Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-06-30 (Vorschau)

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30.6.2014|Deutschland €5,00

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Tschüss, Germany!

Der leise Auszug der Industrie

Frack you, Putin!

Weg vom russischen Gas

Europa wird rot

Warum der Schulden-Schlendrian

Deutschland teuer zu stehen kommt

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien €6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Die Bundeswehr ist kein normaler Konzern. Solches

Gerede der Verteidigungsministerin beweist nur, dass

sie eine Fehlbesetzung ist. Von Roland Tichy

Ein Konzern – zum Töten?

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Man braucht nie in einem Leopard-Panzer

eingesperrt gewesen

zu sein, in Afghanistan

unter Feuer gelegen zu haben

oder im Kampfjet die Grenze physischer

Belastbarkeit austesten, um zu wissen:

Die Bundeswehr ist gerade kein „weltweit

agierender Konzern mit eigener Logistik,

Reederei, Airline und Klinikverbund“, wie

Bundesverteidigungsministerin Ursula

von der Leyen seit Wochen landauf, landab

repetiert. Denn Konzerne schaffen

Werte oder vernichten sie gelegentlich

auch. Aber Konzerne töten nicht. Konzernchefs

schicken ihre Mitarbeiter nicht

ins Gefecht, wo sie fallen können.

Die Bundeswehr war immer eine Provokation.

Dass Deutschland sich nach den

Verbrechen des Zweiten Weltkriegs wieder

bewaffnete, dagegen haben Millionen

auf Ostermärschen demonstriert. Dass die

Bundeswehr von früheren Wehrmachtsoffizieren

aufgebaut werden musste und

manche Traditionen abgekriegt hat, traf

spätestens in den Siebzigerjahren auf den

Widerwillen einer pazifistischen, demokratischen

und sich rasch individualisierenden

Gesellschaft. Der „Bürger in Uniform“

hatte diese Widersprüche auszubalancieren.

Mit dem Ende der Wehrpflicht vertieften

sich die Abgründe zwischen dem Militär

und der hedonistischen Gesellschaft. Bis

zur Wiedervereinigung verspießerte und

verbürokratisierte sich das Militär, weil es

im Zeitalter der atomaren Abschreckung ja

das erklärte Ziel war, den militärischen

Einsatz unbedingt zu verhindern, um nicht

den gesamten Planeten zu zerstören. Aber

seit dem Einsatz im Kosovo, heute in Afghanistan

und morgen weiß Gott wo noch

schießen und sterben Bundeswehrsoldaten

wieder auf den Schlachtfeldern.

Für das Vaterland zu sterben war nie

süß, sondern ist die Zerstörung jenes Universums

prallen Lebens und süßen Hoffens,

das Mensch heißt. Dafür aber müssen

Soldaten ausgebildet und innerlich

bereit sein. Sie werden zum Kämpfer geschult,

damit sie andere Kämpfer besiegen

können, ehe diese sie töten. Daher kommen

das Düstere, das Bedrohliche, das

Unbedingte und der Drill. Klar sind ein

paar Kilo egal für die Führungsoffiziere in

den Leitständen im arkadischen Potsdam,

und Übergewicht ist fast unvermeidlich

für die Drohnen-Piloten vor Bildschirmen.

Aber ihre Computerspiele töten ganz real

und oft auch Frauen und Kinder im Schrecken

der Kriege. In einer Gesellschaft, die

jedes Risiko abwälzt, muten wir einigen

das allerhöchste Risiko zu: Verantwortung

und Tod.

HEREINBRECHENDE REALITÄT

Das untere Ende der Befehlskette – würde

Frau von der Leyen das Wertschöpfungskette

nennen? – trifft vor Somalia auf Piraten,

die nichts Besseres finden können als

den Tod, oder auf fanatische Muslime, die

ihn herbeisehnen für ein Dutzend Jungfrauen

im Himmel. Das schauen wir uns

nicht gerne an. Wir verschließen lieber die

Augen vor den Giftgasmorden in Syrien

und den Massenmorden im Irak im Namen

eines arabischen Wüstenpropheten,

der aber auch junge Männer aus Frankfurt

oder Hamburg anzieht, sodass sie sich einreihen

in seine Mörderbrigaden. Die Bilder

sind zu entsetzlich für unsere pazifierten

Flachbildschirme, aber sie rücken näher,

stehen schon am Südrand jenseits des urlaubsblauen

Mittelmeers und am Ostrand

unserer zivilisierten Welt.

Darüber müssen wir reden, nicht über

Kinderkrippen und Krabbelgruppen. Zumindest

das sind wir den Soldaten schuldig

und ihrem Gelöbnis, der Bundesrepublik

Deutschland treu zu dienen. Da ist es

verletzend, wenn eine wie immer gut geföhnte

Ministerin im Lifestyle-Magazin

grinst, während die Soldaten beim Liegestütz

geschunden werden. Ihre Soldaten.

Die Bundeswehr ist gerade kein Konzern;

und wenn die dafür zuständige Ministerin

damit die derzeitige Debatte befeuert,

zeigt ihr zeitgeistiges Managementgewäsch

nur ihr tiefes Unverständnis. Wer Unterschiede

zwischen Soldaten und Angestellten

wegplappern und verharmlosen will,

dient weder der Wahrheitsfindung noch

dem Frieden.

n

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Gefährliche Geldfabriken

8 Raumfahrt:Europa plant Kurswechsel

9 Daimler: Neues Werk mit Renault-Nissan |

Media-Saturn: Attacke gegen Interimschef

10 Interview: Der Präsident der privaten

Waldbesitzer, Freiherr zu Guttenberg, warnt

vor Notverkäufen an Finanzinvestoren

12 3-D-Druck:US-Großauftrag für Bayern |

Drei Fragen zu deutschen Seehäfen

14 Chefsessel | Start-up iGrow

16 Chefbüro Frank Sportolari, Deutschland-

Chef des Paketdienstes UPS

Politik&Weltwirtschaft

18 Europa Eine Abkehr vom Euro-Konsolidierungskurs

träfe vor allem die Deutschen |

Griechenland kommt mit den Privatisierungen

nicht vom Fleck | Wie Staatsdefizite

schöngerechnet werden

25 Interview: Thomas Oppermann Der SPD-

Fraktionsführer über Reformen in Europa

und den deutschen Mindestlohn

27 Energie Streit über Ökostrom-Förderung

28 Interview: Christian Schmidt Der Bundeslandwirtschaftsminister

plädiert für ein

Freihandelsabkommen mit den USA

29 Sarajevo In der Stadt des Attentats von 1914

gibt es endlich Zeichen der Hoffnung

31 Global Briefing | Berlin intern

Der Volkswirt

32 Kommentar | New Economics

33 Konjunktur Deutschland

34 Serie Frühindikatoren (III) Wie entsteht

der viel beachtete Einkaufsmanagerindex?

35 Denkfabrik Stefan Koohts und Maik Wolters

warnen vor einer Interventionsspirale

Titel Schulden statt Reformen

Mit aller Macht drängen die Sozialdemokraten

in Europa auf eine

Verschärfung des Schulden-Schlendrians.

Doch eine Abkehr vom Euro-

Konsolidierungskurs würde vor

allem die Deutschen teuer zu stehen

kommen. Seite 18

Und tschüss...

Das Jobwunder täuscht: Wie

Siemens mit der Energiesparte

gehen deutsche

Unternehmen oft ins Ausland.

Eine Mitschuld trägt

die Energiewende. Seite 36

Unternehmen&Märkte

36 Standort Deutschland Das Jobwunder

kann nicht verdecken, dass Unternehmen

Aktivitäten ins Ausland verlagern | Vier erfolgreiche

deutsche Gründer in New York

44 Coppenrath & Wiese Warum die Erben

den Tiefkühltortenbäcker verkaufen

46 Deutsche Bahn Der Konflikt zwischen

den beiden Bahngewerkschaften ums Zugpersonal

elektrisiert die ganze Wirtschaft

47 Aareal Bank So entkam der Immobilienfinanzierer

der Krise

49 Serie Die Turnarounder (II): Der Hamburger

Windanlagenbauer Nordex

52 Claas Der Landmaschinenhersteller

fürchtet Einbußen im Russland-Geschäft

Technik&Wissen

56 Serie Fossile Energie (I): Erdgas Mit neuen

Fracking-Methoden ließen sich Europas

Schiefergasreserven umweltverträglich erschließen

| Eine juristische Lücke könnte die

Voll fokussiert

Die Sieger des Wettbewerbs

„Die Beste Fabrik“ zeigen,

wie moderne Industrie funktioniert.

Sven Breitschwerdt

von MDC Power setzt vor

allem auf klare Verantwortlichkeiten

und die Konzentration

auf das Kerngeschäft.

Seite 66

TITELILLUSTRATION: JEAN-PIERRE KUNKEL; TITELFOTO: LAIF/DOMINIK BUTZMANN

4 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 27, 30.6.2014

FOTOS: AP IMAGES FOR SIEMENS, INC./KEVIN SANDERS, CHRISTOPH BUSSE FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, CORBIS/MICHAL FLUDRA, IMAGO/ANNEGRET HILSE

Sauber fracken?

Neue Fördertechnik soll das umstrittene Verfahren umweltverträglich

machen – und Europa auf Jahrzehnte unabhängig

von russischem Gas. Teil 1 der Serie Fossile Energie Seite 56

Rettung im Sturm

Der zweite Teil der Serie Turnarounder beschreibt die radikalen

Eingriffe, mit denen Vorstandschef Jürgen Zeschky den Hamburger

Windmühlenbauer Nordex aus der Flaute geholt hat. Seite 49

Auf Sieg spielen

Nicht nur im Wettbüro lässt

sich mit Fußball Geld

machen – auch an der

Börse. Borussia Dortmund

spielt dort in der Königsklasse,

aber auch andere europäische

Vereine sind Kandidaten für

einen Aufstieg. Seite 79

Erschließung ermöglichen | Kann verflüssigtes

Erdgas Importe aus Russland ersetzen?

64 Interview: Sharon Conheady Die IT-Expertin

attackiert Firmen – in ehrenwerter Mission.

Sie stößt auf enorme Sicherheitslücken

65 Valley Talk

Management&Erfolg

66 Produktion Die Erfolgsrezepte der Sieger

im Wettbewerb „Die Beste Fabrik“

71 Berufswunsch Das wollten Manager und

Unternehmer in jungen Jahren werden

Geld&Börse

72 Delisting Ein spektakuläres Urteil erleichtert

es Unternehmen, sich von der Börse zu

verabschieden – zulasten der Anleger |

Marseille Kliniken: Welchen Plan verfolgt

Großaktionär Ulrich Marseille? | Thomas

Middelhoff: Der Gerichtsmarathon des Ex-

Arcandor-Chefs und Marseille-Aufsehers

79 Fußballaktien BVB und Co. bieten Chancen

82 Steuern und Recht Krankenversicherung

absetzen | Spekulationsfrist bei Immobilienverkauf

| Privatinsolvenz | Pendlerpauschale

84 Geldwoche Kommentar: Müde Börsengänge

| Trend: Gold | Dax-Aktien: Commerzbank

| Hitliste: Geldentwertung | Aktien:

Silver Wheaton, Microsoft | Anleihe: Vale |

Chartsignal: Ölpreis | Investmentfonds:

Schroder Frontier Markets | Nachgefragt:

Kurt Bengel, Chef des IT-Hauses Cenit

Perspektiven&Debatte

92 Gastronomie Immer mehr Spitzenköche

eröffnen Zweitlokale

95 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 96 Leserforum,

97 Firmenindex | Impressum, 98 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche gibt es einen

Zeitraffer-Blick aufs BMW-

Fließband. Zudem zeigen

wir in einem Video,

wie das Erdgas-Fracking

in Deutschland

funktioniert.

wiwo.de/apps

n Studium Ab Montag finden Sie auf

unserer Web-Site eine Woche lang

einen Schwerpunkt für Studenten.

Darunter auch das aktuelle WiWo-

Uni-Ranking. wiwo.de/studium

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plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 5

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Seitenblick

BITCOIN

Gefährliche

Geldfabriken

Bitcoins werden inzwischen industriell in riesigen

Rechenzentren erzeugt – doch genau das gefährdet

die anarchische Cyberwährung.

29 656 Bitcoins

US-Justizministerium gerade versteigert. Staatsanwälte

hatten die Cyberwährung mit einem Marktwert

von rund 17 Millionen Dollar beschlagnahmt, als

sie im Oktober den Online-Schwarzmarkt Silk Road

geschlossen hatten. Der Kurs eines Bitcoins hat

sich zwischen 400 und 500 Euro eingependelt; immer

mehr Unternehmen akzeptieren das digitale Geld,

zuletzt das Online-Reisebüro Expedia in den USA.

hat das

126 Millionen Dollar Wagniskapital

wurden 2014 in Bitcoin-Start-ups investiert, fast 50

Prozent mehr als im gesamten Vorjahr. 20 Millionen

Dollar erhielt das Unternehmen BitFury, das in Island

und Finnland zwei riesige Rechenzentren betreibt,

um Bitcoins herzustellen. Die Währung wird durch

komplexe Berechnungen erzeugt. Anfangs konnten

das Nerds zu Hause machen, doch inzwischen

sind immer leistungsfähigere Computer nötig. Daher

schließen sich die Produzenten in Pools zusammen.

Aber diese Verbünde und die großen Rechenzentren

gefährden die Währung, die eigentlich in einem

Computernetzwerk dezentral verwaltet wird.

50 Prozent der gesamten Rechenkraft

im Bitcoin-Netzwerk kontrollierte im Juni erstmals der

größte Bitcoin-Pool. Ab 51 Prozent könnte er das gesamte

Bitcoin-System manipulieren. BitFury hat daher

Teile seiner Kapazitäten aus dem Pool abgezogen.

oliver.voss@wiwo.de

6 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Amerikas größte Bitcoin-Mine Rund 50 Bitcoins pro Tag erzeugt MegaBigPower im US-Bundesstaat Washington. Die monatlichen

Stromkosten betragen 40 000 Dollar – der Wert der erzeugten Bitcoins circa 840 000 Dollar.

FOTO: JENNY RIFFLE

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 7

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Menschen der Wirtschaft

High Noon im Herbst

DLR-Vorstandschef Wörner

RAUMFAHRT

Europa zittert vor SpaceX

Europas Raumfahrtnationen verhandeln

über einen radikalen Umbau ihres Raketenprogramms.

Sie sind getrieben vom Raketenunternehmen

des Tesla-Gründers Musk.

Der Erfolg des privaten amerikanischen Raumfahrtunternehmens

SpaceX von Tesla- und PayPal-

Gründer Elon Musk setzt die Betreiber des europäischen

Raketenprogramms Ariane massiv unter

Zugzwang. Schon in den nächsten zwei, spätestens

drei Monaten wollen das Bundeswirtschaftsministerium,

das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt

(DLR), die europäische Raumfahrtbehörde

ESA sowie andere EU-Staaten und die Schweiz entscheiden,

ob künftig die Industrie selbst die Entwicklung

neuer Ariane-Trägerraketen initiieren

und verantworten soll. Das kündigt DLR-Vorstandschef

Johann-Dietrich Wörner an. Der Schritt

wäre eine Revolution, denn bisher ist allein die ESA

für den Entwurf von Ariane-Raketen zuständig.

Die Industrie setzt nur die Vorgaben um.

„Künftig könnte die Industrie über das Design

entscheiden und gleichzeitig mehr Verantwortung

für Erfolg und Misserfolg tragen“, sagt Wörner. Das

Wirtschaftsministerium unterstützt ihn: „Auch in

Europa muss der Weg in Richtung mehr unternehmerische

Verantwortung im Trägermarkt gehen.“

Ziel müsse es sein, dass der Transport von Satelliten

ins All ohne staatliche Subventionen funktio-

niere. Entscheiden sich die Beteiligten für die

Industrie-Lösung, soll der ESA-Ministerrat, das

höchste Gremium der Raumfahrtbehörde, die

Vorlage am 3. Dezember ratifizieren.

Der neue Wettbewerber SpaceX bereitet Europas

Raumfahrtbranche zunehmend Sorge. „ESA und

Arianespace schlottern die Knie, wenn sie an

SpaceX denken“, sagt der deutsche Astronaut und

Raumfahrttechnik-Professor Ulrich Walter. Sogar

die Bundeswehr schießt ihre Satelliten via SpaceX

ins All – weil es billiger ist. Das US-Unternehmen

verlangt für einen Start der selbst entwickelten

Falcon-9-Rakete 61 Millionen Dollar. Der Start

einer Ariane 5 kostet 170 Millionen Euro.

Der europäische Luftfahrtriese Airbus und der

französische Triebwerkshersteller Safran, die die

Ariane bauen, hatten schon Mitte Juni angekündigt,

ihre Kräfte zum Jahresende in einem neuen Joint

Venture zu bündeln. Einem Airbus-Sprecher zufolge

ist auch dies eine direkte Reaktion auf SpaceX.

SpaceX-Gründer Musk arbeitet indes mit Hochdruck

an einem Plan, der noch mehr Sprengkraft

für die Branche birgt. So sollen die Raketen künftig

zur Startrampe zurückfliegen, landen und wieder

betankt werden. Musk spricht davon, die Kosten auf

ein Hundertstel zu senken. Auch wenn Experten

wie Raumfahrtwissenschaftler Walter die Zahl für

utopisch halten, schon eine Kostenhalbierung würde

den Wettbewerb laut DLR-Chef Wörner extrem beeinflussen.

thomas.stoelzel@wiwo.de

Billiger als die

Europäer

Wasein Flug in die geostationäre

Umlaufbahn

kostet (Startpreis pro

Tonne Nutzlast)

Falcon 9

USA

Proton M

Russland

Delta IV

USA

Ariane 5

EU

Sojus 2

Russland

Delta II

USA

13 Mio.$

29 Mio.$

Quelle:eigeneRecherche

16 Mio.$

17 Mio.$

21 Mio.$

43 Mio.$

8 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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DAIMLER

Mehr mit Renault

Am Anfang stand vor vier Jahren

die Entwicklung eines sparsamen

Dieselmotors für Europa.

Es folgten der Bau des Mercedes-

Stadtlieferwagens Citan und die

gemeinsame Entwicklung einer

neuen Kleinwagen-Generation.

Daimler-Chef Dieter Zetsche

und Carlos Ghosn. der umtriebige

Chef von Renault und Nissan,

arbeiten dabei so gut zusammen,

dass sie die Allianz

nun auf Amerika ausweiten.

In einem neuen, eine Milliarde

Euro teuren Autowerk im

mexikanischen Aguascalientes

wollen beide Partner demnächst

mit insgesamt 5700 Beschäftigten

und vielen mexikanischen

Zulieferern jährlich

rund 300 000 Kompaktwagen

der Premiumklasse bauen – von

2017 an zunächst einen neuen

Allianz für Amerika

Autochefs Zetsche und Ghosn

Infinity auf Basis der Mercedes-B-Klasse,

ein Jahr später

einen kompakten Mercedes.

Dem Vernehmen nach soll es

sich um den viertürigen CLA

handeln, der sich in den USA

großer Nachfrage erfreut. Die

sportliche Kombiversion des

CLA namens Shooting Brake,

die der Mercedes-Vorstand jetzt

beschlossen hat, wird jedoch im

ungarischen Kecskemet gebaut.

Trotz der Investitionen in

neue Werke im Ausland sieht

Zetsche derzeit „keinen Grund,

sich über die deutschen Standorte

Sorge zu machen“, wie er

sagt. Trotz eines sinkenden Umsatzanteils

des Heimatmarkts

habe der Konzern Milliarden in

die Werke Stuttgart und Bremen

investiert. Allerdings, darin sei

er sich mit dem Betriebsrat einig,

müsse die Wettbewerbsfähigkeit

hier weiter erhöht werden,

so Zetsche. Aber auch die

Politik sei gefordert. „Energiekosten,

die mehr als doppelt so

hoch sind wie in den USA“, steigende

Rentenkosten sowie der

Zerfall der Verkehrsinfrastruktur

bedeuteten „hohe Belastungen

für die Stärken des Wirtschaftsstandorts

Deutschland“,

warnte der Daimler-Chef (siehe

auch Seite 36)

franz.rother@wiwo.de

Aufgeschnappt

Tiger-Selfies New York will es

seinen Bürgern verbieten, sich

mit Tigern fotografieren zu lassen.

Vor allem Männern stehen

auf Tiger-Selfies, um mit ihnen

ihre Profilbilder bei Dating-Apps

wie Tinder aufzupeppen. Doch

wegen der Gefahren drohen

künftig jedem New Yorker 500

Dollar Strafe,

der mit

Zirkustigern

oder anderen

Raubtieren

posiert.

Zocker-Stipendium Bisher köderten

US-Universitäten talentierte

Football- oder Basketballspieler

mit Stipendien, um ihre

College-Mannschaften zu stärken.

Die Robert Morris University

bei Chicago lockt nun auch

Computerspieler: Sie erlässt

besonders guten League-of-

Legends-Zockern die Hälfte der

Studiengebühren. Das Spiel ist

derzeit eine der beliebtesten

Disziplinen im E-Sport, das Siegerteam

der World Championship

erhält eine Million Dollar.

MEDIA-SATURN

Streit um

Chef

Der Dauerstreit zwischen Media-Saturn-Minderheitsgesellschafter

Erich Kellerhals und

Metro-Chef Olaf Koch geht in

die nächste Runde. Auf der Gesellschafterversammlung

von

Media-Saturn am 4. Juli will

Kellerhals Interimschef Pieter

Haas abberufen lassen, heißt es

im Umfeld der Beteiligten. Der

Vorstoß dürfte auf heftige Gegenwehr

der Metro-Vertreter

stoßen. Zuletzt war bereits bekannt

geworden, dass Kellerhals

Haas per einstweiliger Verfügung

aus dem Amt klagen

will. Die juristischen Erfolgsaussichten

seien bescheiden,

heißt es bei Metro, dem Media-

Saturn-Mehrheitseigner.

Gesucht wird allerdings ein

dauerhafter Chef für Europas

größten Elektronikhändler Media-Saturn.

Beteiligte rechnen

damit, dass sich das Verfahren

bis 2015 hinziehen dürfte.

Auf der Gesellschafterversammlung

wollen die Parteien

zumindest das Profil eines möglichen

gemeinsamen Wunschkandidaten

ausloten. Anschließend

sollen unabhängige

Personalberater mit der Suche

beauftragt werden.

henryk.hielscher@wiwo.de

FOTOS: DLR, LAIF/REA/ERIC TSCHAEN, YOURPHOTOTODAY/ANDREAS ROSE

Adieu, Praktikanten

Nur drei Prozent der Praktikanten verdienen

derzeit annäherndsoviel, wie ihnen nach

dem geplanten Mindestlohn zustünde

unbezahlt

bis 200 €

200–400€

400–600 €

600–800 €

40% 6% 23% 9% 13% 6% 3%

*monatlich bei einer 40-Stunden-Woche; Quelle: Böckler-Stiftung/FU Berlin, IAB Betriebspanel

800–1000 €

über 1000 €

568000

Praktika

Durchschnittsvergütung

bezahlter

Praktika:

1360 €

wurden in

deutschen

Betrieben

2013

absolviert

551

Euro

müssten Praktikanten

bekommen*,sobald der

Mindestlohn gilt

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 9

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Kundenerlebnis

Je fortschrittlicher eine

Volkswirtschaft organisiert

ist, desto unwichtiger wird

die Qualität ihrer Produkte.

Anders ist nicht zu erklären,

warum Menschen zum

Beispiel bereit sind, Flachbildschirme

zu erwerben, die

zu Hause statt Fußball

unverständliche Konfigurierungsanweisungen

und

Fehlermeldungen zeigen.

Entscheidend ist offenbar

allein, dass der Verkäufer im

Trikot der Nationalmannschaft

arbeitet, Sambatrommeln

durch den Laden

dröhnen und der eingenetzte

Kassenbereich aussieht wie

das Tor von Manuel Neuer.

Allerdings erklären Kundenerlebnisse

wie dieses ein

anderes Phänomen: Joghurt

gilt wahrscheinlich deswegen

als gesund, weil der

Selbstbediener auf dem Weg

zum Kühlregal beim Vorstadtdiscounter

wöchentlich

mindestens einen Halbmarathon

zurücklegen muss.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

INTERVIEW Philipp Freiherr zu Guttenberg

»Verheerende Folgen«

Der Präsident der privaten Waldbesitzer warnt vor

Notverkäufen an internationale Finanzinvestoren.

Freiherr zu Guttenberg, wie

wirkt sich der Sturm, der

an Pfingstmontag viele Bäume

in Nordrhein-Westfalen

entwurzelte, auf den Holzmarkt

aus?

Es liegen 80000 Festmeter, also

80000 Kubikmeter, Holz auf

dem Boden – bei der Menge ist

der Holzmarkt insgesamt nicht

betroffen. Für einige Waldbesitzer

dort war der Sturm allerdings

verheerend. Sie verloren ihre

Produktionsgrundlage für die

nächsten Jahrzehnte.

Mehr als den Sturm fürchten

die Waldbesitzer das Bundesverfassungsgericht,

wenn es am

8. Juli über die Erbschaftsteuer

verhandelt. Warum?

Wenn das Gericht die Steuervergünstigung

für erbende

Waldeigentümer kippt, hätte

das verheerende Folgen für den

gesamten deutschen Waldbesitz.

Denn der Wald wirft im

Jahr nur eine Rendite von 1,0

bis 1,5 Prozent ab, ein Baum

braucht aber Jahrzehnte, bis er

gefällt und sein Holz verkauft

werden kann. In dieser Zeit

wird er in der Regel mehrmals

vererbt, fällt mehrmals Erbschaftsteuer

an. Wird die künftig

nach dem Verkehrswert berechnet,

sind nicht nur alle

Erträge weg, auch die Substanz,

der Wald, muss Stück für Stück

verkauft werden.

...und die großen Waldbesitzer

kaufen die kleinen Wälder auf?

Nein, dann kämen die Heuschrecken

in die deutschen

Wälder, internationale Finanzinvestoren,

die eher an der Bodenspekulation

interessiert

sind als an nachhaltiger Forstwirtschaft,

wie wir sie in Europa

und vor allem in Deutschland

pflegen.

Es gibt doch schon Fonds, die

in Wälder investieren.

DER WALDMEISTER

Freiherr zu Guttenberg, 41,

leitet den Waldbesitzerverband

AGDW und hat selbst zwei Forstbetriebe.

Die deutsche Forst- und

Holzwirtschaft setzt im Jahr rund

172 Milliarden Euro um, beschäftigt

1,2 Millionen Mitarbeiter.

Die gibt es, aber nicht in

Deutschland. Hier stehen in

der Regel keine Flächen zum

Verkauf.

Auch in Deutschland arbeiten

Waldmakler.

Ja, aber die tun sich sehr

schwer. In Deutschland verkaufen

Waldeigentümer eigentlich

nicht. Der Wald ist seit Generationen

in Familienbesitz. Und

der Preis für Grund und Boden

ist für uns nicht ausschlaggebend.

Wir leben von den Erträgen,

die das Holz einbringt. Der

Boden ist unsere Produktionsgrundlage

und keine Spekulationsmasse.

Aber für die Energiewende, die

neuen Stromtrassen müssen

die Waldbesitzer jetzt Flächen

abgeben.

Wir sind nicht gegen die Energiewende,

aber wir möchten fair

behandelt werden. Derzeit erhalten

wir als Entschädigung

einmalig 10 bis 20 Prozent des

Verkehrswertes der Fläche, auf

denen eine Stromtrasse geschlagen

werden soll. Die Regelung

stammt aus den Fünfziger- und

Sechzigerjahren, als die Stromversorgung

noch in staatlicher

Hand war. Jetzt haben wir private

Netzbetreiber. Die verdienen

sich eine goldene Nase, und wir

verlieren Teile unserer Produktionsgrundlage.

Das kann nicht

sein. Deshalb fordern wir auch

eine wiederkehrende Vergütung,

einer Miete gleich, die sich

nach dem Marktwert richtet.

Wenn das nicht geschieht, werden

Waldeigentümer vor Gericht

gehen.

Aber der Boden, auf dem die

Stromtrassen entstehen, gehört

doch weiterhin dem Waldbesitzer.

Ja, aber er kann damit nichts

mehr anfangen. Eine ordnungsgemäße

Forstwirtschaft ist dort

nicht mehr möglich.

Trotz aller Klagen: Die Waldeigentümer

stehen vor einem

Boom. Weltweit wächst der

Bedarf an Holz.

Wir sind von der Industrie hier

abhängig. Sie ist unser Kunde.

Wenn sie ihre Produktion nach

China oder in andere Länder

verlagern sollte, verlieren wir

sie als Kunden. Aber in den letzten

Jahren hatten wir wieder

auskömmliche Preise, wir haben

nominal wieder das Niveau

von 1989 erreicht, bevor die

Preise einbrachen. Für einen

Kubikmeter Fichtenholz bester

Qualität bekommen wir heute

etwa 90 bis 100 Euro. Prognosen

zufolge werden aufgrund weltweit

steigender Nachfrage nach

erneuerbaren Rohstoffen in

Deutschland im Jahr 2020 rund

30 Millionen Kubikmeter Holz

fehlen. Holz als Rohstoff der Zukunft

ist auf einem gigantischen

Weg nach oben.

hermann.olbermann@wiwo.de

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: DOMINIK GIGLER

10 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

DREI FRAGEN...

...zum Jade-Weser-Port

Emanuel

Schiffer

62, Co-Chef

des Terminalbetreibers

Eurogate

n Was wird aus dem Jade-

Weser-Port nach dem

Scheitern der weltgrößten

Reedereiallianz P3, die

Deutschlands einzigen Tiefwasserhafen

anlaufen wollte?

Die Tatsache, dass P3 nicht

zustande kommt, heißt ja

nicht, dass die Reedereien ihre

Liniendienste nicht unabhängig

von einem Konsortium

nach Wilhelmshaven schicken

können. Wir werden mit den

drei Reedereien Maersk Line,

MSC und CMA CGM einzeln

sprechen.

n Warum laufen so wenige

Schiffe Wilhelmshaven an?

Die Reedereien tun sich

schwer, einen neuen Hafen in

ihr Transportsystem aufzunehmen,

obwohl es für sie

Vorteile brächte. Aber die

Containerbranche ist sehr

konservativ und steht Innovationen

eher zurückhaltend

gegenüber. Wir haben in Wilhelmshaven

die besten nautischen

Voraussetzungen, die

an der deutschen Nordseeküste

möglich sind, um Großcontainerschiffe

abzufertigen.

n Sucht der Jade-Weser-

Port jetzt Kooperationen mit

den Seehäfen in Hamburg

und Bremerhaven?

Die Wettbewerbsfähigkeit des

maritimen Standorts Deutschland

hängt davon ab, ob die

Küstenländer mit ihren großen

Seehäfen in Zukunft besser

zusammenarbeiten. Es ist

widersinnig, sich gegenseitig

Konkurrenz zu machen. Denn

wir teilen uns ein gemeinsames

Hinterland.

hermann.olbermann@wiwo.de

WIRTSCHAFTSWOCHE

Rekord

erzielt

Die WirtschaftsWoche ist auf

Rekordkurs: Mit jeder gedruckten

Ausgabe erreicht sie 320 000

Entscheider in Wirtschaft und

Verwaltung – ein Allzeithoch.

Seit 2013 gewann sie in dieser

Gruppe 25 000 Leser hinzu. Zu

dem Ergebnis kommt die jüngste

Leseranalyse LAE 2014.

Damit behauptet die WirtschaftsWoche

ihre Position als

führendes deutsches Wirtschaftsmagazin.

Zum Vergleich:

Zur „Frankfurter Allgemeine

Zeitung“ greifen 306 000 Entscheider.

Das „Manager-Magazin“

wird von 295 000 Entscheidern

gelesen und „Capital“ von

275 000.

Die Online-Ausgabe wirtschaftswoche.de

konnte die

Zahl ihrer Nutzer unter den Entscheidern

um 12,6 Prozent auf

482 000 pro Monat steigern. Die

WirtschaftsWoche-App kommt

hier auf 164 000 Nutzer pro Monat,

34,4 Prozent mehr als 2013.

Das „Handelsblatt“, das wie

die WirtschaftsWoche in der

Verlagsgruppe Handelsblatt erscheint,

erreicht 285 000 Entscheider

pro Printausgabe, handelsblatt.com

555 000 pro

Monat und die Handelsblatt-

App 184 000 pro Monat.

EOS

Triebwerke

drucken

mdw@wiwo.de

Frohe Botschaft aus den USA:

Hans Langer, Gründer und

Chef des bayrischen Unternehmens

EOS, erhält einen ungewöhnlichen

Auftrag vom amerikanischen

Unternehmen GE

Aviation, dem weltgrößten Hersteller

von Triebwerken für

Flugzeuge. Ihm soll der Pionier

in Sachen 3-D-Druck High-

TOP-TERMINE VOM 30.06. BIS 06.07.

30.06. ADAC Der Autoclub stellt am Montag seine Bilanz

vor und dürfte dabei auch über die Reform berichten,

die er nach dem Skandal um seinen Autopreis

angekündigt hat. So wollte der Verein auch überprüfen,

welche Unternehmen er weiterführt. An der

Fernbus-Kooperation mit

der Deutschen Post hält er

offensichtlich fest. Der

ADAC Postbus kündigte

bereits eine Expansion an.

Beamte Der Bundeshauptvorstand des Beamtenbundes,

das wichtigste Gremium zwischen den

Gewerkschaftstagen, berät, wie auch die Beamten

von der Rente mit 63 profitieren können. Nordrhein-Westfalens

Verfassungsgerichtshof entscheidet

am Dienstag, ob die Nullrunden 2013

und 2014 für Beamte rechtens waren.

01.07. Arbeitsmarkt Die Bundesagentur für Arbeit berichtet

am Dienstag über die Entwicklung im Juni.

Im Mai zählte die Behörde 2,8 Millionen Arbeitslose,

61 000 weniger als im April und 55 000 weniger

als ein Jahr zuvor.

EU-Parlament Die 751 Abgeordneten des neuen

Europäischen Parlaments kommen in Straßburg

zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen. Aus

Deutschland kommen 96 Parlamentarier.

Internet-Bewertungen Der Bundesgerichtshof

urteilt, ob Betreiber von Portalen mit anonymen

Bewertungen die Namen des Verfassers preisgegeben

müssen, wenn die Bewerteten dies fordern.

03.07. Geldpolitik Der Rat der Europäischen Zentralbank

berät am Donnerstag die weitere Geldpolitik. Anfang

Juni senkte sie den Leitzins auf 0,15 Prozent

und führte Strafzinsen ein.

CDU-Wirtschaftsrat Fast 3000 Gäste erwartet der

Wirtschaftsrat der CDU zum diesjährigen

Wirtschaftstag, darunter Kanzlerin Angela Merkel.

Tech-Geräte liefern, mit denen

Flugzeugteile nicht mehr gegossen

oder gefräst werden,

sondern mithilfe eines Lasers

aus Metallpulver schichtweise

aufgebaut werden. „Wir planen

zunächst die Bestellung von

mindestens 100 Geräten“, sagt

Greg Morris, Leiter der GE-

Sparte Additive Technologies.

Der Auftrag hat zu Listenpreisen

einen Wert von gut

60 Millionen Euro, das entspricht

rund einem halben

Jahresumsatz des bayrischen

Unternehmens. Wichtiger jedoch:

Der Auftrag ist der erste

große Schritt zum Einsatz des

3-D-Drucks im Bau von

Flugzeugen.

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

Neue Ära im Flugzeugbau

EOS-Chef Langer

FOTOS: PR

12 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

M.M. WARBURG

Joachim Olearius, 43,

leitet von Juli an die Hamburger

Privatbank und folgt

darin seinem Vater Christian

Olearius, 72, nach, der gemeinsam

mit Max Warburg,

66, in den Aufsichtsrat wechselt.

Beide Senior-Banker

bleiben mit rund 80 Prozent

der Anteile Haupteigentümer

von M.M. Warburg; die

restlichen 20 Prozent gehören

mehreren Privatpersonen.

Olearius junior besitzt

keine Anteile. M.M. Warburg

verwaltet ein Kundenvermögen

von gut 50 Milliarden

Euro.

DEUTSCHE BANK

Thomas Mayer, 60,

verlässt das Institut am 30.

Juni und wechselt zum Kölner

Vermögensverwalter

Flossbach von Storch. Schon

2012 hatte er seinen Posten

als Chefvolkswirt an den

Leiter des Kapitalmarkt-

Researchs David Folkerts-

Landau, 64, verloren. Seitdem

fungierte Mayer bei der Deutschen

Bank als Berater des Vorstands.

Die Personalie sahen

manche als Verlust der Unabhängigkeit

der volkswirtschaftlichen

Abteilung. Mayer meldet

sich immer wieder mit teils

kontroversen Ansichten öffentlich

zu Wort.

KIENBAUM

Stefan Fischhuber, 48,

verlässt Endes des Jahres die

Beratungsgesellschaft mit unbekanntem

Ziel. Vor fünf Jahren

hatte Firmenchef Jochen Kienbaum,

67, den gut verdrahteten

Industrieexperten bei der amerikanischen

Konkurrenz Heidrick

& Struggles abgeworben.

Er sollte bei Kienbaum die Top-

Manager-Direktsuche ausbauen.

Zuletzt kehrten dem Gummersbacher

Unternehmen

mehr Personalberater den Rücken,

als neue kamen.

LUDWIG ERHARD

Roland Tichy, 58, der scheidende

Chefredakteur der WirtschaftsWoche,

wurde einstimmig

zum neuen Vorsitzenden

der Ludwig Erhard-Stiftung gewählt.

„Noch nie war die Arbeit

der Ludwig-Erhard-Stiftung so

wichtig wie heute“, so Tichy,

„kurzfristige Gerechtigkeitsargumente

triumphieren über

langfristige, gesamtwirtschaftliche

Gesetze. Damit drohen die

Quellen des Wohlstands verschüttet

zu werden, die Ludwig

Erhard freigelegt hat.“

PIRATEN

3,2 Milliarden

Dollar investierten Reeder, Versicherungen und Staaten 2013 in

den Schutz vor Piratenüberfällen vor Somalia. Hinzu kommt eine

halbe Milliarde Dollar für Maßnahmen vor Westafrika und im Golf

von Guinea, so die Fachorganisation OBP. 2012 hatte der Kampf

gegen die Piraterie sogar 5,7 bis 6,1 Milliarden Dollar gekostet.

IGROW

Hilfe für Eltern und Hundehalter

Alexander Klein verfolgt eine Mission: Seine Kunden sollen über

sich hinauswachsen, jeden Tag ein bisschen mehr. Dafür hat der

Betriebswirt gemeinsam mit dem Psychologen Tom Gerum das

Lernprogramm iGrow.academy entwickelt, das jetzt im Internet

startet. „Lernen in Mini-Steps, mit kleinen Tagesaufgaben, ist unser

Grundsatz“, sagt Klein. Ob die Arbeit stresst, das Kind schreit

oder der Hund kläfft – „für alles, was sich durch eine Verhaltensänderung

lösen lässt, bieten wir was an“, verspricht Klein. „Missionen“

nennt er seine Lektionen. Erstellt werden sie von externen

Experten, den „Missionmakern“, darunter der TV-bekannte Hundetrainer

Martin Rütter und der Arzt und Buchautor Thomas

Kurscheid. „Gerade haben wir Moritz Freiherr Knigge gewonnen“,

schwärmt Klein, „der gibt Benimmregeln für den privaten und beruflichen

Umgang.“

Registrierung und erster Lernschritt sind kostenfrei. Wer mehr

erfahren will, zahlt für 14 bis 20 Übungen insgesamt drei Euro. Für

dieses Jahr erwartet Klein einen Umsatz von 26 300 Euro, schon

2015 soll er auf 2,4 Millionen Euro steigen und bis 2018 auf 13 Millionen

Euro. Mit einem

Fakten zum Start

Finanzierung rund 500 000 Euro

von den Gründern Klein und

Gerum, durch die laufende Finanzierungsrunde

unter Business

Angels bis August 375 000 Euro

Mitarbeiter fest 7

Gewinn rechnet Klein bereits

im April. Noch arbeitet

iGrow unter dem Dach

des Basler Unternehmens

Summerrain, das Gerum

2010 gegründet hat. Doch

in Kürze wird iGrow ausgegründet.

hermann.olbermann@wiwo.de

FOTOS: PR, STEFFEN ROSIPAL, BILDSTELLE/JÜRGEN MÜLLER

14 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Frank Sportolari

Deutschland-Chef des Paketdienstes UPS

Seinen Schreibtischstuhl hat

Frank Sportolari, 58, mitgebracht.

Der Sitz enthält ein Gerät

zum Trainieren der Rückenmuskeln.

Zwar arbeitet der Deutschland-Chef

des amerikanischen

Paketversenders UPS fast immer

im Stehen. „Aber wenn ich in

einer Telefonkonferenz sitze,

trainiere ich gerne ein bisschen“,

sagt Sportolari. Die Einrichtung

seines Arbeitszimmers ist ebenso

schlicht wie das gesamte Gebäude.

„UPS-Standardeinrichtung“,

so der Manager. Seit 1977

sitzt die Deutschland-Zentrale

von UPS in Neuss bei Düsseldorf.

„Schön ist der Blick aus

meinem Büro nicht“, gibt Sportolari

zu, obwohl es im achten

Stock liegt. Aber Neuss gehöre

zu UPS wie Daimler zu Stuttgart.

1986 fing der gebürtige Chicagoer

bei UPS in München als Trainee

an, arbeitete dann als Controller

in München, Köln und

Neuss sowie in Spanien und Italien.

Im Oktober 2011 übernahm

er den Chefsessel in Neuss, ist

seither verantwortlich für 17000

Mitarbeiter. Die braune UPS-

Uniform hängt griffbereit.

„Wenn ich Zeit dafür finde, fahre

ich gerne mit meinen Paket-Zustellern

mit. Das geht nur in Uniform“,

sagt Sportolari.

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

In einer Vitrine stehen

Bücher über UPS,

Werke von Nietzsche

sowie Wörterbücher.

„Ich spreche viele

Sprachen, neben Italienisch

und Englisch

auch Deutsch, Spanisch

und Schwedisch, aber

Französisch ziemlich schlecht“,

sagt Sportolari. In seinem Haus

im Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim

lebt er mit seiner Frau

und vier Kindern – und 3000

Büchern. „Das Haus ist schön

ruhig, und die Innenstadt ist

nicht weit. Aber so richtig ruhig

ist es bei vier Kindern

eigentlich nie“, sagt

der UPS-Chef. In seiner

Freizeit spielt er

Saxofon. Samstags

unterrichtet ihn der

Klarinettenlehrer seines

Sohnes.

nele.hansen@wiwo.de

FOTO: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

»Wachstum und

Beschäftigung müssen

an erster Stelle

kommen, und das,

indem wir alle

Spielräume des

Stabilitätspakts nutzen«

François Hollande,

französischer Staatspräsident

»Seit Beginn der

Krise haben die

Konservativen

Europa mit einem

Kürzungsfeldzug

nach dem anderen

überzogen«

Udo Bullmann,

Vorsitzender der SPD-Abgeordneten

im Europaparlament

»Unsere Regierung will unterstreichen,

dass die Politik des Rigorismus und

der Austerität nichts gebracht hat und

für beendet erklärt werden muss«

Matteo Renzi,

italienischer Ministerpräsident

Gipfel der Weichmacher

EUROPA | Mit aller Macht drängen die Linken in Europa auf eine Verschärfung des

Schulden-Schlendrians. Dies wird vor allem die Deutschen teuer zu stehen kommen.

Siege in Europa, das weiß

Bundeskanzlerin Angela

Merkel mittlerweile, sind

meistens nur Etappensiege.

Im März 2012

EURO-KRISE

stand sie als große Gewinnerin

da. Binnen weniger Monate hatte

sie ihr Konzept eines Fiskalpakts in der EU

durchgesetzt, das die Mitgliedstaaten zu

größerer Sparsamkeit zwingen sollte. „Das

ist ein Meilenstein in der Geschichte der

Europäischen Union“, erklärte sie damals

in Brüssel. Zum ersten Mal werde wirklich

das umgesetzt, was im Stabilitäts- und

Wachstumspakt vereinbart sei. „Dies ist ein

starkes Signal, dass wir die Lehren aus der

Krise ziehen und dass wir auf die Zukunft

eines politisch vereinten Europas setzen.“

Gut zwei Jahre später ist Europa alles andere

als vereint. Quer durch den Kontinent

herrscht teils erbitterter Streit über den

künftigen wirtschaftspolitischen Kurs der

EU. „Wer nur von Stabilität, nicht aber von

Wachstum spricht, verstößt gegen die Verträge“,

sagt etwa Matteo Renzi, Italiens Ministerpräsident,

dessen Regierung am

Dienstag für die kommenden sechs Monate

die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt.

Merkels Kampf für Haushaltsdisziplin

beginnt nun von Neuem. Nachdem Renzis

18 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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»Bisher haben wir für

Krisenländer Rettungsprogramme

gemacht,

aber wenn man aus der

Intensivstation herauskommt,

muss eine

Reha-Phase folgen«

Peter Bofinger,

Wirtschaftsweiser

»Sparmaßnahmen

von einem Prozent

des BIPs reduzieren das

Produktionspotenzial

der Wirtschaft um rund

ein Prozent. Das zeigt:

Austeritätspolitik

ist in höchstem Maße

kontraproduktiv«

Paul Krugman,

US-Ökonom und Nobelpreisträger

»Das Setzen auf reine Sparpolitik ist gescheitert«

Sigmar Gabriel,

SPD-Vorsitzender und Vizekanzler

FOTOS: STUDIO X/JBV NEWS/VERNIER, CARO FOTOAGENTUR/DIRK BLEICKER, REUTERS/REMO CASILLI, CHRISTOF

MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, WERNER SCHUERING, DDP IMAGES/INTERTOPICS/EYEVINE/DAVID LEVENE

sozialdemokratische Partei PD in Italien

mehr als 40 Prozent bei der Europawahl errungen

hat, fühlt sich der Regierungschef

als Sprachrohr all jener, die Staatshaushalte

künftig langsamer sanieren wollen. Vizekanzler

Sigmar Gabriel (SPD) inszenierte

sich als Bundesgenosse, indem er Mitte Juni

die öffentliche Debatte über ein Ende

der Sparpolitik in Gang brachte. In Paris

macht sich Frankreichs Staatspräsident

François Hollande ebenfalls für eine neue

Ausrichtung der EU stark. Der Schwenk in

Richtung Schulden-Schlendrian könnte

Deutschland teuer zu stehen kommen, vor

allem auch, weil er eine lange Phase der

Niedrig-Zins-Politik bedeuten würde.

Einfluss erhoffen sich die Sozialisten

durch die Wahl von Jean-Claude Juncker,

denn der frühere luxemburgische Ministerpräsident

kann nur mit den Stimmen

der Sozialisten im Europäischen Parlament

zum Nachfolger von Kommissionspräsident

José Manuel Barroso gewählt

werden. Dies nährt bei den Sozialisten die

Hoffnung, dass die EU in den kommenden

fünf Jahren die Haushaltskonsolidierung

weniger ernst nehmen wird.

HOFFENTLICH NICHT BLIND

In diesen Tagen arbeiten die Sozialisten an

einem Programm, das sie dem künftigen

Kommissionspräsidenten mit auf den Weg

geben möchten. „Juncker ist hoffentlich

nicht blind“, sagt Udo Bullmann, der Vorsitzende

der SPD-Abgeordneten im Europäischen

Parlament. „Er müsste wissen, dass

man etwas tun muss, um den Stillstand in

der EU zu überwinden.“ Zwar setzt die konservative

Mehrheit im Parlament auf strikte

Haushaltssanierung, aber die Sozialisten

erwarten von Juncker Zugeständnisse.

Sollte es den Abgeordneten gelingen, tatsächlich

inhaltliche Vorgaben zu machen,

dann wäre das ein weiterer Triumph, nachdem

sie die Staats- und Regierungschefs

schon gezwungen haben, den Spitzenkandidaten

für den Top-Job in der Kommission

zu akzeptieren. „Das wäre der zweite

Stich für das Parlament“, sagt Bullmann.

In Brüssel beschwichtigen viele, dass eine

Reform des Stabilitätspakts nicht auf der

Agenda stehe. Das laute Geschrei nach

mehr Flexibilität könnte aber eine schleichende

Entwicklung zu mehr Laxheit bei

den Haushalten einleiten. In der Brust des

künftigen EU-Kommissionspräsidenten

Juncker schlagen ohnehin zwei Herzen.

»

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 19

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Politik&Weltwirtschaft

Streiten um die Richtung

Bundeskanzlerin Merkel,

EU-Politiker Juncker

Merkels Kampf um Haushaltsdisziplin beginnt erneut

»

Einerseits hat er in seiner Zeit als luxemburgischer

Premier den Haushalt seines

Landes sparsam geführt und auch als Euro-

Gruppenchef für Disziplin plädiert. Gleichzeitig

sei der 59-Jährige, der seine Karriere

als Staatssekretär für Arbeit und soziale Sicherung

startete, ein „Ursozialist in schwarzem

Kleid“, wie ein Weggefährte sagt.

KEIN GNADENLOSES SPARDIKTAT

Die Forderungen der Sozialisten fallen bisher

etwas diffus aus. „Die bestehende Flexibilität

kann besser genutzt werden“, sagt

etwa SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann

mit Blick auf den Stabilitätspakt (siehe

Interview Seite 25). „Länder, die Strukturreformen

angehen, bekommen mehr

Zeit.“ Mehr Zeit allerdings haben sich die

Länder auch bisher schon genommen –

und zwar, ohne dass sie Reformen unternommen

hätten.

Die Zahlen belegen, dass der Stabilitätspakt

und die Vielzahl an Instrumenten, die

ihm im Zuge der Krise an die Seite gestellt

wurden, keinesfalls zu einem gnadenlosen

Spardiktat geführt haben. Seit 2007 sind die

Staatsschulden in der Euro-Zone kontinuierlich

gestiegen und werden nach Prognosen

der EU-Kommission in diesem Jahr einen

Höchststand von 96,0 Prozent des

Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreichen,

ehe sie im kommenden Jahr leicht nachgeben.

Bei Frankreich ist noch nicht einmal

eine Trendwende in Sicht. Im kommenden

Jahr, so prognostiziert die EU-Kommission,

werde der Schuldenstand auf 96,6 Prozent

des BIPs weiter ansteigen. Vor allem dürfte

das Land im kommenden Jahr wieder das

Ziel verfehlen, sein Haushaltsdefizit unter

die Marke von drei Prozent zu drücken –

obwohl es dafür ein Jahr mehr Zeit bekommen

hat.

Italien weist nach Griechenland den

zweithöchsten Schuldenstand auf, der in

diesem Jahr auf 135,2 Prozent des BIPs anschwellen

wird. Der Internationale Währungsfonds

(IWF) und die EU-Kommission

haben ihre Prognosen gerade erst nach

oben revidiert. Der Fiskalpakt hat Italien

wie auch Frankreich gezwungen, eine

Schuldenbremse zu schaffen, aber beide

Länder haben dies getan, ohne einen Mechanismus

einzubauen, der Schulden automatisch

bremst. Einen Rüffel aus Brüssel

gab es dafür bisher nicht.

Richtiger Ärger droht Italien allerdings

im kommenden Jahr. Das Land müsste seit

drei Jahren den Schuldenüberhang jenseits

der Schwelle von 60 Prozent jeweils

um ein Zwanzigstel abtragen, um in 20 Jahren

einen Schuldenstand von 60 Prozent zu

erreichen. Getan haben sie es nicht. „Die

Italiener stecken in der Klemme“, sagt ein

hoher EU-Beamter. Die Angst vor einem

Straf-Verfahren im Jahr 2015 könnte Renzis

Initiative erklären.

Der hohe Schuldenberg hat die EU-

Kommission bisher davon abgehalten, den

Italienern bei der Anrechnung von Investitionen

entgegenzukommen. Denn seit

Sommer 2013 existiert bereits die Möglichkeit,

Investitionen unter bestimmten Be-

20 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: AP PHOTO/PICTURE-ALLIANCE/DPA/DANIEL NAUPOLD

dingungen aus dem Haushaltsdefizit herauszurechnen.

Voraussetzung ist, dass die

Wirtschaft nicht wächst oder das Wachstum

deutlich unter dem Potenzial liegt. Bei

den Investitionen muss es sich um Projekte

handeln, die von der EU co-finanziert werden

und die einen direkten und nachvollziehbaren

positiven Effekt auf den Haushalt

haben. Italien wollte in diesem Jahr Investitionen

in Höhe von mehr als drei Milliarden

Euro an den Stabilitätspaktregeln

vorbeischleusen. Doch der EU-Wirtschaftskommissar

Olli Rehn lehnte dies im

Herbst 2013 ab.

AUFLAGEN STREICHEN

Den nationalen Anteil an solchen Investitionen

grundsätzlich aus den Brüsseler Haushaltsberechnungen

herauszunehmen fordern

nun die Sozialisten. Das Europäische

Parlament hatte schon im vergangenen Oktober

vorgeschlagen, alle bisherigen Auflagen

in diesem Bereich ersatzlos zu streichen.

20 Milliarden Euro würden auf diesem

Wege aus den Brüsseler Defizitberechnungen

entfallen. Für die Resolution im Parlament

fand sich damals eine große Mehrheit,

433 Abgeordnete stimmten dafür bei nur

131 Gegenstimmen. Bindend ist der Bericht

nicht, aber er fängt die Stimmung ein, die

sich auch nach der Wahl nicht geändert haben

dürfte.

Einiges spricht gegen den Wunsch des

Parlaments. Zunächst einmal verzögert

sich die Haushaltskonsolidierung, wenn

die Investitionen herausgerechnet werden.

Außerdem könnten Staaten zu viel Geld in

Infrastruktur investieren und zu wenig in

andere Bereiche, wie etwa Bildung, für die

in den EU-Strukturfonds deutlich weniger

Mittel vorgesehen sind. Außerdem bestünde

für Regierungen ein Anreiz, Ausgaben

fantasievoll zu verschleiern. Laufende Ausgaben

würden sie dann möglicherweise als

Investitionen deklarieren, um so ihr Defizit

zu drücken.

Jede weitere Ausnahme würde die Haushaltsregeln

außerdem komplizierter machen.

Bisher schon haben Reformen aus

dem einst klar konzipierten Stabilitätspakt

ein nur schwer durchdringbares Gebilde

gemacht (siehe Seite 24). Seitdem Twopack,

Sixpack, Fiskalpakt und Europäisches

Semester, wie die Ergänzungen im

Brüsseler Jargon heißen, hinzukamen, haben

sogar EU-Kommissare Mühe, dem

Thema überhaupt noch zu folgen. IWF-

Chefin Christine Lagarde wies jüngst auf

die paradoxe Situation hin, dass die strukturellen

Haushaltsdefizite, bei denen der

Einfluss der Konjunktur herausgerechnet

wird, in EU-Dokumenten nicht einmal einheitlich

definiert sind.

Überlegungen, nun etwa noch den Effekt

von Reformen aus den Defiziten herauszurechnen,

wären eine Einladung zur völligen

Beliebigkeit. „Die Überwachung der

Haushaltspolitik wäre dann eine Kunstform

und keine Wissenschaft mehr”, sagt

ING-Diba-Analyst Carsten Brzeski.

Viele, die heute mehr Flexibilität fordern,

argumentieren politisch. Der Sparkurs treibe

die Wähler zu extremen Parteien, so die

Logik. Wachstum würde den Zulauf stoppen.

Dabei wird allerdings ein Zusammenhang

hergestellt, der ökonomisch nicht

zwingend ist. Wenn der Staat spart, würgt

das die Konjunktur nicht unbedingt ab,

zeigen Studien des Harvard-Ökonomen

Alberto Alesina. In umfangreichen Untersuchungen

der OECD-Staaten von 1970 bis

2007 fand Alesina heraus, dass der Defizitabbau

dann von Erfolg gekrönt ist, wenn er

aus einer Kombination von Ausgabenkürzungen

und Steuersenkungen besteht. Erfolgreiche

Regierungen verringerten die

Staatsausgaben dabei im Schnitt vier Mal

so stark wie die Steuern.

Zudem setzten sie den Rotstift vor allem

bei den Transferzahlungen, den Subventionen

und den Gehältern im öffentli-

Ein Berg von Schulden

Schuldenstandder Euro-Länder

(in Prozent zum Bruttoinlandsprodukt)*

175,1

132,6

129,0

123,7

111,7

101,5

93,9

93,5

78,4

74,5

73,5

73,0

71,7

57,0

38,1

23,1

10,0

*2013; Quelle: EU-Kommission

Italien

Portugal

Irland

Zypern

Belgien

Spanien

Frankreich

Deutschland

Österreich

Niederlande

Malta

Slowenien

Finnland

Lettland

Luxemburg

Estland

60%

»

Obergrenze nach Maastricht-Vertrag

Griechenland

SPANIEN

Aus der Reihe

Die geplante Steuerreform

gefährdet den Defizitabbau.

Ein gutes Jahr vor den Parlamentswahlen

plant Spaniens Regierung eine Steuerreform,

die die Steuerzahler des Landes

um insgesamt neun Milliarden Euro

entlasten soll. Statt derzeit sieben soll

es künftig nur noch fünf Steuerklassen

geben, der Eingangs- und Spitzensteuersatz

(derzeit 25 bis 52 Prozent) auf

19 bis 45 Prozent sinken; Familien mit

Kindern und Pflegebedürftigen dürfen

auf weitere Erleichterungen hoffen.

Dafür soll der Spitzensteuersatz künftig

schon ab einem jährlichen Bruttoeinkommen

von 60 000 Euro gelten.

Auch den Unternehmen will die Regierung

entgegenkommen. Der Körperschaftsteuersatz

von derzeit 30 Prozent

soll auf 28 Prozent im nächsten Jahr

und auf 25 Prozent ab 2016 fallen.

Gleichzeitig sollen die Unternehmen

künftig weniger Möglichkeiten haben,

ihre zu versteuernden Einnahmen

durch Abschreibungen oder Minderung

der Vermögenswerte zu senken.

BRÜSSEL DRÄNGT

Zwar betonte Wirtschaftsminister Luis

de Guindos, die Reform befände sich

„in Einklang mit den Empfehlungen aus

Brüssel“. Dort drängt sich allerdings der

Eindruck auf, das Land tanze aus der

Reihe: „Die Maßnahmen erschweren

die Einhaltung des Defizitabbaus, zu

dem Spanien sich verpflichtet hat“,

bemängelte die EU-Kommission. Die

Beamten in Brüssel haben dabei nicht

unbedingt etwas gegen Erleichterungen

bei den direkten Steuern, drängen aber

darauf, den Ausfall durch höhere Einnahmen

bei indirekten Steuern zu kompensieren.

Um wie geplant das Defizit bis 2016

unter die Maastricht-Schwelle von drei

Prozent zu drücken, müsste die spanische

Regierung nach Schätzung der

EU-Kommission ihr strukturelles Defizit

im nächsten Jahr um 0,8 Prozent und

2016 um 1,2 Prozent senken. Das aber

ist mit den jetzt verkündeten Steuergeschenken

noch schwieriger geworden.

anne grüttner, politik@wiwo.de

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 21

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Politik&Weltwirtschaft

GRIECHENLAND

Sisyphusarbeit

Privatisierungen könnten die Schulden senken und Wachstum

anstoßen. Doch der Prozess kommt nicht in Gang.

Griechenland von oben sieht wunderbar

aus. Von seinem Bürofenster aus überblickt

Ioannis Emiris, CEO des griechischen

Privatisierungsfonds HRADF,

das Häusermeer von Athen. Im Flur vor

seinem Büro reihen sich farbenfrohe Luftaufnahmen

von Objekten aneinander, die

er alle noch verkaufen will.

Aus der Nähe betrachtet hat Emiris einen

undankbaren Job. Der frühere Investmentbanker

mit einem MBA der Columbia

Business School soll die schleppende

Privatisierung in Schwung bringen. Bisher

fiel das Programm zur Veräußerung griechischen

Staatsbesitzes vor allem dadurch

auf, dass die Ziele kontinuierlich

nach unten revidiert wurden. Ursprünglich

war von 50 Milliarden Euro die Rede,

die bis 2015 in die Staatskasse fließen

sollten. Nun geht der Internationale Währungsfonds

(IWF) davon aus, dass sich

die Privatisierungserlöse bis dahin auf nur

6,3 Milliarden Euro summieren werden.

Alleine im vergangenen Jahr wurde das

Ziel zwei Mal reduziert, um dann doch

noch verfehlt zu werden. Innerhalb der

Behörde gelten die Ziele mittlerweile als

kontraproduktiv, weil sie nach außen signalisieren,

mit welchen Einnahmen gerechnet

wird.

Im Wartestand Aus dem alten Athener

Flughafen soll ein Touristikzentrum werden

Prinzip Hoffnung

Prognose zum Rückgang des Schuldenstands

in Griechenland (in Prozent zum BIP)

2013 2014 2015 2016 2017 2018

Quelle: IWF

200

150

100

50

0

SCHADET DOPPELT

Die schleppende Privatisierung schadet

Griechenland in doppelter Hinsicht. Es

fehlen dringend benötigte Einnahmen –

und ein ebenso notwendiger Wachstumsschub.

Nach der aktuellen Planung haben

die Staatsschulden im vergangenen Jahr

den Höchststand von 175,1 Prozent des

Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreicht, um

in den kommenden Jahren nur langsam

zu sinken (siehe Grafik). Erst 2022 sollen

sie laut Prognose unter den Zielwert von

120 Prozent des BIPs fallen, der als Maßstab

für die Schuldentragfähigkeit gilt.

Die ursprünglich aus der Privatisierung

erhofften 50 Milliarden Euro ergaben sich

ohnehin aus einer Leerstelle in den Kalkulationen.

Der Betrag fehlte im Programm,

und die griechische Regierung suggerierte,

dass Privatisierungen die Lücke schließen

könnten. Der erste CEO des Privatisierungsfonds,

Kostas Mitropoulos, der sich

vor zwei Jahren entnervt von dem Job zurückzog,

sieht in den Privatisierungen einen

großen Marsch zu mehr Wachstum. Er

schätzt, die Veräußerungen könnten die

ausländischen Direktinvestitionen bis 2020

um 25 Milliarden Euro steigen lassen, was

das Wachstum um drei Prozent ankurbeln

und 150 000 Jobs schaffen würde.

Dagegen ist der Begriff in der griechischen

Öffentlichkeit noch immer negativ

besetzt. Spätestens seit die „Bild“-Zeitung

den Verkauf von griechischen Inseln gefordert

hat, gilt Privatisierung als Angriff auf

das öffentliche Interesse. Oppositionsführer

Alexis Tsipras droht, die bisherigen Veräußerungen

zu überprüfen, sollte seine linke

Syriza-Partei an die Macht kommen:

„Wenn ein neues Parlament herausfindet,

dass das öffentliche Interesse nicht gewahrt

ist, dann werden wir nicht zögern,

die Verträge rückgängig zu machen.“

Solche Töne verschrecken Investoren.

Schwerer noch wiegt allerdings, dass

griechische Politiker bei der Privatisierung

dazwischenfunken. Eigentlich wurde

der Fonds HRADF 2011 auf Initiative der

Troika gegründet, um den Prozess zu entpolitisieren.

Doch das ist nicht gelungen.

Mitropoulos kritisierte in seinem Rücktrittsschreiben:

„Auf indirekte, aber systematische

Art hat die Regierung die Autorität

und Glaubwürdigkeit des Fonds in

den Augen potenzieller Investoren untergraben.“

Kürzlich schrieb der IWF: „Die

Regierung hat sich verpflichtet, den Privatisierungsprozess

weiter von politischem

Druck abzuschotten.“ Das lässt

ahnen, wie stark der Druck noch ist. Beim

bisher größten Deal, dem Verkauf einer

33-prozentigen Beteiligung beim Wett-

Monopol Opap, untersucht mittlerweile

die Staatsanwaltschaft, ob die Ausschreibung

sauber gelaufen ist.

KEINE RECHTSSICHERHEIT

Was die Arbeit von Fonds-Chef Emiris und

seinen 45 Mitarbeitern außerdem extrem

erschwert, ist die fehlende Rechtssicherheit

in vielen Bereichen. Vor dem Verkauf

des Opap-Anteils musste erst eine Regulierung

für Wetten geschaffen werden.

Dasselbe gilt nun für die Konzession bei

der Wasserversorgung. „Griechenland

braucht Strukturen, es braucht ein tragfähiges

Nutzungsrecht, es braucht ein

transparentes Bebauungsrecht“, sagt

Jens Bastian, ein früheres Mitglied der

EU-Task-Force. Der Privatisierungsfonds

hat zwar im März den Verkauf des ehemaligen

Athener Flughafens abgeschlossen.

Nutzungsrechtlich ist der Deal aber noch

lange nicht geklärt. Und so ist nicht

sicher, ob aus dem Areal das geplante

Touristikzentrum werden kann.

Der IWF hat die Hoffnung nicht aufgegeben,

dass die Privatisierung dem griechischen

Staat mittelfristig doch noch

Geld bringen wird. Mit insgesamt 22,4 Milliarden

Euro rechnet die Washingtoner Behörde

bis zum Jahr 2022. Allerdings wurde

auch diese Zahl gerade um knapp vier

Milliarden Euro nach unten revidiert. n

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

22 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: LAIF/REDUX/THE NEW YORK TIMES/EIRINI VOURLOUMIS, ACTION PRESS/SEBASTIEN MUYLAERT

»

Die Macht läuft auf

der Straße Protest

gegen Einsparungen

in Frankreich

Frankreichs Schulden steigen weiter

chen Dienst an. Dagegen verschonten

sie die staatlichen Investitionsausgaben.

„Die Erfahrung zeigt, dass man die Staatshaushalte

konsolidieren kann, ohne die

Steuern zu erhöhen und ohne die Konjunktur

abzuwürgen“, urteilt Alesina. Die

meisten Regierungen hätten genügend

Spielraum, die Staatsausgaben zu senken.

„In den meisten Ländern liegen diese bei

rund 50 Prozent vom BIP“, sagt Alesina.

EIN TUGENDKREISLAUF

Senkt die Regierung die Ausgaben, signalisiert

sie den Bürgern, dass sich der Staat

nachhaltig mit neuen Schulden zurückhält.

Die Bürger wissen, dass sie dann in Zukunft

weniger Steuern zahlen müssen, um den

Zinsdienst der Regierung zu finanzieren.

Ihre Einkommenserwartungen bessern

sich, der Konsum zieht an, die Konjunktur

kommt in Fahrt, die Steuerquellen sprudeln,

und die Defizite sinken. Es entsteht

ein Tugendkreislauf. Dass die Regierungen

der Krisenländer diesen noch nicht aktiviert

haben, erklärt Alesina damit, dass sie

sich nicht an die Ausgaben rantrauten, weil

sie sich dann mit gut organisierten Interessengruppen

anlegen müssten. „Für die Politiker

ist es viel einfacher, den Bürgern

durch höhere Steuern in die Tasche zu greifen“,

so der Ökonom.

Die Angst vor organisierten Interessengruppen

hält in Frankreich Präsident Hollande

bisher von echten Strukturreformen

ab. Die EU-Kommission warnte gerade,

das Land müsse ab dem kommenden Jahr

seine steigenden Sozialkosten in den Griff

bekommen. In Italien wären Reformen am

Arbeitsmarkt dringend notwendig. Ein

schlagkräftiges Instrument, Mitgliedstaaten

zu Veränderungen zu zwingen, fehlt

Brüssel nach wie vor.

Hinzu kommt: Die Entspannung an den

Finanzmärkten hat den Reformdruck gemildert.

Musste die italienische Regierung

auf dem Höhepunkt der Euro-Krise Anfang

2012 noch mehr als sieben Prozent Zinsen

für einen zehnjährigen Kredit zahlen, sind

es derzeit nur noch 2,8 Prozent. So billig

waren Kredite für Italien noch nie. Ähnlich

sieht es für Spanien aus, das sich in diesen

Tagen eine umstrittene Steuersenkung

leistet (siehe Seite 21).

Mit ihrer Niedrigzinspolitik und dem Versprechen,

notfalls unbegrenzt Staatsanleihen

der Euro-Länder zu kaufen, hat die Europäische

Zentralbank (EZB) den Druck zur

Haushaltskonsolidierung minimiert. In der

vergangenen Woche ließ EZB-Chef Mario

Draghi durchblicken, die Leitzinsen würden

noch bis mindestens Ende 2016 auf dem

derzeitigen Niveau von nahe null Prozent

verharren. Weil die niedrige Inflation zudem

den Schuldenabbau erschwere, werde die

EZB ein Programm zum massenhaften Ankauf

von Wertpapieren auflegen, sollten sich

die Inflationsraten weiter abschwächen.

Die Folgen werden vor allem die Sparer

in Deutschland, dem größten Nettogläubiger

der Euro-Zone, zu spüren bekommen.

Sie müssen sich auf Jahre, wenn nicht gar

Jahrzehnte auf negative Realzinsen einstellen.

Wer bisher glaubte, bombensichere

Ansprüche gegenüber Lebensversicherungen

zu besitzen, und von einem finanziell

sorgenfreien Lebensabend träumte, dürfte

eine böse Überraschung erleben. Das gilt

vor allem für die Generation der Babyboomer,

die zwischen 40 und 60 Jahre alt

sind. Sie werden von der finanziellen Repression

in der entscheidenden Phase ihres

Lebens erwischt, in der es darauf ankommt,

möglichst hohe Zinserträge auf

das Ersparte anzusammeln.

Dazu kommt, dass jahrelange Niedrigzinsen

zu gewaltigen Fehlinvestitionen

und Vermögenspreisblasen führen – vor allem

in Ländern wie Deutschland, die deutlich

höhere Zinsen benötigten. Ansätze dafür

sind am Immobilienmarkt bereits zu erkennen.

Nach Berechnungen der Commerzbank

liegen die Preise für neu gebaute

Häuser in München derzeit um 13 Prozent

über Vorjahr. Noch heftiger geht es in

Frankfurt zur Sache. Im Mai schossen dort

die Preise um mehr als 18 Prozent im Vergleich

zum Vorjahr in die Höhe.

DESTO HÖHER DIE RECHNUNG

Damit nicht genug. Die Niedrigzinsen haben

in Deutschland einen Scheinaufschwung

entfacht, in dessen Gefolge die

Lohnkosten zum Höhenflug angesetzt haben.

In den vergangenen drei Jahren sind

die Lohnstückkosten hierzulande um rund

sieben Prozent gestiegen. In Spanien, Portugal

und Griechenland dagegen sind sie

gesunken. Deutschlands Wirtschaft verliert

so schleichend ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Je schneller sich die Schuldenspirale

in Rom, Paris und Madrid dreht und je

länger die EZB an den Niedrigzinsen festhält,

desto höher fällt die Rechnung aus,

die Deutschland dafür zahlt.

Zusätzlich kommt auf Deutschland wohl

noch ein drittes Hilfspaket für Griechenland

zu, das sich vermutlich im einstelligen

Milliardenbereich bewegen wird. Noch versucht

Premier Antonis Samaras eine weitere

Rettungsaktion abzubiegen, weil er neue

Auflagen vermeiden will. Doch die Lücke in

der Finanzierung lässt sich wohl nur durch

neue Kredite schließen, zumal Privatisierungen

nicht das erhoffte Geld bringen

(siehe Seite 22). Solange Deutschland den

Kredit über den Rettungsschirm ESM mitfinanziert,

hat es ein gewichtiges Wort mitzureden.

Spannend wird die Frage, wie viel

Merkels Wort zählt, wenn es nicht um Rettungspakete

geht, sondern um die künftige

Strategie. Da fällt die Rechnung für

Deutschland womöglich viel höher aus –

doch die Zahlung erfolgt nur indirekt. n

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel, malte fischer

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WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 23

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Politik&Weltwirtschaft

STABILITÄTSPAKT

Trickserei mit Zahlen

Wie Regierungen und Ökonomen es anstellen, dass staatliche

Haushaltsdefizite in der Statistik als Überschüsse ausgewiesen werden.

Wer als Privatkunde von seiner Bank einen

Kredit will, muss seine Finanzen offenlegen.

Das Geldhaus prüft meist penibel,

ob das monatliche Einkommen die

Ausgaben deckt. Ist das nicht der Fall,

lehnt es den Kreditantrag ab. Dem Antragsteller

nutzt es wenig, auf besondere

Lasten hinzuweisen, etwa die hohen Zinsausgaben

für Altkredite oder den Jobverlust

des Ehepartners wegen der schlechten

Konjunktur. Kein Bankberater wird

sich dadurch erweichen lassen.

Zweierlei Maß

VORTEIL FÜR DEN STAAT

Anders sieht es aus, wenn sich Staaten

Geld leihen. Zwar müssen auch die Finanzminister

Haushaltspläne vorlegen, in

denen sie die Einnahmen und Ausgaben

der Regierung vollständig auflisten. Doch

dank des Erfindungsreichtums der Ökonomen

haben sie es geschafft, der Öffentlichkeit

einzureden, es mache nur wenig

Sinn, die tatsächliche Höhe der staatlichen

Zahlungsströme ins Visier zu nehmen.

Vielmehr müsse man diese um Sonderfaktoren

bereinigen, um zu erkennen,

wie gut oder schlecht eine Regierung

wirtschafte.

Besonders gern verweisen die Regierungen

in diesem Zusammenhang auf

den Primärsaldo, der sich als Differenz

aus den Primäreinnahmen und den Primärausgaben

errechnet. Primäreinnahmen

sind alle Einnahmen des Staates, exklusive

Kreditaufnahme und Privatisierungserlöse.

Sie geben an, wie viel Geld dem Staat aus

regelmäßig fließenden Quellen zur Verfügung

steht. Die Primärausgaben sind die

Ausgaben ohne die Zinsaufwendungen für

Altkredite. Letztere kann die Regierung

nicht beeinflussen, zudem zählen sie nicht

zu den Kernausgaben des Staates wie Personal-,

Sach-, Investitions- und Transferausgaben.

Der Saldo aus Primäreinnahmen

und -ausgaben gibt an, wie viel Geld der

Regierung zur Verfügung steht, um den

Zinsverpflichtungen nachzukommen. Liegt

ein Primärüberschuss vor, kann sie die

Kernausgaben und mindestens einen Teil

der Zinsausgaben finanzieren. Dennoch ist

ein Primärüberschuss – anders, als Politiker

dies gern darstellen – nicht unbedingt

ein Ausweis für eine erfolgreiche Haushaltskonsolidierung.

Übersteigen die Zinsausgaben

den Primärüberschuss, muss

die Regierung Kredite aufnehmen, und der

staatliche Schuldenberg wächst.

Kontroverse Diskussionen gab es jüngst

um den Primärüberschuss Griechenlands.

Die Troika aus EU-Kommission, Internationalem

Währungsfonds und Europäischer

Zentralbank hatte sich darauf geeinigt,

Krediterleichterungen für Athen davon abhängig

zu machen, dass das Land einen

Vollständige und um Zinszahlungen und konjunkturelle Einflüsse bereinigte Haushaltssalden

der Euro-Länder (in Prozent des Bruttoinlandsprodukts)

Griechenland

Spanien

Quelle:EU-Kommission

Irland

Portugal

Frankreich

Italien

Belgien

Niederlande

vollständiger Saldo

bereinigter Saldo

Finnland

Österreich

Deutschland

3

0

–3

–6

–9

–12

„Programm-Primärüberschuss“ erwirtschaftet.

Um diesen zu berechnen, werden

neben den Zinsausgaben auch diejenigen

Ausgaben und Einnahmen aus der

Defizitberechnung ausgeklammert, die

auf Reformauflagen der Troika zurückgehen.

Dazu zählen in Griechenland unter

anderem die Kapitalspritzen der Regierung

für die maroden Banken des Landes

von 10,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts

(BIP). Die Folge der Bereinigung

war, dass aus dem Gesamtdefizit von

12,7 Prozent ein Programm-Primärüberschuss

von 0,8 Prozent des BIPs wurde.

ÜBERSCHÄTZTER TREND

Getrickst wird zudem, wenn es darum

geht, konjunkturelle Effekte aus dem Defizit

herauszurechen. Dadurch soll der

Einfluss der Finanzpolitik auf den Haushalt

sichtbar gemacht werden. So beziehen

sich die Defizit-Vorgaben, auf die sich

die Euro-Länder beim Fiskalpakt 2012

geeinigt haben, auf die konjunkturbereinigten

Defizite. Um die Konjunktur herauszurechnen,

muss ermittelt werden,

wie stark das BIP von seinem langjährigen

Durchschnitt, dem Trendwert, abweicht.

Die Verfahren zur Berechnung

dieser Produktionslücke beruhen jedoch

in hohem Maße auf Daten der Vergangenheit.

Zudem eröffnen sie Manipulationsspielräume,

die zu erheblichen Abweichungen

der Ergebnisse führen. Bricht

die Wirtschaft plötzlich ein, überschätzen

die Verfahren durch die starke Gewichtung

historischer Daten den Trendwert

des BIPs und errechnen eine zu große

Produktionslücke. Das führt dazu, dass

der Einfluss der Konjunktur auf das Defizit

überschätzt und das konjunkturbereinigte

Defizit zu niedrig ausgewiesen wird.

Welche Folgen dies hat, zeigt sich in

den Peripherieländern der Währungsunion,

deren Wirtschaft im Gefolge der Euro-

Krise massiv einbrach. So ermittelten die

Statistiker für Portugal 2013 ein Gesamtdefizit

von knapp fünf Prozent des BIPs.

Bereinigt um die Konjunktur und die Zinsausgaben,

wird aus dem Defizit ein Überschuss

von 1,1 Prozent des BIPs (siehe

Grafik). Für die Politiker ist das ein Geschenk

des Himmels. Sie können sich

Erfolge an die Brust heften, die nicht auf

eigenen Anstrengungen, sondern auf

fragwürdigen und manipulationsanfälligen

Berechnungsverfahren beruhen. n

malte.fischer@wiwo.de

24 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

»Wachstum statt

Klein-Klein«

INTERVIEW | Thomas Oppermann Der SPD-Fraktionschef über

Rezepte für europäische Krisen-Patienten, die Folgen

des schwarz-roten Mindestlohns und die vielen Rollen des

Sigmar Gabriel.

SCHNELL, SCHARF UND SPÖTTISCH

Oppermann, 60, ist seit Dezember Chef der SPD-Bundestagsfraktion. Vor der Bundestagswahl

galt er eigentlich als Favorit für das Amt des Bundesinnenministers. SPD-Chef Sigmar

Gabriel hatte andere Pläne mit ihm. Der Jurist und ehemalige Verwaltungsrichter war von

1998 bis 2003 bereits Wissenschaftsminister in Niedersachsen.

Herr Oppermann, wer ist Ihr

Lieblingsminister in der Union?

Ich habe die Kolleginnen und Kollegen bisher

nicht unter diesem Gesichtspunkt betrachtet.

Lassen Sie es mich diplomatisch

sagen: Ich mag sie alle gleich gern.

Klar. Glauben wir sofort.

Wir arbeiten im Großen und Ganzen verlässlich

zusammen. Mit Thomas de Maizière

habe ich besonders gute Erfahrungen

gemacht.

Die große Koalition wird vor allem von den

Parteichefs gesteuert, die Fraktionen sind

an den Rand gedrängt – siehe Rente oder

Energiewende. Nicht schön für Sie.

Das sehen Sie falsch. Gerade bei diesen

beiden Gesetzen waren die Fraktionen

früh und intensiv eingebunden. Bei der

Rente haben am Ende die Fraktionschefs

mit der Ministerin den Kompromiss gefunden.

Auch die Energiewende trägt die

Handschrift des Parlaments.

Aber beim Koalitionsgipfel am vergangenen

Montag waren Volker Kauder und Sie

erstmals dabei. Ist das nicht bezeichnend?

Ich kann Ihnen versichern: Wir Fraktionschefs

konnten bis dahin unsere Entscheidungen

auch ohne die Unterstützung der

Parteivorsitzenden treffen (lacht).

Weniger Spaß dürfte Ihnen allerdings machen,

dass sich SPD-Anliegen wie Rente

oder Mindestlohn nicht in den Umfragen

niederschlagen.

Bei der Europawahl hat es sich doch schon

bemerkbar gemacht! Und vergessen Sie

bitte nicht: Wir haben im Bund 2009 und

2013 die beiden schlechtesten Nachkriegsergebnisse

erleben müssen. Die Europawahl

war ein schöner Schritt vorwärts.

Stück für Stück holen wir Vertrauen zurück.

Hartes Holz wächst langsam.

Also sind Sie zufrieden mit 27 Prozent?

Unser Ziel lautet 30 Prozent plus x. Die Betonung

liegt auf plus x.

Was trägt Sigmar Gabriel dazu bei?

Derzeit weiß man nicht, was er zuerst ist:

Vizekanzler, Industrie-Versteher oder

Linken-Sondierer.

Sigmar Gabriel macht seinen Job richtig

gut. Als Vizekanzler trägt er die Gesamtverantwortung

für den guten Auftritt der SPD

in der Regierung. Als Parteivorsitzender

sorgt er erfolgreich für große Geschlossenheit.

Und als Wirtschaftsminister macht er

moderne Politik. Jetzt gilt nicht mehr „Sozial

ist, was Arbeit schafft“, sondern „Sozial

ist Arbeit, von der man leben kann“. Gabriel

steht für die Wiederbelebung der sozialen

Marktwirtschaft.

»

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 25

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Politik&Weltwirtschaft

»

Und Sie glauben, dass ein gesetzlicher

Mindestlohn diesen Anspruch erfüllt?

Der Mindestlohn ist gerecht und ökonomisch

richtig. Er stärkt die Kaufkraft und

setzt eine Grenze, von der künftig nach

oben geschaut und nicht mehr nach unten

gedrückt wird. Wer sich anstrengt, muss

von seiner Arbeit leben können, ohne beim

Sozialamt anstehen zu müssen.

Sind Sie wirklich unbeeindruckt von den

Warnungen, dass 8,50 Euro Mindestlohn

viele Jobs kosten könnte?

Wir wollen einen Mindestlohn ohne Wenn

und Aber. Wenn ein Unternehmen nur aufgrund

von Dumpinglöhnen erfolgreich ist,

hat es kein Geschäftsmodell. Solche Unternehmen

dürfen in einer sozialen Marktwirtschaft

keinen Platz haben.

Einer einzigen Berufsgruppe wollen Sie

nun doch entgegenkommen: den

Zeitungszustellern.

Ich bedauere, dass die Zeitungsverleger es

bislang nicht für nötig erachtet haben, in

Tarifverhandlungen einzusteigen, wie es

andere getan haben. Ausnahmen sind und

bleiben rechtlich problematisch. Ich glaube

aber, dass wir auch für die Zeitungszusteller

eine Lösung finden können.

Kritik gibt es auch an den strikten Regeln

für Praktika. Passiert hier noch etwas?

Zeit. Das ist deshalb auch eine Botschaft an

Länder wie Frankreich und Italien: Ihr

müsst endlich mit Reformen beginnen.

Diese Länder haben aber viel Zeit

verstreichen lassen.

Richtig, da wurde einiges versäumt. Sowohl

François Hollande als auch Matteo

Renzi haben ein schweres Erbe von konservativen

Vorgängerregierungen übernommen.

Wenn EU-Staaten jetzt beherzt

an Reformen herangehen, brauchen sie

unsere Unterstützung. Was nicht sein darf,

ist, dass wir Zeit gewähren, um Reformen

weiter zu verschleppen.

Seit die Zinsaufschläge bei Staatsanleihen

dank der Europäischen Zentralbank

weggefallen sind, gibt es aber kein

wirksames Druckmittel mehr.

In Frankreich sind massenhaft Wähler ins

Protestlager gewechselt. Das ist ein Warnsignal!

Wenn eine Nationalistin wie Marine

Le Pen in zwei Jahren dort Präsidentin werden

sollte, wäre das eine Katastrophe. Da

würde die deutsch-französische Achse zerbrechen.

Das darf nie passieren. Das Land

muss deswegen seine ökonomischen Probleme

jetzt in den Griff bekommen.

Halten Sie Jean-Claude Juncker für den

richtigen Mann, um als Kommissionschef

konsequent Reformen durchzusetzen?

»Frankreich muss seine Probleme

jetzt in den Griff bekommen«

Praktika zum Reinschnuppern in Berufe

während Ausbildung, Schule oder Studium

müssen möglich sein, egal, ob verpflichtend

oder freiwillig. Praktikanten in

der Ausbildung sind keine Arbeitnehmer

und fallen für eine überschaubare Zeit

nicht unter den Mindestlohn. Aber wir

werden rigoros sein bei Ausbeutungs-Praktika,

wenn die jungen Leute bereits fertig

ausgebildet sind. Die Zeiten solcher billigen

Arbeitskräfte sind vorbei.

Lassen Sie uns über andere Reformen

sprechen: die der EU. Die SPD will den

Stabilitätspakt großzügiger auslegen. Soll

das ernsthaft die Lösung sein in einer von

Schulden zerrütteten Union?

Wir werden den Stabilitätspakt nicht aufweichen,

aber wir betonen, dass er auch

ein Wachstumspakt ist. Die bestehende

Flexibilität kann besser genutzt werden.

Länder, die Strukturreformen verbindlich

angehen, bekommen Zug um Zug mehr

Der neue Kommissionschef muss schleunigst

eine Wachstumsagenda auf den Tisch

legen. Damit weite Teile Europas wieder

wettbewerbsfähig werden, brauchen wir

überzeugende Konzepte aus Brüssel. Die

Kommission ist in der Vergangenheit ein

Kabinett der Technokraten gewesen. Statt

sich auf das Wesentliche zu konzentrieren,

hat sie sich oft im bürokratischen Klein-

Klein verheddert. Das muss sich ändern.

Welche Reformen in Krisenstaaten waren

sinnvoll, wo wurde nur kopflos gespart?

Ein Beispiel für sinnloses Sparen ist, dass

einzelne Länder nicht mehr in der Lage

sind, eigenes Geld für eine Co-Finanzierung

aufzubringen, damit sie Mittel aus europäischen

Investitionsfonds abrufen können.

Also gibt es für Sie künftig gute und

schlechte Schulden?

Nein. Aber wenn strukturelle Reformen auf

den Weg gebracht werden, müssen auch

Investitionen und Wachstumsimpulse

möglich sein, damit die Reformen nicht

scheitern.

Der Wirtschaft und den Verbrauchern in

Deutschland wäre geholfen, wenn die

kalte Progression im Steuersystem

abgeschafft würde. Geht die Koalition da

noch vor 2017 ran?

Wir wollen, dass die arbeitende Mittelschicht

mehr von einem Lohnzuwachs im

Portemonnaie behält. Sonst sinkt der Anreiz

zu Arbeit und Leistung. Aber wir machen

keine Steuersenkung auf Pump.

Also tut sich nichts bis zur Wahl 2017?

Ich schließe nichts aus, aber Vorrang haben

Investitionen in Bildung und Infrastruktur

und ein Haushalt ohne Neuverschuldung.

Das sind wir der jungen Generation

schuldig.

Sie sind ja die leibhaftige Koalitionsdisziplin:

Wir lassen die Finger von den Steuern,

dafür haben wir in der Sozialpolitik

freie Hand. Wie wollen Sie so in der Wirtschaftspolitik

wieder Profil entwickeln?

Wir müssen uns wieder auf die Grundwahrheiten

besinnen. Wir können nur das

verteilen, was vorher erwirtschaftet wurde.

Dafür müssen wir wettbewerbsfähig bleiben

und unternehmerisches Handeln fördern.

Arbeitnehmer und Unternehmer

müssen sich bei uns wohlfühlen und gut

arbeiten können.

Das hätte Angela Merkel jetzt auch sagen

können. Was wollen Sie konkret?

Unser Ziel ist ein Vierklang aus Innovation,

Investitionen, guter und produktiver Arbeit

sowie Internationalisierung. Wir werden

zur nächsten Bundestagswahl ein intelligentes

Steuerkonzept vorlegen, das Beund

Entlastungen neu justiert.

Sie attackieren derzeit auffällig oft die

Linkspartei. Ohne die wird es aber doch

nichts mit einer SPD-geführten Mehrheit

im Bund.

Ich will, dass wir im Bund der internationalen

Rolle Deutschlands gerecht werden. Da

braucht man einen funktionierenden

Kompass und Verantwortungsbewusstsein.

Beides hat die Linke zurzeit nicht.

Deswegen sind sie derzeit auch nicht regierungsfähig.

Die Vernünftigen dort wissen,

welche Hausaufgaben sie machen müssen.

Sie selbst wollten lieber Minister als

Fraktionschef werden. Finden Sie nach

einem halben Jahr im Amt, dass Sie der

Richtige sind?

Das müssen andere beurteilen. Aber das

Amt macht mir richtig Spaß. Ich habe gelernt,

welche enormen Möglichkeiten und

welche Verantwortung ich hier habe. n

max.haerder@wiwo.de | Berlin, cordula tutt | Berlin

26 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/PAUL ZINKEN

Brüsseler Bande?

ENERGIE | Bundesregierung und EU-Kommission schieben sich

gegenseitig die Schuld an neuen Belastungen für die Wirtschaft zu.

Esfing alles so nett an. Beim Kongress

des Bundesverbands der Energieund

Wasserwirtschaft hatte BDEW-

Präsident Ewald Woste den Gast charmiert:

Bundeswirtschaftsminister Sigmar

Gabriel habe die Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes

(EEG) „ sauber bis

vors Tor gebracht“, lobte Woste. „Und dann

ist Ihnen ein Abwehrspieler sooo reingegrätscht.“

Gemeint war EU-Wettbewerbskommissar

Joaquín Almunia. Der hatte,

obwohl sich Berlin und Brüssel schon vor

Wochen auf einen Kompromiss für die Förderung

des Ökostroms geeinigt hatten, am

Montag neue Vorgaben gemacht. Die zielten

auf die Bemühungen der Berliner Koalition,

Unternehmen wenig zu belasten,

die ihren Strom selbst erzeugen und nicht

als energieintensiv ohnehin von der EEG-

Umlage befreit sind.

Es genügte nur dieser kleine Reiz, und

der deutsche Sozialdemokrat schnaubte

los wie ein Stier. Als sei der sozialistische

Spanier für ihn ein Torero mit rotem Tuch,

ging Gabriel auf Almunia los. „Es war ein

Foul! Er gehört vom Platz gestellt.“ Nie habe

es einen Hinweis darauf gegeben, dass betriebseigene

Stromfabriken oder Blockheizkraftwerke

nicht zumindest teilweise

von Umlagen verschont werden dürften.

Trösten konnte sich Gabriel nur damit,

dass Almunia mit dem Ende dieser EU-

Kommission das Brüsseler Feld räumen

wird, „durch Spielablauf zum Jahresende“.

Gabriel ist sauer, weil er nun als Düpierter

grüßt. Seit der vermeintlichen Einigung

mit dem Wettbewerbshüter hatte sich der

Minister im Schein des erfolgreichen Verfechters

deutscher Interessen gesonnt.

Nun fällt ein Schatten auf seine Bilanz.

ER KÖNNTE ZURÜCKSCHLAGEN

Gabriels Attacke löste im Saal ein Raunen

aus. Eine solche Breitseite ist für Regierungsvertreter

eher selten, gerade gegenüber

Verhandlungspartnern in Brüssel. Zumal

Almunia nun auf nichts mehr Rücksicht

nehmen muss. Er könnte also auch

zurückschlagen, falls er doch schon früher

mal in einer Mail Bedenken geäußert hätte.

„Gabriel muss sich sehr sicher sein“, staunte

ein Präsidiumsmitglied des BDEW.

Revanchefoul oder Notbremse? Wirtschaftsminister

Gabriel schimpft EU-Wettbewerbskommissar

Almunia einen Foulspieler

Der Brüsseler Konter ließ nicht lange auf

sich warten. Zwar nicht durch Almunia

selbst, wohl aber durch seinen deutschen

Kollegen Günther Oettinger. Beim Abendempfang

des BDEW kritisierte der

Energiekommissar wie stets die

Politik seines Heimatlandes „im

deutschen Romantiktal und in der

deutschen Wagenburg“ und kam

dann auf „eine gewisse Verschwörungstheorie“

zu sprechen. Dass

der Eigenstromverbrauch künftig nicht

mehr von der EEG-Umlage verschont bleiben

solle, „die Idee stand im Rohentwurf

für das deutsche EEG“, rief Oettinger in den

Saal. „Die Idee stammt aus Berlin. Die Verschwörungstheorie

zielt auf Berlin.“

Ob gezielt oder zufällig, mit diesem Satz

gab Oettinger Spekulationen neue Nahrung,

die ins Kraut schossen, kaum dass

die Ergebnisse und Einsprüche aus Brüssel

vorlagen. Im Mittelpunkt: Gabriels Staatssekretär

Rainer Baake, der die Verhandlungen

mit Almunia geführt hatte. Der Spitzenbeamte

hatte seit jeher dafür plädiert,

Eigenproduzenten möglichst voll mit der

EEG-Umlage zu belasten. Im Frühjahr hatte

er sogar die Vorgabe der Koalition, Alt-

anlagen als Bestandsschutz auf Dauer

komplett zu verschonen, nach eigenen

Vorstellungen interpretiert. Seine Version:

Die Betreiber würden nur von der EEG-

Umlage in bisheriger Höhe ausgenommen.

Da der Ökoobolus aber zum Jahreswechsel

von 5,28 auf 6,24 Cent je Kilowattstunde

gestiegen war, müssten die Eigenerzeuger

einen Cent je Kilowattstunde zahlen.

Gabriel kassierte Baakes Version ein.

VÖLLIG ÜBERRASCHT

Anfang der Woche beteuerte Baake intern,

nie habe die Kommission die Befreiung

kritisiert. Auch dem Kanzleramt gegenüber

versicherten Baake und seine Leute, von

diesen neuerlichen Bedenken völlig überrascht

worden zu sein.

Im Umfeld von Energiekommissar Oettinger

wird man deutlicher: „Almunia ist

doch durch den Baake-Vorschlag geradezu

darauf gestoßen worden zu prüfen.“ Dies

umso mehr, als sich die Berliner Koalition

auf der Zielgeraden zur Bundestagsabstimmung

vergangenen Freitag einen heißen

Streit darüber lieferte, ob, wie und mit welcher

Belastung die Eigenerzeuger zur Kasse

gebeten werden sollten. Nun wird spekuliert,

ob Baake, ein vehementer Verfechter

der Ökoenergie, vielleicht über die

Brüsseler Bande gespielt habe. So hätte er

sein ursprünglich angestrebtes Ziel, die

neuen Eigenerzeuger möglichst stark zu

belasten, doch noch erreichen können.

Wer es mit der Berliner Regierungsastrologie

noch weiter treibt, erkennt in Gabriels

Frontalangriff sogar den Beginn

vom Ende Baakes. Wenn der nämlich

seinen Chef falsch über die

Brüsseler Bedenken informiert

hätte, wäre er nun fällig – und der

Weg frei für Matthias Machnig.

Der SPD-Stratege, der den Europawahlkampf

organisiert hat, wird schon

länger als Anwärter auf einen Staatssekretärsposten

bei Gabriel gehandelt.

Als besonders geschickt sieht man in der

EU-Kommission Gabriels Ausbruch nicht

an. Denn noch sind die deutschen Regelungen

nicht formell genehmigt. Auch die

Prüfung der Industrie-Befreiungen des Jahres

2012 ist noch nicht abgeschlossen. Am

23. Juli will die Kommission darüber entscheiden.

Die fulminante Attacke werde

sich „als Pyrrhussieg“ erweisen, sagt ein

Spitzenmann der Kommission. „Mit seinen

Angriffen trifft Gabriel nicht nur Almunia,

sondern den gesamten Apparat. Das macht

gute Stimmung bei uns in Brüssel.“ n

Energiewende

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 27

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Politik&Weltwirtschaft

»Wir bleiben eisern«

INTERVIEW | Christian Schmidt Der Bundeslandwirtschaftsminister

will EU-Lebensmittelstandards gegen die USA verteidigen.

DER BAUERNFÜHRER

Schmidt, 56, CSU, ist seit

Februar 2014 Bundesminister

für Ernährung

und Landwirtschaft.

Herr Schmidt, scheitert das geplante Freihandelsabkommen

zwischen der EU und

den USA (TTIP) an deutschen Landwirten

und Verbraucherschützern?

Nein, auf keinen Fall. Beide Seiten haben

ihre Positionen klargemacht, und es gibt

noch viel zu verhandeln. Doch davon lassen

wir uns nicht abschrecken. Die Fronten

sind keineswegs verhärtet.

Die USA üben aber massiven Druck aus,

damit die EU ihre Standards für Lebensmittelsicherheit

schleift.

Unsere Standards sind nicht verhandelbar.

Unsere Stärken in der Lebensmittelherstellung

sind diese Prozessstandards, die die

Sicherheit und Qualität der Produkte sicherstellen.

Wer nach Europa exportieren

will, muss diese Standards erfüllen.

Die EU will Gentechnikprodukte zulassen,

die Bundesregierung drückt in Brüssel

gerade die Ausstiegsoption durch. Diese

Opt-out-Regel betrachten die USA als

Investitionshemmnis. Wie wollen Sie den

Stolperstein beiseite räumen?

In diesem Punkt bleiben wir eisern, Gentechnik

wird weiterhin deutschen Feldern

fernbleiben. Im Supermarkt ist eine EUweite,

konsequente Kennzeichnung Voraussetzung.

Das muss bei TTIP hineinverhandelt

werden, dafür setze ich mich ein.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber

auch, dass wir die keineswegs laschen Produktvorgaben

der USA bei unseren Exporten

akzeptieren müssen. Insofern wird es

mit TTIP auch EU-Produkte geben, die den

Weg auf den US-Markt nicht finden.

Warum nehmen Sie Lebensmittel nicht

aus der Verhandlungsmasse heraus?

Das halte ich nicht für den richtigen Weg.

Deutschland hat als Exportnation stets

vom freien Handel profitiert. TTIP hilft,

neue Märkte für die deutschen Produzenten

zu öffnen.

Einen Kompromiss könnte sich Washington

teuer bezahlen lassen, indem Abstriche

bei den EU-Agrarsubventionen

durchgesetzt werden. Ein Risiko für die

deutschen Landwirte?

Was unsere Zuschüsse betrifft, habe ich

keine Bedenken. Schauen Sie sich an, wie

US-Agrarsubventionen funktionieren: Dort

wird der Sektor in wesentlich höherem Maße

geschützt als in Europa. Wir liegen in jeder

Hinsicht unter dem Maß an Förderung,

das in den USA üblich ist – und halten

durchweg die Bestimmungen der Welthandelsorganisation

WTO ein. Europa ist

sauber!

Die Industrie steht geschlossen hinter

TTIP, auch die Bundesregierung will das

Abkommen. Kompromisse werden letztlich

die Ernährungswirtschaft treffen. Ist

es Teil Ihres neuen Jobs, den Landwirten

saure Gurken zu verkaufen?

Ich will keine sauren Gurken verkaufen –

ich will, dass unsere Unternehmen ihre

sauren Gurken zu wettbewerbsfähigen

Preisen exportieren. Deswegen bin ich sicher,

dass TTIP auch für die Land- und Ernährungswirtschaft

gewaltige Vorteile

birgt. Wer heute Angst hat vor dem Wettbewerb,

der hat den Wettbewerb schon

verloren.

Ab 2015 müssen auch Landwirte den

gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro

einführen. Beschleunigt dies den Niedergang

der Branche?

Wir haben im Gesetz eine Übergangszeit

bis 2017 vorgesehen, wenn ein bundesweiter

Tarifvertrag für die Landwirtschaft geschlossen

wird. Derzeit laufen die Verhandlungen

zwischen den Tarifpartnern.

Bei den Saisonarbeitern sind die Gestaltungsmodelle

schwierig, da sie dem Europarecht

standhalten müssen. Einen Verlust

an Wettbewerbsfähigkeit sehe ich nur sehr

eingeschränkt. Unsere Unternehmen produzieren

innovativ und nachhaltig –

Deutschland ist inzwischen weltweit zur

Nummer drei der Agrarexporteure aufgestiegen.

Warum ist ein reduzierter Mindestlohn für

Saisonarbeiter europarechtlich nicht

möglich?

Das Europarecht verbietet eine unterschiedliche

Behandlung von Arbeitnehmerinnen

und Arbeitnehmern, die auf der

Staatsangehörigkeit beruht. Das resultiert

aus der Arbeitnehmerfreizügigkeit in der

EU. Die in Deutschland beschäftigten Saisonarbeiter

aus EU-Mitgliedstaaten dürfen

also nicht schlechter bezahlt werden als

deutsche saisonal beschäftigte Erntehelfer.

Es werden aber auch andere Modelle geprüft,

die ökonomischen Belastungen zu

beschränken. Ich führe derzeit intensive

Gespräche auf politischer Ebene. Eine

mögliche Option ist, den Übergangszeitraum

auszuweiten. In der kommenden

Woche werden wir hierzu die entscheidenden

Weichen stellen.

Welche Folgen wird der Mindestlohn für

die Landwirtschaft haben?

In vielen Bereichen ist die Ertragslage der

Betriebe sehr eng. Nehmen Sie zum Beispiel

unsere Obst- und Gemüsebauern.

Viele befürchten eine Abwanderung der

Betriebe als Folge des Mindestlohns. Wenn

es aber zu einer Tarifeinigung kommt – und

davon gehe ich aus –, hat die Landwirtschaft

Zeit, um sich auf die geänderten Bedingungen

einzustellen. Ich setze hier

auch auf die Innovationsfähigkeit, die die

deutsche Landwirtschaft bereits in der Vergangenheit

bewiesen hat.

n

florian.willershausen@wiwo.de

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/JULIAN STRATENSCHULTE

28 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Ort mit Geschichte

Bosnien-Herzegowinas

Hauptstadt Sarajevo

Mut, Köpfchen, Pioniergeist

SARAJEVO | Belagerung und Krieg, später Wirtschaftskrise, soziale Unruhen und Naturkatastrophen:

Die Stadt des Attentats von 1914 hat viel durchgemacht. Doch jetzt gibt es Zeichen der Hoffnung.

FOTO: AVENUE IMAGES/AGEFOTOSTOCK/ULYSSES

Vermutlich gibt es in der Welt kaum

noch eine größere Stadt ohne ein ansehnliches

Chinesenviertel. Auch

wer in Sarajevo zu Horst Eisenacher möchte,

muss vorbei an chinesischen Geschäften,

Restaurants und Hotels. Die Läden

verkaufen Plastikschüsseln, T-Shirts oder

Eisenwaren. Gasthäuser und Cafés werben

mit gedämpften Teigtaschen und handgemachten

Nudeln. Globalisierung und der

Boom in Fernost hinterlassen auch in Bosnien-Herzegowina

ihre Spuren.

Kurz hinter Sarajevos Chinatown führt

eine kleine Straße links den Hügel hinunter

zu Eisenachers Arbeitsstätte. Der hoch gewachsene

Deutsche führt in Sarajevo die

Geschäfte bei Veritas, einem Autozulieferer

mit 4500 Mitarbeitern aus Gelnhausen

im Südosten Hessens. An einem heißen Junitag

steht Eisenacher hinter einer Glasscheibe

in seinem Büro und blickt in die

Werkshalle unter ihm. Arbeiter ziehen

blaue Schläuche aus Maschinen und stapeln

sie akkurat in langen Kartons. Die Leitungen

werden später bei Volkswagen in

Autos der Modellreihe Passat eingebaut.

ENORM FLEISSIG

Veritas fertigt seine Kunststoff-, Gummiund

Metallverbindungen für Autos unter

anderem in Mexiko, Ungarn und China –

und seit gut zwei Jahren eben auch in der

Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas. Knapp

200 Arbeiter beschäftigt das Unternehmen

dort, das weltweit zuletzt 590 Millionen Euro

Umsatz erwirtschaftet hat. Schon bald

sollen es 500 Arbeiter sein. Vom Standort

Sarajevo ist der Deutsche begeistert. „Die

Leute hier sind top ausgebildet“, sagt er,

„und vor allem enorm fleißig.“

Es sind Pioniere wie Eisenacher, die in

Sarajevo zurzeit für so etwas wie Aufbruchstimmung

sorgen und den Menschen der

Stadt, die in der Vergangenheit immer wieder

von Krisen und Kriegen, zuletzt von

verheerenden Überschwemmungen,

heimgesucht wurden, ein bisschen Zuversicht

geben. Ein amerikanisches Unternehmen

übernimmt einen lokalen Kabelund

Telekomkonzern und sorgt so für neue

Arbeitsplätze. Deutsche Mittelständler auf

der Suche nach Alternativen zu China mit

seinen rasant steigenden Kosten errichten

in Sarajevo neue, wenn auch zunächst kleine

Fertigungsstätten. Ehemalige Kriegsflüchtlinge

kehren in ihre Heimat zurück

und möbeln jahrelang brachliegende Betriebe

wieder auf. „Vor allem kleine Firmen,

etwa in der Metall- oder Holzverarbeitung,

sorgen in der Stadt für einen kleinen

»

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 29

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Politik&Weltwirtschaft

»

Aufschwung“, sagt Igor Gavran, Ökonom

der bosnischen Auslandshandelskammer.

Genau 100 Jahre ist es her, dass Sarajevo

zu trauriger Berühmtheit kam. Am 28. Juni

1914 erschoss der Serbe Gavrilo Princip am

Rande der Altstadt den österreichischen

Thronfolger Franz Ferdinand und seine

Frau Sophie – die dem Attentat folgende diplomatische

Krise führte geradewegs in

den Ersten Weltkrieg. Heute erinnert ein kleines

Museum unmittelbar am Tatort an das

Attentat; ansonsten pulsiert am Miljacka-

Fluss das Großstadtleben. Junge Paare flanieren

durch die Gassen mit ihren Boutiquen,

Handyläden und Cafés. An der Stelle,

an der Princip seine tödlichen Schüsse

auf den Erzherzog abgab, hat heute ein Immobilienmakler

seine Büros. Das 90-Quadratmeter-Apartment

in der Innenstadt

gibt es laut Aushang ab 100 000 Euro.

Einen Steinwurf entfernt, wo das Viertel

der Muslime beginnt, schieben sich lärmende

Touristengruppen aus China an

Souvenirläden, Bars und Restaurants vorbei.

Rucksacktouristen aus Amerika sitzen

vor ihrem Sarajevsko-Bier und starren auf

die Bildschirme mit den Spielen der Fußball-WM.

Vor der überfüllten Bar nebenan

parken zwei Harleys; drinnen spielt eine

Band Songs von Beyoncé nach.

SCHWER ZU KÄMPFEN

Sicher, das bunte Leben in der Stadt des

Attentats von 1914 kann kaum über die

Schwierigkeiten der Gegenwart hinwegtäuschen,

mit denen Sarajevo nach wie vor

zu kämpfen hat. So hat die Finanzkrise

auch in der 500 000-Einwohner-Stadt ihre

Spuren hinterlassen. Ein Grund, warum

die Arbeitslosenzahlen seit 2008 in die

Höhe geschnellt sind.

Einer, der zurzeit schwer zu kämpfen

hat, ist Hajrudin Rovcanin. Seit 31 Jahren

arbeitet der 57-Jährige als Kellner im Hotel

Holiday Inn im Zentrum Sarajevos. Die

Olympischen Winterspiele 1984 hat er miterlebt

und auch die Balkankriege und die

Belagerung der Stadt Anfang der Neunzigerjahre.

Damals wohnten in dem direkt

an der berüchtigten Heckenschützenallee

gelegenen Hotel die Kriegsreporter. Die

Hauswände in dem Viertel sind immer

noch mit Einschusslöchern übersät.

„Nachts, wenn die Journalisten mal nicht

arbeiten mussten, haben wir mit ihnen im

großen Ballsaal Fußball gespielt“, erinnert

sich Rovcanin, und es klingt fast ein wenig

Wehmut mit in seiner Stimme. Die Lebensmittel

hätten sie vom belagerten Flughafen

ins Hotel geschmuggelt.

Beliebtes Ziel von Touristen Muslimisches

Stadtviertel in Sarajevo

Langsam aus der Krise

Bruttoinlandsprodukt Bosnien-Herzegowinas

(Veränderung zumVorjahr in Prozent)

-2,8

0,7 1,0

-1,1

1,9 1,5 3,5

2009 2010 2011 2012 2013 2014 1 2015 2

1 Schätzung; 2 Prognose; Quelle: Raiffeisen Research

Das Holiday Inn ist längst an einen österreichischen

Investor verkauft – und Rovcanin,

Vater von drei Kindern, hat wie alle

anderen 138 Angestellten des Hotels seit

sieben Monaten keinen Lohn mehr bekommen.

Der neue Eigentümer hat lokale

Manager für das Hotel eingestellt. Die aber

kümmerten sich nicht um den Betrieb, sondern

würden vor allem in die eigene Tasche

wirtschaften, klagen die Angestellten. Das

Licht in der Hotellobby ist abgeschaltet, die

Möbel sind fleckig, und es riecht muffig.

Die Zahl der Gäste lässt sich an zwei Händen

abzählen. Es ist eine Geschichte von

Filz, Vetternwirtschaft und Politikversagen,

wie man sie oft auf dem Balkan hört.

Alexander Märdian weiß natürlich um

solche Probleme. „Wenn internationale

Konzerne hierher kommen und ihre Länderanalysen

machen, drehen sie sich auf

dem Absatz um“, räumt der Deutsche ein,

der in Sarajevo die Delegation der Deutschen

Wirtschaft vertritt. Im Doing-Business-Report

der Weltbank liegt Bosnien-

Herzegowina auf Platz 131; im Ranking des

Weltwirtschaftsforums, das weniger Länder

umfasst, auf Rang 87, noch hinter Russland

und der Ukraine. Bürokratie, Korruption,

vor allem aber die komplizierten politischen

Strukturen nach dem Dayton-Friedensabkommen

von 1995 machen es Investoren

nicht leicht.

WICHTIGES PLUS

Und doch, sagt Märdian, böten sich vor allem

kleineren Unternehmen in Sarajevo,

aber auch in anderen Städten des Landes,

zum Teil große Chancen. Mit Mut, Köpfchen

und ein bisschen Pioniergeist lässt

sich in dem kleinen Land viel erreichen. So

seien etwa die Beamten auf den unteren

Verwaltungsebenen oft sehr kooperativ

und flexibel, hat Märdian beobachtet. Da

gibt es das Land für die neue Fabrikhalle

auch schon mal gratis, gegenüber dem teuren

China ein wichtiges Plus. Außerdem ist

das Ausbildungsniveau der Bevölkerung

vergleichsweise hoch; der durchschnittliche

Monatslohn liegt bei etwa 300 Euro, zu

denen sich noch etwa 60 Prozent Lohnnebenkosten

addieren. Gut 70 Mitglieder hat

der Deutsche Wirtschaftsverein in Sarajevo

derzeit. 80 Prozent von ihnen würden wieder

in Bosnien-Herzegowina investieren,

hat Märdian ermittelt.

Wichtige Impulse für die Wirtschaft liefert

aber auch die bosnische Diaspora.

Knapp 160 000 Bosnier leben in Deutschland.

Auch Mario Tolo wuchs hier auf. Vor

zweieinhalb Jahren aber gab der in Karlsruhe

geborene Sohn jugoslawischer Gastarbeiter

seinen gut bezahlten Berater-Job in

der Schweiz auf und zog mit seiner Frau

nach Sarajevo. Dort bringt er jetzt die jahrelang

brachliegende Fabrik seiner Schwiegereltern

auf Vordermann. Statt Schaumstoffmatratzen

in großen Mengen stellt das

Unternehmen heute Spezialschaumstoffe

für orthopädische Geräte her.

Der Autozulieferer Veritas baut gerade

zwei neue Fabrikhallen und will demnächst

auch Teile der Prozessentwicklung

für die Herstellung von Kunststoffleitungen

nach Sarajevo verlagern. Statthalter Eisenacher

sucht hierfür zurzeit Ingenieure und

ist sich sicher, sie zu finden. „Es gibt hier

sehr viele Tüftler im Land, die so etwas

können“, sagt der Deutsche.

n

matthias.kamp@wiwo.de | München

FOTO: GETTY IMAGES/CULTURA TRAVEL/TIME WHITE

30 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

FOTOS: JOHANN SEBASTIAN KOPP FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, GETTY IMAGES/JENS SCHLUETER

SALVADOR | Das ist

jetzt mal was Neues:

Ausländer in Brasilien.

Die fallen sonst

gar nicht auf. Von

Alexander Busch

Das Kreuz

der Schweden

Eigentlich sind Brasilianer

meist unter sich. Die

wenigen ausländischen

Touristen, die normalerweise

hierher reisen, verlieren

sich in dem Land

von der doppelten Größe der EU – trotz

der Traumstrände, Wasserfälle und des

Zuckerhuts. Nicht mal auf Platz 40 steht

Brasilien unter den internationalen Tourismuszielen.

Doch mit der WM hat sich

das geändert. In den Austragungsorten

stehen an jeder Ecke Trauben von Ausländern

zusammen, von denen die meisten

Brasilianer nicht die entfernteste Ahnung

haben, wo deren Herkunftsländer

liegen könnten. Kroatien? Bosnien?

Schweiz? Den Taschendieben in Salvador,

der drittgrößten Stadt des Landes, ist

das ziemlich egal. Bei den Gringos vermuten

sie Geld, Kameras, Uhren. Doch da

haben sie sich getäuscht. Die meisten

WM-Touristen sind vorgewarnt und tragen

kaum Wertsachen bei sich – außer

den Pass, um sich als Besitzer der WM-

Tickets identifizieren zu können. Als jetzt

ein kanadischer Kollege seinen Pass „abgenommen“

bekam, begleitete ich ihn

auf die Wache der Touristenpolizei. Die

Schlange davor zeigte schnell: Er war

nicht der Einzige, dem es so erging. In einem

Schuhkarton hatte der freundliche

Wachtmeister drei Dutzend Pässe gesammelt,

welche die Diebe in den Gassen des

Altstadtviertels Pelourinho weggeworfen

hatten. Wegen des Spiels Frankreich –

Schweiz am Vortag fielen vor allem

Schweizer Pässe mit dem weißen Kreuz

in der Schachtel auf. „Hübsch, diese Pässe

aus Schweden“, erklärte der Diensthabende

freundlich. Der Ausweis des Kollegen

aus Kanada war leider nicht darunter.

Alexander Busch ist Korrespondent

der WirtschaftsWoche in São Paulo.

BERLIN INTERN | Bundesverkehrsminister Alexander

Dobrindt wird in den kommenden Tagen seine

Pkw-Maut vorstellen. Die Hauptstadt ist schon ganz

aufgeregt. Von Christian Schlesiger

Hier kommt Alex

Noch ist es die Zeit des Wartens“,

sagte Peter Fischer, Präsident

von Pro Mobilität, einer

Initiative für Verkehrsinfrastruktur,

vergangene Woche in Berlin. Und:

„Einige werden ungeduldig.“ Die Pkw-

Maut hätte Fischer auf seiner Veranstaltung

mit dem Titel „Mautpläne für Autobahnen

und Bundesstraßen: Was kommt

auf uns zu?“ gerne durch einen Fachmann

des Bundesverkehrsministeriums höchstpersönlich

vorstellen lassen. Doch das war

„terminlich nicht möglich“. Gelächter.

Noch darf er ohne Pickerl fahren

Verkehrsminister Dobrindt

Ganz Deutschland lechzt nach Informationen

aus dem Hause von Alexander

Dobrindt. Doch der CSU-Minister ließ

sich Zeit. Nun aber will er sein Konzept

möglichst bald präsentieren. So könnte er

dem Hohn und Spott ein Ende bereiten,

der sich in Berlin über ihn ergossen hat.

„Ich habe sieben Anläufe gebraucht, bis

er sagt, wann er die Katze aus dem Sack

lässt“, wettert Roland Claus von den Linken.

„Jetzt weiß ich es: in der ersten Juli-

Woche.“ Danach wäre es eh zu spät.

Der Bundesverkehrsminister gilt als

Nachzügler. Während seine Kabinettskollegen

längst Gesetzesinitiativen auf den Tisch

gelegt haben, um Meilensteine des Koalitionsvertrages

abzuarbeiten, feilt der CSU-

Minister noch an seinem Werk. Eine Vignette

wird es geben, so viel ist klar. 100 Euro

pro Jahr sei eine „interessante Zahl“, sagte

er unlängst. Ökokriterien werden berücksichtigt.

Und natürlich werde kein deutscher

Autofahrer zusätzlich belastet. Und

alles noch europarechtskonform.

Im Januar 2016 soll die Pkw-Maut

„scharf gestellt werden“, wiederholte

Dobrindt mehrfach. „Was immer das auch

heißen mag“, witzelt Alexander Eisenkopf

süffisant, ein scharfzüngiger Maut-Experte

von der Zeppelin Universität. Der Wissenschaftler

befürchtet, die Maut werde

keinen nennenswerten Beitrag für die

Einnahmen liefern. Dann aber bliebe die

Nutzerfinanzierung ein „Torso“. Und die

Berechnung der Mautsätze für Lkws

gleiche ohnehin eher einem „verkehrspolitischen

Kasperletheater“.

Dobrindt will nicht mehr Kasperle sein

und endlich mit Inhalten punkten. Die

Opposition wittert schon Munition, um

gegen die Bundesregierung zu schießen.

Die Grünen-Verkehrspolitikerin Valerie

Wilms hofft gar, die Verwaltungsausgaben

könnten die Einnahmen der Pkw-Maut

übertreffen. Dann wäre Dobrindt politisch

kaum noch zu halten. Holland, Österreich

und die Europäische Kommission könnten

den Klageweg beschreiten, wenn Ausländer

einseitig zur Kasse gebeten werden.

Doch gelingt ihm ein Konzept ohne Pannen,

das sogar mehr Einnahmen als erwartet

generiert, könnte der 44-Jährige zum

heimlichen Star der Regierung avancieren.

250 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich will

er reinholen. Das wäre schon mal was.

Wenn mit dem Geld dann auch die ein oder

andere Kreis- und Bundesstraße gepflastert

würde, würden auch die kritischen

Stimmen bei den Länderverkehrsministern

verstummen.

Auch das mantramäßige Wiederholen

des Finanzierungsbedarfs in der Infrastruktur

hätte dann ein Ende. Pro Mobilität beteiligte

sich vergangene Woche am kollektiven

Murren, davor der Bundesverband der

Deutschen Industrie, davor der Nahverkehrs-Verband

Deutscher Verkehrsunternehmen

und so weiter. Berlin labt sich in

der gefühlt hundertsten Debatte über

Zustand, Verfall und Sanierungsbedarf von

Straßen, Schienen und Wasserkanälen.

Dass es am Geld fehlt, hat sich inzwischen

auch außerhalb Berlins herumgesprochen.

Alex, mach hinne!

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 31

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Der Ölpreis war

lange stabil. Dabei wird es nicht

bleiben – die Nachfrage wächst zu

stark. Von Hans Jakob Ginsburg

Die Ruhe trügt

Der Irak mag zusammenbrechen,

der

Iran wirtschaftlich

scheitern, Libyen im

Chaos versinken: Auf den ersten

Blick schert das alles den

globalen Ölmarkt nicht, der seit

2010 kaum noch Schlagzeilen

macht. „Die Ölpreise waren in

den vergangenen drei Jahren

bemerkenswert stabil, es war

der Dreijahreszeitraum mit der

geringsten Volatilität seit

1970“, sagt Christof Rühl, der

Chefvolkswirt von BP.

2013 hat es allenfalls einen

leichten Preisrutsch nach unten

gegeben. Im Jahresdurchschnitt

kostete ein Fass der

Erdölsorte Brent knapp 109

Dollar, drei Dollar weniger als

im Durchschnitt der zwei vorherigen

Jahre. Derzeit notiert

Brent bei etwa 106,50 Dollar –

trotz aller Schreckensmeldungen

aus dem Irak und aus

Nigeria.

TRÜGERISCHE RUHE

Aber die Ruhe ist trügerisch.

Vergangenes Jahr ist der Welt-

Ölverbrauch um 1,4 Prozent

gestiegen. Die weltweite Rohölförderung

dagegen wuchs

nur um 0,6 Prozent. Wenn die

Menschheit wie 2013 Tag für

Tag mehr als 91 Millionen Barrel

Rohöl verbraucht und weniger

als 87 Millionen fördert,

müssten sich die riesigen Vorräte

rasch reduzieren, die Staaten

und Energieunternehmen in

Bunkern und anderen Lagerstätten

lagen. Happige Preissteigerungen

wären die Folge,

die ruhigen Jahre seit 2010

würden zu einer Fußnote in der

langen Geschichte vom immer

teureren Erdöl.

Der wachsende Erdölhunger

konzentriert sich wie seit vielen

Jahren weiter auf die Schwellenländer.

Auch 2013 fanden sich

China, Brasilien, Russland und

Saudi-Arabien auf den ersten

fünf Rängen beim Zuwachs des

Ölkonsums. Auf Platz eins liegt

aber erstmals in diesem Jahrtausend

die Volkswirtschaft mit

der sowieso schon höchsten Ölnachfrage:

Die USA verbrauchten

2013 400 Millionen Barrel

mehr als im Vorjahr. „Der Zuwachs

konzentrierte sich auf die

amerikanische Industrie“, beobachtet

Rühl. 310 Millionen

Barrel mehr als 2012 – das

übertrifft den gesamten Erdölverbrauch

eines Industrielandes

wie Schweden.

Tendenz: steigend

Ölpreise in Dollar je Barrel

130

110

90

70

50

Brent

Quelle: Bloomberg

WTI

30

01/09 06/11 06/14

Aus amerikanischer Sicht

wird dieser Nachfrageboom

durch die gewaltige einheimische

Produktionssteigerung

mehr als ausgeglichen. 2013

förderten die USA dank neuer

Techniken bei Exploration und

Förderung 12,5 Prozent mehr

Öl als im Vorjahr. Falls die Entwicklung

so weitergeht – sicher

ist das nicht –, wäre Amerika

im Jahr 2020 Netto-Exporteur

von Erdöl.

Solange das nicht der Fall ist,

belastet der Öldurst der amerikanischen

Industrie den Weltmarkt.

NEW ECONOMICS

Nicht zu viel reden

Eine neue Studie sagt: Twitter, Facebook und Google-

Suchen bewegen die Finanzmärkte. Debatten über die

griechische Krise trieben Anleihe-Spreads in die Höhe.

Finanzmärkte lieben Gerüchte

– und im Zeitalter von Twitter,

Facebook und Google gehen

diese viel schneller um die Welt

als früher. Dies kann üble Folgen

haben. Im April 2013 etwa

brachte ein falscher Tweet den

US-Börsenindex S&P 500 zum

Einsturz. Die frei erfundene

Nachricht einer Explosion im

Weißen Haus, bei der angeblich

US-Präsident Barack Obama

verletzt worden war, vernichtete

vorübergehend 130 Milliarden

Dollar an Börsenkapitalisierung.

Nachdem die Nachrichtenagentur

AP klarstellte, dass

ihr Account gehackt worden sei,

erholten sich die Märkte zwar

wieder. Seither ist Investoren

allerdings bewusst, welchen

Einfluss Social Media auf

Aktien- und Anleihemärkte

haben kann.

ANSTECKUNGSEFFEKTE

Drei Ökonomen der University

of Macedonia im griechischen

Thessaloniki haben die Ansteckungseffekte

für Anleihemärkte

nun wissenschaftlich analysiert.

Theologos Dergiades,

Costas Milas und Theodore Panagiotidis

kommen in einer Studie*

zu dem Ergebnis, dass Suchen

nach Begriffen wie „Greek

debt crisis“ bei Google und

Schlagwörter wie „Grexit“ bei

Twitter, Facebook und Google-

Blogs im Zeitraum von Mai 2011

bis Mai 2013 dazu beitrugen,

dass die Risikoaufschläge von

griechischen und irischen

Staatsanleihen in die Höhe

schossen. Zur Erinnerung: Griechenland

hatte im Frühjahr

2010 Hilfe bekommen, Irland als

* Theologos Dergiades, Costas Milas,

Theodore Panagiotidis: Tweets, Google

Trends and Sovereign Spreads in the

GIIPS, University of Macedonia, Departments

of Economics, Discussion Paper

4/2014

zweites Euro-Land im November

2010. Die Ökonomen bezeichnen

den Zusammenhang

zwischen Social Media und den

Spreads als stark und stellen einen

Rückkoppelungseffekt fest.

Der griechische Spread wiederum

heizte die Debatten auf

Twitter und Co. an. Portugiesische,

italienische und spanische

Anleihen reagierten ebenfalls

auf die via Social Media verbreitete

Stimmungslage, aber in geringerem

Maße. Als immun erwiesen

sich dagegen Länder, die

von der Finanzkrise nicht erfasst

waren. Die Forscher testeten

zum Vergleich Frankreich und

die Niederlande und stellen keine

Reaktion auf Diskussionen

über die griechische Krise fest.

Als Richtschnur galt jeweils der

Risikoaufschlag zu deutschen

Staatsanleihen.

Für die Politik ergibt sich daraus

ein Rückschluss: Im Zweifel

lieber nicht zu viel reden. Je

mehr Politiker die griechische

Krise öffentlich thematisieren,

desto stärker lösen sie Reaktionen

auf Twitter und Co. aus –

die wiederum die Anleihemärkte

in Bewegung setzen.

NEUES FORSCHUNGSFELD

Die Ergebnisse sind wertvoll,

schließlich beobachten Ökonomen

seit geraumer Zeit, dass Bewegungen

an den Finanzmärkten

durch Fundamentaldaten

oft nicht gut zu erklären sind.

Dank Social Media eröffnet sich

Volkswirten nun ein neues Forschungsfeld.

Erste Untersuchungen

deuten darauf hin,

dass Google-Suchen sogar die

Entwicklung von Wechselkursen

vorhersagen können. Auch

bei Immobilienmärkten haben

Volkswirte eine Analogie zu

Google-Suchen ausgemacht.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

32 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Krise in der Ukraine

dämpft den Optimismus

Die deutsche Wirtschaft beurteilt

die konjunkturelle Entwicklung

weniger optimistisch: Der

vom Münchner ifo Institut ermittelte

Geschäftsklimaindex

für die gewerbliche Wirtschaft

sank im Juni um 0,7 auf 109,7

Punkte. Ihre aktuelle Geschäftslage

bewerteten die rund 7000

befragten Unternehmen zwar

unverändert gut, der Teilindex

der Konjunkturerwartungen

rutschte hingegen auf den niedrigsten

Stand seit Oktober 2013

ab (104,8 Punkte). „Die deutsche

Wirtschaft befürchtet

mögliche Auswirkungen der

Krisen in der Ukraine und im

Irak“, sagt ifo-Chef Hans-Werner

Sinn.

Andere Frühindikatoren indes

zeigen unverändert nach

oben. Der vom ifo Institut exklusiv

für die WirtschaftsWoche

erstellte Exportklimaindex ist

im Mai zum zweiten Mal in Folge

gestiegen und erreichte mit

0,4 Saldenpunkten den höchsten

Wert seit fast drei Jahren

(siehe Grafik). Der Indikator

bündelt den realen Außenwert

des Euro – also die preisliche

Wettbewerbsfähigkeit der Ausfuhrwirtschaft

– sowie das Konsum-

und Geschäftsklima auf

unseren wichtigsten Absatzmärkten.

Da der Euro gegenüber dem

Dollar leicht abwertete, kam

von der Währungsseite diesmal

ein positiver Exportimpuls.

Zudem haben sich die Unternehmens-

und Verbraucherstimmung

„auf breiter Front

verbessert“, schreiben die ifo-

Ökonomen in ihrer Analyse für

die WirtschaftsWoche. Dies

gelte besonders für unsere

Nachbarstaaten Niederlande

und Österreich, aber auch für

China. In Frankreich, dem

Weiter aufwärts

Exportklima und Ausfuhren

0,25

0,20

0,15

0,10

0,05

0

–0,05

–0,10

–0,15

–0,20

–0,25

Exporte (real,

saisonbereinigt,

Veränderung zum

Vorjahr in Prozent)

wichtigsten deutschen Handelspartner,

habe sich die Stimmung

der Betriebe zuletzt allerdings

deutlich eingetrübt.

Insgesamt werde die reale

Ausfuhr im zweiten Quartal um

etwas mehr als ein Prozent gegenüber

dem Vorquartal zulegen,

sagen die ifo-Ökonomen

voraus.

Exportklimaindikator

1

bert.losse@wiwo.de

08 09 10 11 12 13 14

¹ Geschäfts- und Konsumklima auf den wichtigsten Absatzmärkten Deutschlands sowie

realer Außenwert des Euro (Indexpunkte); Quelle: ifo

1,5

1,0

0,5

0

–0,5

–1,0

–1,5

–2,0

–2,5

–3,0

–3,5

Konsumlaune

wieder besser

Trotz einiger Zukunftssorgen

(siehe oben) präsentiert sich

die Industrie noch in stabiler

Verfassung: Der von dem Forschungsinstitut

Markit erhobene

Einkaufsmanagerindex ist

im Juni um 0,1 Zähler gestiegen

(siehe auch Seite 34). Er liegt

mit 52,4 Punkten klar über der

Marke von 50 Punkten, ab der

Expansion einsetzt. Der Index

für den Dienstleistungssektor

sank um 1,2 auf 54,8 Punkte.

Einen überraschenden Zuwachs

gab es bei dem vom

Marktforschungsunternehmen

GfK ermittelten Konsumklimaindex.

Nachdem der Indikator

in den vergangenen vier

Monaten stagniert hatte, legte

er im Juni um 0,1 auf 8,6 Punkte

zu. Für Juli prognostiziert die

Gfk 8,9 Zähler – das ist der

höchste Wert seit Dezember

2006. Hauptgrund ist die infolge

der niedrigen Zinsen gesunkene

Sparneigung der Bürger.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2012 2013

Durchschnitt

0,7

0,8

1,0

–4,0

–1,4

3,4

3,2

1,4

2012 2013

Durchschnitt

–0,9

–4,2

0,1

3,3

105,0

46,7

5,9

2,0

1,6

2,1

2896

478

29006

0,5

0,9

0,4

–2,4

–0,2

3,0

0,9

1,5

–0,2

2,5

0,0

–0,2

106,9

50,6

6,5

1,5

–0,1

–2,5

2950

435

29370

I/13

0,0

0,3

0,0

–1,4

–1,5

–0,9

–0,7

0,2

März

2014

–0,6

–2,8

0,6

–1,8

110,7

53,7

8,5

1,0

–0,9

–3,3

2906

445

29730

II/13 III/13 IV/13

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,7

0,7

–0,2

0,5

1,7

1,6

2,5

1,5

April

2014

0,2

3,1

–1,6

3,0

111,2

54,1

8,5

1,3

–0,9

–2,4

2881

446


0,3

0,3

0,7

0,1

2,1

1,4

–0,1

0,8

Mai

2014





110,4

52,3

8,5

0,9

–0,8


2905

443


0,4

–0,3

–0,3

1,4

0,2

1,2

2,5

1,3

Juni

2014





109,7

52,4

8,6







I/14

0,8

0,7

0,4

3,3

3,6

–0,8

0,2

2,2

Juli

2014







8,9







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

2,5

1,1

0,5

6,0

10,2

3,3

5,5

6,2

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

–1,5

3,4

3,2

–0,2

3,6

5,9

30,9




–1,9

3,5

1,6

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 33

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Der Volkswirt

SERIE FRÜHINDIKATOREN (III)

Monatlicher Flash

Der deutsche Einkaufsmanagerindex EMI kommt aus

Großbritannien – und findet seit der Finanzkrise noch

mehr Beachtung als früher.

Henley-on-

Thames ist eine

idyllische

englische

Kleinstadt in der Grafschaft Oxfordshire

und deutschen Ruderfreunden

wegen ihrer berühmten

Regatta ein Begriff. Einmal

im Monat aber bekommt das

Städtchen auch

für die deutsche

Wirtschaft eine

besondere Bedeutung:

Hier

nämlich wird

vom Finanz- und

Datendienstleister

Markit ein

wichtiger konjunktureller Frühindikator

erstellt – der Einkaufsmanagerindex

EMI.

So kommt es, dass Angela

Grobler oft an die deutsche Konjunktur

denkt, wenn der 12. Tag

des Monats naht, an dem sie Fragebögen

an rund 500 Industrieund

500 Dienstleistungsbetriebe

in Deutschland verschickt.

Grobler ist seit rund 20 Jahren als

Leiterin eines dreiköpfigen deutschen

Teams in Henley-on-

Thames für die Erhebung der

Daten zuständig. „Der deutsche

EMI ist mein Baby“, sagt die ausgebildete

Architektin, die in der

DDR aufwuchs und mit dem

Trainer der britischen Olympia-

Ruderer verheiratet ist.

Der Fragebogen geht per Fax,

Mail oder Web-Link an Einkaufsleiter

oder Geschäftsführer,

die nach einem geografischen,

branchen- und umsatzmäßigen

Schlüssel ausgesucht werden.

Bei der Rekrutierung der Teilnehmer

aus der Industrie hilft

mittlerweile ein deutscher Kooperationspartner,

der Bundesverband

Materialwirtschaft, Einkauf

und Logistik (BME).

SERIE

Wie entstehen Frühindikatoren?

Was sagen

sie aus? Alle Teile der

WirtschaftsWoche-Serie

finden Sie unter

wiwo.de/indikatoren

Der Index, der sich methodisch

am fast 80 Jahre alten Einkaufsmanagerindex

der USA

orientiert, startete Mitte der

Neunzigerjahre, damals initiiert

von der kleinen Firma NTC

Economics. 2008 übernahm

Markit das Unternehmen. Einige

Umfrageteilnehmer aus der

Anfangszeit, darunter

ein deutscher

Spielzeughersteller,

sind

aber immer noch

dabei: „Da macht

man Höhen und

Tiefen mit, die

standen mal kurz

vor der Insolvenz“, so Grobler.

Der EMI-Fragebogen enthält

für das produzierende Gewerbe

zwölf, für die Dienstleister

sechs Fragen. Es geht um Auftragseingänge

und Auftragsbestand,

um Exporte und Lieferzeiten,

um Einkaufsmengen,

Lagerhaltung, Beschäftigung,

Verkaufs- und Einkaufspreise –

und stets um den Vergleich

zum Vormonat: Ist das Niveau

höher, niedriger oder unverändert?

Trendnachoben

EinkaufsmanagerindexDeutschland(in

Punkten)

60

55

50

45

Dienstleistungsbranche

Industrie

Abschwung

40

6/11 6/12 6/13 6/14

Quelle: Markit

Aufschwung

Botschaften von der Insel Markit-

Chefökonom Chris Williamson

Für den Dienstleistungs-EMI

hat Markit den Fragebogen

modifiziert:„Lagerbestände abzufragen

wäre ja Unsinn“, sagt

Markit-Chefvolkswirt Chris

Williamson. Er betont, dass der

EMI nicht auf Stimmungen aufbaue,

sondern auf betrieblichen

Fakten. Erst am Schluss der

Umfrage kommt der – subjektive

– Punkt:„Wie schätzen Sie

Ihre Geschäftslage binnen Jahresfrist

ein? “

Aus allen Teilindizes bilden

die Markit-Experten am Ende

einen Gesamtindex. Ein Wert

über 50 signalisiert Wachstum,

Werte darunter deuten auf

einen Abschwung hin. Aktuell

liegt der EMI für die Industrie

bei 52,4 Zählern.

Die Rücklaufquote erreicht

laut Grobler bis zu 85 Prozent.

Eine Bezahlung erhalten die

Teilnehmer nicht – wohl aber

den kostenlosen Zugang zu den

Datensätzen, auch zu Ergebnissen

und Analysen aus anderen

Ländern. In Deutschland

vermarktet der BME den EMI

(zwölf Ausgaben kosten 190,40

Euro für Mitglieder und 357

Euro für externe Abonnenten).

Der Vorteil des EMI: Er ist früh

verfügbar und gut vergleichbar

mit anderen internationalen

Einkaufsmanagerindizes. Markit

befragt jeden Monat mehr

als 20 000 Unternehmen in über

30 Ländern. Die Ergebnisse

werden auch beim IWF und vielen

Zentralbanken aufmerksam

verfolgt – und abonniert.

„Der Einkaufsmanagerindex

ist besonders wichtig an kon-

junkturellen Wendepunkten,

also am Beginn einer Rezession

oder eines Aufschwungs“, sagt

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der

Commerzbank. Der EMI habe

etwa das Rezessionsende nach

der Lehman-Pleite frühzeitig

angezeigt. Für den Chefvolkswirt

der Berenberg Bank,

Holger Schmieding, bilden

„Einkaufsmanagerindizes im

Regelfall das aktuelle Wirtschaftsgeschehen

besser ab als

nahezu alle anderen Indikatoren“.

Ihr Wert bestehe darin,

dass „die Umfragen gut zwei

Monate vor den amtlichen Zahlen

für die Industrieproduktion

veröffentlicht werden. Zudem

geben sie Hinweise auf den

Trend im wichtigen Dienstleistungsgewerbe,

für das es nur

relativ wenige Daten gibt.“

WIE BEIM GEHEIMDIENST

Kritiker wenden ein, dass die

Anzahl der Befragten nicht übermäßig

groß ist. Für Elga Bartsch,

Chefvolkswirtin für Europa bei

Morgan Stanley, sind für eine

tiefere Konjunkturanalyse „die

viel breitere ifo-Umfrage und die

harten Daten immer noch wichtiger“.

Gleichwohl habe zumindest

aus Sicht der Finanzmärkte

die Aussagekraft der EMI zugenommen

– vor allem, weil Markit

eine erste Schätzung veröffentlicht,

bevor der viel beachtete

ifo-Geschäftsklimaindex herauskommt.

Gut eine Woche vor

dem offiziellen Ergebnis gibt es

den „Flash“. Diese Zahl wird von

den Finanznachrichtendiensten

Reuters und Bloomberg per Eilmeldung

veröffentlicht und unterliegt

zuvor strenger Geheimhaltung.

„Alle Informationen

sind verschlüsselt und können

nicht auf mobilen Trägern gespeichert

werden“, sagt Williamson.

Analysen für die Zentralbanken

sind dort nur von

registrierten Nutzern abrufbar.

Die Markit-Mitarbeiter müssen

sich sogar schriftlich zum

Schweigen verpflichten. Williamson:

„Das ist, als arbeite

man für den Geheimdienst.“

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

FOTO: PR

34 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Der wieder gesellschaftsfähig gewordene Staatsinterventionismus und die zunehmenden

Manipulationen des freien Preissystems bergen für Bürger und

Wirtschaft immense Risiken. Ein Plädoyer für eine Rückkehr zu marktwirtschaftlichem

Denken. Von Stefan Kooths und Maik Wolters

Zwang und Zufall

FOTOS: PR/ INSTITUT FÜR WELTWIRTSCHAFT (2), DDP IMAGES/THOMAS LOHNES

Mindestlöhne, Mietpreisbremsen,

garantierte

Einspeisevergütungen

für

Strom: Versuche, bestimmte

Marktergebnisse, ungeachtet

ihrer Ursachen, durch politischen

Beschluss zu ändern,

liegen im Trend. Doch machen

sie auch Sinn?

Die Antwort ist eindeutig: Eine

solche Politik mag kurzfristig populär

sein, die betroffenen Volkswirtschaften

werden dadurch indes

massiv beschädigt. Denn

Marktprozesse sind kein Selbstzweck,

sondern gerade deswegen

wichtig, weil sie als ergebnisoffenes

Entdeckungsverfahren

diejenigen Lösungen zutage fördern,

die sich an zentraler Stelle

niemals bestimmen lassen.

MARKTPREIS BLOCKIERT

Preise sind das Informationsund

Koordinationssystem einer

Marktwirtschaft. Sie spiegeln

Knappheiten wider, die nicht dadurch

verschwinden, dass Preise

per Mehrheits- oder Bürokratenentscheidung

manipuliert werden.

Im Gegenteil: Wer freie

Marktpreise blockiert, muss die

Produktions- und Verteilungsentscheidungen

nach anderen Kriterien

treffen. Meist ist das dann

eine Mischung aus Zwang, Zufall

und Privilegien. Informationen

über die Dringlichkeit von Gütern,

wie sie die in den Preissignalen

ausgedrückte Zahlungsbereitschaft

der Käufer zum

Ausdruck bringen, fehlen dann.

Im Ergebnis reagieren Mengen

und Qualitäten – die gesamtwirtschaftliche

Leistung sinkt, oder

Marktakteure wandern in die

Schattenwirtschaft ab. Ein solches

System verschwendet nicht

nur Ressourcen. Der Interventionismus

nagt auch an den ethischen

Wurzeln der Marktwirtschaft,

weil er die Akzeptanz der

Rechtsordnung unterhöhlt.

Marktmanipulationen führen

auch nicht zu mehr sozialer Gerechtigkeit.

Da sie nur Symptome

übertünchen, laufen solche Eingriffe

systematisch darauf hinaus,

einen Teil der Zielgruppe zu begünstigen,

indem ein anderer Teil

benachteiligt wird. Ökonomen

nennen das ein Insider-Outsider-

Problem.

Beispiel Mietpreisbremse:

Zieht man am Wohnungsmarkt eine

wirksame Preisobergrenze ein,

driften Angebot und Nachfrage

auseinander. Die Knappheit, die

die zuvor hohen Marktpreise signalisierten,

wächst dadurch weiter.

Es beginnt eine aussichtslose

Interventionsspirale, angefangen

von Bewirtschaftungsschranken

(etwa: ein Vermietungsverbot an

Feriengäste), Sanierungsverboten

bis hin zu Fehlbelegungsabgaben.

Am Ende begünstigt eine Mietpreisbremse

nur jene, die das

Glück hatten, eine künstlich verbilligte

Wohnung zu ergattern –

was meist auf die Bestandsmieter

zutrifft. Und selbst die profitieren

nur so lange, bis die Wohnungen

sanierungsbedürftig werden. Das

Nachsehen haben die Bauwirtschaft

und alle übrigen Akteure.

Mangels Anreizen für den Neubau

»Knappheiten

verschwinden

nicht durch

Mehrheits- oder

Bürokratenentscheidung«

Unsichere Ernte Der Mindestlohn

könnte Jobs vernichten

wird im Ergebnis nur weiter der

Mangel verwaltet.

Beispiel Mindestlohn: Der Preis

der Arbeit bestimmt sich im Wesentlichen

nach Angebot und

Nachfrage. Hinter der Nachfrage

steht wiederum die Wertschätzung

der Konsumenten für die mit der

jeweiligen Arbeit erbrachte Leistung.

Wird viel von einer bestimmten

Tätigkeit angeboten, so drückt

das den Lohn. Das hat nichts mit

Marktmacht der Arbeitgeber zu

tun. Ein staatlich festgelegter Mindestlohn

hilft Geringverdienern

nur vordergründig, ein bestimmtes

Einkommensniveau zu erreichen.

Tatsächlich führt er zu weiteren Insider-Outsider-Problemen.

Diejenigen

profitieren, die auch bei höheren

Löhnen ihren Arbeitsplatz

behalten. Sie profitieren aber nur,

weil andere Niedrigqualifizierte

ihren Job verlieren. Denn ein Mindestlohn

wirkt nur, wenn dadurch

das Angebot an einfacher Arbeit

verknappt wird, sodass die Wertschätzung

für das verbliebene

Arbeitsvolumen steigt. Meist wird

dann der Ruf nach staatlichen Beschäftigungsprogrammen

laut –

so kommt auch hier eine Interventionsspirale

in Gang. Macht

statt Markt, Willkür statt Wettbewerb

– darauf läuft die Politik

des Interventionismus hinaus.

Wirtschafts- und Sozialpolitik

mit dem Anspruch, das Leben

der Menschen im Allgemeinen

zu verbessern, sieht anders aus.

Sozialpolitische Ziele lassen sich

nicht mit Eingriffen in das Preissystem

erreichen.

UNTAUGLICHE IDEEN

Die Wirtschaftsforschung steht

in der Verantwortung, die

Öffentlichkeit über die Folgen

einer gegen die Marktmechanismen

gerichteten Politik aufzuklären.

Genau hier liegt das

zentrale Problem von staatlichen

Preismanipulationen: Ein

untaugliches Instrument kann

man nicht optimal dosieren. Im

Strudel des Interventionismus

gehen solche Einsichten indes

regelmäßig unter. Selbst Ökonomen

werden zuweilen von dieser

Welle erfasst, und mancher

erweckt den Eindruck, das jeweils

„richtige“ Marktergebnis

ausrechnen zu können.

Bislang aber sind alle Zentralverwaltungswirtschaften

ausnahmslos

gescheitert. Und das

lag nicht am Mangel an Wissenschaftlern

in der zentralen

Planbehörde, sondern am nicht

zentralisierbaren Wissen über

den effizienten Ressourceneinsatz

in einer arbeitsteiligen

Wirtschaft.

Stefan Koohts ist Ökonom am

Institut für Weltwirtschaft in

Kiel und dort ab November

neuer Konjunkturchef.

Maik Wolters ist Junior-

Professor für Makroökonomik

in Kiel.

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 35

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Unternehmen&Märkte

Bye-bye,

Germany

STANDORT DEUTSCHLAND | Das aktuelle Jobwunder kann

nicht verdecken, dass die Unternehmen stetig Produktion,

Forschung und Entwicklung ins Ausland verlagern.

Der Trend wird durch die Politik sogar noch forciert.

Lisa Davis könnte es hier richtig

schön haben. Von ihrem neuen

Büro im vierten Stock des Siemens-Gebäudes

im Nordosten

von Orlando hätte die designierte

Chefin der Siemens-Energiesparte einen

einzigartigen Blick über die Seenlandschaft

von Zentralflorida. Wenn denn klar

wäre, von wo aus in den USA sie ihren neuen

Bereich tatsächlich führen soll. Im Mai

noch kündigte Vorstandschef Joe Kaeser

an, Davis werde ihren Sitz in Orlando haben,

wenig später sollte es Houston in Texas

sein, weil dort das Herz der US-Öl- und

Gasindustrie liegt, die Davis als neue Siemens-Kunden

gewinnen soll.

Wie auch immer die Entscheidung ausfällt,

die Mission der 50-jährigen Ex-Managerin

des Mineralölmultis Shell steht fest.

Die Energieexpertin soll die Siemens-Kernsparte

amerikanisieren, um den US-Markt zu

erobern. Nach der verlorenen Bieterschlacht

um den französischen Alstom-

Konzern gegen General Electric (GE) ist der

Marsch der Turbinenbauer raus aus dem

schwächelnden Europa, rein in das boomende

US-Energiegeschäft Teil der künftigen

Strategie Kaesers gegen den US-Rivalen.

Schon heute arbeiten über 50 000 der

360 000 Siemensianer in den USA, in Zukunft

werden es deutlich mehr werden. Vor

allem die Produktion großer Kraftwerksteile

dürfte wegen der hohen Transportkosten

von Standorten wie Berlin langsam,

aber sicher über den Atlantik wandern.

Der Umzug der Siemens-Traditionssparte

samt Führung ins Ausland wirkt wie ein

Menetekel für die Zukunft des Industriestandorts

Deutschland. Zwar steuert etwa

die Metall- und Elektroindustrie hierzulan-

de auf einen Beschäftigungsrekord zu: Im

April waren gut 3,7 Millionen Arbeitnehmer

in den Betrieben angestellt, 40 000

mehr als im Jahr zuvor.

Doch solche positiven Nachrichten können

nicht verdecken, dass der Trend generell

in die andere Richtung geht – über die

Grenze, weg aus Deutschland. Nicht nur

Konzerne, auch mittelständische Unternehmen

verlagern Aktivitäten ins Ausland:

entweder weil die Löhne oder Strom- und

Gaspreise dort deutlich niedriger sind, weil

neue Absatzmärkte vor der Haustür liegen,

weil Kunden bereits vor Ort sind oder weil

Wechselkursrisiken und Zollschranken eine

Verlagerung der Produktion erzwingen.

n Die Auslandsinvestitionen deutscher

Unternehmen erreichten 2012 insgesamt

knapp 1,2 Billionen Euro – ein Plus von 70

Prozent gegenüber 2001.

n Vor allem die Dax-Konzerne beschäftigen

immer mehr Mitarbeiter im Ausland

als in Deutschland: der Sportartikelproduzent

Adidas rund 90 Prozent.

n Auch die Umsätze entstehen verstärkt im

Ausland: Über 90 Prozent sind es etwa

beim Industriegasespezialisten Linde.

n Nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts

für System- und Innovationsforschung

in Karlsruhe liegen 21 Prozent aller

Kapazitäten deutscher Unternehmen mittlerweile

im Ausland.

Vorreiter dieses langsamen, aber stetigen

Exodus waren lohnkostenintensive

Branchen wie die Textil- oder die Spielzeugindustrie.

Der Sportartikelhersteller

Adidas etwa gehört zu diesen sogenannten

Early-Movern, die sich schon früh aus

Deutschland absetzten. In Scheinfeld, einem

5000-Einwohner-Dorf in Franken,

»

SIEMENS

Die Energiesparte des

deutschen Traditionskonzerns

wird komplett,

einschließlich Führung,

vom Stammsitz in München

in die USA verlagert.

Präsident Barack Obama

bestaunte bereits die

Windradproduktion der

Bayern in Fort Madison im

US-Bundesstaat Iowa.

36 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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1200

1100

1000

900

800

700

600

500

400

300

200

70 Prozent mehr

Deutsche Direktinvestitionen im Ausland

(in Milliarden Euro)*

2001 2006 2012

Japan

Russland

Brasilien

China

Großbritannien

USA/Kanada

übriges Europa**

*inklusive Finanztransaktionen, ohne Berücksichtigung von Wechselkursveränderungen, ** ohne Großbritannien; Quelle: Deutsche Bundesbank

Gesamt

100

0

FOTO: KEVIN SANDERS/AP IMAGES FOR SIEMENS, INC.

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 37

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Unternehmen&Märkte

»

unterhält der Dax-Konzern seine letzte

deutsche und zugleich letzte eigene Fabrik.

Europas größter Sportkonzern produziert

hier jedes Jahr einige Hunderttausend

Fußballschuhe – ein Klacks im Vergleich zu

den fast 260 Millionen Paar Schuhen, die

der Drei-Streifen-Konzern in Asien bei

Lohnproduzenten nähen und kleben lässt.

„Kostenvorteile waren in der Vergangenheit

oft der ausschlaggebende Grund dafür,

dass deutsche Unternehmen Teile ihrer

Produktion ins Ausland verlagern“, sagt

Oliver Knapp, Partner der Strategieberatung

Roland Berger und Experte für Operations-Themen.

„In der zweiten Phase geht

es vor allem darum, lokale Wertschöpfungsketten

aufzubauen, um mit eigenen

Produkten oder Dienstleistungen näher

am Kunden zu sein.“

Doch die immanent betriebswirtschaftliche

Logik ist nur ein Grund, der deutsche

Unternehmen vertreibt. Denn politische

Entscheidungen beschleunigen solche

Entwicklungen. „Die Politik setzt die Rahmenbedingungen“,

sagt Berger-Berater

Knapp, „wenn die nicht passen, wächst bei

den Unternehmen die Bereitschaft, ihre

Produktion ins Ausland zu verlagern.“

FLUCHT VOR DER POLITIK

Die jüngsten Beschlüsse der Großen Koalition

zur Einführung flächendeckender

Mindestlöhne etwa könnten die Deutschland-Flucht

befeuern: „Wenn der Mindestlohn

zu schnell steigt, werden Unternehmen,

denen schon kleine Kostensteigerungen

die Marge wegnehmen, neue Standorte

suchen“, warnt Jacques van den Broek,

Chef des Zeitarbeitsvermittlers Randstad.

Bei der Energiepolitik ist es ähnlich. „Für

Unternehmen mit einem hohen Energiekostenanteil

könnte die Energiewende einen

größeren Einfluss auf künftige Standortentscheidungen

haben als bei anderen

Branchen“, prophezeit Berater Knapp.

Beim größten deutschen Stromkonzern

E.On ist die Flucht aus Deutschland bereits

Programm. E.On-Chef Johannes Teyssen

hat durch das politisch verordnete Atomstrom-Aus

eine sichere Einnahmequelle

verloren. „Wir werden in Schwellenländern

investieren“, kündigte Teyssen an.

E.On trennt sich peu à peu von beträchtlichen

Vermögenswerten in Deutschland:

Die Stadtwerkegruppe Thüga, mehrere Regionalversorger

und ein Fünftel der Kraftwerkskapazität

wurden bereits verkauft.

Im Gegenzug stecken die Rheinländer

ihre Milliarden in auswärtige Anlagen und

Arbeitsplätze. Ein 50-prozentiges Gemeinschaftsunternehmen

mit der türkischen

Industriellenfamilie Sabanci etwa soll deren

rasante Expansionsstrategie am Bosporus

stärken. Indirekt hat E.On dadurch

schon heute neun Millionen Kunden in der

Türkei – 50 Prozent mehr als zu Hause.

Investiert wird auch in Großbritannien:

2013 nahm E.On zusammen mit dem dänischen

Partner Dong und Masdar aus Abu

Dhabi in der Themse-Mündung den größten

Offshore-Park der Welt in Betrieb. In

Brasilien hat Teyssen ebenfalls große Pläne,

musste aber erst einmal Lehrgeld zahlen.

Das gemeinsam mit dem Deutsch-

Brasilianer Eike Batista gegründete Energieunternehmen

Eneva wurde zum Millionengrab,

weil dessen Unternehmenskonglomerat

2012 in die Pleite schlidderte.

In Grenznähe geben die hohen deutschen

Strompreise besonders schnell den

Ausschlag, die Produktion anderswo zu er-

Schleichender Abschied

Anteil der Auslandsinvestitionen an den Gesamtinvestitionen

(in Prozent; Veränderung

zu 2001 in Prozentpunkten)*

E.On

BASF

Lanxess

K+S

Bayer

ThyssenKrupp

RWE

+29

+5

(*)

+60

+10

+5

(*)

* keine Angaben; Quelle: HRI, eigene Recherchen

2013 2001

82

77

66

60

59

45

45

weitern. Der mittelständische Gasehersteller

Basi Schöberl aus Rastatt in Baden-

Württemberg etwa verlagerte wegen der

niedrigeren Strompreise schon vor 20 Jahren

Teile der Produktion nach Frankreich.

Mittlerweile stößt das Werk in der Nähe

von Straßburg an seine Kapazitätsgrenze.

Zwar würde es logistisch für das Unternehmen

viel mehr Sinn ergeben, in Deutschland

aufzustocken. Doch Energiewende

und steigende Strompreise schrecken den

Mittelständler ab. „Wir werden eher in

Frankreich einen niedrigen zweistelligen

Millionenbetrag investieren als in

Deutschland einen hohen zweistelligen“,

sagt Basi-Schöberl-Chef Ingo Nawrath.

Der größte Teil der deutschen Direktinvestitionen

fließt in die USA. Nicht nur wegen

des riesigen Heimatmarktes ist das

Land attraktiv. Mindestens ebenso wichtig

ist die amerikanische Energiepolitik. Anders

als in Deutschland soll der sinkende

Anteil der Atom- und Kohlekraftwerke an

der Stromproduktion nicht nur durch erneuerbare

Energien kompensiert werden,

sondern auch durch steigende Erdgasförderung

und das sogenannte Fracking. Dabei

wird ein Chemikalien-Cocktail in den

Boden gepresst, um Öl oder Gas zu fördern,

was in Deutschland umstritten ist.

Den Vorteil spüren vor allem Unternehmen

mit hohem Energiebedarf in ihren Kassen:

Fracking-Erdgas ist um rund zwei Drittel

billiger als herkömmliches Erdgas. Die

USA könnten damit der Standort mit den

niedrigsten Energiepreisen weltweit werden.

Nach Einschätzung des World Energy

Council werden allein dadurch in den kommenden

zwei Jahrzehnten „geschätzte 50

Milliarden Dollar Kapital von Europa in die

USA fließen“, das entspreche zwei bis drei

Millionen Arbeitsplätzen.

Siemens will mit seinen Turbinen gleich

doppelt vom Fracking profitieren: in der Produktion

durch niedrige Energiekosten und

beim Absatz durch die steigende Nachfrage

nach Gasturbinen für neue Kraftwerke.

Schon heute ist Siemens in den USA hinter

GE die Nummer zwei im Turbinengeschäft.

Auf längere Sicht soll sich der Umsatz von

400 auf 800 Millionen Dollar verdoppeln.

Dagegen sind die Absatzchancen in

Deutschland eher mau: Weil wegen der

Energiewende vorrangig Ökostrom ins Netz

gespeist wird, bleiben die Gaskraftwerke

meist kalt.

EXPORT AUS DEM AUSLAND

Die Energiepreise sind auch für BASF der

Hauptgrund, die Produktion zu verlagern:

„In den nächsten fünf Jahren wird der Anteil

Deutschlands an den weltweiten Investitionen

von einem Drittel auf nur noch ein

Viertel sinken“, prognostiziert BASF-Chef

Kurt Bock und warnt vor einem „schleichenden

Auszehrungsprozess“. Neue Anlagen

und Projekte plant der weltgrößte Chemiekonzern

vor allem in den USA. An der

Golfküste soll für mehr als eine Milliarde

Euro ein Werk zur Herstellung von Propylen

entstehen. Ein neues Ammoniak-Werk

zur Düngemittelproduktion ist am bestehenden

BASF-Standort in Freeport im

Bundesstaat Texas geplant. „Bei der Produktion

würden wir von den niedrigeren

Gaspreisen profitieren und unsere Kostenposition

deutlich verbessern“, sagt Bock.

Und auch das Joint Venture des bayrischen

Autobauers BMW mit SGL Carbon

existiert und wächst in den USA, weil dort

die Energie so billig geworden ist. Die Kohlefasern

des Unternehmens ersetzen im

»

38 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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DEUTSCHE POST

Der Logistikriese mit

seiner Marke DHL hat den

Auslandsumsatz seit

2001 mehr als verdoppelt

Mehr Mitarbeiter und mehr Einnahmen im Ausland

Auslandsanteil von Umsatz und Beschäftigten ausgewählter Dax-Konzerne 2013

(in Prozent, Veränderung zu 2001 in Prozentpunkten)*

Beschäftigte

Umsatz

2013 2001

Fresenius Medical Care

+2

95

+1

97

Adidas

+5

90

+5

95

HeidelbergCement

+4

82

+11

92

Linde

+28

88

+17

92

Bayer

–15

69

+3

88

Merck

–1

71

–2

86

Siemens

+18

67

+8

86

Henkel

+8

83

+9

86

SAP

+17

74

+5

85

BMW

+3

28

+12

85

K+S

+24

30

+10

84

Daimler

–10

39

–2

83

BASF

+8

53

+3

81

Volkswagen

+7

55

+9

81

Lanxess

(**)

53

(**)

81

Beiersdorf

+1

66

+7

79

Infineon

+18

68

+10

79

Fresenius

–12

70

–11

78

Continental

+28

71

+5

76

Lufthansa

+7

43

+31

71

ThyssenKrupp

+17

63

+36

69

FOTO: VARIO-PRESS/AXEL KRAUS

Deutsche Post +45

65

+42

Deutsche Telekom +18

49

+38

E.On +22

62

+18

RWE –1

41

+3

* ohne Finanzdienstleister und Versicherungen, Werte gerundet und teilweise geschätzt, ** Gründung 2004; Quelle: HRI, eigene Recherchen

45

69

65

61

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 39

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Unternehmen&Märkte

Die Auslands-AG

Anteil ausländischer Aktionäre an Dax-Unternehmen 2013

(in Prozent, Veränderung zu 2005 in Prozentpunkten)*

Deutsche Börse

Linde

Adidas

Munich Re

Bayer

Allianz

Daimler

Merck

E.On

Lanxess

Infineon

Deutsche Post

HeidelbergCement

RWE

Siemens

–10

+45

+3

+19

+33

+55

+15

+21

+14

+17

k.A.

+38

k.A.

+65

–3

84

80

74

74

72

71

68

66

59

58

57

56

54

54

54

Commerzbank

Deutsche Bank

Fresenius Med. Care

*ohne Beiersdorf, da keine Angaben; bei Merck nur das in Aktien eingeteilte Grundkapital, nicht der von der E.Merck KG

gehaltene Anteil von 70 Prozent am Gesamtkapital; Quelle: EY

»

Karosseriebau zunehmend Stahl, sind

aber besonders energieaufwendig in der

Herstellung. Die neue Carbonfaser-Fabrik

steht deshalb nicht in Deutschland, sondern

in Moses Lake im US-Bundesstaat

Washington. Strom zum Schleuderpreis

liefert ein Wasserkraftwerk. Investiert werden

rund 300 Millionen Dollar.

Die Carbon-Fabrik ist nicht das einzige

BMW-Investment in den USA. 800 weitere

neue Arbeitsplätze entstehen in Spartanburg

im US-Bundesstaat South Carolina.

Die Münchner wollen ihre Fabrik schrittweise

zum größten Werk des Konzerns

ausbauen. Bis 2016 wird eine Milliarde

Dollar investiert, die Produktionskapazität

soll um 50 Prozent auf 450 000 Autos pro

Jahr aufgestockt werden. 8800 Mitarbeiter

montieren dort fünf verschiedene Geländewagenmodelle

– nicht nur für den US-

Markt, 75 Prozent gehen in den Export.

SAP

BASF

Fresenius SE

K+S

Deutsche Telekom

Volkswagen

ThyssenKrupp

Continental

Lufthansa

BMW

Henkel

Gesamt

BAYER

Der Leverkusener

Chemiekonzern hat

seine ausländischen

Aktionäre

fast verdoppelt

±0

+2

–5

+9

–6

+22

k.A.

+9

+9

+13

k.A.

+17

k.A.

k.A.

+13

2013 2005

52

50

50

49

49

47

47

46

40

38

38

38

31

25

58

Sind die Kostenvorteile ausgereizt, gewinnen

andere Motive für Standortverlagerungen

die Oberhand. „Ob sich Unternehmen

zum Schritt über die Grenze entschließen,

ist mehr vom Globalisierungsgrad

der Branche abhängig“, sagt Berger-

Berater Knapp.

Auch Mittelständler stellen sich dem

Trend zunehmend. Von 93 Entwicklungsprojekten

weltweit hat etwa der Automobilzulieferer

Webasto aus Stockdorf bei

München 36 nach China ausgelagert. Im

November eröffnete das Familienunternehmen

ein neues Werk in Chongqing, investiert

wurden 6,4 Millionen Euro. Bis

2016 sollen hier 180 Mitarbeiter jährlich

700 000 Autodächer produzieren.

Bei solchen Investments spielen niedrigere

Lohnkosten im Reich der Mitte längst

nicht mehr die Hauptrolle. In einer Umfrage

der Auslandshandelskammer in China

nannte nur ein Drittel der befragten 417

deutschen Unternehmen Kostenersparnisse

als Grund für ihr Engagement in China.

Wichtiger sind Kundennähe und die Erschließung

des gewaltigen chinesischen

Marktes.

Trotz der jüngsten Abkühlung ist die

Wirtschaftskraft der Volksrepublik immer

noch von hoher Dynamik geprägt: Vor allem

Konsumgüterhersteller wollen von der

heranwachsenden kauflustigen Mittelschicht

profitieren. Schon jetzt ist die chinesische

Mittelschicht größer als die gesamte

US-Bevölkerung mit ihren rund 315

Millionen Menschen. Für Webasto ist China

inzwischen mit 31 Prozent der größte

Einzelmarkt, der Umsatz stieg von 250 Millionen

Euro 2009 auf heute 500 Millionen.

Hergestellt werden vor Ort speziell für den

chinesischen Markt entwickelte Produkte.

UMGEHUNG VON ZÖLLEN

Auch für VW ist China der wichtigste

Markt, allein im Mai verkaufte der Konzern

mit seinen Joint Ventures 320 000 Fahrzeuge

in China, 23 Prozent mehr als im Vorjahresmonat.

„Die Automobilbranche ist der

Hauptwachstumstreiber für deutsche Unternehmen“,

sagt Christoph Angerbauer

von der Auslandshandelskammer in

Shanghai. Die Investitionspolitik des Konzerns

folgt der Nachfrage: 2013 wurde ein

neues Audi-Werk in Foshan im boomenden

Perlfluss-Delta mit einer Kapazität von

300 000 Fahrzeugen pro Jahr angefahren.

China ist die wichtigste Wachstumslokomotive

für deutsche Unternehmen im Ausland.

Henkel etwa ist seit 25 Jahren dort aktiv.

Im Herbst zündete Vorstandschef Kasper

Rorsted die nächste Wachstumsstufe

für den Düsseldorfer Waschmittel-, Klebstoff-

und Kosmetikhersteller – in Shanghai.

In einer gigantischen Fabrik für rund

50 Millionen Euro produziert der Weltmarktführer

künftig rund 430 000 Tonnen

Klebstoff pro Jahr vor allem für dortige Industriekunden

wie den weltgrößten PC-

Hersteller Lenovo, den Elektronikriesen

Foxconn, VW, BMW oder Adidas.

Die Erschließung neuer Märkte ist auch

für den Düsseldorfer Rheinmetall-Konzern

der wichtigste Grund, neue Produktionskapazitäten

außerhalb Deutschlands aufzubauen.

„Internationalisierung ist mit die

wichtigste Säule auf dem Weg zu einem

profitablen Wachstum“, sagt Vorstandschef

Armin Papperger, „in unseren beiden Feldern

Rüstung und Auto findet das Wachstum

nicht mehr in Europa statt.“ Mit einem

Umbauprogramm will er den Umsatz im

FOTO: PR

40 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Rest der Welt von heute rund einem Drittel

auf mehr als 40 Prozent steigern.

Selbst der deutsch-französische Flugzeugbauer

Airbus plant die Ausweitung

von Kapazitäten im Ausland. Rund 80 Prozent

aller Bestellungen stammen von Fluglinien

außerhalb Europas. Doch im einzigen

Werk außerhalb der Heimatländer

Deutschland und Frankreich, im chinesischen

Tjianjin, liefen 2013 gerade mal 46

von 626 ausgelieferten Jets vom Band. Das

soll sich ändern. 2015 wird in Mobile im

US-Bundesstaat Alabama eine neue Montagelinie

mit einer Kapazität von bis zu 100

Maschinen im Jahr anlaufen.

Das neue Werk ist auch eine Absicherung

gegen Dollar-Kurs-Schwankungen:

Zwar kauft Airbus Teile der Elektronik oder

Triebwerke in den USA, dennoch nimmt

der Konzern deutlich mehr in Dollar ein,

als er ausgibt. Sinkt der Dollar-Kurs im Vergleich

zum Euro um einen Cent, drückt das

den Gewinn um etwa 100 Millionen Euro.

Ebenso geht es deutschen Konzernen in

Brasilien nicht nur um die wachsenden

Märkte Südamerikas. Die Präsenz am

Amazonas hilft auch, die hohen Importzölle

auf viele Güter zu vermeiden. BMW, Au-

Beherrscht von Black Rock

Die wichtigsten institutionellen Anleger,

die Aktien von Dax-Unternehmen besitzen

( 2013; 2012 in Milliarden Dollar,

xx Veränderung in Milliarden Dollar)

Black Rock*

(USA)

Norges Bank Investment

(Norwegen)

Deka Bank Investment

(Deutschland)

Luxor Asset Management

(Frankreich)

The VanguardGroup

(USA)

+3,0

+1,1

–1,9

+1,1

+2,3

16,1

15,1

14,5

*einschließlich Black Rock Assetmanagement

(Deutschland) AG und Black Rock Advisors (UK) LTD.;

Quelle: Ipreo

29,2

58,5

di und Daimler lassen derzeit neue Werke

für ihre Premiummodelle bauen. Die Zulieferer

ziehen nach: Der Reifenhersteller

Continental errichtet für 200 Millionen

Dollar eine neue Lkw-Reifenfabrik in Camaçari

im Nordosten Brasiliens.

Eher einem Zufall verdankt Hans-Christian

Sanders die Expansion im Ausland.

Der Chef des Bettdeckenherstellers Gebr.

Sanders aus Bramsche bei Osnabrück fertigt

seit 1992 in der Ukraine, weil ihm

Deutschland zu teuer wurde. „Das mussten

wir tun, um den Asiaten mit ihrem

Lohnkostenvorteil eine Alternative entgegenzustellen“,

sagt Sanders. Inzwischen arbeiten

600 Beschäftigte im äußersten Südwesten

des Landes, nur wenige Kilometer

entfernt von der Grenze zu Ungarn.

Nun sind die niedrigen Lohnkosten für

Sanders allenfalls noch ein Vehikel, um die

Produktion fern der Heimat auszubauen.

Grund ist der Entschluss von Ikea, Produktionsstätten

näher an den Absatzmärkten

haben zu wollen: für Asiaten in Asien und

für Europäer in Europa. Sanders bekam

den Zuschlag und fuhr eine zweite Fertigungslinie

in der Ukraine hoch. Bis 2018

will er seinen Umsatz gegenüber 2013 auf

90 Millionen Euro verdoppeln. n

hans-juergen.klesse@wiwo.de, alexander busch | São Paulo,

mario brück, mark fehr | Frankfurt, rüdiger kiani-kress,

michael kroker, philipp mattheis | Shanghai, matthias kamp

| München, jürgen salz, martin seiwert | New York, harald

schumacher, peter steinkirchner, andreas wildhagen

Lesen Sie weiter auf Seite 42 »

RÜCKKEHRER

Einer von vieren

kommt wieder

Warum deutsche Unternehmen

Produktion heimholen.

Motorsägen, Kuscheltiere und Kochlöffel

haben eines gemeinsam: Sie lassen sich

besser in Deutschland herstellen als in

Übersee. Zu diesem Ergebnis sind zumindest

der Werkzeughersteller Stihl, der

Spielzeugfabrikant Steiff und der Küchenutensilien-Produzent

Fackelmann gekommen

und haben die Produktion oder Teile

davon wieder nach Hause geholt.

Die drei sind nicht die Einzigen, die mit

ihren Fließbändern an hiesige Standorte

zurückgekehrt sind. „Auf jeden vierten Verlagerer

kommt mittlerweile ein Rückverlagerer“,

sagt Steffen Kinkel, Professor und

Experte für internationales Management

an der Hochschule Karlsruhe. Alle drei Jahre

befragt der Wissenschaftler in Zusammenarbeit

mit dem Fraunhofer-Institut für

System- und Innovationsforschung deutsche

Unternehmen zur Organisation ihrer

Produktion. Nach der neuesten Erhebung

haben von 2010 bis Mitte 2012 acht Prozent

von knapp 1600 erfassten deutschen Industriebetrieben

Teile ihrer Produktion ins Ausland

verlagert, während im gleichen Zeitraum

zwei Prozent diese Entscheidung ganz

oder teilweise zurückgenommen haben und

nun wieder in der Heimat produzieren.

Die Motive sind unterschiedlich, die drei

Hauptgründe sind Währungsschwankungen,

Qualitätsmängel im Ausland oder steigende

Löhne in früheren Billiglohnländern.

Der Motorsägenhersteller Stihl mit Hauptsitz

in Waiblingen bei Stuttgart und 2,8 Milliarden

Euro Umsatz etwa zog 2010 Teile

seiner Produktion aus Brasilien zurück. Der

Wechselkurs der Landeswährung Real war

damals stark gestiegen und hatte die Löhne

der lokalen Mitarbeiter sowie den Preis der

dort hergestellten Kettensägen in die Höhe

getrieben. Die Belegschaft am deutschen

Stammsitz freute sich über zusätzliche Aufträge

von 50 000 Geräten jährlich.

STEIGENDE LÖHNE IN CHINA

Jedoch bedeutete die spektakuläre Rückholaktion

keinen Totalrückzug aus dem

Ausland. Denn das Währungsproblem betraf

nur die für die internationalen Märkte

bestimmte Produktion aus Brasilien. Für

die mit lokalen Zulieferteilen speziell für

den regionalen Markt gefertigten Sägen

spielen die internationalen Wechselkurse

keine Rolle. Die Produktion von Stihl in

Brasilien mit insgesamt 2000 Mitarbeitern

läuft daher weiter.

Der Kuscheltierhersteller Steiff aus

Giengen an der Brenz bei Ulm dagegen

machte 2010 die Produktion in China

dicht, weil Qualität und Termintreue zu

wünschen übrig ließen. Das biss sich mit

dem Image der Marke mit dem Knopf im

Ohr, die vom Vertrauen der Kunden in die

Sicherheit und Sauberkeit der vor allem

für Kinder gedachten Produkte lebt. Zudem

waren die chinesischen Fabriken

nicht flexibel genug, um vor Weihnachten

die Fertigungsmenge zu erhöhen.

Bei Fackelmann schließlich führten

steigende Löhne in China zur Revision der

Standortentscheidung. Das Familienunternehmen

mit 3500 Mitarbeitern und

329 Millionen Euro Umsatz schaffte zudem

produktivere Maschinen in der Heimat

an. Kochlöffel, Pfannenwender oder

Abflusssiebe laufen seitdem wieder in

Hersbruck nahe Nürnberg vom Band.

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 41

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Unternehmen&Märkte

START-UPS

If I can make it there...

SILICON ALLEY | Vier erfolgreiche deutsche Gründer in New York.

Das beste Sprungbrett für Start-ups mit

globalen Ambitionen sind die Vereinigten

Staaten. Nirgendwo sonst kommen Gründer

so leicht an Kapital, nirgendwo steht ihnen

ein so großer entwickelter und homogener

Markt offen, nirgendwo finden sich

so viele Internet- und High-Tech-Experten.

Das haben auch deutsche Gründer erkannt.

Sie zieht es immer öfter in die USA

– nicht nur in die IT-Hochburg Silicon Valley

an der Westküste, sondern auch in die

zweite große Gründergemeinde des Landes:

die Silicon Alley, eine Ansammlung

von High-Tech-Start-ups in den New Yorker

Stadtteilen Manhattan und Brooklyn.

Vier deutsche Start-ups, die es mit dem

früheren US-Sänger Frank Sinatra halten

(„If I can make it there, I’ll make it

anywhere“) und nach New York gingen:

INTRAWORLDS: Schon während des

Studiums bastelten Jens Bender,

Stephan Herrlich, Martin Heibel und

Benjamin Elixmann an studentischen

Netzwerken. Inzwischen ist daraus eine

Geschäftsidee geworden: Intraworlds

hilft Unternehmen beim Aufbau sogenannter

Talent Communities. Brauchen sie

neue Mitarbeiter, werden sie hier fündig.

50 Beschäftigte hat das Start-up in dem

35-geschossigen Hochhaus in der Broad

Street bereits, zu den Kunden zählen der

Autobauer BMW, der Zulieferer Bosch und

die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG.

Nun wollen die Münchner durchstarten.

Seit Anfang des Jahres ist Mitgründer

Herrlich in New York, um eine Marketingabteilung

aufzubauen: „Die Menschen

hier sind offener für Internet-Geschäftsmodelle,

ein stabiles Kundennetzwerk

aufzubauen funktioniert hier viel schneller

als anderswo.“

KOLLABORA:

Nora Abousteit ist

eine passionierte

Selbstmacherin –

so wie ihre Kunden.

Ihr 2012 gegründetes

Start-up richtet

sich an das „Maker

Movement“, formuliert

sie: An Menschen

zwischen 20

und 40, die Spaß

daran haben, Kleidung und Schmuck selber

herzustellen.

Die Online-Plattform Kollabora leistet dabei

Hilfestellung. Dank der Unterstützung befreundeter

Blogger erreicht die Internet-Seite

nach eineinhalb Jahren bereits eine Million

Hobby-Designer. Nicht nur Informationen für

Do-it-yourself-Modemacher werden hier ausgetauscht,

Kollabora ist auch eine Handelsplattform

und schafft direkte Kontakte zwischen

Verkäufer und potenziellen Käufern.

„Wir machen das effizienter und bringen

Leute zusammen, die sonst nie zusammengekommen

wären“, sagt Abousteit. Die

Gründerin war vor sieben Jahren von München

nach New York gekommen und lebt

heute im New Yorker Stadtteil West Village,

weniger als zehn Minuten von ihrem Büro in

Soho entfernt. Fünf Mitarbeiter unterstützen

sie. Was sie in New York erreicht hat, hätte

sie „in Deutschland nicht so einfach schaffen

können“, sagt Abousteit. Trotzdem plant sie

eine Expansion in die Heimat.

KITCHENSUR-

FING: Borahm Cho

aus Hamburg hat in

New York eines der

erfolgreichsten

Gastronomie-Startups

entwickelt.

Zunächst ohne

konkrete Idee kaufte

er die Internet-

Adresse kitchensurfing.com.

„Mir gefiel der Name, und ich

war überzeugt, dass man daraus etwas

machen kann.“ In New York lernte er den

späteren Mitgründer von Kitchensurfing,

Chris Muscarella, kennen. Die zwei ärgerte,

wie schlecht Köche in New York

bezahlt werden. Meist verdienen sie

weniger als zehn Dollar pro Stunde, rund

40 000 Dollar pro Jahr. Da reifte bei den

beiden die Idee für ein neues Beschäftigungsmodell:

Kitchensurfing vermittelt

Köche für einen Abend an private

Haushalte.

Die Köche arbeiten als Freelancer, einige

verdienen mit Kitchensurfing inzwischen

bis zu 100 000 Dollar pro Jahr. Im

vergangenen Jahr wurden rund 65 000

Gäste bekocht. „Wir glauben, dass jedes

Heim zum Ad-hoc-Restaurant werden

kann“, sagt Cho. Noch in diesem Jahr will

das Start-up in weitere amerikanische

Städte wie Seattle expandieren, danach

will Cho seine europäische Heimat stärker

ins Visier nehmen.

WYWY: Second Screen heißt die vielleicht

größte Bedrohung für die Fernsehwerbung:

Zuschauer haben nicht nur das

TV-Gerät im Blick, sondern nutzen – vor

allem wenn Werbung läuft – auch das

Smartphone oder den Tablet-PC als zweiten

Bildschirm (Second Screen). Die Aufmerksamkeit

für Fernsehwerbung sinkt in

diesen Situationen um bis zu 50 Prozent,

haben Medienforscher festgestellt.

Andreas Schroeter und Tobias Schmidt

haben daraus eine Geschäftsidee gemacht:

Das Start-up Wywy verspricht

den Unternehmen eine „automatische

Erkennung und Synchronisation von TVund

Online-Werbung auf mobilen Endgeräten“.

Das Start-up, das derzeit einen Firmensitz

in Manhattan sucht, will nach

Deutschland, Großbritannien und Israel

nun auch den US-Markt erobern. Aktuell

beschäftigt Wywy 25 Mitarbeiter, doch

für Schroeter gilt – ganz amerikanisch –

„the sky is the limit“. Sein Motto: „Je

größer, desto besser.“

n

unternehmen@wiwo.de, svenja bembenek | New York

FOTOS: PÄIVI KANKARO , MICHAEL DONATH/ALLGEMEINE SÜDBODEN GRUNDBESITZ AG, PR (2)

42 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Die Tortenschlachter

COPPENRATH & WIESE | Warum die Erben des hochprofitablen

Tiefkühltortenherstellers das Familienunternehmen verkaufen.

Salsa-Quark von Milram, WM-Kartoffelsalat

von Homann, Würstchen in

Schwarz-Rot-Gold von Eberswalder

oder Salsa-de-Brasil-Chips von Chipsfrisch

– die Fußballweltmeisterschaft in

Brasilien kurbelt den Absatz in deutschen

Supermarktketten an. Produkte mit einem

WM-Bezug gehen weg wie warme Semmeln.

Nur eben die Semmeln nicht.

Denn die Tiefkühltruhen bei Kaufland in

Düsseldorf, in denen eigentlich die Brötchen

im Fußball-Design von Coppenrath &

Wiese liegen sollten, sind am Samstagvormittag

schon so leer wie Bierkästen nach

dem grandiosen Auftaktsieg von Jogis Jungs

gegen Portugal. Die gleiche Tristesse bietet

sich nebenan. Weizenbrötchen: leer. Mehrkornbrötchen:

leer. Baguettebrötchen: leer.

Ganze drei Tüten mit Dinkelbrötchen finden

sich in den mehrere Meter langen Truhen,

die für Coppenrath & Wiese reserviert sind.

Das Familienunternehmen aus Osnabrück

hat allerdings keinen

WM-bedingten Lieferengpass,

es hat ein grundlegendes

Problem. Seit mehr als einem

Jahr liegt den beiden

familienfremden

Geschäftsführern ein

Investitionsplan vor,

der jedoch von den

Gesellschaftern

noch nicht bewilligt

ist. Darin aufgelistet

sind wichtige Projekte

zur Ausweitung der

Kapazitäten, insbesondere

bei den boomenden

Tiefkühlbrötchen. Zudem

halten sich seit Monaten hartnäckig

Gerüchte, Coppenrath &

Wiese stehe zum Verkauf.

Jetzt herrscht Klarheit: Die Erben des

verstorbenen Mitgründers und Inhabers

Aloys Coppenrath trennen sich, kaum anderthalb

Jahre nach dessen Tod, von ihrem

kerngesunden Unternehmen. Das beschloss

die Gesellschafterversammlung

am Dienstagabend vergangener Woche in

der Hauptverwaltung in Osnabrück. Am

Mittwochmorgen wurden die rund 2200

Mitarbeiter informiert. Letztlich waren die

»Das Unternehmen ist

zwar kerngesund, aber

es müssten rund

50 bis 100 Millionen

Euro investiert werden«

Ein Lieferant von Coppenrath & Wiese

Scheu der Erben vor finanziellen Risiken

sowie die familieninternen Unstimmigkeiten

größer als die Familienbande und die

Loyalität zur Lebensleistung des Vaters

und den Mitarbeitern.

Der Verkauf soll nun schnell über die

Bühne gehen. Es werde nur mit einem kleinen

Kreis möglicher Käufer verhandelt,

teilt das Unternehmen mit. Als wahrscheinlichster

Investor gilt der Schweizer

Nestlé-Konzern, mit dem es nach Informationen

der WirtschaftsWoche schon Gespräche

gegeben hat. Ein Nestlé-Sprecher

wollte dies nicht kommentieren.

Zweiter Kandidat dürfte die Oetker-

Gruppe aus der Nachbarstadt Bielefeld

sein. Sie soll schon in Osnabrück angefragt

haben, Gespräche hätten jedoch noch

nicht stattgefunden, heißt es aus dem Unternehmensumfeld.

Oetker hatte vergangene

Woche im Rahmen der Bilanzpressekonferenz

ein grundsätzliches Interesse an

Coppenrath & Wiese signalisiert.

Ebenfalls in der engeren Auswahl sollen

laut Informationen aus dem Unternehmensumfeld

zwei Finanzinvestoren sein.

Dabei soll es sich um die Peter Möhrle-

Holding aus Hamburg handeln sowie das

Private-Equity-Unternehmen Cinven aus

London. Beide Unternehmen wollten dazu

keine Stellung nehmen.

Damit findet die Geschichte eines der erfolgreichsten

und innovativsten deutschen

Familienunternehmen kurz vor dem 40.

Jubiläum ein jähes Ende. Dabei hatte sich

in Osnabrück zunächst sogar eine familieninterne

Lösung angedeutet. Die drei

Kinder Anne-Caroline Ramm, Jens und

Rolf Coppenrath hatten zunächst signalisiert,

am väterlichen Erbe festhalten zu

wollen und sogar als Beiräte in die unternehmerische

Verantwortung zu gehen. Ihre

Mutter Brigitte Coppenrath pochte ohnehin

auf das Vermächtnis ihres Mannes,

der zusammen mit seinem Vetter Josef

Wiese das Unternehmen 1975 gegründet

hatte. Die drei Kinder halten über eine Beteiligungsgesellschaft

89 Prozent am Tiefkühltortenprimus.

Doch schon wenige Monate nach

dem Tod von Aloys Coppenrath

geistern erste Verkaufsgerüchte

durch die Branche. Sie kommen

keinesfalls überraschend.

Eine echte Bindung,

einen emotionalen

Bezug zum väterlichen

Unternehmen

hat es bei den Coppenrath-Kindern

nie

gegeben. Im Gegenteil:

Sie haben sich

weiter distanziert.

Jens Coppenrath,

der als einziger der Erben

am Dienstag nicht

an der Gesellschafterversammlung

teilnahm, lebt seit

mehr als 15 Jahren mit seiner Frau

Karle, einer Hochzeitsplanerin, und

seinen drei Kindern in Port Townsend

bei Seattle im US-Staat Washington. Dem

48-Jährigen gehört ein Unternehmen namens

Diethelm, mit dem er Immobilien und

Vermögen verwaltet.

Seine Schwester Anne-Caroline Ramm

wohnt mit ihrem zweiten Ehemann Hans-

Christian in einer Villa in Berlin-Dahlem.

Die Ramms haben eine Tochter und zwei

Söhne. Die 52-Jährige hatte sich schon zur

FOTOS: PR, DDP IMAGES

44 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Herr der Tiefkühltorten

Aloys Coppenrath

verstarb im März 2013

men entfernt, sondern sich

auch intern über die Fortführung

entzweit. Daraus soll jedenfalls

der Anwalt eines Gesellschafters

keinen Hehl gemacht

haben, als er den Beschluss

der Gesellschafterversammlung

in einem kleinen

Kreis von Mitarbeitern kommentierte,

berichtet einer, der

dabei war.

Neben den fehlenden emotionalen

Bindungen und den

familieninternen Zwistigkeiten dürfte auch

ein nicht unerhebliches finanzielles Risiko

die Coppenrath-Erben abgeschreckt haben.

Zwar ist Coppenrath & Wiese Europas größter

Hersteller von tiefgekühlten Torten, Kuchen

und Backwaren. Das Familienunternehmen

erzielte zuletzt rund 380 Millionen

Euro Umsatz, ein Viertel davon im Export.

Und es gilt als hochprofitabel, die Rede ist

von einer zweistelligen Umsatzrendite.

Doch der Marktführer knabbert seit fast

zehn Jahren an Altlasten. 2005 hatte Aloys

Coppenrath die 50-prozentige Beteiligung

seines langjährigen Mitstreiters Wiese

übernommen. Zur Finanzierung holte er

Jahreswende ausstiegswillig

gezeigt und soll auf die Auszahlung

ihres Anteils von knapp 30

Prozent gedrängt haben. Den

taxierten Banken seinerzeit auf

rund 150 Millionen Euro.

Dritter im Erben-Bund ist

Rolf Coppenrath, dem gemeinsam

mit seiner Frau Anne

der kleine Hamburger Life!

Verlag mit Titeln wie „Food

and Travel“ und „Das Karibik-

Magazin“ gehört. Seit 2002

führt der 51-jährige Volkswirt den Verlag,

zuvor sammelte er als Verlagsleiter und

Verleger unter anderem bei „Auto-Bild“,

„Sport-Bild“, „Familie & Co“ und dem Finanzen

Verlag Erfahrungen.

Im Mai noch hatte Coppenrath & Wiese-

Betriebsratschef Karl-Heinz Hukriede die

Mitarbeiter beruhigt. Sie müssten sich keine

Sorgen machen, das hätte ihm Rolf Coppenrath

in einem längeren Telefonat versichert.

Anne-Caroline Ramm und Jens Coppenrath

sind hingegen selbst bei lang gedienten

Cowis gänzlich unbekannt.

Die Kinder haben sich in der Vergangenheit

nicht nur gemeinsam vom Unternehsich

die Düsseldorfer WestLB mit einem

Kapitalanteil von 26,9 Prozent ins Haus.

Diese zeitlich begrenzte Beteiligung der

Bank kaufte er im Sommer 2008 zurück.

Dafür wiederum erhielt Coppenrath von

einem Bankenkonsortium ein Darlehen in

nicht bekannter Höhe. Seitdem gehört das

Unternehmen zu 100 Prozent der Familie.

In den vergangenen Jahren investierte

Coppenrath dreistellige Millionenbeträge

in modernste Produktionslinien. Zuletzt

wurden vier Millionen Euro in ein neues

Besucherzentrum gesteckt.

Doch auch die neuen Linien sind Lieferantenkreisen

zufolge schon wieder voll

ausgelastet. Es müssten weitere 50 bis 100

Millionen Euro investiert werden, heißt es.

Vor allem bei den Anlagen zur Herstellung

von Tiefkühlbrötchen, die 15 Prozent zum

Umsatz beisteuern, seien Kapazitätserweiterungen

dringend nötig, sagt ein großer

Zulieferer.

Immerhin hat der neue Eigentümer nun

fast vier Jahre Zeit, damit bis zur kommenden

WM in Russland reichlich Fußball-

Brötchen in den Tiefkühltruhen des Handels

landen.

n

mario.brueck@wiwo.de

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Unternehmen&Märkte

Knistern

im Zug

DEUTSCHE BAHN | Der Tarifkonflikt

gleich mit zwei

Gewerkschaften elektrisiert die

ganze deutsche Wirtschaft.

Claus Weselsky stapelt tief, ganz tief.

Im schwarzen Anzug mit roter Krawatte

sitzt der Chef der Gewerkschaft

Deutscher Lokomotivführer (GDL)

im Berliner Maritim proArte Hotel bei einem

Espresso und wundert sich über das

große Interesse an den „fünf Prozent mehr

Entgelt“. Die fordert Weselsky für das gesamte

Zugpersonal der Bahn. Es gehe um

„ganz normale Tarifverhandlungen“.

Von wegen ganz normal: Mit der Fünf-

Prozent-Forderung gegenüber der Deutschen

Bahn läutet Weselsky eine neue Epoche

in der hiesigen Unternehmenslandschaft

ein und bringt den Staatskonzern in

eine Bredouille, wie sie kein anderes Großunternehmen

in Deutschland bisher erlebt

hat: Ein wichtiger Teil der Belegschaft wird

zum Zankapfel zwischen zwei konkurrierenden

Arbeitnehmerorganisationen, in

diesem Fall der kleinen angriffslustigen

GDL und der großen Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft

EVG.

ENDE DES BURGFRIEDENS

Mit Interesse beobachtet der Rest der deutschen

Wirtschaft nun, welche Folgen das

Gerangel um ein und dieselbe Klientel im

Unternehmen hat. Diese reichen womöglich

vom Streit zwischen unterschiedlich

organisierten Kollegen über das Hochschaukeln

von Lohnforderungen bis zu

verbissenen Arbeitskämpfen.

Auslöser für die Zäsur ist der Beschluss

der GDL, künftig nicht nur Lokführer, sondern

auch Zugbegleiter, Servicemitarbeiter

der Bordgastronomie sowie Disponenten

zu vertreten. Die Attacke zielt auf die Mehrheitsgewerkschaft

EVG, die für diese Mitarbeiter

bisher exklusiv eintrat.

Noch herrscht Ruhe. 2008 schlossen

GDL und EVG einen Burgfrieden. Doch

der läuft Ende Juni aus und mit ihm der

Grundlagentarifvertrag, der die bisherigen

Machtsphären trennte. Von Juli an darf die

GDL um EVG-Mitglieder buhlen, die mit

dem bisher eher friedlichen Kurs ihrer Gewerkschaft

unzufrieden sind. Dazu bedient

sich die kampferprobte GDL schärfster gewerkschaftlicher

Forderungen. Neben dem

Gehaltsplus „für das gesamte Zugpersonal“

von fünf Prozent fordert sie eine zweistündige

Arbeitszeitverkürzung auf 37

Stunden und bessere Konditionen bei

Überstunden. „Das Zugpersonal gehört

Weiter auf Abstand

Mandate von GDL und EVG bei den Betriebsratswahlen

der Deutschen Bahn (in Prozent)*

82

77

Sonstige

77

70

64

EVG

2010 2014

69

18

Service/Vertrieb

22

*gerundet;Quelle: Deutsche Bahn, eigene Recherchen

GDL

2010 2014

52 50

31 29

Regionalverkehr

Weiterhin nur von

der EVG vertreten

38

41 43

DB Arriva

64

22 16

10

0

Konzern Güterverkehverkehr

Fern-

*Übrige Sitze: Sonstige; Quelle: eigene Recherchen

Umkämpftes Achtel

Beschäftigte der Deutschen Bahn

(in Tausend)*

Umworben von

EVG und GDL

Rangierlokführer 67

Bordservice Logistik

12 8

Lokführer

48

18

Gesamt:

295

Instandhaltung

Betriebspersonal

Kein Zurück zu früherer Einheit

Zankapfel Zugbegleiter

untrennbar zusammen“, gibt Weselsky als

Parole aus, meint damit aber die Ausschaltung

der EVG in dieser für die Bahn wichtigen

Beschäftigtengruppe. Bei den Wettbewerbern

der Bahn wie Veolia vertrete die

GDL bereits seit Jahren Lokführer und Zugbegleiter,

so Weselsky. „Dort ist die EVG zunehmend

nicht mehr vorhanden.“

Die Bahn steht damit vor diffusen Tarifverhandlungen.

Die EVG ist mit großer

Mehrheit die führende Gewerkschaft. In

fünf von sechs Personalbereichen verhandelt

sie exklusiv für ihre Mitglieder. Bei den

Betriebsratswahlen im Mai musste die GDL

unterm Strich zwar weniger Federn lassen

als die EVG, blieb aber auf Abstand. Anders

als bei den 18 400 Lokführern der Deutschen

Bahn, die die GDL zu rund 80 Prozent

bei sich organisiert hat, liegt ihre Quote

bei den 11 700 Zugbegleitern und Bordgastronomen

angeblich bei 30 Prozent.

Der Konflikt trifft die Bahn zu einem ungünstigen

Zeitpunkt. Fernbusse bringen

die ICE-Züge unter Druck. Personenverkehrschef

Ulrich Homburg kündigte vergangene

Woche eine „strukturelle Neuausrichtung

des Fernverkehrs“ an. Zudem will

die EU-Kommission den Konzern weiterhin

zerschlagen. Anders als die EVG setzt

die GDL auf eine Trennung von Schienennetz

und Transportgesellschaften.

Vor allem aber droht der Bruderzwist

Teile der Belegschaft im Regional- und

Fernverkehr gegeneinander aufzubringen.

Die Gemengelage sei „hochexplosiv“, sagt

ein Insider bei der Bahn. „Klar ist, die GDL

hat hier in den letzten Monaten oft heimlich,

still und leise viele Mitglieder geworben“,

meint ein Personenverkehrsmanager.

FOTO: MAURITIUS IMAGES/ALAMY

46 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: IMAGO/SEPP SPIEGL

Man sei nun „sehr gespannt, wer sich wie

durchsetzen wird“. Die EVG präsentiert

ihre Tarifforderungen erst Ende Juli.

Die Bahn kann in dem Konflikt nur

schwer gewinnen. Sie könnte zwar mit beiden

Gewerkschaften verhandeln und Abschlüsse

erzielen. So wäre es möglich, dass

einige Zugbegleiter und Bordbistro-Mitarbeiter

nach von der GDL ausgehandelten

Gehalt und Arbeitszeiten beschäftigt sind

und andere nach den EVG-Tarifen.

Doch in der Praxis drohen Probleme. So

eine Situation gibt es etwa bei den Konkurrenten

Hessische Landesbahn und Keolis.

Dienstpläne lassen sich dort nicht aufeinander

abstimmen, wenn ein Mitglied der

einen Gewerkschaft weniger arbeiten

muss als der Kollege vom anderen Verein.

KEINE EINIGUNGSCHANCE

Deshalb lehnt die Bahn die Forderungen

der GDL auch vehement ab. „Was die GDL

verlangt, ist absolut nicht machbar“, heißt

es aus dem Konzern. Die GDL-Forderung

entspreche zudem de facto einer Lohnerhöhung

von „deutlich über 15 Prozent“.

Das sei „maßlos und fern jeder Realität“.

Am liebsten will die Bahn weitermachen

wie bisher. Personalchef Ulrich Weber appelliert

an die Gewerkschafter: „Unser bevorzugter

Weg ist die Kooperation mit den

Gewerkschaften.“ Die Bahn wolle „eine Art

Kooperationsabkommen“ und einen „Ordnungsrahmen,

der das Miteinander von

Gewerkschaften in den Betrieben regelt“.

Doch davon will Weselsky nichts wissen.

„Ich sehe derzeit keine Chance, dass wir

uns mit der EVG einigen, da sie die Existenz

der GDL nicht akzeptiert.“ EVG-Chef

Alexander Kirchner sieht ebenfalls „kein

Zurück zum Grundlagen-Tarifvertrag“.

Insgeheim hofft Bahn-Chef Rüdiger Grube

auf die Politik. Arbeitsministerin Andrea

Nahles (SPD) plant eine Gesetzesinitiative

zur Tarifeinheit. Künftig soll nur der Tarifvertrag

der stärkeren Gewerkschaft für alle

gelten. Das wäre die EVG. Doch dagegen

gibt es verfassungsrechtliche Bedenken, eine

Einschränkung des Streikrechts scheint

schwer umsetzbar. Selbst die gewerkschaftsnahe

Hans-Böckler-Stiftung hält

den Weg zur Tarifeinheit für steinig.

Die GDL fürchtet die Politik nicht. „Wir

lassen uns nicht einschüchtern“, sagt Weselsky.

Ohnehin sei ja entscheidend, wie

viele Mitglieder eine Gewerkschaft in einer

Berufsgruppe vertritt. Und bei Lokführern

und Zugbegleitern sieht er die GDL vorn.

„Ich bin da ganz entspannt, was kommt.“ n

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

Keine Schnäppchen

AAREAL BANK | Der Immobilienfinanzierer ist besser durch die

Finanzkrise gekommen als viele Konkurrenten. Wie hat er

das geschafft, und wie wird er jetzt mit den niedrigen Zinsen fertig?

Die Zentrale der Aareal Bank versteckt

sich hinter dem Wiesbadener

Kurhaus, geschützt von viel Grün

und Schatten spendenden Bäumen. Während

das Herz der Bankenwelt am Finanzplatz

Frankfurt schlägt, bevorzugt das im

MDax notierte Kreditinstitut die Ruhe der

hessischen Landeshauptstadt.

Dabei gibt es eigentlich

keinen Grund für

das architektonische

Versteckspiel. Der Spezialist

für gewerbliche

Immobilienfinanzierungen

hatte während

der Finanzkrise zwar

vorsorglich Staatshilfe

beantragt, ist danach

aber besser wieder auf

die Beine gekommen

als die anderen Klienten

des Bankenrettungsfonds

Soffin.

Noch in diesem

Sommer will das Unternehmen

die stille

Einlage des Staates von

300 Millionen Euro ablösen.

Selbst mit dem

branchenweiten Problem

der Niedrigzinsen

dürfte die Aareal

Bank wegen des dadurch

ausgelösten Immobilienbooms unter

dem Strich besser fertig werden als der

Rest der Branche. Was ist der Grund für

diese Erfolge?

Vorsichtige Kreditvergabe

Bankchef Schumacher

EINZIGARTIGES REZEPT

Die Aareal-Aktie hat sich seit der Krise steil

nach oben entwickelt und die Papiere der

beiden größeren, börsennotierten deutschen

Banken weit hinter sich gelassen

(siehe Grafik Seite 48). Im Vergleich zu

Deutscher Bank und Commerzbank betreibt

die Aareal Bank ein enges Geschäftsmodell

ohne Privatkundensparte oder Investmentbanking.

Sie vergibt Kredite ausschließlich

an Investoren, die Geld in Bürogebäude,

Mietshäuser, Hotels, Einkaufszentren

oder Logistikimmobilien stecken.

Wie schafft es die Bank, sich mit ihrem

auf den zyklischen Immobilienmarkt fokussierten

Geschäft so stabil zu entwickeln

und das Kaufinteresse von Aktionären

hochzuhalten? Das Rezept klingt einfach,

ist aber einzigartig in der Branche: Wegen

ihrer vorsichtigen Kreditvergabe, dem international

gestreuten Portfolio und den

stabilen Kontoeinlagen

großer Immobilienverwalter

leidet die

Bank weniger stark unter

Krisen. Daher kann

sie sich bei Kapitalgebern

leichter mit Geld

versorgen als andere.

Zudem profitierte

die Aareal vom krisenbedingten

Rückzug

großer Konkurrenten

wie der in Abwicklung

befindlichen Commerzbank-Tochter

Eurohypo

oder der verstaatlichten

Hypo Real

Estate (HRE).

Während andere

Banken seit der Krise

ihr Geschäftsmodell

ausdünnen, milliardenschwere

Altlasten

abbauen und neue Finanzprodukte

auf den

Markt bringen, ändert sich bei der Aareal

wenig. „Wir müssen uns nicht neu erfinden“,

sagt Wolf Schumacher, Vorstandschef

seit 2005. Das Geschäftsmodell habe sich

während der Finanzkrise bewährt, als die

Bank in jedem Quartal schwarze Zahlen

schrieb. 2013 erzielte sie einen Rekordgewinn

von 198 Millionen Euro, rund 13 Prozent

mehr als im Jahr davor.

„Die Aareal Bank ist nicht auf Volumen

aus, sondern auf Solidität“, lobt Michael

Seufert, Analyst bei der Nord/LB in Hannover.

Bei der Kreditvergabe achten die Wiesbadener

darauf, dass die Schuldner genug

eigenes Geld mitbringen, und lassen Einzelengagements

nicht zu groß werden, um

Klumpenrisiken zu verhindern. Kredite

fließen eher in mehrere kleine Projekte

»

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 47

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Unternehmen&Märkte

»

als in ein großes. Konkurrenten wie die

untergegangene Eurohypo setzten im Immobilienboom

vor der Krise dagegen stark

auf Neugeschäft und größere Kredite mit

niedrigeren Eigenanteilen der Schuldner.

Passend zur Solidität und Kleinteiligkeit

des Geschäfts will die Bank mit ihrem Sitz in

Wiesbaden mittelständisches Flair ausstrahlen:

Es soll den Kunden flachere Hierarchien

und kürzere Entscheidungswege

signalisieren als bei den Frankfurter Finanzriesen.

Während Großbanken-Chefs wie

Jürgen Fitschen und Martin Blessing sich

auf Podiumsdiskussionen mit Kanzlerin

Angela Merkel oder Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble messen, pflegt Schumacher

Kontakte in die hessische Landespolitik.

Lädt der promovierte Jurist mit den markanten

Augenbrauen und der kräftigen

Stimme in Wiesbaden zum Sommerfest, ist

auch Hessens Ministerpräsident Volker

Bouffier gern zu Gast.

Doch das Geschäft ist nicht auf Provinzialität

getrimmt, im Gegenteil. Die rund

2300 Mitarbeiter kommen aus 30 Nationen

und arbeiten in Büros in Europa, Nordamerika

und Asien. Dank der Internationalität

konnten die Wiesbadener Krisen auf nationalen

Immobilienmärkten wie in Spanien

auffangen.

Ein weiterer Stabilitätsanker sind die Einlagen

der großen Immobilienverwalter. Sie

haben ihre Mietkonten bei der Aareal und

bunkern dort auch die Mietkautionen. Auf

diesem Weg beschafft sich die Bank ohne

großen Aufwand eine ständige Liquidität

von rund 5,3 Milliarden Euro, rund zwölf

Prozent der Bilanzsumme.

KEINE RISIKOFREIE RENDITE MEHR

Nach Finanz- und Staatsschuldenkrise ist

die expansive Geldpolitik der Europäischen

Zentralbank (EZB) mit den extrem niedrigen

Zinsen die nächste Herausforderung für

die Branche. Schumacher sieht die Aareal

Bank davon weniger stark betroffen als Banken

mit großem Privatkundengeschäft.

Aber: „Bei der Anlage unserer Liquidität stehen

wir – wie jedes andere Haus – vor der

Herausforderung, dass es so gut wie keine

risikofreie Rendite mehr gibt“, sagt der

Aareal-Bank-Chef.

Aktien-Info Aareal Bank

ISINDE0005408116

700

600

500

400

300

200

100

0

Index: 1.1.2009=100

Deutsche Bank

Commerzbank

2009 2010 2011 2012 2013 14

Mitarbeiter 2375

Bilanzsumme(in Mrd. €) 43

Kredite (in Mrd. €) 26

Kundeneinlagen (in Mrd. €) 26

Gewinn vor Steuern (in Mio.€) 198

Kapitalquote (in %) 15,0

Dividendenrendite (in %) 2,1

Börsenwert(in Mrd. €) 2,1

Aktienkurs (in €) 35,65

Kurs-Gewinn-Verhältnis 2014 9,5

Chance

Risiko

Niedrig

Aareal

Bank Deutsche

Bank Commerzbank

98254

1611

377

528

1456

12,8

2,7

36,9

26,75

13,1

Quelle: Bloomberg, Thomson Reuters, Unternehmen

52944

550

217

227

232

13,1

0,0

13,3

11,66

20,0

Hoch

Die Aareal Bank profitiertvom Runauf Gewerbeimmobilien

und dürftemit dem niedrigen Zinsniveau weniger Probleme

bekommen als andere Banken. Durch die Übernahme der

Konkurrentin Corealcredit wurden neue Kunden gewonnen,

demnächst werden steuerbegünstigte Anleihen zur Rückzahlung

der restlichen Staatshilfe ausgegeben.

Zudem kassiert die EZB jetzt einen Strafzins

von Banken, die Geld sicher bei ihr parken.

Beobachter rechnen damit, dass die

Aareal deshalb ihr EZB-Guthaben von zuletzt

2,9 Milliarden Euro senken wird. Die

expansive Geldpolitik zwickt die Aareal

Bank aber nicht nur, sondern stärkt gleichzeitig

ihre Verhandlungsmacht gegenüber

Kreditkunden. Denn die niedrigen Zinsen

machen liquide Anlagen unattraktiv und

steigern bei Investoren die Nachfrage nach

Sachwerten wie Gewerbeimmobilien.

„Das verhilft dem Geschäft der Immobilienspezialistin

Aareal zu einem Boom“, sagt

Nord/LB-Analyst Seufert. Das Unternehmen

könne wegen der starken Nachfrage

nach Immobilien immer noch relativ hohe

Zinsaufschläge von seinen Schuldnern verlangen.

Vor allem in den international attraktivsten

Wirtschaftszentren Paris oder

London beobachtet die Aareal Bank nach

»Die Aareal Bank ist nicht auf

Volumen aus, sondern auf Solidität«

Nord/LB-Analyst Michael Seufert

wie vor eine robuste Nachfrage nach

Gewerbeimmobilien. „Über die Breite des

Marktes sehen wir noch keine Preisblasen“,

sagt Schumacher.

Allerdings drängen wegen des Booms vermehrt

Versicherer und Finanzinvestoren in

den Immobilienmarkt, die Anlegergeld als

Kredite ausreichen wollen. Die neuen Konkurrenten

verlangen von ihren Schuldnern

weniger Eigenkapital und nehmen größere

Einzelrisiken in Kauf, um ins Geschäft zu

kommen. Nach Ansicht von Bankchef Schumacher

hat sich der Wettbewerb auf der

Finanzierungsseite spürbar verschärft.

IRONIE DER GESCHICHTE

Dennoch will er strikt an der bewährten Geschäftspolitik

festhalten und Engagements

nur eingehen, wenn sie zum Risikoprofil

seiner Bank passen. Das ist diplomatisch

formuliert, heißt im Klartext aber für potenzielle

Kreditkunden: Die Wiesbadener müssen

bei ihrem Erfolgsrezept bleiben und bei

Immobilienprojekten weiter auf hohe Eigenkapitalpolster

und vernünftige Kaufpreise

achten. Bei der Aareal Bank wird es

keine Schnäppchen geben.

Kurzfristig orientierte Aktionäre müssen

sich klar darüber sein, dass ihre Bank im

Zweifel auf den Abschluss neuer Geschäfte

verzichtet, wenn diese nicht zur Stabilitätsphilosophie

passen. Langfristig rechnet es

sich für die Eigentümer aber, dass die Aareal

von riskanten Deals die Finger lässt.

Zur Stabilität der Bank hat auch eine frühe

Weichenstellung beigetragen. 2002 wurde

der Bereich Staatsfinanzierung abgespalten.

Daraus entstand die Depfa Bank mit

Sitz in Dublin. Sie wurde 2007 von der HRE

übernommen und trug maßgeblich zu deren

Fast-Pleite bei. Als nach dem Zusammenbruch

der US-Bank Lehman Brothers

2008 die kurzfristige Finanzierung zwischen

den Banken austrocknete, musste die HRE

mit ihren Engagements in lang laufende Anleihen

vom Staat vor der Pleite gerettet werden.

Davon hat sie sich bis heute nicht richtig

erholt: Die Privatisierung der Nachfolgerin

Deutsche Pfandbriefbank steht auf der

Kippe, seit Chefin Manuela Better nach anfänglichen

Erfolgen zurückgetreten ist.

Eine ironische Wendung der Geschichte

wäre es, wenn die Aareal bei der Privatisierung

der HRE-Reste zuschlagen würde. Das

gilt aber als unwahrscheinlich: Die Wiesbadener

haben sich gerade mit der kleineren

Frankfurter Konkurrentin Corealcredit

Bank mit 160 Mitarbeitern und 6,9 Milliarden

Euro Bilanzsumme verstärkt.

n

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

48 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Eingriffe ins Getriebe

Nur ein Totalumbau

konnte den Hamburger

Windmühlenbauer retten

FOTO: GETTY IMAGES/SEAN GALLUP

Stehaufmännchen

der Windbranche

SERIE DIE TURNAROUNDER (II) | Nordex Vorstandschef Jürgen

Zeschky hat den Hamburger Windmühlenbauer aus der Flaute

geholt – die Anatomie einer erfolgreichen Sanierung.

DIE TURNAROUNDER

Neue Serie:

Die WirtschaftsWoche analysiert

in loser Folge, wie die

Chefs von Krisenunternehmen

die Wende geschafft haben.

Esgeht rund beim Windmühlenbauer

Nordex. Beinahe im Zwei-Wochen-

Takt flattern im Hamburger Stadtteil

Fuhlsbüttel die Aufträge ins Haus: Fünf

Mühlen und drei Turbinen für den irischen

Windpark Woodhouse. 14 Windräder für

zwei türkische Windparks auf einer Halbinsel

bei Izmir. 20 Turbinen für den Windpark

Moy im Norden Schottlands, 19 Mühlen für

den Windpark Myllykangas an der Nordwestküste

Finnlands, sechs Anlagen für den

Windpark Jacks Lane in Ostengland, vier

Stengelrotoren für den Windpark Sehestedt

in Schleswig-Holstein und sieben Anlagen

für das französische Projekt Lazenay.

Der Windradhersteller ist nach zwei

Verlustjahren in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt.

Vor wenigen Wochen hoben

die Hamburger sogar aufgrund der starken

Quartalszahlen – der Umsatz wuchs

um 64 Prozent, das Ergebnis von minus

0,6 auf 21 Millionen Euro im Vergleich

zum Vorjahresquartal – ihre Jahresziele für

2014 an.

Grund für das gute Geschäft ist aber keineswegs

die Energiewende in Deutschland.

Vielmehr war es der Totalumbau, der

Stellenstreichungen, Werksschließungen

und Strukturanpassungen mit sich brachte.

Hinzu kamen Erfolge mit einer neuen

Turbinentechnologie und bei den Auslandsaktivitäten.

„Weltweit zählt Nordex

nun wieder zu den zehn größten Herstellern

von Onshore-Windturbinen“, sagt

Nordex-Chef Jürgen Zeschky, der den

Turnaround von Beginn an begleitet hat.

2013 lag das Ergebnis vor Zinsen und

Steuern wieder bei 44 Millionen Euro, nach

einem Vorjahresverlust von 61 Millionen.

Nach Zinsen und Steuern waren es mehr

als zehn Millionen Euro. Dem standen im

Vorjahr noch 94 Millionen Euro Miese gegenüber.

Der Umsatz legte um ein Drittel

auf 1,4 Milliarden Euro zu.

AUF NORMALMASS GESTUTZT

Wer eine derart beeindruckende Kehrtwende

hinlegt, muss zuvor die Gründe für

den Niedergang kennen und analysieren.

Ein schwieriges Unterfangen für einen

Quereinsteiger wie Zeschky, der erst im

März 2012 den Chefsessel des börsennotierten

Unternehmens übernimmt. Zuvor

war der promovierte Maschinenbauingenieur

fast zehn Jahre Manager beim Maschinenbauer

Voith Turbo.

»

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 49

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Unternehmen&Märkte

Orders rauf, Verluste runter

Wichtige Nordex-Kennzahlen (Amtsantritt von Vorstandschef Jürgen Zeschky im März 2012)

Auftragseingang

in Millionen Euro

1500

2011 12 13

Umsatz

in MillionenEuro

1500

11 12 13

1200

900

600

300

1

2012 ohne aufgegebene Aktivitäten; Quelle:Nordex

»

1000

500

0

0

Umsatz 1

je Mitarbeiter

in Tausend Euro

600

11 12 13

500

400

300

200

100

0

Wendemeister

Nordex-Chef Zeschky

führte den Turbinenbauer

wieder in die Erfolgspur

Gewinn vor Zinsen

und Steuern

(Ebit) 1

in Prozent

3

2

1

0

–1

–2

–3

–4

–5

–6

11 12 13

Konzernjahresüberschuss/-fehlbetrag

1

in Millionen Euro

20

In Hamburg findet der 54-jährige gebürtige

Ruhrpottler ein Unternehmen vor, das

strukturiert ist, um in kurzer Zeit einen

Umsatz von vier bis fünf Milliarden Euro zu

erreichen. „Nordex war als Konzern konzipiert,

mit drei Hauptgesellschaften in

Deutschland, den USA und China, mit fünf

Vorständen, unzähligen Stabsstellen und

zwar guten, aber zu vielen hoch bezahlten

Managern“, erinnert sich Zeschky.

Hinter dem Quasi-Konzern verbirgt sich

jedoch ein ebenso aufgeblasener wie angeschlagener

Mittelständler. Der Umsatz von

Nordex liegt Ende 2011 nur noch bei 920

Millionen Euro. Erstmals sind operative

Verluste in Höhe von 30 Millionen entstanden,

der Fehlbetrag im Konzern summiert

sich auf 50 Millionen Euro.

Schnell wird Zeschky klar: Der zusammenfantasierte

Konzern muss auf ein realistisches

Maß gestutzt werden.

Er kann sich noch sehr gut an seine erste

Aufsichtsratssitzung im März vor zwei Jahren

erinnern. Dort wird beschlossen, aus

0

–20

–40

–60

–80

–100

11 12 13

der Offshore-Technologie auszusteigen.

„Da war ich gerade mal drei Wochen an

Bord“, erinnert sich Zeschky.

Ähnlich wie Siemens, Repower, Bard,

Vestas oder Areva wollte auch Nordex in

das seinerzeit lukrativ erscheinende Geschäft

mit Windparks auf hoher See einsteigen.

Mehr als zwei Dutzend Mitarbeiter

mit Unterstützung durch Ingenieure,

Einkäufer, Konstrukteure und Finanzexperten

tüftelten an einer wettbewerbsfähigen

Meereswindturbine. „Wir waren so

weit, dass der nächste Schritt der Bau eines

Prototypen gewesen wäre“, sagt Zeschky.

Das hätte mindestens 200 Millionen Euro

gekostet.

Statt des Prototypen kommt jedoch das

Aus. Zeschky: „Das Offshore-Geschäft mit

Windparkprojekten in einem Volumen von

500 Millionen Euro und mehr war für uns

viel zu groß, zu risikoreich und hätte zu viele

Ressourcen gebunden.“

RÜCKZUG AUS CHINA

So beginnt sein Amtsantritt mit einer unpopulären

Entscheidung gegen die Begeisterung

im Unternehmen und damalige

Wachstumsfantasien. Heute nimmt es

Zeschky mit Humor: „Die schlimmsten

Dinge können Sie nur in den ersten sechs

Monaten durchziehen.“

Und es kommt schlimmer. Zeschky

schrumpft den Vorstand von fünf auf drei

Köpfe und schließt im Spätherbst 2012 das

Rotorblattwerk in China mit 130 Mitarbeitern

– eine Konsequenz aus der rückläufigen

Auslastung und den dadurch im Reich

der Mitte entstandenen Verlusten. Lange

hatte Nordex vergeblich einen Partner gesucht.

Und ohne ging es nicht: „99,9 Prozent

der Aufträge in China gingen und gehen

an chinesische Hersteller“, moniert

Zeschky.

Im Sommer 2013 zieht Zeschky auch den

Stecker im US-Werk in Jonesboro im Bundesstaat

Arkansas. Grund dafür ist die andauernd

schwache Nachfrage aus den

USA, weil nicht feststeht, ob und in welcher

Höhe es Steuervergünstigungen für Windanlagen

gibt. Rund 40 Mitarbeiter verlieren

ihren Arbeitsplatz.

Außer einem Büro mit einem Dutzend

Mitarbeitern ist nicht viel übrig geblieben.

Aber: „Wir gewinnen, anders als in China,

in den USA wieder Aufträge“, sagt Zeschky.

Vor wenigen Wochen holte sich Nordex

den Zuschlag für den Windpark Fourmile

Ridge im Bundesstaat Maryland mit 16

Turbinen und einem Wartungsvertrag über

20 Jahre.

FOTO: GERRIT MEIER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

50 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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– John Shuttleworth, revolutionärer Yachtdesigner –

„Nur wer anders denkt ...“


„... verändert die Welt.“

ANDERS & AUSGEZEICHNET:

DIE RED-DOT-GEWINNER MAZDA6 UND MAZDA3.

John Shuttleworth wollte eine Superyacht entwerfen, die wirklich effizient ist. Das

Ergebnis: ein Schiff, das nicht nur ein Siebtel des Kraftstoffs eines herkömmlichen Boots

verbraucht, sondern zudem außergewöhnlich gut aussieht. Auch Mazda hat radikal anders

gedacht und mit dem Mazda6 und Mazda3 zwei Autos entworfen, die Herz und Hirn begeistern.

Mazda6

Mazda3

Das hat auch die Jury des renommierten red dot design awards überzeugt, die beide Wagen mit dem begehrten

Designpreis auszeichnete 1 .

Kraftstoffverbrauch im kombinierten Testzyklus: 6,4 – 3,9 l/100 km;

CO 2 -Emissionen im kombinierten Testzyklus: 150 – 104 g/km.

1) www.red-dot.org


MZD Connect.

Einfach verbunden, intuitiv bedienbar: das Mazda Konnektivitätskonzept.

Konsequent und sportlich:

Beim Mazda3 sind das ergonomische Cockpit und der Multi Commander in der

Mittelkonsole sowie das Head-up-Display direkt im Sichtbereich des Fahrers.

Die einen bauen Autos.

Wir bauen Gewinner.

HERAUSFORDERER. SIEGER. CHAMPION. ODER EINFACH: MAZDA CX-5.

BEGEISTERT FACHLEUTE, FAHRER UND FANS: DER MAZDA6.

GEBAUT FÜR DIE ÜBERHOLSPUR: DER MAZDA3.

Vom Verkaufsstart an ein Bestseller: der Mazda CX-5. Kunden und Jurys lieben das sportliche SUV gleichermaßen, denn die Technik senkt

den Verbrauch – und steigert den Fahrspaß. Bei einem Drehmoment von 380 Nm sind Sie schon ab 4,6 l/100 km unterwegs. Der Grund

dafür: die SKYACTIV Technologie. Motor, Getriebe, Fahrwerk und Karosserie wurden von Grund auf neu entwickelt und sorgen für beeindruckende

Bestwerte. Die überzeugten auch die Jury des SUV Magazins: Der Mazda CX-5 siegte 2013 und verwies die anderen SUVs auf

die Plätze. 3 Sie merken schon – hier steht ein echter Siegertyp vor Ihnen.

2 3

4

Ist das noch Arbeit? Oder schon Vergnügen? Mit dem Mazda6 punkten Sie auf alle Fälle beim Job und der Familie. Denn seine SKYACTIV Technologie,

das Energierückgewinnungssystem i-ELOOP und i-stop, das intelligente Motor-Stopp-Start-System, senken den Verbrauch und Sie sind schon ab

3,9 l/100 km unterwegs. Dabei verzichten Sie weder auf Leistung noch auf Fahrspaß. Geschützt werden Sie unterwegs von unserer proaktiven

Sicherheitstechnik i-ACTIVSENSE. Auf Wunsch beim Mazda6 inklusive: adaptive Geschwindigkeitsregelanlage mit radargestützter Distanzregelung

(MRCC) und das Pre-Crash-Safety-System (SBS) mit aktivem Bremseingriff. Der Mazda6 steht bereits für eine Probefahrt bereit: Steigen Sie ein.

Unter der Haube des Mazda3 steckt viel Temperament, angetrieben z. B. von einem SKYACTIV-G Benzinmotor mit einem Verdichtungsverhältnis

von 14:1 – ein Wert, den es sonst nur im Rennsport gibt. Genauso überzeugend: das neue Konnektivitäts-Konzept MZD

Connect. Damit können Sie ein kompatibles Smartphone ganz einfach mit dem Auto verbinden und unterwegs auf Internetanwendungen

zugreifen. Das System ist so umfassend und überzeugend, dass der Mazda3 beim AUTO BILD Connected Car Vergleichstest den Sieg

einfuhr und die Konkurrenz alt aussehen ließ. 4 Ihr Nächster wird ein Mazda3, wetten?

2) Mazda6 Sieger der Auto Trophy 2012 und 2013 in der Kategorie Mittelklasse Import. 3) Mazda CX-5 Testsieger im Vergleichstest „Ein Japaner zum Fürchten?“ gegen Audi Q3 und

VW Tiguan. SUV Magazin 01/14. 4) MZD Connect im Mazda3 Testsieger im Vergleichstest „13 Kompakte im Connectivity-Test“, AUTO BILD Nr. 15 – 11.04.2014.

Kraftstoffverbrauch im kombinierten Testzyklus: 6,6 – 3,9 l/100 km; CO 2 -Emissionen im kombinierten Testzyklus: 155 – 104 g/km.


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Anzahlung € 3.640,00 Kaufpreis € 16.265,70 6 Kalkulierte Schlussrate € 7.503,21

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Effektiver Jahreszins % 0,00 Gebundener Sollzinssatz % 0,00 Bearbeitungsgebühren € 0,00

Laufzeit gesamt Monate 48 Gesamtlaufleistung 40.000 km Gesamtbetrag € 12.625,70

Das Finanzierungsangebot für den Mazda6 Kombi Prime-Line SKYACTIV-G 145

Anzahlung € 5.672,00 Kaufpreis € 23.240,70 6 Kalkulierte Schlussrate € 10.095,96

Folgeraten € 159,00 1. monatliche Rate € 158,74 Nettodarlehensbetrag € 17.568,70

Effektiver Jahreszins % 0,00 Gebundener Sollzinssatz % 0,00 Bearbeitungsgebühren € 0,00

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Widerrufsrecht gemäß § 495 BGB. Preise (brutto) jeweils zzgl. Überführungs- und Zulassungskosten. Angebot gilt nur für Privatkunden bei Vertragsabschluss bis 30.06.2014 (nicht

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Unternehmen&Märkte

FOTO: DOUGLAS BARNES

Parallel zu Schließungen und Entlassungen

arbeitet Zeschky am operativen Überleben:

„Wir hatten keine Berater im Unternehmen

und auch keinen tollen Namen

für das Restrukturierungsprogramm. Wir

haben es einfach gemacht.“

Alle Entscheidungen seien bis Spätsommer

2012 in Teams mit den 20 Top-

Führungskräften erarbeitet worden, schildert

der Nordex-Chef. Denn: „Die Mitarbeiter,

die die Pläne ausführen, sollen sie

auch machen.“ Nordex soll demnach

künftig

n in jeder der drei Windklassen (stark, mittel,

schwach) eine wettbewerbsfähige Anlage

am Start haben,

n Materialkosten beim Windturbinenbau

senken,

n Montagezeiten reduzieren sowie

n Pleiten und Pannen beim Bau schlüsselfertiger

Parks vermeiden.

„Bei vielen Windparkprojekten fehlten

wochenlang mal die Türme, mal die Rotorblätter

auf den Baustellen“, sagt Zeschky.

„2013 ist das fast gar nicht mehr vorgekommen.“

Auch die Materialkosten konnte er

senken. So wird eine Nordex-Turbine heute

rund 100 000 Euro günstiger gefertigt als

noch vor zwei Jahren.

ROTORFLÜGEL AUS DER TÜRKEI

Zur Kosteneinsparung tragen auch neue

Lieferanten und Partner bei. So arbeitet

Nordex seit August 2013 mit dem US-Komponentenhersteller

TPI zusammen, der für

die Hamburger im türkischen Izmir Rotorblätter

montiert. Das Werk in Izmir ist ideal

gelegen, um die riesigen Windflügel auf

dem Land- und Wasserweg auf die Baustellen

in der Türkei, aber auch in andere

Länder zu transportieren. „Das ist ein

wichtiger Markt und ein wichtiger Standort,

bei dem wir von geringeren Lohn- und

Logistikkosten profitieren“, sagt Zeschky.

Die Erfolge lassen nicht lange auf sich

warten. Vor knapp zwei Wochen bestellten

drei lokale türkische Energieversorger insgesamt

17 Windmühlen für drei Windparks.

Parallel senkt Zeschky auch die Arbeitszeiten

im Werk in Rostock. Die Montagestunden

für ein Getriebe reduzieren sich

durch eine erhöhte Automatisierung und

Fließbandproduktion um 16 Prozent, die

Stunden für Rotorblätter sogar um 20 Prozent.

Für kräftigen Rückenwind sorgt ab Mitte

2012 auch die Einführung der neuen Windkraftanlage

N117/2400, einer Mühle für

Gebiete, in denen der Wind in der Regel

Rückenwind

Auch in den USA baut

Nordex wieder Windparks

nur schwach weht. „50 Prozent der Auftragseingänge

entfallen auf diese Innovation“,

schwärmt Zeschky. Um die Nachfrage

bewältigen zu können, wurden im Blattund

Maschinenhauswerk in Rostock wieder

150 Mitarbeiter eingestellt und die Kapazitäten

hochgefahren.

Ralf Meier, seit mehr als 17 Jahren bei

Nordex in Hamburg und seit einer Dekade

Gesamtbetriebsratsvorsitzender, bezeichnet

Nordex als „Stehaufmännchen der

Windbranche“: „Wir haben eine Belegschaft,

die anscheinend nie den Glauben

daran verliert, dass es wieder aufwärtsgeht.“

Im Unternehmen stecke so viel Potenzial,

dass „wir auch schwere Zeiten

überstehen können“.

Imposanter Lauf

Entwicklung der Nordex-Aktie

DE000A0D6554

TecDax

Quelle:Thomson Reuters

März 2012:

Amtsantritt

Jürgen Zeschky

Indexiertseit 5Jahren

250

Nordex

2009 2010 2011 2012 2013 14

200

150

100

50

0

Für viele Analysten ist die Aktie des

norddeutschen Windmühlenherstellers

nach der gelungenen Wende eine Empfehlung.

„Dank der strategischen Neupositionierung,

erfolgreich durchgeführter Kostensenkungsprogramme

sowie der Entwicklung

neuer, innovativer Produkte ist

2013 die Trendwende gelungen“, kommentiert

Nord/LB-Analyst Holger Fechner.

Commerzbank-Kollege Sebastian Growe

sieht vor allem in der starken Entwicklung

des Repowering in Deutschland einen großen

Vorteil für Nordex. Mit Repowering bezeichnet

man den Austausch bestehender

alter Onshore-Windkraftanlagen durch

neue, leistungsstärkere Windräder.

ENTSPANNTE GROSSAKTIONÄRIN

Unterstützung erhält Nordex auch von der

Europäischen Union. Die Europäische Investitionsbank

in Luxemburg stellte Nordex

Ende April für ein mehrjähriges Forschungsund

Entwicklungsprogramm ein Darlehen

über 100 Millionen Euro zur Verfügung.

Die positive Entwicklung freut nicht nur

Mitarbeiter, Betriebsräte, Lieferanten, Analysten

und Kunden. Auch die Milliardärin

Susanne Klatten dürfte entspannter und

freudiger auf ihr Investment blicken. Über

die Beteiligungsgesellschaft Skion ist die

BMW-Großaktionärin 2008 mit 20 Prozent

bei Nordex eingestiegen und hält heute

knapp 23 Prozent. Zur gelungenen Kehrtwende

möchte sich Klatten dennoch nicht

äußern.

n

mario.brueck@wiwo.de

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 51

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Unternehmen&Märkte

Reife Früchte

Russland zählt für

Claas zu den

wichtigen Wachstumsmärkten

der Welt

Kampf ums Korn

CLAAS | Der größte deutsche Landmaschinenhersteller befürchtet Einbußen im

Russland-Geschäft durch zunehmenden Protektionismus.

Tief in Russlands fruchtbarem Süden

gedeiht das Brot für die Welt. Dort bebauen

Mega-Landwirtschaftsbetriebe

Flächen, deren Ausmaße sogar vom

Flugzeug aus zu erkennen sind. Die Agroholding

Kuban in Ust-Labinsk, die zum Imperium

des hier aufgewachsenen Oligarchen

Oleg Deripaska zählt, ist nicht die

größte im Schwarzmeer-Gebiet – mit einer

Fläche von 60000 Hektar aber 1000 Mal so

groß wie ein deutscher Getreidehof, der im

Schnitt 56 Hektar bewirtschaftet.

Der deutsche Landmaschinenprimus

Claas ist froh, Großkunden wie Kuban zu

haben: Wenn in diesen Tagen die Ernte beginnt,

stammt mehr als ein Drittel der bis zu

70 eingesetzten Mähdrescher von dem Familienbetrieb

aus Harsewinkel bei Bielefeld.

Mehr als eine halbe Million Euro kostet jede

der 400-PS-Sensen. Solche Geräte steuern

den Gutteil des Claas-Umsatzes von 3,8 Milliarden

Euro bei und sichern 9000 Jobs, obwohl

die Landwirtschaft in Europa immer

mehr an Bedeutung verliert. Russland soll

die Zukunft für Claas sein – es sei denn, der

russische Staat greift ein. Das ist die größte

Sorge von Ralf Bendisch, Russland-Chef von

Claas mit Sitz in Krasnodar, zwei Flugstunden

südlich von Moskau gelegen.

Die Spannungen zwischen Europa und

Russland um die Ukraine sorgen bei hohen

Regierungsbeamten in Moskau für protektionistische

Reflexe. So erhalten Landwirte

in Russland beim Kauf russischer Landmaschinen

vom Staat einen Zuschuss von bis

zu 15 Prozent des Kaufpreises. Davon profitiert

vor allem Platzhirsch Rostselmasch

mit Sitz im weiter westlich gelegenen Rostow

am Don. Hinter den Kulissen kämpfen

Lobbyisten russischer Unternehmen mit

allen Mitteln dafür, dass technisch führende

Hersteller wie Claas trotz Vor-Ort-Produktion

nicht als russische Hersteller anerkannt

werden – und nur Produkte einst

sowjetischer Betriebe gefördert werden.

VERTRACKTE LAGE

Unter den Anbietern in Russland habe sich

kein gesunder Wettbewerb kultiviert, klagt

Claas-Manager Bendisch, der trotz der politisch

vertrackten Lage in Russland eine

zweite Fabrik mitsamt Karosseriebau und

Lackiererei errichten lässt. „Wir haben uns

als russischer Hersteller integriert und wollen

mit einer bald noch größeren Fertigungstiefe

lokal den Durchbruch schaffen.“

Vom Staat erwarte man aber, dass das Engagement

anerkannt werde.

Das ist offenbar nicht der

Fall, wenn es um Zuschüsse

für die Landwirtschaft

geht: Russisch ist nach

Lesart der Ministerialbeamten

nicht, was im

Land produziert wird,

sondern was einen Karosserierahmen

hat. Die

westlichen Hersteller verzichten

seit Jahren auf solche

Rahmen, um Gewicht zu

Odessa

S c

h

U K

w a r

T Ü

500 km

R A I

Krim

z e s

R

K

N E

E

sparen. Ihre Maschinen werden von sämtlichen

Bauteilen von der Achse bis zur

Scheibe gemeinsam stabil gehalten.

So erklärt Bendisch das den Fachleuten

im Ministerium. Trotzdem drängt sich ihm

der Eindruck auf, dass die Definition von

„russisch“ dem Schutz lokaler Wettbewerber

diene – und das bringt ihn auf die Palme:

„Wir fragen uns, was der Staat noch

von uns verlangt, damit wir gleichberechtigt

als russischer Hersteller behandelt werden?“,

zürnt der Claas-Manager.

Stattdessen besucht entweder Präsident

Wladimir Putin oder Regierungschef Dmitri

Medwedew einmal im Jahr die Fertigung

des Wettbewerbers. Dessen Manager

tönen vollmundig, dass sie technologisch

„mindestens so gut wie ausländische Unternehmen“

seien. Der Nationalismus, der

das Land seit der Krim-Annexion erfasst

hat, bereitet manch einem Unternehmer

Sorgen. Bendisch betrübt zudem, dass die

deutsche wie russische Politik als

M e e

I

Krasnodar

Sotschi

r

RUSSLAND

Schiedsrichter bei Streitigkeiten

ausfällt: „Die Ukraine-

Krise beschäftigt sie so

sehr, dass für die Probleme

einzelner Investoren

wenig Zeit ist.“

Trotz aller Sorgen gibt

Claas in Russland Vollgas:

Die Werkserweiterung

ist über die Rohbauphase

hinaus, im Frühjahr

steht die Eröffnung an. Dann

»

FOTO: ULLSTEIN BILD/WHITE NIGHT PRESS/IRINA BERNSTEIN

52 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

bel-Kurs wieder, als Putin auf dem Wirtschaftsforum

in Sankt Petersburg eine Deeskalation

in der Ukraine-Krise versprach.

Sofern der Kurs stabil bleibt, hofft Claas auf

ein besseres Geschäft im Herbst: „Wir haben

zwar eine ordentliche Auftragslage, liegen

aber unter dem Niveau, das wir uns

noch 2013 vorgestellt hatten“, sagt Ritter.

Dieses Jahr verlassen nur knapp 800 Geräte

das Claas-Werk Krasnodar. Die schieben

Arbeiter per Hand auf ihren Aufbauten

von einer Station zur nächsten. Sie nähern

sich den Dresch-Giganten über drei Meter

hohe Treppen. „Ein Mähdrescher ist eine

richtige Fabrik, die drischt und siebt und

häckselt“, schwärmt Ingenieur Bendisch.

Jede Maschine ist heute vollgepackt mit

Sensoren, die etwa Menge oder Konsistenz

des Getreides messen, um den Ernteprozess

effizienter zu machen.

»

Harter Konkurrent Landmaschinenbauer

Rostselmasch aus Rostow wird stärker

wird sich die Kapazität von 1000 Maschinen

pro Jahr auf 2500 erhöhen. Claas steckt

115 Millionen Euro in den Bau, das ist die

größte Einzelinvestition jenseits der Heimat.

Künftig will Claas in Russland nicht nur

montieren, sondern in einer Vollfertigung

samt Karosseriebau und Lackiererei die lokale

Wertschöpfung auf mehr als 50 Prozent

steigern. Lokale Produktion soll Importe

ersetzen, die mit russischen Anti-

Dumping-Gesetzen reguliert sind: In diesem

Jahr darf Claas nur zwölf Maschinen

einführen. Die Deutschen kommen den

Behörden entgegen: Wenn sie voll produzieren,

statt importierte Bauteile montieren

zu lassen, kann ihnen das Attribut „made in

Russia“ kaum verweigert werden – oder?

Es ist ein Vabanquespiel: Mit der teuren

Werkserweiterung schafft Claas Fakten, bevor

Klarheit über die Wirtschaftlichkeit besteht:

Was, wenn aller Logik zum Trotz

doch nur Rostselmasch Subventionen bekommt?

Kein Wunder, dass keine Bank direkt

an der Finanzierung des Werksausbaus

beteiligt ist. Claas finanziert ihn komplett

aus Eigenkapital oder über Anleihen.

Die Russland-Krise schlägt ohnehin auf

die Geschäfte durch. Im ersten Quartal

2014 brach der Rubel-Kurs gegenüber dem

Euro um mehr als ein Fünftel ein. Da in

Claas-Landmaschinen derzeit zu 75 bis 80

Prozent europäische Komponenten verbaut

werden, stiegen die Geräte dadurch

im Preis – aber auch die der russischen

Hersteller, die mangels heimischer Zulieferer

ebenfalls im Westen einkaufen.

Bei Claas traf dies vor allem den Absatz

von Traktoren, die die Landwirte im Frühjahr

und Herbst bestellen. Finanzchef Michael

Ritter musste Kunden entgegenkommen,

indem er Verträge zu fixierten Rubel-

Kursen abschloss. „Viele sahen den Rubel

weiter schwächeln“, sagt Ritter, also stellten

sie Investitionen in neue Technik zurück.

Bis heute steht der Hof voll bei Claas am

westlichen Stadtrand von Krasnodar. Vor

allem Traktoren und Mähdrescher parken

neben der Fabrik, Hunderte sind es mittlerweile.

Die Traktoren will Ritter im Herbst

vom Hof kriegen. Bei Mähdreschern sei ein

hoher Bestand Anfang Juni normal: Russische

Kunden ließen sie „kurz vor knapp“

ausliefern, um so die hohen Zinskosten

von 15 bis 16 Prozent pro Jahr zu sparen.

Inzwischen hat Claas halbwegs die Kurve

gekriegt: Ende Mai, als die Bestellungen

für Mähdrescher eingingen, stieg der Ru-

Noch nicht ganz erholt

Landwirtschaftliche Produktion in Russland

(in Mio. Tonnen)

7

6

5

4

3

2

1

Mais

0

2003 2005 2007 2009 2011

Quelle: Föderaler Statistikdienst der

Russischen Föderation

Weizen

Gerste

Raps

2013

MIESES INVESTITIONSKLIMA

Die Russland-Nachfrage allein wird die

künftige Kapazität von Claas in Krasnodar

vorerst nicht auslasten. Die Branche erwartet

2014 für Russland einen Gesamtabsatz

von 5500 Mähdreschern, Traktoren und

anderen Landmaschinen – im Vorjahr waren

es 6000, im Rekordjahr 2008 gar 17000.

Der Agrarsektor schiebt einen gigantischen

Modernisierungsbedarf vor sich her, der

wegen teurer Kredite und des miesen Investitionsklimas

nicht umgesetzt wird.

Auf lange Sicht hoffen die Ostwestfalen

auf die russische Agrarwirtschaft, wo große

Felder profitabel zu bewirtschaften sind.

Die Deutschen haben sich hier einen guten

Ruf erarbeitet. Waleri Masergewitsch,

Technikchef der Agroholding Kuban, setzt

seit elf Jahren Claas-Mähdrescher ein. Jeder

frisst pro Saison 1200 Hektar Getreide

und wandert von den Schwarzmeer-Feldern

nach Norden, wo Gerste und Weizen

später reifen. Den Sommer über kommt jede

Maschine auf 600 Motorstunden, einen

Totalausfall gab es noch nie.

Seit einigen Tagen aber steht ein Mähdrescher

von Rostselmasch auf dem Hof. „Vor

zehn Jahren waren die technologisch keine

Alternative, inzwischen holen sie auf“, sagt

Techniker Masergewitsch. Darum hat er

sich eine Maschine zum Testen kommen

lassen. „Unsere Investitionsentscheidungen

hängen von vielen Faktoren ab“, sagt er,

„der deutlich günstigere Anschaffungspreis

ist einer davon.“ Wie lange er noch bevorzugt

deutsche Drescher kaufe? Keine Antwort.

Den Kampf ums Korn hat Claas in

Russland noch nicht gewonnen.

n

florian.willershausen@wiwo.de

FOTO: PHOTOSHOT/VALERY MATYTSIN

54 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

Frack you, Putin!

ENERGIE | Die riesigen Schiefergasreserven Europas anzuzapfen zerstört die Umwelt

und ist zu teuer. Das galt bisher. Gelingt es jetzt mit neuen schonenden Verfahren die

Lagerstätten zu erschließen – und unabhängig vom russischen Gas zu werden?

Mitten in der Einsamkeit

Nordpolens rumpelten fast

zwei Dutzend Trucks im

vergangenen November

über Landstraßen. Auf den

Ladeflächen hatten sie Pumpen, Chemikalien

und Tonnen von Keramikkügelchen.

Ihr Ziel: ein umzäuntes Gelände,

groß wie ein Fußballfeld, umgeben von

Wiesen und Wäldern, nahe dem 300-Seelen-Dorf

Lewino, 50 Kilometer nordwestlich

von Danzig.

Zuvor hatten die Laster schon mehr als

1,2 Millionen Liter Wasser herangekarrt,

das nun in grauen Tanks auf dem Gelände

ruhte. Rund 40 Arbeiter in roten Overalls

und Schutzhelmen befestigten Schläuche

an den Trucks, verlegten Rohre zu einem

Bohrloch und prüften Ventile. Dann pressten

sie mit Pumpen das Wasser, vermischt

mit den Chemikalien und den Keramikkügelchen,

in den Boden.

Die Mixtur sprengte Risse in eine knapp

50 Meter dicke Schicht Tongestein, die

dreieinhalb Kilometer tief unter der Erde

liegt – das berühmt-berüchtigte Fracking.

Auftraggeber war das irische Unternehmen

San Leon Energy, das die Bohrrechte

hier im Baltischen Becken nahe Lewino

besitzt. Die Firma ist eine Art Rohstoffmaulwurf,

der unkonventionelle Öl- und

Gasfelder in Europa und Nordafrika aufspürt;

der bekannte US-Investor George

Soros hält rund ein Fünftel der Anteile.

Die Gasmenge, die aus dem Bohrloch

strömte, ließ die Ingenieure jubeln. „Es

war die bisher erfolgreichste Schiefergasbohrung

in Polen“, sagt Joel Price, Technikchef

von San Leon, „vielleicht sogar in

ganz Europa.“ Noch in diesem Sommer

wollen seine Experten in 3500

Meter Tiefe eine knapp zwei Kilometer

lange, waagerechte

Bohrung in das meist als Schiefergestein

bezeichnete Sediment

treiben.

Vorbild sind die USA, wo das

Fracking einen Rohstoffboom

historischen Ausmaßes ermöglicht

hat. Neben San Leon haben

im Baltischen Becken die US-

Konzerne BNK Petroleum und

ConocoPhillips gerade Bohrungen

beendet. Sie werten nun die

Ergebnisse aus. Läuft alles nach Plan,

könnten sie ab 2015 kommerziell Schiefergas

fördern.

Für die europäische Energieversorgung

wäre das eine Zäsur. Denn es könnte einen

Run auch auf andere Schiefergasfelder des

Kontinents auslösen: Nicht nur in Polen,

auch in der Ukraine, in England, Spanien

und Rumänien gibt es Pläne, diese unkonventionellen

Erdgasvorkommen zu erschließen.

Geologen schätzen die Schiefergasressourcen

zwischen Kiew und

Madrid auf 15 Billionen Kubikmeter – genug,

um den Gasbedarf des Kontinents für

30 Jahre komplett zu decken.

Moskau könnte im

Ukraine-Konflikt

Gas zum Druckmittel

machen

Serie

Fossile Energie

In drei Folgen

untersuchen wir in den

kommenden Wochen,

welche Zukunft Erdgas,

Erdöl und Kohle als

Energieträger haben.

In Deutschland und den Niederlanden

ringen die Gesetzgeber

noch darum, ob sie die Förderung

erlauben sollen. Ein Erfolg

in Polen könnte die Befürworter

des Verfahrens stärken

(siehe Kasten Seite 60).

Umso mehr, als die Debatte

um Fracking in Europa eine besondere

Brisanz durch die Ukraine-Krise

bekommt, die seit Monaten

schwelt. Denn rund ein

Drittel seines Erdgases bezieht

Europa aus Russland – und

schon länger fürchten Politiker in Brüssel

und dem Rest der Europäischen Union,

Präsident Wladimir Putin könnte als Reaktion

auf Wirtschaftssanktionen Europas den

Gashahn zudrehen. Die Versorgung wäre

auch dann gefährdet, wenn Extremisten im

Zuge des Konfliktes Pipelines durch die

Ukraine angriffen und den Transport russischen

Gases Richtung Westen blockierten.

SINKENDE ENERGIEPREISE

Erschlösse aber Europa seine Schiefergasreserven,

wäre die EU in den Machtspielen

um den wertvollen Energieträger nicht

mehr erpressbar – frack you, Putin! Und es

wäre auch weniger auf Flüssiggas angewiesen,

das per Tanker aus Nordafrika oder

dem Nahen und Mittleren Osten kommt.

Auch alles andere als politisch stabile Regionen

(siehe Grafik Seite 62).

Zudem könnte das europäische Schiefergaspotenzial

nicht nur russische Importe

rund 100 Jahre lang ersetzen. In den USA

hat der Schiefergasboom zudem durch

niedrige Energiepreise Hunderttausende

neuer Jobs geschaffen (siehe Kasten Seite

ILLUSTRATIONEN: DMITRI BROIDO; KRISTINA DÜLLMANN; FOTO: MAURITIUS IMAGES / ALAMY

56 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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30

Jahre könnte

Schiefergas

Europa versorgen

2

Chemikalien sollen

künftig zum

Fracken reichen

15

Millionen Euro

kann eine

Bohrung kosten

58). Zusätzlich verdrängt das Erdgas dort

die schmutzigere Kohle aus den Kraftwerken.

Auch Europa könnte seine Klimabilanz

mit dem vergleichsweise umweltfreundlichen

Energieträger aufpolieren.

Versorgungssicherheit, Klimaschutz,

Wirtschaftswachstum – die europäischen

Schiefergasvorkommen stellen ein gewaltiges

Versprechen dar.

Ob es sich einlösen lässt, ist noch nicht

sicher. „Wie viel des Gases sich an die

Oberfläche holen lässt, weiß derzeit niemand

genau“, sagt Alexandra Vetter, Schiefergasexpertin

am Deutschen Geoforschungszentrum

in Potsdam. Dafür habe

es zu wenige Probebohrungen gegeben.

Die Explorationsmaulwürfe in Nordpolen

machen gerade erst den Anfang.

KOMMT DAS SAUBERE FRACKING?

Aber nicht nur die geologischen Bedingungen

bieten Anlass für reichlich Fragen.

Auch die möglichen Folgen des Frackings

für die Umwelt sind noch nicht absehbar.

Das Verfahren verbraucht nicht nur immense

Mengen Wasser. Mit ihm pumpen

die Rohstoffjäger auch Chemikalien in den

Boden – und mit dem Gas kommen Giftstoffe

aus dem Erdreich an die Oberfläche.

Immerhin versuchen die Unternehmen,

die Risiken für die Natur zu reduzieren. In

Deutschland ist das allen voran der Ableger

des US-Ölriesen ExxonMobil. Dessen

Vertreter verweisen darauf, dass schon seit

1961 in deutschem Sandstein gefrackt werde,

rund 320 Mal bisher. Allerdings: Um

das extrem dichte Schiefergestein aufzusprengen,

ist sechs Mal mehr Wasser nötig

als in den Tight-Gas-Lagerstätten aus

»

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 57

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Technik&Wissen

VEREINIGTE STAATEN

Doping für

Unternehmen

Der Rohstoffboom in den USA

schafft Hunderttausende Jobs –

und lindert die Wirtschaftskrise.

Wenn Barack Obama 2017 aus dem

Präsidentenamt scheidet, werden sich

die Kommentatoren in Washington über

sein Erbe streiten. Eines aber wird klar

sein: Unter seiner Ägide ist das Land

wieder zur Energie-Supermacht geworden.

Maßgeblichen Anteil daran hat das

Fracking, durch das große Erdöl- und

Erdgasmengen im Schiefergestein zugänglich

wurden. Es hat nicht nur die

Abhängigkeit von Energie-Importen gesenkt,

sondern ist auch maßgeblich für

den zarten Wirtschaftsaufschwung der

vergangenen Jahre verantwortlich.

Ökonomen der Purdue-Universität im

Bundesstaat Indiana zufolge fällt das

Bruttoinlandsprodukt der USA pro Jahr

zwischen 2008 und 2035 um 3,5 Prozent

höher aus als ohne den Rohstoffboom.

Auch die Bürger profitieren: Sie

zahlten im März dieses Jahres nur halb

so viel für ihr Erdgas wie 2008, als der

Gasboom begann. Bis 2023 will die Chemieindustrie

zudem rund 100 Milliarden

Dollar in neue Produktionsstätten investieren

– eine Folge der günstigen Preise

für chemische Grundstoffe und Energie.

DIE BONANZA GEHT WEITER

Aber auch in den USA ist der Boom umstritten.

Zwar sind bisher kaum Fälle

nachgewiesen, in denen Fracking das

Grundwasser verunreinigte. Dennoch kritisieren

Umweltschützer Folgen der

Energieschwemme wie entgleiste und

explodierte Güterzüge mit Schieferöl an

Bord und Tausende zusätzlicher Trucks

voll Wasser und Chemikalien auf den

Highways. Oder Förderunternehmen, die

giftige Flüssigkeiten aus den Bohrlöchern

in die Landschaft kippen.

Eines ist aber klar – der Rohstoffboom

wird nicht so schnell enden, selbst wenn

die Förderraten bei Schiefervorkommen

rasch sinken. Aber es gibt ein wirksames

Mittel, um die Öl- und Gas-Bonanza am

Laufen zu halten: bohren, bohren und

nochmals bohren.

»

porösem Sandstein. Entsprechend mehr

Lkws müssen Wasser heranschaffen und

abtransportieren, wenn es zurück an die

Oberfläche kommt.

Um die Fördermethode umweltverträglicher

zu machen, haben Chemiker im Auftrag

von ExxonMobil in den vergangenen

Monaten versucht, die giftigen Substanzen

im Fracking-Gemisch zu ersetzen. Bisher

sorgten rund 25 mögliche chemische Zusätze

unter anderem dafür, die Flüssigkeit

anzudicken, damit sie sich leichter ins

Bohrloch bringen lässt. Mit ihrer Hilfe flutschen

zudem Sand oder Keramikkügelchen

besser in die Risse im Schiefer und

halten diese so offen. Andere Zusätze lösen

dieses Gel später wieder auf.

Im Labor entwickelten die Chemiker eine

Mixtur, die viele Zusätze überflüssig machen

soll. Nur noch zwei Additive will ExxonMobil

künftig für Schiefergasprojekte

in Deutschland einsetzen. Und die beiden

sind laut EU-Klassifizierung weder giftig

noch gesundheitsgefährdend. Damit wäre

die Grundwassergefahr gebannt – und das

Fracking im Sandstein schmutziger als sein

Pendant im Schiefergestein.

UMDENKEN DER SKEPTIKER

Laut ExxonMobil besteht der in Labortests

untersuchte Frackcocktail zum einen aus

Cholinchlorid, das Hühnerzüchter auch

als Masthilfe einsetzen. Der zweite Zusatz

mit dem komplizierten Namen Butyldiglycol

kommt in Lacken und Haushaltsreinigern

vor und kann die Augen reizen. Ob

das Spargemisch im Schiefer funktioniert,

könnten aber nur Pilotprojekte zeigen,

heißt es bei ExxonMobil.

Experten wie Hans-Joachim Kümpel,

der Leiter der Bundesanstalt für Geowissenschaften

und Rohstoffe in Hannover,

sprechen sich schon länger für wissenschaftlich

begleitete Pilotbohrungen in

Deutschland aus. Nun kommt sogar Unterstützung

von bisherigen Kritikern des

Verfahrens: Aus dem Umweltbundesamt

(UBA) ist zu hören, die Behörde halte ein

generelles Verbot von Schiefergasfracking

mit der neuen ExxonMobil-Mixtur nicht

mehr für nötig. Das Unternehmen müsse

aber auch die Rückläufe aus dem Boden

aufbereiten, eine salzige Brühe, die neben

Frackmitteln krebserregende Benzole,

Schwermetalle und radioaktive Substanzen

enthalten kann. Machbar wäre das

nach Ansicht von Experten, die das UBA

beauftragt hat.

Freilich, das neue Verfahren überzeugt

nicht alle. Greenpeace kritisiert: Selbst

wenn das Frackgemisch ungefährlich wäre,

seien die rücklaufenden Flüssigkeiten

zu umwelt- und gesundheitsschädlich. Sie

könnten bei Unfällen austreten. Bedenklich

bleibe der hohe Wasserverbrauch.

Aber auch für dieses Problem gibt es

mittlerweile eine Lösung. So hat das Chemie-Start-up

TouGas aus Frankfurt am

Main ein Gel entwickelt, um statt mit

Trinkwasser – nur darin lösten sich bisher

die Chemikalien optimal – mit Salzwasser

zu fracken. Damit lässt sich das Wasser immer

wieder im Kreislauf in die Schiefergasfelder

pressen. Ob die Europäer das Produkt

jemals im großen Stil einsetzen, wagt

TouGas-Chef Tore Land nicht vorauszusagen.

Derzeit kommen seine Kunden vor allem

aus Kanada und den USA, aber zunehmend

auch aus China und der Golfregion.

„Dort“, sagt Land, „hat der nächste Schiefergasboom

schon begonnen.“

In Europa werde das noch länger dauern,

warnen einige Experten. Für eine nennenswerte

Schiefergasproduktion fehle es

an Bohrausrüstung und Daten, wo eine Erkundung

lohne, sagt Alexander Weiss, Senior-Partner

und Energiespezialist bei

McKinsey Deutschland. Zudem hätten

Landbesitzer kaum Interesse an Bohrungen

unter ihren Grundstücken, weil sie

nicht die Rechte an den Rohstoffen besäßen.

„Damit verdienen sie auch nicht an

der Förderung“, erklärt Weiss.

All das wird zumindest anfangs die Preise

nach oben treiben. Bis zu 15 Millionen

Euro könnte eine Schiefergasbohrung in

Europa kosten, schätzt Quentin Philippe,

Energieexperte bei der Boston Consulting

Group in London – mehr als doppelt so viel

Ersatz für Russland

Technisch förderbareSchiefergasvorkommen

europäischer Staaten*(in Billionen

Kubikmeter) und Stand der Förderung

2,3 bis 6,4

4,8

3,6

0,3 bis 1,8

1,4

1,3

0,5

0,5

0,3

0,15

Großbritannien (Bohrungen geplant)

Frankreich (Moratorium)

Ukraine

* Auswahl; Quelle: EIA, BGS, PGI, BGR, USGS

(erste Bohrungen)

Polen (erste Bohrungen)

Rumänien (Bohrungen geplant)

Deutschland (Gesetzesvorhaben)

Bulgarien (Moratorium)

Niederlande (Gesetzesvorhaben)

Dänemark (Bohrungen geplant)

Russische Exporte in die EU (pro Jahr)

58 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Stochern in der Tiefe

Bis zu 3500 Meter

unter der Erdoberfläche

suchen die Arbeiter

nach Erdgas

FOTO: BLOOMBERG NEWS/BARTEK SADOWSKI

wie in den USA. Aber selbst dann könnte

Schiefergas mit einem Preis von rund 28

Cent pro Kubikmeter mit Erdgas aus Russland

konkurrieren, glaubt Alexander Gusev,

der am Institute for Advanced Sustainability

Studies in Potsdam zu Schiefergas

forscht. Gäbe es erst einmal genug Bohrfirmen,

würden die Preise sinken.

Allerdings, bisher ist all das nur Theorie.

Erst die Praxis kann beweisen, wie hoch

der Ertrag europäischer Schiefergasfelder

tatsächlich ist – und das bestimmt am Ende

auch den Preis. Damit entwickelt sich Polen

aktuell zu einer Art Testlabor. Hier wird

sich zeigen, ob sich Gas durch Fracking in

ausreichender Menge und zu akzeptablen

Kosten gewinnen lässt.

Nahe Danzig, wo San Leon, BNK und

ConocoPhillips bohren, zeigt sich außerdem,

wie langwierig es ist, Schiefergasfelder

zu erschließen: San Leon erhielt die Erkundungsrechte

bei Lewino schon 2009.

Nach Untersuchungen der Erdschichten

mit winzigen künstlichen Erdstößen erfolgten

erste Fracks erst im Sommer 2013.

Und dann mussten die Techniker und

Chemiker erst drei Chemiecocktails ausprobieren,

bis sie im November Erfolg

hatten. Denn die Fracking-Risse verklebten

im Tongestein nach kurzer Zeit wieder.

Das Gas floss nur kurz. Mit einer höheren

Konzentration an Keramikkugeln

klappte es schließlich, die Risse offen zu

halten. „Den Code eines Feldes knacken“,

nennen Experten das Verfahren aus Versuch

und Irrtum. Für die von San Leon geplanten

horizontalen Bohrungen werden

daher ebenfalls mehrere Dutzend Anläufe

nötig sein.

Manchen sind diese Hürden zu groß.

Branchenriesen wie ExxonMobil, Total

und Eni haben ihre Bohrtürme in Polen

wieder abgebaut. Sie hatten sie auf den

teils 1000 Quadratkilometer großen Pachtflächen

an die falschen Stellen gesetzt. Die

Ergebnisse waren enttäuschend.

Aber auch San Leon hat noch nicht alle

Rätsel des Baltischen Beckens gelöst: Zwischen

die Schiefergas führenden Schichten,

auf die es das Unternehmen abgesehen

hat, zwängt sich eine acht Meter dicke

»Jedes Schiefergasfeld

stellt

eine neue Herausforderung

dar«

Tonschicht. Soll die Förderung wirtschaftlich

sein, muss das Unternehmen auch

diese Barriere dauerhaft durchbrechen, sodass

Gas aus beiden Reservoirs zusammen

an die Erdoberfläche strömen kann.

„Solche Herausforderungen hält jedes

Schiefergasfeld bereit, und alle sind anders“,

sagt der Geologe Pawel Poprawa von

der Technischen Universität Krakau. Um

gesicherte Ergebnisse zur möglichen Fördermenge

in Polen zu erhalten, sind Hunderte

weitere Testbohrungen nötig, glaubt

er. Bis heute sind nur rund 60 erfolgt.

ALTERNATIVE ZU FÜSSEN

Neben dem wehrhaften Tongestein warteten

noch weitere Probleme auf die Unternehmen,

erklärt Poprawa. So sei der Gasgehalt

im polnischen Schiefergestein niedriger

als in den besten US-Feldern. Die

Schichten seien insgesamt dünner und

enthielten deshalb weniger des fossilen

Rohstoffs. Darüber hinaus lägen sie teils

1000 Meter tiefer, was die Bohrungen teurer

mache. Für den Geologen bedeutet all

das trotzdem nicht, dass die Förderung in

Polen unmöglich sei. „Sie ist nur aufwendiger

als in den USA.“

Und so wollen zahlreiche Unternehmen

in den kommenden Monaten weitere europäische

Schiefergaslager erschließen. In

der Ukraine etwa möchte die staatliche Mineralienbehörde

in Kürze 18 neue Explorationslizenzen

vergeben.

Kein Wunder, denn die Regierung in

Kiew würde lieber heute als morgen auf

russisches Gas verzichten. Dauert die Krise

in dem Land weiter an, könnten bald auch

Politiker in anderen europäischen Hauptstädten

so denken. Eine Alternative zu

Russland gibt es schließlich – sie liegt direkt

unter ihren Füßen.

n

benjamin.reuter@wiwo.de

Lesen Sie weiter auf den Seiten 60 und 62 »

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 59

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Technik&Wissen

FRACKING IN DEUTSCHLAND

Brüchiges Tabu

Kaum ein Politiker spricht sich offen für Fracking aus. Trotzdem könnte

die Förderung bald beginnen – dank einer juristischen Lücke.

Schwebezustand, der sich an den Standards

eines Rechtsstaat nur schwer messen

lässt.

Auf der einen Seite schreibt das Bergrecht

den Behörden vor, nach welchen

Kriterien Bohrlizenzen zu vergeben sind.

Ihr Spielraum ist begrenzt, denn es handelt

sich nicht um Ermessens-, sondern

um gebundene Entscheidungen. Das

heißt: Sind bestimmte Kriterien erfüllt,

muss die Lizenz erteilt werden. Zuständig

für die Gesetzgebung ist der Bund,

die Ausführung dagegen ist den Ländern

überlassen. Zwar kann der Bund das

Bergrecht ändern. Doch wenn Unternehmen

ihre Anträge jetzt stellen, gilt das

Recht in seiner aktuellen Form. Nur:

Wegen der Länder-Moratorien haben die

Unternehmen bislang keine Anträge

gestellt. NRW und Niedersachsen – wo

die meisten Vorkommen lagern – haben

ihre Behörden angewiesen, Anträge auf

Schiefer-Fracking nicht zu prüfen,

solange die Risiken nicht endgültig geklärt

sind.

Das Unternehmen CEP hat am 17. Juni

an der Ostseeküste gefr... „Nein, nein,

nein, was wir tun, hat mit Fracking nichts

zu tun!“ Sobald jemand das böse F-Wort

in den Mund nimmt, schreitet Jens Müller

ein. Er ist bei dem deutsch-kanadischen

Unternehmen CEP für die Kommunikation

verantwortlich. Fakt ist: CEP, spezialisiert

auf die Erdölförderung in Deutschland,

hat in der Nähe des Örtchens Saal

an der mecklenburgischen Ostseeküste

eine mit Chemikalien versetzte Flüssigkeit

in den Boden gepumpt, um den Zufluss

zu seiner Erdölprobebohrung zu verbessern.

In normalen Zeiten wäre dies allenfalls

einem Energie-Fachmagazin eine

Meldung wert gewesen. Doch als in Saal

die Bohrung losging, wurde demonstriert,

sogar das Fernsehen war vor Ort.

RECHTLICHER SCHWEBEZUSTAND

Damit ist die höchste Stufe der öffentlichen

Hysterie erreicht. Seit Jahrzehnten

wird in Deutschland im weiteren Sinn „gefrackt“,

also die Förderung von Erdöl oder

Erdgas durch den Einsatz chemisch aufbereiteter

Flüssigkeiten unterstützt. Nie

hat das jemanden interessiert. Doch seit

aus den USA die Bilder brennender Wasserhähne

ihren Weg nach Deutschland

gefunden haben, ist alles anders. In Nie-

EINDEUTIG RECHTSWIDRIG

Hysterie in Großbuchstaben Protest gegen

Ölförderung in Mecklenburg-Vorpommern

Nun räumen aber selbst die Vertreter von

Bergbehörden ein: Um diese Risiken zu

klären, müsste man eine Probebohrung

dersachsen, wo die meisten Energierohstoffe

lagern, gilt ein Moratorium für neue Bohrungen

jeder Art; gerade wird es zwar auf

Schiefergestein beschränkt, dafür aber verlängert.

In Nordrhein-Westfalen hat sich Ministerpräsidentin

Hannelore Kraft sogar auf

die bastahafte Aussage festgelegt: „Solange

ich Ministerpräsidentin bin, wird es in

NRW kein Fracking geben.“ Zugleich

stimmt das Bundeswirtschaftsministerium

dieser Tage einen Gesetzentwurf mit den

Kollegen aus dem Umweltressort ab, der

Fracking noch in diesem Sommer, spätestens

aber ab Herbst, regeln soll. All das

trägt jedoch nicht zur Klärung der entscheidenden

Frage bei: Hat Fracking in Deutschland

noch eine Chance?

Bernd Westphal zumindest will nicht aufgeben.

„Ich hoffe, wir können eine faktenbasierte

Debatte über die Chancen und Risiken

von Fracking führen.“ Westphal, SPD,

Mitglied im Energieausschuss des Deutschen

Bundestags und Bergmannssohn,

will Fracking wenigstens erforschen. Denn

vornehmen. Theoretische Expertise liegt

zur Genüge vor. Einer Studie von Exxon-

Mobil, welche die grundsätzliche Unbedenklichkeit

der Technologie ergab, haben

die Folgegutachten von Bund und

NRW im Kern nicht widersprochen.

So ergibt sich eine rechtlich höchst bedenkliche

Lage: Behörden schieben Entscheidungen

vor sich her und verweisen

auf Bedingungen, die Unternehmen gar

nicht erfüllen können – und das auf unbestimmte

Zeit. Entsprechend klar ist die

Meinung von Experten: „Die Moratorien

der Bundesländer gegen Fracking sind

eindeutig rechtswidrig“, sagt Walter

Frenz, Professor für Bergrecht an der

Universität Aachen. Sollte nun der Bund

ein Gesetz erlassen, das die Bedingungen

für Fracking detaillierter regelt, wären die

Moratorien endgültig hinfällig: „So ein Gesetz

müssten Gerichte als eindeutige Indizien

werten, dass der Bund den Abbau

grundsätzlich befürwortet“, sagt Bergrechtler

Frenz. Fehlt nur noch ein

wie soll man die Gefahren einschätzen, Unternehmen, das sich traut.

n

wenn man es noch nicht mal ausprobiert?

konrad.fischer@wiwo.de

Doch so einfach ist das nicht, juristisch

herrscht in Sachen Fracking gerade ein Lesen Sie weiter auf Seite 62 »

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/JENS BÜTTNER

60 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 61

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Technik&Wissen

Eiskalte Alternative

FLÜSSIGGAS | In Europa wächst die Sorge, die Ukraine-Krise

könnte die Versorgung mit russischem Erdgas gefährden.

Daher setzen viele Länder auf verflüssigtes Erdgas, kurz LNG

(Liquefied Natural Gas). Auf –160 Grad Celsius gekühlt, lässt es

sich problemlos transportieren. Doch noch mangelt es an

effizienten Verflüssigungsanlagen auf dem Meer und an Land

sowie an Tankschiffen – und auch der Preis muss stimmen.

Funkturm

Wohn- und

Verwaltungsblock

Erdgasverflüssigungsanlage

Abfackelturm

Schwimmende Fabrik

Riesige Bohrschiffe –größer

als Flugzeugträger –holen

dasErdgasaus demMeer,

verflüssigenesund pumpen

es in Tanker.Eines der ersten

wird in Südkoreagebautund

soll 2016 vorAustralien

seinen Betrieb aufnehmen.

Meeresgrund

in

130 m

Tanks

Mächtige Isolierschichten

machen

eine Kühlung

überflüssig.

Auspuff

Grafi

Stromgeneratoren

Flüssiggas

(–160 °C)

UmweltfreundlicherAntrieb

Moderne LNG-Tanker nutzenErdgas Kompressor

als Brennstofffür den Motor. Ein

Schiffkostetrund220 Millionen Dollar.

Es fasst150 000 Kubikmeter, dasdeckt

den Jahresbedarfvon 73 000 Einfamilienhäusern.

Motor

Antriebsschraube

488 Meter

Knappe Tankschiffe

Wollte Europa 2020 gänzlich aufrussisches Erdgasverzichten, wären weitere 87 LNG-

Tanker nötig. Das Problem: Nur eine HandvollWerften weltweit baut diesen Schiffstyp.

2014

2020

ILLUSTRATION: CYPRIAN LOTHRINGER

Quellen: trend:research; Nord/LB; Wood Mackenzie

392 87

x10

Fördertiefe

3000 m

Erdgas

62 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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WeiteWege

237,7Millionen Tonnen Flüssiggas wurden 2012

internationalgehandelt.Nur 48,4 Millionen Tonnen

gingen nachEuropa, fast der gesamteRest landete

in Asien.Hauptexporteure sind Katar, Algerien,

Nigeria, Malaysia,Indonesien, Trinidad undRussland.

Spätestens ab 2020 wollen auch Australien unddie

USA verstärktFlüssiggas exportieren.

AngabeninMillionen Tonnen pro Jahr

Ausreichende Kapazität

In rund 40 europäischenHäfen gibt

es Terminals,die ausflüssigem

Erdgaswieder gasförmigesmachen.

Deren Kapazität genügt auch für

weiter steigendeImportmengen.

DurchPipelines gelangtdas Gas zu

den Verbrauchern.

Terminal

USA

k

USA

1,9

Trinidad

Algerien

10,3

Europa

Ägypten

2,0

Nigeria

8,7

Katar

23,0

74 Meter

Peru

1,9

Bohrschiff

Australien

KonkurrenzfähigePreise

Bereitsheuteist Flüssiggas in Deutschland

ähnlichteuerwie russisches Erdgas.

AngabeninUS-Dollar pro Energieeinheit*

2014

russisches Gas

2020

*Million British Thermal Units, entspricht rund 293 kWh

10

10,9

10 bis 12

10,9

Wachsender Markt

Das LNG-Angebot könnte ab 2017

dieNachfrage übersteigen.

AngabeninMilliarden Kubikmeterpro Jahr

500

400

300

200

100

0

LNG-Bedarf

weltweit

2014

2017

2020

Westafrika

Südamerika

Süd- und Ostafrika

Nordamerika

Nordafrika

Mittlerer Osten

Europa

Asien

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 Redaktion: Andreas Macho, Benjamin Reuter

63

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Technik&Wissen

»Pornos und Pizzas«

INTERVIEW | Sharon Conheady Die IT-Sicherheitsexpertin attackiert

Firmen – in ehrenwerter Mission. Sie stößt auf Haarsträubendes.

DIE DATENDIEBIN

Conheady ist Direktorin beim britischen

IT-Dienstleister First Defence Information

Security. Um Schwachstellen aufzudecken,

versucht sie, in Unternehmen Daten zu

stehlen. Sie ist erschreckend erfolgreich –

dank der Leichtgläubigkeit vieler Menschen.

Frau Conheady, um Sicherheitslücken in

Unternehmen zu finden, setzen Sie nicht

auf Spionageprogramme, um aus der Ferne

anzugreifen, sondern versuchen, Menschen

vor Ort zu übertölpeln. Wie leicht

fallen die auf solche Social Hacks herein?

Die Überwindung, so vorzugehen, ist zwar

groß. Aber es funktioniert eigentlich immer.

2007 etwa gab es einen spektakulären

Fall in London, bei dem sich Datendiebe

als Polizisten verkleidet hatten und in einem

Unternehmen vorgaben, am Dach etwas

kontrollieren zu müssen. Tatsächlich

sind sie dann mit Computer-Servern rausspaziert,

auf denen eine Menge Daten lagen.

Oder denken Sie an Edward Snowden,

der der NSA Informationen gestohlen hat.

Das war wohl der größte Social Hack.

Verkleiden Sie sich auch als Polizistin,

wenn Sie zu Ihren Hacks aufbrechen?

Nein. Das Tragen solcher Uniformen als

Unberechtigter ist fast überall verboten.

Ich nutze eine Menge anderer Verkleidungen:

als Reinigungskraft, Schädlingsbekämpferin

oder Wartungstechnikerin. Einmal

im Gebäude, versuche ich, Menschen

dazu zu bringen, etwas zu tun, was sie

sonst nicht machen würden – etwa Informationen

preiszugeben, die sie normalerweise

nicht einfach rausrücken würden.

Dieses Social Engineering klappt auch per

Fax oder E-Mail.

Aber so blöd sind die Leute doch auch

nicht und beißen bei jedem Köder an.

Wir nutzen ihre Schwächen aus, ihre Neugierde.

Wenn wir im Unternehmen drin

sind, lassen wir dort etwa CDs oder USB-

Sticks liegen. Wir schreiben „Gehaltsinformation“

oder „Porno“ darauf und deponieren

sie auf der Toilette – als hätte sie jemand

dort verloren. Sobald ein Mitarbeiter

den USB-Stick in seinen PC steckt, installiert

sich Schadsoftware, die dann beispielsweise

Passwörter ausforscht.

Laut der Sicherheitsberatung Corporate

Trust sind drei von vier Mitarbeitern auf

solche Attacken nicht vorbereitet. Wie

können sich Unternehmen schützen?

Zuerst einmal müssen die Mitarbeiter wissen,

dass Social Hacking Alltag ist. Viele

glauben, das gäbe es nur in Hollywood-Filmen.

Aber es passiert ständig, und es passiert

in unserer Nähe. Die Leute brauchen

also ein Problembewusstsein, dass sie immer

Ziel einer Attacke werden können.

Wie lässt sich das Bewusstsein schärfen?

Zuallererst gilt: skeptisch sein – immer und

überall. Denn die Angriffe passieren zum

Beispiel auch zu Hause. Manche Täter

durchsuchen die Mülltonnen vor Ihrem

Haus nach Kreditkarteninformationen.

Was ist der effektivste Trick, damit

Menschen Informationen preisgeben?

Je personalisierter ein Angriff ist, desto erfolgreicher

wird er sein. Das geht oft ganz

einfach. Ein Unternehmen hatte etwa den

»Soziale Netzwerke

sind eine Fundgrube

für Hacker«

Benefiz-Lauf seiner Mitarbeiter auf der

Homepage angekündigt. Also schickten

wir eine E-Mail an alle Beschäftigten, in der

stand, dass sie im Anhang ihre Laufzeiten

finden – und viele haben geklickt. Tatsächlich

aber befand sich in der Datei Schadsoftware.

Schon dieses Stückchen Information

genügte für den großen Angriff.

Solches Glück haben Sie kaum jedes Mal.

Nein, dafür sind soziale Netzwerke eine

Fundgrube für Angreifer. Dort veröffentlichen

die Leute haufenweise persönliche

Daten, die Hacker für gezielte Angriffe verwenden

können. Die Menschen müssen

sich immer fragen: Welche Information

kann wie gegen mich verwendet werden?

Nennen Sie etwas Ungewöhnliches.

Zum Beispiel kann eine so harmlos wirkende

Angabe wie die Lieblingspizza das

Passwort für den PC sein, Menschen ticken

nun einmal so. Bei einem Angestellten, in

dessen Unternehmen wir einbrachen, fand

sich seine Lieblingspizza – Quattro Stagione

– in einem sozialen Netzwerk. Also bestellten

wir ihm die Pizza, schickten sie ihm

und kamen so in Kontakt. Das war unser

Angriffspunkt, um über ihn das Firmennetzwerk

zu hacken. Es gibt immer irgendeinen

Mitarbeiter, der zu viele Informationen

preisgibt. Und es braucht immer nur

eine Person, um Zugang zum gesamten

Unternehmen zu bekommen.

Ist es eigentlich leichter, den Chef zu

hacken oder die Mitarbeiter?

Wir suchen immer nach dem leichtesten

Ziel. Und wenn der Chef viel Persönliches

veröffentlicht, versuchen wir es bei ihm.

Noch mal: Es gibt jede Menge Quellen, aus

denen Angreifer schöpfen können. Denken

Sie an den Hack des E-Mail-Kontos der

US-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah

Palin. Die Antworten auf die Sicherheitsfragen,

mit der sich das Passwort ihres

Kontos zurücksetzen ließ, hatten die Angreifer

in Palins Autobiografie gefunden!

Sie sollten sämtliche Tricks kennen.

Wurden Sie trotzdem auch selbst schon

Ziel von Social Engineering?

Natürlich. Ich bekomme jeden Tag Phishing-E-Mails.

Je mehr ich mich mit Social

Hacking befasse, desto bewusster wird mir,

wie oft mich andere ins Ziel nehmen.

Wie wehren Sie sich?

Ich achte darauf, keine Informationen

preiszugeben, die sich gegen mich verwenden

lassen. Auch ein Grund übrigens, warum

ich Ihnen mein Alter nicht verrate,

nach dem Sie mich vor unserem Gespräch

gefragt haben. Sicher ist sicher.

n

andreas macho | technik@wiwo.de

FOTO: PR

64 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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VALLEY TALK | Was Gründer vom deutschen

Miterfinder des Business-Netzwerkes LinkedIn

lernen können. Von Matthias Hohensee

Stundenlang wandern

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Wer Konstantin Guericke im Silicon

Valley treffen will, muss

gut zu Fuß sein. Der Mitgründer

des Business-Netzwerks

LinkedIn verbindet Meetings gerne mit

körperlicher Ertüchtigung. Doch es lohnt

sich, mit dem 47-Jährigen durch die Hügel

über Palo Alto zu stapfen. Nicht nur wegen

der traumhaften Aussicht übers Silicon

Valley, sondern vor allem wegen Guerickes

reichen Erfahrungsschatzes, den er großzügig

mit anderen teilt. Da er während seiner

fast drei Jahrzehnte im Valley schon

mindestens vier Krisen überstanden hat,

sieht er die Gefahren durch Blasen gelassen,

die viele immer wieder beschwören.

„So ganz schlimm sind sie am Ende meist

gar nicht“, sagt Guericke, der 1986 mit 19

Jahren zum Ingenieurstudium an die Elite-

Universität Stanford kam. Später startete er

eine High-Tech-Karriere als Manager bei

verschiedenen Softwareunternehmen. Damit

hat er einiges mit dem Sun-Microsystems-Mitgründer,

späteren Google-Investor

und gebürtigen Bayer Andreas von Bechtolsheim

gemein, der wie der Norddeutsche

Guericke in Stanford studierte.

Es komme immer wieder zu Übertreibungen,

besonders wenn viel Geld in die gleiche

Branche fließe, wie derzeit in Online-

Werbedienstleistungen, so Guericke. Aber

wenn der Markt groß genug sei, wie etwa

bei Unternehmenssoftware, sei auch dies

kein Problem. „Wenn das Produkt richtig

gut und überzeugend ist und vor allem viele

Nutzer hat, kann die Konkurrenz das nicht

einfach mit viel Geld aushebeln“, meint er.

Guerickes eigener großer Durchbruch

kam Ende 2002, als er mit Bekannten das

Profi-Netzwerk LinkedIn startete und als

Marketingchef für das unbekannte Start-up

die ersten Mitglieder gewann. Der Deutsche

setzte konsequent auf die kostenlose Basis-

Mitgliedschaft, heute als Freemium-Modell

bekannt. Im Rückblick gilt diese Entscheidung

als Hauptgrund, warum sich LinkedIn

rasch etablieren konnte. Von 2006 bis 2009

versuchte er sich mit dem Telefonie-Startup

Jaxtr als CEO; nicht gerade seine Stärke,

wie er heute einräumt. Seit 2009 gibt er seine

Erfahrungen weiter und berät an der

Stanford-Universität angehende Gründer.

Im April stieg Guericke als General Partner

bei Earlybird Venture Capital ein, einem

der wenigen großen deutschen Wagnisfinanziers.

Die Offerte hatte er schon länger.

Aber er schlug erst ein, als die Hamburger

versicherten, auf neue Ideen zu setzen,

statt andere zu kopieren. „Nur so kann man

etwas richtig Großes hochziehen“, ist Guericke

überzeugt. Speziell der Boommarkt

mobiler Anwendungen – sowohl für Privatleute

als auch für Unternehmen – sei so

jung, dass bewährte Modelle noch fehlten.

Außer vielleicht Freemium, an das Guericke

als einer der Pioniere weiter glaubt.

EINSICKERN IN UNTERNEHMEN

Und so hält er etwa auf Produktivität fokussierte

Freemium-Start-ups wie die Speicherplatzanbieter

Dropbox und Box für unterbewertet.

„Die Nutzer gewöhnen sich an diese

Werkzeuge, so sickern sie in Unternehmen

ein, was früher viel schwieriger war“, meint

er. Dann könnten die Gründer sich stärker

auf die Monetarisierung fokussieren – genau

wie LinkedIn das getan habe.

Und sogar bei sozialen Netzen, wo sich

Facebook und LinkedIn als Marktführer

durchgesetzt haben, sieht Guericke noch

Potenzial. Vor allem in Nischen, wie etwa einem

Netzwerk für Mediziner, das das Silicon-Valley-Start-up

Doximity betreibt. Dort

ist Guericke Aufsichtsrat.

„Die Kunst ist, einen Markt zu finden, der

eine attraktive Klientel bedient, aber gleichzeitig

so klein ist, dass die Großen einen

Einstieg nicht rechtfertigen können“, sagt

Guericke. Und dann ist natürlich ein langer

Atem erforderlich, um die Strategie durchhalten

zu können. Ausdauer also – genau

wie man sie auch bei stundenlangem Wandern

über dem Silicon Valley benötigt.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 65

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Management&Erfolg

Fokussierter Blick

PRODUKTION | Konzentration aufs Kerngeschäft, klare Verantwortlichkeiten,

nachhaltige Produkte: Mit diesen Erfolgsrezepten konnten sich die Sieger des

Wettbewerbs „Die Beste Fabrik“ gegen die Konkurrenz durchsetzen.

Wie viele Mitarbeiter bei

MDC Power für das Warten

der Maschinen zuständig

sind? Geschäftsführer Sven

Breitschwerdt hat keine

Ahnung. Mit wie vielen Wagen die Logistiker

Einzelteile an die Produktionsstraße

fahren? Keinen blassen Schimmer. Es interessiert

ihn auch nicht. Und zwar aus gutem

Grund: „Wir konzentrieren uns auf das

Wesentliche“, sagt Breitschwerdt.

Das Wesentliche ist in diesem Fall die

Montage von täglich durchschnittlich

mehreren Tausend Motoren, die der Mittelständler

aus Kölleda in Thüringen vor

allem an seine Muttergesellschaft, den

Automobilhersteller Daimler, liefert. Was

nicht zum Kerngeschäft gehört, übernehmen

externe Dienstleister. Die sind für die

Logistik innerhalb der Fabrik zuständig,

stellen das nötige Werkzeug bereit, warten

und reparieren alle Maschinen im Werk.

Taucht etwa eine Störung auf, brauchen

die externen Mechaniker durchschnittlich

nur eine Minute, bis sie mit der Reparatur

beginnen.

MDC Power bezahlt die Serviceunternehmen

pro Motor, der am Schichtende

fertig montiert ist und das Werk Richtung

Kunde verlassen kann. Ein einfaches, aber

effektives Anreizsystem: Das Werk liefert

alle Motoren pünktlich aus. Und weil die

Dienstleister eigenverantwortlich arbeiten,

können sich Breitschwerdt und seine etwa

1000 Mitarbeiter ausschließlich auf die

Produktion der Motoren fokussieren. „Wir

wollen schlank bleiben“, sagt Geschäftsführer

Breitschwerdt, „obwohl wir uns in

der Vergangenheit alle 18 Monate verdoppelt

haben.“

Breitschwerdts Führungsteam besteht

aus gerade mal zwölf Verantwortlichen.

Ein Mittelmanagement gibt es genauso

wenig wie ein separates Verwaltungsgebäude,

interne E-Mails sind tabu. Kurze

Kommunikationswege statt digitaler

Nachrichtenflut. Nah an der Produktion,

statt sich in der Chefetage hinter Aktenstapeln

zu verkriechen. Das Managementteam

kennt das Kerngeschäft im Detail

und kann dementsprechend zügig auf

Probleme reagieren.

„Durch diese Strategie der Fokussierung

ist MDC Power schnell, effizient und flexibel“,

sagt Arnd Huchzermeier, Professor für

Produktionsmanagement an der Hochschule

WHU – Otto Beisheim School of Management.

Er hat gemeinsam

mit Experten von den Hochschulen

Insead, IESE, Judge

Business School, Rotterdam

School of Management, der

TU Eindhoven und der türkischen

Koç-Universität das

Motorenwerk aus Thüringen

zum deutschen Sieger des

Wettbewerbs „Die Beste Fabrik“

erkoren (siehe Methodik Seite 68).

Bereits zum 18. Mal hat die Wirtschafts-

Woche zusammen mit ihren Hochschulpartnern

die Leistungsschau ausgerufen,

die den deutschen Teil des europäischen

Industrial Excellence Award repräsentiert.

Wer in diesem Jahr den Titel des internationalen

Gesamtsiegers erhält, entscheiden

die Juroren im Oktober auf der Wirtschafts-

Woche-Konferenz Beste Fabrik in Weimar

(siehe Seite 68). Dort trifft MDC Power auf

die Landessieger aus Spanien, Frankreich

und der Schweiz (siehe Porträt Seite 70).

Sie alle zeigen, dass die Industrie den

Kern einer jeden funktionierenden Wirtschaft

bildet – in Deutschland steuerte sie

2013 immerhin knapp 22 Prozent zur Bruttowertschöpfung

bei. „Die Industrie ist

weiterhin Jobmotor Nummer eins“, bestätigt

Huchzermeier.

JOBMOTOR INDUSTRIE

Denn neben den sieben Millionen Menschen,

die in Deutschland im verarbeitenden

Gewerbe tätig sind, schafft die Industrie

Arbeit für knapp vier Millionen weitere

Beschäftigte im Dienstleistungsbereich,

schätzt Alexander Eickelpasch vom Deutschen

Institut für Wirtschaftsforschung

(DIW) – vom Werbetexter über Reinigungskräfte

bis hin zum Wirtschaftsprüfer.

„Wer Deutschland

nur als Dienstleistungsgesellschaft

wahrnimmt, verkennt

einen Teil der Realität“,

sagt der Volkswirt.

Und auch 2014 treibt die

Industrie den Standort

Deutschland mit innovativen

Produkten und Prozessen voran.

Laut ifo Institut planen 66 Prozent der

Unternehmen höhere Investitionen als im

vergangenen Jahr. Insgesamt sollen diese

um neun Prozent steigen. Der Deutsche Industrie-

und Handelskammertag rechnet

für 2014 außerdem mit 40 000 zusätzlichen

Arbeitsplätzen, und auch die aktuelle Auftragslage

lässt hoffen. Die eingehenden Bestellungen

haben sich im April im Vergleich

zum Vormonat um 3,1 Prozent erhöht.

Auch MDC Power stockt die Produktionskapazitäten

auf. Gerüste umringen derzeit

die beiden neuen Werkshallen in Köl-

FOTO: CHRISTOPH BUSSE FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

66 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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DEUTSCHER SIEGER

MDC Power

Geschäftsführer Sven Breitschwerdt hat

die Produktionszeiten halbiert und die

Verantwortung der Mitarbeiter gestärkt

leda. Während die Fassade der einen verkleidet

wird, bringen die Dachdecker bei

der anderen noch letzte Rinnen an. Ende

2015 sollen dort die ersten Motoren vom

Band laufen.

Wie Geschäftsführer Breitschwerdt trotz

immer größerer Stückzahlen den Überblick

behalten will?

„Verantwortlichkeiten müssen klar verteilt

sein“, sagt der 46-Jährige. „So können

Fehler am schnellsten behoben werden,

ohne dass drei Arbeitsgruppen einberufen

werden müssen.“

MDC Power

Geschäftsmodell

Strategieumsetzung

Nachhaltigkeit

Wertschöpfungskette

Produkt- und Prozessentwicklung

Service und Kundenintegration

Mitarbeiterintegration

Kontinuierliche Verbesserung

Note 5 4 3 2 1

Die Arbeit in der Fabrik ist in knapp 300

Prozesse gegliedert, die in einem speziellen

Computersystem detailliert beschrieben

und gespeichert sind – von der Qualitätskontrolle

bis hin zur Urlaubsplanung.

Für jeden dieser Abläufe ist einer der zwölf

Manager aus Breitschwerdts Führungsmannschaft

verantwortlich.

Qualitätsleiter Stefan Odermatt etwa

kümmert sich unter anderem um Prozess

Nummer P-261: die Evakuierung im

Brandfall. Auch der jüngste Probealarm

vor einigen Tagen war reibungslos ver-

»

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 67

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Management&Erfolg

METHODE

Vor Ort punkten

So ermittelt die Jury den Sieger im

Wettbewerb „Die Beste Fabrik“.

Im ersten Schritt müssen die Bewerber

aus Deutschland einen vierseitigen Fragebogen

ausfüllen: Welche Projekte hat

das Top-Management kürzlich initiiert?

Wie viele Teile werden pünktlich ausgeliefert?

Welche Schritte übernehmen

externe Dienstleister? Wie bezieht das

Unternehmen seine Mitarbeiter in Verbesserungsprozesse

mit ein?

Auf Basis der Antworten entscheidet

die Jury, zu der Professoren der Hochschulen

WHU (Vallendar), Insead (Fontainebleau),

IESE (Barcelona), Judge

Business School (Cambridge), Koç-Universität

(Istanbul) und Rotterdam

School of Management zählen, wer in

die nächste Runde einzieht. Diese Fabriken

werden von den Juroren einen

Tag lang besucht, der Sieger qualifiziert

sich für den europäischen Industrial Excellence

Award.

VERANSTALTUNG

Europas beste

Fabrik

Die Landessieger aus Deutschland,

Frankreich, Spanien und der Schweiz

kämpfen am 22. und 23. Oktober 2014

um den europäischen Titel des Industrial

Excellence Award. Auf der Konferenz

in Weimar, die WirtschaftsWoche und

Euroforum im Rahmen des Wettbewerbs

„Industrial Excellence Award“

veranstalten, stellen die Manager der

europäischen Top-Fabriken ihre Erfolgsrezepte

vor. Im Anschluss prämieren die

Juroren den europäischen Sieger. Am

zweiten Veranstaltungstag besuchen

die Teilnehmer gemeinsam das Werk

des deutschen Siegers MDC Power.

Die Teilnahmegebühr beträgt regulär

2199 Euro. Wer sich bis zum 8. August

2014 anmeldet, erhält einen Frühbucherrabatt

und kann die Veranstaltung

schon für 1799 Euro besuchen.

Weitere Infos und Anmeldung unter

bestefabrik-konferenz.de

»

laufen – innerhalb von fünf Minuten

hatten alle Mitarbeiter die Werkshalle verlassen

und sich vorschriftsgemäß am dafür

vorgeschriebenen Platz versammelt. Doch

ein aufmerksamer Mitarbeiter gab zu bedenken,

dass eine Evakuierung während

eines Schichtwechsels wesentlich unübersichtlicher

sei und mit dem bisherigen Ablauf

wichtige Fragen unbeantwortet blieben:

Wer ist zum Zeitpunkt des Brands auf

dem Werksgelände? Wo genau halten sich

die Mitarbeiter auf? Wie stellt man sicher,

dass niemand vergessen wird?

Seitdem prangt auf Odermatts Bildschirm

ein roter Punkt hinter Prozess

P-261. Zwei Wochen hat der Manager nun

Zeit, eine Lösung zu finden. Und wenn das

rote Zeichen bis dahin nicht verschwunden

ist, wird sich das gesamte Führungsteam

mit dem Problem beschäftigen.

„Fehler werden so nicht ewig diskutiert,

sondern ein für alle Mal eliminiert“, sagt

WHU-Professor Huchzermeier. Das schlage

sich auch auf die Fehlerquote bei den

Motoren nieder. Breitschwerdts ehrgeiziges

Ziel: „Am Ende des Jahres sollen alle

Reklamationen der Kunden auf eine

Din-A4-Seite passen – und zwar so groß gedruckt,

dass ich es noch ohne Brille lesen

kann“, sagt der 46-Jährige.

„Diese sehr niedrige Quote verdanken

wir unseren stabilen Prozessen“, ergänzt

der Manager. Veränderungen werden bei

MDC Power auf ein Minimum reduziert

und dann sehr deutlich kommuniziert, um

Missverständnisse auszuschließen.

VERDÄCHTIGE SCHATTIERUNG

Die Folge: gut informierte Mitarbeiter, die

mitdenken. Vor einigen Monaten etwa entdeckte

ein Werker eine Schraube mit einer

ungewöhnlichen Schattierung, als er diese

gerade in den Motorblock drehen wollte.

Er zeigte sie seinem Meister, der sie als

Fehlproduktion identifizierte. Anderswo

hätte der Mitarbeiter die neue Schattierung

vermutlich für eine der zahlreichen Änderungen

gehalten, über die er schlicht nicht

informiert wurde. Und die falsche Schraube

hätte vielleicht eine der im Moment in

der Automobilbranche so zahlreichen

Rückrufaktionen ausgelöst.

Um solche Fehler frühzeitig auszumerzen

oder erst gar nicht aufkommen zu lassen,

lässt MDC Power sich bereitwillig in

die Karten schauen. Der Motorenhersteller

lädt Lieferanten nämlich nicht nur zu Konsultationen

auf Managementebene ein,

sondern lässt deren Mitarbeiter vom Werker

bis zum Geschäftsführer ins Haus und

»Wir konzentrieren

uns auf das

Wesentliche«

Sven Breitschwerdt, MDC Power

die eigenen Teile direkt an der Produktionsstraße

einbauen – zum Nutzen des Auftraggebers:

Als einer der MDC-Lieferanten

kürzlich versuchte, die Schläuche an einem

Motor zu montieren, erkannte er ein

Problem: „Unser Sensor sitzt zwar gut, aber

die Schelle ist im Weg.“ Also verschob er

selbige Schelle an besagtem Sensor kurzerhand

um einen Millimeter nach rechts. Ein

Millimeter, der den MDC-Mitarbeitern die

Montage erleichtert und damit Zeit und

Geld spart.

Erkenntnisse wie diese haben dazu beigetragen,

die Motorenmontage bei MDC

Power schrittweise zu verbessern. In den

vergangenen zwei Jahren konnte Breitschwerdt

die Zeit vom ersten Schritt der

Montage bis zum Versand des fertigen Motors

fast halbieren.

Hilfreich dabei: Die Daimler-Tochter

produziert jeden Tag genauso viele Motoren,

wie bestellt wurden – innerhalb einer

Woche kann das Unternehmen die Produktion

sowohl verdoppeln als auch komplett

herunterfahren. Die jeweils gewünschte

Stückzahl steht für alle Werker

sichtbar ganz oben auf den großen Digitalanzeigen,

die in der Montagehalle von der

Decke hängen.

„Sobald wir das Soll erfüllt haben, können

die Werker nach Hause“, sagt Geschäftsführer

Breitschwerdt, „auch wenn

das Schichtende noch nicht ganz erreicht

ist.“ Außerdem sind zehn Prozent der Bezahlung

an Kennzahlen wie Liefertreue,

Stückkosten oder Fehlerquote gebunden.

Gute Arbeit zahlt sich für Breitschwerdts

Leute also aus.

Auch für den Chef selbst: Er macht dieser

Tage den nächsten Karrieresprung,

wechselt vom MDC-Werk in Kölleda in die

Daimler-Zentrale nach Stuttgart, wo er ab

Juli in der Hierarchieebene direkt unterhalb

des Konzernvorstands arbeiten wird.

Dann dürfte es für ihn wohl vorbei sein mit

E-Mail-freier Zone und überschaubaren

Führungsmannschaften.

n

kristin.schmidt@wiwo.de

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68 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

SCHWEIZ

Nachhaltig

erfolgreich

Das ABB-Werk in Turgi ist die

Beste Fabrik der Eidgenossen.

Millionen von Passagieren hatten sie seit

1998 im Eiltempo zwischen Stockholm,

Malmö und Göteborg transportiert, 15

Jahre lang war die Flotte des X2, eine Art

Skandinavien-ICE, der Stolz der einstigen

staatlichen schwedischen Eisenbahngesellschaft

SJ. Und auch wenn Mechanik

und Motoren für weitere 15 gehalten hätten:

Die Elektronik des X2 war nicht mehr

alltagstauglich. Neue Antriebsstränge

mussten her, die Stromversorgung den

Ansprüchen moderner Beleuchtung, besserer

Klimaanlagen, neuer Film- und Musiksysteme

an jedem Sitzplatz angepasst,

der Verschleiß der Elektronik reduziert –

kurz: das Herzstück des Zugs getauscht

werden. Auch sollte die Versorgung seltener

ausfallen und weniger Energie benötigen.

Ein kniffliges, aber lukratives Projekt

im Wert von 200 Millionen Dollar.

„Unser derzeit größter Einzelauftrag“,

sagt Thomas Siegenthaler, Produktionsmanager

im ABB-Werk in Turgi bei Zürich,

das den Zuschlag für die Modernisierung

von 42 X2-Zügen bekommen hat.

„Es lohnt sich, Bewährtes zu erhalten.“

Auch für das ABB-Werk in Turgi: Nicht

zuletzt durch sein Geschäftsmodell, das

sich zunehmend der Modernisierung bestehender

Flotten verschrieben hat, haben

die 1000 Werksmitarbeiter die Konkurrenz

aus dem Feld

geschlagen und in

diesem Jahr den

Wettbewerb Beste

Fabrik in der Schweiz

gewonnen. Auch mit

ihrer Produkt- und

Prozessentwicklung,

dem Service und der Integration ihrer

Kunden konnte die ABB-Konzerntochter

die Jury überzeugen (siehe Zeugnis).

„Bestehende Produkte besser, billiger,

langlebiger zu machen ist eine überzeugende

Strategie“, sagt Jury-Mitglied Arnd

Huchzermeier, Professor für Produktionsmanagement

an der WHU. „Die hohe

SCHWEIZER SIEGER

ABB-Werk Turgi

Produktionsleiter Thomas Siegenthaler,

Quality Manager Hans-Peter Zinser und

Organisationsvorstand Harald Hepp setzen

auf kurze Wege und globale Aufträge

ABB

Geschäftsmodell

Strategieumsetzung

Nachhaltigkeit

Wertschöpfungskette

Produkt- und Prozessentwicklung

Service und Kundenintegration

Mitarbeiterintegration

Kontinuierliche Verbesserung

Note 5 4 3 2 1

Komplexität dieses Geschäfts beherrscht

das ABB-Werk so gut wie kein Wettbewerber

– weil man von den Kunden aus denkt.“

Die danken es: Rund 50 Aufträge von

knapp 20 Bahnherstellern und Bahnbetreibern,

von Brasilien über China bis Südafrika,

arbeiten die Schweizer derzeit ab. Mal müssen

Antrieb und Elektrifizierung in Saudi-

Arabien gegen Sand und Hitze präpariert

werden, mal Züge in Russland gegen Feuchtigkeit

und Frost. Und für die Strecke zwischen

Flughafen und Messegelände in Genf

hat das ABB-Werk einen Gelenkbus mit

einem Akku-Schnellladesystem auf Elektroantrieb

umgestellt.

„Projekte von der Stange gibt es bei uns

nicht“, sagt ABB-Manager Siegenthaler,

„wir sind es gewohnt, mit verschiedensten

Systemen zurechtzukommen.“

Das Werk setzt auf eine ausgeklügelte

Plattformstrategie, die Mitarbeiter befähigt,

auf allen Zugsystemen zu arbeiten,

und kombiniert die Vorteile eines kleinen

Standorts – kurze Wege, schneller Austausch

durch gerade mal zwei Führungsebenen

– mit der Einbindung in einen

großen Konzern, innerhalb dessen das

Werk als weltweites Kompetenzzentrum

für Leistungselektronik fungiert: Das Management

nutzt die globale Vernetzung

mit allen ABB-Standorten und Vertriebsstrukturen

ebenso wie Personalprozesse

zur Rekrutierung hoch qualifizierter Ingenieure.

Die lockt ABB immer wieder auch

von deutschen Hochschulen gen Zürich.

Die Qualität zahlt sich aus: Im Schnitt fällt

Technik aus Turgi nur alle sechseinhalb

Jahre aus – Spitzenwert in der Branche.

Der Lohn der Akkuratesse: Der Umsatz

hat sich in den vergangenen fünf Jahren

verdoppelt, zehn Prozent steckt das Management

in die Forschung – mehr als

der Konzern selbst. Zehn Prozent des Geschäfts

stammt aus der Modernisierung

alter Züge, mittelfristig soll der Anteil auf

bis zu 50 Prozent steigen.

„Genau der richtige Weg, sich langfristig

von der Konkurrenz zu differenzieren“,

sagt Enver Yucesan von der Business

School Insead. „Dieses Geschäftsmodell

ist Vorbild für viele andere Branchen.“ n

manfred.engeser@wiwo.de

FOTO: OLIVER NANZIG FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

70 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

Fußballer, Fotografin, Pfarrer

UMFRAGE | Was Manager und Unternehmer als Kinder werden wollten.

BERNHARD

MATTES,

DEUTSCH-

LAND-CHEF

FORD

»Am liebsten Fußballer.

Ich spielte

nicht nur im Verein,

ich war jeden

Nachmittag, egal,

wie das Wetter war,

auf dem Platz.

Meine Freunde

und ich suchten

nach immer neuen

Gegnern, und in

den Ferien veranstalteten

wir

sogar ein Trainingslager.«

GÜNTHER FIELMANN,

VORSTANDSVORSITZENDER FIELMANN

SIMONE MENNE,

FINANZVORSTAND LUFTHANSA

»Als ich Jack London gelesen habe,

wollte ich Trapper werden, bei Huckleberry

Finn trieb ich mit dem Floß fremde

Flüsse hinunter. Und in meiner Hemingway-

Phase war ich natürlich Freiheitskämpfer.«

»Fotografin. Als ich zehn war, habe ich

einem Bekannten einmal in einer

Dunkelkammer bei der Entwicklung von

Schwarz-Weiß-Bildern zugesehen. Das hat mich

fasziniert, und meine Eltern haben mir zum 16.

Geburtstag eine Spiegelreflexkamera geschenkt.

Ich mochte daran, dass es ein künstlerischer Beruf

ist, aber eben auch ein Handwerk.«

NATHALIE

ROOS,

DEUTSCHLAND-

CHEFIN

L’ORÉAL

»Sportlehrerin. Im Grunde ist

es genau das, was ich heute tue:

Teams coachen, um gemeinsam

erfolgreich zu sein.«

WOLFGANG

GRUPP,

GESCHÄFTS-

FÜHRER

TRIGEMA

»Ich bin schon

als Kind mit

dem Unternehmen

aufgewachsen.

Etwas

anderes kam

für mich überhaupt

nicht

infrage.«

FOTOS: PR (6), IMAGO/RAINER UNKEL

KLAUS FISCHER, INHABER

FISCHERWERKE

»Als Kind hat mich

schon immer

die Fliegerei fasziniert – ich

wollte Pilot werden. Später

habe ich begonnen, den

Flugschein zu machen, aus

Zeitgründen konnte ich

die Fliegerei jedoch nicht

weiter verfolgen.«

ALAIN

CAPARROS,

CEO DER

REWE-

GRUPPE

»Als ich als Kind mit

meinen Eltern nach Lothringen

gezogen bin, ging

ich zuerst auf eine Jesuiten-

Schule. Das hat mich sehr

geprägt. Deshalb war

damals für einige Zeit mein

Berufswunsch Pfarrer.«

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 71

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Geld&Börse

Aktionäre

faktisch enteignet

DELISTING | Ein spektakuläres Urteil erleichtert es Unternehmen, sich ohne Weiteres

von der Börse zu verabschieden. Aktienanleger und Fondssparer verlieren Rechte und

Geld, Großaktionäre profitieren.

Investor Burkhard Götz fühlt sich verschaukelt.

Im Oktober hätten die Marseille

Kliniken noch die Mailadressen

der Aktionäre eingesammelt – „angeblich,

um den Dialog mit den Gesellschaftern

zu verbessern“. Doch Anfang

Juni hat Marseille-Chef Heinz-Dieter Wopen

sie vor vollendete Tatsachen gestellt:

Die Aktie soll von der Börse verschwinden.

Einen Dialog mit Aktionären darüber gab

es nicht – wohl aber massive Verluste. Der

Kurs stürzte um rund 30 Prozent auf 2,30

Euro. Anleger hatten Papiere panisch auf

den Markt geworfen, nachdem Marseille

den Rückzug von der Börse (Delisting) angekündigt

hatte. Dankbare und oft die einzigen

Käufer sind in solchen Fällen die

Großaktionäre, denen es egal sein kann, ob

die Aktien jederzeit handelbar sind.

Götz ist es nicht egal. Er hat für die Beteiligungsgesellschaft

Nabag AG 38 000 Euro

in Marseille investiert. Die Menschen werden

älter, Pflegeheime wie die von Marseille

wichtiger. Die Aussicht, dachte er, sei

glänzend, ein zweistelliger Kurs realistisch.

Vorbei. „Vorstände und Aufsichtsräte, die

so was machen, dürfen am Kapitalmarkt

keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen“,

sagt Götz (siehe Seite 76).

Götz ist mit seiner Wut nicht allein: Auch

Aktionäre von Schuler, Strabag AG, Biolitec,

Swarco Traffic Holding oder n.runs erlitten

Verluste, nachdem die Unternehmen

angekündigt hatten, ihre Aktie von der Börse

zu nehmen. Gekniffen sind auch Fondssparer.

Nach der Ankündigung haben Investoren

zwar noch bis zu sechs Monate

Zeit, an der Börse zu verkaufen, nur gibt es

kaum Nachfrage. Ein Delisting, sagt Torsten

Graf, Fondsmanager bei Mainfirst,

müsse er bei Aktien „als zusätzliches Risiko

einkalkulieren, weil die Liquidität beim

Handel austrocknet“. Thomas Hechtfischer,

Geschäftsführer der Deutschen

Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz,

sagt: „Ohne Börsennotiz ist die Aktie nur

noch halb so viel wert, nach der Ankündigung

ist der Kurs nicht abgefedert.“

Erleichtert hat den Rückzug von der Börse

der Bundesgerichtshof (BGH). Er beschloss

im Oktober, dass Unternehmen

ihre Aktie per Vorstandsbeschluss von der

Börse nehmen können und Aktionäre auch

keine Abfindung mehr bekommen müssen.

Bisher musste die Hauptversammlung

dem Delisting zustimmen, und es gab einen

finanziellen Ausgleich. Abgeschafft.

Insider rechnen nun mit weiteren Unternehmen,

die sich von der Börse zurückziehen.

Die Kanzlei Freshfields Bruckhaus

Deringer etwa berät aktuell bei zwei Transaktionen,

bei denen Midcaps, mittelständische

Firmen, planen, die Notiz aufzugeben,

um eine Übernahme zu ermöglichen.

Freshfields-Partner Christoph Seibt spricht

von einer „erstaunlich hohen Anzahl“ von

Rückzugsfällen in den letzten Monaten.

Das sei ein „besonderer Trend“. Ein Alarmsignal

ist es schon, wenn ein Unternehmen

»Fonds müssen

aus nicht mehr

gelisteten Aktien

oft aussteigen«

Stefan Degen, Aktien-Chef bei Bayern Invest

von einem höher in ein weniger reguliertes

Segment wechselt (Freiverkehr). „Im Freiverkehr

gilt das Übernahmegesetz nicht

mehr“, sagt Seibt. Dort aber ist die Mindestabfindung

für Aktionäre festgeschrieben.

Den Weg für das BGH-Urteil hat das

Bundesverfassungsgericht geebnet, als es

2012 entschied, dass die Börsennotierung

nicht vom Eigentumsschutz des Grundgesetzes

erfasst sei. Übersetzt: Ein Aktionär

hat keinen Anspruch darauf, dass seine Aktie

an der Börse gehandelt wird. Wesentlich

für das Eigentum an der Aktie seien vielmehr

die Beteiligung am Unternehmen sowie

die Mitwirkung in der Hauptversammlung

– beides bleibe ja bestehen.

KEHRTWENDE DER RICHTER

Die BGH-Richter nahmen die Entscheidung

zum Anlass, ihre bisherige Rechtsprechung

zu revidieren: Noch 2002 hatte

der BGH im Fall Macrotron festgelegt, dass

die Hauptversammlung dem Delisting zustimmen

muss und Aktionäre ein Angebot

auf Abfindung bekommen.

Nun haben die Richter die faktische Enteignung

von Anlegern ermöglicht. Wie

selbstverständlich heißt es im BGH-Beschluss

gar, dass sich nicht feststellen lasse,

dass „schon die Ankündigung des Börsenrückzugs

regelmäßig zu einem Kursverlust“

führe. Kursverluste gab es früher in

der Tat selten – Anleger konnten ja auf eine

Entschädigung bauen. Seit dem BGH-Urteil

können sie das nicht mehr. Und seither

purzeln nach der Delisting-Ankündigung

die Kurse (siehe Charts Seite 73 bis 75).

Anleger bleiben nach dem Delisting

zwar Anteilseigner. Viele aber dürfen die

Aktien nicht mehr besitzen. „Jeder regu-

»

FOTOS: KIESEL GMBH, VARIO IMAGES/IMAGEBROKER, SCHULER

72 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Deutsche Strabag

Die AG verlässt die Börse Düsseldorf,

muss dann aber nach deren Regeln

ein Jahr in Frankfurt notiert bleiben

260

255

250

245

240

Delisting

angekündigt:

20.Februar

235

230

225

220

Feb März April Mai Juni

in Euro; Quelle: Thomson Reuters

Marseille Kliniken

Der Vorstand nimmt die Aktie von

der Börse, weil der öffentliche Handel

angeblich keinen Sinn mehr mache

3,8

3,6

3,4

3,2

Delisting

angekündigt:

6. Juni

3,0

2,8

2,6

2,4

2,2

Mai

in Euro; Quelle: Thomson Reuters

Juni

Schuler

Der Maschinenbauer verabschiedet

sich von der Börse – prompt verkaufen

Fonds an Großaktionär Andritz

29

28

27

Delisting

angekündigt:

4. April

26

25

24

23

22

März April Mai Juni

in Euro; Quelle: Thomson Reuters

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 73

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Geld&Börse

»

lierte Investmentfonds muss beim Delisting

aussteigen, weil er im Wesentlichen

nur übertragbare Wertpapiere halten darf“,

sagt Stefan Degen, Aktien-Chef bei Bayern

Invest. So kam die Andritz-Gruppe, Großaktionär

des Delisting-Falls Schuler, an

weitere Aktien. Es seien einige kleinere Positionen

erworben worden, die von Fonds

angeboten worden seien, bestätigt Andritz.

Als der BGH das Delisting vereinfachte,

dachten Investoren, dass kleine Unternehmen

mit geringem Streubesitz und niedrigem

Börsenumsatz von der Börse flüchten

würden. Aufgerüttelt hat viele nun der Fall

Magix: Der Multimedia-Softwarehersteller

ist profitabel, 31 Prozent der Aktien sind

breit gestreut. Doch Magix begründet den

Rückzug nun ausgerechnet damit, dass die

Finanzsituation mit 18 Millionen Euro netto

in der Kasse so komfortabel sei, dass Eigenkapital

vom Aktienmarkt nicht benötigt

werde. „Uns geht es gut, wir brauchen euch

nicht mehr“ – das scheint die unterschwellige

Botschaft an Aktionäre. In der Spitze

hatte die Aktie bis zu 30 Prozent verloren.

KEIN KAPITAL FÜR KLEINE?

Investoren überlegen nun, ob sie noch in

Aktien kleiner Unternehmen investieren

können. Fondsmanager Graf sorgt sich,

dass Nebenwerte mit einem dominierenden

Großaktionär „einen Bewertungsabschlag

bekommen, weil das Delisting-

Schwert über ihnen schwebt“. Und Götz,

der Mann mit den Marseille-Aktien, macht

sich „Gedanken, ob einzelne Marktsegmente

noch investitionsfähig sind“. Er will

sich Manager anschauen: Haben Vorstände

schon mal ein Delisting gemacht? „Das

muss ich bei einem Investment nun in

meine Überlegung einbeziehen“, sagt er.

Einige Aktionäre wollen vorsorgen und

versuchen nun, die Börsennotiz in der Satzung

des Unternehmens festschreiben zu

lassen. Das Thema steht etwa auf der Tagesordnung

der Hauptversammlung des Bauunternehmens

Strabag. Die Beteiligungsgesellschaft

Scherzer & Co. will Gleiches bei GK

»Vor einem

Delisting kauft

höchstens noch

der Großaktionär«

Thomas Dierkes, Vorstand der Börse Düsseldorf

Software durchsetzen – weil Aktionären

durch ein Delisting meist „erheblicher Schaden

entstanden“ sei. Die Notiz solle nur

dann beendet werden können, wenn ein Abfindungsangebot

gemacht werde. Bringen

dürften solche Initiativen wenig: Die Strabag

AG gehört zu knapp 94 Prozent der österreichischen

Strabag SE, GK Software liegt

mehrheitlich in den Händen der Gründer.

Auf Hilfe der Börsen können Aktionäre

nicht bauen. Die geben zwar Bedingungen

vor, zu denen Unternehmen delisten dürfen.

Doch die wichtigsten, Frankfurt und

Stuttgart, verlangen nur, dass Anlegern

noch sechs Monate Zeit bleibt, ehe Aktien

aus einem öffentlich-rechtlich regulierten

Segment verschwinden. „Die Börse kann

und darf keine Einbahnstraße sein, wir

können keine Emittenten aufnehmen und

sie dann nicht wieder in einem planbaren

und geordneten Verfahren entlassen“, sagt

Cord Gebhardt, Geschäftsführer der Frankfurter

Börse. Die Börse Stuttgart will nur sicherstellen,

dass Anleger Papiere bis zum

Delisting „zu einem marktgerechten Börsenpreis

verkaufen“ können. Und marktgerecht

ist dann halt ein niedrigerer Preis.

Einzig die Börse Düsseldorf hält dagegen.

Das BGH-Urteil gehe in die „falsche

Richtung“, sagt Vorstand Thomas Dierkes.

„Nach der Delisting-Ankündigung mag allenfalls

der Großaktionär noch Stücke billig

kaufen.“ Düsseldorf sei die einzige Börse,

an der „Hauptversammlungsbeschluss

und Kaufangebot bei einem Totaldelisting

obligatorisch“ seien. Rechtlich ist das möglich,

für Börsenregeln gilt das BGH-Urteil

nicht: „Der weiter gehende Anlegerschutz

in einer Börsenordnung ist immer möglich“,

sagt Kapitalmarktrechtler Herbert

Harrer, Partner bei Linklaters.

Allein: In Düsseldorf bleiben Hintertürchen.

Erstens gilt Dierkes anlegerfreundliche

Börsenordnung nicht im Freiverkehr.

Und zweitens entlässt Dierkes Unternehmen,

wenn sie an einer anderen Börse im

regulierten Segment notiert bleiben. Dann

muss der Vorstand nur versprechen, die

Notiz mindestens ein Jahr beizubehalten.

Mehr als eine Ehrenerklärung, räumt er

ein, sei das nicht. „Wenn das Unternehmen

die Einjahresfrist nicht einhält, haben wir

keine Möglichkeit, es zu sanktionieren.“

Strabag-Aktionär Dieter Dürer* ist enttäuscht:

Im Oktober hat Thomas Birtel,

* Name geändert

Magix

Das profitable Softwarehaus mit 31 Prozent

Streubesitz ist kein typischer

Delisting-Kandidat. Fonds sind geschockt

4,0

3,8

3,6

3,4

3,2

3,0

Delisting

angekündigt:

20. Mai

2,8

2,6

Mai

in Euro; Quelle: Thomson Reuters

Juni

FOTOS: DDP IMAGES, PR

74 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Swarco Traffic Holding

Der Streubesitz des Verkehrssystemanbieters

lag zuletzt bei zehn Prozent. Im

November soll die Aktie von der Börse

3,2

3,1

Delisting

angekündigt:

4. April

3,0

2,9

2,8

2,7

März

April

Mai

Juni

in Euro; Quelle: Thomson Reuters

Chef der österreichischen Strabag SE, verkündet,

dass es bei einem Streubesitz von

damals 6,7 Prozent „Ziel“ sei, die deutsche

Tochter Strabag AG von der Börse zu nehmen.

„Anleger dachten an Squeeze-out“,

sagt Dürer. Dabei werden die letzten Aktionäre

zwangsweise aus der Aktie gedrängt –

bekommen aber eine Abfindung. Mit dem

Delisting rechnete keiner. „Ich kann meine

Aktien quasi nur noch dem Großaktionär

andienen und der mir den Preis diktieren.

Das untergräbt die Aktienkultur.“

ABFINDUNG WIRD UNATTRAKTIV

Das BGH-Urteil hat Mechanismen außer

Kraft gesetzt, die an der Börse jahrzehntelang

galten. So müssen sich Anleger wohl

daran gewöhnen, dass sie von findigen

Aufkäufern, wenn diese den Vorstand hinter

sich haben, bei Übernahmen übers Ohr

gehauen werden. Bislang mussten Aufkäufer

Aktionären bei einem Übernahmeangebot

oder wenn sie einen lukrativen Beherrschungs-

und Gewinnabführungsvertrag

abschließen wollten, mindestens den

durchschnittlichen Börsenkurs der letzten

drei Monate bieten. Nach einem Delisting

aber gibt es keinen Kurs mehr. Der Preis

muss dann per Wertgutachten ermittelt

werden – und das gibt der Aufkäufer in Auftrag,

der an einem möglichst niedrigen

Preis interessiert ist. „Ein Delisting macht

die Spekulation auf eine Abfindung unattraktiver“,

folgert Christian Kames, Chef der

M&A-Abteilung bei der Citigroup Deutschland,

die bei Übernahmen berät.

Wer sich als Anleger zu billig abgespeist

fühlt, kann die Abfindung vor Gericht

überprüfen lassen. Doch diese sogenannten

Spruchverfahren sind teuer und dauern

Jahre. Markus Neumann, Vizechef der

Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger,

hat da Erfahrung: „Ist ein Unternehmen

nicht mehr notiert, gibt es nur noch den

Geschäftsbericht nach den Vorschriften

des Handelsgesetzbuches HGB – und da

muss vieles nicht mehr bilanziert werden.

Mit den spärlichen Informationen können

Aktionäre schwer den Wert bemessen.“

Unterschwellig drohen Aufkäufer schon

mit dem neuen Recht. Die Hörmann Funkwerk

Holding etwa bietet Aktionären der

Funkwerk AG 2,55 Euro pro Aktie. Hörmann

hält keine 58 Prozent, setzt Aktionären

aber die Pistole auf die Brust: In einer

Mitteilung heißt es, man verfolge „unabhängig

von der Annahmequote das Ziel,

dass sich die Funkwerk AG von der Börse

zurückzieht“. Zwar können nur Vorstand

und Aufsichtsrat ein Delisting beschließen

– nicht der Großaktionär. Der aber kann

Mitglieder im Aufsichtsrat installieren, die

in seinem Sinne agieren; er kann Aufsichtsrat

und Vorstand durch Aktienoptionen

und großzügige Vergütungen gefügig stimmen

– oder mit deren Absetzung drohen.

Alles schon mal da gewesen.

Anlegern sind die Hände gebunden: Die

Entscheidung über das Delisting ist ein

Verwaltungsakt. Daher sei „nach derzeit

herrschender Rechtsansicht nur der Emittent

widerspruchs- und klagebefugt, nicht

der einzelne Aktionär“, sagt Gebhardt von

der Frankfurter Börse. Und auch Anwalt

Seibt resümiert: „Der Rechtsschutz für Anleger

gegen ein Delisting ist sehr unsicher.“

Privatanleger, die nicht rechtzeitig verkauft

haben, müssen nicht immer beim

Großaktionär anklopfen: Über die Ettlinger

Valora Effekten können nicht börsennotierte

Aktien gehandelt werden. Das ist allerdings

teuer, Valora nimmt bei delisteten

Aktien fünf Prozent Provision. „Wir werden

delistete Aktien auch ohne Zustimmung

des Unternehmens handeln“, versichert

Joachim Haas von Valora.

Internationale Investoren schütteln den

Kopf: „Strengere gesetzliche Regeln wären

wünschenswert, um Minderheitsaktionäre

zu schützen. Deutschland scheint mir im

Nachteil gegenüber Großbritannien. Dort

wurden die Delisting-Regeln verschärft“,

sagt Christian von Engelbrechten, Manager

des Fidelity Germany Aktienfonds.

Noch ist Hoffnung: Der Arbeitskreis für

Börsen- und Wertpapierfragen will das

Thema im Oktober besprechen. Dann treffen

sich die Börsenaufseher der Länder

und Vertreter von Finanz-, Wirtschaftsund

Justizministerium. „Wir diskutieren,

ob der Schutz der Anleger im Rahmen eines

Delistings gewahrt bleibt und ob eine

gesetzliche Lösung notwendig werden

könnte“, sagt die Arbeitskreis-Vorsitzende

Ilse Ricken von der Börsenaufsicht NRW.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel will

Anleger, etwa über eine Tech-Börse „Markt

2.0“, dazu bewegen, Geld in junge Unternehmen

zu packen. Droht Investoren aber

ein Delisting – womöglich in dem Moment,

in dem ihr Unternehmen richtig läuft –,

werden sie sich hüten, Aktien zu kaufen.

Ein klarer Fall für den Gesetzgeber. n

annina.reimann@wiwo.de, melanie bergermann,

heike schwerdtfeger | Frankfurt

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WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 75

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Geld&Börse

Den Bogen

überspannt

MARSEILLE KLINIKEN | Großaktionär Ulrich „Uli“ Marseille hatte oft

Probleme, private von Konzerninteressen zu trennen. Jetzt soll die

Firma von der Börse – gut für Uli, bitter für seine Aktionäre.

Bei allen Fehlern, die Thomas Middelhoff

im Lauf seiner Karriere gemacht

hat, eines muss man ihm zugestehen:

Der ehemalige Karstadt-Chef ist

ein brillanter Verkäufer. Als die Aktionäre

der Marseille Kliniken im Oktober 2012 darüber

entscheiden sollten, ob der Pflegeheimkonzern

vom geregelten Markt der

Börse in den unregulierten Freiverkehr

wechseln darf, wollte er – damals noch Vorsitzender,

heute Mitglied des Aufsichtsrats

– den Anteilseignern weismachen, dass

das keine große Sache sei. „Sie sind viel zu

klug, um anzunehmen, dass der Handelsplatz

über den internen Wert der Aktie entscheidet“,

besänftigte er Kritiker.

In den Ohren der Aktionäre klingt das

wie Hohn. Der Kurs der Marseille-Aktie ist

Visionär Marseille

(links) sah Potenzial

im Pflegemarkt,

gründete 1984 seine

Kette. Heute hat

die 60 Heime, wie

das in Radensleben

(unten)

seitdem rund 35 Prozent gefallen, während

der Kleinwerteindex SDax 50 Prozent zulegte.

Mitte August soll das Elend ein Ende

haben: Die Klinikkette soll delistet werden,

von der Börse verschwinden. Anleger reagieren

verschreckt und verkaufen.

Ulrich Marseille, dem Gründer und

Großaktionär, könnte das recht sein. Das

Delisting, argwöhnen einige Aktionäre,

könne nur ein Ziel haben: Marseille, der

mit Gattin Estella-Maria 2013 den Besitz

von rund 60 Prozent der Aktien meldete,

einen letzten Fischzug zu ermöglichen. Mit

der Ankündigung eines Delistings falle typischerweise

der Kurs, das ermögliche es

dem Großaktionär, billig Aktien einzusammeln.

Bei einem anschließenden Verkauf

der Heime könne er dann Kasse machen.

Familie Marseille gab zu diesen Spekulationen

bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme

ab. Die Klinikkette begründete

das Delisting mit den „perspektivlosen politischen

Rahmenbedingungen“ für private

Pflegedienstleister und damit, dass das Unternehmen

auf absehbare Zeit kein Geld

am Kapitalmarkt aufnehmen wolle.

Marseille – intern „weißer Hai“ genannt –

hatte an den Marseille Kliniken mit ihren

60 Pflegeheimen und 200 Millionen Euro

Umsatz lange prächtig verdient:

n Ein Unternehmen der Familie plante für

zwei Millionen Euro ein Zentrum zur Behandlung

von Inkontinenz für die Klinikkette.

Der Entwurf wurde bezahlt, gebaut

aber wurde nie.

n Estella-Maria Marseille verkaufte 2010

einen Heimbetreiber in Gera für 6,5 Millionen

Euro an die Marseille Kliniken, obwohl

das Unternehmen laut Ersteinschätzung

eines Gutachters viel weniger wert gewesen

sein soll (WirtschaftsWoche 08/2013).

n Eine Tochter der Marseille Kliniken verpflichtete

sich, ein Flugzeug von Ulrich

Marseilles SGS GmbH zu nutzen. Es ging

um 300 bis 450 Flugstunden pro Jahr.

Im Geschäftsbericht 2009/10 füllen die

Geschäfte mit der Familie über vier Seiten.

Sie waren wohl deshalb möglich, weil Ulrich

lange selbst in diversen Positionen für

die Geschäfte verantwortlich zeichnete

und der Aufsichtsrat stets mit seinen Gefolgsleuten

besetzt war. Zu dem Gremium

gehört neben Ehefrau Estella und Thomas

Middelhoff, Letzterer seit Jahren ein

Freund der Familie, auch Ex-„Bild“-Chef

Hans-Hermann Tiedje, ebenfalls ein enger

Begleiter Marseilles. Im Gegenzug sitzt

Marseille im Kontrollgremium von Tiedjes

PR-Firma, die wiederum Middelhoff beriet.

SONDERPRÜFER SOLL RAN

Obwohl die Geschäfte zwischen Familie

Marseille und dem Klinikkonzern offensichtlich

zweifelhaft waren, hatten sie bislang

keine Konsequenzen für die Beteiligten.

Doch mit dem Abschied von der Börse

haben die Protagonisten den Bogen wohl

überspannt. Nach Informationen der WirtschaftsWoche

plant eine Gruppe von Aktionären,

die Geschäfte nun von einem

Sonderprüfer durchleuchten zu lassen. Zunächst

müssen sie dies bei einer Hauptversammlung

beantragen. Stimmt die Familie

Marseille dagegen, können sie den Einsatz

eines Prüfers bei Gericht beantragen.

Sie müssen dem Gericht darlegen, dass

der Vorstand oder der Aufsichtsrat seine

Pflichten wahrscheinlich grob verletzt hat.

Wird dies später vom Sonderprüfer bestätigt,

„kommt die Gesellschaft kaum umhin,

die Organe für etwaige entstandene Schäden

haftbar zu machen“, sagt Markus Stephanblome,

Aktienrechtsexperte bei der

Kanzlei White & Case. Geschieht dies nicht,

könnten sich die Aktionäre von einem Gericht

ermächtigen lassen, diesen Schritt

»

FOTOS: DPA PICTURE-ALLIANCE/KARLHEINZ SCHINDLER, LAIF/AMIN AKHTAR, ACTION PRESS/WAZ FOTOPOOL/VOLKER HARTMANN

76 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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THOMAS MIDDELHOFF

Miles & More

Die Zahl der Prozesse und Verfahren, in die der frühere Arcandor-Chef

verwickelt ist, ist kaum noch überschaubar.

Vielflieger und -prozessierer

Middelhoff im Landgericht Essen

Bank weitere Sicherheiten für die Finanzierung

stellen und reichte die Forderung

anteilig an seinen Kompagnon Middelhoff

weiter. Der soll Berger zwar Sachwerte

angeboten haben, konnte aber keine ausreichenden

Barmittel auftreiben.

Am Inkasso bei Middelhoff, der inzwischen

in Saint-Tropez wohnt, hatte sich

schon Arcandor-Insolvenzverwalter Hans-

Gerd Jauch versucht. Im September 2013

hatte das Essener Landgericht Middelhoff

in einem Zivilprozess dazu verurteilt, rund

3,4 Millionen Euro an den Verwalter zu

zahlen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Trotzdem will Jauch die Summe eintreiben.

Kurzzeitig stand sogar ein Haftbefehl

zur Abgabe einer Vermögensauskunft im

Raum, um die Zahlungsbereitschaft zu

erhöhen. Nachdem Middelhoffs Management-Versicherung

eine Haftungsgarantie

übernommen hatte, blies Jauch die

Zwangsmaßnahme wieder ab.

Ein Hauch südfranzösische Sonnenbräune

ziert seinen Teint, ein siegesgewisses

Lächeln umspielt die Lippen – Thomas

Middelhoff versteht es noch immer, die

Rolle des erfolgreichen Managers zu spielen.

Allein, Middelhoff muss derzeit vor

Strafkammern und Richtern performen

statt vor Aktionären oder Mitarbeitern.

Der frühere Chef des 2009 untergegangenen

Handelskonzerns Arcandor (KarstadtQuelle)

ist in eine Vielzahl von Gerichtsprozessen

und Verfahren involviert.

In Essen steht Middelhoff vor Gericht,

weil ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft,

Arcandor mit Privatflügen auf Konzernkosten

einen Schaden von rund einer Million

Euro zugefügt zu haben. So soll er

unter anderem von seinem Bielefelder

Privathaus per Hubschrauber zur Essener

Zentrale geflogen sein. Die Staatsanwaltschaft

sieht darin Untreue. Middelhoffs

Anwalt sprach vor Gericht von „vernünftigem

Zeitmanagement“ im Interesse des

Unternehmens.

Parallel laufen weitere Ermittlungen

rund um den Zusammenbruch des Handelskonzerns.

So geht die Staatsanwaltschaft

Bochum dem Verdacht der Insolvenzverschleppung

durch Middelhoff

nach. Deren Kölner Kollegen prüfen den

Vorwurf der Beihilfe zur Untreue. Dabei

hat ein Beratervertrag zwischen der Privatbank

Sal. Oppenheim und Middelhoff das

Interesse der Ermittler geweckt.

Zudem hat auch die Staatsanwaltschaft

München Middelhoff im Visier. Er soll im

Milliardenprozess der Erben des Medienmoguls

Leo Kirch falsch ausgesagt haben.

Der frühere Top-Manager wies bislang alle

Vorwürfe von sich.

INKASSO BEI BIG T.

Fast noch aufreibender dürften die zivilrechtlich

ausgetragenen Fehden sein. So

musste „Big T.“ während einer Verhandlungspause

in Essen jüngst eine sogenannte

Taschenpfändung über sich ergehen lassen.

Beraterlegende Roland Berger hatte

ihm den Gerichtsvollzieher geschickt. Middelhoff

musste in einem Nebenraum seine

Taschen öffnen. Da er jedoch nur 72,30 Euro

dabeihatte und damit unter der Pfändungsgrenze

blieb, zog der Gerichtsvollzieher

unverrichteter Dinge davon. „Das ist die

moderne Form des Prangers“, beschwerte

sich Middelhoff.

Berger fordert von ihm mehr als sechs

Millionen Euro. Hintergrund ist eine gemeinsame

Beteiligung von Berger und

Middelhoff an dem Finanzinvestor BLM in

London. Nachdem der BLM-Aktienkurs einbrach,

musste Berger bei einer beteiligten

STREIT UM DIE MEDICI

Davon unberührt ist ein weiteres Gerichtsverfahren

des Verwalters gegen

Middelhoff und andere Ex-Arcandor-

Granden. Wegen angeblicher Versäumnisse

beim Abschluss von Immobiliengeschäften

fordert er von ihnen 175

Millionen Euro Schadensersatz. Middelhoff

verklagt den Insolvenzverwalter seinerseits

auf rund 120 Millionen Euro wegen

geschäftsschädigenden Verhaltens.

Auch der Immobilienunternehmer Josef

Esch, Middelhoffs ehemaliger Vermögensberater,

will Geld. So kabbelt sich

das Duo um die millionenschweren Unterhaltskosten

einer 33-Meter-Yacht namens

Medici. Das Boot wurde verkauft, Esch

und Middelhoff verhandeln weiter.

Die Vielzahl an Streitigkeiten wirft eine

zentrale Frage auf: Ist Middelhoff pleite?

Er selbst hält das für Unfug, alles befinde

sich „in einer guten Bilanz“, gab er

jüngst zu Protokoll. Nach seiner Rechenweise

stünden vielmehr andere bei ihm in

der Kreide. Gemeinsam mit Ehefrau Cornelie

hat er Sal. Oppenheim vor einem

Jahr auf 101 Millionen Euro verklagt, weil

er sich bei Immobilienfonds-Investments

falsch beraten fühlte. Die Bank fordert

per Gegenklage von den Middelhoffs rund

78 Millionen Euro, um Kredite für die Immobilienfonds

zu tilgen. Am Ausgang dieses

Streits dürfte sich die finanzielle Zukunft

des Managers entscheiden. n

henryk.hielscher@wiwo.de

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 77

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Geld&Börse

»

selbst zu gehen. Für Middelhoff, der an

vielen Fronten kämpft, käme das zur Unzeit

(siehe Seite 77).

Dabei schienen die Marseille Kliniken

auf dem richtigen Weg. Der Vorstand hatte

die Deals mit den Marseilles zurückgefahren,

das Kerngeschäft entwickelte sich positiv.

Bei Ulrich und Estella aber blieb kaum

noch etwas hängen: Während das Paar und

und seine Firmen 2009/10 knapp 25 Millionen

Euro durch Geschäfte mit den Kliniken

einnahmen, waren es 2012/13 nur

noch 4,5 Millionen. Hinzu kam im Oktober

rund eine Million Euro Dividende. Ein

Goldesel ist die AG für das Paar nicht mehr.

Deshalb will Marseille – so vermuten es

Aktionäre, die nicht genannt werden wollen

– nun anderweitig abkassieren. Geschehnisse

der vergangenen Wochen und

Aussagen von Insidern erhärten den Verdacht.

Der Plan könnte in vier Schritten abgespult

werden.

SCHRITT 1: SEGMENT WECHSELN

Im Oktober 2012 sollte die Hauptversammlung

über den Wechsel vom geregelten

Markt in den Freiverkehr abstimmen.

Eine Chance, ihn zu verhindern, hatten die

Minderheitsaktionäre nicht. Die Marseille

Kliniken AG wird vom Großaktionär dominiert.

Aber immerhin: Wem der Wechsel

nicht passte, der könne ihm ja, so Ulrich

Marseille damals, seine Aktien anbieten.

„Ich bin auch bereit einen angemessenen

Aufschlag zu zahlen.“ Wie viele Aktien er

seitdem gekauft hat, wollten weder der Klinikkonzern

noch Ulrich Marseille mitteilen.

Wäre die Aktie noch im geregelten

Markt notiert, müsste er melden, sobald er

75 Prozent hält, im Freiverkehr nicht.

SCHRITT 2: AKTIENKURS RUNTER

Am 6. März 2014 liegt der Aktienkurs bei

4,70 Euro – um dann vom Vorstand auf Talfahrt

geschickt zu werden. Im Halbjahresbericht

klagte Klinikchef Heinz-Dieter Wopen

über die Heimaufsicht: Die Pflegebranche

leide unter rein willkürlichen Entscheidungen

dieser „teilweise wenig qualifizierten

Behördenmitarbeiter“. Das habe

ein Klima von „Angst und Rechtsunsicherheit“

geschaffen. Es ergäben sich für die

Marseille Kliniken Herausforderungen,

„die mit nicht unerheblichen Risiken verbunden

sind“ – wirkungsvoller hätte er die

Aktie kaum schlechtreden können. Hinzu

kam, dass die Marseille Kliniken im zweiten

Halbjahr 22 Prozent Gewinnrückgang

meldeten. Das reichte, um den Kurs bis Juni

um 30 Prozent auf 3,30 Euro zu drücken.

Das Traumpaar Ulrich und Estella-Maria

Marseille dominieren die Marseille Kliniken

»Der Vorstand darf

einem einzelnen

Aktionär keinen

Gefallen tun«

Markus Stephanblome

SCHRITT 3: WEG VON DER BÖRSE

Am Freitag vor Pfingsten verkündet Wopen,

dass die Marseille Kliniken von der Börse

genommen wird. Anteilseigner warfen ihre

Aktien aus Sorge, sie künftig nur schwer

verkaufen zu können, auf den Markt. Der

Kurs fällt unter 2,40 Euro. Für Wopen offenbar

nicht weiter dramatisch. „Wenn wir den

Verlauf der Aktie in den vergangenen Jahren

betrachten, so unterliegen wir einer

normalen Entwicklung mit Höhen und Tiefen“,

schreibt er. Der Wert der Aktie habe

auch schon mal bei 1,50 Euro gelegen. Und

Schuld hat er an der Entwicklung sowieso

nicht. Es spräche vieles dafür, dass der Kurs

auch durch Presseberichte negativ beeinflusst

wurde, schreibt Wopen.

„Die Delisting-Aktion dient einzig und

allein Ulrich Marseille“, hält ein Anteilseigner

dagegen. Nach Informationen der

WirtschaftsWoche prüft eine Gruppe von

Aktionären, ob sie Vorstand oder Aufsichtsrat

für die Nachteile, die ihr hierdurch

entstehen, zur Verantwortung ziehen

kann. Die Marseille Kliniken AG wollte

dies nicht kommentieren.

Einen konkreten Schaden geltend zu

machen dürfte für die Aktionäre schwierig

werden, vor allem, seit der Bundesgerichtshof

das Delisting ohne Entschädigung

abgesegnet hat (siehe Seite 72). „Der

Vorstand darf zwar einem einzelnen Aktionär

keinen Gefallen tun“, sagt Aktienrechtler

Stephanblome. „Doch allein zu erwartende

Kursverluste verbieten das Delisting

nicht, wenn es insgesamt im Interesse der

Gesellschaft liegt.“ Wo das Interesse der

Marseille Kliniken an einem Delisting liegt,

geht aus deren wirrer Ankündigung, in der

vor allem über politische Fehler bei der

Pflegereform fabuliert wird, nicht hervor.

SCHRITT 4: VERKAUF DER HEIME

Im Umfeld von Ulrich Marseille heißt es,

dass dieser schon vor einem Jahr den Plan

geäußert habe, durch den Verkauf von Altenheimen

Kasse zu machen. Ein ehemaliger

Mitarbeiter bestätigt dies. Marseille gab

hierzu keine Stellungnahme ab. Wopen bezeichnet

die Gerüchte über Verkaufspläne

als „haltlos“.

Ein Verkauf könnte lukrativ sein. Andere

Heimbetreiber halten die Altenpflege für

lohnend und blicken, wie etwa der Vorstand

der Curanum AG, „mit Zuversicht

auf das kommende Geschäftsjahr“. Laut

Branchenkennern dürfte der Preis beim

Sechs- bis Siebenfachen des Gewinns vor

Steuern und Zinsen (Ebit) liegen. Sämtliche

Heime könnten bis zu 88 Millionen Euro

einspielen, mehr als doppelt so viel wie

die 34 Millionen, mit denen die Börse die

Marseille Kliniken aktuell bewertet.

Unabhängig von einem Verkauf ist der

Substanzwert des Unternehmens doppelt

so hoch wie der Börsenwert. Das Eigenkapital

beträgt 44 Millionen Euro. Hinzu

kommt eine Besonderheit: Wenn die Marseille

Kliniken für den Bau eines Pflegeheims

Zuschüsse bekommt, parkt sie das

Geld zunächst. Ende 2013 lagen 38 Millionen

Euro auf dem Konto. Die werden nun

häppchenweise als Einnahmen verbucht –

sichere Erträge. Selbst Wopen räumt ein,

dass der aktuelle Kurs den inneren Wert

des Unternehmens nicht widerspiegelt.

Anleger, die damit leben können, ihre

Aktien eine Zeit lang nicht versilbern zu

können, sollten deshalb Ulrich Marseille

nicht auf den Leim gehen, indem sie unter

Wert verkaufen.

n

melanie.bergermann@wiwo.de | Frankfurt

FOTOS: BRAUERPHOTOS/S. SCHRAPS, IMAGO/ANNEGRET HILSE

78 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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»Entscheidend ist

auf’m Platz«

AKTIEN | Ein Investment in einen börsennotierten Fußballclub

kostet mindestens so viel Nerven wie ein Elfmeterschießen

im WM-Finale. Einige bieten Anlegern aber durchaus Chancen.

Um 22:33 Uhr war Dortmund

ausgeschieden, der

BVB lag nach 90 Minuten

regulärer Spielzeit gegen Malaga

1:2 hinten. Fans verließen

das Stadion, Anleger waren schon vorher

schnell ausgestiegen: „Ab dem Führungstreffer

für Malaga in der 81. Minute wurden

vermehrt Dortmund-Aktien verkauft“,

sagt Alexander Langhorst, Analyst bei GSC

Research. Abgewanderte Fans und Aktionäre

aber wurden bestraft: In der Nachspielzeit

schossen Marco Reus und Felipe

Santana ihr Team zurück in den Wettbewerb.

Dortmund schaffte es 2013 bis ins Finale

der Champions League, musste sich

in London nur dem FC Bayern München

geschlagen geben. Für ihren zweiten Platz

erhielten die Dortmunder 6,5 Millionen

Euro, das Unternehmen machte in

der Saison Rekordumsätze und ei-

nen Gewinn von 51,2 Millionen Euro. Aktionäre

erhielten erstmals zehn Cent Dividende

pro Anteil. Seit Anfang Juni sind die

Dortmunder im Nebenwerteindex SDax

vertreten, in den auch Fonds investieren.

Anleger, die vor gut einem Jahr kauften

(WirtschaftsWoche 20/2013), liegen knapp

40 Prozent vorn.

Die meisten Fußballaktien aber sind nur

etwas für Fans, für eine langfristige Geldanlage

schwanken sie zu stark. Spielerische

Erfolge sind noch schwerer vorhersehbar

als Gewinne in anderen Branchen. Nur wenige

Clubs schaffen es über Jahre, konstant

starke Leistungen zu bringen. „Wirtschaftliche

Prognosen über die kommende Saison

hinaus lassen sich für die Vereine nicht

seriös berechnen“, sagt Analyst Langhorst.

Von 31 Fußballaktien weltweit könnten

deutsche Anleger etwa drei Viertel direkt

kaufen. In Istanbul sind zwar alle großen

Vereine an der Börse, Galatasaray, Fenerbahçe

und Besiktas bleiben ohne Depot in

der Türkei aber tabu. Denn für den Handel

bräuchten Anleger eine türkische Steuernummer.

Auch Aktien zweier Vereine aus

Chile können bislang nicht in Deutschland

gehandelt werden. Die Informationslage

ist auch in Europa dünn: Wer einen Club

analysieren will, muss auch mal Jahresabschlüsse

auf Dänisch, Portugiesisch oder

Niederländisch durchforsten.

Ob Fußballvereine überhaupt an die

Börse dürfen, bestimmen die nationalen

Verbände. In Deutschland darf ein Bundesligateam

als AG aus dem Sportverein

ausgegliedert werden. Der Verein muss

aber weiter 50 Prozent der Stimmrechte

plus einen weiteren Anteil besitzen. Nur

wenn ein Team als Kommanditgesellschaft

auf Aktien organisiert ist – wie Borussia

Dortmund – gelten Sonderregeln, und der

Anteil darf unter 50 Prozent fallen.

GUT GEHT’S DEN DÄNEN...

Die dänische Superliga spielt in Europa

zwar keine große Rolle; wohl aber an der

Börse. Neun dänische Clubs sind börsennotiert,

sogar kleinere Teams aus unteren

Ligen. „Die Uefa hat mich oft gefragt, warum

es in Dänemark so viele börsennotierte

Vereine gibt“, sagt Peter Ebbesen, der

jahrelang in der Lizenzabteilung des Dänischen

Fußballbunds arbeitete. „Meine

Antwort lautete immer: Ich weiß es nicht.

Es muss daran liegen, dass wir keine strikten

Vorschriften für die Eigentumsstrukturen

der Vereine haben.“

Der FC Kopenhagen wird auch in Frankfurt

gehandelt, die meisten Dänen-Aktien

aber müssten deutsche Anleger über

ihre Bank an der Börse GXG Markets

kaufen. Das ist teuer. Viele Fußballaktien

sind Pennystocks,

ihr Kurs liegt

unter einem Euro.

Der Kurs des Teams aus Vejle etwa

liegt bei 0,08 Dänischen Kronen, umgerechnet

ein Cent.

Für eine Beispielwoche im Juni 2014 hat

der Online-Broker Comdirect für die WirtschaftsWoche

die Umsätze einiger Fußballaktien

zusammengetragen. Während täglich

65 000 bis 220 000 BVB-Aktien den Besitzer

wechselten, gab es für keinen ausländischen

Fußballclub an deutschen »

Zum Sieg Felipe Santana (Mitte) trifft in

letzter Minute gegen Malaga. Das Tor

legt die Basis für Rekordumsätze des

BVB in der Saison 2012/13

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 79

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Geld&Börse

»

Börsen Umsätze. Für

viele Werte, etwa für AS

Rom oder Olympique Lyon,

gab es zwar Kauf- und

Verkaufskurse. Die lagen

aber relativ weit auseinander,

Geschäfte wurden

nicht abgeschlossen.

Im gleichen Zeitraum

wurde zum Beispiel die Aktie

von Juventus Turin in

Mailand bis zu eine Million

Mal pro Tag gehandelt. Um nicht auf den

Aktien sitzen zu bleiben, sollten Anleger

den Schritt an die ausländische Börse wagen.

Auch wenn das höhere Gebühren bedeutet:

Comdirect berechnet etwa drei Euro

Auslandsaufschlag pro Order, hinzu kommen

weitere externe Gebühren wie Maklercourtage

oder Lieferspesen. Allein Letztere

betragen bei Aktien aus Portugal 20 Euro.

GESCHÄFTSMODELL PRÜFEN

Ist die Aktie handelbar, gilt es als Nächstes,

das Unternehmen zu analysieren. „Wer

keine emotionale Anlageentscheidung

trifft, etwa als Dortmund-Fan die Aktie

kauft, sondern spekulativ anlegen möchte,

muss das nachhaltige Ergebnis der Vereine

prüfen“, sagt Marc Hayn, Partner Unternehmensbewertung

beim Berater Deloitte.

Entscheidend ist, ob der Club in den vergangenen

Jahren einen positiven freien

Cash-Flow abgeliefert hat. Ist dies der Fall,

spricht einiges dafür, dass trotz hoher Investitionen

in neue Spieler auch langfristig

Geld für die Aktionäre übrig bleibt.

Zweiter wichtiger Punkt sind die Schulden.

Sie bestimmen letztlich darüber, ob

die Teams eine Lizenz für die neue Saison

bekommen oder nicht. Negativbeispiel

sind die Glasgow Rangers: Der Verein

musste nach Insolvenz im Jahr 2012 bis in

die vierte schottische Liga absteigen. Ein

Börsengang Ende 2012 in London spülte 22

Millionen Pfund (27 Millionen Euro) in die

Kassen und machte den Verein weitgehend

schuldenfrei. Die Rangers kämpften

sich wieder in die zweite Liga hoch. Trotz

Abstieg konnten sie Coca-Cola als Sponsor

halten. Nun mögen Anleger darauf spekulieren,

dass der schottische Traditionsverein

es nach der Umstrukturierung wieder

an die Spitze schafft. Die Aktie scheint unten:

Sie fiel seit Ausgabe im Dezember 2012

von 80 Pence auf aktuell etwa 27 Pence.

Auch die BVB-Aktie gab es vor der Sanierung

2009 mal für 84 Cent.

Besonders attraktiv sind an der Börse

Vereine, die junge Spieler ausbilden und

Börsen-Profis Die Leistung von Hummels

(BVB), Blind (Ajax) und Rooney (ManU)

bei der WM in Brasilien bestimmt auch den

Marktwert ihrer Clubs

31 Fußballclubs

weltweit sind zurzeit

börsennotiert

mit ihnen später hohe Transfereinnahmen

erzielen. Der dänische Club Brøndby etwa

gilt als Ausbildungsclub, auch Ajax Amsterdam

baut erfolgreich die eigene Jugend

auf. Talente günstig einzukaufen und nach

einigen erfolgreichen Jahren teuer weiterzuverkaufen

kann sich ebenfalls lohnen.

Hier sollte ein Blick auf das Scoutingteam

zeigen, was der Club drauf hat. Kurzfristig

können erfolgreiche Transfers durchaus

den Aktienkurs treiben.

Der FC Porto etwa holte 2002 den Portugiesen

Maniche ablösefrei vom Konkurrenten

Benfica Lissabon. Drei Jahre später

wurde Maniche für 16 Millionen Euro nach

Moskau verkauft. Der Kurs der Porto-Aktie

stieg von 2,34 Euro auf zwischenzeitlich

4,39 Euro Anfang 2003.

Um die Kennzahlen von Teams vergleichen

zu können, sollten die wenig verlässlichen

Millioneneinnahmen durch Transfers

herausgerechnet werden. „Man kann

darüber philosophieren, ob Transfereinnahmen

zum regulären Geschäft der Vereine

gehören“, sagt Karsten Hollasch, Leiter

der deutschen Sport Business Gruppe von

Deloitte. „Viel wichtiger ist, ob ein Club aus

seinen verschiedenen Erlösquellen nachhaltig

positive Ergebnisse erzielen kann.“

Zu diesen Erlösquellen gehören etwa der

Verkauf von Tickets (gerade in Italien bleiben

die Ränge in

den Stadien oft

leer), Sponsoringverträge,

der Verkauf

von Fanartikeln und

Fernsehrechten.

Solide Teams

zeichnen sich durch

eine lange Historie in

europäischen Ligen

aus. Wer seit Jahren

ununterbrochen in der

Champions League spielt, wie Manchester

United, hat konstantere Prämieneinnahmen

als etwa ein unbekannter Club aus der

ersten dänischen Profiliga.

Am Ende aber gilt, was Alfred Preißler,

BVB-Stürmer der Fünfzigerjahre, sagte:

„Grau ist alle Theorie, entscheidend ist

auf’m Platz.“ Soll heißen: Trotz aller verlässlichen

und steuerbaren Cash-Flows bestimmen

auch die Ergebnisse internationaler

Spiele und der Ligaplatz den Börsenwert.

„Natürlich beeinflussen auch sportliche Ergebnisse

den Kurs, weil der Fußballsport

nun einmal unser Unternehmensgegenstand

ist“, sagt Robin Steden, der beim BVB

Investoren betreut. „Für Anleger sind aber

ebenso die wirtschaftlichen Kennzahlen

maßgeblich.“ Analysiert man die, empfehlen

sich fünf Werte für ein Investment.

n Borussia Dortmund. Mit der Aufnahme

in den SDax konnte die BVB-Aktie zuletzt

stark zulegen. Auch weil es zeitgleich hieß,

die Deutsche Bank plane eine Beteiligung.

Daraus wurde zwar nichts, der Vorstand

aber will mit anderen Kapitalgebern reden.

Wie Manchester United soll der BVB eine

globale Marke werden, eröffnet dazu jetzt

eine Repräsentanz in Singapur.

Ein solider freier Cash-Flow, ein Gewinn

von gut 50 Millionen in der Ausnahmesaison

2012/13 und einer der wertvollsten Kader

der börsennotierten Vereine – Platz

drei nach Manchester und Juventus Turin –

sprechen für die Aktie. Auch 2013/14 konnte

Dortmund ohne Meistertitel und Champions-League-Finale

an die Vorjahresleistungen

anknüpfen – das Ergebnis je Aktie

der ersten drei Quartale bis März 2014 lag

bei 13 Cent. Der Titel dürfte für Anleger der

attraktivste Fußballwert sein. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis

(KGV) liegt für das Jahr

2014 geschätzt bei 14,6 und damit noch unter

dem SDax-Durchschnitt von 18,5. Dortmund

zahlt als einziger Verein eine Dividende,

zehn Cent pro Aktie.

Chance: n n n n n n n

Risiko: n n n n n

FOTOS: PANINI

80 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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n FC Kopenhagen. Ihren größten internationalen

Erfolg erzielten die Kopenhagener

in der Saison 2010/11 mit dem Erreichen

des Achtelfinales in der Champions League.

Wichtig für die Aktie: Das Fußballgeschäft

schließt Umsätze aus der Vermietung

der eigenen Arena (Parken) ein.

Das bringt, wie bei Borussia Dortmund,

stetige Erträge, kann aber auch schon mal

nach hinten losgehen: Als 2007 ein Fußballfan

während eines Spiels der dänischen

Nationalmannschaft gegen Schweden

auf den Platz gestürmt war, um die

Schiedsrichter anzugreifen, strich die Uefa

vier weitere geplante Spiele der Dänen im

Parken-Stadion. Der Aktienkurs brach daraufhin

um fast sechs Prozent ein.

Größte Umsatzträger der Parken-Aktien

sind die Beteiligungen an einer Ferienanlage

namens Lalandia und an einer Fitnessstudio-Kette.

Zwei Drittel des Vorsteuerergebnisses

2013 erwirtschaftete das Unternehmen

aber aus dem Fußballgeschäft mit

22,6 Millionen Euro. Mit einem KGV von

aktuell vier ist die Aktie günstig.

Chance: n n n n n n n n

Risiko: n n n n n n

2,1 Milliarden

Euro ist Manchester

United wert

n Ajax Amsterdam. Seit vier Jahren dominiert

der Club die niederländische Liga,

holte das Meisterschafts-Quadrupel. Aktuell

scheint die Weltmeisterschaft in Brasilien

Einfluss auf die Transferergebnisse der

kommenden Saison zu haben. Gerüchten

zufolge soll Verteidiger Daley Blind bei

Dortmund und ManU im Gespräch sein.

Mit 25 Millionen Euro brachten die Einnahmen

aus Sponsoring-Verträgen im vergangenen

Jahr bei Ajax den größten Umsatz.

Bemerkenswert aber sind vor allem

die steigenden Einnahmen aus Fernsehrechten,

die nach 5,5 Millionen Euro 2009

mittlerweile 20,3 Millionen Euro bringen.

Mit einem KGV von 11,6 ist Ajax im Vergleich

zu anderen Fußballclubs teuer. Ein

positiver freier Cash-Flow in den Saisons

2011–2013 spricht aber für die Ajax-Aktie.

Chance: n n n n n n n n n

Risiko: n n n n n n n

n FC Porto. Portugiesische Unternehmen

hatten es zeitweise schwer an der Börse, sie

leiden unter der schwachen Konjunktur in

ihrem durch die Euro-Krise geschwächten

Heimatland. Der FC Porto kann sich dennoch

dank hohem freiem Cash-Flow und

einem Gewinn von 20 Millionen Euro 2013

gut halten. Anders als die Aktien vom BVB,

Ajax und ManU ist die Aktie mit einem Kurs

von aktuell 53 Cent ein Pennystock. Gewinnschätzungen

gibt es nicht, das KGV unter

eins bezieht sich auf die Saison 2012/13,

hat also wenig Aussagekraft für zukünftige

Erträge. Wer in den Pennystock investiert,

sollte zuvor bei seiner Bank abfragen, wie

hoch die Gebühren für den Handel an der

portugiesischen Börse sind.

n

Chance: n n n n n n n n n n

Risiko: n n n n n n n n n

sebastian.kirsch@wiwo.de

Viererkette mit Potenzial

Die Aktien von Dortmund, Amsterdam, Porto und Kopenhagen bieten noch Chancen

Borussia Dortmund (DE) 4

Ajax Amsterdam (NL) 4

Olympique Lyon (FR) 4

Benfica Lissabon (PT) 4

FC Porto (PT) 4

Sporting Lissabon (PT) 4

AS Rom (IT) 4

Lazio Rom (IT) 4

Juventus Turin (IT) 4

Manchester United (UK) 4

Rangers FC (UK) 4

Celtic Glasgow (UK) 4

EFB Elite Esbjerg (DK) 5, 7

Aarhus Elite (DK) 4

FC Kopenhagen/Parken (DK) 5

5, 6, 7

Vejle Boldklub (DK)

Brøndby IF (DK) 5

Aalborg BK (DK) 5

AC Horsens (DK) 5, 7

Silkeborg IF (DK) 5

FC Midtjylland (DK) 4, 7

ISIN

DE0005493092

NL0000018034

FR0010428771

PTSLB0AM0010

PTFCP0AM0008

PTSCP0AM0001

IT0001008876

IT0003621783

IT0000336518

KYG5784H1065

GB00B90T9Z75

GB0004339189

DK0060361715

DK0010263722

DK0010237643

DK0016282320

DK0010247956

DK0010247014

DK0060106607

DK0010128008

DK0016275621

Umsatz 1, 2

253,4

105,6

101,0

88,3

78,4

32,0

107,7

93,4

272,4

442,1

24,3

88,2

14,4

14,2

175,2

3,6

15,7

9,7

4,7

8,7

6,8

Gewinn 1

51,2

18,2

–20,0

–10,4

20,3

–43,8

–43,0

–5,4

–15,9

183,0

1,5

12,2

3,9

–0,9

23,4

–0,4

–5,0

–3,6

–1,1

0

–1,1

KGV

14,6 8

11,6

n. v.

n. v.

0,4

n. v.

n. v.

n. v.

n. v.

57,8 8

28,8

5,2

0,8

n. v.

4,1

n. v.

n. v.

n. v.

n. v.

425

n. v.

Freier Cash-

Flow 1, 3

1 in Millionen Euro; 2 ohne Transfers; 3 Geld, das dem Unternehmen nach Abzug von Investitionen zur Zahlung etwa an Aktionäre bleibt, negative Werte deuten hohe

Investitionen an; 4 Saison 2012/13; 5 Kalenderjahr 2013; 6 Umsatz inkl. Transfers; 7 über Broker bei GXG Markets handelbar; 8 für 2014 geschätzt;

Quelle: Vereine, Transfermarkt.de, eigene Berechnung

14,3

15,6

–33,3

–1,5

36,9

–52,7

–6,7

10,1

–26,3

10,5

–22,7

12,9

0,7

–0,5

20,7

–0,2

–10,0

0,2

–0,5

0,6

1,3

Kader-

Marktwert 1

323,6

82,4

102,7

189,2

183,2

107,5

188,7

126,8

353,3

387,5

0,3

55,0

14,3

11,1

23,5

4,2

15,7

10,5

5,5

4,8

13,5

Börsenwert

1

279,5

171,4

35,9

26,5

8,1

26,1

131,3

36,0

230,0

2089,5

23,2

84,3

3,1

12,4

98,7

0,5

33,9

6,1

0,2

9,0

3,9

Erfolge

Champions-League-Finalist 2013, Vizemeister 2014

vier Meistertitel in Folge

Superpokalsieger 2013, Pokalsieger 2012

Europa-League-Finalist 2014, Meister 2014

Meister 2011 bis 2013, Superpokalsieger 2014

Vizemeister 2014

Vizemeister 2014

Pokalsieger 2013

dreimaliger Meister in Folge

Superpokalsieger 2013/14, Meister 2013

Aufstieg in die zweite schottische Liga nach Insolvenz 2012

dreimaliger Meister in Folge

Pokalsieger 2013

Aufstieg in die 1. Liga 2011, Abstieg 2014

Meister 2013, Champions-League-Teilnehmer 2010/2011

Tabellensiebter 2014 (2. Liga)

Pokalsieger 2008, Tabellenvierter 2014

Meister 2014, Champions-League-Teilnehmer 2008/2009

Tabellenfünfter 2014 (2. Liga)

Aufstieg in die 1. Liga 2014

Tabellendritter 2014

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 81

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Geld&Börse | Steuern und Recht

IMMOBILIENVERKAUF

Ohne Steuer

keine Kosten

PRIVATE KRANKENVERSICHERUNG

Umstrittener Zuschuss

Wie viel Prämie privat Krankenversicherte absetzen dürfen.

Wer sich als Angestellter privat krankenversichert

(PKV), kann einen Teil des Beitrags als Sonderausgaben

geltend machen. Dieser Teil entspricht

der Höhe nach dem Beitrag in der gesetzlichen

Krankenversicherung (GKV) inklusive Arbeitgeberanteil.

Das Finanzamt zieht davon den steuerfreien

Zuschuss des Arbeitgebers zur PKV ab.

Dieser Zuschuss muss mindestens so hoch sein

wie der Arbeitgeberanteil in der GKV. Unternehmen

können freiwillig mehr zahlen. Umstritten

ist, ob das Finanzamt den kompletten Arbeitgeberzuschuss

oder nur den jeweiligen GKV-Anteil

abziehen darf. Zahlt der Arbeitgeber über das

GKV-Niveau hinaus und zieht das Finanzamt den

vollen Zuschuss ab, kann der Steuerzahler unter

dem Strich weniger als den Arbeitnehmeranteil

in der GKV absetzen. Beispiel: Die PKV-Prämie

beträgt insgesamt 600 Euro monatlich. Davon erkennt

das Finanzamt 400 Euro als GKV-Anteil an.

Der Arbeitgeber zahlt 300 Euro zu. Nach Abzug

der vollen 300 Euro könnte der Steuerzahler nur

100 Euro absetzen. Derzeit läuft am Bundesfinanzhof

ein Verfahren (IX R 43/13), das klären

soll, wie das Finanzamt Beitrag und Zuschuss zur

PKV verrechnen darf. Das Bundesfinanzministerium

hat daher ein Rundschreiben (IV A 3 – S

0338/07/10010) vom Februar ergänzt. Danach

sind alle Steuerbescheide vom Jahr 2010 an vorläufig,

bei denen es um die Verrechnung des Arbeitgeberzuschusses

zur PKV geht. In den noch

laufenden Steuerverfahren ist daher kein Widerspruch

nötig.

Für den Verkauf einer Immobilie

gilt eine Spekulationsfrist

von zehn Jahren. Wer nach Ablauf

dieser Frist ein Haus oder

eine Wohnung mit Gewinn verkauft,

muss keine Steuern zahlen.

Allerdings kann er dann

auch keine Kosten absetzen, die

mit dem Verkauf verbunden

sind. So hatte der Eigentümer

einer vermieteten Immobilie

nach Ablauf der Spekulationsfrist

verkauft. Mit einem Teil des

Verkaufserlöses löste er seine

Restschuld bei der Bank ab, damit

der neue Eigentümer eine

schuldenfreie Immobilie übernehmen

konnte. Weil der Kreditnehmer

das Darlehen vorzeitig

auflöste, kassierte die Bank

eine Vorfälligkeitsentschädigung.

Diese zusätzlichen Kosten

wollte der Verkäufer von der

Steuer absetzen. Dies lehnte

das Finanzamt ab. Auch beim

Bundesfinanzhof hatte der

Steuerzahler kein Glück (IX R

42/13). Die Vorfälligkeitsentschädigung

habe nichts mit den

Mieteinnahmen zu tun, so die

Richter. Die Kosten seien daher

nicht absetzbar. Das Urteil gilt

nur für Fälle, in denen die Spekulationsfrist

abgelaufen ist.

Wenn Eigentümer innerhalb

der Frist verkaufen, können sie

die Vorfälligkeitsentschädigung

mit dem Gewinn verrechnen.

RECHT EINFACH | Handy

Das Handyverbot am Steuer

verleitet ertappte Autofahrer zu

fantasievollen Erklärungen.

Gerichtsfest sind sie nicht.

§

Handspiel. Ein Autofahrer

aus dem Ruhrgebiet erhielt

ein Knöllchen über 50 Euro.

Grund: Benutzung des

Mobiltelefons beim Fahren. Vor

Gericht sagte der Mann, er habe

nicht telefoniert, sondern nur geprüft,

ob das Handy aus sei. Egal,

befanden die Richter. Sinn des

Verbots sei, dass der Fahrer beide

Hände am Lenkrad habe. Telefonieren

im engeren Sinne sei nicht

erforderlich (Oberlandesgericht

Hamm, 2 Ss OWi 805/06). Ebenso

sahen das die Richter beim Wegdrücken

eines Anrufs (Oberlandesgericht

Köln, III-1 RBs 39/12) oder

beim Ablesen der Uhrzeit vom

Handydisplay (Oberlandesgericht

Hamm, 2 Ss OWi 177/05).

Musik. Ein Kölner Autofahrer fiel

einer Polizeistreife auf, weil er via

Handy am Ohr Musik hörte. Das

Verwarnungsgeld wollte der Popmusik-Fan

nicht zahlen. Musikhören,

so seine Begründung, sei

schließlich nicht verboten. Vor

Gericht stieß der Kölner auf taube

Ohren. Sofern das Handy in der

Hand gehalten werde, sei es egal,

ob Musik oder eine Stimme aus

dem Lautsprecher schalle, urteilten

die Richter (Oberlandesgericht

Köln, 83 Ss OWi 63/09).

Randstreifen. Ein Autofahrer hielt

auf der Standspur einer Autobahn

und zückte sein Handy. Polizisten

sahen dies und schrieben ein

Knöllchen über 50 Euro. Der Fahrer

wollte nicht zahlen. Er habe

angehalten, bevor er das Gespräch

begonnen habe. Auch auf

dem Standstreifen, so die Richter,

sei der Autofahrer Teilnehmer des

fließenden Verkehrs. Handygespräche

seien dort verboten, das

Bußgeld daher berechtigt (Oberlandesgericht

Düsseldorf, IV 2 Ss

OWi 84/08 – 39/08 III).

FOTOS: F1ONLINE, GETTY IMAGES, PR

82 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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VERKAUF VON LEBENSVERSICHERUNGEN

Steuerlücke wird geschlossen

Statt eine Lebensversicherung

zu kündigen, können Anleger

sie auch an professionelle Aufkäufer

veräußern. Diese Aufkäufer

übernehmen die Police

und zahlen weiter Beiträge. Der

Versicherungsschutz für den

Todesfall gilt jedoch weiterhin

für den Verkäufer der Police.

Stirbt der Versicherte, bevor das

angesparte Guthaben ausgezahlt

wird, fließt die Leistung

für den Todesfall steuerfrei an

den neuen Eigentümer der Lebensversicherung.

Diese Lücke

im Steuerrecht will die Bundesregierung

schließen. Begründung:

Durch den Verkauf der

Lebensversicherung verliere sie

ihren Zweck, Angehörige gegen

finanzielle Risiken abzusichern.

Ein Steuerbonus sei für diese

Fälle nicht erforderlich. Von

einer Gesetzesänderung wären

allerdings nur Lebensversicherungen

betroffen, die von 2005

an abgeschlossen wurden.

Für die Verkäufer von Lebensversicherungen

hätte eine Gesetzesänderung

kaum Folgen.

Ein Abschlag auf den Wert der

zum Verkauf stehenden Policen

sei nicht zu erwarten, so Policen

Direkt, Marktführer für den

Kauf von Lebensversicherungen.

Schließlich liege die Quote

der verkauften Policen, bei denen

der Verkäufer vorzeitig

PRIVATINSOLVENZ

Nach drei Jahren durch

Etwa 6,6 Millionen Bundesbürger

gelten als überschuldet, für

viele ist eine Privatinsolvenz der

letzte Ausweg, um die Last loszuwerden.

Für alle ab 1. Juli

2014 eröffneten Verfahren gelten

kürzere Fristen für die Restschuldbefreiung.

Nach der neuen

Insolvenzrechtsreform wird

der Schuldner bestenfalls schon

nach drei statt bislang sechs

Jahren schuldenfrei. Bis dahin

bleiben ihm monatlich nur

1045 Euro zum Leben plus weitere

Freibeträge, etwa für Unterhalt.

Alles darüber wird gepfändet.

Er muss zudem eine

zumutbare Arbeit annehmen.

Zahlt er in den drei Jahren 35

Prozent der Schulden zurück,

die Gläubiger angemeldet

haben, und kann er auch die

Kosten des Insolvenzverfahrens

von 2000 bis 3000 Euro erstatten,

ist er mit dem Thema

durch, wenn Gläubiger keine

Einwände haben. Schulden von

Mietnomaden sowie aus Unterhalts-

und Steuerforderungen

werden nie gestrichen.

stirbt, bei unter einem Prozent,

so Policen Direkt. Anders als in

den USA spekulieren Aufkäufer

in Deutschland in der Regel

nicht auf den Tod des Versicherten,

sondern darauf, dass der

Versicherer ein hohes Sparguthaben

auszahlt. Aufkäufer bevorzugen

daher Policen von

leistungsstarken Versicherern,

die überdurchschnittliche Renditen

erwirtschaften können.

Das Kapital, das der Versicherer

auszahlt, wenn die Police ausläuft

– in der Regel, wenn der

Anleger in den Ruhestand geht –,

müssen Aufkäufer von Lebensversicherungen

ohnehin versteuern.

PENDLERPAUSCHALE

Falschtanker

zahlen selbst

Wer sein Auto auf dem Weg zur

Arbeit falsch betankt und den

Wagen wegen eines Motorschadens

reparieren lassen muss,

kann die Werkstattkosten nicht

als Werbungskosten geltend

machen. Mit der Entfernungspauschale

von 30 Cent je Kilometer

seien alle Kosten, darunter

auch solche, die bei einer

Reparatur des Autos anfallen,

abgedeckt, entschied der Bundesfinanzhof

(VI R 29/13).

GRUNDBUCH

BIRGIT SCHAARSCHMIDT

ist auf Immobilien-

und

Baurecht spezialisierte

Anwältin

in

Frankfurt.

n Frau Schaarschmidt, das

deutsche Grundbuch gilt

als vorbildlich geführt, doch

Fehler sind nicht ausgeschlossen.

Welche Konsequenzen

haben sie?

Es ist sehr schwierig, Eintragungsfehler

im Grundbuch

zu berichtigen, denn dazu

müssen alle Beteiligten zustimmen.

Das wurde an einem

Fall deutlich, den das Oberlandesgericht

München entschieden

hat. Der Käufer einer

kleinen preiswerten Wohnung

in einer Wohnanlage wurde als

Eigentümer einer teuren eingetragen.

An einer Grundbuch-Änderung

hat er unter

Umständen kein Interesse.

Miteigentümer müssen dann

die Zustimmung zur Änderung

des Grundbuchs einklagen.

n Notare prüfen doch, ob

alles stimmt.

Grundsätzlich schon. Zur

Sicherheit sollten Käufer aber

auch selbst den Lageplan

und die Nummerierung ihrer

Wohnung im Grundbuch mit

dem Kaufvertrag und mit den

Plänen, die in der Regel beim

Wohneigentumsverkauf übergeben

werden, vergleichen.

SCHNELLGERICHT

STADT HAFTET FÜR AUSRUTSCHER

§

Eine Frau rutschte 2011 in einer Kieler Fußgängerzone

auf einer Messingplatte aus und brach

sich das Bein. Regen hatte die Platte rutschig gemacht.

Zudem war das Profil im Messing abgelaufen.

Wegen des Sturzes verklagte die Frau die Stadt Kiel.

Die Stadt müsse haften, da die Platten für Fußgänger

ein erhebliches Risiko seien, denen sie im dichten

Einkaufsverkehr kaum ausweichen könnten, so die

Richter (Schleswig-Holsteinisches Oberlandesgericht,

11 U 167/13).

SADOMASO NUR ANTEILIG BERÜCKSICHTIGT

§

Ein Eigentümer vermietete eine Ferienwohnung

inklusive Sadomaso-Studio. Für die Umsätze verweigerte

das Finanzamt den ermäßigten Steuersatz

von sieben Prozent. Begründung: Nicht Wohnen, sondern

das Ausüben bestimmter Sexpraktiken stünden

im Vordergrund. Der Vermieter argumentierte, dass

nur zwei Räume für SM-Praktiken eingerichtet seien.

Wohn- und Schlafzimmer ließen sich „normal“ nutzen.

Da die SM-Räume 30 Prozent der Wohnfläche

belegten, gelte der ermäßigte Steuersatz für die übrigen

70 Prozent, so die Richter (Niedersächsisches

Finanzgericht, 5 K 358/13).

KEIN PFAND FÜR SIM-KARTE

§

Mobilfunkanbieter dürfen für die SIM-Karte eines

Handys kein Pfand von ihren Kunden nehmen

(Landgericht Kiel, 4 O 95/13).

n Wann kommt das Grundbuchamt

noch ins Spiel?

Wenn städtische Bauämter in

Genehmigungsverfahren Post

an Eigentümer verschicken,

nehmen sie die im Grundbuch

stehende Adresse des Eigentümers.

Zieht er um, wird seine

neue Anschrift nicht vom

Einwohnermeldeamt ans

Grundbuchamt übermittelt.

Das dürfen die Ämter aus Datenschutzgründen

nicht. Man

sollte also Grundbuchämter

über Umzüge informieren.

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 Redaktion: martin.gerth@wiwo.de, heike schwerdtfeger | Frankfurt

83

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Wenn smarte Investoren

so gerade noch mal Kasse

machen, ist das kein gutes Zeichen

für die Börse. Von Hauke Reimer

Ladenhüter

Sieht doch fein aus: Die

Börsen von Amsterdam,

Brüssel, Lissabon

und Paris unter einem

Dach, kostensparend und für

Anleger leicht erreichbar, solides

Geschäft, alles profitabel.

Und doch lief der Börsengang

der Vierländerbörse Euronext

zäh. Während Anleger sich zur

selben Zeit um Aktien des Neulings

TSB Bank rissen (15 Prozent

Kursgewinn am ersten

Tag), ließen sie das Euronext-

Papier links liegen. Angeschmiert

waren Großinvestoren

und Banken, die vorab Euronext-Aktien

zum Vorzugspreis

bekommen hatten. Privatanleger

bekamen die Aktie hinterher

billiger – Schadenfreude.

Warum aber will, trotz Hausse

(der Aktienindex Euro Stoxx 50

hat binnen eines Jahres 50 Prozent

plus gemacht), keiner die

Euro-Börsenaktie haben?

Weil klassischer Aktienhandel

– anders als der Terminhandel,

bei dem auf künftige Kurse gewettet

wird – den Börsen kaum

noch Geld bringt. Neue Wettbewerber

jagen ihnen Marktanteile

ab; superschnellen Computerhändlern,

die Börsen hohe Umsätze

bescherten, drohen Beschränkungen.

Die US-Börse

ICE, die Euronext im Paket mit

der New Yorker Börse und der

Londoner Terminbörse Liffe

übernommen hatte, wollte Euronext

deshalb schnell loswerden.

Die Deutsche Börse winkte ab.

Blieben die Anleger.

Für Aktienbesitzer sind solche

Börsengänge kein gutes Zeichen:

Smarte Investoren machen noch

schnell Kasse, weil sie erkennen,

dass die Preise oben sind. ICE-

Gründer Jeffrey Sprecher, der

hinter dem Euronext-Börsengang

steht, ist ohne Zweifel so ein

smarter Typ. Er hat aus einer Provinz-Terminbörse

in Atlanta eines

der größten Börsengebilde der

Welt gemacht – wertvoller noch

als die Deutsche Börse. Den Ladenhüter

Euronext ist er jetzt gerade

noch so losgeworden.

KLEINER DACHSCHADEN

Ähnlich smart haben die Finanzinvestoren

Apollo, Tower Brook

und York Capital gehandelt:

Kurz bevor der Dax die 10 000

Punkte wieder von unten sah,

schlossen sie die Bücher für den

bisher größten deutschen Börsengang

des Jahres. Die Aktien

des Dachpfannen-Produzenten

Braas konnten zu 23 bis 28 Euro

gezeichnet werden. Mit Ach und

Krach wurden sie zu 24 Euro –

gesichtswahrend nicht ganz am

unteren Ende der Zeichnungsspanne

– an die Börse gebracht.

Prompt rutschten sie Richtung

22 Euro. Unsere Empfehlung,

bei Braas auf günstigere Kurse

zu warten, war richtig. Den abgebenden

Fonds konnte das

alles egal sein, sie räumten fast

eine halbe Milliarde ab.

Verglichen mit dem, was auf

die Börse hierzulande noch zurollt,

ist selbst Braas Kleinvieh:

Die als Internet-Klonkrieger

(weil sie gern Geschäftsmodelle

anderer kopieren) verrufenen

Samwer-Brüder wollen deutsche

Anleger offenbar noch in

diesem Jahr mit gleich zwei Mega-Börsengängen

beglücken.

Sollten sie es tatsächlich schaffen,

den defizitären Klamottenund

Schuhversender Zalando an

die Börse zu drücken und ihre

Holding Rocket Internet womöglich

noch gleich hinterher, wäre

dies das finale Symptom einer

Überhitzung – und für kluge Anleger

das allerletzte Signal für

den Ausstieg.

TREND DER WOCHE

Schnelle Käufer

Nach zweieinhalb Jahren Preisrückgang gibt es immer

mehr Anzeichen, dass Gold wieder nach oben dreht.

Im ersten Quartal stiegen die

Reallöhne in Deutschland um

1,3 Prozent. Das ist der höchste

Anstieg seit Frühjahr 2011. In

den USA kletterten die Konsumentenpreise

im Mai mit einer

Jahresrate von 2,1 Prozent unerwartet

stark. Rohöl ist so teuer

wie seit neun Monaten nicht

mehr. Und auch der Goldpreis

hat nach bis zu 38 Prozent

Preisrückgang in zweieinhalb

Jahren wieder den Weg nach

oben eingeschlagen.

Natürlich sind es auch die politischen

Krisen im Irak und in

der Ukraine, die den jüngsten

Preisanstieg befördern. Doch

entscheidend für dauerhaft höhere

Goldnotierungen ist, dass

mit steigenden Löhnen und

Preisen die Inflationsgefahr

wieder wächst.

Gold wieder begehrt

Indische Schmuckkäuferinnen

Die Nachfrage nach physischem

Gold ist stabil, vor allem

aus China und Indien. „Die

wachsende Bedeutung der asiatischen

Mittelschicht und das

dort vorherrschende Faible für

Gold wird nach wie vor unterschätzt“,

heißt es im neuesten

Goldreport des Edelmetall-Experten

Ronald Stöferle. Dass

der jüngste Preisanstieg von

den Terminmärkten ausging,

spricht nicht gegen ihn. Auch

als der Goldpreis nach unten

kippte, wurde die Richtung von

den schnellen Anlegern vorgegeben.

Und sollte der Goldpreis

in Zukunft nicht mehr im Hinterzimmer

von einigen Londoner

Bankern gefixt werden, sondern

nach nachvollziehbaren

Methoden, käme das dem

Goldmarkt zusätzlich zugute.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 26.6.2014 / 18.00 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9804,90 –2,0 +23,5

MDax 16705,84 –1,8 +22,4

Euro Stoxx 50 3233,19 –2,5 +24,2

S&P 500 1952,05 –0,4 +21,8

Euro in Dollar 1,3606 –0,1 +4,5

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,25 –0,07 2 –0,50 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,54 –0,04 2 +0,02 2

Rohöl (Brent) 3 113,28 –1,4 +12,7

Gold 4 1311,75 +1,5 +6,1

Kupfer 5 6936,50 +3,1 +3,8

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 965,45 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, BLOOMBERG NEWS/GABRIELA MARJ, EGILL BJARKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

84 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Stress mit dem Kurs

Die Unsicherheit wächst, ob die Commerzbank in

einer schweren Krise kapitalstark genug wäre.

HITLISTE

Schattenmann

Investor Faber misstraut

den Notenbanken

Mehrere Hundert Mitarbeiter

der Commerzbank sind derzeit

damit beschäftigt, der Finanzaufsicht

Daten über die

Kapitalkraft der Bank bereitzustellen.

Bis Oktober wollen

die EZB und die europäische

Bankenaufsicht prüfen, ob die

Commerzbank (wie 127 andere

europäische Banken

auch) eine schwere Konjunkturkrise

überleben würde. Im

Frühjahr hat Commerzbank-

Finanzchef Stephan Engels

versprochen, die Bank habe

acht Milliarden Euro mehr Eigenkapital,

als zum Bestehen

eines solchen Stresstests notwendig

sei. An der Börse jedoch

schwindet die Zuversicht. Kein

Wunder, im ersten Quartal

schrumpfte der operative Gewinn

der Cobank um 30 Prozent.

Das Kerngeschäft mit Privatkunden

und Mittelstand

leidet schwer unter den Niedrigzinsen;

und noch immer hat

die Commerzbank, wie Branchenanalyst

Dirk Becker von

Kepler Cheuvreux hochrechnet,

30 Milliarden Euro stark ausfallgefährdeter

Kredite.

GELDENTWERTUNG

Deflations-Paranoia

Die Warnungen vor fallenden Preisen gehen an der

Lebenswirklichkeit der Bürger vorbei.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2014 2015 2015

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9804,90 –2,0 +23,5

Aktie

Stand: 26.6.2014 / 18.00 Uhr

Adidas 72,86 –5,0 –10,3 4,16 5,04 14 15243 2,06

Allianz 121,55 –1,8 +10,1 13,65 13,96 9 55421 4,36

BASF NA 85,00 –2,3 +21,9 5,92 6,46 13 78071 3,18

Bayer NA 102,90 –0,5 +26,1 6,10 6,93 15 85093 2,04

Beiersdorf 70,18 –2,3 +6,2 2,56 2,83 25 17685 1,00

BMW St 92,48 –0,2 +38,5 8,76 9,22 10 59409 2,81

Commerzbank 11,56 –6,7 +67,5 0,61 1,04 11 13161 -

Continental 168,60 –2,3 +69,8 12,63 14,42 12 33721 1,48

Daimler 68,14 –2,8 +48,9 6,04 6,85 10 72871 3,30

Deutsche Bank 26,00 –6,4 –19,1 2,70 3,71 7 26504 2,88

Deutsche Börse 54,90 –1,9 +10,6 3,79 4,20 13 10596 3,83

Deutsche Post 26,19 –1,7 +35,9 1,71 1,91 14 31658 3,06

Deutsche Telekom 12,78 –0,2 +45,2 0,63 0,68 19 56864 3,91

E.ON 15,12 +1,3 +22,6 0,94 1,00 15 30255 3,97

Fresenius Med.C. St 48,94 +3,5 –8,9 3,61 3,99 12 15050 1,57

Fresenius SE&Co 108,35 –1,2 +15,9 6,21 7,17 15 24453 1,15

Heidelberg Cement St 61,53 –5,0 +19,4 4,05 5,11 12 11537 0,98

Henkel Vz 83,43 –0,6 +15,3 4,30 4,69 18 34079 1,46

Infineon 9,03 –2,9 +39,0 0,44 0,53 17 9763 1,33

K+S NA 23,78 –4,4 –15,6 1,43 1,53 16 4551 1,05

Lanxess 48,70 –4,0 +1,0 2,23 3,57 14 4052 1,03

Linde 153,90 –1,3 +8,9 8,02 9,03 17 28571 1,95

Lufthansa 15,99 +0,9 +3,7 1,39 2,54 6 7352 -

Merck 127,35 –0,8 +8,9 9,23 9,67 13 8229 1,49

Münchener Rückv. 160,50 –0,9 +13,4 17,36 17,61 9 28784 4,52

RWE St 31,18 +0,2 +26,7 2,21 2,26 14 18910 3,21

SAP 56,30 –2,3 –1,9 3,39 3,72 15 69165 1,95

Siemens 96,50 –3,4 +29,3 6,57 7,47 13 85017 3,11

ThyssenKrupp 21,23 –1,5 +48,3 0,57 1,22 17 10923 -

Volkswagen Vz. 190,60 –3,5 +23,8 21,75 24,49 8 88291 2,13

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Obwohl die meisten Preise

nach oben gehen, versetzten

Zentralbanker im Konzert mit

neokeynesianischen Medien

die Öffentlichkeit in Schrecken

mit Deflationswarnungen, sagt

Investor Marc Faber. Dies passiere

aber nur, um das Drucken

von immer größeren

Mengen ungedeckten Papiergeldes

zu rechtfertigen. Tatsächlich

läuft die Entwicklung

derzeit in die andere Richtung

– in Richtung mehr Inflation.

Schon nach offizieller Lesart

kletterten etwa die US-Verbraucherpreise

im Mai im Jahresvergleich

um 2,1 Prozent.

Ermittelte man, wie es US-Statistiker

John Williams macht, die

Inflation mithilfe öffentlich zugänglicher

Daten nach den Methoden

von 1980, wären die Verbraucherpreise

gar um fast zehn

Prozent gestiegen. Das ist nicht

lustig für Zinsanleger, weil sie bei

aktuellen Nominalzinsen über

alle Laufzeiten hinweg reale Vermögensverluste

erleiden. Besser

eignen sich Aktien zum Vermögensschutz

bei hoher Papiergeldentwertung.

Doch auch hier

lauern Risiken. Im Inflationsjahrzehnt

der Siebzigerjahre etwa

schafften Anleger nur mit wenigen

Branchen reale Vermögenszuwächse.

Am besten schnitten

damals Öl- und Minenaktien ab.

Die besten und schwächsten Sektoren des S&P 500 von 1970 bis 1979

(nominale und reale Entwicklung in Prozent)

Sektor

nominal

real

Öl & Gas (Bohrung & Ausrüstung)

Gold-/Edelmetallbergbau

Öl/Gas (integriert)

Luftfahrt/Verteidigung

Unterhaltung

S&P 500

US-Dollar

Konsumfinanzierung

Textil (Bekleidung)

Trucks & Zulieferer

Körperpflege

Getränke (Alkohol)

Quelle: Standard & Poor’s, Measuring Worth

+615

+560

+198

+157

+145

+17

0

–32

–34

–38

–42

–59

+283

+253

+59

+38

+31

–37

–46

–64

–65

–67

–69

–78

WirtschaftsWoche 30.6.2014 Nr. 27 85

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE Microsoft

Neustart mit Handy

und Hardware

Dicke Brocken Zugriff auf gut

eine Milliarde Unzen Silber

Programmierte Offensive Aufbruch

dank Neu-Chef Nadella

Das Softwareimperium

Microsoft als Newcomer einzustufen

klingt zunächst

reichlich schräg. Doch genau

aus diesem Blickwinkel ist

Microsoft für Anleger wieder

interessant. Zehn Jahre traten

Microsoft-Aktien nur auf der

Stelle. Nun aber haben sie

einen neuen langfristigen

Aufwärtstrend begonnen.

Motor dafür ist der neue

Chef Satya Nadella. Unter seiner

Ägide soll aus dem trägen

Riesen wieder ein dynamisches

Wachstumsunternehmen

werden. Nadella hat zwei

Ziele. Er will den bisherigen

Schwerpunkt Programme

(Software) durch Geräte, also

Hardware, ergänzen und den

Rückstand im mobilen Geschäft

(Smartphones, Tablets,

Internet) aufholen.

Im Cloud-Geschäft, bei

dem Kunden auf Software via

Internet zurückgreifen, arbeitet

Microsoft mit Marktführer

Salesforce zusammen. Wer

auf Programme zugreift,

macht das über Microsoft-

Betriebssysteme. Azure, die

Microsoft-Plattform für Cloud

Computing, legte zuletzt

mit einer dreistelligen Wachstumsrate

zu. Ein weiterer

Hoffnungsträger für das mobile

Geschäft, der Tablet-

Computer Surface, brachte in

den ersten Monaten 2014

einen Umsatzschub. In den

USA hat der Verkauf der neuen

Variante Pro 3 begonnen.

Gut im Rennen um Hardwarekunden

liegt die neue Spielkonsole

XBox One. Sie verkaufte

sich zwar in den vergangenen

Monaten nicht so häufig wie die

Playstation 4 von Sony. Dennoch

dürften die Absatzzahlen

bald kräftig anziehen, da die

XBox nun offiziell in China angeboten

werden darf. Mit einer

halben Milliarde Spieler ist

China der weltgrößte Markt für

Spielkonsolen.

Auszahlen dürfte sich auch

die Übernahme des Handygeschäfts

von Nokia. Der Verkauf

von Lumia-Geräten durch Microsoft

hat gerade begonnen.

Aller Voraussicht nach wird das

ehemalige Nokia-Geschäft ab

dem Frühjahrsquartal in die

Microsoft-Zahlen einfließen.

Der zum 30. Juni anstehende

Geschäftsjahresabschluss dürfte

deshalb nicht schlecht ausfallen:

Wahrscheinlich werden

es rund 85 Milliarden Dollar

Umsatz (plus neun Prozent)

und fast 23 Milliarden Dollar

Reingewinn (plus vier Prozent).

Microsoft ist auf gutem Weg,

neues Geschäftsvolumen mit

alter Margenstärke zu verbinden.

Microsoft

ISIN:US5949181045

60

50

40

30

25

20

200-Tage-Linie

15

1999 2004 2009

Kurs/Stoppkurs (inDollar): 41,90/35,60

KGV2014/2015*: 15,6/14,6

Dividendenrendite (in Prozent): 2,7

Chance

Risiko

Niedrig

*Geschäftsjahr bis Juni;

Quelle: Thomson Reuters

2014

Hoch

AKTIE Silver Wheaton

Wenn die Inflation

kommt, dreht Silber auf

Silber wird stark in der Industrie

verarbeitet. Deshalb ist es

anfälliger für Preissteigerungen

im Boom als Gold und gilt

als klassisches Inflationsmetall.

In Phasen steigender

Preise läuft Silber erfahrungsgemäß

deutlich besser als

Gold. Seit Ende Mai sprang

der Silberpreis um gut zwölf

Prozent auf fast 21 Dollar pro

Unze, fast doppelt so stark wie

der Goldpreis. Auf ein stark

inflationäres Szenario setzen

Silberanleger seit Langem.

Doch angesichts der scharfen

Preisschwünge von Silber haben

sie sich zwischenzeitlich

immer wieder böse die Finger

verbrannt.

Unter dem Strich gut gefahren

sind Investoren allerdings

mit der Aktie von Silver

Wheaton. Anleger der ersten

Stunde (WirtschaftsWoche

51/2004) und Mutige, die

im Crash von 2008 (Heft

49/2009) eingestiegen sind,

konnten ihren Einsatz zwischenzeitlich

mehr als verzwölffachen.

Während der

2011 einsetzenden Konsolidierung

hat sich das Kursplus

zwischenzeitlich zwar halbiert,

doch jetzt könnte der

langfristige Aufwärtstrend

wieder Fahrt aufnehmen.

Silver Wheaton betreibt keine

Minen, sondern sichert sich gegen

Einmalzahlung an Minenbetreiber

das oft als Beiprodukt

geförderte Silber zum Fixpreis

von derzeit 4,15 Dollar je Unze.

Kontrakte bestehen mit 19 Minen

über ein für 2014 geschätztes

Produktionsvolumen von 36

Millionen Unzen Silberäquivalent.

Inklusive fünf weiterer Minen,

die noch nicht im Betrieb

sind, hat Silver Wheaton Zugriff

auf Reserven von 1163 Millionen

Unzen. Hinzu kommen

noch nicht wirtschaftlich verwertbare

Vorkommen von

1054 Millionen Unzen.

Silver Wheaton

ISIN:CA8283361076

45

40

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

35

30

25

20

15

2012 2013 2014

Kurs/Stoppkurs (in Dollar): 24,85/19,60

KGV2013/14: 23,7/25,9

Dividendenrendite (in Prozent): 1,1

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle: Thomson Reuters

FOTOS: REUTERS/BRENDAN MCDERMID, REUTERS/ILYA NAYMUSHIN

86 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Frank Doll, Anton Riedl

Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse | Geldwoche

CHARTSIGNAL Ölpreis

Klimawandel

Die lange Seitwärtsbewegung des Ölpreises geht zu

Ende. Der Barrelpreis wird steigen.

ANLEIHE Vale

Dollar aus

Eisenerz

Seit drei Jahren ist wenig Bewegung

im Ölpreis. Doch die

Seitwärtsbewegung im Kursband

zwischen 90 und 125

Dollar pro Barrel dürfte eine

Konsolidierung innerhalb eines

langfristigen Aufwärtstrend

sein. Dass es sich dabei

um eine Gipfelformation handelt,

der eine langfristige

Trendwende folgt, ist eher unwahrscheinlich,

nachdem

sich der Preiseinbruch 2012

als Bärenfalle entpuppt hatte

(1). Zudem hielt sich der Preis

danach nahe seiner mehrjährigen

Höchststände.

Auf dem Ölmarkt werden

die Nachfrage- und Angebotsbedingungen

akribisch beobachtet.

Mit dem jüngsten

Preisanstieg der Nordsee-Sorte

Brent auf 115 Dollar und

dem Ausbruch über die bis

zum Frühjahr 2012 zurückreichende

Abwärtstrendlinie T1

(2) dürfte nun wieder Bewegung

in den Ölmarkt kommen,

begleitet von steigenden

Preisen. Grundsätzlich gilt: Je

länger eine Seitwärtsbewegung

andauert, um so höher

ist das anschließende Preispotenzial.

So gesehen wären

Brentpreise um 140 Dollar keine

Überraschung. Der nächste

Widerstand liegt bei gut 120

Dollar. An dieser Marke beginnt

die Gefahrenzone für die Weltwirtschaft.

Die makroökonomische

Großwetterlage droht vor

allem im energiearmen Europa

umzuschlagen. Zuletzt zu beobachten

war das 2011 nach einer

Trendbeschleunigung des

Ölpreises (3) sowie erneut 2012

(4). Gehen im Zuge des Ölpreises

die Benzinpreise in den USA

nach oben, dämpft das auch

dort die Erwartungen für Unternehmensgewinne

und Wirtschaftswachstum.

Die Ölpreise werden in den

nächsten Monaten besseren

Aufschluss geben über den Zustand

der Weltwirtschaft als die

Prognosen der besten Konjunkturpropheten.

In Kombination

mit dem Dollar-Kurs gibt der

Ölpreis Hinweise zur Inflationsentwicklung

in Europa und den

USA. Zieht die Inflation stark

an, drohen bei Anleihen Renditesprünge

und Kursverluste.

Konjunkturkiller

Bei Ölpreisen von 120 Dollar pro Fass beginnt die Gefahrenzone für

die Weltwirtschaft(Brent in Dollar pro Barrel)

200

180

160

140

120

100

80

60

40

20

2006

2007

Quelle: Thomson Reuters

2008

2009

2010

3

Potenzielle langfristige

Aufwärtstrendlinie

2011

4

1

2012

2. Widerstand

1. Widerstand

T1 2

2013

2014

Wer in Europa Jahresrenditen

von mehr als vier Prozent haben

will, muss derzeit hohe Risiken

eingehen, zum Beispiel

mit Anleihen des Krisenstaats

Zypern. Dabei sind solche

Renditen auch mit weniger

weichen Anlagen möglich, etwa

mit Anleihen des brasilianischen

Minenkonzerns Vale.

Dass es sich hierbei um Dollar-Papiere

handelt, ist kein

Nachteil. Gut zwei Prozent

Wachstum der US-Wirtschaft

in diesem Jahr und mittelfristig

die Aussicht auf steigende

Zinsen machen den Dollar zu

einer interessanten Anlage.

Das 1942 gegründetet Bergbauunternehmen

Vale zählt

mit BHP und Rio Tinto zu den

größten Minenkonzernen der

Welt. Schwerpunkt von Vale

ist Eisenerz, auf das mehr als

zwei Drittel des Geschäftsvolumens

von 48 Milliarden

Dollar entfallen. Die auf dem

Weltmarkt rückläufigen Erzpreise

kann Vale durch höhere

Produktion und niedrigere

Kosten ausgleichen. Dass Vale

derzeit fast 90 Prozent seiner

operativen Gewinne mit Eisenerz

macht, spricht für die

Stabilität des Kerngeschäfts.

Im laufenden Jahr rechnen

die Brasilianer mit einer Erhöhung

der Erznachfrage um

vier Prozent. Vor allem aus

der wichtigsten Abnehmerregion

China stabilisieren sich

dank der dort florierenden

Stahlindustrie die Bestellungen.

Neben Eisenerz produziert

Vale vor allem Nickel

(zehn Prozent Umsatzanteil),

Dünger (sechs Prozent) und

Kupfer (fünf Prozent).

Im vergangenen Jahr blieben

nach milliardenschweren

Steuerrückzahlungen und hohen

Abschreibungen auf ein

argentinisches Kali-Projekt

Rendite rankarren Vales

Brucutu-Erzminie in Brasilien

nur 584 Millionen Dollar Reingewinn

übrig. In diesem Jahr sind

außergewöhnliche Abschreibungen

und Steuerlasten nicht

in Sicht. Dafür sollten sich die

letztjährigen Kostensenkungen

(2,8 Milliarden Dollar) ebenso

auszahlen wie der Verkauf wenig

rentabler Beteiligungen.

Nach 2,5 Milliarden Dollar

netto im ersten Quartal sind bis

Dezember rund zehn Milliarden

Dollar Reingewinn möglich. Vor

Zinsen, Steuern, Abschreibungen

und Amortisationen wären

dies gut 20 Milliarden. Daran

gemessen sind die Nettoschulden

mit 23,2 Milliarden Dollar

überschaubar. Zudem stehen in

den Büchern 68 Milliarden Dollar

Eigenkapital, 53 Prozent der

Bilanzsumme.

Dass hinter Vale über direkte

Beteiligung (5,1 Prozent) und

den Kontrollaktionär Valepar

(32,4 Prozent) der brasilianische

Staat steht, ist für Anleger

kein Nachteil. Standard &

Poor’s stuft Vale mit A- ein,

noch mittlerer Investmentgrade.

Moody’s ist mit Baa2

(unterer Investmentgrade) zurückhaltender,

erhöhte im April

aber den Ausblick.

Kurs (%) 102,34

Kupon (%) 4,38

Rendite (%) 4,05

Laufzeit bis 11. Januar 2022

Währung

Dollar

ISIN

US91911TAM53

FOTO: BLOOMBERG NEWS/DADO GALDIERI

88 Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse | Geldwoche

FONDS Schroder Frontier Markets

Investieren im

grenzwertigen Bereich

Keine sichere Bank Nigeria

zwischen Terror und Chancen

Eine Bank aus Nigeria, ein

Mobilfunkunternehmen aus

Kasachstan und die National

Bank of Kuwait: Der Schroder

Frontier Markets Fonds setzt

auf Unternehmen in Regionen,

die nur wenige Investoren

auf ihren Radarschirmen

haben. Nur rund drei Prozent

der weltweiten Marktkapitalisierung

vereinen die sogenannten

Frontier-Märkte auf

sich. Das sind Länder oder Finanzplätze,

die in ihrer Entwicklung

an der Vorstufe zu

einem Schwellenland stehen.

Obwohl in diesen Ländern

Wachstumsraten von mehr

als sechs Prozent reizen, werden

viele Anleger durch politische

Instabilität und Rechtsunsicherheit

abgeschreckt.

Rami Sidani, Co-Fondsmanager

von Schroder, investiert

in vier Regionen, die von

dem Finanzdienstleister und

Indexanbieter MSCI als Frontier-Märkte

eingestuft werden.

Mehr als die Hälfte des Fondsvolumens

von rund einer Milliarde

Euro legt Sidani in Banken

und Immobilienwerten

auf der arabischen Halbinsel

an. Diese Aktien seien liquide,

die Kurse würden durch staatliche

Investitionen in Infrastruktur

getrieben.

In der Sub-Sahara-Region

setzt der Fonds vor allem auf

Nigeria. Das bevölkerungsreichste

Land Afrikas hat eine

sehr junge Bevölkerung und

besitzt zweieinhalb Prozent der

weltweiten Gasvorkommen.

Den Terror der islamischen

Extremisten von Boko Haram

sieht Fondsmanager Sidani als

ein politisches Risiko, das auf

den Nordosten begrenzt ist:

„Die Handelszentren in Lagos

und Abuja bleiben unberührt.“

Die Zenith Bank in der Hauptstadt

Lagos ist einer der Top-

Titel des Fonds.

Zu den größten Beständen

zählen außerdem Aktien aus

den Staaten der früheren Sowjetunion.

In Georgien investiert

der Schroder-Fonds in Banken:

Die Bank of Georgia macht 3,4

Prozent des Fondsvolumens

aus, und am Börsengang der

georgischen TBC Bank Anfang

Juni hat sich Sidani ebenfalls

beteiligt. In Kasachstan steckte

der Manager rund drei Prozent

des Fondsgeldes in die Mobilfunkgesellschaft

Kcell.

Derzeit hat der Fonds rund

100 Millionen Euro in der Kasse,

ein Zehntel des Fondsvolumens.

Für die Zukunft hat Sidani

Ghana, Uganda oder Algerien

im Blick;dort möchte er

bei Börsengängen schnell einsteigen

können.

Schroder Frontier Markets

ISIN: LU0562313402

150

140

130

120

110

100

Chance

Risiko

Niedrig

auf100 umbasiert;

Quelle:Bloomberg

MSCI Frontier

Markets 100

2013 2014

Hoch

Die besten Aktienfonds in Frontier-Märkten

Wie die erfolgreichsten Portfolio-Manager abgeschnitten haben

Fondsname

Mittlerer Osten

Schroder Frontier Markets

Charlemagne Magna New Frontiers

Morgan Stanley Frontier Emerging

HSBC Frontier Markets

Baring Frontier Markets

Templeton Frontier Markets

Silk-Road Frontiers

Afrika

Bellevue African Opportunities

Robeco Afrika Fonds

BI SICAV New Emerging Market

Aberdeen Global Frontier Markets

Renaissance Frontier Markets

CGS FMS Global Frontier Markets

Templeton Africa Fund

Südostasien

Intereffekt Frontier High Diversity

Intereffekt Frontier Vietnam A

Sarasin EmergingSar – New Frontiers

Osteuropa, Russland, Kasachstan

Quantex Emerging & Frontier Market

Indexfonds Frontiermärkte

RBS Market Access MSCI Frontier

iShares MSCI Frontier 100

db x-trackers S&P Select Frontier

Guggenheim Frontier Markets ETF

Die Gewinner unter den volumenstärksten Fonds in Schwellenländern

Magellan C

Pioneer Emerging Markets

AB Emerging Markets Growth

Comgest Growth Emerging Markets

Schroder Emerging Markets

Heptagon Oppenheimer Developing

Investec Emerging Markets

M&G Global Emerging Markets

Robeco Emerging Stars

Nordea-1 Emerging Stars

Threadneedle Global Emerging

Russell Emerging Markets

BlackRock Emerging Markets

Fidelity FAST Emerging Markets

iShares MSCI Emerging Markets

Fidelity Emerging Markets

Eaton Vance Emerging Markets

DWS Invest Global Emerging Markets

Lyxor ETF MSCI Emerging Markets

Parvest Equity World Emerging

UBS ETFs MSCI Emerging Markets

ISIN

LU0562313402

IE00B68FF474

LU0898765168

LU0708055370

IE00B832J890

LU0390137031

LU0523945037

LU0433847323

NL0006238131

LU0304976946

LU0566482161

LU0771341152

LU0875244427

LU0744128231

NL0010278073

NL0006489189

LU0096560650

LU0554695808

LU0667622202

US4642861458

LU0328476410

US18383Q8380

FR0000292278

LU0111920509

LU0040709171

IE0033535182

LU0279459456

IE00B76BMG52

LU0611395673

GB00B3FFXZ60

LU0254836850

LU0602539867

GB00B119QP90

IE0003507054

IE00B3D07K68

LU0688696094

IE00B0M63177

LU0048575426

IE00B2NF8R81

LU0210301635

FR0010429068

LU0823413587

IE00B3Z3FS74

Wertentwicklung

in Prozent

seit 3

Jahren 1

21,4

1 jährlicher Durchschnitt (in Euro gerechnet); 2 je höher die Jahresvolatilität (je mehr der

Kurs schwankt) in den vergangenen drei Jahren, desto riskanter der Fonds;

Quelle: Morningstar;Stand: 25. Juni 2014

8,9




8,6

2,1

9,1

8,8

19,2

12,3





19,4

3,7

1,8




–3,8

4,5

–0,5

3,0

5,2

0,6


3,6

4,6

4,1

6,7

3,5

4,2



1,0

5,7

2,6

–4,0

1,8

–0,8

1,5

seit 1

Jahr

33,5

28,0

23,2

20,7

19,9

9,0

4,9

19,2

16,2

12,9

8,1

7,4

5,3

4,2

20,8

17,5

11,3

5,2

25,1

22,2

20,4

10,6

20,4

20,1

18,4

17,9

17,8

17,0

16,4

15,8

15,8

15,7

14,4

14,4

14,3

14,0

13,8

13,6

13,5

13,3

13,1

13,0

12,9

Volatilität

2

in

Prozent

13,2

10,7

10,8

16,8


8,3

10,9

9,5

17,1

15,3


8,9


10,1


18,6

7,8

13,7



11,7

14,3

12,6

13,7

16,5

12,7

14,7


14,6

15,1

15,4

16,1

15,0

14,8



14,6

13,7

12,7

17,5

14,8

17,9

15,2

FOTOS: REUTERS/GEORGE ESIRI, FRANK KLEINBACH

90 Redaktion Fonds: Maximilian Nowroth

Nr. 27 30.6.2014 WirtschaftsWoche

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NACHGEFRAGT Kurt Bengel

»Überall am Himmel«

Der Chef des IT-Dienstleisters Cenit will mehr

selbst produzierte Software verkaufen, ohne den

wichtigsten Zulieferer und Partner zu verprellen.

Herr Bengel, Sie mögen es,

wenn Sie und Ihre Mitarbeiter

als solide Schwaben bezeichnet

werden. Wie solide sind

Ihre Ziele für die Zukunft?

Bis 2018 wollen wir den Umsatz

um zehn Prozent auf 150

Millionen Euro ausweiten

und die Marge, gemessen am

Ergebnis vor Zinsen und Steuern,

von sieben auf zehn Prozent

erhöhen.

Rasant ist anders.

Wir wollen nicht um jeden

Preis wachsen, jedes Projekt

sollte profitabel sein. Wollen

Kunden unrealistische Preisvorstellungen

durchsetzen,

klappen wir das Buch auch

mal zu und verzichten auf ein

Angebot.

Zu Ihren Kunden gehören

Weltkonzerne wie Alstom,

Boeing, GM oder UBS. Aber

der Auslandsanteil am

Umsatz liegt bei weniger als

20 Prozent. Warum?

Die Zahl täuscht. Weltweit optimieren

wir Fertigungsprozesse

in Fabriken. Von Ländern,

in denen wir keine

Auslandsgesellschaft betreiben,

gehen die Aufträge in

Deutschland ein und werden

als Inlandsumsatz gewertet.

SOLIDER SCHWABE

Bengel, 52, ist Sprecher des

Vorstands von Cenit. Das Unternehmen

entwickelt und installiert

Software für Produktentwicklung,

Produktion und Datenverwaltung.

2013 ist ein Rahmenvertrag

mit Airbus abgelaufen. Geht die

Zusammenarbeit weiter?

Ja, der Vertrag wurde bis Ende

2014 verlängert. Airbus ist unser

größter Kunde mit zuletzt rund

zehn Prozent Umsatzanteil. Allgemein

ist die Luftfahrtindustrie

für uns eine wichtige Branche,

denn dieser Bereich

machte in 2013 rund 28 Prozent

unseres Rohertrages aus. In fast

jedem zivilen Flieger, den Sie

am Himmel sehen, sind Teile

eingebaut, die mithilfe unserer

Software gefertigt wurden.

Woher kommt der Rest?

Aus der Automobilbranche

kommen 27 Prozent und von Finanzdienstleistern

etwa 20 Prozent.

Der Rest verteilt sich auf

Industriekunden und andere

Branchen.

Knapp ein Drittel Ihres Geschäfts

machen Sie mit Software

von Dassault Systèmes.

Sie passen diese Software

den Kundenbedürfnissen an,

machen sozusagen die Feinabstimmung

beim Kunden. Weil

Sie an komplett selbst entwickelter

Software besser verdienen,

wollen Sie deren Verkauf

jetzt forcieren. Damit aber

machen Sie Ihrem wichtigsten

Partner Dassault Konkurrenz.

Wie soll das funktionieren?

Unsere eigene Software ist eng

mit der Dassault-Systèmes-Plattform

verzahnt. Das sind meist

Anwendungen, die nicht in deren

Standard enthalten sind. Im

Übrigen sind wir umsatzstärkster

Value Added Reseller von

Dassault in Europa – und das

wollen wir auch bleiben.

Brauchen Sie Dassault nicht

mehr, als die Franzosen Cenit

brauchen?

60 Prozent der Fremdsoftware,

die wir vertreiben, stammt von

Dassault, deshalb sind wir natürlich

eng verdrahtet mit unserem

französischen Partner.

Aber Dassault hat sich strategisch

festgelegt, den Vertrieb

seiner Software an den Endkunden

über Partner zu mache