Wirtschaftswoche Ausgabe vom 14.07.2014 (Vorschau)

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14.7.2014|Deutschland €5,00

2 9

4 1 98065 805008

Google Lässt sich der Internet-

Dominator noch bändigen?

Gründer Die 25 wichtigsten

Köpfe der Start-up-Szene

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Mit Jean-Claude Juncker kriegen wir nun doch die

Sparausgabe eines Europapräsidenten. Wann

kommt ein Euro-Fußballteam? Von Roland Tichy

Herzloses Europa

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Geht es nach den Regeln, die für

das Direktorium der Europäischen

Zentralbank gelten, dann

würden alle Länder Spieler in

die Nationalmannschaft entsenden, auch

Fußballzwerge wie Zypern und Malta. Damit

die Euro-Mannschaft nicht zu groß

wird und der Länderproporz erhalten

bleibt, müssten alle Nationalmannschaften,

auch die Torschützen aus Deutschland,

alle fünf Monate pausieren. Über die

Aufstellung würden die Staats- und Regierungschefs

entscheiden; vermutlich nach

einer Nachtsitzung käme als Kompromiss

für den holländischen Tormann der Kapitän

aus Luxemburg – oder doch ein Pole?

So ist Europa – der Kopf bekennt sich dazu.

Es ist gut, dass ein Krieg zwischen

Deutschland und Frankreich schon deshalb

unmöglich geworden ist, weil alles,

was fliegt und schießt, in Frankreich zentriert

ist und demnächst durch die Fusion

der Panzerbauer auch das, was fährt und

trifft. Europa ohne Grenzen ist eine grandiose

Errungenschaft; Europa kann gemeinsame

Interessen in einer Welt durchsetzen,

in der andere immer größer werden

und Europa immer kleiner. Das Beste, was

man über die gemeinsame Währung sagen

kann, ist: Sie existiert noch. Überlebensfähigkeit

ist allerdings ein Qualitätsmerkmal.

Aber trotz Pseudo-Präsident, Hymne

und Fahne – die Herzen erreicht Europa

nicht. Keiner kommt auf die Idee, sich

blaue Farbe mit Sternchen ins Gesicht zu

schmieren, um für eine Europamannschaft

zu jubeln. Brüssel mit seinen Räten und

Nachtsitzungen und Kommissaren stößt

ab, das Parlament debattiert babylonisch

und vor allem: Es ist weit weg vom Lebensgefühl.

Das muss es sogar sein, wegen der

Größe des vereinten Europas: Es gibt keine

europäische Nation. Zwar behauptet der

postmoderne Dekonstruktivismus, dass

Nationen nur „imagined communities“

seien, Spuk und Erfindung, wie der Politikwissenschaftler

Benedict Anderson formuliert.

Aber diese Einbildungen funktionieren

eben doch ganz gut, auch wenn es

lange gedauert hat, bis der Berchtesgadener

den Pommern zu verstehen lernte. In

Sachen Nation Building hat Europa versagt

wie einst Jugoslawien. Bei Sonnenschein

leuchtet Europa; aber Konflikte werden

nur noch mühsam kaschiert. In der Euro-

Krise etwa laufen die Interessen konträr.

BRÜSSEL ALS KAPUTTMACHER

Dabei bleibt dann immer wieder die wirtschaftliche

Effizienz, eine der Grundideen

der Einigung, auf der Strecke. Nur Deutschland

besitze die „Größe und ökonomischen

Mittel, um Europa in seiner gegenwärtigen

Form zusammenzuhalten“, schreibt der

niederländische Publizist Ian Buruma.

Aber die Opferbereitschaft der Deutschen

ist arg strapaziert, auch wenn sich die

Folgen erst dann zeigen werden, wenn die

derzeitige Wohlfühlblase platzt – wie hoch

ist die Verzichtbereitschaft, wenn die Arbeitslosigkeit

steigt und das Geldvermögen

eurokonform ausradiert wurde? Immer

noch werden die Nationalstaaten als die

wahren Interessenvertreter gegen Brüssel

und als Kristallisationskerne von Engagement

und Zivilgesellschaft wahrgenommen,

so wie die Nationalmannschaften

Leidenschaft wie Zusammengehörigkeitsgefühl

hervorkitzeln. Die Energiewende,

die Deutschland gegen Europa und den

Geist der Verträge beschließt, ist das aktuelle

Beispiel: Von Brüssel lassen wir uns diese

nationale Marotte jedenfalls nicht kaputt

machen.

Gleichzeitig muss sich Europa erweitern,

auf dem Balkan und in Osteuropa. Damit

verschärfen sich die inneren Widersprüche.

Statt dass Nationalstaaten überflüssig

werden, werden sie paradoxerweise eher

gestärkt – weil sie als transparentere

Einheiten, als emotionalere Bindungskerne

und Interessenvertretungen gegen

den Moloch Brüssel daherkommen (siehe

Seite 90).

Wer Europa liebt, will daher weniger,

um mehr zu erhalten: weniger Vertiefung,

keine eitlen Präsidenten-Spielchen, aber

eine faire Kooperation. Weniger Regeln en

détail, aber Konzentration auf Wichtiges

statt Gezänk im Kleinen. Das wäre ein

tolles Team. Und irgendwann würde man

doch zujubeln, statt nur zu meckern. n

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 5

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

8 Seitenblick Computerspiele füllen Stadien

10 Daimler: Ende der Rabattschlacht

11 Wurstkartell: Bußgeld in Millionenhöhe |

Amazon: Rechenzentrum in Deutschland

12 Interview: Habitat-Möbel-Chef Hervé

Giaoui hält nichts vom Online-Handel und

geht andere Wege

14 Klicktipp: Online-Portal im Siegesrausch |

BayernLB: Klage gegen Österreich |

Bitcoin: Geld von Ex-Minister Guttenberg

16 Chefsessel | Start-up Fovea

18 Chefbüro Joachim Secker, Vorstandsvorsitzender

von GE Capital Deutschland

Politik&Weltwirtschaft

20 Große Koalition Das übliche Berliner

Sommertheater entwickelt sich zu einem

handfesten schwarz-roten Beziehungstest

25 Interview: Angel Gurría Der OECD-

Generalsekretär kritisiert die wachsende

Einkommensungleichheit

27 China Die neue strategische Partnerschaft

der Bundesregierung hat ihre Tücken

29 Nahost Ihre aussichtslose Lage treibt die

Hamas zu immer radikaleren Attacken an

31 Global Briefing | Berlin intern

Der Volkswirt

32 Kommentar | Nachgefragt

33 Serie Frühindikatoren (V) Der Tankan-

Index der japanischen Notenbank

34 Nachgefragt: Andreas Dombret Das Vorstandsmitglied

der Deutschen Bundesbank

über die künftige EU-Bankenaufsicht

36 Denkfabrik Stefan Schilbe, Chefökonom

von HSBC Trinkaus & Burkhardt, sieht in

Deutschland keine Immobilienblase

Unternehmen&Märkte

38 Google Wie Europas Wettbewerbshüter den

amerikanischen Online-Giganten bändigen

wollen – und warum sie scheitern werden

44 Interview: Claus-Dietrich Lahrs Der Chef

von Hugo Boss will mehr Flächen in Kaufhäusern

selbst bewirtschaften

46 Lufthansa Die wichtigsten Fragen zum Umbauplan

von Konzernchef Carsten Spohr

48 Karstadt Fünf Handelsexperten über die

Zukunft der wankenden Kaufhaus-Kette

50 Nachhilfeinstitute Innerhalb der Franchisekette

LOS eskalieren Streit und Klagen

52 Mittelalter Auf Märkten, in Computerspielen

und im Fernsehen lebt die alte Zeit

wieder auf. Woher kommt die Begeisterung?

Technik&Wissen

56 Luftfahrt Kampf den Kilos: Die Airlines

setzen ihre Jets auf Radikaldiät. Leiden die

Passagiere? | Premium Economy im Vergleich

Titel So sehen Gewinner aus

Bühne frei

Diese Sommerpause wird

zum handfesten schwarz-roten

Beziehungstest:Es geht

um die Maut, die Frauenquote,

Tarifpolitik, Drohnen und

die Mietpreisbremse. Fünf

Kabinettsmitglieder, darunter

Familienministerin Manuela

Schwesig, werden darüber zu

Hauptdarstellern. Seite 20

Welche Konzerne schaffen am meisten

Ertrag für Aktionäre, wie nachhaltig ist

der Kursanstieg ihrer Aktien? Boston

Consulting hat weltweit die Sieger ermittelt.

Wir präsentieren die Top Ten der

wichtigsten Branchen – und zwölf Papiere,

die jetzt kaufenswert sind. Seite 72

Der Dominator

Zerschlagen, begrenzen oder

aufspalten: Wie lässt sich die

Macht des US-Giganten Google

eindämmen, der in immer

neue Geschäftsfelder rund

um das Internet vorstößt?

Wohl am ehesten durch

innovative Rivalen. Seite 38

TITELILLUSTRATION: LUKE LUCAS

6 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 29, 14.7.2014

Die neuen

Strippenzieher

Fabio Paltenghi (links),

Co-Chef des Start-ups Mornin’

Glory, zählt zu den 25 wichtigsten

Köpfen der deutschen

Gründerszene. Seite 64

60 Auto Hybridantriebe senken den Kraftstoffverbrauch,

ketten deutsche Hersteller aber

auch an Akku-Lieferanten aus Asien

62 Interview: Lutz Müller-Kuhrt Der Analyti-

Con-Chef will aus pflanzlichen Substanzen

Heilstoffe gewinnen

63 Valley Talk

Management&Erfolg

64 Serie: Gründer (I) Diese 25 Vordenker der

deutschen Gründerszene sollten Sie kennen |

Das Gründertagebuch von Secomba

Geld&Börse

72 Sieger-Aktien Boston Consulting hat die

zehn besten Unternehmen aus 16 Branchen

gefiltert. Wir nennen zwölf Papiere, die nach

sechs Jahren Hausse noch kaufenswert sind

82 Schweizer Banken Kunden klagen, sobald

sie steuerlich reinen Tisch gemacht haben,

zu Unrecht kassierte Provisionen ein

84 Steuern und Recht Bewertungsreserven

von Lebensversicherungen | Immobilien

bei Scheidung | Kündigung von Mietern |

Arbeitszimmer | Fahrtkosten

86 Geldwoche Kommentar: Stabile Tabakaktien

| Trend der Woche: Banken-Stresstest |

Dax-Aktien: Adidas | Hitliste: Anleihefonds |

Anleihe: Bastei Lübbe | Investmentfonds:

Lacuna Adamant Asia Pacific Health |

Zertifikat: Europäische Rohstoffaktien

FOTOS: LAIF/JOHANNES ARLT, MARK MATTINGLY, PHILIP LISOWSKI; ILLUSTRATION: STEFFEN MACKERT

Abspecken auf höchstem Niveau

Dünnere Polster, weniger Knieraum, Sparen bei der Unterhaltung –

aber keine Abstriche beim Komfort:Genau das wollen die Airlines

gerade erreichen. Gelingt die Quadratur des Kreises? Seite 56

An jeder Ecke ein Recke

Das Mittelalter ist zurück – in Filmen, bei

Rollenspielen und auf Ritterturnieren. Das

Geschäft mit der Epoche boomt. Seite 52

Perspektiven&Debatte

90 Interview: Jörn Leonhard Der Freiburger

Historiker über die Ursachen und die späten

Folgen des Ersten Weltkriegs

94 Kost-Bar

Rubriken

5 Einblick, 96 Leserforum,

97 Firmenindex | Impressum, 98 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche unter anderem mit

Videos über den Mittelalterboom

in Deutschland. Wir

zeigen auch, warum der

Nachhilfemarkt in der

Bundesrepublik so

rasant wächst.

wiwo.de/apps

n Steueroasen Gabriel Zucman, ein

Ziehsohn von Thomas Piketty, fordert:Steueroasen

wie die Schweiz

müssen ausgetrocknet werden. Ab

Montag unter: wiwo.de/zucman

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 7

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Seitenblick

COMPUTERSPIELE

Maus statt Mikro

Turniere von Computerspielern sind inzwischen so

populär wie Sportwettkämpfe und Konzerte.

Die E-Sport-Profis füllen die gleichen Arenen wie

Kicker, Basketballer oder Popstars.

10Millionen Dollar beträgt das höchste

Preisgeld für ein Computerspielturnier. Das

Finale der Dota2-Meisterschaft steigt am kommenden

Wochenende in Seattle. Bisher hielt League

of Legends (LoL) den Rekord mit zwei Millionen.

32Millionen Zuschauer verfolgten das

LoL-Turnier – das US-Basketballfinale nur 16

Millionen. Im Frankfurter Fußballstadion schauten

im Juni 12 500 Menschen den Dota2-Profis beim

Spielen zu. Die Tickets kosteten bis zu 180 Euro.

8 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Public Playing

Die 15 000 Tickets für das

League-of-Legends-Finale

im Staples Center Los Angeles

waren binnen einer Stunde

ausverkauft

400Mausklicks pro Minute schaffen

die Profispieler, dafür trainieren sie bis zu zwölf

Stunden pro Tag. Die Daddelkönige gehören inzwischen

sogar zu den jährlich etwa 25 000 Athleten,

denen die USA ein Sportlervisum ausstellen.

1Milliarde Dollar bietet YouTube für die Spieleplattform

Twitch. Dort werden Computerspiele

live übertragen und kommentiert. 45 Millionen

Nutzer schauen jeden Monat die E-Sport-Videos an.

oliver.voss@wiwo.de

FOTO: MARV WATSON PHOTOGRAPHY

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 9

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Menschen der Wirtschaft

Schlägt eine neue

Richtung ein Daimler-

Chef Zetsche

DAIMLER

Ende der Rabattitis

Konzernchef Dieter Zetsche will auf

Neuwagen keinen Preisnachlass mehr

gewähren. Die neue Strategie zeigt erste

Erfolge, geht aber nicht überall auf.

Für Schnäppchenjäger im Autohandel war der Juni

ein guter Monat. Preisnachlässe von bis zu 30 Prozent

auf Neuwagen boten einige deutsche Händler

im Internet, ergab eine Analyse des Duisburger

CAR-Instituts. Der durchschnittliche Rabatt bei

den 30 populärsten Modellen im Privatkundengeschäft

lag bei 19,5 Prozent auf den Listenpreis des

Herstellers, rechneten die Marktforscher aus. Autos

von Mercedes waren allerdings nicht darunter:

Trotz großen Interesses laufen Schäppchenjäger

bei den großen Internet-Plattformen derzeit ins

Leere. Marktführer MeinAuto.de musste die Marke

mit dem Stern in der vergangenen Woche sogar

komplett aus dem Programm nehmen – mangels

Angebot.

Dieter Zetsche wird die Nachricht mit Freude

vernehmen. Denn der Daimler-Chef hat der „Rabattitis“

den Kampf angesagt, in Deutschland, aber

auch in den großen Auslandsmärkten wie den USA

und China. „Unsere Händler“, sagt Zetsche, „versuchten

früher, mit großzügigen Preisnachlässen

auf Stückzahlen zu kommen. Die Strategie schlug

jedoch ins Gegenteil um“ – die Verkäufe gingen zurück.

Inzwischen bestehe Mercedes im Neuwagen-

geschäft wieder auf seiner „Premiumpositionierung

auch beim Preis“, so Zetsche. Und obwohl

Mercedes „sehr konsequent auf der Preisseite“ sei,

habe die Marke im ersten Halbjahr mehr als 783 000

Autos verkauft und damit einen Absatzrekord eingefahren.

Da gleichzeitig die Produktionskosten

sinken, rechnet der Konzernchef für 2014 mit weiter

steigenden Renditen im Pkw-Geschäft.

In China nahm der Verkauf sogar um 37 Prozent

zu, obwohl dort inzwischen offiziell so gut wie keine

Preisnachlässe mehr gewährt werden. Vor zwei

Jahren lag der durchschnittliche Rabatt auf Mercedes-Neuwagen

nach Angaben des Shanghaier Beratungsunternehmens

JSC Automotive noch bei 25

Prozent. Händler von Importautos und Händler

von in China produzierten Mercedes-Modellen

hatten sich einen knallharten Preiskampf geliefert.

China-Vorstand Hubertus Troska hat die Kämpfe

inzwischen beendet.

In Deutschland kann Zetsche den neuen Kurs

aufgrund der starken Stellung der Werksniederlassungen

relativ leicht durchsetzen. In den USA jedoch

sind die Händler nicht weisungsgebunden,

Listenpreise oft nur Orientierungshilfen. Folge:

Über Internet-Plattformen wie edmunds.com wird

die C-Klasse in der Ausführung 250 Sport und mit

vier Jahren Garantie aktuell für knapp 32 000 Dollar

(umgerechnet 23 500 Euro) angeboten. Das entspricht

einem Rabatt von fast 16 Prozent.

franz.rother@wiwo.de, phillip mattheis | Shanghai

Gute Zeit für

Schnäppchenjäger

Entwicklung des Rabatt-

Index für den deutschen

Automarkt

140

130

120

110

100

2010 11 12 13 14

Quelle:CAR Universität

Duisburg-Essen

10 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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WURSTKARTELL

Bußgeld in Millionenhöhe

Fette Beute erwartet

Kartellamtspräsident Mundt

20 Unternehmen der Wurstindustrie

bekommen in den

nächsten Tagen Post vom Bundeskartellamt

– Bußgeldbescheide

über insgesamt mehr

als 300 Millionen Euro, wie es

aus dem Kreis der Beteiligten

heißt. Behördenchef Andreas

Mundt wirft den Firmen demnach

vor, sie hätten jahrelang

Preise abgesprochen.

Am härtesten trifft es wohl

den Unternehmer Clemens

Tönnies und die Schweizer Bell-

Gruppe, zu der die deutschen

Wursthersteller Abraham, Hoppe

und Zimbo gehören. Tönnies

und Bell sollen jeweils rund 100

Millionen Euro zahlen. Bell

wollte sich dazu nicht äußern:

„Zu Gerüchten können wir keine

Stellung nehmen.“

Tönnies’ Zur-Mühlen-Gruppe

bestreitet, Preise abgesprochen

zu haben. Sie wolle sich

„gegen ein mögliches Bußgeld

wehren und Rechtsmittel einlegen“,

teilte die Gruppe mit.

Sie regt noch etwas anderes

auf. Das Kartellamt will das

Bußgeld für Tönnies am Umsatz

all seiner Unternehmen bemessen,

obwohl sie rechtlich nicht

miteinander verflochten sind

und nur gegen die Zur-Mühle-

Gruppe ermittelt wurde. „Ein

mögliches Bußgeld wird in die

Höhe getrieben, indem Umsätze

der Tönnies-Gruppe, die mit

dem Sachverhalt überhaupt

nichts zu tun haben, mit in die

Berechnung einbezogen werden“,

beschwert sich die Gruppe.

Das sei rechtlich nicht haltbar.

Das Kartellamt bestätigt,

dass das Verfahren in Kürze

abgeschlossen wird, will sich

aber noch nicht zu Ergebnissen

äußern.

mario.brueck@wiwo.de,

harald.schumacher@wiwo.de

Aufgeschnappt

Crowd-Salat Bescheidenheit

zahlt sich aus: Nur zehn Dollar

wollte Zack Danger Brown übers

Internet einsammeln – für Zutaten

zu seinem ersten selbst

angerichteten Kartoffelsalat.

Per Crowdfunding erhielt er

inzwischen mehr als 44 000

Dollar. Das bringt Brown in die

Bredouille: Übers Internet lud er

jetzt alle zum Essen ein.

Fensterloses Cockpit Fensterplatz

oder Gang? So lautet die

Standardfrage an jeden Flugreisenden.

Dass auch Piloten ohne

Fensterplatz auskommen, ist

neu. Airbus hat in den USA ein

Patent für eine Technologie beantragt,

die ein fensterloses

Cockpit ermöglicht (US 2014/

0180508 A1). Hochauflösende

Bildschirme sollen die Fenster

ganz oder teilweise ersetzen.

Dann könnte das Cockpit verkleinert

oder verlegt werden –

zugunsten von Passagiersitzen.

AMAZON

Cloud-Angriff

Der weltgrößte Cloud-Computing-Anbieter,

der Online-

Händler Amazon, wird bald ein

Rechenzentrum in Deutschland

eröffnen – voraussichtlich

in der Region Frankfurt. Darauf

deuten Daten hin, auf die das

Berliner Start-up Bitplaces

stieß. Zurzeit steht das einzige

europäische Rechenzentrum

von Amazon Web Services, der

Cloud-Sparte des US-Konzerns,

in Irland. Sie vermietet Speicher

und Rechenleistung an Web-

Firmen wie Foursquare und

Netflix.

Während der irische Serverpark

die Amazon-ID „eu-west-

1“ hat, tauchte jetzt die ID

„eu-central-1“ in Amazons

Cloud-Schnittstelle auf. Die

Web-Adresse dazu ließ sich bis

zu einem Router mit einer

Frankfurter Kennung zurückverfolgen.

Amazon wollte keine

Details nennen, teilte aber mit:

„Deutschland ist eines der Länder,

die wir uns zurzeit ansehen.“

Antrieb für Amazon-Chef

Jeff Bezos dürften die Verunsicherung

von Kunden nach der

Affäre des US-Geheimdienstes

NSA sein und der strenge

Datenschutz in Deutschland.

thomas.stoelzel@wiwo.de, oliver voß

FOTOS: REUTERS/JOSHUA LOTT, FOTOLIA/EXQUISINE, PR; ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

37,7% 37,1%

1. Musicals 2. Rock- und

Popkonzerte

3. Große

Volksfeste

4. Nacht der

Museen/Galerien

5. Ausstellungseröffnungen,

1. Köln

Vernissagen

*2013; ** 2012; Quelle: HWWI/Berenberg

Wo Deutschlands Kulturbegeisterte sitzen

Welche Kulturveranstaltungen die Deutschen

am liebsten besuchen*

26,0%

17,9% 17,6%

Wo die Kulturwirtschaft je Einwohner

am meisten umsetzt**

6924 €

6345 €

2. Stuttgart

5745 € 5012 €

3. München

5485 €

4. Essen

5. Hamburg

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 11

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Naturschutz

Emsig mühen sich Staat und

Gesellschaft, unsere natürlichen

Lebensgrundlagen zu

erhalten und die Natur zu

schützen. Beruhigt verbringt

der so belehrte Bürger seine

Sommerferien auf grünen

Wiesen, während er seine

Haut mit Pflegestoffen

schützt, die ohne Chemie

rein pflanzlich hergestellt

wurden. Unangenehm an

der unberührten Natur ist

ihm einzig das bemerkenswert

verschwiegene Berührtsein

von Spinnen, Würmern,

Käfern, Maden, Keimen,

Viren und Bakterien. Wenn

dann das emsige Kind in

seinen Schulferien eifrig in

seinem Biologiebuch liest

und berichtet, wie Ureinwohner

in Papua-Neuguinea

aus rein pflanzlichen

Stoffen tödliche Pfeilgifte

kochen, dann keimt die böse

Frage auf:Ist es für uns nicht

manchmal auch durchaus

lebensrettend, die Natur ein

wenig zurückzudrängen?

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

INTERVIEW Hervé Giaoui

»Amazon kann nicht,

was wir können«

Der Inhaber der Möbelkette Habitat setzt auf

stationäre Läden statt auf den Online-Handel und

will in Deutschland und im Ausland expandieren.

Herr Giaoui, als Ihre französische

Möbelgruppe Cafom 2011

die Möbelkette Habitat übernahm,

war die hoch verschuldet.

Wie geht es Habitat jetzt?

Als ich Habitat kaufte, gab es

nichts. Keinen Service, niemanden.

Wir waren zwei Menschen

im Büro. Sechs Monate lang haben

wir erst einmal Personal

eingestellt. Heute sind wir in der

Lage, alle sechs Monate eine

neue Kollektion bei Accessoires

oder Stoffen auf den Markt zu

bringen.

Wie entwickeln sich Umsatz

und Gewinn?

Es ist sehr schwer, aber wir gehen

den richtigen Weg. Im ersten

Jahr betrug der Verlust 19

Millionen Euro, im zweiten Jahr

acht Millionen und im dritten

Jahr fünf Millionen Euro. Jedes

Jahr haben wir den Verlust etwa

halbiert. 2015 streben wir eine

schwarze Null an.

Woher kommt Ihr Optimismus?

Wir machen unsere Arbeit.

Alle Aufgaben sind in der

Pipeline. Die Franchiseverträge

mit den Shopbetreibern sind

unterschrieben, von Europa

bis Asien. Ab September eröffnen

wir monatlich einen

neuen Shop in Asien. Wir

sprechen mit Israel, Tunesien

und Marokko.

Wie wichtig ist der deutsche

Markt noch angesichts der Expansion

in andere Länder?

Deutschland ist der größte

Markt für uns. Die Deutschen

geben doppelt so viel für Wohnungsgegenstände

aus wie beispielsweise

die Franzosen.

Wie schaffen Sie es, so schnell

zu expandieren?

Wir können die Shops nicht als

unternehmenseigene Filialen

eröffnen. Wir setzen auf Franchise,

um das Tempo aufrechtzuerhalten.

In absehbarer Zukunft

wollen wir in Deutschland

neben unseren fünf eigenen

Shops bis zu 15 weitere als Franchisefilialen

eröffnen.

Bieten Sie in den einzelnen

Ländern unterschiedliche Sortimente

an. Die Geschmäcker

sind von Nation zu Nation ja

sehr verschieden.

Die Deutschen wollen eine andere

Matratze als die Franzosen,

das stimmt. Aber das Design

bleibt das gleiche. Habitat-De-

DER EINRICHTER

Giaoui, 56, ist Mitgründer und

Gesellschafter der französischen

börsennotierten Möbelhandelskette

Cafom, die Habitat 2011

von der britischen Investmentgesellschaft

Hilco übernommen

hat. Zuvor hatte Habitat der

schwedischen Ikano-Gruppe gehört,

hinter der die Familie des

Ikea-Gründers Ingvar Kamprad

steht. Gegründet wurde Habitat

1964 vom englischen Designer

Terence Conran, 82.

sign ist eine eigene Kategorie. Es

ist zeitlos. Das funktioniert überall.

Zwei Märkte sind sehr eigen:

Japan und die USA. Für Habitat

ist es schwer, Entwürfe für Amerikaner

zu machen.

Ihren französischen Möbelhandel

Cafom haben Sie auf den

Massenmarkt ausgerichtet. Wie

passt Habitat dazu?

Ich möchte, dass mein Unternehmen

auch in 50 Jahren noch

existiert. Der einzige Weg, das

zu erreichen, ist, eine starke

Marke zu haben, die weltweit

existiert. Cafom bringt mit Büros

in zehn Ländern in aller

Welt die internationale Erfahrung

ein. Unser Büro in China

existiert seit 20 Jahren, ebenso

das in Brasilien.

Sie setzen auf stationäre

Läden. Welche Rolle spielt das

Internet?

Habitat wird kein Online-Business

werden. Wir machen zehn

Prozent unseres Umsatzes online,

das ist eine gut Quote. Ich

will nicht mehr. Unser Kunde

soll im Geschäft Geld ausgeben.

Cafom verkauft mit dem Online-Shop

kauf-unique.de in

Deutschland erfolgreich günstige

Möbel. Aber für Habitat geht

das nicht so.

Warum nicht?

Im Internet müsste Habitat

über den Preis gehen, und das

ist für diese Marke, die wir im

Luxussegment sehen, nicht der

richtige Weg. Habitat ist keine

Möbelmarke, es ist eine wertvolle

Designmarke. Und Möbelhandel

im Internet ist sehr

schwierig. Ich kenne kein Möbelunternehmen,

das im Internet

Profit macht.

Keine Angst vor Amazon?

Nein, Amazon verkauft alles,

nur eine Produktgruppe nicht:

Möbel. Amazon kam zu uns,

um zu schauen, was Cafom

macht. Das große Problem ist

nicht das Verkaufen. Das große

Problem ist die Auslieferung. Es

gibt keine Standardverpackungen

für Sofas. In einem Möbellagerhaus

ist kein Karton wie

der andere.

thorsten.firlus@wiwo.de

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: LAIF/REA

12 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

INTERNET

Kicktipp im

Rekordfieber

14.07.

TOP-TERMINE VOM 14.07. BIS 20.07.

BAYERNLB

Klage gegen

Österreich

Der Star der Fußballweltmeisterschaft

heißt Janning Vygen,

Alleingesellschafter des Düsseldorfer

Zwei-Mann-Unternehmens

Kicktipp. 113 Millionen

Besucher klickten dessen Web-

Seite an, im Juni lag sie auf Platz

8 der meistbesuchten deutschen

Web-Seiten. Bei Kicktipp

können Freunde oder Kollegen

private Wettrunden organisieren.

Das WM-Halbfinale

Deutschland gegen Brasilien

tippten sogar 331 Kunden richtig:

7:1. Geldeinsätze wickelt

das Portal nicht ab. „Wir finanzieren

uns zu etwa zwei Dritteln

aus Werbung“, sagt Vygen.

Zweite Einnahmequelle ist die

Vermietung der Software an

Unternehmen. Dort werden bei

1000 Teilnehmern monatlich 60

Euro fällig, Privatnutzer tippen

kostenfrei. Brachte 2012, das

Jahr der Fußballeuropameisterschaft,

einen Gewinn von

344 000 Euro, sank er 2013 auf

240 000. Über das Ergebnis 2014

will Vygen nicht spekulieren.

Zumal er viele neue Tipper

nicht in die Bundesligasaison

retten wird: „Wir werden sicher

schnell wieder auf Normalmaß

gestutzt.“ Das lag zuletzt bei

zwei Millionen Nutzern.

matthias streit | mdw@wiwo.de

BITCOIN

Geld vom

Ex-Minister

Luftfahrt Im südenglischen Farnborough beginnt

am Montag die siebentägige internationale

Luft- und Raumfahrtmesse. Ein Thema dürften

neben der erwarteten Neuauflage des Airbus-Langstreckenjets

A330 mit neuen Triebwerken auch die

Entwicklung und der Einsatz von Drohnen sein.

15.07. EU-Kommission Das Europäische Parlament

stimmt am Dienstag über die Ernennung des

EU-Kommissionspräsidenten ab. Die Staats- und

Regierungschefs der EU-Staaten schlagen dafür

Jean-Claude Juncker vor.

Elbvertiefung Das Bundesverwaltungsgericht verhandelt

darüber, ob die Elbe zwischen der Nordsee

und Hamburg vertieft und verbreitert werden

darf, damit auch die größten Containerschiffe den

Hafen besser anlaufen können. Insgesamt sind

sechs Verhandlungstage angesetzt, der letzte für

den 24. Juli. Über den Ausbau der Weser zwischen

Nordsee und Bremerhaven hat am Dienstag der

Europäische Gerichtshof verhandelt. Eine Entscheidung

verkündet er erst in einigen Monaten.

Sie könnte sich auf das Elbe-Verfahren auswirken.

16.07. EU-Gipfel Nach der Abstimmung des Europäischen

Parlaments über den EU-Kommissionspräsidenten

beraten die Staats- und Regierungschefs

der EU-Staaten am Mittwoch über die Besetzung

anderer wichtiger EU-Posten.

Smart Daimler-Chef Dieter Zetsche und Smart-

Chefin Annette Winkler feiern in Berlin die Weltpremiere

der neuen Smart-Modelle. Im September

kommen die Fahrzeuge in den Handel.

Beim Start-up verpflichtet

Ex-Minister

Guttenberg

Als Verteidigungsminister

leitete Karl-Theodor zu

Guttenberg einst das Ende

der Wehrpflicht ein, nun

will er das weltweite Geldsystem

umkrempeln. „Das

traditionelle Zahlungssystem

ist antiquiert,

teuer und ineffizient“,

behauptet

Guttenberg. Er hat daher

beim US-Start-up Ripple Labs

als Berater angeheuert. Das Unternehmen

will Überweisungen

so einfach wie E-Mail-Senden

machen. Mit dem Netzwerk

können Cyberwährungen wie

Bitcoin, aber auch Dollar oder

Euro gebührenfrei verschickt

werden. Zudem

gibt das Unternehmen eine

eigene virtuelle Währung

namens Ripple heraus.

Der bekannte Wagnisfinanzierer

Andreessen Horowitz und

Google haben neun Millionen

Dollar in das Start-up gesteckt.

„Ich will Ripple Labs helfen, die

regulatorischen Fallstricke zu

umgehen“, so Guttenberg. Derzeit

gibt es bei Bitcoin und Co.

viele Unsicherheiten. Der Markt

für Cyberwährungen befinde

sich noch am Anfang, so Guttenberg.

„Die Erfindung dieser

Technologie kann jedoch nicht

rückgängig gemacht werden.“

oliver.voss@wiwo.de

Im Streit mit der österreichischen

Regierung um das Gesetz

zur Pleitebank Hypo Alpe

Adria erwägen BayernLB-Chef

Johannes-Jörg Riegler und Bayerns

Finanzminister Markus

Söder eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht

in Wien.

Am Dienstag hatte Österreichs

Parlament das Gesetz beschlossen,

das die Haftung des Landes

Aufbruch nach Wien

Bayerns Finanzminister Söder

Kärnten für Halter von Anleihen

der Klagenfurter Bank Hypo

Alpe Adria aufhebt. Gläubiger,

darunter deutsche Lebensversicherer,

halten Anleihen im Wert

von fast 900 Millionen Euro. Das

Gesetz muss noch vom Bundespräsidenten

Heinz Fischern unterzeichnet

werden, damit es in

Kraft treten kann. Das soll binnen

zwei Wochen geschehen.

Dann bliebe die BayernLB auf

800 Millionen Euro Forderungen

sitzen. Die Münchner hatten

die Hypo Alpe Adria 2007 übernommen

und in der Finanzkrise

2009 an Österreich zurückgegeben.

Die Chance auf einen Erfolg

der Verfassungsbeschwerde

ist groß. Österreichische Verfassungsrechtler

halten das Gesetz

für verfassungswidrig. Aus der

BayernLB heißt es: „Wir sind

überzeugt, dass das auf die Enteignung

der BayernLB gerichtete

österreichische Sondergesetz

keinen Bestand haben wird.“

matthias.kamp@wiwo.de | München

FOTOS: GETTY IMAGES/AFP, LAIF/WOLF HEIDER-SAWALL, GETTY IMAGES/JOHANNES SIMON

14 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

PHILIPS

Deborah DiSanzo, 54,

muss den niederländischen

Elektronikkonzern

verlassen. Seit Mai 2012 hat

die Amerikanerin den Bereich

Medizintechnik geleitet

– zuletzt zum Missvergnügen

des Konzernchefs

Frans von Houten, 54. „Die

Leistung unserer Medizintechniksparte

ist enttäuschend“,

urteilte er und

übernahm selbst deren

Führung. Die Medizintechnik

trägt 40 Prozent zum

Gesamtumsatz bei, der im

vergangenen Jahr 23 Milliarden

Euro betrug.

CEBIT

Heiko Meyer, 49, Deutschland-Chef

von Hewlett-

Packard, gehört jetzt dem

Messeausschuss der weltgrößten

IT-Ausstellung an.

Zwischenzeitlich war das

US-Unternehmen auf der

Cebit gar nicht vertreten. In

diesem Jahr hatte es dort nur

einen kleinen Stand aufgebaut,

aber 2015 plant es dem

Vernehmen nach eine stärkere

Präsenz. Neu im Messeausschuss

sind auch Intel-

Deutschland-Chef Christian

Lamprechter, 42, Salesforce-

Europachef Joachim Schreiner,

52, sowie Fujitsu-Europachef

Jürgen Walter.

APPLE

Patrick Pruniaux, seit sieben

Jahren Verlaufsleiter der

Schweizer Uhrenmarke Tag

Heuer, wechselt zu dem IT-

Konzern. Er soll dort die Markteinführung

der Apple-Uhr vorbereiten.

Experten erwarten,

dass die sogenannte iWatch im

Herbst in den Handel kommt.

Auch beim Luxusuhrenhersteller

Hublot haben Apples Headhunter

vorgefühlt. Zuvor hatte

Apple-Chef Tim Cook, 53,

schon die Burberry-Chefin

Angela Ahrendts, 54, und den

Yves-Saint-Laurent-Chef Paul

Deneve, 53, verpflichtet.

JP MORGAN

Dorothee Blessing, 46, leitet

bei der US-Bank künftig das Investmentbanking

in Deutschland,

Österreich und der

Schweiz. Zudem wird sie Vize-

Chefin für das Investmentbanking

von JP Morgan in Europa,

dem Nahen Osten und Afrika.

Anfang 2013 hatte sie überraschend

den JP-Morgan-Konkurrenten

Goldman Sachs verlassen

und sich zurückgezogen.

MALLORCA

1334 Ferienimmobilien

haben Deutsche 2013 auf Mallorca erworben, 31 mehr als im Jahr

zuvor. Damit liegen die Deutschen auf Platz eins unter den ausländischen

Käufern dort, gefolgt von den Briten, die 694 Häuser

und Wohnungen übernahmen. Insgesamt gingen 3744 Unterkünfte

an Ausländer, 2012 waren es 3571.

FOVEA

Die Baumzähler

Als Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ihm auf der IT-Messe

Cebit den Hauptpreis des Gründerwettbewerbs überreichte,

stach Manfred Ide (Mitte) in Trachtenweste und Outdoor-Hose

zwischen all den Anzugträgern heraus. Denn Ide ist technischer

Forstoberinspektor, vulgo Förster. Er hat zwar erst Informatik

studiert, aber danach noch einen Abschluss in Forstwirtschaft

gemacht. Nun kombiniert er sein Wissen aus beiden Bereichen

in seinem Start-up Fovea. Gemeinsam mit der Designerin

Nadine Weiberg (links) und dem Ingenieur Christopher

Herbon (rechts) entwickelt er Smartphone-Programme, um

die Forstwirtschaft zu digitalisieren.

„Förster sind mit einem Vermessungskoffer voller Geräte unterwegs“,

sagt Ide, „viele können durch Smartphones ersetzt werden.“

So berechnet seine App den Holzbestand pro Hektar Wald – bisher

waren dafür Spezialgeräte wie Höhenmesser und Dendrometer

nötig. Die neueste App des Gründertrios kommt in dieser

Woche zur wichtigsten Branchenmesse Interforst auf den Markt.

Bisher werden gefällte und gestapelte Baumstämme per Hand gezählt

und mit Farbe markiert.

Oft dauert das eine

Fakten zum Start

Team derzeit 12 Mitarbeiter

Einnahmen bei der Baumzählapp

pro Stamm 1,9 Cent

Umsatz geplant sind für dieses

Jahr mehrere 100 000 Euro

halbe Stunde, die Bilderkennung

der neuen App

erledigt es mit wenigen

Fingertipps. Sägewerke

und Fabriken aus verschiedenen

Ländern

haben Interesse.

oliver.voss@wiwo.de

FOTO: PR (2), GETTY IMAGES

16 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Joachim Secker

Vorstandsvorsitzender von GE Capital Deutschland

Abergläubisch? „Weiß Gott

nicht“, sagt Joachim Secker, 55,

Vorstandsvorsitzender von GE

Capital Deutschland in Mainz,

einer Tochter des amerikanischen

Mischkonzerns General

Electric. Dennoch fällt Seckers

erster Blick jeden Morgen auf

die gerahmten chinesischen

Schriftzeichen an der Wand hinter

seinem Schreibtisch. Sie versprechen

Gesundheit, Wachstum

und Profit. „Aber vielleicht

wirkt die Kalligrafie ja auch wie

ein guter Geist“, orakelt Secker

über das Mitbringsel aus Singapur.

Die asiatischen Segenswünsche

scheinen in der Tat ihre

Wirkung nicht zu verfehlen. Seit

Jahren zählt die Bank vor allem

im Mittelstand zur ersten Adresse

im Leasing- und

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

Factoring-Geschäft.

Krisen kennen die

Rheinland-Pfälzer

nicht. Der Umsatz der

deutschen Factoringsparte

von GE Capital

ist seit der Gründung

1964 als Heller Factoring

Bank auf knapp drei Milliarden

Euro gestiegen. Die Zahl der

Mitarbeit beträgt heute 850. Secker,

gelernter Industriekaufmann

und Absolvent der Frankfurter

Bankakademie, steht seit

Oktober 1999 an der Spitze des

Finanzdienstleisters. In der

zweiten Etage eines unauffälligen

Geschäftshauses liegt sein

Büro. Tische und Stühle stammen

aus der oberfränkischen

Möbelmanufaktur

Rosenthal, die

Bilder vom polnischen

Künstler Roman

Schmelter. „Sie

sind voll Lebenslust“,

kommentiert Secker

die Werke. Dazu passt

auch eine Fotocollage mit der

Startnummer „32“ von der Mille

Miglia, dem Oldtimer-Rennen

in Italien. Dreimal fuhr der

Bankmanager die Strecke Brescia–Rom–Brescia,

zuletzt in einem

Bentley Baujahr 1927. „Und

dort ist Familientreffen“, sagt

Secker und zeigt auf Fotos mit

seiner Frau Gudrun und ihren

gemeinsamen Kindern Miriam

und Martin. Die Bilder haben

einen Logenplatz auf dem Sideboard

bekommen – genau wie

die Wimpel vom DFB-Pokalfinale

Kaiserslautern gegen Bayern

im Jahr 2003. „Als gebürtiger

Mainzer“, gesteht er, „bin ich Fan

der Roten Teufel.“

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

18 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Alexander Dobrindt

Maut

Manuela Schwesig

Frauenquote

Andrea Nahles

Tarifeinheit

Voll auf die fünf

GROSSE KOALITION | Die Parlamentspause 2014 wird zum handfesten schwarz-roten

Beziehungstest: Gleich eine ganze Handvoll Minister haben das Zeug zu Hauptdarstellern

eines sehr verbissenen Sommertheaters.

Hinter den Fenstern plätscherte

leise die Havel, die warme

Potsdamer Nachmittagssonne

schimmerte sanft in den

Saal, und der Justizminister

tat sein Bestes, um die jungen Zuhörer

nicht zu überfordern. Heiko Maas redete

erst über die Europawahl, schlängelte sich

von dort zum SPD-Mitgliedervotum, das

ihn zu Volksbegehren in ihrer An- und Fürsichlichkeit

führte und irgendwann auch

zur Regierungsarbeit. Maas machte rote

Häkchen an Mindestlohn und Rente, dann

gönnte er den Anwesenden noch einen

kleinen Seitenhieb zur Frauenquote: Fast

hätte er bei der vielen Kritik das Gefühl be-

kommen, es gäbe in Deutschland überhaupt

gar keine guten, fähigen Frauen.

Nur für den Fall aber, dass sich die Teilnehmer

der Sommeruni der Friedrich-

Ebert-Stiftung vom Minister einen wegweisenden

Impulsvortrag erhofft hatten, wurden

sie enttäuscht. Impulse und Weisungen

hatte Maas keine mitgebracht.

20 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Ursula von der Leyen

Drohnen

Heiko Maas

Mietpreisbremse

FOTOS: LAIF/H. C. PLAMBECK, LAIF/J. ARLT, VISUM/J. GYARMATY,

STUDIO X/POLARIS, WERNER SCHUERING

Der Applaus klang allenfalls höflich. Was

von Maas blieb, war der Eindruck behaglicher

Zufriedenheit – zumindest des Teils

der Regierung, der ein SPD-Parteibuch sein

Eigen nennt. Danach wollte immerhin eine

kritische Studentin wissen, wo die guten

Forderungen nach Steuererhöhungen geblieben

seien. Nun ja, antwortete der Minister,

mit 25 Prozent der Stimmen sei das leider

schwierig, und außerdem müsse man

auch ein bisschen Verständnis haben: Mit

dem Koalitionspartner sei da nichts zu machen.

Leider, leider. Besonders enttäuscht

klang Maas nicht.

Sein Auftritt passt zur ersten Sommerbilanz

der großen Koalition, denn er verbirgt

das Konfliktpotenzial, das sich unter der satten

Sommerlaune langsam aufbaut. Die Sozialdemokraten

tragen stolz und zufrieden

ihren Ruß aus dem Maschinenraum der

Macht. Auf dem Sonnendeck hingegen fragen

sie sich in der Union so langsam, wozu

die ganze Bräune eigentlich gut sein soll.

GÖNNEN KÖNNEN IST VORBEI

Der Frustpegel bei CDU und CSU steigt.

„Unzufriedenheit gibt es in jeder Koalition“,

beschwichtigt zwar CDU-Generalsekretär

Peter Tauber. Die Bürger interessiere weniger,

wer sich wo durchsetze. „Es geht um

passende Ergebnisse fürs Land.“ Aber auch

er weiß: In der eigenen Fraktion ist die Stimmung

alles andere als gut, es fehlt – außer

der Mütterrente – Herzeigbares in Schwarz.

Also müssen die wenigen Erfolge umso

mehr herausgestrichen werden: „Der ausgeglichene

Haushalt, den wir 2015 anstreben,

ist eine Leistung der CDU“, sagt Tauber.

Sorgten sich CDU und CSU zu Beginn der

Regierungszeit noch, ob die SPD bei der

erstbesten Gelegenheit in ein rot-rot-grünes

Linksbündnis flüchten würde, so sind

es mittlerweile die Sozialdemokraten, die

sich um den maladen Gemütszustand des

Regierungspartners Gedanken machen.

Wohl wahr, offiziell gilt die Stimmung bei

Schwarz-Rot weiterhin als bestens. Dennoch:

Die Zeit des Gönnens, das spürt so

mancher sensibler Genosse, ist vorbei. „Unser

Problem“, sagt einer, „ist unser Erfolg.“

Noch mehr rote Prestigeprojekte will die

Union künftig nicht einfach durchgehen

lassen. Früher bedeutete Sommerloch,

dass Hinterbänkler mit wilden Vorstellungen

ihre Chance auf 15 Zeitungszeilen

Ruhm suchten. Daraus dürfte 2014 nichts

werden. Diese Parlamentspause ist ge-

»

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 21

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Politik&Weltwirtschaft

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füllt mit zahlreichen wichtigen, aber nur

halb fertigen Gesetzesvorhaben, die das

Zeug haben zum Drehbuch für ein wirklich

ernstes Sommertheater. Und diesmal sind

auch andere Kaliber mitten im Getümmel,

nicht nur Komparsen von der Hinterbank:

die zuständigen Minister.

Alexander Dobrindt, CSU

Niemand hat die Absicht, eine Maut

für Deutsche einzuführen.

Alexander Dobrindt

hatte endlich seine

große Bühne. Und er

führte ein Zauberkunststück

vor: Der Bundesverkehrsminister

stellte

vergangene Woche in

Berlin sein Konzept vor, wie er Ausländer

abkassieren will, im Volksmund Pkw-Maut

genannt. Seine Miene blieb hart, er lächelte

kein einziges Mal, eine gute Stunde ging

das so. Dobrindt sprach im überdachten

Innenhof des Ministeriums stoisch von

„Infrastrukturabgabe“. Ein Minister stellt

sein Maut-Konzept vor und schafft es, kein

einziges Mal „Maut“ zu sagen. Bayrische

Magie.

Dobrindt will eine technische Debatte,

bloß keine emotionale. Sein verbaler Kniff

sollte Kritiker überzeugen, auch endlich

Ausländer für die Asphalt-Sanierung heranzuziehen.

„Wir schließen eine Gerechtigkeitslücke.“

Auf dem Jahrmarkt oder im Wahlkampf

mögen solche Sätze zünden, im Berliner

Geschäft nicht. Nach seiner Inszenierung

erntet Dobrindt daher Buhrufe aus allen

Richtungen: Oppositionspolitiker stänkern,

und Koalitionskollegen zweifeln, sogar

– besonders boshaft – der Amtsvorgänger

und CSU-Freund Peter Ramsauer. Die

SPD wartet nur darauf, dass sich die einstige

CSU-Generalsekretärs-Giftspritze in

den Details verheddert.

Gewerkschaften warnen ebenso, und

Nachbarländer drohen. Möglich ist gar eine

Retourkutsche von Ländern wie Dänemark,

die ihrerseits eine Maut einführen

könnten. Auf der politischen Bühne könnte

es in den kommenden Wochen einsam

und leise werden um den einstigen Lautsprecher

der CSU. Alle gegen Alex.

Allein die Einnahmen durch die Ausländer,

die der Minister auf 860 Millionen Euro

pro Jahr taxiert, werden sich kaum halten

lassen. Dobrindt plant eine Maut für alle

Straßen, also Autobahnen, Bundes- und

Landstraßen. Dadurch zwingt er auch solche

ausländischen Autofahrer zum Kauf

einer Vignette, die die Autobahnen sonst

umfahren hätten, um Kosten zu sparen.

Das ist zunächst ein durchaus kluger

Schachzug.

Doch das ändert wenig daran, dass

Dobrindts Zahl wohl zu hoch gegriffen ist.

Seine Fachleute gehen davon von, dass jedes

Jahr fast zehn Millionen Fahrzeuge

über die Grenze fahren und eine Vignette

erwerben – Durchschnittspreis: 88 Euro.

„Das ist viel zu hoch“, sagt Alexander Eisenkopf

von der Zeppelin Universität am Bodensee.

Der Verkehrs-Experte rechnet mit

weniger als acht Millionen Fahrzeugen

und einem geringeren Durchschnittspreis.

„Ich gehe davon aus, dass nur jeder vierte

Ausländer eine Jahresvignette kauft und

nur jeder Vierte eine Zweimonatsvignette“,

so Eisenkopf. Der Rest greife zum Zehn-Tages-Pass.

„Nach meinen Berechnungen

zahlen Ausländer für die Maut-Vignetten

pro Jahr allenfalls 350 Millionen Euro.“ Auf

Basis des zugänglichen Zahlenmaterials

wäre auch das schon „eine eher optimistische

Schätzung“.

Noch mehr, bitte!

Einnahmen des Bundes aus der Lkw-Maut

(in Milliarden Euro)

5,0

4,5

4,0

3,5

3,0

2008 09 10 11 12 13 14*

*geschätzt; Quelle: BMVI

Damit nicht genug. Die Zahl berücksichtigt

noch keine Erhebungskosten. Beamte

stellen die Kfz-Steuer auf Ökoklassen um,

schicken deutschen Autofahrern die Vignette

zu und führen ein System ein, das

den Ausländern den Vignetten-Kauf im Internet

oder an Tankstellen ermöglicht und

gut kontrollierbar sein muss. All das kostet.

Dobrindt rechnet mit Verwaltungskosten

in Höhe von 260 Millionen Euro pro Jahr.

„Das ist eine nachvollziehbare Zahl“, sagt

Eisenkopf. Doch dann wäre die Maut fast

ein Nullsummenspiel. „Netto bleiben von

der Maut für Ausländer circa 100 Millionen

Euro in der Kasse.“

DRUCK AUS BRÜSSEL

Lohnt sich dafür der Aufwand? Und vor allem

der Streit mit Brüssel? Die europarechtlichen

Zweifel sind groß. Zwar beinhalte

Dobrindts Konzept „positive Ansätze“,

ließ der Brüsseler Verkehrskommissar

Siim Kallas im Anschluss an Dobrindts

Auftritt wissen. Doch im gleichen Atemzug

signalisierte er Skepsis: Kommt die Maut

und sinkt die Kfz-Steuer, „sollte dies nicht

darauf gerichtet sein, ausländische Fahrzeughalter

zu benachteiligen“, hieß es aus

seinem Ressort. Blöd nur, dass Dobrindt

genau das plant.

Die juristische Bewertung fällt daher

eindeutig aus. „Nach wie vor kommt es zu

einer Diskriminierung von EU-Ausländern“,

sagt Christoph Herrmann, Europarechtler

an der Universität Passau. Die beiden

Gesetzesvorhaben, sprich: die Einführung

der Maut und die Umgestaltung der

Kfz-Steuer, wären zwar „isoliert für sich

betrachtet zulässig“, sagt Herrmann.

„Doch wegen der zeitlichen Nähe und vor

dem Hintergrund früherer Aussagen im

Wahlkampf müssen sie zusammen betrachtet

werden.“ Den Aussagen Dobrindts,

das eine habe mit dem anderen

nichts zu tun, dürfe „weder die Kommission

noch der Europäische Gerichtshof auf

den Leim gehen“.

Dobrindt wird sich daher wohl dem

Druck aus Brüssel beugen müssen – wie

schon 2006. Die damalige Bundesregierung

wollte das Transportgewerbe bei der

Einführung der Schwerlastabgabe schonen,

indem sie den Unternehmen über die

Mineralölsteuer den exakten Maut-Betrag

erstattete. Die Idee brachte Brüssel auf,

und Berlin knickte ein. Dobrindt verweist

nun auf Großbritannien: London hat im

April dieses Jahres eine Lkw-Maut eingeführt

und gleichzeitig die Kfz-Steuer gesenkt.

Für einige Transporteure dürfte die

22 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: IMAGO/RÜDIGER WÖLK, LAIF/H. C. PLAMBECK, GETTY IMAGES (2), LAIF/J. ARLT. VISUM/J. GYARMATY

Maut so kostenneutral sein, aber eben

nicht für alle.

Das wird auch die EU einfordern. Der

CSU-Minister will nun in den kommenden

Wochen gemeinsam mit den Brüsseler Bürokraten

ein Konzept erarbeiten. Fraglich

nur, ob Dobrindt sein Versprechen, die

Pkw-Maut werde keinen einzigen deutschen

Autofahrer zusätzlich belasten,

dann noch halten kann.

Nichts Schöneres könnten sich die Sozialdemokraten

vorstellen.

Manuela Schwesig, SPD

Schlechte Spitzenmänner gibt es

wirklich schon genug.

Den vielleicht schönsten

Satz zum Thema

Frauenquote hat die

neue Wirtschaftsweise

Isabel Schnabel gesagt.

„Es gibt genügend unfähige

Männer in Spitzenpositionen“,

so die 42-jährige Finanzökonomin,

„da verkraften wir auch ein paar

Frauen.“ Wozu also die ganze Aufregung,

nach langen Jahren des politischen Tauziehens

und der nicht eingehaltenen Selbstverpflichtungen

seitens der Wirtschaft?

Die Schlacht ist geschlagen, die Argumente

sind ausgetauscht, die Frauenquote

kommt. Noch in diesen Sommerwochen

möchte Familienministerin Manuela

Schwesig (gemeinsam mit Justizkollegen

Maas) ihren Gesetzentwurf vom Kabinett

absegnen lassen. Er verpflichtet von 2016 an

rund 100 börsennotierte und zugleich mitbestimmungspflichtige

Unternehmen auf

eine Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten.

Und er schreibt zweitens 3500

weiteren größeren börsennotierten Unternehmen

vor, eigene Zielvorgaben zu erarbeiten

und zu veröffentlichen, die auf einen

höheren Anteil von Frauen in Vorstand, Aufsichtsrat

und Spitzenmanagement abzielen.

Diese Eckpunkte sind seit Monaten bekannt.

Trotzdem ist das Gezeter (noch einmal)

groß. Auf der einen Seite können sich

die Wirtschaftsverbände nicht recht entscheiden,

ob sie die Quote als „reine

Schaufensterpolitik“ der Lächerlichkeit

preisgeben oder aber als Generalangriff auf

die unternehmerische Selbstbestimmung

und das Leistungsprinzip verteufeln wollen.

Auf der anderen Seite monieren die

Grünen, das Gesetz sei nicht ambitioniert

genug. „Wir streiten seit mehr als zehn Jahren

für mehr Frauen in Aufsichtsräten“, so

die stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende

Kerstin Andreae: „Da springt Manuela

Schwesig deutlich zu kurz.“

Ginge es nach den Grünen, käme nur auf

die Kapitalseite eine gesetzliche 40-Prozent-Quote

in Aufsichtsräten von allen

3600 Unternehmen zu, während die Arbeitnehmerseite

ihre Vertreter entsprechend

des Geschlechterverhältnisses in

der Belegschaft entsenden dürfte – was eine

ziemliche Bevorzugung wäre.

KULTURWANDEL?

Einig sind sich Politik und Wirtschaft darin,

dass es sich bei der Quote vor allem um ein

symbolisches Instrument handelt: Mehr

Sichtbarkeit kann langfristig helfen, dass

weniger Frauen ihre Erwerbsbiografien unterbrechen,

mehr Frauen sich für Maschinenbau

und Chemie interessieren – und

dass die Unternehmenskultur in Deutschland

insgesamt familienfreundlicher wird.

Im Interesse der Sache täte die große Koalition

daher gut daran, manche Einwände

von Wirtschaft und Opposition nicht nur

noch einmal zu überdenken, sondern ihnen

auch zu folgen. Einen mittelständischen

Maschinenbauer mit zwei, drei Vorständen

zu zwingen, sich die Berufung einer

Frau ins operative Führungsgremium

zum Ziel zu setzen, obwohl es weit und

breit keine qualifizierten Bewerberinnen

gibt – das ist nicht nur merkwürdig, sondern

auch politisch nicht zielführend, weil

es die Quote verleumdungsfähig macht.

Auch kann niemand ein Interesse daran

haben, Frauen übereilig in Spitzenpositionen

zu befördern, denen sie möglicherweise

(noch) nicht gewachsen sind.

In den vergangenen Wochen jedenfalls

waren in Deutschland nicht mehr Frauen

in Vorstandsetagen sichtbar – sondern

mehr Frauen, die sich aus Vorständen verabschiedeten:

Von 19 Frauen, die seit 2008

in Dax-Vorstände berufen wurden, sind

sieben – darunter Brigitte Ederer, Barbara

Kux (Siemens), Marion Schick (Telekom)

und Elke Strathmann (Continental) –

schon wieder ausgeschieden.

Andrea Nahles, SPD

Einigkeit und Recht und... nichts als

Probleme.

Die Frau hatte noch

nicht genug. Der Koalitionspartner

schon.

Das schlanke Eckpunktepapier

zur Tarifeinheit

hatte Sozialministerin

Andrea Nahles

fertig abgestimmt, warum also nicht ins

Kabinett damit, noch schnell vor der

Sommerpause? Darum, fanden sie plötzlich

in der Union. Nicht noch mehr Nahles,

nach Rentenpaket und 8,50 Euro Mindestlohn.

Das Papier verschwand von der

Tagesordnung.

In der Tat ist die Sache, um die es geht,

kompliziert. Denn im Kern geht es um eine

Verfassungsfrage: Darf das Streikrecht

der Gewerkschaften des Unternehmensfriedens

zuliebe eingeschränkt werden –

oder nicht? Seit einem Gerichtsurteil aus

dem Jahr 2010 gilt der einstige Grundsatz

„ein Betrieb, ein Tarifvertrag“ nämlich

nicht mehr ohne Weiteres. Ein Tarifeinheitsgesetz

würde bei konkurrierenden

Gewerkschaften unter einem Dach künftig

wieder festlegen, wann welche das Sagen

hat.

Bei der Deutschen Bahn mit ihren Lokführern

oder der Lufthansa mit ihren Piloten

können sie ein garstiges Liedchen davon

singen, was es heißt, von kleinen, griffigen

Spartengewerkschaften in die Zange

genommen zu werden.

»

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 23

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Politik&Weltwirtschaft

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Warum die Sache dennoch ziemlich heikel

ist, wird an einem einzigen Satz deutlich.

Im Eckpunktepapier steht der brisante Passus,

die „Erstreckung der Friedenspflicht

aus dem Tarifvertrag der Mehrheitsgewerkschaft“

schließe auch eine Minderheitsvertretung

mit ein. Erbitterte Gegner der Tarifeinheit

wie die Ärztevertretung Marburger

Bund geißeln dies als „Frontalangriff“ auf

das Grundgesetz. Artikel 9 schütze schließlich

das Streikrecht. Wie praktisch, dass mit

Rudolf Henke der Chef des Marburger Bundes

im Bundestag sitzt. Für die CDU.

Noch schwieriger wird die Angelegenheit

für Nahles als federführende Ministerin,

weil Arbeitgeberverband und Deutscher

Gewerkschaftsbund (DGB) sich in

der Sache schon mal einiger waren. Noch

während der Koalitionsverhandlungen

hatten Arbeitgeber und DGB gemeinsame

Sache gemacht und den Verhandlern Einigkeit

in Sachen Tarifeinheit signalisiert.

Doch mittlerweile ziehen im DGB nicht

mehr alle am gleichen Arbeiterstrang. Vor

allem die Dienstleistungsgewerkschaft

Verdi will nicht mehr, sie ist sich ihrer Stärke

nicht mehr so sicher. Nahles ist also eingekeilt

zwischen Unions-Kritik und Gewerkschaftsforderungen

– ein Déjà-vu.

Ursula von der Leyen, CDU

Das bisschen Drohne macht sich von

alleine an. Fast.

Ursula von der Leyens

Einstieg in diese Aufführung

war so sorgfältig

inszeniert, wie es

nur die Frau ohne Fragezeichen

kann. Eine

Anhörung des Bundestags-Verteidigungsausschusses

nutzte sie,

um sich an das heikelste Anliegen ihrer

Amtszeit heranzupirschen. Die deutsche

Drohne, bisher schaut sie nur auf Afghanistan

herab. Und vom Gefühl her, das weiß

die Ministerin, sagt der Durchschnittspazifist:

Das soll mal schön so bleiben. Aber

von der Leyens Generäle, die sehen das ein

wenig anders. Und deshalb hat die Ministerin

ein Problem, das sie eine Herausforderung

nennen würde. Und was tut man

mit Herausforderungen? Richtig, man

meistert sie.

Anfang Juli also die Anhörung: Ein General

darf da sprechen, aber auch ein Friedensforscher,

obwohl es hier ja eindeutig

eher um Krieg geht als um Frieden. Macht

nichts, die Verteidigungsministerin hat

jetzt die Grundlage für das geschaffen, was

sie ein paar Stunden später in einer Bundestagsrede

einläutet. „Dies kann nur der

Einstieg in eine gesamtgesellschaftliche

Debatte sein“, sagt sie. Und legt nach, wie

sie die Sache sieht. Eine „Schutzlücke“

müsse man hier schließen. Wer denkt bei

diesem Wort bitte noch an Krieg? Die Erklärung:

Wenn die Bundeswehr Truppen

bewegt, dann sehen die Generäle heutzutage

zwar per Drohne, wenn Feinde sich

ihr nähern, können aber nicht direkt aus

der Luft eingreifen. Deshalb: bewaffnen.

Obwohl, so scharf meint sie das auch

wieder nicht. Sie spaltet deshalb die Frage

auf, um es ihren potenziellen Gegenspielern

noch ein bisschen schwieriger zu machen.

Sie spreche sich ja erst mal nur für

bewaffnungsfähige Drohnen aus, ob die

dann auch bewaffnet werden, muss eines

Tages der Bundestag entscheiden.

ENTWAFFNENDE DEBATTE

Ethische Konflikte? Offene Zweifel beim

Koalitionspartner? Von der Leyen schweigt

jetzt erst mal wieder, kann sie auch. Anders

als im vergangenen Jahr, als ihr Vorgänger

Thomas de Maizière sich an der unbemannten

Luftfahrt versuchte, ist der Aufschrei

schon nach ein paar Stunden verklungen.

Kleinere Tumulte bei der aktuellen

Stunde, das war’s. Fraglich aber, ob es

dabei bleibt. Denn es gibt durchaus ein

paar vernünftige Einwände, die man vortragen

könnte. Zum Beispiel: Warum überhaupt

die bewaffnungsfähige Drohne kaufen,

wenn man erst mal nicht bewaffnen

will? Entgegnung der Generäle: Die modernen

Drohnen sind alle bewaffnungsfähig,

wer aktuelle Technik will, kommt nicht

drum herum. Stimmt, aber Airbus sagt:

Der Leasingvertrag lässt es jedes Jahr zu,

das Modell zu ändern. Und die aktuelle

Drohne klärt nach wie vor toll auf. Und billiger

ist sie auch.

Auch darauf wird die Ministerin eine

Antwort vorbereiten. Zum Beispiel: sich alle

Möglichkeiten, die unsere Rechtsordnung

zulässt, offenzuhalten. Oder: Die

Drohne kann zwar alles, aber sie muss

nichts. Wie die Ministerin selbst. Im Herbst

wird der unbemannte Alleskönner dann

wahrscheinlich gekauft. Das Unbemannte,

es lag der Frauenquoten-Erfinderin von

der Leyen schon immer besonders gut.

Heiko Maas, SPD

Nicht nur Mieten kann man bremsen,

sondern auch den Koalitionspartner.

Jan-Marco Luczak ist

ein höflicher Mensch

mit guten Umgangsformen.

Der Holzhammer

liegt wahrlich nicht im

politischen Werkzeugkasten

des CDU-Bundestagsabgeordneten

aus Berlin. Doch seine

Ungeduld wächst, sie wächst seit Wochen.

Und der Mann, der Luczaks Gemüt

so sehr auf die Probe stellt, ist Heiko Maas.

Im Frühjahr präsentierte der Justizminister

seinen Entwurf für eine Mietpreisbremse,

und man kann nicht sagen, dass er beim

Koalitionspartner damals Begeisterungsstürme

auslöste.

Im Prinzip ist auch die Union für eine

Deckelung von Mietpreisen, aber zwischen

Prinzip und Praxis liegt manchmal ein tiefer

Graben. Kaum war der Entwurf da, beugte

sich der Mietrechtsexperte Luczak über

das Maas’sche Gesetz, kurze Zeit später war

die Liste an dringenden Änderungswünschen

schon ziemlich lang. In dieser

Fassung, das signalisierte die Union der

SPD danach bei jeder sich bietenden

Gelegenheit, würde das mit der Mietpreisbremse

nichts.

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, STUDIO X /POLARIS, LAIF/ZENIT, WERNER SCHÜRING

24 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Was zunächst wie der Auftakt zum üblichen

Kompromiss-Ritual aussah, war der

Beginn von: nichts. Noch immer steht der

erste Entwurf im Raum, ohne echte Korrekturen.

„Maas muss den Gesetzentwurf

nachbessern – so darf er nicht ins Kabinett“,

fordert Luczak nun. Sein wichtigster Einwand:

„Investitionen drohen abgewürgt zu

werden.“

Dass Mieten bei Neuvermietung künftig

nur zehn Prozent über einem ortsüblichen

Durchschnitt liegen dürfen – schön und

gut, auch aus Sicht der Union. Nicht nur in

Luczaks Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg

klettern schließlich die Mieten, auch in anderen

Metropolen geht es stramm nach

oben. Aber wie sorgt man dafür, dass auch

neu gebaut wird, was letztlich das einzige

wirksame Mittel gegen den Nachfragedruck

ist?

»Wir werden noch

sehr lange zahlen«

INTERVIEW | Angel Gurría Der OECD-Generalsekretär über die

Nachwirkungen der Finanz- und Euro-Krise und warum er den

Mindestlohn in Deutschland besser findet als den in Frankreich.

FOTO: LAIF/REA

NICHT NACH GUSTO

Die Probleme verstecken sich im Kleingedruckten:

Die Union will, das die Bremse

maximal einmal fünf Jahre gelten darf, um

eben Investoren nicht nachhaltig zu verschrecken.

„Kettenmietpreisbremsen darf

es nicht geben“, fordert Luczak. Er will außerdem,

dass die Bundesländer nicht einfach

nach Gusto entscheiden dürfen, wo es

angespannte Mietmärkte gibt. Objektive

Kriterien müssen her. Gleiches gilt für die

sogenannte ortsübliche Vergleichsmiete.

Ihr Zustandekommen ist je nach Kommune

mal mehr, mal weniger seriös.

Was Heiko Maas von alldem hält? Bei

seinem Auftritt in Potsdam beließ er es bei

dem zarten Eigenlob, die SPD habe da einen

„nicht ganz unwesentlichen Gerechtigkeitspunkt“

auf die Agenda gesetzt.

„Nach der Sommerpause“ sei es so weit.

Na dann, frohes Schaffen.

n

max.haerder@wiwo.de | Berlin, konrad fischer,

christian schlesiger, dieter schnaas, cordula tutt

Schneller Anstieg

Wohnungsmieten und Verbraucherpreise

in Deutschland (2007=100)

120

115

110

Miete

105

Verbraucherpreise

100

07 08 09 10 11 12 13 14*

* Prognose; Quelle: IMX, Immobilienscout24,

Statistisches Bundesamt

Herr Gurría, in ihrer neuesten Studie* wagt

die OECD eine steile Prognose: In Deutschland

könnten die Einkommensunterschiede

2060 so groß sein wie heute in den

USA. Haben die Autoren da nicht ein wenig

Science-Fiction betrieben?

Wenn man 50 Jahre vorausblickt, weiß

man eigentlich nur, dass man vermutlich

falsch liegen wird. Kleine Veränderungen

bei den Annahmen können über

einen so langen Zeitraum große Abweichungen

beim Ergebnis bedeuten. Die

Studie dient dazu, den Blick und die

Gedanken zu schärfen. Es geht darum,

einzelne Reformen nicht isoliert umzusetzen,

sondern eine ganze Serie von

Reformen anzupacken.

* „Shifting Gear: Policy challenges for the next 50 years“

DER RATGEBER

Gurría, 64, ist seit 2006 Generalsekretär der

OECD. In seinem Heimatland Mexiko war er

von 1994 bis 1998 Außenminister und

anschließend bis 2000 Finanzmister. Der

studierte Ökonom arbeitete auch für einige

internationale Non-Profit-Organisationen.

Seit dem Welterfolg des Buches „Das

Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas

Piketty redet auch die OECD über

Ungleichheit. Stellt Ihre Organisation jetzt

auf einmal die Marktwirtschaft infrage?

Über Ungleichheit haben wir bereits vor

zehn Jahren gesprochen, und wir haben als

Erste damit begonnen, sie zu dokumentieren.

Heute sind wir glücklich, dass sich ein

Bestseller dieses Problems annimmt

»

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 25

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Politik&Weltwirtschaft

»

und dass US-Präsident Barack Obama

erklärt hat, der Kampf gegen die Ungleichheit

sei das wichtigste Thema seiner verbleibenden

Amtszeit. Sogar der Internationale

Währungsfonds schreibt heute Papiere

über Ungleichheit.

Also ein Modethema?

Mode kommt und geht. Die Ungleichheit

aber wächst. Das hat bereits vor der Krise

begonnen. Aber damals wuchs sie noch

langsamer. In den ersten drei Krisenjahren

nahm die Ungleichheit stärker zu als in den

zwölf Jahren zuvor. Im Durchschnitt der

OECD-Länder verdienen die obersten zehn

Prozent der Bevölkerung heute 9,5 Mal so

viel wie die untersten zehn Prozent. Die

Ungleichheit ist um 35 Prozent gewachsen.

In den USA sind die Auswirkungen dieser

Entwicklung deutlich spürbar. Dort gibt es

nicht den europäischen Wohlfahrtsstaat.

Ist die Sorge um die wachsende Ungleichheit

auch der Grund dafür, dass Sie

die Einführung eines Mindestlohns in

Deutschland begrüßen?

Der Mindestlohn ist sinnvoll – und er wird

die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands

nicht gefährden.

Das überrascht uns, denn die französische

Variante haben Sie kritisiert. Liegt das

daran, dass der französische Mindestlohn

mit derzeit 9,53 Euro pro Stunde höher

ist als der deutsche?

Ein Stundenlohn von 8,50 Euro ist für

Deutschland nicht außergewöhnlich hoch.

Aber die Politik geht damit ein Problem an,

das nicht besonders bekannt ist: dass es

nämlich ein Lumpenproletariat gibt, einen

sehr schlecht ausgebildeten und schlecht

bezahlten Teil der Arbeiterschicht. Der lebt

und arbeitet unter Bedingungen, die man

in einem Land wie Deutschland nicht unbedingt

erwarten würde.

Es gibt Warnungen, dass gerade dieser

Teil wegen des Mindestlohns noch

schwerer Arbeit finden wird...

Diese Sorge teile ich nicht. Jeden Cent, den

diese Menschen mehr verdienen, werden

sie ausgeben, um ihre Bedürfnisse zu decken.

Das wird den Privatkonsum stärken,

die Importe und damit auch die Handelsbilanz

ein wenig ausgleichen, die ja Gegenstand

einiger Kontroversen ist.

Wo liegt das Problem des französischen

Mindestlohns?

In Frankreich liegt der Mindestlohn sehr

nahe am Durchschnittslohn. In so einem

Fall gibt es für Unternehmer keinen Grund,

neue Arbeitsplätze zu schaffen. Und wer

wird draußen bleiben? Die jungen Leute

natürlich. Wir haben deshalb eine differenzierte

Herangehensweise vorgeschlagen,

einen nach Regionen und Alter gestaffelten

Mindestlohn. Ein 15-Jähriger kann keinen

vollen Mindestlohn erwarten, weil er auch

nicht die volle Arbeitsleistung bringt, weil

er noch sehr grün und unerfahren ist.

Großen Anklang findet Ihr Vorschlag in

Paris nicht. Überhaupt scheinen dort viele

der Überzeugung anzuhängen, dass

Reformen schädlich sind und dass Sparen

und Wachstum sich ausschließen.

Das Gegeneinanderstellen von Austerität

und Wachstum führt zu einer falschen Debatte.

Das Problem liegt eher darin, dass

die Politiker mit Entscheidungen konfrontiert

sind, die sich scheinbar gegenseitig

ausschließen.

»Der Euro-

Stabilitätspakt

muss seine Zähne

zeigen, aber

auch flexibel sein«

Nämlich?

Wir müssen akzeptieren, dass die zurückliegende

Krise brutal war. Wir werden eine

sehr lange Zeit dafür bezahlen müssen;

mit vielen Arbeitslosen, gesunkener Lebensqualität,

hohen Schulden, wachsender

Ungleichheit und einer Erosion des

Vertrauens in die Institutionen, deren Folgen

wir noch gar nicht abschätzen können.

Normalerweise würden Politiker viel Geld

ausgeben, um das Vertrauen wieder herzustellen

und den Arbeitslosen zu helfen.

Doch nun sagt man ihnen, dass sie das

Geld bereits ausgegeben haben und stattdessen

ihre Schulden abbauen und Strukturreformen

anpacken müssen, die aber

erst langfristig wirken werden. Das kann

man nun bedauern, aber es ist so: Die einzigen

Lösungen, die wir kurzfristig zur Verfügung

haben, sind die, die erst langfristig

wirken.

Sie haben die Europäische Zentralbank

(EZB) mehrfach aufgefordert, die Krisenländer

mit einer lockeren Geldpolitik zu

unterstützten. Sind Sie nun zufrieden?

Der Leitzins bleibt vorerst auf einem

Rekordtief von 0,15 Prozent. Banken, die

ihr Geld bei der Notenbank parken,

müssen einen Strafzins bezahlen.

Sagen wir, ich bin zufriedener. Der Strafzins

wird die Welt nicht aus den Angeln heben,

aber er ist ein Signal. „Ich will, dass ihr

das Geld verleiht“, lautet die Botschaft der

EZB an die Banken, „an andere Banken

oder sonst jemanden, aber parkt es nicht

über Nacht bei mir, denn das wird euch

Geld kosten.“ Ich denke die EZB wird, anders

als die amerikanische und die britische

Notenbank, noch eine ganze Weile

die Zinsen niedrig halten müssen.

Mit Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft

hat Italiens Regierungschef Matteo

Renzi erneut die Einführung von Euro-

Bonds gefordert. Wie stehen Sie dazu?

Euro-Bonds könnten hilfreich sein, wenn

es Pro-Rata-Klauseln gäbe, die besagen,

dass jedes beteiligte Land nur für seinen

Anteil an solchen Bonds geradestehen

müsste. Das ist eine juristische Formalität,

die in der Vergangenheit Probleme aufwarf,

als es um die Kredite des Krisenfonds

EFSF oder um den europäischen Stabilitätsmechanismus

ESM ging. Wenn man allerdings

über ein Pro-Rata-Risiko spricht,

stellt sich auch die Frage nach den Erträgen.

Wenn Deutschland zum Beispiel mit

25 Prozent haftet, müsste es auch 25 Prozent

der Zinsen erhalten.

Würde mit der Pro-Rata-Option nicht der

erhoffte Zinsvorteil wegfallen?

Natürlich würden Pro-Rata-Bonds nicht

dieselben, aber immerhin noch einige

Zinsvorteile bieten. Durch die begrenzte

Haftung würde es außerdem einigen Ländern

leichter fallen, dieses Instrument zu

akzeptieren. Es wäre eine große und sichere

europäische Anlagemöglichkeit, auf die

die Finanzmärkte im Fall des Falles zugreifen

könnten.

Länder wie Italien und Frankreich fordern

zudem mehr Spielraum für das Erreichen

ihrer Defizitziele. Mehr Zeit oder Ausnahmeregelungen

für öffentliche Investitionen.

Haben Sie Verständnis für solche

Forderungen?

Der Europäische Stabilitäts- und Wachstumspakt

wird dazu beitragen, dass die Euro-Zone

künftig widerstandsfähiger ist. Der

Pakt muss seine Zähne zeigen. Allerdings

muss er im Nachgang einer großen Krise

auch die notwendige Flexibilität bieten. Es

gibt für alles Grenzen, jede Entscheidung

muss auf Basis ökonomischer Vernunft

und verbindlich ausgehandelter Bedingungen

für die betroffenen Länder getroffen

werden. Willkürliche Entscheidungen,

die unter politischem Druck entstehen,

müssen wir vermeiden.

n

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris

26 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Partnerschaft süß-sauer

CHINA | Bundeskanzlerin Angela Merkel macht sich für engere Beziehungen mit Peking stark. Doch

Repression nach innen und Aggression nach außen könnten das Bündnis schon bald belasten.

Die Mutti kocht

Kanzlerin Merkel

lernt in Chengdu

die Geheimnisse

der Sichuan-

Küche kennen

Die Menge kocht

Demonstranten

in Hongkong

begehren auf

gegen Pekings

Machtanspruch

FOTOS: DDP IMAGES/XINHUA, MAURITIUS IMAGES/ALAMY

China ist ein Land der Superlative –

sogar bei der Gastfreundschaft. Angela

Merkel, bereits zum siebten Mal

zu Besuch, konnte sich vergangene Woche

vor Ehrerbietung und Nettigkeiten kaum

retten. Begrüßung mit Salutschüssen, lange

Gespräche und Essen nicht nur mit dem

Ministerpräsidenten, sondern auch mit

dem Präsidenten – als wäre sie ein Staatsoberhaupt.

Deutschlands Journalisten dürfen

in der gemeinsamen Pressekonferenz

zumindest zwei Fragen stellen – bei anderen

Gästen aus Europa lehnt das chinesische

Protokoll derlei lästige Auswüchse der

Demokratie ab. Sogar ihren früheren Kollegen

Wen Jiabao darf die Kanzlerin treffen –

obwohl Ex-Politiker in Peking normalerweise

in der Versenkung verschwinden.

In der Außenpolitik ist es wie im Privatleben:

Freunde kann man sich aussuchen,

Verwandte nicht. Entsprechend unterscheidet

die deutsche Diplomatie Partner und

Alliierte. Zu Ersteren baut sie Beziehungen

auf, Letztere hat sie aus der Geschichte geerbt.

Schwierig wird es, wenn man sich zwischen

beiden entscheiden muss.

Die Krönung des Berliner Internationalismus

ist die „strategische Partnerschaft“.

Sie gilt als Ritterschlag, sie macht aus einem

normalen Gegenpart einen Bundesgenossen

zur Bewältigung der Zukunft.

Sparsam geht Deutschland mit diesem Attribut

um. Nur die BRIC-Staaten Brasilien,

Russland, Indien und China sowie Australien

genießen bisher dieses Prädikat.

Doch das deutsche Geflecht aus Gefährten

de Luxe ist bedroht. Der enge Draht zu

Russland ist im Zuge des Ukraine-Konflikts

bereits brüchig geworden. Bald schon

könnte auch die Partnerschaft mit China belastet

sein. Noch ist der offizielle Tenor bei

Bundesregierung und Wirtschaft einhellig:

Zwischen Deutschland und China gibt es

keine Krim, um die es Streit geben könnte.

GIBT ES DENNOCH PARALLELEN?

„Bisher hat Deutschland eine Mittlerposition

zwischen dem Westen und China eingenommen“,

sagt ein Regierungsberater.

„Sollte es aber Unruhen in Hongkong geben,

müsste Deutschland Position beziehen.“

Auch die Spannungen zwischen China

und Japan nehmen zu. Allerdings: Sanktionen

im europäisch-chinesischen Handel

würden beide Seiten ungleich härter treffen

als im Konflikt des Westens mit Putin.

Noch sieht Deutschland das Verhältnis

zu China als etwas ganz Besonderes, das es

mit immer neuen Attributen und Foren

aufzuladen gilt. Bei Merkels Besuch Anfang

der Woche kam ein „Deutsch-Chinesischer

Beratender Wirtschaftsausschuss“

hinzu, in dem erstmals Unternehmen beider

Länder ihre Wünsche an die Regierungen

formulierten. 2015 ist das Jahr der „Innovationspartnerschaft“,

und mit Stolz und

Zuversicht lobte Merkel „70 ständige Dialog-

und Kooperationsformate“.

Doch hinter der glänzenden Fassade

wachsen Probleme heran. „Nach einem goldenen

Jahrzehnt kommen die deutsch-chinesischen

Beziehungen nun in schwierigeres

Fahrwasser“, sagt Sebastian Heilmann,

Politikprofessor an der Universität Trier und

Direktor des Mercator Institute for China

Studies in Berlin. Auch er registriert „Verhärtungsanzeichen

in der chinesischen Innenpolitik“

und Territorialkonflikte im Südchinesischen

Meer. Vor allem aber: „Die Großmachtrivalität

zwischen China und den USA

bricht offen auf.“ Kanzlerin Merkel brachte

es beim Mittagessen mit Ministerpräsident

Li Keqiang offen und direkt auf den Punkt.

China habe sich im UN-Sicherheitsrat enthalten,

als es um den Anschluss der Ukraine

an Russland ging. „Hätte das Ihr Land auch

gemacht, wenn Obama die Krim annektiert

hätte?“ Li stutzte kurz, wand sich dann aber

heraus: „Das ist ein hypothetischer Fall.“

Nicht nur prominente Regimegegner

»

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 27

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Politik&Weltwirtschaft

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wie der Künstler Ai Weiwei werden arrestiert

oder eingekerkert. Seit Monaten

wurden Hunderte Blogger eingeschüchtert

und weggesperrt, schon halbkritische Internet-Seiten

sind blockiert. Auch zum Botschaftsempfang

zu Merkels Besuch durften

die meisten der geladenen Regimekritiker

nicht kommen. Zensoren löschten alle

Meldungen, die über ein mögliches politisches

Signal von Merkels Treffen mit dem

ehemaligen Ministerpräsidenten Wen Jiabao

spekulierten, berichtete die Hongkonger

Netzplattform Weiboscope.

Hubert Lienhard, Vorsitzender des

Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen

Wirtschaft (Apa) und im Hauptberuf Vorsitzender

der Konzerngeschäftsführung

beim Anlagenbauer Voith, registriert bei

der chinesischen Regierung, sie werde

„nichts riskieren, was die innere Ruhe gefährdet“.

Auch die verstärkten Bemühungen

um den Umweltschutz hingen eng damit

zusammen, denn „die Partei hat den

Eindruck, dass daraus eine Gefährdung

wird“. Die Menschen hätten Angst um ihre

Kinder und richteten klare Forderungen an

das Regime.

ZUNEHMEND AGGRESSIV

Politisch und für die deutsche Wirtschaft

ungleich riskanter ist Chinas Außenpolitik.

Das Land begegnet seinen Nachbarn zunehmend

schroff und aggressiv. In diesem

Jahr steigert es seine Rüstungsausgaben um

zwölf Prozent auf offizielle 95 Milliarden Euro.

Internationale Experten veranschlagen

den wahren Wert eher auf knapp 150 Milliarden

Euro. „China wird seine Souveränität,

Sicherheit und Entwicklungsinteressen

energisch schützen“, kündigte Ministerpräsident

Li im März vor dem Volkskongress

an. Durch die Gebietsansprüche im Südchinesischen

Meer nehmen die Spannungen

mit seinen Nachbarn zu: mit Vietnam, den

Philippinen und Malaysia.

Unversöhnlicher denn je ist das Verhältnis

zu Japan, dem verhassten Kriegsgegner.

Merkels Visite just am 77. Jahrestag des japanischen

Angriffs münzten die offiziellen

Medien als Zeichen Merkels um, dass sie

sich auf die Seite Pekings schlage; dabei

wusste die Kanzlerin gar nichts von dem

historischen Datum. Ministerpräsident Li

freilich nutzte die Pressekonferenz mit

dem Gast aus Deutschland zu einer weiteren

Attacke auf den Nachbarn. Damals hätten

die „Militaristen in Japan“ sein Land

angegriffen; man müsse aber „aus der Geschichte

lernen“. Anfang Juli veröffentlichte

das Staatsarchiv die Geständnisse japanischer

Kriegsverbrecher – 69 Jahre nach der

Kapitulation des Feindes.

Dass es in Zukunft nicht einfacher wird,

sieht auch die deutsche Wirtschaft. „Wir

befinden uns gerade in einer sehr spannenden,

aber auch herausfordernden Phase“,

sagt Jürgen Fitschen, Co-Vorsitzender

des Vorstands der Deutschen Bank. „Mit

den letzten Regierungswechseln in China,

Indien und Japan haben wir dort nun drei

starke Führungspersönlichkeiten mit einem

starken nationalen Fokus.“

Zudem stoße sich das wachsende chinesische

Selbstbewusstsein an dem globalen

Führungsanspruch der USA. „Chinas Rivalität

mit den USA nimmt zu. China wird in

absehbarer Zeit zur größten Wirtschaftsmacht

der Welt aufsteigen. Das wird nicht

Konfrontation im Südchinesischen Meer

Es geht um Öl, Gas und Schifffahrtsrouten

ganz ohne Spannungen mit den USA bleiben.

Ich glaube aber nicht, dass dies zu einer

ernsthaften Eskalation führen wird.“

Auswirkungen auf das Verhältnis zu

Deutschland – und damit auf die deutsche

Wirtschaft – erwartet der Bankvorsteher

nicht. „Ich sehe nicht, dass Deutschland

sich zwischen China und den Partnern in

Europa und den USA entscheiden müsste.“

Zumal Deutschland in China hohes Ansehen

genieße.

Auch Siemens-Vorstandsvorsitzender

Joe Kaeser sieht keine Parallelen zwischen

der deutsch-russischen und der deutschchinesischen

Superpartnerschaft. „Russland

ist eine One-Man-Show, da kann eine

»Die Rivalität

zwischen China

und den USA

bricht offen auf«

Sebastian Heilmann, Politikprofessor

Person eine Veränderung bringen. Das ist

weniger kalkulierbar als China, das von einem

Kollektiv geführt wird. Das macht

ruckhafte Veränderungen unmöglich.“ Der

Siemens-Chef sieht China als verlässlichen,

aber auch kompromisslosen Geschäftspartner.

Deutschland müsse aufpassen,

dass die „Förderung nationaler

Unternehmen“ nicht überhand nehme.

Firmen in ausländischem Besitz würden

nach wie vor diskriminiert: „Wir werden

nicht als lokales Unternehmen angesehen,

obwohl wir hier zu 100 Prozent fertigen.“

WIRTSCHAFTLICHE KONSEQUENZEN

Die Bundesregierung sieht mit Sorge,

wie sich das Regime in Peking seit dem

Generationswechsel immer aggressiver

gebärdet. Zwar setzen auch die jüngeren

Spitzenkader der Kommunistischen Partei

auf wirtschaftliche Lockerung; so starten

sie gerade in Shanghai eine Freihandelszone.

Ansonsten aber verbindet Staatspräsident

Xi Jinping, der inzwischen so viel

Macht auf sich vereinigt hat wie kein chinesischer

Führer seit Mao Tse-tung, Stärke

nach außen mit Repression nach innen.

Der von Xi ausgerufene „chinesische

Traum“ sei vor allem die Rückkehr zu Nationalismus

und Hegemonie. Im Gegenzug

wachse die Neigung in den Anrainerstaaten,

sich den USA anzunähern. Vietnam

beispielsweise, einst Kriegsgegner der Vereinigten

Staaten, fühle sich angesichts der

Bedrohung durch den riesigen Nachbarn

plötzlich zu Washington hingezogen, was

die Rivalität zwischen China und den USA

nur noch steigere.

Noch sei Deutschland in China als Mittler

und Partner angesehen, weil die chinesische

Machtpolitik es nicht als Konkurrenten

sieht. Ähnliches aber galt lange auch im

deutsch-russischen Verhältnis. Immerhin

seien die Deutschen „heute doch die einzigen,

die mit Russland noch reden können“,

mahnt Apa-Chef Lienhard. Das deutschchinesische

Verhältnis sei gut, nie dürfe

man den Kontakt verlieren. „Wir haben

hier in China das Ansehen, dass man mit

uns reden kann.“ Sanktionen im Falle einer

Zuspitzung – daran mag Lienhard gar nicht

denken. „Ich möchte nicht wissen, wie viele

Leute wir dann entlassen müssten.“

Es sei zu hoffen, dass die Herrscher in

Peking „erkennen, dass zu viel Aggressivität

auch zu wirtschaftlichen Konsequenzen

führen kann“, heißt es im Kanzleramt.

„Wenn es mit Japan rappelt, kann das

schnell gehen.“

n

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin

FOTO: IMAGO/XINHUA

28 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Gaza in Panik

Von Israel aus der Luft

zerstörtes Auto von

Hamas-Aktivisten

Ohne Samthandschuhe

NAHOSTKONFLIKT | Im neu aufgeflammten Krieg zwischen Palästinensern und Israelis gibt es

kein absehbares Ende – bis auf den materiellen Schaden auf beiden Seiten.

FOTO: MAURITIUS IMAGES/ALAMY

Israels Wirtschaftselite lauschte einem

seltenen Gast, dessen oberste Amtspflicht

eigentlich Verschwiegenheit ist.

Tamir Pardo, Chef des Geheimdiensts

Mossad, besuchte vor einiger Zeit ein diskretes

Treffen von gut zwei Dutzend Top-

Managern und Großunternehmern in einer

privaten Villa bei Tel Aviv. Kern seiner

Botschaft: Israel ist gefährdet – und zwar

nicht so sehr durch den Iran, wie es Ministerpräsident

Benjamin Netanjahu immer

wieder verkündet, sondern durch die palästinensischen

Nachbarn.

Wenige Tage später begann die neue

blutige Runde im endlosen israelisch-palästinensischen

Konflikt. Es ist das bekannte

Muster: Die radikale Hamas, Herrscherin

über die Palästinenser im Gazastreifen,

beschießt israelische Städte und Dörfer mit

Raketen, die kaum treffen, aber die Bewohner

des israelischen Südens in permanente

Angst versetzen. Die israelische Luftwaffe

reagiert mit massiven Luftangriffen auf den

Gazastreifen, bei denen auch Zivilisten

sterben. Worauf die Eskalation weitergeht:

Einzelne Hamas-Raketen fliegen bis Tel

Aviv und noch weiter nördlich gegen die

Küstenstadt Hadera. Ministerpräsident

Netanjahu, in militärischen Dingen ein

Zauderer, zieht nach eigenem Bekunden

„die Samthandschuhe“ aus und ordnet den

Aufmarsch von Bodentruppen für eine

mögliche Invasion des Gazastreifens an.

EIN SCHEINKOMPROMISS

Was derzeit passiert, lief so ähnlich im Sommer

2006, im Winter 2008 und im November

2012. Er gab kurze Kriege mit Verwüstungen

in Gaza, danach folgte ein schneller,

aber brüchiger Waffenstillstand. Der Sieg

einer Seite, der die andere auf Dauer am

Kämpfen hindert, scheint undenkbar. Der

Friede aber auch. Anders ist kaum zu erklären,

warum die palästinensische Autonomiebehörde

im Westjordanland auf einmal

so tut, als sei sie die Propagandaabteilung

ihrer Erzrivalen von der islamistischen Hamas

in Gaza. Die Einigung der beiden palästinensischen

Strömungen vor ein paar Monaten

war ein Scheinkompromiss. Mahmud

Abbas, der Präsident der Autonomiebehörde,

hatte Israel nach der Entführung dreier

am Ende ermordeter Jugendlicher durch

Hamas-Leute Unterstützung zugesagt. Seine

Leute unterstützen die israelischen Sicherheitskräfte

im Westjordanland. Jetzt

aber nennt der Palästinenserpräsident Israels

Vorgehen in Gaza „Völkermord“ – verbaler

Radikalismus aus Furcht vor den wirklich

Radikalen in der eigenen Bevölkerung.

Eine berechtigte Furcht. Hinter dem

Hang vieler Palästinenser zu selbstmörderischer

Aggression steckt pure Verzweif-

»

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 29

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Politik&Weltwirtschaft

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lung. Mit einem Bruttoinlandsprodukt

(BIP) pro Kopf von jährlich um die 3000

Dollar stehen die palästinensischen Gebiete

im Vergleich zu allen Ländern der Region

ganz unten. Und dieses BIP ergibt sich zum

größten Teil aus der Staatstätigkeit der Autonomiebehörde

in Ramallah und ihrer rebellischen

Gegenspieler in Gaza. Privatunternehmen

haben es schwer, weil Israel keine

Produkte ins Land lässt, die heimischen

Unternehmen Konkurrenz machen. Hinzu

kommen Grenzsperren und schikanöse

Verkehrskontrollen. Entsprechende palästinensische

Klagen beschäftigen seit Jahrzehnten

die internationale Politik.

20 MILLIARDEN FÜR DIE MISERE

Allerdings sind viele Probleme auch hausgemacht.

Die palästinensische Quasi-Regierung

in Ramallah ist ein Hort der Korruption

und Günstlingswirtschaft, das Gleiche gilt für

die Hamas-Regierung in Gaza und die meisten

palästinensischen Kommunalverwaltungen.

Internationale Hilfen von zusammengerechnet

mindestens 20 Milliarden

Dollar in den vergangenen zwei Jahrzehnten

haben die Misere nur befördert. Fälle von

persönlicher Bereicherung durch wichtige

Leute der Autonomiebehörde haben den

Aufstieg der Hamas-Radikalen erst möglich

gemacht. Aber auch ohne kriminellen Missbrauch

war die Entwicklung einer lebensfähigen

Volkswirtschaft kaum möglich, solange

Exportwege und sogar der Verkauf von

Gütern in Nachbarstädte aus politischen

Gründen ausgeschlossen waren und neben

den quasi-staatlichen Behörden kaum zahlungskräftige

Kundschaft existierte.

Bis 2013 versuchte Premierminister Salam

Fayyad, ein früherer Weltbank-Ökonom,

in Palästina eine funktionierende

Volkswirtschaft ins Laufen zu bringen. Er

scheiterte am mangelnden Kooperationswillen

der israelischen Regierung, an seiner

korrupten Verwaltung und am mangelnden

Vertrauen potenzieller ausländischer Investoren.

Seitdem gibt es in Ramallah keine

ernst zu nehmenden Wirtschaftspolitiker

mehr. Präsident Abbas scheint die Verarmung

als Argument für amerikanischen

Druck auf Israel billigend in Kauf zu nehmen.

Zumal die internationalen Hilfen weiter

fließen – pro Jahr nach Berechnungen

der Weltbank bis zu 1,8 Milliarden Dollar,

das entspricht knapp einem Fünftel des palästinensischen

BIPs.

Der wichtigste Geldgeber sind die USA,

und die scheinen sich mit der Misere abgefunden

zu haben. Die palästinensische Autonomiebehörde,

heißt es in einem Papier

Kurze Wege zwischen

den Feinden

M i

t t

e l

m e

Gaza (Stadt)

Gazastreifen

Ä G Y P T

Hadera

Tel Aviv-Jaffa

Palästinensische

Autonomiegebiete

E N

e r

I

S

R

50 km

A

Jerusalem

Dimona

Totes

Meer

der CIA, „wird auf absehbare Zeit für ihren

Finanzbedarf weiter stark von internationalen

Gebern abhängig sein, und die Wirtschaftstätigkeit

im Westjordanland wird

stark von der Fähigkeit der Behörde abhängen,

solche Hilfe an Land zu ziehen“.

GAZA OHNE GELD

Noch schlimmer als im Westjordanland

sieht es im Gazastreifen aus. Der Grund:

Die 1,8 Millionen Bewohner des überfüllten

Gebietes können legal so gut wie nichts

exportieren. Israel hält seit der Machtübernahme

der Hamas vor sieben Jahren seine

Grenzübergänge geschlossen und Ägypten

mit Unterbrechungen auch. Das Gebiet

lebt von humanitären Leistungen der UN-

Flüchtlingsorganisation UNHCR, vom

Schmuggel durch Tunnel in die ägyptische

Sinai-Halbinsel und von den Geldzahlungen

der Hamas-Freunde in den Ölstaaten

Saudi-Arabien, Katar und Iran. Für den

E

L

Westjordanland

Ramallah

N

I E

O R

J

D A N

Subventionierte Misere

Palästinensischer Gemüseladen bei Jerusalem

Iran sind die Hamas-Leute als radikale

Sunniten inzwischen aber eher Feinde als

Freunde, und Saudi-Arabien sieht in den

palästinensischen Islamisten eine Filiale

der verhassten ägyptischen Moslembrüder.

Entsprechend hat die neue Regierung

des Generals Abdel Fattah al-Sisi in Kairo

nichts für die Herrscher in Gaza übrig und

fällt als Vermittler zwischen Gaza und Jerusalem

aus. „Weil Ägyptens Interesse an einer

Übereinkunft unklar ist, wissen wir

nicht, wie lange die Feindseligkeiten diesmal

anhalten“, sagt der Tel Aviver Journalist

und Militärexperte Amos Harel.

Gerade wegen der außenpolitischen Isolierung,

meinen israelische Experten, hat

die Hamas den Konflikt eskalieren lassen –

in der Hoffnung auf Sympathie und Unterstützung

durch radikale Kräfte in der islamischen

Welt, die den selbstmörderischen

Raketenkrieg in eine Erfolgsgeschichte im

Kampf gegen Israel verwandeln wollen.

Für Israel ist das gefährlich. Nicht nur

wegen der Aussicht, dass Isis-Terroristen

aus Syrien und dem Irak das Heilige Land

ins Visier nehmen. Hinzu kommt, dass die

Hamas ihre wenigen Raketen auf immer

sensiblere Ziele richten muss, um Schlagzeilen

zu provozieren. Einschläge in der

Nähe des militärisch wichtigen Atomreaktors

in Dimona würden Panik im Land auslösen,

ein Treffer auf den Flughafen Tel

Aviv, über den 80 Prozent des israelischen

Güterexports und 99 Prozent des internationalen

Passagierverkehrs liefen, wäre der

Auftakt einer Wirtschaftskrise.

Nicht nur die Zuhörer des Geheimdienstchefs

Pardo wissen das jetzt. n

hansjakob.ginsburg@wiwo.de

FOTO: REUTERS/AMMAR AWAD

30 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

FOTOS: SAMMY HART, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PR

PARIS | Wer kann

mit wem? Eine

Gebietsreform stellt

die Existenzfrage.

Von Karin

Finkenzeller

Kartoffeln und

Champagner

In Frankreich ist der

Teufel los. Der Grund?

Eine Gebietsreform.

Deren Kritiker glauben,

sie raube ihnen nicht

weniger als die Identität.

Eigentlich klang das Vorhaben der Regierung

ganz vernünftig: Statt 22 soll es

künftig nur noch 14 Regionen geben. Das

spart binnen drei Jahren rund zehn Milliarden

Euro und steigert die wirtschaftliche

Schlagkraft, so der Plan der Regierung

in Paris.

Doch als die neue Landkarte erstellt

war, brach ein Sturm der Entrüstung los.

„Wir haben nichts mit denen zu tun“,

schallt es seither aus der Picardie in Richtung

Champagne-Ardennes. Im Département

Oise, von wo aus viele Bürger nach

Paris zur Arbeit pendeln und sich weder

den Kartoffelbauern noch den Champagnerwinzern

zugehörig fühlen, planen Lokalpolitiker

ein Referendum. Der Name

Elsaß-Lothringen weckt derweil nicht nur

unangenehme Erinnerungen an die Zugehörigkeit

zum deutschen Kaiserreich,

sondern auch neue Rivalitäten zwischen

den Regionalstädten Straßburg, Metz

und Nancy. Dem Führungsanspruch von

Straßburgs Bürgermeister Roland Ries

wollen sich seine Kollegen nicht beugen.

Weil Präsident François Hollandes Ex, Ségolène

Royal, ihre Atlantik-Region Poitou-

Charentes nicht der wichtigeren Loire-

Region unterordnen wollte, sollen die

Küstenbewohner nun eins werden mit

dem Centre und dem Limousin. Dort will

man aber lieber gemeinsame Sache mit

Aquitaine machen. Und so weiter... Kann

man ja alles noch im Parlament verhandeln,

beschwichtigt Premier Manuel

Valls. Im Herbst. Erst mal schöne Ferien.

Karin Finkenzeller ist Korrespondentin

der WirtschaftsWoche in Paris.

BERLIN INTERN | Die SPD will sich dem Mittelstand

nähern. Der nimmt die Einladung gern an –

bei Staatsgeld wird man sich schnell einig.

Von Henning Krumrey

Früher Vogel, teurer Wurm

Wer im Politikbetrieb nicht beobachtet

werden will, zieht

sich entweder in Hinterzimmer

zurück oder legt seinen

öffentlichen Termin nur früh genug in den

Morgen. 7.30 Uhr, mittelstandspolitisches

Frühstück der SPD-Bundestagsfraktion –

das lockt in der Regel keine Journalisten

an. Politik und Wirtschaft können so weitgehend

unbeobachtet über künftiges Mitoder

auch Gegeneinander diskutieren.

Nach dem parlamentarischen Aus der

FDP und dem Eintritt der Genossen in die

Regierung ist der Bedarf auf beiden Seiten

gewachsen.

Lobbytalk zum Frühstück SPD-Politikerinnen

Poschmann (links), Wicklein

Von den 100 angemeldeten Abgeordneten,

MdB-Mitarbeitern und Lobbyisten ist

immerhin die Hälfte früh genug aufgestanden

– kein schlechter Wert für Berlin, wo

notorisch zugesagt und routiniert geschwänzt

wird. Andrea Wicklein, stellvertretende

wirtschaftspolitische Sprecherin

der Fraktion, wertet das als „Zeichen, dass

ein großer Gesprächsbedarf seitens des

Mittelstandes besteht“ – und das kann

man so oder so verstehen.

Organisiert hat das Treffen die neue mittelstandspolitische

Sprecherin der SPD-

Fraktion, Sabine Poschmann. Aus einer Liste

durften die Gäste sogar jene drei Themen

auswählen, die ihnen am wichtigsten sind.

Die beiden meistgenannten finden schließlich

Platz auf der Tagesordnung: Fachkräftesicherung

und Unternehmensfinanzierung.

Poschmann arbeitet mit Zahlen und Beispielen

aus ihrer Heimatstadt („Sie werden

den Werbeblock für Dortmund öfter hören“).

Und sie preist die diversen Programme,

die der Staat entweder schon betreibt

oder die die Koalition unter Führung der

SPD noch auflegen will.

Die Saat geht auf. Unbefangen entwickeln

auch die Lobbyisten immer neue Ideen,

wie sich das eigene Geschäft mit Staatshilfe

auf Trab bringen lässt. Alexander

Barthel vom Zentralverband des Deutschen

Handwerks muss zwar zugeben,

dass es „in der Summe keine Kreditklemme“

gebe, aber natürlich gleichwohl Bedarf.

Oft sei das Eigenkapital zu knapp,

bisweilen fehlten Sicherheiten für frische

Bankdarlehn. Deshalb seien Mikrokredite

für Gründer zu loben; die seien „so erfolgreich,

dass die Mittel schon aufgebraucht

sind“. Sein Plädoyer: „Aufstocken!“ Und die

„Regionale Wirtschaftsförderung“ solle

doch bitte nicht am Export anknüpfen,

sondern an der Beschäftigung. Klar: Handwerker

sind kaum im Außenhandel aktiv.

Die Freien Berufe beklagen Mängel bei

Wissen und Sozialkompetenz der Azubis

und dass der Mindestlohn schon bei 18

Jahren einsetze. Der DIHK freut sich auf

mehr steuerlichen Spielraum bei den Verlustvorträgen.

Und die Staatsbank KfW, die

vom Firmengeschäft lebt, würde ganz gern

mehr Programme für Existenzgründer

vermarkten. Alles stößt auf das großzügige

Wohlwollen der Sozialdemokraten.

Jonas Hurlin vom Verband Beratender

Ingenieure beklagt zunächst mit Blick auf

die Rente mit 63, seine Klientel verstehe

die SPD nicht (wobei nicht klar wird, warum

gerade die beratenden Ingenieure von der

Frühverrentung für Leute mit einer Lehre

besonders betroffen sein sollten). Dann

verlangt er, der Staat solle zur besseren

Integration ausländischer Fachkräfte beitragen:

„Wir brauchen hier E-Learning-

Programme für branchenspezifisches

Vokabular.“

Das geht selbst Sozialdemokratin Wicklein

zu weit. „E-Learning-Programme sind

eine gute Idee“, sagt sie diplomatisch. „Da

appelliere ich an die Kammern. Ich wüsste

nicht, wie wir das von der Bundespolitik

unterstützen könnten.“

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 31

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Die aktuellen Konjunkturdaten

sind überraschend

schlecht. Im zweiten Quartal droht

Nullwachstum. Von Bert Losse

Kein Selbstläufer

Den 14. August 2014

können sich die Konjunkturanalysten

schon mal dick im

Kalender markieren. An diesem

Tag gibt das Statistische Bundesamt

seine Schnellschätzung

für das Bruttoinlandsprodukt

(BIP) im zweiten Quartal ab. In

den ersten drei Monaten hatte

die deutsche Wirtschaft um 0,8

Prozent gegenüber der Vorperiode

zugelegt und Hoffnung auf

einen kräftigen Aufschwung

2014 geschürt. Nun aber droht

die Ernüchterung: Zwischen

April und Juni könnte das BIP

stagniert haben.

Eine Reihe von Konjunkturindikatoren

kennt derzeit nur eine

Richtung: nach unten. In der

vergangenen Woche musste das

Bundeswirtschaftsministerium

vermelden, dass im Mai die Industrieproduktion

zum dritten

Mal in Folge gesunken ist (um

1,8 Prozent). Die deutschen Exporte

schrumpften um 1,1 Prozent,

die Auftragseingänge der

Industrie reduzierten sich um

1,7 Prozent. Selbst der Einzelhandel,

der angesichts der viel

zitierten neuen Konsumfreude

der Bürger eigentlich über prall

gefüllte Kassen jubeln sollte,

meldet für April und Mai gesunkene

Umsätze gegenüber dem

Vormonat.

Die schlechten Zahlen mögen

zum Teil saisonale Ursachen haben

(Bauwirtschaft) oder kalenderbedingt

sein (Brückentag

nach dem 1. Mai). Und der Juni

brachte womöglich einen positiven

WM-Effekt speziell für Handel

und Gastronomie. Unter dem

Strich aber kann dies nicht darüber

hinwegtäuschen, dass die

Wirtschaft an Dynamik verliert.

Die ökonomisch fragile Lage in

vielen Schwellenländern und die

Nicht weltmeisterlich

Industrieproduktion und

Exporte(Veränderungin

Prozent gegenüberVormonat)

3

2

1

0

–1

Exporte

–2 Industrieproduktion

–3

Mai 2013 2014

Quelle: Thomson Reuters

Wachstumsschwäche der Euro-

Zone tragen dazu ebenso bei wie

die Krisen in der Ukraine und im

Irak. Allein der Konflikt zwischen

Russland und der Ukraine kostet

uns nach Schätzung von Ökonomen

einen halben Prozentpunkt

Wachstum beim Export.

Und was macht die Politik?

Hier hat sich offenkundig eine

selbstzufriedene Haltung breitgemacht,

wonach der Aufschwung

ewig dauert und es die

Unternehmen schon irgendwie

richten. Deshalb bleibt zu hoffen,

dass die schlechteren Daten

nun das Bewusstsein schärfen,

dass Wachstum, Wohlstand

und eine gute Beschäftigungslage

keine Selbstläufer sind. Die

einfachen ökonomischen Wahrheiten

lauten: Eine prosperierende

Wirtschaft braucht gute

Rahmenbedingungen. Der Vormarsch

des Staates in immer

mehr Lebensbereiche ist ein Irrweg,

und keine bedeutsame Innovation

kam jemals von Oberamtsräten

einer Behörde. Eine

Rundum-sorglos-Politik, die die

Belastbarkeit der Wirtschaft

austestet, um die eigene Parteiklientel

zu beglücken, führt in

die ökonomische Sackgasse.

NACHGEFRAGT Wolfgang Lemb

»Massive Eingriffe«

Warum die IG Metall ihre Präsenz in Brüssel verstärkt,

der EU-Kommission misstraut – und europaweite

Tarifrunden vorerst für unwahrscheinlich hält.

Herr Lemb, gerade hat die IG

Metall ein Büro in Brüssel eröffnet,

obwohl dort bereits der

Europäische Gewerkschaftsbund

als Interessenvertretung

sitzt. Warum wollen Sie zusätzliche

Lobbyarbeit betreiben?

Die IG Metall muss sich stärker

internationalisieren und sich

gerade auf europäischer Ebene

mehr einmischen. Konkret

treibt uns die Frage um, wie wir

Europa sozialer machen können.

Die Politik der Troika belastet

ja nicht nur eine Vielzahl

von Menschen, sondern bringt

auch massive Eingriffe in die

Tarifstrukturen der jeweiligen

Länder mit sich. Das kann sich

am Ende auf Standortentscheidung

deutscher Unternehmen

auswirken – und zulasten der

deutschen Gewerkschaften und

Arbeitnehmer gehen.

Die EU-Kommission betont

stets, dass sie die Tarifautonomie

respektiert...

…aber in der Praxis spricht die

Generaldirektion Wirtschaft und

Finanzen von einer „Reduzierung

der Lohnsetzungsmacht“

der Gewerkschaften, die sie anstrebt.

In Spanien, Italien und

Griechenland ist die Tarifbindung

um bis zu 60 Prozent abgesackt.

In Deutschland spüren

wir den Prozess noch nicht, weil

wir eine andere Wirtschaftslage

haben und die IG Metall über

mehr Durchsetzungskraft verfügt

als andere Gewerkschaften.

Man darf das Gefahrenpotenzial

aber nicht unterschätzen, wenn

Brüssel eine Schwächung der

Gewerkschaften betreibt. Wenn

die Gewerkschaften an Lohnsetzungskraft

verlieren, fragt sich

jeder Arbeitnehmer, warum er

Mitglied bleiben soll.

Will die IG Metall ihre Tarifpolitik

künftig stärker mit Nachbargewerkschaften

abstimmen?

METALL GOES EUROPE

Lemb, 52, ist Mitglied im

Geschäftsführenden Vorstand

der IG Metall und dort für

Europapolitik zuständig.

Das passiert bereits. Wir verfolgen

ein gemeinsames Ziel: den

jeweiligen Ausgleich für Preissteigerungen

und den Produktivitätszuwachs.

Das ist die Mindestanforderung,

um ein

weiteres Absinken der Lohnquote

zu verhindern. Europäische

Tarifverhandlungen dürfte

es indes auf absehbare Zeit

nicht geben. Dazu sind die Bedingungen

in den EU-Mitgliedstaaten

zu unterschiedlich.

Konkret: Was wollen Sie für

Ihre deutschen Mitglieder in

Brüssel erreichen?

Wichtig ist die Frage, wie wir

die weitere Zunahme des Prekariats

vermeiden können. Da

sind wir schnell bei Leiharbeit

und Werksverträgen. Es wäre

hilfreich, wenn die Debatte, die

in Deutschland bereits läuft,

auch auf EU-Ebene geführt

würde. Wir müssen in der EU

prekäre Arbeitsverhältnisse

zurückdrängen. Im Moment

reden alle über eine Wettbewerbsunion,

nicht über eine

Sozialunion. Das muss sich

ändern.

silke.wettach@wiwo.de

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, IG METALL/FRANK RUMPENHORST

32 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: CORBIS/REUTERS/TORU HANAI

SERIE FRÜHINDIKATOREN (V)

Solide Basis

Der vierteljährliche Tankan-Index der japanischen

Notenbank gibt nicht nur die Stimmung der Wirtschaft

Nippons wieder. Er beeinflusst auch die Geldpolitik.

Pünktlich um

8.50 Uhr zu Beginn

jedes

Vierteljahres

geht die Bank of Japan (BoJ) mit

Daten an die Öffentlichkeit, die

von den Märkten fast ebenso

aufmerksam verfolgt werden

wie die Zinsbeschlüsse der japanischen

Notenbank. Der sogenannte

Tankan-Bericht,

den

die BoJ zehn Minuten

vor Handelsbeginn

an

der Tokioter Börse

präsentiert, ist

Konjunkturanalyse

und Stimmungsindikator

gleichermaßen – und kann die

Aktienpreise und Wechselkurse

erheblich beeinflussen. „Der

Tankan ist der mit Abstand

wichtigste Indikator für die

Stimmung der Unternehmen in

Japan“, sagt Rudolf Besch,

Japan-Analyst bei der Deka-

Bank.

Tankan steht für „Tanki Keizai

Kansoku“, was auf Deutsch

so viel bedeutet wie „kurzfristige

Wirtschaftsbeobachtung“.

Dafür befragt die Forschungsund

Statistikabteilung der Notenbank

per Mail und Briefpost

ab Mitte jeden Quartals die

Manager von mehr als 10 000

ausgewählten Unternehmen.

Die Stichprobe soll alle 210 000

privaten Firmen mit einem Eigenkapital

über 20 Millionen

Yen (144 000 Euro) repräsentieren.

Die Rücklaufquote der

Umfrage beträgt angeblich 99

Prozent. Die Zusammenfassung

der Ergebnisse, die bis

1974 zurückreichen, stellt die

BoJ inklusive aufbereiteter

Grafiken kostenlos und für jedermann

zugänglich auf ihrer

Web-Seite in japanischer und

SERIE

Wie entstehen Frühindikatoren?

Was sagen

sie aus? Alle Teile der

WirtschaftsWoche-Serie

finden Sie unter

wiwo.de/indikatoren

englischer Sprache bereit

(www.boj.or.jp/en/statistics/

tk/index.htm).

Konkret geht es um aktuelle

Trends und die eigenen Geschäftsaussichten.

Die befragten

Manager müssen zum Teil

genaue Zahlen nennen oder

sich zwischen drei vorgegebenen

Möglichkeiten entscheiden.

Bei der

wichtigen Frage

nach dem Geschäftsklima

etwa

lauten die Optionen

„günstig“,

„nicht so günstig“

und „ungünstig“.

Der sogenannte

Diffusionsindex

errechnet sich aus der Differenz

zwischen den Antworten

„günstig“ und „ungünstig“. Die

unentschiedenen Stimmen

fallen unter den Tisch. Die Index-Nulllinie

trennt Pessimisten

und Optimisten voneinander

ab.

Der jüngste Tankan-Index

für die Gesamtwirtschaft, veröffentlich

Anfang Juli, ist überraschend

deutlich um fünf

Punkte gesunken und erreicht

nunmehr sieben Zähler. Der

für die Konjunkturanalyse

NipponsGlaskugel

Tankan-Index der Notenbank

20

10

0

-10

-20

-30

-40

-50

-60

positive Einschätzung

08 09 10 11 12 13 14

Quelle: Thomson Reuters

negative Einschätzung

Big Business Zentrale der Bank

of Japan in Tokio

besonders wichtige Teilindex

für Großunternehmen sank

um ebenfalls fünf Zähler auf

plus zwölf Punkte (siehe Grafik).

Der Wert für die großen

Dienstleister fiel auf 19 Zähler.

Daraus lässt sich zweierlei ableiten:

Die Mehrheit der Manager

ist weiter optimistisch gestimmt,

da der Indexwert

positiv und weit von der Nulllinie

entfernt bleibt. Doch hat

sich die Stimmung seit März

spürbar eingetrübt. Grund dafür

ist offenkundig die Politik,

genauer: die kräftige Erhöhung

der Umsatzsteuer Anfang

April. Diese belastet den Binnenkonsum

als tragende Säule

des anderthalb Jahre alten Aufschwungs.

Viele Unternehmen

rechnen mit weniger Einnahmen

und Gewinn.

Im Unterschied zu vielen anderen

Frühindikatoren bemüht

sich der Tankan-Bericht der BoJ

mit Blick auf das Unternehmervotum

auch um Ursachenforschung.

Die befragten Manager

geben von den Lagerbeständen

bis zur Nachfrage im Ausland

detaillierte Auskunft zu ihrem

Geschäftsumfeld. Außerdem

notieren sie ihre Erwartungen

im laufenden Geschäftsjahr an

Umsatz, Cash-Flow, Erträge

und Investitionen. Zwei Mal im

Jahr geben die Firmenlenker

zudem an, wie viele Universitätsabsolventen

sie einstellen

wollen. Die meisten dieser Daten

werden nach der Größe der

Unternehmen und teilweise

nach Branchenzugehörigkeit

differenziert.

Die Belastbarkeit der Umfragedaten

zur Konjunkturprognose

ist allerdings nicht unumstritten.

Die Bewertung der

Geschäftsaussichten der nächsten

drei Monate hat sich in der

Vergangenheit bisweilen als

wenig treffsicher erwiesen.

Auch die Prognose für die Kapitalausgaben

in Japan gilt nicht

als übermäßig zuverlässig: „Vor

allem am Anfang des Geschäftsjahrs

sind die Firmen zu vorsichtig“,

weiß Ökonom Besch,

der sich methodisch eine Saisonbereinigung

wünscht.

GELDPOLITISCHE HILFE

Die Bank of Japan betreibt den

enormen Aufwand der Tankan-

Umfrage auch aus eigenem

Interesse. Ihr Ziel ist es, ihre

Geldpolitik auf eine möglichst

solide Datenbasis zu stellen;

viele Tankan-Fragen kreisen

daher um das Thema Inflation.

Die Unternehmen müssen etwa

schätzen, wie sich ihre Endund

Erzeugerpreise bis zu fünf

Jahre im Voraus entwickeln.

Auch das Verhältnis von Angebot

und Nachfrage und die

Kapazitätsauslastung werden

abgefragt. Außerdem bewerten

die Firmen, wie leicht sie über

Geldmarktpapiere kurzfristig

an frisches Kapital kommen.

„Diese Daten geben Hinweise

darauf, ob sich die Inflationsrate

in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels

der BoJ bewegt“, sagt

Commerzbank-Analyst Marco

Wagner. Weichen die Erwartungen

der Betriebe stark von

diesem Ziel ab, kann es passieren,

dass Investoren Yen am

Devisenmarkt verkaufen – in

der Erwartung, dass die Notenbank

die Geldpolitik weiter

lockert.

Bleibt die Frage, ob sich der

aktuelle Tankan-Trend nach

unten verfestigt. Die BoJ glaubt,

dass der Index für die Großindustrie

bald wieder steigt.

Wenn Anfang Oktober der

nächste Tankan-Bericht

kommt, werden die Märkte

besonders gespannt sein.

martin.fritz@wiwo.de | Tokio

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 33

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Der Volkswirt

NACHGEFRAGT Andreas Dombret

»Wir haben das System

sicherer gemacht«

Der Bundesbank-Vorstand über Ablauf und Probleme des Banken-

Stresstests – und den künftigen Umgang mit Staatsanleihen.

DER BANKEN-VERSTEHER

Dombret, 54, ist seit Mitte 2010

im Vorstand der Deutschen Bundesbank.

Seit Mai 2014 verantwortet

er dort die Bereiche Banken

und Finanzaufsicht und das

Risiko-Controlling. Davor arbeitete

er 17 Jahre lang im Investmentbanking,

unter anderem bei

JP Morgan und Bank of America.

Herr Dombret, im Auftrag der

Europäischen Zentralbank

(EZB) durchleuchten Wirtschaftsprüfer

derzeit die Bilanzen

von 128 Banken der Euro-

Zone. Müssen wir uns auf böse

Überraschungen einstellen,

wenn im Herbst die Ergebnisse

veröffentlicht werden?

In Deutschland sind wir bei der

Bilanzprüfung gut vorangekommen,

haben sie aber noch

nicht abgeschlossen. Daher

werde ich nicht über mögliche

Ergebnisse spekulieren. Mittlerweile

haben aber etliche Banken

– auch hierzulande – ihr Ei-

genkapital gestärkt und

risikobehaftete Forderungen

abgebaut. Auf diese Weise haben

die Banken ihre Widerstandskraft

erhöht, und das begrüßen

wir ausdrücklich.

Der Stresstest 2011 war ein

grandioser Fehlschlag. Banken

wie Dexia oder Bankia, die den

Test bestanden hatten, mussten

später verstaatlicht oder

mit öffentlichen Geldern gerettet

werden. Können wir den

Ergebnissen diesmal glauben?

Alle haben aus den Fehlern gelernt.

Dem Stresstest ist dieses

Mal zusätzlich ein Bilanzcheck

vorgeschaltet, der von der EZB

verantwortet wird. Die Prüfung

geht diesmal insgesamt also viel

tiefer. Zwar lässt sich nicht jede

einzelne Bilanzposition prüfen,

aber mindestens die Hälfte –

und zwar die risikoreicheren

Engagements – wird durchleuchtet.

Entscheidend ist, dass

wir die kritischen Positionen

unter die Lupe nehmen. Ich bin

zuversichtlich, dass wir ein

verlässliches Bild vom Zustand

der überprüften Banken bekommen.

Wie funktioniert die Prüfung

konkret?

Die Wirtschaftsprüfer schauen

sich verschiedene Kategorien

von Krediten stichprobenartig

an und prüfen, ob die dafür getroffene

Risikovorsorge ausreicht.

Zuweilen müssen die zugrunde

liegenden Annahmen

der Banken dann korrigiert werden.

Die Ergebnisse für die

deutschen Banken werden an

die BaFin und die Bundesbank

geliefert, anschließend an die

EZB. Die EZB übernimmt dann

die europaweite Konsistenzprüfung

der Ergebnisse. Dann stehen

Plausibilitätsprüfungen an,

bei denen verglichen wird, welche

Wertberichtigungen andere

Institute vorgenommen haben.

Sind die Bilanzprüfung und der

Stresstest bis zum Herbst zu

schaffen?

Eine so groß angelegte Übung

in so kurzer Zeit ist natürlich eine

Herausforderung. Durch

den Zeitverzug aufgrund der

umfangreichen Fragen der

Wirtschaftsprüfer und die zum

Teil verzögerte Datenlieferung

der Banken lagen wir kurzfristig

hinter dem Plan zurück. Die

Verspätung ist größtenteils wieder

aufgeholt. Wir gehen davon

aus, die Bilanzprüfung und den

Stresstest wie geplant abzuschließen.

Die Bilanzprüfung

inklusive aller Qualitätssicherungen

wird bis zum 31. August

abgeschlossen sein.

Zwischen der BaFin und der

EZB ist ein Streit über die Vorgehensweise

beim Stresstest

ausgebrochen. Die BaFin kritisiert

unter anderem, Sorgfalt

müsse vor Schnelligkeit gehen.

Teilen Sie diese Kritik?

Bei einem so schwierigen und

wichtigen Projekt wie dem

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

34 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Stresstest ist es normal, dass es

in einzelnen Punkten unterschiedliche

Vorstellungen gibt.

Was die Kritik der BaFin betrifft,

kann ich viele Punkte nachvollziehen.

Wir müssen darauf achten,

dass die Bilanzprüfung und

der Stresstest fair und transparent

durchgeführt werden. Gerade

wenn es darum geht, die

Ergebnisse der beiden Übungen

zu verknüpfen, sollte möglichst

viel auf Grundlage konkreter

Bankdaten gerechnet

werden – das sieht im Übrigen

auch die EZB so. Bei dem sehr

engen Zeitplan ist das natürlich

eine Herausforderung, der wir

uns aber stellen werden.

Banken müssen für Staatsanleihen

kein Eigenkapital vorhalten,

weil diese als risikolose Papiere

eingestuft werden. Ist das angesichts

der Erfahrungen mit dem

Bankrott Griechenlands noch

zu rechtfertigen?

Eine Lehre aus der Finanzkrise

ist, dass Staatsanleihen nicht

komplett risikofrei sind. Die

Banken müssen jede Forderungsposition

in ihrer Bilanz

entsprechend dem Ausfallrisiko

mit Eigenkapital unterlegen,

warum also nicht auch Staatsanleihen?

Mir scheint es vernünftig,

mittelfristig auch hierfür

Kapitalanforderungen

festzulegen. Damit hätten Banken

weniger Anreize, in riskante

Staatsanleihen zu investieren –

was wiederum die Haushaltspolitik

der Staaten disziplinieren

würde.

Im Vergleich zu den USA ist die

Profitabilität der Banken in

Europa gering. Es gibt enorme

Überkapazitäten. War es ein

Fehler, in Europa in der Finanzkrise

nahezu jede Provinzbank

zu retten, während die USA

ihren Bankensektor durch

Insolvenzen Hunderter kleiner

Banken bereinigt haben?

Es ist sehr schwierig, die Bankenlandschaft

in den USA und

in Europa zu vergleichen. Das

fängt schon damit an, dass in

den USA die Finanzierung der

Realwirtschaft zu einem großen

Teil direkt über die Kapitalmärkte

erfolgt. In Kontinentaleuropa

hingegen finanzieren

sich die Unternehmen überwiegend

durch Bankkredite. Überkapazitäten

herrschen in Europa

zum Beispiel bei den

Retailbanken. Diese aber waren

in der Finanzkrise nicht das eigentliche

Problem. Der entscheidende

Punkt ist ein anderer:

Wir müssen sicherstellen,

dass systemrelevante Banken

abgewickelt werden können,

ohne dass das gesamte Finanzsystem

zusammenbricht.

Eine Lösung dafür gibt es mehr

als sechs Jahre nach der

Finanzkrise immer noch nicht.

Dient die Bankenunion nicht

dem Ziel, marode Banken

künstlich am Leben zu halten?

Nein, es ist sicher nicht die Aufgabe

von Regulierung und Aufsicht,

Bankinsolvenzen völlig zu

verhindern. Im Gegenteil: Die

besten Geschäftsmodelle müssen

sich durchsetzen können.

Aufgabe der Regulierung ist es,

den Marktaustritt möglichst

marktschonend zu gestalten –

auch bei großen oder vernetzten

Banken. Hier fehlt uns noch

der Durchbruch, aber es gibt

Fortschritte.

Welche denn?

Wir haben das System sicherer

gemacht, etwa durch höhere Eigenkapitalanforderungen.

Und

wir haben bald eine harmonisierte

Aufsicht: Banken werden

überall in Europa nach denselben

Standards bewertet. Das alles

verringert die Wahrscheinlichkeit,

dass Banken scheitern.

Aber das reicht noch nicht. Wir

brauchen zusätzlich einen einheitlichen

europäischen Abwicklungsmechanismus.

Der ist

in Arbeit, aber noch nicht einsatzbereit.

Wäre es sinnvoll, das Kreditund

Einlagengeschäft der

Banken vom Investmentbanking

zu trennen?

Die Bankenstrukturreform, die

in Europa ansteht, reduziert die

Komplexität von Banken, erleichtert

die organisatorische

Trennung der Geschäftsbereiche

und macht es letztlich auch

einfacher, Banken im Fall der

Fälle abzuwickeln. Die Vorschläge,

die in Deutschland

und Frankreich entwickelt wurden,

sehen etwa vor, den Eigenhandel

der Banken innerhalb

der Bankengruppe von den übrigen

Geschäftsbereichen zu

trennen. Was ich nicht befürworte,

ist eine drastischere Aufspaltung

von Banken. Das Universalbankensystem

durch ein

Trennbankensystem zu ersetzen,

scheint mir nicht der richtige

Weg zu sein.

Warum nicht?

Universalbanken können zur

Stabilität des Finanzsystems

beitragen; es liegen nämlich

nicht alle Eier im selben Korb.

Läuft ein Geschäftsbereich

schlecht, können andere Geschäftsbereiche

dies kompensieren.

Während der Krise haben

wir gesehen, dass es vor

allem reine Investmentbanken

und reine Kreditbanken waren,

die gescheitert sind. Zur Lösung

des Problems, dass Banken im-

»Die Europäische

Zentralbank

darf nicht

zur Bad Bank

des Euro-Raums

werden«

mer größer werden und dann

im Fall der Fälle nicht mehr abgewickelt

werden können, ohne

das ganze System in Schieflage

zu bringen, trägt die Schaffung

eines Trennbankensystems nur

begrenzt bei.

Reichen denn die derzeitigen

Eigenkapitalvorschriften aus?

Wir werden Unfälle nie ganz

ausschließen können, aber wir

wollen ihre Folgen in Grenzen

halten. Banken müssen ausreichend

Eigenkapital im Verhältnis

zu ihren risikogewichteten

Forderungen aufweisen. Mit

der Vorgabe, mindestens drei

Prozent der Bilanzsumme als

Eigenkapital vorzuhalten, ziehen

wir eine zusätzliche Sicherungslinie

ein. Dazu kommt,

dass die Banken angeben müssen,

wie sie ihre Risiken aus außerbilanziellen

Geschäften, etwa

aus Derivaten, abgesichert

haben.

Die EZB bietet den Banken

ab Herbst erneut langfristige

Geldleihgeschäfte an. Wie

groß ist die Gefahr, dass diese

damit Staatsanleihen kaufen,

anstatt Kredite an Betriebe

zu vergeben?

Diese Geldleihgeschäfte sind

für die Banken attraktiv, weil sie

langfristige Laufzeiten mit sehr

niedrigen Zinsen verbinden.

Nach zwei Jahren wird überprüft,

ob sich die Banken an die

vorgegebenen Bedingungen gehalten

haben. Sollte dies nicht

der Fall sein, muss die in Anspruch

genommene Liquidität

zurückgezahlt werden. Aber bedenken

Sie: Mit diesen Geschäften

betreten wir Neuland.

Wenn es nicht klappt, so die

Kreditvergabe anzukurbeln,

könnte die EZB forderungsbesicherte

Wertpapiere kaufen.

Die Märkte für mit Bankkrediten

besicherte Wertpapiere sind

enorm wichtig. Sie werden immer

wieder pauschal verurteilt,

weil sie maßgeblich zur jüngsten

Finanzkrise beigetragen

haben. Allerdings profitieren

Banken davon, wenn Kredite

handelbar sind. Verbriefung ist

grundsätzlich nichts Schlechtes,

erfordert jedoch eine gute

Datenlage und ausreichende

Transparenz, damit Investoren

die Risiken richtig einschätzen

können. Dies zu tun ist Sache

der Marktteilnehmer selbst. Ich

bin zudem der Auffassung, dass

der Kauf von forderungsbesicherten

Wertpapieren kein Instrument

der Geldpolitik ist.

Zentralbanken sollten den Banken

nicht die Kreditrisiken abnehmen.

Die EZB darf nicht zur

Bad Bank des Euro-Raums

werden.

n

angela.hennersdorf@wiwo.de | Frankfurt,

malte fischer

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 35

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Die Immobilienpreise in Deutschland sind stark angestiegen. Doch die

Angst vor einer spekulativen Blase ist – noch – unbegründet. Die Hypothekenkredite

wachsen nur moderat – und in Relation zu Mieten und Einkommen haben die Hauspreise

noch nicht einmal ihren langfristigen Durchschnitt erreicht. Von Stefan Schilbe

Die Mär von der Blase

In den attraktivsten Städten

Deutschlands sind die Immobilienpreise

seit 2008

um bis zu 60 Prozent in die

Höhe geschossen. Kein Wunder

also, dass die Diskussion

an Fahrt gewinnt, ob wir es

hierzulande analog zu Spanien

oder den USA mit einer gefährlichen

Fehlentwicklung zu tun

haben. Wie eine Analyse historischer

Daten der Forscher

Schularick, Taylor und Jordà

zeigt, droht insbesondere bei

einer für längere Zeit außergewöhnlich

expansiven Geldpolitik

eine spekulative Blase,

deren Platzen erhebliche

Gefahren für die Stabilität des

Finanzsystems nach sich zieht.

Umso wichtiger ist es, Fehlentwicklungen

frühzeitig zu diagnostizieren.

Anhand von drei Aspekten

lässt sich typischerweise eine

Blase identifizieren. Erstens: Die

Bewertung von Immobilien

steigt stark an. Zweitens: Der

Anteil der Fremdfinanzierung

nimmt spürbar zu. Und drittens:

Die Bauindustrie reagiert auf

die starke Nachfrage mit Angebotsausweitungen.

UNTER DURCHSCHNITT

Schauen wir uns also die Situation

in Deutschland an: Trotz des

Preisanstiegs in der jüngeren

Vergangenheit liegen die inflationsbereinigten

Immobilienpreise

noch unter denen des Jahres

1975. Zum Vergleich: In Großbritannien

haben sich die realen

Preise in der Spitze mehr als

verdreifacht, in Spanien und

Frankreich verteuerten sich Immobilien

zeitweise um mehr als

150 Prozent. Relativ zu Mieten

und Einkommen haben die

Hauspreise in Deutschland

»Der Anteil des

Wohnungsbaus

am Bruttoinlandsprodukt

liegt nur bei

5,5 Prozent«

noch nicht ihren langfristigen

Durchschnitt erreicht. Die OECD

bezifferte die Unterbewertung in

einer Studie von Mai 2013 auf bis

zu 20 Prozent. Seither haben sich

Immobilien zwar weiter verteuert.

Einkommen und Mieten sind jedoch

ebenfalls gestiegen, sodass

sich die relativen Bewertungskriterien

nur geringfügig verschoben

haben dürften.

Ein starker Anstieg der Verbindlichkeiten

zur Finanzierung der

Hauskäufe ist ebenfalls nicht erkennbar.

Derzeit wächst das ausstehende

Volumen an Hypothekenkrediten

nominal nur mit zwei

Prozent, ein kreditfinanzierter

Boom nach dem Muster Spaarden

Euro auf 1,72 Billionen Euro

gestiegen. Tatsächlich dürfte

ein nicht unbeträchtlicher Teil der

Transaktionen ohne Fremdfinanzierung

erfolgt sein. Derzeit horten

die privaten Haushalte gut

zwei Billionen Euro auf laufenden

Konten, Festgeldern und Sparkonten

– mehr oder minder unverzinst.

Angesichts latenter

Zweifel, dass die ultraexpansive

Geldpolitik der Europäischen Zentralbank

(EZB), aber auch der übrigen

großen Notenbanken über

kurz oder lang doch zu Inflation

führen könnte, ist die Nachfrage

nach realen Assets ungebrochen.

Es ist allerdings wahrscheinlich,

dass angesichts historisch günsti-

niens, das auf dem Höhepunkt

der Blase die Hypothekenkredite

mit 27 Prozent gegenüber Vorjahr

wachsen sah, ist nicht in Ansätzen

vorhanden. Das ausstehende Hypothekenvolumen

in Relation zum

verfügbaren Einkommen reduzierte

sich seit 2004 von 67 Prozent

auf unter 58 Prozent. Auch unter

Berücksichtigung anderer Verbindlichkeiten

ist die bilanzielle

Situation der Haushalte so günstig

wie lange nicht: Während die

Bruttoverschuldung nominal auf

dem Stand von 2004 (knapp 1,6

Billionen Euro) stagniert, ist das

verfügbare Einkommen im gleichen

Zeitraum um etwa 300 Milliger

Finanzierungsbedingungen

die Nachfrage nach Hypothekenkrediten

seitens der privaten

Haushalte künftig kräftiger zulegt.

Schließlich betrug der durchschnittliche

Effektivzins für Baufinanzierungen

im Fünf- bis Zehnjahresbereich

im Mai 2014 nur

noch 2,63 Prozent; teilweise werden

schon Zehnjahreskredite unterhalb

von zwei Prozent abgeschlossen.

Auf absehbare Zeit

dürfte sich an den niedrigen Zinsen

grundlegend nichts ändern.

Von einer massiven Angebotsausweitung

im Bausektor – dem

dritten Warnindikator – kann

ebenfalls keine Rede sein. Der

Anteil des Wohnungsbaus am

Bruttoinlandsprodukt verlässt

gerade erst die langjährige Talsohle

und liegt mit rund 5,5 Prozent

gut zwei Prozentpunkte

unter dem Wert während des

wiedervereinigungsbedingten

Baubooms. Zum Vergleich: In

Spanien entfielen in Spitzenzeiten

rund zwölf Prozent der wirtschaftlichen

Aktivität auf den

Wohnungsbau. Die Zahl der fertiggestellten

Wohnungen in

Deutschland, ohnehin seit den

Sechzigerjahren im Abwärtstrend,

ist von dem nach der Wiedervereinigung

markierten zyklischen

Hoch zeitweise um fast

drei Viertel gefallen und hat sich

seither nur geringfügig erholt.

WENIG EIGENTÜMER

Das Potenzial für künftige

Nachfrage ist gleichwohl groß.

Die Eigentümerquote, die Aufschluss

über den Anteil der

Haushalte gibt, die im eigenen

Heim leben, ist zwar auf

45,7 Prozent gestiegen, macht

sich aber im Vergleich mit anderen

Euro-Ländern geradezu

mickrig aus. Einer EZB-Erhebung

zufolge ist sie die niedrigste

im gesamten Euro-Raum.

Fazit: Preisrelationen, Finanzierungsumfeld

und Bauaktivität

geben derzeit keinen Anlass

zu übermäßiger Besorgnis. Erst

wenn sich dies in den kommenden

Jahren erkennbar ändert,

sind die Aufsichtsbehörden gefordert.

Sie müssen dann mit

makroprudenziellen Maßnahmen

gegensteuern – etwa einer

stärkeren Eigenkapitalunterlegung

von Hypothekenkrediten.

Stefan Schilbe, 45, ist

Deutschland-Chefvolkswirt

der Großbank HSBC.

FOTOS: PR, IMAGO/MANNGOLD

36 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Vom Wohnzimmer bis

hinein in den Weltraum

GOOGLE | Europas Wettbewerbshüter tun sich schwer damit, den amerikanischen

Online-Giganten zu bändigen. Aber macht ein Aufbrechen des allwissenden

Internet-Konzerns überhaupt Sinn? Wie sonst wäre Google in die Schranken zu weisen?

Für Joaquín Almunia ist

es der Fall seines Lebens.

Der EU-Wettbewerbskommissar,

der

im Herbst aus dem Amt

scheidet, weiß, dass seine über

35-jährige politische Karriere am

Wettbewerbsverfahren gegen den

Internet-Riesen Google gemessen

wird. Der Spanier und Ökonom –

eines der intellektuellen Schwergewichte

der Kommission – hat

sich daher immer wieder selbst in

das Verfahren eingemischt und

auch Details nicht seinen Beamten überlassen.

Die Gemütlichkeit, die Almunia

bisweilen ausstrahlt, wich der Entschlossenheit,

die Untersuchung noch in seiner

Amtszeit abzuschließen. „Die Öffentlichkeit

interessiert sich für den Fall mehr als

für alle anderen“, sagt der Sozialist über die

bald vier Jahre andauernde Untersuchung.

„Die Öffentlichkeit interessiert sich“?

Das ist maßlos untertrieben. Tatsächlich

wächst in Europa, wo Google noch dominanter

ist als im Heimatmarkt USA, die

Angst vor der Suchmaschine und ihrer

Macht, den Informationsfluss im Internet

und damit zunehmend das tägliche Leben

zu steuern und zu kontrollieren. Was Google

nicht listet, existiert quasi nicht.

Google ist das weltweit wichtigste Vertriebsnetz

für digitale Inhalte und ist über

die Bedürfnisse von Konsumenten wie

wohl kein zweites Unternehmen informiert.

„Wir haben Angst vor Google“, bekannte

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender

des Medienkonzerns Springer, in

einem offenen Brief an Google-Verwaltungsratschef

Eric Schmidt. „Wir haben

Der Durchblicker Google-Mitgründer Brin

mit Datenbrille Google Glass

Respekt“, sagt auch Joe Kaeser, Chef von

Siemens, der selbst künftig stärker im Internet-Datengeschäft

mitmischen will.

Auf Beistand von Almunia können deutsche

Wirtschaftsgrößen allerdings kaum

hoffen. Er hat bereits angekündigt, Google

keine empfindliche Geldstrafe aufzubrummen

wie Vorgängerin Neelie Kroes beim

US-Softwareriesen Microsoft 2004 und

2006. Die EU-Kommission kann bei Kartellverstößen

Geldstrafen von bis zu zehn

Prozent des Jahresumsatzes verhängen.

AUFLAGEN STATT STRAFEN

Stattdessen soll es nur Auflagen geben (siehe

Kasten Seite 43), die Almunia zufolge

„schneller“ und „konkreter“ wirken als eine

Geldstrafe, die eine Verschleppung um

zwei bis drei Jahre bedeutet hätte, weil

Google dagegen geklagt hätte. Googles

Konkurrenten werfen Almunia vor, er sei

eingeknickt. Insgeheim hoffen sie, die Entscheidung

könnte sich verzögern und Almunias

Nachfolger einen strengeren

Kurs einschlagen. Unter den

EU-Kommissaren haben etwa

Günther Oettinger und sein französischer

Kollege Michel Barnier

Zweifel erkennen lassen. Aber

trotz solcher von der Politik geschürten

Erwartungen ist es eine

Illusion, dass man Google mithilfe

der derzeitigen Wettbewerbsregeln

bändigen kann.

Almunias Weigerung, Google

stärker in die Mangel zu nehmen,

wirft ein Schlaglicht auf den

grundsätzlichen Charakter des Verfahrens:

Mit welchen Mitteln kann Politik heute einem

alle Grenzen sprengenden Unternehmen

völlig neuen Typs begegnen – und

welche Folgen hat es, wenn sie doch eingreift?

„Die Technologiebranche verändert

sich so schnell, der Wettbewerb in ihr lässt

sich nicht wirksam mit Auflagen regulieren“,

ist der prominente US-Managementexperte

Geoffrey Moore aus dem Silicon

Valley überzeugt.

Und wer heute noch eine dominante

Stellung einnimmt, kann morgen schon

verdrängt sein: „Monopole in der New Economy

des Internets fallen – den hohen

Markzutrittsschranken zum Trotz – überraschend

schnell“, beobachtet der renommierte

Kartellrechtler Torsten Körber von

der Universität Göttingen. „Den Ausschlag,

wer in zwei, fünf oder zehn Jahren Platzhirsch

unter den Internet-Unternehmen

sein wird, werden nicht die derzeitigen

Marktanteile oder die Intensität der Marktregulierung

geben, sondern Erfolg oder

Misserfolg der Unternehmen im Innovationswettbewerb.“

»

ILLUSTRATION: STEFFEN MACKERT; FOTO: AP/SETH WENIG

38 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Marktanteil

43%

Chrome

Internet-Browser

Kerngeschäftsfelder

Kerngeschäftsnahe

Geschäftsfelder

Ausgewählte

Randaktivitäten

Marktanteil

81 %

Android + Google Play Store

Mobil-Betriebssystem/App Store

Google Checkout

Online-Bezahlsystem

Google Maps + Waze

Online-Kartendienst

Navigation

Marktanteil

82%

YouTube

Internet-Videos

Marktanteil

69%

Google Search

Internet-Suche

Google Fiber

Glasfaser-Netzwerk

Gmail

Web-Mail-

Dienst

Google Apps

Cloud Software

Marktanteil

47%

Google Advertising

Online-Anzeigenvermarktung

Nest Labs

Thermostathersteller

Google Glass

Internet-Datenbrille

Skybox Imaging

Satelliten-Betreiber

Deep Mind Technologies

Künstliche Intelligenz

Boston Dynamics

Roboter/künstliche

Intelligenz

Mio. Nutzer

360

Google+

Social Network

= 10 Mio.

Der Internet-

Dominator

Die wichtigsten Google-

Geschäftsfelder mit Kennzahlen

sowie angrenzende Aktivitäten

Atlantic Wind Connection

Windenergiepark

Makani Power

Windturbinenhersteller

Titan Aerospace

Drohnenhersteller

Calicio

Biotech-/

Gesundheits-Start-up

SolarCity

Solarpanelhersteller

Alta Wind Energy Center

Windenergiepark

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 39

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Unternehmen&Märkte

»

Almunia hat Gesprächspartnern zu verstehen

gegeben, dass er nicht in die Geschichte

eingehen will als der Mann, der

dem Internet Fesseln angelegt hat. Der

Kommissar ist sichtlich entnervt, wie sich

Themen wie Datenschutz in die Debatte

um Google mischen. „Ein Wettbewerbsfall

sollte nicht stellvertretend genützt werden,

um die weitreichenden Probleme anzugehen,

die das Geschäftsgebaren von internationalen,

unregulierten und dominanten

Plattformen aufwirft.“

In der öffentlichen Debatte wird groß mit

gefährlich gleichgesetzt, aber: „Monopole

sind legal“, unterstreicht Kartellrechtler

Körber. „Weder das deutsche noch das europäische

Kartellrecht verbieten Größe an

sich.“ Und nach Almunias Einschätzung

sollten „Unternehmen nicht dafür bestraft

werden, dass sie wettbewerbsfähig innovativ

und erfolgreich sind“.

SECHS MAL DIE NUMMER EINS

Unbestritten ist: Googles Marktmacht ist

imposant. Rund ein Drittel der weltweiten

Umsätze mit Digitalwerbung vereint der

Gigant aus dem Silicon Valley auf sich. Das

vor 16 Jahren von den Stanford-Wissenschaftlern

Sergey Brin und Larry Page aus

der Taufe gehobene Unternehmen ist unangefochtene

Nummer eins auf mindestens

sechs unterschiedlichen Feldern:

n Bei der Internet-Suche ist Google in

Deutschland besonders stark. Neun von

zehn Suchabfragen wickelt Google hier ab.

In den USA ist die Präsenz mit 60 Prozent

nicht ganz so dominant. Doch die Konkurrenz

der Suchallianz Bing von Microsoft und

Yahoo existiert nur, weil der Softwareriese sie

aus strategischen Gründen großzügig alimentiert

mit bisher gut 13 Milliarden Dollar.

n Googles mobiles Betriebssystem Android

läuft weltweit auf mehr als 80 Prozent

aller Smartphones und Tablets. Auf fast allen

sind Googles Dienste wie Landkarten,

Suche und E-Mail vorinstalliert. In diesem

wichtigsten Wachstumsmarkt ist die Konkurrenz

von Apple, Microsoft und Blackberry

abgeschlagen. Da der Boom sich in

die Schwellenländer verlagert hat, wo Android

als Gratis-Betriebssystem einen Vorteil

hat, wird die Dominanz weiter steigen.

n Als Google im November 2006 die anderthalb

Jahre junge Videoplattform You-

Tube für 1,65 Milliarden Dollar kaufte,

schien der Preis überzogen. Doch Google

hat YouTube zur führenden Unterhaltungsplattform

ausgebaut, mit einem

weltweiten Marktanteil bei Internet-Videos

von gut 82 Prozent. Wer kostenlos Videos

auf seinem Fernseher, Computer,

Smartphone oder Tablet schauen will,

sucht bei YouTube.

n Nummer eins ist Google auch bei Web-

Browsern. Google Chrome ist mit rund 43

Prozent Marktanteil der weltweit populärste

Web-Browser. Damit kontrolliert Google

das wichtigste Einfallstor zum Internet. Microsoft

kommt mit seinem Internet Explorer

nur noch auf knapp die Hälfte und

rutscht wegen seinen mageren Marktanteilen

bei Smartphones und Tablets weiter ab.

n Auch bei E-Mails ist Google vorn. Acht

Jahre brauchte der Konzern, um Microsofts

Hotmail als populärsten Mailprovider abzuhängen.

Seit Mitte 2012 steht Gmail an

der Spitze, auch weil Kunden ein Mail-Konto

bei Google brauchen, um populäre

Dienste wie Google Maps auf Android-

Smartphones nutzen zu können. Google

hat damit direkten Kontakt zu mittlerweile

mindestens einer halben Milliarde Nutzern.

Abgehängt Fahrräder für die Mitarbeiter

gibt es auf dem Firmencampus kostenlos

Abgeschottet Hier tüfteln Mitarbeiter an

den neuesten Google-Innovationen

Abgeschaltet Beschäftigte im firmeneigenen

Blaze Café – Essen und Getränke gratis

n Schließlich ist Google Nummer eins bei

digitalen Landkarten. Google Maps wird

von mehr als der Hälfte der Smartphone-

Besitzer regelmäßig genutzt.

Jede dieser Positionen ist schon für sich

betrachtet eindrucksvoll. Doch Googles

wahre Macht – und das Missbrauchspotenzial

– entsteht durch die enge Verzahnung

der Dienste, wenn etwa Nutzern von Android-Mobiltelefonen

Google-Angebote

angepriesen werden, die nur mit einem

Gmail-Konto nutzbar sind; wenn die Google-Suchmaschine

bei der Suche nach Videos

auf YouTube verweist oder beim Ermitteln

der Adresse eines Ladengeschäfts

Google Maps offeriert.

Trotz allem wähnt Google-Chef Larry

Page sein Unternehmen rund anderthalb

Jahrzehnte nach Gründung noch immer

erst am Anfang. Vor allem das sogenannte

Internet der Dinge hat es dem Konzern mit

390 Milliarden Dollar Börsenwert angetan,

der damit in alle Lebensbereiche seiner

Nutzer eindringen will, von Essgewohnheiten

bis zum Energieverbrauch. Google

strebt nach Allgegenwart vom Wohnzimmer

bis zum Weltraum – auch ein Satellitenbetreiber

gehört zum Konzern – und ist

dabei, sich zur zentralen Plattform der digitalen

Welt aufzuschwingen.

Doch all dieser Machtfülle zum Trotz hat

der Gigant eine Schwäche: die Abhängigkeit

von den Werbeeinnahmen. Diese ma-

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, LAIF/REDUX(EROS HOAGLAND, CORBIS/TALIA HERMAN

40 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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SUCHMASCHINEN

Die Alternativen

Mit Anbietern wie Bing oder Duck-

DuckGo lässt sich die Abhängigkeit

von Google verringern.

chen wegen der Gratiskultur im Internet

noch immer 91 Prozent des Google-Geschäfts

aus. Wer Google angreifen will,

muss an diesem Umsatzquell ansetzen.

Egal, wie exotisch Googles Projekte wie

das seiner Datenbrille anmuten, sie dienen

alle dazu, die Werbegelder weiter sprudeln

zu lassen. Je mehr Informationen Google

über Gewohnheiten und Bedürfnisse seiner

Nutzer zusammenträgt und miteinander

vernetzt, umso besser können die eingeblendeten

Anzeigen zugeschnitten werden

und damit effektiver gemacht werden.

FRAGWÜRDIGE METHODEN

Das funktioniert dank des Zusammenspiels

der populären Dienste immer besser.

Wenn Nutzer über den hauseigenen

Browser Chrome im Internet surfen, kann

Google den Besuch von Web-Seiten direkt

aufzeichnen. Gmail scannt derweil alle

Mails auf deren Inhalte und die Adressen

der beteiligten Personen.

Um als Erster zu wissen, was in der Internet-Gemeinde

gerade hip ist, setzt Google

auch fragwürdige Methoden ein, etwa bei

seinen Unterhaltungsangeboten. Da will

Google die Konkurrenz der populären Musik-Streamingdienste

Spotify und Rdio voraussichtlich

im Herbst durch einen eigenen

Dienst unter der Marke YouTube kontern.

Die Musikkonzerne Sony, Universal

und Warner Music haben bereits Verträge

unterzeichnet. Um die größte Auswahl von

Titeln zu haben, sollen auch Künstler, die

nicht von den großen Plattenfirmen vertreten

werden, zum Mitmachen gezwungen

werden. Wer jedoch nicht kooperiert, soll

seine Musik nicht mehr bei YouTube einstellen

und vermarkten können – ein klarer

Missbrauch von Googles Machtposition.

Jeremy Stoppelman ist einer der wenigen

prominenten Silicon-Valley-Unternehmer,

die sich unerschrocken über Googles

Geschäftspraktiken beschweren. Der

Mitgründer und Chef der Bewertungsplattform

Yelp aus San Francisco hat mehrfach

vor US- und EU-Wettbewerbshütern gegen

Google ausgesagt. Gebracht hat es wenig.

Google wollte Yelp kaufen, um stärker in

den Markt für lokale Werbung einzusteigen.

Stoppelman winkte ab. Prompt baute

Google ein konkurrierendes Produkt auf

und platzierte auf ihm Ausschnitte von

Yelps Bewertungen. Als Yelp protestierte,

drohte Google, die Inhalte der Bewertungsseite

gänzlich aus der zentralen Suchmaschine

zu entfernen. Im Januar 2013

verpflichtete sich Google gegenüber der

US-Wettbewerbsbehörde FTC, solche

Praktiken zu unterlassen.

Doch der Kleinkrieg geht weiter, so Stoppelman:

„Sie haben es noch nicht aufgegeben,

uns gegen die Wand zu drücken.“ So

zeigt Google in den Suchergebnissen über

Restaurants so viele Details an, dass Yelps

wichtigste Kategorie nur noch nutzt, wer

sehr tief gehende Informationen sucht. Damit

besteht die Gefahr, dass die Zahl der direkten

Besucher von Yelps Seite sinkt, was

deren Werbeumsatz drückt. Ein klarer Fall,

wie Google die Macht seiner Suchmaschine

nutzt, um eigene Angebote zu päppeln

und deren Konkurrenten zu schaden.

Googles Macht ließe sich im Prinzip am

leichtesten eindämmen, wenn der Konzern

aufgespalten würde, etwa in eine

Such- und eine Dienstleistungssparte.

Dienste wie Shopping, Flugsuche, Restaurantbewertungen

oder Web-Mail müssten

auf eigenen Füßen stehen, selbst Werbung

verkaufen und mit Wettbewerbern um »

Die Internet-Suchmaschine ist der zentrale

und wichtigste Datenlieferant für

Google. Denn die Suchhistorie sagt mindestens

so viel über einen Web-Nutzer

aus wie dessen Einträge bei Facebook.

Wer in seinem Google-Konto eingeloggt

ist – was bei allen Nutzern von Android-

Smartphones automatisch geschieht –

und gleichzeitig die Internet-Suche verwendet,

gibt seine Interessen sogar personalisiert

preis. So kann Google die

Suchhistorie mit einer Person verknüpfen

– und bei Verwendung anderer

Google-Dienste wie Gmail oder YouTube

um weitere Informationen ergänzen.

OHNE SUCHHISTORIE

Wer vermeiden will, dass Google persönliche

Informationen sammelt, kann

auf Alternativen ausweichen. Der bekannteste

Anbieter ist Microsoft mit seiner

Bing. Die Qualität der Suchergebnisse

ist noch nicht ganz so hoch wie

bei Google. Aber auch Bing speichert

die Suchhistorie, um personalisierte Inhalte

und Werbung einzublenden. Und

wer weitere Microsoft-Dienste wie den

E-Mailer Outlook.com oder den Cloud-

Speicher OneDrive verwendet, begibt

sich in eine ähnliche Abhängigkeit.

Eine andere Alternative ist Duck-

DuckGo.com: Sie verzichtet laut eigenen

Angaben auf die Speicherung von

Suchhistorie und IP-Adresse des Nutzers

und speichert keine Cookies – Minidateien

mit jüngst angesteuerten

Web-Seiten – auf Rechnern oder Handys

der Anwender. Für die Suchergebnisse

greift DuckDuckGo auf Quellen

wie das Internet-Lexikon Wikipedia oder

das Bewertungsportal Yelp zurück.

Die Webseite Ixquick verzichtet auf

die Speicherung von IP-Adressen und

Cookies. Zudem ist Ixquick die einzige

nach EU-Datenschutzrecht zertifizierte

Suchmaschine. Die Seite greift bei der

Abfrage auf mehrere Suchmaschinen

zu, um daraus eine Liste mit den relevanten

Ergebnissen zu erstellen.

michael.kroker@wiwo.de

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 41

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Unternehmen&Märkte

Widersacher

im Valley

Mutiger Mahner Der

Chef des Bewertungsportals

Yelp, Stoppelman

(links), hat

mehrfach gegen

Google ausgesagt

Herr der Daten Dropbox-Chef

Houston

(rechts) hat seinen

Cloud-Speicherdienst

erfolgreich gegen

Googles Gegenstück

Google Drive etabliert

»

die besten Plätze in Googles allgegenwärtiger

Suchmaschine konkurrieren.

Auch die Google-Apps und Android wären

autonom und müssten ihre Einsichten

in die Bedürfnisse ihrer Nutzer selbstständig

vermarkten. Das würde die marktführende

Stellung von Googles Suchmaschine

zwar nicht gefährden. Doch damit hätten

es Wettbewerber etwas leichter.

Doch alle Zerschlagungspläne sind illusorisch,

es fehlt die gesetzliche Grundlage.

Schon mehrfach haben US-Wettbewerbshüter

Googles Geschäftsmethoden geprüft

– und rund neun Millionen Seiten an Akten

produziert. Diese Mammutarbeit mündete

im Januar 2013 in einen Vergleich, in dem

Google geringe Auflagen wie einen Kopierstopp

von Inhalten und deren Einfügen in

eigene Angebote gegen den ausdrücklichen

Willen der Urheber akzeptierte.

MONOPOLIST ZU SEIN IST ERLAUBT

Selbst das wäre allerdings nach Auffassung

der damals beteiligten US-Wettbewerbshüter

wie Thomas Rosch gar nicht nötig gewesen:

Google habe keine Regeln gebrochen

und vor allem bei Restaurantbewertungen

und Shopping nachweislich über

kein Monopol verfügt. Google stimmte

dem Vergleich zu, um das langwierige Verfahren

zum Abschluss zu bringen.

Nach US-Recht kann ein Unternehmen

Monopolist sein. Rechtlich brisant wird es

nur, wenn Konsumenten geschädigt werden.

Doch das greift bei der Gratiskultur im

Web ins Leere. Und der Schutz von Wettbewerbern

ist laut US-Gesetzen nicht vorgesehen.

Schon im Microsoft-Monopolprozess

fiel der Nachweis schwer, dass der

Konzern mit dem Bündeln seines Internet

Explorers mit dem Betriebssystem Windows

wirklich Konsumenten schädigte.

Google bietet allerdings eine offene

Flanke, zumindest aus Sicht der Anwälte

von Hagens Berman. Die auf Verbraucherrechtsklagen

spezialisierte Kanzlei aus Seattle

im US-Staat Washington wirft dem

Riesen vor, Hersteller von Android-Handys

dazu zu zwingen, Google-Dienste prominent

auf ihren Geräten vorzuinstallieren

und so den Markt zu manipulieren. Sie hat

Google deshalb im Auftrag von Endkunden

in den USA verklagt. Google bestreitet, dass

Android nur im Bündel mit Google-Diensten

genutzt werden darf. Tatsächlich setzt

etwa Amazon Android nicht nur ohne diese

Auflagen ein, sondern unterdrückt auf

seinen Tablets und dem neuen Smartphone

sogar Google-Dienste wie Gmail.

Dennoch ist Hagens Berman ein ernst zu

nehmender Gegner. Die Anwälte setzten

bereits Apple so stark zu, dass der Konzern

840 Millionen Dollar zahlte, um ein Verfahren

wegen Preisabsprachen bei elektronischen

Büchern mit Verlagen zu vermeiden.

Um Google ernsthaft unter Druck zu setzen,

müsste Hagens Berman nachweisen,

dass Google mit seinen Taktiken die Preise

für Smartphones erhöht. Doch das dürfte

schwerfallen. Auch die EU-Kommission

Google verliert

Weltweite Marktanteile bei mobiler Werbung (in Prozent)

Quelle: Emarketer

prüft die Vorwürfe zu Android, hat aber

noch kein formales Verfahren eröffnet.

Wenig aussichtsreich scheinen Versuche,

Google auf nationaler Ebene zu regulieren.

So gibt es die Idee von Bundeswirtschaftsminister

Sigmar Gabriel (SPD),

Google zu einer Infrastruktur zu erklären

(„essential facility“). Selbst Thomas Vinje,

Rechtsberater der in der Fair Search organisierten

Koalition von internationalen

Google-Rivalen, hält es juristisch für „sehr

schwierig“, Google zum einzigen Eingangstor

des Internets zu erklären.

Selbst wenn dies gelänge, könnte Google

zwar gezwungen werden, die eigenen

Dienste den Wettbewerbern zu öffnen. Wie

bei Telefonleitungen würden dann aber

Durchleitungsgebühren anfallen. Justus

Haucap, Mitglied der Monopolkommission

und ihr ehemaliger Vorsitzender, weist

darauf hin, dass eine staatlich verordnete

Preisregulierung „für eine unentgeltliche

Suchmaschine keinen Sinn macht“.

Ohnehin kritisieren viele Fachleute die

Monopoldiskussion als unsinnig. So hält

Silicon-Valley-Kenner Moore die oft zitierte

Aufspaltung des Telefonkonzerns AT&T

Anfang der Achtzigerjahre für einen Fehler.

52,6

49,3 46,8

Google

Facebook 40,5 30,8 28,9

8,8

Twitter

Andere

1,5

5,4

Mrd. $

(2012)

2,4

28,0

Mrd. $

(2013)

2,6

17,5 21,7

31,5

Mrd. $

(2014)

42 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: GETTY IMAGES/BLOOMBERG (2), LAIF/JOCK FISTICK

„Die Preise für Telefonate sind vor allem

wegen des Wettbewerbs durch Internet-Telefonieunternehmen

gefallen“, argumentiert

Moore. Und die bei der Zerschlagung

entstandenen Gesellschaften haben durch

Wettbewerbsdruck wieder fusioniert, in

Gestalt der heutigen AT&T.

Erst in der vergangenen Woche hat auch

die Monopolkommission in einem Gutachten

vor übereilten kartellrechtlichen

Eingriffen gegen Google gewarnt. „Die digitale

Wirtschaft ist so stark in Bewegung,

dass selbst Giganten keine dauerhafte Erfolgsgarantie

haben“, sagt Daniel Zimmer,

Vorsitzende der Kommission. So herrschte

beim Zusammenschluss von AOL und Time

Warner 2001 Angst vor der Dominanz

des neuen Web-Riesen. Mittlerweile haben

sich die vermeintlichen Traumpartner

scheiden lassen, AOL existiert kaum mehr.

Als Microsoft 2011 Skype übernahm, existierten

ähnliche Befürchtungen für die Internet-Kommunikation.

Heute kommt die

stärkste Konkurrenz von WhatsApp, einem

damals noch unbedeutenden Start-up.

GEGENHALTEN MIT INNOVATION

Die richtige Antwort auf Googles Machtstreben

liegt daher auf der Hand: Wettbewerb

und Innovation. Tatsächlich weicht Googles

Monopol bei der Suche erstmals seit Jahren

auf, weil Smartphone- und Tablet-Besitzer

vorwiegend Apps für das Aufrufen von Informationen

nutzen und nicht mehr exklusiv

Googles Suchmaschine. Google hat deshalb

bereits 2013 Marktanteile bei mobiler

Werbung verloren (siehe Grafik links), so

der New Yorker Marktforscher Emarketer –

ein Trend, der sich fortsetzt.

Für die Europäer ist das nur ein schwacher

Trost. Denn der Gewinner ist mit

Facebook ein anderer US-Gigant. Google

bleibt aber Marktführer mit 46,8 Prozent,

vor Facebook mit 21,7 Prozent. Auch im

Online-Speichern von Dokumenten haben

sich Silicon-Valley-Entrepreneure wie etwa

Drew Houston mit seinem Start-up Dropbox

gegenüber Googles Gegenstück Google

Drive etabliert.

Google-Kritiker Stoppelman ist ebenfalls

davon überzeugt, dass Wettbewerb die

richtige Antwort ist. Google, so der Yelp-

Chef, wollte sein Unternehmen schon

mehrfach „killen“. Warum es trotzdem

überlebt habe? „Wir haben das bessere

Produkt und Geschäftsmodell“, sagt Stoppelman.

„Solange wir das haben, können

wir uns gegen Google behaupten.“ n

matthias hohensee@wiwo.de | Silicon Valley,

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel, michael kroker

EU-AUFLAGEN

Hilfe zur

Selbsthilfe

Die geplanten Brüsseler Vorgaben

für Google sind umstritten.

Europäischer Aufpasser Kommissar

Almunia will Googles Wettbewerber stärken

„Keine andere Wettbewerbsbehörde der

Welt hat solche Zugeständnisse erreicht“,

sagt EU-Wettbewerbskommissar Joaquín

Almunia über den geplanten Deal mit

Google. Das stimmt – und doch hagelt es

dafür Kritik aus allen Richtungen.

Almunia hat im Fall Google gleich mit

mehreren Problemen zu kämpfen. So ist

die Materie extrem technisch und komplex.

Googles Suchalgorithmus, der 550

Mal im Jahr verändert wird, versteht nur

das Unternehmen selbst. Außerdem sprengen

die Geschäftsmodelle im Web die bisherigen

Marktkonzepte von Ökonomen, bei

denen ein Verkäufer einem Käufer ein Gut

oder eine Dienstleistung offeriert. Weil

Google dem Nutzer seine Leistung umsonst

anbietet und Umsatz über Werbung

macht, existiert eine Dreiecksbeziehung.

Durch seine Größe löst Google in der

Öffentlichkeit Unbehagen aus, was den

Erwartungsdruck auf die EU-Kommission

verstärkt. Verschärft wird die Debatte,

weil die Medien, die sie transportieren,

nicht unparteiisch sind: Deutsche Verleger

gehören zu Googles größten Kritikern.

Unter diesen schwierigen Voraussetzungen

hat Almunia mit Google einen Vergleich

ausgehandelt, der nicht zu stark

ins Geschäftsmodell des Internet-Giganten

eingreifen soll oder ihn gar zwingen

würde, seinen Suchalgorithmus offenzulegen.

„Wir schreiben Mercedes auch

nicht vor, welche Modelle es produzieren

soll“, sagt ein EU-Beamter.

Stattdessen will die EU-Kommission die

Wettbewerber stärken. Google muss seine

eigenen Dienste in der Auflistung der

Suchergebnisse kennzeichnen. Das ermöglicht

Nutzern, diese Dienste zu erkennen,

quasi als Hilfe zur Selbsthilfe. Neben

der Werbefläche mit eigenen Diensten

muss Google konkurrierenden Angeboten

Platz einräumen. Google muss außerdem

Inhalteanbieter uneingeschränkt listen,

auch wenn diese ihre vollständigen Inhalte

für sich behalten wollen. Und Google

darf Web-Site-Betreiber nicht dazu zwingen,

Online-Werbung ausschließlich über

sich selbst zu beziehen.

KRITIK DER KONKURRENZ

Google bewertet den Eingriff als empfindlich,

schreibt er doch für die kommenden

fünf Jahre das Geschäftsgebaren vor.

„Das ist viel für ein Unternehmen, das es

erst seit 15 Jahren gibt“, heißt es bei

Google. Die Konkurrenz hält die Auflagen

für wirkungslos. Die 20 beschwerdeführenden

Unternehmen, darunter Microsoft,

äußern dies zurzeit in ihren Antworten

auf ein Schreiben der EU-Kommission,

in dem sie den Deal angekündigt

hat. Auch aus dem Europaparlament gibt

es Kritik: „Ich habe meine Zweifel, ob am

Schluss etwas Sinnvolles bei diesem Verfahren

herauskommt“, sagt der CDU-Abgeordnete

Andreas Schwab.

Almunia hat sich angreifbar gemacht,

weil er die Nähe zu Google-Verwaltungsratschef

Eric Schmidt suchte – früher

CEO bei Novell, dem Unternehmen, das

den Megafall Microsoft anstieß. Mittlerweile

dürfte er bereut haben, dass er ihn

zum Essen in die Kommission eingeladen

hat und darüber plauderte, dass die beiden

per SMS in Kontakt stehen. Hilfreich

ist auch nicht Schmidts Äußerung, es sei

„schwieriger, jemanden zu verdammen,

mit dem man zu Abend gegessen hat“.

Um den Deal zu beschließen, braucht

Almunia eine Mehrheit in der EU-Kommission.

Noch ist nicht sicher, ob er das

Verfahren bis zum Ablauf seiner Amtszeit

Ende Oktober wird abschließen können.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 43

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Unternehmen&Märkte

»Wer ist der wahre Hugo?«

INTERVIEW | Claus-Dietrich Lahrs Der Chef von Deutschlands größtem Anzugschneider Hugo Boss will

mehr Flächen in Kaufhäusern selbst bewirtschaften und peilt mehr als drei Milliarden Euro Umsatz an.

Herr Lahrs, Fußballstürmer Mario Gomez

war bei der WM in Brasilien gar nicht

dabei. Trotzdem wirbt Hugo Boss in

Schaufenstern und Anzeigen mit ihm –

ein klassischer Fehlpass, oder?

Mario ist schon seit Jahren ein wichtiges

Gesicht vor allem der Kampagnen für

unseren Herrenduft, und wäre er nicht

verletzt, würde er sicher eine wichtige

Rolle bei der WM spielen. Aber so etwas

passiert nun mal beim Profisport. Deshalb

haben wir ja auch nicht allein auf einen

Star gesetzt, sondern auf das ganze DFB-

Team.

Profitiert Boss wirklich davon, mit der

DFB-Elf zu werben?

Ja, wir sind bisher absolut zufrieden. Wir

rüsten den kompletten Kader langfristig

mit maßgeschneiderten Anzügen, Schuhen

und Hemden aus – ein gutes Dutzend

DER CHEF VOM BOSS

Lahrs, 51, steht seit August 2008 an der

Spitze der im MDax notierten Hugo Boss

AG. Frühere Stationen waren Cartier und

Louis Vuitton; ab 2004 war er Chef von Dior

Couture in Paris. Boss gehört mehrheitlich

dem Finanzinvestor Permira, der den damaligen

Eigner Valentino Fashion Group 2007

für 3,4 Milliarden Euro übernommen hatte.

Teile für jeden der 23 Spieler. Den Effekt

spüren wir direkt beim Abverkauf. Die Anzüge

aus der DFB-Kollektion werden sehr

gut nachgefragt. Und die Hemden und Hosen,

die Bundestrainer Jogi Löw während

der Spiele trägt, verkaufen sich spürbar

besser als vergleichbare Modelle.

Wir dachten, Sie wollen Boss höherwertig

positionieren. Wie passt Fußball dazu?

Wir setzen nicht nur auf Fußball, sondern

engagieren uns seit mehr als 30 Jahren in

der Formel 1, betreiben ein Hochsee-Segelteam

und sind auch beim Golf aktiv – alles

internationale Sportarten, die sehr gut

zu unserer Marke passen. Der Fußball hat

sich in den letzten Jahren sehr verändert

und passt gut dazu. Zum anderen müssen

wir Boss nicht höherwertig positionieren –

wir haben das schon längst geschafft.

Vielleicht im Vergleich zu Durchschnittsmarken,

aber in Deutschland hängen Ihre

400-Euro-Anzüge im Kaufhaus neben

Eigenmarken und preiswerterer Konkurrenz.

Boss gilt hierzulande als zwar sehr

gut, aber doch nicht auf Augenhöhe mit

Luxusanbietern wie Armani und Zegna?

Langsam – wir sind mit Abstand die führende

Marke der Welt, was gehobene Anzüge

betrifft. Und der Umsatzanteil, den

FOTOS: PR (2)

44 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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wir mit noch höherwertigeren Anzügen

machen, die deutlich über dem von Ihnen

genannten Preis liegen, hat sich Stück für

Stück vergrößert – allein deshalb, weil wir

heute fast 60 Prozent des Geschäfts in unseren

eigenen Läden erzielen. In einem

Markt wie China, wo wir ausschließlich eigene

Geschäfte betreiben, verkaufen wir

mehr Anzüge zu Preisen von über 800 Euro

als in Deutschland.

Und wenn der chinesische Tourist nach

Berlin reist, sieht er die günstigeren Boss-

Anzüge auf der Stange bei P&C und

merkt, die Marke ist gar nicht so edel?

Der chinesische Tourist, der uns aus seiner

Heimatstadt kennt und der die Marke jetzt

neben zig anderen in der Anzugabteilung

wiederfindet, stellt sich natürlich die Frage,

welches nun der wahre Hugo Boss ist – derjenige,

den er aus Shanghai kennt oder der

hier in der deutschen Stammabteilung. Wir

machen einen immer größer werdenden

Teil unseres Geschäfts mit Touristen. Unsere

Verantwortung ist es daher, Konsistenz

in der Präsentation herzustellen.

Damit Touristen nicht irritiert sind, sollen

die Deutschen mehr zahlen – wie bringen

Sie aber den Handel dazu, Boss besser zu

behandeln als seine anderen Marken?

Das ist mir zu einfach. Unsere deutschen

Kunden sollen nicht schlicht mehr zahlen.

Wir wollen aber ein stimmiges Bild der

Marke zeigen. Auch unsere deutschen

Kunden sind durchaus bereit, mehr für einen

Anzug auszugeben, wenn wir ihnen in

unseren eigenen Läden erklären, worin die

höhere Qualität besteht. Und den Einzelhandel

fordern wir auf, das ähnlich zu tun.

Wie bringen Sie das dem Händler bei, der

gern Ihre Marke verkaufen will, aber nicht

in eigene Boss-Flächen investieren kann?

Wir sagen unseren Händlern: Lasst uns

über die Art der Präsentation reden. Wir

erzielen höhere Umsätze, wenn wir für uns

allein sind und nicht neben Eigenmarken

des Fachhandels oder Marken, die vom

Preisniveau unter uns liegen. Davon profitiert

am Ende auch der Handel, weil er mit

uns zusammen wächst. Deshalb wollen

wir auch in Deutschland mehr eigene Flächen

bewirtschaften, also Shop-in-Shop-

Systeme betreiben, bei denen wir uns um

das komplette Warenmanagement kümmern,

also Mieter auf der Fläche des Kaufhausbetreibers

sind. Das tun wir schon in

den Karstadt-Premiumhäusern, bei Saks

Fifth Avenue in den USA oder El Corte

Ingles in Spanien. Die Zahl der von uns

kontrollierten Shop-in-Shops macht inzwischen

gut 40 Prozent unserer mehr als

Eigene Handschrift

Der Anteil der Damenmode am

Umsatz soll dank eines neuen

Designers deutlich steigen

1000 eigenen Verkaufsflächen

weltweit aus.

Und wenn der Händler nicht

mitspielt?

Es gibt Händler, die das

Geschäft lieber selbst

betreiben wollen. Eine

hochwertige Markenpräsentation

ist

dann für uns Voraussetzung.

Aber mit eigenen

Flächen wachsen auch

die finanzielle Belastung

für Boss und das

Risiko, wenn Kollektionen

floppen?

Vor fünf, sechs Jahren lag unser Umsatzverhältnis

bei 75 Prozent Großhandel

gegenüber 25 Prozent Eigenfläche.

Heute sind es 60 Prozent in eigenen Läden

gegenüber knapp 40 Prozent mit Partnern.

Wir haben noch nie so viel in unseren eigenen

Handel investiert: Allein 2013 war es

Aktien-Info Hugo Boss

ISINDE0005245534

Indexiert: seit 1.7.2008 (= 100)

500

450

400

Hugo Boss

350

300

250

200

150

100

MDax

50

0

08 09 10 11 12 13 14

Umsatz (in Millionen Euro)

Mitarbeiter

Gewinn (Ebit, in Millionen Euro)

Umsatzrendite (in Prozent)

Eigenkapitalrendite (in Prozent)

Kurs (in Euro)

KGV

Börsenwert(in Milliarden Euro)

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle: Unternehmensangaben, Datastream, Bloomberg

2432,10

12 500

456,2

18,76

49,8

108,7

22,8

7,68

Hoch

Auch wenn der Umsatz zuletzt nicht so stark stieg wie

erhofft, ist Boss auf gutem Weg; der Umsatz dürftenicht

zuletzt durch die jüngste Übernahme der Läden in China

steigen. Unsicherheiten bestehen jedoch wegen der labilen

Konjunkturlage speziell in den USA.

mit 113 Millionen Euro ein

Rekord. Gleichzeitig haben

wir unsere Profitabilität erheblich

gestärkt. In den kommenden

Jahren wollen wir 80

Prozent unseres Umsatzes in

eigenen Läden machen.

Kauft also der einzelne Kunde

mehr und teurer ein bei Boss

als früher?

Ja, im Schnitt kauft jeder Kunde

mehr als zwei Produkte bei

uns. Das ist im Branchenvergleich

ein sehr guter Wert. Gleichzeitig

gibt er mehr Geld aus. In den

USA etwa liegen wir beim Pro-

Kopf-Einkauf bei circa 400 US-

Dollar. Der Wert fiel früher um einiges

niedriger aus.

Was trägt dazu die neue Damenkollektion

bei, für die Sie den US-

Designer Jason Wu angeheuert haben?

Wir haben mit Jason jemanden an

Bord, der ein sehr gutes Gespür hat für

ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Designanspruch

und Verkäuflichkeit. Das zahlt

sich aus. Wir haben in unseren Flagship-

Stores wie etwa in New York, Hongkong und

Stuttgart bereits ganze Etagen exklusiv für

Damen gestaltet und präsentieren schon im

Eingang Damenschuhe und Taschen.

Was hat das gebracht?

In diesen Läden erzielen wir bereits bis zu

40 Prozent unseres Umsatzes mit Damenmode,

während ihr Anteil am Gesamtumsatz

erst bei gut elf Prozent liegt, das ist ein

sehr gutes Zeichen. Natürlich hängt der

Umsatzanteil immer davon ab, wie schnell

unsere Herrenmode wächst. Aber wenn

das so weitergeht, dürfte der Damenanteil

zweistellig wachsen.

Der Konzernumsatz stieg zuletzt um vier

Prozent auf 2,4 Milliarden Euro. Geht das

so weiter, dürften Sie Ihr Ziel von drei

Milliarden Euro 2015 aber kaum schaffen?

Doch, davon gehen wir weiter aus. Neben

dem Damen- wächst auch das Herrensegment

sehr dynamisch. Auch der Umsatz

mit Accessoires steigt. Außerdem stellt sich

die Gesamtwirtschaft freundlicher dar, China

etwa bleibt für uns eine der großen

Wachstumschancen. Im Moment entwickelt

sich auch Europa sehr erfreulich, in

den USA sehen wir nach einem schwierigen

Jahresstart regelmäßige Verbesserungen

beim Umsatz. Insofern halten wir fest

an dem Ziel. Und bei drei Milliarden Euro

hören wir ja nicht auf und gehen nach Hause.

Wenn wir die Zahl übersprungen haben,

nehmen wir uns das nächste Ziel vor.

»

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 45

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Unternehmen&Märkte

»

Anders als der französische Luxuskonzern

Kering, der das seit Jahren

macht, legt Boss jetzt zum ersten Mal

einen Nachhaltigkeitsbericht vor. Warum

so spät?

Wir sind von Haus aus Schwaben, und die

machen viel, sprechen aber nicht immer

darüber. Tatsächlich tun wir schon sehr

lange viele Dinge, die andere Unternehmen

PR-trächtig mit dem Etikett Nachhaltigkeit

belegen. Wir betrachten es als

selbstverständlich, dass wir uns auf allen

Stufen der Wertschöpfungskette möglichst

nachhaltig verhalten.

Macht Boss jetzt eine Ökokollektion?

Um Gottes willen, das würde kein Kunde

von uns erwarten. Wir nähen sicher auch

keine Ökofähnchen auf Anzüge oder Kleider.

Aber wir werden ab sofort jedes Jahr

unsere Nachhaltigkeitsbemühungen in einem

Bericht dokumentieren und überprüfen

lassen, damit unsere Kunden guten Gewissens

bei uns einkaufen können. Ein Beispiel:

Wir führen jetzt in unseren Läden

neue Tüten ein, die aus 100 Prozent recyceltem

Papier bestehen. Das hängen wir

nicht an die große Glocke, wir machen das,

weil wir es für richtig halten

Die Organisation Clean Clothes Campaign

hat Hugo Boss allerdings vorgeworfen, in

Kroatien und der Türkei Näherinnen

Löhne unter Existenzminimum zu zahlen.

Verdienen Sie Ihr Geld mit Billiglohn?

Nein, dagegen verwehren wir uns, und das

haben wir gegenüber dieser Initiative und

den Medien auch klar zum Ausdruck gebracht.

Hier geht es vor allem um Mitarbeiter,

die in Lohnfertigung für uns und andere

bekannte Marken arbeiten. Wir legen

großen Wert darauf, dass wir uns selbstverständlich

stets im Rahmen der gesetzlichen

Mindestlöhne bewegen. Wir überprüfen

außerdem regelmäßig die Verhältnisse

bei unseren Auftragsfertigern und

verpflichten sie darauf, unsere strengen

Sozialstandards einzuhalten.

Lassen Sie sich auch extern prüfen?

Ja, natürlich, und das werden wir weiter

ausbauen.

Was verdient denn eine Näherin von

Ihnen in der Türkei?

Der Lohn in unserer Produktion in der Türkei

liegt im Durchschnitt 30 Prozent über

dem, was eine Näherin üblicherweise vor

Ort verdient. Des Weiteren stellen wir den

Mitarbeitern in unserer türkischen Produktion

Sportplätze, ein Fitnessstudio, sehr gute

Restaurants und einiges mehr kostenlos

zur Verfügung.

n

peter.steinkirchner@wiwo.de, nele hansen

Mut zur Lücke

LUFTHANSA | Was bringt der Umbauplan des neuen Vorstandschefs

Carsten Spohr? Antworten auf die sieben wichtigsten Fragen.

1.

WAS SIND DIE ENTSCHEIDEN-

DEN PUNKTE BEI SPOHRS

NEUER STRATEGIE?

Spohr möchte die Lufthansa zu einem

Treiber der Flugbranche machen. Konkret

angekündigt hat er neue Billigflieger im Europaverkehr

und erstmals auch auf der

Langstrecke sowie die Vertiefung der Zusammenarbeit

mit Bündnispartnern aus

der Star Alliance wie Turkish Airlines und

Air China. Zudem soll die Lufthansa künftig

schlanker und schneller werden. Hier

ist Spohr bisher Details schuldig geblieben.

2.

WELCHE PROBLEME

MUSS DER KONZERNCHEF

JETZT LÖSEN?

Der Wettbewerb durch Billigflieger wie Easyjet

oder Ryanair sowie auf der Langstrecke

durch teilweise staatlich subventionierte

Fluglinien vom Golf oder aus Asien

drückt die Ticketpreise. Trotz aller Sparmaßnahmen

zum Beispiel durch leichtere

Flugzeuge verdient Lufthansa zu wenig

Geld, um die Investitionen etwa in neue

Maschinen bezahlen zu können. Sie hat zu

viele und zu teure Beschäftigte, zahlt in

Deutschland höhere Steuern und Flughafengebühren

als Wettbewerber wie Emirates

oder Easyjet und kann ihre teuren

Maschinen wegen der Sperrstunden und

Platzmangel an ihren Heimatflughäfen

Frankfurt und München nicht so gut nutzen

wie die ausländische Konkurrenz an

deren Drehkreuzen.

3.

SPOHR SIND VOR

ALLEM DIE NEUEN BILLIG-

TÖCHTER WICHTIG. WELCHE

PROBLEME LÖSEN DIE?

Keines so richtig. Zwar drücken die Flugdiscounter

die Betriebskosten um ein Drittel.

Doch das ist nicht genug: Am Ende fliegen

die Töchter immer noch teurer als echte Billigflieger

wie Easyjet und Golf-Airlines wie

Emirates (siehe Grafik rechts).

Den größten Erfolg verspricht

der Ausbau der heutigen

Billigtochter Germanwings

zu einer europaweiten Marke

mit Töchtern in Ländern wie Irland

mit geringeren Steuern

und flexibleren Regulierungen etwa bei

den Tarifverträgen. Denn die Lufthansa hat

den sonst üblichen Preisverfall, wenn Strecken

von einer etablierten Gesellschaft auf

eine Billigtochter übertragen werden, unter

anderem durch ein cleveres Angebot

kostenpflichtiger Extras gebremst.

Anders ist die Lage bei den Billigprojekten

der Lufthansa auf der Langstrecke. Diese

sollen nicht bestehende Strecken übernehmen,

sondern heute nicht oder nicht mehr

angebotene Routen bedienen. Weil Urlauber

als Kunden aber besonders preissensibel

sind, wird die Lufthansa notgedrungen

ihre Preise senken müssen. „Wie sollen die

da mehr Geld verdienen?“, fragt ein Insider.

4.

MEHR ZUM THEMA

Wie Fluglinien durch

leichtere Flugzeuge ihre

Spritkosten senken,

lesen Sie auf Seite 56

PARTNER FÜR DIE BILLIG-

LANGSTRECKE IST DIE

PROFITABLE TURKISH AIRLINES.

IST DAS KEIN GARANT FÜR

GEWINNE?

Leider nein. Zum einen ist unklar, ob die

Partnerschaft wirklich klappt. Turkish Airlines

hat Gespräche über ein Langstreckenprojekt

vergangene Woche dementiert.

Zudem ist das Verhältnis angespannt.

Turkish und Lufthansa betreiben zwar bereits

erfolgreich gemeinsam die Ferienlinie

Sun Express. Doch Lufthansa brandmarkt

die Expansion der Linie aus Istanbul in Europa

als staatlich subventionierten unfairen

Wettbewerb. Erschwerend kommt hinzu,

dass die Deutschen Turkish in der Star

Alliance als Partner zweiter Klasse behandeln:

Sie verweigern Passagieren im Vielfliegerprogramm

Miles & More die volle

Punktegutschrift.

Selbst wenn sich die Partner zusammenraufen,

wäre ein Erfolg unwahrscheinlich.

Bislang sind alle Versuche einer Billig-

Langstreckenlinie kein Erfolg. Die von der

Lufthansa vorgesehenen Maschinen vom

Typ Airbus A340 haben überdurchschnittlich

hohe Betriebskosten. Und das geplante

Streckenangebot wäre so

klein, dass Wettbewerber wie

Emirates und vielleicht auch

Turkish selbst auf den angebotenen

Strecken der Kranichlinie

mit Sonderangeboten die

Preise verderben dürften.

46 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Teurer Kranich

Betriebskosten der Lufthansa und wichtiger

Konkurrenten (in Eurocent)*

9,8

8,8

8,5

8,2

7,0

6,9

5,9

3,6

Lufthansa (Deutschland)

AirFrance (Frankreich)

Germanwings (Deutschland)

British Airways (Großbritannien)

Emirates (Dubai)

Norwegian (Norwegen)

Easyjet (Großbritannien)

Ryanair (Irland)

* Ausgaben pro angebotenem Passagierkilometer;

Quelle: Capa

Neue Ideen gesucht Lufthansa-Chef Spohr

(rechts) wirbt bei seinen früheren Kollegen

im Cockpit für den Umbau der Fluglinie

FOTOS: CORBIS/TOBIAS SCHWARZ, PICTURE-ALLIANCE/DPA

5.

WAS FEHLT BEI SPOHRS

UMBAUVORHABEN?

Aus Sicht von Beratern sollte die Lufthansa

zum einen ihre vorhandenen Stärken besser

nutzen, statt neue Kunden mit Kampfpreisen

zu locken. „Lufthansa steht wie keine

zweite Linie für Zuverlässigkeit, Sicherheit

und Effizienz“, lobt Shakeel Adam, Inhaber

der auf die Flugbranche spezialisierten

Beratung Aviado Partners aus Eschborn

bei Frankfurt. „Deswegen hat sie

mehr gut zahlende Firmenkunden als andere

Fluglinien und kann auch anspruchsvolle

Privatreisende besser überzeugen –

und nicht, weil sie künftig einen Fünf-Sterne-Service

bietet.“

Um mehr Geld zu verdienen, rät Adam

zu mehr kleinen Flugzeugen. Bislang setzt

die Lufthansa wie fast alle Fluglinien auf

möglichst große Jets, weil das die Kosten

pro Passagier drückt. Doch die Jumbos mit

400 Plätzen und mehr sorgen wegen ihrer

höheren Betriebskosten nur dann für mehr

Gewinn, wenn eine Linie diese zusätzlichen

Plätze auch tatsächlich teuer verkaufen

kann.

Das gelingt der Lufthansa aber nur begrenzt,

wie die wachsende Zahl an Sonderangeboten

und Schnäppchen im Vielfliegerprogramm

Miles & More zeigen. „Kleinere

Maschinen mit gut 300 Plätzen kann

die Lufthansa dagegen zu einem großen

Teil mit besser zahlenden Geschäftsreisenden

oder Urlaubern füllen“, sagt Berater

Adam. „Am Ende bleibt pro Flug mehr übrig

als bei einer großen Maschine, wo die

80 zusätzlichen Reisenden mit ihren Tickets

die Mehrkosten nicht decken.“

6.

Aktien-Info Lufthansa

ISINDE0008232125

170

160

140

120

100

80

IAG

2013 2014

Mitarbeiter (zum 31.12.2013)

Umsatz (in Mio.€)

Operatives Ergebnis (in Mio.€)

Eigenkapitalrendite (in %)

Kurs (9.7.2014, in €)

KGV12/14

Börsenwert(9.7.14, in Mio.€)

Lufthansa

Index: 1Jahr =100

Lufthansa

118214

30 028

697

10,7

15,2

11,76

7006

*Muttergesellschaftvon British Airways (Großbritannien),

Iberia und Vueling (beide Spanien);

Geschäftsjahr 2013;Quelle: Bloomberg, Unternehmen

IAG*

58 389

18 675

770

3,7

4,31

11,06

8789

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Nach der jüngsten Gewinnwarnung hatder Kurs zwar kräftig

nachgegeben. Doch das ist noch kein sicheres Signal,

die Aktie zu kaufen. Erst wenn das von Konzernchef

Carsten Spohr gerade angekündigte Spar-und Umstrukturierungsprogramm

die ersten sichtbaren Ergebnisse zeigt,

dürfteauch der Preis der Lufthansa-Papiere wieder in

größerem Umfang zulegen.

IST SPOHRS PLAN ALSO

MISSLUNGEN?

Nein. Denn neben den Billiglinien hat

Spohr auch eine modernere Unternehmenskultur

angekündigt und dabei mit

vielen Gewohnheiten gebrochen. Er will

nicht nur bis zu zwei Führungsebenen abschaffen.

Statt der bisherigen Praxis, alle

zwei, drei Jahre mit großem Aufwand ein

neues Sparprogramm zu starten, will der

47-Jährige den Konzern auf permanente

Revolution trimmen und, so Spohr, „kontinuierlich

neue Ideen generieren“. Die soll

ein eigenes Innovationszentrum in Berlin

aushecken.

Zudem investiert Spohr eine halbe Milliarde

Euro in einen Innovationsfonds, ohne

ihn wie sonst üblich präzise bestimmten

Projekten zuzuordnen. Und er wird den

Einheitsservice im Lufthansa-Fluggeschäft

nach dem Vorbild Germanwings durch

mehr zukaufbare Extras ergänzen. All dies

fordern Experten schon seit Langem (siehe

etwa die große Studie in der Wirtschafts-

Woche Heft 44/2012). „Selbst wenn Spohr

nicht immer die richtigen Antworten hat,

so stellt er doch endlich die richtigen Fragen“,

so ein Insider.

7.

WERDEN DIE GEWERK-

SCHAFTEN BEI DEM UMBAU

MITZIEHEN?

Am Ende wird ihnen keine Wahl bleiben.

Zwar hat die Pilotenvereinigung Cockpit

die Pläne erwartungsgemäß als „Frontalangriff

mit den entsprechenden Konsequenzen“

zurückgewiesen. Doch am Ende

wissen die Gewerkschaften von ihren Vertretern

im Aufsichtsrat, wie ernst die Lage

der Lufthansa ist und dass Ex-Pilot Spohr –

trotz seiner viel beschworenen Nähe zu

den Arbeitnehmern – ohne Zugeständnisse

künftig noch mehr Jobs zu Töchtern außerhalb

Deutschlands verlegen wird. n

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 47

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Unternehmen&Märkte

Ist Rettung möglich?

Woran ist Karstadt-Chefin Eva-Lotta

Sjöstedt gescheitert?

Was sind die größten Probleme von

Karstadt?

Welche Schritte sind nötig, um das

Unternehmen wieder auf Kurs zu

bringen?

Karstadt betreibt derzeit 83 Warenhäuser.Welche

Einschnitte ins

Filialnetz sind notwendig?

Wird es zu einem Zusammenschluss

mit Kaufhof kommen?

Erwarten Sie, dass der österreichische

Investor René Benko die Warenhäuser

übernimmt?

Jörg Funder

Professor für Unternehmensführung

im Handel an der Hochschule Worms

Sie hat unterschätzt, wie schwer es ist, einen Tanker

wie Karstadt zu drehen. Zudem hatte sie wohl auf

mehr Unterstützung durch den Karstadt-Eigentümer

gehofft.

Erstens, die Marke hat an Strahlkraft

verloren. Zweitens, das Unternehmen betreibt viel

zu viele Häuser, die sich wahrscheinlich dauerhaft

nicht ertragreich betreiben lassen dürften. Drittens,

das Sortiment und der Service entsprechen nicht den

weitläufigen Kundenerwartungen an ein modernes

Warenhaus.

Man wird die Zukunftsfähigkeit der einzelnen Filialen

prüfen müssen. Darüber hinaus wird es wichtiger sein,

den Umsatz anzukurbeln, als weiter Kosten zu senken.

Das erfordert aber hohe Investitionen in Filialen,

IT-Systeme und Prozesse sowie Mitarbeiter.

Langfristig ist unserer Meinung nach der deutsche

Markt nur groß genug für insgesamt 60 bis 70 Warenhäuser

von Kaufhof und Karstadt zusammen.

Ja, wir steuern auf einen Zusammenschluss hin. Ob

aber das Gesamtunternehmen oder nur einzelne

Filialen umflaggen, bleibt abzuwarten.

Herr Benko dürfte nur Interesse an einer Übernahme

von Karstadt haben, wenn er gleichzeitig auch bei

Kaufhof zum Zug kommt und die Unternehmen zusammenführen

kann.

Gerrit Heinemann

Professor für BWL,

Management und Handel an

der Hochschule Niederrhein

Sie hat zu spät erkannt, wie ernst die Lage bei

Karstadt tatsächlich ist.

Langfristig der gigantische Investitionsstau, der sich

seit der Übernahme durch Nicolas Berggruen noch

erhöht hat. Kurzfristig könnte die jüngste Personalie

zu Zweifeln an der Finanzkraft von Karstadt führen

und eine Kettenreaktion auslösen.

Um Karstadt wirklich zu sanieren, sind Investitionen

von mindestens 1,5 Milliarden

Euro erforderlich. Operativ müsste das Unternehmen

komplett auf die Verknüpfung von Online- und

stationärem Handel ausgerichtet werden und sich von

zahlreichen unrentablen Filialen trennen.

Für rund 30 Top-Standorte des Unternehmens findet

sich jederzeit eine Lösung, für die übrigen Filialen und

damit auch für viele Städte, in denen Karstadt-Häuser

stehen, wird es schwierig.

Für eine Deutsche Warenhaus AG ist es aufgrund des

massiven Investitionsstaus bei Karstadt zu spät. Nur

rund ein Drittel der Karstadt-Häuser ist für Kaufhof

interessant.

Nein, das Warenhausgeschäft ist extrem kapitalintensiv.Zudem

wären die Schließungskosten für einen

Investor zu hoch.

Welche Eigenschaften sollte der neue

Karstadt-Chef mitbringen?

Bis wann wird sich das Schicksal von

Karstadt entscheiden?

Er oder sie braucht viel Feingefühl im Umgang mit den

Mitarbeitern, sollte den deutschen Handel kennen

und Erfahrung in der Großfläche haben.

Das hängt davon ab, ob neue Finanzmittel zufließen,

welche Sanierungsschritte nun eingeleitet werden und

wie sich die Warenkreditversicherer verhalten.

Er sollte keine weiteren Karriereschritte planen.

In der Branche wundern sich viele, dass

es Karstadt noch gibt.

Kann die Sanierung von Karstadt

außerhalb einer Insolvenz gelingen?

Kein Kommentar.

Ja, wenn ein Investor demnächst einen Milliardenbetrag

zur Verfügung stellt. Die Chancen dafür sind

jedoch überschaubar.

Wie hoch schätzen Sie nach derzeitigem

Stand die Überlebenschancen von

Karstadt ein?

Über 50 Prozent (abhängig von zusätzlichen

Sanierungsschritten und der Bereitstellung weiterer

Eigenkapitalmittel).

Unter 30 Prozent.

Enttäuschte

Chefin

Karstadt-Leiterin

Sjöstedt

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KARSTADT | Der Abgang von Kurzzeit-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt zeigt, wie verfahren die Lage bei

dem traditionsreichen Essener Warenhausriesen ist. Die fünf führenden deutschen Handelsexperten

sagen, wie es bei Karstadt nun weitergeht und welche Überlebenschancen der Konzern noch hat.

Gerd Hessert

Lehrbeauftragter für

Handelsmanagement an

der Universität Leipzig

Sie hat die Komplexität des Warenhausgeschäfts

inklusive der Eigentümerstruktur bei Karstadt unterschätzt.

Thomas Roeb

Professor für Handel und

Marketing an der Hochschule

Bonn-Rhein-Sieg

Sie hat sich übernommen. Ihr früherer Arbeitgeber

Ikea ist ein Unternehmen auf Erfolgskurs, Karstadt

dagegen ein Sanierungsfall.

Joachim Stumpf

Geschäftsführer der BBE

Handelsberatung München

Ihre Ansätze waren gut, es fehlten wohl die

finanziellen Mittel zur Umsetzung.

Karstadt ist es nicht gelungen, die Kostenstruktur an

die Umsatzverluste der letzten Jahre anzupassen.

Zudem hat das Unternehmen keine Antwort auf den

wachsenden Online-Handel gefunden. Kurzfristig

muss Karstadt aber vor allem dafür sorgen, dass keine

Zweifel an der Liquidität aufkommen und Einkauf und

Warenverfügbarkeit nicht gefährdet werden.

Es geht nicht mehr darum, den kompletten Konzern

zu erhalten, sondern darum, den Kern des Unternehmens

und möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten.

Schließungen sind unumgänglich. Zugleich muss in

Standorte, die eine reelle Chance haben, investiert

werden.

Ich gehe davon aus, dass rund die Hälfte

der derzeitigen Standorte wegfallen wird.

Ich rechne damit, dass sich Galeria Kaufhof nur für 30

bis 35 Karstadt-Häuser interessiert. Gegen eine komplette

Übernahme gibt es erhebliche Widerstände im

Galeria-Management.

Das kann ich mir derzeit nicht vorstellen.

Sanierungs- und Handelserfahrung, aber es dürfte

schwer werden, einen Kandidaten für die Aufgabe zu

finden.

Spätestens im Weihnachtsgeschäft wird sich zeigen,

wie es weitergeht.

Ohne Insolvenzverfahren wird es extrem teuer, Mietund

Arbeitsverträge zu beenden. Pro Warenhaus

wären Schließungskosten von fünf bis zehn Millionen

Euro erforderlich. Woher soll das Geld kommen?

Unter 30 Prozent.

Mode ist der zentrale Umsatzbringer des Konzerns,

trotzdem fehlt ein vernünftiges Fashion-Konzept.

Zudem ist Karstadt eine Investitionsruine.

Die Kosten müssen runter. Ohne Entlassungen und

Gehaltskürzungen lässt sich das Unternehmen kaum

finanziell stabilisieren. Zudem gibt es einen Investitionsstau

zwischen geschätzt 500 Millionen und einer

Milliarde Euro.

Ohne interne Rentabilitätsrechnungen für die einzelnen

Häuser lässt sich das nicht beantworten. Klar

ist aber, dass es seit Jahren Überkapazitäten im

deutschen Warenhaussegment gibt.

Wirtschaftlich sinnvoll wäre allenfalls die Option,

dass sich Galeria Kaufhof einzelne Standorte von

Karstadt sichert. Eine Komplettübernahme halte ich

für unrealistisch.

Das ist noch unklar. Je nach Entwicklung des Geschäfts

von Karstadt haben viele Warenhaus-Immobilien

für Benko vermutlich einen höheren Wert

ohne den Mieter Karstadt als mit ihm. Ob er tatsächlich

das operative Geschäft übernimmt, ist daher

fraglich.

Durchsetzungskraft, Verhandlungsgeschick und ein

paar visionäre Ideen, wie Karstadt zu retten ist.

Die Entscheidung kann sich noch über Monate hinziehen.

Spätestens nach dem Weihnachtsgeschäft

im Frühjahr 2015 wird sich aber abzeichnen, wohin

die Reise geht.

Mit den bevorstehenden Mittelzuflüssen kann sich

das Unternehmen zumindest die Zeit erkaufen, um

eine echte Sanierung einzuleiten.

90 Prozent kurzfristig bis zum Frühjahr,

50 Prozent über die nächsten zwei Jahre.

Enttäuschender

Investor

Karstadt-Eigner

Berggruen

Hoher Investitionsstau, zu geringe Online-Präsenz,

zu hoher Grad an Standard-Sortimenten in den

Filialen.

Zunächst sind Investitionen notwendig. Anschließend

sollten die Sortimente flexibler gestaltet und

auf den regionalen Wettbewerb abgestimmt

werden. Die Filialleiter müssen mehr Kompetenzen

erhalten, und Karstadt sollte das Zusammenspiel

von Online- und Offline-Geschäft forcieren.

Insgesamt gibt es in Deutschland rund 170

Warenhäuser, rund 70 Standorte sind verzichtbar,

darunter auch Karstadt-Filialen.

Die wirtschaftlichen Vorteile liegen auf der Hand,

die Idee einer Warenhaus AG wird

wieder aufleben.

Herr Benko stünde vor ähnlichen Problemen wie

Karstadt-Eigentümer Berggruen: Auch er müsste

für eine Restrukturierung einen dreistelligen Millionenbetrag

investieren. Ob er das tut, hängt vor

allem davon ab, welche alternativen Nutzungskonzepte

es für die Karstadt-Immobilien gibt.

Handelsexpertise, Durchsetzungskraft, Erfahrung

bei der Verzahnung von Online- und stationärem

Geschäft.

Das wird von der Liquiditätssituation des Unternehmens

bestimmt und lässt sich nicht seriös

beantworten.

Das hängt von der Bereitschaft des Eigentümers

ab, weiteres Kapital zur Verfügung zu stellen.

20 bis 30 Prozent ohne Investitionen,

70 bis 80 Prozent mit Kapitalspritze.

Redaktion: henryk.hielscher@wiwo.de

FOTO: ANGELIKA ZINZOW FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ACTION PRESS, IMAGO, PICTURE-ALLIANCE/DPA (2), KEYSTONE/VOLKMAR SCHULZ, REUTERS/FABRIZIO BENSCH, DDP IMAGES/CLEMENS BILAN

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 49

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Unternehmen&Märkte

Im Vertrag gefangen

NACHHILFEUNTERRICHT | Nach Jahren der Ruhe erschüttert eine neue Klagewelle die

Milliardenbranche der privaten Paukanbieter.

Esist der Beginn einer flotten Karriere.

Als Jürgen Matlé 1995 im hessischen

Lauterbach eine Filiale der deutschlandweiten

Nachhilfeunterrichtskette LOS

eröffnet, erweist die sich schnell als Goldgrube.

Rund 200 Schüler akquiriert der gelernte

Pädagoge in den ersten sechs Jahren.

Gerd Bohr, gemeinsam mit seiner Frau

Gisela Gründer von LOS mit Sitz in Saarbrücken,

ist begeistert von seinem Franchisenehmer.

Im Frühjahr 1999 ernennt

er Matlé zum Regionalberater für Hessen

und Thüringen. In einem schicken Restaurant

unweit der Unternehmenszentrale

feiern Bohr und enge Mitarbeiter die

Inthronisation.

Das nächste Treffen Bohrs mit Matlé

dürfte ungleich ernüchternder ausfallen.

Vor dem Landgericht Gießen werden sich

beide Parteien, flankiert von ihren Anwälten,

Ende September gegenübersitzen. Die

Bohrs verlangen von Matlé offene Franchisegebühren

in Höhe von rund 70 000 Euro,

nachdem der Hesse seine LOS-Filiale 2013

schließen musste. Zudem unterstellen die

Bohrs Matlé, er habe Umsätze künstlich gedrückt,

um ihnen weniger Franchisegebühren

bezahlen zu müssen.

Dem widerspricht der Beklagte vehement.

Die Verträge von LOS mit den Franchisenehmern,

so sein Argument, hätten

ihre Geschäftsgrundlage verloren. Sie würden

auf einer hohen Zahl von Nachhilfeschülern

basieren, die durch die zunehmende

Ganztagesbetreuung an deutschen

Schulen illusorisch sei. Zudem habe Bohr

ihm bei der Vertragsunterzeichnung verschwiegen,

dass die Geschäfte in einigen

LOS-Filialen schlecht liefen und diese

dichtmachen mussten.

JEDER FÜNFTE KRIEGT NACHHILFE

Die Paukerei mit Schülern ist ein riesiges

Geschäft. Jeder fünfte Jugendliche zwischen

10 und 18 Jahren bekommt Nachhilfeunterricht,

bei den 13- bis 15-Jährigen ist

es gar jeder Vierte, ergab eine Studie der

Bertelsmann Stiftung. Experten schätzen

die Ausgaben der Eltern in Deutschland

auf bis zu zwei Milliarden Euro pro Jahr.

LOS, die Abkürzung steht für Lehrinstitut

für Orthografie und Schreibtechnik, ist ein

West-Ost-Gefälle

Durchschnittliche jährliche Ausgaben

für Nachhilfe pro Schüler (in Euro)

101

129

Saarland

Schleswig-

Holstein

Nordrhein-

Westfalen

93

Rheinland-Pfalz

113

74

131

Mecklenburg-

Vorpommern

107 Hamburg

Bremen

117

98 Berlin

89

Niedersachsen 74 Brandenburg

Sachsen-Anhalt

124

Hessen

131

PARTNER IN SCHIEFLAGE

Für die Querelen zwischen der LOS-Zentrale

und ihren Franchisenehmern steht

exemplarisch der Fall Matlé. Der Hesse

hatte 2008 Insolvenz angemeldet, nachdem

die Schülerzahl in seiner Filiale empfindlich

zurückgegangen war. Als er nach

Prüfung seiner Bücher weiterarbeiten

durfte, verlängerte er in der Hoffnung auf

mehr Schüler seinen LOS-Vertrag bis 2019.

Doch Matlés Rechnung ging nicht auf.

Die Schüler blieben aus, weil die Schulen

immer länger öffnen und die lieben Kleinen

zunehmend auch bei den Hausaufgaben

unterstützen. Zudem bieten Schulen

immer häufiger Unterstützung für leseund

rechtschreibschwache Schüler an.

Daraufhin entschied Matlé 2013, seine

Niederlassung zu schließen, den Vertrag

mit LOS zu kündigen und die bis 2019 vereinbarten

Franchisegebühren nicht zu

zahlen.

Offenbar sehen sich zahlreiche andere

LOS-Franchisenehmer in einer vergleichbaren

Zwangslage wie Matlé. Laut Lothar

Schmelter, Ex-LOS-Regionalberater für

Nordrhein-Westfalen und Betreiber einer

LOS-Filiale in Essen, gerieten von 2008/09

an zahlreiche LOS-Partner in die Schiefla-

Baden-

Württemberg

Quelle: Bertelsmann Stiftung

80 83

Thüringen Sachsen

111

Bayern

Deutschland

gesamt:

108

vor 32 Jahren gegründetes Franchisesystem.

200 Franchisenehmer im deutschen

Sprachraum hat das Ehepaar Bohr seit den

Achtzigerjahren um sich geschart. Sie dürfen

gegen eine Franchisegebühr von mindestens

595 Euro, ab dem sechsten Jahr

mindestens 1190 Euro pro Monat unter der

Marke LOS segeln. Dafür bietet ihnen LOS

Unterrichtsmaterialien, Werbung und

Fortbildungskurse.

Die Saarbrücker, deren Ursprung in der

Nachhilfe für lese- und rechtschreibschwache

Kinder und Jugendliche liegt, sind

nicht irgendwer in der Branche. „Eigentlich

heißt Lese- und Rechtschreibschwäche

im Fachjargon LRS“, sagt Cornelia Sussieck,

Vorsitzende des Bundesverbands

der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen in

Erftstadt bei Köln. „Doch viele Eltern sagen

LOS dazu, so bekannt ist dieses Institut in

Deutschland.“

Lange schien es, als verliefe das Geschäft

mit faulen oder schlecht betreuten Pennälern

in Deutschland endlich wieder in ruhigeren

Bahnen. Für Aufregung sorgte Ende

der Neunzigerjahre etwa der Bochumer

Nachhilfeanbieter Studienkreis. Der Franchisegeber

band seine Partner mit Knebelverträgen

an sich, die Laufzeiten von bis zu

20 Jahren vorsahen und den Franchisenehmern

nach deren Ansicht nicht genügend

Rechte einräumten. Erst nachdem eine

Klägerin ein letztinstanzliches Urteil erwirkt

hatte, das ihr den Ausstieg aus dem

Vertrag ermöglichte, zeigte sich der Franchisegeber

einsichtig. Rund 50 Franchisenehmer

verließen daraufhin Studienkreis.

Nun wirft der Fall LOS neue Schatten auf

die Branche. Vieles spricht dafür, dass das

Geschäftsmodell der Saarländer dazu beiträgt,

dass Franchisenehmer in die Insolvenz

schlittern. Die Klage gegen Matlé ist

Teil einer Reihe von Verfahren, die LOS gegen

Franchisenehmer quer durch die Republik

führt, die aus Verträgen aussteigen

wollen, weil diese ihrer Ansicht nach unerfüllbar

sind. 14 Prozesse wurden bereits geführt,

fast alle endeten mit Vergleichen.

Mehr als ein halbes Dutzend stehen noch

zur Verhandlung.

FOTO: GETTY IMAGES/VETTA

50 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Wenn’s hier hakt, ab zum Privatpauker

Unterricht in einer Realschule

ge. „Hauptsächlich lag das an der Einführung

von mehr Ganztagsschulen, in denen

Schüler mit Rechtschreibschwäche direkt

betreut wurden“, sagt der Pädagoge.

Während andere Nachhilfeketten-Betreiber

auf die Veränderungen mit flexiblen

und neuen Angeboten wie etwa Unterricht

am Samstag reagierten, sahen sich die

LOS-Filialisten in dieser Hinsicht von ihrem

Franchisegeber im Stich gelassen.

„Das System LOS ist zu starr“, klagt Schmelter.

„Die hohen Fixkosten für Fachkräfte

und Werbung machen es unmöglich, die

Kosten an den Bedarf anzupassen.“

Versuche einzelner Partner, das LOS-Angebot

etwa um Englisch-Nachhilfe zu erweitern,

blockierte Bohr nach deren Angabe

lange. Er selbst wollte bis Redaktionsschluss

dazu nicht Stellung nehmen. Mittlerweile

bietet LOS zwar auch Englisch an,

für viele der Franchisenehmer

kommt das allerdings zu spät.

„LOS hat es versäumt, rechtzeitig

neue Kundengruppen zu erschließen“,

kritisiert Schmelter.

Verschärfend kommt hinzu,

dass LOS-Gründer Bohr seine

Franchisenehmer extrem lange

an sich bindet. Meist müssen

Video

Ein Schulleiter

beschreibt in

unserer App-

Ausgabe Sinn und

Unsinn von

Nachhilfe

neue Filialbetreiber Verträge mit einer

Laufzeit von zehn Jahren unterschreiben.

Zudem müssen sie in der Regel Klauseln

akzeptieren, die bei vorzeitiger Kündigung

– wie branchenüblich – nahezu jede Arbeit

im pädagogischen Bereich verbieten. Für

Lehrer, die eine LOS-Filiale gegründet haben,

kommt das einem Berufsverbot

gleich.

Vor diesem Hintergrund entschied

Schmelter 2010 zunächst, keine neuen

LOS-Franchisenehmer mehr zu akquirieren.

„Nachdem von fünf neuen Partnern in

Nordrhein-Westfalen vier das erste Jahr

nicht überstanden hatten, wollte ich das

nicht mehr machen“, erinnert er sich.

2012 vollzog er die endgültige Trennung

von LOS und stellte auch die Tätigkeit in

seiner eigenen Filiale ein. Deshalb klagt

LOS-Gründer Bohr jetzt auch gegen ihn

auf Vertragserfüllung, sprich:

Überweisung der künftig fälligen

Franchisegebühren.

Wie viele LOS-Franchisenehmer

bereits ausgeschieden oder

pleite sind, ist unklar, da die Angaben

auf der Homepage von

LOS veraltet sind. Aus dem Unternehmen

verlautet, es gebe

noch 160 LOS-Filialen. Ehemalige LOS-

Mitarbeiter bezweifeln das und sprechen

von maximal 140.

Der Düsseldorfer Anwalt Jürgen Kuck,

der bereits rund 50 LOS-Franchisenehmer

vertreten hat, wirft Bohr unverblümt vor, er

verschweige bei der Anwerbung neuer

Partner, „dass ein Großteil der Franchisenehmer

bereits nach kurzer Zeit scheitert“.

So hätten in Nordrhein-Westfalen von den

jüngeren Neugründungen mehr als die

Hälfte das erste Jahr nicht überlebt. Auch

hierzu wollte sich Bohr bis Redaktionsschluss

nicht äußern.

Vor Gericht wirft Bohr den Abtrünnigen

vor, eigene Nachhilfeinstitute zu gründen

und auf diese Weise sein Know-how abzuschöpfen.

Auch Matlé betreibt nach seinem

Ausstieg bei LOS ein Institut unter

neuer Lizenz: Mit Fremdsprachen- und

Computerkursen für Senioren vom Oldenburger

Anbieter Elka will der Pädagoge, der

nach der Insolvenz über keinerlei Eigentum

von Wert mehr verfügt, wieder auf die

Beine kommen. Den Vertrag hat er sich

diesmal genau angesehen und eine entscheidende

Verbesserung entdeckt: Er

kann kurzfristig kündigen.

n

andreas macho | unternehmen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 51

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Unternehmen&Märkte

Hauen und Stechen

Zwei Stunden lang dauert

die Schlacht zwischen Gut

und Böse auf Schloss Kaltenberg.

Die Kosten für die

1200 Mitwirkenden steigen

Faszination des Rohen

MITTELALTER | Ritterturniere, Romane, Rollenspiele: Warum ausgerechnet das Geschäft mit

mittelalterlich inspirierten Spektakeln, Online-Spielen und Fernsehserien boomt.

52 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: CHRISTOPH GAWRON/PR, PR

Es ist eines der riskantesten Pferderennen

der Welt. Selbst Schläge mit dem

Ochsenziemer aus getrocknetem

Bullenpenis sind gegen die gegnerischen

Equipen erlaubt. Zweimal im Jahr – am 2.

Juli und am 16. August – lockt der Palio di

Siena Tausende Schaulustige, die der siegreichen

Contrade, einer Art Stadtteil-

Mannschaft, zujubeln. Das Rennen ist eins

der ältesten Sportevents der Welt, seine

Wurzeln reichen zurück bis ins elfte Jahrhundert,

ins tiefste Mittelalter.

Auf der Tribüne an der Piazza del Campo

sitzt regelmäßig auch Ehrencontradialo

Karl-Ludwig Kley, Chef des Darmstädter

Pharma- und Chemiekonzerns Merck. Seit

seiner Zeit als Bayer-Manager in Italien vor

gut 20 Jahren ist Kley von dem mittelalterlichen

Spektakel fasziniert. Wann immer

möglich, reist der sonst so sachlich wirkende

Manager einmal im Jahr zum Palio.

Szenenwechsel. Jeden Samstag trifft sich

der Trupp Hobby-Archäologen mit Hacken

und Schaufeln an einem Fleckchen Erde

zwischen Heidelberg und Speyer, um die

Spuren der mittelalterlichen Burg Wersau

freizulegen. Mit dabei: Dirk Müller. Der Ex-

Börsianer hat sich als Finanzberater und

Buchautor („Cashkurs“) selbstständig gemacht.

Seinen Ausgleich findet er beim

Buddeln: „Meine Eltern haben mir das Interesse

für Geschichte mitgegeben“, sagt

Müller, der begeistert Glasfragmente oder

Keramikstücke im Erdreich aufstöbert.

6000 VERANSTALTUNGEN IM JAHR

Armin Betz zählt ebenso zu den Mittelalterfans.

Im richtigen Leben hilft der Vorstand

der Personal Total AG Unternehmen

wie Audi oder BMW bei der Besetzung von

Führungspositionen. Doch der 49-Jährige

hat noch eine andere Seite: Beim Landshuter

Hochzeitszug im Gedenken an die

Heirat des bayrischen Herzogs Georg mit

der polnischen Königstochter Hedwig anno

1475 marschiert Betz – in Gewand und

Hut, die Haare über Monate schulterlang

gezüchtet – als Gesandter der Freien

Reichsstadt Nürnberg mit. Alle vier Jahre

findet das Traditionsfest statt, das nächste

Mal 2017. „Ich war schon als Kind dabei

und habe noch keinen Hochzeitszug verpasst“,

schwärmt der gebürtige Landshuter.

Pferderennen, Burgen-Buddeln, wallende

Gewänder – willkommen im Mittelalter.

Die Epoche zwischen dem fünften und

dem 15. Jahrhundert fasziniert Top-Manager,

Börsianer und Berater ebenso wie IT-

Nerds, Azubis und Wirtschaftsprofessoren.

Indem sie in eine längst vergangene Zeit

Zeit für Ritter

Die größten Mittelalterturniere in den

kommenden Monaten

Veranstaltung/Ort

Kaltenberger Ritterturnier/

Kaltenberg (Bayern)

Richard Löwenherz Fest/

Annweiler (BW)

Mittelalterliches Spektakulum/

Angelbachtal (BW)

Ritterfestspiele Burg Satzvey/

Mechernich ( NRW)

Mittelalterliche Burgfestspiele/

Ronneburg (Hessen)

Termin

1 jeweils Wochenenden; Quelle: „Karfunkel“

11.7. – 27.7. 1

25.7. – 27.7.

9.8. – 10.8.

6.9. – 14.9. 1

27.9. – 5.10. 1

eintauchen – wie auch an den kommenden

Wochenenden beim Kaltenberger Ritterturnier

in Bayern, dem größten Mittelalterfest

Deutschlands –, wollen die meisten

Fans wenigstens für einige Stunden oder

Tage ihrer durchgetakteten, digitalisierten

Arbeitswelt entkommen. Die Beliebtheit

der Epoche erklärt der Mainzer Literaturwissenschaftler

und Mediävist Stephan Jolie

mit der „Faszination des Rohen“ und

der „Freude am Unkultivierten“.

Entsprechend boomt das Geschäft. Das

lohnt sich vor allem für Unterhaltungskonzerne

wie Universal (Musik), Bertelsmann

(Medien) oder den finnischen Shootingstar

Supercell (Smartphone-Spiele), die beim

Kampf um Quoten, Auflagen und Abo-Zahlen

vorn mitmischen. Kleinere Veranstalter

von Ritterturnieren und Mittelaltermärkten

backen eher kleinere Brötchen.

Sie haben derzeit Hochsaison: Zwischen

Juli und Ende September ziehen in deutschen

Städten und Gemeinden verstärkt

Ritter in die Schlacht, bieten mittelalterliche

Handwerker ihre Waren feil, schlagen

Recken samt Gefolge ihre Lager auf. „Ganzjährig

gibt es in Deutschland etwa 6000

Veranstaltungen rund um das Thema Mittelalter“,

schätzt Claudia Beckers-Dohlen,

Chefredakteurin des Mittelaltermagazins

„Karfunkel“.

Dramen wie „Der Medicus“ und „Die

Päpstin“ nähren als Buch und Film erfolgreich

den Mythos Mittelalter. Erfolgreiche

TV-Serien wie „Game of Thrones“ oder Online-Spiele

wie „World of Warcraft“ nehmen

Anleihen bei der eher finsteren Epoche

zwischen Antike und Neuzeit.

Das Mittelalter spricht – wie sonst fast

nur noch der Fußball – nahezu alle Generationen

an. „Zunehmend fragen 40- bis

60-Jährige nach mittelalterlicher Kleidung,

um zünftig mit ihren Freunden ihre runden

Geburtstage auf einer Ritterburg zu

feiern“, beobachtet Kyra Blasberg, Inhaberin

der Kostümtruhe. Das Geschäft in der

Kölner Innenstadt ist auf historische Bekleidung

spezialisiert. Die Jüngeren decken

sich bei Blasberg für die nächste

LARP-Con ein. LARP steht für Live Action

Role Playing; Con für Convention.

VERSORGE DEINE SOLDATEN!

Mittelalterliche Rollenspiele werden zunehmend

populär. Teilnehmer treffen sich

meist auf einer Pferdewiese im Niemandsland.

Das Orga (Organisationsteam) gibt

Handlung und Rollen vor: Händler, Paladine,

Ritter, Soldaten. Dann folgt eine Art Improvisationstheater

ohne Publikum. Jeder

bleibt ein Wochenende lang in seiner Rolle,

gekämpft wird mit Schaumstoffwaffen.

Gerade in einer Zeit, die immer technikbegeisterter,

vernetzter und komfortabler

ist, begeistern sich die Jüngeren für ein

scheinbar rückwärtsgewandtes, unbequemes

und untechnisches Thema, schreibt

die bekennende LARPerin und Piraten-Politikerin

Marina Weisband in ihrem Blog:

„Ich beantworte in der Woche mehrere

Hundert E-Mails, habe einen Termin nach

dem anderen, und das meistens, ohne aus

meinem Bürostuhl aufzustehen. Am Wochenende

habe ich eine Aufgabe: Versorge

als Mitglied des Trosses deine Soldaten!“

Um das Essen zuzubereiten, muss Teilzeit-

Köchin Weisband Holz sammeln, zerkleinern

und rohe Zutaten mit einfachsten

Mitteln kesselweise zu Eintopf verarbeiten.

„Das Mittelalter ist unglaublich analog“,

schwärmt Ex-Börsianer Müller, Vorsitzender

des Fördervereins Burg Wersau. Nicht

ganz zufällig finden sich unter den Mittelalterfans

viele IT-Spezialisten.

Im echten Mittelalter hätten Weisband

und Müller wohl weniger gern gelebt: Die

Menschen wohnten in Holzhütten mit winzigen

Fensterluken, in denen es stock-

»Clash of Clans« läuft auf bald

100 Millionen Smartphones

»

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 53

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Unternehmen&Märkte

»

dunkel war und entsetzlich stank. Und

auch die Ritter waren „nicht ganz so kühn

und edel wie ihre Selbstdarstellungen in

der mittelalterlichen Literatur“, sagt die

Kulturhistorikerin Bettina Bildhauer von

der schottischen Universität St. Andrews.

Zu ihrer Popularität dürfte beitragen,

dass die Epoche weniger nach Schule

schmeckt als etwa die gut durchgekaute

Antike mit Griechen und Römern. Die

meisten Menschen haben nur eine vage

Vorstellung vom Mittelalter. Umso besser

lassen sich Gefühle, Ideen und Vorstellungen

darauf projizieren.

Der Erste, der das Marketingpotenzial

der Epoche erkannte, war Luitpold Prinz

von Bayern, ein Urenkel des letzten Bayernkönigs

Ludwig III. Seit 1976 führte der

Jurist die König Ludwig Schlossbrauerei

Kaltenberg und baute sie zu einer erfolgreichen

Spezialitätenbrauerei aus. Der heutige

Gesellschafter, kämpfte jahrelang darum,

sein Bier auf dem Münchner Oktoberfest

ausschenken zu dürfen – vergeblich.

Fachwerkhütten. Töpfer, Buchbinder, Kräuterhexen

und Knödeldreher bieten ihre

Ware feil. Drei Taler für einen Krug Met, vier

für einen Pfannkuchen, zubereitet nach

dem Originalrezept der Hildegard von Bingen.

„Wohl bekomm’s, holdes Fräulein“,

wünscht die Köchin im bodenlangen,

weinroten Rock und weißer Haube.

Auf einer kleinen Lichtung scharen sich

Kinder um einen Märchenerzähler mit

grüner Samtmütze und passendem Wams

– ein Uhu und eine Schleiereule, die gelangweilt

auf ihren Pfählen sitzen, beäugen

ihn. Auf der Waldbühne startet derweil das

Gauklerprogramm.

Eine eigens erbaute Arena fasst knapp

10000 Zuschauer. Der Kampf beginnt.

Schwerter klirren, Lanzen bersten, Pferde

jagen im wilden Galopp über den Sand.

Schön brutal – und alles live. Das Volk

kreischt „Jubeeeel!“, Rauch und Donner erfüllen

die Luft. Spätestens, wenn die Special

Effects zünden, ist man wieder im Hier

und Heute – das Ritterturnier ist eine

100 Millionen Euro spülte der

Film »Medicus« in die Kinokassen

Mit einer anderen Idee hatte der Prinz

mehr Erfolg. „Wilde und lustige Ritterspiele“

hatte Seine Königliche Hoheit in den

Siebzigerjahren in England gesehen. Das

gab es in Deutschland noch nicht. 1980

gründete er das Kaltenberger Ritterturnier,

das im vergangenen Jahr rund 100000 Besucher

anzog.

PYROTECHNIK IM MITTELALTER

Das Gelände der Schlossbrauerei bietet

mit Schlösschen, Fachwerkhäusern,

Scheunen und einem Waldstück den perfekten

Rahmen für das mittelalterliche

Treiben. Einmal am von zwei Wachtürmen

gesäumten Tor vorbei, verlassen Besucher

das 21. Jahrhundert. Die Laserpistole, mit

der die Security den Strichcode der Eintrittskarten

erfasst, ist das letzte Aufblitzen

der digitalen Welt. Dann wird es Mittelalter.

Der scharf-würzige Geruch der Lagerfeuer

steigt in die Nase, mischt sich mit allem,

was sich darauf braten und backen lässt:

geräuchertem Fisch, Spanferkel, Würsten

und Brot. Edelleute, Dienstmägde, Ritter

und Burgfräulein – einige mit Kinderwagen,

die hier so fremd wirken wie ein Kamel

im Supermarkt – schieben sich vorbei an

mächtige Show und in etwa so authentisch

mittelalterlich wie ein Smartphone.

Doch die Leute mögen das Spektakel,

sagt Prinz Luitpold – auch wenn es dabei

nicht streng historisch korrekt zugeht.

Rund 1200 Mitwirkende und Mitarbeiter –

vom Stuntman bis zum Markthändler –

muss der Mittelalterpionier finanzieren.

Neben Personalausgaben schlagen vor allem

die Sicherheitsauflagen, etwa zu

Flucht- und Evakuierungswegen, zu Buche.

Etwa drei Millionen Euro kostet die

Großveranstaltung im Jahr; die Eintrittspreise

reichen von 23 Euro für eine Geländekarte

bis 67 Euro für einen Logenplatz.

Prinz Luitpold: „In einigen Jahren haben

wir auch schon draufgezahlt, besonders

bei schlechtem Wetter.“

Neben Kaltenberg zählen die nordrheinwestfälische

Burg Satzvey und

die hessische Ronneburg zu den

Marktführern bei Ritterturnieren.

Deren Zahl und die der Mittelaltermärkte

ist kaum noch

überschaubar, das drückt auf die

Marge jedes einzelnen. Die

Grenzen des Marktes musste

auch Prinz Luitpold erkennen:

Video

In unseren App-

Ausgaben gibt der

Chef eines Mittelalter-Shops

Einblick

in die Szene

Eine vor Jahren geplante Tournee seiner

Ritterspiele hat er gestrichen – zu einer

Show in der Stuttgarter Schleyer-Halle

2007 mit 250 Mitwirkenden kamen zu wenige

Besucher. Unter dem Hallendach kam

bei dem Ritter-Sport keine rechte Stimmung

auf.

Steigende Kosten, die wachsende Konkurrenz

und das schlechte Wetter machen

vor allem kleineren Veranstaltern zu schaffen.

„Große Anbieter sowie die Märkte von

Agenturen mit Dutzenden Veranstaltungen

im Jahr wie Coex aus Cottbus, MPS aus

Drensteinfurt bei Münster oder Sündenfrei

aus Erfurt erwirtschaften in der Regel noch

Gewinne“, sagt „Karfunkel“-Chefredakteurin

Beckers-Dohlen. „Kleinere Anbieter

kommen gerade auf ihre Unkosten und

verschwinden meist nach wenigen Jahren

wieder.“

ROCK MIT SCHALMEI

Die mittelalterlichen Handwerker, die auf

den Märkten ihr Publikum mit Schmiedearbeiten

oder als Seifensieder begeistern,

leben oft am Existenzminimum: „Das sind

häufig arbeitslose Handwerker oder Frührentner“,

sagt Beckers-Dohlen, „in der Regel

haben sie kein zweites Standbein.“

Den Reibach machen vor allem internationale

Unterhaltungskonzerne. Denn

längst hat das Mittelalter alle Bereiche des

Entertainments erobert: Kino, Fernsehen,

Bücher, Online-Spiele und Musik.

„Inzwischen gehört der Mittelalterrock

zu den Stützen der Musikindustrie“, sagt

Thorsten Steer vom Fachmagazin „Musikmarkt“.

Bands wie Schandmaul, Subway to

Sally oder In Extremo, die zu Gitarren und

Schlagzeug gern Instrumente wie Schalmei,

Drehleier oder Marktsackpfeife kombinieren,

dürften insgesamt geschätzt eine halbe

Million Musikfans auf sich vereinen. Ihre

Alben verkaufen sich 100000-fach.

Erst kürzlich wechselte Schandmaul – die

sechsköpfige Band reüssiert mit Texten

über Könige, Narren, Trinkgelage sowie

Trauergesängen („Euch zum Geleit“) – vom

kleinen Label F.A.M.E. Artist Recordings zu

Universal Music. Subway to Sally und In Extremo

stehen dort bereits unter Vertrag.

Für die Musikkonzerne sind die

Mittelalterbands ein Glücksgriff:

Die Anhänger der Düsterlinge geben

mehr und ausdauernder

Geld aus als etwa die Fans der

Rock- und Popkultur. Hohe Marketingausgaben

können sich die

Konzerne bei einer so treuen

Kundschaft sparen. Der typische

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Vorsicht, Lebensgefahr!

„Game of Thrones“ – hier Lena

Headey als Regentin Cersei – zählt

zu den erfolgreichsten TV-Serien.

Die Sterberate bei den Kämpfen um

den Kontinent Westeros ist hoch

Improvisationstheater ohne

Publikum Mittelalterliche Rollenspiele

im Wald kommen zunehmend

in Mode, insbesondere bei

IT-Nerds. Gekämpft wird häufig

mit Schaumstoffwaffen

FOTOS: FACE TO FACE/CAPFSD, VISUM/PHILIP LISOWSKI

Mittelalterfan gönnt sich auch mal eine

teure CD statt billiger Downloads, sagt

Branchenexperte Steer.

Auch einer anderen bedrohten Branche

hilft das Mittelalter ein wenig aus der Bredouille:

dem Buchhandel. Mittelalterromane,

gerne auch angereichert mit Fantasy-

Elementen („Herr der Ringe“, „Das Lied von

Eis und Feuer“), zählen zu den Wachstumssegmenten

der Branche. Die Reihe der

Bestseller ist lang, von der „Pestmagd“ bis

zur „Wanderhure“-Reihe. Hinzu kommen

Klassiker wie „Die Säulen der Erde“ des

Briten Ken Follett über den Bau einer mittelalterlichen

Kathedrale, der in Deutschland

3,8 Millionen Exemplare verkaufte.

Der verstorbene Münchner Filmmogul

Bernd Eichinger verfilmte bereits 1986

„Der Name der Rose“ nach dem Roman

von Umberto Eco. Das Kloster-Epos spielte

77 Millionen Dollar ein, bei geschätzten

Produktionskosten von 17 Millionen Dollar.

20 Jahre später gelang Eichinger ein

ähnlicher Coup mit „Das Parfüm“ nach

dem Roman von Patrick Süskind.

Inzwischen hat sich der Potsdamer Filmproduzent

Nico Hofmann, Chef der Bertelsmann-Tochter

Ufa Fiction, zum Marktführer

für verfilmte Mittelalter-Epen aufgeschwungen:

Hofmann verantwortete die

Kinoversion des „Medicus“, die Ende 2013

lief (100 Millionen Euro Einnahmen, geschätzte

Kosten 26 Millionen Euro), brachte

Anfang des Jahres „Die Pilgerin“ ins ZDF

und will im Spätherbst dieses Jahres mit

„Götz von Berlichingen“ bei RTL punkten.

Längst hat jeder Sender sein Mittelalterdrama

im Programm: ProSiebenSat.1

strahlte im Frühjahr die Wikinger-Saga „Vikings“

aus. Auf Sky läuft seit Juni die vierte

Staffel von „Game of Thrones“. Die Serie

wurde bereits in mehr als 80 Länder auf allen

fünf Kontinenten verkauft.

PROFITABLE CLANKÄMPFER

Im Frühjahr 2016 soll „World of Warcraft“

in die Kinos kommen, basierend auf dem

gleichnamigen Online-Spiel von 2005. Zu

seinen besten Zeiten sorgte das mittelalterliche

Rollenspiel des kalifornischen Entwicklers

Blizzard mit weltweit zwölf Millionen

Spielern für Jahresumsätze von mehr

als einer Milliarde Dollar. Heute spielen

noch 7,6 Millionen mit.

Stattdessen läuft jetzt „Clash of Clans“

auf den Bildschirmen. Die Spieler verteidigen

eine Festung oder attackieren sie –

als feindliche Truppen oder Barbaren.

Wie bei anderen Rollenspielen, etwa „Baldur’s

Gate“ oder „Gothic“, tauchen neben

Kriegern mit Schild und Schwert auch

Fabelwesen wie Drachen, Zwerge, Elfen

oder Trolle auf – inspiriert von Tolkiens

„Herr der Ringe“ oder Rollenspiel-Urvater

„Dungeons and Dragons“ aus den

Siebzigerjahren.

Mit „Clash of Clans“ verdient der finnische

Hersteller Supercell mehr als zwei

Millionen Dollar – pro Tag. Ende 2013 stieg

der japanische Medienriese Softbank beim

skandinavischen Shootingstar ein – zum

Preis von 1,5 Milliarden Dollar für 51 Prozent.

Und das, obwohl die Finnen neben

den Clankämpfen bislang nur ein weiteres

Spiel veröffentlicht haben. Der Clou:

„Clash of Clans“ läuft auf dem Smartphone

und ist bald auf 100 Millionen mobilen

Endgeräten installiert – für echte Mittelalterfans,

die sich in der fernen Epoche ihre

Auszeit von der digitalen Welt nehmen, in

etwa so authentisch wie ein Palio-Reiter

mit Googles Datenbrille.

n

juergen.salz@wiwo.de, rebecca eisert,

rüdiger kiani-kress, peter steinkirchner, oliver voss

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 55

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Technik&Wissen

Das Dreieck

des Teufels

LUFTVERKEHR | Getrieben von steigenden Spritkosten

und knallhartem Konkurrenzkampf, verordnen die Airlines

ihren Jets eine radikale Gewichtsdiät. Bleiben die

Passagiere beim Kampf um jedes Kilo auf der Strecke?

Es ist der 24. Juni, gut zehn Kilometer

über dem Atlantik, als die

Passagiere von Flug BA 189 Zeugen

einer sonderbaren Erscheinung

werden: Denn plötzlich

beginnen bei vier Fluggästen der Boeing

787 von British Airways, die an diesem

Dienstagabend von London nach New

York fliegt, die unscheinbar grauen Reisedecken

von innen heraus zu leuchten. Mal

glimmen sie bläulich, mal strahlen sie rot.

Was besorgte Reisende an Aliens glauben

lässt oder ungekannte Nebenwirkungen

der Höhenstrahlung, erklärt Frank van

der Post ganz unspektakulär: „Das ist ein

Test, um zu visualisieren, wie wohl sich unsere

Passagiere fühlen“, sagt der Chef der

Abteilung Kundenerlebnis bei der britischen

Fluglinie.

Möglich machen das Sensoren in Stirnbändern,

die die Probanden in der First,

Business und Economy Class tragen. Damit

messen BA-Experten die Gehirnströme

und leiten daraus ab, wie entspannt die

Passagiere reisen. „Happiness Blankets“, zu

Deutsch „Glücksdecken“, nennt der Niederländer

in britischen Diensten die smarten

Stoffe, die künftig regelmäßig die Laune

der Passagiere sichtbar machen sollen.

Stimmt die Stimmung, lässt die Elektronik

die in den Stoff eingewebten Glasfasern

blau leuchten. Sorgen dagegen Luftlöcher

oder grantelndes Servicepersonal für Missstimmung

oder haut der Vordermann

schwungvoll die Rückenlehne des Sitzes an

die Kniescheiben seiner Hinterleute, dann

strahlt die Decke grellrot.

„Ob die Helligkeit in der Kabine stimmt,

wann die optimale Zeit fürs Essen ist oder

wie zufrieden die Probanden mit ihrem

Sitz sind, das wollen wir mit den Glücksdecken

untersuchen“, sagt van der Post. Künftig

dürften die ungewöhnlichen Lichteffekte

daher regelmäßig auf Flügen der britischen

Airline für Erstaunen bei den Passagieren

sorgen.

DIE BRANCHE IM ZWIESPALT

Was den BA-Manager umtreibt, beschäftigt

derzeit die ganze Flugbranche. Wenn sich

ab diesem Montag Airlines und Flugzeughersteller

in der Nähe von London zur

Farnborough Airshow treffen, wird ein

Zielkonflikt viele Gespräche bestimmen:

Die Airlines wollen zwar möglichst viele

Passagiere möglichst profitabel in ihren

Jets transportieren, zugleich aber die

Kundschaft keinesfalls mit allzu beengten

Sitzen oder frugalem Service vergraulen.

Denn in der Klemme zwischen steigenden

Treibstoffpreisen, höheren Abgaben

und Flughafengebühren sowie einem

beinharten Preiskampf übt sich die Luftfahrtindustrie

in der fortwährenden Erlösoptimierung.

Das spiegelt sich nicht nur in

immer neuen Sparprogrammen wider, wie

etwa aktuell die bei der Lufthansa diskutierten

(siehe Seite 46).

Vor allem haben sich Konstrukteure und

Kabinendesigner von Fluglinien und Flugzeugbauern

eine Radikaldiät über den

Wolken verordnet: Sie geizen mit jedem

Millimeter Raum und jedem Gramm Gewicht.

Denn je mehr Passagiere die Jets

transportieren und je leichter die Maschinen

sind, desto höher die Profitabilität.

Bei dem Sparprogramm ist fast alles erlaubt.

Außer Eingriffen in die Konstruktion

der Flieger selbst – denn die erfordern die

Zustimmung der Zulassungsbehörden.

BORDUNTERHALTUNG

Wenn Passagiere

über ihre privaten

Tablet-PCs auf

Filme und Infos

zugreifen, kann

der Sitzmonitor

wegfallen. Das

spart, je nach

Flieger, bis zu 250

Kilo Gewicht.

LICHT UND LÜFTUNG

Verbundmaterial

und LED- statt

Energiesparlampen

sparen

bis zu 40 Prozent

Gewicht gegenüber

alter

Technik.

Und mindestens so inakzeptabel ist, „dass

das Sparprogramm der Kundschaft auffällt“,

sagt Arend Wedekind, Vertriebsleiter

fürs Kabinengeschäft beim Flugzeugausrüster

Diehl Aircabin aus dem württembergischen

Laupheim. Im Idealfall werde die

Einrichtung der Jets leichter, biete mehr

Komfort und lasse sich trotzdem effizienter

herstellen. „Das ist nicht nur die Quadratur

des Kreises, das ist sozusagen das Dreieck

des Teufels“, so Wedekind.

Tatsächlich gibt es kaum ein Ausstattungsdetail

moderner Jets, dessen Not-

ILLUSTRATION: JAVIER ZARRACINA

56 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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KABINENEINRICHTUNG

20 Kilo leichtere

Kunststoffböden statt

Webteppiche sparen

Airlines bei Jets wie

dem A330 Hunderttausende

Euro im Jahr.

SERVICE

Neue Trolleys wiegen pro Stück

acht Kilogramm weniger. Langstreckenjets

heben so fast 200 Kilo leichter ab.

ULTRALEICHT-SITZE

Sitze mit dünneren

Polstern ermöglichen

eine engere Bestuhlung

und sind rund

ein Drittel leichter.

Pro Flieger spart das

mehr als eine halbe

Tonne Gewicht.

KÜCHE

Kompaktere

Küchen schaffen

Platz für mehr

Sitze. Die streckenoptimierte

Füllung

der Wassertanks

senkt die

Flüssigkeitslast

im Mittel um

40 Prozent.

FUNKTIONSRÄUME

Um mehr Sitzreihen

unterzubringen, bauen

die Airlines schmalere

Toiletten und Küchen

in ihre Flieger ein.

PREMIUM ECONOMY

Die Klasse zwischen Business

und Economy bietet Passagieren

zwar mehr Platz, ist

aber für die Airlines bis zu

20 Prozent profitabler.

wendigkeit die Airlines nicht überprüfen.

„Wir holen regelmäßig einen Jet aus unserer

Flotte zum Komplett-Check, räumen alles

raus und fragen uns bei jedem Bauteil,

ob es durch etwas Leichteres ersetzbar

oder vielleicht auch ganz entbehrlich ist“,

sagt Felix Genze.

Der 34-jährige Ökonom ist bei der ebenfalls

unter extremem Kostendruck ächzenden

Air Berlin so etwas wie der oberste Fitnesscoach.

Nur trainiert Genze nicht Crews,

sondern Maschinen. Aus gutem Grund:

„Grob gerechnet spart jedes Kilogramm Gewicht,

das wir abspecken, übers Jahr 14 000

Euro an Betriebskosten.“ So rollen die Flugbegleiter

Speisen und Getränke inzwischen

mit neuen Leichtbau-Trolleys durch die Kabine,

das Stück je acht Kilo leichter als das

Standard-Modell (siehe Grafik oben).

20 FLÜGE NACH NEW YORK

Das klingt nach wenig, doch das so übers

Jahr in der Flotte eingesparte Kerosin

reicht, um einen Airbus A330 20 Mal von

Düsseldorf nach New York fliegen zu lassen.

Weil Genze die Wassertanks der Flieger

nur noch so viel betanken lässt, wie auf

der jeweiligen Strecke üblicherweise an

Koch-, Wasch- und Spülwasser verbraucht

wird (zuzüglich eines Sicherheitspolsters),

heben die Flieger durchschnittlich noch

mal gut 280 Kilogramm leichter ab.

Der Ersatz der herkömmlichen Teppiche

durch einen mehrlagigen Kunststoff

entlastet den Flieger um weitere 20 Kilogramm.

Und auch weil die Passagiere

Zeitschriften und Zeitungen jetzt am Gate

statt im Flugzeug auswählen, sinkt der

Kerosinverbrauch pro Jahr um weitere

»

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 57

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Technik&Wissen

Rundreise Handgepäckablage im Rumpf

könnte künftig Platz in der Kabine sparen

»

320 Tonnen Treibstoff – oder umgerechnet

die Kosten um mehr als eine Viertelmillion

Euro.

Die – abgesehen von der Umrüstung der

Triebwerke (siehe Kasten) – derzeit effektivste

Sparmaßnahme aber ist der Austausch

der Sitze. Bei Airbus etwa wogen die

Standard-Economy-Sitzmöbel vor fünf

Jahren noch 15 bis 17 Kilogramm. Heute

sind es nur noch zehn Kilogramm. Die Air

Berlin hat ihre A330-Jets gar mit Ultraleicht-Sitzen

umrüsten lassen, die es nur

noch auf 8,9 Kilogramm bringen. Pro Flieger

spart das mehr als eine halbe Tonne

Gewicht – und, auf Jahr und Flotte hochgerechnet,

mehr als 900 Tonnen Treibstoff

oder gut 700 000 Euro.

Zugleich haben die Konstrukteure die

Ablage für Zeitschriften und Notfallpläne

auf die Rückseite der Kopfstütze verlegt.

Die Sitze haben sie mit einem härteren und

dünneren Polster bezogen. So lassen sich

die schlanker gebauten Möbel zusammenrücken,

ohne dass das Raumempfinden

der Passagiere merklich leidet. Weil die Sitze

etwas höher stehen, rückt zudem die Position

der Schulter näher an die breiteste

Stelle des Flugzeugrumpfes, was mehr Abstand

zum Nachbarn bringt. Ähnlich verfuhr

die Lufthansa bei der Umrüstung ihrer

Maschinen auf neue Sitze.

Das sei die Kunst, sagt Diehl-Experte

Wedekind: „Den Platz zu verknappen,

ohne dass es der Reisende merkt.“ Am Ende

zähle, pro Flieger eine Sitzreihe mehr

montieren zu können. Nur dann steigere

der Platzgewinn auch die Profitabilität, unterstreicht

Wedekind: „Sonst ist das alles

nur schöner Wohnen.“

MEHR SPIEL AM BECKEN

Dabei bedient sich die Branche eines psychologischen

Kniffs. „Knie, Becken, Ellbogen

und Schulter sind neuralgische Punkte“,

sagt Kevin Keniston, verantwortlicher

Manager für den Passagierkomfort bei Airbus.

Daher verschiebt der Hersteller nun

die Proportionen in der Eco-Klasse. So

schrumpft der Abstand nach vorn zwar um

wenige Zentimeter. Zugleich aber reisen

die Fluggäste nun statt auf 43 Zentimeter

auf rund 46 Zentimeter breiten Sesseln.

Das führt zu einem verblüffenden Effekt:

„Da der Passagier an Becken, Ellbogen und

Schulter mehr Spiel hat, nimmt er den geringeren

Abstand am Knie gar nicht wahr“,

ist Airbus-Manager Keniston überzeugt.

Weil das aber nicht immer reicht, um eine

Sitzreihe mehr zu montieren, rücken

Kabinenausstatter wie Diehl-Manager Wedekind

auch dem Rest der Kabine zu Leibe:

„Gerade auf Kurz- und Mittelstreckenfliegern

lassen sich beispielsweise Toiletten

oder Küchenbereiche ohne Probleme etwas

kleiner dimensionieren.“

Den Zusatzplatz nutzen immer mehr

Fluggesellschaften nicht nur für eine engere,

sondern auch für eine andere Bestuhlung.

Auf der Langstrecke wandelt sich so –

Holzklasse de Luxe

Durchschnittlich knapp doppelt so teuer wie Economy, etwa ein Drittel vom Businesspreis – so verkaufen Europas Fluglinien ihre

Premium-Economy-Plätze. Dafür gibt’s unter anderem mehr Sitzbreite, Knieraum und Zusatzservice. (Nach Fläche pro Sitz)

Fluggesellschaft

Standard Economy

Air Berlin

Lufthansa

Germanwings

Premium Economy

Air France

British Airways

Germanwings

KLM

SAS

Lufthansa 2

Sitzabstand

(in cm)

74–76

76–81

76

89–92

96

81

84

96

97

Sitzbreite

(in cm)

43–45

44

46

44

47

46

45

47

48

Sitzneigung 1

(in Grad)

k.A.

k.A.

k.A.

123

110

k.A.

120–126

112

130

Weitere Extras (Auswahl)

Standardangebot

Standardangebot

Standardangebot

Steckdose am Sitz, abgetrennter Kabinenbereich, Fußstütze/Beinablage, flexible

Kopfstützen, individuelles Unterhaltungsprogramm

Steckdose am Sitz, flexible Kopfstützen, individuelles Unterhaltungsprogramm

freier Nebensitz, reserviertes Gepäckfach, freie Speisenwahl, z.T. Loungezugang

Kabinenbereich vor Economyplätzen

Steckdose am Sitz, eigener Kabinenbereich, Mehrgang-Menü, flexible Kopfstützen,

individuelles Unterhaltungsprogramm, Business-Check-in

Steckdose am Sitz, Mittelarmlehne, Fußstützen/Beinablage, flexible Kopfstützen,

Menüwahl, individuelles Unterhaltungsprogramm

1 180 Grad = waagerecht; 2 verfügbar ab Ende 2014; 3 ab Smart-Tarif; Quelle: Fluggesellschaften; seatguru.com; seatpith.com; airlinetest.com; vornesitzen.de;

Gepäck

ein Stück à 23 kg

ein Stück à 23 kg

ein Stück à 23 kg 3

erhöhtes Freigepäck

erhöhtes Freigepäck

doppeltes Freigepäck

Standard

Standard

doppeltes Freigepäck

58 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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ILLUSTRATIONEN: JAVIER ZARRACINA

getrieben von Kostendruck und einem sich

wandelnden Buchungsverhalten – das

ganze Kabinenlayout. Während immer

weniger Geschäftskunden noch Business

reisen dürfen, sind andererseits viele Privatreisende

bereit, für mehr Platz und

Komfort auch mehr zu zahlen.

Immer häufiger weichen daher auf der

Langstrecke First Class und Teile der Business

Class einer neuen, Premium Economy

genannten Klasse. Die beantwortet die

existenzielle Frage ganz pragmatisch, ob

und zu welchem Preis Glück käuflich ist:

für meist 75 bis 95 Prozent Aufschlag

zum Economy-Standardtarif, aber nur etwa

ein Drittel des Businesspreises, so

Berechnungen des Vergleichsportals seatguru.com.

Dafür gibt es mehr Bein- und

Beckenfreiheit, meist besseres Essen, ein

umfangreicheres Unterhaltungsprogramm

und mehr Freigepäck (siehe Tabelle).

Ende dieses Jahres startet auch die Lufthansa

mit einer eigenen Premium Economy.

Die bietet 30 Prozent mehr Distanz

zum Vordermann und neben einem zehn

Prozent breiteren Sitz auch größere Mittelarmlehnen.

Das frisst zwar Platz, dürfte

sich für die Fluglinie aber trotzdem rechnen:

Zum einen liegt der Umsatz pro Quadratzentimeter

Fläche an Bord – die wichtigste

Profitabilitätsgröße einer Airline –

wegen der teureren Tickets im Schnitt bis

zu 20 Prozent höher als in den anderen

Klassen. Zum anderen sparen die neuen

Sitze deutlich Gewicht. Sie sind zwar klobiger

als das Standard-Gestühl, aber drastisch

leichter als die wegen der vielen

Fächer und Elektronik immer schwereren

Fauteuils der Business Class.

Der Gewichtsdiät dient auch der Einsatz

von Verbundmaterialien oder Leuchtdioden

statt klassischer Leuchtröhren und

Ziemlich abgehoben Designer experimentieren

mit platzsparenden Sattel-Sitzen

Energiesparlampen beim Innenausbau

der Flieger. Neu konstruierte Lüftungsrohre

in der Decken- und Wandverkleidung

sind gegenüber früheren Installationen

„fast 40 Prozent leichter“, rechnet Diehl-

Manager Wedekind vor.

Ebenfalls im Verborgenen ersetzt

WLAN-Funk die traditionelle Verkabelung

der Unterhaltungstechnik in den Sitzen.

Künftig empfangen die Displays ihr Programm

nun drahtlos, reicht ein leichter

Stromanschluss. Und die Technik ermöglicht

es den Passagieren, das Unterhaltungsangebot

direkt über ihre Tablet-PCs

oder Smartphones abzurufen.

Die Lufthansa verzichtet beim derzeit

laufenden Umbau von 20 Airbus A321 daher

kurzerhand auf den Einbau herkömmlicher

Unterhaltungssysteme an allen Plätzen.

„Monitore und Zuleitungen würden

pro Sitz rund 500 Gramm extra auf die

Waage bringen“, sagt Hans-Jürgen Otto,

Produkt-Ingenieur bei Lufthansa Technik

in Berlin. „Das sparen wir, wenn wir das

Unterhaltungsprogramm auf die Handys

der Passagiere bringen.“

Der Flugzeugausrüster Recaro hat auf

den Trend reagiert und in die jüngste Generation

seiner Economysitze eine Halterung

integriert, in die Passagiere ihre Tablet-PCs

einhängen können. Die Steckdose

im Sitz hält das Gerät auch auf der Langstrecke

am Laufen.

FLACHDISPLAYS STATT FENSTER

All das ist womöglich erst der Anfang. Der

Bundesverband der Deutschen Luft- und

Raumfahrtindustrie hat jüngst die Designer

von der Leine gelassen und sie die Passagiermaschinen

der Zukunft entwerfen

lassen. Herausgekommen ist unter anderem

ein anderthalbgeschossiger Jet mit

drei Sitzebenen – ohne Gepäckfächer und

ohne Fenster.

Das Handgepäck, so die Vision, deponieren

die Passagiere in einer zentralen

Gepäckablage am Eingang, die sich mit rotierenden

Gepäckfächern rund um die Kabine

zieht. Und an die Stelle der Fenster

treten wandgroße Touch-Displays auf denen

sich die Passagiere die Szenerie außerhalb

des Rumpfes zeigen lassen können.

Gemessen daran, wirken sogar die

leuchtenden Glücksdecken von British-

Airways-Manager Frank van der Post geradezu

altbacken.

n

thomas.kuhn@wiwo.de, andreas macho

TRIEBWERKE

Keramik oder

Getriebe

Neue Motoren sollen auch bei alten

Jets bis zu 20 Prozent Sprit sparen.

Leichtbau, optimierte Beladung, mehr

Sitze in der Kabine und neues Flügeldesign

– unter anderem so haben die

deutschen Airlines den Verbrauch ihrer

Flieger seit 2009 um rund zehn Prozent

auf 3,68 Liter Kerosin pro Passagier

und 100 Kilometer gesenkt. Nun hängt

es an den Triebwerken, weitere Ersparnisse

zu liefern. Die Hersteller Airbus

und Boeing wollen ihre heutigen Modelle

mit neuen Turbinen ausrüsten, die bis

zu 20 Prozent Treibstoff einsparen.

REVOLUTION UNTERM FLÜGEL

Um das Ziel zu erreichen, gehen die

großen Triebwerkshersteller grundlegend

andere Wege. Pratt & Whitney,

Tochter des US-High-Tech-Konzerns

United Technologies, setzt auf eine revolutionäre

Neuerung: das Getriebe.

Bislang waren alle Triebwerksteile fast

starr verbunden und rotierten gleich

schnell. Dabei wäre es effizienter, wenn

sich der hintere Teil mit der Brennkammer

schneller drehte als der vordere mit

den großen Triebwerksschaufeln. Das

Getriebe, von Pratt und der Münchner

MTU entwickelt, trennt erstmals die

Teile. Auch der Turbinenhersteller Rolls-

Royce setzt auf die neue Technik.

Der weltgrößte Triebwerksbauer General

Electric (GE) hingegen feilt vorerst

am bestehende Turbinenkonzept. In

den neuen Leap-Motoren, die GE mit

dem französischen Partner Snecma

baut, ersetzen besonders widerstandsfähige

Keramiken die bisher in der

Brennkammer üblichen Metalle. Das ermöglicht

höhere Temperaturen von gut

1600 Grad, bei denen der Motor mehr

Energie aus dem Flugbenzin herausholt.

Welches Konzept die Nase vorn hat,

ist noch offen. „Wenn eine technisch

versierte Linie wie die Lufthansa beide

Triebwerkstypen bestellt, scheinen sie

ähnlich gut zu sein“, glaubt Cay-Bernhard

Frank, Luftfahrtexperte bei der

Unternehmungsberatung A.T. Kearney.

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 59

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Technik&Wissen

Fremdes Herz

AUTO | Klimafreundlich fahren, ohne auf Fahrspaß zu verzichten:

Um das zu ermöglichen, bauen Daimler, Audi und VW leistungsstarke

Hybridantriebe aus Benzin- und Elektromotor. Doch die

Schlüsseltechnik der Autos, die Akkus, kaufen sie im Ausland zu.

Doppelte Kraft

So sieht es unter dem Blech des S 500 Plug-in-Hybrids aus

Verbrennungsmotor

Leistungselektronik

Quelle: Mercedes

Rekuperatives

Bremssystem

Automatikgetriebe

mit E-Motor

Hochspannungsleitung

Kühlleitung

Ladesteckdose

Batterie

Die Leistungselektronik regelt

das reibungslose Zusammenspiel

zwischen Benzin- und Elektromotor.

Um möglichst viel Treibstoff

zu sparen, schleust sie beim

Bremsen frei werdende Energie,

die sonst als Wärme verpuffen

würde, wieder in die Akkus

zurück (Rekuperation).

Harald Maurer hat Kunden im Visier,

die unterschiedlicher kaum sein

könnten: Da ist der 34-jährige Jungunternehmer

in China, der mit einer Oberklasse-Limousine

von Mercedes seinen

Geschäftserfolg demonstrieren will. Und

da ist der 60-jährige, technikverliebte

Deutsche, der schon lange S-Klasse fährt.

Für beide typischen Käufergruppen will

Maurer, Chefentwickler der großen Baureihe,

das perfekte Auto auf die Räder stellen.

Damit der Spagat gelingt, muss das Top-

Modell der Schwaben komfortabel sein,

dem Spieltrieb viel Raum geben – und es

darf kein Umweltsünder sein.

Dass das geht, will der 50-jährige Ingenieur

mit einem Vorserienmodell des S 500

Plug-in-Hybrids beweisen, der einen Sechs-

Zylinder-Benzinmotor mit einem Elektroantrieb

kombiniert. Im Herbst soll das Auto

für rund 100 000 Euro in den Handel kommen.

Mit dem 2,2 Tonnen schweren Dickschiff

kurvt Maurer vom Silbertal im österreichischen

Montafon zum Bartholomäberg

auf 1087 Meter hoch. Er schafft die Steigung

locker, flott und fast lautlos – ohne dass

der Benzinmotor fossile Brennstoffe verfeuern

muss. Denn die Energie für den Almaufstieg

kommt komplett aus der Batterie im

Kofferraumboden, die Maurer vor dem Start

an der Steckdose aufgeladen hat.

„Die Vorteile des Plug-in-Hybrids sind bestechend“,

wirbt Maurer: Der Fahrer müsse

im Unterschied zum reinen Elektroauto keine

Angst haben, mit leerer Batterie liegen zu

bleiben; er muss sich nicht mit langen Ladezeiten

plagen und bekommt obendrein viel

Leistung für reichlich Fahrspaß. Dank der

Option, rein elektrisch zu fahren, und des

niedrigen Kraftstoffverbrauchs akzeptiert sicher

auch ein strenger Controller eine 448

PS starke S-Klasse als Dienstwagen.

Trotz all des Aufwandes, den Maurer und

seine Kollegen treiben, ist die S-Klasse mit

mit ihrem Antriebskonzept nicht mehr

technische Speerspitze. BMW, Porsche, Audi

und Volkswagen verkaufen bereits leistungsstarke

Plug-in-Hybridautos, Volkswagen

zieht mit dem Golf GTE und dem neuen

Passat im Herbst in den Wettstreit. All diese

Modelle lassen sich an der Steckdose aufladen

und fahren bis zu 50 Kilometer rein

elektrisch. Im Gegensatz etwa zum Prius

von Toyota (Gesamtleistung 136 Kilowatt/100

PS) schicken die Deutschen wahre

Kraftprotze an den Start: Hybridautos aus

Deutschland sind keine Verzicht-Autos.

Deutsch sind die Autos allerdings nur

zum Teil: Das Herzstück des elektrischen

Antriebs, die Stromspeicher, kommen

überwiegend nicht aus Deutschland, sondern

aus Asien. Das erschwert es den deutschen

Herstellern, sich von ihren ausländischen

Wettbewerbern abzuheben, so wie

es bisher mit innovativen Benzin- und Dieselmotoren

gelang.

So liefert die Akkus für die S-Klasse der

österreichisch-kanadische Konzern Magna-Steyr.

Die rein elektrisch fahrende

B-Klasse hat Akkus des kalifornischen Herstellers

Tesla, an dem Daimler mit vier Prozent

beteiligt ist. Allein der elektrisch betriebene

Smart ED bekommt seine Batterien

noch aus dem sächsischen Kamenz,

vom daimlereigenen Lieferanten Li-Tec.

UTOPISCHE PLANZAHLEN

Doch um den steht es schlecht. Die Stuttgarter

Führung denkt mehr oder weniger

laut über die Schließung der defizitären Li-

Tec nach. Derzeit stellen rund 380 Mitarbeiter

Lithium-Ionen-Zellen für den Smart

her. Das Nachfolgemodell soll von 2016 an

mit Zellen des koreanischen Elektronikkonzerns

LG herumdüsen.

Der Grund sind die gewaltigen Überkapazitäten

auf dem Markt für Lithium-Ionen-

Batterien, die auf die Preise drücken. Li-Tec

ist damit nicht mehr konkurrenzfähig, obwohl

die in Sachsen produzierten Zellen

laut Konzernchef Dieter Zetsche in den Disziplinen

Energiedichte und Leistung „führend“

sind. „Ein Standort, ein Abnehmer –

das rechnet sich nicht“, sagt Zetsche. 2012

machte Li-Tec bei einem Umsatz von 25

Millionen Euro knapp 50 Millionen Euro

Verlust. Auch 2013 und im laufenden Jahr

sind die Zahlen tiefrot. Der Grund: Das

Werk sollte jährlich Akkuzellen für 30 000

Autos herstellen, aktuell sind es aber nur

rund 10 000. Das reicht nicht, um gegen

asiatische Konkurrenten wie Panasonic, Sanyo,

LG oder Samsung bestehen zu können.

Die Daimler-Manager hatten nach

dem Ausstieg des Spezialchemiekonzerns

Evonik, der angeblich mehr als 200 Millionen

Euro abschreiben musste, lange nach

einem neuen Partner gesucht. Erfolglos.

FOTOS: PR

60 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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„Welcher Autohersteller will schon

Batterien beim Konkurrenten kaufen?“,

sagen Brancheninsider.

„Die Situation ist schwierig“,

bestätigt ein Mercedes-Sprecher.

Die asiatischen Anbieter

verfügen über reichlich

Erfahrung mit Akkus

für Smartphones,

VW Passat Plug-in

Laptops oder mobile

Musikspieler. Sie

kommt ihnen nun zugute.

Panasonic kooperiert

bereits seit

1997 mit Toyota, als

mit dem Prius das erste

Hybridmodell der

Japanern auf den

Leistung 211 PS

Benzin- plus Elektromotor

Verbrauch 1,5 l/100 km

Reichweite

50 Kilometer elektrisch

Preis noch unbekannt

Marktstart Herbst 2015

Markt kam. Auch der US-Hersteller Tesla

baut derzeit in seine Autos Batteriezellen

ein, die weitgehend

identisch sind mit

denen in Notebooks.

Und Tesla-Gründer

Elon Musk hat große

Pläne: Er will in den

USA eine gigantische

Akkufabrik bauen. Natürlich

mit staatlicher Förderung. So wie sie

heute schon Koreas LG bekommt, beklagen

Insider. Die Anbieter können dadurch besonders

aggressiv und mit niedrigen Preisen

für ihre Batterien werben.

GENERVTE INGOLSTÄDTER

Trotz dieser Verschiebung der Machtverhältnisse

geben sich deutsche Hersteller

gelassen: „Wichtiges Know-how steckt in

der Art, wie die Zellen zu Batterien gepackt

werden, und in der Steuerung. Und das haben

wir in der Hand“, sagt Jürgen Schenk,

Entwicklungsleiter Elektrofahrzeuge bei

Mercedes. Auch Audi-Chef Rupert Stadler

sagt ganz unumwunden: „Wir schauen uns

um, wo wir die Zellen mit der besten Leistungsdichte

zum besten Preis bekommen.“

Ein erstes Ergebnis dieser Strategie ist der

A3 e-tron, das Schwestermodell des VW

Golf GTE, mit 204 PS Leistung und einer

elektrischen Reichweite von bis zu 50 Kilometern

– bei einer Höchstgeschwindigkeit

von 130 km/h. Auf einer ersten Testfahrt

rund um Wien funktionierte das prächtig,

erst nach 49 Kilometer war der Akku leer.

Vom intelligenten Zusammenspiel der beiden

Antriebselemente merkt der Fahrer im

Normalfall nichts. Wer mag, kann den Grad

der Rückgewinnung der Bremsenergie einstellen

und so die Reichweite erhöhen oder

die Akkus auch während der Fahrt mit dem

Benzinmotor laden – auch wenn das aus

energetischer Sicht wenig sinnvoll ist.

Die Ingolstädter zielen mit ihrem Angebot

vor allem auf den i3 des Münchner Rivalen

BMW, der seit seinem Verkaufsstart

im November vergangenen Jahres Furore

macht. Mit einem kleinen Verbrennungsmotor

als Reichweitenverlängerer kostet

der i3 aktuell 39 450 Euro – der Audi 3

e-tron bleibt mit 37 500 Euro klar darunter.

Stadler ist überzeugt, dass Audi „das Feld

der Plug-in-Hybride anführt“ – nach dem

A3 soll im nächsten Jahr auch der SUV Q7

einen Hybridantrieb erhalten, 2016 der A6

und danach das Top-Modell A8. „Jedes

Jahr ein e-tron“, verspricht Stadler.

So weit ist Mercedes allerdings auch. Die

S-Klasse ist der erste Plug-in des Hauses,

Stark wie

ein Acht-Zylinder,

sparsam wie

ein Vier-Zylinder

Audi A3 e-tron Plug-in

weitere sollen folgen.

Dank eines doppelt

Leistung 204 PS

aufgeladenen Sechs-

Benzin- plus Elektromotor

Verbrauch 1,5 l/100 km

Zylinder-Benziners

mit 245 Kilowatt (333

Reichweite

PS) mit einem 85 Kilowatt

(114 PS) starken

50 Kilometer elektrisch

Preis 37 900 Euro

Elektromotor versprechen

die Schwaben

Marktstart Ende 2014

Fahrleistungen wie

ein Acht-Zylinder,

aber mit dem Verbrauch eines

Vier-Zylinders. Der alltagsferne

Normverbrauch

bei aufgeladenem

Akku liegt

bei 2,8 Liter Super

pro 100 Kilometer.

Doch auch wer die

Mercedes S 500 Plug-in

ausgeklügelte Technik

im S 500 ausprobiert,

Leistung 448 PS

ist erstaunlich sparsam

unterwegs. Im ge-

Benzin- plus Elektromotor

Verbrauch 2,8 Liter/100 km

birgigen Montafon

Reichweite

zeigte der Bordcomputer

nach knapp 100 Ki-

50 Kilometer elektrisch

Preis ca. 109 000 Euro

lometer Fahrstrecke

Marktstart September 2014

einen Durchschnittsverbrauch

von 6,4 Liter

Benzin. Der Wert ist zwar meilenweit vom

Normverbrauch entfernt, aber dennoch für

eine Oberklasse-Limousine beeindruckend

niedrig.

EIN LETZTER KÄMPFER

Sollte die Elektro-Offensive der Deutschen

aufgehen, wird die Nachfrage nach Hochleistungsakkus

stark steigen. Dennoch

sieht Audi-Chef Stadler keinen Grund, in

eine eigene Batteriefertigung zu investieren.

Aber: „Womöglich wird das mit der

nächsten Akku-Generation anders.“ Eine

revolutionäre Technik, welche die Effizienz

der Speicher verdoppeln würde, sieht aber

im Moment kaum jemand.

Herbert Schein, Chef des Batterieherstellers

Varta Micro Battery in Ellwangen,

ist entschlossen, das Feld dennoch nicht

kampflos den Wettbewerbern aus Fernost

zu überlassen. Gemeinsam mit VW arbeitet

er daran, „die Energiedichte der Zellen

bis zum Ende des Jahrzehnts um rund 60

Prozent zu steigern“. Das klingt nach einem

moderaten Ziel. Allerdings hat die Entwicklung

und Optimierung des Verbrennungsmotors

128 Jahre gedauert. So gesehen

wäre es ein schneller Fortschritt. Aber

die asiatischen Wettbewerber werden sicher

nicht schlafen.

n

juergen.rees@wiwo.de

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 61

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Technik&Wissen

»Bitteres lindern«

INTERVIEW | Lutz Müller-Kuhrt Warum sich der AnalytiCon-Chef

kaufen lässt und fast jede Süßholzwurzel in Marokko kennt.

Herr Müller-Kuhrt, Ihr Unternehmen

AnalytiCon gibt es bereits seit 1985.

Mitbekommen hat das so recht niemand.

Machen Sie was falsch?

Die, die uns kennen sollten, tun es. Alle

großen Pharmakonzerne zählen zu unseren

Kunden. Was wollen Sie mehr? Wir haben

in den vergangenen knapp 30 Jahren

eine der größten Sammlungen weltweit an

Naturstoffen aufgebaut, mit mehr als

20 000 Substanzen, die wir aus Pflanzen

und Mikroorganismen isoliert haben. Das

ist recht ordentlich, wenn Sie bedenken,

dass die Gesamtheit der Forscher in den

vergangenen 150 Jahren insgesamt nur etwa

180 000 Naturstoffe gefunden und beschrieben

haben. Unsere vielen, vielen

Verbindungen sind für die Pharmahersteller

ein Schatz. Denn aus den Substanzen

und ihren vielen chemischen Abwandlungen,

die wir anbieten, entwickeln sie bereits

einige neue Wirkstoffe etwa gegen

Leukämie, Lungenfibrose oder Brustkrebs.

Die Pharmafirmen könnten doch auch

selbst nach Naturstoffen suchen?

Theoretisch ja, aber praktisch sind fast alle

Medikamentenhersteller aus diesem Forschungsbereich

ausgestiegen. Denn er ist

sehr komplex. Und auch in dieser Branche

gibt es Moden. Wir haben uns nicht beirren

lassen und können nun alles aus einer

Hand anbieten. Landet ein Unternehmen

einen Treffer, weil etwa eine Substanz aus

einer speziellen Süßholzwurzel-Art gegen

Diabetes wirkt, verfügen wir über die GPS-

Koordinaten des Feldes in Marokko, auf

dem die Pflanze wuchs. Dann können wir

GESCHMACKSVERSTÄRKER

Süße Täuschung

Wir essen zu süß, zu fett und zu salzig

– mit fatalen Folgen: Die Menschheit

verfettet, Herzinfarkte und

Diabetes nehmen zu. Um gegenzusteuern,

setzen Lebensmittelkonzerne

wie Nestlé

oder Danone auf bioaktive

Wirkstoffe, die dem Körper

NATURSTOFF-GURU

Müller-Kuhrt, 57, gründete 1985 die

AnalytiCon GmbH in Berlin mit. Sie ist

Keimzelle des Naturstoff-Spezialisten

AnalytiCon Discovery GmbH in Potsdam,

die der Chemiker heute leitet.

ein Jahr später die 100-fache Menge für

umfangreichere Testreihen liefern. Und

wenn der Naturstoff wirklich zum Medikament

wird, bauen wir bei Bedarf die Pflanze

auch im großen Stil an.

Wenn die Geschäfte so gut laufen, warum

hat dann das hessische Biotech-Unternehmen

Brain für einen einstelligen

Millionenbetrag 58 Prozent der AnalytiCon

übernommen?

etwas vorgaukeln. Der Cup-Cake soll

cremig-süß schmecken, obwohl er kaum

Zucker oder Fett enthält, die Pizza salzig,

fast ohne Salz. Die Konzerne kooperieren

dazu mit Anbietern wie Brain und

AnalytiCon. Brain hat molekulare Sensoren

entwickelt, um solche Stoffe

schnell zu finden. Und AnalytiCon

besitzt eine der größten Naturstoff-

Sammlungen weltweit, in der das

Unternehmen solche neuen

Geschmacksverstärker vermutet.

Zum einen hatten wir eine Reihe von Investoren,

die schon seit längerer Zeit einen

Exit suchten. Da kommt es dann schon mal

zu Missstimmungen, wenn die einen Kasse

machen und die anderen das Geschäft

langfristig entwickeln wollen. Deshalb hatten

wir Gesellschafter den Wunsch, unsere

Struktur zu reformieren.

Und Grund Nummer zwei?

Es passt perfekt. Unsere Geschäftsmodelle

ergänzen sich optimal, wir arbeiten quasi

komplementär. Wir als AnalytiCon haben

unseren Schwerpunkt bei der Naturstoff-

Chemie. Wir haben aber nur wenig Erfahrung

damit, ein Enzym aus einem unserer

Mikroorganismen für industrielle Produktionsprozesse

etwa für den Einsatz in

Waschmitteln zu optimieren. Diese weiße

Biotechnik beherrscht Brain sehr gut. Wir

kooperieren schon seit über zehn Jahren

eng miteinander, vor allem bei der Erforschung

neuer Geschmacksverstärker oder

von Substanzen, die den bitteren Beigeschmack

mancher Süßstoffe lindern (siehe

Kasten).

Wenn Sie auch bisher gut zusammengearbeitet

haben, warum dann eine Fusion?

Wir können ganz anders gegenüber Kooperationspartnern

etwa aus der Lebensmittel-

oder auch Kosmetikindustrie auftreten.

Denn anders als bei Medikamenten

wollen wir hier in Zukunft einen größeren

Anteil an der Wertschöpfung haben. Das

geht nur, wenn wir gemeinsam Patente anmelden

und vermarkten. Bisher sind unsere

Kooperationsverträge etwa mit Nestlé,

Mars oder dem deutschen Aromastoff-

Spezialisten Symrise hochkomplexe Konstrukte

mit drei, vier oder noch mehr Partnern.

Da können wir in Zukunft vieles aus

einer Hand anbieten.

Brain ist nun Mehrheitseigner. Wer hat in

Zukunft den Hut auf?

Wie meinen Sie das? Jeder wird weiter seinen

Bereich leiten, ich die AnalytiCon und

Holger Zinke seine Brain. Wir kennen uns

seit Jahren und vertrauen uns. Auch an unserem

Standort Potsdam, unserem Namen

oder der Zahl unserer derzeit 60 Mitarbeiter

wird sich nichts ändern. Die Pharmabranche

bedient AnalytiCon allein, die

Lebensmittel- und Kosmetika-Industrie

bevorzugt gemeinsam mit Brain. Das mit

der Mehrheitsbeteiligung wird meiner Meinung

nach deutlich überschätzt. Es ist wie

in einer guten Beziehung oder einer Familie.

Da wird ja auch nicht per Abstimmung

entschieden, sondern gemeinsam diskutiert

und nach einer Lösung gesucht. n

susanne.kutter@wiwo.de

FOTOS: PR, GETTY IMAGES/STOCKFOOD

62 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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VALLEY TALK | Handyanbieter Blackberry scheint

wieder auf dem Weg der Besserung zu sein.

Dank des Vorstoßes in einen Mega-Wachstumsmarkt.

Von Matthias Hohensee

Aus dem Koma erwacht

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Kann ein Manager ein Unternehmen

retten, das gleich von

mehreren High-Tech-Supermächten

in die Zange genommen wird?

John Chen macht es derzeit vor. Als der

langjährige Chef des Datenbankspezialisten

Sybase im November 2013 das Ruder bei

Blackberry übernahm, stand der kanadische

Smartphone-Pionier vor dem Kollaps.

Die Schlacht mit Apple und Samsung um

den Massenmarkt war nicht zu gewinnen

und hatte das Unternehmen fast ruiniert.

Ein Notverkauf scheiterte – mangels attraktiver

Angebote. Stattdessen steckte der indisch-kanadische

Großaktionär Prem Watsa

eine Milliarde US-Dollar in die einstige Perle

der kanadischen Wirtschaft.

Seine Wette scheint aufzugehen. Neun

Monate nach Chens Amtsantritt gibt es Zeichen

der Besserung. Zwar fällt der Umsatz

weiterhin. Im abgelaufenen ersten Quartal

des Geschäftsjahres lag er bei 966 Millionen

Dollar. Im Vorjahreszeitraum waren es

noch knapp 3,1 Milliarden Dollar. Doch

Chen hat die Verluste deutlich gesenkt, indem

er vor allem Kosten gekappt hat. Etwa

indem er die Handyproduktion an den

chinesischen Fertiger Foxconn ausgelagert

hat, aber auch durch kleinere Verkäufe

wie jüngst eines deutschen Forschungszentrums

in Bochum an Volkswagen.

Zugleich baut er das Produktangebot

aus. So wird ab Herbst der Zugriff auf Amazons

Appstore und dessen Android-Apps

möglich sein. Damit gewinnt Chen einen

der bekanntesten Online-Händler als Vertriebspartner.

Nur wenige wissen, dass

Android-Apps – wenn auch nicht alle und

nicht immer stabil – auf modernen Blackberry-Handys

funktionieren. Amazon liefert

so Inhalte für die Unterhaltung, während

sich die Kanadier wieder mehr auf die

Bedürfnisse ihrer Kunden in Wirtschaft und

öffentlicher Verwaltung konzentrieren

können. Sie offerieren beispielsweise mit

EZ Pass eine Software, um Firmenhandys

egal mit welchem Betriebssystem zentral

zu verwalten. Das Programm verkauft sich

derzeit gut.

Der NSA-Skandal hat Blackberry

geholfen, trotz der engen Zusammenarbeit

zwischen den Geheimdiensten Kanadas

und der USA. Prominente Nutzer wie Bundeskanzlerin

Angela Merkel vertrauen der

Marke. Und viele Fans, die auf eine physikalische

Tastatur schwören, bekommen auch

bei der Hardware wieder etwas geboten. Im

September kommt in Europa das Passport

auf den Markt – ein Zwitter zwischen

Handy und Tablet, mit großem Bildschirm

und vor allem einer echten Tastatur.

FINDET SICH EIN KÄUFER?

Seit Chens Amtsübernahme ist Blackberrys

Aktienkurs um 63 Prozent gestiegen. Doch

nicht das klassische Handygeschäft beflügelt

die Fantasie der Investoren. Viel wichtiger

ist das Internet der Dinge, das alle physischen

Gegenstände vernetzen will. Auf

diesen Mega-Wachstumsmarkt setzt Chen.

In ihm sind die Kanadier mit ihrer Erfahrung

und ihren Patenten für den sicheren Datenaustausch

gut aufgestellt. Mit QNX besitzen

sie zudem eine populäre Software für moderne

Fahrzeuginformationssysteme, auf

der unter anderem Apple aufsetzt.

Gelingt es Chen, Blackberry in diesem

Wachstumsmarkt zu etablieren, wird das

Unternehmen zu einem begehrten Übernahmeziel.

Ähnlich ging er beim Datenbankhersteller

Sybase vor, den er mit Sparmaßnahmen

vor dem Bankrott rettete, um

ihn dann mit Angeboten für den mobilen

Datenzugriff wieder attraktiv zu machen.

SAP kaufte das Unternehmen wegen dieser

Expertise 2010 für 5,8 Milliarden Dollar.

Im Silicon Valley witzeln einige, Blackberry

sei schon heute eine SAP-Tochter.

Denn Chen hat wichtige Managementposten

mit ehemaligen Managern des deutschen

Softwarekonzerns besetzt. Ein schneller Verkauf

ist aber unwahrscheinlich: Bei Sybase

dauerte es immerhin zwölf Jahre.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 63

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Management&Erfolg

Notorische Neumacher

SERIE GRÜNDER (I) | Deutschlands Pioniere Sie starten Unternehmen in Serie, stecken Kapital

in innovative Geschäftsmodelle, geben ihr Know-how weiter und fördern das

Unternehmertum: Ob in Deutschland, USA oder China – Gründer sind der Treibstoff

einer prosperierenden Ökonomie. Im ersten Teil unserer Serie stellen wir Ihnen die

vielversprechendsten Vordenker und Strippenzieher der deutschen Gründerszene vor.

Als kürzlich Google-Verwaltungsratschef

Eric Schmidt zu

Besuch kam, da wusste Simon

Schäfer, dass sich der Stress

und all die Arbeit gelohnt hatten.

Mehr als zwei Jahre hat der 36-Jährige

am Aufbau der Factory in Berlin gearbeitet

– im Juni öffnete die Start-up-Fabrik offiziell

ihre Pforten. Auf 16 000 Quadratmetern

sollen rund 600 Gründer, Kreative, Designer

und Entwickler Platz finden – Einzelkämpfer

und Teams genauso wie Mitarbeiter

von etablierten Start-ups wie der

Online-Musikplattform Soundcloud oder

dem deutschen Ableger des Kurznachrichtendienstes

Twitter, die zu den ersten Mietern

gehören. „Deutschland“, sagt Google-

Mann Schmidt, einer der weltweit wichtigsten

Strippenzieher der aufstrebenden

Digitalökonomie, „ist auf dem besten Weg,

eine Start-up-Nation zu werden.“

Solche Komplimente von führenden

Köpfen aus dem kalifornischen Gründermekka

Silicon Valley waren in der Vergangenheit

selten: Deutschland galt als Industrienation,

die zwar erstklassige Autos produzierte,

aber eben keine innovativen Unternehmen

wie Amazon oder Facebook

hervorbrachte. Das scheint sich zu ändern:

Inzwischen ist die deutsche Gründerszene

weit über die Grenzen der Republik bekannt

und lockt potenzielle Gründer aus

aller Welt an.

Allein in Berlin gehen Woche für Woche

im Schnitt etwa zehn neue innovative Unternehmen

an den Start, hat das Beratungsunternehmen

McKinsey in einer Studie

ermittelt – 80 Prozent setzen auf digitale

Technologien, programmieren Software,

bauen E-Commerce-Plattformen auf oder

starten Web-Portale. Mehr als 60 000 Menschen

in Berlin arbeiten inzwischen in der

digitalen Wirtschaft, wie eine Studie der Investitionsbank

Berlin belegt. Ein Plus von

12 000 Stellen seit 2008.

Laut KfW-Gründungsmonitor finden

sich in der Hauptstadt unter den 18- bis

64-Jährigen mehr Gründer als in jedem anderen

Bundesland. Aber auch deutschlandweit

gibt es positive Trends: Zwar ist

die Zahl der Vollerwerbsgründer zuletzt

gesunken. Allerdings entscheidet sich fast

jeder zweite Neu-Unternehmer inzwischen

nicht aus Not für die Selbstständigkeit,

sondern weil er eine gute Idee umsetzen

will. Hinzu kommt: Der Anteil der Unternehmer,

die mit überregionalen Innovationen

starten, hat sich der Studie zufolge

seit 2009 fast verdreifacht.

„Wir sehen eine solide Gründerbewegung

speziell für die digitale Wirtschaft mit

Männliche Mehrfachtäter

Wie Karrierewege digitaler Talente aussehen

der Führungskräfte sind männlich

66 %

haben bereits ein Digital-Start-up aufgebaut

48 %

haben keine längere Auslandserfahrung

30 %

haben schon mehrere Digitalunternehmen gegründet

20 %

haben bei Managementberatungen gearbeitet

19 %

haben mehr als 15 Jahre Berufserfahrung

Quelle: Heidrick & Struggles/DSP-Partners (2014)

93 %

besseren Teams und besseren Ideen als

noch vor zehn Jahren“, sagt Tobias Kollmann,

der an der Universität Duisburg-Essen

in Essen E-Entrepreneurship lehrt und

in der Jury von Neumacher, dem WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb,

sitzt

(siehe Kasten Seite 71). „Aber wir müssen

Unternehmertum noch fester an den

Hochschulen verankern, damit noch mehr

Absolventen zu Gründern werden und die

Gründerwelle nicht abebbt.“

WICHTIG FÜR DEN WANDEL

Dabei dürfte helfen, dass sowohl Internet-

Gründer der ersten Stunde wie Unternehmer

aus anderen Branchen ihr Kapital und

Know-how inzwischen an die neue Gründergeneration

weitergeben. Sie fördern

neue Start-ups als Mentoren und werben

an Unis für Unternehmertum, sie organisieren

sich in einem eigenen Verband oder

beraten im Beirat Junge Digitale Wirtschaft

den Bundeswirtschaftsminister.

„Wir brauchen diese neue Gründergeneration,

weil sie Unternehmen in der digitalen

Wirtschaft aufbaut, die so wichtig ist für

die Zukunft unseres Landes und den Wandel

von Industrie und den Mittelstand“,

sagt Kollmann, der dem Ministeriumsbeirat

vorsitzt.

Grund genug für die WirtschaftsWoche,

die neue Generation in einer Serie vorzustellen.

Zum Auftakt treffen Sie auf 25 der

vielversprechendsten Unternehmer, Netzwerker

und Investoren der deutschen

Gründerszene – eine Auswahl, die wir dank

unserer Expertise auf Basis Dutzender Gespräche

und langjähriger Beobachtung getroffen

haben.

n

jens.toennesmann@wiwo.de

FOTOS: BLOOMBERG/AIDAN CRAWLEY, PR (2)

64 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Eric Wahlforss Soundcloud

Der Vorzeigegründer

Im Mai kochten die Gerüchte hoch: Der US-Kurznachrichtendienst

Twitter, so die Spekulation, könnte Soundcloud übernehmen – also

die Musikplattform, die als eines der Aushängeschilder der Berliner

Gründerszene gilt: Das Unternehmen beschäftigt mehr als 200

Mitarbeiter und hat monatlich mehr als 250 Millionen Nutzer, die

Ton-Dokumente anhören oder hochladen. „Wir hatten gesehen, wie

erfolgreich YouTube mit Filmen war“, sagt Gründer Eric Wahlforss,

„und wir fanden, dass es das auch für Sounds geben muss.“ Zu

Jahresbeginn sammelten er und Mitgründer Alexander Ljung 60 Millionen

Dollar Wachstumskapital ein – Gerüchten zufolge bei einer Bewertung

von 700 Millionen Dollar. Selbst für Twitter offenbar zu viel.

Madeleine Gummer von Mohl Betahaus

Die Netzwerkerin

Wenn Madeleine Gummer von Mohl von ihrem Job spricht, dann

spricht sie schon mal von Liebe. Und von einem „energiegeladenen

Haus, wo du dich fühlst, als wärest du auf Drogen, weil so viel Spannendes

um dich herum passiert“. Die 32-Jährige meint nicht etwa

den Bundestag, in dem sie gearbeitet hat. Sondern das Betahaus,

das sie 2009 unter anderem zusammen mit Christoph Fahle in Berlin

eröffnet hat – ein rund 2000 Quadratmeter großer, sogenannter

Coworking-Space, in dem Gründer Projekte starten. Das Betahaus

stellt die Infrastruktur, bietet Seminare und Räume für Veranstaltungen.

Mehrere Tausend Menschen haben das Betahaus genutzt,

aktuell sind 350 „Members“ eingemietet. Das Konzept läuft so gut,

dass in Hamburg, Sofia und Barcelona Filialen entstanden sind.

Gunnar Froh Wundercar

Der Revoluzzer

Gunnar Froh ist bei Taxifahrern nicht beliebt: Im Juni demonstrierten

sie vor seinem Büro, weil sie fürchten, dass der 31-Jährige ihr

Geschäft kaputt macht. Denn sein Start-up Wundercar hat eine App

entwickelt, mit der sich innerstädtische Mitfahrgelegenheiten anbieten

und finden lassen. Über die App kann der Mitfahrer dem Fahrer

außerdem ein Trinkgeld geben, von dem Wundercar 20 Prozent

behält. Taxifahrer halten das für Schwarzarbeit, auch die Behörden

sind sauer. Froh, der solche Probleme seit seiner Zeit bei der

Online-Zimmervermittlung Airbnb kennt, ficht das nicht an: Er expandiert

ins Ausland und wirbt bei Politikern für Kompromisse.

Inzwischen haben sich Tausende Nutzer bei Wundercar angemeldet

– auch dank der Proteste, die viele erst aufmerksam machten. »

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 65

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Management&Erfolg

Robert Maier Visual Meta

Der Kämpfer

Freunde beschreiben Robert Maier als

kämpferisch: Er warnt lautstark vor der

Marktmacht von Google und engagiert sich,

um Unternehmertum in seiner Partei, der

SPD, populärer zu machen. Der 34-Jährige

hat mit Johannes Schaback Visual Meta gegründet:

Auf der Shopping-Plattform Ladenzeile

vereint es Angebote verschiedener

Online-Shops und verdient an Klicks und

Käufen – so gut, dass es rund um den Globus

expandiert und in Berlin 180 Mitarbeiter

beschäftigt. Seit sich im Jahr 2011 der

Verlag Axel Springer beteiligte, ist Maier

selbst zum Investor mutiert und hat Kapital

in 18 junge Unternehmen gesteckt.

Nora-Vanessa Wohlert Edition F

Herzblutgründerin

Am Anfang kam ihr das selbst ernannte

Herzblutprojekt vor wie eine Mammutaufgabe:

Monatelang suchte Nora-Vanessa

Wohlert (im Bild rechts) mit ihrer Mitgründerin

Susann Hoffmann nach Investoren,

zwischenzeitlich drohte die Insolvenz. Doch

im Frühjahr beteiligten sich gleich mehrere

namhafte Business Angels und Risikokapitalgeber

mit einem sechsstelligen Betrag –

der Start von Edition F war gesichert: ein

„digitales Zuhause für Frauen, die mehr

wollen“. Die Plattform versteht sich als

Online-Magazin, aber auch als Community,

in der sich Frauen vernetzen, Produkte

finden und Jobs suchen können. Inzwischen

zählt das Portal mehrere Tausend

Mitglieder.

Fabio Paltenghi Mornin’ Glory

Der Einseifer

Er ist 51 Jahre alt und hatte es bei der

Großbank UBS bis zum Vice President in

New York gebracht, bevor er Unternehmer

wurde: Fabio Paltenghi ist in der Gründerszene

eine Ausnahmeerscheinung. 2012

tat er sich mit Nicolas Stoetter (rechts im

Bild) zusammen und startete Mornin’ Glory.

Das Berliner Start-up vertreibt Rasierklingen

per Internet-Abo – zum Ärger von Konzernen

wie Gillette und Wilkinson. Paltenghi

überzeugte erst bekannte Investoren wie

Christophe Maire, dann große Klingenhersteller.

„Bei der Bank hatte ich ja gelernt,

Kunden so lange zu ködern, bis sie zusagen.“

Das Einseifen zeigt Wirkung: Mornin’

Glory hat derzeit 14 Mitarbeiter und mehr

als 10 000 Abo-Kunden.

Ida Tin Biowink

Die Gründernatur

„Gründen“, sagt Ida Tin, „liegt in meiner

Natur.“ Mit 18 Jahren hat die Dänin ihr erstes

Unternehmen gestartet, während ihres

Studiums das zweite. Nach einer Weltreise

mit dem Motorrad gründete sie das dritte:

einen Motorrad-Reise-Anbieter. Inzwischen

baut sie in Berlin zusammen mit Hans

Raffauf ihr nächstes Unternehmen auf: Biowink

beschäftigt 14 Mitarbeiter und hat eine

Kalender-App namens Clue entwickelt,

mit der Frauen ihren Zyklus überwachen

können. Tausende Nutzerinnen aus 180

Ländern schwören auf die noch kostenlose

App. „Es fühlt sich gut an, etwas aufzubauen,

das anderen Menschen hilft“, sagt Ida

Tin, „und das richtig groß werden kann.“

Simon Schäfer Factory

Der Fabrikant

Noch gleichen manche Räume einer Baustelle,

aber bald soll die Factory von innen

so hip und modern aussehen, wie ihre Bewohner

es sind: Mehr als 20 Millionen Euro

hat Simon Schäfer zusammen mit Udo

Schloemer, Marc Brucherseifer und Sascha

Gechter in den Start-up-Campus gesteckt

und Google als Unterstützer gewonnen, um

das Projekt auf dem Gelände einer alten

Berliner Brauerei zu realisieren. Schäfer

weiß, was Start-ups brauchen – seit Ende

der Neunzigerjahre ist er in der Gründerszene

unterwegs. „Ich lasse mir ungern von anderen

sagen, was ich zu tun habe“, sagt der

36-Jährige, „außerdem fasziniert mich die

transformierende Kraft neuer Ideen.“ Davon

soll es in der Factory bald nur so wimmeln.

FOTOS: JENNIFER FEY, MARK MATTINGLY, PR

66 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Jan Dzulko M Cube

Der Vergleicher

Seine ersten beiden Unternehmen hat Jan

Dzulko per Handschlag verkauft: Pecupool

hatte eine Software entwickelt, mit der Finanzportale

Versicherungen vergleichen

konnten. Mit Pecumax wiederum verkaufte

er die Versicherungen selbst. „Eine Goldgrube“,

sagt Dzulko. Im Jahr 2009 kaufte

Check24 die Firmen und holte Dzulko in

den Vorstand. 2012 entwickelte er zusammen

mit Check24-Gründer Henrich Blase

M Cube – ein Unternehmen, das Vergleichsportale

serienmäßig startet. Etwa

Funus, mit dem sich Beerdigungsangebote

vergleichen lassen. Die Gründer bekommen

zwar nur wenig Anteile, dafür aber Unterstützung,

„sodass sie die Firmen wie Legobausätze

zusammenbauen können“.

Guido Sandler Bergfürst

Der Einsammler

Ende der Neunzigerjahre gründete er erst

die Berliner Effektenbank, dann die Internet-Handelsplattform

Etrade Deutschland

und sanierte für die Westfälische Vermögen

Management Mittelständler. Als Dotcom-

Crash und Finanzmarktkrise ausgestanden

waren, setzte Guido Sandler auf Crowdinvesting

und startete mit Dennis Bemmann

2011 die Plattform Bergfürst, über die Startups

kleine Investments vor allem von Privatanlegern

einsammeln können. Die Investoren

partizipieren am Gewinn, können ihre

Anteile handeln und haben Mitspracherechte

– ein Novum im Crowdinvesting, weswegen

Sandler von „Neo-Investing“ spricht. In

Zukunft will er auch Beteiligungen an Immobilien

über die Plattform anbieten.

Jan Beckers Hitfox

Der Feierprofi

Mit Feiern hat alles angefangen bei Jan

Beckers. Während er BWL studierte, startete

er eine Partyreihe. Danach gründete er

mit Unterstützung von Team Europe Ventures

wie am Fließband weiter, sein Motto:

„Das nächste Start-up soll noch größer werden.“

Beckers’ jüngstes Projekt, gestartet

2011 mit Tim Koschella und Hanno Fichtner:

Hitfox. Aktuell beschäftigt der Inkubator

230 Mitarbeiter und erzielte im vergangenen

Jahr über 15 Millionen Euro Gewinn.

Auch wenn Beckers nur noch selten Partys

veranstaltet: Grund zum Feiern hätte er.

Maxim Nitsche Math 42

Der Überflieger

Maxim Nitsche ist zwar erst 19 Jahre alt,

studiert noch Mathematik, Philosophie und

Wirtschaft, aber ist schon Unternehmer –

und will es bleiben. Mit seinem 17-jährigen

Bruder Raphael hat er Math 42 entwickelt:

Die App erklärt Mathelernern Rechenschritte,

hilft mit Tipps und bietet ein integriertes

Mathebuch. Inzwischen nutzen

mehr als eine halbe Million Menschen das

Miniprogramm, das bisher gratis ist. Aber

Maxim Nitsche sucht den Kontakt zu Verlagen,

um die App zu vermarkten, und zu

Risikokapitalgebern, um sie auszubauen.

„Raphael und ich haben so viele Ideen“,

sagt der 19-Jährige, „Math 42 ist mit

Sicherheit nicht unser letztes Projekt.“

Sebastian Kübler Taishan Invest

Der Brückenbauer

Sein erster Chinabesuch 2003 war Zufall –

doch das Land beeindruckte den Mann

vom Niederrhein so sehr, dass er 2007 in

Peking sesshaft geworden ist. Dort hat Kübler

den Risikokapitalgeber Taishan Invest

mitgegründet, um Brücken zwischen der

deutschen und der chinesischen Gründerszene

zu bauen. Taishan sammelt Kapital

bei etablierten Geldgebern in Europa und

China ein und investiert in junge chinesische

sowie deutsche Start-ups mit China-

Bezug. So hat Taishan beispielsweise den

Online-Händler Urbanara und den

Premium-Discounter Lesara finanziert, die

beide Produkte aus China beziehen.

»

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 67

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Management&Erfolg

Jess Erickson Geekettes

Die Frauenversteherin

Als Jess Erickson (links im Bild) aus New

York nach Berlin zog, fühlte sie sich wie eine

Außenseiterin: „Es gab zwar eine lebendige

Tech- und Gründerszene, aber fast ohne

Frauen“, erinnert sich die 30-jährige

US-Amerikanerin. Also gründete sie 2012

zusammen mit Denise Philipp die Geekettes

– eine Plattform, die Gründerinnen von

und Mitarbeiterinnen aus Tech-Firmen vernetzt

und weiterbildet. Inzwischen zählt das

Netzwerk 2000 Mitglieder und ist in sieben

Städten aktiv. Zwar streben die Geekettes

keinen Profit an, doch Erickson und Philipp

können davon leben – dank Sponsoren wie

der Deutschen Telekom. „Wenn mehr Frauen

gründen und in die Entwicklung neuer

Technologien involviert sind“, ist Erickson

überzeugt, „werden Produkte und Unternehmen

in Zukunft viel besser.“

Erik Heinelt Tirendo

Der Reife

Die Helden seiner Kindheit? Menschen, die

Firmen gründen – in seiner Heimat Sachsen,

in der Arbeitsplätze knapp sind. Also

heuerte Erik Heinelt nach dem Studium

beim Berliner Inkubator Rocket Internet an,

der ihn nach Japan und Brasilien schickte,

um Internet-Firmen mit aufzubauen. Anfang

2012 startete er mit Felix Vögtle sein

eigenes Unternehmen: den Online-Reifenhändler

Tirendo. Beim Start half Project A

Ventures mit einem siebenstelligen Investment;

ein gutes Jahr später beschäftigte es

mehr als 100 Mitarbeiter. Das überzeugte

den Wettbewerber Delticom, der Tirendo

für 50 Millionen Euro übernahm – seit Ende

2013 ist Heinelt zwar nur noch Angestellter

in seinem Start-up, gibt sein Wissen aber in

Unikursen an potenzielle Gründer weiter.

Daniel Höpfner Pressmatrix

Der Zurückgeber

Daniel Höpfner liebt Zeitungen. So sehr,

dass sie sich gelegentlich in seiner Wohnung

stapeln. Das brachte Höpfner im Jahr

2011 auf die Idee zu Pressmatrix: Das

Start-up hat eine Technologie entwickelt,

mit der sich über eine Web-Plattform einfach

und ab etwa 5000 Euro Magazine als

App für Smartphones und Tablet-PCs erstellen

lassen. Etwas mehr als drei Jahre

nach dem Start hat Pressmatrix Geldgeber

wie den High-Tech Gründerfonds gewonnen

und mehr als 1000 Magazin-Apps aus aller

Welt erstellt. Pressmatrix beschäftigt rund

50 Mitarbeiter, peilt einen siebenstelligen

Jahresumsatz an und will in Kürze zum

ersten Mal Gewinn machen. Außerdem ist

Seriengründer Höpfner Mentor an der Berlin

Start-up Academy – „um etwas zurückzugeben“,

wie der 37-Jährige sagt.

Florian Heinemann Project A Ventures

Die Legende

Er ist zwar erst 38 Jahre alt, bezeichnet sich

selbst aber als Methusalem der Gründerszene.

Für andere ist Florian Heinemann

schlicht eine Legende: Vor 15 Jahren gründete

er den Online-Marktplatz Justbooks,

den er später an Abebooks verkaufte. Seitdem

gilt er als Experte für digitale Geschäftsmodelle

und digitales Marketing.

Von 2007 baute er Rocket Internet mit auf,

die Start-up-Fabrik der Samwer-Brüder.

2012 startete er mit seinen Ex-Rocket-Kollegen

Christian Weiß und Uwe Horstmann

Project A Ventures. Der Inkubator hat bereits

25 Internet-Start-ups angeschoben,

außerdem hat Heinemann in mehr als 70

Start-ups investiert. „Dieser Kick, in ein

kleines Team einzusteigen und dann zuzusehen,

wie es rasant wächst“, sagt Heinemann,

„ist einfach unbeschreiblich.“

Claude Ritter Book a Tiger

Die Allzweckwaffe

Es gab eine Zeit, in der sich Claude Ritter

aus Kostengründen nur von Fertignudeln ernährt

hat, damals im Jahr 2007 in China.

Zusammen mit Julius und David Dreyer

brachte er dort The Netcircle an den Start –

ein Unternehmen, das von Shanghai aus

Community-Portale betreibt. 2010 kehrte er

zurück, um in Berlin Delivery Hero mit aufzubauen

– ein Portal, über das sich Essen

bei Lieferdiensten bestellen lässt und das

heute mehr als 800 Mitarbeiter beschäftigt.

Mit Nikita Fahrenholz hat er jetzt Book a

Tiger gestartet – ein Portal, das Putzkräfte

vermittelt. Dass es mit 15 Mitarbeitern noch

deutlich kleiner ist, schätzt Ritter: „In dem

Stadium kann ich viele meiner Fähigkeiten

einsetzen“, sagt der 33-Jährige, „ich bin wie

ein Schweizer Taschenmesser.“

Christian Vollmann Researchgate

Die Spürnase

Zwei Millionen Euro Wagniskapital hätte

Christian Vollmann im vergangenen Jahr

einsammeln können, um ein soziales Netzwerk

aufzubauen – nach dem Vorbild von

Nextdoor in den USA, über das sich Nachbarn

organisieren können. „Aber die Erfolgschancen

waren zu klein, und ich hatte

keine Lust, wieder eine fremde Idee nachzuahmen“,

sagt der Seriengründer. Bekannt

ist der 36-Jährige für seinen „guten

Riecher“: Vollmann hat in mehr als 50 Unternehmen

investiert. Am Online-Netzwerk

Researchgate beteiligte er sich als Erster,

obwohl dessen Gründer Ijad Madisch von

etwa 20 Investoren Absagen erhalten hatte.

Heute zählt Researchgate vier Millionen

Wissenschaftler als Mitglieder und beschäftigt

100 Mitarbeiter, seit einigen Monaten

ist Vollmann einer von ihnen. „Es hat sich

angefühlt, wie nach Hause zu kommen.“

»

FOTOS: CAROLIN WEINKOPF, PR

68 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

seiner ersten 25 Investments, ging kürzlich

in New York an die Börse – aktueller Marktwert:

mehr als eine Milliarde Dollar. 2011

sammelte Janz 40 Millionen Euro ein und

gründete Point Nine Capital, einen Risikokapitalgeber,

der Start-ups in der Frühphase

unterstützt. „Da ist das Risiko zwar am

größten, aber wir können am besten helfen“,

sagt der 39-Jährige, der seine Expertise

in einem Blog „The Angel VC“ seit 2005

bereitwillig mit der Gründerszene teilt.

Thomas Bachem Bachem Ventures

Der Gründergeek

Sebastian Diemer Kreditech

Der Vollgaspusher

Felix Haas IDnow

Der Trüffelsucher

Jeder, der online ein Bankkonto beantragt

hat, kennt das: Um sich zu identifizieren,

muss eine Postfiliale aufgesucht werden –

was viele potenzielle Kunden abschreckt.

Das Münchner Start-up IDnow schafft Abhilfe:

Es entwickelt eine Technologie, mit

der sich Kunden via Smartphone oder Web-

Browser identifizieren können. Gründer

Felix Haas hat sein erstes Unternehmen zu

Schulzeiten gestartet und ist in der Szene

als Investor bekannt: Seit dem Verkauf der

Ticketing-Plattform Amiando ans Business

Netzwerk Xing hat Haas sich an rund 25

Unternehmen beteiligt.

Mikko Alasaarela Linko

Der Antibürokrat

Wenn Mikko Alasaarela von Berlin spricht,

dann regt er sich schon mal auf: Unglaublich

langsam sei die Bürokratie, sagt Alasaarela,

dabei müssen Start-ups doch

Rund 80 Prozent Umsatzwachstum pro

Quartal, 140 Mitarbeiter, Millionen von

Kunden in 30 Ländern: Bei Kreditech geht

es rasant aufwärts. Im Juni bewerteten Risikokapitalgeber

das Hamburger Start-up mit

190 Millionen Dollar – gerade mal zwei Jahre

nach dem Start. Gründer Sebastian Diemer,

den Freunde als „Vollgaspusher voller

Energie“ beschreiben, ist überzeugt: „Die

Digitalisierung kommt jetzt auch im Finanzsektor

an.“ Denn Kreditech vergibt Kredite

nicht mehr mittels klassischer Scorewerte,

sondern anhand von Big Data: Bis zu

15 000 Informationen – etwa Facebook-

Gewohnheiten und Gerätedaten – entscheiden,

ob ein Kunde an Geld kommt.

schnell sein. Trotzdem hat der finnische Seriengründer

sein jüngstes Projekt in der

deutschen Hauptstadt gegründet – weil er

hier die besten Entwickler fand. Sein Startup

Linko entwickelt Software, mit der sich

Kundenbeziehungen unbürokratisch über

Smartphones und Tablets pflegen lassen –

statt über nervige Formulare mit den eigenen

Lieblings-Apps. Der 39-Jährige begann

seine Karriere bei Nokia, bevor er zur Jahrtausendwende

erstmals selbst ein Unternehmen

gründete. Inzwischen hat er sieben

Firmen in den USA und in Finnland aufgebaut,

einige verkauft, einige eingestellt.

Christoph Janz Point Nine Capital

Der Blogger

Als Schüler fing er an, mit Computern zu

handeln, mit 22 Jahren gründete er mit

DealPilot eins der ersten Internet-Start-ups

der Republik. Noch bevor die Internet-Blase

platzte, verkaufte Christoph Janz die

Preisvergleichsplattform an Bertelsmann,

gründete neue Projekte – und beschloss

2008, Investor zu werden. Zendesk, eines

Eigentlich hatte Thomas Bachem sein

jüngstes Projekt nur als kleines „Technik-

Experiment“ gestartet: Mit lebenslauf.com

wollte der Kölner Internet-Unternehmer

und Softwareentwickler die Möglichkeit

bieten, mit ein paar Klicks Lebensläufe für

Bewerbungen zu gestalten. Als nach kurzer

Zeit bis zu 15 000 Menschen monatlich die

Plattform ansteuerten, verkaufte Bachem

sie im Mai an das Business-Netzwerk Xing

für einen sechsstelligen Betrag. Für den Seriengründer,

der zuvor das Videoportal Sevenload

und das Online-Spiel Fliplife mit

aufgebaut hat, der dritte Exit. Längst investiert

der 28-Jährige in Start-ups, außerdem

hat er 2012 den Bundesverband Deutsche

Startups mitgegründet, mit dem er für mehr

Gründergeist in Deutschland kämpft.

Ali Jelveh Protonet

Der Rekordhalter

Es war ein neuer Weltrekord: Exakt drei Millionen

Euro von 1826 Investoren hat das

Hamburger Start-up Protonet im Juni über

die Crowdfunding-Plattform Seedmatch eingesammelt

– in weniger als sechs Tagen. Der

Grund für das große Interesse: Das Start-up

hat Server für kleine und mittelgroße Unternehmen

entwickelt, die ähnlich flexibel und

benutzerfreundlich, aber viel sicherer sein

sollen als Cloud-Lösungen. Hinter Protonet

steckt Ali Jelveh, der das Unternehmen zusammen

mit Christopher Blum gestartet hat.

Jelveh ist Softwareentwickler und studierter

Physiker, vor dem Start von Protonet war er

als Programmierer bei Xing tätig. Was seinem

Selbstbewusstsein offenbar nicht geschadet

hat – seine selbst gewählte Jobbeschreibung:

Chief Revolutionary Officer. n

jens.toennesmann@wiwo.de

FOTOS: PR (2)

70 Nr. 29 14.7.14 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

Gewinnzone!

GRÜNDERTAGEBUCH | Im siebten Teil

berichtet Gründerin Andrea Pfundmeier,

warum sie um ihre Kunden zittern musste

und wie Secomba demnächst für neue

Schlagzeilen sorgen will.

Seit Andrea Pfundmeier und Robert

Freudenreich vor einem Jahr mit ihrem

Start-up Secomba den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb

gewonnen

haben (siehe Kasten), haben weltweit

Hunderttausende Computer- und

Smartphone-Nutzer ihre Software Boxcryptor

heruntergeladen – ein Programm,

das Daten verschlüsselt, bevor sie bei Online-Speicheranbietern

wie Dropbox gespeichert

werden. Drei Jahre nach dem

Start hat Secomba 15 Mitarbeiter eingestellt

und 2013 mit einem Millionenumsatz

abgeschlossen.

1. JUNI

Wir wachsen! Die Büroflächen nebenan

sind gerade frei geworden. Wir schlagen

zu: Jetzt haben wir drei weitere Räume und

damit insgesamt 240 Quadratmeter zur

Verfügung – 89 mehr als bisher.

5. JUNI

Vor exakt einem Jahr haben wir unser Geschäftsmodell

geändert:Seit Juni 2013 kaufen

unsere Kunden unsere Software nicht

mehr mit einer einmaligen Lizenz, sondern

als Abonnement. Dafür erhalten sie

Updates und neue Funktionen kostenlos.

Der Vorteil für uns: Unser konstanter Entwicklungsaufwand

wird jährlich neu vergütet.

In den nächsten Tagen wird sich zeigen,

wie viele Kunden ihr Ein-Jahres-Abo

verlängern und wie viele kündigen.

10. JUNI

Viele unserer Mitarbeiter sind von Anfang

an dabei und haben uns geholfen, Boxcryptor

zu dem zu machen, was es heute ist

– deshalb sollen sie über ein Mitarbeiterbeteiligungsprogramm

vom Erfolg profitieren.

Das soll Dankeschön und Ansporn

sein. Wenn unsere Investoren einverstanden

sind, wollen wir das Programm Ende

des Sommers umsetzen.

23. JUNI

Zuletzt lief es im Vertrieb nicht wirklich

rund: Wir haben mit einem Distributor experimentiert

– ohne Erfolg und trotz hoher

Kosten. Das hat ein Ende. Ab August haben

wir einen Vertriebsleiter an Bord! Er hat 20

Jahre Erfahrung im Softwarevertrieb. Außerdem

stellen wir einen unserer Werkstudenten

ab September als Entwickler ein –

wir kommen unserem Ziel, bis zum Ende

des Jahres auf 20 Mitarbeiter zu wachsen,

rasch näher!

30. JUNI

Wir haben Grund zur Freude: Die Kündigungsrate

unserer Software-Abos hat sich

auf knapp 20 Prozent stabilisiert. Das heißt:

80 Prozent unserer Kunden sind mit Boxcryptor

zufrieden und verlängern ihren

Vertrag. Und es bedeutet, dass wir endlich

schwarze Zahlen schreiben!

1. JULI

Für Robert fängt der Tag mit Kistenschleppen

an: Er trägt Bier ins Büro! Grund: Wir

haben unser Team und die anderen Unternehmen

aus unserem Gebäude zum Fußballschauen

eingeladen. Das WM-Fieber

hat uns im Griff!

3. JULI

Seit Anfang des Jahres arbeiten wir an einem

neuen Produkt, dessen Prototyp wir

in den nächsten Wochen veröffentlichen

wollen. Auf einer langen Zugfahrt nach

Mainz besprechen wir, welche Funktionen

wir noch einbauen, was wir testen müssen,

wann wir die Presse informieren und wie

der Marketingplan aussieht. Wir sind uns

sicher: Das neue Produkt – eine weltweit

einmalige Innovation im Bereich Cloud Security

– wird auf dem Markt einschlagen

wie eine Bombe!

n

aufgezeichnet von jens.toennesmann@wiwo.de

Weltmeisterlich

Mit Mitarbeitern und Bürohund feuerte

Secomba-Gründer Freudenreich (Mitte) die

Deutschen bei der Fußball-WM an. Seine

Software kann locker mithalten: Boxcryptor

ist inzwischen weltweit erfolgreich.

WETTBEWERB

Letzte

Chance

Die WirtschaftsWoche sucht über

ihren Gründerpreis „Neumacher“

kreative Gründer.

Am 15. Juli endet die Bewerbungsfrist

für Neumacher 2014, den Wirtschafts-

Woche-Gründerwettbewerb. Dem

Sieger winken 10 000 Euro Startkapital

sowie ein umfangreiches Paket aus

Sachleistungen im Wert von bis zu

300 000 Euro: Die Kanzlei Osborne

Clarke berät die Sieger in Rechtsfragen,

Experten der Werbeagentur thjnk helfen

ihnen beim Aufbau einer Markenstrategie,

der High-Tech Gründerfonds

unterstützt sie mit einem Coaching, die

WirtschaftsWoche stiftet den Gewinnern

Medialeistungen und lässt sie im

Gründertagebuch regelmäßig über ihre

Fortschritte berichten. Außerdem

nehmen die Gewinner am Accelerator

Program des Unternehmernetzwerks

Entrepreneurs’ Organization teil.

Weitere Informationen sowie Anmeldung

zum Wettbewerb finden Sie unter:

wiwo.de/neumacher

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 71

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Geld&Börse

Perfekte Modelle

DIE BESTEN AKTIEN | Welche Unternehmen schaffen am meisten Ertrag für

Aktionäre, wie nachhaltig ist der Kursanstieg ihrer Aktien? Boston Consulting hat aus

35 000 börsennotierten Firmen weltweit die Sieger ermittelt. Wir präsentieren

die Top Ten der wichtigsten Branchen und zwölf Papiere, die jetzt kaufenswert sind.

enn jemand die ganz

große Show beherrscht,

dann Las

W

Vegas: Zum vierten

Jahrestag der Eröffnung

des Sands Hotels

strömen die Gäste

in Frack oder Smoking

in den Ballsaal,

die Damen in weißen

Roben, überreichlich mit Brillanten dekoriert.

Die 100 Leuchter im Saal drohen von

der Last der Kristalle zu Boden gerissen zu

werden. Das Programm liest sich wie das

„Who’s who“ des Showbiz’: Frank Sinatra

spielt mit Big Band, Jerry Lewis lockert das

Bankett mit Witzen auf, unter den Gästen

Jayne Mansfield und Marlene Dietrich.

Noch keine Blase

Die Balken zeigen die Börsenbewertung der 500 größten US-Konzerne seit 1925. Sie liegt derzeit

leicht über dem fundamentalen Wert 1 des Geschäfts der Firmen (rot gestrichelte, waagrechte

Linie), ist jedoch noch weit entfernt von früheren Übertreibungen wie 1929 oder 1999/2000

Börsenwert im Verhältnis zum

fundamentalen Wert¹, in Prozent

200

180

160

140

120

100

80

60

40

20

Börsenboom

der Zwanziger

2.Weltkrieg

Ölkrisen

Elektronikboom

Internet-

Blase

210%

268 %

Fundamentalwert 1 Erwartungsprämie 2

bei Jahreshoch

durchschnittliche

Erwartungsprämie 2

Erwartungsprämie 2

bei Jahrestief

1925 1930 1935 1940 1945 1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2013

1 Wert desEigenkapitals an der Börse=Wertder künftigen Cash-Flowsder Unternehmen; 2 Differenz ausfundamentalem

Wert undBörsenwert;Quelle:Boston Consulting,Daten bis1949: Bloomberg, ValueLine, Compustat

Das war 1956. Schnell wurde das Sands

zur Legende und in den USA zum Inbegriff

für Glücksspiel, Glamour, Größe. In den

Siebzigern geriet es zunehmend in Schieflage,

ging 1988, fast pleite, an den Firmenjäger

und Multimilliardär Kirk Kerkorian

und musste 1996 schließen. Doch sein Name

lebt weiter – in einem der weltweit erfolgreichsten

Konzerne überhaupt: Las Vegas

Sands betreibt noch immer Luxushotels

und Casinos, inzwischen außer in den

USA auch in boomenden asiatischen Spieler-Hochburgen

wie Singapur und Macau,

setzte 2013 13,8 Milliarden Dollar um,

sechs Mal so viel wie noch 2006.

„Die Bank gewinnt immer“ – das weiß jeder

Spieler, und mit den Spielbanken in

den Casinos von Las Vegas Sands verdienen

kräftig deren Aktionäre: 71,4 Prozent

an Kursgewinnen und Dividenden allein in

den vergangenen fünf Jahren – pro Jahr.

Kaum ein Roulettespieler dürfte eine ähnliche

Strähne vorweisen.

EXKLUSIVES RANKING

Damit schaffte es das solide Glücksspiel-

Papier in die Spitzengruppe der besten Aktien

weltweit. 35 000 Unternehmen umfasst

der Index MSCI All Country World Investable.

Seit 16 Jahren ermittelt ein internationales

Team der Boston Consulting

Group (BCG) daraus die jeweils zehn besten

Unternehmen der Welt in jeder Branche

– gemessen am Ertrag für Aktionäre.

Das Ergebnis des in dieser Woche weltweit

veröffentlichten Reports stellt die

WirtschaftsWoche vorab auf den folgenden

Seiten vor. Wir erklären, wie die Ranglisten

zustande kommen, welche Informationen

Anleger, die auf fundamental solide Aktien

Wert legen, aus ihnen ziehen können und

was die Daten über die aktuelle Lage an der

Börse aussagen. Auf Basis der BCG-Analysen

stellen wir zwölf besonders interessante

Papiere vor (siehe Tabelle Seite 79).

Die BCG-Analysten interessiert nicht

nur, welche Papiere Anlegern am meisten

einbrachten; um Rückschlüsse auf das weitere

Potenzial der Aktien ziehen zu können,

wollen sie vor allem wissen, welche

Faktoren für den Börsenerfolg von Aktiengesellschaften

verantwortlich sind.

„Es gibt Erfolgsfaktoren an der Börse, die

für alle Branchen, Regionen und Geschäftsmodelle

gelten“, sagt Frank Plaschke,

BCG-Partner in München und einer der

Autoren der Studie. Um sie herauszufiltern,

zerlegen die Berater den Börsenerfolg

»

FOTO: LOOK-FOTO

72 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Lockende Glitzerwelt

Las Vegas machte in den

Siebzigern magere Zeiten

durch, ist heute wieder

eine Gewinn-Maschine

73

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Geld&Börse

Die Sieger nach Branchen I

Welche Unternehmen global am meisten Wert für ihre Aktionäre schaffen

Rang

1

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1

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7

l 8

9

10

Unternehmen/Land

Automobil

Great Wall Motor/China

Brilliance China/Hongkong

Chongqing Changan/China

Fuji Heavy Industries/Japan

Tata Motors/Indien

Bajaj Auto/Indien

Hino Motor/Japan

Kia Motors/Korea

Astra International/Indonesien

Mahindra & Mahindra/Indien

Bau und Infrastruktur

Arteris/Brasilien

Pinfra/Mexiko

Chicago Bridge & Iron/Niederl.

Graña y Montero/Peru

NCC/Schweden

China Camc Engineer./China

Petrofac/GB

Technip/Frankreich

Obrascon Huarte/Spanien

Ideal/Mexiko

Chemie

Hexpol/Schweden

W.R. Grace & Co./USA

Synthos/Polen

PolyOne/USA

Ashland/USA

Huntsman/USA

Westlake/USA

Arkema/Frankreich

Rockwood/USA

Eastman Chemical/USA

Gesundheit

Ship Healthcare/Japan

Air Methods/USA

Tenet Healthcare/USA

Odontoprev/Brasilien

KPJ Healthcare/Malaysia

Health Management/USA

Bangkok Dusit Medi./Thailand

Ryman Healthcare/Neuseeld.

WellCare Health/USA

Cigna Corporation/USA

jährlicher

Gesamtertrag

2009 bis

2013 1

109

95

73

68

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29

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49

49

49

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39

47

keine Zuordnung möglich, da in einem Jahr Verluste anfielen

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keine Zuordnung möglich, da in einem Jahr Verluste anfielen

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18

keine Zuordnung möglich, da in einem Jahr Verluste anfielen

11

l Aktie zählt zu den WirtschaftsWoche-Empfehlungen; 1 Gesamtertrag für Aktionäre aus Kursgewinn und Dividenden,

in Prozent pro Jahr; 2 davon stammen aus: Umsatzwachstum, Gewinnmargenplus, Schuldenabbau, Verringerung der

Aktienzahl, Dividenden und höherer Börsenbewertung, in Prozentpunkten; 3 in Prozent, seit 1.1.2014; 4 = übernommen

von Community Health Systems; Quelle: Boston Consulting

26

7

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–2

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...Umsatzwachstum

...Gewinnmargensteigerung

davon stammen aus... 2

...Schul-

...Änderundenabbau

Anzahl

der

Aktien

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0

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...Dividenden

5

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–70

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34

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28

–13

–1

...höherer

Börsenbewertung

bisheriger

Ertrag

2014 3

–29

15

0

–6

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6

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36

–13

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14

–2

–13

Über. 4

43

7

7

5

»

der Besten in Einzelteile. Sechs Werttreiber

kristallisieren sich dabei heraus:

n Umsatzwachstum

n Ausweitung der Gewinnmarge

(Anteil des Gewinns am Umsatz)

n Schuldenabbau

n Veränderung der Aktienanzahl

n Veränderung der Börsenbewertung

n Dividende

Dahinter steht eine fundamentale Aktienphilosophie,

so wie sie Star-Investor

Warren Buffett beherzigt: Verdoppelt sich –

bei sonst gleichen Bedingungen – der Umsatz

eines Unternehmens, müsste es an der

Börse auch doppelt so viel kosten; dasselbe

gilt bei einer Verdoppelung der Gewinnmarge.

In der Praxis aber hinken Aktien

zeitweise ihrem fundamentalen Wert hinterher

– oder sie enteilen ihm.

NACHHALTIG ERFOLGREICH

Die Daten des BCG-Rankings lassen erkennen,

wie nachhaltig der Börsenerfolg einer

Aktie ist und wie wahrscheinlich daher die

Fortsetzung ihres Höhenflugs. Nicht alle

Wertreiber sind gleich stabil. Als nachhaltigster

Treiber für die Aktienkurse hat sich

Umsatzwachstum erwiesen: Es zeugt bei

Unternehmen, die Gewinn machen, zuallererst

von einem funktionierenden Geschäftsmodell.

Umsatzwachstum ist theoretisch

endlos fortsetzbar, es lässt sich oft in

Gewinn, Cash-Flow oder Dividenden

transformieren; das gilt umgekehrt nicht

für die anderen Werttreiber wie Schuldenabbau,

Verringerung der Aktienzahl oder

Steigern der Gewinnmarge, die per Definition

endlich sind. Viel Wertsteigerung aus

der Gewinnmarge kann darauf hindeuten,

dass dieser Faktor schon ausgereizt ist, weil

das Unternehmen Zulieferpreise und Löhne

drückt oder mit Investitionen geizt.

Ein unsicherer Kantonist ist der Faktor

„Ausweitung der Börsenbewertung“ (in

den Tabellen fett markiert): Steigt er über

Jahre schneller an als die anderen Werttreiber,

so bedeutet das, dass die Aktie in eine

Bewertungsblase hineinzuwachsen droht.

„Anleger bezahlen bei diesen Unternehmen

für den gleichen Gewinn und Umsatz

an der Börse nun mehr, in der Hoffnung

auf eine glänzende Zukunft“, erklärt Partner

Plaschke. Mit anderen Worten: Sie akzeptierten

ein immer höheres Kurs-Gewinn-Verhältnis

(KGV) und Kurs-Umsatz-

Verhältnis (KUV).

Langfristig, das zeigen die BCG-Studien,

gibt es dann nur zwei Möglichkeiten: Entweder

das Unternehmen wächst in die hohe

Erwartungshaltung der Anleger hinein,

74 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: WAZ FOTOPOOL/RALF ROTTMANN

liefert also mehr Umsatz und Gewinn, oder

es kommt zu Kursrückschlägen.

Ein Beispiel aus dem Dax verdeutlicht den

Unterschied. Infineon bringt eine jährliche

Rendite von 59 Prozent (siehe Tabelle Seite

80). Davon stammen sechs Prozentpunkte

aus einer besseren Gewinnmarge, sieben

aus Dividenden, 23 Punkte aus Schuldenabbau.

Sieben Punkte machte die Ausgabe

neuer Aktien im Gegenzug zunichte; zwei

Punkte pro anno kosteten die schwindenden

Umsätze. Den Löwenanteil brachte die

höhere Bewertung an der Börse: Im Schnitt

zahlten Anleger jedes Jahr 32 Prozentpunkte

mehr für Infineons Umsatz und Gewinn.

Macht in Summe 32 + 7 + 6 + 23 – 2 – 7 = 59 –

durch Rundung können in Tabellen im Einzelfall

Abweichungen entstehen.

Bei BMW (34 Prozent Gesamtertrag pro

Jahr) stammt nur ein Prozentpunkt aus der

höheren Bewertung, 19 Punkte trug die

bessere Gewinnmarge bei und acht das

Umsatzwachstum. Laut BCG-Methodik

sind bei BMW die Kursgewinne also gut

durch fundamentale Treiber wie Gewinnwachstum

unterfüttert, während Anleger

bei Infineon bereits von einer steigenden

Bewertung an der Börse profitierten.

12 VON 15 MIT GEWINN

Auch die BCG-Analysen können keine Aktien

mit Renditegarantie zutage fördern;

aber das Risiko von Enttäuschungen wird

minimiert. So konnten von den in WirtschaftsWoche

38/2012 auf Basis der BCG-

Analysen empfohlenen 15 Papieren 12 zulegen;

einige haben sich verdoppelt, etwa

Shire Pharma oder der US-Schuhhersteller

Deckers Outdoor, nur drei enttäuschten.

Ähnlich gut die Bilanz der vor drei Jahren

empfohlenen Werte wie Apple (inklusive

Dividenden 26 Prozent im Plus), Anheuser-Busch

InBev (19), Great Wall China

(34) oder Novo Nordisk (27 Prozent seit

Empfehlung).

Was bei einzelnen Aktien funktioniert,

gilt erst recht für die Börse als Ganzes. So

bekamen Anleger aus den BCG-Reports oft

früh Hinweise auf Wendepunkte an den

Börsen. 2013 warnte BCG: „Gefahr droht

aus den Schwellenländern (...) Inzwischen

sind viele Schwellenländeraktien deutlich

höher bewertet als ihre Branchen-Pendants

aus westlichen Industrienationen“

(WirtschaftsWoche 37/2013).

Die Schwellenländerbörsen haben danach

stark korrigiert. In der Frühphase des

New-Economy-Crashs 2000 warnten die

BCG-Analysten vor einer „durch die Bank

(zu) hohen Erwartungshaltung weltweit“.

Wetterfest Rückversicherer wie Hannover Rück mit stabilen Gewinnen trotz Stürmen

Der Kurs der

Hannover Rück

verkraftet auch

Katastrophen

2004 hingegen konstatierten sie zu Recht,

viele Aktien seien attraktiv bewertet. In den

letzten zwei Jahren sind die Bewertungen

wieder über ihren langjährigen Mittelwert

gestiegen, wenn auch noch weit von ihren

Hochs entfernt (siehe Grafik Seite 72).

Haupttreiber der Hausse ist das billige

Geld der Notenbanken seit Herbst 2008.

„Dieses Geld ist vor allem in den USA bereitgestellt

worden, von dort aber auch an

die Börsen der Schwellenländer und zuletzt

vermehrt nach Europa geflossen“, sagt

BCG-Partner Hady Farag. Sehr viele Aktien

haben deshalb gefährlich hohe Bewertungen

erreicht. Bei Autozulieferern oder in

der Medizintechnik findet sich keine Aktie

mehr in den Bestenlisten, deren Wert dank

Umsatz- und Gewinnwachstum stärker

stieg als durch ein höheres KGV.

Doch es gibt sie noch: Aktien von Unternehmen

mit überlegenem Geschäftsmodell,

die vor allem dank Gewinn- und Umsatzwachstum

gestiegen sind, denen Anleger

aber noch keine aufgeblasene Bewertung

zubilligen. Und Papiere, die der Börse

in den vergangenen Jahren hinterherhinkten

und nun zur Aufholjagd ansetzen; oft

sind es Papiere aus eher schwierigen Branchen

wie Medien oder Rohstoffe, die sich

nur für risikobewusste Anleger eignen.

Die WirtschaftsWoche hat auf Basis der

BCG-Analysen die zwölf attraktivsten Aktien

ausgewählt.

BAIDU

Internet/China

Wie Google als Suchmaschine groß geworden

(Baidu hat in China 71 Prozent Marktanteil

bei der Web-Suche), baut sich Baidu

ein ganzes Ökosystem an Produkten und

Diensten um die Web-Suche herum: Kunden

haben Zugang zu sozialen Netzwerken,

Routenplanern, Musik, Videos, Spielen

und dezentralen Speicherdiensten

(Cloud). Baidu will so sicherstellen, dass

seine Seite erster Anlaufpunkt für chinesische

Internet-Nutzer bleibt – im Rest der

Welt liefern sich Google und Facebook ein

Rennen um dieses Privileg. Dazu bedarf es

interessanter Inhalte und einer auf das mobile

Internet übertragbaren Technik. Beides

hat Baidu. Ende 2013 stammten 20 Prozent

der Umsätze aus den neuen Diensten,

ihr Umsatzanteil wächst schnell.

Dabei hilft der Trend zum rein internetbasierten

Vertrieb von Musik und Film (via

Stream). Marktforscher rechnen mit immensem

Wachstum sowohl für Musik- als

auch für Bild-Streaming in China; 2017 soll

der Markt rund sieben bis acht Milliarden

Dollar groß sein, doppelt so groß wie Ende

2014. Baidu könnte sich hier den Löwenanteil

sichern.

Weiteres Plus ist die starke Position im

mobilen Web: auf fast jedem chinesischen

Smartphone ist die Baidu-App installiert.

Stationäre PCs werden langfristig kaum

noch eine Rolle spielen, und das Inter-

»

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 75

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Geld&Börse

Die Sieger nach Branchen II

Welche Unternehmen global am meisten Wert für ihre Aktionäre schaffen

Rang

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

1

2

3

l 4

5

6

7

8

l 9

10

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Unternehmen/Land

Handel

Magnit/Russland

Whole Foods/USA

Netflix/USA

Ulta Salon/USA

Tractor Supply/USA

Starbucks/USA

Chipotle Mexican Grill/USA

CP ALL/Thailand

Amazon/USA

CarMax/USA

Kurzlebige Konsumgüter, Nahrungs- und Genussmittel

Inner Mongolia Yili/China

Green Mountain Coffee/USA

Estée Lauder/USA

AB-InBev/USA, Brasilien

Arca Continental/Mexiko

Constellation Brands/USA

Tsingtao Brewery/China

ITC/Indien

Hengan International/China

Kerry Group/Irland

Langlebige Konsumgüter

GungHo Online Entert./Japan

Haier Electronics/Hongkong

Techtronic/Hongkong

BesTV New Media/China

Brunswick/USA

Arcelik/Türkei

Middleby/USA

BSH Ev Aletleri/Türkei

Jarden/USA

Tempur/USA

Maschinenbau

B/E Aerospace/USA

Weir/GB

Travis Perkins/GB

Trandigm/USA

IMI/GB

Safran/Frankreich

Cummins/USA

Zodiac Aerospace/Frankreich

Weichai Power/China

Kone/Finnland

jährlicher

Gesamtertrag

2009 bis

2013 1

72

66

65

64

55

54

54

51

51

43

58

54

39

38

36

35

33

33

32

32

138

85

72

65

62

57

54

54

52

50

62

50

49

48

46

43

42

41

40

39

28

10

26

20

11

l Aktie zählt zu den WirtschaftsWoche-Empfehlungen; 1 Gesamtertrag für Aktionäre aus Kursgewinn und Dividenden,

in Prozent pro Jahr; 2 davon stammen aus: Umsatzwachstum, Gewinnmargenplus, Schuldenabbau, Verringerung der

Aktienzahl, Dividenden und höherer Börsenbewertung, in Prozentpunkten; 3 in Prozent, seit 1.1.2014;

Quelle: Boston Consulting

8

19

17

31

13

keine Zuordnung möglich, da in einem Jahr Verluste anfielen

55

8

14

25

6

16

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22

4

71

44

4

keine Zuordnung möglich, da in einem Jahr Verluste anfielen

–4

10

17

12

6

22

11

13

10

23

3

7

4

14

14

9

10

8

–14

15

14

11

9

8

–1

32

22

12

5

–3

8

–1

3

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3

45

18

8

14

2

0

–6

0

–6

2

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–1

7

7

7

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–3

5

0

3

–1

–12

–2

–7

3

3

16

0

8

2

0

0

6

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–3

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25

28

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8

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3

14

2

28

1

6

6

4

6

2

2

...Umsatzwachstum

...Gewinnmargensteigerung

davon stammen aus... 2

...Schuldenabbau

...Änderung

Anzahl

der Aktien

–3

–5

0

–2

1

0

1

0

–1

0

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0

0

–13

3

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–1

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0

0

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0

–13

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1

–1

1

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0

0

...Dividenden

1

1

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1

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28

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26

34

24

5

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1

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5

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33

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27

37

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25

20

23

13

21

21

...höherer

Börsenbewertung

bisheriger

Ertrag

2014 3

–9

–32

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–4

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0

13

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6

–17

63

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8

26

–10

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8

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–11

10

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9

2

n/a

–4

9

6

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–15

4

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–6

12

–3

21

–3

»

net wird überwiegend mit mobilen Geräten

wie Smartphone und Tablet genutzt

werden. Eine künftige mobile Einnahmequelle

könnten Bezahl-Dienste sein, in die

Baidu stark investiert. Von 2006 bis 2013

legte der Umsatz von umgerechnet 84 Millionen

Euro auf 3,91 Milliarden zu, für 2014

rechnen Analysten mit 4,33 Milliarden. Der

Gewinn pro Aktie stieg seit 2006 von 0,09

Euro auf 3,67 Euro. Börsenstar George Soros

und Hedgefonds sind investiert.

LAS VEGAS SANDS

Touristik/USA

Die Gruppe baut und betreibt Luxushotels

und Spielcasinos. Neben den USA ist Las

Vegas Sands in Singapur und in der südchinesischen

Spieler-Hochburg Macau präsent.

Das Geschäft zeichnet sich besonders

durch stabile Cash-Flows und Gewinnmargen

aus. Von 2009 bis 2013 stieg der Umsatz

um 381 Prozent auf 13,8 Milliarden Dollar,

der Gewinn je Aktie sogar noch schneller:

von 0,07 auf fast drei Dollar.

Auf fast jedem

Smartphone in

China läuft

die Baidu-App

Wer hat, der kann geben: Binnen zwei

Jahren hat Las Vegas Sands mehr als 5,5

Milliarden Dollar über Aktienrückkäufe

und Dividenden an die Anleger ausbezahlt.

Ein neues Rückkaufprogramm über

zwei Milliarden ist abgesegnet, und die Dividende

(Rendite: knapp drei Prozent)

dürfte eher üppiger fließen. Einen Schub

könnte Japan bringen, wo die Regierung

die Legalisierung von Casinos prüft – klar:

In Casinos gewinnen einige wenige Spieler

viel Geld, die Bank gewinnt immer, und der

Staat gewinnt über Steuern mit.

HANNOVER RÜCK

Versicherung/Deutschland

An der Börse hagelt es für Rückversicherer

nach Naturkatastrophen regelmäßig Kursverluste,

weil Anleger glauben, auf diese

kämen dadurch immense Kosten zu. Das

76 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: DDP IMAGES/XINHUA/SIPA USA

stimmt zwar – kurzfristig. Aber langfristig

können die Rückversicherer, etwa wegen

der Häufung von Naturkatastrophen, höhere

Prämien durchsetzen – die Erstversicherer

wissen, dass sie wegen dichterer Besiedlung

und Klimawandel mit immer

mehr Schäden rechnen müssen.

Für die Rückversicherer ist das ein lukratives

Geschäft, denn Prämien fließen auch,

wenn es nicht kracht. In den letzten fünf

Jahren stiegen die gebuchten Prämien um

11,4 Prozent. Der weltweit drittgrößte

Rückversicherer (50,2 Prozent gehören

Erstversicherer Talanx) schrieb 2013 einen

Netto-Rekordgewinn von 895 Millionen

Euro, 37 Millionen Euro mehr als 2012,

trotz des Jahrhunderthochwassers in Bayern.

Als verlässlicher Dividendenzahler

(Rendite: 5,0 Prozent) landet das Papier oft

bei Versicherungen und Pensionsfonds.

Sollten diese weiter aus Anleihen in Aktien

umschichten, kann auch das die Aktie

weiter treiben. Langfristig Schub bringen

die Schwellenländer: Mit wachsendem

Wohlstand haben die Menschen dort höhere

Werte (Häuser, Auto), die sie schützen

wollen, und oft auch erstmals das nötige

Geld, um Versicherungen abzuschließen.

RYMAN HEALTHCARE

Pflege/Neuseeland

Exklusive Seniorenheime und betreutes

Wohnen sind lukrativ. Ryman baut Heime

als komplette Dörfer – mit Kiosk, Kino,

Pool, Geschäften und Arztpraxen wirken

sie mehr wie Ferienanlagen denn wie Altenheime

und sind bei betuchten Senioren

beliebt. Eine weitblickende Geschäftsidee,

die die Gründer bereits vor 30 Jahren hatten.

Die Zahl der über 75-Jährigen in Neuseeland

wird in den kommenden 25 Jahren

vier Mal so schnell wachsen wie bisher.

Ryman betreibt 26 Senioren-Dörfer in

Neuseeland mit insgesamt knapp 7000

Plätzen; sechs weitere Grundstücke sind

gekauft und werden erschlossen. Australien

soll zusätzlich Schub bringen: Ryman

betreibt ein erstes Dorf im Staat Victoria,

wo der Anteil der relativ wohlhabenden älteren

Bevölkerung höher ist als andernorts

im Land. Ryman ist solide finanziert und

zahlt jedes neue Dorf voll ab, statt die Hypotheken,

wie viele Wettbewerber, ständig

zu verlängern. Der Gewinn wächst seit

2001 ununterbrochen jedes Jahr um fünf

Prozent oder mehr. Dies gelang in zehn

Jahren nur fünf der 2350 größten AGs weltweit.

Aktionäre profitieren, die Dividende

stieg seit 2002 von einem auf zwölf Cent.

Bunte Auswahl Chinas Suchmaschine Baidu bietet fast alle nur denkbaren Web-Dienste an

SEADRILL

Öl/Großbritanien, Bermudas

Im Auftrag von Ölmultis bohrt Seadrill auf

See nach Öl, unter anderem vor den Küsten

Norwegens, Angolas, Brasiliens und Indonesiens.

Das Unternehmen wurde 2005

vom norwegischen Reederei-Tycoon John

Fredriksen gegründet und noch im selben

Jahr an die Börse gebracht. Geführt wird

Seadrill inzwischen von London aus; der

Firmensitz ist auf den Bermudas. Seadrill

zahlt – wie viele norwegische Ölbohrer – einen

großen Teil der freien Cash-Flows an

seine Aktionäre aus. Die Dividende pro

Quartal stieg seit 2010 von 68 Cent auf einen

Dollar je Aktie, sie trug laut BCG-Analyse

üppige zehn Prozentpunkte zum jährlichen

Gesamtertrag der Aktie (50 Prozent)

bei. Nachdem der Ölpreis wegen der neu-

Die Besten aus dem Dax

en Schiefergasförderung in den USA kaum

noch stieg, könnte er wieder anziehen, getrieben

durch politische Krisen und wieder

erstarkender Nachfrage Chinas. Das wäre

gut für Seadrill, die dann stärker ausgelastet

wären und höhere Preise durchsetzen

können. Risiko: Tiefseebohren ist technisches

Neuland; Unfälle wie im Golf von

Mexiko 2010 könnten der Aktie schaden.

TECK

Rohstoffe/Kanada

Was die Kurse der erfolgreichsten deutschen Standardwerte treibt

Rang

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Aktie

Infineon

Continental

Volkswagen

BMW

Henkel

Lanxess

Adidas

BASF

Fresenius

Deutsche Post

Gesamtertrag

2009 bis

2013 1

59

43

44

34

32

31

30

28

27

24

–2

7

11

8

3

5

6

3

11

0

Rohstoffwerte haben an der Börse nach

dem jahrelangen Boom zuletzt schwer gelitten.

Fallende Preise für so gut wie alle

Rohstoffe haben selbst Schwergewichte

wie Xstrata oder BHP Billiton in Mitleidenschaft

gezogen. Die kanadische Teck bildete

keine Ausnahme. Vor allem der Preis-

vom Gesamtertrag stammen aus... 2

6

5

6

19

6

–4

–3

–4

0

–4

1 Gesamtertrag für Aktionäre aus Kursgewinn und Dividenden, in Prozent pro Jahr; 2 davon stammen aus: Umsatzwachstum,

Gewinnmargenplus, Schuldenabbau, Verringerung d. Aktienzahl, Dividenden und höherer Börsenbewertung, in

Prozentpunkten; 3 in Prozent, seit 1.1.2014; Chance/Risiko: 1 = sehr niedrig, 10 = sehr hoch; Quelle: Boston Consulting

23

22

7

3

8

4

8

5

11

7

...Änderung

Anzahl der

Aktien

–7

–3

–3

0

0

0

–2

0

–2

0

...Umsatzwachstum

...Gewinnmargensteigerung

...Schuldenabbau

...Dividenden

7

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2

2

2

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6

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10

19

1

13

24

19

19

5

15

...höherer

Börsenbewertung

bisheriger

Ertrag

2014 3

18

7

–4

12

2

2

–19

14

–3

1

Chance/

Risiko

7/7

6/7

6/6

6/5

5/5

6/7

6/7

6/6

5/5

5/5

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WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 77

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

Die Sieger nach Branchen III

Welche Unternehmen global am meisten Wert für ihre Aktionäre schaffen

Rang

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1

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1

2

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6

7

8

9

10

Unternehmen/Land

Medien

Sirius XM Radio/USA

ProSiebenSat.1/Deutschland

Rightmove/Großbritannien

Baidu/China

Tencent/China

CBS/USA

Rackspace/USA

Naspers/Südafrika

Schibsted/Norwegen

Dish Network/USA

Öl und Gas

Bashneft/Russland

MarkWest/USA

Pioneer Natural Resources/USA

Novatek/Russland

Seadrill/Großbrit., Bermudas

Oil & Gas Development/Pakistan

HollyFrontier/USA

Energy Transfer/USA

Kunlun Energy/Hongkong

Williams Partners/USA

Reise und Touristik

Galaxy Entertainment/Hongkong

Avis Budget/USA

SJM/Hongkong

Priceline.com/USA

Las Vegas Sands/USA

Wyndham Worldwide/USA

Melco International/Hongkong

Turkish Airlines/Türkei

Airports of Thailand/Thailand

Expedia/USA

Rohstoffe, Bergbau

KGHM Polska Miedz/Polen

Boliden/Schweden

Grupo México/Mexiko

First Quantum/Kanada

Teck/Kanada

Assore/Südafrika

Fresnillo/Mexiko

Freeport-McMoRan/USA

Inner Mongolia Yitai/China

Fortescue/Australien

jährlicher

Gesamtertrag

2009 bis

2013 1

97

83

76

69

59

53

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45

86

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63

50

50

48

47

47

44

44

131

125

79

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71

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57

57

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davon stammen aus... 2

keine Zuordnung möglich, da in einem Jahr Verluste anfielen

–3

13

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l Aktie zählt zu den WirtschaftsWoche-Empfehlungen; 1 Gesamtertrag für Aktionäre aus Kursgewinn und Dividenden,

in Prozent pro Jahr; 2 davon stammen aus: Umsatzwachstum, Gewinnmargenplus, Schuldenabbau, Verringerung der

Aktienzahl, Dividenden und höherer Börsenbewertung, in Prozentpunkten; 3 in Prozent, seit 1.1.2014;

Quelle: Boston Consulting

2

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2

4

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20

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60

keine Zuordnung möglich, da in einem Jahr Verluste anfielen

6

38

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3

keine Zuordnung möglich, da in einem Jahr Verluste anfielen

25

11

10

13

2

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16

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7

0

–9

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–6

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–3

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–1

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3

1

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0

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–10

12

100

6

1

23

23

4

21

5

–4

13

0

1

31

–2

–1

7

–2

–2

...Umsatzwachstum

...Gewinnmargensteigerung

...Schuldenabbau

...Änderung

Anzahl

der Aktien

0

2

0

–1

2

–3

–1

–10

0

–2

–18

–5

0

–3

0

–13

–5

–11

–35

–1

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–5

6

0

0

2

0

0

0

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–3

–3

–1

–6

12

0

...Dividenden

11

3

0

1

2

0

1

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7

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3

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1

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20

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30

30

61

45

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–3

16

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–6

9

27

27

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14

31

40

5

28

11

20

0

–32

...höherer

Börsenbewertung

bisheriger

Ertrag

2014 3

–2

–6

–23

4

18

–2

–6

12

–18

9

16

9

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–7

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45

–7

10

131

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79

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71

65

62

57

57

56

4

0

0

16

–15

4

16

–3

–28

–24

»

verfall von metallurgischer Kohle (zur

Stahlerzeugung), die bei Teck 40 Prozent

des Umsatzes ausmacht, hat sich negativ

ausgewirkt. Die Aktie hat sich seit 2011 halbiert.

Dabei konnte Teck die Umsätze relativ

stabil halten (minus zehn Prozent) und

schrieb in keinem Jahr rote Zahlen. Teck ist

zudem kein reiner Kohleförderer wie Console

oder Peabody, sondern auch ein großer

Produzent von Zink und Kupfer.

Teck hat im Vergleich zur Konkurrenz

günstige Produktionskosten, vor allem bei

Zink. Sollten die Rohstoffpreise anziehen,

stiege der Gewinn schneller als bei Wettbewerbern,

die Aktie bietet einen Hebel auf

steigende Metallpreise. Je länger die Niedrigpreisphase

anhält, desto mehr Minen

werden schwächere Konkurrenten außerdem

stilllegen müssen; Teck könnte dadurch

Marktanteile gewinnen.

In WM-Stadien

wurde nur Bier

von AB-InBev

ausgeschenkt

Dass die Metallpreise unten bleiben, ist

unwahrscheinlich. Schließlich dürfte nach

Überwinden der aktuellen Schwäche der

Schwellenländer, die vor allem vom Abfluss

westlichen Kapitals initiiert ist, der

Trend zur Urbanisierung und damit der

Bauboom weitergehen. Die Investmentbank

Macquarie schätzt, dass es 12 bis

18 Monate dauern wird, bis Überkapazitäten

abgebaut sind. So lange sollten interessierte

Anleger aber nicht warten; Turnaround-Aktien

wie Teck drehen in der

Regel vorher.

HENGAN

Hygieneartikel/China

Das chinesische Unternehmen produziert

Windeln, Taschentücher, Damenbinden

und Haushaltspapier. 1985 gegründet, traf

Hengan auf einen fast unbearbeiteten

Markt in dem Riesenreich, das sich gerade

auf dem Sprung in eine neue Entwicklungsstufe

befand. Diesen Vorsprung nutzte

Hengan und installierte sich als Marktführer

für eine neue Nachfrage-Kategorie.

78 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: AFP/GETTY IMAGES/MARTIN BUREAU

Größter Trumpf der Chinesen ist ihre für

die Branche rekordhohe Gewinnmarge

von 44 Cent Bruttogewinn pro Dollar Umsatz.

Hengan verlagert konsequent Teile

der Produktion in den Westen, wo die Löhne

deutlich niedriger sind als an der Küste.

Das Warenportfolio steht ständig auf dem

Prüfstand; Produkte, deren Gewinnchancen

sich nachhaltig eintrüben, werden gestrichen.

Der Umsatz stieg in acht Jahren

von umgerechnet 422 Millionen Euro auf

2,06 Milliarden (2013). Ein Fünftel des Börsenwerts

von umgerechnet 9,6 Milliarden

Euro ist durch Cash abgedeckt.

Risiko: Steigende Löhne und Rohstoffpreise

könnten die Rekord-Margen gefährden.

Die Aktie lief, wie fast alle in China, zuletzt

schlecht. Für geduldige Investoren

schafft das eine Einstiegsgelegenheit: Mit

wachsender Mittelschicht und zunehmender

Verstädterung wird Chinas Bevölkerung

mehr Hygieneartikel nachfragen.

CATAMARAN

Gesundheit/USA

Das Geschäftsmodell ist erklärungsbedürftig:

Catamaran ist ein Pharmacy Benefit

Manager (PBM). Diese Gesundheitsdienstleister

fungieren in den USA, wo es noch

immer keine Krankenkasse für alle gibt, als

Bindeglied zwischen Patienten, Ärzten,

Apotheken und Pharmaindustrie. Für Unternehmen

bündeln sie die Nachfrage

nach verschreibungspflichtigen Medikamenten

durch deren Mitarbeiter und handeln

Preisvorteile aus. Mehr als 210 Millionen

Amerikaner sind PBM-Kunden.

Catamaran kümmert sich auch um die

Abrechnung von Rezepten und um Logistik

für Medikamente und hat dafür Software

kreiert; die IT-Plattform der Chicagoer

gilt als die technisch beste im Markt.

Laut US-Magazin „Forbes“ ist Catamaran

eines der am schnellsten wachsenden US-

Unternehmen und mit 15 Milliarden Dollar

Umsatz der viertgrößte PBM der USA.

Die Aktie geriet zuletzt ins Hintertreffen.

Grund waren Bedenken, Catamaran könne

das Wachstumstempo der letzten Jahre

nicht halten, weil die Republikaner Präsident

Obamas Gesundheitsreform torpedieren,

von der Catamaran profitiert. Die

Nachfrage nach Medikamenten aber steigt

in einer alternden Gesellschaft auch unabhängig

von der Gesundheitspolitik. Catamaran

kann zudem seit Jahren Marktanteile

gewinnen. In den vergangenen fünf Jahren

stieg der Umsatz um 154 Prozent. Für

2014 hat das Management stolze 20 bis 21

Ergebnisse nicht schöntrinken Noch ist dieser Fußballfan und AB-InBev-Kunde guter Dinge

Milliarden Umsatz und bis zu 2,19 Dollar

Gewinn je Aktie (2013: 2,00 Dollar) versprochen.

Das Unternehmen ist solide finanziert

(Eigenkapitalquote: 64 Prozent).

GANNETT

Medien/USA

Auch schwierige Branchen können erfolgreiche

Aktien hervorbringen. Die von Gannett

ist zwar in den BCG-Rankings in der

Medienbranche bisher nur auf Platz 19 –

kommt aber mit Tempo von ganz unten.

Verlage ächzen unter dem digitalen Wan- »

Solide Aktien für Langfristanleger und riskantere für Mutige

Welche Unternehmen mit überlegenem Geschäftsmodell (oben) und welche

Nachzügler (unten) derzeit besonders attraktiv sind

Sechs Aktien mit Gewinner-Qualitäten...

Unternehmen/Branche/Land

AB-InBev /Getränke/USA, Brasilien

Baidu/Internet/China

Hannover Re/Rückvers./Deutschld. DE0008402215

Las Vegas Sands/Casinos/USA

Ryman Health/Pflege/Neuseeland

Seadrill/Öl/Großbritannien

...und sechs Kandidaten mit Aufholpotenzial

Unternehmen/Branche/Land

Catamaran/Gesundheits-IT/USA

Gannett/Medien/USA

Hengan/Hygieneartikel/China

Tata Motors/Automobil/Indien

Teck/Metalle/Kohle/Kanada

Williams Partners/Öl/USA

ISIN

US03524A1088

US0567521085

US5178341070

NZRYME0001S4

BMG7945E1057

ISIN

CA1488871023

US3647301015

KYG4402L1510

US8765685024

CA8787423034

US96950F1049

1 in Euro, Stand 19.07.2014; 2 in Milliarden Euro, 2014, geschätzt; 3 Umsatzwachstum 2009 bis 2013 in Prozent; 4 Wachstum

des Gewinns (Ebit) 2009 bis 2013, in Prozent; 5 Umsatzwachstum 2003 bis 2013, in Prozent; 6 Kurs-Gewinn-Verhältnis,

2014, geschätzt; Chance/Risiko: 1 = sehr niedrig, 10 = sehr hoch; Quelle: Bloomberg, eigene Recherchen

Kurs 1

83,99

132,40

64,46

54,67

5,53

27,86

Kurs 1

31,56

23,22

7,77

29,42

18,69

39,09

del. Anzeigenerlöse mit Papierprodukten

gehen zurück. Auch Gannett sah seine

Umsätze von 2000 bis 2008 um 36 Prozent

schwinden; die Gannett-Manager wurden

getrieben vom Internet, das nach schneller

(und meist kostenloser) Veröffentlichung

der Artikel verlangte, aber selbst noch

nicht genügend Werbe-Umsatz beisteuerte,

um wenigstens die Kosten zu decken.

2012 riss das Management das Ruder herum:

Alle Gannett-Zeitungen zogen eine

Paywall auf ihren Internet-Präsenzen ein;

heißt: umsonst liest im Netz niemand

mehr. Das kostete Reichweite, stabili-

Börsenwert

2

81,2

46,7

7,8

44,0

2,7

13,8

Börsenwert

2

6,5

5,2

9,6

16,7

10,1

17,2

Umsatz 2

12,8

4,3

13,4

10,8

0,2

3,9

Umsatz 2

15,1

4,0

2,1

28,8

6,5

5,0

Wachstum

5 Jahre 3

81

353

31

381

202

69

Wachstum

10 Jahre 5

46 400

– 34

753

991

223

15 050

Gewinnwachstum

4

98

716

23

151

121

KGV 6

9

16,3

11,8

20,5

7,3

16,1

31,0

Chance/

Risiko

6/5

7/6

5/4

7/5

7/5

7/5

Chance/

Risiko

8/6

7/6

8/6

8/7

9/7

7/6

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 79

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Geld&Börse

Die Sieger nach Branchen IV

Welche Unternehmen global am meisten Wert für ihre Aktionäre schaffen

Rang

1

2

3

4

5

6

l 7

8

9

10

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Rang

1

2

3

4

5

l 6

7

8

9

10

Unternehmen/Land

Technologie

GoerTek/China

Seagate/USA

ARM/Großbritannien

HCL Technologies/Indien

Infineon/Deutschland

Tata Consultancy/Indien

Catamaran/USA

Micron Technology/USA

Western Digital/USA

SanDisk/USA

Telekommunikation

Sistema JSFC/Russland

SoftBank/Japan

Liberty Global/GB

SBA Communications/USA

Time Warner Cable/USA

Crown Castle/USA

Advanced Info Ser./Thailand

Etihad Etisalat/Saudi Arab.

Telenor/Norwegen

BT Group/Großbritannien

Versorger

ENN Energy/China

Manila Electric/Philippinen

NiSource/USA

CMS Energy/USA

Perusahaan Gas/Indonesien

Calpine/USA

Tenaga Ntl. Berhad/Malaysia

Sempra Energy/USA

Hong Kong & China Gas/HK

DTE Energy/USA

Versicherungen

Unternehmen/Land

Old Mutual/Großbritannien

Prudential/Großbritannien

Legal & General/Großbritannien

Sampo/Finnland

Prudential Financl./USA

Hannover Rück/Deutschland

PICC/China

Lincoln National/USA

Principal Financial/USA

Standard Life/Großbritannien

jährlicher

Gesamtertrag

2009 bis

2013 1

75

70

68

64

59

58

55

52

50

49

43

43

41

41

40

33

31

31

30

27

50

37

31

26

23

22

21

20

20

19

58

7

19

26

-2

24

70

14

15

davon stammen aus... 2

keine Zuordnung möglich, da in einem Jahr Verluste anfielen

16

20

7

22

5

15

5

18

1

–3

25

9

–9

–1

22

–8

8

–1

17

1

jährlicher

Gesamtertrag

2009 bis

2013 1

31

31

30

29

28

28

27

24

20

20

–3

23

10

5

6

4

–1

15

9

–8

3

2

3

–1

1

1

7

2

13

4

18

11

5

–7

8

0

11

–2

2

–1

8

–1

4

23

–1

–2

23

–11

4

8

21

9

0

10

1

4

7

12

8

12

15

16

5

12

5

3

–2

9

...Änderung

Anzahl

der Aktien

–3

9

–2

–1

–7

0

–14

–6

–1

0

–2

–7

–2

3

–3

0

0

1

–1

–1

0

–3

–3

–1

0

–1

0

0

–2

...Umsatzwachstum

...Gewinnmargensteigerung

...Schuldenabbau

...Dividenden

1

4

2

3

7

3

0

0

1

1

1

0

0

24

0

11

6

4

5

2

4

6

5

4

0

3

4

2

6

...höherer

Börsenbewertung

23

20

40

27

32

29

1

8

37

30

13

18

8

8

10

13

–4

13

2

13

–5

10

5

0

10

6

3

4

4

bisheriger

Ertrag

2014 3

l Aktie zählt zu den WirtschaftsWoche-Empfehlungen; 1 Gesamtertrag für Aktionäre aus Kursgewinn und Dividenden,

in Prozent pro Jahr; 2 davon stammen aus: Umsatzwachstum, Gewinnmargenplus, Schuldenabbau, Verringerung der

Aktienzahl, Dividenden und höherer Börsenbewertung, in Prozentpunkten (Versicherungen: aus Eigenkapitalwachstum

statt Umsatz und Gewinnmarge), 3 in Prozent, seit 1.1.2014; Quelle: Boston Consulting

–1

14

9

18

21

15

24

11

31

4

davon stammen aus... 2

...Änderung

Anzahl

der Aktien

0

0

0

0

–2

0

–4

0

–3

–2

...Wachstum

des Eigenkapitals

...Dividenden

6

5

6

7

3

5

4

1

3

7

26

13

15

4

5

7

2

12

–12

10

–26

3

–19

13

18

7

–7

49

10

47

–5

–18

–3

12

8

2

11

–1

2

0

–1

4

22

17

25

21

8

17

–6

19

...höherer

Börsenbewertung

bisheriger

Ertrag

2014 3

6

0

4

7

–2

8

0

0

3

6

»

sierte aber die Print-Umsätze. Zudem

kaufte Gannett originär digitale Formate,

etwa Amerikas größte Internet-Jobbörse,

und 23 weitere Regional-TV-Sender zu den

eigenen 23 hinzu. Das Lizenzgeschäft mit

Kabel-, Internet- und Satelliten-TV-Sendern

dürfte 2014 zusammen mit TV-Werbung

die Hälfte des operativen Gewinns

(von 1,5 Milliarden Dollar) bringen.

Mit einem geschätzten KGV von 11,8 für

die Gewinne der nächsten zwölf Monate ist

Gannett eine der billigsten US-Aktien. Der

US-Wahlkampf sollte in den kommenden

zwei Jahren üppige Werbeerlöse garantieren.

Gannett steigerte seine liquiden Mittel

seit 2006 um 400 Prozent, zahlt 150 Prozent

mehr Dividende. Die aktionärsfreundliche

Politik will das Management fortsetzen.

TATA MOTORS

Auto/Indien

Zum Konzern (Umsatz 2013: 27 Milliarden

Euro) gehören die Luxusmarken Jaguar

und Landrover – weltweite Verkaufsschlager.

2013 konnten die Briten ihren Gewinn

gegenüber 2012 verdoppeln. In wichtigen

Luxusmärkten wie China gewinnen sie

Marktanteile hinzu. Seit Tata die beiden

Marken 2008 Ford abkaufte, wuchs deren

Umsatz um 40 Prozent pro Jahr, ihr Anteil

an Tatas gesamtem Modellabsatz stieg auf

ein Drittel, 85 Prozent des Umsatzes und

(zuletzt) 100 Prozent des Gewinns.

Weniger gut laufen die Nutzfahrzeuge

und Billig-Pkws, die Tata für den heimischen

Markt produziert. Indiens Wirtschaft

lahmt. Dazu bremst die im Vergleich zu

China noch immer mangelhafte Infrastruktur

auf dem Subkontinent den Autoabsatz.

Besserung ist in Sicht; laut neuesten

Daten könnte Indiens Wirtschaft 2014

um 5,4 bis 5,9 Prozent wachsen. Nach

zweistelligen Raten 2002 bis 2009 war die

Rate zuletzt unter fünf Prozent gefallen.

Die Aktie ist wegen der Anlegerflucht aus

den Schwellenländern günstig. Der Umsatz

hat sich seit 2006 verfünffacht, an der

Börse wurde Tata zuletzt aber immer geringer

geschätzt: Laut BCG verloren Aktionäre

wegen der schwindenden Bewertung in

den letzten fünf Jahren jährlich 70 Prozentpunkte

der Gesamtrendite. Unter dem

Strich stand aber immer noch eine Rendite

von 66 Prozent plus pro Jahr – Umsatzwachstum,

Gewinnmarge und Schuldenabbau

konnten den Bewertungsrückgang

überkompensieren. Tata dürfte weiter

wachsen. Es plant einen günstigen „Mini-

Jaguar“ für den Massen-Premium-Markt,

80 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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der von Audi, BMW und Daimler dominiert

wird, und ab 2016 ein neues Werk in

China, das die Produktions- und Lieferkosten

für den wichtigen Markt senken wird.

WILLIAMS PARTNERS

Öl und Gas/USA

Teck profitiert

massiv bei

anziehenden

Metallpreisen

Neben Öl befördert Williams in seinem

Pipelinenetz in den USA und Kanada zunehmend

Erdgas, das dank des Schiefergasbooms

in großen Mengen gefördert

wird. Als Master Limit Partnership (MLP)

profitiert Williams Partners vom US-Steuerrecht,

es muss auf Unternehmensebene

keine Steuern zahlen. Damit will der US-

Gesetzgeber Investitionen in das kapitalintensive

Geschäft erleichtern. Um sich als

MLP zu qualifizieren, muss ein Unternehmen

90 Prozent seiner Einnahmen aus

dem für förderungswürdig erachteten Geschäft

erzielen. Die Muttergesellschaft von

Williams Partners, Williams, gliederte 2005

ihr Pipelinenetz als MLP aus. Aktionäre

profitieren so von einer üppigen Dividende

(Rendite aktuell: 6,8 Prozent); in den vergangenen

Jahren hat Williams immer einen

Großteil seiner freien Cash-Flows ausgeschüttet.

Wenn der Schiefergas- und -ölboom

in Nordamerika anhält, wird auch

weiterhin viel Energie durch Williams’

Pipelines und damit Cash-Flow fließen,

der in Dividenden umgemünzt wird.

ANHEUSER BUSCH - INBEV

Getränke/Brasilien, USA

400 Millionen Hektoliter Bierabsatz pro

Jahr, 200 Marken, 43 Milliarden Dollar Umsatz

und ein globaler Marktanteil von 20

Prozent machen AB-InBev zum zweitgrößten

Getränkekonzern nach Coca-Cola. Bei

der Fußball-WM durfte nur AB-InBev in

Stadien Bier ausschenken – der Konzern ist

in Brasilien mit der Marke Brahma Marktführer.

Zum Portfolio gehören 200 Marken,

etwa Budweiser (USA), Corona, Becks,

Franziskaner und Löwenbräu. Hauptmarkt

sind nach wie vor die USA, doch in den

Schwellenländern wächst AB-InBev stark,

in China etwa stieg der Umsatz zuletzt um

rund zehn und der Rohgewinn (Ebitda)

um 20 bis 30 Prozent pro Jahr.

In der Branche ist AB-InBev für Marketinggeschick

bekannt. „Think globally, act

locally“ ist mehr als eine Phrase: Kaum ein

global agierender Konzern beherrscht das

Bedienen lokaler Vorlieben von Russland

über China bis Kolumbien besser.

Bei Mitarbeitern gefürchtet ist die Kostendisziplin:

Seit 2009 hat der Konzern den

freien Cash-Flow von 10,3 auf 13,9 Milliarden

Dollar pro Jahr gesteigert. Nach einer

zwischenzeitlichen Kürzung 2008 (um

Schulden schneller zu tilgen) stieg die Dividende

pro Aktie seit 2009 von 0,38 Euro auf

2,05 Euro, die Ausschüttungsquote (Dividende

vom Nettogewinn) von 21 auf 58

Prozent, die Rendite liegt bei 4,4 Prozent. n

stefan.hajek@wiwo.de

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Geld&Börse

Rache ist süß

SCHWARZGELD | Viele Schweizer Banken haben illegale Provisionen

eingestrichen und darauf gesetzt, dass die Schwarzgeld-Kunden

stillhalten. Doch die haben inzwischen reinen Tisch gemacht – und

nichts mehr zu befürchten. Eine Prozesswelle rollt an.

Dieter Wedel ist ein Freund klarer

Worte. „Die Schweiz ist zu einer

Plattform für Betrüger geworden,

die es darauf abgesehen haben, andere Betrüger

reinzulegen“, sagte der bekannte Regisseur

(„Der große Bellheim“) einmal.

Schweizer Vermögensverwalter hätten ihn

viel Geld gekostet. „Die rechnen einfach

damit, dass Geld, das Deutsche in der

Schweiz anlegen, Schwarzgeld ist und Anleger

sich nicht wehren können.“

Das gilt nicht für jeden Schweizer Banker.

Aber Tatsache ist: Schwarzgeld-Kunden

sind angenehme Kunden. Weil sie hohe

Gebühren zahlen – Hauptsache, ihr

Geld ist sicher vor dem Fiskus. Und weil sie,

wenn sie reingelegt wurden, Schadensersatzklagen

scheuen. Denn wer vor Gericht

zieht, muss raus aus der Anonymität, und

das tut keiner, der etwas zu verbergen hat.

Wedel hat nichts zu verbergen, aber als

er die Schweizer kritisierte (Wirtschafts-

Woche 51/2009), scheuten sich tatsächlich

noch viele Anleger zu klagen.

Doch jetzt hat sich die Lage geändert.

Aus so manchem Hinterzieher ist wieder

ein Bürger mit weißer Weste geworden, der

nicht mehr stillhalten muss: Seit 2008 haben

80 000 Deutsche dem Finanzamt ihre

Schweizer Bankkonten offenbart, jeden

Monat kommen Tausende reuige Sünder

hinzu. Und auf die Reue folgt nun vielfach

»Die rechnen damit, dass das Geld

Schwarzgeld ist und Anleger sich nicht

wehren können«

Dieter Wedel, Regisseur und Schweiz-Anleger

die Rache. Immer mehr deutsche Schwarzgeld-Anleger

lassen derzeit Klagen gegen

eidgenössische Banken und Vermögensverwalter

vorbereiten, berichten deutsche

Anlegeranwälte und Schweizer Juristen.

Im Visier stünden vor allem die Platzhirsche

UBS und Credit Suisse. Die Kläger verlangen

hohe Provisionen zurück. Doch wie

stehen die Chancen auf Schadensersatz?

Und lohnen sich Klagen angesichts hoher

Anwalts- und Gerichtskosten überhaupt?

KICKBACKS KASSIERT

Hoffnung macht Anlegern ein Grundsatzurteil

des Schweizer Bundesgerichts aus

dem Jahr 2012 (4 A 127/2012). Darin stellten

die Richter klar: Banken und Vermögensverwalter

müssen ihren Kunden sämtliche

Provisionen erstatten, die sie von Anbietern

für den Verkauf von Fonds, Zertifikaten

und anderen Produkten kassieren.

Solche versteckten Vergütungen („Kickbacks“)

heißen in der Schweiz „Retrozessionen“.

Die meisten Schweizer Banken

und Vermögensverwalter hätten diese nie

erstattet und selbst nach dem Urteil an ihrer

„Selbstbedienungsmentalität“ festgehalten,

sagt der Züricher Notar und Anwalt

Rolf Gebauer. Er will Deutschen zu Schadensersatz

verhelfen. Anleger können ihre

Ansprüche an seine Gebauer Treuhand

GmbH abtreten, die Retrozessionen dann –

vorausgesetzt, eine Prüfung bestätigt den

Verdacht – für die letzten zehn Jahre einfordert,

notfalls per Klage.

Die Offerte richtet sich nicht nur an Vermögensverwaltungskunden,

sondern auch

an Anleger, die Anlageberatungsverträge

unterzeichnet haben. Auch hier greife die

Erstattungspflicht, meint Gebauer. „Im Erfolgsfall“,

sagt er, „fließen 60 Prozent des Erlöses

an die Anleger und 40 Prozent an die

Treuhandfirma.“ Bei einem Misserfolg

müssten Anleger keinen Cent zahlen. In typischen

Fällen seien pro Jahr 0,5 Prozent

des Vermögens an Retrozessionen geflossen.

Demnach sind bei einem Depot von

einer Million Euro für zehn Jahre rund

50 000 Euro Schadensersatz drin.

In den letzten Wochen hat Gebauer sein

Konzept deutschen Steuer- und Finanzexperten

vorgestellt, die vermögende Kunden

betreuen. Darunter war auch der

Münchner Steuerberater und Anwalt Ralf

Stefan Werz, den das Angebot überzeugt.

„Ich habe das einigen Mandanten empfohlen.“

Zum einen, so Werz, sei es „gerade für

Über den Tisch gezogen Wedels Banker

schichtete das Depot permanent um

FOTOS: FRANK ZAURITZ, KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA BELLA

82 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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Können Anwälte hier noch Geld rausholen?

Zentrale der UBS in Zürich

Personen mit einem gewissen Bekanntheitsgrad“

interessant über eine Treuhandfirma

zu klagen, ohne persönlich in

Erscheinung zu treten – auch nach einer

gültigen Selbstanzeige. „Vor allem aber gehen

Mandanten kein Kostenrisiko ein.“

Das gilt auch für die Initiative des Bayern

Herbert Notz und seiner Züricher De iure

AG. Der Vorteil hier: „Bei uns müssen Anleger

ihre Ansprüche nicht vorher abtreten“,

sagt Notz. „Wir prüfen kostenlos, und

die Mandanten können danach frei entscheiden,

ob sie abtreten oder nicht.“ Voraussetzung

sei, dass Kunden Vermögensausweise

der letzten zehn Jahre und den

Vertrag mit der Bank vorlegen. Wer eine

Selbstanzeige abgegeben hat, hat diese

Unterlagen längst.

HOHE PROZESSKOSTEN

Für die Prüfung ohne vorherige Abtretung

müssen Anleger schlechtere Konditionen

in Kauf nehmen: Satte 50 Prozent der etwaigen

Erstattung fließen an die De iure

AG, die wie Gebauer zunächst auf außergerichtliche

Vergleiche setzt. Dafür meiden

Anleger das Risiko, auf hohen Kosten sitzen

zu bleiben. Prozesse in der Schweiz

sind teuer: Bei einer Niederlage sind

schnell fünfstellige Gebühren fällig. In Zürich

etwa gehen bei einem Streit um 40 000

Franken (33 000 Euro) 7950 Franken Gebühren

ans Gericht. Hinzu kommen Stundensätze

von 500 Franken und mehr für

den Anwalt. Und die Rechtsschutzpolice

greift oft nicht, weil Kapitalanlagen ausgeklammert

sind.

Das macht Offerten wie die von Gebauer

und Notz für viele attraktiv. „Bisher war das

vor allem ein Thema für Schweizer, weil die

Medien hier intensiv darüber berichten“,

sagt Notz. „Jetzt kommen die ersten größeren

Fälle aus Deutschland.“ Um nicht von

Anfragen überrollt zu werden, prüft Gebauer

vorerst nur bei Depotwerten ab einer

Million Euro, Notz wird ab 300 000 Euro aktiv:

„Darunter lohnt sich der Aufwand für

uns nicht“, sagt Notz. Die Summe der Kickbacks

variiere stark. In Depots mit vielen

Einzelaktien sei sie überschaubar. Wurden

vor allem Fonds und Zertifikate gekauft

und häufig umgeschichtet, könnten sich

Retrozessionen auf bis zu drei Prozent des

Depotwerts pro Jahr summieren.

Die Münchner Kanzlei Rotter empfiehlt,

ab einem Depotwert von 500 000 Euro Ansprüche

in jedem Fall prüfen zu lassen.

„Wir entscheiden mit unseren Schweizer

Partnern von Fall zu Fall, ob eine individuelle

Klage oder eine Abtretung von Ansprüchen

an eine Treuhandgesellschaft sinnvoller

ist“, sagt Partner Bernd Jochem. Das

Ergebnis hänge in erster Linie davon ab,

wie risikobereit ein Mandant sei.

VERJÄHRUNG UMSTRITTEN

Denn klar ist:Wer Ansprüche trotz Kostenrisiko

selbst durchficht, erhält den vollen

Schadensersatz. Und die unterliegende

Bank muss dann sämtliche Anwalts- und

Gerichtskosten übernehmen.

Doch Vorsicht: Trotz der eindeutigen

Rechtslage gibt es einige Haken. So ist die

Verjährungsfrist umstritten. Banken wie

die UBS gehen von fünf Jahren aus. Wer

jetzt klagt, könnte demnach nur Kickbacks

zurückfordern, die ab Juli 2009 flossen.

Treuhänder Gebauer, der im Juni für die

ersten deutschen Bankkunden Auflistungen

sämtlicher Kickbacks angefordert hat,

wirft der Branche „gezielte Verunsicherung“

und Spielen auf Zeit vor. Die Mehrheit

der Juristen gehe von einer zehnjährigen

Frist aus. Da eine taggenaue Verjährung

gelte, könnten mit jedem weiteren

Tag Ansprüche verfallen, warnt er.

Ein weiterer Knackpunkt: Etliche Anleger

haben ab 2007 – nach ersten anlegerfreundlichen

Urteilen in der Schweiz – Vertragsergänzungen

unterschrieben, die

Klauseln über den Verzicht auf Retrozessionen

enthielten. So weist die UBS darauf

hin, dass „Beratungs- und Vermögensverwaltungsverträge“

bereits seit mehreren

Jahren klare Regelungen enthielten. Aber

ob die ausreichen? „Das Schweizer Bundesgericht

hat 2011 klargestellt, dass Vertragsklauseln

detaillierte Angaben zur Höhe

der zu erwartenden Retrozessionen enthalten

müssen“, sagt Jochem. Dies sei „in

aller Regel nicht der Fall“.

Die UBS betont, das Urteil aus 2012 beziehe

sich „ausdrücklich“ nur auf die Vermögensverwaltung,

bei der Banker autonom

ohne Rücksprache mit dem Kunden

kaufen und verkaufen. Anders als Gebauer

meint die Bank deshalb, dass sich die Frage

bei Beratungskunden „so nicht“ stellt.

AKTIEN GEGEN GEBÜHR VERLIEHEN

Trotz rechtlicher Unsicherheiten sollte sich

jedoch niemand schnell abspeisen lassen,

wenn die Bank Schadensersatz ablehnt

und auf Verzichtserklärungen verweist. Für

eine Prüfung der Bankunterlagen spricht

zudem, dass Hinweise auf andere dubiose

Praktiken auftauchen könnten. „Die Retrozessionen

sind nur die Spitze des Eisbergs“,

sagt Gebauer. Viele Banken hätten etwa Aktien

aus Kundendepots an Spekulanten

verliehen. Die Leihgebühren stünden

ebenfalls den Kunden zu.

Auch bei exzessiven Umschichtungen

kann Schadensersatz fällig sein. Darauf

setzt nun Regisseur Wedel, dessen Vermögensverwalter

2008 satte 188 Transaktionen

binnen 120 Tagen abwickelten. Womit

sie wohl nicht gerechnet hatten: Wedel

konnte sich wehren, es war kein Schwarzgeld.

Er klagte deshalb umgehend.

Zum Prozess kommt es erst jetzt, weil

seine Gegner „alle Register gezogen“ hätten,

um das Verfahren zu verzögern. „In

den nächsten Wochen geht es endlich los“,

sagte Wedel der WirtschaftsWoche. Vor

dem Landgericht Hamburg – denn bisweilen

können Deutsche auch daheim gegen

Schweizer Banken klagen – etwa, wenn

Unterlagen hierher geschickt wurden.

Bei Schwarzgeld-Anlegern war dies

meist nicht der Fall. Sie müssen deshalb

auf die Schweizer Justiz hoffen.

n

daniel schönwitz | geld@wiwo.de

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 83

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Geld&Börse | Steuern und Recht

ZAHLUNGSFRISTEN

Höherer Zins

bei Verzug

LEBENSVERSICHERUNG

Die Tür bleibt offen

Zugesagte Anteile an Bewertungsreserven bleiben trotz Gesetzesreform erhalten.

Der Bundestag hat die Reform der Lebensversicherung

abgesegnet. Anleger, deren Lebensversicherungen

auslaufen oder die ihre Verträge kündigen,

werden künftig nicht mehr automatisch

zur Hälfte an Bewertungsreserven von festverzinslichen

Wertpapieren beteiligt. Für Bewertungsreserven

bei Aktien und Immobilien bleibt

es bei der Quote von 50 Prozent. Solche Reserven

entstehen, wenn beispielsweise Anleihen einen

höheren Wert haben als den, zu dem sie in den

Büchern der Versicherer stehen. Ist ein Versicherer

nach Prüfung durch das Aufsichtsamt BaFin

nicht in der Lage, die von ihm garantierte Leistung

nachhaltig zu erwirtschaften, darf er die Bewertungsreserven

nicht ausschütten. Viele Versicherer

haben ihren Kunden für 2014 bereits eine

Sockelbeteiligung an den Bewertungsreserven

zugesagt. Diese Zusagen, die im Schnitt ein Drittel

der Reserven ausmachen, sind von der Gesetzesreform

nicht betroffen. Läuft eine Police in

diesem Jahr aus oder kündigt der Versicherte spätestens

Ende November seinen Vertrag, bleibt

dieser Teil der Reserven erhalten. Anleger, die ohnehin

vorhaben, demnächst ihre Lebensversicherung

zu kündigen, sollten prüfen, ob ihnen eine

Sockelbeteiligung an den Reserven zusteht. Bei

Policen, die 2014 auslaufen, wären die übrigen

Anteile an den Reserven nur bedroht, wenn die

BaFin die Garantieleistungen beim betreffenden

Versicherer in Gefahr sähe. Wie wahrscheinlich

derzeit ein solches Eingreifen ist, dazu will die

BaFin keine Angaben machen.

Handwerker und Lieferanten

sollen laut einer Entscheidung

des Bundestags schneller an ihr

Geld kommen. Damit wird eine

Richtlinie der Europäischen

Union umgesetzt. Nach den

neuen Regeln dürfen Schuldner

nur noch dann Zahlungsfristen

von mehr als 60 Tagen aushandeln,

wenn sie für den Gläubiger

nicht „grob unbillig“ sind.

Als Regelfall gelten bis zu 30

Tage. Sind die 30 Tage überschritten,

haben Gläubiger

künftig einen Anspruch auf eine

Verzugspauschale von 40 Euro.

Zudem steigt der Verzugszins

auf neun Prozentpunkte über

dem Basiszinssatz, der von der

Bundesbank berechnet wird

und derzeit bei minus 0,73 Prozent

liegt. Bezugsgröße des Basiszinssatzes

sind die Konditionen,

zu denen sich Banken

gegen Einlage von Wertpapieren

für eine Woche Geld bei der

Europäischen Zentralbank leihen

können. Auch die Regeln

für öffentliche Auftraggeber

wurden verschärft. Sie müssen

in der Regel spätestens nach 30

Tagen zahlen. Zahlungsfristen

von mehr als 30 Tagen müssen

„sachlich“ gerechtfertigt sein.

Nach zwei Monaten müssen öffentliche

Auftraggeber in jedem

Fall das Geld an den Gläubiger

überweisen.

RECHT EINFACH | Grillen

Sommerzeit ist Grillsaison. Beim

Spiel mit dem Feuer kommt es

oft zu Unfällen. Gerichte müssen

über die Folgen entscheiden.

§

Spiritus. Eine Familie feierte

mit den Nachbarn eine

Grillfete. Obwohl die Holzkohle

schon glimmte,

spritzte der Nachbar Spiritus in

die Glut. Als sich der Spiritusstrahl

entzündete, drehte er die

Flasche Richtung Rasen. Dabei

übersah er, dass sich ein Kind

dorthin geflüchtet hatte. Für die

Verbrennungen des Kindes zahlte

die Haftpflichtversicherung des

Nachbarn 47 000 Euro. Die Hälfte

der Summe wollte die Versicherung

von den Eltern zurück. Grund: Verletzung

der Aufsichtspflicht. Die

Richter winkten ab: Die Flucht des

Kindes sei nicht vorhersehbar gewesen

(Oberlandesgericht Hamm,

9 U 145/13).

Rauch. Ein Hausbesitzer wollte in

einem offenen Kamin in seinem

Garten grillen. Leider erwischte er

das falsche Holz. Statt lodernder

Flammen stiegen nur Rauchwolken

auf. Für den dadurch ausgelösten

Feuerwehreinsatz sollte der Grillfreund

1467 Euro zahlen. Muss er

nicht, schließlich habe es nicht

gebrannt, befand das Gericht. Ein

bloßer „Brandverdacht“ gehe auf

Kosten der Feuerwehr (Verwaltungsgericht

Koblenz, 5 K

1068/08.KO).

Fehltritt. Ein Lebensmittelmarkt

veranstaltete jeden Sommer ein

Grillfest für die Belegschaft. Auf

dem Weg zum Grillrost rutschte

ein Mitarbeiter aus und verletzte

sich die Schulter. Die Berufsgenossenschaft

wollte nicht zahlen.

Der Ausrutscher sei kein Arbeitsunfall

gewesen. Die Richter jedoch

entschieden, dass das Grillfest

sehr wohl zum Arbeitsumfeld

gehöre, weil es den sozialen

Zusammenhalt der Belegschaft

fördere (Sozialgericht Gießen,

S 3 U 1215/03).

FOTOS: MAURITIUS IMAGES/PHOTO ALTO, PRISMA/ZOONAR/TERRIC, PR

84 Nr. 29 14.7.2014 WirtschaftsWoche

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MIETRECHT

Kündigung ist unwirksam

Ein Mann mietete in Berlin ein

Haus. Im Erdgeschoss betrieb

er eine Hypnosepraxis. Die übrigen

Räume nutzte er als Privatwohnung.

Der Vermieter

kündigte den Mietvertrag ohne

Angaben von Gründen im Februar

2012. Der Mieter widersprach

der Kündigung. Schließlich

handele es sich um einen

Wohnmietvertrag, dessen Kündigungsschutz

der Vermieter

verletzt habe. Daraufhin klagte

der Eigentümer auf Räumung

des Hauses. Sein Argument:Da

der Mieter mit der Praxis seinen

Lebensunterhalt verdiene, handele

sich um einen gewerblichen

Mietvertrag, für den kein

besonderer Kündigungsschutz

gelte. Gewerbliche Mietverträge

lassen sich ohne Angaben von

Gründen mit einer Frist von

sechs Monaten kündigen. Bei

Wohnmietverträgen sieht es anders

aus: Solange der Mieter

seine vertraglichen Pflichten

einhält, kann der Vermieter nur

in Ausnahmefällen kündigen,

etwa wenn er die Wohnung wegen

Eigenbedarf benötigt.

Wohnt der Mieter mehr als acht

Jahre in der Wohnung, verlängert

sich die Kündigungsfrist

auf neun Monate. Der Bundesgerichtshof

stellte klar, dass

allein die Praxis nicht den Ausschlag

gebe, ob das Mietrecht

HÄUSLICHES ARBEITSZIMMER

Alternative muss nutzbar sein

Arbeitnehmer, für die das häusliche

Büro Mittelpunkt der Arbeit

ist und denen der Arbeitgeber

keinen anderen Arbeitsplatz

stellt, können die Kosten für das

Arbeitszimmer voll absetzen.

Arbeiten sie dagegen überwiegend

in Räumen des Arbeitgebers,

können sie maximal 1250

Euro pro Jahr geltend machen.

Ein Pfarrer hatte sich in seiner

Privatwohnung im ersten Stock

des Pfarrhauses ein Büro eingerichtet.

Das Amtszimmer im

Erdgeschoss des Hauses war

SCHNELLGERICHT

GELD FÜR PFUSCH BEIM ZAHNARZT

§

Eine Frau litt unter Zahn- und Kopfschmerzen. Ihr

Zahnarzt versorgte sie mit einer Schiene um eine

Fehlstellung des Kiefers zu korrigieren. Als die

Schmerzen nicht nachließen, entfernte der Zahnarzt

vorhandene Amalgamfüllungen, schliff einige Zähne

für eine Brücke ab und setzte ein Provisorium als

Zahnersatz ein. Wegen des Provisoriums entzündete

sich der Kiefer. Die Frau musste ins Krankenhaus.

Das Oberlandesgericht Hamm sprach ihr Schmerzensgeld

zu, weil der Zahnarzt sie falsch behandelt

habe (26 U 14/13). Er hätte mit der weiteren Behandlung

warten müssen, bis die Schiene den Kiefer so

weit korrigiert hätte, dass sie mindestens sechs Monate

beschwerdefrei gewesen wäre.

durch Schimmel unbrauchbar.

Der Pfarrer wollte daher die vollen

Kosten für sein privates Arbeitszimmer

absetzen. Das Finanzamt

lehnte ab. Zu Unrecht,

so der Bundesfinanzhof (VI R

11/12). Dem Pfarrer dürfe der

Steuerabzug nicht allein deshalb

verweigert werden, weil er

andere Räume im Erdgeschoss

des Hauses hätte nutzen können.

Das Finanzgericht muss

den Fall erneut aufrollen und

klären, ob der Pfarrer eine Ausweichmöglichkeit

hatte.

für Gewerbe- oder das für

Wohnräume gelte (VIII ZR

376/13). Da Wohn- und Praxisräume

in etwa die gleiche Fläche

einnähmen, lasse sich nicht

nachweisen, dass die gemieteten

Räume überwiegend gewerblich

genutzt werden. Zudem

hätten die Parteien eine

Einheitsmiete für das gesamte

Haus ohne Umsatzsteuernachweis

sowie eine unbefristete

Laufzeit vereinbart. Diese für

Gewerberäume untypischen

Konditionen sprächen für einen

Wohnmietvertrag. Die Kündigung

des Mietvertrags ohne

Angaben von Gründen wäre

demnach unwirksam.

FAHRTKOSTEN

Nicht mehr

als 30 Cent

Auszubildende können für den

Weg zur Arbeit nur die Entfernungspauschale

von 30 Cent je

Kilometer für eine Wegstrecke

geltend machen. Dies gilt auch

für Fahrten zu einer privaten

Lerngemeinschaft (Bundesfinanzhof,

III R 35/13). Die vollen

Kosten lassen sich nur dann absetzen,

wenn der Arbeitgeber

den Arbeitnehmer zu einem Job

außerhalb seiner regelmäßigen

Arbeitsstätte verpflichtet.

ABSCHLEPPKOSTEN MÜSSEN FAIR SEIN

§

Wer sein Auto unberechtigt auf einem Kundenparkplatz

abstellt, darf abgeschleppt werden. Es

dürfen ihm dafür aber keine unangemessen hohen

Kosten in Rechnung gestellt werden (Bundesgerichtshof,

V ZR 229/13).

BETREUTES KIND IST GESETZLICH VERSICHERT

§

Kinder, die von einer Tagesmutter betreut werden

und sich dort verletzen, sind von der gesetzlichen

Unfallversicherung abgesichert, wenn die Betreuerin

eine behördliche Erlaubnis hat (Sozialgericht Düsseldorf,

S 1 U 461/12). Es sei nicht notwendig, dass das

Jugendamt die Tagesmutter vermittelt habe und einen

Teil der Kosten trage.

IMMOBILIEN

JENS SCHARFENBERG

ist Rechtsanwalt

und

Steuerberater

in der Kanzlei

MDS Möhrle

in Hamburg.

n Herr Scharfenberg, was

müssen Eheleute mit Immobilie

bei ihrer Scheidung

steuerlich beachten?

Beim Kauf einer Immobilie

muss man Grunderwerbsteuer

zahlen – je nach Bundesland

bis zu 6,5 Prozent des Kaufpreises.

Bei Übertragung zwischen

Partnern oder nach der

Scheidung fällt die Steuer weg.

Im Vertrag, den der Notar ans

Finanzamt schickt, sollte man

nach der Scheidung festhalten,

dass die Übertragung im

Rahmen der Vermögensauseinandersetzung

geschieht.

n Was ist, wenn ein Partner

die Finanzierung einer gemeinsamen

Immobilie allein

gestemmt hat – etwa, weil

der andere sich um die Kinder

gekümmert hat?

Finanziert einer mehr als der

andere, wird das steuerlich

wie eine Schenkung gewertet.

Der Freibetrag liegt bei Eheleuten

alle zehn Jahre bei

500 000 Euro. Schenkungsteuerfrei

ist diese Finanzierung

nur, wenn die Partner

selbst in dem Haus wohnen.

Gibt es keinen Ehevertrag, gilt

bei einer Scheidung das Prinzip

des Zugewinnausgleichs.

n Was bedeutet das?

Starten beide ohne Vermögen

und hat er am Ende 100 000

Euro und sie 2,1 Millionen,

muss sie ihm die Hälfte des

Unterschieds – eine Million –

bar ausgleichen. Bekommt er

statt Geld eine Immobilie, fällt

bei vermieteten Objekten Spekulationsteuer

auf die Differenz

zwischen Kauf- und Verkaufspreis

an – aber nur,

wenn das Haus weniger als

zehn Jahre gehalten wurde.

WirtschaftsWoche 14.7.2014 Nr. 29 Redaktion: martin.gerth@wiwo.de, annina reimann | Frankfurt

85

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Tabakaktien laufen

auch in schwierigen Börsenphasen.

Aktuell beflügeln E-Zigaretten die

Kurse. Von Martin Seiwert

Vorbild Auto

Der Security-Mann am

Eingang der New

Yorker Börse ist ein

Wall-Street-Urgestein.

Gut erinnert er sich an die

Achtzigerjahre, als „in der Mittagspause

eine Traube von 100

wild rauchenden Aktienhändlern

vor der Börse herumstand“.

Und heute? „Hin und wieder

sind da noch ein, zwei einsame

Raucher. Die Leute rauchen

einfach nicht mehr.“

Zwar greifen noch 40 Millionen

von 317 Millionen Amerikanern

regelmäßig zu Zigarette,

Pfeife oder Zigarre. Doch im sozialen

Umfeld der Aktienhändler,

im bestverdienenden Viertel

der US-Gesellschaft, sind die Nikotinsüchtigen

eine bemitleidete

Randgruppe. Hier halbierte

sich seit 2004 die Zahl der Raucher.

Insgesamt schrumpfte der

Zigarettenabsatz in den USA

seit 2004 um fast ein Drittel.

BEGEHRTE AKTIEN

Umso erstaunlicher: Die grünen

Tee trinkenden Wall-Street-Broker

glauben weiter an die paffenden

Massen. Die Aktien von

Altria (Marlboro), Reynolds

(Camel) und Lorillard (Newport)

– die drei größten Tabakkonzerne

der USA – verdoppelten bis

verdreifachten ihren Wert in den

zurückliegenden fünf Jahren.

Sie gelten auch in schwierigen

Börsenzeiten wie den jetzt bevorstehenden

als solide Anlage.

Anleger überzeugt, dass steigende

Kundenzahlen in Schwellenländern

die Absatzrückgänge

in den Industrienationen ausgleichen

– und dass sich ein

hübsches Geschäftsmodell für

gesundheitsbewusstere Kunden

abzeichnet: E-Zigaretten.

Die elektrischen Glimmstängel,

in denen eine nikotinhaltige

Flüssigkeit verdampft wird, erschienen

zunächst eine Bedrohung

für die Tabakkonzerne zu

sein. Denn es drängten Hunderte

kleine Unternehmen weltweit

in den jungen Markt. Allein in

den USA werben rund 200 neue

E-Zigaretten-Marken um Kunden,

die das vermeintlich weniger

gesundheitsschädliche Verdampfen

dem Verbrennen

vorziehen. Die Umsätze in den

USA verdoppelten sich 2013, im

laufenden Jahr steigen sie voraussichtlich

von 1,5 auf über

2,0 Milliarden Dollar. Bereits in

zehn Jahren sollen die Elektro-

Zigaretten, so die US-Bank

Wells Fargo, herkömmliche Zigaretten

beim Absatz überholen.

Dem konnten die Tabakmultis

nicht tatenlos zusehen. Sie übernahmen

für dreistellige Millionensummen

E-Zigaretten-

Hersteller und legen nun mit

eigenen Marken los: Im Juni gab

Reynolds die landesweite Einführung

der E-Zigaretten-Marke

Vuse bekannt. MarkTen, das

Konkurrenzprodukt von Altria,

wird Wall-Street-Gerüchten zufolge

im Lauf des Jahres wohl

nachziehen. Verglichen mit dem

Wettbewerber Lorillard, sind die

beiden aber Spätzünder: Lorillard

dominiert den Markt bereits

mit seiner Marke Blu. Sollten

Reynolds und Lorillard sich wie

geplant zu einem 50-Millarden-

Dollar-Konzern zusammenschließen,

entstünde ein E-Zigaretten-Schwergewicht,

mit dem

sich Altria schwertun dürfte.

Elektro statt Verbrenner, sauber

statt schmutzig – es scheint,

als würde sich in der Tabakindustrie

Ähnliches ereignen wie

in der Autoindustrie. Und wie bei

den Autos sind es auch hier die

Platzhirsche, die das neue

E-Business an sich reißen.

TREND DER WOCHE

Realität holt Banken ein

Viele europäische Institute sind nach wie vor Sanierungsfälle

und benötigen dringend frisches Kapital.

Treppenwitz Kapitaldecke

der Coba immer noch zu dünn

Das Schweizer Researchhaus

Independent Credit View (ICV)

hat 62 Banken einem Stresstest

unterzogen und einen zusätzliche

Kapitalbedarf von insgesamt

bis zu 1331 Milliarden Euro

ermittelt. Davon entfallen

1044 Milliarden Euro auf europäische

Institute. ICV bemängelt

besonders die geringe Qualität

des Eigenkapitals. Dieses

setze sich teilweise zur H