. klasse musik 02/04 - Schott Music

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Dieser Beitrag ist erschienen im Heft 2/2004 der Zeitschrift klasse musik.

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sind auf der Heft-CD oder im Internet unter

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zu finden (beim Beitrag in der Rubrik Journal)


Ein Dorf feiert

Materialien und Unterrichtsvorschläge zu Bachs Bauernkantate

für den Unterricht ab der siebten Klasse – erster Teil

Wolfgang Koperski

Liedhafte Melodik, tänzerische

Rhythmen, klare überschaubare

Formen und ein guterSchuss Humor

– das sind Eigenschaften, die Johann

Sebastian Bachs weltliche Kantate

Merhahn en neue Oberkeet (Bauernkantate),

BWV 212, auszeichnen. Und

deshalb ist sie besonders gut geeignet,

SchülerInnen an die Musik

Bachs heranzuführen.

Im Folgenden werden zu einer Auswahl

von Stücken der Bauernkantate

Materialien bereitgestellt, Vorschläge

für den Unterricht gemacht und

unterschiedliche Schwerpunkte

gesetzt. Weitere Angebote folgen

in Heft 3/2004.

Johann Sebastian Bach schrieb die Bauernkantate

anlässlich der Huldigungsfeiern

für den Kammerherrn von Dieskau.

Möglicherweise wurde sie von Bach und

einigen Studenten bei dem Fest szenisch

aufgeführt. Den Text lieferte der Steuereinnehmer

Christian Friedrich Henrici,

alias Picander, der schon seit längerer

Zeit erfolgreich als Librettist für Bachs

Kantaten tätig war und dessen Vorgesetzter

von Dieskau nun wurde.

Den Inhalt der Kantate stellen Lobpreisungen

des neuen Kammerherrn und seiner

Gemahlin dar, die von einem bäuerlichen

Liebespaar vorgetragen werden.

Dazu treten allerlei gegenseitige Neckereien

der beiden Protagonisten und kleine

Glossen über bäuerliches und städtisches

Leben. Die Kantate schließt mit

der Aufforderung, sich in der Dorfschenke

von Klein-Zschocher einzufinden, wo bei

Dudelsackmusik tüchtig getanzt und gefeiert

werden soll. Teile des Textes sind

in obersächsischem Bauerndialekt gehalten,

insbesondere die Dialoge des

Liebespaares.

Bachs Musik zur Bauernkantate zeigt,

dass er mit der Volksmusik der Bauern

und ihren Musizierweisen gut vertraut

gewesen sein muss, da er sie in burlesker

Weise persifliert, indem er Stücke bewusst

grob und gegen alle kompositorische

Kunst anlegt. In scharfem Kontrast

dazu stehen kunstvolle Arien „nach der

Städter Weise“, die die Einfachheit der

anderen Stücke besonders deutlich werden

lassen. Musikalische Zitate, Parodien

und das Aufnehmen eines Gassenhauers

sind neben dem groben und fast

primitiven Kompositionsstil verschiedener

Nummern die Mittel, mit denen Bach

die ironischen Aspekte des Texts und allerlei

unausgesprochene Anspielungen

musikalisch gestaltet. Damit und mit der

Aneinanderreihung von 24 (!) kurzen Sätzen

– so viele wie in keiner anderen

Bach-Kantate – nimmt die Bauernkantate

in Bachs Werk eine Sonderstellung ein. 1

Hinweise zu den

Unterrichtsvorschlägen

Die folgenden Unterrichtsvorschläge können

als eine größer angelegte Unterrichtseinheit

verstanden werden, es ist aber

auch denkbar, nur Teile herauszugreifen.

Die Reihenfolge, die dem Ablauf in der

Kantate folgt, ist selbstverständlich ebenfalls

nicht zwingend. Bei der Auswahl

habe ich vorwiegend diejenigen Stücke

ausgewählt, die Möglichkeiten zu aktiver

musikalischer Mitarbeit der SchülerInnen

bieten. Ein weiteres Kriterium war, Sinnzusammenhänge

zu wahren, weshalb in

der Regel eine Arie und das vorhergehende

Rezitativ als Einheit angesehen

und nicht isoliert voneinander behandelt

werden. Und schließlich habe ich auf bestimmte

Nummern wie etwa die Bass-

Arie „Dein Wachsthum sei feste“ (Nr. 20)

verzichtet, weil sie mir zu lang bzw. zum

Kennenlernen Bach’scher Musik (noch)

zu „kompliziert“ erschienen. In diesem

ersten Teil werden drei Stücke vorgestellt.

Weitere folgen in Heft 3/2004.

Neben Notenmaterial und Arbeitsbögen

werden eine Kurzbiografie Bachs (M 5)

und ein Glossar zu wichtigen Begriffen

und den nicht ohne weiteres verständlichen

Wörtern aus dem Libretto der Bauernkantate

(M 4) zur Verfügung gestellt.

Ouvertüre

In der Ouvertüre zur Bauernkantate reiht

Bach sieben verschiedene Tänze zum

Teil recht plump aneinander. „Das Verfahren

ist geradezu eine Demonstration,

wie man es nicht machen darf, und damit

letztlich eine kompositorische Karikatur.“

2

Dies zu erkennen setzt zweifellos ein

Maß an musikalischer Vorbildung voraus,

über das SchülerInnen in aller Regel

noch nicht verfügen können! Wie sollten

SchülerInnen über die Verletzung kompositorischer

Regeln schmunzeln und die

Ouvertüre als Karikatur verstehen können,

wenn sie nicht über die Kenntnisse

verfügen, die ihnen den Vergleich (und

damit das Er-Kennen) erst ermöglichen

würden? Deshalb schlage ich vor, diesen

Aspekt außer Acht zu lassen und sich

darauf zu beschränken, die SchülerInnen

die verschiedenen Tanzmelodien (wie-

22


Pieter Breughel d. Ä.,

Der Bauerntanz, 1568

der-)erkennen und voneinander

abgrenzen zu lassen. Ich halte es

auch nicht für lohnend, jeder Melodie

den entsprechenden

Tanznamen zuzuordnen.

Auch dies setzte ja, wenn

nicht nur oberflächlich Lexikonwissen

vermittelt werden

soll, die Kenntnis alter Tänze

und ein aufwändiges Erarbeiten ihrer typischen

Merkmale voraus.

Die SchülerInnen erhalten einen Arbeitsbogen

(M 1), auf dem die Anfänge der

sieben Tanzweisen aus der Ouvertüre

zur Bauernkantate in falscher Reihenfolge

notiert sind. Zunächst werden alle Notenbeispiele

von der Lehrkraft vorgespielt

(auf einem Instrument oder besser

von der Heft-CD HB 8 bis 14) und musikalische

Besonderheiten wie Tempo, Melodieführung,

Rhythmen usw. anhand des

Notenbilds besprochen.

Leistungsfähigere

Klassen können vielleicht

auch aus dem jeweiligen

Notenbild heraus eine Klangerwartung

formulieren und das

Notenbeispiel dann einer gehörten

Melodie zuordnen. Es

genügt evtl. auch, die Notenbeispiele

der Reihe nach vorzustellen und

im Nachgang musikalische Merkmale

hervorzuheben.

Anschließend wird die Ouvertüre mehrfach

gehört (HB 15) und dabei durch Eintragen

der Ziffern 1 bis 7 in die Kreise

neben den Notenbeispielen deren Reihenfolge

bestimmt. Da die Anfangsmelodie

der Ouvertüre (viertes Notenbeispiel)

gegen Ende des Stücks noch einmal

auftaucht, dabei allerdings mit einer

anderen

Melodie fortgeführt

wird (zweites Notenbeispiel),

habe ich im Sinne didaktischer

Reduktion beide als selbstständige

Einheiten angesehen und

gleichrangig neben die anderen Abschnitte

gestellt. Auf den veränderten

Schluss der beiden fast gleichen Notenbeispiele

sollte extra hingewiesen werden.

Zum Abschluss wird die Ouvertüre

nochmals gehört, die jeweils erklingenden

Abschnitte werden an einer Folie

(Tageslichtprojektor) bzw. auf den Arbeitsbögen

mitverfolgt.

23


Duett:

„Mer hahn en neue Oberkeet“

Der erste Vokalsatz der Kantate (Nr. 2)

führt inhaltlich gleich in die Thematik

ein: Es gibt einen neuen Kammerherrn,

dieser „gibt einen aus“ und es soll tüchtig

gefeiert werden. Der Text mag wegen des

obersächsischen Dialekts („mer hahn“,

„büse“ u. Ä.) und einiger inzwischen veralteter

Wendungen („mag immer büse

tun“, „halt euch flink“) nicht sofort verständlich

sein, es bedarf aber sicher nur

weniger Hilfen und Worterklärungen (siehe

Glossar M 4), denn vor allem, wenn

der Text laut gelesen wird, erschließen

sich manche Wörter schon vom Sprachklang

her bzw. aus dem Kontext.

Musikalisch fällt besonders das rhythmische

Motiv auf, das zusammen

mit der Taktart (2/2) den Satz als eine

Bourée, einen Reigentanz französischer

Herkunft, 3 ausweist.

Inhalt erschließen

Die SchülerInnen hören zunächst den

Satz ein oder zwei Mal (HB 16) und werden

aufgefordert herauszufinden, worum

es in dem Stück geht. Alle Schüleräußerungen

werden an der Tafel festgehalten

und anschließend wird der Text des Duetts

auf einer Folie präsentiert (Text auf

M 4, als Einzeltexte auf musikpaedagogik-online.de).

Nun werden die Vermutungen

der SchülerInnen am Originaltext

überprüft, der Text wird mehrfach (laut!)

gelesen und alle sprachlichen Fragen

werden geklärt.

Unter Umständen können die SchülerInnen

beim erneuten Anhören des Stücks mitsingen,

was aber wegen der ungünstigen

Tonart (A-Dur, für „normale“ Klassen zu

hoch, beim Oktavieren wiederum zu tief)

schwierig sein dürfte. Eine Alternative ist,

den Text halblaut mitzusprechen anstatt zu

singen, eine andere, ohne den Tonträger

auszukommen und in eine günstigere Tonart

(D-Dur oder C-Dur) zu transponieren.

Mit dem Körper musizieren

Um die SchülerInnen musikalisch tätig

werden zu lassen und sie den auftaktigen

Grundcharakter des Stücks und seinen

stampfenden Gestus erfahren zu lassen,

schlage ich einen Mitspielsatz für

24

Körperinstrumente (Bodypercussion) vor

(s. M 2). Er benutzt nur das Metrum bestätigende

Schläge und ist ein kleines

bisschen schwieriger als das Notenbild

vermuten lässt. Getreu der Devise, dass

ein „einfaches“ Instrument etwas „Raffiniertes“

zu spielen bekommen sollte um

für die SchülerInnen reizvoll zu sein, liegt

die Herausforderung hier in der wechselnden

Abfolge der drei verschiedenen

Klangfarben: Stampfen mit den Füßen

(stomp), Patschen auf die Oberschenkel

(patch) und Klatschen (clap).

Das Notenbild ist leicht verständlich und

sollte den SchülerInnen vorliegen, damit

sie selbstständig und nach Noten üben

können. Die Verwendung der englischen

Fachausdrücke für die Klangfarben dient

übrigens auch der Steigerung der Akzeptanz

bei den SchülerInnen.

So wie Bachs Original weist auch der

Mitspielsatz zwei je viertaktige unterschiedliche

Teile auf, so dass auch die

Form des Stücks (dreiteilig, symmetrische

achttaktige Perioden: AA – BA – BA,

letzte Periode nur instrumental) deutlich

und durch das eigene Tun erfahren wird.

(HB 17 mit Einzähler)

Rezitativ und Arie „Ach, es

schmeckt doch gar zu gut“

Im folgenden Rezitativ (Nr. 3) stellen sich

die beiden ProtagonistInnen, ein namenloser

Bauernbursche und seine Freundin

(Verlobte?) Miecke (Mariechen), erstmals

näher vor (HB 18). Sie flirten miteinander:

Er möchte einen Kuss, sie aber

ziert sich, weil sie glaubt, er wolle „hernach

nur immer weiter“ – unschwer zu

erraten, was damit gemeint ist – und

natürlich, weil sich so etwas unter den

Augen der strengen Obrigkeit nicht

ziemt. Seine Antwort darauf ist, dass der

Kammerherr sicher Verständnis habe,

weil er mindestens genau so gut wie sie

beide wisse, „wie schön ein bisschen

Dahlen schmeckt“.

Bach zitiert instrumental ein seinerzeit

jedermann geläufiges Tanzlied, genauer

den Nachsatz des „Großvatertanzes“, zu

dem der nachfolgende Text gehört:

„Mit dir und mir ins Federbett, mit dir

und mir auf Stroh; da sticht uns keine Feder

net, da beißt uns auch kein Floh.“ 4

Dieser Kommentar zu Mieckes Worten

„Ich kenn dich schon, du Bärenhäuter,

du willst hernach nur immer weiter.“ war

für damalige Ohren an Deutlichkeit nicht

zu überbieten – eine Möglichkeit, das zu

sagen, was offen auszusprechen sich

nicht schickt. 5

Gespräch

Dies Rezitativ und die anschließende Sopranarie

(Nr. 4, HB 19), in der es natürlich

auch um dasselbe Thema geht, zeigen

einerseits den Humor Bachs aber auch,

dass er ein „ganz normaler Mensch“ war

und nicht nur ein lebensfremder Schöngeist.

Zudem sind Liebe und Sexualität

Themen, die unsere SchülerInnen bewegen,

sie interessieren und die nicht nur

im Biologie-, Philosophie- oder Reli-gionsunterricht

beheimatet sein sollten.

Ich schlage allerdings vor, Rezitativ und

Arie nur dann im Unterricht anzusprechen,

wenn das Vertrauensverhältnis

zwischen der Klasse und der Lehrkraft

und das der SchülerInnen untereinander

so gefestigt sind, dass der Unterricht

nicht in Albernheit oder pubertärem Imponiergehabe

endet, und wenn sicher

gestellt ist, dass die Gefühle von niemandem

verletzt werden.

Tierlaute

Zum konkreten Unterrichtsverlauf: Das

Wort „Dahlen“ wird an die Tafel geschrieben

und erklärt (siehe Glossar

M 4), die SchülerInnen hören das Rezitativ

und bestimmen, wann das Wort auftaucht,

in welchem Zusammenhang es

fällt und wer hier mit wem worüber

spricht. Anschließend erfahren die SchülerInnen,

dass ein Rezitativ in der Regel

eine Situation oder eine Handlung beschreibt

und dass sich dann oft eine Arie

anschließt, die statisch angelegt ist und

Empfindungen, Gefühle, Gedanken ausgiebiger

sowie kunstvoll ausgeschmückt

wiedergibt.

Die Arie „Ach, es schmeckt doch gar zu

gut“ (HB 19) wird mehrfach gehört und

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