Diabetes im Kinder und Jugendalter - Schule.at

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Diabetes im Kinder und Jugendalter - Schule.at

Diabetes im

Kindes- und Jugendalter

Schule und Diabetes

28. September 2005 Jörg Fussenegger

1


Überblick

• Diagnostik

• Ätiologische Typen des Diabetes mellitus

• Epidemiologie

• Symptomatik

• Therapie

Schule und Diabetes

• Kasuistik

2


Diagnose

(nach WHO 1999)

Glucosekonzentration (mg/dl)

Vollblut Plasma

Venös Kapillär Venös

Diabetes

Nüchtern > 110 > 110 >126

OGTT-2h-Werte > 180 >200 > 200

Gestörte Glucosetoleranz

Nüchtern < 110 < 110 < 126

OGTT-2h-Werte > 120 > 140 > 140

3


Ätiologische Typen des DM

(nach WHO 1999)

1. Diabetes mellitus Typ I (Zerstörung der β-Zellen)

• Immunologisch bedingt

• Idiopathisch

2. Diabetes mellitus Typ II (Insulinresistenz → relativer Insulinmangel /

sekretorischer Defekt mit Insulinresistenz)

3. Andere spezifische Diabetestypen

– Genetische Defekte der β-Zellfunktion

(Mody-Typen 1 - 6)

– Andere genetische Defekte der Insulinwirkung

(z.B. Typ-A Insulinresistenz, Leprechaunismus-Syndrom)

– Krankheiten des endokrinen Pankreas

(z.B. Zystische Fibrose, Thalassämie, Hämochromatose)

4


3. Andere spezifische Diabetesformen (Fortsetzung)

– Endokrinopathien

(z.B. Cushingsyndrom, Akromegalie, Glukagonom, Phäochromozytom,

Hyperthyreose)

– Medikamenten / Chemikalieninduzierter Diabetes

(Glucocorticoide, Interferon, Vacor, Pentamin, Dilantin,

diabetogene Immunsuppressiva, z.B. Tacrolimus, L-Asparaginase,)

– Infektionen

(z. B. Connatale Röteln, Cocksackie B-Virus, Zytomegalievirus)

– Genetische Syndrome,

die gelegentlich mit DM einhergehen

(Down-Syndrom, Turner-Syndrom, Klinefelter-Syndrom,

Wolfram-Syndrom, Friedreich-Ataxie, Prader-Willi-Syndrom etc.)

– Gestationsdiabetes

5


Charakteristika - Typ-I und Typ-II Diabetes

(nach ISPAD 2000)

Alter

Charakteristik Typ I Typ II

Während der gesamten Kindheit, in Pubertät oder

später

Krankheitsbeginn Meist akut, rasch Variabel: häufig

schleichend

Insulinabhängigkeit

Permanent,

vollständig,

uneingeschränkt

Insulinsekretion Fehlt oder sehr niedrig Variabel

Insulinsensitivität Normal Vermindert

Selten, aber erforderlich,

wenn orale Antidiabetika

versagen

6


Charakteristika - Typ-I und Typ-II Diabetes

Charakteristik Typ I Typ II

Genetik Polygenetisch Polygenetisch

Ethnische Herkunft

Häufigkeit (% des

gesamten Diabetes bei

jungen Menschen

Verknüpfung

Autoimmunität

Ketose

Adipositas

Akanthosis nigricans

Alle Bevölkerungs-

Gruppen, aber breite

Inzidenzvariabilität

Gewöhnlich

> 90%

Ja

Häufig

Nein

Nein

(aber höheres Erbrisiko)

Bestimmte ethnische

Gruppen besonders

gefährdet

In den meisten Ländern

< 10%

Nein

Selten

Stark

Ja

7


Erbrisiko für Typ-I Diabetes

Diabetesvorkommen in der Familie

Geschätztes Risiko

Ein Elternteil mit Typ-I DM

Vater

Mutter, wenn sie bei Geburt

< 25 Jahre alt war

‣25 Jahre alt war

Geburt nach Diabetesmanifestation

Geburt vor DM-Manifestation

Beide Elternteile

mit einem Typ-I DM

6%iges Risiko für Typ-I DM

4%iges Risiko für Typ-I DM

1%iges Risiko für Typ-I DM

0%iges Risiko für Typ-I DM

7%iges Risiko für Typ-I DM

> 20%iges Risiko für Typ-I DM

8


Erbrisiko für Typ-I Diabetes

Risiko für Geschwister eines vor dem

16. Lebensjahr erkrankten Diabetikers

– 13%, wenn beide Eltern gesund sind

– 25%, wenn ein Elternteil ebenfalls einen Typ-I DM hat

– 50%, wenn beide Eltern Diabetiker sind

– 25 – 50%, wenn es sich bei den Geschwistern

um eineiige Zwillinge handelt

9


Erbrisiko für Typ-II Diabetes

Diabetesvorkommen in der Familie

Ein Elternteil mit Typ-II DM Diabetes

•vor dem 50. Lebensjahr diagnostiziert

•Nach dem 50. Lebensjahr diagnostiziert

Geschätztes Risiko

15%iges Risiko für Typ-II DM

7-8%iges Risiko für Typ-II DM

Beide Elternteile mit Typ-II DM

•bei beiden vor dem 50. Lebensjahr

diagnostiziert

25%iges Risiko für einen Typ-II

DM vor dem 50 Lebensjahr

•bei beiden nach dem 50. Lebensjahr

diagnostiziert

15%iges Risiko für Typ-II DM nach

dem 50. Lebensjahr

45%iges Risiko für Typ-II DM im

Alter von über 65 Jahren

10


Erbrisiko für Typ-II Diabetes

Diabetesvorkommen in der Familie

Geschwister mit Typ-II DM

vor dem 50. Lebensjahr diagnostiziert

nach dem 50. Lebensjahr diagnostiziert

Eineiige Geschwister mit Typ-II DM

Geschätztes Risiko

14%iges Risiko für Typ-II DM

7-8%iges Risiko für Typ-II DM

58-75%iges Risiko für Typ-II DM

11


Epidemiologie

Inzidenz und Prävalenz des Diabetes bei Kindern

und Jugendlichen

12


Inzidenz - Prävalenz

• Inzidenz:

Häufigkeit des Neuauftretens einer bestimmten Krankheit innerhalb eines

bestimmten Zeitraumes

• Prävalenz:

Häufigkeit einer bestimmten Krankheit zu einem bestimmten Zeitpunkt

(Punktprävalenz)

• Inzidenzrate:

Definiert als Zahl neuer Fälle oder Zahl der Personen mit Neuerkrankungen

pro Zeiteinheit im Verhältnis zur Anzahl der exponierten Personen

• Prävalenzrate:

Definiert als die Zahl der Erkrankten im Verhältnis zur Anzahl der

untersuchten Personen

13


Geschlechts- und altersspezifische Inzidenzraten

bei Kindern und Jugendlichen in Baden-

Württemberg (Nach Neu 2001)

14


Nach ISPAD

2000

15


Ergebnisse von 36 Zentren der

EURODIAB-TIGER

TIGER-Studie

(1989-98

98)

Inzidenz/100.000/J

20.0

Green A., Diabetologia 2001

16


Anstieg der Inzidenzraten bei finnischen Kindern

(1965 – 1996) und in Baden-Württemberg (1987 – 1998)

17


Prävalenzzahlen

• Es erkranken in Österreich derzeit pro Jahr ca. 200 Kinder

unter 15 Jahren an Typ-I Diabetes

• Die geschätzte aktuelle Prävalenz liegt für Österreich bei ca.

2500 Kindern.

• Die geschätzte Prävalenz lag für Deutschland im Jahre 2001

bei ca. 17000 – 18000 Kindern/Jugendlichen unter 20 Jahren

• In Baden-Würtemberg wurde 1999 eine Prävalenz von 82 /

100.000 Kinder unter 15 Jahren ermittelt.

• Grob kann man heute davon ausgehen, daß 1 Kind von 1000

im Alter < 15 Jahren an Diabetes leidet

18


Häufigkeit des Typ-II Diabetes bei Kindern und

Jugendlichen

• Seit einigen Jahren scheint die Prävalenz des Typ-II Diabetes

v.a. in der 2. Lebensdekade zuzunehmen.

• Betroffen sind vorwiegend Jugendliche bestimmter ethnischer

Gruppen.

• Neben der genetischen Disposition werden Änderungen des

Lebensstils (unbegrenzte Verfügbarkeit kalorien-reicher Kost,

Bewegungsmangel, Übergewicht oder Adipositas) als Ursache

angesehen.

• In Deutschland und Österreich ist der Typ-II Diabetes bei

Kindern und Jugendlichen nach wie vor eine Seltenheit.

19


Häufigkeit des Typ-II Diabetes in den USA

Jahre Rasse/Ethnie Alter (J)

Arizona 1992-1996 Pima-Indianer 0 – 14

15 – 19

Prävalenz/1000

22,3

50,9

Cincinnatici,OH 1994 Weiße, afrikan.

Amerikaner

10 - 19 Inzidenz / 100000 / a

7,2

Indian Health

Servicees

1996 AmerikanischeI

nder

15 - 19 4,5

Cincinnatici,OH 1994 Afrikanische

Amerikaner

10 - 19 Prozentanteil Typ-II D

33

Cicinnatici OH 1994 Weiße 0 - 9 16

Charleston, SC 1997 Schwarze 0 - 19 46

Ventura CA 1990-1994 Hispanier, 0 - 17 45

20


Häufigkeit des Typ-II Diabetes in der USA

• Die erheblichen Prävalenz- und Inzidenzunterschiede sind

vorwiegend rassisch-ethnisch bedingt

• Besonders betroffen sind Kinder- und Jugendliche

indianischer, afrikanischer, asiatischer und

hispanischer Herkunft

• Eine positive FA für Typ-II DM liegt bei 74-100%

der Patienten vor

• Der BMI liegt zwischen 27 und 38, d.h. fast alle Patienten

waren übergewichtig oder adipös

• Die Inzidenzrate des Typ-II DM ist bei kaukasischen Kindern

und Jugendlichen in der USA nach wie niedrig.

21


Häufigkeit des Typ-II Diabetes bei

Kindern- nd Jugendlichen in Japan

• Auch in Japan deutliche Zunahme des Typ-II Diabetes bei

Kindern und Jugendlichen

• Zunahme der Inzidenzrate zwischen den Jahren 1976 und 1995

mit einem Anstieg von 7.3 auf 13.9 / 100.000 / Jahr

• In Japan erkranken etwa 80% aller Kinder- und Jugendlichen

mit Diabetes an einem Typ-II Diabetes, während die Inzidenz

des Typ-I Diabetes nach wie vor sehr niedrig ist

( ca. 2 / 100.000 / Jahr)

22


Diabetestypen in der DPV-Datenbank

23


Screening nach einem Typ-II Diabetes bei

Kindern und Jugendlichen

Nach einem Typ-II Diabetes sollte gefahndet werden,

• wenn die Patienten übergewichtig oder adipös sind,

• keine Ketoseneigung vorliegt

und eines folgenden Kriterien erfüllt wird:

– Zugehörigkeit zu einer Minderheitspopulation (indianische,

afroamerikanische, hispanische, asiatische, südspazifische

Abstammung)

– Familienanamnese mit Typ-II Diabetes bei erst- oder zweitgradigen

Verwandten

– Hinweise auf Insulinresistenz bei Acanthosis nigricans, Hypertonie,

Fettstoffwechselstörung oder polycystischen Ovarien (PCO-Syndrom)

24


Entwicklung der Inzidenz und Prävalenz des Typ-II

Diabetes bei Kindern- und Jugendlichen in

Mitteleuropa

• Nach der vorliegenden Datenlage ist aktuell nicht abzusehen,

ob in Mitteleuropa mit einer starken Zunahme der Inzidenz des

Typ-II Diabetes bei Kindern- und Jugendlichen zu rechnen ist

• Allerdings sollte häufiger als bisher bei neu entdecktem

Diabetes untersucht werden, welcher Diabetes-Typ vorliegt,

ein Typ-I oder Typ-II oder ein Mody.

25


Prävalenz von übergewichtigen bzw. adipösen

Kinder in Vorarlberg

Volks- und Hauptschulen 1994 - 2004

(Erhebung des AKS)

12,0%

10,0%

8,0%

6,0%

Adipositas

Übergewicht

4,0%

2,0%

0,0%

1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004

Adipositas 2,6% 2,8% 2,9% 3,1% 3,1% 3,3% 3,7% 3,9% 4,0% 4,3% 4,2%

Übergewicht 5,6% 5,7% 5,9% 5,8% 6,0% 6,5% 6,4% 6,7% 6,7% 6,8% 7,0%

26


Vergleich Prävalenz von Übergewicht / Adipositas

in Österreich und Vorarlberg

• Aktuelle Statistik von Sozialministerin Rieder

für das Jahre 2004 :

28% der Jungen und 25% der Mädchen im Alter von 8 – 18

Jahren in Österreich sind übergewichtig.

• Nach der Erhebung des AKS liegen die Zahlen in Vorarlberg

für die Kinder zwischen 6 – 14 Jahren aber nur zwischen 11 –

12%.

• Ein ausgeprägtes Ost - West-Gefälle oder ein Problem der

statistischen Erhebung ??

27


Symptome bei Manifestation

eines Typ-I Diabetes

28


Symptome

Häufigkeit

Polydipsie 95%

Polyurie 91%

Gewichtsverlust 54%

Nykturie 28%

Leistungsknick / Schlappheit 23%

Sekundäre Enuresis 13%

Infekt der oberen Luftwege 11%

29


Erbrechen / Übelkeit 10%

Inappetenz 9%

Bewusstseinsstörung / Koma 5%

Neurologische Symptome 5%

Bauchschmerzen 4%

Vaginitis / Balanitis 4%

Atemprobleme 2%

Acetongeruch 2%

Keine Symptome 4%

30


Leitsymptome bei Manifestation eines Typ-I

Diabetes

Die häufigsten Leitsymptome, die Arzt und Eltern daran denken

lassen müssen, daß ein Diabetes vorliegen könnte, sind

‣ Starker Durst

‣ Vermehrtes Trinken und Urinlassen

‣ Gewichtsabnahme

‣ Abgeschlagenheit und Mattigkeit

‣ Leistungs- und Konzentrationsschwäche

31


Manifestationsformen des Typ-I Diabetes

• Leichte Manifestationsform (ca. 30%)

– Kein ausgeprägter Gewichts- und Flüssigkeitsverlust, Kinder fühlen sich nicht

oder wenig krank

• Mittelgradige Manifestationsform (ca. 50%)

– Zeichen der hypertonen Dehydratation, Exsikkosezeichen,

i.v. Rehydratation notwendig, pH-Wert aber nicht unter 7.3

• Ausgeprägte Manifestationsform (ca. 20%)

– Deutlich reduzierter AZ, Klinische Hinweise für eine ausgeprägte diabetische

Stoffwechselentgleisung, von einer leichten Ketoazidose bis zum Coma

diabeticum reichend, Ausgeprägte Dehydratation, Acetonfötor, Erbrechen,

Kopfschmerzen, Azidoseatmung, abdominelle Beschwerden, Apathie,

Unruhezustände, Bewußtseinsstörung, Bewusstlosigkeit

32


Symptomatik bei Manifestation

in niedrigen Altersgruppen

• Je jünger das Kind bei Manifestation, desto häufiger wird man

mit uncharakteristischen Symptomen konfrontiert

• Infolgedessen kommt es in der Altersgruppe

< 4 Jahren am häufigsten zu Verzögerungen in der

Diagnosestellung.

• Auch das nicht Daran-Denken des Arztes, daß bei einem

kleinem Kind ein Diabetes vorliegen könnte, führt zu

Verzögerungen in der Diagnosestellung

33


Symptome bei Manifestation

eines Typ-II Diabetes

34


• Der Typ-II Diabetes tritt meist nach dem 10. Lebensjahr, häufig

in der Mitte bzw. am Ende der Pubertät auf.

• Trotz fehlender Wahrnehmung von Diabetes-spezifischen

Symptomen wie z.B. Polyurie, Polydipsie, können eine gestörte

Glucosetoleranz oder ein manifester Diabetes vorliegen.

• Das Gewicht kann wegen der Zunahme der Prävalenz der

Adipositas nur noch bedingt zur Differentialdiagnose

herangezogen werden.

(25% der Kinder in der USA weisen bei Manifestation eines Typ-I-Diabetes

ein Übergewicht auf)

• Differentialdiagnostisch muß auch an das Vorliegen eines

MODY-Typ-Diabetes gedacht werden

35


• Berücksichtigung der Risikofaktoren für die Entwicklung eines

Typ-II Diabetes

(Adipositas, Verwandte 1. oder 2.Grades mit Typ-II Diabetes, Zugehörigkeit zu

einer ethnischen Gruppe mit erhöhtem Typ-II Diabetes Risiko

• Beginn der Krankheit verläuft typischerweise schleichender als

bei Manifestation eines Typ-I Diabetes

• Eine Ketonurie ist eher selten.

(in der USA bei 33% der Manifestationen aber eine Ketonurie vorhanden!)

• Die klassischen Symptome der Hyperglykämie (Polydipsie,

Polyurie) sind nicht so ausgeprägt, und die Nüchtern- und

Postprandialzucker in der Regel nicht so stark erhöht

36


Therapie Typ-I Diabetes:

• Immer Insulintherapie erforderlich.

• Konventionelle Insulintherapie (2 Spritzen tgl.)

(Basalinsulin > Prandialinsulin)

• Übergangsformen konventionelle → intensivierte

Insulintherapie (2 – 4 Spritzen tgl.)

• Intensivierte Insulintherapie

(Prandialinsulin > Basalinsulin)

– Intensivierte konventionelle Insulintherapie mit Spritzen,

4 und mehr tgl. (ICT)

– Insulinpumpentherapie (CSII)

37


Konventionelle Insulintherapie

38


Intensivierte Insulintherapie

39


Therapie Typ-II Diabetes

• Lifestyle Veränderungen + evtl. medik. Therapie

• Langfristige Gewichtsreduktion- und Stabilisierung

• Verbesserung der Adipositas-assoziierten Komorbidität

• Verbesserung des aktuellen Eß- und Bewegungsverhaltens

• Medikamentöse Therapie: Insulin, Metformin, Glibenclamid,

Tolbutamid,

40


In die Langzeitbetreuung eingebundene Personen und Institutionen

Familie

Kinder und Jugendliche

mit Diabetes

Arzt

Ernährungsberaterin

Diabetesberaterin

Psychologe

Labor

Sozialarbeiter

Ambulanz

Augenarzt

Neurologe

Freunde, Schule,

Sport, Beruf

Chirurg,

Gynäkologe

41


Metabolische Ziele der Langzeitbetreuung von Kindern

mit Typ-I Diabetes

42


Therapie-Ziele

der ambulanten Langzeitbehandlung

• Vermeidung akuter Stoffwechselentgleisungen

(Schwere Hypoglykämie, Ketoazidose, diabetisches Koma)

• Reduktion der Häufigkeit diabetesbedingter Folgeerkrankungen.

Dies setzt eine möglichst normale BZ-Einstellung sowie die

frühzeitige Erkennung und Therapie von zusätzlichen Risikofaktoren

voraus (Hypertension, Hyperlipidämien, Adipositas, Rauchen)

• Normale körperliche Entwicklung

(Länge, Gewicht, Pubertät)

• Die psychosoziale Entwicklung der Patienten sollte durch den

Diabetes und seine Therapie möglichst wenig beeinträchtigt sein.

43


Therapie-Ziele

der ambulanten Langzeitbehandlung

• Die gesamte Familie muß in den Behandlungsprozess

eingeschlossen sein.

• Insulininjektionen und Mahlzeiten sollten flexibel auf den

Tagesablauf der Patienten abgestimmt sein.

• Der Therapieplan sollte die soziale Integration nicht behindern.

44


Schule und Diabetes

Kinder und Jugendliche mit Typ-I Diabetes, sollen stets, wie alle

anderen Kinder auch, eine ihrer individuellen Begabung

entsprechende Schulausbildung erhalten.

• Die intellektuelle Leistungsfähigkeit von Kindern mit

Typ I Diabetes unterscheidet sich nicht von der stoffwechselgesunder

Gleichaltriger.

• Sie sind den schulischen Anforderungen ebenso gewachsen wie

andere in ihrem Alter.

• Ziel ist, das Kind mit Diabetes so gut wie möglich in die Klasse zu

integrieren, eine Außerseite zu vermeiden und gleichzeitig

Sicherheit für alle Beteiligten zu vermitteln.

45


Schule und Diabetes

• Lehrer und Mitschüler müssen wissen, daß sich ein Kind mit

Typ I Diabetes in ihrer Klasse befindet.

• Vor Schuleintritt sollten Eltern ein Gespräch mit dem künftigen

Klasselehrer/in suchen und ihn über den Diabetes ihres Kindes

informieren

• Lehrer sollten über den Typ-I Diabetes eines Kindes informiert sein.

Dafür eignen sich entsprechende Broschüren.

(z.B. von der Fa. Novo-Nordisk)

• Die Lehrer, insbesondere auch der Sportlehrer (und 1-2 Mitschüler)

sollten ausreichende Kenntnisse besitzen, die es ihnen möglich

macht, eine Hypoglykämie zu erkennen und zu behandeln.

46


Schule und Diabetes

• Ob und wie die Mitschüler über den Diabetes informiert werden,

sollte mit dem betreffenden Kind abgestimmt werden.

Es ist zu bedenken, daß der Diabetes nicht zu einem bestimmenden

Merkmal gemacht und das Kind so von Anfang an in eine

Außenseiterposition gedrängt wird.

• Lehrer müssen Verständnis dafür haben, wenn Kinder mit DM

während des Unterrichts ihren BZ messen und ggf. schnell wirkende

KH zu sich nehmen. In den Pausen sollte Zeit genug bleiben, um die

Zwischenmahlzeiten zu sich zu nehmen.

• Bei langdauerndem Unterricht ist oft ein drittes Frühstück sinnvoll,

da die Kinder erst um 14 Uhr zum Mittagessen kommen

47


Schule und Diabetes

• Die Diabetestherapie verlangt von Kindern mit Typ I Diabetes ein

hohes Maß an Zuverlässigkeit, Selbstdisziplin und Leistung!

• Eltern und Betreuern muß das stets bewußt sein, damit sie sich

immer wieder bemühen, Kindern und Jugendlichen mit Typ-I

Diabetes auf allen Gebieten des täglichen Lebens den Freiraum zu

verschaffen

• Die schulische Überforderung von Kindern und Jugendlichen mit

Typ-1 Diabetes sollte wie bei allen Kindern vermieden werden.

48


Schule und Diabetes

• Viele Studien weisen darauf hin, daß bei vielen Kindern mit

Diabetes und ihren Familien eine verstärkte Leistungsorientierung

und Leistungsbereitschaft besteht

• Es gibt aber auch die Gruppe von besonders belasteten jugendlichen

Patienten, die erhebliche Schwierigkeiten bei der Umsetzung der

Therapie haben.

• Schulprobleme, Ausschluss von Klassenaktivitäten und mangelnde

Integration in die Gruppe Gleichaltriger verstärken die psychische

Belastung dieser bereits durch den Diabetes überforderten

Jugendlichen.

.

49


Schule und Diabetes

• Mangelnde familiäre Unterstützung und zahlreiche andere Konflikte

erschweren die Situation dieser Jugendlichen zusätzlich, nicht nur in

metabolischer, sondern auch in psychosozialer Hinsicht

• Bei diabetesbedingten Schulschwierigkeiten ist möglichst eine

psychologische Betreuung und Begleitung von Kindern und deren

Eltern anzustreben!

50


Schule und Diabetes

• Kein Kind mit Diabetes sollte von Schulausflügen oder

Klassenfahrten ausgeschlossen werden. (Evtl. Mitnahme der Mutter

des Kindes mit Diabetes auf Klassenfahrten, wenn Kind damit

einverstanden)

• Die Kinder müssen wissen, daß Hypoglykämien vor allem auf dem

Heimweg auftreten können (Oft lange Wege zwischen Schule und

Elternhaus, Wege werden zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt)

• Die körperliche Mehrbelastung während der Klassenfahrten erfordert

häufig wie in den Ferien, eine erhöhte Kalorienzufuhr, evtl. auch eine

Reduzierung der Insulindosis.

51


Schule und Hypoglykämie

• Die Lehrer sollten die Symptome einer Hypoglykämie kennen, damit

sie, wenn notwendig, dem Patienten Hilfestellung leisten können.

(Gespräch mit den Eltern über die typischen Hypo-Symptome ihres

Kindes)

• Ein Kind und Jugendlicher mit Diabetes muß immer eine Notration an

schnell wirksamen Kohlenhydraten bei sich haben (Traubenzucker oder

andere schnell wirksame KH)

• Zu empfehlen ist, daß eine solche auch in der Klasse gelagert ist, falls

der Schüler doch darauf vergessen hat.

• Jedes Kind mit Diabetes soll einen Diabetikerausweis bei sich tragen

52


Sondersituationen

Hypoglykämie

• Symptome: Schwäche, Schwitzen, Zittern, Erbrechen,

Herzklopfen, Kopfweh, Sehstörungen, Heißhunger, Aggression,

Konzentrationsschwäche, bis zur Bewusstlosigkeit

• tritt viel häufiger auf als eine Ketoazidose, die sich in der regel

langsam entwickelt

• bei plötzlicher Bewusstlosigkeit ist primär immer von einer

schweren Hypoglykämie auszugehen und nicht von einem

diabetischen Koma.

53


Sondersituationen

Hypoglykämie

• Gründe:

– Auslassen einer Mahlzeit

– zu geringe Nahrungszufuhr

– übermäßige körperliche Aktivität

– zu große Insulindosis

– Alkoholkonsum

54


Sondersituationen

Hypoglykämie

leichte bis mittlere Hypoglykämie:

• Zufuhr von 1-2 BE rasch resorbierbarer Kohlehydraten,

z.B.

– Orangensaft 1/8l = 1 BE

– Traubenzucker (Dextro Energen)

2 Stück = 1 BE

– Coca Cola1/8l = 1 BE

• nicht zu viele Kohlenhydrate zuführen

55


Sondersituationen

Hypoglykämie

schwere Hypoglykämie mit Bewusstlosigkeit:

• Atemwege frei machen, stabile Lage

• Bei Bewußtlosigkeit keine Nahrung einflößen

• Wenn verfügbar, Verabreichung von 1mg Glucagon

(GlukaGen Hypokit®) in die Oberschenkelmuskulatur

• Notarzt rufen!

Diagnose: Typ-I Diabetes, schwere Unterzuckerung

• bei Erlangen des Bewusstseins Essen von 2-3 BE langsam

resorbierbarer Kohlenhydrate und Einweisung ins Krankenhaus

zur Überwachung

56


Sondersituationen

Turnen

• Vorsicht, potentielle Hypogefahr durch Bewegung!

• Traubenzucker bzw. schnell resorbierbare Kohlenhydrate (z.B.

1/8l Apfel- oder Orangensaft) immer griffbereit

• ggf. „Sport“-BE, eher als langsam resorbierbare KH (Bedarf

individuell verschieden), anfänglich häufiger BZ-Messen und/oder

vor Beginn der Turnstunde

• bei hohen Ausgangs-Blutzuckerwerten kann im relativen

Insulinmangel unter körperl. Belastung der Blutzucker weiter

ansteigen, daher mit Kurzzeitinsulin/-analogon vorher in einen

erhöhten BZ-Zielbereich korrigieren

57


Sondersituationen

Ausflüge (Stunden bis max. 1 Tag)

• Wandertag: ungewohnt viel Bewegung bei gleicher

Insulindosierung und gleicher Ernährung bedeutet potentielle

Hypoglykämiegefahr! am besten: vor dem Wandern ein um 1-2

BE vergrößertes Frühstück (langsam resorbierbare KH)

• erhöhte Ausgangsblutzuckerwerte: im relativen Insulinmangel

unter körperl. Belastung möglicher weiterer Blutzuckeranstieg,

daher mit Kurzzeitinsulin/-analogon vorher in einen erhöhten BZ-

Zielbereich korrigieren

• Mitnehmen von BZ-Gerät und Insulin + Pen

58


Sondersituationen

Ausflüge: Schikurs, Schullandwoche

• ungewohnt viel Bewegung bei gleicher Insulindosierung und

gleicher Ernährung bedeutet potentielle Hypoglykämiegefahr!

• daher bei länger dauernder körperlicher Mehrbelastung

Basisreduktion (symmetrisch - morgens und abends) um 10-20%

• ausreichend Traubenzucker im Anorak (ggf Nachfüllen nicht

vergessen!)

• cave auf der Piste: BZ-Teststreifen unter ca. 10°C ungenau,

notfalls bei Hypogefühl daher 1-2 BE Traubenzucker zur

„Blindkorrektur“

59


Sondersituationen

Krankheit

• (meist) erhöhter Insulinbedarf bei fieberhaften Infekten – entweder

abdecken über Kurzzeitinsulinkorrekturen oder mit Erhöhung der

Basalrate

• Erbrechen: BE werden nicht behalten, daher mögliche

Hypogefahr, andererseits kann die zugrunde liegende Krankheit zu

Insulinresistenz und erhöhtem Insulinbedarf führen.

Differenzierung durch Messung. Im ersten Fall kann parenterale

Hypokorrektur erforderlich werden.

60


Kleine Kasuistik

zum Abschluß

• 11,6 Jahre alter türkischer Knabe mit extremer Adipositas

(BMI 29.1 kg/m 2 = > 99.5 P)

• Im Rahmen der Schuluntersuchung in der 4. Klasse VS

Urintestung auf Glucose: ++ positiv → Abklärung

• Nü-BZ: 190 mg/dl = Diabetes mellitus

• Extreme Adipositas, keine klassische Anamnese für Typ-I

Diabetes, Hohe Insulinwerte, neg.-AK = Typ-II DM

• FA: Eltern beide adipös, Bruder der Mutter und GV-vs Typ-II

Diabetes

61


Gewicht, BMI und Größen-Percentilen bei Diagnose

62


• Therapie: Insulin + Kalorienreduzierte Kost

• Gewichtsreduktion nach 8 Wochen stationärem Aufenthalt

um 5.5 kg. BMI rückläufig auf 26.3 kg/ m 2 (97. – 99.5 P)

• Insulintherapie konnte durch die Gewichtsreduktion nach

7 Wochen beendet werden

• Nach Entlassung Aufnahme in das X-Team-Programm

• In weiterer Folge stabile Normoglykämie ohne medikamentöse

Therapie

• Weitere Gewichtsabnahme in den nächsten 5 Monaten auf

53,7 kg. BMI jetzt 23,8 kg/m 2 ( 90. – 97. Perzentile)

63


Gewicht, BMI und Größen-Percentilenverlauf in den folgenden 7 Monaten

64


Überlegungen zu dieser Kasuistik

• Bei ausgeprägt adipösen Kindern und Jugendlichen sollte auch

in unserer Region an einen Typ-II Diabetes gedacht werden.

• Die Manifestation eines Typ-II Diabetes verläuft schleichend

und die Anamnese ist meist unergiebig

• Soll bei extrem adipösen Kindern routinemäßig bei den

Schuluntersuchungen eine Urintestung auf Glukose erfolgen?

65

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