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„Kirche brennt“

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G. Ossimitz: <strong>„Kirche</strong> brennt!“ 1<br />

<strong>„Kirche</strong> <strong>brennt“</strong><br />

Nachschrift zu einer nicht gehaltenen Festrede<br />

ao. Univ. Prof. Dr. Günther Ossimitz<br />

Alpen-Adria-Universität Klagenfurt<br />

9020 Klagenfurt, Universitätsstraße 65<br />

guenther@ossimitz.at<br />

Kirche brennt! Es ist ein Motto, das in<br />

mir sofort starke Emotionen ausgelöst<br />

hat, und das ich auch diesem Festvortrag<br />

zu Grunde legen möchte.<br />

Dem ernsthaften Anlass gemäß gehen<br />

wir natürlich davon aus, dass mit diesem<br />

Motto eine vom Feuer des Heiligen Geistes<br />

inspirierte, weithin leuchtende Kirche<br />

gemeint ist – ganz nach dem Wort aus<br />

der Bergpredigt: „Ihr seid das Licht der<br />

Welt!“ (Mt 5:14) Auf andere Deutungen<br />

des Mottos <strong>„Kirche</strong> <strong>brennt“</strong> – so in Richtung<br />

„brennende Probleme“ oder gar „Es<br />

brennt der Hut!“ – soll in diesem feierlichen<br />

Rahmen nicht näher eingegangen<br />

werden.<br />

1 Ziel und Inhalt dieser Schrift<br />

Ich möchte Ihnen darlegen, welchen Zusammenhang<br />

ich zwischen der Arbeit<br />

der katholischen Gemeindeberatung und<br />

dem Wirken des Heiligen Geistes innerhalb<br />

der Kirche sehe. Das klingt vielleicht<br />

nach einem verwegenen Unterfangen<br />

– wo es bei der Arbeit der Gemeindeberatung<br />

doch andauernd um<br />

manchmal kleinere, oft größere, bisweilen<br />

auch massive und unlösbare Probleme<br />

und Konflikte draußen in den Pfarren<br />

und Diakonaten geht. Was soll das<br />

mit dem Wirken des Heiligen Geistes zu<br />

tun haben?<br />

2 Die Kirche als Hierarchie<br />

Ich muss zur Beantwortung dieser Frage<br />

weit ausholen und möchte den Sachverhalt<br />

zunächst aus der Perspektive der<br />

Organisationstheorie beleuchten. Organisationstheoretisch<br />

hat die katholische<br />

Kirche eine Alleinstellung der Superlative.<br />

Sie ist eine weltumspannende Organisation<br />

mit über einer Milliarde Mitgliedern<br />

und einer fast zweitausendjährigen<br />

Geschichte! Das kann keine andere Organisation<br />

oder Institution auf unserem<br />

Planeten auch nur annähernd vorweisen.<br />

Die römisch-katholische Kirche ist<br />

aus organisationstheoretischer Sicht das<br />

Paradebeispiel einer nachhaltig erfolgreichen<br />

Hierarchie. Der aus dem Griechischen<br />

stammende Begriff Hierarchie<br />

bedeutet übrigens wörtlich „heilige Ordnung“!<br />

2.1 Eigenschaften von Hierarchien<br />

Hierarchien funktionieren nach bestimmten<br />

Regeln und Prinzipien. Entscheidend<br />

ist das Prinzip der Unter- und Überordnung<br />

aller Funktionen und Positionen<br />

innerhalb der Hierarchie in einer baumartigen<br />

Struktur. Damit sind eine Reihe<br />

von bemerkenswerten Eigenschaften<br />

verbunden:<br />

Erstens: Jeder Funktionsträger hat genau<br />

einen direkten Vorgesetzten.<br />

Zweitens: Je zwei Funktionsträger haben<br />

genau einen gemeinsamen direkten<br />

Vorgesetzten.<br />

Drittens: Es gibt genau eine Spitzenfunktion,<br />

in der alle Funktionen zusammenlaufen.<br />

Viertens: An der Spitze gibt es innerhalb<br />

der Hierarchie keinen Vorgesetzten. An<br />

seine Stelle tritt oft eine Art „Transzendierter<br />

Vorgesetzter“. Im Fall der katholischen<br />

Hierarchie ist das klarerweise<br />

Gott.


G. Ossimitz: Kirche brennt! 2<br />

2.2 Hierarchien und Logik<br />

Der Philosoph und Organisationsforscher<br />

Gerhard Schwarz hat einen faszinierenden<br />

Zusammenhang zwischen<br />

Hierarchien und der aristotelischen Ja-<br />

Nein-Logik hergestellt: Die Axiome unserer<br />

abendländischen Wahr-Falsch-Logik<br />

und die Grundprinzipien von Hierarchien<br />

entsprechen einander derart verblüffend,<br />

dass man Hierarchien als in Organisation<br />

gegossene Logik bezeichnen könnte.<br />

Hierarchien generieren eine einfache<br />

Welt, in der alles fein säuberlich in „richtig“<br />

versus „falsch“, in „gut“ versus „böse“<br />

eingeteilt ist. Für eine Kirche, die die Unterscheidung<br />

von Gut und Böse auch<br />

inhaltlich eine ganz wesentliche Bedeutung<br />

hat, also eine durchaus naheliegende<br />

Organisationsform.<br />

2.3 Hierarchien konflikttheoretisch<br />

betrachtet<br />

Konflikttheoretisch repräsentiert die Hierarchie<br />

das Prinzip der Konfliktlösung<br />

durch Delegation: Haben zwei beliebige<br />

Funktionsträger in der Hierarchie einen<br />

Konflikt, dann entscheidet der gemeinsame<br />

direkte Vorgesetzte. Diese Entscheidung<br />

des Vorgesetzten ist auch per<br />

definitionem immer richtig – so verlangt<br />

es jedenfalls der berühmte § 1 der Hierarchologie:<br />

„Der Chef hat immer recht!“<br />

Hierarchien sind also ideale Konfliktlöse-<br />

Einrichtungen – sofern die Konflikte derart<br />

beschaffen sind, dass genau eine der<br />

Konfliktparteien recht hat und die andere<br />

Partei falsch liegt und schließlich der<br />

Vorgesetzte auch die Weisheit besitzt,<br />

die richtige Antwort korrekt zu erkennen.<br />

Und genau an diesem Punkt liegt eine<br />

ganz wichtige Begrenzung in der Leistungsfähigkeit<br />

von Hierarchien. Wie soll<br />

ein Vorgesetzter entscheiden, wenn beide<br />

Konfliktparteien recht haben? Eine<br />

erste Antwort auf diesen Einwand wäre:<br />

„Na, sowas darf dann eben nicht vorkommen<br />

in unserer Hierarchie!“ Interessanterweise<br />

entwickeln Hierarchien tatsächlich<br />

machtvolle Strategien, um unlösbare<br />

Konflikte bzw. Widersprüche erst<br />

gar nicht aufkommen zu lassen.<br />

3 Aporetische Konflikte<br />

An dieser Stelle ist es Zeit, uns näher mit<br />

unlösbaren Konflikten und Widersprüchen<br />

zu beschäftigen. Wie sehen solche<br />

Konflikte aus? Wo treten sie auf? Gibt es<br />

solche Konflikte bzw. Widersprüche<br />

überhaupt? Ja, es gibt solche logisch<br />

unlösbaren Konflikte und sie heißen in<br />

der Konflikttheorie aporetische Konflikte<br />

oder einfach nur Aporien. Aporien müssen<br />

folgende drei Bedingungen gleichzeitig<br />

erfüllen:<br />

Erstens: Man hat zwei einander widersprechende<br />

Positionen. – Das ist noch<br />

nichts Besonderes, das haben wir bei<br />

jedem Konflikt.<br />

Zweitens: Beide Positionen sind wahr<br />

bzw. berechtigt. – Diese Bedingung hat<br />

es bereits in sich! Damit liegen Aporien<br />

außerhalb der einfachen Welt der Wahr-<br />

Falsch-Logik, in der das Gegenteil von<br />

etwas Wahrem immer falsch sein muss.<br />

Drittens: Beide Positionen sind voneinander<br />

abhängig – sie brauchen einander!<br />

Diese Bedingung stellt sicher, dass<br />

der Konflikt nicht einfach durch eine<br />

Trennung der Konfliktparteien beigelegt<br />

werden kann. In einer Aporie kann es<br />

sich keine Seite leisten, die Gegenseite<br />

zu ignorieren oder gar zu vernichten –<br />

dies würde den eigenen Untergang implizieren,<br />

weil beide Seiten existenziell<br />

voneinander abhängig sind!<br />

3.1 Hierarchien und Aporien<br />

Hierarchien haben natürlich gar keine<br />

Freude mit Aporien, zumal sich aporetische<br />

Konflikte prinzipiell nicht hierarchisch<br />

lösen lassen. Als in Organisation<br />

gegossene Logik sind Hierarchien niemals<br />

imstande, außerhalb der Gesetze<br />

der Logik liegende Konflikte zu lösen.<br />

Auch rein pragmatisch kann man sich<br />

das leicht überlegen: Wie soll eine Vorgesetzter<br />

einen Konflikt entscheiden, bei<br />

dem beide Streitparteien recht haben<br />

und überdies noch existenziell einander<br />

brauchen, sodass man die Streithähne<br />

nicht einfach voneinander fernhalten<br />

kann? Man sieht leicht ein, dass aporeti-


G. Ossimitz: <strong>„Kirche</strong> brennt!“ 3<br />

sche Konstellationen hierarchisch nicht<br />

zu bewältigen sind.<br />

3.2 Das streitende Ehepaar<br />

Betrachten wir nun einige konkrete Beispiele<br />

von Aporien. Ein Lehrbuchbeispiel<br />

einer ganz einfachen Aporie ist das<br />

„Streitende Ehepaar“, das Paul Watzlawick<br />

in seinem berühmten Werk<br />

„Menschliche Kommunikation“ beschrieben<br />

hat: Die Ehefrau meckert mit<br />

ihrem Mann, weil er dauert ins Gasthaus<br />

geht – und der Ehemann geht ins Gasthaus,<br />

weil sie meckert. Man hat zwei<br />

einander widersprechende Positionen<br />

verhakt, die beide (aus subjektiver Sicht)<br />

berechtigt sind und überdies beide voneinander<br />

abhängen.<br />

3.3 Grundaporien<br />

Eine sehr fundamentale Aporie besteht<br />

zwischen den Gegensatzpaaren „Freiheit<br />

bzw. Selbstbestimmung“ einerseits<br />

sowie „Ordnung / Befolgung von Regeln“<br />

andererseits. Wir haben hier wiederum<br />

ein Gegensatzpaar, bei dem beide Seiten<br />

ihre Berechtigung haben, wo aber<br />

auch beide Seiten voneinander abhängig<br />

sind. Freiheit kann sich immer nur im<br />

Rahmen einer gewissen Ordnung entwickeln<br />

– zum Beispiel im Straßenverkehr<br />

können wir unsere Fahrtstrecken in weiten<br />

Bereichen frei wählen, weil eine regelnde<br />

Straßenverkehrsordnung uns<br />

diese Freiheiten ermöglicht. Umgekehrt<br />

machen regelnde Ordnungen nur dort<br />

einen Sinn, wo es entsprechende Freiheiten<br />

gibt. Gebote sind nur dort sinnvoll,<br />

wo es auch die Möglichkeit gibt, sie zu<br />

übertreten.<br />

Ein besonders wichtiger Typus von Aporie<br />

liegt im Verhältnis von Laien zu Experten.<br />

Beide Positionen sind einander<br />

entgegengesetzt: Experten kennen sich<br />

in ihrem Fach aus, Laien nicht. Beide<br />

Seiten sind berechtigt: es kann sich nicht<br />

jeder überall auskennen – also gibt es<br />

notgedrungen in allen möglichen Bereichen<br />

den Gegensatz zwischen Laien<br />

und Experten. Dass die Laien die Experten<br />

brauchen, ist evident. Dass umgekehrt<br />

auch die Experten die Laien brauchen,<br />

ist weniger offensichtlich: Doch für<br />

wen sollen die Experten ihre Expertise<br />

anbieten, wenn es keine Laien gibt? Das<br />

ist ungefähr genauso sinnvoll wie eine<br />

Predigt in einer völlig leeren Kirche.<br />

3.4 Aporien erfolgreich managen:<br />

get in touch with chaos<br />

Ich möchte an einem schönen Beispiel<br />

erläutern, wie die Aporie zwischen Laien<br />

und Experten zu einer Synthese kommen<br />

und tatsächlich in einer Qualität<br />

gelöst werden kann, die nur durch ein<br />

selbstorganisiertes Zusammenspiel der<br />

aporetischen Pole möglich ist.<br />

In einer Lehrveranstaltung von mir, die<br />

aus drei Blockterminen bestand, mussten<br />

Studierende in Gruppen systemwissenschaftliche<br />

Themen ausarbeiten. Dabei<br />

ergab es sich, dass Klaus und Eva<br />

gemeinsam das Thema „get in touch<br />

with chaos – eine für Laien verständliche<br />

Einführung in die Chaostheorie“ ausarbeiten<br />

sollten. Klaus war ein Super-<br />

Experte in Chaostheorie, Eva hatte von<br />

der Materie keinen Schimmer. Bei der<br />

Zwischenpräsentation stellte sich Klaus<br />

an die Tafel und begann: „Wenn man<br />

sich mit Chaostheorie beschäftigt, dann<br />

ist es nicht schlecht, wenn man sich mit<br />

Differenzialgleichungen ein bisschen<br />

auskennt. Sei also gegeben die Differenzialgleichung…“<br />

Er parlierte eine<br />

Viertelstunde in mathematisch brilliantester<br />

Manier – nur leider verstand niemand<br />

vom Publikum auch nur einen<br />

Bruchteil seiner Ausführungen. Als „eine<br />

für Laien verständliche Einführung“ war<br />

das Ganze ein kompletter Reinfall.<br />

Die Schlusspräsentation von Klaus und<br />

Eva wurde hingegen von den Studenten<br />

mit „Standing Ovations“ beklatscht – und<br />

die entscheidende Rolle für diesen Sensationserfolg<br />

hatte Eva – die Laiin. Sie<br />

wollte nach der missglückten Zwischenpräsentation<br />

von Klaus die Grundzüge<br />

der Chaostheorie lernen und so entspann<br />

sich ein für beide Teile anstrengender<br />

und intensiver Dialog. Daraus<br />

entstand die Idee, das Thema Chaos-


G. Ossimitz: Kirche brennt! 4<br />

Theorie in zwei Varianten zu präsentieren:<br />

als dialogische Einführung für Laien<br />

und dazu passend mathematische Hintergründe<br />

– auf Expertenlevel. Damit war<br />

beiden Seiten der Aporie Genüge getan.<br />

Wirklich sensationell aber war, dass<br />

Klaus – und nicht etwa Eva den dialogischen<br />

Einführungsteil ausarbeitete und<br />

präsentierte und Eva die mathematischen<br />

Hintergründe – in einer Weise,<br />

wie sie auch für Laien möglichst verständlich<br />

ist!<br />

Auf Grund des vorangegangenen Dialoges<br />

waren beide in den neuen Rollen<br />

perfekt: Klaus konnte wunderschöne, für<br />

Laien ganz einfach verständliche Dialoge<br />

zur Chaos-Theorie verfassen und<br />

Eva hatte genügend an Chaos-<br />

Mathematik gelernt, um sie laiengerecht<br />

zu präsentieren.<br />

3.5 Radikales Umdenken als Basis<br />

zum erfolgreichen Umgang mit<br />

Aporien<br />

Das Geheimnis dieses großen Erfolges<br />

von Klaus und Eva war die Bereitschaft<br />

beider, hinsichtlich ihres Zuganges zur<br />

Chaostheorie radikal umzudenken: Eva<br />

wollte nicht länger völlig ahnungslose<br />

Laiin bleiben und Klaus blieb nicht länger<br />

im Elfenbeinturm seines Experten-Knowhows,<br />

sondern bemühte sich ernsthaft,<br />

die Chaostheorie der Eva verständlich<br />

zu erklären. Bei der Zwischenpräsentation<br />

hat Klaus noch ganz selbstverständlich<br />

(oder sollte man sagen: „selbstherrlich“?)<br />

vorausgesetzt, dass sich die Zuhörerschaft<br />

mit Differenzialgleichungen<br />

genauso auskennen möge wie er; und<br />

Eva ist erst gar nicht mit an die Tafel<br />

gekommen, weil sie wusste, dass sie<br />

ohnehin nix zum Thema beitragen konnte.<br />

Und genau diese Positionen haben<br />

beide radikal aufgegeben, um die Aporie<br />

von Laien und Experten zu einer grandiosen<br />

Synthese zu bringen.<br />

Wir sehen also, dass unter gewissen<br />

Voraussetzungen Aporien zu einem<br />

neuen Level an Qualität führen können,<br />

auf dem dann der ursprünglich unlösbar<br />

erscheinende Gegensatz zu einer Synthese<br />

kommt – im Sinne des Hegelschen<br />

Dreischritts These – Antithese – Synthese.<br />

Doch dazu gibt es eine entscheidende<br />

Voraussetzung: die Bereitschaft, die<br />

eigene Position radikal aufzugeben, und<br />

statt dessen neu zu denken und neu zu<br />

handeln.<br />

3.6 Metanoia – Bereitschaft zu radikal<br />

neuem Denken und Handeln<br />

Es ist ein ganz zentrales Ergebnis meiner<br />

systemwissenschaftlichen Forschung,<br />

dass genau diese Bereitschaft<br />

zu radikalem Umdenken eine zentrale<br />

Notwendigkeit ist, um so etwas wie „systemisches<br />

Denken“ zu generieren. Wenigstens<br />

ein Ehepartner im Beispiel des<br />

Streitenden Ehepaares braucht diese<br />

Bereitschaft, um den eskalierenden Teufelskreis<br />

zwischen Meckern und Sich-<br />

Zurückziehen zu durchbrechen. Klaus<br />

und Eva haben ihre ursprünglichen Positionen<br />

komplett hinter sich gelassen, um<br />

die Aporie zwischen Laien und Experten<br />

zu einem großartigen Resultat zu bringen.<br />

Diese Bereitschaft zu radikalem<br />

Umdenken als Basis für systemgerechtes<br />

Denken und Handeln wird Metanoia<br />

(gr. μετάνοια) genannt – ein Begriff, mit<br />

dem wir uns später noch näher auseinandersetzen<br />

werden und der auch einen<br />

interessanten theologischen Bezug<br />

besitzt. Peter Senge beschreibt in seinem<br />

Buch „Die fünfte Disziplin“ Metanoia<br />

als die zentrale Erfordernis, um zu systemgerechten<br />

Denken und Handeln zu<br />

gelangen.<br />

4 Hierarchien, Aporien und Selbstorganisation<br />

Wenn wir das Beispiel von Klaus und<br />

Eva aus organisationstheoretischer Sicht<br />

betrachten, dann stellen wir fest, dass es<br />

nach der Zwischenpräsentation einen<br />

Bruch gab. Bis zur Zwischenpräsentation<br />

war die Sache hierarchisch klar: Klaus<br />

präsentiert als Experte; die Laiin Eva<br />

bleibt im Auditorium sitzen. Nach der<br />

Zwischenpräsentation entwickelt sich ein<br />

Dialog zwischen den beiden auf gleicher<br />

Augenhöhe. Der ist von einem völlig anderem<br />

Organisationsprinzip geleitet: der


G. Ossimitz: <strong>„Kirche</strong> brennt!“ 5<br />

Selbstorganisation. Wie das Beispiel<br />

zeigt, macht es Selbstorganisation möglich,<br />

Aporien erfolgreich zu managen. Mit<br />

dem Organisationskonzept der Hierarchie<br />

sind Aporien niemals erfolgreich zu<br />

bewältigen, man kann sie bestenfalls<br />

vermeiden.<br />

4.1 Aporien als „Treibstoff“ für<br />

Selbstorganisation<br />

Der Zusammenhang zwischen Selbstorganisation<br />

und Aporien ist sogar noch<br />

viel weitreichender. Christian Lapp hat in<br />

seinem Buch „Soziale Selbstorganisation:<br />

Wie Widersprüche Organisationen<br />

und Organisationen Widersprüche schaffen“<br />

nachgewiesen, dass soziale Selbstorganisation<br />

ein gewisses Maß an aporetischer<br />

Energie quasi als Treibstoff<br />

braucht, um sich entwickeln zu können!<br />

Zusammengefasst haben wir ein klares<br />

Ergebnis: Hierarchien wollen und müssen<br />

Aporien vermeiden, während<br />

Selbstorganisation die in Aporien steckende<br />

Energie für ihre Entwicklung<br />

braucht! Man muss allerdings einschränkend<br />

dazusagen, dass auch auf die richtige<br />

Dosis an aporetischem Gegensatz<br />

ankommt, um erfolgreiche Selbstorganisation<br />

zu ermöglichen.<br />

4.2 Hierarchien und Grundaporien<br />

Gerhard Schwarz beschreibt vier Grundaporien<br />

menschlichen Zusammenlebens:<br />

- Mann versus Frau;<br />

- Ich versus Gemeinschaft;<br />

- Junge versus Alte;<br />

- Weiterentwicklung versus Tradition<br />

Aus Zeitgründen kann ich leider auf diese<br />

vier Grundaporien nicht im Detail eingehen.<br />

Kurz anreißen möchte ich aber,<br />

wie sich Hierarchien zu diesen vier<br />

Grundaporien verhalten. Die idealtypische<br />

Hierarchie ist so ausgestaltet, dass<br />

diese vier Grundaporien möglichst erst<br />

gar nicht auftreten:<br />

Der Gegensatz zwischen Mann und Frau<br />

wird dadurch draußen gehalten, dass<br />

idealtypische Hierarchien reine Männerbünde<br />

sind. Dies ist ein organisationstheoretisches<br />

Argument für das Zölibat<br />

und gegen Frauen in Priesterämtern –<br />

sofern man die Kirche als Hierarchie<br />

versteht und hierarchisch organisiert haben<br />

will!<br />

Der Gegensatz zwischen dem Individuum<br />

und der Gemeinschaft wird in Hierarchien<br />

mit einem ganz klaren Primat der<br />

Funktion gegenüber der Person geklärt.<br />

Personen können wechseln – Funktionen<br />

bleiben.<br />

Den Gegensatz zwischen Jungen und<br />

Alten begegnet man in Hierarchien durch<br />

ein striktes Senioritätsprinzip: das Sagen<br />

haben immer die „Ältesten“.<br />

Der Gegensatz zwischen Tradition und<br />

lebendiger Weiterentwicklung ist in idealtypischen<br />

Hierarchien ganz klar zu<br />

Gunsten der Tradition geklärt. Wichtig<br />

ist, das Althergebrachte zu erhalten –<br />

selbst wenn es erstarrt wirkt und in die<br />

neue Zeit nicht mehr so richtig passt.<br />

4.3 Kirche als idealtypische Hierarchie<br />

Betrachtet man diese vier Punkte, so ist<br />

die römisch katholische Kirche eine idealtypische<br />

Hierarchie. Alle vier Grundaporien<br />

von Schwarz sind in ganz eindeutiger<br />

Weise geklärt, indem eine der<br />

beiden Seiten als die „richtige“ für die<br />

Hierarchie erklärt wird – und der entgegengesetzte<br />

Pol ausgeschlossen bzw.<br />

nicht zugelassen wird.<br />

5 Lebende Systeme: Autopoiese<br />

und<br />

Selbstorganisation<br />

Wir verlassen nun das Thema Hierarchien<br />

und wenden uns der Frage zu, wie<br />

lebende Systeme aufgebaut sind. Lebende<br />

Systeme besitzen eine ganz andere<br />

Organisationsform als Hierarchien.<br />

Die Biologen Humberto Maturana und<br />

Francesco Varela haben dies für biologische<br />

Systeme (Zellen, Pflanzen, Tiere,…)<br />

untersucht und die für lebende<br />

Systeme charakteristische Organisationform<br />

Autopoiesis (gr. „sich selbst er-


G. Ossimitz: Kirche brennt! 6<br />

schaffen“) genannt. Ihr diesbezügliches<br />

Hauptwerk aus dem Jahr 1984 trägt den<br />

bemerkenswerten Titel „Der Baum der<br />

Erkenntnis“. Es ist sowohl eine Einführung<br />

in die Organisationsform lebender<br />

Systeme in Form von Autopoiese als<br />

auch eine biologisch argumentierte Einführung<br />

in den Radikalen Konstruktivismus.<br />

Der Radikale Konstruktivismus ist<br />

eine hauptsächlich von emigrierten Österreichern<br />

(Ernst von Glasersfeld, Heinz<br />

von Foerster, Paul Watzlawick) entwickelte<br />

Erkenntnistheorie, die davon ausgeht,<br />

dass alles, was wir erkennen, sehen<br />

hören, wissen, meinen, denken…<br />

ausschließlich mentale Konstrukte im<br />

jeweiligen Hirn sind, die sich dort in<br />

Selbstorganisation entwickeln. Neue<br />

Sinneseindrücke (in Form von neuronalen<br />

Signalen über Nervenzellen) werden<br />

so gedeutet und interpretiert, dass sie zu<br />

den schon vorhandenen Konstrukten<br />

passen und damit ältere Konstrukte bestätigen<br />

und bestärken. Dies mag erklären,<br />

warum uns radikales Umdenken so<br />

unglaublich schwer fällt – selbst wenn<br />

wir die Notwendigkeit dafür einsehen.<br />

Der berühmte Soziologie Niklas Luhmann<br />

hat den Begriff der Autopoiese auf<br />

die Genese und Selbsterhaltung sozialer<br />

Systeme ausgeweitet. Autopoiese und<br />

Selbstorganisation bezeichnen im Grunde<br />

dieselbe Sache – sie stammen lediglich<br />

aus verschiedenen Wissenschaftsfeldern<br />

– Biologie versus Organisationslehre.<br />

5.1 Lebendige Systeme und<br />

Selbstorganisation<br />

Somit dürfen wir zusammenfassen, dass<br />

sowohl lebende Systeme wie auch soziale<br />

Systeme im Sinne Luhmanns<br />

Selbstorganisation existenziell benötigen:<br />

ohne Selbstorganisation ist kein<br />

Leben – und auch keine lebendige Gemeinschaft<br />

möglich! Gleichzeitig sind<br />

selbstorganisierte Systeme immer mit<br />

Aporien assoziiert – Aporien bilden gewissermaßen<br />

den Treibstoff für die<br />

Selbstorganisation lebender und sozialer<br />

Systeme! Man kann dies schön an den<br />

vier Grundaporien von Schwarz studieren.<br />

Die Aporie zwischen Mann und Frau<br />

beispielsweise muss konkret in einer<br />

ganz spezifischen Weise nicht-zölibatär<br />

gelebt werden, um neues Leben, einen<br />

neuen Menschen zu zeugen. Eine kleine<br />

Nebenbemerkung dazu: Beim Sonderfall<br />

der Zeugung von Jesus durch den Heiligen<br />

Geist war es die Aporie zwischen<br />

Himmel und Erde, die in wundersamer<br />

Weise zur Geburt des Sohnes Gottes als<br />

Mensch führte.<br />

6 Lebendige Hierarchien brauchen<br />

Selbstorganisation<br />

Wenn man nun Selbstorganisation und<br />

Aporien in Hierarchien draußen halten<br />

will, dann hat das eine einfache Konsequenz:<br />

solche Systeme sind nicht mehr<br />

lebendig. Damit stehen alle Hierarchien<br />

vor einem Fundamentalproblem: wie<br />

halten wir die Sache am Leben? Die Betonung<br />

der Tradition ist ja recht und<br />

schön zur Erhaltung von Strukturen,<br />

aber es braucht immer auch Menschen,<br />

die bereit sind, sich in diese Strukturen<br />

einzugliedern und das Primat der Tradition<br />

hochzuhalten.<br />

Die Antwort auf die Frage nach dem Leben<br />

in Hierarchien ist einfach beantwortet:<br />

Hierarchien brauchen wenigstens in<br />

einer subtilen Form Selbstorganisation<br />

und Aporien – gewissermaßen als<br />

„Treibstoff“, um lebensfähig zu sein. Die<br />

Frage des Lebens bringt Hierarchien in<br />

ein Fundamentaldilemma: einerseits wollen<br />

Hierarchien Aporien a priori draußen<br />

halten, andererseits brauchen sie eine<br />

gewisse Menge an aporetischen Gegensätzen,<br />

um lebendige Selbstorganisation<br />

innerhalb der Hierarchie zu ermöglichen.<br />

In der Praxis funktioniert dies<br />

meist so, dass die Hierarchie formell besteht<br />

und die Selbstorganisation informell<br />

als „Unternehmenskultur“ still und<br />

ohne Aufsehen läuft.<br />

6.1 Hierarchie und Selbstorganisation<br />

in der Kirche<br />

Bei der katholischen Kirche sehe ich das<br />

Prinzip der Selbstorganisation im We-


G. Ossimitz: <strong>„Kirche</strong> brennt!“ 7<br />

sentlichen an zwei Stellen: Der erste<br />

Bereich ist ganz an der Spitze der Kirche,<br />

wenn es darum geht, dass in einem<br />

Konklave ein neuer Papst gewählt wird.<br />

Interessanterweise wird diese organisationstheoretisch<br />

durch Selbstorganisation<br />

unter den wahlberechtigten Kardinälen<br />

zustande gekommene Wahl als<br />

von Gott kommend gesehen, was unter<br />

der Prämisse, dass alles Leben seinen<br />

Ursprung in Gott hat, durchaus plausibel<br />

ist.<br />

Der zweite Bereich, in dem in der Katholischen<br />

Kirche Selbstorganisation passiert<br />

– und damit Lebendigkeit möglich<br />

ist – ist ganz unten an der Basis. Viele<br />

Gruppen und Initiativen im Kirchenvolk<br />

entsprechen im Wesentlichen dem Organisationsprinzip<br />

der Selbstorganisation.<br />

Inwieweit innerhalb der kirchlichen Hierarchie<br />

das Organisationsprinzip lebendiger<br />

Selbstorganisation eine Rolle<br />

spielt, kann ich als Außenstehender<br />

schwer abschätzen. Zu vermuten ist,<br />

dass es innerhalb der römischen Kurie<br />

oder auf nationaler Ebene in einer Bischofskonferenz<br />

durchaus auch Aspekte<br />

von Selbstorganisation gibt, die allerdings<br />

eher nicht öffentlich einsehbar<br />

sind.<br />

6.2 Hirten und Schafe in der Kirche<br />

Ich möchte nun das Verhältnis Selbstorganisation<br />

– Hierarchie in der katholischen<br />

Kirche an einigen speziellen<br />

Themen untersuchen. Betrachten wir<br />

zunächst die für das Christentum und die<br />

katholische Kirche fundamentale Metapher<br />

vom guten Hirten und seinen Schafen.<br />

„Der Herr ist mein Hirte – mir wird<br />

nichts mangeln“ betet König David im<br />

Psalm 23. Und dann sagt Jesus von sich<br />

„Ich bin der Gute Hirte“ (Joh 10:14) und<br />

bringt das Gleichnis vom Guten Hirten,<br />

der 99 Schafe zurücklässt, um das eine<br />

Schaf zu finden, das sich verirrt hat. (Luk<br />

15:4) Und in der modernen Kirche? Da<br />

schreiben Bischöfe und Erzbischöfe als<br />

Hirten bzw. Oberhirten „Hirtenbriefe“ an<br />

ihre Schafe.<br />

6.3 Hirten, Schafe und<br />

Selbstorganisation<br />

Ich möchte kurz betrachten, wie dieses<br />

Verhältnis von Hirten und Schafen mit<br />

Hierarchie bzw. Selbstorganisation zusammenhängt.<br />

Ist das Verhältnis von<br />

Hirten zu ihren Schafen ein hierarchisches<br />

oder basiert es auf Selbstorganisation?<br />

Geprägt vom modernen Hirtenbild<br />

der Kirche assoziieren wir automatisch<br />

ein hierarchisches Verhältnis zwischen<br />

Hirten und Schafen. Die Hirten<br />

schreiben in Hirtenbriefen den Schafen<br />

vor, wo es langzugehen hat.<br />

Den biblischen Bildern entnehme ich<br />

jedoch ein ganz anderes Verhältnis von<br />

Hirten und Schafen. Wenn König David<br />

schreibt: „Der Herr ist mein Hirte“, dann<br />

macht er dies als selbstbewusstes, autonomes<br />

„Schaf“, das eigentlich einen<br />

Hirten gar nicht braucht – aber dann<br />

doch mit Freude feststellt: Wenn er den<br />

Herrn als Hirten annimmt, dann geht es<br />

ihm speziell in finsteren Zeiten viel besser<br />

als ganz allein und autonom. Beim<br />

Gleichnis vom verlorenen Schaf wird die<br />

Sache noch deutlicher. Der gute Hirte<br />

kann seine 99 Schafe nur deswegen<br />

zurücklassen um das verlorengegangene<br />

Schaf zu suchen, weil er weiß, dass<br />

die 99 Schafe keine dummen und vom<br />

Hirten abhängigen Tiere, sondern autonom<br />

und selbstorganisiert sind und ihn<br />

zumindest für die Zeit der Suche keineswegs<br />

brauchen. In der Bibel ist der<br />

Gute Hirte jemand, der autonome Schafe<br />

so leitet, dass sie sich ihm freiwillig<br />

anvertrauen – im Wissen, dass es ihnen<br />

damit besser geht als wenn sie ihre Autonomie<br />

ohne Hirten ausleben.<br />

6.4 Der Gehorsam autonomer Schafe<br />

gegenüber einem Guten Hirten<br />

In diesem Zusammenhang bekommt<br />

auch der in der österreichischen Kirche<br />

hoch kontrovers diskutierte Begriff des<br />

Gehorsams eine neue Bedeutung.<br />

„Gehorsam“ wird heute als ein Wesensmerkmal<br />

funktionierender Hierarchien<br />

gesehen. Der Chef schafft an, die Unter-


G. Ossimitz: Kirche brennt! 8<br />

gebenen führen aus. Ist Gehorsam aber<br />

auch mit einem Konzept von freien, autonomen<br />

Schafen in Selbstorganisation<br />

vereinbar? Ich denke ja, nur ist dazu eine<br />

ganz andere Auffassung von Gehorsam<br />

nötig, als die eines reinen Befehlsempfängers<br />

in Hierarchien. Es ist ein<br />

Gehorsam, der aus freier Entscheidung<br />

erfolgt – in dem Wissen, dass es mir unter<br />

der Führung und dem Schutz des<br />

guten Hirten besser geht, als wenn ich<br />

es allein probiere. Es ist eine Unterordnung,<br />

die auf Freiheit basiert gemäß<br />

dem Wort „Wo der Geist des Herrn ist,<br />

da ist Freiheit“ (2 Kor 3:17) – und die<br />

auch neue Freiheiten ermöglicht, wie<br />

beispielsweise eine Freiheit gegenüber<br />

unseren eigenen Lüsten und Begierden,<br />

Freiheit von Egoismen im Zusammenleben<br />

mit Mitmenschen und Freiheit in unserer<br />

Beziehung zu Gott.<br />

7 Der Heilige Geist und Metanoia<br />

Wir haben den Begriff Metanoia als Bereitschaft<br />

zu radikal neuem Denken und<br />

Handeln bereits als systemwissenschaftlichen<br />

Basisbegriff kennen gelernt. Um<br />

vom herkömmlichen Denken und Handeln<br />

zu systemgerechten Denken und<br />

Handeln zu kommen, braucht es Metanoia.<br />

Metanoia ist jedoch ein Begriff, der ursprünglich<br />

aus der Bibel stammt. Im hebräischen<br />

Alten Testament lautet er<br />

schub, womit nicht nur eine Änderung<br />

des Denkens, sondern eine umfassende<br />

Lebensumkehr hin zu Gott gemeint war.<br />

Der hebräische Begriff schub wurde in<br />

der Septuaginta, der griechischen Bibelübersetzung<br />

des Alten Testaments, mit<br />

metanoia übersetzt.<br />

7.1 Metanoia im Neuen Testament<br />

Im neuen Testament kommt der Begriff<br />

Metanoia unter anderem an zwei prominenten<br />

Stellen vor: zunächst bei Johannes<br />

dem Täufer, der unmittelbar vor der<br />

Taufe Jesu dem Volk zurief „Metanoia! –<br />

Ändert euer Denken! Denn das Himmelreich<br />

ist nahe gekommen!“ (Mt 3:2) Johannes<br />

tauft die Menschen als Zeichen<br />

ihrer Umkehr mit Wasser, kündigt aber<br />

einen Stärkeren – gemeint ist Jesus –<br />

an, der mit Heiligem Geist und Feuer<br />

taufen wird. (Mt 3:12). Unmittelbar danach<br />

lässt sich Jesus von Johannes taufen.<br />

Als Jesus aus dem Wasser stieg,<br />

öffneten sich die Himmel und der Geist<br />

Gottes fuhr wie eine Taube herab und<br />

kam auf Jesus.<br />

Die zweite prominente Stelle, an der Metanoia<br />

eine zentrale Rolle spielt, ist die<br />

Pfingstpredigt von Petrus in Kapitel 2 der<br />

Apostelgeschichte. Nachdem der Heilige<br />

Geist mit gewaltigem Brausen und Feuerzungen<br />

auf die versammelten Jünger<br />

gekommen war und diese vom Geist<br />

erfüllt in verschiedensten Sprachen zu<br />

sprechen begannen, hielt Petrus seine<br />

berühmte Pfingstpredigt vor dem zusammengelaufenen<br />

Volk. Als diese nach<br />

der Predigt erschüttert fragten: „Was<br />

sollen wir nun tun, Brüder?“ (Apg 2:32),<br />

kam von Petrus die Aufforderung „Metanoia<br />

– und lasst euch taufen zur Vergebung<br />

der Sünden – und ihr werdet die<br />

Gabe des Heiligen Geistes empfangen!“<br />

(Apg 2:38). Etwa dreitausend Menschen<br />

„nahmen sein Wort auf“ und ließen sich<br />

am selben Tag taufen. Die Auswirkungen<br />

waren bemerkenswert: „Sie verharrten<br />

in der Lehre der Apostel und in der<br />

Gemeinschaft und im Brechen des Brotes.<br />

… Alle Gläubiggewordenen aber<br />

waren zusammen und hatten alles gemeinsam.“<br />

(Apg 2:42ff). Sie verteilten<br />

ihren Besitz an die Bedürftigen, verharrten<br />

gemeinsam im Tempel, brachen zu<br />

Hause das Brot, lobten Gott und hatten<br />

Gunst beim ganzen Volk.<br />

7.2 Exkurs: Urgemeinde und Kirche<br />

im Vergleich<br />

Ein kurzer Vergleich dieser Schilderung<br />

christlicher Brüderschaft in der Urgemeinde<br />

mit der heutigen katholischen<br />

Kirche bringt gewaltige Unterschiede an<br />

den Tag:<br />

- Die katholische Taufe wird als Babytaufe<br />

vorgenommen und hat damit natürlich<br />

keinerlei Bezug zu einem bewussten<br />

Schritt der Umkehr bzw. Me-


G. Ossimitz: <strong>„Kirche</strong> brennt!“ 9<br />

tanoia des Getauften. Aus Sicht der<br />

getauften Kleinkinder hat ihre Taufe<br />

vor allem folgende Auswirkung, die<br />

den Betroffenen erst viele Jahre später<br />

bewusst wird: Sie wurden durch die<br />

Babytaufe ohne ihr Wollen und Zutun<br />

bereits in frühester Kindheit zur katholischen<br />

Kirche beigetreten - man möge<br />

mir diese drastische Formulierung<br />

nachsehen. An dieser Stelle darf ich<br />

eine Anekdote in eigener Sache anbringen:<br />

ich war der erste Täufling in<br />

der 1958 neu eingeweihten Pfarrkirche<br />

Klagenfurt-St. Peter. Dies brachte mir<br />

den Ehrenplatz ein, in dem neu angelegten<br />

Taufbuch als erster Täufling mit<br />

Taufnummer 1 auf der ersten Seite zu<br />

stehen. Doch irgendwie ließ mich diese<br />

Besonderheit einfach kalt: ich fühle<br />

mich als jemand, der bei seiner eigenen<br />

Taufe irgendwie gar nicht dabei<br />

war.<br />

- Die auf Gleichheit ausgerichtete Gemeinschaft<br />

der Urgemeinde wurde in<br />

der Kirche transformiert zu einer Trennung<br />

von Laien und hierarchisch formiertem<br />

Klerus.<br />

- Das Brechen des Brotes, das ursprünglich<br />

von allen zu Hause gefeiert<br />

wurde, wurde zum Sakrament der Eucharistie,<br />

dessen Ausführung Exklusivrecht<br />

des Klerus ist.<br />

Damit sind in der Katholischen Kirche<br />

wesentliche Bestandselemente der<br />

selbstorganisierten Urgemeinde in die<br />

hierarchische Amtskirche transferiert<br />

worden, was natürlich dem Primat der<br />

Hierarchie über die Selbstorganisation<br />

dienlich ist.<br />

7.3 Metanoia, Taufe und die Freiheit<br />

im Heiligen Geist<br />

Kehren wir nach diesem Exkurs zurück<br />

zur Frage, wie Metanoia, die Taufe im<br />

neutestamentlichen Sinn und das Wirken<br />

des Heiligen Geistes zusammenhängen.<br />

Sowohl die Episode von der Taufe Jesu<br />

als auch das Pfingstgeschehen zeigen<br />

einen engen Zusammenhang zwischen<br />

Metanoia (Umkehr der Menschen), der<br />

Taufe, die diese Umkehr symbolisiert<br />

und dem Erscheinen des Heiligen Geistes.<br />

Metanoia (Umkehr, Änderung des<br />

Denkens) ist die Basis für die Taufe, die<br />

Taufe wiederum schenkt ein neues Leben<br />

in Christus.<br />

In Kapitel 6 des Römerbriefs erklärt Paulus,<br />

dass die Taufe auf Jesus Christus<br />

bedeutet, mit seinem Tod und seiner<br />

Auferstehung verbunden zu sein. Der<br />

Heilige Geist, der auf die Getauften herabkommt,<br />

bewirkt dann die Fähigkeit,<br />

völlig neu zu denken und zu handeln:<br />

- Jesus ging unmittelbar nach seiner<br />

Taufe 40 Tage in der Wüste fasten<br />

und konnte am Ende allen Versuchungen<br />

des Teufels widerstehen.<br />

- Die frisch Getauften der Urgemeinde<br />

in Apostelgeschichte 2 bildeten spontan<br />

eine Glaubensgemeinschaft, die<br />

auf Gleichheit beruhte und damit<br />

höchst lebendig war.<br />

7.4 Der Buchstabe des Gesetzes<br />

und der Geist der Freiheit.<br />

In beiden Fällen sehen wir, dass der Heilige<br />

Geist Menschen zu Selbstorganisation<br />

und nicht zum Aufbau von Hierarchien<br />

anleitet. Dies entspricht auch dem<br />

Wort „Der Buchstabe (des Gesetzes)<br />

tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2.<br />

Kor 3:6). Ich assoziiere hier den Buchstaben<br />

des Gesetzes mit Hierarchie und<br />

das Wirken des Geistes mit lebendiger<br />

und befreiender Selbstorganisation.<br />

7.5 Hierarchien und Gesetze<br />

Dazu eine Nebenbemerkung: Der Zusammenhang<br />

zwischen Gesetzen und<br />

Hierarchien ist sowohl organisationstheoretisch<br />

als auch biblisch begründbar: im<br />

Alten Testament finden wir im Buch<br />

Exodus, Kapitel 18 die Episode, wo Mose<br />

auf Anraten seines Schwiegervaters<br />

Jitro eine Hierarchie von Richtern installiert,<br />

um seine Belastung beim Schlichten<br />

von Streitigkeiten im Volk zu reduzieren.<br />

Unmittelbar danach (Exodus Kapitel<br />

20) gibt Gott dem Volk Israel die 10 Gebote:<br />

eine Hierarchie braucht formale<br />

Regeln (Gesetze), um funktionieren zu<br />

können. Dieser enge zeitliche Zusam-


G. Ossimitz: Kirche brennt! 10<br />

menhang lässt sich inhaltlich so deuten,<br />

dass Hierarchien immer formale Richtlinien<br />

bzw. Gesetze brauchen, um funktionieren<br />

können. Nur durch eine Fixierung<br />

auf formale Regeln ist es möglich,<br />

dass in allen Einzelfällen nach den gleichen<br />

Prinzipien und nicht einfach willkürlich<br />

entschieden wird.<br />

7.6 Selbstorganisation und Freiheit<br />

überwinden die Tragödie der<br />

Gemeingüter<br />

Im Gegensatz zu Hierarchien, die für ihr<br />

Funktionieren allgemeingültige Gesetze<br />

brauchen, funktioniert Selbstorganisation<br />

auf einer ganz anderen Basis, nämlich<br />

auf der Basis von Freiheit und Freiwilligkeit.<br />

Dies ermöglicht auch die Entwicklung<br />

von Gemeininteressen, die gleichzeitig<br />

Vorteile für alle Beteiligten bringen.<br />

Organisationstheoretisch ist dieser Zusammenhang<br />

zwischen Selbstorganisation<br />

und Vorteilen für alle Beteiligten<br />

sehr gut erforscht in Zusammenhang mit<br />

der Nutzung von gemeinschaftlichen<br />

Wirtschaftsgütern (gemeinsame Weiden,<br />

gemeinsame Fischgründe). Egoistische<br />

Rationalität führt bei der Nutzung von<br />

gemeinschaftlichen Gütern zwangsläufig<br />

zur sogenannten „Tragödie der Gemeingüter“:<br />

jeder Akteur versucht, vom gemeinschaftlichen<br />

Gut möglichst viel für<br />

sich zu sichern, um anderen zuvorzukommen,<br />

die dasselbe möchten. Diese<br />

Haltung führt dann beispielsweise bei<br />

der Nutzung von Fischgründen zu einer<br />

Überfischung, die letztlich darin endet,<br />

dass die Ressource völlig geplündert<br />

und vernichtet wird und niemand mehr<br />

etwas fischen kann. Um die Tragödie der<br />

Gemeingüter zu überwinden, ist Metanoia<br />

notwendig: ein radikales Umdenken,<br />

verbunden mit neuem Handeln. Die<br />

Beteiligten stehen vor der Erfordernis,<br />

sich in Selbstorganisation freiwillig verbindliche<br />

Regeln auferlegen, die letztlich<br />

für alle zum Vorteil gereichen. Die Freiheit<br />

in Selbstorganisation bedeutet also<br />

keineswegs einen Verzicht auf Regeln,<br />

aber es sind selbst entwickelte und<br />

selbst verantwortete Regeln, die freiwillig<br />

eingehalten werden im Wissen, dass<br />

dies für alle zum Vorteil gereicht.<br />

7.7 Die Gebote Gottes und die<br />

Freiheit im Geist<br />

Wie gehen nun die Gebote Gottes und<br />

die Freiheit im Geist zusammen? Diese<br />

Frage ist wohl eine der schwierigsten,<br />

wenn es darum geht, die Botschaft des<br />

Neuen Testaments zu verstehen. Meine<br />

persönliche Sicht zu diesem Thema ist<br />

recht einfach: ich sehe die Gebote Gottes<br />

im Wesentlichen als eine Anleitung<br />

auf einer Meta-Ebene, die uns ein Leben<br />

in Freiheit und brüderlicher Gemeinschaft<br />

ermöglichen soll – und all dies<br />

inspiriert durch den Heiligen Geist. Dabei<br />

ist das Wirken des Geistes essenziell:<br />

ohne den Geist verkommt das Gesetz zu<br />

einem immer detaillierteren Regelwerk,<br />

dessen Befolgung uns Menschen heillos<br />

bis tödlich überfordert.<br />

8 Das Wirken der Gemeindeberatung<br />

an der Kirchenbasis<br />

An dieser Stelle möchte ich nun zum<br />

Wirken der katholischen Gemeindeberatung<br />

zurückkehren.<br />

8.1 Kirchenhierarchie und Kirchenbasis<br />

Die Arbeit der Gemeindeberatung vollzieht<br />

sich aus meiner Sicht im Wesentlichen<br />

an der Schnittstelle zwischen kirchlicher<br />

Hierarchie und lebendiger Selbstorganisation<br />

an der Kirchenbasis. Aus<br />

dem bisher vorgetragenen sollte klar<br />

sein, dass an dieser Schnittstelle eine<br />

fundamentale organisationstheoretische<br />

Aporie sitzt – der aporetische Gegensatz<br />

zwischen der heiligen Ordnung der kirchlichen<br />

Hierarchie und das Prinzip lebendiger<br />

Selbstorganisation an der Kirchenbasis,<br />

die jedoch gleichzeitig innerhalb<br />

dieser Hierarchie bleiben soll. Im Grunde<br />

müht sich die katholische Gemeindeberatung,<br />

christliche Selbstorganisation<br />

unter einem hierarchischen Dach zu ermöglichen.<br />

Typischerweise sind die dazu<br />

von der Gemeindeberatung eingesetzten<br />

Werkzeuge Instrumente des Managements<br />

und der Weiterentwicklung von


G. Ossimitz: <strong>„Kirche</strong> brennt!“ 11<br />

selbstorganisierten Strukturen: Gespräche<br />

mit allen Beteiligten, direkte Treffen<br />

aller Konfliktpartner an „runden Tischen“,<br />

Unterstützen beim Finden von selbstorganisiert<br />

entwickelten Lösungen. Diese<br />

Bemühungen der Gemeindeberatung<br />

sind immer verbunden mit der Hoffnung,<br />

damit ein radikales Umdenken (Metanoia)<br />

unter den Beteiligten zu ermöglichen,<br />

die dann eine gedeihliche Weiterentwicklung<br />

mit sich bringt. Dies gelingt<br />

in manchen Fällen besser, manchmal<br />

weniger gut und fallweise auch gar nicht.<br />

8.2 Der Heilige Geist und die<br />

Kirchenberatung<br />

Indem die Gemeindeberatung einen<br />

Rahmen für Metanoia schafft, schafft sie<br />

auch eine Grundlage für ein neues, lebendiges<br />

Wirken des Heiligen Geistes<br />

direkt an der Kirchenbasis. In diesem<br />

Sinne sehe ich den Heiligen Geist als<br />

einen Geist der Freiheit zu Umkehr in ein<br />

neues Leben und in neue, selbstorganisierte<br />

Formen von christlicher Gemeinschaft.<br />

Einfach zusammengefasst: aus meiner<br />

Sicht leistet die Arbeit der Gemeindeberatung<br />

einen wichtigen Beitrag, um an<br />

der Schnittstelle Kirchenvolk - Kirchenhierarchie<br />

einen Rahmen zu schaffen, in<br />

dem ein vom Geist Gottes inspiriertes<br />

Leben in christlicher Gemeinschaft sich<br />

entwickeln kann. In diesem Sinne sehe<br />

ich die Arbeit der katholischen Gemeindeberatung<br />

weniger als die einer Feuerwehr,<br />

die versucht, diverse brennende<br />

Konflikte zu löschen, sondern mehr als<br />

eine Einrichtung, die den Boden bereitet<br />

für das Feuer des Heiligen Geistes. Diese<br />

Arbeit erfolgt in einem unglaublichen<br />

aporetischen Spannungsfeld zwischen<br />

Hierarchie und Selbstorganisation. Dies<br />

erfordert neben einer großen Portion<br />

Idealismus auch eine gewisse „Grundausstattung“<br />

mit dem Geist Gottes, der<br />

letztlich gebraucht wird, damit das Wirken<br />

der Gemeindeberatung erfolgreich<br />

sein kann.<br />

8.3 Schlusswort<br />

An dieser Stelle sind wir bei meiner persönlichen<br />

Antwort zur Ausgangsfrage:<br />

„Was hat das Wirken der Gemeindeberatung<br />

mit dem Wirken des Heiligen<br />

Geistes zu tun?“ angelangt. Ich habe<br />

versucht, Ihnen eine Antwort anzubieten,<br />

die zwei große Argumentationsstränge<br />

miteinander verknüpft:<br />

(1) einerseits ein Strang systemwissenschaftlicher<br />

Argumente aus der Organisationstheorie<br />

(mit einer Unterscheidung<br />

von Hierarchien versus<br />

Selbstorganisation) sowie Konflikttheorie<br />

(mit der Unterscheidung zwischen<br />

hierarchisch lösbaren Konflikten<br />

und aporetischen Konflikten),<br />

kombiniert mit einigen Grundaussagen<br />

aus der Theorie lebender biologischer<br />

und sozialer Systeme;<br />

(2) andererseits theologische Argumente,<br />

die sich um das Wesen von Metanoia,<br />

Taufe und dem Wirken des<br />

Heiligen Geistes geschart haben.<br />

Ich darf an dieser Stelle mit großer<br />

Freude feststellen, dass es im hier vorgetragenen<br />

Themenkreis eine unglaublich<br />

starke Kohärenz zwischen fundamentalen<br />

systemwissenschaftlichen<br />

Prinzipien einerseits und uralten Wahrheiten<br />

aus der Bibel andererseits gibt.<br />

Diese Kohärenz hat es mir erlaubt, die<br />

katholische Gemeindeberatung in<br />

Oberösterreich für einige Jahre wissenschaftlich<br />

zu begleiten.<br />

Abschließend darf ich der katholischen<br />

Gemeindeberatung Oberösterreich eine<br />

Zukunft wünschen, die vom Feuer des<br />

Geistes getragen ist. Das Motto dieser<br />

Jubiläumsfeier Kirche brennt – im Sinne<br />

einer weithin leuchtenden und vom Geist<br />

Gottes inspirierten Kirche – möge für die<br />

katholische Gemeindeberatung weiterhin<br />

Ziel, Vision und Ansporn sein!<br />

Literatur<br />

G. Ossimitz/ C. Lapp(2006) Das Metanoia-<br />

Prinzip, Eine Einführung in Systemgerechtes<br />

Denken und Handeln

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