Doctor John Bull und die Orgel1 - Schott Music

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Doctor John Bull und die Orgel1 - Schott Music

So wie

organ

Thema

der Teufel ...

Doctor John Bull

und die Orgel 1

Von Thilo Muster, Basel

Der englische Komponist John Bull (1563-1628) bildet

ein klassisches Beispiel für jenes musikgeschichtliche

Paradoxon, dass ein Komponist zwar dem

Namen nach jedermann geläufig ist, ja sogar über eine

gewisse Berühmtheit verfügt, seine Musik in großen

Teilen jedoch gleichzeitig unbeachtet geblieben ist. Dies

gilt wohl ganz besonders für die Orgelmusik, die Bull

hinterlassen hat. Er wird gemeinhin, gemeinsam mit

William Byrd und Orlando Gibbons, als ein Hauptvertreter

der Schule der englischen „Virginalisten“ bezeichnet;

gleichwohl: ein Großteil seiner (erhaltenen)

Werke ist uns heute kaum geläufig.

Das Clavierwerk Bulls 2 ist in zwei umfangreichen Bänden

der Musica Britannica veröffentlicht. 3 Aus praktischen

Erwägungen enthält Band 1 Fantasien und Cantus-firmus-bezogene

Kompositionen, Band 2 Tanzsätze

und Variationen. Im Konzert und ebenso auf Tonträgern

wird der Hörer heute fast ausschließlich mit der im

zweiten Band publizierten Musik konfrontiert, während

das Repertoire des ersten Bandes sträflichst vernachlässigt

wird, sieht man von wenigen In Nomine-Bearbeitungen

einmal ab.

Nun vereint aber gerade der erste Band denjenigen Teil

von Bulls kompositorischem Œuvre, der aufgrund der

überwiegend polyphonen Faktur der Stücke am überzeugendsten

auf der Orgel klingt; darunter befinden

sich wahrhaft verblüffende Meisterwerke, die in puncto

Originalität und Virtuosität ihresgleichen suchen.

Stationen der Biografie Bulls

„Es gibt kaum einen Komponisten, dessen Leben mehr

von Legende und Phantasterei verhüllt ist, als das John

Bulls“, urteilt Walker Cunningham im Vorwort seiner

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organ Thema

Abhandlung über Bulls Clavierwerk aus dem Jahre

1984. 4 Verlässliche Informationen über sein Leben sind

rar, 5 und Biografen füllten die Lücken eifrig mit den

wildesten Spekulationen, zu denen insbesondere auch

das hartnäckige Gerücht zählt, dass Bull in geheimer

Mission als Spion für die englische Königin tätig gewesen

sein soll. Dennoch möchte ich kurz zusammenfassen,

was hinsichtlich Bulls Leben einigermaßen gesichert

bekannt ist.

John Bull ist im Jahr 1563 geboren, wahrscheinlich in

der Umgebung von Hereford (Old Radnor?); er starb

am 12. oder 13. März 1628 in Antwerpen. Geburt und

Herkunft Bulls können nicht mit Sicherheit angegeben

werden; möglicherweise war er walisischer Abstammung.

Auf alle Fälle tritt er 1573 in den Chor der Kathedrale

von Hereford ein, ab 1574 – also mit etwa elf

Jahren – findet man ihn unter den zwölf „Children of

the Chapel Royal“ in London unter der Leitung von

William Hunnis, zu genau der Zeit also, als dort auch

Thomas Tallis und William Byrd als Organisten tätig

waren. Als Organist stand Bull selbst unter dem prägenden

Einfluss des Tallis-Nachfolgers John Blitheman

(1525-91), dessen erhaltene Grabinschrift Bull explizit

als Schüler benennt.

1582 wird Bull dann Organist der Kathedrale von Hereford

und 1583 daselbst zum „Master of the Children“ ernannt.

Von 1585/86 an, als er zum „Gentleman of the

Chapel Royal“ erhoben wird, muss er beruflich stetig

zwischen London und Hereford hin und her reisen. Später

wird er – neben seinem Lehrer Blitheman, der diesen

Posten bereits seit dem Tod von Tallis im Jahr 1585 innehatte

– zum „Organist of the Chapel Royal“ ernannt.

1589 promoviert Bull zum „Doctor of Musicke“ an der

Universität zu Cambridge (die Quellen bezeichnen ihn

meist als „Doctor Bull“). 1592 kommt ein weiters Doktorat

der Universität von Oxford „by incorporation“

hinzu. Zu dieser Zeit ist Bull bereits erster Organist der

Chapel Royal (Blitheman war 1591 verstorben). Im Jahr

1596 richtet die englische Königin am neu gegründeten

Gresham College eigens für Bull einen Lehrstuhl für

Musik ein. In seiner Antrittsrede spricht dieser den anwesenden

William Byrd explizit als seinen Lehrer an

(später sollte ihn Thomas Byrd, William Byrds Sohn,

während seiner Abwesenheiten vertreten).

In den Jahren 1602/03 6 unternimmt John Bull eine ausgedehnte

Studienreise auf den Kontinent, über deren

Zweck und Verlauf mangels genauerer Informationen

heftig spekuliert wurde: Weder der Anlass dieser Reise

(Waren es vielleicht gesundheitliche Gründe? 7 Oder

doch eher das Bestreben nach musikalischer Weiterbildung?)

noch die Orte, an denen sich Bull aufhielt, noch

viel weniger die Namen derjenigen Musikerpersönlichkeiten

und Kollegen, denen er dort begegnete, sind im

Einzelnen dokumentiert. Die Spekulationen darüber beginnen

schon im 17. Jahrhundert: Anthony à Wood behauptet,

Bull habe unter anderem St. Omer besucht,

doch seine Schilderungen der Begebenheit klingen dermaßen

unglaubwürdig, dass sie schon wieder amüsant

erscheinen. 8 Thurston Dart behauptet, Bull sei von der

Königin als Spion eingesetzt worden, wie schon die Musiker

Alfonso Ferrabosco I und Thomas Morley, 9 ohne

für die Behauptung jedoch belastbare Beweise vorzubringen.

Auch ein Aufenthalt in Wolfenbüttel, am Hof Herzog

Heinrich Julius’ von Braunschweig, wurde mehrfach

vermutet, da Bull dem Herzog und der Herzogin mehrere

Kompositionen widmete. Die höchst interessante

Frage, ob Bull dort mit Michael Praetorius, der nicht

nur Kammerorganist des Herzogs, sondern der Überlieferung

nach auch „Geheimer Kammersekretär“ der

Herzogin Elisabeth – also der Schwägerin des späteren

James I. – war, zusammentraf, kann nicht beantwortet

werden, da Praetorius sich in besagtem Jahr 1602

hauptsächlich „in eigenen Geschäften“ in Regensburg

aufhielt, von wo er erst gegen Ende des Jahres zurückkehrte.

Die dem Herzog und der Herzogin gewidmeten

Werke Bulls könnten allerdings auch Auftragswerke aus

Anlass eines Besuchs des Sohns des Herzogs, Friederich

Ulrich, bei Prince Henry im April 1610 gewesen sein.

Seit Dart und Seiffert haben außerdem fast alle Kommentatoren

behauptet oder wenigstens die Vermutung

geäußert, Bull habe sich in Amsterdam aufgehalten und

dort Sweelinck getroffen. Obwohl dies nicht gänzlich

auszuschließen ist, gibt es jedoch auch für dieses Treffen

keine belastbaren Indizien oder gar Belege. Lediglich

Brüssel ist als letzter Aufenthaltsort Bulls recht wahrscheinlich,

da dieser dort einen Brief der Königin erhielt,

die ihn nach London zurückbeordert. 10 In Brüssel begegnete

Bull mit hoher Wahrscheinlichkeit den Organisten

am Hof Erzherzog Alberts: Unter ihnen waren Pieter

Cornet und Peter Philipps, mit dem Bull sich befreundete

– Beziehungen, die ihm später von Nutzen

sein sollten. Für den Aufenthalt Bulls in Brüssel spricht

zudem, dass die Freundschaft Bulls mit Peter Philipps in

einer der diplomatischen Korrespondenzen des Sekretärs

Erzherzog Alberts mit seinem Botschafter in

England erwähnt wird. 11

Spätestens am 24. März 1603, zum Begräbnis von Königin

Elisabeth I., ist Bull wieder persönlich am englischen

Hof präsent und folglich findet sich sein Name dort

ganz oben auf Lord Chamberlains Liste der „Gentlemen

of the Chapel Royal“. Im Jahr 1607 sieht Bull sich

genötigt, mit einer gewissen Elisabeth Walter, die von

ihm ein Kind erwartet, die Ehe einzugehen. Folglich

muss er auch seine wohlbestallte Dozententätigkeit am

Gresham College – und damit seine wohl lukrativste

Einkommensquelle – aufgeben. 12 Unter dem neuen König

James I. ist er weiterhin am Hof als Organist tätig,

und steht – ab etwa 1610 – der Hauskapelle des 16-jährigen

Prince Henry vor. Einige Monate vor dessen ver-

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organ

Thema

frühtem Tod am 6. November 1612 war Bull zum Privatmusiklehrer

der 15-jährigen Prinzessin Elisabeth bestellt

worden. Im Jahr 1612/13 erscheint die musikalische

Sammlung Parthenia als „the first musicke that

ever was printed for the Virginalls“ als Hochzeitsgabe

für Prinzessin Elisabeth und den Kurfürsten Friedrich

V. von der Pfalz. Der Druck enthält Werke der „three

famous masters“ William Byrd, John Bull und Orlando

Gibbons.

Infolge eines unappetitlichen Ehebruch-Skandals geht

Bull 1613 nach Flandern ins Exil. Er erklärt dort seine

überstürzte, im Geheimen vorbereitete Flucht mit seinem

Festhalten am katholischen Glauben und dem ihn

treffenden Vorwurf der englischen Krone, dass er somit

den König nicht als Haupt der anglikanischen Kirche

akzeptieren könne „which is a capital offence there“. In

Brüssel angelangt, tritt er – wohl dank seiner zuvor geknüpften

Kontakte – unmittelbar in die Dienste von

Erzherzog Albert ein, neben musikalischen Kapazitäten

wie Peter Philips und Pieter Cornet. Sehr bald schon interveniert

jedoch der englische Gesandte beim Erzherzog,

als James I. bezüglich der Anstellung Bulls am Hofe

Flanderns Kenntnis erhält. Erzherzog Albert sieht

sich infolge des allzu großen politischen Drucks, den

das englische Königshaus in dieser Sache ausübt, gezwungen,

Bull nach nicht einmal einem Jahr wieder aus

seinen Diensten zu entlassen. 13 Dieser wird aber weiterhin

finanziell von Erzherzog Albert unterstützt und begibt

sich nach Antwerpen, um dort erneut sein Glück zu

versuchen. Nachdem er „in verschiedenen Kirchen und

Privathäusern genugsam von seinen Fähigkeiten in der

Kunst der Musik Zeugnis abgelegt“ hat, 14 wendet er

sich sodann schriftlich an den Bürgermeister Antwerpens,

schiebt als „wahren“ Grund seiner Flucht ins Exil

erneut seinen katholischen Glauben vor und bittet um

eine entsprechende Anstellung als Organist. Bis zu seiner

Bestellung als Aushilfsorganist an der Antwerpener

Kathedrale ab 1615 und zwar als Organist der Bruderschaft

unserer Lieben Frau 15 – und auch später noch,

trotz dieser Stellung – ist Bull zeitweise gezwungen, bei

der Stadt Almosen zu erbetteln. Dieser Zustand dauert

so lange, bis er 1617, nach dem Tod seines Vorgängers

Raijmundus Waelrant, 16 schließlich zum Hauptorganisten

der Kathedrale von Antwerpen berufen wird. In dieser

Stadt verbringt er die letzten Jahre seines Lebens und

scheint hier sesshaft geworden zu sein; es ist nur eine

einzige Reise Bulls 1617 nach s’Hertogenbosch – um

eine Orgel zu begutachten – dokumentiert. Er scheint

auch nicht, wie Sweelinck in Amsterdam, viele Schüler

aus dem Ausland angezogen zu haben; immerhin wissen

wir von der Anwesenheit des Sohnes des Hamburger

Organisten Hieronymus Praetorius, 17 Michael Praetorius,

in Antwerpen, wo er offensichtlich mit Bull zu tun

hatte, da dieser ihm „Bücher über die Kunst des Orgelspiels“

ausgeliehen hatte. 18

Great Organ (Hauptmanual)

Open Diapason I (Prinzipal 8’)

Open Diapason II

Principal I (4’)

Principal II (4’)

Twelfth (Quinte 2 2/3’)

Small Principal I (2’)

Small Principal II (2’)

Recorder (Gedecktflöte 4’)

Chair Organ (Rückpositiv)

Diapason of wood (Holzregister 8’, wohl gedeckt)

Principal (4’)

Small Principal (2’)

Two & Twentieth (1’)

Flute of wood (Holzflöte 4’, wohl offen)

Disposition der Orgel der Kathedrale

von Worcester; Thomas Dallam, 1613

Dass Bull während seines Exils Sweelinck begegnet ist,

erscheint eher unwahrscheinlich. Ob er ihm auf seiner

Reise in den Jahren 1602/03 begegnet war, wird von der

Musikforschung heute kontrovers diskutiert. Sicherlich

haben sich Bull und Sweelinck jedoch gegenseitig über

ihr(e) Werk(e) beeinflusst. 19 So existiert z. B. eine Version

von Bulls God save the King mit einem von Sweelinck

neu komponierten Schluss sowie eine Fantasie

Bulls über ein Thema Sweelincks, datiert auf den 15.

Dezember 1621 (Sweelinck war zwei Monate vorher gestorben).

Gegen ein Treffen in den Niederlanden spricht

zudem, dass Sweelinck offensichtlich nur Werke Bulls

aus der Zeit vor seiner Flucht nach Flandern kannte.

Instrumententypus

und Registrierungsfragen

England

Denkt man an die englische Musik des 16. und 17. Jahrhunderts,

so kommen einem unweigerlich die wunderbaren

Tonschöpfungen der Großmeister Thomas Tallis,

William Byrd, John Bull, Orlando Gibbons und Thomas

Tomkins in den Sinn, weshalb man folglich vom

„goldenen Zeitalter“ der englischen Musik spricht. Tatsache

ist jedoch, dass die genannten Komponisten ausnahmslos

an der „Chapel Royal“ gewirkt haben und die

Lage der Kirchenmusik im restlichen England als geradezu

katastrophal bezeichnet werden muss …

… mehr erfahren Sie

in Heft 2006/01

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