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„Kirche brennt“

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G. Ossimitz: „Kirche brennt!“ 1

„Kirche brennt“

Nachschrift zu einer nicht gehaltenen Festrede

ao. Univ. Prof. Dr. Günther Ossimitz

Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

9020 Klagenfurt, Universitätsstraße 65

guenther@ossimitz.at

Kirche brennt! Es ist ein Motto, das in

mir sofort starke Emotionen ausgelöst

hat, und das ich auch diesem Festvortrag

zu Grunde legen möchte.

Dem ernsthaften Anlass gemäß gehen

wir natürlich davon aus, dass mit diesem

Motto eine vom Feuer des Heiligen Geistes

inspirierte, weithin leuchtende Kirche

gemeint ist – ganz nach dem Wort aus

der Bergpredigt: „Ihr seid das Licht der

Welt!“ (Mt 5:14) Auf andere Deutungen

des Mottos „Kirche brennt“ – so in Richtung

„brennende Probleme“ oder gar „Es

brennt der Hut!“ – soll in diesem feierlichen

Rahmen nicht näher eingegangen

werden.

1 Ziel und Inhalt dieser Schrift

Ich möchte Ihnen darlegen, welchen Zusammenhang

ich zwischen der Arbeit

der katholischen Gemeindeberatung und

dem Wirken des Heiligen Geistes innerhalb

der Kirche sehe. Das klingt vielleicht

nach einem verwegenen Unterfangen

– wo es bei der Arbeit der Gemeindeberatung

doch andauernd um

manchmal kleinere, oft größere, bisweilen

auch massive und unlösbare Probleme

und Konflikte draußen in den Pfarren

und Diakonaten geht. Was soll das

mit dem Wirken des Heiligen Geistes zu

tun haben?

2 Die Kirche als Hierarchie

Ich muss zur Beantwortung dieser Frage

weit ausholen und möchte den Sachverhalt

zunächst aus der Perspektive der

Organisationstheorie beleuchten. Organisationstheoretisch

hat die katholische

Kirche eine Alleinstellung der Superlative.

Sie ist eine weltumspannende Organisation

mit über einer Milliarde Mitgliedern

und einer fast zweitausendjährigen

Geschichte! Das kann keine andere Organisation

oder Institution auf unserem

Planeten auch nur annähernd vorweisen.

Die römisch-katholische Kirche ist

aus organisationstheoretischer Sicht das

Paradebeispiel einer nachhaltig erfolgreichen

Hierarchie. Der aus dem Griechischen

stammende Begriff Hierarchie

bedeutet übrigens wörtlich „heilige Ordnung“!

2.1 Eigenschaften von Hierarchien

Hierarchien funktionieren nach bestimmten

Regeln und Prinzipien. Entscheidend

ist das Prinzip der Unter- und Überordnung

aller Funktionen und Positionen

innerhalb der Hierarchie in einer baumartigen

Struktur. Damit sind eine Reihe

von bemerkenswerten Eigenschaften

verbunden:

Erstens: Jeder Funktionsträger hat genau

einen direkten Vorgesetzten.

Zweitens: Je zwei Funktionsträger haben

genau einen gemeinsamen direkten

Vorgesetzten.

Drittens: Es gibt genau eine Spitzenfunktion,

in der alle Funktionen zusammenlaufen.

Viertens: An der Spitze gibt es innerhalb

der Hierarchie keinen Vorgesetzten. An

seine Stelle tritt oft eine Art „Transzendierter

Vorgesetzter“. Im Fall der katholischen

Hierarchie ist das klarerweise

Gott.


G. Ossimitz: Kirche brennt! 2

2.2 Hierarchien und Logik

Der Philosoph und Organisationsforscher

Gerhard Schwarz hat einen faszinierenden

Zusammenhang zwischen

Hierarchien und der aristotelischen Ja-

Nein-Logik hergestellt: Die Axiome unserer

abendländischen Wahr-Falsch-Logik

und die Grundprinzipien von Hierarchien

entsprechen einander derart verblüffend,

dass man Hierarchien als in Organisation

gegossene Logik bezeichnen könnte.

Hierarchien generieren eine einfache

Welt, in der alles fein säuberlich in „richtig“

versus „falsch“, in „gut“ versus „böse“

eingeteilt ist. Für eine Kirche, die die Unterscheidung

von Gut und Böse auch

inhaltlich eine ganz wesentliche Bedeutung

hat, also eine durchaus naheliegende

Organisationsform.

2.3 Hierarchien konflikttheoretisch

betrachtet

Konflikttheoretisch repräsentiert die Hierarchie

das Prinzip der Konfliktlösung

durch Delegation: Haben zwei beliebige

Funktionsträger in der Hierarchie einen

Konflikt, dann entscheidet der gemeinsame

direkte Vorgesetzte. Diese Entscheidung

des Vorgesetzten ist auch per

definitionem immer richtig – so verlangt

es jedenfalls der berühmte § 1 der Hierarchologie:

„Der Chef hat immer recht!“

Hierarchien sind also ideale Konfliktlöse-

Einrichtungen – sofern die Konflikte derart

beschaffen sind, dass genau eine der

Konfliktparteien recht hat und die andere

Partei falsch liegt und schließlich der

Vorgesetzte auch die Weisheit besitzt,

die richtige Antwort korrekt zu erkennen.

Und genau an diesem Punkt liegt eine

ganz wichtige Begrenzung in der Leistungsfähigkeit

von Hierarchien. Wie soll

ein Vorgesetzter entscheiden, wenn beide

Konfliktparteien recht haben? Eine

erste Antwort auf diesen Einwand wäre:

„Na, sowas darf dann eben nicht vorkommen

in unserer Hierarchie!“ Interessanterweise

entwickeln Hierarchien tatsächlich

machtvolle Strategien, um unlösbare

Konflikte bzw. Widersprüche erst

gar nicht aufkommen zu lassen.

3 Aporetische Konflikte

An dieser Stelle ist es Zeit, uns näher mit

unlösbaren Konflikten und Widersprüchen

zu beschäftigen. Wie sehen solche

Konflikte aus? Wo treten sie auf? Gibt es

solche Konflikte bzw. Widersprüche

überhaupt? Ja, es gibt solche logisch

unlösbaren Konflikte und sie heißen in

der Konflikttheorie aporetische Konflikte

oder einfach nur Aporien. Aporien müssen

folgende drei Bedingungen gleichzeitig

erfüllen:

Erstens: Man hat zwei einander widersprechende

Positionen. – Das ist noch

nichts Besonderes, das haben wir bei

jedem Konflikt.

Zweitens: Beide Positionen sind wahr

bzw. berechtigt. – Diese Bedingung hat

es bereits in sich! Damit liegen Aporien

außerhalb der einfachen Welt der Wahr-

Falsch-Logik, in der das Gegenteil von

etwas Wahrem immer falsch sein muss.

Drittens: Beide Positionen sind voneinander

abhängig – sie brauchen einander!

Diese Bedingung stellt sicher, dass

der Konflikt nicht einfach durch eine

Trennung der Konfliktparteien beigelegt

werden kann. In einer Aporie kann es

sich keine Seite leisten, die Gegenseite

zu ignorieren oder gar zu vernichten –

dies würde den eigenen Untergang implizieren,

weil beide Seiten existenziell

voneinander abhängig sind!

3.1 Hierarchien und Aporien

Hierarchien haben natürlich gar keine

Freude mit Aporien, zumal sich aporetische

Konflikte prinzipiell nicht hierarchisch

lösen lassen. Als in Organisation

gegossene Logik sind Hierarchien niemals

imstande, außerhalb der Gesetze

der Logik liegende Konflikte zu lösen.

Auch rein pragmatisch kann man sich

das leicht überlegen: Wie soll eine Vorgesetzter

einen Konflikt entscheiden, bei

dem beide Streitparteien recht haben

und überdies noch existenziell einander

brauchen, sodass man die Streithähne

nicht einfach voneinander fernhalten

kann? Man sieht leicht ein, dass aporeti-


G. Ossimitz: „Kirche brennt!“ 3

sche Konstellationen hierarchisch nicht

zu bewältigen sind.

3.2 Das streitende Ehepaar

Betrachten wir nun einige konkrete Beispiele

von Aporien. Ein Lehrbuchbeispiel

einer ganz einfachen Aporie ist das

„Streitende Ehepaar“, das Paul Watzlawick

in seinem berühmten Werk

„Menschliche Kommunikation“ beschrieben

hat: Die Ehefrau meckert mit

ihrem Mann, weil er dauert ins Gasthaus

geht – und der Ehemann geht ins Gasthaus,

weil sie meckert. Man hat zwei

einander widersprechende Positionen

verhakt, die beide (aus subjektiver Sicht)

berechtigt sind und überdies beide voneinander

abhängen.

3.3 Grundaporien

Eine sehr fundamentale Aporie besteht

zwischen den Gegensatzpaaren „Freiheit

bzw. Selbstbestimmung“ einerseits

sowie „Ordnung / Befolgung von Regeln“

andererseits. Wir haben hier wiederum

ein Gegensatzpaar, bei dem beide Seiten

ihre Berechtigung haben, wo aber

auch beide Seiten voneinander abhängig

sind. Freiheit kann sich immer nur im

Rahmen einer gewissen Ordnung entwickeln

– zum Beispiel im Straßenverkehr

können wir unsere Fahrtstrecken in weiten

Bereichen frei wählen, weil eine regelnde

Straßenverkehrsordnung uns

diese Freiheiten ermöglicht. Umgekehrt

machen regelnde Ordnungen nur dort

einen Sinn, wo es entsprechende Freiheiten

gibt. Gebote sind nur dort sinnvoll,

wo es auch die Möglichkeit gibt, sie zu

übertreten.

Ein besonders wichtiger Typus von Aporie

liegt im Verhältnis von Laien zu Experten.

Beide Positionen sind einander

entgegengesetzt: Experten kennen sich

in ihrem Fach aus, Laien nicht. Beide

Seiten sind berechtigt: es kann sich nicht

jeder überall auskennen – also gibt es

notgedrungen in allen möglichen Bereichen

den Gegensatz zwischen Laien

und Experten. Dass die Laien die Experten

brauchen, ist evident. Dass umgekehrt

auch die Experten die Laien brauchen,

ist weniger offensichtlich: Doch für

wen sollen die Experten ihre Expertise

anbieten, wenn es keine Laien gibt? Das

ist ungefähr genauso sinnvoll wie eine

Predigt in einer völlig leeren Kirche.

3.4 Aporien erfolgreich managen:

get in touch with chaos

Ich möchte an einem schönen Beispiel

erläutern, wie die Aporie zwischen Laien

und Experten zu einer Synthese kommen

und tatsächlich in einer Qualität

gelöst werden kann, die nur durch ein

selbstorganisiertes Zusammenspiel der

aporetischen Pole möglich ist.

In einer Lehrveranstaltung von mir, die

aus drei Blockterminen bestand, mussten

Studierende in Gruppen systemwissenschaftliche

Themen ausarbeiten. Dabei

ergab es sich, dass Klaus und Eva

gemeinsam das Thema „get in touch

with chaos – eine für Laien verständliche

Einführung in die Chaostheorie“ ausarbeiten

sollten. Klaus war ein Super-

Experte in Chaostheorie, Eva hatte von

der Materie keinen Schimmer. Bei der

Zwischenpräsentation stellte sich Klaus

an die Tafel und begann: „Wenn man

sich mit Chaostheorie beschäftigt, dann

ist es nicht schlecht, wenn man sich mit

Differenzialgleichungen ein bisschen

auskennt. Sei also gegeben die Differenzialgleichung…“

Er parlierte eine

Viertelstunde in mathematisch brilliantester

Manier – nur leider verstand niemand

vom Publikum auch nur einen

Bruchteil seiner Ausführungen. Als „eine

für Laien verständliche Einführung“ war

das Ganze ein kompletter Reinfall.

Die Schlusspräsentation von Klaus und

Eva wurde hingegen von den Studenten

mit „Standing Ovations“ beklatscht – und

die entscheidende Rolle für diesen Sensationserfolg

hatte Eva – die Laiin. Sie

wollte nach der missglückten Zwischenpräsentation

von Klaus die Grundzüge

der Chaostheorie lernen und so entspann

sich ein für beide Teile anstrengender

und intensiver Dialog. Daraus

entstand die Idee, das Thema Chaos-


G. Ossimitz: Kirche brennt! 4

Theorie in zwei Varianten zu präsentieren:

als dialogische Einführung für Laien

und dazu passend mathematische Hintergründe

– auf Expertenlevel. Damit war

beiden Seiten der Aporie Genüge getan.

Wirklich sensationell aber war, dass

Klaus – und nicht etwa Eva den dialogischen

Einführungsteil ausarbeitete und

präsentierte und Eva die mathematischen

Hintergründe – in einer Weise,

wie sie auch für Laien möglichst verständlich

ist!

Auf Grund des vorangegangenen Dialoges

waren beide in den neuen Rollen

perfekt: Klaus konnte wunderschöne, für

Laien ganz einfach verständliche Dialoge

zur Chaos-Theorie verfassen und

Eva hatte genügend an Chaos-

Mathematik gelernt, um sie laiengerecht

zu präsentieren.

3.5 Radikales Umdenken als Basis

zum erfolgreichen Umgang mit

Aporien

Das Geheimnis dieses großen Erfolges

von Klaus und Eva war die Bereitschaft

beider, hinsichtlich ihres Zuganges zur

Chaostheorie radikal umzudenken: Eva

wollte nicht länger völlig ahnungslose

Laiin bleiben und Klaus blieb nicht länger

im Elfenbeinturm seines Experten-Knowhows,

sondern bemühte sich ernsthaft,

die Chaostheorie der Eva verständlich

zu erklären. Bei der Zwischenpräsentation

hat Klaus noch ganz selbstverständlich

(oder sollte man sagen: „selbstherrlich“?)

vorausgesetzt, dass sich die Zuhörerschaft

mit Differenzialgleichungen

genauso auskennen möge wie er; und

Eva ist erst gar nicht mit an die Tafel

gekommen, weil sie wusste, dass sie

ohnehin nix zum Thema beitragen konnte.

Und genau diese Positionen haben

beide radikal aufgegeben, um die Aporie

von Laien und Experten zu einer grandiosen

Synthese zu bringen.

Wir sehen also, dass unter gewissen

Voraussetzungen Aporien zu einem

neuen Level an Qualität führen können,

auf dem dann der ursprünglich unlösbar

erscheinende Gegensatz zu einer Synthese

kommt – im Sinne des Hegelschen

Dreischritts These – Antithese – Synthese.

Doch dazu gibt es eine entscheidende

Voraussetzung: die Bereitschaft, die

eigene Position radikal aufzugeben, und

statt dessen neu zu denken und neu zu

handeln.

3.6 Metanoia – Bereitschaft zu radikal

neuem Denken und Handeln

Es ist ein ganz zentrales Ergebnis meiner

systemwissenschaftlichen Forschung,

dass genau diese Bereitschaft

zu radikalem Umdenken eine zentrale

Notwendigkeit ist, um so etwas wie „systemisches

Denken“ zu generieren. Wenigstens

ein Ehepartner im Beispiel des

Streitenden Ehepaares braucht diese

Bereitschaft, um den eskalierenden Teufelskreis

zwischen Meckern und Sich-

Zurückziehen zu durchbrechen. Klaus

und Eva haben ihre ursprünglichen Positionen

komplett hinter sich gelassen, um

die Aporie zwischen Laien und Experten

zu einem großartigen Resultat zu bringen.

Diese Bereitschaft zu radikalem

Umdenken als Basis für systemgerechtes

Denken und Handeln wird Metanoia

(gr. μετάνοια) genannt – ein Begriff, mit

dem wir uns später noch näher auseinandersetzen

werden und der auch einen

interessanten theologischen Bezug

besitzt. Peter Senge beschreibt in seinem

Buch „Die fünfte Disziplin“ Metanoia

als die zentrale Erfordernis, um zu systemgerechten

Denken und Handeln zu

gelangen.

4 Hierarchien, Aporien und Selbstorganisation

Wenn wir das Beispiel von Klaus und

Eva aus organisationstheoretischer Sicht

betrachten, dann stellen wir fest, dass es

nach der Zwischenpräsentation einen

Bruch gab. Bis zur Zwischenpräsentation

war die Sache hierarchisch klar: Klaus

präsentiert als Experte; die Laiin Eva

bleibt im Auditorium sitzen. Nach der

Zwischenpräsentation entwickelt sich ein

Dialog zwischen den beiden auf gleicher

Augenhöhe. Der ist von einem völlig anderem

Organisationsprinzip geleitet: der


G. Ossimitz: „Kirche brennt!“ 5

Selbstorganisation. Wie das Beispiel

zeigt, macht es Selbstorganisation möglich,

Aporien erfolgreich zu managen. Mit

dem Organisationskonzept der Hierarchie

sind Aporien niemals erfolgreich zu

bewältigen, man kann sie bestenfalls

vermeiden.

4.1 Aporien als „Treibstoff“ für

Selbstorganisation

Der Zusammenhang zwischen Selbstorganisation

und Aporien ist sogar noch

viel weitreichender. Christian Lapp hat in

seinem Buch „Soziale Selbstorganisation:

Wie Widersprüche Organisationen

und Organisationen Widersprüche schaffen“

nachgewiesen, dass soziale Selbstorganisation

ein gewisses Maß an aporetischer

Energie quasi als Treibstoff

braucht, um sich entwickeln zu können!

Zusammengefasst haben wir ein klares

Ergebnis: Hierarchien wollen und müssen

Aporien vermeiden, während

Selbstorganisation die in Aporien steckende

Energie für ihre Entwicklung

braucht! Man muss allerdings einschränkend

dazusagen, dass auch auf die richtige

Dosis an aporetischem Gegensatz

ankommt, um erfolgreiche Selbstorganisation

zu ermöglichen.

4.2 Hierarchien und Grundaporien

Gerhard Schwarz beschreibt vier Grundaporien

menschlichen Zusammenlebens:

- Mann versus Frau;

- Ich versus Gemeinschaft;

- Junge versus Alte;

- Weiterentwicklung versus Tradition

Aus Zeitgründen kann ich leider auf diese

vier Grundaporien nicht im Detail eingehen.

Kurz anreißen möchte ich aber,

wie sich Hierarchien zu diesen vier

Grundaporien verhalten. Die idealtypische

Hierarchie ist so ausgestaltet, dass

diese vier Grundaporien möglichst erst

gar nicht auftreten:

Der Gegensatz zwischen Mann und Frau

wird dadurch draußen gehalten, dass

idealtypische Hierarchien reine Männerbünde

sind. Dies ist ein organisationstheoretisches

Argument für das Zölibat

und gegen Frauen in Priesterämtern –

sofern man die Kirche als Hierarchie

versteht und hierarchisch organisiert haben

will!

Der Gegensatz zwischen dem Individuum

und der Gemeinschaft wird in Hierarchien

mit einem ganz klaren Primat der

Funktion gegenüber der Person geklärt.

Personen können wechseln – Funktionen

bleiben.

Den Gegensatz zwischen Jungen und

Alten begegnet man in Hierarchien durch

ein striktes Senioritätsprinzip: das Sagen

haben immer die „Ältesten“.

Der Gegensatz zwischen Tradition und

lebendiger Weiterentwicklung ist in idealtypischen

Hierarchien ganz klar zu

Gunsten der Tradition geklärt. Wichtig

ist, das Althergebrachte zu erhalten –

selbst wenn es erstarrt wirkt und in die

neue Zeit nicht mehr so richtig passt.

4.3 Kirche als idealtypische Hierarchie

Betrachtet man diese vier Punkte, so ist

die römisch katholische Kirche eine idealtypische

Hierarchie. Alle vier Grundaporien

von Schwarz sind in ganz eindeutiger

Weise geklärt, indem eine der

beiden Seiten als die „richtige“ für die

Hierarchie erklärt wird – und der entgegengesetzte

Pol ausgeschlossen bzw.

nicht zugelassen wird.

5 Lebende Systeme: Autopoiese

und

Selbstorganisation

Wir verlassen nun das Thema Hierarchien

und wenden uns der Frage zu, wie

lebende Systeme aufgebaut sind. Lebende

Systeme besitzen eine ganz andere

Organisationsform als Hierarchien.

Die Biologen Humberto Maturana und

Francesco Varela haben dies für biologische

Systeme (Zellen, Pflanzen, Tiere,…)

untersucht und die für lebende

Systeme charakteristische Organisationform

Autopoiesis (gr. „sich selbst er-


G. Ossimitz: Kirche brennt! 6

schaffen“) genannt. Ihr diesbezügliches

Hauptwerk aus dem Jahr 1984 trägt den

bemerkenswerten Titel „Der Baum der

Erkenntnis“. Es ist sowohl eine Einführung

in die Organisationsform lebender

Systeme in Form von Autopoiese als

auch eine biologisch argumentierte Einführung

in den Radikalen Konstruktivismus.

Der Radikale Konstruktivismus ist

eine hauptsächlich von emigrierten Österreichern

(Ernst von Glasersfeld, Heinz

von Foerster, Paul Watzlawick) entwickelte

Erkenntnistheorie, die davon ausgeht,

dass alles, was wir erkennen, sehen

hören, wissen, meinen, denken…

ausschließlich mentale Konstrukte im

jeweiligen Hirn sind, die sich dort in

Selbstorganisation entwickeln. Neue

Sinneseindrücke (in Form von neuronalen

Signalen über Nervenzellen) werden

so gedeutet und interpretiert, dass sie zu

den schon vorhandenen Konstrukten

passen und damit ältere Konstrukte bestätigen

und bestärken. Dies mag erklären,

warum uns radikales Umdenken so

unglaublich schwer fällt – selbst wenn

wir die Notwendigkeit dafür einsehen.

Der berühmte Soziologie Niklas Luhmann

hat den Begriff der Autopoiese auf

die Genese und Selbsterhaltung sozialer

Systeme ausgeweitet. Autopoiese und

Selbstorganisation bezeichnen im Grunde

dieselbe Sache – sie stammen lediglich

aus verschiedenen Wissenschaftsfeldern

– Biologie versus Organisationslehre.

5.1 Lebendige Systeme und

Selbstorganisation

Somit dürfen wir zusammenfassen, dass

sowohl lebende Systeme wie auch soziale

Systeme im Sinne Luhmanns

Selbstorganisation existenziell benötigen:

ohne Selbstorganisation ist kein

Leben – und auch keine lebendige Gemeinschaft

möglich! Gleichzeitig sind

selbstorganisierte Systeme immer mit

Aporien assoziiert – Aporien bilden gewissermaßen

den Treibstoff für die

Selbstorganisation lebender und sozialer

Systeme! Man kann dies schön an den

vier Grundaporien von Schwarz studieren.

Die Aporie zwischen Mann und Frau

beispielsweise muss konkret in einer

ganz spezifischen Weise nicht-zölibatär

gelebt werden, um neues Leben, einen

neuen Menschen zu zeugen. Eine kleine

Nebenbemerkung dazu: Beim Sonderfall

der Zeugung von Jesus durch den Heiligen

Geist war es die Aporie zwischen

Himmel und Erde, die in wundersamer

Weise zur Geburt des Sohnes Gottes als

Mensch führte.

6 Lebendige Hierarchien brauchen

Selbstorganisation

Wenn man nun Selbstorganisation und

Aporien in Hierarchien draußen halten

will, dann hat das eine einfache Konsequenz:

solche Systeme sind nicht mehr

lebendig. Damit stehen alle Hierarchien

vor einem Fundamentalproblem: wie

halten wir die Sache am Leben? Die Betonung

der Tradition ist ja recht und

schön zur Erhaltung von Strukturen,

aber es braucht immer auch Menschen,

die bereit sind, sich in diese Strukturen

einzugliedern und das Primat der Tradition

hochzuhalten.

Die Antwort auf die Frage nach dem Leben

in Hierarchien ist einfach beantwortet:

Hierarchien brauchen wenigstens in

einer subtilen Form Selbstorganisation

und Aporien – gewissermaßen als

„Treibstoff“, um lebensfähig zu sein. Die

Frage des Lebens bringt Hierarchien in

ein Fundamentaldilemma: einerseits wollen

Hierarchien Aporien a priori draußen

halten, andererseits brauchen sie eine

gewisse Menge an aporetischen Gegensätzen,

um lebendige Selbstorganisation

innerhalb der Hierarchie zu ermöglichen.

In der Praxis funktioniert dies

meist so, dass die Hierarchie formell besteht

und die Selbstorganisation informell

als „Unternehmenskultur“ still und

ohne Aufsehen läuft.

6.1 Hierarchie und Selbstorganisation

in der Kirche

Bei der katholischen Kirche sehe ich das

Prinzip der Selbstorganisation im We-


G. Ossimitz: „Kirche brennt!“ 7

sentlichen an zwei Stellen: Der erste

Bereich ist ganz an der Spitze der Kirche,

wenn es darum geht, dass in einem

Konklave ein neuer Papst gewählt wird.

Interessanterweise wird diese organisationstheoretisch

durch Selbstorganisation

unter den wahlberechtigten Kardinälen

zustande gekommene Wahl als

von Gott kommend gesehen, was unter

der Prämisse, dass alles Leben seinen

Ursprung in Gott hat, durchaus plausibel

ist.

Der zweite Bereich, in dem in der Katholischen

Kirche Selbstorganisation passiert

– und damit Lebendigkeit möglich

ist – ist ganz unten an der Basis. Viele

Gruppen und Initiativen im Kirchenvolk

entsprechen im Wesentlichen dem Organisationsprinzip

der Selbstorganisation.

Inwieweit innerhalb der kirchlichen Hierarchie

das Organisationsprinzip lebendiger

Selbstorganisation eine Rolle

spielt, kann ich als Außenstehender

schwer abschätzen. Zu vermuten ist,

dass es innerhalb der römischen Kurie

oder auf nationaler Ebene in einer Bischofskonferenz

durchaus auch Aspekte

von Selbstorganisation gibt, die allerdings

eher nicht öffentlich einsehbar

sind.

6.2 Hirten und Schafe in der Kirche

Ich möchte nun das Verhältnis Selbstorganisation

– Hierarchie in der katholischen

Kirche an einigen speziellen

Themen untersuchen. Betrachten wir

zunächst die für das Christentum und die

katholische Kirche fundamentale Metapher

vom guten Hirten und seinen Schafen.

„Der Herr ist mein Hirte – mir wird

nichts mangeln“ betet König David im

Psalm 23. Und dann sagt Jesus von sich

„Ich bin der Gute Hirte“ (Joh 10:14) und

bringt das Gleichnis vom Guten Hirten,

der 99 Schafe zurücklässt, um das eine

Schaf zu finden, das sich verirrt hat. (Luk

15:4) Und in der modernen Kirche? Da

schreiben Bischöfe und Erzbischöfe als

Hirten bzw. Oberhirten „Hirtenbriefe“ an

ihre Schafe.

6.3 Hirten, Schafe und

Selbstorganisation

Ich möchte kurz betrachten, wie dieses

Verhältnis von Hirten und Schafen mit

Hierarchie bzw. Selbstorganisation zusammenhängt.

Ist das Verhältnis von

Hirten zu ihren Schafen ein hierarchisches

oder basiert es auf Selbstorganisation?

Geprägt vom modernen Hirtenbild

der Kirche assoziieren wir automatisch

ein hierarchisches Verhältnis zwischen

Hirten und Schafen. Die Hirten

schreiben in Hirtenbriefen den Schafen

vor, wo es langzugehen hat.

Den biblischen Bildern entnehme ich

jedoch ein ganz anderes Verhältnis von

Hirten und Schafen. Wenn König David

schreibt: „Der Herr ist mein Hirte“, dann

macht er dies als selbstbewusstes, autonomes

„Schaf“, das eigentlich einen

Hirten gar nicht braucht – aber dann

doch mit Freude feststellt: Wenn er den

Herrn als Hirten annimmt, dann geht es

ihm speziell in finsteren Zeiten viel besser

als ganz allein und autonom. Beim

Gleichnis vom verlorenen Schaf wird die

Sache noch deutlicher. Der gute Hirte

kann seine 99 Schafe nur deswegen

zurücklassen um das verlorengegangene

Schaf zu suchen, weil er weiß, dass

die 99 Schafe keine dummen und vom

Hirten abhängigen Tiere, sondern autonom

und selbstorganisiert sind und ihn

zumindest für die Zeit der Suche keineswegs

brauchen. In der Bibel ist der

Gute Hirte jemand, der autonome Schafe

so leitet, dass sie sich ihm freiwillig

anvertrauen – im Wissen, dass es ihnen

damit besser geht als wenn sie ihre Autonomie

ohne Hirten ausleben.

6.4 Der Gehorsam autonomer Schafe

gegenüber einem Guten Hirten

In diesem Zusammenhang bekommt

auch der in der österreichischen Kirche

hoch kontrovers diskutierte Begriff des

Gehorsams eine neue Bedeutung.

„Gehorsam“ wird heute als ein Wesensmerkmal

funktionierender Hierarchien

gesehen. Der Chef schafft an, die Unter-


G. Ossimitz: Kirche brennt! 8

gebenen führen aus. Ist Gehorsam aber

auch mit einem Konzept von freien, autonomen

Schafen in Selbstorganisation

vereinbar? Ich denke ja, nur ist dazu eine

ganz andere Auffassung von Gehorsam

nötig, als die eines reinen Befehlsempfängers

in Hierarchien. Es ist ein

Gehorsam, der aus freier Entscheidung

erfolgt – in dem Wissen, dass es mir unter

der Führung und dem Schutz des

guten Hirten besser geht, als wenn ich

es allein probiere. Es ist eine Unterordnung,

die auf Freiheit basiert gemäß

dem Wort „Wo der Geist des Herrn ist,

da ist Freiheit“ (2 Kor 3:17) – und die

auch neue Freiheiten ermöglicht, wie

beispielsweise eine Freiheit gegenüber

unseren eigenen Lüsten und Begierden,

Freiheit von Egoismen im Zusammenleben

mit Mitmenschen und Freiheit in unserer

Beziehung zu Gott.

7 Der Heilige Geist und Metanoia

Wir haben den Begriff Metanoia als Bereitschaft

zu radikal neuem Denken und

Handeln bereits als systemwissenschaftlichen

Basisbegriff kennen gelernt. Um

vom herkömmlichen Denken und Handeln

zu systemgerechten Denken und

Handeln zu kommen, braucht es Metanoia.

Metanoia ist jedoch ein Begriff, der ursprünglich

aus der Bibel stammt. Im hebräischen

Alten Testament lautet er

schub, womit nicht nur eine Änderung

des Denkens, sondern eine umfassende

Lebensumkehr hin zu Gott gemeint war.

Der hebräische Begriff schub wurde in

der Septuaginta, der griechischen Bibelübersetzung

des Alten Testaments, mit

metanoia übersetzt.

7.1 Metanoia im Neuen Testament

Im neuen Testament kommt der Begriff

Metanoia unter anderem an zwei prominenten

Stellen vor: zunächst bei Johannes

dem Täufer, der unmittelbar vor der

Taufe Jesu dem Volk zurief „Metanoia! –

Ändert euer Denken! Denn das Himmelreich

ist nahe gekommen!“ (Mt 3:2) Johannes

tauft die Menschen als Zeichen

ihrer Umkehr mit Wasser, kündigt aber

einen Stärkeren – gemeint ist Jesus –

an, der mit Heiligem Geist und Feuer

taufen wird. (Mt 3:12). Unmittelbar danach

lässt sich Jesus von Johannes taufen.

Als Jesus aus dem Wasser stieg,

öffneten sich die Himmel und der Geist

Gottes fuhr wie eine Taube herab und

kam auf Jesus.

Die zweite prominente Stelle, an der Metanoia

eine zentrale Rolle spielt, ist die

Pfingstpredigt von Petrus in Kapitel 2 der

Apostelgeschichte. Nachdem der Heilige

Geist mit gewaltigem Brausen und Feuerzungen

auf die versammelten Jünger

gekommen war und diese vom Geist

erfüllt in verschiedensten Sprachen zu

sprechen begannen, hielt Petrus seine

berühmte Pfingstpredigt vor dem zusammengelaufenen

Volk. Als diese nach

der Predigt erschüttert fragten: „Was

sollen wir nun tun, Brüder?“ (Apg 2:32),

kam von Petrus die Aufforderung „Metanoia

– und lasst euch taufen zur Vergebung

der Sünden – und ihr werdet die

Gabe des Heiligen Geistes empfangen!“

(Apg 2:38). Etwa dreitausend Menschen

„nahmen sein Wort auf“ und ließen sich

am selben Tag taufen. Die Auswirkungen

waren bemerkenswert: „Sie verharrten

in der Lehre der Apostel und in der

Gemeinschaft und im Brechen des Brotes.

… Alle Gläubiggewordenen aber

waren zusammen und hatten alles gemeinsam.“

(Apg 2:42ff). Sie verteilten

ihren Besitz an die Bedürftigen, verharrten

gemeinsam im Tempel, brachen zu

Hause das Brot, lobten Gott und hatten

Gunst beim ganzen Volk.

7.2 Exkurs: Urgemeinde und Kirche

im Vergleich

Ein kurzer Vergleich dieser Schilderung

christlicher Brüderschaft in der Urgemeinde

mit der heutigen katholischen

Kirche bringt gewaltige Unterschiede an

den Tag:

- Die katholische Taufe wird als Babytaufe

vorgenommen und hat damit natürlich

keinerlei Bezug zu einem bewussten

Schritt der Umkehr bzw. Me-


G. Ossimitz: „Kirche brennt!“ 9

tanoia des Getauften. Aus Sicht der

getauften Kleinkinder hat ihre Taufe

vor allem folgende Auswirkung, die

den Betroffenen erst viele Jahre später

bewusst wird: Sie wurden durch die

Babytaufe ohne ihr Wollen und Zutun

bereits in frühester Kindheit zur katholischen

Kirche beigetreten - man möge

mir diese drastische Formulierung

nachsehen. An dieser Stelle darf ich

eine Anekdote in eigener Sache anbringen:

ich war der erste Täufling in

der 1958 neu eingeweihten Pfarrkirche

Klagenfurt-St. Peter. Dies brachte mir

den Ehrenplatz ein, in dem neu angelegten

Taufbuch als erster Täufling mit

Taufnummer 1 auf der ersten Seite zu

stehen. Doch irgendwie ließ mich diese

Besonderheit einfach kalt: ich fühle

mich als jemand, der bei seiner eigenen

Taufe irgendwie gar nicht dabei

war.

- Die auf Gleichheit ausgerichtete Gemeinschaft

der Urgemeinde wurde in

der Kirche transformiert zu einer Trennung

von Laien und hierarchisch formiertem

Klerus.

- Das Brechen des Brotes, das ursprünglich

von allen zu Hause gefeiert

wurde, wurde zum Sakrament der Eucharistie,

dessen Ausführung Exklusivrecht

des Klerus ist.

Damit sind in der Katholischen Kirche

wesentliche Bestandselemente der

selbstorganisierten Urgemeinde in die

hierarchische Amtskirche transferiert

worden, was natürlich dem Primat der

Hierarchie über die Selbstorganisation

dienlich ist.

7.3 Metanoia, Taufe und die Freiheit

im Heiligen Geist

Kehren wir nach diesem Exkurs zurück

zur Frage, wie Metanoia, die Taufe im

neutestamentlichen Sinn und das Wirken

des Heiligen Geistes zusammenhängen.

Sowohl die Episode von der Taufe Jesu

als auch das Pfingstgeschehen zeigen

einen engen Zusammenhang zwischen

Metanoia (Umkehr der Menschen), der

Taufe, die diese Umkehr symbolisiert

und dem Erscheinen des Heiligen Geistes.

Metanoia (Umkehr, Änderung des

Denkens) ist die Basis für die Taufe, die

Taufe wiederum schenkt ein neues Leben

in Christus.

In Kapitel 6 des Römerbriefs erklärt Paulus,

dass die Taufe auf Jesus Christus

bedeutet, mit seinem Tod und seiner

Auferstehung verbunden zu sein. Der

Heilige Geist, der auf die Getauften herabkommt,

bewirkt dann die Fähigkeit,

völlig neu zu denken und zu handeln:

- Jesus ging unmittelbar nach seiner

Taufe 40 Tage in der Wüste fasten

und konnte am Ende allen Versuchungen

des Teufels widerstehen.

- Die frisch Getauften der Urgemeinde

in Apostelgeschichte 2 bildeten spontan

eine Glaubensgemeinschaft, die

auf Gleichheit beruhte und damit

höchst lebendig war.

7.4 Der Buchstabe des Gesetzes

und der Geist der Freiheit.

In beiden Fällen sehen wir, dass der Heilige

Geist Menschen zu Selbstorganisation

und nicht zum Aufbau von Hierarchien

anleitet. Dies entspricht auch dem

Wort „Der Buchstabe (des Gesetzes)

tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2.

Kor 3:6). Ich assoziiere hier den Buchstaben

des Gesetzes mit Hierarchie und

das Wirken des Geistes mit lebendiger

und befreiender Selbstorganisation.

7.5 Hierarchien und Gesetze

Dazu eine Nebenbemerkung: Der Zusammenhang

zwischen Gesetzen und

Hierarchien ist sowohl organisationstheoretisch

als auch biblisch begründbar: im

Alten Testament finden wir im Buch

Exodus, Kapitel 18 die Episode, wo Mose

auf Anraten seines Schwiegervaters

Jitro eine Hierarchie von Richtern installiert,

um seine Belastung beim Schlichten

von Streitigkeiten im Volk zu reduzieren.

Unmittelbar danach (Exodus Kapitel

20) gibt Gott dem Volk Israel die 10 Gebote:

eine Hierarchie braucht formale

Regeln (Gesetze), um funktionieren zu

können. Dieser enge zeitliche Zusam-


G. Ossimitz: Kirche brennt! 10

menhang lässt sich inhaltlich so deuten,

dass Hierarchien immer formale Richtlinien

bzw. Gesetze brauchen, um funktionieren

können. Nur durch eine Fixierung

auf formale Regeln ist es möglich,

dass in allen Einzelfällen nach den gleichen

Prinzipien und nicht einfach willkürlich

entschieden wird.

7.6 Selbstorganisation und Freiheit

überwinden die Tragödie der

Gemeingüter

Im Gegensatz zu Hierarchien, die für ihr

Funktionieren allgemeingültige Gesetze

brauchen, funktioniert Selbstorganisation

auf einer ganz anderen Basis, nämlich

auf der Basis von Freiheit und Freiwilligkeit.

Dies ermöglicht auch die Entwicklung

von Gemeininteressen, die gleichzeitig

Vorteile für alle Beteiligten bringen.

Organisationstheoretisch ist dieser Zusammenhang

zwischen Selbstorganisation

und Vorteilen für alle Beteiligten

sehr gut erforscht in Zusammenhang mit

der Nutzung von gemeinschaftlichen

Wirtschaftsgütern (gemeinsame Weiden,

gemeinsame Fischgründe). Egoistische

Rationalität führt bei der Nutzung von

gemeinschaftlichen Gütern zwangsläufig

zur sogenannten „Tragödie der Gemeingüter“:

jeder Akteur versucht, vom gemeinschaftlichen

Gut möglichst viel für

sich zu sichern, um anderen zuvorzukommen,

die dasselbe möchten. Diese

Haltung führt dann beispielsweise bei

der Nutzung von Fischgründen zu einer

Überfischung, die letztlich darin endet,

dass die Ressource völlig geplündert

und vernichtet wird und niemand mehr

etwas fischen kann. Um die Tragödie der

Gemeingüter zu überwinden, ist Metanoia

notwendig: ein radikales Umdenken,

verbunden mit neuem Handeln. Die

Beteiligten stehen vor der Erfordernis,

sich in Selbstorganisation freiwillig verbindliche

Regeln auferlegen, die letztlich

für alle zum Vorteil gereichen. Die Freiheit

in Selbstorganisation bedeutet also

keineswegs einen Verzicht auf Regeln,

aber es sind selbst entwickelte und

selbst verantwortete Regeln, die freiwillig

eingehalten werden im Wissen, dass

dies für alle zum Vorteil gereicht.

7.7 Die Gebote Gottes und die

Freiheit im Geist

Wie gehen nun die Gebote Gottes und

die Freiheit im Geist zusammen? Diese

Frage ist wohl eine der schwierigsten,

wenn es darum geht, die Botschaft des

Neuen Testaments zu verstehen. Meine

persönliche Sicht zu diesem Thema ist

recht einfach: ich sehe die Gebote Gottes

im Wesentlichen als eine Anleitung

auf einer Meta-Ebene, die uns ein Leben

in Freiheit und brüderlicher Gemeinschaft

ermöglichen soll – und all dies

inspiriert durch den Heiligen Geist. Dabei

ist das Wirken des Geistes essenziell:

ohne den Geist verkommt das Gesetz zu

einem immer detaillierteren Regelwerk,

dessen Befolgung uns Menschen heillos

bis tödlich überfordert.

8 Das Wirken der Gemeindeberatung

an der Kirchenbasis

An dieser Stelle möchte ich nun zum

Wirken der katholischen Gemeindeberatung

zurückkehren.

8.1 Kirchenhierarchie und Kirchenbasis

Die Arbeit der Gemeindeberatung vollzieht

sich aus meiner Sicht im Wesentlichen

an der Schnittstelle zwischen kirchlicher

Hierarchie und lebendiger Selbstorganisation

an der Kirchenbasis. Aus

dem bisher vorgetragenen sollte klar

sein, dass an dieser Schnittstelle eine

fundamentale organisationstheoretische

Aporie sitzt – der aporetische Gegensatz

zwischen der heiligen Ordnung der kirchlichen

Hierarchie und das Prinzip lebendiger

Selbstorganisation an der Kirchenbasis,

die jedoch gleichzeitig innerhalb

dieser Hierarchie bleiben soll. Im Grunde

müht sich die katholische Gemeindeberatung,

christliche Selbstorganisation

unter einem hierarchischen Dach zu ermöglichen.

Typischerweise sind die dazu

von der Gemeindeberatung eingesetzten

Werkzeuge Instrumente des Managements

und der Weiterentwicklung von


G. Ossimitz: „Kirche brennt!“ 11

selbstorganisierten Strukturen: Gespräche

mit allen Beteiligten, direkte Treffen

aller Konfliktpartner an „runden Tischen“,

Unterstützen beim Finden von selbstorganisiert

entwickelten Lösungen. Diese

Bemühungen der Gemeindeberatung

sind immer verbunden mit der Hoffnung,

damit ein radikales Umdenken (Metanoia)

unter den Beteiligten zu ermöglichen,

die dann eine gedeihliche Weiterentwicklung

mit sich bringt. Dies gelingt

in manchen Fällen besser, manchmal

weniger gut und fallweise auch gar nicht.

8.2 Der Heilige Geist und die

Kirchenberatung

Indem die Gemeindeberatung einen

Rahmen für Metanoia schafft, schafft sie

auch eine Grundlage für ein neues, lebendiges

Wirken des Heiligen Geistes

direkt an der Kirchenbasis. In diesem

Sinne sehe ich den Heiligen Geist als

einen Geist der Freiheit zu Umkehr in ein

neues Leben und in neue, selbstorganisierte

Formen von christlicher Gemeinschaft.

Einfach zusammengefasst: aus meiner

Sicht leistet die Arbeit der Gemeindeberatung

einen wichtigen Beitrag, um an

der Schnittstelle Kirchenvolk - Kirchenhierarchie

einen Rahmen zu schaffen, in

dem ein vom Geist Gottes inspiriertes

Leben in christlicher Gemeinschaft sich

entwickeln kann. In diesem Sinne sehe

ich die Arbeit der katholischen Gemeindeberatung

weniger als die einer Feuerwehr,

die versucht, diverse brennende

Konflikte zu löschen, sondern mehr als

eine Einrichtung, die den Boden bereitet

für das Feuer des Heiligen Geistes. Diese

Arbeit erfolgt in einem unglaublichen

aporetischen Spannungsfeld zwischen

Hierarchie und Selbstorganisation. Dies

erfordert neben einer großen Portion

Idealismus auch eine gewisse „Grundausstattung“

mit dem Geist Gottes, der

letztlich gebraucht wird, damit das Wirken

der Gemeindeberatung erfolgreich

sein kann.

8.3 Schlusswort

An dieser Stelle sind wir bei meiner persönlichen

Antwort zur Ausgangsfrage:

„Was hat das Wirken der Gemeindeberatung

mit dem Wirken des Heiligen

Geistes zu tun?“ angelangt. Ich habe

versucht, Ihnen eine Antwort anzubieten,

die zwei große Argumentationsstränge

miteinander verknüpft:

(1) einerseits ein Strang systemwissenschaftlicher

Argumente aus der Organisationstheorie

(mit einer Unterscheidung

von Hierarchien versus

Selbstorganisation) sowie Konflikttheorie

(mit der Unterscheidung zwischen

hierarchisch lösbaren Konflikten

und aporetischen Konflikten),

kombiniert mit einigen Grundaussagen

aus der Theorie lebender biologischer

und sozialer Systeme;

(2) andererseits theologische Argumente,

die sich um das Wesen von Metanoia,

Taufe und dem Wirken des

Heiligen Geistes geschart haben.

Ich darf an dieser Stelle mit großer

Freude feststellen, dass es im hier vorgetragenen

Themenkreis eine unglaublich

starke Kohärenz zwischen fundamentalen

systemwissenschaftlichen

Prinzipien einerseits und uralten Wahrheiten

aus der Bibel andererseits gibt.

Diese Kohärenz hat es mir erlaubt, die

katholische Gemeindeberatung in

Oberösterreich für einige Jahre wissenschaftlich

zu begleiten.

Abschließend darf ich der katholischen

Gemeindeberatung Oberösterreich eine

Zukunft wünschen, die vom Feuer des

Geistes getragen ist. Das Motto dieser

Jubiläumsfeier Kirche brennt – im Sinne

einer weithin leuchtenden und vom Geist

Gottes inspirierten Kirche – möge für die

katholische Gemeindeberatung weiterhin

Ziel, Vision und Ansporn sein!

Literatur

G. Ossimitz/ C. Lapp(2006) Das Metanoia-

Prinzip, Eine Einführung in Systemgerechtes

Denken und Handeln

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