Erst Jubel, dann Schock: Das Medaillen- drama von Athen - Euroriding

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Erst Jubel, dann Schock: Das Medaillen- drama von Athen - Euroriding

Foto: Beate Uhlenbrok

Military: die tragischen Helden

Wohl noch nie mussten Sportler ein derartiges

Wechselbad zwischen Olympiasieg,

Aberkennung, Rückgabe und erneuter

Aberkennung der Goldmedaille mitmachen

wie die deutschen Vielseitigkeitsreiter

Andreas Dibowski mit Little Lemon B,

Bettina Hoy mit Ringwood Cockatoo, Ingrid

Klimke mit Sleep Late, Frank Ostholt

mit Air Jordan und Hinrich Romeike mit

Marius. Völlig unerwartet gewannen die

Außenseiter mit einer hervorragenden Leistung

das dritte olympische Mannschaftsgold

in der Vielseitigkeit nach 1936 und

1988. Im ersten Jubel ahnte noch keiner,

welch Tauziehen sich hinter den Kulissen

um das Edelmetall abspielen würde ...

Schon die Dressur bildete einen gelungenen

Auftakt: Hinter Großbritannien (113,2)

und Mannschaftsweltmeister Frankreich

(113,4) belegte die deutsche Equipe Platz

drei (114,4), wobei alle Teams ganz knapp

beieinander lagen.

Die geschlossene Leistung der Deutschen

setzte sich am Geländetag fort: Alle fünf

Paare beendeten den Kurs ohne Hindernisfehler.

Die Geländestrecke von Kursdesigner

Albino Garbari (ITA) war hervorragend

präpariert. Er vollbrachte durch

faire Alternativmöglichkeiten das Kunststück,

auch Reiter aus schwächeren Nationen

gut aussehen zu lassen, und trotzdem

waren am Ende die Besten vorn. 71 der

gestarteten 75 Paare beendeten den Kurs,

davon 16 ohne Strafpunkte.

Für Bettina Hoy schlugen 3,6 Zeitstrafpunkte

zu Buche, bei Hinrich Romeike

waren es sogar nur 0,8. „Ich habe heute

morgen gedacht, es ist Zeit für Heldentaten“,

sagte der Zahnarzt, der zwei Wochen

vor dem Olympiastart noch in seiner Praxis

am OP-Tisch gestanden hatte. Frank

Ostholt lud sich 1,6 und Andreas Dibowski

3,6 Zeitstrafpunkte auf. Die Meisterleistung

des Tages gelang Ingrid Klimke. Als

Ergebnisse, Fakten, Hintergründe

Olympia Athen

Sleep Late in einer engen Spitzkehre zwischen

zwei Hindernissen ausrutschte, saß

sie innerhalb von Sekunden wieder im

Sattel und kam noch innerhalb der erlaubten

Zeit ins Ziel. Damit sicherte sie dem

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Springreiter Ludger Beerbaum trug beim Einmarsch der Nationen

die Fahne der deutschen Delegation, die deutschen Vielseitigkeitsreiter

erhielten Sympathiebekundungen bis in höchste politische Kreise,

und während Neulinge ihre Chancen nutzten, sah man so manchen

Favoriten sterben. Die Olympischen Spiele blieben spannend vom

ersten bis zum letzten Moment.

Foto: Jacques Toffi

Bettina Hoy mit Ringwood Cockatoo auf

dem Weg zu olympischem Doppelgold

Team nach dem Geländetag den zweiten

Platz hinter Frankreich und Bettina Hoy

lag in der Einzelwertung hinter dem fehlerfrei

gebliebenen Nicolas Touzaint (FRA)

auf Platz zwei. Grund zum Jubeln für rund

230 deutsche Vielseitigkeitsfans, die extra

für den Geländetag mit einer Chartermaschine

in Athen eingeflogen waren.

Im abschließenden Mannschafts-Parcours

kassierte Andreas Dibowski nur einen Abwurf

und Hinrich Romeike vollbrachte

eine Nullrunde. Mit zwei Abwürfen und

drei Strafpunkten für Zeitüberschreitung

kam der 28-jährige Frank Ostholt ins Ziel.

Für einen Schreckmoment unter den deutschen

Zuschauern sorgte das Nichterscheinen

von Ingrid Klimke, die ihren Sleep

Late kurzfristig vor dem Start zurückgezogen

hatte. „Er versuchte zu springen, als

ich ihn aufwärmte, aber ich fühlte dass er

nicht ok war. Er verletzte sich bei dem

Ausrutscher im Gelände, zwar nicht

schlimm, aber ich wollte keinen weiteren

Schaden riskieren“, so die Reiterin. Doch

auch ohne sie lag die deutsche Mannschaft

weiter auf Erfolgskurs – eine Nullrunde

von Bettina Hoy brachte den Olympiasieg

vor Frankreich und Favorit Großbritannien.

Juristisches Tauziehen

Noch während sich die Deutschen über

diesen unerwarteten, aber hoch verdienten

Sieg freuen, folgt der Schock: Die

Ground Jury verhängt 14 Strafpunkte gegen

Bettina Hoy, womit Deutschland auf

Rang vier zurück fällt. Der Grund: Die Reiterin

hatte die Startlinie zweimal durchritten,

bevor sie den ersten Sprung nahm.

Allerdings war beim ersten Mal die automatische

Zeitmessung nicht gestartet worden,

statt dessen lief die Count-Down-Uhr

weiter. Die Strafpunkte basierten auf einem

manuellen Messergebnis des Richtergremiums,

das unabhängig von dem Malheur

der automatischen Zeiterfassung

erfolgte, und mit dem ersten Durchreiten

der Startlinie begann.

In Windeseile, während der Parcours zum

nachfolgenden Einzelspringen umgebaut

wird, schreiben die deutschen Funktionäre

einen Protest. Dieser hat vor dem

Schiedsgericht der FEI Erfolg, und damit

erscheinen die deutschen Reiter wieder als

Olympiasieger auf der Anzeigetafel. Inzwischen

läuft bereits unter Flutlicht das zweite

Parcoursspringen, in dem es für die besten

25 Paare um die Einzelwertung geht.

Andreas Dibowski wird 14., Hinrich Romeike

beendet sein Olympia-Debüt als reiner

Amatuerreiter auf einem phänomenalen

sechsten Platz. Bettina Hoy behält trotz

der gewaltigen mentalen Belastung die

Nerven und kommt als vorletzter Starter

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