Texte für die Liturgie

kathkircheooe

Bibel und

Liturgie

Texte für die Liturgie

Impuls mehr.wert

Gebet

Psalm 140

Predigtvorschlag

Fürbitten

Gottesdienstvorschlag KAB-Gallneukirchen

Predigt 1. Mai 2011 Hans-Georg Pointner

Sozialpredigthilfe „Z‘weng und z‘vü“

Rupert Granegger

4020 Linz, Kapuzinerstraße 84

Tel.: ++43(0)732/76 10 DW 3631 oder 3641

E-Mail: mensch-arbeit@dioezese-linz.at

KAB und Betriebsseelsorge OÖ

www.mensch-arbeit.at


mehr.wert

Impuls/Besinnung

MEHR

Mehr ist ein sehr häufiger Begriff. In der Wirtschaft geht´s um

mehr Produktivität, mehr Leistung, mehr Profit. Ohne Wachstum

kein Durchkommen. Immer mehr Anforderungen, immer mehr

Aufgaben, immer mehr Informationen – schneller, besser, höher,

die Konkurrenz schläft nicht – bis die Puste ausgeht!

Kann nicht weniger mehr sein?

2

WERT

MehrWert.

Wir kennen sie nur allzu gut, die Mehrwertsteuer. Wir wissen

auch: das Ganze ist mehr wert als die Summe der Teile. Aber

mit Wert ist hier ausschließlich Geldwert gemeint. Dabei gibt

es doch viel mehr Werte. Besteht glückliches und glückendes

Leben nicht vorwiegend aus MehrWerten?

Solidarität.

Die Zeiten der Solidarität sind vorbei, so meinen ältere Kollegen/

innen. Heute schaut nur mehr jede/r auf sich.

Solidarität erfordert die Fähigkeit, den/die andere/n zu sehen,

das Gemeinsame zu sehen. Solidarität gibt und erfordert den

Mut, für gemeinsame Interessen einzustehen, aufzutreten.

Ist die Solidarität wirklich schon gestorben? In mir? Mit mir?


Du bist Gerechtigkeit

Gebet

Du bist Gerechtigkeit –

lebst in all den Initiativen von Menschen

die sich nicht abfinden mit

Ausgrenzung und Ausbeutung

Du bist beharrliche Geduld –

wirksam in all den Menschen

die den langen Atem

der Hoffnung einüben

Du bist leidenschaftliche Kraft –

erfahrbar in einer Widerstandskultur

wo jeder Mensch

seine Würde behält

3

Du bist wohlwollende Zuwendung –

sichtbar im unermüdlichen

Glauben an das Gute im Menschen

das sich auch in der Parteinahme

für die Kleinen zeigt

Du bist Gerechtigkeit und Barmherzigkeit –

geheimnisvoll nahe in unserem

Hunger und Durst

nach deiner verwandelten Welt

wo alle gesättigt aufrecht gehen können

Pierre Stutz


Ausgenützt

Nach Psalm 140,9.13

Gewinnsteigerung wie noch nie im Konzern

auf Kosten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer

die seit Jahren davon ausgeschlossen sind

Wut und Trauer bewegt uns

Feinde sind sie geworden

unsere Vorgesetzten

4

Erfülle nicht ihre Wünsche

lass ihre Pläne nicht gelingen.

Ich weiß,

Du führst die Sache der Armen

verhilfst den Gebeugten zum Recht

Solidarität wird durch uns

Hände und Füße erhalten

beherzt durch dich

Pierre Stutz


mehr.wert

Solidarität bringt‘s

Predigt zur Bibelstelle

„ Jesus und die Ehebrecherin“ Joh, 8, 3-11

Heinz Mittermayr

Jesus lehrt im Tempel. Wir erfahren in der Stelle jedoch nicht

welchen Inhalt Jesus lehrt. Jesus sitzt am Boden, das Volk ist

gekommen um ihn zu hören um seine Lehre zu verstehen. Was

Jesus in der Bibelstelle lehrt spielt sich jedoch auf einer anderen

Ebene ab. Im Verhalten Jesu in der Konfrontation mit der

Ehebrecherin gibt Jesus eine Lektion fürs Leben. Er macht seine

Botschaft deutlich.

Was ist nun die zentrale Aussage, die Jesus hier vermittelt, was

macht sein Handeln aus? Jesu Praxis soll unser Tun verändern

– er provoziert ein Nachdenken – ja er provoziert ein Umdenken.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer kommen zu Jesus, um ihn

auf die Probe zu stellen. Dabei stehen die Schriftgelehrten und

Pharisäer für das Gesetz, für die Rechtsordnung, die sich mit

den herrschenden Römern arrangiert haben – sie fühlen ihre

Ordnung durch Jesu Botschaft in Gefahr. Sie wollen ihr System

nicht durch Provokateure hinterfragt wissen. Sie wollen auf Basis

ihres Rechtssystems Jesus zu Fall bringen, zum Schweigen

– wenn er sich nicht an das Gesetz hält, haben sie das Recht ihn

auszuschließen, in anzuklagen, zu verurteilen – er verliert seine

Legitimation. Sie lassen dabei nicht locker auch als Jesus sie zu

ignorieren versucht. Es geht den Schriftgelehrten und Pharisäern

dabei jedoch nicht um die Frau – die sie in die Mitte stellen – was

SIE in die Mitte stellen ist das Unrecht der Frau bzw. ihr Recht auf

das sie sich berufen. Sie wissen sich im Recht und wollen auf dieser

Basis Jesus überführen. Dass dieses Recht in dem Fall den

grausamen Tod einer Frau bedeutet, scheint den Anklägern ziemliche

nebensächlich.

5

Das jüdische Rechtssystem basiert wie jedes Rechtssystem auf

gesellschaftliche Vereinbarungen: Normen und Gesetze die notwendig

sind, um das Zusammenleben zu regeln. Recht muss aber

nicht automatisch heißen, dass es Gerechtigkeit schafft bzw.

dem Leben dient.


Auch in unserem modernen Rechtsstaat gibt es leider immer wieder

genügend fragliche Rechtsauslegungen. Wenn z. B. Mit dem

Schlagwort „Recht muss Recht bleiben“ Menschen abgeschoben

werden oder wenn im Namen des Rechts fleißig abkassiert wird

die Abfertigung steht mir rechtens zu, auch wenn Millionen verspekuliert

wurden“.

Das ist das Ergebnis, wenn unser Blick sich nur auf das Recht

fokussiert und Werte wie Menschlichkeit oder Verhältnismäßigkeit

verloren gehen. Letztlich führt ein Rechtssystem auch immer

wieder zu Schwarz-Weiß-Denken, zu Gut-Böse-Kategorien

mit Folge von Feindschaft und Gewalt. Wie oft wird im Namen des

Rechts eine Waffe in die Hand genommen?

6

Jesus lenkt in seinem Tun den Blick weg von der „Rechtsgerechtigkeit“

hin in Richtung einer „Herzensgerechtigkeit“. Für

ihn steht nicht die „Rechts-“ bzw. Unrechtssituation der Frau im

Mittelpunkt. Für Jesus steht die Frau mit ihrer Bedürftigkeit, mit

ihren Nöten im Mittelpunkt.

Was braucht diese Frau, die ein Unrecht begangen hat – sie

braucht Vergebung um leben zu können. In der Änderung der

Blickrichtung durchbricht Jesus das Schwarz-Weiß-Denken. Diese

Haltung die Jesus hier zeigt ist zu tiefst „solidarisch“ – den

Blick darauf zu richten wo die Sorgen, Nöte, Bedrohungen des Lebens

liegen – diese Haltung ermöglicht Leben, gutes Leben trotz

täglichem Scheitern.

Bei unserer Auseinandersetzung im letzten halben Jahr in KAB

und Betriebs seelsorge ist uns genau das als die zentrale Qualität

von Solidarität bewusst geworden. Gesellschaftliches Leben,

gutes Zusammenleben von Menschen ist nur durch Solidarität

möglich. Es braucht den Blick auf die Bedürfnisse der Schwächeren,

damit auch sie ein gutes Leben führen können. Wir haben

in vielen Bereichen noch einen gut funktionierenden Sozialstaat,

der einen grundlegenden Ausgleich schafft, doch erspart uns diese

„institutionelle Solidarität“ nicht, dass wir tagtäglich unseren

Blick schärfen. Den Blick darauf, was nötig ist, damit „gutes Leben“

aller gelingen kann, wer unserer Hilfe, unserer Zuwendung

bedarf. Wenn dies gelingt, so können wir von einer „soliden“ Basis

unserer Gesellschaft sprechen. Solidarität kommt in seiner

Wortwurzel von solide – fest, stark.

In der Bibelstelle gelingt durch Jesu Blick und in der Konfrontation

seiner Ankläger die „Not-wendende“ Entwicklung. Durch Jesu

Aufforderung „Wer von euch ohne Unrecht ist, werfe den ersten

Stein“ hinterfragt er unser Rechtssystem und zeigt jedem seiner


Ankläger und allen Anwesenden: „Jede und jeder ist Täter/in und

Opfer“. Jesus verdeutlicht den Menschen, dass wir alle immer

wieder Unrecht tun und deshalb der Vergebung bedürfen. Dadurch

gelingt es die tödliche Verstrickung des Rechts/Unrechtsdenkens

zu durchbrechen.

Die Menschen gehen weg – die Ältesten zuerst – sie haben wahrscheinlich

am schnellsten begriffen wie sehr Vergebung Not tut.

Sie gehen weg und haben ihre Lektion bekommen.

Wir alle tun und erleben immer wieder Unrecht. Solidarität bedeutet

diese Basis des Rechts – der Rechtsgerechtigkeit zu verlassen

und den Blick frei zu bekommen auf das was der/die andere

braucht. In dieser Haltung kann Heilung geschehen – dann kann

gutes Leben gelingen.

Am Ende der Bibelstelle bleibt Jesus allein mit der Frau zurück.

Niemand ist mehr da, der sie anklagt, auch Jesus klagt sie nicht

an, sondern entlässt sie mit der Aufforderung zur Umkehr.

7

Ich wünsche uns, dass uns der Blick auf die Bedürfnisse unserer

Nächsten erhalten bleibt und so unser Zusammenleben von einem

solidarischen Miteinander getragen ist.


mehr.wert

Fürbitten

Guter Gott, mit Vertrauen und Zuversicht bringen wir unsere Bitten

zu dir:

8

1. Wir beten für Verantwortungsträgerinnen und -träger in

unserer Kirche und in unserer Gesellschaft: Lass sie in ihren

Entscheidungen immer bedacht sein auf das Wohl der Schwächeren.

Christus, höre uns.

2. Wir beten für alle Menschen, die unter den Entscheidungen

anderer oder unter ungerechten Strukturen zu leiden haben:

Lass sie Wege finden zur friedlichen Veränderung ihrer

Situation. Christus, höre uns.

3. Wir beten für alle Menschen, die an den Rand der Gesellschaft

oder einer anderen Gemeinschaft gedrängt wurden. Lass sie

niemals unbegleitet sein und lass sie die Solidarität anderer

Menschen erfahren. Christus, höre uns.

4. Wir beten für uns selber: Gib uns den Mut, Entscheidungen

zu treffen, die notwendig sind und begleite uns in der Entscheidungsfindung

mit deinem Geist. Christus, höre uns.

5. Wir beten für alle Verstorbenen der KAB und Betriebsseelsorge.

Lass ihre Werke weiterwirken und sei du ihnen die Erfüllung

ihres Lebens. Christus, höre uns.

Du allein, Gott, hast die Kraft, Menschen im Innersten zu bewegen

und zu verändern. Höre und erhöre unser Gebet durch Christus

unseren Herrn. Amen.


Gottesdienstvorschlag

„Solidarität“

KAB-Messe zum Thema „Solidarität“

in Gallneukirchen am 1. Mai 2011

(2. Sonntag nach Ostern)

Bibelstellen: Lev 6,1-5 und Joh 6,1-15

Predigt: Kaplan Michael Münzner, Gallneukirchen

Eröffnungslied: Überall weht Gottes Geist

Bußakt:

Uns sind die Voraussetzungen geschenkt, auf dieser Erde ein

gutes Leben führen zu können. Unsere Verantwortung ist es, die

uns geschenkten Güter gerecht und solidarisch zu verteilen.

In dem System, in dem wir leben, funktioniert diese Verteilung

über Steuern und einen Staat, der Strukturen zur Verfügung

stellt.

Dieser Wert einer bedingungslosen Solidarität zwischen allen ist

in Gefahr, wenn Egoismus und Eigennutzen vorherrschen.

9

Lied: Meine engen Grenzen

Der allmächtige Gott schenke uns sein Erbarmen. Er nehme

alles von uns, was unseren Blick für die Bedürfnisse und Nöte

unserer Mitmenschen verstellt und ein gerechtes Miteinander

behindert, damit wir an seinem Reich mitbauen können.

Tagesgebet:

Gott, du bist Gerechtigkeit und stehst auf der Seite derer, die

arm sind und die Sorge ihrer Mitmenschen brauchen.

Lass uns hungern und dürsten nach einer Welt, wo alle gesättigt

und aufrecht gehen können. Darum bitten wir durch Christus,

unseren Herrn.

Lesung: Lev 15,35-38

Antwortgesang: Wir erwarten einen neuen Himmel


Evangelium: Joh 6,1-15

Predigt: Kaplan Michael Münzner, Gallneukirchen

„Solidarität ist das Zusammengehörigkeitsgefühl, das praktisch

werden kann und soll.“ So definierte der deutsche Soziologe

Alfred Vierkandt den Begriff „Solidarität“. Wer solidarisch ist,

der fühlt sich demnach anderen verbunden und weiß sich in Gemeinschaft

mit den Ideen, Aktivitäten und Zielen anderer.

10

Wenn wir in der Bibel auf die Suche nach dem Begriff „Solidarität“

gehen, so werden wir zunächst einmal nicht fündig, obwohl es

diesen Begriff sogar schon im römischen Recht im Zusammenhang

mit Haftungsfragen in Schadensfällen gab. Ist „Solidarität“

also kein Thema für uns Christen/Christinnen? Bestimmt nicht!

Denn auch wenn dieser Begriff in der Bibel nicht explizit vorkommt,

so begegnet uns das, was Solidarität meint, auf Schritt

und Tritt durch die ganze heilige Schrift. In zahlreichen Aufforderungen

und Handlungsanleitungen wird schon im Ersten Testament

deutlich, dass Solidarität als ein Grundprinzip menschlichen

Zusammenlebens zu verstehen ist.

Für die Israeliten war die Grundlage jeglichen solidarischen Handelns

die Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens und die Inbesitznahme

des Landes, in das sie Gott geführt hat. Sie haben Gott

als den erfahren, der ihr Schreien gehört und sich mit ihrer Not solidarisch

erklärt hat. Er hat sich auf ihre Seite gestellt und sie aus

der Unterdrückung in die Freiheit geführt. „Ich bin der Herr, euer

Gott, der euch aus Ägypten herausgeführt hat, um euch Kanaan

zu geben und euer Gott zu sein.“ (Lev 25,38) Diese Befreiungserfahrung

stellte für das Volk Israel immer wieder die Grundlage

für den Entwurf von Gesellschaftsordnungen dar, die die Erhaltung

der erworbenen Freiheit für jeden und jede Einzelne zum Ziel

hatten. Armut galt dabei als Schande für die Gesellschaft. Deshalb

versuchte man Armut erst gar nicht entstehen zu lassen.

Eine Regelung war das sogenannte Sabbat- und Jubeljahr,

aus dessen Bestimmungen wir heute in der Lesung

den Abschnitt über das Zinsverbot gehört haben.

Der Hauptgedanke ist, dass das Land Gott gehört und dass der Wert

eines Landes sich nach dem zu erwartenden Ertrag der Ernten

bemisst. Wer sich Grund kauft, kauft nicht das Land, sondern das

Recht, dieses Land zu bearbeiten und die Erträge zu erwirtschaften.

Jedes siebte Jahr soll als ein Sabbatjahr gehalten werden, wo

das Land Sabbat, Ruhezeit „zur Ehre des Herrn“ (Lev 25,4) hält.

Wenn man bedenkt, dass heute die reichen Industrienationen

und Großkonzerne ganze Landstriche in Ländern wie Afrika kaufen,

das Land also für immer der Verfügung der Bewohner/innen


dieser Länder entzogen wird und sie damit nicht mehr das Lebensnotwendige

anbauen können, erscheint der Gedanke revolutionär,

nur Ernten und nicht das Land zu verkaufen.

Gesteigert wird das dann auch noch durch die Regelungen

des Jubeljahres nach sieben mal sieben Jahren, das

den Versuch darstellt, die soziale Gleichstellung der Israeliten

wiederherzustellen. Jeder soll in jedem 50. Jahr

wieder zu seinem Grundeigentum zurückkehren können.

Die Idee dahinter ist eine, von der wir heute wohl sehr weit weg

sind, nämlich die Anhäufung von immer mehr Eigentum der einen

und die immer größer werdende Armut der anderen zu verhindern

bzw. diese wieder auszugleichen. Denn jeder und jede bekommt

ja in einem Jubeljahr die Chance, sein Leben der Freiheit, das Gott

geschenkt hat, wiederzuerlangen. In diesem 50. Jahr werden

deshalb Schulden erlassen, Sklaven und Gefangene freigelassen

und die ursprünglichen Besitzverhältnisse wieder hergestellt.

Denn „dein Bruder und deine Schwester sollen neben dir leben

können“ (Lev 25,36). Das ist doch in anderen Worten genau das,

was Solidarität meint. Denn wenn ich meine Mitmenschen als

Brüder oder Schwestern ansehe und es mir Sorgen bereitet, ob

sie leben können, dann verhalte ich mich wahrhaft solidarisch.

11

Wir haben das Glück, in einem Sozialstaat moderner Prägung

zu leben, wo versucht wird, durch die Einhebung von Steuern

diesen Ausgleich zwischen Bevölkerungsgruppen und

deren Bedürfnissen und Problemlagen herzustellen. Und

trotzdem geht auch in Österreich die Schere zwischen Arm

und Reich immer weiter auseinander, nicht zuletzt deshalb,

weil wir in einer Gesellschaft leben, wo das Zusammengehörigkeitsgefühl

brüchig geworden und Geiz geil geworden ist

und das individuelle Glück immer mehr im Vordergrund steht.

Die Sicherung der Lebensgrundlagen aller, muss auch uns heute

und insbesondere uns Christen/innen ein Anliegen sein. Eine

Möglichkeit dazu wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen,

von dem vor einigen Wochen der Theologe und Sozialwissenschaftler

Dr. Markus Schlagnitweit in einem Vortrag bei uns

im Pfarrhof gesprochen hat. Ein solches Grundeinkommen für

alle würde unsere Gesellschaft, wo Ansehen und sozialer Status

wesentlich von der Erwerbsarbeit abhängig ist, radikal

verändern. Denn so würden auch Leistungen von Menschen

honoriert, die nach wie vor nicht entlohnt werden, für das Wohl

der Gesellschaft aber unerlässlich sind wie z. B. die Leistungen

von Eltern in Haushalt und Kindererziehung, von Pflege

von Angehörigen daheim und das Engagement im Ehrenamt.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre ein wesentlicher

Beitrag dazu, dass Mitmenschen neben uns nicht unbemerkt

verarmen, sondern leben können. – Und zwar nicht

nur in materieller Hinsicht, sondern auch dadurch, dass ih-


12

nen Ansehen und Wertschätzung geschenkt wird, wie Jesus

es auch in der Brotvermehrung gemacht und vorgezeigt hat.

Er lässt die Menschen sich setzen und stiftet damit Gemeinschaft.

Im Markusevangelium heißt es sogar, dass sich die

vielen Menschen in Kleingruppen von 50 und 100 zusammengesetzt

haben. Es sind Gruppengrößen, wo man noch alle gut

sehen, kennenlernen und wirklich wahrnehmen kann. Das ist

offenbar eine Voraussetzung dafür, dass Menschen wirklich

satt werden können. Das Angesicht des anderen drängt mich

förmlich, mit ihm das zu teilen, was ich habe. Brot wird erst zum

Leben, wenn es geteilt wird, hat Bert Brecht einmal gesagt.

Solidarisch sein heißt deshalb, eine Praxis des Miteinanders

zu leben, die also nicht nur auf der Gefühlsebene bleibt,

sondern auch in konkreten Taten sichtbar werden muss.

Wo Leben geteilt wird, entsteht Gemeinschaft und wird Leben

mehr, weil das Miteinander gestärkt wird, Menschen aufeinander

schauen und ihre Verbundenheit konkret erfahrbar machen.

Mühen deshalb auch wir uns als solidarische Menschen zu leben.

Amen.

Fürbitten:

Jesus hat uns ein Beispiel gegeben, dass wir füreinander da sein

und solidarisch handeln sollen. Deshalb bitten wir:

1) Solidarität erfordert Verantwortung.

Gerne schieben wir die Verantwortung für unsere Gesellschaft

auf Staat und politische Parteien. Lass uns erkennen,

dass wir alle Teil der Gesellschaft sind und jeder einzelne/

jede einzelne dafür Verantwortung trägt.

2) Solidarität erfordert Mut.

Wir sind oft gefangen in den gewohnten und althergebrachten

Verhaltensmustern. Dabei ist es notwendig, uns auf

Neues einzulassen. Gib uns den Mut aufzustehen und unsere

Trägheit abzuschütteln.

3) Solidarität erfordert Ausdauer.

Wir haben viele Vorsätze und bringen sie zu keinem guten

Ende. Gib uns Ausdauer, damit wir unsere Vorhaben auch

verwirklichen können.

4) Solidarität erfordert Vertrauen.

Wir fühlen uns alleine, wenn wir unseren Schwestern und

Brüdern helfen wollen. Gib uns das Vertrauen, dass wir gemeinsam

eine bessere Welt gestalten können.


Herr und Gott, du stehst auf der Seite der Armen und Schwachen,

der Ausgegrenzten und Leidenden. Stärke unseren Zusammenhalt

und lass uns Wege finden, wie ein gerechtes und gutes Leben

für alle Wirklichkeit wird. Darum bitten wir durch Christus,

unseren Herrn.

Lied zur Gabenbereitung: Wenn wir das Leben teilen

Sanctus: Heilig bist du

Lied zur Kommunion: Ich singe für die Mutigen

Text nach der Kommunion:

Solidarität 13, 1-13

1

Wenn ich in Sprachen der Menschen und Boten rede,

Solidarität aber nicht habe,

bin ich ein schepperndes Blech, eine lärmende Zimbel.

2

Und wenn ich Prophetie habe,

alle Geheimnisse weiß und alle Erkenntnis,

und wenn ich alles Vertrauen habe, Berge zu versetzen,

Solidarität aber nicht habe,

bin ich ein Nichts.

3

Und wenn ich all meine Habe zur Speisung gebe,

und wenn ich meinen Leib ausliefere,

dass ich gerühmt werde,

Solidarität aber nicht habe,

nützt es mir nichts.

4

Die Solidarität hat einen langen Atem.

Wertvoll erweist sich die Solidarität,

nicht eifert sie,

nicht prahlt die Solidarität,

nicht bläst sie sich auf,

5

nicht legt sie bloß,

nicht sucht sie das Ihre,

nicht lässt sie sich anstacheln,

nicht rechnet sie das Böse an,

6

nicht freut sie sich über die Ungerechtigkeit,

sie freut sich aber mit der Wahrhaftigkeit.

7

Alles erträgt sie,

allem vertraut sie,

alles hofft sie,

allem hält sie stand.

8

Die Solidarität fällt niemals aus.

Prophetien? Sie werden verschwinden.

Sprachen? Sie werden aufhören.

Erkenntnis? Sie werden verschwinden.

9

Denn bruchstückhaft erkennen wir,

13


uchstückhaft reden wir prophetisch.

10

Wenn aber das Vollkommene kommt,

wird das Bruchstückhafte verschwinden.

11

Als ich noch unmündig war,

redete ich wie ein Unmündiger,

dachte wie ein Unmündiger,

überlegte wie ein Unmündiger.

Als ich Mann wurde, ließ ich das Unmündige verschwinden.

12

Denn wir sehen jetzt durch einen Spiegel, rätselhaft,

dann aber Angesicht zu Angesicht.

Ich erkenne jetzt bruchstückhaft,

dann aber werde ich genau erkennen,

wie auch ich genau erkannt wurde.

13

Nun also bleibt:

Vertrauen, Hoffnung, Solidarität, diese drei.

Die größte von ihnen: die Solidarität.

14

Danklied: Brot und Rosen

Segen:

Gott,

weil die Liebe Christi uns treibt,

kümmern wir uns

um Arbeitslose und Verlierer,

sind wir denen nahe,

die ohne Perspektive sind.

Halte unseren Glauben lebendig,

dass wir wirksam sind in die Welt hinein:

für eine Gesellschaft auf dem Fundament der Gerechtigkeit,

für Arbeit und Einkommen für alle,

für die Gleichstellung von Frauen,

Lebensraum für die Kinder

und Gemeinwohl vor Eigennutz.

(nach: Anna Wall-Strasser)

Dazu segne uns der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der

Heilige Geist.

Lied zum Auszug: Möge der Segen Gottes


Solidarität bringt‘s

Predigt am Tag der Arbeit

1. Mai 2011 (2. Sonntag nach Ostern)

Bibelstelle: (= Evangelium vom Tag) Joh 20,19-31

Autor:

Hans-Georg Pointner, Betriebsseelsorger und Leiter Treffpunkt

mensch & arbeit Standort voestalpine

Vorbemerkung:

Der 1. Mai fällt 2011 auf einen Sonntag, das bedeutet für Arbeitnehmer/innen

einen arbeitsfreien Tag weniger und für Schichtler

(4-/5-Schicht) weniger Zuschläge.

Zugleich ist dieser Sonntag der Weiße Sonntag bzw. der Sonntag

der göttlichen Barmherzigkeit und es ist der Tag der Seligsprechung

Johannes Paul II.

15

Liebe Frauen und Männer!

Dieser Apostel Thomas ist eine etwas eigenartige Gestalt – im

ganzen Evangelium hört man nichts von ihm, erst ganz am

Schluss, als schon alles vorbei zu sein scheint, hat er seinen

Auftritt. Er wird oft der „ungläubige“ Thomas genannt, aber

eigentlich ist er mir sympathisch: Er gibt uns allen, die wir Jesus

nicht mit den eigenen Augen gesehen haben, die Chance, an seinem

Sterben und Leben teilzuhaben und an die Kraft der Liebe

und der Solidarität zu glauben.

Auf den ersten Blick verhält sich Thomas eher unsolidarisch, er

vertraut seinen Freunden/innen und Kollegen/innen nicht, er

kann nicht glauben, was sie sagen. Es ist natürlich auch vollkommen

absurd und unvorstellbar, dass Jesus, der am Kreuz

gestorben ist, den sie begraben haben, dass dieser Jesus ihnen

leibhaftig erschienen ist. Thomas will „Beweise“, er will Jesus

selbst sehen, ja sogar seine Finger in die Wunden Jesu legen –

das klingt auch sehr eigenartig, wenn man sich das so vorstellt:

mit den Fingern (ohne Einweghandschuhe) eine offene Wunde

zu berühren.

Im übertragenen Sinn kennen wir das schon, besonders dort wo

es Konkurrenz, Rivalitäten und Machtkämpfe gibt, dass man

die Verwundungen, die Schwächen eines anderen öffentlich


anspricht, um ihn zu demütigen und fertig zu machen. Manche

sind vielleicht „nur“ völlig unsensibel, wenn sie so etwas tun,

andere machen das ganz bewusst, dass sie ihren Finger dorthin

legen, wo es besonders weh tut.

Z. B. wenn jemand krank wird, weil er/sie zu viel gearbeitet hat,

auch Arbeiten übernommen hat, weil ein/e andere/r ausgefallen

ist (wegen Krankheit oder Karenz) – wenn dieser Mensch dann

zu hören bekommt, dass er/sie eigentlich selbst schuld daran

ist, dass es soweit gekommen ist: Hätte er/sie sich auf „das

Wesentliche“ konzentriert, hätte er/sie ein besseres „Zeitmanagement“

...

Und das hat mit Solidarität zu tun, wenn man sich den Schwachen,

den „Ver-sagern“ (Nein-sagern) gegenüber nicht gleichgültig

verhält, wenn es einem nicht „wurscht“ ist, wie es der/m

Kollegen/in geht.

16

Wir in der Kath. Arbeitnehmer/innen Bewegung und in der Betriebsseelsorge

behaupten: Solidarität bringt‘s!

„No na net“! Das ist doch ganz logisch. Wie soll denn die Zusammenarbeit

und das Zusammenleben funktionieren, wenn jede/r

nur auf seinen/ihren eigenen Vorteil bedacht ist, auf andere

keine Rücksicht nimmt? Wenn es nur mehr darum geht, wie

viele Kosten eine Arbeitskraft verursacht und wie man Gewinne

und Renditen weiter erhöhen kann und wenn für das Zwischenmenschliche

am Arbeitsplatz keine Zeit mehr bleibt?

Wenn wir sagen: Solidarität bringt‘s – widersprechen wir aber

dem Zeitgeist. Wir bekommen immer wieder zu hören:

Geiz bringt‘s! Flexibilität bringt‘s! Schnelligkeit bringt‘s! Abgrenzung

bringt‘s! Ellbogentechnik bringt‘s! ...

Die Versuchung ist groß jetzt stundenlang über den Niedergang

einer Kultur des Miteinanders zu klagen, zu jammern und Schuldige

dafür zu suchen oder zu moralisieren (mit dem Zeigefinger:

Wenn du nicht solidarisch bist ...!).

Wenn wir sagen: Solidarität bringt‘s – dann klingt das so, als

wollten wir einen alten Ladenhüter anpreisen.

Wir wollen damit vielmehr Menschen ermutigen einander beizustehen,

in schweren Zeiten zusammen zu halten statt auseinander

zu laufen.

Wir wollen Menschen stärken, die sich für andere einsetzen und

gerade deswegen Ablehnung und Widerstand erfahren.

Wir wollen Menschen ermutigen, ihren eigenen Wahrnehmungen

und Gefühlen zu vertrauen und dass sie auszusprechen wagen,

was ihnen am Herzen liegt.

Wir wollen Menschen darin bestärken, Verantwortung für ihr eigenes

Leben und für das Gemeinwohl zu übernehmen und „sich

in ihre eigenen Angelegenheiten einzumischen“ (Erwin Leitner),

statt die ganze Verantwortung auf Manager oder Politiker abzuschieben.


Ich bin (auch mit meinen 40 Jahren) noch so naiv zu glauben,

dass jeder Mensch ein Herz hat und Mitgefühl empfinden kann,

dass jeder Mensch ein Hirn und einen Hausverstand hat um erkennen

zu können, was gut und was Not wendend ist, dass jeder

Mensch Hände hat, die teilen können, die anpacken können, die

auch zärtlich trösten können.

Ich wünsche mir und uns allen heute etwas vom „Mut“ des Apostels

Thomas – Menschen mit Verwundungen sehen und ansehen

zu können und an das Leben durch den Tod hindurch glauben zu

können.

17


SOZIALREFERAT DER DIÖZESE LINZ

Sozialpredigthilfe 280/11

Predigt zum 15. Sonntag im Jahreskreis A 2011

Z‘weng und z‘vü

Autor: Rupert Granegger

Evangelium: Mt 13,1-9

18

PREDIGT

„Z‘weng und z‘vü, is en Narrn ean Ziel!“ („Zuwenig und zuviel,

das ist der Narren Ziel!“) In diesem alten Sprichwort verdichtet

sich die Erfahrung, dass gelingendes Leben das rechte Maß

braucht. Schon die griechischen Philosophen Platon und Aristoteles

hielten das „Maßhalten“ für eine Kardinaltugend, ja sie war

sogar die Voraussetzung für alle anderen Tugenden. Denn durch

Übertreibung und Maßlosigkeit kann alles zur Untugend werden.

„Sophrosyne“ nannten die Griechen diese gute Eigenschaft, die

als „temperantia“ auch ins Lateinische und in die christliche Tradition

Eingang fand. Es geht also darum, in allem den richtigen

Mittelweg zu finden. Überschuss und Mangel sind demnach keine

erstrebenswerten Ziele.

Die Wirklichkeit fordert in dieser Hinsicht gehörig heraus. Zuviel

und Zuwenig beschäftigen uns beinahe jeden Tag. Es beginnt

schon beim Wetter – vom Essen ganz zu schweigen. Während es

den einen zu heiß ist, empfinden andere es als ständig zu kalt.

Den einen ist der Regen schon zu viel, die anderen sehnen sich

dringlich danach. Unsere ganze Welt steht in einer ungeheuren

Spannung zwischen Arm und Reich, zwischen Hunger und Überfluss

die Gegensatzpaare könnten lange weitergeführt werden.

Jesus knüpft in seiner Rede über den Sämann an dieser Realität

an und nimmt sie als Hintergrund für seine Deutung. Das Aussäen

ist eine Arbeit, die nicht vom Gedanken der Sparsamkeit

geprägt sein darf. Denn der Sämann weiß, dass ein gewisser Teil

– je nach Gebiet und Bodenbeschaffenheit – als Verlust einzu-


planen ist. Im Gleichnis fällt dieser Teil ziemlich hoch aus. Es ist

ein Viertel der gesamten Aussaat. Mag sein, dass dies den Bodenverhältnissen

im damaligen Galiläa entsprach. Heute würde das

Verhältnis wohl anders sein. Und dennoch: das Ergebnis ist überwältigend.

Es gibt Frucht teils hundertfach, teils sechzigfach,

teils dreißigfach. Trotz des geringen Fruchtbarkeitsanteiles gibt

es keinen Mangel. Hier wird deutlich, dass Jesus in seiner Verkündigung

und wohl auch in seinen sozialpolitischen Vorstellungen

geprägt war von der sogenannten Ökonomie der Fülle 1 . Diese

geht davon aus, dass Gott wie ein guter Ökonom für die reichliche

Ausstattung der Schöpfung mit Gütern schon gesorgt hat. Trotz

vieler Widerstände gibt es ein Genug für alle. Ja mehr noch: sechs

Tage Arbeit reichen, damit am siebten Tag frei gemacht werden

kann, nach sechs Jahren Arbeit gibt es so viel, dass ein Sabbatjahr

eingelegt werden kann. Dies gilt für den materiellen wie

auch für den geistigen Bereich. Die Ökonomie der Moderne steht

dazu in krassem Gegensatz. Sie geht von der Grundannahme

aus, dass die Güter begrenzt und die Bedürfnisse der Menschen

grenzenlos sind. Daher braucht es das ständige Wachstum und

gleichzeitig das strikte Sparen, um die Grenzenlosigkeit der Ansprüche

befriedigen zu können. Man spricht es zwar kaum offen

aus, aber die Habgier ist ein Teil dieses Systems! Den Widerspruch

zwischen diesen beiden Denkansätzen bringt ein Slogan

des österreichischen Armutsnetzwerkes treffend auf den Punkt:

Die Erde hat genug für die Bedürfnisse aller, aber zu wenig für die

Gier einiger Weniger.

19

Das Gleichnis vom Sämann und seine Deutung ist für mich eine

Ermutigung, in der materiellen und in der geistigen Arbeit von

einer Ökonomie der Fülle auszugehen. Weniges bewirkt viel. Der

äußere und zahlenmäßige Erfolg kann und darf nicht immer das

Maß der Dinge sein. Gelassenheit und Vertrauen – natürlich niemals

als zynisches Wegschauen oder Verdrängen von Problemen

– sind Grundhaltungen der Arbeit im Reich Gottes. Ebenso ist das

Evangelium aber auch eine kritische Anfrage an unseren konkreten

gelebten Kapitalismus und meine eigene Positionierung

darin. Gegen die eigene Kleinheit und Machtlosigkeit in diesem

System steht die Erfahrung, dass auch Kleines Großes bewirken

kann.

1 Franz Segbers, Der Sabbat und seine sozioökonomische Bedeutung: Die biblischen Wurzeln

für sozialethische Fragen, in: Spes Christiana 18-19, 2007-2008, 23-27

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