br />

zum Koordinator der Regierung.<br />

Der schwarz-gelbe Stolperstart wird ihm<br />

angelastet. Er zofft sich mit Norbert Röttgen<br />

über die Laufzeitverlängerung der<br />

Atomkraftwerke und legt sich mit dem<br />

damaligen Publikumsliebling Karl-Theodor<br />

zu Guttenberg an. Früh sagt Pofalla<br />

dessen Sturz voraus. Und behält recht.<br />

Populärer wird er nicht.<br />

In der Eurokrise ist er rund um die<br />

Uhr gefordert. An einem Samstag fliegt<br />

Pofalla von einer EU-Hauptstadt zur<br />

nächsten und verhandelt mit den Amtskollegen<br />

ein Rettungspaket. Als er nachts<br />

um 1 Uhr wieder in Berlin landet, bittet<br />

Merkel ihn spontan zum Briefing. Im Jahr<br />

2013 hat der Mann an Merkels Seite bis<br />

zur Wahl nur einen einzigen freien Tag:<br />

Ostersonntag.<br />

Vater Fabrikarbeiter, Mutter Putzfrau<br />

– Pofalla hat sich über den zweiten<br />

Bildungsweg nach oben gekämpft.<br />

Mittlere Reife, Fachschule für Sozialpädagogik,<br />

Jura-Studium. Dass er oft<br />

unterschätzt wird, spornt ihn an. Mit<br />

19 Jahren ist er Fraktionschef im Rat seines<br />

Geburtsorts Weeze. Er gewinnt einflussreiche<br />

Freunde. Die Karriere verläuft<br />

steil. Sein Selbstbewusstsein folgt<br />

dem Trend, ein aufbrausendes Naturell<br />

hat er sowieso. 2011 blafft er seinen Parteikollegen<br />

Wolfgang Bosbach an, weil<br />

der ihm zu Merkel-kritisch ist: „Ich kann<br />

deine Fresse nicht mehr sehen.“<br />

Dabei kann der 55-Jährige anders.<br />

Abseits der Politik spricht er reflektiert<br />

über die Eitelkeiten des Betriebs. Wenig<br />

bekannt ist Pofallas Engagement für die<br />

Opposition in Weißrussland, wo sein Vater<br />

als Kriegsgefangener „menschlich anständig“<br />

(Pofalla) behandelt wurde. Seit<br />

kurzem engagiert er sich für die Berliner<br />

Obdachlosen-Initiative Straßenkinder.<br />

Sogar mit dem Rauchen, das er im<br />

Kanzleramt 2009 wieder begonnen hatte,<br />

will er aufhören. Und irgendwann seine<br />

Erlebnisse aufschreiben. Man wird wohl<br />

noch von Pofalla hören. Mag sein, dass<br />

man ihn dann besser versteht.<br />

MICHAEL BRÖCKER ist seit Anfang des<br />

Jahres Chefredakteur der Rheinischen Post in<br />

Düsseldorf. Zuvor beobachtete er als Berlin-<br />

Korrespondent auch Ronald Pofallas Arbeit<br />

29<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Porträt<br />

„DA IST ETWAS SCHIEFGELAUFEN“<br />

Als Nachfolgerin von Claudia Roth muss Simone Peter die Grünen vom Image der<br />

Bevormunder befreien. Die neue Parteichefin ist offen für Koalitionen mit der CDU<br />

Von ALEXANDER MARGUIER<br />

Am Abend der Europawahl, kurz<br />

nach Bekanntgabe der ersten<br />

Hochrechnungen, steht Simone<br />

Peter auf einer Empore im Haus der Berliner<br />

Heinrich-Böll-Stiftung und nimmt<br />

den freundlichen Applaus ihrer Parteifreunde<br />

entgegen. Der gilt zwar mehr den<br />

beiden Grünen neben ihr, Rebecca Harms<br />

und Sven Giegold, die als deutsche Spitzenkandidaten<br />

soeben für weitere fünf<br />

Jahre ins Europaparlament gewählt wurden.<br />

Aber Simone Peter weiß natürlich,<br />

dass ein schlechtes Ergebnis auch ihr angelastet<br />

worden wäre. 10,7 Prozent, damit<br />

kann sie jedenfalls gut leben. Ein Minus<br />

zwar von 1,4 Punkten im Vergleich<br />

zu 2009, doch in Anbetracht des überraschend<br />

miserablen Resultats für Bündnis<br />

90/Die Grünen bei der zurückliegenden<br />

Bundestagswahl sind das an diesem<br />

Abend eher gute Nachrichten.<br />

Der Schock der Bundestagswahl sitzt<br />

den Grünen immer noch in den Knochen.<br />

Mit großen Erwartungen waren sie in den<br />

Wahlkampf gestartet – und landeten dann<br />

mit nur 8,4 Prozent auf dem vierten Platz.<br />

Renate Künast und Jürgen Trittin wurden<br />

daraufhin als Fraktionsvorsitzende ausgewechselt,<br />

auch die langjährige Parteichefin<br />

Claudia Roth musste gehen. Und<br />

Simone Peter brachte alle Voraussetzungen<br />

mit, um ihre Nachfolgerin zu werden:<br />

weiblich, eher links – und führungserfahren.<br />

Die 48 Jahre alte Biologin war<br />

nämlich gut zwei Jahre lang Umweltministerin<br />

im Saarland gewesen, bis die Jamaika-Koalition<br />

aus CDU, FDP und Grünen<br />

Anfang 2012 an den indisponierten<br />

Liberalen zerbrach. Beim Parteitag im<br />

vergangenen Oktober wählten knapp<br />

76 Prozent der Delegierten Simone Peter<br />

zur neuen Parteichefin, ihr Co-Vorsitzender<br />

Cem Özdemir bekam mit 71 Prozent<br />

sogar noch weniger Zustimmung. Ein<br />

entschlossener Neustart sieht anders aus.<br />

In Simone Peters Büro nahe der Berliner<br />

Charité hängt noch die Lampe ihrer<br />

Vorgängerin an der Decke: ein moderner<br />

Lüster mit bunten Kristallen daran. Die<br />

farbenfrohe Hinterlassenschaft von Claudia<br />

Roth ist natürlich ein schönes Symbol<br />

für deren schillernde Persönlichkeit,<br />

an der auch die Neue im Amt sich messen<br />

lassen muss. Im Mai ergab eine Umfrage,<br />

dass nur 34 Prozent der Deutschen<br />

wissen, wer Simone Peter überhaupt ist.<br />

„Das finde ich, ehrlich gesagt, gar nicht<br />

so schlecht. Immerhin war ich zu diesem<br />

Zeitpunkt erst wenige Monate Bundesvorsitzende“,<br />

tröstet sie sich. „Aber natürlich<br />

habe ich den Ehrgeiz, diesen Wert<br />

so schnell wie möglich noch weiter zu<br />

steigern.“ Außerdem würden die Grünen<br />

ohnehin mehr über ihre Themen wahrgenommen<br />

als über das Personal.<br />

THEMATISCH HATTEN SICH die Grünen<br />

zuletzt offenbar ein bisschen verrannt.<br />

Im Bundestagswahlkampf blieben vor<br />

allem Stichworte wie Steuererhöhungen<br />

und Veggie-Day hängen; die Partei hatte<br />

plötzlich schwer mit ihrem Image als etatistische<br />

Bevormundungstruppe zu kämpfen.<br />

Simone Peter will das ändern. Künftig<br />

würden wieder mehr die Kernthemen<br />

in den Vordergrund gestellt. Klimapolitik<br />

etwa, die der ehemaligen Leiterin der<br />

Agentur für Erneuerbare Energien besonders<br />

am Herzen liegt: „Uns kommt<br />

es darauf an, dass wir eine der zentralen<br />

Überlebensfragen für die Menschheit<br />

beantworten“, sagt Peter. Deutschland<br />

müsse deshalb wieder Vorreiter in Europa<br />

werden beim Klimaschutz. Stattdessen rudere<br />

die Große Koalition zurück: Weder<br />

gebe es ambitionierte Klimaschutzziele<br />

noch verbindliche Ausbauziele für erneuerbare<br />

Energien und Energieeffizienz.<br />

Seit einiger Zeit werden vermehrt<br />

Stimmen in ihrer Partei laut, die Grünen<br />

sollten das Erbe der FDP antreten. Das<br />

dürfte Peter, die im Saarland keine guten<br />

Erfahrungen mit den Liberalen gemacht<br />

hat, eher Unbehagen bereiten.<br />

Lieber spannt sie den Bogen etwas weiter:<br />

„Ich will meine Partei in ihrem ökologischen,<br />

sozialen und bürgerrechtsorientierten<br />

Kurs stärken“, lautet ihre<br />

Ansage. Aber was bedeutet das konkret?<br />

„Wir können jetzt beim Thema NSA und<br />

Bürgerrechte klarmachen, dass wir unsere<br />

Freiheitsrechte gegen das massenhafte<br />

Ausspähen verteidigen wollen.“<br />

Und der Veggie-Day steht nicht mehr<br />

auf der Agenda? „Es geht uns darum,<br />

die skandalösen Zustände in der Massentierhaltung<br />

zu thematisieren und<br />

für eine andere Agrarpolitik zu werben.<br />

Dass diese Fragen in der Öffentlichkeit<br />

auf den Veggie-Day in Kantinen reduziert<br />

wurden – da ist in der Kommunikation<br />

etwas schiefgelaufen.“<br />

Simone Peter, deren Mutter Sozialdemokratin<br />

und sogar Arbeitsministerin<br />

im Saarland war, hat zur SPD ein deutlich<br />

distanzierteres Verhältnis als etwa Jürgen<br />

Trittin. Mit dem CDU-Ministerpräsidenten<br />

Peter Müller kam sie „besser zurecht<br />

als gedacht“, das habe sie geöffnet,<br />

sich „trotz aller inhaltlichen Konflikte mit<br />

dem Thema Schwarz-Grün auf Bundesebene<br />

zumindest auseinanderzusetzen“.<br />

Peters Plan: „Koalitionstechnisch wollen<br />

wir 2017 besser vorbereitet sein als nach<br />

der letzten Bundestagswahl.“ Deshalb<br />

würde mit allen gesprochen, die als Koalitionspartner<br />

infrage kämen – mit der<br />

SPD, aber auch mit Union und Linkspartei.<br />

Sich auf eine einzige Koalitionsoption<br />

festzulegen wie vor der zurückliegenden<br />

Bundestagswahl, „das soll es jedenfalls in<br />

dieser Form nicht mehr geben“.<br />

ALEXANDER MARGUIER ist stellvertretender<br />

Chefredakteur von <strong>Cicero</strong><br />

Foto: Hans Christian Plambeck/laif<br />

30<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Porträt<br />

DADDY COOL<br />

Martin Dulig führt in Sachsen die erfolgloseste SPD der Republik in den Wahlkampf.<br />

Aber der sechsfache Vater hat eines gelernt: Schlamassel kann auch glücklich machen<br />

Von GEORG LÖWISCH<br />

Bevor er in sein Politikerleben aufbricht,<br />

holt sich Martin Dulig –<br />

weißes Hemd, dunkle Anzughose,<br />

Pantoffeln – noch einen Becher Kaffee.<br />

Das Zimmer ist vollgestellt, Klavier, Klarinette,<br />

Trompete, mehrere Flöten, eine<br />

Geige, eine Nähmaschine. Aber Frau und<br />

Kinder haben jetzt, um kurz nach neun,<br />

das Haus in Moritzburg bei Dresden<br />

längst verlassen. Alles ruht. Dulig setzt<br />

sich an den Esstisch, es ist der Familientisch<br />

und der Mittelpunkt in seinem Leben.<br />

Der Große schreibt heute Abitur, er<br />

hat eine Klasse wiederholen müssen, aber<br />

danach lief es. Der Vater atmet <strong>durch</strong> und<br />

trinkt seinen Kaffee.<br />

In fünf Minuten kommt der Fahrer.<br />

Dulig, Chef der SPD im sächsischen<br />

Landtag, hat ein Dienstauto mit bequemen<br />

Sitzen. Und die unbequeme Aufgabe,<br />

den erfolglosesten Landesverband<br />

der SPD in den Wahlkampf zu führen.<br />

Dass er sich, 40 Jahre alt, dieser Aufgabe<br />

gewachsen fühlt, hat mit seinem Leben<br />

zu tun. Als er 15 war, wurde sein<br />

Bruder bei einer Demonstration in Dresden<br />

verhaftet und in das Bautzener Gefängnis<br />

gebracht, das „gelbes Elend“ genannt<br />

wurde. Nur wenige Monate später<br />

erfuhr Martin Dulig, dass eine 18-Jährige<br />

aus dem Nachbarort ein Kind von<br />

ihm erwartet. Zwei schwere Wochen<br />

brauchte er, bis er den Schock verarbeitet<br />

hatte. Mit der Frau ist er inzwischen seit<br />

über 23 Jahren zusammen. Ist die Familie<br />

komplett, sitzen zwei Töchter und vier<br />

Söhne um den Esstisch in Moritzburg.<br />

Dulig hat also erlebt, dass aus einem<br />

Schlamassel etwas Großartiges entstehen<br />

kann. Das ist sein Vorteil. „Wenn man<br />

stark belastet ist, lernt man zu sortieren:<br />

Wichtig, unwichtig, wichtig.“ Sortieren<br />

kann nur, wer gelassen bleibt. Duligs Gelassenheit<br />

ist nicht dickfellig, sondern beobachtend.<br />

Bevor er antwortet, reagiert<br />

erst sein Gesicht. Mal zieht er den linken<br />

Mundwinkel hoch, das wirkt selbstironisch.<br />

Mal kneift er die Augen zusammen,<br />

das wirkt hart.<br />

Die Landtagswahl ist am 31. August.<br />

In Sachsen herrscht die CDU, seit Kurt<br />

Biedenkopf sie nach der Wende zur Königspartei<br />

stilisierte, zurzeit regiert Stanislaw<br />

Tillich. Wer gegen die CDU ist,<br />

wählt gern die Linke. Beide Parteien<br />

brachten aus der DDR ihre alten Strukturen<br />

mit, die SPD hatte keine. Zwischen<br />

CDU und Linke sucht sie ihren Platz,<br />

aber der Spalt ist eng. 1999: 10,7 Prozent,<br />

2002: 9,8 Prozent, 2009: 10,4 Prozent.<br />

RECHTS NEBEN DER AUTOBAHN sind alte<br />

Tagebaukräne zu sehen, Dulig sitzt hinten<br />

im Auto, er hat Termine in Leipzig. Ist<br />

Regierungschef sein Ziel? – Linker Mundwinkel<br />

hoch. „Mein Ziel ist eine starke<br />

SPD.“ – Ganz schön kleinlaut. – Schmale<br />

Augen. „Ich will regieren.“ – Aber unter<br />

Stanislaw Tillich als Ministerpräsidenten!<br />

– Mundwinkel hoch, Mundwikel<br />

runter, schmale Augen. „Das ist ein<br />

Typ, der Konflikten konsequent aus dem<br />

Weg geht. Ecken und Kanten hat er nicht.“<br />

Dulig, Diplompädagoge, bimst den<br />

Sozialdemokraten ein, dass es nicht so<br />

sehr aufs Programm ankommt. Sondern<br />

auf die Haltung zu sich selbst und zum<br />

Land. Bisher hat die SPD geschimpft, wie<br />

ungerecht es in Sachsen zugehe. Aber die<br />

Sachsen, ein stolzes Völkchen, wollen das<br />

nicht hören. Auch die SPD soll stolz auftreten,<br />

verlangt Dulig. Immerhin wurde<br />

die Sozialdemokratie einst in Sachsen begründet.<br />

In der Ost-SPD steckt jedoch der<br />

Schmerz der Bürgerrechtler: Sie kämpften<br />

für die Freiheit, gewählt wurde Kohl.<br />

Dulig ist zwar auch ein Neunundachtziger.<br />

Aber für ihn war 1989 nicht der<br />

Höhe-, sondern ein Anfangspunkt. „Es<br />

gibt eine neue ostdeutsche Generation,<br />

die erfolgreich Politik macht“, sagt er.<br />

„Keiner wird aus Mitleid gewählt. Mir<br />

geht das Ostgeseiere auf den Keks.“<br />

Er redet in Hauptsätzen. Ich bin Sozialdemokrat.<br />

Sachsen ist toll, Leipzig<br />

saucool. Die CDU verwaltet das Land<br />

nur. Wir kümmern uns um die Zukunft.<br />

Das ist banal und begründet noch<br />

keinen Platz im Parteienspektrum. Die<br />

einzige Chance ist der Kandidat, so personalisiert<br />

die SPD wie nie. 15 Prozent<br />

wären ein Erfolg. Und dann? Für Rot-Rot-<br />

Grün fehlt ein Linken-Chef wie Bodo Ramelow<br />

in Thüringen, den die schwächere<br />

SPD getrost zum Regierungschef wählen<br />

könnte. Bliebe die Rolle als CDU-Juniorpartner.<br />

„Meine SPD-Mitglieder sollen<br />

nach der Wahl den Koalitionsvertrag beschließen“,<br />

sagt Dulig. „Sigmar Gabriel<br />

hat einen Standard gesetzt, hinter den<br />

wir in Sachsen nicht zurückfallen wollen.“<br />

„He, Martin!“ In Leipzig fliegt die Tür<br />

zum Zimmer des Polizeipräsidenten auf.<br />

Bernd Merbitz führt Dulig zur Sitzgruppe,<br />

sie wollen über Rechtsextremismus und<br />

Crystal Meth sprechen, sie kennen sich<br />

von der Arbeit gegen rechte Gewalt. Der<br />

Polizeichef ist ein wuchtiger Mann mit<br />

schlauem Blick. Früher SED, heute CDU.<br />

Er hat Macht, aber er weiß, dass die Regierenden<br />

seinen Spielraum bestimmen.<br />

Er schiebt sich die Brille ins Haar, feixt,<br />

scherzt, gluckst, nennt irgendjemanden<br />

„Rollmops“. Dulig fragt nur, notiert, beobachtet.<br />

Wichtig. Unwichtig. Wichtig. Der<br />

Polizist will sich den Raum greifen, aber<br />

Dulig nimmt ihn ein, ganz cool. Er ist der<br />

Chef. Was ist schon so ein Polizeipräsident<br />

gegen sechs Kinder am Tisch?<br />

„Martin“, schmeichelt Merbitz in der<br />

Tür, „das gibt ’ne gute Koalition.“<br />

GEORG LÖWISCH ist Textchef von <strong>Cicero</strong>.<br />

Leipzig zählt – neben Berlin und Freiburg – zu<br />

seinen Lieblingsstädten in Deutschland<br />

Foto: Christoph Busse für <strong>Cicero</strong><br />

32<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Kommentar<br />

STAATS-<br />

MÄNNER<br />

Christian Wulff musste gehen,<br />

Jain und Fitschen, die Chefs<br />

der Deutschen Bank, halten<br />

immer noch Hof. Dabei<br />

beschädigen sie das Land.<br />

Einen guten Nachfolger für<br />

sie gäbe es schon<br />

Von<br />

FRANK A. MEYER<br />

Ja, Christian Wulff musste als Bundespräsident zurücktreten,<br />

obwohl er doch der festen Meinung ist:<br />

„Ich wäre auch heute noch der Richtige im Amt.“<br />

Ja, Christian Wulff hat sich strafrechtlich nichts<br />

zuschulden kommen lassen.<br />

Ja, Christian Wulff ist über Kleinlichkeiten gestolpert,<br />

die Journalisten genüsslich zu der Schlussfolgerung<br />

addierten: Da ist einer zu klein, um Bundespräsident<br />

zu sein.<br />

Ja, Christian Wulff geschah persönlich Unrecht.<br />

Ja, Christian Wulff geschah politisch Recht.<br />

Ja, so ist Politik: Man kann rasch und rabiat vom<br />

Hof gejagt werden.<br />

Ja, Politik ist ein honoriges Metier.<br />

Bei der Deutschen Bank herrschen Jürgen Fitschen<br />

und Anshu Jain. Gemeinsam mit Josef Ackermann,<br />

Imperator von 2002 bis 2012, haben sie die deutsche<br />

Weltbank heruntergewirtschaftet zum zwielichtigen<br />

Geldhaus: verstrickt in Skandale, gejagt von Staatsanwälten<br />

und Privatklägern.<br />

Was aber, wäre die Deutsche Bank eine politische<br />

Institution? Was, wäre Vorstandsvorsitzender<br />

der Deutschen Bank ein politisches Amt? Was, wäre<br />

Banker ein honoriges Metier?<br />

Christian Wulffs Scharfrichter bei Bild haben die<br />

Verantwortlichen der Deutschen Bank in einem nahezu<br />

seitenfüllenden Interview inszeniert: Jürgen Fitschen,<br />

die Arme wie zur Verkündigung ausgebreitet; Anshu<br />

Jain in der Pose von Rodins Denker, die Hand am Kinn.<br />

Überschrieben war das Interview mit einem Zitat<br />

aus dem Plattitüdenpalaver: „Ohne Reformen gibt es<br />

kein Wachstum“.<br />

Ums Vaterland besorgt, liftete Béla Anda, stellvertretender<br />

Chefredakteur von Bild, Fitschen und Jain in<br />

einem Kommentar auf die moralische Ebene eines Joachim<br />

Gauck: „Was der Bundespräsident jetzt sagte, fordern<br />

die Chefs der größten deutschen Bank genauso …“<br />

Das Millionenblatt, das Wulffs Haupt auf den<br />

Block des Henkers gelegt hat, hofiert die zwei Banker,<br />

die es als Politiker längst erledigt hätte.<br />

Ja, so sind sie nun mal, die deutschen Verhältnisse!<br />

Wulff ist ungeeignet als Bundespräsident. Weil er<br />

Deutschlands politische Kultur beschädigt hat.<br />

Fitschen und Jain wird gehuldigt, in den Medien,<br />

auf Verlagsveranstaltungen, auf Elitesymposien. Beschädigen<br />

sie Deutschlands politische Kultur nicht?<br />

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung<br />

stand folgender Satz zu lesen: „Dass er im neuen Amt<br />

gefordert ist, nicht nur als Stratege, sondern auch als<br />

Staatsmann, das ahnte Jain – so ist es nun mal üblich<br />

für einen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank.“<br />

Staatsmann Jain! Staatsmann Fitschen!<br />

Was ist die Deutsche Bank in der Welt? Sie ist die<br />

Bank Deutschlands. Sie ist Deutschland. So sehen es<br />

die Menschen in Europa, in den USA, in Asien – je weiter<br />

von den Frankfurter Doppeltürmen entfernt, desto<br />

mehr steht die Deutsche Bank für Deutschland.<br />

Das Deutsche-Bank-Deutschland steckt in tiefster<br />

Krise: Das Ende der Ermittlungen und Prozesse<br />

wegen Libor- und Devisenmanipulation und Kundentäuschung<br />

ist nicht absehbar. Über 1000 Rechtshändel<br />

sollen es sein. Ebenso unabsehbar sind die Kosten dieser<br />

Kalamitäten. Milliarden. Den finanziellen Schaden<br />

kann nicht mal die Deutsche Bank selbst abschätzen.<br />

Die zwei Staatsmänner hoch droben in ihren Regierungstürmen<br />

haben das Geldhaus, das für Deutschland<br />

steht, über Jahre hinweg rechtlich und moralisch<br />

beschädigt: Jain, der Zyniker, Fitschen, der Schönredner.<br />

Ach ja, da gab es auch noch den Dauerlächler, diesen<br />

Schweizer, Ackermann. Er hat sich unterdessen<br />

aus dem Staub gemacht, in die heimischen Berge, wo<br />

die Luft rein ist.<br />

Wie ist das möglich: dass Wulff nicht Staatsmann<br />

sein darf, wegen peinlicher Kinkerlitzchen? Dass Jain<br />

und Fitschen aber als Staatsmänner <strong>durch</strong> das Land<br />

stolzieren, dessen Ruf als Nation korrekter Kaufleute<br />

sie ramponiert haben?<br />

Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />

34<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Wieso wurden ihnen all ihre Bubenstücke nicht<br />

zum Verhängnis? Weshalb dürfen sie weiter von<br />

„neuer Kultur“ schwadronieren? Warum dem Land<br />

Lektionen erteilen?<br />

Banker sind Bosse, die ihre horrenden Gehälter<br />

plus Boni mit der Verantwortung begründen, die sie zu<br />

tragen haben. Doch wird eingefordert, dass sie geradestehen<br />

sollen für die Fehler ihrer Bank, dann kommt<br />

ihnen das Wort „Verantwortung“ partout nicht mehr<br />

über die Lippen. Rein rechtlich ist man ja nicht zu belangen,<br />

mithin unschuldig; die wahren Täter sitzen in<br />

den unteren Etagen; weshalb also abtreten?<br />

Wer so leicht davonkommt, die Taschen gefüllt mit<br />

Abermillionen, müsste der Verachtung der Gesellschaft<br />

anheimfallen: ihrer moralischen Ächtung. Stattdessen<br />

halten die zwei Riesen-Staatsmänner weiter Hof.<br />

Wieso hat die redliche Kanzlerin noch nicht zum<br />

Handy gegriffen, um den Geldgesellen mitzuteilen,<br />

dass sie als Gesprächspartner nicht mehr infrage kommen<br />

– ein SMS-Bescheid von Staatsfrau zu Staatsmann<br />

und Staatsmann?<br />

Benötigt nicht der Rechtsstaat Deutschland, benötigt<br />

nicht die Demokratie Deutschland dringend ein<br />

anderes Geld-Deutschland?<br />

Einen Nachfolger für Jain und Fitschen gäbe es.<br />

Er sitzt in der Schweiz: Axel Weber. Derzeit führt der<br />

Deutsche die UBS <strong>durch</strong> die schweren Wetter einer<br />

Krise, die mit der Krise der Deutschen Bank <strong>durch</strong>aus<br />

vergleichbar ist – als unbelasteter Kapitän auf neuen<br />

Kurs, ohne dabei sein Gastland zu belehren.<br />

Axel Weber, Verwaltungsratspräsident der UBS,<br />

verkauft seine Pflicht nicht als Kür. Hingabe an die<br />

Aufgabe, das ist seine persönliche Signatur.<br />

Nach dieser Maxime funktionierte Axel Weber<br />

schon als Chef der Deutschen Bundesbank und als Mitglied<br />

des Direktoriums der Europäischen Zentralbank:<br />

Mitten im Finanzcrash, mitten im Shitstorm des Kasinokapitalismus<br />

behielt er die Interessen seines Landes<br />

im Auge – unerschütterlich in erschütterter Zeit.<br />

Ja, Axel Weber ist ein Mann der öffentlichen Interessen.<br />

Er orientiert sich an gesellschaftlichen Werten:<br />

was geht und was nicht geht. Er ist ein Glücksfall<br />

für die UBS, was so viel bedeutet wie: für die Schweiz.<br />

Aus der vor wenigen Jahren noch verluderten und mit<br />

Steuergeldern geretteten Bank will er ein Geldinstitut<br />

errichten, das die Kunden mit Stolz betreten.<br />

Der Staatsdiener ist in der Schweiz Banquier geworden.<br />

Das Gegenteil von Banker.<br />

Banquier für die Deutsche Bank.<br />

FRANK A. MEYER ist Journalist und Gastgeber der<br />

politischen Sendung „Vis-à-vis“ in 3sat<br />

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Typologie<br />

Sie gerieren sich<br />

als unabhängige Geister.<br />

Ihr Dasein in der<br />

Politik ist ein einziges<br />

Plädoyer: die Anwälte<br />

Hans-Christian Ströbele,<br />

Peter Gauweiler und<br />

Wolfgang Kubicki.<br />

Acht Regeln zu einem<br />

sehr speziellen Typus<br />

Von CHRISTOPH SCHWENNICKE<br />

Graue Partei,<br />

bunter Querulant.<br />

Der Grüne Hans-<br />

Christian Ströbele<br />

( oben​ links ),<br />

Wolfgang Kubicki<br />

von der FDP<br />

( unten links ) und<br />

der CSUler<br />

Peter Gauweiler<br />

DIE QUERULATOREN<br />

36<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Illustrationen: Wieslaw Smetek<br />

Es gibt in der deutschen Politik einen<br />

Typus, der bislang noch keinen Namen<br />

hat. Wir nennen ihn ab jetzt<br />

den Querulator.<br />

Drei große Querulatoren hat die<br />

Republik derzeit. Sie heißen Peter Gauweiler,<br />

Hans-Christian Ströbele und<br />

Wolfgang Kubicki. Sie sind zu Hause<br />

in der CSU, bei den Grünen und in der<br />

FDP. Wobei: Zu Hause sein, da fängt es<br />

schon an. Wo ist der Querulator eigentlich<br />

schon zu Hause?<br />

Zunächst einmal bei sich selbst. Der<br />

Querulator erarbeitet sich seinen Platz,<br />

indem er sich als unabhängiger Geist geriert,<br />

der für alles ist, nur möglichst selten<br />

für den Standpunkt seiner Partei. Denn<br />

nur so kann er für sich das maximale<br />

Drehmoment aus dem politischen Motor<br />

herauskitzeln. Er zählt Unionsfreunde zu<br />

Mitgliedern einer „Flaschenmannschaft“,<br />

wie Peter Gauweiler vor den Europawahlen<br />

über die EU-Kommission, der Günther<br />

Oettinger von der CDU angehört.<br />

Er gefährdet vor einem Auslandseinsatz<br />

in Afghanistan die Mehrheit der Regierung,<br />

wie es Hans-Christian Ströbele zu<br />

Zeiten von Rot-Grün getan hat. Oder er<br />

beschimpft öffentlich den Zustand seiner<br />

Partei respektive deren aktuellen Vorsitzenden,<br />

wie es Wolfgang Kubicki über<br />

Jahre getan hat: Otto Graf Lambsdorff<br />

nannte er einen „Vorsitzenden auf Zeit“,<br />

Wolfgang Gerhardt „zwanghaft neurotisch“<br />

und eine „lahme Ente“, die Westerwelle-FDP<br />

sah er auf einem Level mit<br />

der „Spätphase der DDR“, und dessen<br />

Nachfolger Philipp Rösler fand er alsbald<br />

„leider nicht mehr locker“.<br />

Eine Spezialität von Peter Gauweiler<br />

ist es wiederum, vor dem Bundesverfassungsgericht<br />

gegen die Politik der Regierung<br />

zu klagen, wurscht, ob die eigene<br />

Partei daran beteiligt ist. Gegen Lissabon,<br />

gegen den ersten Rettungsschirm EFSF,<br />

gegen den zweiten Rettungsschirm ESM<br />

und gegen den Verfassungsvertrag (die<br />

Klage wurde dann nur wegen Referenden<br />

in anderen Ländern hinfällig).<br />

Versuchen wir, in der derzeitigen<br />

Dreifaltigkeit Gauweiler – Ströbele – Kubicki<br />

ein Muster zu erkennen.<br />

Erstens: Der Querulator ist zunächst<br />

einmal das, was man heute einen alten<br />

weißen Mann nennt. Der alte weiße<br />

Mann kämpft gegen den eigenen Verfall<br />

an. Er verjüngt sich gewissermaßen<br />

<strong>durch</strong> sein permanent rebellisches Auftreten.<br />

Er ist wie ein alternder Punk. Er<br />

ist der Johnny Rotten der Politik. Er muss<br />

nur aufpassen, dass er dabei nicht irgendwann<br />

zur Karikatur seiner selbst wird.<br />

Ströbele wurde bei der Bundestagswahl<br />

im vergangenen Herbst in seinem eigenen<br />

Kiez in Kreuzberg sein Wahlplakat<br />

verhohnepiepelt: Das Gesicht des<br />

108 Jahre alt gewordenen Schauspielers<br />

Johannes Heesters hatten sie auf Ströbeles<br />

Hals geklebt, um den der unvermeidliche<br />

rote Schal geschlungen war. Obwohl:<br />

Damit war Ströbele natürlich auch wieder<br />

im Gespräch, und das weiß ein Querulator<br />

zu schätzen.<br />

Zweitens: Der Querulator ist meistens<br />

Jurist. In seiner akademischen<br />

Grundausbildung hat er also gelernt,<br />

dass sich jedes noch so feine Haar spalten<br />

lässt. Er hat gelernt, die völlig falsche Sache<br />

zu vertreten, und dem Ganzen einen<br />

märtyrerischen Anstrich zu geben: Einer<br />

muss es ja tun. Darüber hinaus lehrt ihn<br />

das Studium, einen scharfen Verstand<br />

so einzusetzen, dass dieser tut, was er<br />

soll: die Argumente der anderen präzise<br />

einzuschneiden und zu zerteilen. Er hat<br />

darüber hinaus gelernt, seine Causa mit<br />

dem Gestus der ehrlichen Empörung zu<br />

vertreten. Wenn er in der Talkshow sitzt<br />

oder auf dem Parteitag spricht, dann<br />

37<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Typologie<br />

träumt er sich in die Rolle eines jungen<br />

Anwalts, der die Geschworenen von einer<br />

gerechten Sache überzeugt. Sein ganzes<br />

Dasein in der Politik ist folglich ein einziges<br />

Plädoyer – scheinbar für die Sache,<br />

in Wahrheit immer für sich.<br />

Drittens: Der Querulator stellt gern<br />

heraus, dass er ja eigentlich Rechtsanwalt<br />

ist und nur aus purer Bürgerpflicht<br />

nebenbei auch Parlamentarier. Er umgibt<br />

sich gern mit der Aura desjenigen,<br />

der eigentlich einem anständigen Beruf<br />

nachgeht und eine Art Quereinsteiger in<br />

die Politik ist. Die Partei darf im Grunde<br />

froh sein, dass er – bei seinem Stundensatz!!<br />

– kostbare Lebenszeit an sie verschwendet.<br />

Dass Gauweiler schon zu Zeiten<br />

von Franz Josef Strauß in der Politik<br />

war, Ströbele schon zu Zeiten von Petra<br />

Kelly und Kubicki schon zu Zeiten<br />

von Hans-Dietrich Genscher, ist nicht so<br />

wichtig.<br />

Viertens: Der Querulator ist vor allem<br />

in Abwesenheit der anderen mutig.<br />

In Präsidiums- und Fraktionssitzungen<br />

zeigt er sich eher demütig und zahm.<br />

Wenn aber die Mikrofone aufgebaut werden,<br />

wird er zum Helden.<br />

Fünftens: Der Querulator ist ein<br />

Liebling der Medien. Mit ihnen geht er<br />

eine Symbiose ein. Er weiß: Sendezeit<br />

bedeutet Einfluss. Und drei Seiten Interview<br />

am Stück sind ein Zeichen von<br />

Macht. Die Medien wissen: Jedes Interview<br />

mit einem Querulator hat eine hohe<br />

Chance, einen Sprengsatz zu enthalten.<br />

Wenn der explodiert, ist nicht nur der<br />

Ströbele<br />

stimmte gegen<br />

den Krieg in<br />

Afghanistan.<br />

Für sein Nein<br />

mussten<br />

andere Grüne<br />

nachgeben<br />

Name des Querulators in aller Munde,<br />

sondern das Medium gleich mit. Der Autor<br />

weiß, wovon die Rede ist. Das DDR-<br />

Vergleich-Interview mit Kubicki hat er<br />

selbst geführt.<br />

DER QUERULATOR gibt für einen flotten<br />

Spruch alles, aber auch alles dran, zuerst<br />

die Loyalität zu seiner eigenen Partei<br />

und deren Führungsfiguren. Sie spotten<br />

sogar darüber, dass die anderen nicht<br />

so mundschnell sind. Über Frau Homburger<br />

habe er gelesen, dass sie die am wenigsten<br />

bekannte Fraktionsvorsitzende<br />

im Deutschen Bundestag sei, sagte Kubicki<br />

in besagtem DDR-Interview. „Was<br />

mich überhaupt nicht wundert. Auch<br />

ich nehme nichts von ihr wahr. Bei dem,<br />

was sie sagt, scheint es so zu sein, dass<br />

niemand das Bedürfnis hat, das auch zu<br />

transportieren.“<br />

Sechstens: Der Querulator scheut die<br />

Verantwortung. Verantwortung ist so angenehm<br />

für ihn wie für einen Vampir, in<br />

der prallen Sonne Knoblauch zu speisen.<br />

Verantwortung bringt sein ganzes Konzept<br />

zum Scheitern. Niemand kann gegen<br />

alles Falsche und für alles Richtige<br />

schimpfen, wenn er Verantwortung trägt.<br />

Denn dann müsste er Kompromisse herbeiführen,<br />

verschiedene Standpunkte zusammenführen,<br />

für eigene Fehler geradestehen.<br />

Dann könnte er sich nicht wie<br />

seinerzeit Ströbele unter den acht Grünen-Gegnern<br />

der Afghanistaneinsätze<br />

der Bundeswehr vier ausgucken, die<br />

doch mit Ja stimmen müssen, sich selbst<br />

aber ein Nein-Ticket sichern. Nein, die<br />

Übernahme von Verantwortung ist für<br />

den Querulator schon der halbe politische<br />

Tod. Deshalb unterscheidet er sich<br />

auch vom Ehrgeizling. Der Ehrgeizling<br />

profiliert sich schon auch gegen seine<br />

Partei, reibt sich an ihr wie die Wildsau<br />

an der Eiche, rüttelt an Toren und Stäben.<br />

Er will am Ende eine Machtposition<br />

und damit Verantwortung. Der Querulator<br />

will nur eine informelle Macht, ohne<br />

jede Verantwortung, ohne Risiko. Bei allem<br />

mitreden, nicht dafür haften, das ist<br />

das Prinzip des Querulators. Übernimmt<br />

er eine Position an der Spitze der Partei,<br />

wird es gefährlich.<br />

Wolfgang Kubicki hat diesen Todeshauch<br />

jetzt gespürt, als er als verbliebener<br />

Parteivize das fürchterliche FDP-<br />

Ergebnis bei der Europawahl erklären<br />

musste. Keiner war mehr da, dem er die<br />

Schuld geben konnte, auf einmal stand<br />

nur er vor der Kamera. Leider auch nicht<br />

mehr so locker in dem Moment, der Herr<br />

Kubicki, möchte man ihm da in seinen eigenen<br />

Worten attestieren.<br />

Siebtens: Der Querulator schadet seiner<br />

Partei eher als er ihr nützt. Jede Parteiführung<br />

redet sich ein, dass der Querulator<br />

ihr am Ende hilft. Weil er die<br />

innerparteiliche Demokratie am Leben<br />

erhalte, weil er irgendwelche Flügel einbinde.<br />

Weil er ein gern gesehener Gast in<br />

Talkshows ist, ein interessantes, markantes<br />

Gesicht, das die Partei in der öffentlichen<br />

Debatte halte. Graue Partei plus<br />

bunter Querulator gleich bunte Partei.<br />

Das ist Unsinn.<br />

CSU-Chef Horst Seehofer hat es gerade<br />

am Beispiel von Peter Gauweiler erlebt.<br />

Selbst schon mit einer starken querulatorischen<br />

Neigung ausgestattet, hatte<br />

Gauweiler<br />

klagt gern in<br />

Karlsruhe gegen<br />

die Politik, die<br />

seine CSU in<br />

der Regierung<br />

beschließt<br />

Kubicki stänkerte<br />

gegen jeden<br />

Parteichef.<br />

Was tut er bloß,<br />

wenn er selbst<br />

Verantwortung<br />

trägt?<br />

38<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators; Foto: Andrej Dallmann<br />

er Gauweiler anstelle des in Ungnade gefallenen<br />

Peter Ramsauer auf den Posten<br />

des Parteivizes gehievt. Gauweiler lockte<br />

Seehofer auf den völlig falschen Kurs<br />

bei der Europawahl. Für Europa und zugleich<br />

dagegen: Das war eine Überdehnung<br />

des Alles-in-einem-Prinzips der<br />

CSU, das die Wähler nicht mehr mitgemacht<br />

haben.<br />

Querulatoren verzagen selten, weil<br />

sie ja immer recht haben, jedenfalls<br />

aus ihrer Sicht. Deshalb sagte Gauweiler<br />

nach der Wahl auch, ohne seine Kritik<br />

an der EU wäre die Europawahl womöglich<br />

noch schlechter gelaufen. Aber<br />

er war schon ein wenig niedergeschlagen.<br />

Ihm sei „das Ganze sehr arg“. Ob er 2015<br />

noch einmal als CSU-Vize antreten will,<br />

sagt er nicht. „Das ist jetzt kein Thema.“<br />

Achtens: Der Querulator kann nicht<br />

eingebunden werden. Trotzdem wird es<br />

immer wieder versucht. Der Hintergedanke<br />

ist dabei, dass ihn entweder die<br />

Zwänge mundtot machen oder aber die<br />

Vorzüge des Amtes milde und träge werden<br />

lassen. Letzteres klappt manchmal,<br />

praktiziert mit Ludger Volmer von den<br />

Grünen, den Joschka Fischer als Staatsminister<br />

gewissermaßen unschädlich<br />

machte.<br />

MEISTENS ABER geht es schief, und zwar<br />

für beide Seiten. Der Querulator verliert<br />

sein Markenzeichen, sein Alleinstellungsmerkmal,<br />

und die Partei über kurz<br />

oder lang die Nerven.<br />

Was auch nicht geht, ist, wenn ein geborener<br />

Querulator funktionalisiert wird.<br />

Wie Thilo Sarrazin, den Klaus Wowereit<br />

in Berlin zum Finanzsenator machte, um<br />

eine harte Sparpolitik <strong>durch</strong>zusetzen.<br />

Sarrazin querulierte so lange und so laut,<br />

dass sogar die SPD irgendwann begriff:<br />

Sie muss ganz leise sein. Dann weiß das<br />

Publikum am Ende gar nicht mehr so genau,<br />

ob Sarrazin überhaupt noch in der<br />

SPD ist. Auszuschließen braucht ihn die<br />

Partei gar nicht, er hat ja kein Amt mehr<br />

und kein Mandat. Das braucht der Querulator<br />

jedoch unbedingt, denn sein Wesen<br />

ist es, aus der Reihe zu tanzen. Allein<br />

tanzt keiner aus der Reihe.<br />

FRAU FRIED FRAGT SICH …<br />

… ob wir unsere Kinder zu egoistischen<br />

Strebern erziehen<br />

Früher war es einfacher, jung zu sein. Da freuten sich Eltern,<br />

wenn ihre Kinder überhaupt einen Schulabschluss machten, bevor<br />

sie in einer Landkommune mit dem Anbau von Marihuana<br />

begannen oder gleich nach Indien aufbrachen. Eine abgeschlossene<br />

Lehre galt als Erfolg, ein Soziologiestudium noch als anerkannter<br />

Ausbildungsweg zum krisenfesten Beruf des Taxifahrers. Irgendwie<br />

hatten alle das Zutrauen, dass über kurz oder lang etwas aus dem<br />

jungen Menschen werden würde, der seinen Weg ins Leben suchte.<br />

Heute ist alles anders. Wer mit Anfang 20 nicht ein Spitzen-Abi,<br />

ein Auslandsjahr, jede Menge Praktika, die Kenntnis von mindestens<br />

drei Fremdsprachen und mörderischen Ehrgeiz hat, kann einpacken.<br />

Junge Erwachsene, die nach der Schule keinen präzisen Plan<br />

ihres beruflichen Werdegangs haben, gelten als Loser, und ihre Eltern<br />

diskutieren in Selbsthilfegruppen am Gartengrill, was sie bei der Erziehung<br />

falsch gemacht haben. Mit 17 Abi, mit 21 Bachelor, mit 23<br />

Master, dann ab ins Berufsleben – dieser absurde Zeitplan wird mehr<br />

und mehr zur Normalität. Wenn’s gut läuft, kommt zwischen Abi und<br />

Studium noch ein soziales Jahr dazu, das ist für viele dann das vorerst<br />

letzte Ausscheren vor der Zielgeraden. Suchen, träumen, ausprobieren,<br />

all das ist nicht mehr vorgesehen.<br />

Gefühlte 90 Prozent der Jugendlichen studieren heute Wirtschaftsfächer.<br />

Erfolgreich zu sein und viel Geld zu verdienen, ist ihnen<br />

das Wichtigste, und das geben sie sogar offen zu. Studien- oder<br />

Ausbildungsgänge, die nicht diesem Ziel dienen, werden mitleidig belächelt.<br />

Als ich kürzlich in größerer Runde erzählte, meine Tochter<br />

wolle soziale Arbeit studieren, fragte eine Dame aus besseren Kreisen<br />

mit gekräuselten Lippen: „Ist das denn dotiert?“ Ob diese Berufswahl<br />

meine Tochter erfüllt, weil sie lieber etwas Sinnstiftendes tun<br />

als viel Geld verdienen will, ob sie etwas für andere Menschen leisten<br />

kann – all das schien der Dame nicht von Interesse.<br />

Mir machen diese stromlinienförmigen, angepassten, super zielstrebigen<br />

Jugendlichen, die mit Anfang 20 wissen, wo sie mit Ende<br />

30 sein wollen und übereifrig die (tatsächlichen oder vermeintlichen)<br />

Erwartungen der Eltern erfüllen, Angst. Denn von denen werden wir<br />

in ein paar Jahren regiert. Und in einem sozialen Klima, das von ihnen<br />

geprägt wird, möchte ich nicht gern alt und hilfsbedürftig sein.<br />

CHRISTOPH SCHWENNICKE<br />

ist Chefredakteur von <strong>Cicero</strong><br />

AMELIE FRIED ist Fernsehmoderatorin und Bestsellerautorin.<br />

Für <strong>Cicero</strong> schreibt sie über Männer, Frauen und was das Leben<br />

sonst an Fragen aufwirft<br />

39<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


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VOLKSWAGEN E-MOBILITÄT<br />

IDEEN, DIE BEWEGEN<br />

In der Wirtschaft und beim Verkehr ist unendliches Wachstum unmöglich. Es braucht eine<br />

Wachstumsdebatte und Ideen, um die Mobilität der Zukunft zu gestalten.<br />

Schon Ökonom Kenneth E. Boulding<br />

glaubte nicht an ein unendliches<br />

Wachstum in einer endlichen Welt.<br />

Dennoch muss die Wirtschaft wachsen, um<br />

unsere Lebensstandards zu sichern. Gleichzeitig<br />

gefährden wir <strong>durch</strong> dieses Wachstum<br />

unsere eigene Lebensgrundlage. Verzicht ist<br />

dafür nicht die Lösung. Es braucht Ideen,<br />

die bewegen. Ideen, die unsere Wirtschaft,<br />

Politik und Gesellschaft weiterbringen. Der<br />

Volkswagen Konzern bietet solche Ideen,<br />

und zwar in allen Technologiefeldern und<br />

zeigt damit eine neue Bandbreite an «grüner»<br />

Mobilität auf. Und mit alleine 54 Modellvarianten<br />

mit einem CO 2<br />

-Ausstoss von<br />

weniger als 100 g/km bietet Volkswagen<br />

die grösste Effizienzflotte der Welt.<br />

Die Speerspitze der Innovationskraft im<br />

Volkswagen Konzern wird aktuell <strong>durch</strong> den<br />

einzigartigen XL1*, das erste Ein-Liter-Auto<br />

der Welt, dargestellt. Der aufregende Diesel-Plug-In-Hybrid<br />

mit Karbon-Monocoque<br />

setzt bei Leichtbau (795 kg Gesamtgewicht),<br />

Aerodynamik (cW-Bestwert von 0,189) und<br />

Effizienz (0,9 l/100 km im NEFZ) neue Mass -<br />

stäbe. Aber nicht nur die Technik des sparsamen<br />

Zweisitzers überzeugt, sondern auch<br />

seine Optik. Daher gilt der XL1 nicht nur als<br />

das aerodynamischste Serienfahrzeug der<br />

Haben Sie Fragen zur e-Mobilität?<br />

Wollen Sie wissen, wie viel Sie sparen<br />

– und zwar nicht nur Energie –, wenn<br />

Sie mit e-Modellen von Volkswagen<br />

fahren? Dann tauchen Sie ein in die<br />

spannende Welt der e-Mobilität:<br />

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Noch unsicher, ob e-Mobilität für<br />

Sie das Richtige ist? Dann ermitteln Sie<br />

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und erfahren Sie so, mit welcher<br />

Antriebstechnologie von Volkswagen<br />

Sie am effizientesten unterwegs sind.<br />

Welt, sondern bereits heute als Design-<br />

Ikone und ist als solche noch bis zum 25.<br />

August im Design Museum in London zu<br />

bewundern.<br />

Volkswagen arbeitet jedoch nicht nur an<br />

ein drucksvollen Leuchtturm-Projekten, sondern<br />

mit Hochdruck an innovativen und zukunftsweisenden<br />

Produkten für alle Kunden.<br />

Bes tes Beispiel hierfür ist der dieses Jahr<br />

seinen 40. Geburtstag feiernde Dauerbrenner<br />

Golf. In den letzten vier Jahrzehnten<br />

haben sich die Erwartungen der Menschen<br />

an die Mobilität zwar fundamental gewandelt,<br />

doch der Golf hält mit diesem Wandel<br />

Schritt. Und nun ist die Zeit reif für den<br />

e-Golf**. 85 kW (115 PS) und 270 Nm verhelfen<br />

dem e-Golf zu unglaublicher Dyna -<br />

mik. Er hält beim Ampelstart sogar mit sportlichen<br />

Modellen mit und selbst auf der Autobahn<br />

ist man flott (0–100 km/h in 10,4 s;<br />

Spitze 140 km/h) und erst noch flüsterleise<br />

unterwegs. Auch beim Fahrverhalten zeigt<br />

sich der Volkswagen trotz 318 Kilogramm<br />

Lithium-Ionen-Akkus an Bord markentypisch<br />

souverän und komfortabel. Der Golf bleibt<br />

eben auch als e-Golf ein echter Golf und<br />

weiss zu überzeugen. Und er komplettiert<br />

ein <strong>durch</strong>dachtes, ganzheitliches e-Mobilitätsangebot<br />

von Volkswagen und weist so<br />

auch ohne Verzicht den Weg in eine nachhaltige<br />

Zukunft.


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Einfach genial.<br />

Einfach elektrisch.<br />

Der XL1.<br />

Der neue e-Golf.<br />

Der e-Golf. Das e-Auto.<br />

Der XL1* braucht für 100 km weniger als einen Liter Kraftstoff. Der e-Golf** kommt sogar ganz<br />

ohne aus: Spielend einfaches Laden an jeder Steckdose, so wird e-Mobilität alltagstauglich.<br />

Und das Schnellladeverfahren bringt die Batterie in nur einer halben Stunde auf 80 % ihrer<br />

Leistung. Das Einzige, was fehlt, sind Emissionen. Und natürlich Tankstellenbesuche. Testen<br />

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Weitere Fahrzeuginformationen.<br />

* Kraftstoffverbrauch in l/100 km: kombiniert 0,9, Stromverbrauch in kWh/100 km: kombiniert 7,2, CO 2 -Emissionen in g/km: kombiniert 21.<br />

** Stromverbrauch in kWh/100 km: kombiniert 12,7, CO 2 -Emissionen in g/km: 0. Abbildung zeigt Sonderausstattung gegen Mehrpreis.


BERLINER REPUBLIK<br />

Reportage<br />

SUCH, ARTUS!<br />

42<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Fotos: Martin Jehnichen/DER SPIEGEL (2), Corbis<br />

Häftlinge mit eingeschmuggelten Handys sind ein Problem. Sie sind<br />

gewitzt darin, sie im Gefängnis zu verstecken. Dumm für sie, dass<br />

es Artus gibt. Der Suchhund kann Mobiltelefone riechen<br />

Von KAROLINE KUHLA<br />

43<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Reportage<br />

Auf Kommando rast Artus in die<br />

Gefängniszelle. „Los! Such!“, hat<br />

ihm der Beamte zugerufen, und<br />

der belgische Schäferhund von vier Jahren<br />

sucht. Er schnüffelt, bis zu 300 Mal<br />

die Minute atmet er ein und aus, im<br />

Wechsel rechts, links, rechts, links, so<br />

erschnuppert er die Richtung. Zügig arbeitet<br />

sich Artus <strong>durch</strong> die Zelle, nur das<br />

Schnüffeln ist zu hören, permanent wedelt<br />

er mit dem Schwanz. Dann, plötzlich,<br />

scheint er etwas entdeckt zu haben.<br />

Er riecht noch einmal – und friert ein.<br />

Seine Muskeln erstarren. Er wedelt nicht<br />

mehr. Die Ohren sind wachsam aufgerichtet.<br />

Nase, Augen und Haltung konzentrieren<br />

sich auf einen Plastikkorb.<br />

Würde seine Brust sich nicht heben und<br />

senken, man hielte ihn für ausgestopft.<br />

Erst ein Signal vom anderen Ende<br />

der Zelle löst den Bann: Artus stürmt auf<br />

Jörg Siebert zu, springt mehrfach an ihm<br />

hoch. „Gut gemacht“, lobt der Hundeführer,<br />

„bist der Beste, Archie“, und überlässt<br />

ihm zur Belohnung einen grünen<br />

Kautschukball. Dann holt Siebert den<br />

von ihm versteckten Gegenstand aus dem<br />

Plastikkorb: ein Handy.<br />

Hund. Herrchen. Handy? Artus<br />

und sein Hundeführer Jörg<br />

Siebert, Justizvollzugsanstalt<br />

Zeithain, Sachsen<br />

Im Mai hauten<br />

zwei Häftlinge<br />

in Berlin ab.<br />

Sie sollen den<br />

Ausbruch mit<br />

einem Handy<br />

geplant haben<br />

Seit gut einem Jahr stören der Diensthundeführer<br />

Jörg Siebert und sein Spürhund<br />

Artus Häftlinge, hier in der sächsischen<br />

Justizvollzugsanstalt Zeithain und<br />

in anderen Gefängnissen des Freistaats.<br />

Denn Artus kann etwas, worauf kein anderer<br />

Hund in Deutschland trainiert ist:<br />

Er riecht Handys.<br />

„Wir sind hier der Staatsfeind Nummer<br />

eins“, sagt Siebert, als er mit Artus<br />

an der Leine über den Gefängnishof läuft.<br />

Diese JVA ist ihr Revier: Siebert macht<br />

das mit seinem breitbeinigen Gang deutlich;<br />

Artus, indem er in jeder Ecke auf<br />

dem Hof sein Bein hebt.<br />

Bundesweit sind Mobiltelefone in<br />

Justizvollzugsanstalten den Häftlingen<br />

verboten. Dennoch werden aus Gefängnissen<br />

heraus Zeugen erpresst, Geständnisse<br />

erzwungen, illegale Geschäfte<br />

gemacht. So soll auch den beiden Häftlingen,<br />

denen Mitte Mai die Flucht aus der<br />

JVA Moabit in Berlin gelang, ein Handy<br />

bei der Planung ihres Ausbruchs geholfen<br />

haben.<br />

Handys werden in die Gefängnisse<br />

eingeschmuggelt, über die Mauer geworfen<br />

und von Häftling zu Häftling<br />

Foto: Martin Jehnichen/DER SPIEGEL<br />

44<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


In Deutschland leben ca. 600.000 junge Witwen<br />

und Witwer. Fast 1 Million Kinder müssen den<br />

schmerzhaften Verlust eines Elternteils erleben.<br />

Die Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit<br />

einem professionellen und umfassenden Hilfsangebot<br />

Betroffene in dieser schwierigen Lebenssitu-<br />

Design: Marco Weißenberg | Konzeptlabor<br />

ation zu begleiten. Einen Schwerpunkt legen<br />

wir in die Betreuung trauernder Kinder und Jugendlicher<br />

mit dem Projekt, das uns besonders<br />

am Herzen liegt: der Online-Beratungsstelle<br />

YoungWings.<br />

Jetzt spenden<br />

und helfen!<br />

www.nicolaidis-stiftung.de<br />

www.youngwings.de


BERLINER REPUBLIK<br />

Reportage<br />

weitergereicht. Ein lukratives Geschäft,<br />

denn für ein Mobiltelefon wird hinter<br />

Gittern 20- bis 60-mal so viel gezahlt<br />

wie draußen.<br />

IN ALLEN ANSTALTEN kontrollieren Mitarbeiter<br />

die Besucher, die Post und die<br />

Fahrzeuge der Lieferanten. Auch Werkstätten,<br />

Aufenthaltsräume und Zellen<br />

der Häftlinge <strong>durch</strong>suchen sie regelmäßig.<br />

Mit „Mobilfindern“ oder „Handydetektoren“<br />

werden in vielen Gefängnissen<br />

Signale abgefangen und so Handys geortet.<br />

Doch die Detektoren erkennen ein<br />

Handy nur, wenn es eingeschaltet ist. Das<br />

wissen die Häftlinge mittlerweile.<br />

Die Gefahr, die von Artus ausgeht,<br />

können die Gefängnisinsassen hingegen<br />

bisher nicht einschätzen. „Wenn es nicht<br />

so eine ernste Sache wäre“, sagt Hundeführer<br />

Siebert, „könnte man das Katzund-Maus-Spiel<br />

fast lustig finden.“<br />

Kurz nachdem Artus damit anfgefangen<br />

hatte, <strong>durch</strong> die Zellen zu wirbeln,<br />

kam das Gerücht auf, der Hund könne<br />

nur ein ganzes Handy oder nur den Akku<br />

riechen. Also haben die Häftlinge ihre<br />

Mobiltelefone auseinandergenommen.<br />

„Gut gemacht“, lobt Jörg Siebert<br />

seinen Hund. Ist er fündig,<br />

bekommt Artus zur Belohnung<br />

seinen Lieblingsball<br />

Schale, Akku und Display versteckten<br />

sie getrennt. Für Artus kein Problem:<br />

Auch die in die Erde eines Blumentopfs<br />

gestopfte einzelne SIM-Karte entging seiner<br />

Nase nicht. Sogar wenn das Handy<br />

nicht mehr in der Zelle ist, aber vor kurzem<br />

noch da war, zeigt Artus das an.<br />

Seine Nase leistet fünf Millionen Mal<br />

mehr als die eines Menschen.<br />

Auf Handys trainiert wurde Artus in<br />

der Diensthundeschule der sächsischen<br />

Polizei. Für Sachsen war es ein Experiment.<br />

Jörg Siebert hat Artus zusammen<br />

mit seinem Kollegen Matthias Richter<br />

ausgebildet. Sie hatten von Hunden in<br />

den USA und Großbritannien gehört, die<br />

Handys aufspüren können. Beim Training<br />

sind sie ähnlich vorgegangen wie<br />

bei Drogenspürhunden: Zunächst wird<br />

das Lieblingsspielzeug versteckt, damit<br />

der Hund es sucht. Dann wird das Spielzeug<br />

zusammen mit dem zu suchenden<br />

Stoff versteckt – in Artus’ Fall<br />

mit einem Handy. So fing der<br />

Hund an, das Spielzeug mit<br />

dem Handygeruch zu assoziieren.<br />

Schließlich versteckten<br />

die Hundeführer nur noch das<br />

Handy. Wenn Artus es fand,<br />

wurde er mit dem Kautschukball<br />

belohnt.<br />

Außerdem hat Artus gelernt,<br />

passiv zu verweisen. Normalerweise<br />

heißt das, der Hund<br />

bellt nicht oder kratzt mit der<br />

Pfote, sondern setzt sich hin,<br />

wenn er etwas gefunden hat.<br />

„Aber Artus sitzt nicht gern“,<br />

sagt Richter. Stattdessen erstarrt<br />

er nun jedes Mal, wenn<br />

er fündig geworden ist.<br />

Für eine Zelle, die zwei Beamte in<br />

einer Stunde gründlich <strong>durch</strong>suchen,<br />

braucht Artus nur ein paar Minuten.<br />

21 Mobiltelefone haben Siebert und Artus<br />

auf diese Weise in den vergangenen<br />

zwölf Monaten aufgespürt. Häftlingen,<br />

die auf diese Weise gegen die Hausordnung<br />

verstoßen haben, drohen Sanktionen:<br />

Ihnen wird der Hafturlaub gestrichen,<br />

sie können ihren Besuch nur noch<br />

<strong>durch</strong> eine Trennscheibe sehen oder werden<br />

von Gemeinschaftsveranstaltungen<br />

ausgeschlossen.<br />

Andere Bundesländer konzentrieren<br />

sich darauf, Handys unschädlich zu machen.<br />

Störsender sollen verhindern, dass<br />

Fotos: Martin Jehnichen/DER SPIEGEL, Enno Schramm (Autorin)<br />

46<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


auf dem jeweiligen JVA-Gelände überhaupt<br />

eine Mobilfunkverbindung hergestellt<br />

werden kann. So wurde im Sommer<br />

2009 in Baden-Württemberg mit<br />

den 500 Haftplätzen der neuen JVA Offenburg<br />

auch ein Mobilfunkblocker für<br />

eine Million Euro in Betrieb genommen.<br />

Bis heute sei nur ein einziges Handy gefunden<br />

worden, erklärt die Anstaltsleitung<br />

in Offenburg. Der Gefangene habe<br />

glaubhaft angegeben, damit nur Musik<br />

zu hören und Bilder anzugucken. „Die<br />

Telefonkarte war jedenfalls leer und das<br />

Handy ausgeschaltet.“<br />

EIN ÜBERZEUGENDES ERGEBNIS. Vor allem,<br />

wenn man es mit den Handyfunden<br />

in Gefängnissen ähnlicher Größe vergleicht.<br />

So wurden im selben Zeitraum in<br />

den Hamburger Gefängnissen Fuhlsbüttel<br />

und Billwerder 80 beziehungsweise<br />

74 Mobiltelefone beschlagnahmt.<br />

In Baden-Württemberg setzen bereits<br />

zwei Gefängnisse auf Störsender, in<br />

Berlin und Bayern laufen Pilotprojekte,<br />

in Brandenburg ist ein Testlauf geplant,<br />

210x141_FashionWeek_14_Juli_RZ.pdf 1 04.06.2014 11:50:35<br />

in Thüringen und Sachsen existiert immerhin<br />

eine gesetzliche Grundlage für<br />

Mobilfunkblocker. Doch abgesehen von<br />

hohen Kosten gibt es ein weiteres Problem:<br />

Die Störung der Handyverbindung<br />

endet nicht immer an den Gefängnismauern.<br />

Verursacht ein Mobilfunkblocker<br />

außerhalb eines JVA-Geländes eine<br />

Störung, könne er nicht in Betrieb genommen<br />

werden, bestätigt die dafür zuständige<br />

Bundesnetzagentur. „Für die<br />

JVA Burg bei Magdeburg mussten wir<br />

den Plan eines Störsenders wieder verwerfen“,<br />

sagt eine Sprecherin des Justizministeriums<br />

in Sachsen-Anhalt. „Die<br />

Sorge, dass da<strong>durch</strong> ein Funkloch auf<br />

der Autobahn A2 zwischen Berlin und<br />

Magdeburg entsteht, war zu groß.“ Gleiches<br />

gilt für Haftanstalten, die in dicht<br />

besiedelten Gebieten liegen. Die Störsender<br />

lassen sich eben nicht auf den Meter<br />

genau ausrichten, und Anwohner würden<br />

vermutlich auf ihr Recht pochen, zu<br />

Hause ihr Handy zu benutzen.<br />

Wo die Technik versagt, hilft das Tier.<br />

Im Gegensatz zu ungenauen Störsendern<br />

ist Artus’ Hundenase sehr präzise. Als<br />

belgischer Schäferhund vom Typ Malinois<br />

ist er für solche Einsätze perfekt geeignet:<br />

„Er ist klein und kompakt, hat<br />

eine hohe Suchkondition und einen enormen<br />

Beutetrieb“, sagt Siebert.<br />

Acht Jahre ist ein Spürhund im<br />

Durchschnitt im Dienst. Artus wohnt bei<br />

Jörg Siebert, Tag und Nacht sind die beiden<br />

zusammen, so kann der Hundeführer<br />

auf seinen Hund achtgeben. Denn Handys<br />

zu erschnüffeln, erfordert von Artus<br />

eine höhere Nasenleistung als Rauschgift<br />

oder Sprengstoff. Das Duftfeld ist bei Lithium-Akkus,<br />

Plastikschalen und Display<br />

viel kleiner als bei Drogen. „Darum muss<br />

ich bei Artus aufpassen, dass er sich nicht<br />

verausgabt“, sagt Siebert. Nach einer halben<br />

Stunde Einsatz brauche der Hund<br />

eine Pause, nachmittags und abends noch<br />

jeweils eine Stunde Sport.<br />

KAROLINE KUHLA, Autorin in<br />

Hamburg, war beim Treffen mit<br />

Artus zum ersten Mal in einem<br />

Gefängnis<br />

Anzeige


BERLINER REPUBLIK<br />

Zwischenruf<br />

NEIN, NEIN, NOCHMALS NEIN<br />

Von KARL KARDINAL LEHMANN<br />

Die irische Heimathistorikerin Catherine Corless hat unlängst<br />

nach mühsamen Forschungen herausbekommen,<br />

dass in der westirischen Ortschaft Tuam die Spuren eines<br />

Massengrabs Schauerliches an den Tag brachten: Zwischen<br />

1925 und 1961 wurden 796 Kinder, zum größten Teil Säuglinge,<br />

nach ihrem Tod – offenbar <strong>durch</strong> Unterernährung und <strong>durch</strong>aus<br />

heilbare Krankheiten – weitgehend anonym verscharrt. Ihre<br />

Mütter galten als „gefallene Mädchen“. Sie waren als unverheiratete<br />

Frauen wegen einer Schwangerschaft<br />

aus der Gesellschaft ausgestoßen<br />

worden. Zwei Dinge erregten<br />

mit Recht die Menschen in aller<br />

Welt: die unmenschliche Art des<br />

Umgangs mit den Kindern, solange<br />

sie lebten, und der Umgang mit den<br />

toten Kindern, die am Ort ihrer Bestattung<br />

nicht mit der Erinnerung an<br />

ihre Namen und ihre Lebenszeiten<br />

gewürdigt wurden.<br />

Wieder Irland. Nach den Skandalen<br />

um den sexuellen Missbrauch<br />

von Kindern <strong>durch</strong> Pfarrer und Ordensangehörige<br />

hört die Welt von<br />

dieser unglaublichen Unmenschlichkeit<br />

und Gräueltat. Dabei galt Irland<br />

für viele Katholiken als ein in vieler<br />

Hinsicht vorbildliches Land. Ordensfrauen<br />

der „Guten Hilfe“ hatten<br />

das St. Marien-Heim für Mütter und<br />

Babys betrieben. Wie konnte das<br />

Land – offenbar nicht nur in Tuam –<br />

so tief sinken? Dass es in Irland über zehn solcher Heime gab,<br />

darunter ein protestantisches, zeigt die moralische Verwüstung,<br />

aber auch den Abgrund einer perversen Einstellung zum Leben<br />

der Kinder und ihrer unverheirateten, meist jungen Mütter.<br />

Man hatte das Massengrab früher entdeckt. Die Akten des<br />

vor mehr als 50 Jahren geschlossenen Heimes kamen 1961 an<br />

die kommunale Verwaltung. Lange wollte keiner mehr wissen.<br />

Nein, da gibt es nicht irgendeine Entschuldigung. Dies alles<br />

kann auch nur erklärt werden mit einer zutiefst unsensiblen<br />

Kultur des Vergessens und Verdrängens. Betroffen sind nicht<br />

nur die unglückseligen Schwestern in ihrer fehlenden Sensibilität.<br />

Sie waren gewiss überfordert mit den schwangeren jungen<br />

Frauen, aber vermutlich machte sie eine erschreckende<br />

Einstellung zur Sexualität und Zeugung so gefühllos. Überdies<br />

wurden Tausende von der Gesellschaft ausgestoßener Frauen<br />

jahrzehntelang in den „Magdalenen-Wäschereien“ wie Sklavinnen<br />

gehalten. Es wird nicht besser, wenn man weiß, dass<br />

der Staat über die Heime und Wäschereien die Aufsicht hatte.<br />

Nein, da gibt es nicht das Geringste zu beschönigen oder<br />

zu verschweigen. Was ist mit einer solchen Gesellschaft los?<br />

Was ging nicht nur bei den beteiligten Nonnen, sondern auch<br />

in den Köpfen der Väter der gezeugten Kinder und der Eltern<br />

vor sich, die ihre Töchter aus der Familie warfen und in das<br />

Heim brachten? Da geht es nicht nur<br />

um die unmittelbar Beteiligten, sondern<br />

um die schwarze Wolke eines<br />

<strong>durch</strong> und <strong>durch</strong> schuld- und sündhaften<br />

Umgangs mit der menschlichen<br />

Kreatur, mit unseresgleichen.<br />

Es ist nicht leicht, in einer solchen<br />

Situation Worte zu finden. Es wird<br />

noch schwieriger für alle, die sich<br />

in der Kirche für die Förderung des<br />

menschlichen Lebens einsetzen und<br />

sich dem Wohl und Heil gerade der<br />

Kinder verschrieben haben. Dennoch<br />

will ich nicht schweigen über<br />

das, was auch bei uns tadelnswert<br />

ist. Auch bei uns wurden noch <strong>durch</strong><br />

die ganze Neuzeit hin<strong>durch</strong> schwangere<br />

unverheiratete Frauen zum Verheimlichen<br />

ihrer Schwangerschaft<br />

und oft zur Abtreibung gezwungen.<br />

Auch in unseren Heimen stand<br />

nicht immer alles zum Besten. Und<br />

was geschieht heute oft mit den abgetriebenen<br />

menschlichen Überresten ungeborener Kinder, die<br />

ja Schutz verdienen und menschliche Würde beanspruchen?<br />

Ich kenne <strong>durch</strong> Gespräche mit Krankenschwestern, die<br />

entgegen allen gesetzlichen Bestimmungen faktisch doch zur<br />

Assistenz bei Abtreibungen bereit sein mussten und die bei mir<br />

in ihrer Not Hilfe suchten, den abschätzigen Umgang mit ungeborenem<br />

Leben nach dem Tod. Wer redet bei uns über solche<br />

Unmenschlichkeiten? Ich denke etwa an die Behälter mit<br />

abgetriebenen Föten für die kosmetische Industrie.<br />

Nein und nochmals Nein, da gibt es nur tiefe Klage wie<br />

in der Bibel über die unschuldigen Kinder von Bethlehem und<br />

mit allen Konsequenzen Umkehr zum Leben.<br />

KARL KARDINAL LEHMANN ist Bischof von Mainz. Von 1987 bis<br />

2008 war er Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz<br />

Da gibt es keine Entschuldigung, nur tiefe Klage: Das irische<br />

Massengrab für 796 Kinder bezeugt eine Kultur des Verdrängens<br />

Foto: Picture Alliance/DPA<br />

48<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


VSF&P<br />

UNG<br />

GERN<br />

© Foto Schmidt: Paul Ripke, © Foto Käßmann: Monika Lawrenz, © Foto Schäuble: Ilja C. Hendel/BMF, © Foto Gabriel: Dominik Butzmann<br />

A<br />

Das <strong>Cicero</strong>-Foyergespräch<br />

Sechs Mal im Jahr laden wir prägende Persönlichkeiten<br />

aus Politik und Kultur zur kurzweiligen<br />

Debatte ein. Freuen Sie sich jetzt schon auf den<br />

nächsten Stargast im Gespräch mit Chefredakteur<br />

Christoph Schwennicke und <strong>Cicero</strong>-Kolumnist<br />

Frank A. Meyer.<br />

Nächster Termin:<br />

Mittwoch, 27. August<br />

LESERREISE<br />

ZUM FOYER-<br />

GESPRÄCH<br />

In Kooperation mit<br />

dem Berliner Ensemble<br />

Bertolt-Brecht-Platz 1,<br />

10117 Berlin<br />

Exklusives Angebot für <strong>Cicero</strong>-Abonnenten:<br />

· Zwei Übernachtungen (Di. bis Do.) mit Frühstück im Doppelzimmer<br />

im 5-Sterne Hotel „The Mandala“ am Potsdamer Platz<br />

in Berlin<br />

· Politische Stadtführung mit einem <strong>Cicero</strong>-Redakteur am<br />

Mittwochvormittag<br />

· Gemeinsames Mittagessen im „Einstein Unter den Linden“<br />

· Zwei Eintrittskarten für das <strong>Cicero</strong>-Foyergespräch am<br />

Mittwochabend<br />

Individuelle An-/Abreise:<br />

Dienstag, 26. August bis Donnerstag, 28. August 2014<br />

zum Preis von 299,– Euro für zwei Personen<br />

(inkl. MwSt. bei eigener Anreise, begrenztes Platzangebot)<br />

Info und Bestellung:<br />

030 981 941-100<br />

oder foyer@cicero.de<br />

Berliner<br />

Ensemble<br />

cicero.de


BERLINER REPUBLIK<br />

Fotoessay<br />

WAS<br />

ÜBRIG<br />

BLIEB<br />

Der Arbeiter- und Bauernstaat baute sich ein<br />

Musterdorf: Mestlin in Mecklenburg. 25 Jahre<br />

nach dem Mauerfall hat sich die Fotografin<br />

Bettina Flitner dort eingemietet. Ihre Frage an<br />

die Einwohner: Was war die DDR?<br />

50<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


»<br />

Mein Großvater war ein großer<br />

Kommunist. Ich aber war schon nicht<br />

mehr in der Partei … Hier auf dem<br />

Schulhof gab es jeden Mittwoch<br />

Fahnenappell. „Pioniere, seid bereit!“,<br />

rief der Pionier leiter. „Immer bereit!“,<br />

antworteten wir<br />

MANUELA SZTOB, 50, SCHÄFTEBAUER<br />

«


»<br />

Es gab keine Autos, nur Pferde und Kutschen.<br />

Aber die Leute waren freier, hat<br />

mein Opa gesagt. Und alles war billiger<br />

KEVIN, 17<br />

«


»<br />

Die hatten andere Klamotten,<br />

andere Musik. Die haben auf<br />

engstem Raum gewohnt.<br />

Und mussten sogar ihre Haare<br />

selber schneiden<br />

ALINA, 13<br />

«


»<br />

Mit 18 bin ich in die Partei<br />

eingetreten.<br />

Mein Großvater erfuhr es<br />

aus der Zeitung und hat<br />

geschimpft. Später bin ich<br />

Parteisekretär geworden.<br />

Rote Socke, wie man so<br />

sagt. Mein Mann hat sich<br />

immer geweigert. Dem war<br />

das zu viel leeres Gerede<br />

RENATE FRANK, 64,<br />

GESCHICHTSLEHRERIN<br />

«


»<br />

Da war was mit einer<br />

Mauer … Die DDR war abgetrennt<br />

von Deutschland.<br />

Und im Westen gab es<br />

Bananen und Schokolade<br />

JOHANNA, 14<br />

«


»<br />

Die DDR: Alt. Alte Kleidung, alte Autos,<br />

alte Frisuren. Und alte Filme in Schwarz-Weiß.<br />

Mit so ’ner blonden DDR-Schauspielerin.<br />

Marilyn Monroe hieß die<br />

LIZA, 16<br />

«


BERLINER REPUBLIK<br />

Fotoessay<br />

»<br />

Früher war alles einfacher. Wir<br />

hatten alle Arbeit, und am Ende<br />

des Jahres musste man nur den<br />

SV-Ausweis abgeben, da wurden<br />

dann die Löhne eingetragen.<br />

Heute muss man um alles kämpfen.<br />

Aber ich bin kein Kämpfer<br />

MARTIN PISCHEL, 57, SCHLOSSER<br />

«<br />

Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall<br />

wird man als Deutscher im Ausland gefragt, ob<br />

die Unterschiede zwischen Ost und West noch<br />

sichtbar sind, und wie sie sich äußern, in der Hauptstadt,<br />

auf dem Land, <strong>durch</strong> die Menschen.<br />

Dieser Frage hat Bettina Flitner an einem Ort<br />

nachgespürt, auf dem einmal große Hoffnungen lagen,<br />

da er prototypisch werden sollte für den Arbeiter-<br />

und Bauernstaat: Das kleine Mestlin bei Schwerin<br />

war das erste und einzige sozialistische Musterdorf<br />

der DDR, das zwischen 1952 und 1957 erbaut wurde.<br />

Errichtet wurde ein Dorf mit städtischer Infrastruktur:<br />

Kulturhaus, Konsum, Schule, Krankenhaus<br />

und Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft –<br />

180 solcher Vorzeigedörfer sollten ursprünglich in der<br />

DDR entstehen, Zentren sozialistischen Lebens werden.<br />

Doch die Pläne wurden verworfen. Heute kümmert<br />

sich der Verein Denkmal Kultur Mestlin um einzelne<br />

Gebäude und ihre Relikte.<br />

„Ein Freund hatte mir davon erzählt“, sagt die Fotografin,<br />

die selbst aus dem Westen stammt, und die<br />

früh damit begann, die Auswirkungen des Mauerfalls<br />

zu dokumentieren: „1989/90 bin ich monatelang im<br />

Niemandsland des Grenzstreifens von Berlin herumgestreunt<br />

und habe die Menschen, die ich dort zufällig<br />

angetroffen habe, gefragt, was sie jetzt fühlen.“ Heraus<br />

kam ihre Arbeit „Reportage aus dem Niemandsland“.<br />

Auch in den Bildern vom Musterdorf Mestlin<br />

geht es vor allem um die Menschen. Für einige Wochen<br />

ist die Fotografin in eine Mestliner Musterwohnung<br />

gezogen. Sie hat sich mit den Einwohnern auseinandergesetzt,<br />

hat zugehört und schließlich Porträts<br />

aufgenommen.<br />

Die Menschen auf Flitners Bildern, jung und alt,<br />

stehen vor Kulissen, die aussehen, als könnten sie<br />

sich nicht entscheiden, ob sie zerfallen oder stehen<br />

bleiben wollen. Dennoch wirken die Porträtierten in<br />

den Szenerien nicht fremd, sie entsprechen nicht dem<br />

Anachronismus, den man nach einem Vierteljahrhundert<br />

erwarten würde. Die Fotografin stellte jedem die<br />

Frage: Was war die DDR für Sie? LENA BERGMANN<br />

Das „DDR Musterdorf Mestlin“ ist Teil einer Gesamtausstellung<br />

von Bettina Flitner, die ab Januar 2015 in der<br />

Galerie Horbach, Köln zu sehen sein wird<br />

Fotos: Bettina Flitner/Laif (Seiten 50 bis 58)<br />

58<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


WELTBÜHNE<br />

„ Die Angst muss man<br />

sich abgewöhnen “<br />

Angela Kane, die deutsche UN-Beauftragte für Abrüstung, reagiert eher<br />

nüchtern auf die Gefahren ihres Jobs, ab Seite 68<br />

59<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


WELTBÜHNE<br />

Porträt<br />

TÖTEN IST SEIN HANDWERK<br />

Abubakar Shekaus Stimme ist eine Mischung aus Osama bin Laden und Adolf Hitler.<br />

Mit irrem Blick verkündet der Boko-Haram-Chef den Krieg gegen die Christen<br />

Von JOHANNES DIETERICH<br />

Illustration: Felix Gephart für <strong>Cicero</strong><br />

Gibt es ihn noch? Oder handelt<br />

es sich um ein Double? Dreimal<br />

schon haben Nigerias Sicherheitskräfte<br />

in den vergangenen Jahren den Tod<br />

des Kopfes der extremistischen Boko-Haram-Sekte<br />

gemeldet. Nur um sich stets mit<br />

einem neuen Video des meistgesuchten<br />

Mannes Afrikas konfrontiert zu sehen.<br />

Einstige Bekannte bezweifeln, dass der<br />

bärtige Kämpfer mit dem wirren Blick tatsächlich<br />

jener Abu bakar Shekau ist, den<br />

sie aus früheren Jahren kennen. Für amerikanische<br />

Geheimdienstler besteht daran<br />

jedoch kein Zweifel.<br />

Tatsächlich gebärdet sich der Sektenführer<br />

auf jedem Video in bekanntem Stil:<br />

Er fuchtelt wild, verzieht sein Gesicht zu<br />

grinsenden Grimassen und schreit gelegentlich<br />

mit gepresster Stimme, die wie<br />

eine Mischung aus Osama bin Laden und<br />

Adolf Hitler klingt. Keine Frage: Dieser<br />

Mann ist echt. Viel zu echt für mehr als<br />

5000 Menschen, die Shekaus „Heiligem<br />

Krieg“ bereits zum Opfer fielen.<br />

Auf seinem jüngsten Video präsentiert<br />

sich der Sektenführer vor einem erbeuteten<br />

nigerianischen Panzerwagen. Er<br />

verstehe nicht, warum die Welt ein solches<br />

Aufheben um die Entführung von<br />

300 Mädchen mache, die von „westlicher<br />

Erziehung“ versaut seien, sagt Shekau<br />

und grinst: „Ich werde sie verkaufen. Es<br />

gibt hier einen Markt für sie.“ Die Zeit sei<br />

gekommen, da jede Nation eine Entscheidung<br />

treffen müsse, fährt er fuchtelnd fort:<br />

„Entweder für uns wahre Muslime. Oder<br />

für Obama, George Bush, Clinton und –<br />

nicht zu vergessen – Abraham Lincoln …“<br />

Schließlich schreit er: „Tötet. Tötet. Tötet.<br />

Dies ist ein Krieg gegen die Christen.“<br />

Einen „verrückteren“ Rebellenchef<br />

habe es nicht gegeben, sagt ein nigerianischer<br />

Vermittler, der Shekau persönlich<br />

kennt. Der Sektenführer hält außer Nigeria<br />

auch die Twitter-Welt in Atem: Mit<br />

bis zu einer halben Million Botschaften<br />

pro Tag ist #BringBackOurGirls eine der<br />

umfangreichsten Kampagnen in der Geschichte<br />

des sozialen Netzwerks. Dass<br />

Shekaus Kämpfer mehr als 300 Abiturientinnen<br />

aus dem nordostnigerianischen<br />

Städtchen Chibok entführt haben, war<br />

der vorläufige Höhepunkt wachsender<br />

Gewalt, die vor fünf Jahren begonnen<br />

hat – und seit dem spektakulären Entführungsfall<br />

weiter eskaliert. Inzwischen<br />

vergeht kein Tag, ohne dass die religiösen<br />

Fanatiker nicht irgendwo zuschlagen: Sie<br />

überfallen Dörfer, jagen Dutzende von<br />

Passanten mit Autobomben in die Luft<br />

und massakrieren Schüler. Schlimmer<br />

ging es in dem mit etwa 170 Millionen<br />

Einwohnern bevölkerungsreichsten Staat<br />

Afrikas seit dem Biafra-Krieg in den sechziger<br />

Jahren nicht mehr zu.<br />

VIEL IST VON ABUBAKAR SHEKAU nicht<br />

bekannt, nicht einmal sein genaues Alter.<br />

Manche schätzen ihn auf 38, andere<br />

auf 45 Jahre. Geboren wurde er in einem<br />

an der Grenze zum Niger gelegenen Dorf<br />

im Bundesstaat Yobe. Sein Vater brachte<br />

den noch nicht einmal acht Jahre alten<br />

Jungen zur Ausbildung zu einem Mallam,<br />

einem islamischen Gelehrten, in die Provinzhauptstadt<br />

Maiduguri. Dort besuchte<br />

ihn seine Familie während der elf Lehrjahre<br />

kein einziges Mal.<br />

Abubakar habe sich zum „größten<br />

Störenfried“ unter den Koranschülern<br />

entwickelt, berichtet der Sohn des Gelehrten,<br />

Baba Fanani. Der Junge sei so<br />

aggressiv geworden, dass ihn sein Vater<br />

schließlich vor die Tür gesetzt habe. Den<br />

Zorn des von seiner Familie Verstoßenen<br />

hat das nur noch angeheizt. „Ich genieße<br />

es, Menschen zu töten, die Allah mich zu<br />

töten heißt“, wird er später in einem Video<br />

sagen, „wie ich es genieße, Ziegen<br />

oder Hühner zu schlachten.“<br />

In Maiduguri stieß Shekau auf die<br />

Sekte „Jama’atu Ahlis Sunna Lidda’awati<br />

wal-Jihad“, übersetzt heißt das: „Die<br />

Leute, die sich den Lehren des Propheten<br />

und dem Heiligen Krieg verschrieben<br />

haben.“ Heute nennt sie jeder „Boko<br />

Haram“: „Westliche Bildung ist Sünde.“<br />

Der Sektengründer Mohammed<br />

Yusuf verabscheute Nordnigerias korrupte<br />

Elite, die ihre Kinder auf teure<br />

Privatschulen schickt. Er erhoffte sich<br />

von einer Rückbesinnung auf islamische<br />

Tugenden und auf die Scharia eine Reinigung<br />

der von Gier und Selbstbereicherung<br />

verlotterten Gesellschaft. Ein<br />

Gouverneursanwärter nutzte die Sekte<br />

für seinen Wahlkampf mit Versprechungen<br />

aus – an die Macht gekommen, wollte<br />

er von seinen Zusagen nichts mehr wissen.<br />

Daraufhin kam es im Juli 2009 zu<br />

Unruhen, in deren Verlauf Yusuf festgenommen<br />

und in einer Polizeikaserne hingerichtet<br />

wurde.<br />

Ihm folgte Abubakar Shekau als neuer<br />

Sekten-Chef. Er machte aus religiösen Fanatikern<br />

eine Terrorgruppe mit internationalen<br />

Verbindungen: Boko Haram werden<br />

inzwischen Kontakte zur Al Qaida im<br />

Maghreb und der Al-Schabaab-Miliz in<br />

Somalia nachgesagt. Die Ausbildung, Bewaffnung<br />

und grausame Entschlossenheit<br />

seiner Krieger haben mittlerweile einen<br />

hohen Grad erreicht. Boko Haram droht<br />

die in einen erdölreichen christlichen Süden<br />

und einen armen muslimischen Norden<br />

geteilte Wirtschaftsmacht Nigeria ins<br />

Chaos zu treiben. Shekau könnte das seinem<br />

Ziel ein Stück näher bringen: der Errichtung<br />

eines islamistischen Gottesstaats<br />

im Norden Nigerias.<br />

JOHANNES DIETERICH war mehrfach in<br />

Nigeria. Schon vor zwei Jahren beobachtete<br />

er, wie Boko Haram dort wütete. Seither ist<br />

die Lage stetig schlimmer geworden<br />

61<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


WELTBÜHNE<br />

Porträt<br />

HAUPTSACHE PREMIER<br />

Seit er denken kann, wollte Antonis Samaras Regierungschef Griechenlands werden.<br />

Das hat er nun geschafft und muss gegen leere Kassen und politische Gegner kämpfen<br />

Von RICHARD FRAUNBERGER<br />

Es ist der 17. Juni 2012. Brüssel,<br />

Berlin, die Aktienmärkte, der Euroraum,<br />

alle blicken zitternd nach<br />

Athen. Es ist der Tag, an dem das griechische<br />

Volk darüber entscheidet, wie es<br />

weitergeht mit dem Sparkurs der Troika,<br />

dem Euro, der Zukunft des Landes. Es ist<br />

der Tag, an dem er gewinnt, Antonis Samaras,<br />

63, Chef der konservativen Nea<br />

Dimokratia, Befürworter der Sparprogramme,<br />

die er zuvor strikt abgelehnt hat.<br />

„Auf diesen Moment habe ich<br />

20 Jahre lang gewartet“, sagt er am Wahlabend<br />

zu einem Freund. Drei Tage später<br />

ist er Griechenlands neuer Premierminister.<br />

Es ist der Höhepunkt seiner Karriere,<br />

ein Höhepunkt, von dem er schon als Collegeboy<br />

träumt, ein Ziel, auf das er unbeirrbar<br />

hinarbeitete. Antonis Samaras,<br />

Vater zweier Kinder, studierter Ökonom,<br />

wenig charismatisch, volksfern, nationalistisch<br />

und starrköpfig, ein Pragmatiker<br />

und Stratege, ist mit einem maßlosen Ehrgeiz<br />

ausgestattet. Mit 26 Jahren war er<br />

Griechenlands jüngster Parlamentarier,<br />

mit 39 jüngster Außenminister. Mit 42<br />

stand er vor dem Aus.<br />

Wer ist dieser Mann, der früh nach<br />

den Sternen griff, abstürzte und wieder<br />

aufstieg?<br />

Um den Werdegang von Samaras zu<br />

verstehen, sollte man die Geschichte seiner<br />

Ahnen kennen. Wie hoch ein Politiker<br />

in Griechenland emporsteigt, hat viel<br />

zu tun mit der Familie, aus der er stammt,<br />

ihrem Vermögen, ihrer Macht, dem Netzwerk,<br />

das sie aufgebaut hat. Je reicher<br />

und mächtiger die Familie, aus der der<br />

Politiker stammt, und je engmaschiger<br />

das Netz, desto mehr Wählerstimmen<br />

sind ihm sicher.<br />

Antonis Samaras ist der Abkömmling<br />

einer weitverzweigten Familie. Sein<br />

Ururgroßvater ist der auf Syros geborene,<br />

in England studierte, in Ägypten<br />

<strong>durch</strong> Heirat in eine griechische Baumwollhändlerfamilie<br />

zu Reichtum gekommene<br />

Emmanouil Benakis. Ein hoch angesehener<br />

Industrieller, Politiker, Mäzen<br />

und enger Freund von Eleftherios Venizelos,<br />

Griechenlands bedeutendstem<br />

Politiker des 20. Jahrhunderts. Samaras’<br />

Urgroßmutter Penelope Delta war eine<br />

patriotische Schriftstellerin, die einen<br />

aus Konstantinopel stammenden Unternehmer<br />

heiratete. Sein Vater, Konstantinos<br />

Samaras, Kardiologe und Professor,<br />

kommt aus dem einst stramm königstreuen<br />

Peloponnes.<br />

DIESES GEFLECHT einer großbürgerlichen<br />

Familie aus der Athener Geldaristokratie<br />

und einer nationalkonservativen Familie<br />

aus dem Peloponnes garantiert keinen<br />

Posten als Premierminister. Aber es<br />

hilft vorwärtszukommen. Und es erklärt<br />

die Persönlichkeit von Antonis Samaras,<br />

die gespalten ist in einen erzkonservativen<br />

Provinzpatrioten und einen rechtsliberalen<br />

Großbürger.<br />

Samaras wächst auf wie alle Kinder,<br />

deren Familien das Schicksal Griechenlands<br />

mitbestimmt haben: kosmopolitisch<br />

und stets in Kontakt mit den anderen<br />

großen Familien des Establishments.<br />

Er besucht das elitäre Athens College,<br />

das sein Ururgroßvater gegründet hat,<br />

feiert in den Clubs der Arrivierten.<br />

Aber Samaras ist zielstrebig, fleißig,<br />

keiner, der sich ausruht auf den Lorbeeren<br />

seiner Vorfahren. Er fühlt sich verpflichtet<br />

zum Aufstieg. Mit 17 gewinnt<br />

er die nationale Jugendmeisterschaft im<br />

Tennis. Mit 19 geht er in die USA. Sein<br />

Vater schickt ihn auf das Amherst College<br />

in Massachusetts, wo er Freunde aus<br />

der Heimat trifft. Sein Zimmergenosse ist<br />

Giorgos Papandreou, jener Premierminister,<br />

den er Jahrzehnte später bekämpfen<br />

und schließlich ablösen wird.<br />

Damals sind sie Freunde. Papandreou<br />

ist ein lockerer Typ mit Jeans<br />

und löchrigen Flanellhemden, Samaras<br />

ein korrekt gekleideter Musterschüler,<br />

der mit Professoren Tennis spielt. „Wir<br />

treffen uns wieder im Parlament“, sagt<br />

Samaras zu Papandreou. Der widerspricht.<br />

Er will nicht in die Politik.<br />

Mit einem Harvard-MBA kehrt<br />

Samaras 1976 nach Griechenland zurück.<br />

Sein Onkel Giorgos Samaras,<br />

Parlaments abgeordneter und Nationalist,<br />

überlässt ihm seinen Wahlkreis<br />

Messenien auf dem Peloponnes. Wer den<br />

Onkel wählt, wählt auch den Neffen. Ein<br />

Jahr später sitzt Samaras für die Nea Dimokratia<br />

im Parlament.<br />

1989 beruft ihn Konstantinos Mitsotakis,<br />

Chef der Nea Dimokratia, in sein<br />

Regierungskabinett. Samaras, verheiratet<br />

mit einer Industriellentochter, ist populär<br />

in der Partei, obgleich ihm nachgesagt<br />

wird, er sei nicht einfühlsam genug. Dennoch<br />

gilt er vielen als künftiger Premier.<br />

Er wird Finanzminister, schließlich<br />

Außenminister. Kaum im Amt, hat er<br />

schwer zu tun. Mazedonien an der Nordgrenze<br />

zu Griechenland erklärt sich 1991<br />

für unabhängig und nennt sich Republik<br />

Mazedonien. Samaras, noch immer ohne<br />

Profil, stimmt an zum Schlachtruf. Mazedonier<br />

könne sich nur nennen, wer Nachfahre<br />

Alexander des Großen und also<br />

Grieche sei. Samaras, jetzt ganz Nationalist,<br />

holt aus. Die Regierung in Skopje<br />

träume von einem Großmazedonien. Der<br />

Norden Griechenlands könne an die Slawen<br />

verloren gehen. Er lehnt die diplomatische<br />

Anerkennung des neuen Staates ab.<br />

Tatsächlich blockiert Griechenland es bis<br />

heute, dass Mazedonien der EU und der<br />

Nato beitritt.<br />

Das Volk, von den nationalistischen<br />

Tönen berauscht, jubelt. Auf allen<br />

Fernsehkanälen ist das junge, bebrillte<br />

Foto: Nikos Pilos/Laif<br />

62<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


WELTBÜHNE<br />

Porträt<br />

„ Samaras<br />

wurde plötzlich<br />

radioaktiv.<br />

Alle mieden<br />

ihn. Niemand<br />

wollte sich<br />

kontaminieren “<br />

Philip Tsiaras, Studienfreund<br />

von Antonis Samaras<br />

Gesicht des Beschützers des Hellenismus<br />

zu sehen. In Brüssel und auf EU-Gipfeltreffen<br />

verteilt er Denkschriften über<br />

die historische Wahrheit. Er fordert, die<br />

griechischen Grenzen zu Mazedonien zu<br />

schließen. Regierungschef Mitsotakis hat<br />

genug von der Kompromisslosigkeit seines<br />

außer Kontrolle geratenen fanatischen<br />

Zöglings. Er entlässt ihn.<br />

Samaras gründet eine eigene Partei,<br />

nennt sie „Politischer Frühling“ und positioniert<br />

sie rechts der Nea Dimokratia.<br />

Damit setzt er auf die nationalistische<br />

Karte und gegen Mitsotakis. Es kommt<br />

zum Showdown. Samaras zieht einen Abgeordneten<br />

der Nea Dimokratia auf seine<br />

Seite. Mitsotakis verliert die Mehrheit,<br />

seine Regierung stürzt, und die sozialistische<br />

Pasok, kommt erneut an die Macht.<br />

Mitsotakis, wutentbrannt, erklärt<br />

Samaras zum Outcast. Der Jungpolitiker<br />

soll nie wieder in die Partei zurückkehren.<br />

„Samaras wurde plötzlich radioaktiv.<br />

Alle mieden ihn. Niemand wollte sich<br />

kontaminieren“, erinnert sich der Studienfreund<br />

Philip Tsiaras.<br />

1993 IST ALLES VORBEI. Der Höhenflug<br />

des Antonis Samaras ist beendet. Er ist<br />

abgestürzt in die Bedeutungslosigkeit.<br />

Schmollend erklärt er in einem Interview,<br />

in die Nea Dimokratia nicht zurückkehren<br />

zu wollen, selbst wenn ihn<br />

der Parteichef riefe. Zehn Jahre lang werkelt<br />

Samaras vor sich hin, bringt politisch<br />

nichts zustande. Er ist verzweifelt.<br />

Er ist Politiker, will nichts anderes sein.<br />

Er hat Träume, Ziele. Er hat Ehrgeiz und<br />

Ausdauer.<br />

2004, seine Partei hat sich längst<br />

aufgelöst, holt ihn Kostas Karamanlis<br />

aus der Verbannung zurück. Karamanlis,<br />

Neffe des Partei gründers, ist gerade<br />

Premierminister und Vorsitzender der<br />

Nea Dimokratia. Mit Samaras schafft<br />

er ein Gegengewicht zum Mitsotakis-<br />

Clan. Noch aber muss sich Samaras gedulden.<br />

Er geht für die Nea Dimokratia<br />

nach Straßburg, ins Europäische Parlament.<br />

Sitzt in Ausschüssen, hält Reden<br />

im Plenum, stellt Anfragen an die Kommission,<br />

zu Afghanistan und zur Entsorgung<br />

von PVC-Abfällen.<br />

Doch was ist das schon für den<br />

Spross einer großen Familie, der in die<br />

Annalen eingehen will als Premierminister<br />

Griechenlands?<br />

2007 ist Samaras wieder im Athener<br />

Parlament. Er wird Kulturminister,<br />

ist verantwortlich für die rechtzeitige Eröffnung<br />

des neuen Akropolismuseums.<br />

Ein nationales Prestigeprojekt, das den<br />

Zeitplan nicht einhält. Samaras ackert,<br />

sitzt täglich 16 Stunden im Büro. Endlich<br />

wird das Museum in einem Staatsakt eröffnet.<br />

Dass das Personal des Hauses aus<br />

Messenien stammt, dem Wahlkreis von<br />

Samaras, sorgt in der Öffentlichkeit allenfalls<br />

für ein müdes Lächeln.<br />

Als Karamanlis 2009 die vorgezogenen<br />

Wahlen verliert und als Parteichef zurücktritt,<br />

lässt sich Samaras nicht lange<br />

bitten. Er kandidiert für den Parteivorsitz<br />

und setzt sich gegen Dora Bakogianni,<br />

die Tochter von Konstantinos Mitsotakis,<br />

<strong>durch</strong>. Der Durchbruch ist geschafft, zur<br />

Hälfte zumindest. Was fehlt, ist Giorgos<br />

Papandreou, den neuen Premier und alten<br />

Studienfreund, vom Thron zu stoßen.<br />

Kaum an der Macht, steht die frisch<br />

gewählte Pasok vor dem Abgrund. Der<br />

Staat ist pleite. Um den Bankrott abzuwenden,<br />

beantragt Papandreou EU-Hilfen.<br />

Im Gegenzug verpflichtet er sich zum<br />

Sparen. Das Volk geht auf die Straße. Die<br />

Gewerkschaften legen das Land lahm.<br />

Die Opposition unter Samaras arbeitet<br />

mit Härte gegen die Regierung.<br />

Das Parlament beschließt Sparpakete<br />

und Reformen. In der Not schlägt<br />

Papandreou eine große Koalition zur<br />

Rettung der Nation vor. Samaras lehnt alles<br />

ab. Sparpakete. Reformen. Koalition.<br />

Auch die von der EU geforderte schriftliche<br />

Zusicherung, vereinbarte Spar- und<br />

Reformpläne einzuhalten, weist er zurück.<br />

Vorerst. Denn er will nur eins: Neuwahlen<br />

und Premier werden. Er drängt auf<br />

Papandreous Rücktritt. Das Land rutscht<br />

in die Staatskrise. Papandreou gibt sein<br />

Amt auf. Vorgezogene Wahlen stehen an.<br />

Samaras hofft auf eine absolute<br />

Mehrheit und verspricht alles mögliche:<br />

keine weiteren Gehaltskürzungen, Rentenerhöhungen,<br />

Ankurbe ln der Wirtschaft<br />

<strong>durch</strong> staatliche Investitionen,<br />

Senkung des Spitzensteuersatzes und<br />

der Mehrwertsteuer. Er redet, als sei<br />

Griechenland Boomland und nicht Pleitestaat.<br />

Sein Wahlkampf ist eine Angstkampagne.<br />

Angst vor Chaos und den Linken,<br />

Angst um die Zugehörigkeit zur EU,<br />

Angst um das Sparkonto.<br />

AM 20. JUNI 2012 wird Samaras nach zwei<br />

Wahlgängen als Premier vereidigt. Nach<br />

35 Jahren Politik ist er dort angelangt,<br />

wohin er als Collegeboy wollte. Nun ist<br />

er Herrscher über Ruinen, leere Kassen<br />

und ein Heer Arbeitsloser. Seine Macht<br />

muss er mit der Pasok teilen. Die Troika<br />

bevormundet ihn. Die riesigen Schulden<br />

wachsen. Die oppositionelle Syriza fordert<br />

täglich Neuwahlen. Ihr charismatischer<br />

Anführer Alexis Tsipras erklärt die Europawahlen<br />

zum Plebiszit gegen die Regierung.<br />

Zwar stürzt die Nea Dimokratia<br />

auf 22 Prozent, aber Syriza kommt<br />

trotz der landesweiten Unzufriedenheit<br />

über 26 Prozent nicht hinaus. Damit verfehlt<br />

sie ihr angekündigtes Ziel, die Regierungskoalition<br />

klar hinter sich zu lassen.<br />

Für Griechenlands Politiklandschaft<br />

bedeuten die Europawahlen vor allem<br />

eins: das endgültige Aus der traditionellen<br />

Alleinherrschaft. Ohne eine Koalition<br />

schafft es keine Partei mehr an die Macht.<br />

Auch nicht Syriza.<br />

Um nicht unterzugehen, hat Samaras<br />

nach der Wahlschlappe zehn Minister<br />

ausgetauscht. Der Premier, Meister im<br />

Schüren von Angst, hofft jetzt auf Zugeständnisse<br />

der Geldgeber. Für die Troika<br />

wäre Syriza als Verhandlungspartner ein<br />

Albtraum. Samaras ist entschlossen, an<br />

der Macht zu bleiben. Zu lange hat er<br />

gebraucht, um ganz oben anzukommen.<br />

RICHARD FRAUNBERGER lebt als Journalist<br />

in Griechenland. Bei der Recherche für diesen<br />

Artikel gelangte er zur traurigen Erkenntnis,<br />

dass sich beim politischen Aufstieg<br />

Prinzipientreue in ihr Gegenteil verkehrt<br />

64<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


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WELTBÜHNE<br />

Kommentar<br />

DEMOKRATIE, EIN<br />

AUSLAUFMODELL?<br />

Rechte Populisten legen zu.<br />

Die Wähler sind verdrossen.<br />

Die Politiker rätseln.<br />

Die EU‐Wahlen zeichnen ein<br />

diffuses Bild des Kontinents.<br />

Was denkt ein Amerikaner<br />

darüber?<br />

Von WILLIAM J. DOBSON<br />

Mitte der siebziger Jahre traf der damalige Bundeskanzler<br />

Willy Brandt eine düstere Prognose:<br />

Westeuropa habe noch 20 oder 30 Jahre<br />

der Demokratie; danach würde es antriebs- und führungslos<br />

in den sie umgebenden Fluten der Diktatur<br />

untergehen. Um Europas Schicksal ist es heute nicht<br />

ganz so düster bestellt, wie Brandt es prophezeite.<br />

Aber es lässt sich nicht leugnen, dass die europäische<br />

Demokratie – und die Demokratie im Allgemeinen –<br />

bessere Tage gesehen hat.<br />

Das jüngste unheilvolle Anzeichen dafür war das<br />

Ergebnis der Europawahl. Überall auf dem Kontinent<br />

gewannen rechtsextreme Parteien Sitze im EU-Parlament,<br />

eine Institution, die sie behaupten zu verachten.<br />

In Frankreich ließ Marine Le Pens antieuropäischer<br />

Front National mit fast 25 Prozent der Wählerstimmen<br />

die etablierten Parteien hinter sich. In Großbritannien<br />

schlug eine andere europafeindliche Partei, die UK Independence<br />

Party, ihre Gegner vernichtend und verwies<br />

die Partei von Premierminister David Cameron<br />

noch hinter Labour auf den dritten Platz.<br />

Parteien des rechten Randes, die einen wütenden<br />

Mix aus einwanderungs- und Brüssel-feindlichen,<br />

manchmal schlicht antisemitischen Positionen vertreten,<br />

konnten auch in Österreich, Dänemark, Italien und<br />

Ungarn gute Ergebnisse erzielen. Erstmals wurden bei<br />

diesen Wahlen zwei rechtsextreme Parteien – die Dänische<br />

Volkspartei und der französische Front National<br />

– zur stärksten Kraft bei einer nationalen Abstimmung<br />

in einem EU-Land. Und zum ersten Mal haben<br />

auch Neonaziparteien wie die NPD in Deutschland<br />

und die Goldene Morgenröte in Griechenland Sitze<br />

im Europäischen Parlament errungen.<br />

Der Einfluss dieser rechtsextremen Parteien ist für<br />

sich genommen zwar gering. Doch Le Pen versucht,<br />

viele von ihnen zusammenzuführen, um eine euroskeptische<br />

Fraktion zu bilden. Im EU-Parlament sitzen<br />

immer mehr Politiker, die der Meinung sind, dass<br />

es überhaupt nicht existieren sollte.<br />

Für Washington ist der europäische Rechtsruck<br />

besorgniserregend. Dass Russlands Präsident Wladimir<br />

Putin die Krim annektiert hat und die Unruhen im<br />

Osten der Ukraine schürt, hat gezeigt, dass Amerika<br />

und Europa gemeinsame Sicherheitsinteressen haben.<br />

US-Präsident Barack Obama hat versucht, das Engagement<br />

seines Landes für die Stabilität Europas <strong>durch</strong> einen<br />

eine Milliarde Dollar (735 Millionen Euro) schweren<br />

Sicherheitsplan für Osteuropa zu untermauern; er<br />

soll Russland von künftigen Übergriffen abschrecken.<br />

Doch diese Zusammenarbeit wäre ernsthaft gefährdet,<br />

wenn Europa sich weiter nach rechts bewegen<br />

oder Le Pen oder ein anderer rechtsextremer Politiker<br />

eine nationale Präsidentschaftswahl gewinnen<br />

würde. Einen Vorgeschmack darauf, wie europäische<br />

Politik dann aussehen könnte, lieferten sowohl Marine<br />

Le Pen als auch Nigel Farage. Während die Chefin<br />

des französischen Front National bei einem Moskau-Besuch<br />

sich in der Ukrainefrage offen auf Putins<br />

Seite stellte, erklärte der britische Ukip-Vorsitzende,<br />

Putin sei das Staatsoberhaupt auf der Welt, das er am<br />

meisten bewundere.<br />

Solche antidemokratischen Tendenzen gibt es aber<br />

nicht nur in Europa. Auch das politische System der<br />

USA ist kein Werbeträger mehr für die Strahlkraft<br />

66<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Illustrationen: Jan Rieckhoff; Foto: Travis Daub<br />

demokratischen Pluralismus’. Eine Mischung aus Stillstand<br />

und außer Kontrolle geratener Vetternwirtschaft<br />

hat dazu geführt, dass die Supermacht in zwei Jahren<br />

zweimal ihre Schulden fast nicht mehr bedienen<br />

konnte. Die Amerikaner vertrauen dem Kongress weniger<br />

denn je – was verständlich ist, wenn man bedenkt,<br />

dass der heutige Kongress der ideologisch polarisierteste<br />

und unproduktivste ist. In einer aktuellen<br />

Umfrage des Fernsehsenders CBS News gaben 43 Prozent<br />

der registrierten Wähler an, dass es keinen Unterschied<br />

mache, welche Partei den Kongress kontrolliere;<br />

so groß war die Gleichgültigkeit noch nie. Schlimmer<br />

noch: Nur 17 Prozent der Amerikaner sagen, dass sie<br />

der US-Regierung vertrauen – das ist ein Bruchteil jener<br />

70 Prozent, die noch in den sechziger Jahren Vertrauen<br />

in Washington hatten.<br />

Die Apathie der Wähler erklärt vielleicht auch die<br />

Ergebnisse der jüngsten Europawahl. Nur 43 Prozent<br />

der Wähler machten sich überhaupt die Mühe, ihre<br />

Stimme abzugeben. Einer Umfrage in sieben europäischen<br />

Ländern zufolge hat mehr als die Hälfte der<br />

Bürger „kein Vertrauen in die Regierung“. In Großbritannien<br />

ist weniger als 1 Prozent der Bevölkerung<br />

Mitglied einer politischen Partei. Mehr als 60 Prozent<br />

der britischen Wähler sind überzeugt, dass die Parteichefs<br />

„ununterbrochen“ lügen.<br />

Wie in Europa haben auch in den USA der wachsende<br />

Zynismus, die Wut und die Enttäuschung der<br />

Wähler zu einem Aufstieg der rechten Bewegungen geführt.<br />

Eine davon ist die Tea Party, die man am besten<br />

als libertär und regierungsfeindlich beschreiben kann.<br />

2012 verloren etliche bekannte und etablierte republikanische<br />

Senatoren ihre Sitze an die Herausforderer<br />

von der Tea Party. 2014 scheinen weitere Tea-Party-<br />

Kandidaten auf Erfolgskurs; selbst gemäßigte Konservative,<br />

die nicht zur Tea Party gehören, müssen beteuern,<br />

die politischen Ideale der Rechtsaußen-Bewegung<br />

zu teilen, um auf einen Wahlsieg hoffen zu können. Die<br />

Folge davon ist: Im US-Kongress sitzt eine Reihe von<br />

Senatoren und Volksvertretern, die ausdrücklich versprochen<br />

haben, niemals mit den Demokraten zusammenzuarbeiten,<br />

und damit dafür sorgen werden, dass<br />

die US-Regierung bald wieder zum Stillstand kommen<br />

wird.<br />

Mag die Marke Demokratie auch Kratzer abbekommen<br />

haben, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, wo<br />

dies nicht der Fall ist. Am selben Tag, an dem die Europäer<br />

über ihr Parlament abstimmten, wählten die<br />

Ukrainer Petro Poroschenko, einen proeuropäischen<br />

Kandidaten, zu ihrem Präsidenten. Auch anderswo in<br />

Osteuropa schnitten rechtsextreme Parteien schlecht<br />

ab – sie blieben Randgruppen, fernab vom politischen<br />

Mainstream. Mit anderen Worten: Es sind Westeuropa<br />

und die USA – die vermeintlichen Bastionen der Demokratie<br />

–, die die gefährlichste Spielart des Populismus<br />

hervorbringen. Fast scheint es, als halte man die<br />

Demokratie für umso selbstverständlicher, je weiter<br />

man sich von seiner autoritären Vergangenheit entfernt<br />

hat.<br />

Dieses Phänomen ist nicht auf die USA oder Europa<br />

begrenzt. Ging es 2011 und 2012 darum, dass<br />

Menschen gegen Diktatoren und autoritäre Systeme<br />

aufbegehrten, so forderten sie in den folgenden Jahren<br />

eine bessere Regierung innerhalb der demokratischen<br />

Systeme. Kein anderer Umstand bietet eine bessere Erklärung<br />

für die gewaltige Welle globaler Proteste, die<br />

wir in den vergangenen zwei Jahren erlebt haben. Allein<br />

2014 kam es zu Unruhen, Protesten und Massendemonstrationen<br />

in Brasilien, Bosnien, Bangladesch,<br />

Island, Kambodscha, in der Türkei und in anderen Ländern.<br />

Wir sind Zeugen von Bürgeraufständen in einem<br />

Ausmaß, wie es die Menschheit noch nicht erlebt hat.<br />

Nichts deutet darauf hin, dass diese Ära des globalen<br />

Protests ein vorübergehendes Phänomen sein wird.<br />

Hoffentlich war die jüngste Europawahl genau<br />

das: eine Protestwahl. Ein Versuch der Europäer, ihre<br />

Politiker beim Kragen zu packen und wachzurütteln.<br />

Wenn ja, müssen sich Europas Politiker damit auseinandersetzen<br />

und der Brüsseler Politik, die abgehoben<br />

und entfernt scheint, etwas mehr demokratische<br />

Kontrolle verpassen. Wenn sie das nicht tun, könnte<br />

Willy Brandts Prophezeiung doch noch wahr werden.<br />

WILLIAM J. DOBSON<br />

ist außenpolitischer<br />

Redakteur des Slate-<br />

Magazins und Autor des<br />

Buches „Dictator 2.0“<br />

Übersetzung: Luisa Seeling<br />

67<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


WELTBÜHNE<br />

Reportage<br />

FRAUEN<br />

VON WELT<br />

CHRISTINE LAGARDE<br />

ANGELA KANE<br />

FATOU BENSOUDA<br />

Die eine jongliert mit Milliardensummen, die andere<br />

jagt Diktatoren, die Dritte verhandelt über Waffen.<br />

Was bedeutet es, wenn Frauen Weltpolitik machen?<br />

Von JULIA PROSINGER<br />

69<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


WELTBÜHNE<br />

Reportage<br />

Wie viele Milliarden<br />

braucht die Ukraine?<br />

Welcher Diktator gehört<br />

als nächster vor<br />

Gericht gestellt? Wie<br />

stoppt man syrisches Giftgas? Jemand<br />

muss diese Fragen entscheiden. Es sind<br />

drei Frauen.<br />

Die Frau mit den Milliarden, Christine<br />

Lagarde, Chefin des Internationalen<br />

Währungsfonds, steht an einem<br />

Montagabend zwischen Skulpturen britischer<br />

Männerhelden. Lord Nelson und<br />

Winston Churchill säumen die meterdicken<br />

Wände der ehrwürdigen Guildhall.<br />

Ein schwerer Teppich schluckt alles Gemurmel.<br />

Hier, mitten im Londoner Finanzviertel,<br />

sprechen bei Weißwein und<br />

Zucchiniröllchen greise Wirtschaftsprofessoren<br />

und Mitglieder des House of<br />

Lords über die Ökonomen Keynes und<br />

Schumpeter, diskutieren über die strengen<br />

Strukturanpassungsreformen, die<br />

den Währungsfonds für viele zum Feind<br />

machen. Das gotische Gebäude ist ein<br />

Ort der alten Ordnung. Frauen sind hier<br />

Begleiterinnen. Männer prahlen von Zeiten,<br />

in denen Frauen nur als Kellnerinnen<br />

in ihre Sitzungssäle kamen.<br />

Es ist ein Abend wie viele andere im<br />

Leben von Christine Lagarde. Fast immer<br />

ist sie die Einzige im hellen Dress zwischen<br />

dunklen Anzügen.<br />

Die Feminisierung der Weltpolitik<br />

macht zaghafte Fortschritte. In Deutschland<br />

ist eine Frau Kanzlerin, eine Frau<br />

Verteidigungsministerin, eine Frau<br />

Chefaufseherin der Zentralbank. Wo<br />

Frauen wählen dürfen, den Mount Everest<br />

besteigen, ins Weltall fliegen, da entscheiden<br />

sie auch.<br />

Es sind Entscheidungen, die anders<br />

klingen als bisher. Ein neuer Tonfall<br />

mischt sich ins Konzert der Weltpolitik.<br />

Warm ist er, angenehm und vor allem:<br />

tief. Die Frauen, die heute Weltpolitik<br />

machen, haben dunkle Stimmen. Nicht<br />

eisern antrainiert, wie bei der verstorbenen<br />

britischen Regierungschefin Margaret<br />

Thatcher, sie klingen von Natur aus so.<br />

Angela Kane, 65, spricht mit so einer<br />

dunklen, singenden Stimme. Ihren Akzent<br />

hat sie über die Jahre fast abgelegt,<br />

nur am harten „t“ hört man die Deutsche<br />

heraus. Kane ist eine der wichtigsten<br />

Frauen bei den Vereinten Nationen, Sonderbeauftragte<br />

für Abrüstung. Sie ist die<br />

„ Wenn euch<br />

die Füße<br />

wehtun, denkt<br />

daran: Manche<br />

Menschen<br />

haben gar keine<br />

Beine “<br />

Christine Lagarde<br />

Christine Lagarde<br />

musste früh Verantwortung<br />

übernehmen. Bereits mit 17<br />

kümmerte sie sich um ihre<br />

drei Brüder, nachdem der<br />

Vater gestorben war. Die<br />

Französin studiert, heiratet,<br />

bekommt zwei Söhne, lässt<br />

sich scheiden, heiratet 2008<br />

wieder. Sie macht Karriere als<br />

Juristin, später als Finanzministerin.<br />

Seit dem 28. Juni 2011<br />

ist sie Direktorin des Internationalen<br />

Währungsfonds<br />

Frau, die syrisches Giftgas stoppen will.<br />

Fatou Bensouda, 53, klingt tiefer als<br />

die meisten Männer. In ihre Plädoyers<br />

vor Gericht mischt sich nur selten ein heller<br />

Ton. Sätze haben bei der Chefanklägerin<br />

am Internationalen Strafgerichtshof<br />

keine Höhepunkte – die Frau, die Diktatoren<br />

jagt, behandelt jedes Wort gleich.<br />

„Justice“, Gerechtigkeit, ihr Lieblingswort,<br />

heißt bei ihr „jastice“, ein Überbleibsel<br />

des gambischen Akzents.<br />

Christine Lagarde, 58, lächelt immer<br />

– zumindest klingt ihre Stimme so.<br />

Ein warmes Prickeln mischt sich in ihre<br />

Erzählung. Nur an den Vokalen, am weichen<br />

„ö“ statt „e“, kommt das Französische<br />

der Frau <strong>durch</strong>, die über viele Milliarden<br />

Dollar entscheidet.<br />

Lagardes Chanelkostüm glitzert im<br />

violetten Licht. Aufrecht hält die große<br />

Französin ihre Rede. Als Rockstar der<br />

Finanzbranche wurde sie schon beschrieben.<br />

Wahrscheinlich auch, weil<br />

sie die einzige Frau ist, die es nach so<br />

weit oben geschafft hat, die einzige, die<br />

in der Guildhall darüber erzählen darf,<br />

wie der Währungsfonds nach dem Zweiten<br />

Weltkrieg gegründet wurde. Ziel war<br />

es, stabile Wechselkurse zu schaffen und<br />

Ländern mit Schwierigkeiten in der Zahlungsbilanz<br />

zu helfen. Lagarde zitiert<br />

Shakespeare, Prince Charles und die britische<br />

Fernsehserie „Downton Abbey“.<br />

Sie weiß, was sich an diesem Ort gehört.<br />

Sie weiß an jedem Ort, was sich gehört.<br />

Vor Treffen informiert sie sich genau über<br />

Gesprächspartner, lernt gesundheitliche<br />

Probleme, Familienstand und Kindernamen<br />

auswendig. Angela Merkel brachte<br />

sie in der Eurokrise Orangenblütenhonig<br />

mit. Auf Gipfeltreffen verteilt sie, wenn<br />

es spät wird, Schokolade.<br />

Sähe so eine von Frauen regierte<br />

Welt aus? Eine Welt voll Schokolade und<br />

Orangenblütenhonig?<br />

Es gibt die alte These, dass eine Welt,<br />

die von Frauen regiert würde, friedlicher<br />

wäre. Genderforscher, Managementexperten,<br />

Frauen und Männer, haben nach<br />

Gründen dafür gesucht.<br />

Um zu überleben, lautet eine Argumentation<br />

dieser relativ jungen Wissenschaften,<br />

mussten Frauen sich immer<br />

schon besonders anstrengen. Sie<br />

mussten früh Strategien entwickeln,<br />

um gehört und gesehen zu werden.<br />

Weil sie sonst nichts zu sagen hatten,<br />

Fotos: Antje Berghäuser, Mauritius Images/Alamy, Thijs/Hollandse Hoogte/Laif, Dirk Bruniecki für <strong>Cicero</strong> (Seiten 68 bis 69), Thomas Laisne/Corbis Outline<br />

70<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


WELTBÜHNE<br />

Reportage<br />

Foto: Dirk Bruniecki für <strong>Cicero</strong><br />

wurden sie von klein auf Expertinnen<br />

für menschliche Beziehungen, Multitasker,<br />

Kommunikationsgenies.<br />

Bislang hat niemand empirisch belegt,<br />

dass Frauen aus der Not heraus<br />

überlebenswichtige Fähigkeiten entwickelt<br />

haben. Aber es ist eine Idee, die<br />

Wirkung entfaltet.<br />

Christine Lagarde beispielsweise<br />

orientiert sich daran. „Frauen“, sagte<br />

sie einmal, „müssen immer doppelt so<br />

stark sein.“ Sie müssen Superfrauen sein.<br />

Lagarde war 15, als sie bei einer nationalen<br />

Meisterschaft eine Bronzemedaille<br />

im Synchronschwimmen holte. 17, als sie<br />

ihre drei Brüder versorgte, weil der Vater,<br />

ein Literaturprofessor, starb. Neben<br />

der Schule verdiente sie Geld auf dem<br />

Fischmarkt, studierte mit einem Stipendium<br />

in den USA, wurde Mutter zweier<br />

Söhne, schließlich Partnerin bei Baker &<br />

McKenzie, der weltgrößten Anwaltskanzlei.<br />

Die Mittwochnachmittage reservierte<br />

sie für ihre Söhne, viele Kollegen<br />

reagierten abfällig. Morgens um sechs<br />

macht sie Yoga, sie raucht nicht, trinkt<br />

keinen Alkohol, isst kein Fleisch.<br />

Manchmal überträgt sie die Härte<br />

gegenüber sich selbst auf andere. Als<br />

französische Finanzministerin riet sie<br />

den Bürgern wegen der hohen Benzinpreise,<br />

öfter das Fahrrad zu nehmen. Die<br />

Griechen wies sie an, endlich ihre Steuern<br />

zu zahlen. Sie habe, sagte sie, mehr<br />

Mitleid mit hungernden Kindern in nigerianischen<br />

Dörfern. Ihren Mitarbeitern<br />

soll sie regelmäßig raten: „Wenn euch die<br />

Füße wehtun, denkt daran: Manche Menschen<br />

haben gar keine Beine.“<br />

AUCH ANGELA KANE, die deutsche UN-<br />

Sonderbeauftragte für Abrüstung, steht<br />

um fünf Uhr auf und liest die Tagespresse.<br />

Das erzählt sie am Rand der Münchner<br />

Sicherheitskonferenz. „Ich habe mein Leben<br />

lang hart gearbeitet.“ An mindestens<br />

vier Abenden in der Woche besucht sie<br />

Empfänge, sucht das Vertrauen von Diplomaten.<br />

Zu ihren Freunden sagt sie gern:<br />

„Ich hoffe, ihr seid noch da, wenn ich mal<br />

aufhöre.“ Sie spricht neben Deutsch fließend<br />

Englisch, Französisch und Spanisch,<br />

kann Russisch und Indonesisch. Den Urlaub<br />

im vergangenen Jahr hat sie wegen<br />

der Lage in Syrien gestrichen. Dank<br />

Kane bestreitet niemand mehr, dass dort<br />

Giftgas eingesetzt wurde.<br />

„ Man kann seine<br />

Arbeit besser<br />

machen, wenn<br />

man nicht im<br />

Rampenlicht<br />

steht “<br />

Angela Kane<br />

Angela Kane<br />

ist die ranghöchste deutsche<br />

Mitarbeiterin bei den Vereinten<br />

Nationen – ihr Aufgabengebiet:<br />

Abrüstung. Von Hameln<br />

ging sie zum Studium<br />

nach München, von dort in<br />

die USA. Mit 29 hat sie ihren<br />

ersten Job bei den UN, innerhalb<br />

eines Jahres steigt sie<br />

auf bis ins Büro des Generalsekretärs.<br />

Seither agiert sie<br />

stets im Schatten ihrer<br />

wechselnden Dienstherren<br />

Sie war gerade bei ihrer Familie zu<br />

Besuch, als in Syrien ein erneuter Giftgas<br />

einsatz bekannt wurde, brach von einer<br />

Hochzeitsfeier in ihrer Heimatstadt,<br />

dem niedersächsischen Hameln, nach<br />

Damaskus auf. Verschlafen kam sie beim<br />

syrischen Außenminister an, riss sich zusammen,<br />

verhandelte bis spät in die Nacht.<br />

Sie rief den deutschen Außenminister an,<br />

deutsche Flugzeuge sollten Giftgasproben<br />

an Bord nehmen. Nachts hörte sie die<br />

Bomben niedergehen, und als sie abreiste,<br />

stand ihr Hotel in Flammen. „Die Angst<br />

muss man sich abgewöhnen“, sagt sie.<br />

Manchmal, wenn Kane von den Anfängen<br />

ihrer UN-Karriere erzählt, wirft<br />

sie lachend die Haare in den Nacken.<br />

Für eine Frau so nah am Generalsekretär<br />

ist sie überraschend zugänglich. Ihre<br />

Freunde erzählen, dass sie, die zuletzt<br />

ein Budget von fünf Milliarden Dollar<br />

verwaltete, Vorgesetzte von 44 000 Mitarbeitern<br />

war, lieber kurz raus auf einen<br />

Kaffee kommt, wenn sie sie bei der UN<br />

in New York besuchen. Das erspart ihnen<br />

den langwierigen Sicherheitscheck,<br />

und Kane hat es nicht gern kompliziert.<br />

1948 geboren, war sie Klassensprecherin,<br />

Schulsprecherin. Fotos von damals<br />

zeigen sie umringt von Freundinnen,<br />

die zu ihr aufblicken. 1968 begann sie ein<br />

Studium in München. Die Studentenrevolte<br />

war nichts für sie. „Ich kam in den<br />

Hörsaal – da war der besetzt. Nur einen<br />

Schein habe ich in diesem Semester machen<br />

können!“ Ski sei sie gefahren, Fasching<br />

habe sie gefeiert, vor allem aber<br />

wollte sie vorwärtskommen. Sie ging in<br />

die USA, machte einen Bachelor in Literatur,<br />

einen Master in Internationalen<br />

Beziehungen an der Johns-Hopkins-Universität.<br />

Wenn sie Heimweh hatte, sagte<br />

sie sich: Du hast dich dafür entschieden,<br />

da musst du <strong>durch</strong>. Sie war 29, hatte weder<br />

Karriereplan noch Arbeitsvisum. Die<br />

UN stellten sie ein. Innerhalb eines Jahres<br />

stieg sie ins Büro des damaligen Generalsekretärs<br />

Kurt Waldheim auf. Sie<br />

lernte, den Generalsekretären zu dienen.<br />

„Die UN behandelte Frauen damals<br />

schlecht“, sagt Kane. Erst seit 1986<br />

strebt die Organisation, die sich für den<br />

Weltfrieden verantwortlich fühlt, ein<br />

50:50-Verhältnis der Geschlechter an.<br />

Seit 2011 gibt es „UN Women“, das die<br />

Bemühungen der Vereinten Nationen für<br />

Frauen vorantreibt. „Dabei sind Frauen<br />

73<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Foto: Thijs/Hollandse Hoogte/Laif<br />

„ Ich bin<br />

eine opferorientierte<br />

Person “<br />

Fatou Bensouda<br />

Fatou Bensouda<br />

brennt für die Gerechtigkeit –<br />

schon seit sie ein kleines<br />

Mädchen war. Sie studierte<br />

Jura in Nigeria, war Justizministerin<br />

in Gambia und später<br />

Geschäftsführerin der<br />

dortigen Internationalen<br />

Handels- und Industriebank.<br />

Heute ermittelt sie als<br />

Chefanklägerin am Internationalen<br />

Strafgerichtshof in<br />

Den Haag in 18 Fällen mit<br />

mehr als 25 Beschuldigten<br />

WELTBÜHNE<br />

Reportage<br />

viel pragmatischer“, sagt Kane – und<br />

formuliert die nächste Eigenschaft, die<br />

Frauen zugeschrieben wird: Sie schielten<br />

nicht immer nach der nächsten Beförderung.<br />

Sie auch nicht. In Deutschland ist<br />

Kane kaum bekannt. „Man kann seine<br />

Arbeit besser machen, wenn man nicht<br />

im Rampenlicht steht“, sagt sie.<br />

Im Rampenlicht steht der UN-Generalsekretär<br />

Ban Ki-moon. Der kleine<br />

Südkoreaner betritt jetzt einen Saal<br />

bei der 50. Münchner Sicherheitskonferenz.<br />

In seinem Gefolge, selbstbewusst<br />

in pinkfarbenem Blazer: Angela Kane.<br />

Lächelt Ban, lächelt auch Kane. Macht<br />

er einen seiner leisen Witze, lacht sie<br />

am lautesten. Sie ist, trotz aller Erfolge,<br />

von ihm abhängig. Immerhin hat er sie<br />

zur Hohen Vertreterin für Abrüstung<br />

ernannt.<br />

Während Ban Ki-moon spricht, nickt<br />

Kane ihm aufmunternd zu, <strong>lädt</strong> das Programm<br />

der Konferenz auf ihrem iPad,<br />

nickt erneut, ordnet ihre Visitenkarten,<br />

<strong>lädt</strong> noch mal. Es könnte sich ja ein Termin<br />

verschoben haben, und Kane kommt<br />

nie zu spät. Was sie verspricht, hält sie.<br />

Einer ihrer ehemaligen Chefs sagt, das<br />

sei das Deutsche an ihr. Sie kombiniere<br />

Effizienz mit Prinzipien.<br />

35 Jahre UN hat Kane hinter sich.<br />

Inzwischen fallen ihr die Vokabeln für<br />

„Organisation für das Verbot chemischer<br />

Waffen“ und „Chemiewaffen-Übereinkommen“<br />

nur auf Englisch ein. Sie hat<br />

das Webangebot der UN mit aufgebaut,<br />

die Bibliothek reformiert, hat mit thailändischen<br />

Rebellen gefeilscht, war mit<br />

Friedensmissionen in Äthiopien, Indonesien,<br />

im Irak, und war Untergeneralsekretärin<br />

für Management.<br />

Kane knipst mit dem iPad noch<br />

schnell eine Nahaufnahme von ihrem<br />

Chef. Die Anstrengung sieht man ihr nur<br />

an den aufgekratzten Fingerkuppen an.<br />

Weltweit sitzen weniger als 4 Prozent<br />

Frauen bei Friedensverhandlungen<br />

am Tisch. Von 126 Friedensnobelpreisen<br />

wurden 15 an Frauen verliehen. Dabei,<br />

argumentieren die Biologisten unter den<br />

Genderforschern, wie zuletzt der Harvard-Psychologe<br />

Steven Pinker, seien<br />

Frauen von Natur aus friedlicher. Studien<br />

mit Schimpansen sollen das beweisen.<br />

Weibliche Affen bauen Beziehungen<br />

auf, männliche betreiben Realpolitik. Östrogene,<br />

wird behauptet, machten Frauen<br />

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Die 90er<br />

Hören sie jemals auf? Warum uns die<br />

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Kunstmarkt-Irrsinn: Zwei Berliner Galeristen<br />

rechnen ab. Und ein Spekulant packt aus<br />

Putins Albtraum<br />

Manifesta in Russland: Künstler<br />

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75<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


WELTBÜHNE<br />

Reportage<br />

harmoniebedürftiger. Als Mütter, heißt<br />

es, seien Frauen außerdem automatisch<br />

empathiefähiger. Empirisch belegt ist<br />

das nicht. Eher belegt ist, dass dieses<br />

Argument die Frauen lange der Macht<br />

fernhielt.<br />

Christine Lagarde glaubt daran.<br />

„Mütter“, sagt sie, „schicken ihre Kinder<br />

ungern in den Krieg. Väter scheinen da,<br />

komischerweise, eher bereit.“ Statistiken<br />

belegen, dass amerikanische Frauen eher<br />

gegen Kriegseinsätze stimmten als Männer.<br />

Lagarde mag es, die Unterschiede<br />

zwischen Männern und Frauen zu diskutieren.<br />

Bei jeder Gelegenheit wiederholt<br />

sie, die Finanzkrise wäre wohl anders ausgegangen,<br />

wenn die „Lehman Brothers“<br />

„Lehman Sisters“ gewesen wären. Frauen<br />

seien weniger triebgesteuert, nicht so risikobereit.<br />

Das kenne man aus „Mikroökonomien“<br />

– wo Frauen die Finanzen<br />

der Familie verwalten.<br />

In der feierlichen Guildhall beendet<br />

Lagarde ihre Rede mit einem Thema,<br />

das ihr am Herzen liegt. 865 Millionen<br />

Frauen blieben weltweit hinter ihren<br />

Möglichkeiten zurück. „Sie werden<br />

von Geburt an, auf der Schulbank und<br />

im Sitzungssaal diskriminiert.“ Wenn<br />

wir Frauen überall einsetzten, sagt sie,<br />

könnten wir 27 Prozent im Nahen Osten<br />

und 14 Prozent beim Pro-Kopf-Einkommen<br />

in Europa hinzugewinnen.<br />

ABER DER ANTEIL VON FRAUEN im Management<br />

liegt in Deutschland bei nur<br />

etwa 10 Prozent, wobei Frauen weiterhin<br />

eher kontrollieren als entscheiden. Auf<br />

dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos 2014<br />

waren nur 15 Prozent der Delegierten<br />

Frauen. Der Merkel-Effekt verstellt den<br />

Blick: Auf der Welt gibt es 190 Staatsoberhäupter.<br />

Davon sind neun Frauen.<br />

In den Parlamenten dieser Erde vertreten<br />

19 Prozent Frauen ihre Völker. Die<br />

Weltbank hatte noch nie eine Präsidentin,<br />

die UN nur Generalsekretäre, die Welthandelsorganisation<br />

nie eine Direktorin.<br />

Vielleicht ist die Stärke der Frauen<br />

einfach nur, dass sie keine Männer sind.<br />

Gewalt wurde von Männern ausgeübt,<br />

weil alles von Männern ausgeübt wurde.<br />

Frauen hatten wenig Gelegenheit, Skandale<br />

zu produzieren. Sie können von vorn<br />

anfangen, haben aus den Fehlern der Männer<br />

gelernt. Sie sind noch nicht machtverdorben,<br />

weniger größenwahnsinnig.<br />

Vielleicht ist die<br />

Stärke der Frauen<br />

einfach nur,<br />

dass sie keine<br />

Männer sind<br />

Christine Lagardes Vorgänger Dominique<br />

Strauss-Kahn musste 2011 nach<br />

Affären zurücktreten. Inzwischen läuft<br />

ein Verfahren gegen ihn wegen Zuhälterei<br />

auf Sexpartys. Kürzlich wurde in Belgien<br />

ein Bordell nach ihm benannt.<br />

Ähnliches ereignete sich beim<br />

Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs<br />

in Den Haag. Luis Moreno<br />

Ocampo soll eine junge Journalistin belästigt<br />

haben. Fotos zeigen ihn, wie er<br />

Frauen in den Ausschnitt schaut. Gleich<br />

einem Polizeistaat hat er die Anklagebehörde<br />

des Weltgerichts regiert, übellaunig,<br />

fordernd, die besten Mitarbeiter<br />

gingen mit Burnout. Auf Kritik <strong>durch</strong><br />

Richter reagierte er mit Zorn. Um zu<br />

überzeugen, trieb er Opferzahlen in die<br />

Höhe, vergaß das „mutmaßlich“ vor dem<br />

„Täter“. Er saß in amerikanischen Talkshows,<br />

sein Gesicht mit den buschigen<br />

Augenbrauen wurde zum Gesicht des<br />

Gerichtshofs. Zum Schlussplädoyer lud<br />

er Schauspielerin Angelina Jolie auf die<br />

Zuschauertribüne. Von Anfang an versprach<br />

er: einen „sexy Gerichtshof“.<br />

Als die neue Chefanklägerin, Fatou<br />

Bensouda, im Juni 2012 ihr Amt antrat,<br />

als sie in schwarzer Robe und weißem<br />

Faltenkragen feierlich gelobte, der Gerechtigkeit<br />

zu dienen, versprach sie mit<br />

ihrer tiefen Stimme auch noch etwas anderes:<br />

sich besonders einzusetzen für<br />

Frauen und Mädchen. Gegen sexualisierte<br />

und sexuelle Gewalt, gegen Vergewaltigung<br />

als Waffe, als Belohnung für<br />

Soldaten, als Kavaliersdelikt. Bensoudas<br />

erste Amtshandlung: Sie stellte eine Genderberaterin<br />

ein. Die soll diese Art von<br />

Gewalt, wenn vorhanden, in den Anklagen<br />

unterbringen. Als Opfer von Diskriminierung<br />

und Gewalt, sagen die Genderforscher,<br />

könnten Frauen sich besser<br />

in andere Minderheiten versetzen. Als<br />

Außenseiter hätten sie einen anderen<br />

Blick auf unser Sicherheitssystem.<br />

Fatou Bensouda mit der schweren<br />

Stimme ist eine der mächtigsten Frauen<br />

der Welt. Derzeit ermittelt sie in mindestens<br />

18 Fällen, mit mehr als 25 Beschuldigten.<br />

Kürzlich hat sie entschieden, gegen<br />

britische Soldaten wegen Folter im<br />

Irak zu ermitteln – ihr Vorgänger wagte<br />

das nicht. Doch die Öffentlichkeit meidet<br />

sie. Lieber spricht sie mit Professoren<br />

als mit Journalisten. Noch lieber hört sie<br />

zu. Porträts über sich will sie autorisieren<br />

lassen. Aus diesem Grund kam es nicht<br />

zu einem Interview.<br />

Im Frühjahr 2014 steht sie in violettem<br />

gambischen Gewand, die Haare zu<br />

feinen Zöpfen geflochten, an der Garderobe<br />

der Dresdner Semperoper. Kein<br />

Gefolge, keine Bodyguards, sie gibt zaghaft<br />

den Mantel ab, nimmt das Märkchen<br />

selbst entgegen. Gleich wird sie<br />

den Dresdner Friedenspreis an einen<br />

ehemaligen Kindersoldaten verleihen,<br />

der heute in Songs von seiner Vergangenheit<br />

erzählt. Zuvor ging der Preis an<br />

Prominente wie den russischen Ex-Präsidenten<br />

Michail Gorbatschow oder an<br />

den Dirigenten Daniel Barenboim, diesmal<br />

erhält ihn ein „Lost Boy“. Das ist<br />

auch Bensoudas Verdienst. Der erste Fall,<br />

den der Gerichtshof abgeschlossen hat,<br />

galt dem Kongolesen Thomas Lubanga –<br />

er wurde zu 14 Jahren Haft für die Rekrutierung<br />

von Kindersoldaten verurteilt.<br />

Bensouda wuchs in einer muslimischen<br />

Familie zwischen den zwei Frauen<br />

ihres Vaters auf. Der bemühte sich, beide<br />

Seiten der Familie gleichermaßen zu versorgen.<br />

Daher, sagte sie einmal, komme<br />

ihr Sinn für Gerechtigkeit. Als die kleine<br />

Fatou in ihrer gambischen Nachbarschaft<br />

erlebte, wie ein Mann seine Frau schlug,<br />

wollte sie etwas tun. Niemand hörte dem<br />

Mädchen zu. Sie schwor sich, dass sich<br />

das ändern sollte. Sie würde von einer<br />

Zuhörerin zu einer Anwältin werden.<br />

„Ich bin eine opfer orientierte Person.“<br />

Nachmittags nach der Schule rannte<br />

sie zum Gericht, um Verhandlungen zu<br />

beobachten, später studierte sie Jura in<br />

Nigeria, arbeitete sich <strong>durch</strong> die Justizverwaltung<br />

zur gambischen Ministerin,<br />

verhandelte als Diplomatin für ihr Land.<br />

Ihre ersten Erfahrungen im Völkerstrafrecht<br />

machte sie beim Ruanda-Tribunal,<br />

das bis heute Täter des Genozids verfolgt.<br />

76<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Foto: Mike Wolff<br />

Als die Versammlung der Mitgliedstaaten<br />

des Strafgerichtshofs die Juristin<br />

ins Amt wählte, traf sie eine politische<br />

Entscheidung. Man glaubte, dass eine Afrikanerin<br />

die gängige Kritik, das Gericht<br />

würde neokolonial nur in Afrika ermitteln,<br />

schon <strong>durch</strong> die Hautfarbe widerlegen<br />

könnte. Wohlwollend sah die Internationale<br />

Gemeinschaft auch, dass eine<br />

Frau den Posten übernahm. Man hoffte,<br />

sie würde sanfter führen als der autokratische<br />

Vorgänger.<br />

Natürlich gibt es Gegenbeispiele,<br />

Frauen, die traditionell männlich zugeschriebenes<br />

Verhalten annehmen: Margaret<br />

Thatcher oder die raubeinige Chefanklägerin<br />

des Jugoslawientribunals Carla<br />

del Ponte. Dafür wurden beide kritisiert.<br />

Feminin sollen führende Frauen sein,<br />

sagen Managementratgeber, aber nicht zu<br />

sehr. Maskulin sollen sie bitte auch sein,<br />

aber bitte in Maßen. Ein Balanceakt. Beherrscht<br />

Bensouda ihn?<br />

In der Semperoper unter gigantischen<br />

Kronleuchtern schnipst die Chefanklägerin<br />

leise mit den Fingern zu Rapmusik,<br />

kreist zaghaft die Hüften. Der Preisträger<br />

bittet sie auf die Bühne: „Dance with me,<br />

Fatou!“ Die reicht ihm herzlich die Hand,<br />

blickt verlegen zu Boden und schickt eine<br />

Mitarbeiterin zum Tanzen hinauf.<br />

Die Stimmung unter den Mitarbeitern<br />

am Gericht, sagt der deutsche Richter<br />

Hans-Peter Kaul, sei wesentlich besser<br />

geworden, seit Bensouda angetreten<br />

ist. Selbst bei den streitlustigen Verteidigern<br />

hat sie keine Feinde. Großzügig sei<br />

sie, angenehm, fair. Koche abends in Den<br />

Haag regelmäßig für Freunde. „Big Mama“<br />

nennt man sie am Gericht. Man denkt an<br />

die Schokolade, die Lagarde verteilt.<br />

BENSOUDA ERMITTELT auch anders als<br />

ihr Vorgänger: Sie sucht nicht sofort die<br />

Haupttäter, sondern beginnt eine Ebene<br />

tiefer. Das ist strategisch und leise.<br />

Aber es gibt auch Zweifel: Traut sich<br />

die Mutter dreier Kinder wirklich, gegen<br />

westliche Mächte wie Großbritannien<br />

vorzugehen oder wird sie die Ermittlungen<br />

schnell wieder einstellen? Immerhin<br />

hat sie sich, als sie noch Ocampos Stellvertreterin<br />

war, nie gegen dessen großmachtfreundliche<br />

Politik gestellt.<br />

Angela Kane, die Frau mit den aufgekratzten<br />

Fingern und den deutschen<br />

„t“s, war diesen Morgen schon bei einem<br />

Frauenfrühstück bei der Münchner Sicherheitskonferenz.<br />

„Es gibt immer noch sehr<br />

viele männliche Netzwerke“, sagt sie. Ihre<br />

ersten Arbeitgeber bei den UN wollten,<br />

dass sie ehrenamtlich arbeite – ihr Mann,<br />

hieß es, verdiene doch bereits. In allen<br />

Branchen erzählen Frauen von sexistischen<br />

Witzen, Männerbündischem, Firmenbesuchen<br />

in Stripclubs. Auf einer ihrer<br />

Friedensmissionen sah Kane, wie die<br />

einzige Soldatin abgestellt wurde, um ihr<br />

Wasser zu reichen. „Das habe ich sofort<br />

beim Kommandeur angesprochen.“ In El<br />

Salvador hat sie <strong>durch</strong>gesetzt, dass Frauen<br />

in die Polizei aufgenommen werden.<br />

Frauen, sagen Forscher, arbeiten<br />

lieber dort, wo andere Frauen arbeiten.<br />

Lagarde hat gleich bei ihrem Amtseintritt<br />

eine weibliche Leibwächterin eingestellt.<br />

Beim Währungsfonds hat sie<br />

eine Quote eingeführt. Egal, wo sie ist,<br />

führt sie mindestens ein Gespräch nur<br />

mit Frauen – „Girls Night Out“. Sie hat<br />

eine Liste mit kompetenten Frauen, verfolgt<br />

deren Karrieren und wirbt für sie<br />

als Kandidatinnen, wenn irgendwo eine<br />

Stelle frei wird. Ihre eigene Mutter – eine<br />

stolze Alleinerziehende, die Autorennen<br />

fuhr und Pferde ritt – ist ihr Vorbild.<br />

Christine Lagarde mit der warmen<br />

Stimme steht gern im Mittelpunkt, sie<br />

liebt den schillernden Auftritt. Aber will<br />

sie mehr oder weniger Markt? Sie steht<br />

dort als Moderatorin, die kein Ego und<br />

keine Ideologie <strong>durch</strong>setzen muss.<br />

Angela Kane arbeitet am liebsten außerhalb<br />

der Scheinwerfer, weil das Kraft<br />

spart. Aber könnte sie auch Generalsekretärin<br />

werden?<br />

Fatou Bensouda sucht nicht den<br />

Showdown, sie nähert sich ihren Opfern<br />

leise an. Aber wird sie sich trauen, gegen<br />

britische Soldaten vorzugehen?<br />

Wer Lagarde, Bensouda und Kane<br />

beobachtet, hört andere Töne in der<br />

Weltpolitik. Andere als die der Männer.<br />

Es sind verschiedene Töne, Stile und<br />

Methoden. Aber sie bilden einen neuen<br />

Dreiklang.<br />

JULIA PROSINGER, Reporterin<br />

in Berlin, glaubte nicht an unterschiedliche<br />

Führungsstile bei<br />

Frauen und Männern. Sie hat<br />

ihre Meinung jetzt geändert<br />

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»Jeder von uns steht im Leben vor schweren Entscheidungen.<br />

Wie wir mit ihnen umgehen, das macht uns zu den Menschen, die wir sind.«


WELTBÜHNE<br />

Kommentar<br />

VERGESST INTERVENTIONEN!<br />

Die internationalen Interventionen der vergangenen Jahre<br />

sind gescheitert. Wenn es dafür eines letzten Beweises<br />

bedurfte, liefern ihn die radikalen Kämpfer des „Islamischen<br />

Staates im Irak und in Syrien“, Isis. Mit grausamster<br />

Brutalität regieren sie schon jetzt Regionen in Syrien und erobern<br />

im Irak eine Stadt nach der anderen, um ein neues Kalifat<br />

zu errichten.<br />

Nicht viel besser sieht es an anderen Orten westlicher militärischer<br />

Interventionen aus. In Somalia terrorisieren Kämpfer<br />

der radikalislamischen Al-Schabaab-Milizen das Land; in<br />

Mali bekriegen sich Tuareg-Rebellen und Regierungskräfte; die<br />

Streitkräfte Ruandas und der Demokratischen Republik Kongo<br />

liefern sich in der Provinz Nord-Kivu Feuergefechte.<br />

In Libyen brechen wieder Kämpfe<br />

zwischen abtrünnigen Soldaten und islamistischen<br />

Milizen aus. Hatte Bundespräsident Joachim<br />

Gauck das bedacht, als er erklärte: „Im<br />

Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben<br />

unschuldiger Menschen ist es manchmal<br />

erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen“?<br />

Nun müssen Interventionen nicht grundsätzlich<br />

zum Scheitern verurteilt sein. Aber<br />

das Beispiel Irak zeigt am deutlichsten, sie<br />

sind es dann, wenn sie mit falschen Argumenten und unklaren<br />

Zielen begonnen, den falschen Mitteln geführt und, einmal<br />

begonnen, mangels Durchhaltevermögen abgebrochen werden.<br />

Dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besäße,<br />

war einer der Hauptgründe der USA, den Diktator zu stürzen.<br />

Das war nicht nur falsch, es war auch eine vorgeschobene Begründung<br />

für eine weit größere Mission. Würde man den Terrorismus-Sponsor<br />

aus Bagdad beseitigen und im Irak eine vorbildliche<br />

Demokratie errichten, dann könne das zentrale arabische<br />

Land zum Vorbild für die Region werden, die sich in einer Art<br />

Dominoeffekt endlich demokratisieren würde.<br />

Warum sollte im Nahen Osten nicht funktionieren, was<br />

nach dem Sieg über den Nationalsozialismus auch in Deutschland<br />

erfolgreich gewesen war?<br />

Konsequenter als die Alliierten die Entnazifizierung betrieben<br />

haben, entließ die neue amerikanische Verwaltung alle<br />

Angehörigen des Baath-Regimes aus Regierungsämtern und<br />

Armee. Was man nicht bedacht hatte: Die meisten waren Sunniten.<br />

Den von Saddam Hussein brutal unterdrückten Kurden<br />

und Schiiten im Irak mag dies gefallen haben. Hilfreich war<br />

es nicht. Statt zu versöhnen, wurde gespalten – die Kluft zwischen<br />

den ethnischen und religiösen Gruppierungen vertiefte<br />

sich. Das rächt sich nun. Denn es sind Sunniten, die zum alten<br />

Von JUDITH HART<br />

Der Westen<br />

ist nicht mehr<br />

willens, einen<br />

langen Atem<br />

aufzubringen<br />

Regime gehörten, die die Isis im Kampf gegen die Herrschaft<br />

des schiitischen Premiers Nuri al Maliki unterstützen.<br />

Wenn man, wie es die amerikanische Regierung gerne tat,<br />

Deutschland als gelungenes Beispiel einer erfolgreichen Demokratisierung<br />

nach einem gewaltsamen Regimewechsel anführen<br />

will, dann muss man auch die richtigen Lehren ziehen.<br />

Es war eben nicht die Entnazifizierung, die zur Akzeptanz der<br />

neuen politischen Ordnung beigetragen hat, sondern ganz im<br />

Gegenteil – wenn auch moralisch verwerflich – die Integration<br />

alter Nazis in das neue System.<br />

Lehre Nummer zwei: Nur wenn wenigstens ansatzweise<br />

demokratische Traditionen vorhanden sind, kann ein Land demokratisiert<br />

werden. In Deutschland dauerte<br />

die Weimarer Republik immerhin fast anderthalb<br />

Jahrzehnte. Im Irak gab es nie auch nur<br />

den Ansatz einer demokratischen Tradition.<br />

Es existierte auch nur ein höchstens rudimentär<br />

ausgebildetes Verständnis nationaler oder<br />

gar bürgerlicher Identität. Irak war ein von<br />

jahrzehntelanger Diktatur politisch korrumpiertes<br />

und, nach hunderttausendfachen Morden<br />

an Kurden und Schiiten <strong>durch</strong> das sunnitische<br />

Regime, auch völlig zerrissenes Land,<br />

in dem die Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder religiösen<br />

Gruppe identitätsbestimmend ist. Die USA haben es nie vermocht,<br />

dieses Denken zu überwinden.<br />

Schlimmer noch: Sie haben ihre Mission aus rein innenpolitischen<br />

Gründen für beendet erklärt und das Land einer Regierung<br />

überlassen, die nach dem nahöstlichen Prinzip funktioniert:<br />

Bist du als Vertreter deiner Gruppe an der Macht, zahle<br />

es den anderen heim, anstatt eine Politik des Ausgleichs zu<br />

betreiben und eine nationale Identität zu fördern. Was langer<br />

Atem – mit entsprechendem Erfolg – ist, haben die Amerikaner<br />

in Deutschland gezeigt. Dort blieben sie bis zum Fall der Mauer.<br />

Weil aber der Westen nicht mehr willens ist, einen langen<br />

Atem, enorme Ressourcen und Standfestigkeit aufzubringen,<br />

sind Interventionen, deren eigentlicher Zweck das „nation building“<br />

ist, zum Scheitern verurteilt. Es gehört nicht viel Fantasie<br />

dazu, um vorauszusagen, dass Afghanistan das Schicksal<br />

des Iraks ereilen wird. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass jene<br />

Staaten, die eine Reform benötigen und sie auch wollen, diese<br />

selbst <strong>durch</strong>setzen müssen. Eine militärisch erkämpfte und erzwungene<br />

Demokratisierung wird scheitern.<br />

JUDITH HART leitet das Ressort Weltbühne bei <strong>Cicero</strong>. Ursprünglich<br />

hielt sie den Einmarsch im Irak für richtig. Inzwischen hat sie Zweifel<br />

Der Irak war ein von Diktatur korrumpiertes und, nach hunderttausendfachen<br />

Morden an Kurden und Schiiten, zerrissenes Land<br />

78<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


KAPITAL<br />

„ Wir müssen den<br />

Kapitalismus bändigen.<br />

Deswegen brauchen<br />

wir internationale<br />

Regelungen wie das<br />

Freihandelsabkommen<br />

TTIP mit den USA “<br />

Vizekanzler Sigmar Gabriel fordert im <strong>Cicero</strong>-Interview, die Verhandlungen über das<br />

TTIP‐Abkommen zwischen der Europäischen Union und den USA zu entmystifizieren, Seite 88<br />

79<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


KAPITAL<br />

Porträt<br />

SÜSSE LAST DER EWIGKEIT<br />

Werner Müller gelang schon der Ausstieg aus der Steinkohle. Jetzt soll er für die<br />

Energiekonzerne den Abbau der Atommeiler organisieren zulasten der Steuerzahler<br />

Von ANTJE HÖNING<br />

Foto: Thomas Rabsch/Laif<br />

Der klassische Konzernchef denkt<br />

in Quartalen, bei Werner Müller<br />

darf es ruhig etwas mehr sein.<br />

Als Chef der mächtigen RAG-Stiftung<br />

muss er für nicht weniger planen als die<br />

Ewigkeit. Die Stiftung kommt ab 2019<br />

für die Ewigkeitslasten des Bergbaus auf.<br />

Sie muss dafür sorgen, dass die Gruben<br />

in Ruhrgebiet und Saarland nicht voll<br />

Wasser laufen. „Sonst liegt künftig der<br />

Hauptbahnhof Essen unter Wasser“, sagt<br />

Müller. Das will keiner, Müller, 68, schon<br />

gar nicht als gebürtiger Essener und Architekt<br />

der RAG-Stiftung.<br />

2006 schrieb Müller, damals Chef<br />

des Ruhrkonzerns RAG, das kühne Drehbuch<br />

für Deutschlands Ausstieg aus den<br />

umstrittenen Kohlesubventionen: die<br />

Aufspaltung der RAG in einen schwarzen<br />

Teil mit den Zechen und einen weißen<br />

Teil, aus dem der heutige Chemiekonzern<br />

Evonik hervorging. Der Börsengang des<br />

weißen Teils sollte die Ewigkeitslasten<br />

des schwarzen Teils finanzieren, kein<br />

Kumpel sollte ins Bergfreie fallen. Der<br />

promovierte Sprachwissenschaftler Müller<br />

überzeugte Politik, Gewerkschaften<br />

und RAG-Eigentümer von seinem Plan.<br />

Doch Müller wäre nicht Müller,<br />

wenn er in seinem Drehbuch nicht auch<br />

eine prominente Rolle für sich selbst<br />

vorgesehen hätte: die des Stiftungschefs,<br />

der mit dem ihm anvertrauten Vermögen<br />

von 18 Milliarden Euro die Gruben freihält<br />

und zugleich die einstigen Kohlereviere<br />

mit Kulturförderung und Traditionspflege<br />

beglückt. „Die Stiftung soll ja<br />

nicht sinnlos reich werden“, sagt Müller.<br />

Geschichte könnte sich nun wiederholen.<br />

Mit der Atomkraft kommt erneut<br />

eine umstrittene Energieform an<br />

ihr Ende. Bis 2022 soll der letzte Atommeiler<br />

vom Netz. Aus den Gewinnmaschinen<br />

von einst wurden Abschreibungsobjekte,<br />

zumal die Endlagerkosten<br />

unkalkulierbar hoch bleiben. Zu gerne<br />

wären Eon, RWE und EnBW ihre Meiler<br />

nun los. Ihr Notausgang: eine Atomstiftung.<br />

Und der designierte Geburtshelfer<br />

der Stiftung heißt: Werner Müller.<br />

Offiziell schweigen die Atomkonzerne.<br />

Doch die Umrisse des Planes sind<br />

in der Branche bekannt. Danach wollen<br />

die Konzerne ihre Reaktoren in eine Stiftung<br />

einbringen, die dem Bund gehört.<br />

Die Atomstiftung soll die Kraftwerke bis<br />

zum Ausstieg betreiben, den Abriss organisieren<br />

und für die Lagerung des radioaktiven<br />

Abfalls verantwortlich sein.<br />

Kurzum: Der Steuerzahler soll den Konzernen<br />

die Lasten der Atomkraft abnehmen,<br />

nachdem er ihnen zuvor als Stromkunde<br />

Milliardengewinne finanzierte.<br />

Im Gegenzug wollen die Konzerne ihre<br />

Atomrückstellungen von 35 Milliarden<br />

Euro in die Stiftung einbringen und ihre<br />

aussichtsreichen Klagen gegen die Brennelementesteuer<br />

fallen lassen.<br />

WESENTLICHE TEILE des Planes stammen<br />

von RWE. Der Essener Konzern hat Müller<br />

auch als Vermittler zwischen Wirtschaft<br />

und Politik ins Gespräch gebracht,<br />

heißt es. Bei RWE ist Müller kein Unbekannter:<br />

Nachdem er als junger Mann<br />

seinen Traum von der Karriere als Konzertpianist<br />

ausgeträumt hatte („zu unruhige<br />

Hände“), begann dort 1973 seine<br />

Karriere in der Energiebranche, zunächst<br />

als Marktforscher. Als er sich in<br />

einem Buch Gedanken über das Stromsparen<br />

machte, fiel er in Ungnade und<br />

wechselte zu Veba, der Vorgängerin der<br />

heutigen Eon. Querdenker waren in den<br />

goldenen Zeiten der Strom-Oligopole<br />

nicht gefragt.<br />

Müller stehe für die Atomstiftung<br />

bereit, wenn Regierung und Konzerne<br />

dies wünschten, heißt es in seinem Umfeld.<br />

Die Kanzlerin schätzt ihn seit seiner<br />

Zeit als Aufsichtsratschef der Deutschen<br />

Bahn als Moderator, der sich – zumindest<br />

öffentlich – zurücknehmen kann. Das gefiel<br />

schon Gerhard Schröder. 1998 holt er<br />

Müller, der Wert auf den Zusatz „parteilos“<br />

legt, als Wirtschaftsminister in sein<br />

Kabinett. Für Rot-Grün verhandelte Müller<br />

den ersten Atomausstieg.<br />

Zeit seines Lebens war Müller ein<br />

Wanderer zwischen den Welten: zwischen<br />

Wirtschaft, Politik und zurück.<br />

Als passionierter Alpinist weiß Müller,<br />

dass man verlässliche Seilschaften und<br />

Ausdauer braucht, um den Gipfel zu erreichen.<br />

Es gibt kaum einen Topmanager<br />

in der Energiebranche und -politik, mit<br />

dem Müller nicht irgendeine Geschichte<br />

verbindet. Er pflegt seine Beziehungen,<br />

gerne bei gutem Rotwein und hilft Weggefährten,<br />

die <strong>durch</strong> den Karriererost gefallen<br />

sind.<br />

Sein Meisterstück in eigener Sache<br />

lieferte er 2012 ab. Über Jahre hatten<br />

Teile der nordrhein-westfälischen Landespolitik<br />

ihn als Chef der RAG-Stiftung<br />

verhindern wollen, weil sie fürchteten,<br />

er würde diese wie ein sizilianischer<br />

Pate führen. Am Ende erreichte der Bergwanderer<br />

sein Ziel: Das Kuratorium, in<br />

dem Ministerpräsidenten, Bundesminister<br />

und Industrievertreter sitzen, machte<br />

Müller zum Vorstandschef.<br />

Nun muss er das Vermögen der Kohlestiftung<br />

sichern und mehren, was in<br />

Zeiten von Minizinsen nicht ganz einfach<br />

ist. Nebenher traut sich Müller auch zu,<br />

die Atomstiftung auf den Weg zu bringen.<br />

Wenn er als „Mr. Ewigkeitslasten“ in<br />

die Geschichte eingeht oder gar ein weiterer<br />

Posten für ihn abfällt, wäre ihm das<br />

nur recht.<br />

ANTJE HÖNING ist Leiterin der<br />

Wirtschaftsredaktion bei der Rheinischen<br />

Post in Düsseldorf<br />

81<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


KAPITAL<br />

Porträt<br />

EROTISCHES AUS THÜRINGEN<br />

In Thüringen produziert Holger Raithel Porzellan mit Witz. Das findet ausgerechnet im<br />

Ursprungsland des weißen Goldes reißenden Absatz, statt dreist kopiert zu werden<br />

Von FLORIAN FELIX WEYH<br />

Dass sein Zuckerhut die puritanischen<br />

Moralvorstellungen Nordamerikas<br />

bedroht, hätte Holger<br />

Raithel auch nie gedacht. Aber der Inhaber<br />

der thüringischen Porzellanfabrik<br />

Kahla würde sich nie über den Kundengeschmack<br />

mokieren. „Für die USA gibt<br />

es einfach einen flachen Deckel“, erklärt<br />

der 42-Jährige nüchtern.<br />

Während sonst bei Zuckerdosen<br />

der Löffelstiel seitlich herausragt, umschließt<br />

Kahlas Zuckerhut den Löffel<br />

ganz und lässt damit kein Einfallstor für<br />

Insekten offen. Den einen Kunden erinnert<br />

das an den Zuckerhut, den anderen<br />

an einen Mörserstößel – in den USA assoziierten<br />

die Kunden damit eben etwas<br />

Erotisches.<br />

Doch dass Schönheit erotisch wirkt,<br />

lässt sich nicht vermeiden. Wie auch bei<br />

Porzellan, das den Tastsinn ansprechen<br />

soll. „Touch ist thermisch isolierend, akustisch<br />

angenehm, kuschelig weich und spülmaschinenfest“,<br />

schwärmt Holger Raithel<br />

wie ein Liebhaber von seiner Geschirrserie<br />

mit samtiger Filzbeschichtung. Auch<br />

zehn Jahre nach der Markteinführung hat<br />

es niemand geschafft, die patentierte Beflockungstechnik<br />

zu imitieren.<br />

Wer Porzellan für einen altmodischen<br />

Werkstoff hält, wird von Raithel<br />

eines Besseren belehrt. Er schwärmt<br />

von neuen Materialverbindungen, die<br />

Design wünsche und technische Wissbegier<br />

befriedigen. Tassen lassen sich piercen,<br />

und neuerdings gibt es bei Kahla beschreibbares<br />

Geschirr für die spontane<br />

Weltformel-Eingebung bei Tisch.<br />

Innovationen aus einem Ort, der<br />

lange für biedere Massenware stand:<br />

Aus den Wurzeln eines regionalen Mittelständlers<br />

aus dem 19. Jahrhundert<br />

wuchs Kahla in der DDR zum Kombinat<br />

mit 20 000 Arbeitern, 7000 davon arbeiteten<br />

am Stammsitz in der gleichnamigen<br />

Kleinstadt. Man produzierte für den ganzen<br />

Ostblock, nach der Wende folgte die<br />

Insolvenz auf dem Fuß.<br />

Als Günther Raithel, Holgers Vater,<br />

dann 1994 das Gelände besichtigte, fand<br />

der damalige Rosenthal-Porzellanmanager<br />

eine qualifizierte Belegschaft innerhalb<br />

maroder Industrieanlagen vor. Mit<br />

54 Jahren entschloss er sich zur Selbstständigkeit.<br />

Er beließ die Fachleute auf<br />

ihren Posten, krempelte aber das Geschäftsmodell<br />

komplett um: Weg vom<br />

Massenmarkt, hin zum höherpreisigen<br />

Segment.<br />

„Es war dieser Unternehmergeist,<br />

den er bei Philipp immer erlebt hatte“,<br />

sagt Holger Raithel über seinen Vater.<br />

Philipp – das war Philipp Rosenthal, jener<br />

2001 verstorbene deutsche Fabrikant<br />

aus der Porzellanstadt Selb in Bayern, der<br />

einst nicht nur führendes SPD-Mitglied<br />

war, sondern auch als erster deutscher<br />

Unternehmer eine Mitarbeiterbeteiligung<br />

eingeführt hatte. Als Designpionier<br />

sorgte Rosenthal dafür, dass die bürgerliche<br />

Kaffeetafel nicht länger unter Kitsch<br />

und Muff ächzen musste.<br />

MIT GÜNTHER RAITHEL kam dieser ästhetische<br />

wie unternehmerische Geist nach<br />

Kahla. Heute arbeiten zwischen sechsarmigen<br />

Robotern, einer Tassendruckgussanlage<br />

und einem energiesparenden<br />

Glühbrandofen rund 300 Angestellte. Effizientes<br />

Produzieren ist ein Muss, ökologisch<br />

verträgliches ein selbst verordnetes<br />

Ziel und das kooperative Klima ein<br />

Erbe Rosenthals. Nach der Vorgeschichte<br />

Kahlas klingen 300 Arbeitsplätze nicht<br />

besonders viel, doch mit der gesamten<br />

deutschen Porzellanindustrie ging es<br />

dramatisch bergab. Sogar der einstige<br />

Leuchtturm Rosenthal firmiert seit 2009<br />

nur noch als Tochter eines italienischen<br />

Konzerns.<br />

Kahla strahlt immer heller. „Wir<br />

werden auch in diesem Jahr zweistellig<br />

wachsen“, verkündet Holger Raithel, der<br />

2004 die Geschäftsleitung übernahm.<br />

Von den 22 Millionen Euro Umsatz<br />

kam vergangenes Jahr noch rund<br />

die Hälfte aus Deutschland, der größte<br />

Wachstumsmarkt ist China. „Unsere<br />

Zielgruppe will das Original“, sagt sich<br />

Raithel über die Anerkennung, die dem<br />

Thüringer Geschirr aus dem Ursprungsland<br />

des Porzellans zuteil wird. Denn<br />

obwohl er sich bei der väterlichen Firmenneugründung<br />

gerade im Physikstudium<br />

befand, ist er <strong>durch</strong> und <strong>durch</strong> ein<br />

Porzellanmacher.<br />

Seine Verbindung zwischen Physik<br />

und Ökonomie schlägt aber immer<br />

wieder neue Funken. So hebelt die Serie<br />

„Magic Grip“ die Fallgesetze wenigstens<br />

teilweise aus. Ob im Flugzeug oder<br />

beim Segeln, ein Tablett mit Magic-Grip-<br />

Geschirr lässt sich beeindruckend schräg<br />

halten, ohne dass die Teller und Tassen<br />

dabei abrutschen. Für Laien hat das etwas<br />

Magisches, für Raithel ist es reine<br />

Adhäsionsphysik.<br />

FLORIAN FELIX WEYH<br />

konnte Porzellanliebhaber nie so recht<br />

verstehen. Jetzt ahnt er zumindest, was<br />

ihnen an diesem Material gefällt<br />

MYTHOS<br />

MITTELSTAND<br />

Was hat Deutschland,<br />

was andere nicht haben?<br />

Den Mittelstand!<br />

<strong>Cicero</strong> stellt in jeder Ausgabe<br />

einen mittelständischen<br />

Unternehmer vor.<br />

Die bisherigen Porträts<br />

finden Sie unter:<br />

www.cicero.de/mittelstand<br />

Foto: Christoph Busse für <strong>Cicero</strong><br />

82<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


KAPITAL<br />

Porträt<br />

MEISTER DER FALSCHMELDUNG<br />

Markus Lanz, die Deutsche Bank und die CSU mag er nicht. Wie der Postillon-Gründer<br />

Stefan Sichermann eine der populärsten Online-Satireseiten Deutschlands erschuf<br />

Von MERLE SCHMALENBACH<br />

Foto: Daniel Karmann/Picture Alliance/DPA<br />

Es ist schwierig, den Satiriker Stefan<br />

Sichermann zu treffen. Er stehe<br />

nicht so gerne in der Öffentlichkeit,<br />

schreibt er per E-Mail. Und er sei gerade<br />

so beschäftigt. Nur zögernd stimmt er einem<br />

Gespräch in Fürth zu. Aber bitte nur<br />

30 Minuten. Kein Fotograf, nichts Privates.<br />

Sein Tonfall ist freundlich, aber<br />

bestimmt. Sichermann ist medienscheu.<br />

Eine Einladung zu Markus Lanz hat er<br />

ausgeschlagen. Das ist ungewöhnlich.<br />

Denn Medien sind sein Geschäft.<br />

Sichermann betreibt das Satireportal<br />

der-postillon.com. Seine Texte tragen<br />

Überschriften wie „G 1: Putin wirft übrige<br />

sieben Staaten aus der G-8-Gruppe.“<br />

Oder: „CSU gehen allmählich inkompetente<br />

Kandidaten für Ministerposten aus.“<br />

Seine Klickzahlen können sich mit großen<br />

Nachrichtenportalen messen. Allein<br />

im April 2014 kam er auf 13 597 929 Seitenaufrufe.<br />

Im vergangenen Jahr erhielt<br />

er den Grimme Online Award. Das alles<br />

hat er ohne Verlag im Rücken geschafft.<br />

„Er hat als Underdog angefangen, das<br />

macht ihn so glaubwürdig“, sagt der Medienexperte<br />

Stefan Niggemeier.<br />

Sein Erfolg zeigt, dass man im Internet<br />

mit Beharrlichkeit sehr weit kommen<br />

kann. „Ich bin auch ein Korinthenkacker-Typ,<br />

ein Zahlenmensch“, sagt Sichermann.<br />

Morgens um neun Uhr setzt<br />

er sich an den Schreibtisch und klickt sich<br />

<strong>durch</strong> die Nachrichtenportale. Er weiß,<br />

was im Netz funktioniert: Am besten laufen<br />

die großen Themen. Die Pointe muss<br />

schon in der Überschrift stehen. Täglich<br />

ackert er sich <strong>durch</strong> 300 bis 400 E-Mails.<br />

Die meisten sind bemüht witzig. Er beantwortet<br />

sie ernsthaft: „Lustig zu sein,<br />

ist anstrengend“, sagt er.<br />

Sichermann ist 33 Jahre alt, ein entspannter,<br />

netter Typ. „Als Schüler war<br />

ich faul“, erzählt er. Damals interessiert<br />

er sich mehr für Computerspiele als für<br />

Prüfungen. Nach dem Abitur studiert er<br />

Anglistik und Geschichte zunächst auf<br />

Lehramt. Weil er nicht gerne vor Klassen<br />

steht, wechselt er auf Magister. Nach<br />

dem Studium arbeitet er als Werbetexter.<br />

Ein Kollege bringt ihn auf die Idee<br />

zu bloggen. 2008 geht seine Seite online.<br />

Weil er nichts Privates schreiben will,<br />

versucht er es mit Satire. Sein Vorbild<br />

ist das amerikanische Portal The Onion.<br />

„Meine ersten Gehversuche waren peinlich“,<br />

sagt er. Doch er bleibt dran, bastelt<br />

herum. Statistiken faszinieren ihn. Seine<br />

Seite hat erst fünf Aufrufe am Tag, dann<br />

zehn, dann 15. „Wow“, denkt er sich. Es<br />

funktioniert wie ein Computerspiel: Er<br />

knackt ein Level nach dem anderen. Sich<br />

selbst hält er im Hintergrund, vor Bühnen<br />

graut es ihm. „Er ist kein Networker,<br />

der auf Empfängen Leuten seine Ideen<br />

andreht“, sagt Niggemeier. „Das macht<br />

seinen Erfolg so sympathisch.“ Die beiden<br />

kennen sich. Sichermann hat mal für<br />

das von Niggemeier gegründete Bildblog<br />

geschrieben.<br />

MIT EINEM GRÜNDERZUSCHUSS macht<br />

Sichermann sich 2012 selbstständig. Die<br />

Kosten sind gering: Für die Domain zahlt<br />

er zwölf Dollar im Monat. Das war’s. Die<br />

Texte schreibt er im Wickelzimmer der<br />

Tochter. Was er über IT und Marketing<br />

wissen muss, bringt er sich selbst bei. Im<br />

Netz spricht sich der Postillon rasch herum.<br />

„Anfangs dachte ich noch, ich hätte<br />

eine kleine, lustige, obskure Seite entdeckt“,<br />

sagt Niggemeier. Besonders der<br />

Artikel „Linie übertreten: Rekordsprung<br />

aus 39 Kilometern Höhe für ungültig erklärt“<br />

zu Felix Baumgartner erregt großes<br />

Aufsehen. Den Link teilen etwa<br />

100 000 Menschen auf Facebook. „Ich<br />

finde das manchmal gruselig“, sagt Sichermann.<br />

Andererseits richten sich die<br />

Einnahmen <strong>durch</strong> die Werbebanner nach<br />

Klicks, sodass er an diesem Tag so viel<br />

kassiert wie sonst in einem Monat.<br />

Über seine Einkünfte schweigt er.<br />

Nur so viel: „Ich kann gut davon leben.“<br />

Mittlerweile beschäftigt er freie Autoren.<br />

Im Herbst erscheint sein zweites Buch,<br />

ein Best-of des Postillon. Für den NDR<br />

produziert er die Sendung Postillon24.<br />

Dem NDR hat das eine einstweilige Verfügung<br />

des Senders N24 eingebracht, Begründung:<br />

Verwechslungsgefahr. Realsatire<br />

und für Sichermann neues Material.<br />

Aufmerksamkeit spült Leser auf sein<br />

Portal. Seinen Umsatz generiert er zu<br />

90 Prozent <strong>durch</strong> Werbung. Die Anzeigenpreise<br />

beginnen bei 400 Euro im Monat.<br />

Die meisten seiner Besucher kommen<br />

über Facebook. Er hat dort mehr als<br />

900 000 Fans. Ob ihn diese Abhängigkeit<br />

beunruhigt? „Nein, im Netz werden sich<br />

immer neue Modelle finden.“<br />

Was die Anzeigen auf seiner Seite<br />

angeht, ist er wählerisch. Die CSU oder<br />

die Deutsche Bank etwa dürften nicht bei<br />

ihm werben. Er ist ein politischer Mensch.<br />

Früher war er in der SPD. Wegen Schröder<br />

und der Agenda 2010 trat er aus. „Ich<br />

bin Atheist und ziemlich links“, sagt er.<br />

„Aber ich will nicht, dass das auf den Postillon<br />

abfärbt. Ich kann mich auch über<br />

linke Parteien aufregen.“<br />

Eine tiefe Abneigung hegt er gegen<br />

die Bild. Als die unlängst zarte Bande<br />

zu ihm knüpfen wollte, veröffentlichte<br />

er die E-Mail im Internet. Und forderte<br />

seine Leser zu möglichst fiesen Antworten<br />

auf. Es hagelte höhnische Kommentare,<br />

Tausende beteiligten sich. Sichermann<br />

mag medienscheu sein, aber seine<br />

mediale Macht weiß er zu nutzen.<br />

MERLE SCHMALENBACH kann auch<br />

sehr hartnäckig sein. Sechs Monate ließ<br />

Sichermann sich von ihr bitten, aber sie gab<br />

nicht auf, bis er ihr einen Termin gab<br />

85<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


KAPITAL<br />

Hintergrund<br />

Chlorhühnchen, Geheimverhandlungen<br />

und Investorenschutz –<br />

das sind die Schlagworte, die in<br />

Deutschland die Diskussion um das Freihandelsabkommen<br />

zwischen der Europäischen<br />

Union und den USA beherrschen.<br />

Die Kritiker der Transatlantischen Handels-<br />

und Investitionspartnerschaft kurz:<br />

TTIP warnen wahlweise davor, dass das<br />

Abkommen die Demokratie aushöhle,<br />

Sonderrechte für internationale Konzerne<br />

schaffe oder Standards des Umwelt-<br />

und Verbraucherschutzes gefährde.<br />

Dass <strong>durch</strong> den Abschluss eines solchen<br />

Abkommens eine Freihandelszone<br />

ohne Zölle und andere Handelsbarrieren<br />

mit gut 800 Millionen Einwohnern<br />

geschaffen würde, die Wachstum und<br />

Arbeitsplätze generiert, interessiert die<br />

Öffentlichkeit dagegen kaum. Dabei darf<br />

Europa auf wirtschaftliche Zugewinne<br />

von 119 Milliarden Euro im Jahr hoffen,<br />

die USA auf 95 Milliarden Euro. Nach einer<br />

Studie der Bertelsmann-Stiftung werden<br />

allein in Deutschland <strong>durch</strong> das Abkommen<br />

160 000 Arbeitsplätze in den<br />

kommenden 15 Jahren geschaffen sowie<br />

ein zusätzliches Wirtschaftswachstum<br />

von 0,3 Prozent pro Jahr erzielt. Bundeswirtschaftsminister<br />

Sigmar Gabriel fordert<br />

im <strong>Cicero</strong>-Interview (siehe Seite 88),<br />

das TTIP-Abkommen zu entmystifizieren.<br />

Wie stichhaltig sind die Argumente<br />

der Kritiker?<br />

ÜBER DAS ABKOMMEN WIRD GEHEIM<br />

VERHANDELT<br />

Immer wieder ist von Geheimverhandlungen<br />

die Rede. Es wird der Eindruck<br />

erweckt, dass ein kleiner Kreis von<br />

Leuten hinter verschlossenen Türen über<br />

die Köpfe der Bürger hinweg entscheidet.<br />

Völkerrechtliche Verträge, zu denen auch<br />

dieses Abkommen gehört, werden aber<br />

nie öffentlich verhandelt. Darüber hat<br />

sich bisher auch noch nie jemand ernsthaft<br />

aufgeregt. Genauso gut könnte man<br />

der Bundesregierung vorwerfen, dass<br />

sie ihre Kabinettssitzungen nicht live im<br />

Fernsehen überträgt, oder sich darüber<br />

beschweren, dass der Koalitionsvertrag<br />

nicht vor der Bundespressekonferenz<br />

ausgehandelt wurde.<br />

Für die seit Juli 2013 laufenden Verhandlungen<br />

hat der Handelsministerrat,<br />

in dem alle 28 Wirtschafts- und Handelsminister<br />

der EU vertreten sind, der<br />

HARMONIE<br />

STATT HORMONE<br />

Die Kritik am geplanten Freihandelsabkommen<br />

zwischen der EU und den USA ist laut und<br />

vielstimmig, aber nicht immer gut begründet.<br />

Über die Chancen des größten gemeinsamen<br />

Marktes der Welt wird in Deutschland dagegen<br />

bisher kaum diskutiert<br />

Von DANIEL MARTIENSSEN<br />

Illustration: Miriam Migliazzi & Mart Klein<br />

86<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Allein in<br />

Deutschland<br />

werden<br />

<strong>durch</strong> das<br />

Abkommen<br />

160 000 neue<br />

Arbeitsplätze<br />

geschaffen<br />

Europäischen Kommission ein Mandat<br />

erteilt, mit den USA den Entwurf eines<br />

Freihandelsabkommens auszuhandeln.<br />

Dieses Mandat wurde bisher nie offiziell<br />

veröffentlicht, ist aber inzwischen für<br />

jeden Interessierten leicht im Internet zu<br />

finden. EU-Handelskommissar Karel De<br />

Gucht informiert die Vertreter aller Mitgliedstaaten<br />

regelmäßig über den Stand<br />

der Verhandlungen. Auch aufgrund der<br />

öffentlichen Kritik hat die Brüsseler<br />

Kommission eine Beobachtergruppe von<br />

14 Vertretern aus Industrie und Zivilgesellschaft<br />

einberufen, die Einblick in alle<br />

Dokumente erhalten.<br />

TTIP FÜHRT ZU EINER EROSION DES<br />

VERBRAUCHER- UND UMWELTSCHUTZES<br />

Hauptziel des gemeinsamen Marktes<br />

ist es, den Handel zwischen den USA<br />

und der EU zu fördern. Dafür sollen nicht<br />

nur die Zölle abgeschafft werden. Mindestens<br />

genauso wichtig ist der Wegfall<br />

nichttarifärer Handelshemmnisse. Dazu<br />

gehören unterschiedliche Zulassungsverfahren,<br />

technische Standards, Sicherheits-<br />

und Gesundheitsvorschriften, der<br />

eingeschränkte Zugang zu öffentlichen<br />

Aufträgen. Zum Beispiel dürfen in den<br />

USA nur Autos mit roten Blinkern, in der<br />

EU nur solche mit orangenen zugelassen<br />

werden. Die Autobauer zwingt das dazu,<br />

zwei unterschiedliche Blinker herzustellen.<br />

Die da<strong>durch</strong> entstehenden Kosten<br />

ließen sich vermeiden, wenn Amerikaner<br />

und Europäer die Standards angleichen<br />

oder den jeweils anderen anerkennen.<br />

Ob das Schutzniveau für Verbraucher<br />

und Umwelt da<strong>durch</strong> sinkt, lässt sich<br />

beim jetzigen Stand der Verhandlungen<br />

kaum eindeutig beurteilen. Ob ein mit<br />

Chlor desinfiziertes US-Huhn gesünder<br />

ist als die europäische Antibiotika-Variante,<br />

darüber streiten sogar die Experten.<br />

Und während die Verbraucher hierzulande<br />

hormonbehandeltes Fleisch fürchten,<br />

ist für die Amerikaner Rohmilchkäse<br />

ein Tabu. In anderen Bereichen, wie der<br />

Finanzmarktregulierung oder Zulassung<br />

von Medikamenten und Elektrogeräten,<br />

behaupten beide Seiten, die strikteren<br />

Regeln zu haben.<br />

Ein race to the bottom, also die Angleichung<br />

der Standards auf niedrigstem<br />

Niveau, ist daher unwahrscheinlich, weil<br />

dies auf beiden Seiten des Atlantiks politisch<br />

nicht <strong>durch</strong>setzbar wäre. Außerdem<br />

soll TTIP als Modellabkommen dienen,<br />

dessen hohe Standards in Arbeits-, Umwelt-<br />

und Verbraucherschutz hohe Standards<br />

auch auf Drittstaaten ausstrahlen<br />

und zu verbesserten globalen Regeln führen<br />

sollen.<br />

DER INVESTITIONSSCHUTZ SCHAFFT<br />

SONDERRECHTE FÜR UNTERNEHMEN<br />

Die heftigste Kritik am Freihandelsabkommen<br />

rufen in Deutschland die Regelungen<br />

zum Investitionsschutz und<br />

die dazugehörigen Schiedsgerichte hervor.<br />

Kritiker befürchten, dass damit ein<br />

Sonderrecht für Unternehmen geschaffen<br />

wird. Sie halten die Schiedsgerichte<br />

für undemokratisch, intransparent und<br />

rechtsstaatsfeindlich.<br />

Investitionsschutzabkommen sind<br />

ursprünglich eine deutsche Erfindung.<br />

Die Bundesrepublik schloss 1959 erstmals<br />

mit Pakistan ein derartiges Abkommen<br />

ab. Mehr als 130 solcher Abkommen<br />

mit deutscher Beteiligung gibt es inzwischen.<br />

Weltweit sind es etwa 4000.<br />

Investoren sollen so vor willkürlichen<br />

Maßnahmen der Gastländer geschützt<br />

werden: Sie dürfen nicht gegenüber<br />

einheimischen Unternehmen<br />

diskriminiert werden, sie haben Anspruch<br />

auf „faire und gleiche Behandlung“,<br />

sie dürfen nur im öffentlichen<br />

Interesse und nur gegen Entschädigung<br />

enteignet werden, und sie müssen<br />

ihr Kapital ungehindert ein- und ausführen<br />

können. Wird eines dieser vier<br />

Prinzipien verletzt, kann der Investor<br />

gegen das Gastland vor einem internationalen<br />

Schiedsgericht klagen, das vom<br />

Internationalen Zentrum zur Beilegung<br />

von Investitionsstreitigkeiten bei der<br />

Weltbank eingesetzt wird. Drei Richter<br />

fällen das Urteil: Einen bestimmt der Investor,<br />

einen der Staat, auf den dritten<br />

einigt man sich gemeinsam.<br />

Die Kritiker fürchten, dass Großkonzerne<br />

ihr Klagerecht gegen die an<br />

TTIP beteiligten Staaten missbrauchen,<br />

um gegen aus ihrer Sicht geschäftsschädigende<br />

Gesetze vorzugehen. Das könnte<br />

mittelfristig die Demokratie aushöhlen<br />

und die staatliche Souveränität einschränken.<br />

Außerdem wird argumentiert,<br />

dass zwischen entwickelten Rechtsstaaten<br />

wie den USA und den Mitgliedern<br />

der EU der Rückgriff auf Schiedsgerichte<br />

nicht gerechtfertigt sei. Bundesjustizminister<br />

Heiko Maas sagte kürzlich: „Die<br />

Bundesregierung hält Schiedsgerichte<br />

zwischen OECD-Staaten für überflüssig.“<br />

Hier sei der Investorenschutz über<br />

nationale Gerichte gewährleistet. Allerdings<br />

fehlt denen bisher die Zuständigkeit,<br />

über Ansprüche aus völkerrechtlichen<br />

Abkommen zu entscheiden.<br />

Außerdem finden es US-Investoren nicht<br />

besonders attraktiv, vor einem Gericht in<br />

Italien oder Rumänien klagen zu müssen.<br />

Umgekehrt ist es für europäische Unternehmen<br />

oft sehr teuer und langwierig, in<br />

den USA zu prozessieren. Die öffentliche<br />

Kritik hat allerdings dazu geführt, dass<br />

die Verhandlungen in diesem Punkt kurz<br />

vor der Europawahl für drei Monate ausgesetzt<br />

wurden.<br />

TTIP FEHLT DIE DEMOKRATISCHE<br />

LEGITIMATION<br />

Lange Zeit sah es so aus, als ob auf<br />

europäischer Seite nur das Europaparlament<br />

und der Ministerrat das Vertragswerk<br />

ratifizieren müssten, weil die alleinige<br />

Kompetenz für Handelsfragen in<br />

Brüssel liegt. Da das Abkommen aber<br />

wohl über reine Handelsfragen hinausgehen<br />

wird, müssen auch die nationalen<br />

Parlamente zustimmen. Die Bundesregierung<br />

hat bereits verkündet, dass sie<br />

nichts unterschreiben wird, wofür sie<br />

nicht eine Mehrheit im Bundestag hat.<br />

DANIEL MARTIENSSEN, Journalist und<br />

Anwalt, kauft auch in Zukunft Biohühner vom<br />

Händler seines Vertrauens und wird die TTIP-<br />

Verhandlungen weiter mit Interesse verfolgen<br />

87<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


KAPITAL<br />

Interview<br />

„DAS ABKOMMEN<br />

ENTMYSTIFIZIEREN“<br />

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel<br />

über das Freihandelsabkommen zwischen<br />

der EU und den USA<br />

Revolte gegen den Kapitalismus angelsächsischer<br />

Prägung aufrufen, wie<br />

es sich für europäische Sozialdemokraten<br />

gehört?<br />

Sigmar Gabriel: Ich weiß nicht, ob<br />

es einer Revolte bedarf. Ganz sicher<br />

aber brauchen wir eine zweite Bändigung<br />

des Kapitalismus. Die erste ist uns<br />

in Deutschland mit der Idee der sozialen<br />

Marktwirtschaft gut gelungen, indem wir<br />

die wirtschaftliche und die soziale Entwicklung<br />

und den Umweltschutz miteinander<br />

verbunden haben. In einer globalisierten<br />

Welt schaffen wir das nicht<br />

mehr nur mit nationalen Instrumenten.<br />

Deswegen brauchen wir internationale<br />

Regelungen, zu denen auch das Freihandelsabkommen<br />

TTIP mit den USA gehören<br />

kann.<br />

Aber die TTIP-Verhandlungen scheinen<br />

eine ganz andere Richtung einzuschlagen:<br />

Verletzen die Investitionsschutzklauseln,<br />

die von Schiedsgerichten<br />

überwacht werden, nicht die Souveränität<br />

der Staaten und drohen am Ende<br />

sogar die Demokratie auszuhebeln?<br />

Deutschland hat bereits mehr als<br />

130 Investitionsschutzverträge abgeschlossen,<br />

die zum Teil auch Investor-<br />

Staat-Schiedsverfahren vorsehen. Das<br />

hat sich bewährt bei Abkommen mit<br />

Ländern, deren Rechtskultur nicht mit<br />

unserer oder der unserer europäischen<br />

Partner vergleichbar war. Deutsche Mittelständler,<br />

die in China investieren, wären<br />

froh, wenn sie ihre Ansprüche wegen<br />

Urheberrechtsverletzungen bei einem<br />

zuständigen Schiedsgericht <strong>durch</strong>setzen<br />

könnten und nicht den chinesischen<br />

Rechtsweg beschreiten müssten.<br />

Herr Gabriel, im Europawahlkampf war<br />

das Freihandelsabkommen zwischen der<br />

EU und den USA ein großes Thema. Wo<br />

sind in dieser Diskussion um noch mehr<br />

Wettbewerb eigentlich die sozialdemokratischen<br />

Kräfte, die die freien Märkte<br />

bändigen wollen oder mal zu einer<br />

Sigmar Gabriel<br />

wurde 1959 in Goslar geboren.<br />

Der studierte Gymnasiallehrer<br />

ist seit 2009 Parteichef der SPD.<br />

Der ehemalige niedersächsische<br />

Ministerpräsident ist seit<br />

2013 Wirtschaftsminister und<br />

Vizekanzler der Großen Koalition<br />

Aber brauchen wir solche Schiedsgerichte<br />

auch zwischen entwickelten<br />

Rechtsstaaten wie den USA und den<br />

EU-Mitgliedern?<br />

Nein, hier halte ich sie für unnötig.<br />

Viele haben ja die Sorge, dass solche Regeln<br />

Unternehmen die Möglichkeit eröffneten,<br />

Gesetze anzugreifen, die nationale<br />

Parlamente beschlossen haben,<br />

und im Zweifelsfall vor Schiedsgerichten<br />

auf Schadensersatz zu klagen. Daher<br />

sind wir gegen Investitionsschutzklauseln<br />

beim TTIP, das habe ich dem<br />

zuständigen EU-Handelskommissar Karel<br />

De Gucht auch so gesagt.<br />

Illustration: Miriam Migliazzi und Mart Klein<br />

88<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Warum erregen aber schon die Verhandlungen<br />

die Gemüter so stark?<br />

Das Problem ist, dass die Verhandlungen<br />

bisher hinter verschlossenen Türen<br />

stattfinden. Geheimverhandlungen<br />

zwischen den USA und der EU im aufgeklärten<br />

21. Jahrhundert, das ist absurd.<br />

Nicht einmal das Verhandlungsmandat<br />

ist bislang offiziell veröffentlicht worden.<br />

Die Folge ist, dass das TTIP-Abkommen<br />

zu einer riesigen Projektionsfläche<br />

wird: Die einen prophezeien das Reich<br />

der Glückseligkeit, die anderen beschwören<br />

den Untergang des Abendlands. Die<br />

Befürworter wollen schon jetzt auf den<br />

Euro genau errechnen können, wie viel<br />

das Abkommen jedem Haushalt bringt.<br />

Die Kritiker haben 500 000 Unterschriften<br />

gesammelt gegen etwas, das es so<br />

noch gar nicht gibt. Denn bisher steht<br />

nicht eine Zeile dieses Abkommens fest.<br />

„Ich halte es für<br />

zwingend, dass<br />

die nationalen<br />

Parlamente über<br />

das Abkommen<br />

abstimmen,<br />

sonst verliert<br />

man endgültig<br />

das Vertrauen<br />

der Bevölkerung“<br />

nicht im ökonomischen Interesse unseres<br />

Landes sein – und übrigens auch<br />

nicht in unserem politischen, kulturellen<br />

und sozialen.<br />

Wie wollen Sie sicherstellen, dass die<br />

deutschen Interessen bei den Verhandlungen<br />

ausreichend berücksichtigt<br />

werden?<br />

Die Verhandlungen führt die EU-<br />

Kommission. Aber am Ende müssen die<br />

Mitgliedstaaten sowie das Europäische<br />

und alle nationalen Parlamente entscheiden.<br />

Nicht nur in Deutschland gibt es ja<br />

Debatten über TTIP, sondern in allen europäischen<br />

Ländern. Das ist auch richtig<br />

so, denn es ist ein wichtiges Thema.<br />

Allen Beteiligten ist klar: Ein Abkommen,<br />

das die unterschiedlichen Interessen<br />

nicht vernünftig ausbalanciert, wird<br />

es nicht geben.<br />

Wie wollen Sie das Vertrauen der Gegner<br />

zurückgewinnen?<br />

Wir müssen die Verhandlungen über<br />

das Abkommen entmystifizieren. Wir<br />

müssen das Verhandlungsmandat veröffentlichen,<br />

damit klar ist, worüber gesprochen<br />

wird und was geregelt werden<br />

soll. Die Ergebnisse der einzelnen Verhandlungsrunden<br />

müssen öffentlich diskutiert<br />

werden. Ich halte es für zwingend,<br />

dass die nationalen Parlamente über das<br />

Freihandelsabkommen abstimmen. Wenn<br />

man die Demokratie schon beim Abstimmungsverfahren<br />

aushebeln will, dann verliert<br />

man endgültig das Vertrauen der Bevölkerung<br />

in dieses Abkommen. Deshalb<br />

wollen wir mehr Transparenz.<br />

Warum brauchen wir dieses Abkommen<br />

mit den USA überhaupt?<br />

Gerade für Deutschland als Exportnation<br />

ist es von großem Vorteil, wenn<br />

der internationale Handel weiter vereinfacht<br />

wird und Kosten gespart werden<br />

können. Und wenn wir internationale<br />

Regeln haben wollen, zum Beispiel<br />

gegen das Steuerdumping internationaler<br />

Konzerne, zur Regulierung der Banken<br />

und der Finanzmärkte, zur Angleichung<br />

des Verbraucherschutzes und der<br />

Umweltstandards, dann können wir das<br />

nicht ohne die USA machen. Außerdem<br />

besteht die große Gefahr, dass sich die<br />

USA von Europa ab- und sich ganz dem<br />

pazifischen Raum zuwenden. Das kann<br />

Sie haben einen TTIP-Beirat eingerichtet.<br />

Wozu soll der gut sein?<br />

Ich habe TTIP-Befürworter und<br />

Gegner aus allen gesellschaftlichen<br />

Gruppen – von den Gewerkschaften bis<br />

zu den Wirtschaftsverbänden, von den<br />

Kommunen bis zum Kulturbereich – eingeladen,<br />

sich regelmäßig mit mir über<br />

den Fortgang der Gespräche und natürlich<br />

auch über die bestehenden Vorbehalte<br />

auszutauschen und mich zu beraten.<br />

Bei der zweiten Sitzung haben wir<br />

uns das Thema Kultur vorgenommen.<br />

Für mich und die gesamte Bundesregierung<br />

ist klar: TTIP wird nichts an unserem<br />

bewährten System der Kulturförderung<br />

ändern.<br />

Das Gespräch führten FRANK A. MEYER und<br />

CHRISTOPH SCHWENNICKE<br />

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(FAZ) berichten aufrüttelnd ehrlich über das Schicksal von Frauen und<br />

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KAPITAL<br />

Report<br />

IRRSINNIGER<br />

WETTLAUFVon TIL<br />

KNIPPER<br />

Illustrationen OTTO<br />

90<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Hochfrequenzhändler<br />

manipulieren mit ihren<br />

Algorithmen die Kurse<br />

und destabilisieren die<br />

Märkte. Ein Ortsbesuch<br />

beim Erfinder des<br />

automatisierten<br />

Computerhandels<br />

91<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


KAPITAL<br />

Report<br />

Kurze weiße Haare, Bart, leicht gebräuntes<br />

Gesicht, sportliche Figur,<br />

beige Shorts, blauer Pulli und Flip-<br />

Flops an den Füßen – so sitzt der amerikanische<br />

Physiker Doyne Farmer, 62,<br />

Anfang Juni in seinem Büro in der University<br />

of Oxford in England.<br />

Dieser freundlich lächelnde Professor<br />

in Surferklamotten soll der Erfinder<br />

des Hochfrequenzhandels an den internationalen<br />

Finanzmärkten sein? Die umstrittenen<br />

Methoden der „Flash Boys“,<br />

die mit ihren ultraschnellen Hochleistungsrechnern<br />

den Börsenhandel weltweit<br />

beherrschen, sorgen derzeit aufgrund<br />

des gleichnamigen Buches des<br />

amerikanischen Erfolgsautors Michael<br />

Lewis für Gesprächsstoff in den Finanzmetropolen<br />

weltweit. Kritiker machen<br />

das High-Frequency-Trading (HFT) für<br />

die zunehmende Instabilität der Märkte<br />

verantwortlich. Manche vergleichen<br />

den Hochfrequenzhandel sogar mit einer<br />

Atombombe.<br />

Bei dem Vergleich muss Farmer<br />

grinsen, schließlich begann seine akademische<br />

Laufbahn Anfang der achtziger<br />

Jahre als Oppenheimer-Stipendiat<br />

am National Laboratory in Los Alamos,<br />

dem Ort, wo unter der Leitung von Robert<br />

Oppenheimer im Zweiten Weltkrieg<br />

die amerikanische Atombombe entwickelt<br />

wurde.<br />

Aber was hat die Atombombe mit<br />

dem Hochfrequenzhandel von Wertpapieren<br />

zu tun? Glaubt man Michael<br />

Lewis: Jede Menge, weil der computergestützte<br />

Handel gefährliche Kettenreaktionen<br />

an den Märkten auslösen<br />

kann. Der Grund dafür sind die zwei<br />

wichtigsten Komponenten des Hochfrequenzhandels:<br />

Algorithmen und ultraschnelle<br />

Datenverbindungen.<br />

Anders als es der tägliche Börsenbericht<br />

vor der Tagesschau suggeriert, spielen<br />

die Parketthändler im Börsensaal<br />

nämlich eine immer geringere Rolle. An<br />

der Deutschen Börse steuert der Hochfrequenzhandel<br />

bereits die Hälfte des<br />

Handelsvolumens bei, an den US-Börsen<br />

liegt der Anteil bei 70 Prozent. Hier<br />

kommunizieren Maschinen mit Maschinen,<br />

in Millisekunden können gigantische<br />

Mengen von Kauf- und Verkaufsaufträgen<br />

an den Börsen erteilt werden. Ausgelöst<br />

werden die Aufträge <strong>durch</strong> Algorithmen.<br />

Besonders beliebt sind im HFT-Handel<br />

Arbitragegeschäfte und das sogenannte<br />

Frontrunning. „Das heißt, die Programme<br />

der Flash-Trader identifizieren Ihre Absicht,<br />

eine Aktie zu kaufen. Dann kaufen<br />

sie sie vor Ihnen und verkaufen Ihnen die<br />

Aktien zu einem höheren Preis weiter“,<br />

erklärt Lewis. „Das alles passiert binnen<br />

Bruchteilen von Sekunden.“ Der Economist<br />

hat diese Vorgehensweise einmal<br />

mit einem treffenden Vergleich zusammengefasst:<br />

Flash-Trader verhielten sich<br />

wie Lockvögel am Eingang eines Supermarkts,<br />

die Kundschaft mit kostenlosen<br />

Leckereien köderten. Und noch während<br />

der Kunde sich über das Produkt lobend<br />

äußere, laufe ein Mitarbeiter zum Regal,<br />

um den Preis für das Produkt zu erhöhen,<br />

bevor der Kunde dort ankomme.<br />

Bei Arbitragegeschäften suchen anders<br />

programmierte Algorithmen nach<br />

kleinsten Preisdifferenzen von Wertpapieren<br />

an verschiedenen Börsen. Werden<br />

sie fündig, kaufen und verkaufen die<br />

Computer die Aktien innerhalb von Sekundenbruchteilen.<br />

Die Gewinne jeder<br />

einzelnen Transaktion liegen im Centbereich.<br />

Dank der hohen Stückzahlen, die<br />

gehandelt werden, rechnet es sich aber.<br />

Kritiker<br />

vergleichen den<br />

an der Börse<br />

grassierenden<br />

Turbohandel mit<br />

der Erfindung<br />

der Atombombe<br />

Geschwindigkeit ist bei dieser Art<br />

des Handels alles. Und der Wettlauf um<br />

die technische Aufrüstung nimmt inzwischen<br />

immer absurdere Formen an. Während<br />

für dringend notwendige öffentliche<br />

Infrastrukturprojekte in weiten Teilen<br />

der USA kein Geld zur Verfügung steht,<br />

verlegen private Spezialanbieter immer<br />

schnellere Datenleitungen zwischen den<br />

wichtigsten Börsenhandelsplätzen. 2010<br />

installierte das neu gegründete Unternehmen<br />

Spread Networks in Rekordzeit<br />

eine neue 1331 Kilometer lange Glasfaserleitung<br />

auf dem direktesten Weg<br />

zwischen New York und Chicago für<br />

mehrere hundert Millionen Dollar. Der<br />

einzige Sinn und Zweck der Leitung besteht<br />

darin, eine Order zwischen den beiden<br />

Handelsplätzen drei Millisekunden<br />

schneller verschicken zu können. Und jeder<br />

Zentimeter kostet Zeit. Für Spread<br />

Networks lohnte es sich trotzdem, weil<br />

es dem Unternehmen gelang, die Leitung<br />

gegen Vorauskasse für fünf Jahre<br />

an High-Frequency-Trader zu vermieten,<br />

für 2,8 Milliarden Dollar insgesamt.<br />

Da wundert es nicht, dass andere Anbieter<br />

bereits ein neues Kabel <strong>durch</strong> den<br />

Atlantik verlegen wollen, das die Datenübertragung<br />

zwischen London und New<br />

York extrem verkürzen soll. Das muss, da<br />

es nicht so tief wie die bisherigen Leitungen<br />

verlegt wird, aufwendig mit einem<br />

Metallschutz gegen Attacken von Haien<br />

versehen werden, die <strong>durch</strong> die elektromagnetische<br />

Strahlung angezogen werden.<br />

Auch eine kabellose Übertragung<br />

mit Hilfe von über dem Ozean fliegenden<br />

Drohnen könnte in absehbarer Zeit<br />

Realität werden.<br />

DASS DIE KOSTEN der technischen Infrastruktur<br />

für Hochfrequenzhändler<br />

eine zu vernachlässigende Rolle spielen,<br />

zeigt, wie lukrativ ihr Geschäftsmodell<br />

sein muss. Die Zahlen des amerikanischen<br />

HFT-Traders Virtu Financial belegen<br />

das eindrucksvoll. Virtu hatte seine<br />

Ergebnisse kürzlich zum ersten Mal veröffentlicht,<br />

und zwar vor einem geplanten<br />

Börsengang: 2013 holte Virtu aus<br />

665 Millionen Dollar Umsatz 182 Millionen<br />

Dollar Gewinn heraus. Bis zu zwei<br />

Millionen Dollar Nettogewinn pro Handelstag<br />

waren dabei keine Seltenheit.<br />

Aus dem Katalog zum geplanten Börsengang<br />

ging außerdem hervor, dass Virtu<br />

92<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Günther Jauch, Journalist<br />

faz.net<br />

Mit freundlicher Unterstützung <strong>durch</strong> RTL/Endemol und 2waytraffic


KAPITAL<br />

Report<br />

in fünf Jahren Wertpapierhandel nur an<br />

einem einzigen Tag Verlust machte. Den<br />

eigenen Börsengang hat das Unternehmen<br />

unmittelbar nach der Veröffentlichung<br />

von Lewis’ Buch zumindest „vorläufig“<br />

verschoben.<br />

Der andere große Profiteur des<br />

Hochfrequenzhandels sind die Börsenanbieter,<br />

die aufgrund des hohen<br />

Handelsvolumens ihrer neuen Kunden<br />

die Gebühreneinnahmen erheblich steigern<br />

konnten. Dafür kommen sie den<br />

High‐Speed‐Händlern auch in anderen<br />

Bereichen entgegen. Besonders deutlich<br />

wird das bei der sogenannten Kolokation:<br />

Gegen entsprechend hohe Gebühren dürfen<br />

die Händler ihre hochgetunten Computer<br />

direkt in den Rechenzentren der<br />

Börsen neben deren Servern aufstellen,<br />

um auch hier keine Millisekunde bei der<br />

Übertragung zu verlieren.<br />

Die großen Verlierer in diesem Spiel<br />

sind institutionelle Anleger, wie Fondsgesellschaften,<br />

Versicherungen und Pensionskassen.<br />

Weil sie hohe Stückzahlen<br />

an Wertpapieren handeln und da<strong>durch</strong><br />

die Preise in Bewegung bringen, sind sie<br />

ein gefundenes Fressen für die Algorithmen<br />

der „Flash Boys“. Indirekt erleiden<br />

da<strong>durch</strong> auch private Kleinanleger Verluste,<br />

weil die Rendite ihrer Fondsanteile<br />

oder der Altersvorsorge geschmälert<br />

wird. Öffentlich spricht die Branche aber<br />

ungern darüber, weil sie gegenüber ihren<br />

Kunden nicht eingestehen will, dass sie<br />

den Hochfrequenzhändlern bisher meist<br />

hilflos ausgeliefert ist.<br />

DOYNE FARMER KENNT diese ganzen Diskussionen<br />

natürlich. Und wenn man<br />

ihn fragt, ob er geahnt habe, was er und<br />

sein Studienkollege Norman Packard<br />

1991 mit der Gründung ihrer Prediction<br />

Company in Santa Fe in New Mexico alles<br />

in Gang bringen würden, will er zunächst<br />

einmal etwas klarstellen: „Wir<br />

waren keine Hochfrequenzhändler. Wir<br />

waren nur die ersten, die ein auf Algorithmen<br />

basierendes automatisches Handelssystem<br />

entwickelt haben, das funktioniert<br />

hat.“ Sie fütterten das System<br />

mit Daten, und das System traf die Investmententscheidungen,<br />

die sie dann<br />

ausführten. Das, was man heute unter<br />

Hochfrequenzhandel versteht, war damals<br />

zur Verfügung stehenden Computern<br />

gar nicht möglich.<br />

Es gehörte zum<br />

guten Ton, seine<br />

mathematischen<br />

Fähigkeiten<br />

gegen die<br />

Kasinos<br />

auszuspielen<br />

Farmer verkörpert diese angenehm<br />

selbstbewusste amerikanische Art, die<br />

hier im altehrwürdigen, <strong>durch</strong> und <strong>durch</strong><br />

britischen Oxford fast etwas deplatziert<br />

wirkt: „Die Motivation, die Firma zu<br />

gründen, war einerseits akademisch getrieben,<br />

andererseits wollten wir natürlich<br />

so schnell wie möglich so viel Geld<br />

wie möglich verdienen.“ Packard und er<br />

galten als Pioniere auf dem Gebiet der<br />

Chaos-Theorie. Ihr akademischer Antrieb<br />

bestand darin, auch in noch so<br />

komplexen, chaotischen Systemen wiederkehrende<br />

Muster zu erkennen. Ihr<br />

wissenschaftlicher Mentor Tom Ingerson<br />

hatte ihnen frühzeitig eingeimpft: „Geld<br />

ist der Schlüssel zur Freiheit. Ihr müsst<br />

euch euer wissenschaftliches Knowhow<br />

direkt zunutze machen – Ideen in<br />

Gold verwandeln.“ Am nahe liegendsten<br />

schien ihnen Glücksspiel. Es gehörte damals<br />

beinahe zum guten Ton unter jungen<br />

Wissenschaftlern, die eigenen mathematischen<br />

Fähigkeiten in Kasinos<br />

auszuspielen.<br />

Nach ersten Erfolgen bei Kartenspielen<br />

wie Black Jack und Poker wurden sie<br />

ehrgeiziger und nahmen sich Roulette<br />

vor. In jahrelanger Arbeit, immer wieder<br />

94<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


unterbrochen von anderen Projekten, gelang<br />

es ihnen, einen Algorithmus zu entwickeln,<br />

der ihre Gewinnchancen gegenüber<br />

einem Normalspieler um 40 Prozent<br />

verbesserte. Sie überspielten ihn auf einen<br />

Computer, der so klein war, dass<br />

man ihn im Schuh versteckt mit an den<br />

Roulettetisch nehmen und mit dem Fuß<br />

starten konnte, wenn die Kugel im Rad<br />

einen bestimmten Punkt passierte. Der<br />

Algorithmus ermittelte dann so schnell<br />

acht Zahlen, in die die Kugel hineinfallen<br />

würde, dass der Spieler noch rechtzeitig<br />

vor dem „Rien ne va plus“ setzen<br />

konnte. Theoretisch hatten sie das Casino<br />

geschlagen, in der Praxis aber versagte<br />

ständig die Hardware.<br />

Farmers Ehrgeiz wurde <strong>durch</strong> die<br />

Niederlage erst richtig angestachelt. Auf<br />

die Idee mit der Prediction Company kamen<br />

sie schließlich, weil sie bei Präsentationen<br />

ihrer Arbeiten immer häufiger<br />

gefragt wurden, ob sie ihre Erkenntnisse<br />

aus der Chaosforschung schon mal auf<br />

die Finanzmärkte angewandt hätten.<br />

„Die Kursbewegungen an den Märkten<br />

galten als nicht vorhersehbar. Wir dachten:<br />

Mal gucken, ob es doch geht“, erzählt<br />

Farmer. Damals war die Effizienzmarkthypothese<br />

von Eugene Fama sehr<br />

populär. „Ihn zu widerlegen, das war Teil<br />

der Herausforderung.“<br />

Obwohl sie über keine Erfahrung an<br />

den Finanzmärkten verfügten, fanden sie<br />

mit der Tradingfirma O’Connor & Associates<br />

relativ schnell einen Partner für ihr<br />

Unterfangen: „Unser Roulettesystem war<br />

ein großartiger Türöffner an der Wall<br />

Street, weil Börsenhändler eine hohe Affinität<br />

zu Kasinos haben“, sagt Farmer<br />

lächelnd. Das automatisierte Handelssystem,<br />

das Farmer und Packard dann<br />

gemeinsam mit ehemaligen Studenten<br />

und Doktoranden entwickelten, erwies<br />

sich schnell als ziemlich erfolgreich. „In<br />

den acht Jahren, die ich in unserem Unternehmen<br />

gearbeitet habe, habe ich jedes<br />

Jahr das 20-Fache meines Professorengehalts<br />

verdient“, sagt Farmer. Später<br />

verkauften sie die Prediction Company<br />

an die Schweizer Großbank UBS zu einem<br />

„recht ordentlichen Preis“, wie Farmer<br />

zufrieden anmerkt.<br />

Seine Laune ändert sich schlagartig,<br />

wenn man ihn als Erfinder oder Urvater<br />

des Hochfrequenzhandels bezeichnet.<br />

Das hört er nicht gern. Er unterscheidet<br />

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KAPITAL<br />

Report<br />

strikt zwischen HFT und dem, was sie<br />

gemacht haben: „Bei HFT geht es nur<br />

um Geschwindigkeit, bei uns ging es<br />

um Intelligenz“, betont Farmer. Die Algorithmen,<br />

die beim Hochfrequenzhandel<br />

verwendet werden, bezeichnet er als<br />

dumm. „Sie müssen sehr kurz sein, damit<br />

der Rechner keine Zeit verliert, wenn<br />

er innerhalb von Millisekunden auf ein<br />

Ereignis reagieren soll.“ Darin besteht<br />

auch eine Gefahr, weil die Programmierer<br />

keine Sicherheitsmechanismen einbauen<br />

können. „Da<strong>durch</strong> hat die Ausweitung<br />

des Hochfrequenzhandels zu<br />

einer Destabilisierung der Märkte geführt“,<br />

sagt Farmer.<br />

BEISPIELE DAFÜR GAB es in den vergangenen<br />

Jahren genug. 2013 erschütterten<br />

innerhalb von nur einer Woche drei Technikpannen<br />

das Vertrauen in die Märkte.<br />

Am 20. August versagte zunächst das automatische<br />

Handelssystem der amerikanischen<br />

Investmentbank Goldman Sachs.<br />

17 Minuten lang kauften die Computer<br />

in riesigen Mengen Aktienoptionen in<br />

New York, die die Investmentbank gar<br />

nicht haben wollte. Fehlerbedingt versandte<br />

das Programm Kaufaufträge für<br />

Titel, beginnend mit den Buchstaben H<br />

bis L, darunter US-Großkonzerne wie<br />

Kellogg, Johnson & Johnson oder JP<br />

Morgan Chase. Die betroffenen Börsen<br />

legten Nachtschichten ein, um festzustellen,<br />

welche der Aufträge schließlich ausgeführt<br />

oder storniert werden mussten.<br />

Die Bank erklärte lapidar, dass ihr nur<br />

ein leichter Verlust entstanden sei – immerhin<br />

in Höhe von mehr als 100 Millionen<br />

Dollar, wie sich später herausstellte.<br />

Nur zwei Tage später stand der Handel<br />

an der US-Technologiebörse Nasdaq drei<br />

Stunden lang still. Trader sprachen von<br />

einem Desaster, selbst Präsident Barack<br />

Obama ließ sich über den Systemausfall<br />

informieren. Am 26. August musste dann<br />

die Derivatebörse Eurex in Stuttgart wegen<br />

eines Systemfehlers den Handel zeitweise<br />

stoppen.<br />

Ein Jahr vorher wurde Knight Capital,<br />

einer der größten Hochfrequenzhändler<br />

der Welt, Opfer seiner eigenen<br />

Algorithmen. Ähnlich wie Goldman<br />

Sachs platzierte Knight 45 Minuten lang<br />

ungewollt große Orders. Am Ende summierten<br />

sich die Verluste auf 440 Millionen<br />

Dollar, und Knight musste sich<br />

Beim<br />

Flash‐Crash<br />

2010 sank der<br />

Dow‐Jones<br />

innerhalb<br />

weniger Minuten<br />

um rund<br />

1000 Punkte<br />

vom Konkurrenten Getco schlucken lassen.<br />

Eine der schlimmsten Technikpannen<br />

ging unter dem Namen Flash-Crash<br />

in die Börsengeschichte ein: Am 6. Mai<br />

2010 brach der Dow-Jones-Index an<br />

der New Yorker Börse innerhalb weniger<br />

Minuten um rund 1000 Punkte ein.<br />

Die ausgefeilten Computerprogramme<br />

sogenannter Hochfrequenzhändler hatten<br />

eine verhängnisvolle Kettenreaktion<br />

ausgelöst.<br />

Der Buchautor Michael Lewis geht<br />

mit seiner Kritik sogar noch weiter. Er<br />

wirft den Hochfrequenzhändlern vor, die<br />

Märkte gezielt zu manipulieren. Mary<br />

Jo White, die Vorsitzende der amerikanischen<br />

Börsenaufsicht SEC, hat bereits<br />

angekündigt, dass sich Hochfrequenzhändler<br />

in Zukunft bei der SEC registrieren<br />

müssen. Wesentlich entschiedener<br />

will der New Yorker Generalstaatsanwalt<br />

Eric Schneiderman gegen die Turbohändler<br />

vorgehen, denen er unfaire<br />

Geschäftspraktiken unterstellt. Er hat<br />

schon im April Vorladungen an mindestens<br />

sechs Handelshäuser geschickt.<br />

Schneiderman will herausfinden, ob die<br />

Händler geheime Vereinbarungen mit<br />

Börsen oder Handelsplattformen eingegangen<br />

sind, die ihnen profitable Zeitvorteile<br />

einräumen. Auch die Bundespolizei<br />

FBI hat wegen des Verdachts auf Insiderhandel<br />

mit breitangelegten Ermittlungen<br />

gegen Hochfrequenzhändler begonnen.<br />

Das FBI will klären, ob die schnellen<br />

Computerhändler auf illegale Weise Informationen<br />

verwenden, die nicht allen<br />

Marktakteuren zur Verfügung stehen.<br />

Doyne Farmer schaut sich die Diskussion<br />

mit einer Mischung aus Belustigung<br />

und Überheblichkeit an: „Wenn die<br />

Politik den Hochfrequenzhandel wirklich<br />

abschaffen will, muss sie nur die Regeln<br />

ändern.“ Farmer schlägt vor, den Handel<br />

zu entschleunigen. Ein Handel in Millioder<br />

demnächst Mikro- oder Nanosekundentakt<br />

und das Abhandeln der Aufträge<br />

in der Reihenfolge der Eingänge, schaffe<br />

falsche Anreize. Es reiche völlig aus, einmal<br />

in der Sekunde einen Kurs zu erstellen<br />

und die innerhalb dieser Sekunde<br />

eingegangenen Aufträge alle gleich zu<br />

behandeln und die zur Verfügung stehenden<br />

Wertpapiere nach Quoten zu verteilen.<br />

„Wenn man das einführt, bricht das<br />

gesamte Geschäftsmodell des Hochfrequenzhandels<br />

zusammen.“<br />

Eine Art Politikberatung möchte<br />

er auch mit seinem neuesten Projekt in<br />

Oxford vorantreiben. Es heißt Crisis und<br />

wird mit 3,3 Millionen Euro von der EU<br />

gefördert. Mit seinen Studenten versucht<br />

Farmer dabei ein neues ökonomisches<br />

Modell zu entwickeln: „Wir nehemen<br />

die Schlüsselelemente jeder Volkswirtschaft<br />

– Haushalte, Banken, Unternehmen<br />

und die Regierung – und lassen sie<br />

in all ihrer Komplexität interagieren.“<br />

Wenn es funktioniert, soll ein Modell entstehen,<br />

mit dem man die Konsequenzen<br />

von neuen Gesetzen, die Folgen einer bestimmten<br />

Geldpolitik einer Zentralbank<br />

oder die Ursache der Finanzkrise prognostizieren<br />

kann.<br />

Ließen sich mit so einem Modell<br />

nicht auch Geld verdienen und Investmentstrategien<br />

entwickeln? „Bestimmt,<br />

aber wissen Sie, ich habe genug verdient<br />

in meinem Leben, um jetzt das zu machen,<br />

was mich wirklich interessiert.“<br />

TIL KNIPPER leitet das Ressort<br />

Kapital bei <strong>Cicero</strong>. Flash-Crashs<br />

rauben ihm nicht den Schlaf,<br />

weil er noch nie in seinem<br />

Leben eine Aktie besessen hat<br />

Foto: Privat<br />

96<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


STIL<br />

„ In Deutschland gibt es<br />

diese Angst vor allem,<br />

was vermeintlich zu<br />

schön ist. Oft setzen<br />

wir Schönheit gleich<br />

mit Oberflächlichkeit “<br />

Christiane Arp, Chefredakteurin des Modemagazins Vogue, in der Rubrik<br />

„Warum ich trage, was ich trage“, Seite 106<br />

97<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


STIL<br />

Porträt<br />

MODE MIT GEWISSEN<br />

Die Zwillinge Anja und Sandra Umann machen mit ihrem Label Umasan vegane High<br />

Fashion. Statt apologetischer Öko-Tristesse gelingt ihnen glamouröse Lässigkeit<br />

Von SARAH-MARIA DECKERT<br />

Foto: Johann Sebastian Hänel für <strong>Cicero</strong><br />

Aus einem silbrig-blauen Tetrapack<br />

befüllt Sandra Umann ein<br />

Glas mit gekühltem Kokoswasser,<br />

während der Asphalt draußen unter der<br />

heißen Pfingstsonne zu schmelzen droht.<br />

Sie stellt es auf einen Tisch in der Mitte<br />

ihres Showrooms am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz,<br />

drum herum säumt die<br />

letzte Kollektion die Kleiderstangen, akkurat<br />

Bügel an Bügel. Das Telefon hat sie<br />

zur Seite gelegt, ihre Schwester lässt sich<br />

entschuldigen. Die Fashion Week steht<br />

vor der Tür.<br />

Sandra Umann, 36, stets in Schwarz,<br />

von zierlich-androgyner Gestalt, das<br />

kurze blonde Haar nach hinten gelegt<br />

und an einer Seite ausrasiert, ist eine<br />

Hälfte des Design-Duos Umasan. Gemeinsam<br />

mit ihrer 30 Minuten älteren<br />

Zwillingsschwester Anja gründete sie<br />

2010 das weltweit erste vegane Modelabel<br />

für den internationalen High-End-Bereich,<br />

so bewirbt es die Homepage. „Vegan<br />

nachhaltig“, betont Sandra Umann,<br />

„da besteht ein Unterschied.“ Wenn sie<br />

spricht, dann nicht lauter, als sie muss.<br />

Der Unterschied besteht in der Konsequenz.<br />

Moderiesen wie H&M und Topshop<br />

bekommen Lob für ihre Arbeit mit<br />

ökologisch nachhaltiger Baumwolle, produziert<br />

wird jedoch in Asien. Vivienne<br />

Westwood verzichtet seit 2007 auf Pelz,<br />

kann aber nicht vom Leder lassen. Und<br />

Tierschützerin und Vegetarierin Stella<br />

McCartney ist bekannt für ihre Mode,<br />

„die nicht blutet“, Wolle und Kaschmir<br />

schmiegen sich aber immer noch in ihre<br />

Entwürfe.<br />

Für Anja und Sandra Umann gut<br />

gemeint, aber eben nicht konsequent zu<br />

Ende gedacht. Sie wollen mit ihrer veganen<br />

Mode ein nachhaltiges Produkt im<br />

ganzheitlichen Sinne schaffen. So verwenden<br />

sie für Umasan Fasern aus Sojaseide,<br />

Bambus, Modal und Tencel, die<br />

ausschließlich aus Europa bezogen werden.<br />

Geschneidert wird in Betrieben in<br />

Chemnitz und Bayreuth. Gerade tüfteln<br />

die Schwestern mit ihren Zulieferern an<br />

einem adäquaten Lederersatz aus recyceltem<br />

Polyester und Eukalyptusholz.<br />

Auch wenn sie die Optik hier noch nicht<br />

restlos zufriedenstellt, stimmt zumindest<br />

schon mal die CO 2<br />

-Bilanz.<br />

DIE EINEIIGEN ZWILLINGE leben den<br />

Unterschied. Seit ihrem 16. Lebensjahr<br />

leben sie vegetarisch, seit acht Jahren<br />

vegan. Dass ihr alternativer Lebensentwurf<br />

nicht auf Verzicht basiert, wollen<br />

sie auch mit ihrer Mode zeigen. „Es geht<br />

nicht darum, schlechtere Alternativen<br />

zu schaffen“, sagt Sandra Umann, „sondern<br />

bessere.“ Über kurz oder lang habe<br />

auch die Modeindustrie mit abnehmenden<br />

Ressourcen zu kämpfen. Nachhaltigkeit<br />

und große Stückzahlen schlössen<br />

sich deshalb nicht aus. Die Nachfrage<br />

bestätigt den Trend: Gerade haben sie<br />

die zweite Filiale im neuen Bikinihaus<br />

im Berliner Westen eröffnet. Auf den<br />

großen Schauen in Berlin, Paris, Mailand<br />

und New York sind sie mit zwei<br />

Kollektionen im Jahr vertreten, und<br />

Teile daraus werden von Los Angeles<br />

bis Russland verkauft.<br />

Die weiten, teils asymmetrischen<br />

Schnitte und fließenden Stoffe, die sich<br />

<strong>durch</strong> Schnürungen und Knöpfe je nach<br />

Belieben in Form drapieren lassen, wirken<br />

seltsam körperfern. „Unsere Mode<br />

betont den Körper auch nicht im herkömmlichen<br />

Sinne“, sagt Sandra Umann,<br />

„sondern die Silhouette. Das schafft man<br />

nicht, indem man den Körper einzwängt,<br />

sondern indem man ihm Raum gibt.“ Ein<br />

Ergebnis der japanischen Schnittführung,<br />

die sich an der Kampfsportbekleidung<br />

orientiert und vor allem auf Beweglichkeit<br />

ausgerichtet ist – eine Lässigkeit,<br />

die glamourös wirkt. Gelernt hat Anja<br />

Umann das bei Yohji Yamamoto. Zwei<br />

Jahre arbeitete die studierte Modedesignerin<br />

für den japanischen Stardesigner<br />

in Paris und Tokio. Sein stilistischer<br />

Einfluss ist heute noch präsent,<br />

auch was die klar reduzierte Farbkomposition<br />

angeht, die sich bei Umasan<br />

überwiegend auf monochromes Schwarz,<br />

Weiß und Grau konzentriert.<br />

Es sei auch das puristische Design,<br />

über das sie ihre Kunden in erster Linie<br />

ansprechen wollen, sagt Sandra Umann,<br />

die früher als Modefotografin arbeitete<br />

und heute das Marketing und den Vertrieb<br />

des Labels verantwortet. Den veganen<br />

Aspekt wollen sie nicht offensiv propagieren,<br />

zumal sie deshalb häufig mit<br />

Vorurteilen zu kämpfen haben. Veganismus<br />

gilt als das neue Heilsversprechen<br />

der Konsumgesellschaft, aber eben auch<br />

als Inbegriff eines Lebens voller Verbote<br />

und Selbstkasteiung.<br />

Qualitativ hochwertige, massenkompatible<br />

Mode, die unabhängig von<br />

Zeit und Trends funktioniert und sich<br />

weniger dem Körper als vielmehr dem<br />

Lebensentwurf anpasst. Anfangs glaubten<br />

Anja und Sandra Umann nicht, dass<br />

ihr Konzept in die schnelllebige Modewelt<br />

passe. Die scheuen Schwestern halten<br />

sich auch heute noch im Hintergrund.<br />

Events, Veranstaltungen, Socializing –<br />

Spaß mache ihnen das nicht wirklich.<br />

„Wir sind nicht sehr sozial“, sagt Sandra<br />

Umann angenehm ungerührt, „das ist<br />

dieses Zwillingsding.“ Auf Events seien<br />

sie immer die Letzten, die kommen, und<br />

die Ersten, die gehen. Ihre Mode aber,<br />

die bleibt.<br />

SARAH-MARIA DECKERT schreibt als freie<br />

Autorin für <strong>Cicero</strong> und fragt sich jetzt, wie<br />

sich Frutarier kleiden<br />

99<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


STIL<br />

Verkostung<br />

100<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Das Feuer, das Fleisch,<br />

der Wein. Drei Farben<br />

Rot im Grünen.<br />

Der Grillsommer ist<br />

da. Unser Autor hat<br />

fünf Entrecôtes auf den<br />

Rost gelegt<br />

Von JULIUS GRÜTZKE mit<br />

Weinempfehlungen von BILLY WAGNER<br />

Das rote Fleisch schimmert in den<br />

gläsernen Kühlkammern von<br />

Metzgereien und Restaurants,<br />

die sich auf Steaks spezialisiert haben.<br />

Und der Ingelheimer Grillhersteller Weber<br />

zeigt seine Produkte in seinem Flagshipstore<br />

in Berlin-Mitte, in dem die<br />

polierten Grills arrangiert sind wie die<br />

Autos in einem Showroom von Ferrari.<br />

Nebenan werden Grill-Lehrgänge angeboten,<br />

die auf Wochen ausgebucht sind.<br />

Mein Haus, mein Auto, mein Garten,<br />

mein Grill. Mein Steak.<br />

Das Steak ist Statussymbol. Und die<br />

neuen Liebhaber des Fleisches und seine<br />

Verächter haben sogar etwas gemeinsam:<br />

Sie sind dagegen, dass Rinder fit gespritzt<br />

und in stickige Ställe eingepfercht werden.<br />

Gespräche in Fachhandel und Gaststätten<br />

drehen sich um Aufzucht und Lebensbedingungen<br />

der Rinder. Steakgenießer<br />

essen am liebsten Kühe, die das Leben<br />

genießen durften. Wie das Vieh lebt, so<br />

schmeckt es auch.<br />

Der Genießer zahlt hohe Preise, aus<br />

einem einfachen Steak wird ein Luxusgut.<br />

Im Alltag isst er dann sogar eher mal nur<br />

Gemüse, da er sich Fleischgenuss in dieser<br />

Qualität nicht immer gönnen muss – ganz<br />

im Sinne von Ernährungswissenschaftlern,<br />

die zur Reduzierung der Fleischrationen<br />

aufrufen. Wenn schon Fleisch,<br />

dann richtig.<br />

Das Rindersteak ist von jeher das<br />

Kostbarste unter den bodenständigen<br />

Lebensmitteln. Lange hatte es trotzdem<br />

den Ruf einer Bauarbeiterspeise: Weil es<br />

so mächtig ist und weil man es als Koch<br />

101<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


STIL<br />

Verkostung<br />

eigentlich gar nicht mehr verfeinern<br />

kann. Es wird nicht mariniert oder paniert,<br />

sondern nur der Hitze von Grill<br />

oder Pfanne ausgesetzt und dann ohne<br />

viel Beiwerk verspeist.<br />

Diese Schlichtheit kann aber auch<br />

ein Grund für die Renaissance des Steaks<br />

sein. Es ist ein ehrliches Lebensmittel.<br />

Die Schummeleien, mit denen die Nahrungsmittelindustrie<br />

minderwertige Zutaten<br />

aufpeppt, haben keinen Sinn bei<br />

einem Steak, das nicht mehr braucht als<br />

Salz und Pfeffer, um zu gefallen. Dies bedeutet<br />

auch: Ob ein Steak schmeckt, entscheidet<br />

sich vor allem daran, ob man gut<br />

eingekauft hat.<br />

Die Auswahl des richtigen Steaks ist<br />

interessanter geworden, seit sich das Angebot<br />

<strong>durch</strong> neue Verfahren der Züchtung<br />

und der Reifung vergrößert hat. Auf<br />

Märkten und in Feinkostläden, vor allem<br />

aber auch in spezialisierten Versandhandlungen<br />

ist eine Vielfalt an Variationen<br />

zu beobachten. Rasse und Herkunft<br />

der Rinder sind wichtig, aber zuerst fallen<br />

die unterschiedlichen Zuschnitte der<br />

Fleischstücke auf. Amerikaner und Europäer<br />

zerlegen die Rinder auf jeweils andere<br />

Art, wobei vor allem die Amerikaner<br />

mit ihren riesigen Porterhouses und<br />

Rib-Eyes Eindruck machen. Hierzulande<br />

ist das französische Entrecôte der Standard<br />

der Genießer, Muskelfleisch, das<br />

direkt am Rückgrat liegt und zwischen<br />

den Rippen herausgeschnitten wird. Das<br />

Entrecôte ist wie das Rib-Eye von geschmacksförderndem<br />

Fett <strong>durch</strong>zogen.<br />

Weniger leicht zu verdauen sind die<br />

enormen Preisunterschiede. Manches<br />

lässt sich mit neuartigen und langwierigen<br />

Arten der Reifung erklären. Das in<br />

Mode gekommene Dry Aging entzieht<br />

dem Fleisch Wasser und Gewicht, was<br />

den Geschmack intensiviert, den Ertrag<br />

des Metzgers hingegen senkt. Ein anderer<br />

Fall sind die teuren Wagyu-Rinder,<br />

deren Aufzucht so viel kostet, dass ihr<br />

Fleisch zum vielfachen Preis anderer Premiumprodukte<br />

verkauft wird. Ob die Geschmackserlebnisse<br />

solche Preise rechtfertigen,<br />

lässt sich nur <strong>durch</strong> Probieren<br />

klären. Wer hohe Kosten scheut, kann<br />

sich notfalls mit einem alten Steakhousetrick<br />

behelfen, um bei einem Grillabend<br />

mit günstigerem Fleisch Erfolge zu erzielen:<br />

scharfe Messer lassen auch Zähes<br />

zarter erscheinen.<br />

BLACK PREMIUM<br />

Entrecôte aus IRLAND,<br />

Rewe, 200 Gramm für<br />

7 Euro, dazu ein gekühlter<br />

L’INCORRUPTIBLE der<br />

Domaine Sérol für 11,60 Euro<br />

—<br />

Wen schon das Gefühl, endlich<br />

mal wieder ein ordentliches<br />

Stück Rindfleisch zu essen,<br />

glücklich macht, greift<br />

vielleicht zum erstbesten<br />

Angebot, das im Supermarkt zu<br />

finden ist. Dieses Entrecôte aus<br />

irischer Haltung genügt<br />

zumindest dem Anspruch, dem<br />

Fleischentwöhnten die<br />

grundlegenden Eigenschaften<br />

eines Steaks zu vermitteln. Es<br />

fordert Zähnen und Kaumuskeln<br />

einiges ab und hat einen<br />

kräftigen Geschmack, der ein<br />

wenig in Richtung Leber geht,<br />

was bei gut abgehangenem<br />

Fleisch passieren kann und<br />

doch etwas stört. Man kann<br />

nichts falsch machen, wenn<br />

man dieses Steak auf den Grill<br />

legt, und doch: Sich auf Steaks<br />

dieser Qualität zu beschränken,<br />

verschließt den Blick auf eine<br />

Welt voller Möglichkeiten. Um<br />

wenigstens mit dem begleitenden<br />

Wein den Horizont zu<br />

erweitern, empfiehlt Sommelier<br />

Billy Wagner einen kühlen<br />

Rotwein: L’Incorruptible der<br />

Domaine Sérol an der Côte<br />

Roannaise. Dieses französische<br />

Meisterstück wird von einem<br />

wunderbaren Mundgefühl<br />

getragen.<br />

DRY AGED Entrecôte aus<br />

IRLAND, Rewe, 500 Gramm<br />

für 20 Euro, dazu ein<br />

AMARSI INDIA PALE ALE,<br />

für 1,99 Euro<br />

—<br />

Dry Aging ist eine Reifungstechnik<br />

für Rindfleisch, die<br />

schon seit Jahrhunderten<br />

praktiziert wird. Das Fleisch<br />

wird lange abgehangen, dabei<br />

aber nicht vakuumversiegelt,<br />

wie das üblich ist, seit man<br />

die Möglichkeiten dazu hat.<br />

Durch die trockene Lagerung<br />

geht nicht nur Flüssigkeit (und<br />

Gewicht) verloren, sondern der<br />

Sauerstoff setzt auch Aromen<br />

frei, die beim Wet Aging nicht<br />

zum Zuge kommen. In Amerika<br />

ist diese in modernen<br />

Kühlkammern perfektionierte<br />

Reifung schon länger in Mode,<br />

und auch in Deutschland ist<br />

der Dry-Aged-Trend inzwischen<br />

im Mainstream angekommen,<br />

wie dieses abgepackt im<br />

Supermarkt erhältliche Steak<br />

beweist. Preislich verspricht es<br />

ein außergewöhnliches<br />

Grillerlebnis. Dieses Versprechen<br />

löst es allerdings nur<br />

halb ein. Tatsächlich ist das<br />

Steak wunderbar zart mit<br />

einem butterigen Geschmack.<br />

Doch als Stück vom Rind bleibt<br />

es seltsam unspezifisch und<br />

hinterlässt keinen bleibenden<br />

Eindruck. Dazu reicht Billy<br />

Wagner ein Bier: Das Amarsi<br />

India Pale Ale wird in Deutschland<br />

gebraut und verbindet<br />

beste Doldenhopfenqualität<br />

mit schmelziger Malzigkeit.<br />

Illustrationen: Martin Haake (Seiten 100 bis 103)<br />

102<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


DEUTSCHES DRY<br />

AGED Entrecôte, KaDeWe,<br />

480 Gramm für 17 Euro, dazu<br />

einen BLAUFRÄNKISCHEN<br />

von Uwe Schiefer für<br />

9,80 Euro<br />

—<br />

Aus der Feinkostabteilung<br />

kommt dieses Entrecôte, das<br />

man <strong>durch</strong>aus als ein<br />

Vorzeigeprodukt des deutschen<br />

Metzgerhandwerks bezeichnen<br />

kann. Es ist noch ein Stück<br />

vom Knochen am dicken Steak,<br />

das wunderbar gemasert ist<br />

und bereits im Rohzustand<br />

sehr appetitlich wirkt. Die<br />

Sorge, dieses Meisterstück auf<br />

dem Grill zu ruinieren, ist<br />

unbegründet: Hier kann man<br />

wenig falsch machen, selbst<br />

medium-well bleibt es saftig.<br />

Es hat eine sehr zarte Struktur.<br />

Dabei lässt aber auch der<br />

intensive Geschmack nichts zu<br />

wünschen übrig. Dass jeder<br />

Bissen wie der andere wirkt:<br />

Nur dies könnte man ihm<br />

vorwerfen. Wer erwartet,<br />

direkt am Knochen noch<br />

besondere Geschmacksnoten<br />

zu erleben, wird enttäuscht.<br />

Was bleibt, ist der Eindruck<br />

einer gleichmäßigen Qualität.<br />

Zu diesem deutschen Vorzeigeprodukt<br />

passt ein Blaufränkischer<br />

von Uwe Schiefer aus<br />

dem Südburgenland in<br />

Österreich, der auf steinigen<br />

Böden gewachsen und im<br />

großen, alten Holzfass gereift<br />

ist. Ein kräftiger und klarer<br />

Wein ohne Make-up.<br />

WAGYU Entrecôte aus<br />

Australien, „Fleischhandlung“,<br />

350 Gramm für 48 Euro, dazu<br />

ein BOURGUEIL DERNIER<br />

CRI für 9,99 Euro<br />

—<br />

Wagyu ist vielen als Kobe-Beef<br />

bekannt: Es kursieren Gerüchte<br />

über Massagen der Tiere mit<br />

Sake und Fütterungen mit Bier,<br />

die zum außergewöhnlichen<br />

Geschmack beitragen sollen.<br />

Tatsächlich sind es vor allem<br />

die genetischen Eigenschaften<br />

dieser besonderen Rasse, die<br />

das Fleisch zu einem Erlebnis<br />

machen. Seit die Wagyu-Rinder<br />

in Australien, Amerika und<br />

neuerdings Deutschland<br />

gezüchtet werden, ließe sich<br />

das einfacher nachprüfen.<br />

Fleisch vom Wagyu besitzt eine<br />

sehr feine Fettmaserung. Beim<br />

Grillen verbinden sich Fett und<br />

Muskelmasse zu einer Einheit,<br />

woraus ein einzigartiger<br />

Geschmack resultiert. Das hat<br />

seinen Preis. Wagyu-Fleisch<br />

kostet etwa viermal so viel wie<br />

erstklassige Stücke von anderen<br />

Rassen. Das Entrecôte vom<br />

australischen Wagyu, das wir<br />

auf dem Grill hatten, wurde<br />

dem hohen Preis gerecht: ein<br />

butterweiches und saftiges<br />

Fleisch, das wie eine kostbare<br />

Praline anmutet. Ein wenig süß<br />

und doch herzhaft, erinnert es<br />

an Gänsestopfleber. Wenn das<br />

Budget mit dieser Spezialität<br />

erschöpft ist, kann man von<br />

einem teuren Bordeaux auf<br />

einen Bourgueil Dernier Cri der<br />

Domaine de la Chevalerie an<br />

der Loire ausweichen. Dieser<br />

authentische Cabernet Franc<br />

schmeckt so, wie Bordeaux<br />

schmecken sollte.<br />

TXOGITXU Entrecôte am<br />

Knochen, „Vom Einfachen das<br />

Gute“, 420 Gramm für 21 Euro,<br />

dazu den SP68 der Azienda<br />

Agricola für 16,80 Euro<br />

—<br />

Txogitxu ist keine Rinderrasse,<br />

sondern der Name einer<br />

baskischen Fleischerei, die sich<br />

darauf spezialisiert hat, alte<br />

und fette Kühe zu verarbeiten,<br />

die von den Metzgern anderer<br />

Länder links liegen gelassen<br />

werden. Was sich zunächst<br />

nach ungalanter Resteverwertung<br />

anhört, ist tatsächlich<br />

eine Offenbarung. Das Fleisch<br />

der zehn bis 18 Jahre alten<br />

Tiere hat einen ausgeprägten<br />

Geschmack entwickelt.<br />

Besonders der gelbliche<br />

Fettrand, der an der Fleischtheke<br />

eher ominös wirkt, setzt<br />

beim Grillen komplexe Aromen<br />

frei. Das mächtige Stück<br />

Fleisch ist saftig und wunderbar<br />

mürbe, fast wie ein Stück<br />

Wild. Das lange Leben der Kuh<br />

hat sich im Aroma niedergeschlagen<br />

– man glaubt, die<br />

Weide zu schmecken. Je näher<br />

man dem Knochen kommt,<br />

desto intensiver wird dieser<br />

Eindruck. Als Begleitung bietet<br />

sich der leichte und lebendige<br />

Rotwein SP68 von der Azienda<br />

Agricola Arianna Occhipinti<br />

aus Sizilien an. Kühl getrunken,<br />

drängt er sich nicht vor.<br />

JULIUS GRÜTZKE schreibt gerne<br />

über Kulinarisches und grillt mit Kohle.<br />

BILLY WAGNER ist preisgekrönter<br />

Sommelier und eröffnet demnächst ein<br />

Restaurant in Berlin<br />

103<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


STIL<br />

Typologie<br />

Irgendwie niedlich, wie sie da auf<br />

dem Hof steht zwischen all den getunten<br />

Harleys. Neben so einem<br />

verchromten Bikertraum mit extrabreiten<br />

Hinterreifen wirkt das knallgelbe<br />

Elektromotorrad beinahe spielzeughaft.<br />

Und dann noch der Name!<br />

Die Gefährte aus dem Hause Harley-<br />

Davidson heißen ganz großspurig<br />

„Fat Boy“, „Road King“ oder „Electra<br />

Glide“. Sie hier dagegen nennt sich<br />

schlicht „S“, ein Modell des amerikanischen<br />

Herstellers Zero. Das ist<br />

natürlich reines Understatement,<br />

denn diese Null bezieht sich einzig<br />

und allein auf die Abgaswerte; was<br />

die Leistung angeht, sollte man eher<br />

mit dem Gegenteil rechnen. Sagt zumindest<br />

der Händler, bevor er einen<br />

zur Probefahrt auf dem zierlichen<br />

Zweirad entlässt: „Passen Sie bloß<br />

auf! Und unterschätzen Sie nicht die<br />

Beschleunigung!“<br />

Was das Motorradfahren angeht,<br />

bin ich zugegebenermaßen Nostalgiker.<br />

Meine eigene Maschine ist eine<br />

russische Ural mit 650 Kubikzentimetern,<br />

die zwar erst 25 Jahre alt<br />

ist, aber mit ihrem Boxermotor und<br />

den Speichenrädern überdeutlich an<br />

eine antike BMW erinnert. Um dieses<br />

Ungetüm, das vom Vorbesitzer<br />

„Olga“ getauft wurde, überhaupt anzubekommen,<br />

braucht es einiges Geschick,<br />

viel Geduld – und eine gut<br />

trainierte Oberschenkelmuskulatur<br />

für den störrischen Kickstarter.<br />

Wenn die Olga dann aber erst<br />

mal läuft, spricht sie zu einem mit<br />

dem finster-verwegenen Grummeln<br />

spätsowjetischer Antriebstechnik.<br />

Was schon deshalb gut ist, weil der<br />

Motor das Klappern, Röcheln und<br />

Scheppern sämtlicher anderer Ural-<br />

Bauteile locker überdröhnt.<br />

Die Zero S ist nicht nur äußerlich<br />

ein konsequenter Gegenentwurf<br />

zu benzinfressenden Schwergewichten<br />

wie der Ural. Sie ist vor allem<br />

kinderleicht zu bedienen: draufsetzen,<br />

Zündschlüssel umdrehen, losfahren.<br />

Kein Schalten, kein Kuppeln,<br />

nur Gas geben. Oder besser gesagt:<br />

Strom geben. Und das ist dann wirklich<br />

ein gewöhnungsbedürftiges Erlebnis.<br />

Zumindest für jemanden, der<br />

bisher nur blecherne Heavyweights<br />

VOM STILLEN<br />

SIEGEN<br />

Von ALEXANDER MARGUIER<br />

Gib Strom! Ein Nostalgiker testet,<br />

ob ihm ein Elektromotorrad die<br />

gleiche Genugtuung verschafft wie<br />

seine alte Ural mit Boxermotor<br />

104<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Fotos: Antje Berghäuser für <strong>Cicero</strong><br />

wie meinen russischen Traktor auf zwei<br />

Rädern gewohnt war. Die Zero S dagegen<br />

sprintet aus dem Stand los wie eine<br />

aufgescheuchte Gazelle. In weniger als<br />

fünf Sekunden ist dieses Ding von null<br />

auf hundert – was wohl noch erträglich<br />

wäre, wenn solche Beschleunigungsfahrten<br />

wenigstens vom ehrfurchtgebietenden<br />

Aufheulen des Motors akustisch untermalt<br />

würden. Doch stattdessen: Stille.<br />

Allenfalls ein mildes Surren ist zu hören,<br />

als der digitale Tacho schon nach<br />

den ersten paar Metern die Zahl 80 anzeigt.<br />

Ich bin noch keine zehn Minuten<br />

unterwegs, da hat zum ersten Mal eine<br />

Radarfalle geblitzt.<br />

Im Grunde seines Herzens ist jeder<br />

Motorradfahrer davon überzeugt,<br />

er würde etwas Verwegenes tun. Nicht<br />

umsonst heißt es im Englischen „to ride<br />

a bike“: Ein Motorrad wird geritten, im<br />

Auto fährt man bloß herum. Die Verwegenheit<br />

benzingetriebener Ausritte findet<br />

ihren Widerhall natürlich im Klang:<br />

sanftes Schnurren auf langer Strecke,<br />

angriffsbereites Geblubber während<br />

des Wartens an der Ampel, danach das<br />

Kriegsgeschrei der Kubikzentimeter<br />

beim pferdestarken Aufgalopp gegen<br />

chancenlose Sportwagen. Diesem analogen<br />

Schlachtensound setzt die Zero S ihr<br />

nahezu beängstigendes Nichts an Lärm<br />

entgegen – wie eine Kampfdrohne, die<br />

still am Himmel schwebt, um von dort<br />

aus unversehens zuzuschlagen.<br />

Und ja, das stille Zuschlagen macht<br />

Spaß. Folgendes vorab: Motorradfahrer<br />

fühlen sich zwar miteinander verbunden<br />

als Outcasts im Straßenverkehr.<br />

Aber gleichzeitig ist der Konkurrenzgedanke<br />

viel stärker als bei normalen Autofahrern.<br />

Größer, schneller, lauter: Genau<br />

darum geht es an der Kreuzung in<br />

der ersten Reihe, wenn die Ampel auf<br />

Grün schaltet. In puncto Geschwindigkeit<br />

kann ich mit meiner Ural natürlich<br />

nichts ausrichten gegen die Suzukis,<br />

Yamahas, Hondas oder Kawas dieser<br />

Welt. Aber mit ihrem Sound und ihrem<br />

rustikalen Erscheinungsbild fordert sie<br />

selbst Harley-Fahrern Respekt ab. Man<br />

erkennt das immer am Blick: zuerst musternd,<br />

dann aufmunternd.<br />

Mit der Zero S läuft es dagegen<br />

ganz anders ab: Während der Rotphase<br />

gleite ich zwischen den wartenden Autos<br />

zur Poleposition vor, wo bereits<br />

Eine Lederkluft<br />

wäre irgendwie kein<br />

passendes Outfit<br />

für eine Ausfahrt<br />

auf der Zero.<br />

Und zum Heavy-<br />

Metal-Konzert<br />

will man damit<br />

auch nicht<br />

eine großkalibrige Moto Guzzi in Stellung<br />

gebracht ist. Ihr Reiter wirft einen<br />

abschätzigen Blick auf mich herab – als<br />

würde ich mit einem Pony auf die Trabrennbahn<br />

schleichen. Die Guzzi gibt<br />

Standgas, um die Hackordnung zu klären.<br />

Dann schaltet die Ampel auf Grün.<br />

Und die Zero feiert erbarmungslos ihren<br />

stillen Sieg. An der nächsten Ampel<br />

würdigt der abgehängte Guzzi-Fahrer<br />

das gelbe Geschoss dann keines Blickes<br />

mehr. Soll wohl heißen: Dieses Elektroteil<br />

mag zwar schneller sein, aber ein<br />

echtes Motorrad ist es deshalb noch<br />

lange nicht.<br />

E-Bike gegen Motorrad, das ist eben<br />

auch ein bisschen wie MacBook gegen<br />

Reiseschreibmaschine. Es ist eine Frage<br />

der Weltanschauung, mehr noch der Gewohnheiten.<br />

Wer seine schönsten Briefe<br />

auf einer Erika getippt hat, für den bleibt<br />

ein Laptop wahrscheinlich bis zum letzten<br />

Tag ein seelenloser Apparat: schon<br />

praktisch, aber irgendetwas fehlt eben<br />

doch. Das Klappern der Typen, das Farbband,<br />

die Haptik oder einfach nur das<br />

schiere Gewicht.<br />

Mit einem Elektromotorrad in die<br />

Bikerkneipe fahren oder zum Heavy-<br />

Metal-Konzert? Geht eigentlich gar<br />

nicht. Selbst eine Lederkluft wäre irgendwie<br />

das unpassende Outfit für eine<br />

Ausfahrt auf der Zero, von Nieten und<br />

hohen Stiefeln ganz zu schweigen. Nein,<br />

dieses Motorrad ist ein Fortbewegungsmittel<br />

für Anzugträger, die sich nicht<br />

schmutzig machen wollen. Tatsächlich<br />

ist so eine Zero ja eine saubere Sache –<br />

nicht nur ökologisch gesehen, sondern<br />

ganz konkret: kein Öl, kein Benzin,<br />

kein Ruß, kein Dreck. Selbst Werkstattbesuche<br />

sind praktisch nicht mehr<br />

erforderlich.<br />

Ich gebe zu: Nach so einer Testfahrt<br />

fällt es nicht ganz leicht, auf die<br />

Ural zurückzusteigen. Die Olga wirkt<br />

jetzt noch schwerer, noch lauter, noch<br />

behäbiger und ja: noch gestriger. Aber<br />

nach zwei Tagen hat man sich wieder<br />

an sie gewöhnt. Ein bisschen habe ich<br />

sogar ihr Klappern vermisst. Glaube ich<br />

zumindest.<br />

ALEXANDER MARGUIER ist stellvertretender<br />

Chefredakteur von <strong>Cicero</strong>. Sein zweites<br />

Motorrad ist eine MZ aus DDR-Fabrikation<br />

105<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


STIL<br />

Kleiderordnung<br />

WARUM<br />

ich trage,<br />

WAS<br />

ich trage<br />

CHRISTIANE ARP<br />

Jeder glaubt eine Idee davon zu haben,<br />

wie man so aussieht, als Chefredakteurin<br />

der Vogue. Dabei geht<br />

es nicht um mein Gesicht, sondern immer<br />

darum, was ich anhabe. Aber kaum<br />

jemand weiß, was ich trage. Ich möchte<br />

nicht <strong>durch</strong> ein Label erkannt werden,<br />

sondern <strong>durch</strong> meine Haltung. Wir<br />

Frauen müssen erreichen, dass es in erster<br />

Linie um uns als Person geht.<br />

Ich weiß, dass mir Mode Macht verleiht.<br />

Und ich genieße es, entscheiden<br />

zu können, was ich darüber über mich<br />

preisgebe und was nicht. Mein Stil ist<br />

reduziert. Ich kleide mich so, dass ich<br />

mich wohlfühle, weil ich dann authentisch<br />

bin, mit meinen weißblonden Haaren<br />

und wenig Make-up. Es ist nicht so,<br />

dass ich mir nicht mehr Mühe machen<br />

will. Ich gefalle mir einfach so. Sicher gibt<br />

es Termine, vor denen ich Respekt habe.<br />

Dann kleide ich mich mit etwas, das Respekt<br />

und Stärke verleiht, wie ein Panzer<br />

oder eine Rüstung. Wenn man das begreift,<br />

kann Mode etwas Tolles sein, weil<br />

es nicht nur schmückt, sondern schützt.<br />

Meine Arbeit ist mein Spiegel. Zufrieden<br />

bin ich damit nie. Zufriedenheit<br />

ist auch die falsche Beraterin. Manchmal<br />

muss man sich zurückziehen, weil Distanz<br />

viele Dinge klarer macht. Das findet<br />

bei mir im Privaten statt, in einem<br />

kleinen Häuschen in der Provinz. Ich<br />

verlasse die Tanzfläche und nehme auf<br />

der Tribüne Platz. Räumen werde ich<br />

die Tanzfläche erst, wenn ich das Gefühl<br />

habe, dass ich mein bestes Heft gemacht<br />

habe.<br />

Meine Farbe ist Schwarz. Es ist für<br />

mich keine traurige Farbe. Ich komme<br />

aus Norddeutschland, wo die Winter<br />

dunkel und die Tage oft grau sind. Auf<br />

dem Land hat man früher in schwarzer<br />

Christiane Arp, 53, ist seit 2003<br />

Chefredakteurin der deutschen<br />

Ausgabe des internationalen<br />

Modemagazins Vogue<br />

Tracht geheiratet, und für mich war<br />

meine Großmutter auf ihren Hochzeitsbildern<br />

eine wunderschöne Frau. Anfang<br />

der achtziger Jahre kam das Schwarz<br />

dann auf die Laufstege in Paris, mit Japanern<br />

wie Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo.<br />

In einer ihrer legendären Kollektionen<br />

präsentierte Kawakubo über<br />

40 verschiedene Schwarztöne. Das war<br />

anders als alles, was ich in der europäischen<br />

Modewelt gesehen hatte.<br />

In Deutschland gibt es diese Angst<br />

vor allem, was vermeintlich zu schön ist.<br />

Oft setzen wir Schönheit gleich mit Oberflächlichkeit.<br />

Sehr ignorant, wie ich finde.<br />

Viel zu oft wird Schmuck nur als schnöder<br />

Schein bewertet. Ich nehme mir jeden<br />

Tag die Zeit, darüber nachzudenken,<br />

wie ich mir heute am besten gefalle, aus<br />

Respekt den Menschen gegenüber, denen<br />

ich begegne. Und aus Respekt mir gegenüber.<br />

Das ist nicht oberflächlich, sondern<br />

die tägliche Versicherung für mich selbst,<br />

dass es mir gut geht. Denn um diese Frage<br />

geht es doch: Was macht mich wirklich<br />

glücklich? Mode gehört dazu.<br />

Aufgezeichnet von SARAH-MARIA DECKERT<br />

Foto: Markus Pritzi<br />

106<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


SALON<br />

„ Der Raum der<br />

Gegenwart war damals<br />

genauso schwanger an<br />

möglichen Zukünften<br />

wie heute “<br />

Der Historiker Christopher Clark über den vermeidbaren Ausbruch des Ersten Weltkriegs<br />

vor genau hundert Jahren, im Juli 1914, ab Seite 118<br />

107<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


SALON<br />

Porträt<br />

MUSIK NUR, WENN SIE LAUT IST<br />

Die New Yorkerin Mary Halvorson ist die gefragteste Gitarristin des Jazz. Sie gibt ihm<br />

seine Ecken und Kanten zurück. Denn Schönheit muss scharf geschnitten werden<br />

Von TOBIAS LEHMKUHL<br />

Foto: Kai Nedden für <strong>Cicero</strong><br />

Nein, sie möchte lieber keine Namen<br />

nennen. Wie eine gute Politikerin<br />

lässt sich Mary Halvorson<br />

auch auf mehrmaliges Nachfragen<br />

hin nicht zu einer verbindlichen Antwort<br />

verleiten. „Sicher gibt es Musiker,<br />

die ich nicht besonders mag, aber eigentlich,<br />

denke ich, kann man fast allem etwas<br />

abgewinnen. Ich sehe lieber die positiven<br />

Seiten.“ Wie steht es mit den glatten<br />

Virtuosenläufen eines Al Di Meola, können<br />

Sie selbst denen etwas abgewinnen? –<br />

„Ja. Seltsam, dass Sie jetzt Al Di Meola<br />

sagen, den hat vor ein paar Tagen erst jemand<br />

erwähnt. Schon kurios, wie manchmal<br />

die Dinge sich häufen.“<br />

Es mag daran liegen, dass die New<br />

Yorker Gitarristin im Sternzeichen<br />

Waage geboren wurde. So leicht bringt<br />

die 34-Jährige, die sich in ihrer raren<br />

Freizeit gerne mit Astrologie beschäftigt,<br />

nichts aus der Ruhe. Festen Schrittes<br />

läuft sie <strong>durch</strong> Berlin-Kreuzberg, schaut<br />

sich die Graffiti an und liest die Namen<br />

der Lokale: „,Kiezeklein‘. Was soll das<br />

bedeuten?“ Da ist man auch als Muttersprachler<br />

überfragt.<br />

Eine Einladung zum Kaffee hat sie<br />

ausgeschlagen. Mary Halvorson gehört<br />

zu jenen Menschen, die den Eindruck<br />

erwecken, als bedürften sie keiner Nahrung,<br />

als würden sie sich nur in Restaurants<br />

oder Cafés niederlassen, wenn es<br />

aus sozialen Gründen unvermeidlich ist.<br />

Klein und drahtig und in einem schwarzweiß<br />

gestreiften Kleid lässt sie sich lieber<br />

die Gegend zeigen, den Mariannenplatz,<br />

die Oranienstraße. Ein bisschen<br />

wie Brooklyn, sagt sie. Da wohnt sie mit<br />

ihrem Freund, auch er Jazzmusiker.<br />

Die beiden sehen sich allerdings<br />

eher auf der Bühne oder im Studio als<br />

zu Hause, denn Halvorson ist die derzeit<br />

gefragteste Jazzgitarristin. Sie entwerfe<br />

eine „glaubhafte Vision von der<br />

Zukunft der Musik“, urteilte die New<br />

York Times. Ständig ist sie mit einer ihrer<br />

fast unüberschaubar vielen Bands<br />

auf Tournee. Da sind ihre eigenen Trio-,<br />

Quintett- und Septettformationen, mit<br />

denen sie fast klassischen Modern Jazz<br />

spielt, das Trio Crackleknob, das eine<br />

Art kammermusikalischen Free Jazz betreibt,<br />

das Trio mit dem Trompeter Peter<br />

Evans und dem Schlagzeuger Walter<br />

Weasel, dessen Musik die Bezeichnung<br />

Noise vollauf verdient, derart fliegen bei<br />

ihnen die musikalischen Fetzen. Oder<br />

aber das folkartig angehauchte Duo mit<br />

der Bratschistin Jessica Pavone und das<br />

eher an Neuer Musik orientierte Falling<br />

River Music Quartet ihres Mentors Anthony<br />

Braxton, mit dem sie an diesem<br />

Abend in Berlin auftritt.<br />

SIE WUSSTE mit 19 Jahren noch nicht, ob<br />

sie Gitarristin werden sollte oder Biologin,<br />

„aber dann lernte ich Anthony kennen.<br />

Da stand meine Entscheidung fest.“<br />

Tatsächlich hat Braxton mit seinen wirr<br />

vom Kopf abstehenden Haaren etwas<br />

von einem verrückten Professor, einem<br />

schrägen Musikguru. Mit großem Ernst<br />

spielt er absurde Instrumente wie das<br />

haushohe Kontrabasssaxofon, gerne auch<br />

im schnellen Wechsel mit dem winzigen<br />

und immer ein wenig lächerlich wirkenden<br />

Sopranino.<br />

Bei Mary Halvorson gibt es ein solches<br />

Hin und Her der musikalischen<br />

Hardware nicht. Sie spielt eine Guild<br />

Artist Award aus dem Jahr 1970, eine<br />

Gitarre, die fast genauso groß ist wie sie<br />

selbst und sogar ein gutes Stück breiter.<br />

Es war die lauteste Gitarre, die sie finden<br />

konnte. Laut und kraftvoll, das ist<br />

ihr wichtig, denn so ist ihre Musik. Wenn<br />

ihre Erscheinung auch an eine fleißige<br />

Studentin denken lässt: Greift Mary Halvorson<br />

in die Saiten, vergisst man, dass<br />

die Jazzgitarre eigentlich eine Männerdomäne<br />

ist, ja, man vergisst ganz allgemein<br />

so alberne Fragen wie jene nach<br />

dem Geschlecht.<br />

Halvorson kennt keine Kompromisse.<br />

Ihr geht es nicht um Wohlklang. Das Erwartbare<br />

ist ihr ein Graus. Wer hübsche<br />

Melodien sucht, ist bei ihr ganz fehl am<br />

Platz. Halvorsons Spiel ist voller Ecken<br />

und Kanten, überraschender Abzweigungen,<br />

abrupter Brems- und Beschleunigungsmanöver.<br />

Hört man ihre Musik,<br />

meint man, den metallischen Geschmack<br />

der Saiten im Mund zu spüren. Halvorson<br />

weiß, dass Schönheit am besten hervortritt,<br />

wenn man sie scharf anschneidet.<br />

Jaulen und Kreischen ist bei solchen<br />

Operationen freilich unvermeidlich.<br />

Doch woraus speist sich diese Kreativität?<br />

Und vor allem: Wie hält man<br />

diese bei über 100 Konzerten im Jahr<br />

aufrecht? Gestern New York, heute Berlin,<br />

morgen dann Lissabon? „Ich kann“,<br />

sagt sie rasch, „jederzeit und überall<br />

schlafen. Und ich denke nicht allzu sehr<br />

an die Zukunft, ich plane nicht, sondern<br />

nehme, was kommt.“<br />

Ein Soloalbum hat Halvorson nun allerdings<br />

ins Auge gefasst, dafür sammelt<br />

sie Material. Es wird dann, zählt man all<br />

die Platten zusammen, an denen sie bereits<br />

mitgewirkt hat, ihre vielleicht fünfzigste<br />

Aufnahme werden. Also doch eine fleißige<br />

Studentin? „Ich versuche, offen zu bleiben.“<br />

Die Musik von Jimi Hendrix war es,<br />

die sie zur Gitarre brachte. Zuvor hatte<br />

sie Geige gespielt und auch mal etwas<br />

Saxofon. Müsste sie heute noch einmal<br />

mit einem neuen Instrument anfangen,<br />

würde sie Schlagzeug wählen.<br />

Sicher. Das wäre noch lauter.<br />

TOBIAS LEHMKUHL ist Kulturjournalist,<br />

Reiseschriftsteller und schrieb ein Buch über<br />

Miles Davis („Coolness“)<br />

109<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


SALON<br />

Porträt<br />

STETS SOLLST DU IHN BEFRAGEN<br />

Der Pianist Stefan Mickisch spielt und erklärt Richard Wagners Werk wie niemand sonst.<br />

Nun hat er sich auf Richard Strauss geworfen. Wieder gilt: Wenn schon, denn schon<br />

Von DOROTHEA WALCHSHÄUSL<br />

Sein bester Freund heißt Richard<br />

Wagner, sein geistiger Partner ist<br />

Glenn Gould, und hat er Sehnsucht<br />

nach inspirierenden Gesprächen, liest er<br />

Nietzsche.<br />

Ein umtriebiger, belesener Geist<br />

ist der Pianist Stefan Mickisch. Mit seinen<br />

musikalisch-philosophischen Vorlesungen<br />

über Opern und symphonische<br />

Werke hat er eine neue Kunstform am<br />

Klavier erschaffen. In Bayreuth hält er<br />

seit 1998 jährlich die Einführungsvorträge<br />

zu den Opern. Spricht er über Wagner,<br />

schwingt Liebe mit und Kollegialität.<br />

„Ich fühle mich bei Wagner sehr zu<br />

Hause“, sagt der 51-jährige Oberpfälzer<br />

mit dem markanten Gesicht. Wagners<br />

Kunst sei ihm ein Glücksquell.<br />

Fragt man ihn nach dem häufig vorgebrachten<br />

Antisemitismus-Vorwurf,<br />

spricht Mickisch von einem „Teilantisemitismus“<br />

Wagners, den er in der christlichen<br />

Tradition verwurzelt sieht, der<br />

die Musik Wagners aber nicht berühre:<br />

„Wenn ich Wagner spiele, ist mir die Politik<br />

egal – zu groß ist seine Genialität.“<br />

Schon als Jugendlicher war Stefan<br />

Mickisch vom Schöpfer des „Rings“ fasziniert.<br />

Auch wenn er sich beim Klavierstudium<br />

in Nürnberg, Hannover, Wien<br />

ein breites Repertoire erarbeitete und<br />

Wettbewerbe gewann, blieb seine Passion<br />

der pianistisch <strong>durch</strong>drungene Wagner.<br />

Das Erweckungserlebnis für die spätere<br />

Kunstform hatte Stefan Mickisch<br />

1993 in Virginia, USA. Bei einem sechswöchigen<br />

Aufenthalt begegnete er jüdischen<br />

Künstlern. Sie suchten nach einer<br />

Erklärung für seine Wagner-Liebe. Mickisch<br />

antwortete mit der letzten halben<br />

Stunde der „Götterdämmerung“,<br />

30 Minuten Wagner’scher Essenz, erläutert<br />

und gespielt. Die Folge? Begeisterung<br />

und die Erkenntnis: „Das musst du<br />

machen. Das brauchen und wollen die<br />

Menschen.“ Seitdem schlägt er, der gebürtige<br />

Schwandorfer, Brücken zwischen<br />

Musik und Pu blikum, vermittelt und deutet,<br />

weckt Lust und nimmt Angst.<br />

In diesem Jahr pausiert er in Bayreuth<br />

und widmet sich anlässlich des Jubiläumsjahrs<br />

Richard Strauss, der für<br />

Mickisch musikalisch ein „fast noch größeres<br />

Genie“ ist, ein Freigeist, der die<br />

Tonalität an ihre Grenzen trieb, im klassizistischen<br />

Stil eine neue Einfachheit errang<br />

und Mendelssohn, Mozart und Wagner<br />

vereinte. Weil Tiefstapeln nicht seine<br />

Sache ist, hat Mickisch sich systematisch<br />

ins Gesamtwerk eingearbeitet. Im Juli<br />

erscheint eine CD-Einspielung zur Oper<br />

„Salome“, im Oktober startet in Bayreuth<br />

das achtteilige „Stefan Mickisch Festival<br />

Richard Strauss 2014“ mit der Präsentation<br />

ausgewählter Opern und Tondichtungen.<br />

Anschließend geht Mickisch auf<br />

Tournee in die Schweiz und nach Österreich.<br />

„Wenn schon, denn schon“, sagt er<br />

und grinst: „Ich will es immer wissen.“<br />

AUF DER BÜHNE ist Stefan Mickisch ein<br />

Entertainer, strotzend vor Intellekt und<br />

Sprachwitz, beweglich mit dem Kopf wie<br />

mit dem Körper, ein Perpetuum mobile<br />

auf zwei Beinen. Das Publikum schätzt<br />

seine weitgespannte Bildung und den<br />

unkonventionellen Blick. Das wichtigste<br />

Handwerkszeug ist sein valentinesker<br />

Humor. „Nietzsches ‚Antichrist‘,<br />

den müssen S’ lesen. Er ist nämlich gar<br />

nicht lang“, sagt Mickisch in Oberpfälzer<br />

Sprachfärbung. Die Stirn legt sich in<br />

Falten, ein Schmunzeln zuckt um den<br />

Mund. Schallendes Gelächter, der Boden<br />

ist bereitet für Wagner am Klavier.<br />

Lauschend über die Tasten gebeugt, versinkt<br />

Mickisch im Klangspiel.<br />

Im Gespräch ist er ein anderer<br />

Mensch. Sein Blick nimmt prüfende Züge<br />

an, er verschränkt die Arme abwehrend.<br />

Dass er sich auf eine Befragung einlässt,<br />

ist alles andere als selbstverständlich.<br />

„Lesen Sie Bücher und keine Zeitungen,<br />

die braucht nämlich kein Mensch“, empfiehlt<br />

er, viel zu groß sei das Gefälle zwischen<br />

der echten Qualität großer Denker<br />

und den oft anmaßenden Bewertungen<br />

von Journalisten. „Wenn man keine Bücher<br />

liest, geht man unbeschadet in seinem<br />

eigenen Stumpfsinn weiter.“<br />

Kein Wunder, dass Mickisch immer<br />

mehrere Bücher parallel liest, „weil:<br />

sonst kommt man ja zu nix“. Qualität ist<br />

Leitprinzip und Lieblingswort von Stefan<br />

Mickisch. Ob etwas einen Wert habe,<br />

misst er daran, ob es „gut“ ist oder „nicht<br />

gut“. Was die Masse gut findet, ist für<br />

den Individualisten Mickisch „meistens<br />

das Schlechte“. Kaum etwas erzürnt ihn<br />

mehr als Menschen, die unqualifizierte<br />

Urteile abgeben. Vieles andere missfällt<br />

dem streitbaren Intellektuellen: Der Konzertbetrieb,<br />

der „zum tausendsten Mal<br />

Beethovens 4. Klavierkonzert“ aufs Programm<br />

setzt, was er bei aller Liebe zum<br />

Stück „ja so was von abgestanden“ findet.<br />

Die Politik der Bayreuther Festspiele: Es<br />

will ihm nicht in den Kopf, warum ständig<br />

„vollkommen Wagner-Unkundige an<br />

Wagner herangelassen werden“.<br />

Mickisch, der sich einen „Enzyklopädiker“<br />

nennt, wendet sich lieber wieder<br />

den Büchern und Partituren zu, kehrt<br />

heim zu Wagner, Gould und Nietzsche.<br />

Macht das auf Dauer einsam? Da lacht<br />

Mickisch laut und breitet die Arme aus.<br />

Dann sagt er: „Einsam werde ich nicht –<br />

ich spiele ja Tischtennis.“ Im Tischtennisclub<br />

Ettmannsdorf also findet sie statt,<br />

die Erdung eines Umtriebigen.<br />

DOROTHEA WALCHSHÄUSL ließ sich von<br />

Stefan Mickisch überzeugen, dass „Die Frau<br />

ohne Schatten“ die „beste Oper Wagners“ ist,<br />

obwohl sie von Richard Strauss stammt<br />

Foto: Peter Rigaud für <strong>Cicero</strong><br />

110<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


SALON<br />

Reportage<br />

GROSSER GRABEN<br />

Von KATHRIN WERNER<br />

Illustrationen ROMY BLÜMEL<br />

Zum Glück geht es heute schnell.<br />

Kein kompliziertes Kostüm, David<br />

Frye muss nur sein Gesicht<br />

weiß anmalen, in den Smoking schlüpfen<br />

und die Melone auf den Kopf setzen.<br />

Es ist kurz vor sieben, er spurtet <strong>durch</strong><br />

den Hintereingang der New Yorker Metropolitan<br />

Opera. Die Zuschauer strömen<br />

auf der Vorderseite über den roten<br />

Teppich in das gold leuchtende Gebäude.<br />

Das Haus ist ausverkauft. Frye schafft<br />

An der Met in New York<br />

wird gestreikt und gezankt<br />

wie noch nie. Ist die Oper<br />

unbezahlbar geworden?<br />

es gerade pünktlich, er war den ganzen<br />

Tag mit Arbeitskampf beschäftigt. Um<br />

halb acht singt der Tenor in Rossinis „La<br />

Cenerentola“.<br />

Die Mitarbeiter der Met sind in diesen<br />

Wochen noch mehr beschäftigt als<br />

sonst, sie müssen nicht nur singen, tanzen,<br />

ihre Instrumente spielen, Kostüme<br />

nähen oder Bühnenbilder bauen. Sie<br />

kämpfen auch um ihre Gehälter. Die altehrwürdige<br />

New Yorker Oper, gegründet<br />

112<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Illustrationen: Romy Blümel/2 agenten<br />

1880, steckt in den härtesten Auseinandersetzungen<br />

zwischen Management und<br />

Gewerkschaften, die Amerika derzeit erlebt.<br />

Bislang sind alle Verhandlungen gescheitert.<br />

Die eine Seite droht mit Streik,<br />

die andere damit, die Mitarbeiter vom<br />

Dienst auszusperren. Wenn sie nicht bald<br />

zueinanderfinden, bleibt die größte Oper<br />

der Welt zum Anfang der kommenden<br />

Saison im September geschlossen. Die<br />

Proben müssten eigentlich Ende Juli beginnen,<br />

doch Ende Juli laufen auch die<br />

Verträge mit den 16 Gewerkschaften aus,<br />

die mehr als 3400 Mitarbeiter der Met<br />

vertreten – fast alle.<br />

„Wir fühlen uns unverstanden und<br />

ungerecht behandelt“, sagt Frye. Der<br />

56‐Jährige ist der Verhandlungsführer<br />

der Chorsänger. Er ist groß und schlank,<br />

seine Stimme klingt beim Sprechen immer<br />

ein wenig, als sänge er. Er gehört<br />

seit 21 Jahren dem Chor an. Eigentlich<br />

ist ihm das Feilschen um Geld unangenehm,<br />

aber er ärgert sich und will etwas<br />

tun: „Wissen Sie, Singen ist etwas sehr<br />

Intimes, Persönliches. Man ist zugleich<br />

das Instrument und spielt das Instrument.<br />

Als ich zum ersten Mal gehört habe, welche<br />

Gehaltseinbußen die von uns verlangen,<br />

war ich verletzt. Es war ein Schock.“<br />

Die Met will die Lohnkosten um 16<br />

bis 17 Prozent drücken, dazu haben die<br />

Anwälte einen Dutzende Seiten langen<br />

Vorschlag für Anpassungen in den Arbeitsverträgen<br />

unterbreitet. Vor allem<br />

sollen Sonderzuschläge und Zuschüsse<br />

zur Krankenkasse und zu Rentenbeiträgen<br />

wegfallen. Es ist eine komplizierte<br />

Rechnung, die für jeden Mitarbeiter<br />

unterschiedliche Ergebnisse bringt.<br />

Bei manchen, klagen die Gewerkschaften,<br />

bedeuten die Pläne Einbrüche von<br />

50 Prozent. „Wir alle lieben die Oper<br />

und wir alle verstehen, dass es Probleme<br />

gibt“, sagt Frye. „Aber wir sehen<br />

nicht ein, warum wir allein dafür bezahlen<br />

sollen.“<br />

Die Met steckt in finanziellen<br />

Schwierigkeiten. „Worum es hier letztendlich<br />

geht, ist die Zukunft der Met“,<br />

sagt Peter Gelb, Chef des Opernhauses.<br />

„Die Schlacht ist existenziell, und<br />

sie muss gewonnen werden. Wenn wir<br />

es jetzt nicht schaffen, ein nachhaltigeres<br />

Geschäftsmodell zu finden, wissen wir,<br />

dass wir in den nächsten zwei bis drei<br />

Jahren in eine Insolvenz geraten.“<br />

Die Lage<br />

für Opernhäuser,<br />

Konzertsäle<br />

und Theater<br />

ist ziemlich<br />

aussichtslos.<br />

Viele schließen<br />

Im Geschäftsjahr 2012/2013 lag das<br />

Budget der Met bei 324 Millionen US-<br />

Dollar. Es fiel ein Verlust von 2,8 Millionen<br />

Dollar an. In der Saison ist die Auslastung<br />

von 84 auf 79 Prozent gefallen,<br />

vor allem, weil Gelb die Ticketpreise so<br />

sehr erhöht hatte, dass es vielen Opernbesuchern<br />

zu teuer wurde. Inzwischen<br />

hat er die Preise leicht gesenkt. Aber<br />

eine Karte kostet im Durchschnitt noch<br />

immer 156 Dollar, viel zu viel für junge<br />

Leute.<br />

Die Lage sei ziemlich aussichtslos, so<br />

wie für viele Opernhäuser, Theater und<br />

Konzertsäle in Amerika, sagt Duncan<br />

Webb, ein ehemaliger Banker, der mit<br />

seiner Firma Theater in Managementfragen<br />

berät. Die Oper ist eine der teuersten<br />

Kunstformen. Und die Vereinigten Staaten<br />

unterstützen Opern nicht wie etwa in<br />

Deutschland. Zudem gehören sie in Amerika<br />

noch weniger zur Allgemeinbildung<br />

und Volksunterhaltung als in Deutschland.<br />

Die Kinder lernen hier in der Schule<br />

mehr über Musicals als über die Oper.<br />

Sie ist weitgehend ein Zeitvertreib der<br />

weißen Oberschicht. „Die Zielgruppe<br />

schrumpft und altert“, klagt Webb.<br />

Viele Opernhäuser, auch die Met,<br />

hätten ihre Möglichkeiten beim Fundraising,<br />

bei Ticketpreisen und mit den Liveübertragungen<br />

weitgehend ausgereizt.<br />

Jetzt gebe es nur noch eine Lösung: sparen.<br />

„Wir werden sehen, dass die Angebote<br />

an klassischer Musik in den USA in<br />

den nächsten Jahren weiter schrumpfen,<br />

es gibt einfach nicht genug Nachfrage.“<br />

DAS HAT KONSEQUENZEN. Die Oper in<br />

San Diego hatte im März ihr Ende verkündet,<br />

will nun aber doch weitermachen<br />

– dank Spendengeldern und einer<br />

Finanzspritze der Stadt. Im Januar<br />

2015 geht es wieder los mit Puccinis „La<br />

Bohème“. Der Opernchef musste gehen,<br />

man wirft ihm Missmanagement vor, er<br />

zahlte sich selbst Jahresgehälter von einer<br />

halben Million Dollar. Seine Frau ist<br />

seine gut bezahlte Assistentin.<br />

Die New York City Opera, der kleinere<br />

Rivale der Met, hat im vergangenen<br />

Herbst Gläubigerschutz beantragt<br />

und mitten in der Spielzeit geschlossen,<br />

trotz moderater Eintrittspreise und wagemutigerem<br />

Repertoire als an der Met.<br />

Es war den Opernmanagern nicht gelungen,<br />

die Schuldner mit einer Notzahlung<br />

von sieben Millionen Dollar zu besänftigen.<br />

Das Philadelphia Orchestra hat vor<br />

zwei Jahren ein Konkursverfahren hinter<br />

sich gebracht. Auch das Minnesota Orchestra<br />

spielt inzwischen wieder – nach<br />

16 Monaten Arbeitskampf und Aussperrungen<br />

<strong>durch</strong> das Management.<br />

Im vergangenen Herbst blieb zum<br />

ersten Mal in ihrer 122-jährigen Geschichte<br />

die Carnegie Hall in New York<br />

geschlossen, weil die International Alliance<br />

of Theatrical Stage Employees, die<br />

mächtige Gewerkschaft der New Yorker<br />

Bühnenarbeiter, zum Streik aufgerufen<br />

hatte – ausgerechnet bei der seit Monaten<br />

geplanten Eröffnungsgala für die<br />

neue Saison. Etliche kleinere Opernhäuser<br />

haben in den vergangenen Jahren geschlossen,<br />

darunter die Opera Pacific im<br />

kalifornischen Santa Ana, die Cleveland<br />

113<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


SALON<br />

Reportage<br />

Opera und die San Antonio Opera. Es<br />

gibt einige junge alternative Operngruppen,<br />

etwa die Gotham Chamber Opera<br />

oder das neue Prototype Festival für<br />

neue Opern in New York, die Hoffnung<br />

machen. Aber für die große alte Dame<br />

Oper und ihre Institutionen sieht es immer<br />

düsterer aus.<br />

Met-Chef Gelb hat einiges versucht,<br />

um die Umsätze zu steigern. Live-Übertragungen<br />

in die Kinos der Welt bringen<br />

Geld in die Kasse. Deutsche Kinogänger<br />

sind inzwischen das zweitgrößte Publikum<br />

der Met. An einem guten Samstag<br />

verkauft die Oper allein hier bis zu<br />

35 000 Tickets. Die New Yorker Eintrittspreise<br />

sind hoch, reiche Spender schießen<br />

inzwischen fast die Hälfte zum Budget<br />

bei. Aber es reicht nicht.<br />

Es wachsen nicht genügend junge<br />

Operngänger nach, die die alten ersetzen,<br />

sagt Gelb. Doch Sparen ist schwer,<br />

weil die Met nicht auf Stars wie Anna<br />

Netrebko verzichten kann. Die vielen<br />

neuen Produktionen, die pro Saison ins<br />

Programm kommen, sind teuer, machen<br />

die Met aber auch einzigartig. Gelb will<br />

der Kreativität der Regisseure nicht zu<br />

enge finanzielle Grenzen setzen. Es ist<br />

ein ständiges Dilemma zwischen Kunst<br />

und Kosten.<br />

„Wir sehen zum Teil Extravaganz und<br />

unglaubliche Verschwendung“, sagt hingegen<br />

Chorist Frye. „Ja, Oper ist teuer,<br />

aber sie muss nicht derart teuer sein.“ Die<br />

Mitarbeiter haben Sparvorschläge gemacht.<br />

Ein Beispiel: „Fürst Igor“. Eine<br />

Schlüsselszene in Alexander Borodins<br />

Oper spielt in einem Mohnblumenfeld. Es<br />

besteht aus Hunderten handgefertigten<br />

Seidenblumen, insgesamt kostete allein<br />

die Blumenwiese 169 000 Dollar. Kann<br />

man da nicht weniger und zudem vorgefertigte<br />

Blumen aus normalem Stoff nehmen,<br />

fragen die Mitarbeiter. Die aufwendige<br />

Oper mit 200 Darstellern verschlang<br />

insgesamt 4,3 Millionen Dollar.<br />

Der Geschäftsführer habe mit immer<br />

mehr Produktionen die Fähigkeiten überreizt,<br />

die Kinoübertragungen brächten<br />

nur Arbeit und Mehrkosten, aber kaum<br />

Gewinne. Als Gelb den Chefposten im<br />

Jahr 2006 übernahm, lag das Budget<br />

noch bei 209 Millionen Dollar und reichte<br />

aus, um die Kosten zu decken. „Wir wollen<br />

endlich Einblick in die Bücher“, sagt<br />

Frye. „Die Met ist so transparent wie der<br />

Kreml.“ Nicht die Gehälter der Mitarbeiter<br />

seien schuld an der Misere, sondern<br />

Managementfehler, sagen die Gewerkschaftler.<br />

Zwei Drittel des Gesamtbudgets<br />

verschlingen die Gehälter der Mitarbeiter,<br />

da müsse er sparen, kontert Gelb.<br />

Wenn man auf der Höhe der Zeit bleiben<br />

wolle, müsse man eben auch in moderne,<br />

kreative Bühnenbilder investieren – inklusive<br />

Mohnblumen.<br />

Für die Mitarbeiter kommt als Problem<br />

hinzu: Einen besseren Arbeitsplatz<br />

als die Met gibt es für Opernmusiker<br />

kaum, erst recht nicht in den Vereinigten<br />

Staaten. Wer es einmal hierhin geschafft<br />

hat, will nicht wieder weg. „Ich habe den<br />

größten Teil meiner Karriere schon hinter<br />

mir, es war eine gute Karriere“, sagt<br />

Frye. „Ich werde schon überleben, aber<br />

um die jüngeren Kollegen mache ich mir<br />

Sorgen.“ Ein erfahrener Chorsänger an<br />

Künstliche<br />

Mohnblumen<br />

für ein Bühnenbild<br />

kosteten<br />

169 000 Dollar –<br />

mussten sie wirklich<br />

aus Seide sein?<br />

der Met verdiene rund 200 000 Dollar<br />

pro Jahr, Einsteiger deutlich weniger.<br />

„Für New Yorker Verhältnisse sind<br />

wir weder reich noch arm.“ Die Sänger,<br />

Tänzer und Musiker bekommen ein relativ<br />

niedriges Grundgehalt und Zuschläge<br />

für jede Probe und Vorstellung. Die Arbeitszeiten<br />

sind lang, täglich von 10.30<br />

bis 14.30 Uhr finden Proben statt, oft gibt<br />

es eine weitere am Nachmittag, erzählt<br />

Frye. Pro Woche singen die meisten Sänger<br />

abends in fünf bis sechs Aufführungen.<br />

„Pro gesungener Note verdienen wir<br />

weniger als Chorsänger an allen anderen<br />

Opernhäusern, von denen ich die Gehälter<br />

kenne“, sagt er.<br />

„Wir sind die ganze Zeit verfügbar,<br />

wir kommen jederzeit, wenn die Met uns<br />

ruft, sogar sonntags, wenn wir gerne unsere<br />

Zeit mit der Familie verbringen wollen“,<br />

erzählt die Sopranistin Karen Dixon.<br />

Sie ist die Hauptverdienerin ihrer<br />

Familie. Die Kosten für Kinderbetreuung,<br />

Miete, Altersvorsorge und Krankenversicherung<br />

stiegen Jahr für Jahr, viel schneller<br />

als die Gehälter. „15 000 Dollar Kürzung<br />

wäre für meine Familie verheerend,<br />

ebenso der geplante Einschnitt bei den<br />

Pensionen. Nach all den Jahren bei der<br />

Met bliebe nichts übrig“, sagt sie, die seit<br />

1997 im Chor singt.<br />

DER TONFALL zwischen Management und<br />

Gewerkschaftlern wird immer schärfer.<br />

Alan Gordon, Chef der lokalen Niederlassung<br />

der Gewerkschaft American Guild<br />

of Musical Artists, leitet seine E‐Mail-<br />

Wechsel mit Met-Chef Gelb gern an die<br />

Medien weiter – sehr zu Gelbs Missfallen.<br />

Gelbs Vorschlag einer Gehaltskürzung<br />

nennt er „eine Kriegserklärung“.<br />

Wenn die Verhandlungen scheitern, hat<br />

die Met die Möglichkeit, die Mitarbeiter<br />

vom Dienst abzuhalten, worauf sich die<br />

Musiker einstellen sollten, rät die Gewerkschaft<br />

ihren Mitgliedern. Sie sollten<br />

mit einem Herbst ohne Einkommen<br />

von der Met rechnen und nach alternativen<br />

Auftraggebern suchen.<br />

Gordon ist seit Jahrzehnten Gewerkschaftler,<br />

der 69-Jährige ist laut Frye<br />

ein „harter Hund. So einen brauchen<br />

wir.“ Gordon hasst Opernmusik, aber er<br />

hat ein Talent für Verhandlungen, sagt<br />

er über sich. Bei den ersten Gesprächen<br />

mit dem Management wurde es richtig<br />

laut, erzählt Frye hinterher. „Ihnen ist<br />

Illustration: Romy Blümel/2 agenten<br />

114<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Foto: Maxim Sergienko<br />

doch egal, wie es den Leuten geht“, rief<br />

Gordon zu Gelb. „Sie wollen doch nur<br />

Ihr Gehalt von 1,5 Millionen Dollar, Ihren<br />

Chauffeur und Ihre Erste-Klasse-<br />

Dienstreisen behalten!“ Gelb wollte seinen<br />

Mitarbeitern in einer langwierigen<br />

Power-Point-Präsentation die desaströse<br />

Finanzlage der Met erklären, aber<br />

Gordon unterbrach ihn immer wieder.<br />

„Das ist doch nicht wahr, was Sie da sagen“,<br />

rief Gordon. „Lüge!“ Gelbs Anwälte<br />

schritten immer wieder ein: „Lassen<br />

Sie ihn doch ausreden! Das ist eine<br />

Unverschämtheit!“<br />

Die Orchestermusiker haben bereits<br />

für Streik gestimmt, sofern das Management<br />

nicht einlenkt. „Wir hoffen, dass<br />

die Verhandlungen positiv ausgehen“,<br />

sagt Jessica Phillips Rieske. Die Klarinettistin<br />

ist Verhandlungsführerin der<br />

Musiker. „Um die Qualität zu erhalten,<br />

muss die Metropolitan Opera ihre Musiker<br />

so bezahlen, dass das Ensemble weiterhin<br />

Talente von Weltklasse anziehen<br />

und bewahren kann.“ Joe Hartnett von<br />

der Gewerkschaft der Bühnenbildner<br />

fügt hinzu: „Wir wollen die Met retten,<br />

aber das wird nicht passieren, wenn das<br />

Management seine Ausgaben verschleiert<br />

und die Mittelklassearbeiter zum Sündenbock<br />

macht.“<br />

Im Laufe des Julis werden sich Hartnett,<br />

Phillips Rieske, Frye, die anderen<br />

Mitarbeitervertreter und Gewerkschaftler<br />

mit Gelb und seinen Managern und<br />

Anwälten zu etlichen Verhandlungsterminen<br />

treffen. „Ich habe keinerlei Erwartung,<br />

dass wir irgendetwas erreichen<br />

vor Mitternacht am 31. Juli“, sagt Gelb.<br />

„Oder sogar später.“<br />

Etwas Gutes hat der Streit dennoch<br />

gebracht, erzählt Frye: „Wir halten jetzt<br />

alle zusammen. Wir Chorsänger, die<br />

Leute aus dem Orchester oder von den<br />

Bühnenarbeitern, die sich bislang nicht<br />

kannten, reden jetzt miteinander. Wir<br />

sind alle empört.“ Er wird sich nicht<br />

geschlagen geben, sagt er, auch wenn<br />

er natürlich lieber mit Smoking, Melone<br />

und weißem Gesicht auf der Bühne<br />

steht, als seine Tage mit Arbeitskampf<br />

zu verbringen.<br />

KATHRIN WERNER lebt seit<br />

zwei Jahren in New York und<br />

geht gerne in die Met. Mit<br />

ihren 31 Jahren senkt sie den<br />

Alters<strong>durch</strong>schnitt enorm<br />

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SALON<br />

Man sieht nur, was man sucht<br />

BÄRTIGE Jungfrauen<br />

küsst man nicht Von<br />

BEAT WYSS<br />

Foto: Diözesanmuseum Graz der Diözese Graz-Seckau<br />

116<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Die heilige Kümmernis nahm sich der Frauen an.<br />

Ihre Wiederkehr in der Spektakelgesellschaft ist<br />

eine Botschaft aus dem Unbewussten<br />

Zum Autor<br />

Foto: Gaetan Bally/Keystone Schweiz/Laif<br />

Am 20. Juli feiert die katholische<br />

Kirche den Gedenktag<br />

der Kümmernis, einer seltsamen<br />

Heiligen: Die Jungfrau,<br />

Tochter eines Königs<br />

in Portugal oder Sizilien, war im zweiten<br />

Jahrhundert zum christlichen Glauben<br />

übergetreten. Das erzürnte den Vater,<br />

wollte er sein Kind doch mit einem<br />

Heiden verheiraten. In seiner Pein betete<br />

das Mädchen zum Erlöser, er möge sein<br />

Antlitz so entstellen, dass es von keinem<br />

Manne begehrt werde. Das Wunder geschah,<br />

der Schönen spross über Nacht ein<br />

Bart. Da der Vater seine Pläne <strong>durch</strong>kreuzt<br />

sah, ließ er die Tochter kreuzigen.<br />

Bald geschah das zweite Wunder, Beweis<br />

der Heiligkeit der bärtigen Märtyrerin.<br />

Sie predigte drei Tage vom Kreuz herab.<br />

Der Monarch bereute und bekehrte sich<br />

zum christlichen Glauben.<br />

Etliche Kümmernis-Kreuze wurden<br />

im frühneuzeitlichen Bildersturm zerstört<br />

als besonders groteske Auswüchse<br />

des Aberglaubens. Die anmutigsten, vor<br />

christlicher Prüderie und verbohrter<br />

Rechtschaffenheit geretteten Androgyne<br />

am Kreuz befinden sich heute in der Kathedrale<br />

von Beauvais und im Diözesanmuseum<br />

von Graz.<br />

Die Kümmernis sorgt sich um die<br />

Gesundheit des Viehs und hilft Frauen,<br />

die von Mann und Familie unterdrückt<br />

werden. Sie weiß Liebeskummer zu heilen<br />

und beschützt fahrendes Volk als Patronin<br />

der Gaukler. Das Walten der Fürbitterin<br />

fiel in den Wirkkreis der Beginen,<br />

jenes ersten weltlichen Vereins frommer<br />

Frauen, die ehelos und in Armut zusammenlebten.<br />

Neben Andacht und Gebet<br />

kümmerten die Beginen sich um Alte und<br />

Ausgestoßene und wuschen die Leichen<br />

derer, die keine Angehörigen hatten.<br />

Eine Frau, kein Mann: Die Grazer<br />

Kümmernis aus dem 18. Jahrhundert<br />

erzählt von Keuschheit<br />

Im 14. Jahrhundert noch als Hexen<br />

lebendig eingemauert oder verbrannt,<br />

wurde die Laienbewegung 1453<br />

von Papst Nikolaus V. in den Schoß der<br />

Kirche aufgenommen. Es war um die<br />

Zeit, als sich die Legende von der heiligen<br />

Kümmernis verbreitete. Wilgefortis<br />

wurde sie nun genannt, die Starke<br />

Jungfrau. Sie verkörpert eine weibliche<br />

Mystik, die sich nicht damit begnügt, geduldig<br />

am Passionsweg die Rolle der Zuschauerin<br />

zu spielen wie Mutter Maria<br />

oder Magdalena, die schöne Büßerin.<br />

Nicht selten werden neue Formen der<br />

Mystik von wirtschaftlichen Konjunkturen<br />

befeuert. Die bärtige Jungfrau ist die<br />

Frucht eines transkulturellen Missverständnisses,<br />

das sich entlang der Fernhandelsrouten<br />

in den Niederlanden und<br />

im Alpenraum ausbildete. Ein Ziel von<br />

Pilgern und Händlern aus dem Norden<br />

war Lucca, ein Handelszentrum in der<br />

heutigen Toskana.<br />

Berühmt war dessen Volto Santo in<br />

der Kathedrale San Martino. Der überlebensgroße<br />

Kruzifixus aus Holz, mit einer<br />

Tunika bekleidet, wurde an Festtagen<br />

mit Gewändern aus Brokat und goldener<br />

Krone bekleidet. So diente das wundertätige<br />

Bild zugleich als Aushängeschild<br />

für die Produktion kostbarer Stoffe, für<br />

die Lucca europaweit berühmt war. Die<br />

bärtige Jesus-Gestalt, verkleidet in glitzernden<br />

Röcken, musste den Reisenden<br />

aus dem Norden „weibisch“ vorkommen.<br />

Sie kannten den Gekreuzigten als<br />

Gestorbenen, dessen hängender Körper<br />

nur von einem Lendenschurz bekleidet<br />

war. Der Volto Santo von Lucca hingegen<br />

folgt dem syrisch-palästinensischen<br />

Typus, wonach Christus als Weltenherrscher<br />

seine Arme am Kreuz siegreich ausbreitet.<br />

Der nordwestliche Blick überschrieb<br />

sodann die orientalisch wirkende<br />

Gestalt mit der Legende von einer Heiligen,<br />

die ihre Keuschheit mit der Bitte an<br />

Gott um Bärtigkeit verteidigte.<br />

BEAT WYSS<br />

ist einer der bekanntesten<br />

Kunsthistoriker des Landes.<br />

Er lehrt Kunstwissenschaft<br />

und Medienphilosophie an<br />

der Staatlichen Hochschule<br />

für Gestaltung in Karlsruhe<br />

und schreibt jeden Monat in<br />

<strong>Cicero</strong> über ein Kunstwerk<br />

und dessen Geschichte. Kürzlich<br />

erschien bei Philo Fine<br />

Arts sein Essay „Renaissance<br />

als Kulturtechnik“<br />

Der 20. Juli als Feiertag fügt sich<br />

gut ins Bauernleben. Das Heu ist in der<br />

Scheune und die Gelegenheit gekommen,<br />

eine Wallfahrt zu Sankt Michael<br />

und Kummernus in Axams bei Innsbruck,<br />

zu Heiliggeist und Wilgefortis in<br />

Neufahrn bei Freising oder zur Kümmerniskapelle<br />

in Altötting an der Salzach<br />

zu machen.<br />

Aus Gmunden im Salzkammergut<br />

kommt Tom Neuwirth alias Conchita<br />

Wurst, der im vergangenen Mai, beim Eurovision<br />

Song Contest in Kopenhagen, als<br />

zierlicher Zwerg auf den Schultern einer<br />

600-jährigen, wundertätigen Riesin auftrat.<br />

Das kollektive Unbewusste der Spektakelgesellschaft<br />

hat sofort verstanden.<br />

117<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


SALON<br />

Gespräch<br />

„DIE REGIONEN<br />

Moderation ALEXANDER KISSLER<br />

Gibt es eine Sehnsucht<br />

nach der Alleinschuld?<br />

Was kann die EU von<br />

1914 lernen? <strong>Cicero</strong><br />

bat den Schriftsteller<br />

Michael Kleeberg und den<br />

Historiker Christopher<br />

Clark zum Gespräch<br />

118<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Fotos. Thomas Meyer/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong><br />

RETTETEN EUROPA“


SALON<br />

Gespräch<br />

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut<br />

Schmidt hat aus der Lektüre<br />

der „Schlafwandler“ gefolgert: „Die<br />

Gefahr, dass sich die Situation verschärft<br />

wie im August 1914, wächst<br />

von Tag zu Tag.“ Europa, die Amerikaner<br />

und die Russen verhielten sich in der<br />

Ukrainekrise so, wie Sie, Herr Clark, es<br />

in Ihrem Buch über den Ausbruch des<br />

Ersten Weltkriegs beschrieben hätten.<br />

Stimmt das?<br />

Christopher Clark: Ich sehe da eher<br />

Kontraste als Parallelen. Die Julikrise<br />

von 1914 führt uns drastisch vor Augen,<br />

welche Katastrophen entstehen können,<br />

wenn das Gespräch versiegt und Kompromisse<br />

unmöglich werden. Die Gefahr<br />

einer solchen schlafwandlerischen Eskalation<br />

besteht immer – wenn ich etwa an<br />

die eskalierende Rhetorik denke, der zufolge<br />

Putin mit Hitler vergleichbar sei.<br />

Die offizielle Politik ist heute aber eher<br />

von Zurückhaltung, von Vorsicht, sogar<br />

Selbstkritik gekennzeichnet. Das war in<br />

der Vorkriegszeit komplett anders.<br />

Wo sehen Sie diese Zurückhaltung?<br />

Clark: Außenminister Frank-Walter<br />

Steinmeier sagte, der Westen habe vielleicht<br />

die Russen zu wenig einbezogen<br />

in seine Überlegungen zur Ukraine und<br />

habe sein Augenmerk zu stark auf Kiew<br />

und nicht genug auf Moskau gerichtet.<br />

Solche second thoughts, solche Nachdenklichkeiten<br />

gab es vor 1914 nicht.<br />

Herr Kleeberg, Sie haben Geschichte<br />

studiert und sich als Schriftsteller oft<br />

mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt.<br />

In Ihrem neuen Roman, „Vaterjahre“,<br />

gibt es einen Gang der Hauptfiguren<br />

über den Soldatenfriedhof im belgischen<br />

Langemark. Der Roman „Ein Garten<br />

im Norden“ enthält ein Kapitel, das<br />

„Juli 1914“ überschrieben ist. Welches Interesse<br />

hat die Poesie am Krieg?<br />

Michael Kleeberg: Gegenwart ist für<br />

mich jener Zeitraum, den ich umfassen<br />

kann aus eigenem Wahrnehmen und aus<br />

den Aussagen derer, die mit mir leben.<br />

Da ich quasi in der Mitte des 20. Jahrhunderts<br />

geboren bin, ist mir das gesamte<br />

Jahrhundert als Kontinuum präsent.<br />

Wenn ich als Schriftsteller arbeite,<br />

löse ich einen Faden aus dem Knäuel<br />

der vergehenden Zeit. So lande ich<br />

schnell bei den Grundkatastrophen und<br />

Christopher Clark<br />

Der australische Historiker<br />

lehrt am St. Catharine’s<br />

College in Cambridge. Sein<br />

Buch „Die Schlafwandler“<br />

über den Ausbruch des Ersten<br />

Weltkriegs gilt als Standardwerk<br />

zur Julikrise von 1914.<br />

Zuvor schrieb er unter<br />

anderem über Preußen und<br />

über Kaiser Wilhelm II.<br />

Michael Kleeberg<br />

Der in Stuttgart geborene<br />

Schriftsteller lebte viele Jahre<br />

in Frankreich. Für sein Werk<br />

erhielt er unter anderem<br />

den Anna-Seghers- und den<br />

Lion-Feuchtwanger-Preis.<br />

Sein neuer Roman „Vaterjahre“,<br />

eine Fortsetzung von<br />

„Karlmann“ ( 2007 ), erscheint<br />

im August<br />

Grundbausteinen unserer Gegenwart vor,<br />

in und nach dem Ersten Weltkrieg.<br />

Sind Sie familiär vorgeprägt?<br />

Kleeberg: In unserer Familie wurde<br />

sehr viel erzählt aus Kriegszeiten. Mein<br />

Großvater hat beide Weltkriege als Soldat<br />

überlebt. Für den „Garten im Norden“<br />

habe ich mich an einer realen Person orientiert,<br />

an einem französisch-jüdischen<br />

Bankier, der von 1860 bis 1940 lebte. An<br />

ihm konnte ich zeigen, welch ungeheure<br />

humanistische Bildung damals vorhanden<br />

war und wie sehr die kulturelle Elite<br />

vernetzt war. Im Grunde existierte das<br />

Vereinigte Europa 1912 fast schon.<br />

Clark: Ja, die Menschen waren damals<br />

europäischer als viele Europäer<br />

heute. Es gab – zumindest unter den Eliten<br />

– ein sehr großes Gemeingut an Bildung<br />

und an Kultur.<br />

Im Kapitel „Juli 1914“ sagt eine Figur,<br />

der Krieg sei „absurd vielleicht. Aber<br />

nunmehr unvermeidlich“. Entsprach<br />

dies dem allgemeinen Empfinden?<br />

Clark: Wer den Krieg herbeiführen<br />

wollte, erfand Narrative der Unausweichlichkeit.<br />

Die Wirklichkeit sah anders<br />

aus. Europa hätte diesen Sommer<br />

ohne einen Krieg überstehen können.<br />

Wäre der österreichische Thronfolger<br />

Franz Ferdinand lebend nach Wien zurückgekehrt,<br />

hätte er weiterhin für den<br />

Frieden plädiert und gegen, wie er sie<br />

nannte, „Kraftstücke“ auf dem Balkan.<br />

Er hätte seinen Generalstabschef Franz<br />

Conrad von Hötzendorf fallen lassen, das<br />

war längst geplant. Vielleicht hätte auch<br />

die sehr fragile Allianz von Russland<br />

und Großbritannien den Sommer nicht<br />

überlebt. Die Briten spielten mit dem Gedanken,<br />

sich von St. Petersburg ab- und<br />

Berlin zuzuwenden. Der Raum der Gegenwart<br />

war damals genauso schwanger<br />

an möglichen Zukünften wie heute.<br />

Kleeberg: Die Kipppunkte, die Sie<br />

benennen, hätten 1914 auf die positive<br />

Seite fallen können, taten es dann nicht<br />

und lösten einen negativen Dominoeffekt<br />

aus. Heute schützt ein besseres, sanfteres<br />

Politikmanagement vor solchen Eskalationen.<br />

Auch die deutschen Schriftsteller,<br />

die vor dem Krieg eher ein elitäres, politikverachtendes<br />

Reich des Geistes predigten<br />

(Hofmannsthal, George, Thomas<br />

Mann), sind heute geerdeter. Das scheint<br />

Fotos: Thomas Meyer/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong><br />

120<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


mir der einzige, aber entscheidende Fortschritt<br />

gegenüber 1914.<br />

Sie greifen im Roman einen Gedanken<br />

auf, der vor 40 Jahren, im Zuge der „Fischer-Kontroverse“<br />

über die deutsche<br />

Verantwortung für den Ersten Weltkrieg,<br />

präsenter war als heute: „Thyssen<br />

und Stinnes (…) lobbyierten seit Monaten<br />

und Jahren für einen Krieg, der<br />

einzig die Auslastung ihrer Kapazitäten<br />

sichern konnte.“ Ein Unternehmer<br />

pflichtet bei: „Selbst bei uns ist man<br />

der Meinung, dass eine kurze Katharsis<br />

nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich<br />

nötig ist, um neue Freiräume,<br />

frische Atemluft für die Unternehmen<br />

zu schaffen.“ Trieb die Großindustrie<br />

Europa in den Krieg?<br />

Kleeberg: Mein Gewährsmann für<br />

viele historische Zitate war Golo Mann.<br />

Seine „Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“<br />

stand Pate beim „Garten im<br />

Norden“. Im Übrigen stürzen auch heute<br />

die Interessen der Industrie Länder ins<br />

Verderben – nur sind diese Konflikte ausgelagert.<br />

Europa ist fein raus.<br />

Clark: Die Tragödie von 1914 ist<br />

ohne den Siegeszug des Sozialdarwinismus<br />

kaum zu begreifen. Die Überzeugung,<br />

dass nicht die Kooperation, sondern<br />

der Konflikt jede Beziehung regelt,<br />

war allgegenwärtig. In der Politik wie<br />

in der Wirtschaft hieß das Motto: Mein<br />

Gewinn ist dein Verlust. Politik wurde<br />

zum Nullsummenspiel. Natürlich gab<br />

es einzelne Stimmen, die auf den Krieg<br />

setzten, um mehr Munition zu verkaufen.<br />

Die Finanzindustrie hingegen hat<br />

län derübergreifend vor einer militärischen<br />

Eskalation gewarnt. Generell<br />

wurden am Vorabend des Krieges sehr<br />

selten ökonomische Überlegungen herangezogen,<br />

um politische Entscheidungen<br />

zu begründen.<br />

Sie, Herr Kleeberg, haben von 1986 bis<br />

2000 in Frankreich gelebt, erst in Paris,<br />

dann im Burgund. Wie gegenwärtig ist<br />

dort der Erste Weltkrieg?<br />

Kleeberg: Sehr. In jedem Weiler<br />

mit mehr als 50 Einwohnern gibt es ein<br />

großes Kriegerdenkmal, an dem immer<br />

Kränze hängen. La grande guerre war<br />

in den Erzählungen der Veteranen mit<br />

Händen zu greifen. Wichtig ist er für die<br />

Franzosen auch deswegen, weil er den bis<br />

heute letzten militärischen Sieg markiert.<br />

Clark: Andererseits sorgte der Erste<br />

Weltkrieg für ein demografisches Trauma.<br />

Die Franzosen hatten fast anderthalb<br />

Millionen Tote zu beklagen. Der große<br />

französische Historiker Antoine Prost<br />

sagt, dieser Krieg sei eine Narbe, die<br />

noch schmerzt.<br />

Gibt es Wut auf die Deutschen?<br />

Clark: Das kann man nicht sagen –<br />

trotz der Verwüstungen und Zwangsdeportationen,<br />

die im Norden Frankreichs,<br />

nicht nur in Belgien stattgefunden haben.<br />

Kleeberg: Der Hass auf die Deutschen,<br />

den es natürlich gab, hatte seinen<br />

Ursprung im Deutsch-Französischen<br />

Krieg von 1870/71. Letztlich hat sich die<br />

französische Politik gegenüber Deutschland<br />

seit Ludwig XIV. nicht geändert. Das<br />

Ziel heißt Containment: Deutschland soll<br />

eingehegt, soll klein gehalten werden.<br />

Darum sagte de Gaulle einst im Kalten<br />

Krieg, er liebe Deutschland so sehr, dass<br />

er sich freue, dass es zwei davon gibt.<br />

Clark: Der britische Premierminister<br />

Benjamin Disraeli nannte den Deutsch-<br />

Französischen Krieg eine deutsche Revolution,<br />

die die Weltordnung stärker<br />

erschüttern werde als die französische.<br />

Plötzlich war die Mitte Europas kein<br />

Vakuum mehr, sondern mit einem kraftstrotzenden<br />

Kaiserreich besetzt.<br />

Womit wir bei der Julikrise wären.Sollte<br />

der Krieg Deutschland zähmen?<br />

Clark: Nein. Das hieße ja, die Mächte<br />

der Entente hätten den Krieg absichtlich<br />

entfesselt. Vielmehr ist er entstanden aus<br />

Befürchtungen und defensiven Überlegungen<br />

– auf beiden Seiten. Erst im Laufe<br />

des Krieges wurden Kriegsziele herbeiimprovisiert.<br />

Auch das „Septemberprogramm“<br />

von Reichskanzler Bethmann-<br />

Hollweg mit seinen Maximalforderungen<br />

war hastig zusammengeworfen.<br />

Immerhin ist das „Septemberprogramm“<br />

zentral für die Argumentation<br />

Fritz Fischers, Deutschland habe im<br />

Ersten Weltkrieg nach der Weltmacht<br />

gegriffen. Der Freiburger Militärhistoriker<br />

Wolfram Wette sagt, Fritz Fischer<br />

sei noch aktuell, während Sie die<br />

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„spezifisch militaristische Prägung“ der<br />

Reichsführung leugneten.<br />

Clark: Natürlich gab es Militarismus<br />

als politische Kultur in Deutschland. Er<br />

war vielleicht in mancher Hinsicht pointierter,<br />

zugespitzter als in anderen Ländern.<br />

Keine europäische Großmacht<br />

aber war frei davon. Auch in Frankreich<br />

wurde das Militär verherrlicht. Es gab<br />

bei den Deutschen vor 1914 keinen Plan,<br />

eine andere Großmacht anzugreifen.<br />

Ähnlich sah es Jörg Friedrich jüngst<br />

im <strong>Cicero</strong>-Gespräch. Ihr Kollege Gerd<br />

Krumeich schreibt jedoch, „die Explosion<br />

des Juli 1914 gab es, weil das Deutsche<br />

Reich auf den Zünder drückte“.<br />

Clark: Dem muss ich widersprechen.<br />

Selbstverständlich trug der Blankoscheck<br />

an Österreich-Ungarn zur Eskalation<br />

bei. Da<strong>durch</strong> lud das Deutsche Reich<br />

sich einen wichtigen Anteil der Verantwortung<br />

für den Kriegsausbruch auf die<br />

Schultern. Auf den Zünder gedrückt hat<br />

es aber keineswegs. Zum einen gab es<br />

nach dem Blankoscheck eine Vielzahl<br />

von Entscheidungen, ohne die der Krieg<br />

nicht zustande gekommen wäre. Bereits<br />

davor trug die Entente zur Verschärfung<br />

bei, indem sie Serbien zu eigenen Zwecken<br />

instrumentalisierte. Vor allem Russland<br />

tat sich hervor.<br />

Kleeberg: Mir scheint die Politik im<br />

Deutschland der Vorkriegszeit weniger<br />

militaristisch denn naiv, wenn nicht infantil<br />

gewesen zu sein. Man hatte keine<br />

konkreten politischen Ziele, stellte aber<br />

Österreich-Ungarn den Blankoscheck für<br />

ein Vorgehen gegen Serbien aus.<br />

Clark: Wir können uns alle darauf<br />

einigen, dass der Blankoscheck im Rückblick<br />

ein katastrophaler Fehler war.<br />

Das wird Ihr Kollege Jörn Leonhard<br />

gerne hören. Sie würden, sagt er, die<br />

Bedeutung des Blankoschecks zu wenig<br />

herausstellen.<br />

Clark: Ich will den Blankoscheck<br />

in keiner Weise verteidigen. Wir sollten<br />

aber versuchen, die damalige Entscheidung<br />

zu verstehen. Sie beruhte nicht auf<br />

Kriegslüsternheit, sondern auf der Tatsache,<br />

dass die Deutschen nur einen einzigen<br />

Partner hatten, Österreich-Ungarn.<br />

Italien war faktisch ausgeschieden<br />

aus dem Dreibund, paktierte mit Frankreich<br />

und Großbritannien. Man hätte den<br />

Der Schuss eines serbischen Nationalisten auf den österreichischen Thronfolger<br />

Franz Ferdinand entfesselte den Weltkrieg. Foto und Zeichnung, 1914<br />

letzten Verbündeten preisgegeben, wenn<br />

man das Habsburgerreich vor den Kopf<br />

gestoßen hätte. Die Alternative zur Unterstützung<br />

hätte bedeutet, ihnen zu sagen,<br />

dass sie keine Großmacht mehr sind<br />

und keine Genugtuung verlangen dürfen.<br />

Kleeberg: Mich wundert die deutsche<br />

Sehnsucht nach der Alleinschuld<br />

nicht. Die zwölf Jahre der nationalsozialistischen<br />

Gewaltherrschaft wirken<br />

wie ein umgekehrtes Brennglas für die<br />

deutsche Selbsterinnerung. Im Fall Fritz<br />

Fischers, der selbst Nationalsozialist gewesen<br />

war, mag Exkulpation eine Rolle<br />

gespielt haben. Wenn die Bosheit der<br />

Deutschen schon 1914 oder noch früher<br />

begann, erscheint das Unheil der Jahre<br />

1933 ff. weniger als Zäsur.<br />

Clark: Fischer und seine Generation<br />

waren <strong>durch</strong> das Dritte Reich für die<br />

Frage nach der deutschen Schuld sensibilisiert.<br />

Das ist verständlich. Dennoch<br />

ist Fischers Psychogramm der deutschen<br />

Eliten im Kaiserreich mitsamt ihrer Paranoia<br />

und all ihrem Bellizismus nicht<br />

falsch – wenngleich sich ein ähnliches<br />

Psychogramm bei anderen Großmächten<br />

zeichnen ließe. Nicht mehr stichhaltig<br />

sind seine Argumente, die Deutschen<br />

hätten einen Krieg geplant und sogar<br />

dessen Timing vorab bestimmt.<br />

Kleeberg: In Thomas Manns „Doktor<br />

Faustus“ führt der Versuch, des Unerklärlichen<br />

irgendwie Herr zu werden, zu<br />

einer Genealogie der deutschen Schuld,<br />

die zurückreicht bis Martin Luther.<br />

War der Pickelhauben-Patriotismus<br />

wirklich unerklärlich?<br />

Kleeberg: Zumindest gab es eine bemerkenswerte<br />

Asynchronität. Das Deutsche<br />

Reich hatte eine fortschrittliche Sozialpolitik,<br />

wie sie Frankreich nach 1946<br />

einführte, ein parlamentarisches System,<br />

das dem Englands Jahrzehnte voraus war.<br />

Clark: Jeder männliche Deutsche<br />

durfte wählen. Vergessen wir nicht die<br />

soziale Marktwirtschaft. Neben dem Militarismus<br />

gab es Antimilitarismus, gab<br />

es Liebknechts fantastisches Antikriegsbuch<br />

von 1907, gab es einen „Hauptmann<br />

von Köpenick“, dessen Hochstapelei die<br />

Armee der Lächerlichkeit preisgab.<br />

Kleeberg: Dennoch müssen wir<br />

starke Tendenzen in der intellektuellen<br />

Welt feststellen, die parlamentarische<br />

Fotos: AKG Images<br />

122<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


SALON<br />

Gespräch<br />

Demokratie als „Quasselbude“ zu verunglimpfen.<br />

Oswald Spengler und Houston<br />

Stewart Chamberlain wurden breit rezipiert.<br />

Die Suche nach einem deutschen<br />

Sonderweg, einer Volksgemeinschaft jenseits<br />

von Demokratie und Kommunismus,<br />

war weit verbreitet.<br />

Clark: Das war die sogenannte deutsche<br />

Mission zwischen Osten und Westen,<br />

Sozialismus und Kapitalismus.<br />

Es kam also 1914 trotz europäischer Vernetzung<br />

und ohne konkrete Kriegsziele<br />

zu einem Krieg, der den Kontinent verheerte.<br />

Bewahren weder Kultur noch<br />

Geist vor solchen Tragödien?<br />

Clark: Ja, leider ist das so.<br />

Lehrt die Geschichte nur traurige<br />

Lektionen?<br />

Clark: In der EU hat Europa eine Lösung<br />

gefunden für das Problem des Krieges.<br />

Es ist eine regionale Lösung, außerhalb<br />

Europas wird Krieg geführt wie eh<br />

und je. Außerdem fällt es den Europäern<br />

schwer, die als Friedensordnung konzipierte<br />

EU machtpolitisch zu füllen. Es<br />

gibt keine europäische Interessenpolitik.<br />

Kleeberg: Fast alle großen Ideen, die<br />

die Menschheit begeistert haben, mussten<br />

<strong>durch</strong> einen gewonnenen Krieg beglaubigt<br />

werden. Ohne den Unabhängigkeitskrieg<br />

und ohne die Kanonade von<br />

Valmy hätten die humanistischen Ideen<br />

der Amerikanischen und der Französischen<br />

Revolution nicht gegriffen. Im Fall<br />

des vereinigten Europas stand hingegen<br />

der Krieg am Beginn, und nun haben wir<br />

eine programmatische Lücke.<br />

Peter Sloterdijk schreibt in „Die schrecklichen<br />

Kinder der Neuzeit“ mit Blick auf<br />

das Attentat von Sarajewo: „Jede Seite von sich selbst.<br />

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hatte den Vorgang für sich so lange zurechtformuliert,<br />

bis sie imstande war,<br />

die eigene Entscheidung als eine von<br />

heiliger Notwendigkeit diktierte Antwort<br />

auf die unerträgliche Provokation<br />

der anderen zu begründen.“<br />

Clark: Das stimmt. Es ist faszinierend,<br />

wie schnell die Mächte um dieses<br />

Attentat eine Geschichte webten. Die<br />

Russen sahen im gemordeten Thronfolger<br />

einen Regenten im Wartestand, den<br />

sowieso niemand mochte. Serbien habe<br />

mit dieser verschwörerischen Tat nichts<br />

zu tun – obwohl wir wissen, dass staatliche<br />

Akteure verstrickt waren. Frankreich<br />

und Großbritannien pflichteten<br />

dieser Geschichte bei. Für die Österreicher<br />

war klar, wie es mit dem Buchtitel<br />

Friedrich Würthles hieß, „Die Spur<br />

führt nach Belgrad“. In ihrer konkurrierenden<br />

Erzählung stellen sie sich als<br />

harmlose Bauern dar, aus deren Obstgarten<br />

böse Kinder immer wieder Äpfel<br />

klauen, bis man ihnen, den serbischen<br />

Burschen, endlich mit dem Stock nachgeht.<br />

Die gesamte serbische Staatspolitik,<br />

hieß es, habe nur auf Hass gegen Österreich<br />

beruht: ebenso erdichtet wie die<br />

russische Erzählung.<br />

Also: Hütet euch vor großen Erzählungen,<br />

werdet Pragmatiker?<br />

Clark: Pragmatische Gestalten bringen<br />

die Welt nach jenen Katastrophen in<br />

Ordnung, für die Fanatiker gesorgt haben.<br />

Was für ein wunderbarer Pragmatiker<br />

war doch Gustav Stresemann<br />

und welch schrecklicher Fanatiker dann<br />

Adolf Hitler. Andererseits brauchen auch<br />

Pragmatiker eine Idee, die sie leitet. Daran<br />

ermangelt es der EU. Sie ist zu pragmatisch<br />

und hat zu wenig Bewusstsein<br />

Hat die Poesie eine Idee von Europa?<br />

Kleeberg: Die Schriftsteller der Gegenwart<br />

bieten keine Großerzählung<br />

von Europa an, sondern bereiten den<br />

Humus, indem sie regionale und lokale<br />

Erzählungen verfertigen. So kann europäisches<br />

Bewusstsein reifen. James<br />

Joyce schilderte in „Ulysses“ einen einzigen<br />

Tag in Dublin. Das Ergebnis war<br />

europäische Weltliteratur. Heute holt<br />

ein Mircea Cartarescu Rumänien eindrücklicher<br />

nach Europa als jede politische<br />

Initiative.<br />

Clark: Auch politisch wäre Europa<br />

ohne Regionalismen nie zustande gekommen.<br />

Die Regionen haben Europa über<br />

die Asche des Krieges hinweg gerettet.<br />

Was bietet Europa sonst der Welt?<br />

Kleeberg: An einer gesamteuropäischen<br />

Schriftstellerkonferenz neulich in<br />

Berlin nahmen Kollegen aus Weißrussland<br />

und Moldawien teil. Da wurde mir<br />

deutlich, welchen Glanz dieses vereinigte<br />

Europa ausstrahlt. Es ist das Paradies<br />

der Rechtssicherheit.<br />

Clark: Demokratie und soziale<br />

Marktwirtschaft möchte ich ergänzen.<br />

Kleeberg: Und die Abwesenheit von<br />

Folter und epidemischer Korruption.<br />

Clark: Es fehlt aber eine gemeinsame<br />

europäische Erinnerung. Die Geschichtsschreibung<br />

Europas steckt in<br />

den Kinderschuhen. Mit den „Schlafwandlern“<br />

wollte ich nicht die schrecklich<br />

unüberlegte deutsche Außenpolitik<br />

von 1914 nobilitieren, sondern die europäische<br />

Katastrophe europäisch darstellen.<br />

Der Erste Weltkrieg wurde nicht<br />

von einem einzigen Staat Europa aufgezwungen.<br />

Er war das Ergebnis mal fataler,<br />

mal leichtfertiger europäischer Interaktionen.<br />

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SALON<br />

Literaturen<br />

Neue Bücher, Texte, Themen<br />

Moderne Klassiker<br />

So beginnt der große Lesesommer<br />

Mit den Werken von Virginia Woolf in allen Stil- und Tonlagen:<br />

Romane, Essays, Briefe und Tagebücher<br />

Niemals in ihrem von 1882 bis<br />

1941 reichenden Leben hat die<br />

englische Schriftstellerin Virginia<br />

Woolf ein Flugzeug bestiegen und damit<br />

etwa einen Rundflug über London unternommen<br />

– zweimal war sie immerhin,<br />

zu allem entschlossen, auf dem Flughafen<br />

in Hendon erschienen, „aber jedes Mal<br />

weigerte sich das Flugzeug, sich in die<br />

Luft zu erheben“, wie sie ihren Londoner<br />

Freunden berichtete. „Als Flieger-Leutnant<br />

Hopgood sich vorbeugte und den<br />

Motor aufheulen ließ, hatte er irgendeinen<br />

Defekt in der Maschine entdeckt,<br />

und den Kopf hebend hatte er nur sehr<br />

schafsköpfig gesagt, ‚Tut mir leid, heut<br />

wird’s nix‘.“<br />

Diese Sätze wiederum kann man nun<br />

in einer sieben Seiten langen Geschichte<br />

lesen – und verwunderlicherweise gibt<br />

Virginia Woolf darin einen höchst präzisen<br />

Bericht davon, was es heißt, in einem<br />

Flugzeug zu sitzen und von ganz<br />

oben herunterzuschauen. „Man könnte<br />

sich nichts Phantastischeres vorstellen“,<br />

schreibt sie. „Häuser, Straßen, Banken,<br />

öffentliche Gebäude, und Gewohnheiten<br />

und Hammel und Rosenkohl waren<br />

zu langen Spiralen und Kurven von<br />

Rosa und Purpurrot hingestrichen (…).<br />

Man konnte <strong>durch</strong> die Bank von England<br />

hin<strong>durch</strong>sehen; alle Geschäftshäuser<br />

waren <strong>durch</strong>sichtig; der Themse-Fluss<br />

war, wie ihn die Römer sahen, wie der<br />

Mensch der Altsteinzeit ihn sah, zur Morgenfrühe<br />

von einem Hügel mit zottigem<br />

Foto: www.bridgemanart.com<br />

124<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


Wald aus (…), und England war Erde nur,<br />

nur die Welt.“ Klar: Letztlich macht es<br />

einer Schriftstellerin gar nichts aus, ob<br />

sie nun tatsächlich geflogen ist oder nicht.<br />

Wozu hat sie ihre Fantasie?<br />

Was Virginia Woolf mit ihrer quicklebendigen<br />

Vorstellungskraft anfing, wie<br />

da aus schlichten Alltagsszenen – etwa<br />

aus einer älteren, ärmlichen Frau im Zug<br />

und ihrem leicht bedrohlich wirkenden<br />

Reisebegleiter – eine Geschichte, ja fast<br />

schon die Vorstufe zu einem Roman erwachsen<br />

konnte, das findet sich nun in<br />

den Bänden „Das Totenbett des Kapitäns“<br />

und „Granit und Regenbogen“.<br />

Zugleich schließen sie ein verlegerisches<br />

Großunternehmen ab, dessen Entstehung<br />

sich über insgesamt 25 Jahre erstreckt<br />

hat. Die Rede ist von der von Klaus Reichert<br />

herausgegebenen, neu übersetzten<br />

und kommentierten Gesamtausgabe<br />

der Werke, Briefe und Tagebücher Virginia<br />

Woolfs. Vollendet, läutet sie jetzt<br />

einen langen Sommer der Lesegenüsse<br />

ein: Man kann herumstöbern in Woolfs<br />

teils persönlichen, dann wieder intellektuellen<br />

oder politisch eingreifenden Texten,<br />

nicht zuletzt aber in ihren Romanen<br />

und Erzählungen – und gerechterweise<br />

ertönt an dieser Stelle eine Fanfare für<br />

den S. Fischer-Verlag, der dieses Bücherglück<br />

zuwege gebracht hat.<br />

Hat etwa noch jemand geglaubt,<br />

Gedrucktes sei überholt? Wer die bunte,<br />

von der Malerin Sarah Schumann mit<br />

expressiven Umschlägen ausgestattete<br />

Reihe dieser Bücher vor sich sieht, wird<br />

da nur lachen. Natürlich kann man den<br />

sogenannten content umstandslos auch<br />

in elektronischer Form konsumieren –<br />

wirklich aufblühen aber werden diese<br />

Werke nur, wenn man sie in mal gebundener,<br />

mal kartonierter Form in Händen<br />

hält, sie von hier nach dort mit sich<br />

herumgeschleppt hat und sie auch mal<br />

von Wind und Salz und Sonne bearbeiten<br />

lässt. Wer in der Woolf’schen Bücherburg<br />

seinen Sommer verbringt, dem wird<br />

sich am Ende jedenfalls eine Welt geöffnet<br />

haben. Doch schaut auch die eigene<br />

Gegenwart hernach plötzlich anders aus:<br />

Der fantasiegeladene Wirklichkeitsblick<br />

dieser Autorin wirkt unvermeidlich<br />

ansteckend.<br />

Das kommt unter anderem daher,<br />

dass er in diesem 1915 mit dem Roman<br />

„Die Fahrt hinaus“ beginnenden, mit<br />

„Man konnte<br />

<strong>durch</strong> die Bank<br />

von England<br />

hin<strong>durch</strong>sehen,<br />

alle Geschäftshäuser<br />

waren<br />

<strong>durch</strong>sichtig,<br />

und England war<br />

nur die Welt“<br />

Virginia Woolf<br />

dem Roman „Zwischen den Akten“ im<br />

Jahr 1941 endenden Werk in ganz unterschiedlichen<br />

Formen auf die unterschiedlichsten<br />

Gegenstände fällt – kein Wunder,<br />

dass diese Bücher Filmemacher zu unvergesslichen<br />

Filmen wie „Orlando“ (1992<br />

mit Tilda Swinton) oder „The Hours“<br />

(2002 mit Meryl Streep und Nicole Kidman)<br />

inspiriert haben. Lesend reisen<br />

wir da jetzt mit einer Familie und deren<br />

Künstlerfreunden nach Cornwall, verbringen<br />

mit ihnen den Sommer und lernen<br />

die Hoffnungen und Wünsche, aber<br />

auch das Verzagen und Versagen dieser<br />

Menschen kennen („Die Fahrt zum<br />

Leuchtturm“). Dann wieder folgen wir<br />

dem Tageslauf der wohlsituierten „Mrs<br />

Dalloway“, die eine Dinnerparty vorbereitet<br />

und auf ihren Einkaufswegen einem<br />

im Ersten Weltkrieg schwer traumatisierten,<br />

seither von Wahnvorstellungen<br />

verfolgten Mann begegnet. Oder wir sehen<br />

das Leben des Hundes „Flush“ vor<br />

uns und treffen im Roman „Die Wellen“<br />

auf sechs Menschen, die miteinander<br />

schon als Kinder befreundet waren<br />

und nach Jahrzehnten auf ihre allmählich<br />

auseinandergedrifteten Lebensgeschichten<br />

zurückblicken.<br />

Auf unserer Stöber- und Lesetour begegnen<br />

wir konventionell Erzähltem wie<br />

der Familiengeschichte der Pargiters in<br />

„Die Jahre“, dann aber auch wieder einem<br />

ganz auf Stimmungen und Wahrnehmung<br />

setzenden Roman wie „Jacobs<br />

Zimmer“ und in „Orlando“ schließlich<br />

einer über mehrere Jahrhunderte ausgreifenden<br />

Biografie, deren Held einmal<br />

männlich, dann wieder weiblich ist.<br />

Tagebücher und Briefe führen in das<br />

umtriebige tägliche Leben der Schriftstellerin<br />

selbst hinein, die sich seit 1913<br />

im von ihr und ihrem Mann Leonard<br />

gegründeten Verlag The Hogarth Press<br />

auch noch als Lektorin und Setzerin betätigte.<br />

Von Jahr zu Jahr wächst so ein<br />

vielfarbig schillerndes zeit- und kulturgeschichtliches<br />

Panorama des Lebens in<br />

der Stadt London in der ersten Hälfte<br />

des 20. Jahrhunderts zusammen. Adlige<br />

tummeln sich darin und Politiker, Wissenschaftler,<br />

Künstler und Intellektuelle,<br />

und alle miteinander bilden sie eine Produktionsgemeinschaft<br />

der inspirierenden<br />

Art, bis der Zweite Weltkrieg mit den<br />

deutschen Bombenangriffen auf England<br />

alles zum Stillstand bringt.<br />

Natürlich kommt auch das Privateste<br />

nicht zu kurz: nicht die komplexe Ehe<br />

des Politikers und Schriftstellers Leonard<br />

Woolf mit der Gelehrtentochter<br />

Virginia Stephen, nicht deren Liebesaffäre<br />

mit der dem Hochadel entstammenden<br />

Autorin Vita Sackville-West – kein<br />

Skandalon wird hier ausgelassen, auch<br />

kein Schrecken und erst recht kein Glück.<br />

Sodass, wer vom Roman zu den Briefen,<br />

von diesen wieder zu den Essays und Tagebüchern<br />

wechselt, am Ende außer betörender<br />

Kunst auch reale Biografien und<br />

Geschichte in the making erlebt. Sodass<br />

er schließlich nicht nur weiß, was alles<br />

Virginia Woolf in ihren jeweiligen Lebensphasen<br />

unternommen hat, sondern<br />

auch, wie das vor sich ging. Und merkwürdig:<br />

Obwohl anfangs noch Kutschen<br />

fahren und es von Bedeutung ist, was der<br />

König von England zur aktuellen Politik<br />

sagt – am Ende bemerken wir, wie sich<br />

<strong>durch</strong> die Lektüre auch unsere Wahrnehmungsorgane<br />

geöffnet haben: für unsere<br />

eigene Zeit. Sich dieser sinnlichen Erfahrung<br />

lesend zu überlassen, gibt der nun<br />

anbrechende Sommer die schönste Gelegenheit.<br />

Frauke Meyer-Gosau<br />

Virginia Woolf<br />

„Das Totenbett des Kapitäns“<br />

Aus dem Englischen von Hannelore Faden und<br />

Helmut Viebrock<br />

S. Fischer, Frankfurt a. M. 2014. 284 S., 19,99 €<br />

125<br />

<strong>Cicero</strong> – 7. 2014


SALON<br />

Literaturen<br />

Philosophie und Zeitkritik<br />

Bastarde sind wir alle<br />

Doch nicht reaktionär: Peter Sloterdijk zeichnet die Moderne als<br />

eine bodenlose Epoche und schilt die gegenwärtige Politik<br />

Es ist der Sound, der Peter Sloter dijks<br />

Bücher unverwechselbar macht.<br />

Dieser Sound ist sein Lebenselixier,<br />

sodass fünf Jahre nach „Du musst dein<br />

Leben ändern“, zwei Jahre nach „Zeilen<br />

und Tage. Notizen 2008 – 2011“ das<br />

nächste 500-Seiten-Werk aus der Karlsruher<br />

Klangmanufaktur vorliegt. Schon<br />

auf den einleitenden Seiten, präludiumslos,<br />

ist die Melange aus Metaphorik und<br />

Umgangssprache, Bonmot und Struktur,<br />

Begriffsverschärfung und Gedankenwirbelei,<br />

oft auch Superlativ und Litotes<br />

ganz da. „Der Mensch“, lautet der erste<br />

Satz, „ist das Tier, dem man die Lage erklären<br />

muss.“ Ebendies tut der als „man“<br />

getarnte philosophische Schriftsteller sofort<br />

in hohem Tempo. Er sagt uns con<br />

moto, was Sache ist und wie die Dinge<br />

stehen, heute, da Moderne und Unheil<br />

nicht länger verfeindet sind.<br />

Der Mensch sei ein spezielles Tier –<br />

ein Tier, das erben kann und das sich<br />

korrumpieren lässt. Die Moderne wird<br />

„Zeitalter der selbstverstärkenden Prozesse“<br />

und der chronischen Improvisation<br />

genannt, sie beschreibe einen<br />

Kreislauf des Bodenlosen, Moderne sei<br />

authentisch, „wo immer das Interesse an<br />

Enterbung und Neubeginn aufflammt“.<br />

Damit ist das Leitmotiv angeschlagen.<br />

In dieser ebenso süffigen wie weit ausladenden<br />

Gedankenpartitur werden die<br />

zum Teil hart sich aneinander reibenden<br />

Themen <strong>durch</strong> die Frage nach dem<br />

Stellenwert des Erbes und des Erbens<br />

zusammengehalten. Die titelgebenden<br />

schrecklichen Kinder sind – aus Vätersicht<br />

– rebellische Söhne, die von den Alten<br />

sich radikal abwenden und so einen<br />

„revolutionären Hiatus“ verursachen. Im<br />

Originalklang: Es sind die „aus der Art<br />

Geschlagenen, Verräter am Herkommen<br />

und Totengräber des Habitus, von denen<br />

moderne Zeiten behaupten, sie hätten die<br />

Menschheit vorangebracht“.<br />

Genüsslich führt Sloterdijk die Moderne<br />

auf ihr „Wurzelwort“ zurück, die<br />

Mode. Oft gewinnt er seine Erkenntnisse<br />

„rückblickend“, „im Rückblick“. An der<br />

Gegenwart missfällt ihm manches: Pfusch<br />

und Reparatur seien die Leitbegriffe des<br />

21. Jahrhunderts, Politik scheine nur als<br />

„ausgeweiteter Pannendienst“ möglich,<br />

der Staat mäste sich zum „allzuständigen<br />

Problemlöser“ – ist also aus der Art<br />

geschlagen. Das offizielle Begriffsmanagement<br />

wiederum sei peinlich, „Integration“<br />

bloße „Spielmarke in hohlen<br />

politischen Diskursen“, Unsinn gar das<br />

Schlagwort „Global Governance“. Von<br />

postkolonialen Studien hält er wenig,<br />

süffisant setzt er – wie vieles – den „Respekt“,<br />

den Homosexuelle sich zu organisieren<br />

mühten, in Gänsefüßchen, das<br />

Genderdeutsch schlägt er mit dessen eigenen<br />

Waffen: „Jedem (!) Leser“ sei es<br />

freigestellt, von einer Liste neuzeitlicher<br />

Gründergestalten die weiblichen Formen<br />

zu bilden.<br />

Insofern bewegt sich Sloterdijk auf<br />

den Spuren der Madame de Pompadour.<br />

Mit dem für 1757 verbürgten Ausspruch<br />

„Nach uns die Sintflut“ habe die,<br />

so Sloterdijk, Erfinderin des politisch<br />

inkorrekten Redens die „fröhliche Wissenschaft<br />

vom Leben in bodenloser Zeit“<br />

begründet. Ebendarin brilliert der Denker<br />

mit der Halbbrille und dem Löwenhaar.<br />

Stets vergnüglich und meistens erhellend<br />

ist es, ihn zu lesen. Der Vorrang<br />

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29.05.–30.11.2014<br />

Deutsches Historisches Museum<br />

Unter den Linden 2 ∙ 10117 Berlin<br />

www.dhm.de ∙ Täglich 10–18 Uhr


des Aperçus vor dem System ist kein<br />

Webfehler, sondern die Einlasskarte zu<br />

den „Schulbänken des Sarkasmus“, vor<br />

denen Sloterdijk seine Lektionen erteilt.<br />

Was mit der Maitresse des Bourbonenkönigs<br />

begonnen haben soll, „die Umdeutung<br />

des Verhältnisses von Vergangenheit<br />

und Zukunft“, der „Feldzug ins<br />

reine Futur“, der nicht in den Alten und<br />

den Toten das nachahmenswerte Exempel<br />

erblickt, sondern in den Zeitgenossen,<br />

fächert Sloterdijk im zentralen, im stärksten<br />

Kapitel auf, einem Panorama sieben<br />

historischer Miniaturen zwischen 1793<br />

und 1971, Nachtstücken der Aufklärung,<br />

fast in Callots Manier.<br />

Da wäre Napoleon Bonaparte, den<br />

Sloterdijk, an historisch-politischer Korrektheit<br />

desinteressiert, den „größten<br />

Aggressor des Jahrtausends“ ruft. Dessen<br />

Selbstkrönung zum Kaiser 1804 sei<br />

paradigmatisch für die Schrecklichen;<br />

er war „nichts als der Sohn seiner Taten“,<br />

ein stolzer Bastard, in dessen Dasein<br />

sich Herkunft und Zukunft trennten.<br />

Oder „Schreibtisch-Liquidator“ Lenin,<br />

der mit Terror und Bürokratie den modernen<br />

„Sturz nach vorn“ (Nietzsche) institutionalisierte.<br />

Oder Hitler, ein „Epigone<br />

Lenins und Mussolinis“, der eine<br />

„deutsche Version des Langen Marschs“<br />

entwarf. Oder die Hasardeure des Papiergelds,<br />

die 1971 die Abkehr der USA<br />

vom Prinzip der Golddeckung auskungelten.<br />

Seitdem ist alle Wirtschaftspolitik<br />

Luftbuchung, „Liquiditätszauber“. Mario<br />

Draghi wird es ungern lesen.<br />

„War die<br />

Moderne das<br />

Weltalter<br />

der Projekte,<br />

erweist sich<br />

die Postmoderne<br />

als das Zeitalter<br />

der Reparaturen“<br />

Peter Sloterdijk<br />

Ist Sloterdijk reaktionär geworden?<br />

Nein, er blieb ein gut gelaunter Zyniker.<br />

Golden waren die Zeiten nie, „rückblickend“<br />

ortet er in der Antike einen Angriff<br />

der Gegenwart auf das Gewesene.<br />

Aristophanes wandte sich gegen den<br />

„Quark der alten Sitte“, Jesus von Nazareth<br />

sei das „schrecklichste Kind der<br />

Weltgeschichte“ mit seiner „schroff familienfeindlichen<br />

Doktrin“ geistiger Nachkommenschaft:<br />

„Wer aus dem Absoluten<br />

kommt, braucht keine bärtigen Vorfahren<br />

aus den Zelten der Patriarchen.“<br />

Sloterdijks clowneske Volten wider<br />

den Monotheismus sind aus „Gottes Eifer“<br />

bekannt und minder originell. Seltsam,<br />

dass er, um den Riss zwischen den<br />

Generationen zu grundieren, auf die augustinische<br />

Erbsündenlehre rekurriert,<br />

ohne dem Vater allen Väterdenkens, dem<br />

Patriarchen Abraham, zum Recht zu verhelfen.<br />

Schade auch, dass er die symptomatische<br />

„Geschichte des Erben“ von<br />

Rudolf Borchardt (1922) nicht aufgegriffen<br />

hat. „Ich nehme weder eure Art noch<br />

euer Schicksal (…) in mein Wesen hinüber!“,<br />

schleudert da ein Adam K. der<br />

Mutter und den Geschwistern entgegen.<br />

Deutlich wird: Der Mensch, „das<br />

in Erbgeschichten verstrickte Wesen“,<br />

hat eben zu oft Tabula rasa gemacht,<br />

zu gründlich entsorgt, was Gegenwart<br />

hieß. Das Dauern kam zu rasch aus der<br />

Mode. Nun sitzt der Mensch sehr einsam<br />

am Tisch des Hauses, das ihm nicht<br />

gehört, liest Sloterdijk und seufzt wohlig,<br />

wenn er auf Seite 90 angekommen<br />

ist: „Es werden in Menschenkörpern der<br />

wohlhabenden Hemisphäre ständig mehr<br />

Fettreserven aufgebaut, als <strong>durch</strong> Bewegungsprogramme<br />

und Diäten abzubauen<br />

sind.“ Auch dieser Hiatus ist Peter Sloterdijk<br />

nicht entgangen. Alexander Kissler<br />

Peter Sloterdijk<br />

„Die schrecklichen Kinder der<br />

Neuzeit“<br />

Suhrkamp, Berlin 2014, 490 S., 26,95 €<br />

Anzeige<br />

www.fischerverlage.de<br />

432 Seiten, gebunden, € (D) 19,99<br />

»Ich kritisiere nicht.<br />

Ich lehne ab.«<br />

sagt Nelia Fehn in einem Interview über ihren ersten<br />

Roman, der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis<br />

steht. Sie trifft auf einen Literaturbetrieb, der nur noch<br />

sich selbst inszeniert, und sucht nach einem Weg, sich<br />

in der Sprache ihre innere Freiheit zu bewahren.<br />

Marlene Streeruwitz gewährt uns einen Insider-Einblick<br />

in das Literaturgetriebe, und es gelingt ihr, aus dem<br />

Ende der Literatur Literatur zu machen.<br />

Foto: Isolde Ohlaum


SALON<br />

Literaturen<br />

Religion<br />

Gegen den<br />

Werterelativismus<br />

Ronald Dworkin<br />

formuliert ein atheistisches<br />

Glaubensbekenntnis<br />

Faust, der Tragödie erster Teil. Zwei<br />

Frischverliebte im Garten: „Nun<br />

sag, wie hast du’s mit der Religion?“,<br />

will Gretchen von ihrem Verehrer wissen.<br />

Faust antwortet etwas zögerlich. Mit einem<br />

Schöpfer, der ihn zur Messe und in<br />

den Beichtstuhl zitiere, könne er wenig<br />

anfangen. Statt in der Kirche mache er<br />

Transzendenzerfahrungen lieber in der<br />

freien Natur oder beim wissenschaftlichen<br />

Studium.<br />

Kurz vor seinem Tod im Jahr 2013<br />

hat sich Ronald Dworkin, der liberale<br />

Star unter den amerikanischen Rechtsphilosophen,<br />

an eine aktualisierte Antwort<br />

auf die Gretchen-Frage gewagt.<br />

Folgt man seinem Begriffsverständnis,<br />

hätte Faust sich sehr wohl als religiösen<br />

Menschen bezeichnen dürfen. Dworkin,<br />

zu Lebzeiten als streitlustiger Intellektueller<br />

berüchtigt, gibt sich in seinem posthum<br />

erschienenen Buch „Religion ohne<br />

Gott“ als Schlichter zwischen Gottesfürchtigen<br />

und Atheisten, zu denen er<br />

sich selbst zählt. Demnach teilen die<br />

meisten Menschen, ob nun konfessionsfrei<br />

oder nicht, denselben „ursprünglich<br />

religiösen Impuls“: Es herrsche in der Regel<br />

Einigkeit darüber, dass Grausamkeit<br />

verwerflich und der Grand Canyon von<br />

überwältigender Schönheit sei. Könnte<br />

man angesichts dieser fundamentalen<br />

Übereinstimmung nicht einen Moment<br />

die Vorstellung eines höchsten Wesens<br />

mit Rauschebart, wie es einst von Michelangelo<br />

an die Decke der Sixtina gemalt<br />

wurde, beiseitelassen und sich vertragen?<br />

Wahrscheinlich werden sich Al-<br />

Qaida-Terroristen und militante Evangelikale<br />

in den USA von diesem Appell<br />

nicht beeindrucken lassen. Anderen mag<br />

die seit der Aufklärung proklamierte<br />

Überzeugung, dass moralische Grundsätze<br />

unabhängig von einem personalen<br />

Gott gelten, wenig originell erscheinen.<br />

Dennoch lohnt es sich, Dworkins Ausführungen<br />

im Detail zu folgen. Statt<br />

einer Sonntagspredigt für das säkularisierte<br />

Bewusstsein liefert er eine konsequent<br />

<strong>durch</strong>dachte Illustration jener<br />

Position, die unter Philosophen „Wertrealismus“<br />

genannt wird. So ist die Würde<br />

des Menschen für Dworkin nicht nur eine<br />

humanistische Behelfskonstruktion; die<br />

Schönheit des Universums ist nicht auf<br />

irgendeinen Mechanismus der menschlichen<br />

Psyche zurückzuführen. In beiden<br />

Fällen – umfassend hat er dies in<br />

seinem moralphilosophischen opus magnum<br />

„Gerechtigkeit für Igel“ (2012)<br />

erläutert – handelt es sich um „objektive<br />

Werte“, aus denen sich moralische<br />

Grundsätze ergeben, die ebenso wahr<br />

sind wie die Axiome der Mathematik. So<br />

geht es in diesem atheistischen Glaubensbekenntnis<br />

nicht nur darum, moderne<br />

Gotteskrieger zu entwaffnen. Ebenso<br />

entschieden widerspricht Dworkin dem<br />

postmodernen Relativismus, demzufolge<br />

moralische Maßstäbe <strong>durch</strong> jeweilige<br />

kulturelle Faktoren bedingt werden.<br />

Für einen Wertrealisten hingegen gibt es<br />

unanfechtbare Kriterien, nach denen sich<br />

ethische und politische Grundkonflikte<br />

eindeutig lösen lassen. So vertritt Dworkin<br />

bei der Abtreibung oder mit Blick auf<br />

die Schweizer Debatte um den Bau von<br />

Minaretten eine radikal liberale Position.<br />

Nur über die Prinzipien, auf die er<br />

seine Weltoffenheit stützt, lässt sich nicht<br />

diskutieren.<br />

Ein wenig konturlos fällt die säkularisierte<br />

Unsterblichkeitshoffnung im<br />

Schlusskapitel dennoch aus. Ein Leben,<br />

in dessen irdischem Verlauf Gutes<br />

zustande gebracht wird, kommt laut<br />

Dworkin einem Kunstwerk mit unvergänglichem<br />

Wert gleich. In diesem Zusammenhang<br />