MIXTAPE

lunte5

Ausgabe 2013

MIXTAPE

Ein Studienprojekt der AMD Akademie Mode & Design Berlin, Lehrredaktion MM5, Ausgabe No. 3


*bezogen auf den UVP

Editorial

MARKEN ZUM VERLIEBEN

PREISE ZUM ANBETEN

So viele Topmarken unter einem Dach. Für Sie,

für Ihn, für Kinder, für Zuhause. Immer bis zu

60% günstiger* und jeden Tag neu. Denn unser

Sortiment wechselt täglich.

W

ir alle kennen diesen Moment.

Man hört dieses eine Lied wieder

– und es katapultiert einen zurück

in die Zeit, als es zum Soundtrack

für einen besonderen Augenblick

wurde. Wir leben die Situation

noch einmal. Riechen, schmecken

und fühlen sie so intensiv, als wäre

erst ein Herzschlag vergangen.

Musik ist ein Katalysator für unsere Gefühle, sie vereint

Emotion, Fortschritt, Kunst und Bewegung.

Die dritte Ausgabe von WERK VI fasst diese universelle

Kultur auf, in der sich zahlreiche spannende Facetten verbergen.

Der französische Schriftsteller Victor Hugo sagte

einmal, Musik drücke aus, was nicht in Worte gefasst werden

kann. Wir haben uns dieser Herausforderung gestellt

und uns gefragt: Wie sieht es aus, wenn eine Generation

durch exzessives Feiern abschaltet, wie fühlt es sich an, mit

der Diskotheken-Legende und Potenzwaffe Rolf Eden um

die Häuser zu ziehen, wie klingt es, wenn Musik zur Therapiemethode

wird, was passiert, wenn die Liebe eines Fans

dessen gesamtes Leben einnimmt und vor allem, welche

Rolle spielt die Musik in der Mode?

Aus diesen und noch vielen weiteren Geschichten ist ein

MIXTAPE aus Interviews, Reportagen, Dokumentationen

und Portraits aus den unterschiedlichsten Stimmungen

und Themenbereichen entstanden. Die vier Modestrecken

befassen sich mit aktuellen Trends, Klassikern und

Haute-Couture-Kreationen und zeigen in verschiedenen

Ansätzen, wie sich Mode mit Musik verbinden lässt.

3

Werk VI . Mixtape

Wir wünschen Ihnen viel Spaß mit dieser Ausgabe.

Ihre WERK VI-Redaktion

Werden Sie Fan auf

facebook.com/tkmaxx.de

DAMEN HERREN KINDER SCHUHE ACCESSOIRES HOME


Inhalt

14

86

Impressum

4

Werk VI . Mixtape

3

5

6

10

14

20

26

36

40

44

52

56

Editorial

Impressum

Intro

Champagner für die Damen

Durch die Nacht mit Rolf Eden

Heavy-Metal-Seefahrt

Das Wacken-Festival

sticht in See

Lifestyle Of Rebellion

Wie man mit Metallica

Walzer tanzt

Der Familien-Clan

Eine Fan-Kultur auf Abwegen

Stadtgeschichte

Der Sound in Berlin der

70er- und 80er-Jahre

J’adore Hardcore

Der wahrscheinlich größte

Scooter-Fan der Welt

Us And Them

Backstage mit der Band

8-Bit Chess Club

Zwei Künste, eine Welt

Mode und Musik verbindet

Entweder du kommst mit

Power, oder du gehst besser

wieder nach Hause

An der Tür mit Smiley Baldwin

62

68

74

78

86

96

98

102

106

Die zweite Chance

Mit Rap zurück ins Leben

Dancing On My Own

Körperbeherrschung mit Stil

Kostümtraum und

Theaterzauber

Dorothea Katzer über

ihre Arbeit als Kostümdirektorin

an

der Deutschen Oper

Der Klang macht die Kunst

Ein Interview mit dem Künstler

Gerriet K. Sharma

Drop It Like It’s Hot

HipHop-Style Deluxe auf

den Straßen Berlins

Mein erstes Mal

Musikgeschichten

Zwischen Himmel und Erde

Der Roofer Marat Dupri

in schwindelerregender

Höhe

Aufstand der Dandys

Die Rüpel-Blogger von

Dandy Diary

Kinder der Nacht

Bilder einer Generation

Daniel Cronin, Friederike Koenig, Michelle Gornick, Matthias Wehofsky, Patrick Wüstner, gksh

74

44

26

78

Verantwortliche Dozenten

Olga Blumhardt (Magazinentwicklung,

Text, V.i.S.d.P.)

Andine Müller (Kreativ Direktion)

Martin Schmieder (Marketing & PR)

Florian Sievers (Text)

Redaktion, Kurs MM5

Julia Balandynowicz, Carmen

Benker, Alexandra Brechlin,

Daliah Hoffmann, Virginie

Henzen, Greta Kehl-Detemple,

Friederike Koenig, Annika Krüger,

Valentine Linke, Tina Meyer,

Jeannette Petersmann, Pina Pipprich,

Elena Schröder, Inga Schwarze,

Sarah Thürsam, Annika Zapp

Chef vom Dienst

Pina Pipprich

Schlussredaktion

Heinrich Dubel

Artwork Tape

Lena Petersen

Bildbearbeitung

Markus Dreyer

Fotos

Carina Adam, Hannes Albert,

Verena Brüning, Daniel Cronin,

Marat Dupri, Markus Dreyer,

Philippe Gerlach, Michelle

Gornick, Mark Henderson,

Friederike Koenig, Stefan Korte,

Juliette Mainx, Arturo Martinez

Steele, Jessica Prautzsch,

Sarah Sondermann, Patrick

Wüstner, Annika Zapp

Anzeigen

Julia Balandynowicz,

Friederike Koenig,

Sarah Thürsam

PR

Carmen Benker, Daliah Hoffmann,

Valentine Linke, Jeannette

Petersmann, Pina Pipprich, Inga

Schwarze, Annika Zapp

Event

Alexandra Brechlin, Virginie Henzen,

Greta Kehl-Detemple, Annika

Krüger, Tina Meyer, Elena Schröder

Druck

Brandenburgische

Universitätsdruckerei und

Verlagsgesellschaft Potsdam mbH

Karl-Liebknecht-Straße 24-25

14476 Potsdam

www.bud-potsdam.de

Redaktionsanschrift

AMD Akademie Mode & Design

Franklinstraße 10

10587 Berlin

Tel.: 030 330 99 76 0

olga.blumhardt@amdnet.de

www.werk6-magazin.de

WERK VI ist ein Studienprojekt

des 6. Semesters im Ausbildungsgang

Modejournalismus/Medienkommunikation

an der AMD

Akademie Mode & Design Berlin.

WERK VI erscheint jährlich

und liegt an ausgewählten Orten

in Berlin kostenfrei aus.

Das Titelbild wurde von

Matthias Wehofsky fotografiert.

Model: Juni/Seeds

Juni trägt Pullover und

Miederhose, gesehen bei TK Maxx.

Kette von by Malene Birger.

Ohrringe: Stylists own

Wir danken allen, die WERK VI

möglich gemacht haben.

5

Werk VI . Mixtape


Play

DrauSSen im Dunkel

Weitermachen nach der Mode

Hörprobe

Showstudio.com ist eine preisgekrönte

Mode-Webseite, die der

britische Starfotograf Nick Knight

im November 2000 gründete.

Neben experimentellen Modefilmen,

Interviews mit interessanten Leuten

aus der Branche und dem Neuesten

vom Laufsteg gibt es hier die Rubrik

Fashion Mix. Dafür stellen etablierte

Designer, Models, Journalisten

und Fotografen jede Woche ihre

aktuellen persönlichen Top-10-Hits

zum Hören auf die Seite. Unter ihnen

zum Beispiel Matthew Williamson,

Toni Garrn, Phillip Treacy, Rick

Owens oder Carine Roitfeld. Großzügig

teilen sie mit uns den

aktuellen Soundtrack ihres Lebens.

showstudio.com/project/fashion_mix

„Mein herz schlägt höher“

Katrin Erichsen (li.) und Aleksandra Skwarc sind die Gründerinnen

von Musique Couture, einer Berliner Agentur, die passende Musik für

Fashion Shows, Modefilme und Firmen-Events liefert. Ein Interview

über die Schnittstelle von Musik und Mode.

Woher kommt eure Liebe zur Musik?

Aleks: Mein Herz brannte einfach schon

immer für Musik. Mein Vater war Toningenieur

und meine Eltern haben mich in

dem Bereich sehr gefördert. Ich hab als Kind

lange Violine gespielt und war auf einem

Musikgymnasium. Musik zieht sich wie ein

roter Faden durch mein ganzes Leben. Wenn

es um Musik geht, war ich mir immer sicher.

Katrin: Bei mir war das ähnlich: Meine

ganze Familie war sehr musikaffin, da habe

ich total viel mitgekriegt. Schon mit zehn

Jahren habe ich angefangen, Platten zu

kaufen und Mixtapes aufzunehmen, wenn

am Sonntag die Lieblingssendung im Radio

lief. Andere Kinder hatten andere Hobbys.

Mein Lebensmittelpunkt war Musik.

Was hat Mode mit Musik gemeinsam?

Aleks: Mode und Musik sind beides

kreatives Schaffen, ein Lebensgefühl: Es

ist beides Kunst. Ein Modedesigner, der

sein eigenes Modelabel hat, ist da mit

ganzem Herzen dabei. Genau wie ein Musiker.

Oder ein Regisseur. Zu diesen

kreativen Feldern gehört ganz viel dazu:

Film, Musik, Mode, Kunst oder Literatur.

Wieso passt Musik so gut zu Mode?

Katrin: Jeder Designer, der eine neue

Kollektion entwirft, hat eine bestimmte

Vision im Kopf – zu der auch Musik gehört.

Für uns ist es jedes Mal unglaublich aufregend,

die Musik für eine Fashionshow

auszuwählen. Das ist unser Herzstück. Es

macht Spaß, eng mit einem Designer zusammenzuarbeiten.

Ideen abzugleichen, ein

passendes Musikkonzept zu entwickeln, bis

die Kollektion ihren ganz eigenen Sound hat.

Profitiert Mode mehr von Musik, oder

umgekehrt?

Katrin: „Profitieren“.

Das kann man so nicht sagen.

Aleks: Ich glaube, das ist eine Win-Win-

Situation. Zum Beispiel bei Beth Dito und

Karl Lagerfeld: Die Künstlerin bekommt

durch ihn wahnsinnig viel Aufmerksamkeit

in der Presse, weil Lagerfeld sie zu seiner

Muse gekrönt hat. Und auf der anderen Seite

gewinnt Chanel, weil die extreme Persönlichkeit

von Beth Dito, die sehr wild und rau

ist, auf das Label abfärbt. Bei Mode und Musik

geht es um eine gegenseitige Befruchtung.

Was berührt Menschen mehr, Musik oder Mode?

Aleks: Hm. Das ist sehr individuell.

Aber trotzdem antworte ich „Musik“. Musik

spricht die Sinne ganz anders an. Musik

geht direkt ins Ohr.

Katrin: Genau. Der eine ist eben mode- und

der andere musikaffiner. Oder beides. Mein

Herz schlägt höher, wenn ich Musik höre, als

wenn ich Mode ansehen. Es sei denn, ich sehe

etwas von Yves Saint Laurent aus den 70ern.

– Valentine Linke

Smells

Like

Music

Spirit

Wie stark Musikkultur

Mode beeinflusst,

zeigen viele Designer

auf dem Laufsteg

für Herbst/Winter 2013.

Fotos: Presse

Im Museum Angewandter

Kunst in Frankfurt am Main

können Besucher noch bis

Mitte September eine Antwort

auf die anscheinend unlösbare

Frage suchen, was Mode in

der heutigen Zeit bedeutet. Die

aktuelle Ausstellung Draußen

im Dunkel. Weitermachen nach

der Mode – kuratiert von u.a.

Mahret Kupka, die an der AMD

Berlin Modetheorie lehrt, bietet

einen Einblick in die ungewisse

und teils düstere Welt der

Anti-Mode. Seit den 90-Jahren

steht der Begriff Anti-Mode für

die Entwürfe von Designern

wie Martin Margiela, Helmut

Lang, Yohji Yamamoto oder

Alexander McQueen. Sie

etablierten den Heroin-Chic,

Minimalismus und Dekonstruktivismus

und prägten

den bis dato schrillen und

bunten Kosmos der Mode.

Schon immer fungiert unsere

Barbara I Congini

Collection 18,

H/W 2013/14

Kleidung als Spiegel der

Gesellschaft und als Reflektion

für Stimmung, gesellschaftliche

Veränderungen und

subkulturelle Entwicklungen.

Doch was macht die Mode

der Gegenwart aus und für was

steht sie? Um das zu verstehen,

wird der Besucher in Draußen

im Dunkel mit Hilfe von

multimedialen Installationen

auf eine Reise geschickt und wird

dabei von Werken und Arbeiten

der teilnehmenden Designer

begleitet. Neben Kleidern von

Augustin Teboul und Ann

Demeulemeester ist ebenfalls

Mode von Alexander McQueen,

Rodarte und Leandro Cano ausgestellt.

- Daliah Hoffmann

Museum Angewandte Kunst,

Schaumainkai 17,

Frankfurt am Main

Bis 15. September 2013

HipHop Punk Techno Grunge Gothic Rock

Lanvin Jeremy Scott Mugler Saint Laurent

Paris

Versace

1 Piu 1 Uguale 3

7

Werk VI . Mixtape


8 tige Mischung: „Wir wollen unbekannten

Noch nie waren schwullesbische Rapper in Gay-Rap-Richtung, das bedeutet aber Frauenkörper in knappen Bikinis räkeln

9

Werk VI . Mixtape

Bekleidung,

Musik, Kunst

Um einen Shop am Berliner Hackeschen

Markt zu eröffnen, der zwischen den vielen

minimalistischen Concept Stores auffällt,

braucht man vor allem Mut und eine so noch

nicht da gewesene Idee – beides hatten

Bodo Volke und Stéphane Argillet für ihren

Laden Uni+Form. Ihr Konzept, Mode mit

Musik zu verbinden, sticht heraus. „Wir

wollten hier unbedingt Farbe reinbringen,

Berlin ist uns einfach nicht bunt genug“, sagt

Bodo Volke. Von außen ist das zwar nicht

unbedingt sichtbar, doch im Ladeninneren

ist eine Farbbombe geplatzt. Verteilt in

einem Verkaufsbereich und einer Ausstellungsfläche,

reihen sich die Bügel mit etablierten

Designer- und Newcomer-Stücken an

Gitterrosten vor Backsteinwänden. Insgesamt

15 Designer sind im Shop vertreten.

Die Besitzer achten vor allem auf die rich-

Designern eine Chance geben, deshalb

kommen immer wieder neue, kleinere Labels

zu den schon etablierten dazu“, sagt Volke.

Wichtig ist, dass die Kombination von

Musik plus Mode stimmt. Momentan finden

sich neben Bernard Willhelm, Roberto

Piquera und Anntian, Labels wie Superated,

Bombe Surprise und Mundi. Uni+Form

vertreibt auch Musiklabels wie Minimal

Wave Records, Enfant Terrible, La Forme

Lente, Tsunami Addiction und Weird Records.

Gegenwärtig zeigt der französische

Designer Sebastien Saraiva sein Label Un

Garcon Octobre. A Knitted History of Music

umfasst Pullover, Hoodies, Blazer und

Lederjacken, die er mit aus dem Gedächtnis

nachgestrickten Plattencovern von u.a. Klaus

Nomi, Sonic Youth oder Michael Jackson

veredelt. Die exzentrische Pariserin Vava

Dudu entwarf schon Accessoires für Jean

Paul Gaultier und stylte Lady Gaga, ist DJ

und Musikerin. Die Songtexte ihrer Band

La Chatte – bei der auch Storebesitzer

Stéphane Argillet alias Stereovoid Mitglied ist

– schreibt sie mit Edding auf Bomberjacken,

Trenchcoats oder Lederjacken, so dass

jedes Stück ein Unikat ist. – Pina Pipprich

Uni+Form, Bekleidungsgeschäft

Musikgeschäft/Kunstgalerie

Linienstraße 77, Berlin-Mitte

Der Designer Sebastien Saraiva

strickt für seine Kollektion A

Knitted History of Music aus dem

Gedächtnis Plattencover von

u.a. Sonic Youth oder Duft Punk

nach. Seine Kollegin Vava Dudu

schreibt ihre Songtexte auf

Textilien – aber auch Vinyl kann

man bei Uni+Form kaufen

Fotos: Annika zapp

QUEER PIONIEERS

HipHop: Ein Genre, das traditionell als übermaskulin und homophob gilt,

bekommt dank Künstlern wie Le1f, Zebra Katz und Mykki Blanco einen

neuen Fokus: die Homosexualität. Die US-amerikanischen Musikkritiker

gaben dieser neuen Stilrichtung bereits einen eigenen Namen: Queer Rap.

Und da fängt das Problem schon an.

L

e1f, Zebra Katz und

Mykki Blanco sind

homo-, bi- oder

transsexuell und rappen

so offen in ihren

Liedern darüber, als

wäre dies schon immer möglich gewesen.

den Massenmedien so präsent – das kommt

leider daher, dass die Presse sie als schwule

Rapper feiert und nicht deshalb, weil sie

begabte Künstler sind, die eine Revolution

im homophoben HipHop auslösen.

Nachdem sich erst Frauen in der roughen

Welt des testosterongeladenen HipHop

emanzipieren mussten, sich vom schmucken

Beiwerk und Statussymbol der Männer

einen Platz am Mikro erkämpften,

sind nun Frauen und Männer an der Reihe,

die wegen ihrer sexuellen Orientierung

in der Szene gegen Spott und Ausgrenzung

kämpfen müssen. Der Erfolg gibt ihnen

recht. Unter den „echten“ Gangster-

Rappern macht sich stilles Entsetzen breit.

Dabei entstand HipHop doch eigentlich

als Ausdrucksmittel gegen Unterdrückung

von Minderheiten. „Keep it real“ ist die

Essenz einer Musikkultur, die offenbar ihre

eigenen Credos vergessen und gegen Bling-

Bling und Money eingetauscht hat.

Angefangen hat die Queer-Bewegung

im HipHop vergangenes Jahr mit dem

öffentlichen Outing von Franc Ocean,

dem R’n’B-Sänger aus dem kalifornischen

Odd-Future-Clan um Tyler The Creator.

Künstler aus der HipHop-Branche wie

Jay-Z lobten Ocean für seinen Mut. Dabei

nahm der das Wort „gay“ nie in den Mund,

er sprach ausschließlich von „Liebe“.

Gleichzeitig wurde das Subgenre Queer

Rap immer stärker publik, obwohl es

schon viel länger im Untergrund existierte.

Aus New Yorker Clubs fand es seinen

Weg an die Öffentlichkeit. Blogger und

die liberale Musikpresse stürzen sich

regelrecht auf diese neu aufkommende

auch, dass vor allem das gay und nicht der

Rap im Vordergrund steht. Denn je öfter

die Bezeichnung schwullesbisch zusammen

mit HipHop fällt, desto weltoffener

und aufgeschlossener fühlen sich die

Konsumenten. Trotzdem der alteingesessene

HipHop noch die Übermacht hält

und wir hier nur von einer ausgewählten

Randerscheinung reden, werden durch

den Hype der Presse zumindest längst

fällige Umdenkprozesse – auch bei Konsumenten

– in Bewegung gesetzt. Immerhin.

Das beste Beispiel für Künstler, die sich

schon einen Namen in der Szene gemacht

haben, ist Ojay Morgan alias Zebra Katz.

Sein Jahre alter Song “Ima Read” wurde

erst durch die Fashionshow des Modedesigners

Rick Owens 2012 zum Hit und

er zum Everybodys Darling der Pariser

Modeszene. Der Song wurde unzählige

Male geremixt. Auf der Bühne präsentiert

Zebra Katz ein Posenwettstreit, der an

das Voguing der 80er angelehnt ist.

Doch Künstler wie der Harlemer Michael

Quattlebaum Jr. alias Mykki Blanco wollen

nicht auf ihre Sexualität reduziert werden,

obwohl die Presse sie damit groß rausbringt.

Blanco, der erste transsexuelle Musiker

in der HipHop-Szene, beruft sich statt

auf die Revolution lieber auf den dadurch

entstandenen Glamour des HipHop. Nicht

Mykki Blanco bei seinem

Videodreh zu „Kingpinning“.

Foto: Philippe Gerlach

sich in seinen HipHop-Videos, sondern er

selbst. Blanco erscheint auf der Bühne

so, wie er sich in dem Moment am wohlsten

fühlt: mal als Stereotyp eines harten

Rappers, mal als halbnackter Knabe

in Öl auf einem Männerschoß jauchzend

oder als aufgesexte Frau im knappen

Minirock und mit blonder Perücke.

Auch die Musik hat sich verändert, statt

auf dumpfe HipHop-Beats zu reimen,

untermauert Blanco seinen aggressiven

Rapstil lieber mit einer Mischung aus

hartem House, Crunk, Dubstep und

Hardstyle. Seine grenzüberschreitenden,

unerschrockenen und oft dreisten Texte

handeln nicht nur von Money, Hoes

und Fame, sondern sind eine Mischung

aus eben diesem genannten Braggadocio-Rapstil

und dem Leben einer Drag-

Queen. Diese Stilrichtung verbindet klassischen

HipHop mit bis dato nie berappten

Begehren. Khalif Diouf alias Le1f bezeichnet

sich dazu passend als „Gayngster“.

So verschieden die Stile der HipHop-Acts

auch sind, sie alle werden dank ihrer

offenen, homosexuellen Orientierung über

einen Kamm geschoren. Gerade deshalb

wird es Zeit sich zurückzubesinnen: „Keep

it rea!“ Denn diese Musikerinnen und

Musiker sollten allein für ihre Authentizität

und ihr Talent gefeiert werden.

– Pina Pipprich

Werk VI . Mixtape


„Champagner

für die Damen“

Berliner Diskotheken-Legende, galanter Kavalier und ewiger

Schwerenöter. Rolf Eden, Deutschlands letzter Playboy,

erzählt bei einer nächtlichen Kneipentour, wie er für mehr

10

als ein halbes Jahrhundert Berlin unsicher gemacht hat.

11

Werk VI . Mixtape

von Julia Balandynowicz & Sarah Thürsam

fotos: Markus Dreyer

Werk VI . Mixtape

Auf der Bühne ist

Entertainer Rolf

Eden in seinem

Element: 83 Jahre

pure Energie

L

eise Saxophonklänge, ein runder

Holztisch mit weißem Leinentuch

und ein Mann mit halblangen

blonden Haaren, der mit den Fingern

im Takt der Musik klopft. Es

ist 22 Uhr in Berlin-Wilmersdorf.

Vor der urigen Kneipe Die kleine

Weltlaterne nippt Rolf Eden unter

einem sternenklaren Himmel an seinem Wasserglas. Mit

83 Jahren ist er perfekt zurechtgemacht: Die Haare zurück

gekämmt, optimal sitzender blauer Anzug, gestreiftes

Hemd, passendes Einstecktuch und manikürte Nägel.

Fast jeden Donnerstag besucht Eden das Lokal. Wegen

der Livemusik, die nirgendwo in Berlin besser ist, sagt er.

Das Durchschnittsalter liegt hier über 60 und die Stimmung

ist sehr ausgelassen.

„Ich liebe alles, was eine schöne Melodie und schöne Texte

hat. Am besten gefallen mir Lieder über die Liebe.“ Seine

blauen Augen sind trüb und glasig, fangen aber urplötzlich

an zu leuchten, als er tief Luft holt und das amerikanische

Kinderlied „You Are My Sunshine“ anstimmt. Seine Mundwinkel

zaubern ein so ausdrucksstarkes Lachen hervor,

dass jeden um ihn herum ergreift. Eden schwärmt weiter

von der alten Jazzmusik. Erroll Garner oder Benny Goodman

gehören zu seinen Lieblingsmusikern. Während der


12

Werk VI . Mixtape

Seit Anbeginn

seiner Playboy-

Karriere fährt

Eden Rolls-Royce

Musikplauderei, verfällt er im Minutentakt ins Singen und

stimmt den Refrain von Liedern wie „Baby Baby Balla Balla“

oder „Aber schön muss sie sein“ an. Oft steht Rolf Eden in

der Kleinen Weltlaterne selbst auf der Bühne und gibt diese

Lieder zum Besten.

Rolf Eden wurde in Deutschland durch seine Berliner Diskotheken

berühmt und nach etlichen Liebeleien zum Playboy

ernannt. Heute investiert er in Immobilien und pflegt

sein Image als Frauenheld. 800 Mietwohnungen besitzt er im

Westen der Stadt. Auch im Osten Berlins hat er in Häuser

investiert. „Die Leute zahlen dafür, dass sie in meinen Wohnungen

schlafen dürfen. Süß oder?“, sagt Eden gerührt.

Gebürtig heißt er Rolf Sigmund Sostheim und ist jüdischer

Abstammung. 1933, als er drei Jahre alt ist, flüchtet

seine Familie von Berlin nach Palästina. Eden kämpft mit

18 Jahren im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Später

geht er nach Paris und schlägt sich als Musiker durch. Als

er in der Zeitung liest, dass jeder gebürtige Berliner 6.000

DM erhält, wenn er wieder in die Stadt kommt, kehrt Eden

zurück. Mit Erspartem und der Prämie eröffnet er seinen

„Alle waren beim Eden.

Die Stones, die Beatles. Alle“

ersten Club, das Old Eden (zuerst Eden-Salon genannt).

Mit seinem Geschäftssinn prägt er das Berliner Nachtleben

der 50er- und 60er-Jahre. Er lässt Frauen in riesigen Champagnergläsern

baden und entkleidet seine weiblichen DJs.

Die Eskapaden in seinen Clubs machen ihn berühmt und

die Presse feiert ihn als „Deutschlands Playboy Number

One“. Nach mehr als 30 Jahren Prunk und Party schließt

er 2002 seinen letzten Club, das Big Eden am Kurfürstendamm.

Insgesamt hatte Eden fünf Diskotheken: das Old

Eden, das New Eden, den Eden Playboy Club, das Eden

Kabarett und zuletzt das Big Eden. „Das Old Eden, mein

erstes Lokal, ist immer mein Lieblingsclub geblieben.“ Alle

Lokale lagen in der Nähe des Ku’damms. Um die rund 250

Mitarbeiter zu kontrollieren, fuhr der Partykönig mit seinem

Chauffeur von Club zu Club. „Alle waren beim Eden.

Die Stones, die Beatles. Alle.“ Nach wilden Partynächten

haben die Rolling Stones ihn noch Jahre später zu all ihren

Konzerten in Berlin eingeladen, sagt er. Für die frühen

60er-Jahre waren diese Diskotheken eine Sensation – mit

Pool, Telefonen auf den Tischen und nackten Frauen. Inspiration

holte sich Rolf Eden auf seinen Reisen. So erinnert

er sich an New Yorker Nächte im Studio 54 mit dem Playboy-Gründer

Hugh Hefner: „Die hatten den DJ über dem

Publikum schweben. Das hab ich dann auch gemacht, nur

mit einer Dame, die oben-ohne aufgelegt hat.“ Auch privat

ließ es Eden krachen. Mit sieben Frauen zeugte der Schwerenöter

seine sieben Kinder. Seine Tochter Irit ist heute 64

Jahre alt. Sein jüngster Sohn Kai ist 1997 geboren.

Ein Rosenverkäufer kommt an den Tisch in der Kleinen

Weltlaterne. Rolf Eden begrüßt ihn vertraut. Er zückt seine

Geldklammer aus Sterlingsilber aus der Seitentasche seines

Sakkos und gibt dem Verkäufer einen Zwanziger. „Madame,

suchen Sie sich bitte eine aus“, raunt er und trinkt einen

Schluck Wasser, ohne seinen Blick abzuwenden. Er ist immer

noch ein Casanova, wie er im Buche steht. Ein Funkensprüher.

Aus irgendeinem Grund ist man angetan von ihm,

trotz der 60 Jahre Altersunterschied. „Ich bin jede Sekunde

happy“, sagt er. Und genau das kommt bei seinem Gegenüber

auch an. Er begeistert die Menschen mit seiner Herzlichkeit.

Von seinem Charme, seiner Großzügigkeit und seinem offenen,

ehrlichen Wesen wird jeder gefesselt. Obwohl Eden im

Februar 83 Jahre alt geworden ist, lässt er laut eigener Aussage

nichts anbrennen. „Ich werde permanent von schönen

Frauen umgarnt“, sagt er. „Jede will was mit dem Eden haben.“

Aus seinem Mund klingt das wie ein Versprechen.

Seit mehr als acht Jahren ist Rolf Eden jedoch mit seiner

Dauerfreundin Brigitte („Ausgesprochen: Brischid“)

zusammen. Die Blondine ist ein halbes Jahrhundert jünger

und heißt eigentlich Aline. Da Eden seit seiner Jugend für

die französische Schauspielerin Brigitte Bardot schwärmt,

hat er Aline in Brigitte umbenannt. Die beiden wohnen

in seiner Villa in Dahlem. Vielleicht gezwungenermaßen:

Rolf Eden stürzte in seinem Domizil und verletzte sich dabei

so schwer, dass er ins Krankenhaus musste. Zu Hause

ließ er sich dann von Brigitte pflegen. Seitdem wohnen die

beiden unter einem Dach. Rolf Eden behauptet, dass er sich

nur mit Frauen unter 26 umgibt. Das die 31-jährige Brigitte

trotzdem noch aktuell ist, erklärt er so: „Die ist so süß, bei

der mach ich eine Ausnahme. Brigitte darf bleiben bis sie

40 ist, dann muss sie weg.“

Es folgt ein typisch unbeschwerter Rolf-Eden-Lacher, der

zeigt, dass es vielleicht nicht ganz so ernst gemeint war. Auf

die Frage, ob seine Freundin nicht eifersüchtig auf all die

26-Jährigen sei, antwortet er: „Nein, ganz im Gegenteil. Brigitte

hilft mir sogar, Frauen in Bars auszusuchen, die ich für

den Abend mitnehme.“ Mit Brigitte ist Eden zum ersten mal

richtig glücklich, doch heiraten will er sie trotzdem nicht: „Ein

Playboy darf niemals heiraten, dann ist er kein Playboy mehr.“

Ein alter Bekannter kommt an den Tisch und bringt

schlechte Nachrichten: „Die Heike ist tot. Du kennst doch

die Heike, die ist tot“, sagt er mehrmals hintereinander

aufgeregt. „Jaja, kenn ich“, erwidert Eden unberührt. „Ich

hasse es, wenn Menschen mir von Toten erzählen“, sagt er,

als der Mann endlich weg ist.

Genug von Brigitte. Und den traurigen Nachrichten. Der

Lebemann will jetzt singen.

Natürlich sind alle Augen auf Eden gerichtet, als er sich

auf der Bühne das Mikrofon schnappt. Das Publikum ist

über seinen bevorstehenden Spontanauftritt geteilter Meinung.

Von „Muss das jetzt sein!“ bis „Toll, jetzt singt Rolf

Eden!“ tuscheln die Leute in der kleinen Kneipe. Eden überhört

sowohl das eine als auch das andere. Die Band legt los.

Und plötzlich steht dort wieder dieser junge, energetische

Ladykiller auf der Bühne. „Fehler kann sie haben, aber

schön muss sie sein, schön muss sie sein, nur für mich!“,

singt er mit anschmiegsamer Stimme. Bewusst versucht er,

die Frauen im Raum in seinen Bann zu ziehen. Rolf Eden

ist voll in seinem Element. Dass er diese Showeinlage nicht

zum ersten Mal macht, ist nicht zu übersehen. Der Text

sitzt, und die Blicke und Handbewegungen wirken routiniert.

Der Mann weiß genau, was er tut, ein Entertainer

durch und durch. Trotzt anfänglicher Skepsis einiger Gäste

ist der Applaus riesig. Rolf Eden verbeugt sich ganz gentlemanlike

und geht zurück zu seinem Tisch. Er bestellt sich

einen Cognac, trinkt einen Schluck und entspannt sich. „Ich

war mal Musiker in Paris. Ich spiele Piano, Saxophon und

Schlagzeug. Ich liebe die Musik.“

Nach seinem Auftritt hat er Hunger und will in sein

Lieblingsrestaurant, die Paris Bar in der Kantstraße. „Ich

liebe französische Küche. Die Austern und die Zwiebelsuppe

sind ganz fantastico dort.“

Es ist Mitternacht, als Rolf Eden seinen schwarzen

Rolls-Royce Convertible mit dem Kennzeichen B-RE-6000

aus dem Halteverbot ausparkt. „Die Polizei kennt mich,

ich bekomme nie einen Strafzettel“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Er lenkt seinen Wagen auf den Kurfürstendamm,

das Dach ist offen. Das helle Licht des Mondscheins

strahlt auf die beigen Ledersitze, als Xavier Naidoos Stimme

aus den hochwertigen Lautsprechern tönt. „Ich mag

diesen Naidoo. Er hat schöne Texte über die Liebe, da kann

man was lernen.“ Rolf Eden parkt standesgemäß direkt vor

der Paris Bar an einer Bushaltestelle. Die Paris Bar ist um

diese Uhrzeit fast leer. Lediglich drei Gäste sitzen an den

Tischen, die vor dem Restaurant stehen. Alle kennen ihn

und begrüßen ihn herzlich. Bevor sich Rolf Eden setzt, holt

er sich die International Harald Tribune. „Da war letztens

ein Artikel über mich zu lesen, den Playboy aus Deutschland“,

sagt er stolz. Er liest immer die gleichen Zeitungen:

„Bild, BZ, Berliner Morgenpost und die Tribune. Ich guck

immer, ob die was über mich schreiben.“ Zuhause sammelt

er alle Artikel, die über ihn veröffentlicht werden. Inzwischen

sind es sehr viele.

Der Kellner bringt Champagner. „Alle Damen, die mit

Eden unterwegs sind, trinken Champagner“, säuselt er mit

funkelnden Augen. Dazu bestellt er Rinderfiletspitzen mit

Bratkartoffeln und grünen Bohnen. „Nur eine halbe Portion!“,

bittet er den Kellner.

Rolf Eden hat die Metamorphose von Berlin von Beginn

an beobachtet: die geteilte Stadt, der Mauerfall, der internationale

Hype. Eines war seiner Meinung nach immer

gleich: „In Berlin gibt es die besten Partys Deutschlands.“

Er geht immer noch gerne aus. Die ganze Stadt liegt ihm zu

Füßen. Aber mit Clubs, in denen elektronische Musik gespielt

wird, kann er nichts anfangen. „Dieses Elektronische

mag ich überhaupt nicht“, winkt er ab, als der Vorschlag

kommt, die Nacht im Kater Holzig ausklingen zu lassen.

„Da tanzen die Leute doch wie Affen, und die Damen tragen

nur flache Schuhe.“

Die Paris Bar leert sich, die Kellner wischen demonstrativ

die Bar. Sie wollen nach Hause. Aber Eden erzählt noch die

Geschichte von Brigitte Bardot, die er unbedingt in St. Tropez

kennenlernen wollte, wohin er extra ihretwegen fuhr.

Vergeblich. Kurze Zeit später schnappte Gunter Sachs sich

„Ein Gentleman genießt und schweigt,

und ein Playboy besonders“

die blonde Schauspielerin. Doch Rolf Eden hatte viele andere

aus dem Showbiz gekannt und geliebt. Namen verrät

er nicht. „Ein Gentleman genießt und schweigt, und ein

Playboy besonders.“ Versteht sich von selbst.

Der stolze Schwerenöter Eden hat trotz halber Portion

seinen Teller nicht leer gegessen. „Ich würde gerne zahlen“,

weist er den Kellner an. Er holt seine schwarze American

Express aus der Anzughose und legt sie auf den Tisch. Als

die Rechnung beglichen ist, steht er langsam auf und verabschiedet

sich: „Es war mir ein großes Vergnügen, mit so

hübschen Damen“, sagt er galant. Ein Schmunzeln umgibt

seine Lippen. Bevor er in seinen Wagen steigt, dreht er sich

ein letztes Mal um und haucht: „Ciao, ciao, Baby.“ Dann

fährt er davon. Ganz langsam.

Unsere Autorinnen

Julia Balandynowicz

(li.) und Sarah

Thürsam mit Rolf

Eden in der

Kleinen Weltlaterne

13

Werk VI . Mixtape


Martin Metz war

schon sechs Mal

auf dem berühmten

Wacken-Festival.

Das schwimmende

Pendant wollte er

sich nicht entgehen

lassen

Heavy

Werk VI . Mixtape

See-

14

15

fahrt

Werk VI . Mixtape

text und fotos von Friederike Koenig

Fotocredit

Fotocredit

Sieben Tage, mehr als 20 Bands, knapp 2.000 Fans und dreißigtausend Liter Bier: Das ist die

Full Metal Cruise, Europas größtes Heavy-Metal-Festival auf hoher See. Die Veranstalter des traditionsreichen

und weltweit größten Festival seiner Art Wacken Open Air haben das Spektakel

auf ein Kreuzfahrtschiff verlegt. Und wir waren dabei.


16

Werk VI . Mixtape

A

re there Metalheads in da house?“,

ruft ein uniformierter Mann

durch den Raum. Die Meute grölt

zur Bestätigung. „Ich will, dass

wir die lauteste Musterstation

werden!“ Die Meute grölt noch

lauter und reckt mit den Fingern

die Teufelshörner in die Luft.

Der Mann in Uniform ist Crewmitglied

auf der Mein Schiff 1, einem luxuriösen Kreuzfahrtschiff,

das in den nächsten sieben Tagen als Europas

einziger Heavy-Metal-Dampfer durch die Nordsee und

den Ärmelkanal fahren wird. Mit an Bord sind knapp

2000 Fans, unter anderem aus Deutschland, Finnland und

Kanada. Zwei Drittel davon Männer. Gerade erklärt der

uniformierte Mann den Metallern, wie sie sich im Notfall

verhalten müssen. Der offizielle Treffpunkt, für den

er im Ernstfall verantwortlich ist, ist der Kinosaal – die

„Musterstation“.

Später wird Kapitän Remko Fehr sagen: „So viel Spaß

hatten wir bei einer Seenotrettungsübung noch nie.“ Denn

so chaotisch wie heute läuft eine Notfall-Probe mit gewöhnlichen

Kreuzfahrtpassagieren nicht ab. „Gibt es jetzt

Popcorn?“, brüllt jemand aus der hinteren Reihe. Erneut

grölende Bestätigung von allen Rängen. Der Mann in Uniform

bettelt um Ruhe, denn eigentlich ist die Übung ein

wichtiger Teil der Schifffahrt. Seine Stimme klingt schon

heiser als er ruft: „Jungs, das ist der einzig ernste Part der

Reise.“ Dabei hakt er auf einer Liste die Anwesenheit der

Gäste ab, doch schon jetzt fehlen 15 Passagiere. Wenn sie

nicht innerhalb der nächsten Minuten auftauchen, müssen

sie sich persönlich beim Kapitän melden. „Wir finden euch

alle. Auch wenn ihr mit 3,5 Promille in der Ecke liegt“, sagt

der Mann in Uniform.

Die Vermutung, dass einige schon jetzt betrunken sind,

ist nicht abwegig. Das Schiff liegt noch im Hafen, da hält

schon jeder mindestens eine Bierdose in der Hand. Auf der

Full Metal Cruise ist das Bier im Preis inbegriffen. 30.000

Das Schiff liegt noch im Hafen,

da hält schon jeder mindestens eine

Bierdose in der Hand

Liter sind mit an Bord, das sind 15 Liter pro Passagier. Das

Bizarre daran: Der flüssige Proviant muss nur zwei Tage

halten, beim ersten Landgang wird nachgeladen.

Nach einer halben Stunde ist die Rettungsübung beendet.

Auch wenn es nicht den Eindruck macht, als wüsste

hier irgendjemand, was im Notfall zu tun ist, sticht das

Kreuzfahrtschiff in See. Zurück am Ufer bleiben Schaulustige

und die Wacken Firefighters. Die Kapelle der Freiwilligen

Feuerwehr Wacken ist aus dem schleswig-holsteinischen

Ort angereist, um die Passagiere zu verabschieden.

Mit ihren Uniformen und Blasinstrumenten werden sie

immer kleiner am Horizont, während das Schiff den Ham-

burger Hafen verlässt. Teil der Tradition ist es eigentlich,

das berühmte Open-Air-Festival im Heimatdorf mit den

Firefighters zu eröffnen.

Schon bald wird die Blasmusik von den ersten Metal-Klängen

auf dieser Reise übertönt. Einige Fans tragen

ihre Mini-Stereoanlagen mit sich herum, aus denen in

schlechter Qualität Lieder von Iron Maiden oder AC/DC

scheppern.

Es ist nach Mitternacht, als das Schiff auf dem Wasser zu

wanken beginnt. Die See ist ruhig, doch auf dem Pooldeck

tanzen tausende Metal-Fans Pogo. Auf drei extra aufgebauten

Bühnen spielen Bands wie In Extremo, Firewind und

Gamma Ray. Die Feierwütigen bangen ihre Köpfe ruckartig

vor und zurück, recken die Fäuste zum Teufelsgruß in

die Höhe. Ihre langen Haare peitschen durch die Luft. Es

wirkt fast schon beängstigend, wie sie in ihrer schwarzen

Kleidung wild auf und ab springen. Umso unerwarteter die

Szene, wenn sie aus Versehen zusammenprallen und sich

beieinander mit Handschlag entschuldigen. Oft trinken

sie einen großen Schluck Bier zur Versöhnung und tanzen

friedlich weiter. Aus den Boxen dröhnen die harten Klänge

der deutschen Band Betontod: „Wir müssen aufhör’n, weniger

zu trinken, wir brauchen viel mehr Alkohol. Wenn

wir nicht aufhör’n, weniger zu trinken, dann werden wir

heut nicht mehr voll.“ Zur selben Zeit grölt eine Frau im

Casino ins Mikrofon einer Karaokestation. Zur Auswahl

stehen Klassiker von Motörhead, Rammstein, Alice Cooper

und Black Sabbath. Was davon sie ausgewählt hat, lässt sich

nur erahnen, so undefinierbar ist ihr Schreigesang. Schlaf

findet heute niemand. Warum auch? Die Party hat doch

gerade erst begonnen.

Bei Sonnenaufgang ähnelt das Pooldeck einer Geisterstadt.

Ein, zwei Hartgesottene streifen in ihren Bademänteln,

die stilecht mit Badges unterschiedlicher Metal-Bands

versehen sind, über die Joggingstrecke. Der Spa-Bereich

bleibt leer, und niemand kommt auf die Idee, den Tag mit

Yogaübungen zu begrüßen, auch wenn ein Teil der üblichen

Fitnesskurse wie Zumba angeboten werden. Zur Entspannung

gibt es hier allerdings eine Wacken-Schlamm-

Packung und eine Neckbreaker-Massage für geschundene

Headbanger-Nacken.

Es ist nach neun Uhr, als sich das Sonnendeck füllt. Zum

Frühstück gibt es Rührei mit Speck, statt Kaffee oder Tee

steht Sekt auf den Tischen. „Vor zehn gibt es kein Bier“, sagt

Andreas Standt. Er sitzt mit zehn Leuten an einem großen

Tisch und trinkt aus der Not heraus Schaumwein. Sie singen,

lachen, erzählen ihre besten Geschichten aus Wacken.

So zum Beispiel der Commander. Ein etwa 60-jähriger

Mann, braun gebrannt, mit langen, grauen Haaren und

Schnurrbart, der auf dem Festival-Acker in Schleswig Holstein

durch sein silberfarbenes Zelt bekannt geworden ist.

Sein Raumschiff, wie er es selber nennt, hat ihm schließlich

den Spitznamen eingebracht. Auf dem Acker wie auf dem

Schiff ist er eine kleine Berühmtheit.

Die Gruppe um den Tisch wird immer größer. In der

letzten Nacht hat man sich kennengelernt. Jetzt ist es an

der Zeit, die Fan-Freundschaften auszubauen.

Seaway to Hell:

In Hamburg

sticht die Full

Metal Cruise

das erste Mal

in See. Mit

an Bord des

schwimmenden

Heavy-Metal-

Festivals sind

unermüdliche

Fans, ein

Brautpaar und

ein Tätowierer

17

Werk VI . Mixtape


Trotz dreißigtausend

Liter Bier und aggressiv

lauter Musik feiern die

Metaller friedlich miteinander

„Wir sind wie eine Familie hier“, sagt Martin Metz. Er ist

Krankenpfleger, war schon sechs Mal in Wacken. Metz

kam gestern mit sieben Freunden auf das Schiff, heute

sind sie nur noch zu zweit. Wo die anderen fünf geblieben

sind: schleierhaft. Mit dem Commander und den anderen

Tischnachbarn hat er nun eine neue Familie gefunden.

Maik Weichert, Gitarrist der Thüringer Metalcore-Band

Heaven Shall Burn erklärt sich das Phänomen so: „Es ist

eine Parallelwelt, die Leute lieben die Musik. Und mit einem

Schlag sind sie verwandt.“

Auch Andreas Standt versucht, seine Gefühle in Worte

zu fassen („Da muss man dabei sein. Das sind Momentaufnahmen“),

als ein Unbekannter vorbei kommt, ihm auf

die Schulter klopft und ruft: „Eine Woche Wacken ist wie

Jahresurlaub.“ Standt nickt zustimmend, als hätte er genau

das sagen wollen.

Die 21-jährige Laura Kreuzpaintner ist mit ihrem

Freund, ihren Eltern und ihrem Cousin an Bord. „Wäre

es keine Metal-Fahrt, hätte ich in dem Alter keine Kreuzfahrt

gemacht. Da hätte ich mein Geld anders investiert“,

sagt sie. Ihre ersten zwei Monatsgehälter sind in die Reisekasse

geflossen: „Ich musste meinen Gesellenbrief schaffen,

um hier mitfahren zu können, das Lehrlingsgehalt

hätte nicht ausgereicht.“

Eine Woche Metal-Festival auf hoher See kostet pro

Person in einer Vier-Mann-Innenkabine etwa 1.000 Euro

inklusive Verpflegung – eine Suite für zwei Passagiere das

Achtfache. Im Vergleich: Ein Ticket für das Wacken Open

Air kostet circa 150 Euro. Dafür erleben die Metaller hier

an Bord einen Luxus, den sie auf keinem Festival der Welt

finden würden: Kabinen mit großen Betten, Pralinen auf

dem Zimmer, eine eigene Dusche, saubere Toiletten und

im Restaurant Sechs-Gänge-Menüs.

Für Lauras Mutter Gabi ist es das Erlebnis schlechthin.

„Manche Familien gehen in Freizeitparks, wir kommen

hierher“, johlt sie. Es folgt Applaus, und die Gruppe stößt

so heftig mit ihren Sektgläsern an, dass die Hälfte des Inhalts

überschwappt. Alle lachen und brüllen „Wackööön“,

den Schlachtruf des Festivals.

Es ist eine Gemeinschaft mit einem hohen Maß an Liebenswürdigkeit,

die nicht für alle auf den ersten Blick ersichtlich

ist. Der Look der Fans – schwarze Hose, Band-

T-Shirt, Leder-Kutte – ist für manch Außenstehenden

furchteinflößend. Und dennoch gibt es an Bord keine Gewaltausbrüche,

ganz im Gegenteil, alle feiern friedlich miteinander.

Denn was sie eint, ist die Liebe zur Musik – und

die Leidenschaft für Tattoos. Die Veranstalter haben extra

einen Massageraum in ein Tattoo-Studio verwandelt, in

dem sich die Hardcore-Fans kostenlos das Wacken-Logo,

einen Stierschädel, stechen lassen können. Schon vor Reisebeginn

waren die dreißig verfügbaren Termine bei Tätowierer

Alf Rentmeister ausgebucht.

Doch die Tätowierung ist längst nicht die einzige Erinnerung

für die Ewigkeit, die es auf dieser Reise gibt. Marina

Müller und Frank Albrecht geben sich an Bord das

Ja-Wort. Der berühmte Hochzeitsmarsch schallt in einer

harten Version mit Schlagzeug und E-Gitarre in die

Lounge, in der die Hochzeit stattfindet. Die Braut trägt

ein schwarz-weißes, bodenlanges Kleid. In ihren Haaren

stecken schwarze Kunstblumen. Der Bräutigam, mit Ziegenbart

und langen Haaren, weint vor Freude beim Anblick

seiner Frau. Im Anschluss spielt Metal-Legende Doro

Pesch live ihre Hymne „Für immer“. Wenn die Seenotrettungsübung

der einzige ernste Part der Reise war, ist das

der einzige romantische.

Am Abend geht es mit harter Musik weiter. Die Metalcore-Band

Heaven Shall Burn schreit sich im Schiffstheater

die Seele aus dem Leib. Vor der Bühne drängeln sich nur

noch die Unermüdlichen, selbst für manche Metaller ist

das zu laut. In den Ohren der Fans blitzen bunte Ohropax,

manche haben ihre Gesichter mit Tiermasken bedeckt –

Zebra- und Pferdeköpfe.

Nach dem Konzert nutzen einige die Gänge, Treppen

oder Aufzüge für ein kleines Schläfchen. Zu stark ist die

Mischung aus Jack Daniel’s und Cola, die es ab 18 Uhr

ebenfalls kostenlos gibt. Wenn sie aufwachen, stärken sie

sich am 24-Stunden-Grill mit Currywurst, Burger und

Pommes rot/weiß, um anschließend wieder in einen komatösen

Schlaf zu fallen. Für die ersten Tage auf See sind

350 Kilo Pommes, 170 Kilo Bratwurst und 300 Kilo Steak

mit an Bord.

Noch vier Tage geht die Reise mit Konzerten und zehntausenden

Litern Bier weiter, bis das Schiff zum Hafengeburtstag

in Hamburg einläuft. Die zweite Nacht hat selbst

die härtesten Fans geschlaucht. Nur 200 Metal-Fans haben

sich am dritten Tag für den Ausflug nach Stonehenge angemeldet.

Sie fahren nach Southampton, während die restlichen

Gäste auf dem Schiff im komatösen Schlaf liegen.

„Auf Festivals sind alle nach drei Tagen wie Zombies “, sagt

Maik Weichert über die auffällig ruhige Stimmung, die einen

Tag vorher noch ausgelassen war. Vielleicht ist es aber

auch ein stickiges Zelt, eine Bierdusche am Morgen oder

der Schlamm auf dem Acker in Wacken, was ihnen auf dieser

ungewohnten Fahrt fehlt.

„Eine Woche Wacken ist wie Jahresurlaub“

Auch in den Bussen auf dem Weg nach Stonehenge herrscht

absolute Stille. Keiner grölt oder spritzt mit Bier um sich.

Die Ausflügler schlafen und sehen dabei ganz friedlich aus

– bis das erste Handy klingelt und für ein paar Sekunden

wieder Metal-Klänge durch die Reihen scheppern. „Man

hätte die Einwohner warnen müssen“, gibt eine Frau zu bedenken,

als 200 schwarz gekleidete Metaller beginnen, bei

einem Zwischenstopp die malerische Stadt Salisbury zu erkunden.

Und hätten die vergangenen drei Tage nicht schon

an den Kräften der Fans gezehrt, hätte man das wohl auch

tun müssen. „If it’s not in your blood, you will never understand“

steht auf einem T-Shirt, das ein hagerer Metaller

trägt. Und besser kann man den Wahnsinn Wacken nicht

erklären. Für die Fans gibt es immer ein Heavy End und

immer ein nächstes Mal. Verstehen muss man das nicht,

Spaß haben trotzdem alle.

19

Werk VI . Mixtape


Tüllrock

von Anne Wolf.

Tourshirt von

Metallica, 1990

Lifestyle

20

Werk VI . Mixtape

of Rebellion *

Wer sich immer an die Regeln hält,

wird nie erfahren, wie es ist, in einem

Metallica-Shirt Walzer zu tanzen.

Fotos: Jessica Prautzsch

*Against All AUTHority, 1996

Produktion: Alexandra Brechlin,

Friederike Koenig

Models: Julia/Izaio, Amelie/Satory

Haare/Make-up: Karina Berg

Danke an das Schloss Friedrichsfelde

und Diana Weis


22

23

Werk VI . Mixtape

Kleid von Andrea

Schelling Couture.

Jacke, gesehen

bei TK Maxx.

Joy-Division-Shirt:

Vintage

Werk VI . Mixtape

Spitzenkleid von

Andreas Remshardt.

Tourshirt von den

Ramones, 1993

Kleid von Andreas

Remshardt.

Ring von Yayalove.

Tourshirt von

Danzig, 1990


Kleid von Andreas

Remshardt. Jacke,

gesehen bei TK Maxx.

Schulter-Pads

von Yayalove. David-

Bowie-Shirt: Vintage

24 25

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape

Kleid von Andreas

Remshardt. Armreif von

Yayalove. Schuhe von

Buffalo.Tourshirt von And

you will know us by the

Trail of Dead, 2004

Fotocredit

Fotocredit


Der Juggalo-Schriftzug

ist neben dem

Running Hatchet Man

die meist gesehene

Tätowierung auf

dem Gathering of

the Juggalo-Festival

Der

Familien-

26 27

ow

Werk VI . Mixtape

Cl n A

Werk VI . Mixtape

Text: Pina Pipprich

Fotos: Daniel Cronin

Fotocredit

Die konservative USA zeigt mit dem Finger auf die Juggalos: Fans des Rap-Duos Insane Clown Posse,

die ihre Gesichter zu Clownsfratzen schminken. Juggalos sehen sich als eine Familie aus Männern,

Frauen und Kindern, die durch ihren Außenseiterstatus miteinander verbunden sind. Doch für die

Gesellschaft sind sie schlicht Asoziale – nicht mehr wert als White Trash. Ein Blick hinter die Kulissen

einer Subkultur, die auf einem schmalen Grat zwischen Illegalität und simplem Fantum lebt.


Werk VI . Mixtape

E

ine endlose Weite aus Feldern,

bleichgrünen Laubbäumen und

ausgetrockneten Straßen. Die

Hitze steht flirrend über dem

Asphalt, und der Ohio River

schiebt sich gemütlich zwischen

Illinois und dem angrenzenden

US-Bundesstaat Kentucky. Recht

idyllisch alles. So wie man sich

das mitten in den USA auf dem Lande vorstellt. „Welcome

Juggalos“, das Laken hängt locker an Seilen über dem

Waldweg. Ein von der Hitze ermatteter Mann sitzt mitten

auf der Lichtung auf seinem Campingstuhl, sein nackter

Bauch liegt bis zu den Knien auf seinen Oberschenkeln.

Die strähnigen Haare folgen den im Rhythmus kreisenden

Stößen seines Kopfes in alle Richtungen. Seine bis auf

„Wir sind Clowns, die Menschen verletzen

und töten, wenn sie es verdient haben!“

die Hände zu benutzen, die Asche rieselt bei jedem Nicken

auf seine Brust. Zwischen seinen aus Fett bestehenden

Brüsten liegt eine silberfarbene Kette, daran hängt ein

rennendes Männchen mit einem erhobenen Fleischerbeil

in der Hand: Das Running-Hatchet-Man-Logo ist das allgegenwärtige

Symbol der Juggalos.

Es könnte der Herzchirurg aus der Ambulanz, die Kassiererin

im Supermarkt oder der Gärtner von nebenan

sein – im Alltag sind Juggalos und Juggalettes nicht immer

direkt zu erkennen. Hauptsächlich stammen sie aus dem

Herzen der USA, aus Bundesstaaten wie Kansas, Missouri

und Iowa – wo verdorrte Strohbüsche über die Straßen wehen

und es von Rednecks nur so wimmelt. Selten passen

Juggalos in das Bild des Durchschnittsamerikaners: Sie

sind zu groß oder klein, zu fett oder schlaksig, haben zu

schlechte Haut oder ein ungepflegtes Äußeres. Bei Konzerten

oder Partys schminken sie ihre Gesichter zu grenzdebilen

Clownsfratzen und flechten ihre Kopf- und Barthaare

zu sogenannten Spider-Legs – schmale Zöpfe, die

an Spinnenbeine erinnern. Sie spritzen mit Limonade der

Firma Faygo um sich und grölen „Whooop Whooop!“,

während sie zu den tiefen Bässen der Insane Clown Posse

headbangen. Faygo ist für den Juggalo, was für den Berliner

Hipster die Club Mate ist – sein inoffizielles Szenegetränk.

Obwohl dessen enormer Absatz hauptsächlich

ihnen zu verdanken ist, hat sich der Hersteller bis heute

nicht zu den Juggalos bekannt, sondern deren Existenz

eher beschämt zur Kenntnis genommen.

Das langgezogene Whoopen ist Begrüßung oder Ausdruck

von Stolz und Respekt zugleich. Es klingt wie ein sehr

langes, tiefes Alpenhorn und verändert seine Bedeutung,

je nachdem wie lange Juggalos den Laut ziehen. Sie hängen

es an jeden Satz, an jede Aussage – whooop whooop.

Ihr Kleidungsstil lässt sich schwerer einordnen, er changiert

zwischen klassischer Streetwear, schwarzer Rockerkluft,

Emo-Nuancen und Techno-Einflüssen. So schwierig sich ihr

Stil beschreiben lässt, die Modeindustrie hat ihn schon längst

für sich entdeckt. Der japanische Designer Yoshio Kubo

transportiert in seiner Männerkollektion für den Sommer

2013 die Clownsmaskerade und wilde Farb-, Muster- und

Schnittkombinationen in einen tragbaren Streetwearstyle, zu

High-Top-Sneakern und nackten Männerbrüsten.

Die Juggalettes haben hingegen wenig bis nichts an,

sie feiern gerne komplett nackt. Das Logo des Running

28 den Stummel abgebrannte Zigarette raucht er, ohne dabei Hatchet Man ist auf der Kleidung und vor allem als Täto-

29

wierung weit verbreitet. Ursprünglich galt es als Logo der

Plattenfirma der Insane Clown Posse, mittlerweile ist es eines

der Erkennungszeichen der Juggalos.

Die Insane Clown Posse besteht aus Joseph Bruce und

Joseph Utsler, bekannter als Violent J und Shaggy 2 Dope.

Zusammen mit ihrem Manager gründeten sie früh ihr eigenes

Musiklabel namens Psychopathic Records, für dessen

Logo sie den Running Hatchet Man kreierten. Wer weiß, ob

sie unter einem anderen Label jemals Platten veröffentlicht

hätten, denn ihre Texte handeln von Huren, Nekrophilie,

Suizid, Satanismus, Vergewaltigung und Mord. Zwar sagen

sie selbst, in ihren Lyrics stecke viel Sarkasmus und Ironie,

doch auch das beruhigt die entsetzte Gesellschaft der

USA wenig. Ihr HipHop-Musikstil Horrorcore ist ein Mix

aus Rap, Death Metal und Alternative Rock. In den Worten

von Bruce hört sich das etwas anders an: „In unseren

Liedern vereinen wir unsere größten Ängste und unsere

Wut. Wir sind Clowns, die Menschen verletzen und töten,

wenn sie es verdient haben!” Das sind ihrer Meinung nach

Rassisten und Gotteslästerer. Seit zwei Jahrzehnten werden

sie dafür von MTV gänzlich ignoriert. Mehrfach bekamen

sie von USA Today den Award für das schlechteste Album

des Jahres verliehen und selbst auf Youtube erhalten ihre

Videos mehr negative als positive Kommentare. Doch das

macht ihnen gar nichts. Mit mehr als sieben Millionen verkauften

Tonträgern und auch dank Merchandise-Artikeln

scheffeln sie ordentlich US-Dollar.

Heute verdienen beide durch ihre Musik viel Geld. Ihr

Background sieht aber ganz anders aus. Bruce (Violent J)

wuchs in bitterer Armut auf. Seine Kleidung bekam er bei

Wohnungsauflösungen, das Essen spendeten ihm Hilfsorganisationen.

Er hatte keinen Job, kein Auto und keine

Freundin. Seine Mitschüler spotteten über sein Loser-

Dasein. Aber anstatt sich dafür zu schämen, beschloss er

Fotocredit

Das geschminkte

Clownsgesicht ist eines

der Erkennungszeichen

der Juggalos. Manche

sprühen es sich mit

Graffitifarbe auf, damit

es die vier Festivaltage

überdauert

Werk VI . Mixtape


30 a bitchboy and beat down a rich boy“) und Frauen nicht

31

Werk VI . Mixtape

Neben mehreren

Zelten, in denen für

Unterhaltung gesorgt

wird, gibt es unzählige

Snackbuden auf

dem Gelände

gemeinsam mit seinem Bruder, stolz darauf zu sein: Sie

nannten sich und alle Gleichgesinnten Floobs und schufen

sich eine Gemeinschaft aus Leidensgenossen. Der Respekt

untereinander sowie der starke Stolz der Floobs erinnern

sehr an die familiäre Haltung zwischen den Juggalos.

Ihren Namen bekamen die Juggalos mit dem Song „The

Juggla“, der 1994 auf dem Album Carnival of Carnage der

Insane Clown Posse erschienen ist. Die Fans betitelten sich

danach selbst als Juggalos und mutierten zu fanatischen

Anhängern des Rap-Duos und den Künstlern von Psychopathic

Records. Unter Vertrag befinden sich bei dem Label

momentan zehn weitere Musiker. Einer der bekanntesten ist

wohl Vanilla Ice – der erste weiße Rapper mit kommerziellem

Erfolg, der dadurch seine Credibility verlor. Mittlerweile

versucht er sich an einem Mix aus HipHop und Rockmusik

und erntet dafür nur mäßigen Respekt.

Die Insane Clown Posse griff die Bewegung ihrer Fans

auf und skizzierte drei Jahre später in dem Lied „What Is

A Juggalo“ ein paar nähere Eigenschaften der Posse. Es

sind Verrückte, die mit ihren nicht minder durchgedrehten

Freunden abhängen („A fucking lunatic...Winking at

the freaks“), nebenher ein paar Snobs verprügeln („He ain’t

immer ganz ehrenhaft behandeln („He could give a fuck

less what a bitch thinks”). Jedoch lassen sich Juggalos nicht

gerne definieren, sie sind eine Familie – und nur das zählt:

„What is a Juggalo? I don’t know, but I’m down with the

clown, and I’m down for life, yo!“

Seit ihrer Entstehung in den späten 90ern haben Juggalos

ihre eigenen Slangausdrücke, Symbole, Verhaltensweisen

und Handzeichen entwickelt. Mit dem Zeichen des Wicked

Clowns symbolisieren sie ihren Stolz und die Familienzugehörigkeit.

Dafür formen sie mit der linken Hand das W des

Westside-Zeichens und mit der Rechten ein C – dabei überkreuzen

sie die Hände. Denn um Stolz und Liebe zur Familie

dreht sich alles bei ihnen, sie nennen das auch MMFWCL

(Much Mother-Fucking Wicked Clown Love).

Diese Zusammengehörigkeit feiern sie jedes Jahr mit einer

Art Familientreffen – dem „Gathering of the Juggalos“.

Ob Mann, Frau oder Kind – für jeden gibt es hier etwas zu

Das Festival ist eine Mischung aus keuschem

Kinderkarussell und obszöner Geisterbahn

Werk VI . Mixtape

Fotocredit

Fotocredit

erleben. Ganze Familien pilgern zum Gathering, und nicht

selten ist es ihr einziger Urlaub im Jahr. Als Einzelgänger

vereint, chillen und campen sie zusammen für vier Tage

auf 46 Hektar – eine Fläche, die größer ist als der Vatikan.

Egal, wie ihr Gegenüber aussieht, egal, was er in seinem

Leben gemacht hat – er ist ein Juggalo und das ist Grund

genug, ihn zu akzeptieren und stolz auf ihn zu sein. Genau

dieses Gefühl wird gefeiert.

Der Ort des Irrsinns nennt sich Cave-In-Rock und liegt

in Illinois, USA. Es gibt viele Mythen und Sagen über

das „Gathering of the Juggalos“, aber wohl auch wahre


Geschichten. HipHop-Acts wie Bubba Sparxxx wurden

dort von der Bühne gebuht, Glamour-Sternchen wie Tila

Tequila auf derselben fast gesteinigt, und der Schauspieler

Charlie Sheen war mindestens stoned, als er versuchte, gegen

die whoopende Menge anzuschreien.

Das Gelände des Gathering ist wie ein Vergnügungspark

aufgebaut, eine Mischung aus keuschem Kinderkarussell

und obszöner Geisterbahn. Auf zwei großen Bühnen treten

„Hier ist es egal, ob du mit einem Silberlöffel

oder einem Crack-Klumpen im Mund

geboren wurdest“

Werk VI . Mixtape

Fotocredit

Fotocredit

alle Künstler von Psychopathic Records sowie geladene Acts

auf. Neben der Insane Clown Posse waren das über die Jahre

Busta Rhymes, Ol’ Dirty Bastard, Master P, Method Man &

Redman, Three 6 Mafia, die Ying Yang Twins oder Xzibit.

Um die drei Campingplätze Chaos District, Red Mist

Mountain und Loonie Boonies verteilen sich sechs weite-

32 re kleine Bühnen. Doch Musik ist nicht alles beim Gathe-

33

ring. Es gibt Zelte für Seminare, Freakshows, Autogramme,

Comedy sowie für Juggalo-Karaoke. Wem das nicht

reicht, für den gibt es Frauenwrestling – stilecht mit viel

Öl versteht sich –, Wet-T-Shirt-Contests und Ms-Juggalettes-Schönheitswettbewerbe.

Wer keine Lust auf Riesenrad

fahren hat, fliegt eben mit einem Helikopter über das

Gelände oder shoppt Fanartikel. Im Spazmatic Hangout

wäscht man Kleidung und schlürft Energy Drinks. Selbst

eine eigene Wrestling Liga namens Juggalo Championship

Wrestling wurde von der Insane Clown Posse gegründet –

bei den Männern selbstredend ohne Öl.

Das 7-Juggaleven ist ein kleiner Laden unter einer Lastwagenplane,

in dem zwei Besucher Süßigkeiten, Zahnbürsten

und andere Kleinigkeiten verkaufen. Daneben ist die

Drug Bridge, auf der bis zu zwanzig Dealer ihre Drogen mit

selbstgemalten Schildern anpreisen. Obwohl die Polizei den

Drogenmissbrauch vor Ort mitbekommt, greifen sie nur in

den seltensten Fällen ein, denn die Juggalos sind weit in der

Überzahl. Und zu guter Letzt ist da der Lake Hepatitis – ein

mickriger See mit einem warnenden „Swim at your own

risk“-Schild, das tief in der braunen Brühe steckt.

Bruce und Utsler nennen es „das umstrittenste Festival der

Welt“, ins Leben gerufen von der „meistgehassten Band der

Welt“ – sie benutzen gerne Superlative. „Es ist ein verficktes

Juggalo-Woodstock, nur besser. Hier gibt es mehr zu erleben,

mehr zu sehen, mehr Frauen zu ficken. Alle sind am

Durchdrehen!“, fügt Bruce hinzu. Juggalos brennen hier vor

Freude schon mal ein Auto nieder oder schieben sich gegenseitig

Fleischerhaken mit Seilen verknotet in den Rücken,

um Seilziehwettkämpfe auszutragen. Ein Wahnsinns-Fest.

Doch was hier vor allem zählt, ist die Gemeinschaft,

und die spürt wohl jeder. Der Juggalo ist endlich unter

Gleichgesinnten, fühlt den Stolz der Familie und findet das

friedliche, harmonische Nest, das ihm in seinem Alltag als

Werk VI . Mixtape

Ganze Familien

reisen zum Gathering

of the Juggalos

und verbringen dort

ihren Jahresurlaub


34

Werk VI . Mixtape

freakiger Außenseiter verwehrt bleibt. Der US-amerikanische

Journalist Richard Metzger beschreibt das Gathering

als eine „White-Trash-Version des Burning-Man-Festivals,

nur dass die Besucher einen deutlich niedrigeren IQ haben

und erschreckend hässlich sind. Frauen saufen und rauchen,

obwohl sie schwanger sind, und das ganze Gelände versifft

durch leere Faygo-Limonadenflaschen zu einer Müllhalde.“

Auf dem Festival herrscht eine niedrige Kriminalitätsrate.

Dass dem Juggalo inzwischen der Ruf des kriminellen

Asozialen anhaftet, liegt daran, dass die Subkultur sich

unaufhaltsam in zwei Lager aufspaltet – in die gewalttätige

und in die gewaltfreie Fraktion.

Die Subkultur spaltet sich in zwei

Lager – in die gewalttätige und in die

gewaltfreie Fraktion

Seit Anfang 2000 registriert die amerikanische Regierung

eine schnell wachsende kriminelle Gruppe, die sich von

der ursprünglichen Gemeinschaftsidee entfernt. Inzwischen

spricht man von mehreren Juggalo-Gangs mit mehr

als 150.000 Mitgliedern. 2011 erklärte das FBI die Juggalos

offiziell zu einer kriminellen Organisation. Denn während

die gewaltfreien Fans zu Texten über Mord, Suizid, Nekrophilie,

Satanismus, Vergewaltigung und Huren nur feiern,

setzen die gewalttätigen Juggalo-Gangs die Liedtexte in die

Tat um: Ihr Strafregister umfasst Mord, Schießerei, Drogenhandel,

Brandstiftung, Einbruch, Hausfriedensbruch,

bewaffneter Raub und schwere Körperverletzung. Sie

zählen berüchtigte Gruppierungen wie die kalifornischen

Bloods, Crips und Sureños zu ihren Verbündeten. Als ihren

größten Gegner sehen sie die lateinamerikanische

Gang Mara Salvatrucha (MS-13): die aggressivste unter

den gewaltbereiten Gruppierungen der USA – quasi der

Tod persönlich.

Besonders kriminell agiert unter den Juggalo-Gangs eine

Gruppe namens Juggalo Killers. Sie ist eng verbunden mit

dem Ku Klux Klan und der Aryan Brotherhood – beide

stark rassistisch verwurzelt.

Zwischen den zwei Juggalo-Fraktionen herrscht absolute

Feindseligkeit: Die Gangs halten die Musikfans für Loser –

denn die wollen mit dem Gedankengut und der Gewaltbereitschaft

nichts zu tun haben. Die Fans versuchen sich von

den Gangs zu distanzieren, und dafür werden sie von den

Bandenmitgliedern verachtet und angegriffen.

Sie sehen zwar gleich aus, tragen alle als Erkennungszeichen

den Running Hatchet Man und nennen sich Juggalos.

Doch einzig der Glaube an die jeweilige Familie, sowie ihr

gemeinsamer Name verbindet sie.

Die US-amerikanische Kriminalbeamtin und Expertin

für Gangbildung, Michelle Vasey, bat die Öffentlichkeit

2011 in einem offiziellen Schreiben deshalb zu bedenken:

„Ich hoffe nicht, dass die Leute einen Juggalo sehen und

sagen: ‚Oh, er ist ein Gang-Mitglied, er hat eine Machete

und wird uns alle zerstückeln.’ Aber die Leute müssen sich

bewusst machen, dass es in den vergangenen drei Jahren

riesige Probleme in den östlichen und westlichen Vereinigten

Staaten gab, bei denen wir im Zusammenhang mit Verbrechen

und grausamen Straftaten mehrere Personen einer

Gang verhaftet haben, die sich ‚Juggalos’ nennt.“

Der US-amerikanische Fotograf Daniel Cronin beschäftigt

sich seit langem mit der Juggalo-Subkultur und dokumentiert

die Besucher des „Gathering of the Juggalos“ seit

2010 mit seiner Großformatkamera. „Sie werden für ihre

Art von den Mainstream-Amerikanern verspottet und gehasst“,

sagt er. „Besonders an der Freizügigkeit der Juggalettes

stört sich die Öffentlichkeit.“ Er möchte nicht bestreiten,

dass das Festival auf Außenstehende frauenverachtend

wirken muss und dass Fremdenhass dort ein Thema ist.

Er selbst hat aber weder von sexueller Belästigung gehört,

noch Rassismus oder Nötigung erlebt.

Utsler von der Insane Clown Posse unterstützt diese

Aussage: „Juggalos stammen aus den verschiedensten sozialen

Schichten – sie sind arm, reich, gehören allen Religionen

und allen Ethnien an. Hier ist es egal, ob du mit einem

Silberlöffel oder einem Crack-Klumpen im Mund geboren

wurdest.“ Utslers Wurzeln liegen bei den Cherokee-Indianern,

auch deshalb wehrt sich die Insane Clown Posse

in Liedtexten gegen Rassismus-Vorwürfe. Sie wollen sich

und die nicht-kriminellen Juggalos deutlich von den Gangs

abgrenzen, sie kämpfen gegen eine Verallgemeinerung. In

ihrer Internet-Kampagne „Juggalos Fight Back“ rufen sie

deshalb ihre Fans auf, ungerechtes Verhalten der Polizei

gegenüber Juggalos online zu stellen. Dadurch wollen sie

vor allem auf die Konsequenzen der Juggalo-Verallgemeinerung

aufmerksam machen.

Daniel Cronin, der selbst kein Juggalo ist, ist sich sicher:

„In jeder Musikszene gibt es faule Äpfel. Ich denke jedoch

nicht, dass die Mehrzahl der Juggalos kriminell ist.“ Mehr

noch: „Ich bewundere ihre Loyalität zueinander. Ich bewundere

sie dafür zu sein, wie sie sein möchten – während

Amerika sie verspottet und wie Dreck behandelt. Ich mag,

dass sie anderen gegenüber trotzdem nicht voreingenommen

auftreten. Sie sind sehr egalitär!“

Daniel Cronin wurde 1983 im US-Bundesstaat

Virginia geboren. Neben Musik und Philosophie

studierte er Fotografie und lebt heute als

Fotograf in Oregon.Unter anderem arbeitete

er für MTV, seine Werke erschienen bis jetzt im

The Guardian UK, Vice/Noisey, The Huffington

Post und The Wall Street Journal. Seit 2010 fährt

er zu dem jährlichen Gathering of the Juggalos

und porträtiert dort die Besucher und Fans –

sein gleichnamiger Bildband The Gathering of

the Juggalos erschien dieses Jahr beim Prestel

Verlag. Daniel Cronin liebt in Alufolie eingewickelte

Burritos, den Sound von Güterzügen,

70er Prog Rock, 4x5 Kameras und Jameson

Whiskey mit Ginger-Ale.

Fotocredit

35

Werk VI . Mixtape

Einen Dresscode

gibt es auf dem

Festival nicht,

selbst im Pyjama

fällt man nicht auf.


Werk VI . Mixtape

Stadtgeschichte

Auf den Spuren von Musikern im Berlin der 70er- und 80er-Jahre

Von: Alexandra Brechlin

Fotos: Carina Adam UND INKA CHALL

E

s ist schon jetzt das Comeback des

Jahres: Die Single „Where Are We

now“ von David Bowie. Das Stück

ist nicht nur das erste musikalische

Lebenszeichen des Musikers

seit über 10 Jahren, es ist auch

eine Liebeserklärung an Berlin.

Genauer gesagt an das Berlin der

70er-Jahre, das damals Musiker

aus aller Welt inspirierte. Durch die Mauer isoliert, hatte

Berlin einen ganz eigenen Rhythmus, war ebenso düster wie

verweigernd. Dieses alte Berlin existiert nicht mehr, aber

es wurden Spuren hinterlassen. Überall gibt es Orte und

Plätze, die ihre eigene musikalische Geschichte haben. Die

Stadt wurde geprägt durch ihre berühmten Ex-Bewohner,

ebenso wie Berlin diese prägte.

Friedhof Grunewald,

Bornstedter StraSSe 11-12, Grunewald

Der ehemalige Selbstmörderfriedhof im Grunewald ist

einer der meistverwunschenen Friedhöfe in Berlin. Abseits

der Havelchaussee, mitten im Wald, liegt er versteckt

und ist ohne Wegweiser schwer zu finden. Hier, im Grab

36 Nummer 82, liegt seit mehr als 20 Jahren eine internatio-

Es war in den späten 70ern, als sich Iggy Pops Band The 37

nale Berühmtheit begraben. Christa Päffgen steht auf dem

Grabstein und darüber in großen Lettern: Nico.

In Köln geboren und in Berlin aufgewachsen, wurde Nico

mit 18 Jahren als Model entdeckt. Sie spielte in Fellinis La dolce

Vita und traf in New York auf Andy Warhol, der sie zur

Leadsängerin der Band Velvet Underground machte. Als sie

20 Jahre alt wurde, hatte Nico bereits alles erreicht. Die ganze

Welt lag der blonden Schönen aus Deutschland zu Füßen.

Aber Nico war anders. Sie hasste Mode und vor allem ihre

Schönheit. Ihr harter Gesang, der so gar nicht zu ihrem hübschen

Gesicht passen wollte, veränderte das Bild von Frauen

in der Popwelt. In ihrer Musik spiegelte diese innere Zerrissenheit

und traf den Nerv der Zeit. „Warum Selbstmord

begehen, wenn Sie diese Platte kaufen können?“, hieß es zur

Veröffentlichung ihres Albums The End. Sowohl Ian Curtis

von Joy Division als auch die Band Bauhaus hoben Nicos

Einfluss auf ihre eigene Musik hervor.

Für eine lange Zeit war Nico heroinabhängig und zerstörte

sich damit systematisch selbst. Am Ende ihres Lebens

geisterte sie in abgedunkelten Hotelzimmern zwischen

Paris, Berlin, New York und Ibiza umher. Frisch

aus dem Entzug, starb sie am 18. Juli 1988 auf Ibiza an den

Folgen einer Gehirnblutung. In Berlin wurde sie schließlich

auf dem Friedhof im Grunewald begraben. Zu Beginn

ihrer Karriere hatte sie sich diese Todesstätte für sich und

ihre Mutter Margarete ausgesucht. Sie wusste, dass man

hier früher Leute begrub, die ihrem Leben selbst ein Ende

gesetzt hatten. Und obwohl es ein Unfall war, durch den

sie ums Leben kam, liegt Nico jetzt auf diesem ehemaligen

Selbstmörderfriedhof für Melancholiker begraben. Ganz

weit weg von den anderen Ikonen ihrer Zeit. Denn sie wollte

nie eine von ihnen sein.

Winterfeldtplatz, Schöneberg

Es ist kurz nach drei Uhr an einem kalten Januarmorgen.

James Newell „Jim“ Osterberg, besser bekannt unter

dem Namen Iggy Pop, kommt aus einem Club und möchte

noch schnell jemanden aus einer Telefonzelle am Schöneberger

Winterfeldtplatz anrufen. Er hat ein bisschen viel

getrunken und ein paar Pillen eingeworfen. Eigentlich

ist also alles wie immer. Doch als er wieder aus der Zelle

heraus will, passiert nichts. Er drückt gegen die Tür. Einmal.

Zweimal. Aber sie öffnet sich nicht. Jemand hat den

Rockstar eingesperrt.

In einem Anflug von Panik ruft er schließlich seine damalige

Freundin an, die glaubt ihm allerdings kein Wort

und legt gleich wieder auf.

Bis sechs Uhr morgens sitzt Iggy Pop in der Telefonzelle

fest. Dann entdeckt ihn schließlich ein Taxifahrer und befreit

ihn mit einem Generalschlüssel.

Wer den Popstar dort eingeschlossen hatte, weiß bis

heute niemand. Aber warum ihm seine damalige Freundin

Esther Friedman nicht half, erklärte sie später in einfachen

Worten in einem Interview mit Zeit Online: „Bei einem

Anruf um drei Uhr morgens war es nicht Jim, der sich meldete,

sondern Iggy.“

Stooges zum zweiten Mal aufgelöst hatte. Der Sänger befand

sich in einer Sinnkrise und geriet durch seinen exzessiven,

selbstzerstörerischen Lebensstil in eine starke

Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Nach mehreren Aufenthalten

in Entzugskliniken in seiner Heimat, den USA,

verschlug es den Exzentriker schließlich nach Berlin, zusammen

mit dem damals ebenfalls stark drogenabhängigen

David Bowie. Hier schaffte es der Musiker, sich langsam

wieder zu fangen und seiner Karriere neuen Schwung

zu geben. Er schloss einen Plattenvertrag bei RCA ab und

produzierte gemeinsam mit Bowie das Album Lust for

Life, auf dem auch sein erfolgreichster Hit „The Passenger“

erschien. Diese sehnsüchtige Gier nach Leben, welche er

in dem Song beschreibt, soll eine Hymne auf die Berliner

S-Bahn und seine Fahrten raus zum Wannsee sein.

Werk VI . Mixtape


38

Werk VI . Mixtape

Kant Kino, KantstraSSe 54,

Charlottenburg

Läuft man am Tag einfach nur so am Kant Kino vorbei,

wirkt es völlig unspektakulär. Aber es ist nicht nur eines

der ältesten Kinos in Berlin, hier wurde Ende der 70er- und

Anfang der 80er-Jahre auch Musikgeschichte geschrieben.

Hier spielten Patti Smith, die Ramones oder Blondie ebenso

wie eine damals noch weitgehend unbekannte Band aus

England: Joy Division.

In ihrer Heimat hatte sie es bereits zu einiger Bekanntheit

gebracht, Konzerte gespielt und ein Album inklusiver

einiger Singles auf den Markt geworfen. Jetzt sollte mit

einer Tour durch die Niederlande, Belgien und die Bundesrepublik

der Rest Europas erobert werden. Abschlussstation

der Tournee: das Kant Kino in Berlin. Damals ahnte

noch niemand, dass es der letzte Ort sein sollte, an dem

sich die junge aufstrebende Band ihrem Publikum auf dem

Festland zeigte.

Das Konzert war an einem kalten Januarabend. Joy Divison

spielten vor gerade mal 150 Leuten.

„Die Atmosphäre war seltsam – irgendwie kalt und

anonym. Man konnte beinahe meinen, das Böse zu spüren“,

erinnert sich noch Jahre später Bernard Sumner, der

ehemalige Gitarrist von Joy Division.

Vier Monate nach diesem Auftritt nahm sich der Sänger

Ian Curtis das Leben. Er war 23 Jahre alt. Wenige

Wochen vor seinem Tod erschien die Single „Love Will

Tear Us Apart“, das Stück wurde kurz danach zu einem

Welthit. Der Liedtext wird oft mit Curtis’ Eheproblemen

in Verbindung gebracht. Seine Witwe Deborah verewigte

die Lyrics am Ende sogar auf seinem Grabstein. Curstis’

Suizid ließen ihn und seine Band zu einer Legende werden.

Keine fünf Wochen nach seinem Tod erschien die

Single „Komakino“, zu der Ian Curtis von seinem Auftritt

im Kant Kino inspiriert wurde.

Dresdener StraSSe 11, Kreuzberg

„Ich würde gern für ein paar Monate in Berlin leben“,

soll Nick Cave eines Tages ganz spontan und angetrunken

zu einem Freund in London gesagt haben. Genau das

tat er bald darauf und aus ein paar Monaten wurden fast

acht Jahre. 1983 zog er bei seinem Freund Christoph Dreher

von der Punkband Die Haut in eine Fabriketage in der

Dresdener Straße 11 in Berlin-Kreuzberg ein.

Oft ist der Sänger während dieser Zeit mitten in der

Nacht aus dem Schlaf senkrecht aus dem Bett hochgeschreckt

und fing an, laut zu schreien. Seinem besorgten

Mitbewohner erklärte er darauf immer: „Das ist normal.

Das mache ich oft.“

Heute sagt Nick Cave, er könne nicht über seine Berliner

Zeit sprechen, weil er sich nicht mehr daran erinnere. Als

er damals in der geteilten Stadt ankam, herrschte so etwas

wie Weltuntergangsstimmung – da war die Mauer und diese

unterschwellige Angst vor dem Kalten Krieg. Aber es war ein

perfekter Ort für den jungen Nick Cave, der damals pleite,

perspektivlos und vor allem heroinabhängig war. Er schaffte

es, sich in der Stadt neu zu erfinden und zog eine ganze

Jugendbewegung mit. Nachdem er seine Band The Birthday

Party aufgelöst hatte, stolzierte er jede Nacht von Club

zu Club und eroberte Berlin im Sturm. Durch eine Konzert-Szene

in dem Wenders-Film Der Himmel über Berlin

wurde er zum Idol der Kunst- und Musikszene. Bald trugen

alle die für Nick Cave typischen Anzüge, gebügelte Hemden

und Lederhandschuhe. Die Stadt baute ihn auf, hier galt er

als Exot, irgendwie cool und irgendwie gefährlich.

Im Club Risiko traf Cave auf Blixa Bargeld und gründete

mit ihm The Bad Seeds. Mit Musikern, die nicht wussten,

was genau sie eigentlich wollten, beginnt er, mehrere, kommerziell

erfolgreiche Alben zu veröffentlichen. Anstelle lärmender

Punkmusik von The Birthday Massacre singt er jetzt

kunstvollen, dunklen Blues und gefühlvolle Balladen.

Als Cave kurz vor dem Mauerfall weiterzog und Berlin

verließ, feierte man ihn als den großen Überlebenden eines

wilden Jahrzehnts, der ohne Plan in der Stadt gestrandet

war und es zum stilprägenden Künstler schaffte.

Weinstube Ganymed,

Schiffbauerdamm 5, Mitte

In der Weinstube Ganymed trifft sich heute gern die

Polit-Prominenz. Das prunkvolle, stuckverzierte Lokal

am Schifferbauerdamm liegt nah am Bundestag und

auch direkt an der ehemaligen Sektorengrenze, die einst

den Osten vom Westen trennte. Damals passte das Nobelrestaurant

im Ostteil der Stadt in keines der sozialistischen

Raster. Mit französischer Speisekarte und Kellnern

in Frackhemden mit echten Perlmuttknöpfen galt es als

kleines Tor zum Westen.

Es war einer der weniger bekannten Lieblingsplätze von

Popikone David Bowie während seiner legendären Berliner

Jahre. Bis heute wird Bowie und seine Beziehung

zu Berlin in den Medien diskutiert. Alle reden von der

Hauptstraße, den Hansa-Studios und den langen Nächten

im Club Dschungel. Aber fasziniert war Bowie auch

vom Osten der Stadt. Sein britischer Pass ermöglichte es

ihm problemlos, über den Checkpoint Charlie zwischen

den beiden Stadthälften zu wandern. Am Tag fuhr er oft

raus zum Wannsee und am Abend besuchte er gern die

Vorstellungen des Berliner Ensembles, um sich danach

gleich um die Ecke in der Weinstube Ganymed niederzulassen.

Nach der künstlichen Welt der USA, insbesondere

Hollywoods, in der Bowie zuvor gelebt hatte, muss ihm

der Osten von Berlin wie eine Reise in eine andere Zeit

vorgekommen sein.

Berlin inspirierte, faszinierte und kurierte ihn sogar weitgehend

von seinen damaligen Depressionen und seiner

Kokainsucht.

Erst Anfang diesen Jahres überraschte David Bowie die

Musikwelt mit seinem Comeback und einem Anflug von

Berlin-Sehnsucht. „Where Are We Now?“ ist eine Hommage

an die Stadt, die ab 1976 für drei Jahre sein Zuhause

war und die ihn bis heute offensichtlich nicht losgelassen hat.

Eisengrau, GoltzstraSSe 37, Schöneberg

Im Berlin Anfang der 80er-Jahre lag Neuerung und Aufbruch

in der Luft. Es war die Zeit der Untergrundszene und

der Entstehung ganz neuartiger Musik. Plötzlich gab es

überall Punkbands mit klangvollen Namen wie Die Tödliche

Doris, Malaria! oder Einstürzende Neubauten.

Sie alle gelten als Pioniere in der experimentellen Musik,

beeinflussten Bands wie Depeche Mode und haben eines

gemeinsam: die Goltzstraße 37 in Berlin-Schöneberg.

Eigentlich kaum vorstellbar, denn heute befindet sich an

dieser Ecke und auf drei Etagen verteilt ein gut sortierter

Hobby- und Bastelshop.

Vor 20 Jahren hieß der Laden noch Eisengrau und wurde

von Christian Emmerich bewohnt. Einem dünnen, sehr

nervösen jungen Mann, der gern mit synthetischen Drogen

experimentierte und später unter dem Künstlernamen

Blixa Bargeld als langjähriger Gitarrist der Bad Seeds und

vor allem als Gründungsmitglied der Einstürzenden Neubauten

in die Musikgeschichte eingehen sollte.

Ursprünglich gehörte der Laden, in dem sich der junge

Musiker eingenistet hatte, den beiden Frauen Bettina Köster

und Gudrun Gut. Das Eisengrau war eine kleine Modeboutique

für Punk-Klamotten, in der es selbstgestrickte

grau-schwarze Pullover zu kaufen gab. Doch schnell entwickelte

er sich zum Treffpunkt der deutschen Punk- und

New-Wave-Szene.

Der junge Alex Hacke, damals besser bekannt als Alexander

von Borsig, späterer Bassist bei den Neubauten,

schwänzte hier regelmäßig die Schule. Sowohl der Technopionier

Dr. Motte, Ben Becker und DJ Fetisch von den Stereo

MCs trafen sich hier zum Kaffeetrinken, Flipperspielen

oder einfach nur zum Tratschen.

Das Sortiment des Eisengrau erweiterte sich über die Zeit

um allerlei seltsame Sammelsurien und ein Kassetten- und

Plattenlabel, um die aufkeimende Szene zu fördern.

Hier erschienen die ersten Platten der Einstürzenden

Neubauten, limitiert auf 20 Stück, hier fanden die ersten

Bandproben und Konzerte statt, direkt neben selbstgemachten

Farbfolienportemonnaie aus Sexmagazinen vom

Sperrmüll. Und von hier wurde der deutsche Dark Wave

hinaus in die Welt getragen.

39

Werk VI . Mixtape


40

Werk VI . Mixtape

von Inga Schwarz

Fotos: Sarah Sondermann

Christiane P. ist seit ihrem 13. Lebensjahr Scooter-

Fan. Die heute 33-Jährige hat seitdem fast jedes

Konzert des Happy-Hardcore-Trios besucht. Ihr

ganzes Leben dreht sich um die kommerziell

erfolgreichste deutsche Techno-Band. Die Musik

von Scooter, sagt Christiane, hätte es

ihr sogar einmal gerettet. Ein Porträt

über den wahrscheinlich größten

Fan Deutschlands.

41

Werk VI . Mixtape

In Christianes

Fan-Höhle wachen

Stofftiere und

Scooter-Poster


Christiane mit einem

ihrer kostbarsten

Sammlerstücke:

Diese Flying-V-Gitarre

gehörte einst H. P.

Baxxter, bevor er

sie auf einer Bühne

zerschlug

Im Bahnhof in einem Stadtteil des nordrhein-westfälischen

Euskirchen gibt es nur

ein Gleis. Zweimal stündlich fährt hier ein

Regionalzug in Richtung Norden oder Süden.

Das Bahnhofsgelände sieht verlassen

aus. Nur eine einzige Person mit kräftiger

Statur wartet vor der betonierten Treppe, die

zum Gleis führt. Auf Christianes großzügig

geschnittenem T-Shirt steht etwas in leuchtenden

Buchstaben geschrieben. Ihre langen,

dunkelblonden Haare und das schwarze

Shirt wehen im Wind, als sie lässig, aber etwas

unsicher eine Hand zum Gruß hebt. Von

weitem sieht sie aus, als käme sie gerade von

einem Rockkonzert. Erst als der Schriftzug

auf ihrem T-Shirt lesbar wird, ist klar: Diese

Frau wäre auf einem Rockkonzert völlig fehl

am Platz: „Scooter – The Big Mash Up“ steht

da in weißen Großbuchstaben. Von ihren

insgesamt 65 Scooter-Shirts ist dieses momentan

ihr liebstes. Gekauft hat sie es auf einem Konzert der

gleichnamigen Tour vor einem Jahr.

Christiane besucht fast jedes Konzert von Scooter. Seit

Gründung der Band im Jahr 1993 müssen es um die 500

gewesen sein, schätzt sie. Ein paar wenige fehlen auf ihrer

Liste. Reisen nach Spanien, Finnland, Frankreich, Belgien,

England, Irland oder Ungarn gehören allerdings zur Routine:

Um Scooter auf Konzerten entgegenzufiebern, fährt

Christiane gerne in die großen Metropolen der Welt. Doch

zu Hause ist sie in Euskirchen. Seit 1987 lebt sie in dieser

eher ländlichen Gegend. Einen Grund, in eine größere

Stadt zu ziehen, sieht sie nicht. „Ich mag die Idylle und die

Ruhe. Eigentlich bin ich auch ein sehr ruhiger Mensch“,

sagt sie und schließt die Tür zu ihrer Wohnung auf. Ihren

Schlüsselband schmückt ein Scooter-Schriftzug.

Auf geschätzten 40 Quadratmeter Wohnraum verteilt

sich all das, was sich in fast 20 Jahren Fan-Dasein angesammelt

hat. An den Wänden reihen sich Scooter-Poster

aneinander, Plakate von lange zurückliegenden Touren

lassen etwas mitgenommen ihre Ecken hängen. CD-Regale,

in denen sich die sorgfältig sortierte Scooter-Sammlung

befindet, drohen unter der Last zusammenzubrechen. Das

Auge versucht vergeblich, eine freie Stelle an Wänden und

Türen zu finden. In zwei von drei Zimmern der Wohnung

herrscht die absolute Scooter-Welt. „Das eine habe ich erst

vor Kurzem dazubekommen, weil die anderen fast auseinandergeplatzt

sind“, sagt Christiane, etwas peinlich berührt.

Von alten Videokassetten über DVDs, CDs und Schallplatten

bis hin zu Zeitschriften und Plakaten besitzt sie so

ziemlich alles, was Scooter jemals veröffentlicht hat. Nahezu

alle ihre Sammlerstücke sind original unterschrieben.

Stolz zeigt sie auf ramponierte Flying-V-Gitarren hinter der

Zimmertür. „Die hat H.P. auf der Bühne zerdeppert“, sagt

sie, und ihre Augen fangen an zu leuchten. Auf einem ihrer

unzähligen Konzertbesuche konnte Christiane eine der Gitarren

abstauben. „Die andere wollte H.P. wegschmeißen,

als ich die Jungs spontan in Hamburg im Studio besucht

habe“, sagt sie. „Da habe ich sie natürlich sofort mitgenommen.“

Das Management von Scooter hält nichts von

spontanen Studiobesuchen, das hat Christiane schon am

eigenen Leib erfahren. Sie hält sich inzwischen ein bisschen

zurück. „Die waren irgendwann schon richtig genervt, und

das möchte ich natürlich auch nicht“, gibt sie zu. Die Frau,

die für Scooter lebt, möchte sich nicht aufdrängen, weil sich

das nicht gehört. Der große Fan, der sie ist, kommt nur in

Konzerthallen während der Autogrammstunden aus ihr

heraus. Vor allem im Berufsleben hat er nichts zu suchen.

Daher versucht Christiane, ihre Arbeit klar vom Privatleben

und damit auch von Scooter zu trennen. „Meine Kollegen

würden das nicht verstehen“, sagt sie.

Bis vor kurzem arbeitete Christiane für eine Zeitarbeitsfirma

an einer Papierpresse. Meistens wurde sie für die Nachtschichten

eingeteilt. Keinesfalls ein Job, von dem sie immer

geträumt hat. Doch als gelernte Bäckerin sind ihre Möglichkeiten

begrenzt. Am liebsten hätte sie beruflich etwas mit

Computern oder Handys zu tun. Denn neben Scooter sind

die ebenfalls aus ihrem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie

zeigt auf einige Computer, die verteilt im Raum stehen. „Ich

baue sie auch selbst zusammen“, sagt sie.

Als Christiane vor knapp 20 Jahren das erste Mal „Hyper

Hyper“ im Radio hörte, konnte sie mit dem Stück erstmal

nur wenig anfangen. „Rhapsody in E“, ebenfalls auf der

Single-CD, überzeugte sie allerdings sofort. Nachdem sie

dann auch das Musikvideo zu „Hyper Hyper“ im Fernsehen

gesehen hatte, war es endgültig um sie geschehen. „Als

ich H.P. Baxxter in dem Video sah, wusste ich, er ist ein Engel.

Ihm fehlen nur noch die Flügel.“ Christiane schwärmt

für seine blonden Haare und die blauen Augen. „Darin

kann ich mich vergessen“, sagt sie verträumt.

Das Vergessen spielt in Christianes Leben eine große

Rolle. Schon in den frühen Kindheitsjahren hatte die heute

33-Jährige das erste Mal mit Leukämie zu kämpfen. Sie

schaffte es, die Krankheit zu besiegen. Doch der Tod ihrer

Eltern und ein Krankheitsrückfall haben sie zu einem

Menschen gemacht, der in sich gekehrt und zurückgezogen

lebt. „Ich hatte nie viel Erfolg im Leben, erst durch Scooter

bin ich aus mir herausgekommen, sah wieder einen

Sinn im Leben und konnte richtig gesund werden“, sagt

sie mit ernster Stimme. Als es Christiane gesundheitlich so

schlecht ging, hatte sie nur einen einzigen Wunsch: „Ich

dachte mir, auch wenn ich vielleicht bald sterbe, vorher

möchte ich H.P. Baxxter kennenlernen“, erinnert sie sich.

Als Christiane damals anfing, Scooter hinterherzureisen,

ging es ihr hauptsächlich um H.P. Baxxter. „Mit 16 Jahren

war ich in diesen Mann verliebt, er ist der Grund, warum

ich Scooter-Fan geworden bin“, sagt sie. Heute ist Christiane

erwachsen, und ihr sind alle drei Bandmitglieder sowie

auch der Manager Jens Thele gleich wichtig. Attraktiv findet

sie H.P. nach wie vor. Auf ihrem Facebook-Profilbild

grinst er in die Kamera, und auch ihren Computerbildschirm

ziert ein Foto von ihm. Christiane ist schon seit vielen

Jahren in einer festen Beziehung. Äußerlich haben ihr

Freund und H.P. Baxxter immerhin zweierlei gemeinsam:

dieselbe Haar- und Augenfarbe. Eifersucht spiele in der Be-

Scooter gehören

mit über 20 Top-

Ten Hits in den

deutschen Single

Charts zu den

erfolgreichsten

Bands Deutschlands.

Der erfolgreichste

Song

der Techno-Band

ist Hyper Hyper

aus dem Jahr

1994. Er verschaffte

Scooter

den internationalen

Durchbruch

und hielt sich

24 Wochen in

den deutschen

Single-Charts. Die

Band besteht heute

aus dem Frontmann

H.P. Baxxter

(eigentlich Hans

Peter Geerdes),

Rick J. Jordan

(eigentlich Hendrik

Stedler) und

Michael Simon. Zu

ihren bekanntesten

Stücken zählen

„How Much

Is The Fish“ und

„Wicked!“. Bis

heute verkaufte die

Band weit mehr

als 25 Millionen

Tonträger und

haben dafür über

80 Gold- und

Platin-Schallplatten

bekommen.

ziehung keine Rolle. „Mein Freund hat mich so kennengelernt.

Er muss das akzeptieren.“ Dem einen oder anderen

mag Christianes extremes Fan-Dasein auch schon seltsam

vorgekommen sein. „Ich wurde schon mal vor die Wahl

gestellt: entweder Scooter oder ich. Da habe ich den Kerl in

den Wind geschossen.“

Christiane hat H.P. Baxxter und seine Bandmitglieder

Rick J. Jordan und Michael Simon mehr als 20 Mal persönlich

getroffen. „Ich gehöre schon zum Inventar“, sagt sie.

Meistens versucht sie, die Band vor oder nach den Konzerten

zu erwischen, um ein paar Fotos zu schießen. An

das erste Zusammentreffen mit H.P. erinnert sich Christiane

gut. „Es war 1997 auf der ,The Age Of Love’-Tour in

Hamburg. Eine Freundin und ich haben die Jungs einfach

vor dem Eingang abgepasst.“ Ihre regelmäßigen Versuche,

die Band persönlich zu treffen, kommen nicht immer gut

an. „Manchmal reagieren sie schon genervt, vor allem, als

ich H.P. einmal privat gesehen habe und ihm ,Hallo‘ sagen

wollte.“ Seitdem versucht Christiane, die Privatsphäre des

Trios zu respektieren und nur auf Konzerten die Crew zu

fragen, ob sie die Band kurz treffen darf. „Ich habe dann

einfach Glück, wenn es klappt“, sagt sie und schaut gedankenversunken

auf ihr Handy, von dessen Bildschirm ihr

H.P. Baxxters blaue Augen entgegen strahlen.

Einen Moment lang verharrt Christiane in ihren Erinnerungen,

dann steht sie plötzlich auf. „Ich habe die schönste

Autogramm-Sammlung“, sagt sie begeistert und sucht

etwas in einem Schrank, in dem es von Scooter-Artikeln

nur so wimmelt. Einen Augenblick später kommt sie mit

einem riesigen Fotoalbum zurück. „Ich gehe auf jede Autogrammstunde“,

sagt sie stolz. Auf einem etwas vergilbten

Exemplar von 1994 lächelt ihr ein sehr viel jüngerer H.P.

Baxxter entgegen. Verträumt blättert Christiane durch ihre

Sammlung, zeigt hier und da auf eine Karte. „Für Christiane“

steht dort fast überall geschrieben. „Das ist jetzt

auch schon 13 Jahre her“, erinnert sie sich, als sie ihre

Lieblings-Autogrammkarte zeigt. „Da sieht H.P. einfach

supersexy aus.“ Für kein Geld der Welt würde sie diese Raritäten

verkaufen.

In ihrer Wohnung hört Christiane momentan nur selten

Musik. Schuld daran ist ein Hörsturz auf dem rechten Ohr,

den sie der Lautstärke auf den Konzerten zu verdanken hat.

Auf die Live-Auftritte von Scooter möchte sie aber trotzdem

nicht verzichten. Mit Ohrstöpseln im Gepäck reist sie

weiter in fast alle Länder, in denen Scooter auftreten. Besonders

bei den Konzerten kann Christiane alles um sich

herum vergessen und ganz mit der Musik davonschweben.

Es ist ein Erlebnis, das Christiane mit Worten kaum

beschreiben kann: ausrasten, tanzen, feiern trifft es ganz

gut. Natürlich in der ersten Reihe. „Ich bin immer vorne.

Der Platz gehört mir“, sagt sie. Um diese Position bei

jedem Konzert zu behaupten, kommt es schon mal vor,

dass sie 13 Stunden vor Einlass vor der Tür steht. Das sei

aber ein Extremfall. „Normalerweise kann man ab 19 Uhr

rein. Dann bin ich immer zwischen 11 und 12 Uhr mittags

da“, sagt sie, als sei es ganz selbstverständlich. Sobald die

Türen aufgehen, könne es auch mal mörderisch werden.

Ohne Rücksicht auf Verluste versucht jeder, nach ganz

vorne zu kommen. Christiane erinnert sich an ein Konzert

in Prag, auf dem ihr ein Fan im Gedränge mit voller

Wucht seinen Ellenbogen ins Gesicht rammte. Auch während

des Live-Auftritts kann es gefährlich werden. „Eines

meiner heftigsten Konzerte war 1997 in Mainz“, sagt sie.

„Scooter haben vor 40.000 Fans gespielt, danach hatte ich

am ganzen Körper blaue Flecken, und mein T-Shirt war

zerrissen.“ Wenn Scooter auf der Bühne „Maria, I Like It

Loud“, „Fuck The Millennium“ oder „Wicked“ spielen, ist

es für Christiane an der Zeit, alles andere hinter sich zu lassen.

Ihre Vergangenheit, die von schlechten Erinnerungen

geprägt ist, gerät für sie völlig in Vergessenheit. Auf einem

Scooter-Konzert kann sie neuen Lebensmut schöpfen und

dadurch die Zukunft optimistischer betrachten.

Über ihre Vorliebe für Scooter hat Christiane schon

einige Freundschaften knüpfen können. Viele hat sie auf

Konzerten oder im Internet bei Facebook oder in Scooter-

Foren kennengelernt. Doch nicht alle sind gut auf Christiane

zu sprechen. „Manche Fans sind neidisch auf das, was

ich durch Scooter schon alles erlebt habe. Sie hätten es lieber

selbst erlebt“, sagt sie. „Ich wurde schon oft angefeindet

und bloßgestellt, aber ich bleibe so, wie ich bin.“ Nach 20

Jahren Fan-Dasein haben die Menschen, die ihr nahe stehen,

akzeptiert, dass sie an ihrem Leben und ihrer Liebe zu

Scooter nichts ändern möchte. Dass die Charterfolge der

Band momentan eher dürftig ausfallen, stört sie nicht. Sie

glaubt fest daran, dass Scooter auch noch im Senioren-Alter

live auf der Bühne stehen werden. Und dabei wird sie selbst

natürlich nicht fehlen. Doch zunächst wird sie sämtliche

Konzerte der „20 Years Of Hardcore“-Tour besuchen, die

im nächsten Jahr ansteht. Eine Karte für Hamburg hat sie

sich bereits gekauft. Etwa 50 Euro zahlt Christiane für ein

Ticket, gern sogar. 70 Prozent ihrer monatlichen Ausgaben

gehen auf Scooters Konto, schätzt sie. „Ich gönne mir sonst

keinen Luxus.“ Christiane steht erneut auf und hält das für

Scooter typische Megaphon in die Luft. „Wickeeeeeeed“,

ruft sie hinein, doch die Batterie des Geräts scheint leer zu

sein. Vor ein paar Jahren hat sie sich das Megaphon-Motiv

auf den rechten Oberarm tätowieren lassen. Der Tätowierer

hätte ihr zwar davon abgeraten, doch für Christiane gibt

es schon seit „Hyper Hyper“ keinen Zweifel daran, dass

Scooter sie bis an ihr Lebensende begleiten wird.

Als der Regionalzug in Richtung Köln einfährt, ist der

Bahnhof genauso verlassen wie einige Stunden zuvor.

Mit dem Megaphon in der linken und ihren fünf liebsten

Scooter-Shirts in der rechten Hand ist sie mit zum

Gleis gekommen, um sich zu verabschieden. „Bis bald in

Berlin“, ruft sie, ein bisschen traurig. Ja, spätestens dann,

wenn Scooter wieder spielen.

43

„Ich wurde schon mal vor die Wahl gestellt

– entweder Scooter oder ich – da

habe ich den Kerl in den Wind geschossen“

Werk VI . Mixtape


Fotograf: Matthias Wehofsky

Produktion: Carmen Benker,

Daliah Hoffmann, Valentine

Linke, Jeannette Petersmann,

Inga Schwarze, Annika Zapp

Models: Johanna (Seeds), Bianca

(Seeds), Blandina (Seeds)

Hair/Make-Up: Patrycja Postek

(Blossom) & Eavan Derbyshire

44

45

*Pink Floyd, 1973

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape

Us and

Them

*Wo Musiker sind, sind auch

Mädchen. Und wo Mädchen

sind, ist auch Mode. Eine

After-Show-Party mit der

Berliner Band 8-Bit Chess Club.


Vorherige Seite:

Jakob: T-Shirt, gesehen

bei TK Maxx. Cap: Privat

BusTea: Jacke von

Fred Perry. T-Shirt, gesehen

bei TK Maxx

Falq: Hemd von Guess.

Jeans & T-Shirts: Privat

Blandina: Cap von

New Era. Blazer: Vintage

Johanna: Rock von Selected.

Lederjacke: Vintage

Bianca: Kleid von Guess.

Kette: Stylists own

Ori: Lederjacke von Guess

Johannes: Shirt: Privat

46 47

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape

Blandina:

Fake-Fur-Jacke

von Vero Moda

Falk: T-Shirt,

gesehen bei TK Maxx

Fotocredit

Fotocredit

Johanna: Lederjacke:

Vintage. Rock

von Selected Femme.

Shirt: Stylists own


Bianca: Top von American Apperal.

Jeans von Paige. Armreif: Vintage

BusTea: Jeanshemd von Guess. Schuhe

von Filippa K.. T-Shirt und Hose: Privat

Johannes: Shirt und Hose: Privat

Johanna: Weste von Only. Transparente

Bluse von Vero Moda. Shorts von Mavi.

Boots von Urban Outfitters

48 49

Werk VI . Mixtape

Fotocredit

Werk VI . Mixtape

Bianca: Hut von by Malene

Birger. Jeansweste: Vintage

Johanna: Goldener Blazer,

über Nelly. Jeanshemd

von Vero Moda. Lederhose

von Topshop


50

51

Fotocredit

Fotocredit

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape

V.l.n.r.:

BusTea: T-Shirt, gesehen bei TK Maxx.

Jeans von Guess. Chucks: Privat

Bianca: Lederhose von by Malene

Birger. Top von Guess. Leo-Pelzjacke

und Schuhe: Stylists own

Ori: T-Shirt von Zoo York. Schuhe

von Filippa K.. Hose: Privat

Johannes: Cap von New Era. Pullover

von Cheap Monday. Lederjacke,

Hose und Sneaker: Privat

Blandina: Jeansjacke von Cheap

Monday. Kleid und Schuhe von

Monki. Kette von by Malene Birger

Jakob: Cap: New Era. Jeansjacke

von G-Star. Jeans, T-Shirt

und Sneaker: Privat

Falq: T-Shirt, gesehen bei TK

Maxx. Jeans: Privat Johanna:

Weste, über Nelly. Spitzenbody,

gesehen bei TK Maxx. Jeans-Shorts

von Guess. Boots: Stylists own


Achtland

Designer: Thomas Bentz (r.), Oliver Lühr

52

Werk VI . Mixtape

Zwei Künste,

eine Welt

Noch nie zuvor standen sich Musik und Mode so nah wie heute.

Musiker gründen Modelabels oder laufen als Model über den

Laufsteg. Designer entwerfen Bühnenkostüme oder buchen

Sänger für ihre Kampagnen – wie jüngst Hedi Slimane für Saint

Laurent Paris. Wir wollten wissen, was deutsche Musiker und

Designer zu dieser Symbiose sagen.

Interviews: Jeannette Petersmann

Ben Ivory

Popmusiker

Mode ist?

Ben: Eine Art Religion.

Welcher Modedesigner ist ein Visionär für dich?

Jean Paul Gaultier. Er hat eine ganz eigene

Sprache entwickelt, zum Beispiel mit den

BHs für Madonna. Gaultier ist sich treu

geblieben, auch wenn Kollektionen mal nicht

so kommerziell erfolgreich sind.

Welcher Berliner Designer macht Mode,

die zu dir passt?

Ich mag Sopopular. Und natürlich

auch Kilian Kerner, mit dem ich in den

letzten fünf Jahren immer wieder

zusammengearbeitet habe. Das hat auch

mein Interesse für Mode geweckt.

Wo gehst du gern shoppen?

Leider bei Zara und H&M. Ich weiß, das ist

gar nicht gut. Auch bei All Saints und Kilian Kerner.

Ich bekomme allerdings auch viele Sachen

geschenkt, was durchaus praktisch ist (lacht).

Wie würdest du deinen Modestil beschreiben?

Ich sehe meine Kleidung als eine Art Rüstung,

daher sind mir gerade die Formen wichtig.

Fotos: Verena Brühning

Man kann eben nicht nur seine Stimmung

mit Mode ausdrücken, sondern auch den

Körper verändern.

Gibt es auch musikalische Stilvorbilder, die dich

geprägt haben?

Michael Jackson hat mich modisch beeinflusst.

Aber auch ganz klar David Bowie, der

ist ja super vielseitig. Ich bemühe mich, Stile

nicht zu kopieren, sondern sie individuell

weiterzuführen.

Was war deine absolut größte Modesünde?

Cordhosen mit riesengroßem Schlag. Meine

Schwester und ich waren damals bei der Antifa

und trugen dazu Doc Martens (lacht).

Welche Stadt gefällt dir modisch besonders gut?

Stockholm, die Stadt ist ein wenig mein Zuhause

geworden. Hier herrscht ein ganz anderer

Umgang mit Mode, die Leute wissen einfach,

was ihnen steht und wie sie es tragen müssen.

Du hast eine Ausbildung als Fotograf.

Hast du einen Lieblingsmodefotografen?

International auf jeden Fall Steven Klein.

Ich mag seinen Stil total, obwohl er natürlich

sehr kommerziell geworden ist. Held

meiner Kindheit ist aber auch Sven Marquardt.

Fotocredit

Fotocredit

Musik ist?

Thomas: Alles

Oliver: Emotion

Euer Lieblingssong?

O: „Don’t Rain On My Parade” von Barbra Streisand

und „Make Your Own Kind of Music” von Mama

Cass Elliot. Letzteres ist sowas wie unser Label-Motto.

T: Es sind eher die Künstler, zu denen ich immer

wieder zurückkomme. Dinah Washington,

Bobby Womack oder Nina Simone begleiten mich

schon mein ganzes Leben.

Seid ihr in der Musik so harmonisch wie in der Mode?

T: Oliver ist der visuelle Mensch. Ich bin derjenige,

der die Musik aussucht und auch viel konsumiert.

Ich kann nicht ohne Musik leben. Ich liebe Dolly P

arton, Oliver hasst sie (beide lachen).

Wo trifft man euch nachts in Berlin?

T: Wir sind viel zu alt, um wegzugehen (lacht).

O: Die Bässe von den umliegenden

Clubs hören

wir in unserem Atelier. Das

ist mein „Passiv Partying“.

In der King Size Bar oder im

Pauly Saal trifft man uns aber

noch häufiger.

Welches war euer letztes Konzert?

O: Scissor Sisters.

T: Nee, ich glaube Grace Jones,

das war das letzte!

Mit welchem Musiker würdet

ihr gern mal tauschen?

T: Die meisten Musiker,

die ich cool finde, waren

heroinabhängig (lacht).

O: Mit Tina Turner (Thomas

nickt ihm aufgeregt zu). Sie ist

einfach fantastisch. Ihre Musik

ist eine wahnsinnige Passion.

Eure größte Konzertsünde?

O: Dieter Thomas Kuhn mit 17

Jahren. Da sind wir in Lübeck

damals richtig abgegangen.

T: Bei mir war es Madonna mit 19 Jahren.

Aber Dieter Thomas Kuhn, krass (lacht).

Das ist auch der Grund, warum ich die Musik aussuche.

Welche Musikerin würdet ihr gerne mal in Achtland sehen?

T: Grace Jones. Sie ist einer der letzten echten

Freigeister und funktioniert einfach nicht nach Regeln.


Sascha Braemer

Techno-DJ und Produzent

Mode ist?

Sascha: Immer individuell.

Wie wichtig ist dir Mode?

Sehr wichtig. Ich könnte mir

auch vorstellen, mein eigenes

Label aufzuziehen.

Welcher Musiker hat deinen

Modestil geprägt?

Eine Zeit lang Depeche Mode.

Aber ich hatte wenige Stilvorbilder.

In den 90ern war ich aber ein absoluter

Raver und sah auch so aus.

Wie würdest du deinen

Kleidungsstil beschreiben?

Ich mag enge Röhrenjeans und

Sabrina Dehoff

Designerin

Musik ist?

Sabrina: Ein Lebensgefühl.

Lässt du dich davon inspirieren?

Ja, doch das ist auf keinen Fall ein

Schwerpunkt. Ich liebe zum Beispiel

Elvis Presley, für eine Modenschau

habe ich einen Remix seiner

Musik gespielt. Die Musik ist bei

Shows natürlich ein absoluter Träger.

Welche Lieder begleiten dich durch

dein Leben?

Die Musik von Serge Gainsbourg

ist ein Teil meines Lebens. Da ich lange

in Frankreich gelebt habe, war mein

Musikgeschmack lange etwas frankophil.

Als mein Sohn noch ein kleines Baby

war, habe ich gern mit ihm dazu getanzt.

Warum Berlin, wenn du in Modestädten

wie Paris und London gelebt hast?

Mir haben gewisse Formen des Umgangs

und der Entspanntheit gefehlt, die es hier

in Berlin gibt. Ehrlich gesagt habe ich auch

gemerkt, dass französische Männer nicht

so mein Ding sind (lacht). Die Engländer

liegen mir da schon mehr, ich mag ihren

Humor. Berlin ist aber meine Heimat.

Welche Musikerin hast du schon

mit deinem Schmuck ausgestattet?

schlichte Shirts. An den Füßen

trage ich Adidas-Turnschuhe

in allen Variationen, davon habe

ich so einige.

Sieht man dich auch mal im Anzug?

Ja, auf jeden Fall, aber natürlich

nur zu gewissen Anlässen. Wenn

ich in die Oper gehe oder auf

eine Feier. Mein Lieblingsanzug ist

von Hugo Boss.

Was trägst du zu Hause, was dir

in der Öffentlichkeit peinlich wäre?

Ich hab ein Micky-Mouse-T-Shirt

(lacht). Das kombiniere ich gern

mit einer giftgrünen kurzen Hose

von Humör. Ich find’s toll,

aber ich glaube, die Leute wollen

sowas nicht sehen.

Beyoncé zum Beispiel. Diese

Arbeiten machen besonders Spaß,

denn für die Bühne kann man

dann auch mal etwas größer denken.

Mit welchem Musiker würdest du

gern mal Kaffee trinken?

Mit Bette Midler, einfach eine tolle Frau.

Kann Mode ohne Musik existieren?

Musik transportiert die Mode einfach.

Die Stimmung und das Lebensgefühl.

Das, was man ausdrücken will,

kann durch das Zusammenspiel perfekt

transportiert werden. Das habe ich

auch in Paris mitbekommen. Die

Musik für eine Show ist etwas ganz

Persönliches für den Designer.

Welche Musik jagt dir einen Schauer

über den Rücken?

Rock-Balladen. Ich weiß, die romantische

Rockrichtung ist eine ganz schwierige

Sache. Aber Geschmäcker sind

verschieden, das ist ja das Tolle daran.

Welchen Song hast du zuletzt in

Dauerschleife gehört?

„Escape – The Piña Colada Song“ von

Rupert Holmes. Das Lied ist so amüsant.

Kannst du dich noch an dein erstes

selbstgekauftes Album erinnern?

Das war von Smokie. Ich war natürlich

unsterblich in den Sänger verliebt

(lacht laut).

Gibt es in deinem Kleiderschrank ein

Teil, das du noch nie anhattest, weil

du Angst vor Kritik hast?

Da gibt es und bestimmt nicht nur

eines. Auf jeden Fall eine dunkelblaue

Samtjacke im Uniformstil.

Die würde ich eigentlich gern mal

auf der Bühne anziehen, aber die

Leute denken sich dann wahrscheinlich:

Was ist mit dem Braemer los?

Du musst mit wenig Schlaf

auskommen. Dein Tipp, um

schnell wieder frisch auszusehen?

Pflege ist das Allerwichtigste.

Meine besteht aus ein bisschen

Sonne und Feuchtigkeitscremes.

Bester Tipp wenn nichts mehr

geht: Sonnenbrille.

Panda

Berliner Band: Chris Lippert (li.),

Oskar Alpen und Anna Fischer

Mode ist?

Anna: Bunt.

Oskar: Sehr wichtig.

Chris: Zeitgeist.

Auf welcher Modenschau würdet ihr gerne mal

auftreten?

A: Bei Unrath & Strano. Das wäre natürlich megageil.

O: Da bin ich dabei! Wenn ich es mir aussuchen

könnte, wäre Céline natürlich auch ganz nett.

Macht ihr euch viele Gedanken über eure Kleidung

vor einem Auftritt?

A: Ich bin schon einen Monat vorher am Schwitzen

und überlege, was ich anziehe. Ich versuche auch

immer, ein Teil zu tragen, das man so nicht

kaufen kann. Ob selbst gebastelt oder von

befreundeten Jungdesignern, das finde ich immer

eine schöne Sache.

O: Ja, auf jeden Fall. Anna ist ja oft etwas bunter,

dann versuchen wir Jungs, etwas subtiler zu sein.

C: Wir haben tatsächlich auch ein Farbkonzept

auf der Bühne. Es wirkt einfach, wenn auch

unbewusst, auf das Publikum.

Was ist für euch der typische Berlin-Stil?

A: Nach zwei Stunden vor dem Kleiderschrank so

auszusehen, als hätte man sich gerade nur etwas

übergeworfen. Je unschicker, desto besser.

O: Ich finde Berlin so interessant, weil es so ein

Schmelztiegel ist. Hier treffen die verschiedensten

Kulturen aufeinander. Zudem hat man

hier noch die verschiedenen Stadtteile, da sehen

die Leute alle unterschiedlich aus.

C: Ich habe gestern in der Tram jemanden

gesehen, der hatte einen Stars-and-Stripes-

Ganzkörperanzug an. Das ist Berlin.

Welches war eure größte Modesünde?

A: Ich hatte Buffalo-Plateauschuhe. Allerdings

zu einer Zeit, als die noch niemand getragen hat.

O: Ich hatte eine ganz schlimme Frisuren-Phase

mit schulterlangen Haaren.

C: Daran erinnere ich mich, zu der Zeit habe ich

Schlaghosen mit vorgefertigten Löchern getragen.

Dazu überlange Hemden und Holzkettchen.

Habt ihr damals einer Jugendkultur angehört?

A: Ich glaube, ich habe jeder Jugendkultur angehört,

der man nur angehören konnte. Ich bin immer

noch in einer absoluten Findungsphase. Man könnte

auch sagen, ich gehe von Style zu Style und habe

gar keinen Style. Aber damit kann ich leben (lacht).

Könnt ihr euch noch an das Lieblingskleidungsstück

eurer Kindheit erinnern?

A: Ich hatte einen ganz kratzigen grauen Pullover,

den ich auch im Sommer bei 30 Grad anhatte.

O: Ich mochte schon damals Wachsjacken. Ich

habe Enid Blytons Fünf Freunde gelesen und

habe diesen ganzen British-Heritage-Look geliebt.

C: Ich erinner mich an mein erstes Accessoire.

Ein rosa Teddybär. Mit dem wurde sogar

der Mund abgewischt.

Ist Mode für euch Kunst?

A: Für mich ist Mode die absolute Kunst.

C: Ich finde diesen Begriff „Kunst“ so

schwierig. Es ist eher eine Mischung aus Kreativität

und Handwerk. Kunst ist für mich eher Fortschritt.

A: Es ist aber auf jeden Fall eine Kunst, die Silhouette

einer Frau richtig zu erfassen und zu betonen.

Karl Lagerfeld zum Beispiel schafft es, eine Frau

mit seiner Mode so zu verpacken, dass sie immer

toll aussieht.

Blogs sind sehr umstritten. Lest ihr Modeblogs?

O: Es gibt vielleicht eine Handvoll vernünftiger

Modeblogs in Deutschland. Dandy Diary

zum Beispiel ist bewundernswert. Die haben

es geschafft, die Balance zwischen Kommerz

und subjektiver Meinung zu finden.

55

Werk VI . Mixtape


56

Werk VI . Mixtape

„Entweder du kommst

mit Power, oder du

gehst besser wieder

nach Hause“

Interview: Greta Kehl-Detemple & Annika Krüger

Foto: Stefan Korte

57

Werk VI . Mixtape

S

miley Baldwin kommt ein paar

Minuten zu spät. Die schwarzen

Chucks an seinen Füßen sind fest

geschnürt und ein wenig verschlissen.

Die großen Taschen der khakifarbenen

Cargohose sind ausgebeult,

der Schnitt ist weit und

lässig. Das ausgeblichene Blau des

T-Shirts passt perfekt zum Look.

Dass er seit den 90er-Jahren im Berliner Nachtleben arbeitet,

sieht man dem 47-Jährigen auf den ersten Blick nicht

an – genauso wenig wie sein Alter. Smiley, wie er seit seiner

Kindheit genannt wird, ist Türsteher in Bars und Clubs wie

dem Cookies oder dem The Grand. Die Entscheidung, wen er

reinlässt und wen nicht, beeinflusst seit fast 20 Jahren die Berliner

Clubszene und somit den Stil mehrerer Generationen.

Ein Interview über seine Wahlheimat Berlin, seine Zahnlücke

und darüber, warum ein „Servus!“ die rote Karte gibt.

viele Dinge in meinem Leben passiert, die mich bis hierher

gebracht haben. Da ich schon früh die Welt sehen

wollte, bin ich nach der Schule zur US-Armee gegangen.

Von dort wurde ich nach Europa geschickt. Durch einen

Zufall bin ich für vier Tage in Berlin gelandet. Und ich

dachte mir nur: geil! Es hat mir sofort total gut gefallen.

Als ich wieder in den USA war, habe ich mich für Berlin

beworben. Im Februar 1987 kam ich hier an. Seitdem

möchte ich auch nirgendwo sonst leben.

Du bist schon sehr lange Türsteher. Macht dir Spaß, was

du tust?

Ich liebe es. Ich war acht Jahre in der US-Armee, da war

das Motto To protect and serve. Danach hatte ich die Schnauze

voll von einer Tätigkeit, bei der es darum geht, anderen

Menschen zu dienen, beziehungsweise zu helfen. Da habe

ich andere Dinge probiert, die auch gut liefen. Aber am Ende

entschied ich mich für das, was ich im Schlaf kann: Security.

Fotocredit

Smiley, wie hat es dich nach Berlin verschlagen?

Ich bin auf einer kleinen amerikanischen Inselgruppe

zwischen dem Atlantik und der Karibik geboren, den

Jungferninseln. Dass sich mein Leben mal mitten in Europa

abspielen würde, hätte ich niemals gedacht. Es sind

Wie würdest du jemanden beschreiben, der als Gast in die

Clubs passt, für die du arbeitest?

Meine Jungs und ich arbeiten nach bestimmten Konzepten,

die sich aber von Laden zu Laden wirklich kaum unterscheiden.

Wir sprechen uns vorher mit dem Betreiber ab


58 besser wieder nach Hause.

reinkommen, und ich erkläre es dann einfach. Das mache

59

Werk VI . Mixtape

Wer in Berlin ausgehen

will, muss erst

an ihm vorbei: Smiley

Baldwin ist seit fast

20 Jahren Türsteher

und entwickeln gemeinsam eine Vorstellung von seinem

Wunschpublikum. Allgemein kann man sagen, dass die

Gäste sexy und gut aussehen sollten. Sie müssen gepflegt

gekleidet sein und sich Mühe bei ihrem Outfit geben. Es

kommt trotzdem nicht jeder rein, der einfach hübsch ist.

Die Clubszene schließt viele Menschen aus, aber die, die sie

einschließt, ergeben zusammen eine bunte Mischung. In

den Clubs, in denen wir arbeiten, kann man sich ein gutes

Bild von Berlin machen, denn da ist fast alles dabei.

Gibt es etwas, was man bei dir an der Tür vermeiden sollte?

Auf jeden Fall. Ich hasse „Servus!“ Das ist in Berlin fast

wie ein Schimpfwort. Das sagt doch niemand. „Servus!“,

willkommen in der Neuzeit! Was ich auch nicht leiden

kann, ist die Frage: „Ist drinnen was los?“ Jeder, der vor

mir steht und fragt, ob bei uns was los ist, kommt zu mir

mit der Einstellung, dass ich ihm was bieten muss. Wir

drehen das um. Wir suchen nach Publikum, das von sich

aus Stimmung macht und das zu uns passt. Also gibt’s

auf diese dumme Frage auch eine dumme Antwort: „Nee,

heute ist es leider total leer!“ Wir sind schließlich kein

Varieté, da gibt es niemanden, der dich kitzelt oder belustigt.

Entweder du kommst mit Power, oder du gehst

Also sind beim Einlass nicht nur Aussehen und die Kleidung

entscheidend, sondern auch die Einstellung?

Genau, die Klamotten müssen natürlich passend sein.

Wenn ein Gast total cool drauf ist, aber nicht passend angezogen,

dann ist das auch manchmal in Ordnung. Wenn

man zum Beispiel merkt, dass jemand nicht aus Berlin

kommt und nur für eine Nacht mit dem Zug gekommen

ist, um seinen Lieblings-DJ im Club zu sehen, dann sag

ich doch nicht Nein. Dann ist das okay, denn die sind nur

wegen der Musik bei uns, denen geht es nicht um die anderen

im Club. Die gehen dann die ganze Nacht auf der

Tanzfläche ab und machen komische Bewegungen. Die

achten gar nicht auf die anderen Gäste. Aber solche Leute

braucht man auch.

Wie viel Zeit brauchst du, um einen Gast einzuschätzen?

Ich glaube, das geht mittlerweile bei mir automatisch. Ich

fang nicht erst an, wenn die Person vor mir steht. Meistens

erkenne ich das schon auf 50 Meter Entfernung, ob

es passt oder nicht. Manchmal geht es nur darum, dass ich

sage: „Hallo, wie geht’s dir? Was kann ich für dich tun?“

Dann gibt es einen Austausch, und dann check ich, was in

meinem Gesprächspartner steckt. Aber fast immer ist die

Entscheidung auf 50 Meter Entfernung schon getroffen.

Welche optischen Veränderungen bemerkst du im Laufe der

Zeit an deinen Stammgästen?

Es ist richtig lustig zu beobachten, dass bestimmte Typen

oder Mädels, die vorher eher 08/15 waren, von einer

Woche auf die nächste plötzlich Skinny Jeans und Chucks

rausholen, andere Frisuren tragen und sogar in anderen

Freundeskreisen abhängen. Dann erzählen sie auf einmal:

„Ich war gestern im Kater!“ (Anm.d.Red.: Kater Holzig,

Berliner Techno-Club) Das ist natürlich ein bisschen zum

Lachen. Aber es ist auch schon mal passiert, dass jemand

öfter zu uns gekommen ist, aber nie rein kam. Verändert

diese Person sich positiv, ist mit coolen Freunden unterwegs

oder kennt den DJ, dann sagt man auch mal: „Hey,

der hat sich so viel Mühe gegeben, lasst uns sehen, was in

dem steckt!“ Aber wenn jemand es immer wieder auf die

gleiche Schiene versucht, bringt das einfach nichts. Wir

merken uns ja auch jedes Gesicht. Ich hab echt ein gutes

Gedächtnis. Ich erkenne die meisten sogar, wenn die ein

Jahr später wieder vor mir stehen.

Also bist du dir bewusst, dass du das Publikum über das

Image des Clubs beeinflussen kannst?

Ich weiß nicht, ob ich sie beeinflusse oder ob ich das

überhaupt möchte. Ich würfle die Leute einfach nur

zusammen, verändern tun sie sich von selbst. Es passiert

sogar, dass ich Personen in den einen Laden reinlasse, aber

in den anderen nicht.

Und wie gehen sie damit um?

Ganz natürlich. Manchmal fragen sie, warum sie nicht

ich eigentlich nicht gern, nur wenn ich merke, dass die

Leute wirklich betroffen sind, weil ich sie nicht reingelassen

habe. Dann nehme ich mir die Zeit und gehe auf sie zu.

Kann man dabei immer freundlich bleiben?

Ich ja. Und ich rate das auch meinem Team. Denn das,

was wir tun, ist nicht persönlich gemeint. Ich bin ein Menschenfreund,

ich liebe unsere Gäste und ich bin nicht dazu

da, ihnen weh zu tun. Ich weiß, dass ein Nein jemanden

verletzen kann. Ist mir auch schon passiert. Ich bin nicht

Die Clubszene schließt viele Menschen

aus, aber die, die sie einschließt, ergeben

zusammen eine bunte Mischung

einer von denen, die da stehen und die Leute anschreien

oder unfreundlich sind.

Hast du dich denn persönlich verändert, seitdem du als Türsteher

arbeitest?

Ich hab mich nicht verändert. Meine Arbeit hat den

Weg, auf dem ich sowieso war, bestärkt und bestätigt. Du

lernst viele verschiedene Charaktere kennen an der Tür, die

du auch mal enttäuschen musst. Aber ich denke, ich habe

einen ausgeprägten Sinn und ich mag Menschen an ihren

guten, aber auch an den nicht so schönen Tagen.

Wo arbeitest du momentan am liebsten?

Im Cookies in Mitte, weil das mein Lieblingsladen ist.Da

arbeite ich schon am längsten. Doch leider leidet der Club

auch unter der Gentrifizierung von Berlin-Mitte. Gerne bin

Werk VI . Mixtape


Werk VI . Mixtape

ich noch im The Grand in Mitte – das ist noch recht neu. Das

geht in eine etwas konventionellere Richtung als das Cookies.

Das Konzept ist ein Mix aus Restaurant und klassischer

Cocktailbar. Das spricht natürlich ein älteres Publikum an.

Inwiefern beeinflusst die Gentrifizierung das Cookies?

Früher war Berlin-Mitte die Hochburg der Jugendkultur.

Die Mieten waren natürlich dementsprechend niedrig,

also konnten sich die Studenten ihre Wohnung dort

leisten. Jetzt ist das nicht mehr so. Die junge Generation

wohnt nicht mehr in Mitte, sie zieht nach Kreuzberg, Neukölln,

teilweise in den Wedding und nach Friedrichshain.

Das geht nicht spurlos am Cookies vorüber. Denn wenn

man in Kreuzberg wohnt und nicht ganz so viel Geld zur

Verfügung hat, kann ein Abend in Mitte ganz schön teuer

werden. Man will ja nicht mit dem Fahrrad fahren. Also

zehn Euro für das Taxi hin, zehn Euro Eintritt, zwei Drinks

und nochmal zehn Euro für das Taxi zurück. Das ist dann

schon ein ganz schön teurer Abend. Vor allem, wenn man

in Kreuzberg Läden direkt vor der Tür hat, die dann auch

noch keinen Eintritt kosten. Da muss das Cookies einfach

kämpfen, egal wie toll und angesehen es ist.

Ja, das hat aber auch was damit zu tun, dass ich mir aussuchen

kann, wo ich arbeiten möchte. Ich würde sehr ungern

in einem Club oder Etablissement arbeiten, wo jeder

automatisch reinkommt. Nicht jeder Clubbesucher geht

durch die Tür mit guten Absichten. Ich möchte mitwirken

können, diese Leute auszusortieren. Und ich will auch

nicht, dass mir jemand sagt, jeder Gast ist ihm heilig. Weil

das im Umkehrschluss heißt, dass meine Gesundheit ihm

nicht heilig ist. Ich habe bereits meine Narben, und es gibt

auch einige, die in diesem Beruf gestorben sind, nur weil

jemand anders ein, zwei Euro mehr verdienen wollte.

Nicht jeder Clubbesucher geht

durch die Tür mit guten Absichten

Also ist dir an deinem Arbeitsplatz schon mal etwas passiert?

Ja, leider. Das war in den 90er-Jahren auf der Oranienburger

Straße. Da habe ich ein paar Jungs nicht reingelassen

und sogar Hausverbot erteilt. Diese Gruppe hat sich

später mit unserem Chef angefreundet, und er hat sie einfach

wieder reingelassen. Für die Gäste war es keine professionelle

Sache mehr, es war persönlich. Daraufhin haben

sie sich zusammengetan – das waren ungefähr zehn bis

fünfzehn Mann. Und die haben sich gedacht, dass sie die

zwei Türsteher loswerden müssen. Wir wurden also überfallen

und ich bin im Krankenhaus gelandet. Mein Kiefer

war gebrochen und ich habe einen Zahn verloren. Diese

Lücke habe ich nie füllen lassen. So werde ich immer daran

erinnert, dass mein Job echt ist. Ich versuche mit meiner

Arbeit nicht nur für mich, sondern auch für mein ganzes

Team so etwas zu vermeiden. Damit solche Situationen nie

wieder vorkommen.

Du arbeitest ja schon eine lange Zeit im Berliner Nachtleben.

Inwiefern haben sich die Clubber in den vergangenen Jahren

verändert?

Ich habe schon vor vielen Jahren angefangen. Ich glaube,

das war so 1995 oder 1996. Seitdem hat sich einiges getan.

Wir haben jetzt das Informationszeitalter, wir haben Facebook

und Twitter, wir haben Telefone, die allen möglichen

Scheiß machen können. Ob fotografieren – was ich

hasse – oder sonst was. Und die Beziehung zu Drogen und

Alkohol hat sich stark verändert. Der Umgang damit, die

Art und Weise ist einfach nicht mehr die gleiche. Die Leute

nehmen mehr von allem. Ich würde sagen, es ist sehr viel

passiert. Aber eben bei den Leuten selbst. Und das ist nicht

unbedingt positiv. Ich weiß nicht, ob ich da einfach zu viel

an meine gute Erziehung denke oder in meiner eigenen Jugend

gefangen bin. Keine Ahnung, da streite ich mich jetzt

gerade mit mir selbst.

Also war es früher leichter in deinem Job, weil die Gäste einfach

besser erzogen waren?

Auf jeden Fall. Auch wenn jemand üble Sachen getan

hat, hatte er zumindest ein schlechtes Gewissen. Das findet

man heutzutage nicht mehr so leicht. Es ist auch sehr

schwer, den Personen zu verklickern, dass sie mit ihrem

Verhalten die anderen Gäste stören. Sachen, die früher

niemand getan hätte, sind heute selbstverständlich. So

wie einem Türsteher Zigarettenqualm ins Gesicht zu

pusten. Oder mit einer Flasche in der Hand in den Club

zu wollen. Das sind Sachen, die früher einfach nicht passiert

sind.

Nachts verhalten sich die meisten Menschen ja anders als

am Tag. Nimmst du Leute tagsüber anders wahr?

Total. Vielleicht sind Drogen im Spiel, vielleicht ein

Mädchen, vielleicht hat man nur einen schlechten Moment.

Außerdem kommen in der Nacht verschiedene Charaktere

zusammen, die sich so im Leben nicht begegnen

würden. All diese Dinge spielen eine Rolle. Ich würde einem

Gast, dem ich tagsüber begegne, nie sagen: „Das von

gestern Nacht war total scheiße, rede nicht mit mir.“ Wer

wäre ich dann? Ich arbeite vor einem Loch in der Wand,

und ich tue mein Bestes, damit jeden Abend viele Gäste

Spaß haben. Wenn ich den irgendwo anders treffe, und er

ist mir gegenüber offen, dann kann ich dem einen Kaffee

spendieren oder sogar mit dem frühstücken gehen. Wenn

ich dann wieder vor dem Loch in der Wand stehe, dann

sag ich aber auch trotzdem erneut Nein.

Hast du Vorurteile?

Ich habe alle meine Vorurteile weggeschafft. Sehr

bewusst! Ich hab sie gesucht, gefunden und jetzt gibt es kei-

ne mehr. Auch da, wo ich dachte, ich hätte vielleicht noch

welche, sind keine mehr. Ich kenne Leute aus jeder Schicht

und von überall her. Zum Beispiel bin ich eigentlich kein

großer Freund von Religionen. Aber ich habe mal eine

ganze Gruppe von Priestern kennengelernt, und die waren

einfach die coolsten Jungs.

Kriegst du von den Clubbetreibern gesagt, wie viele Besucher

von bestimmten Gruppen du reinlassen darfst?

Nee, das entscheiden wir selbst. Dazu gibt es eine lustige

Geschichte: Ich habe einen Laden betreut, den Shark Club.

Das war Ende der 90er einer der ersten Schickimicki-Clubs

im Ostteil der Stadt. Am Anfang des Abends habe ich für

eine coole und ausgewogene Mischung gesorgt. Also auch

viele aus dem Ausland reingelassen und Männer und Frauen

gemischt. Alle sahen gut aus. Irgendwann um vier Uhr

morgens kam ein Gast auf mich zu und meinte: „Smiley,

was ist denn mit euch los? Da sind nur Ausländer bei

euch!“ Ich wollte wissen, ob das gut oder schlecht ist, und

er hat gesagt: „Ja, ist nicht schlecht, aber da sind halt nur

Ausländer!“ Wenn der deutsche Anteil in einem Club zu

gering ist, kommt ein ungutes Gefühl auf. Warum das so

ist, weiß ich nicht. Auch die Ausländer selber mögen es

60

Gibt es Clubs in Berlin, in denen du niemals arbeiten würdest?

nicht, wenn der Laden voll von ihresgleichen ist. Die wol-

Inwiefern bist du in das Geschehen auf der Fashion Week

61

len einfach eine gute Mischung haben. Dann bin ich in den

Club reingegangen, und er hatte recht. Der Grund dafür

war, dass zwischen drei und halb vier Uhr morgens die

meisten Deutschen in einem bestimmten Alter nach Hause

gehen. Das war mir bis zu diesem Zeitpunkt nie so bewusst.

Ab einer bestimmten Uhrzeit machen nur noch die zugezogenen

Ausländer oder Touristen immer weiter Party.

Die rocken richtig.

Gibt es in deinem Job als Türsteher einen Dresscode?

Dunkel ist Standard. Die Leute können uns daran erkennen.

Für mich ist es wichtig, dass ich, egal was ich

anhabe, eine gewisse Bewegungsfreiheit habe. Denn im

Notfall muss ich kämpfen. Das ist der Grund, warum

die meisten Jungs diese bequemen Baggy-Pants tragen.

Natürlich kommt es aber auch darauf an, wo ich arbeite.

In manchen Clubs muss es etwas schicker sein als in

anderen. Besonders wichtig ist das auch bei Events. Aber

zum Glück darf ich meistens selbst bestimmen, was ich

anziehe. Ich habe ein kleines bisschen einen Sinn für

Mode. Da darf es auch mal etwas Style haben. Wir ziehen

zum Beispiel öfter zu unseren Anzügen Chucks an

oder Turnschuhe. Damit wir nicht so stocksteif und altmodisch

aussehen.

Du arbeitest viel auf der Fashion Week. Wie unterscheidet

sich das Mode- vom Clubpublikum?

Naja, die Leute, die im Fashion-Bereich arbeiten, sind

nicht automatisch die schönsten und bestgekleideten

überhaupt. Das ist in der Musikszene eigentlich auch so.

Auf der Fashion Week wird zwar viel präsentiert, aber die

Besucher, die zu den Events kommen, passen auch nicht

unbedingt alle ins Bild. Und an der Tür ist meine Arbeit

eher eine Art Kontroll-Abfertigung – Gästelisten-Dienst

eben. Da muss ich mir selbst überhaupt keine großen Gedanken

machen.

Unterscheidet sich das Verhalten der Gäste am Einlass?

Nicht so sehr. Ein kleiner Unterschied ist, dass diese

Abende extra für solche Gäste aus der Modewelt veranstaltet

werden. Da akzeptiere ich mehr, wenn die Besucher

nicht nett sind. Es ist halt Fashion Week. Es würde mich

zu viel Kraft kosten, jemanden auszuschließen. In unserer

Stadt und in unserem Viertel, in unserem Club, da sind

nicht alle nett. Da sagt man eher auch mal Nein. Aber die

„Der Club war schon immer ein guter

Schauplatz für das Neueste aus Musik

und Mode – egal wie experimentell“

Modeleute sind von weit her gekommen, extra wegen der

Fashion Week. Und wenn sie nicht super negativ auffallen,

dann akzeptiert man auch schlechteres Benehmen.

eingebunden?

Leider geht die Fashion Week immer so schnell vorbei.

Ich arbeite Tag und Nacht, und weil es Arbeit ist, krieg ich

wenig mit. Ich hab die letzten paar Jahre zum Beispiel das

Michalsky-Event gemacht, aber die Show leider nie gesehen.

Ich habe auch schon ein paar Mal für Hugo Boss gearbeitet.

Manchmal auch als Bodyguard. Das heißt, ich saß

dann direkt in der ersten Reihe. Neben irgendeinem Promi.

Da durfte ich dann die ganze Show anschauen.

Was denkst du über das Verhältnis von Clubkultur, Musik

und Mode?

Die ergänzen einander, haben über Jahre immer zusammengehört

und sich gegenseitig inspiriert. Der Club war

immer ein guter Schauplatz für beides: für das Neueste aus

Musik, egal wie experimentell, und auch für das Neueste

aus Mode, egal wie experimentell. Aber das ist heute nicht

mehr so extrem. Außer unter den schwulen Jungs, die an

einem Clubabend so ausgeflippt aussehen wie nirgendwo

anders. Nachts gibt es immer eine Möglichkeit, dass man

sich so kleiden kann wie man will, ohne dass man sich wie

ein Fremdkörper fühlt.

Gibt es Musik, die in jedem Club laufen sollte?

Nicht wirklich. Meiner Meinung nach ist es wichtiger, dass

jeder DJ die Stimmung aufgreifen kann, die im Club gerade

herrscht. Also sollte er einfach spielen, was gut ankommt.

Das kann auch mal ein bisschen aus der Reihe tanzen oder

mal anders gemixt sein. Ich bin aufgewachsen mit Reggae

und Calypso, habe Soul kennengelernt. Ich war in der Highschool,

als der Rap geboren wurde, und habe in Berlin schon

von Anfang an in House-Clubs gearbeitet. Ich mag viele Musikrichtungen

und schließe grundsätzlich nichts aus.

Werk VI . Mixtape


Jeden Mittwoch

bittet die Berliner

Gruppe The Swag

zur Live Hip-

Hop-Jam-Session

62 63

Werk VI . Mixtape

Christopher Celiz

alias NYC Beatbox

kommt aus New

York, um an der

Swag Jam im Badehaus

teilzunehmen

Werk VI . Mixtape

Die zweite

Chance

Wie junge Erwachsene den Kampf gegen die

Unsichtbarkeit antreten – und gewinnen.

Mit und dank HipHop und Gangway e.V., der

größten Streetworking-Institution Deutschlands.

Von Annika Zapp

Fotos: Hannes Albert

Fotocredit


Für Nossis aus

Brooklyn ist Hip-

Hop wie eine

zweite Natur, von

der sie schon immer

umgeben war

64

Werk VI . Mixtape

Im HipHop-

Stützpunkt von

Gangway e.V.

legen DJs zu den

Rap Battles auf

A

usflugsziel: Rap am Mittwoch. Im

Stadtteil Kreuzberg, im Bi Nuu

am Schlesischen Tor, trifft sich

zweimal im Monat die Berliner

HipHop-Community. Entweder

um selbst zu rappen, oder um sich

anzuhören, was die anderen Rapper

so zu sagen haben. Unter ihnen

ist eine bunt zusammengewürfelte

Gruppe von Rappern und Beatboxern aus den Niederlanden,

den USA und Deutschland. Sie sind im Rahmen der Bronx-

BerlinConnection unterwegs – einem Jugendaustausch-Programm

des mehr als 20 Jahre alten Sozialarbeitsvereins Gangway

– und ziemlich heiß darauf, auf die Bühne zu gehen.

Bis in die hinterste Ecke gequetscht stehen sie, die HipHop-Fans

der alten und neuen Stunde, und lassen die

Rap-Battles auf der kleinen Bühne des Bi Nuu auf sich wirken.

„So viel Liebe für den HipHop gibt’s nicht überall“,

sagt Nossis. Die Rapperin aus Brooklyn ist für eine Woche

nach Berlin gekommen, um ihre Passion für die Musik

mit anderen Rappern aus Europa zu teilen. Auf dem

Wochenplan der BronxBerlinConnection steht zum einen

klassisches Touri-Programm, zum anderen verheißungsvolle

Studioaufnahmen und Open-Mic-Sessions. Ziel ist es,

musikalisch zu fusionieren – länderübergreifend Musik zu

machen, von den Rap-Kollegen aus der Bronx, Paris oder

Barcelona zu lernen oder sich einfach nur inspirieren zu

lassen. Was ursprünglich als transatlantischer Austausch

zwischen den USA und Deutschland geplant war, wurde

schnell zu einem größeren Projekt. Inzwischen waren der

US-Amerikaner Olad Aden und der Deutsche Joe Bliese,

die Initiatoren des Projekts, mit ihren Berliner Schützlingen

schon in mehreren europäischen Städten – und die

dort ansässigen HipHopper ebenfalls in Berlin.

Vor drei Jahren fand die BronxBerlinConnection das

erste Mal statt. Die 15 Flugtickets der Berliner Rapper nach

New York hatte das Goethe Institut bezahlt, die übrigen 250

Euro für Unterbringung und Aktivitäten mussten von den

Teilnehmern selbst aufgebracht werden. Hatte man diese

Hürde genommen, war man schon mitten in der Bronx:

bei Gleichgesinnten, eine Woche lang auf Entdeckungsreise,

auf den Spuren des HipHop.

Obwohl Gangway für die BerlinBronxConnection von

Institutionen wie der amerikanischen Botschaft in Berlin

und dem Goethe Institut gesponsert wurde, mangelt es

trotzdem an Geld für neue Projekte. Gerade vonseiten der

Politik fehlt Hilfe und finanzieller Beistand. „Man muss

immer wieder erklären, warum man gerade Kriminelle

und ehemalige Häftlinge unterstützt und dafür Geld haben

möchte“, sagt Olad.

Olad und Joe, die als Streetworker für Gangway

unterwegs sind, haben neben der BronxBerlinConnection

noch weitere konstruktive HipHop-Projekte angekurbelt.

Warum gerade HipHop? „Weil es ein ungemein kreatives

Potenzial hat: Ob Breakdancer, Beatboxer, DJs oder

Graffiti-Sprayer – jeder kann sich seinen Weg aussuchen“,

sagt Olad. Junge Erwachsene, die ihre Chance auf ein stabiles

Leben schon früh versaut haben, bekommen mithilfe

von Gangway ihre zweite Chance.

Musik verbindet, erreicht und begleitet Menschen. Und

gerade für die, die Musik machen, ist sie so etwas wie ein

Sprachrohr, ein Weg, Geschichten aus dem Leben zu erzählen.

Ob Knast-Erfahrung, Frust über den nicht vorhandenen

Schulabschluss oder null Perspektive – mit Rap kann man

seinen Unmut zu Papier bringen, seinen Worten Ausdruck

verleihen. Oder sich selbst therapieren, Sachen verarbeiten.

So wie der 21-jährige Vecz, ein blonder Rapper aus Buch

bei Pankow. Zu Gangway gekommen ist er über ein jährlich

stattfindendes HipHop-Fest in Pankow, bei dem er auf

Olad und Joe traf und sich gleich gut mit ihnen verstand.

Vecz besuchte hier und da ein paar HipHop-Workshops

von Joe, bis letzterer meinte: „Okay, dir kann ich nichts

mehr zeigen.“ Olad war übrigens der erste Dunkelhäutige,

den Vecz kennengelernt hat. „Buch ist superrechtsradikal.

Da wird sich teils noch mit dem Hitlergruß begrüßt“,

sagt Vecz über seinen ehemaligen Kiez – jetzt wohnt er in

Prenzlauer Berg.

Er sei definitiv viel weltoffener geworden, sagt Vecz. Da

wird plötzlich mit Iranern, Afghanen und Türken gerappt

– mit Leuten, mit denen Vecz in Buch wahrscheinlich nie

ins Gespräch gekommen wäre. Raus aus dem Klischeedenken,

rein ins Produzieren von Musik. „Gangway hat mir

eine Tür aufgeschlossen, zu der ich selbst nie den Schlüssel

gefunden habe“, sagt Vecz. Von außen betrachtet ist er den

geraden Weg gegangen: mit 16 die Schule beendet, dann

eine Ausbildung angefangen und seitdem als Dachklempner

gearbeitet. „Aber hintenrum, da bin ich viele Umwege

gegangen.“ Dass seine Eltern nicht respektieren und tolerieren,

was er sich zusätzlich mit Musik aufgebaut hat,

ist ihm egal. „HipHop ist die Musik von Schwarzen, der

schwarzen Kultur“, sagt Vecz, „das kommt in Buch nicht

so gut an.“

Der Überraschungseffekt im Rap ist überhaupt das Beste

von allem: „Keiner kennt dich und dann kommst du auch

noch als kleines Dickerchen wie ich auf die Bühne, und

wenn du dann loslegst, fällt denen die Kinnlade runter. Da

NYC-Battle: Der

Beatboxer NYC

Beatbox (r.) und

Rapper Farbeon

zeigen, was

sie drauf haben


JP Nolos kommt

hat brasilianische

Wurzeln

66

Werk VI . Mixtape

Der Rapper

Vecz aus Berlin

ist mit HipHop

gewachsen

kannst du schwarz, gelb, grün, rot sein – du musst es nur

sprachlich im Kopf drauf haben!“ Wie Vecz zum HipHop

kam? Es ist die Liebe zur deutschen und englischen Sprache

gewesen, die Faszination darüber, was man mit Wörtern

alles machen kann, die ihn zum Rappen brachte. 98 Prozent

seiner Texte sind persönliche Geschichten: Durch die

Lyrics verarbeitet er Probleme, die ihn beschäftigen. „Zwei

bis drei Tage schreibe ich am Text, dann ist das, was mich

beschäftigt, meistens aus dem Kopf.“

Es sind solche Projekte wie die BronxBerlinConnection

oder Gangway Beatz, die es jungen, kreativen Leuten mit

und ohne Startschwierigkeiten ermöglichen, ihre Träume zu

verwirklichen und aktiv zu werden. „Mit mehr Information

kommt der Perspektivwechsel“, sagt Olad, der seit 2003 für

Gangway unterwegs ist. „Die Jungs und Mädels da draußen

kommen zu uns, verändern sich, weil sie sich weiterentwickeln.

Sie setzen sich mit Themen auseinander, informieren

sich über das, was sie rappen, weil sie keinen Mist erzählen

wollen. Sie machen sich Gedanken, erkennen, was wichtig

ist im Leben. Es ist schön, so etwas beobachten zu können.“

Gangway Beatz ist ein Projekt, das jungen Künstlern die

Möglichkeit gibt, Stücke auf einer CD-Compilation zu veröffentlichen.

Im August diesen Jahres erscheint nun schon

das dritte Album mit dem Titel Gangway Beatz VOL III.

Mehr als ein Jahr harte Arbeit steckt darin. Die Ergebnisse,

resultierend aus einem Schreib-Workshop und Studiozeit,

können sich, wie die beiden Vorgänger, absolut hören lassen.

Es ist ein pädagogisch wertvolles Projekt: Wer auf das

Album möchte, muss pünktlich sein, respektvoll mit den

anderen umgehen und tolerant gegenüber den Kollegen

bleiben. Es ist eben ein Geben und Nehmen.

JP Nolos, 25 Jahre alt und aus Brasilien adoptiert, kommt

ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen und wohnt seit fünf

Jahren in Berlin. Er ist auch so einer, der unbedingt seinen

Namen auf einer Gangway-Beatz-Platte sehen wollte. Den

Weg zu Gangway hat er über HipHop-Workshops von

Olad in der Zeit seines Gefängnisaufenthaltes gefunden.

Über den Grund für seine Strafe möchte er nicht sprechen.

Für ihn ist das Entscheidende beim HipHop, dass man mit

Worten klar machen kann, dass man kein Idiot ist, wie er

sagt. „Nicht das ist, wonach man aussieht.“ Musik verbindet,

bringt Menschen zum Nachdenken. Sport sei damals

nicht cool genug gewesen, um sich darüber bei Freunden

Respekt und Identität zu verschaffen. Er ahmte lieber das

nach, was Rapper im HipHop vorgelebt haben. „Für Hip-

Hop braucht man nicht viel“, sagt JP Nolos und schüttelt

dabei seine Afro-Mähne. „Noch nicht mal Musik, das gehe

auch ohne Mikro und Beat. Generell ist die Community

S/W Foto von JP NOLOS: FARBEON

ein großes Miteinander, da werden keine Unterschiede gemacht

werden. Es ist egal, woher du kommst, wie du aussiehst,

was du anhast. Man fühlt sich schnell zugehörig. Es

läuft alles über das Mach-mal-mit-Prinzip.“

Das, was er kann, gibt er auch gern weiter, getreu dem

Motto: „Each one, teach one.“ Gangway ist so etwas wie

ein Familienersatz, sagt JP Nolos weiter. „Man muss sich

dafür Zeit nehmen, pünktlich kommen und konzentriert

bei der Sache sein. Man darf auch nur kommen, wenn man

cool und normal bleibt. Ich bin leider nicht der Pünktlichste,

aber das ändert sich dann auch im Laufe der Zeit“, sagt

er und lächelt dabei entschuldigend. „Solche Projekte bringen

einen von anderen krummen Sachen weg. Selbst wenn

ich mich nur einmal die Woche Gangway widme, war das

schon mal ein guter Tag. Es ist sozusagen eine Prävention

gegen Mistbauen.“ Er gibt sich eigene Hausaufgaben auf,

um dabei bleiben zu können, arbeitet an sich, um Privilegien

wie die Reise nach New York im nächsten Jahr mitmachen

zu können, denn dann steht wieder ein Austausch mit

der BronxBerlinConnection an.

Falls er es in die Gruppe schafft, die nächstes Jahr auf Reisen

geht, trifft JP Nolos bestimmt wieder auf Nossis, die 20

Jahre junge Produzentin und Rapperin aus Brooklyn, New

York, die auch im Berliner Bi Nuu aufgetreten ist. Schrei-

ben konnte und wollte sie schon immer: erst Gedichte,

dann Songtexte. HipHop ist für sie wie eine zweite Natur,

von der sie schon immer umgeben war, sagt sie mit einem

Lächeln auf dem Gesicht. „Musik ist eine super Möglichkeit,

ge- oder erhört zu werden. Menschen verurteilen dich

nicht für das, was du mal gemacht hast, sie schätzen es,

wenn du Leidenschaft in deine Tracks steckst. Für HipHop

brauche ich keinen Elite-Abschluss.“

In der Highschool war Nossis schüchtern, fühlte sich

nicht wohl, hatte Depressionen und viel Stress. Abgebaut

hat sie diese negativen Emotionen mithilfe von Schreiben.

„Das hat mich auf jeden Fall geöffnet. Ich habe meine negative

Energie in positive umgewandelt.“ Der dringliche

Wunsch, den Menschen, die sie eine lange Zeit missverstanden,

endlich ihre Meinung zu sagen, war so groß, dass

sie irgendwann ganz in die Welt des Raps abtauchte. Eigentlich

wollte Nossis Journalistin werden, aber es hat ihr

nicht gefallen, dass andere Leute ihr vorgeben wollten, worüber

sie zu schreiben hat.

Ihre Eltern hat Nossis übrigens, im Gegensatz zu früher,

auch wieder auf ihrer Seite: „Sie respektieren mich endlich

für das, was ich mache. Sie sehen meine Fortschritte, meine

Auftritte, wie ich mich für die Musik hingebe und alles dafür

tue, um erfolgreich zu sein.“

Uniq Being (M.)

und Lvg aus

New York rappen

nicht über

Guns & Bitches


68

Werk VI . Mixtape

dancing on my own *

Für diesen Tanz braucht man nicht unbedingt Musik, dafür Disziplin und absolute Körperbeherrschung – dürfen wir bitten...

Fotos: Juliette Mainx

Produktion: Greta Kehl-Detemple,

Annika Krüger, Tina Meyer,

Elena Schröder

Model: Ly Huyen

Haare/Make-Up: Audry Romano

Bildbearbeitung: Markus Dreyer

* Robyn, 2010

Rock von Liebig Berlin.

Top von Saymono.

Schmuck: Vintage

69

Werk VI . Mixtape


Kleid von Guess.

Top von Saymono.

Schuhe, gesehen

bei TK Maxx.

Kette von Nelly

70

71

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape

Links: Kleid von

Weekday, Kette von

Bjørg Jewellery.

Tuch: Vintage

Rechts: Kleid von

Victor Stuhlmann.

Leggins, gesehen

bei TK Maxx


Top von Cheap Monday.

Rock von Vero Moda.

Schuhe von Nelly (nly)

Schmuck & Gürtel:

Vintage

72

73

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape

Kleid von Weekday.

Jacke, gesehen

bei TK Maxx.

Kopfschmuck:

Stylists own


74

Werk VI . Mixtape

Kostümtraum

und Theaterzauber

Der Nussknacker, Schwanensee oder

Carmen – die prachtvollen, handgearbeiteten

Kostüme dieser

Ballettstücke und Opern versprühen

einen Zauber, der lange nachwirkt.

In dem Fundus der Deutschen

Oper in Berlin-Charlottenburg

treffen wir Dorothea Katzer.

Seit 2001 ist sie für die Kostüme

der Oper und des Berliner Staatsballetts

verantwortlich.

Sie kennt jedes kostbare Stück.

bodenlange Kleider aus Seide

und nachtblauem Samt, Rokoko,

Renaissance oder Zukunft, Gaultier

oder Lacroix. Der Fundus ist bis

unter die Decke mit Schätzen gefüllt

und sorgt für viel Gesprächsstoff.

Interview: Daliah Hoffmann

Fotos: Michelle Gornick

Ein Meer aus

Tüll: Voluminöse,

pinkfarbene Tutus

warten auf ihren

nächsten Auftritt

Frau Katzer, Musik ist seit mehreren Jahrzehnten berufsbedingt

ein wichtiger Teil Ihres Lebens. Haben Sie beim Entwerfen

der Kostüme auch Musik gehört? Zur Inspiration

oder Beruhigung?

Nein, nie. Ich gehöre zu den Menschen, die, wenn sie Musik

hören, total in sich hinein driften. Ich kann nicht mal

beim Kochen nebenbei ein Hörspiel hören oder beim Bügeln

fernsehen. Das absorbiert zu stark meine Aufmerksamkeit.

Ich höre sehr gern Musik, aber wenn ich entwerfe,

dann gar nicht. Es sei denn, ich designe für eine Oper, dann

höre ich natürlich immer mal wieder rein, um Zeiten zu

prüfen und um mir das Klima und die Stimmung zu vergegenwärtigen.

Ich habe hier die Gelegenheit, sehr viel Musik

zu hören, und tue das auch oft.

Was hören Sie denn privat am liebsten?

Ehrlich gesagt hat es mich inzwischen sehr zu Wagner hingeführt.

Ja, ich höre ganz gern Wagner.

Was hat Sie an dem Beruf des Kostümdesigners so fasziniert?

Waren es die Opern, die Stoffe oder das Entwerfen selbst?

Ich habe immer schon gezeichnet und wollte ursprünglich

Illustrationen machen. Über das Zeichnen hinaus interessierte

ich mich auch für die kostümtechnische Darstellung

von Figuren. Also habe ich das Zeichnen mit dem Theater

verbunden und den Entwurf als Form der Illustration für

mich gewählt. Es ging dabei nicht um Mode, sondern um

die Darstellung von dramatischen Figuren. Eine Schneiderlehre

und ein Gewandmeister-Studium gab mir eine

handwerkliche Basis. Danach habe ich als Assistentin an

der Schaubühne angefangen.

Wie war die Zeit an der Berliner Schaubühne?

Es gab dort nur eine kleine Werkstatt, in der damals sehr

experimentell gearbeitet wurde. Wir haben keine abstrakten

Kostüme gemacht, es ging eher darum, beispielsweise

Renaissance-Kleider genauso herzustellen wie die Originale

aus dem 16. Jahrhundert. Dafür wurden auch mal fünf

Perlen übereinander gestickt. Wir hatten die Möglichkeit,

uns richtig auszutoben. Die Schaubühne war für mich eine

Mischung aus Entwerfen, Charakterisieren und handwerklicher

Ausbildung. Das war für die späteren Jahre natürlich

ein unglaublicher Vorteil.

Wie haben Sie diesen Vorteil für sich genutzt?

Nach den zwei Jahren an der Schaubühne habe ich sehr lange

als Kostümbildnerin für verschiedene deutsche Häuser

gearbeitet. Man geht auf Reisen, trifft Regisseure und merkt

schnell, dass man dieselben Interessen hat und eine gemeinsame

Geschichte erzählen will. Es geht ja darum, die Vorstellung

des Regisseurs zu bebildern. Als Kostümbildnerin bin

ich in der angewandten Kunst tätig. Teamarbeit ist besonders

wichtig. Nach langen Gesprächen mit dem Regisseur und

dem Bühnenbildner, der durch sein Werk den Mikrokosmos

für die Schauspieler schafft, verleiht der Kostümdesigner den

Figuren durch die Kleider den gesamten Ausdruck. Ich will

den Charakter der Rolle durch die Kostüme unterstreichen.

Sie haben sich dann auf Opern spezialisiert, woher kommt

Ihre Leidenschaft dafür?

Mich hat die Emotionalität in der Oper, die mich viel stärker

und anders berührt als im Theater oder Ballett, schon

immer begeistert. Allein schon wie die Figuren über die

Musik und das Libretto zum Leben erweckt werden. Die

Oper ist unglaublich lebendig und man sieht, wie diese Arien

den Sänger dazu drängen, darstellerisch zu werden. Das

ist mit Schauspiel nicht zu vergleichen. Es erfasst einen in

einem viel größeren Umfang.

In all den Jahren haben Sie bestimmt mehr als 100 Opern

gesehen und waren selbst Teil der Entstehungsprozesse. Welche

ist ihre Lieblingsoper?

Ich mag Wagners Parsifal und Verdis Requiem unheimlich.

Das sind eher so die schweren Stücke, fällt

mir gerade auf. Aber ich höre auch Gioachino

Rossini und Gaetano Donizetti oder

auch mal Giacomo Puccinis La Bohème.

Mittlerweile haben Sie sich aus dem Kostümdesign

eher zurückgezogen und sind

nur noch für die Organisation und Direktion

der Abteilung zuständig. Was haben

Sie zuletzt für das Berliner Staatsballett

entworfen?

Ich habe 2011 noch Die Liebe der Danae

unter der Regie von Kirsten Harms gemacht.

Außerdem habe ich das Kinderballett

organisiert und an kleinen Produktionen

mitgewirkt.

2009 entwarf Jean Paul Gaultier die Kostüme

für Schneewittchen. Wie war die Arbeit

mit ihm?

Er hat für Schneewittchen sehr eng mit

Angelin Preljocaj, dem Choreographen,

zusammengearbeitet. Sie haben gemeinsam

Entscheidungen getroffen, sind aufeinander

eingegangen und haben sich

gegenseitig inspiriert. Ich habe damals

nach seinen Vorgaben die Kostüme in den Werkstätten des

Staatsballetts produzieren lassen. Er hatte leider keine Zeit,

persönlich dabeizusein.

Wie haben Sie Gaultier als Menschen wahrgenommen? Auf

dem Laufsteg wirkt er ja eher extravagant, laut und verrückt.

Ich bin damals zu ihm nach Aix-en-Provence gefahren, um

mir die Entwürfe vor Ort anzuschauen. Ich fand es wirklich

sehr beeindruckend zu sehen, dass er nicht nur deshalb ein

sehr erfolgreicher Designer ist, weil er im Leben viel Glück hat,

sondern weil er wirklich ein unglaublich konzentrierter Arbeiter

ist. Er sieht sich in gewisser Weise auch als Dienstleister

und hat seine Aufgaben mit großer Virtuosität abgearbeitet.

Und wer geht bei diesen Designer-Kooperationen üblicherweise

auf wen zu?

Die Kostümdirektorin

Dorothea Katzer


76

Werk VI . Mixtape

„Viele Modedesigner

suchen

sowohl in

der Historie

als auch im

Theater und

im Film nach

Inspiration“

Meist engagiert das Opernhaus oder das Ballett einen Regisseur

oder einen Choreographen, der etwas für das Haus

entwickeln soll. Und dann überlegt das Regie-Team, welche

Künstler zu der Produktion passen könnten. Manchmal

hat er Partner, mit denen er immer zusammenarbeitet.

Wie beispielsweise Peter Stein, der seit Jahrzehnten

mit Moidele Bickel arbeitet. Andere wechseln mit jeder

Produktion auch den Kostümbildner. Herr Preljocaj arbeitet

sehr gern mit bekannten und interessanten Modedesignern

zusammen. Das hat auch Tradition in seiner Heimat

Frankreich. Coco Chanel hat damals auch Ballettkostüme

entworfen. Ich denke, er führt diese Tradition weiter.

Ich finde, das ist im Ballett auch wirklich fruchtbar. Das

Schneewittchen war wirklich großartig. Für Februar 2014

planen wir gerade eine Produktion mit Preljocaj und dem

Designer Azzedine Alaïa. Er ist berühmt für

seine Strickmode, seine körpernahen Formen

und seine ganz spezielle Linienführung,

die von den Schnitten her eine Herausforderung

ist. Alaïa hat die Schnitte sozusagen

dekonstruiert. Er hat auch nach dem Ende

seiner Designerkarriere ganz unglaubliche

Stricktechniken und ganz tolle Kostüme

gemacht. Ich bin gespannt auf das Ergebnis

und freue mich schon sehr.

Christian Lacroix hat bei Ihnen im Haus ja

auch Kostüme für das Ballett designt.

Ja, er hat 2010 erstmals Kostüme für die Deutsche

Oper gemacht. Damals für die Barockoper

Agrippina von Georg Friedrich Händel.

Alle Kostüme waren den Sängern und

Solisten auf den Leib geschneidert worden.

Er ist ein sehr umgänglicher und sehr kreativer

Mensch. Und offensichtlich geht er auch

auf die Regisseure und ihre Wünsche ein. Es

sind ja immer dramaturgische Figuren, die

in der Dramaturgie auch bedient werden

müssen. Und das ist auch für die Modedesigner

eine Anregung.

Wie würden Sie die Beziehung zwischen der Oper, dem Ballett

und der Mode beschreiben? Wie wichtig sind diese kulturellen

Phänomene für einander?

Meiner Meinung nach wird Mode durch theatralische Momente

beeinflusst. Viele Modedesigner suchen ja sowohl in

der Historie als auch im Theater und im Film nach Inspiration.

Auch Kostümdesigner für Film und Ballett lassen sich

sehr von der Mode inspirieren. Ich glaube, das befruchtet

sich gegenseitig. Mode und Musik sind sehr emotionale

Angelegenheiten.

Wie fängt man an, ein Kostümbild zu entwerfen? Was muss

alles beachtet werden?

Als erstes führt man Konzeptionsgespräche mit der Regie,

liest das Stück oder hört die Oper. Im ganzen Team

sammelt man Ideen, tauscht sich über Assoziationen aus

und inspiriert sich gegenseitig. Dann beginnt das Zeichnen

oder das Sammeln von Material: Bilder aus Kostümbüchern,

Zeitungsausschnitte, Modezeichnungen, Modebücher.

Textilfetzen, Material- und Farbproben sind oft

auch Teil des Entstehungsprozesses. Ich habe eigentlich

immer gezeichnet und nur selten Collagen gemacht. Auch

Anregungen von Stylisten sind hilfreich und die momentane

Modeströmung ebenfalls. Vielleicht setzt aber auch

gerade der Kostümbildner einen Modetrend.

Und was passiert dann?

Wenn der Kostümdesigner alle Bilder und Inspirationen

beisammen hat, geht er damit zu der Kostümdirektion des

Hauses und legt die Zeichnungen vor. Dann wird gemeinsam

besprochen, was gemacht werden kann, und was nicht.

Anschließend fängt der Kostümbildner mit der Umsetzung

an und präsentiert die fertigen Kostüme an Figurinen. Es

kommt aber auch vor, dass Kostümbildner noch gar nicht

genau wissen, was sie machen wollen und erst während

der Proben eine Idee bekommen. Ungefähre Skizzen und

Entwürfe werden dann während der Proben auf der Bühne

konkretisiert. Das geht in der Oper nicht ganz so gut, weil

für manche Stücke gut 300 Kostüme benötigt werden.

Sie sagen, dass Mode und Musik sich gegenseitig befruchten.

Designer lassen sich vom Theater inspirieren und Kostümbildner

nutzen Modeströmungen, um ihre Kostüme dem

Zeitgeist anzupassen. Wie können wir uns das vorstellen?

Ein sehr passendes Beispiel lieferte die Schaubühne in den

80er-Jahren, als dort Maxim Gorkis Sommergäste aufgeführt

wurde. Die Kostümbildner haben damals aus lauter

Trödelläden in Berlin-Kreuzberg alte Leinentücher zusammengeholt,

um dann russische Sommeranzüge aus

der Zeit um 1900 nachzuschneidern. Plötzlich standen die

Zuschauer da und sagten alle: „Wir wollen auch so einen

Leinenanzug haben wie Bruno Ganz. Der knittert so wunderbar.“

Ich bin mir sicher, dass die Schaubühne mit diesem

Stück tatsächlich den Leinen-Boom ausgelöst hat. Zu

der Zeit trugen eigentlich alle halbsynthetische Stoffe, die

nicht knitterten. Dann fingen die Designer an, mit Leinen

zu arbeiten, und so verbreitete sich der Look. Vielleicht haben

die Kostümbildner an der Schaubühne aber auch nur

einen Trend gespürt, ihn aufgenommen und so an die breite

Masse gebracht.

Haben Sie in den letzten Jahren ein Kostüm aus ihrem Fundus

besonders ins Herz geschlossen?

Ja, es gibt ein Kostüm, das ich sehr liebe. Es ist ein furchtbar

schäbiges Kleid. Das der Clytemnestra in Elektra von

Götz Friedrich. Das Kleid war auf der Bühne ein ganz

beeindruckendes rotes Kostüm mit einer breiten, pinkfarbenen

Schlange vorne drauf. Aber wenn man es sich

von Nahem anschaut, ist es nur ein banaler Wollstoff

mit einem pinkfarbenen draufgestrickten Jersey. Die

Ketten sind tatsächlich aus Korken und mit Glanzpapier

überzogen und bemalt. Dieses Kostüm ist wirklich ein

Theaterzauber.

77

Werk VI . Mixtape


78

Der

Klang

macht

79

Werk VI . Mixtape

die

Kunst

Werk VI . Mixtape

Ein Gespräch über Geräusche,

die man sehen und fühlen kann.

Interview: Virginie Henzen

Grafiken:

Visualisierungsmodelle

der Raum-

Klangkomposition

I_Land, 2007-2009

Foto: A. Hartmann

Monochrome

blaue Fläche von

der audiovisuellen

Klangkomposition

Der Schlaf & die

Betäubung, 2011


D

Gerriet K. Sharma

bei Außenaufnahmen

auf

Sylt für sein

Projekt I_Land,

2007-2009

er Künstler Gerriet Krishna Sharma

kreiert Klänge. Indem er sie in Treppenhäusern

einfängt, sich im Badezimmer

einschließt, ein Schnippen im

Kreis laufen lässt oder sich Rettungsfolien

als Haustiere hält. Seine Kunst

reicht von einfachen Alltagsgeräuschen

über Lautsprecherklänge bis hin zum

fiktiven Klang ganzer Inseln. Wie man aus etwas Banalem

Kunst machen kann, zeigt der heute 39-Järhige mit seiner Arbeit

Melt: Aufnahmen von schmelzendem Eis. Im Interview

spricht Gerriet K. Sharma über die Faszination von offenen

Fenstern, warum sich Klangkunst nicht genau definieren lässt

und über den Inhalt seines akustischen Werkzeugkastens.

Herr Sharma, wie würden Sie in eigenen Worten Klangkunst

beschreiben?

Klangkunst kommt aus dem Bereich der Medienkunst.

Medienkunst als solche existiert eigentlich gar nicht. Das

ist eine Strategie, mit der man es geschafft hat, auf künstlerische

Art und Weise Geld zu akquirieren für eine bestimmte

Richtung von Kunst. Klangkunst ist bestimmt

nicht älter als 90 Jahre. In Deutschland wird sie nicht zur

Musik gezählt, sondern eher zur Bildenden Kunst. In Österreich

zum Beispiel gehört das eher zur Musik. Im Wesentlichen

geht es darum, über die auditive Wahrnehmung

des Besuchers eine bestimmte Welt zu öffnen und in dieser

Welt etwas zu verhandeln.

Momentan arbeiten Sie gerade an Keine Ahnung von

Schwerkraft. Können Sie uns ein bisschen mehr über dieses

Projekt erzählen.

Sechs leerstehende Gebäude werden in verschiedenen

europäischen Städten als Klangräume genutzt und als

integraler Bestandteil von mehrkanaligen Klangkompositionen

verstanden und erfahrbar gemacht. Ich habe

viele Jahre lang in abgedunkelten Studios, abgedichteten

Kellern und „Verliesen“ verbracht. Irgendwann hab ich

gedacht, der Klang stimmt hier nicht mehr: Im Studio

muss alles still sein, aber ich würde gern die natürlichen

Geräusche miteinbeziehen. Die Frage war, wie kann ich

das, was ich die letzten Jahre im Elfenbeinturm der Akademie

gelernt habe, anders umsetzen? Ich habe mich ganz

stark mit Raumakustik beschäftigt. Irgendwann habe ich

eine Sammlung gemacht von den Klängen aus Treppen-

häusern. Die ersten Versuche mit Gebäudebespielungen

habe ich in leerstehenden Hörsälen gemacht.

Was für eine Verbindung gibt es zwischen Klangkunst und

Architektur?

Es gibt eine Tradition. Ich habe viel recherchiert und fing

an, mich zu fragen: Wie klingt Architektur? Und warum

klingt dieses Treppenhaus anders als das da drüben? Ich

habe festgestellt, wenn irgendjemand keine Ahnung hat

von akustischer Atmosphäre, sind es die Architekten. Das

ist doch komisch, dass sich Leute Häuser bauen lassen und

sich im eigenen Wohnzimmer anschreien müssen.

Sie beginnen Ihre Arbeit mit einem Frage-Antwort-Spiel an

den Raum. Was kann man sich darunter vorstellen?

In der Kürze sieht das so aus: Sie betreten ein Gebäude, gehen

herum und hören erst mal zu. Dann folgen drei genau festgelegte

Arbeitsschritte: Begehung, Befragung und Antwort.

Wie genau gehen Sie vor?

Bei der Befragung habe ich meine 32 Lautsprecher und einen

akustischen Fragebogen für jedes Gebäude, da sind Testprogramme

drin mit akustischen Signalen, die den Raum auf

verschiedene Weisen anregen. Sie kennen das Phänomen

des Echos. Wenn Sie sich vorstellen, Sie lassen ein Schnippen

im Kreis von Lautsprecher zu Lautsprecher laufen, und

diese Lautsprecher stehen aber in verschiedenen Räumen,

dann läuft der Impuls durch die Räume und kommt wieder

bei Ihnen raus, aber jedes einzelne Schnippen hat dann

die auditive Information dieses Ortes in sich. Da gibt es

ganz viele erprobte und entwickelte Testklänge in meinem

Werkzeugkasten, den ich über die Zeit programmiert habe.

Durch deren Anwendung bekomme ich einen akustischen

Eindruck. So wird das Gebäude langsam erkundet. Meistens

interessiert sich das Gebäude am Anfang überhaupt nicht

für einen – null. Ich meine, was für ein Idiot sitzt im Badezimmer

oder in der Besenkammer und lässt Klänge springen?

Ich erfahre ganz viel über Material, Bauweise, Hallwege

und eben auch über die akustische Architektur. Und diese

ist dann die Grundlage für die Gebäude-Klangkomposition.

Die Komposition ist dann meine Antwort.

Was für eine Botschaft hat Keine Ahnung von Schwerkraft?

Die Botschaft ist das Gebäude selbst als bisher ungehörter

und unerhörter Erfahrungsraum. Natürlich ist es auch

FotoS: Martin Voss, Nico Bergmann

Rechte Seite:

Gerriet K. Sharma

beim Arrangieren

von Rettungsfolie

für das Experiment

Lose Enden, 2010

81

Werk VI . Mixtape


Aufnahme von

knisternden

Isolierfolien für

die Arbeit Lose

Enden, 2010

82

Werk VI . Mixtape

Foto: Nico Bergmann, gksh

irgendwie politisch, Leerstand zu bespielen. Die Frage ist,

ob man immer neue Gebäude für die Kunst bauen muss

oder ob man die Art und Weise, wie wir Kunst produzieren

und rezipieren, verändern kann, um das Werk wieder

zu „erleben“? Es geht letztendlich aber vor allem darum,

akustische Umwelt durch künstlerische Setzung und Intervention

erfahrbar zu machen.

In Ihrem Online-Projekt Strichliert, Vol. 01 - Vol. 15 Operationen

am offenen Fenster bitten Sie den Online-Besucher,

15 Tracks mit Miniaturkompositionen herunterzuladen, das

Fenster zu öffnen und die Tracks geloopt für mindestens eine

Stunde über einen Lautsprecher abzuspielen. Der Zuschauer

soll dem Ganzen keine besondere Beachtung schenken. Ist

das Selbstironie?

Ich finde es total spannend, bei offenem Fenster zu sitzen

und zu hören, wie sich Drinnen und Draußen verbindet.

Und wenn Sie dazu noch etwas Drittes spielen, z.B. Whitney

Houston, passieren die tollsten Sachen. Das an sich als

Installation ist schon total spannend. Aber was, wenn ich

als Klangkünstler noch dazwischen komme? Wie komme

ich in Ihr Wohnzimmer, ohne einzubrechen? Wie kann

ich da eine Umgestaltung vornehmen, und wie massiv ist

die? Auch hier versuche ich eine andere Form zu finden.

Wenn Sie jetzt Klangkunst im öffentlichen Raum nehmen,

das tutet immer ganz furchtbar und wird irgendwann nervig.

Oder in einer Galerie – hoffentlich werden die mich

im Sommer am Bochumer Kunstverein nicht total hassen

dafür. Die Ausstellung läuft sechs oder acht Wochen und

das Museumspersonal muss das dann die ganze Zeit hören.

Bei Ihrem Projekt Lose Enden übertragen Sie physische

Bewegungsgesten akustisch skulptural auf den Raum, wodurch

dreidimensional Höreindrücke entstehen. Dabei geht es

Ihnen nicht nur um die bloße Wiedergabe der aufgezeichneten

Klänge, sondern um eine physische Gesamterfahrung.

Was genau ist das?

Die auditive Wahrnehmung von der Welt ist eine total andere

als durch die Augen. Was passiert zwischen Augen und

Ohren in einer künstlerischen Arbeit? Ich habe für Film und

Fernsehen und auch lange mit VJs zusammengearbeitet. Es

weiß keiner. Bei Lose Enden ist mir irgendwann aufgefallen,

dass erstaunlich viele Leute im Performance-Bereich zu der

Zeit etwas mit Rettungsfolien machten. Wahrscheinlich weil

es günstig ist und weil es so schön knistert. Außerdem gibt es

eine Fluxusarbeit des japanischen Künstlers Takehisa Kosugi,

die heißt Micro 1. Die hat mich stark geprägt, die beiden

Eindrücke wollte ich weiterverfolgen.

Wie funktioniert Micro 1?

Das ist eigentlich eine Gebrauchsanweisung, wie Fluxus das

viel gemacht hat. „Wrap a sheet of paper around a microphone

and wait for five minutes.“ Das ist die ganze Arbeit.

Und das ist wunderbar, denn Ihre Ohren werden bei der

Performance immer genauer. Ich habe überlegt, dass man

das installativ anders einsetzen kann. Ich habe ein Jahr lang

Rettungsfolien zerknüllt und auf meinem Atelierboden

liegen lassen. Nebenbei habe ich andere Sachen gemacht

und immer ein Fenster offen gehabt. Da kommt ein leichter

Wind rein, diese Folien bewegen sich durch den Raum,

weil sie so leicht sind. Die sind ein Jahr wie Haustiere bei

mir rumgehüpft und dann hört man, wie die langsam wieder

aufgehen, wie sie vermeintlich anfangen zu kommunizieren.

Diesen Klang habe ich mit speziellen, sensiblen

Mikrofonen aufgenommen. Da hört man eine wahnsinnige

Vielfalt. Ich habe so lange experimentiert, bis ich zu diesem

Aufbau kam. Die Folien liegen erstarrt und darunter sind

Lautsprecher, die eine bestimmte Choreographie von bearbeiteten

Klängen abspielen und diese orchestrieren. Wenn

man diese goldene Insel danach umschreitet, tanzt etwas

über diese Folie. Tanz hat immer etwas mit Körper zu tun

und einem Wesen, das eine Geste verfolgt. So kommt es

dann zu dreidimensionalen Klangeindrücken.

Arbeiten Sie auch mit Video?

An der Kunsthochschule für Medien in Köln haben sie

mich immer gefragt: „Herr Sharma, wann machen se`

denn endlich mal was mit Video?“ Und ich habe immer geantwortet:

„Wenn ich keine Angst mehr vor Bildern habe.“

Das ist natürlich ziemlich plakativ, im wahrsten Sinne des

Wortes. Aber ich finde, dass die Bilder sich weitgehend verbraucht

haben. Auch weil wir momentan sehr stark auf der

Kippe sind, mit Bildern, die digital entstehen, und diesen

Hybriden, die halt noch so tun, als ob sie gezeichnet wären.

Die Erzählstrukturen sind aber immer die gleichen.

Welche war die bewegendste Geschichte, die Sie umgesetzt

haben?

I_Land, eine ambisonische Raum-Klangkomposition, das

war bisher mein umfangreichstes Projekt. Damit bin ich

83

Werk VI . Mixtape


Links: Tonaufnahmen

von Eis für die

Arbeit Melt, 2009

Rechts: Sound-Installation

Wiegenlied, Berlin 2009

84

Werk VI . Mixtape

sehr wahrscheinlich erwachsen geworden. Ich habe zwei

Jahre über Inseln recherchiert und mich gefragt: Was sind

Inseln? Als Metapher, als geografische Formation, Leerstelle,

Zufluchtsort und Gefängnis. Das ist die bewegendste

Geschichte, weil ich festgestellt habe, dass wir ohne Inseln

nicht leben könnten und alles zusammenbrechen würde.

Inseln sind die Fixpunkte, die Koordinaten, die wir alle

brauchen, und eben nicht das Festland.

Wie ist die Resonanz auf Ihre Kunst?

Ganz unterschiedlich. Ich habe großes Glück, ich kriege

wahnsinnig viel Unterstützung. Aber es gibt auch Ablehnung.

Und mir ist auch schon alles vorgeworfen worden.

Ich bin schon eine Stunde angebrüllt worden von jemandem,

der meinte, meine Arbeit sei Gotteslästerung. Der

Mensch an sich erträgt visuell die krassesten Dinge, aber

im auditiven Bereich ist es überhaupt nicht so. Der Raum

als kompositorisches Mittel auf der Ebene von Rhythmik,

Melodik und Harmonik, das ist erst ganz stark durch die

Computermusik gekommen. In der Klangkunst geht es

häufig darum, dass der Raumklang an sich unglaublich

reich sein kann, was Farben und Frequenzen angeht. Der

kann auch an sich wandelbar sein, wie ein Morph, eine

Skulptur. Wie Lehm, da ist Ton doppeldeutig, wie forme

ich etwas im Raum?

Sie haben einen ziemlich hohen Anspruch an Ihr Publikum,

wieso?

Ich glaube, weil es Spaß machen kann. Weil ich auch glaube,

dass es ganz viele Leute gibt, denen es ganz ähnlich geht

wie mir. Man muss den Anspruch sehr hoch schrauben,

wenn man gute Bekannte treffen möchte.

Wie wichtig ist elektronische Musik für Ihre Kunst?

Die ist ziemlich wichtig. Die Frage ist natürlich, was elektronische

Musik ist? Ich habe sehr wenig mit Clubmusik zu tun.

Die Erzeugung von Klängen oder die Veränderung von Klängen

am Computer hat ganz viel mit meiner Arbeit zu tun. Der

Lautsprecher als Instrument spielt für mich eine große Rolle.

Hören Sie privat elektronische Musik?

Privat geht es gar nicht. Ich kann privat sowieso wenig Musik

hören. Da ich mich in meiner Arbeit den ganzen Tag

mit Hören beschäftige, ist das ein Problem. Ich kann mir

das aber anhören im Club. Aber dann ist für mich natürlich

ausschlaggebend, ob die Anlage gut ist. Ich höre sofort, ob

da ein Arschloch am Werk ist, der die Leute umbringen

will. Und immer dieser Nimbus mit der Lautstärke, die

drehen die immer unglaublich hoch. Müssten sie aber gar

nicht, wenn die Anlage gut wäre. Clubmusik ist auch nicht

zum Hören da, sondern zum Fühlen.

Was ist Ihr Lieblingsklang?

Ich glaube, ich habe keinen Lieblingsklang. Weil aus dem

Kontext herausgelöste Klänge nicht per se etwas sind. Ich

mag aber zum Beispiel sehr hohe Frequenzen.

Und der schlimmste?

Oh, da gibt’s viele im Alltag. Presslufthammer im öffentlichen

Raum oder meistens die erste halbe Sekunde bei der

Lautsprecherdurchsage am Bahnhof. Ganz schlimm ist

Berlin. Noch schlimmer Köln. Und diese Laubbläser.

Wenn Sie jeden möglichen Raum auf der Welt bespielen

könnten, welcher wäre es?

Momentan träume ich von einem Raum, den ich selbst in

seiner akustischen Architektur gestalten kann: Ein Gebäude,

das an sich schon eine Installation ist, ohne dass ich es

bespielen muss. Jemand geht rein und hört Geschichten,

aber da ist nichts. Es ist nur der Raum und seine Akustik.

Oder einmal für Yohji Yamamoto Musik machen.

Wieso gerade für Yohji Yamamoto?

Ich denke, es ist sein Umgang mit dem Material und die

Verbindung von Tradition und High-Tech, was mir an Yamamotos

Arbeit gefällt. Ich bin auch kein Anhänger von

bunten Farben. Farblose Schlichtheit führt zu einer sehr

konzentrierten Wahrnehmung. Die handwerklich perfekte

Dekonstruktion von Schnitten und Formen und das Ermöglichen

anderer Raumausdehnungen kann zu einer anderen

Wahrnehmung von Körper und Raum führen. Und

genau das finde ich auch wichtig, wenn man komponiert.

Nur dann kommt es zu einem zweiten Angebot, das sich

von dem, was wir sowieso schon alle wissen und erleben

bzw. erlebt haben, als Alternative abzeichnet. Ich hoffe immer,

dass darin der Schlüssel zum Wundern liegt.

Gerriet K. Sharma ist mit seiner Soloausstellung Speicherlos

noch bis zum 28. August am Kunstverein Bochum zu hören.

www.kunstverein-bochum.de

Foto: Nico bergMaNN, GKSH

85

Werk VI . Mixtape

85

Werk VI . Mixtape


David: T-Shirt

von 5Preview

Edem: Sweatshirt

von The Shit Shop.

Leggings: Vintage

DROP

86

IT LIKE

IT’S

87

Werk VI . Mixtape

HOT *

HipHop Deluxe:

Viel Gold, kräftige

Farben und

fette Prints geben

dieses Jahr den

Ton an.

*Snoop Dogg, 2004

Werk VI . Mixtape

Fotocredit

Fotos: Patrick Wüstner

Produktion: Julia Balandynowicz,

Virginie Henzen, Pina Pipprich

Haare/Make-up: Jacqueline Nikuta

Models: David/Splendide Models, Edem


88 89

Fotocredit

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape

Edem: Top von 5Preview.

Shorts von Levi’s.

Mütze von Carhartt.

Sneaker von Nike.

Gürtel von Escada

David: Hose von

Minimum. Shirt von H&M.

Sneaker von Nike

Wollmütze von

Funky Bling


90 91

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape

Edem: Jacke: Vintage.

Top von H&M Trend.

Schmuck: Stylists own

David: Pullover von

The Shit Shop

Fotocredit

Fotocredit


92

93

Fotocredit

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape

Edem: Kleid von Asos.

Cap von River Island.

Boots von Timberland.

Schmuck: Stylists own

David: T-Shirt von

Snoop Dogg.

Cap von New Era

Jacke: Vintage.

Schmuck: Stylists own


Edem: Pullover von

The Shit Shop.

Leggings: Vintage.

Sneaker von Nike.

Kette von Mango

David: Hose von

Minimum. T-Shirt

von 5Preview.

Sneaker von Nike

94

95

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape


Mein Erstes Mal

von Valentine Linke

von Carmen Benker

Schlagerkonzert

Musikfestival

96

Werk VI . Mixtape

B

acksteinhäuser, Felder, Idylle. Das

ist das Dörfchen Scheeßel in Niedersachsen.

Einmal im Jahr, an

einem Wochenende im Juni, ist es

mit der Ruhe vorbei. Denn dann

findet hier das Hurricane-Festival

statt. Mit Indie, Techno und hartem

Rock. In diesem Jahr sollte

ich also in eine mir bis dato völlig fremde Musikwelt eingeführt

werden: in die der Festivals.

Die Aussicht auf drei Tage voller Dreck, Müll und ungewaschener

Menschen löste bei mir bereits im Vorfeld Panik

aus. Wieso sollte ich mein Bett gegen eine Isomatte und einen

Schlafsack eintauschen? Für mich bis dahin ein Rätsel.

An einem schwül-heißen Donnerstagnachmittag startete

also meine Reise in das Ungewisse. In einem vollgestopften

Kleinwagen machte ich mich gemeinsam mit meinen Mitbewohnern

Eileen und Toko auf gen Westen. Was mich auf

dem Hurricane, dem zweitgrößten Festival Deutschlands,

erwarten würde, war mir zu diesem Zeitpunkt noch völlig

unklar. Eingequetscht zwischen Zelt, Isomatte und einem

Wasserkanister lauschte ich gespannt der Musik meiner

festivalerprobten Mitbewohner.

Kurz vor Hamburg erreichte uns die Unwetterwarnung

des deutschen Wetterdienstes. Es wurde geraten, die Anreise

um einen Tag zu verschieben. So kurz vor dem Ziel

umzukehren kam für uns nicht infrage. Für viele andere

wohl auch nicht. Wenige Kilometer vor unserem Ziel: Stau.

Kleinere Menschentrauben bildeten sich um die Autos,

viele stiegen aus, um sich die Beine zu vertreten. Am

Straßenrand entleerten viele der Herren erst einmal ihre

Blasen, um sich kurz darauf das nächste Dosenbier in den

Rachen zu kippen.

Es wurde gesungen, oder nennen wir es besser gegrölt,

getrunken und gelacht. Schon bald hielt uns einer der

Gröler sein blankes Hinterteil an die Scheibe. Für Eileen

und Toko schien dies normaler Festivalalltag zu sein. Spät

abends erreichten wir endlich das matschige Gelände, das

sich an diesem Wochenende Parkplatz nennen durfte. Der

Campingplatz war mittlerweile randvoll. Zelt an Zelt, wie

die Ölsardinen. In völliger Dunkelheit bauten wir unseres

auf. Die Taschenlampe gab nach einigen Minuten den

Geist auf, und mittlerweile waren wir bis auf die Unterwäsche

durchnässt. Wie viel schlimmer konnte es eigentlich

noch werden? Nach einer Stunde Aufbau fielen wir wie

Steine auf unsere Isomatten.

Morgens um acht weckte mich Musik aus dem Nachbarzelt.

Ein bunter Mix aus allem: Von Schnulze bis hartem

Rock war alles dabei, was das Herz so früh am Morgen

begehrt. Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen, dafür

knallte nun die Sonne in unser Zelt. Der erste Schock: das

Bad, oder der Container, der ein Bad sein möchte. Einzelne,

eng aneinander liegende Duschköpfe. Weit und breit weder

Spiegel noch Steckdosen. Ein Wochenende ohne Smartphone

und Glätteisen? Nun gut, nach dem kurzen Schock

und einer kalten Dusche ging es zurück ins Zelt, in dem

Toko schon mit dem Frühstück auf uns wartete. Kellogs mit

Milch und Likör. Ein stilechter Start in den Festivaltag eben.

Einige Biere später ging es nachmittags Richtung Festivalgelände,

endlos groß und voller Matsch. Die ersten

Bands spielten bereits.

Mit der Dämmerung wurde es immer voller vor der Bühne,

vor der auch wir standen. Anscheinend wollten alle 70.000

Besucher die Show von Rammstein hautnah miterleben.

Den Abend ließen wir auf dem Campingplatz ausklingen,

bevor am nächsten Morgen das gleiche Spiel von vorn

begann. Nach zwei weiteren verregneten Tagen, vollgestopft

mit Bands, von denen ich teilweise noch nie etwas

gehört hatte, und vielen neuen Eindrücken, ging für uns

am Sonntagabend mit dem Berliner Technoproduzenten

Paul Kalkbrenner das Hurricane zu Ende.

Jetzt hieß es wieder: Hallo Alltag, tschüss ausgelassene

Partystimmung. Rülpser in der Öffentlichkeit samt den

mittlerweile kaputtgelatschten Gummistiefeln zurücklassen.

Festivals, ein Erlebnis, das mir mittlerweile nicht mehr

gar so absurd erscheint. Drei Tage abschalten, je ungesünder,

desto besser, und jegliche Manieren über Bord werfen.

Was gibt es besseres? Was für andere Menschen Karneval

oder Oktoberfest sind, werden für mich ab sofort Festivals

sein, trotz Dreck und Gestank. Oder gerade deswegen.

W

ir erwarteten Schreckliches. Schon

die absurd rosarote Abenddämmerung

verstanden wir als ein

unheilvolles Zeichen. So schlenderte

ich mit meinem Freund im

Schlepptau, der ununterbrochen

Rosamunde-Pilcher-Witze machte,

zur O2-World-Großkonzerthalle

in Berlin. Völlig ahnungslos, jedoch ziemlich skeptisch.

An diesem Abend würden wir eine Parallelwelt der

Musik kennenlernen. Eine Welt, die für Mittzwanziger wie

uns ein einziges Rätsel ist. Die seit Jahrzehnten nicht nur

eine riesige, sondern auch eine konstante Fanbase hat. Und

in der das Geld fließt wie in keinem anderen Musikgenre.

Wir waren auf dem Weg zu einem Konzert der Schlagergröße

Roland Kaiser.

Kaiser war schon auf der Bühne, als ich schließlich einer

Platzanweiserin unsere Karten hinhielt. Dass wir zu spät waren,

zeigte erneut, dass wir uns auf völlig fremdem Terrain

befanden. Welches Berliner Konzert fängt denn tatsächlich

zur angegebenen Uhrzeit an?

Und während ich noch total perplex versuchte, den

Denkfehler unserer Verspätung nachzuvollziehen, öffnete

sich uns die schwere Tür zur Konzerthalle.

Wie eine peitschende Flutwelle schlug uns ein Schwall aus

dröhnender Live-Musik und bunten Lichtern ins Gesicht.

Mit offenen Kinnläden starrten wir die Ränge hinunter: Die

Halle war randvoll. Halb taub, halb blind – Roland Kaiser

hätte mit der Lautstärke der Musik locker mit einem Metallica-Konzert

mithalten können – tastete ich mich mit meinem

Freund an den Fersen die Treppe herab. Vorbei an hysterisch

klatschenden Rentnern. An sich in den Armen liegenden

Frauen. Und schunkelnden Großfamilien, die alle das

gleiche Roland-Kaiser-Fanshirt trugen. Mit jeder Stufe begaben

wir uns tiefer und tiefer in die heitere Zuckerwatteblase.

Bis sie uns komplett verschluckt hatte.

Schon völlig geschafft von dem Feuerwerk an Eindrücken,

das alleine auf dem Weg zu unseren Plätzen auf uns eingeprasselte,

schoben wir uns endlich zu unseren Sitzen durch.

Die Stimmung, die die Halle füllte, war hier, mitten drin, so

überwältigend, dass sie mich förmlich in meinen Stuhl drückte.

Aus Angst, von dem mitsingenden Publikumschor davongetragen

zu werden, klammerte ich mich an meinen Freund.

Der Song, der uns zu unseren Plätzen begleitet hatte, war

beendet. Um uns herum pure Euphorie. Auf der riesigen

Leinwand erschien nun das gekonnte Lächeln von Roland

Kaiser. Die Menge kreischte. Aalglatt auf der Bühne auf

und ab schreitend, erzählte er eine kleine Anekdote. Dabei

erinnerte er stark an einen alten Löwen, der einen Morgenspaziergang

durch sein Revier macht. Bei den Backgroundsängerinnen,

die alle lange, schwarze Glitzerkleider trugen

und denen dasselbe Zahnpastawerbungslächeln ins Gesicht

getackert war, verweilte er schließlich. Auf eine rhetorische

Frage antwortete das Publikum schreiend mit dem Titel

des nächsten Songs: „Schachmatt!!!“ Bingo, die korrekte

Antwort, denn die Band donnerte aufs Neue los. Immer

noch fassungslos nutzte ich die Gelegenheit und schaute

mir die Menge genauer an. In der Reihe hinter uns tanzte

eine Gruppe Frauen. Vielleicht Anfang Dreißig. Kleine

Blazer über gemusterten Blusen. Kammsträhnchen. Föhnfrisur.

Hätte einem auch in einer Bank begegnen können.

Nur nicht grölend.

Plötzlich durchbrach ein Saxofon den seichten Popbeat.

In einem silbernen Glitzerkleid tanzte nun eine Frau mit

ihrem Blasinstrument in die Mitte der Bühne. Als sie ihre

rote Lockenfrisur im Scheinwerferlicht hin und her warf,

erinnerte sie auf komische Weise an Tina Turner. Kaiser

bückte sich inzwischen zu den Stehplätzen vor der Bühne

runter und sammelte Rosen, die ihm entgegen gestreckt

wurden.

Nach zwei Stunden mit poppigen Hits über die Liebe,

hatte Kaiser drei Anzüge durchgeschwitzt und die Show

war zu ende. Während ich das Gefühl hatte, von dem ganzen

zuckersüßen Herzschmerz einen klebrigen Mund zu

haben, war die Energie der Fans nicht ein bisschen abgesunken.

Im Gegenteil. Das Publikum hatte sich mittlerweile

in eine Ekstase getanzt und gesungen. Zumindest sah es

aus, als hätten viele eine Zigarette danach gebrauchen können.

Wir hingegen waren völlig fertig.

So ließen wir uns von einer Gruppe von Mädchen in Richtung

S-Bahn treiben. Sie schunkelten immer noch. Und als

eine von ihnen anstimmte, stiegen die anderen heiter ein. Ein

Song über die Liebe. Da wurde mir bewusst: Schlager lebt.

Und zwar nicht in einer fernen Galaxie, wo ich ihn vermutet

hatte. Sondern mitten auf der Warschauer Brücke im Berliner

„Szenebezirk“ Friedrichshain. Verrückt.

97

Werk VI . Mixtape


215 Meter über

dem Boden – für

Mascha keine

außergewöhnliche

Situation. Sie spielt

die Querflöte in

schwindelerregender

Höhe

zwischen

himmel

und Erde

98

Werk VI . Mixtape

Der Fotograf und Filmemacher Marat

Dupri findet seine Motive erst in einer

Höhe von mehreren hundert Metern –

und das ohne Sicherung. Der junge

Russe liebt es zu provozieren. Immerhin

hat ihm das für eines seiner Fotos bereits

den „Best of Russia“-Fotografiepreis

eingebracht. Auch seine Youtube-Videos

aus schwindelerregender Höhe sorgen

dafür, dass Marat immer erfolgreicher wird.

text: elena schröder fotos: marat dupri


Der 21-jährige

Roofer Marat

Dupri gewann

2011 den

„Best of Russia“–

Fotografiepreis

Ein schmaler Eisenträger, befestigt an

einem 215 Meter hohen Radiomasten.

Barfuß betritt sie das kalte Eisen.

Der Wind weht stark, sodass ihr ihre

blonden Haare trotz Zopf ums Gesicht

wehen. Doch das stört sie nicht.

Das Mädchen balanciert aufrecht bis

an die Spitze des Eisenträgers. Mascha

setzt ihre silberne Querflöte an,

schließt die Augen und fängt an zu

spielen. Eine Melodie mit solch weichen

Klängen – perfekt, um dem Alltäglichen

für einen Moment zu entfliehen.

Freiheit. Und nicht zu vergessen:

die wunderschöne Aussicht über die

etwa 150.000-Einwohner-Stadt Elektrostal,

in der Nähe von Moskau.

Das sind Momente, die Marat Dupri

faszinieren und die er mit seiner

Kamera festhalten muss. Der 21-Jährige liebt es, hohe Gebäude

oder stillgelegte Radiomasten zu erklimmen. Meist

tut er dies zusammen mit Bekannten aus der Roofer-Community.

Roofer sind junge Leute, oft im Alter zwischen 16

und 26 Jahren, die ohne Sicherung auf Dächer klettern. Ursprünglich

kommt dieser Extremsport aus New York, wo

es 1990 die ersten Roofer gegeben haben soll. Doch mittlerweile

hat sich der Trend des ungesicherten Kletterns auf

Dächer vor allem in Russland verbreitet. Es ist eine Bewegung,

deren Mitglieder der Drang zur Selbstüberwindung,

der Nervenkitzel oder das Verlangen nach Freiheit treibt.

Vorlieben innerhalb der Roofer gibt es verschiedene: Einige

bevorzugen das Herumlaufen auf spiegelglatten vereisten

Dächern oder Klimmzüge in freier Luft und in einer

Höhe von mehreren hundert Metern über dem Boden. Andere

lieben dort oben einfach nur das Gefühl, frei zu sein,

das einer Meditation gleicht.

Zu letzteren gehört auch der junge Fotograf Marat. Aber

es sind vor allem die Motive in unfassbarer Höhe, die

ihm seine größte Motivation für das Roofing liefern. Seine

Fotos haben ihn in Russland – und mittlerweile auch

in anderen Ländern – bekannt gemacht. „Ich liebe nicht

ausschließlich das Roofing. Ich liebe vor allem das Ergebnis

meiner Roofing-Touren“, sagt Marat. Bekannt zu werden

und Anerkennung zu gewinnen – das ist es, was sich viele

Jugendliche in Russland wünschen. Vor allem diejenigen,

die in sozial schwachen Verhältnissen aufgewachsen

sind und dieser Situation auch so schnell nicht entfliehen

können. Manche entdecken das gefährliche und verbotene

Hobby auch nur für sich, weil ihnen langweilig ist. Auch

Marat hatte damals Langeweile. Er suchte nach Ablenkung

im Internet und fand interessante Informationen zur

Roofer-Szene. Kurz darauf erlebte er seinen ersten Ausflug

nach oben. Und das, obwohl ihm die Ärzte damals sagten,

er dürfe wegen einer Herzschwäche keinen Sport treiben.

Seitdem lässt das Roofing nicht nur sein Herz besser

schlagen, sondern gibt ihm auch noch einen Status, den er

bisher nicht kannte. Denn die jungen Roofer werden von

anderen für ihren Mut bewundert. Sei es in der Community

oder aufgrund ihrer selbstgedrehten Youtube-Videos, in

denen sie jeden Schritt ihrer Touren dokumentieren. Dazu

zählt das etwa dreißigminütige Klettern auf Radiomasten,

Denkmäler oder Brücken genauso wie das Einbrechen in

die Zugänge zu Hochhausdächern. Um überhaupt so weit

zu kommen, schrecken viele Roofer nicht davor zurück,

tagelang um das Zielgebäude zu schleichen und den Bewohnern

während der Code-Eingabe heimlich über die

Schulter zu schauen.

Stern meiner Träume heißt das Video, das Marat dabei

zeigt, wie er in Moskau den 136 Meter hohen Stalinbau –

ein Fünf-Sterne-Hotel namens Hilton Moscow Leningradskaya

– erklimmt. Selbstverständlich ist er bis an die absolute

Spitze geklettert, die ein Sowjetstern aus den 50er-Jahren

schmückt. „Die Sprossen waren fast rostfrei“, sagt Marat. In

Moskau hat er bereits fünf der sieben Stalinbauten, die sogenannten

Sieben Schwestern, erklommen. Weil das bisher

noch kein anderer geschafft hat, wird er in der Roofer-Szene

Skywalker genannt. Ein Name, der darauf hinweist, wo sich

Marat am wohlsten fühlt: ganz nah am Himmel, auf Dächern

und Denkmälern in beängstigender Höhe. Dabei sei

das Klettern, genauso wie das Dächer-Spazieren, „gar nicht

so gefährlich wie alle immer denken“, sagt er. Man müsse

währenddessen nur etwas vorsichtig sein, und das sei er ja

schließlich auch. „Natürlich muss ich mich immer ein bisschen

überwinden, aber am Ende lohnt es sich.“ Doch allein

Vorsicht reicht nicht aus, Unfälle gibt es viele. Immer wieder

sterben junge Leute während ihrer Roofing-Touren – durch

Unachtsamkeit, ein versehentliches Stolpern im falschen

Moment oder aufgrund rostiger Feuerleitern. Der Sturz in

die Tiefe ohne Sicherung ist in den meisten Fällen tödlich.

Die erste gefährliche Hürde ist aber das Vorbeischleichen

an den Wachen vor potenziellen Roofing-Zielen. Wie

wenige Monate zuvor in Ägypten: Aufgeregt warteten Marat

und seine beiden Freunde Vitali und Wadim in einem

Versteck, ganz in der Nähe der drei Pyramiden von Gizeh.

Einmal die Aussicht von der Spitze der Cheops-Pyramide

zu genießen, war ihre Vision. Sie ist nicht nur die älteste

unter den drei Pyramiden, sondern mit ihren knapp 140

Metern auch die höchste. Den Plan, die Pyramide zu besteigen,

hatten die drei bereits vor Antritt ihrer Reise in Moskau

geschmiedet. Jetzt kam es nur noch darauf an, ob sie

diesen auch in die Realität umsetzen können. „Wir wussten,

dass der Aufstieg kein Problem für uns wird, hatten

aber Angst vor den Wachleuten, da das Klettern auf eine

Pyramide natürlich strengstens verboten ist“, sagt Marat.

Umzukehren kam jedoch nicht infrage. Wenn sich Roofer

etwas vornehmen, ziehen sie es in der Regel auch bis zum

Ende durch. Alles andere würde ihrem Ruf in der Szene

schaden. Außerdem hat die Auseinandersetzung mit

den Wachleuten auch immer etwas Anarchisches an

sich. „Wir fordern gerne heraus“, sagt Marat und

macht damit wieder einmal deutlich, wie groß

das Verlangen nach dem Verbotenen ist –

vor allem, wenn man aus einem Land wie

Russland kommt.

Fotocredit

Der Zeiger sprang auf ein Uhr nachts. Mittlerweile schliefen

die Wachleute oder waren nach Hause gegangen. Die drei

ergriffen ihre Chance, schlichen sich über die Absperrung

und erklommen die ersten Pyramidensteine. Niemand sah

sie, deswegen hielt sie auch niemand auf. „Bis jetzt ist das

meine aufregendste Roofing-Tour gewesen. Die Aussicht

war einfach unbeschreiblich“, sagt Marat. Da klingt es fast

wie ein Witz, wenn man sein Studienfach erfährt. Der Junge,

der mindestens einmal im Monat gegen das Gesetz verstößt,

sogar vor dem Klettern auf das Siebte Weltwunder

der Antike nicht zurückschreckt, studiert tatsächlich Jura.

In Russland ist das verbotene Klettern auf Gebäude kein

schwerwiegendes Verbrechen. „Es ist wie bei Rot über die

Straße gehen“, vergleicht Marat. „Wird man erwischt, gibt

es schlimmstenfalls eine Geldstrafe.“ Die fällt so gering aus,

dass sie nicht abschreckt, sondern die Jugendlichen eher

noch zu ihrer Extremsportart ermutigt.

Marat selbst hat nach vier Jahren Klettern die Aufregung

vor seinen Touren schon längst verloren. Er ist auch nicht

süchtig nach dem Adrenalinkick wie viele andere Roofer.

Und trotzdem denkt er nicht ans Aufhören. In den Wolken

kann er ganz er selbst sein. Dort stört ihn niemand. Dort

kommt auch kein Mensch außer seiner Roofing-Freunde

hin. Die Stadt liegt ihm zu Füßen. Er ist frei, weil er für

einen Moment aus seinem öden Alltag ausbrechen kann.

Und das ist sein Antrieb. Außerdem haben ihn seine Fotos

weltberühmt gemacht. Solch ein Ruhm fühlt sich natürlich

gut an in einem Land, das seinen Kindern nur wenige Perspektiven

bietet. Dass sich Marat dafür selbst und seine Konkurrenz

immer wieder überbieten muss, ist klar. Aber die

Anerkennung in der Community ist einfach zu verlockend

und der freie Fall, der ihn erwarten könnte, ganz weit weg.

Auch Mascha, die zu dem Zeitpunkt der Aufnahme des

Fotos mit der Querflöte im zweiten Monat schwanger war,

hat schon lange keine Angst mehr vor den Risiken, die das

Roofing mit sich bringt. Die 27-Jährige klettert solch einen

Radiomasten sogar lieber an der Außenseite hoch, anstatt

die innenliegende Feuerleiter zu benutzen. Denn das gibt

ihr einen größeren Kick. Sie lehnt sich damit gegen das verstaubte

Idealbild der typischen Hausfrau auf. Wie für Marat

ist auch für Mascha das Roofing ein kurzer Ausbruch

aus dem alltäglichen Leben in Russland. Und für dieses

Glücksgefühl geht sie gern bis an ihre Grenzen. Nur 25 Minuten

brauchten Mascha, Marat und die anderen, um den

Stahlgiganten zu besteigen. Dies ist übrigens auch der Ort,

den der Skywalker für sein bisher berühmtestes Werk auswählte:

Das 2011 preisgekrönte Foto, auf dem statt Mascha

ein Junge namens Alexej mit weit ausgebreiteten Armen

von hinten zu sehen ist.

Wenn Marat Dupri auf einem Dach herumschlendert,

hört er laute Musik auf seinem MP3-Player. Am liebsten

Electro oder beruhigende Lounge-Musik. Manchmal

auch Goa-Trance. Sein momentaner Lieblingssong ist

„Need You Now“ von der australischen Band Cut Copy.

Fraglich, ob Marat bei dem Song an ein Mädchen oder an

sein nächstes Ziel denkt – ein Gebäude, das er noch nie

zuvor erklettert hat.

101

Werk VI . Mixtape


Aufstand

der dandys

Das neue Video der

Dandys zu dem Sommerhit

„My Girl“ wurde auf

Mallorca gedreht. Die

beiden tragen aktuelle

Designerkollektionen,

die Mädchen nicht

Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, kennen keinerlei Regeln oder Einschränkungen

und plädieren für den Ausbruch aus der elitären Modewelt. Gemeinsam

gegen den Rest der Welt, so könnte das Motto der beiden Blogger von Dandy

Diary lauten. Ihr Stilmittel ist die Provokation. Jetzt haben sich David Roth und

Jakob Haupt wieder einem neuen Feld gewidmet: Sie machen Musik.

text: Tina Meyer foto: Arturo martinez steele

103

S

ommer, Sonne, Pool-Party. Gebräunte

Mädchen in knappen

Tanga-Bikinis lassen im Takt der

poppigen Beats ihre Hüften kreisen.

Um sich zu erfrischen, springen

sie in den Swimmingpool oder

nehmen eine kleine Champagnerdusche

am Beckenrand. Zwischendurch

wird lasziv Eiscreme

von silbernen Löffeln geschleckt.

Mittendrin: David Roth und Jakob

Haupt, die Zeilen wie „She rocked my world through

the night“ oder „My body is already in the danger zone“ in

die Kamera trällern. Die Macher von Dandy Diary, einem

der führenden deutschen Männer-Modeblogs, drehten ihr

zweites von insgesamt drei geplanten Musikvideos auf der

Urlaubsinsel Mallorca. Für ihr Musikprojekt bedienen sie

sich jedes Mal unterschiedlicher Klischees und treiben sie

auf die Spitze.

David lebt in Berlin und ist Absolvent der Akademie

Mode & Design im Bereich Modejournalismus, Jakob

kommt aus Hamburg und ist studierter Politikwissenschaftler.

Beide sind Jahrgang 1984 und kennen sich noch

aus der Schulzeit. Auf ihrem Blog Dandy Diary treten sie

als eine Art Modediktatoren in Erscheinung und wollen

dem interessierten Volk zeigen, was modisch geht und was

man auf keinen Fall tragen sollte. Dabei gehen sie ziemlich

radikal vor, kennen nur Schwarz oder Weiß. Sie gelten

als die Punks der Blogger-Szene und haben in der Ver-

gangenheit vor der Kamera gekotzt, geschissen oder sich

anpinkeln lassen, um zu demonstrieren, dass ihnen etwas

gegen den Strich geht. Ganz so radikal sind sie heute nicht

mehr, verwenden ihre Energie für größer angelegte Projekte

und verpacken ihren Unmut in eine rotzige Sprache.

Man könnte meinen, sie wollen einfach nur provozieren

und immer noch einen drauf setzen. Aber es steckt doch

wesentlich mehr dahinter.

Am Anfang steht immer die Idee, unterschiedliche

Bereiche mit der Mode zu verbinden, um den typischen

Fashion-Blog-Stil aufzubrechen. Dabei spielen Jakob

und David gern mit gängigen Klischees. „Wir möchten

die Grenzen des klassischen Modeblogs weiter fassen

und uns eben nicht nur auf geschriebene Berichterstattung,

ein paar Instagram-Fotos von Goodie-Bags und hin

und wieder ein paar Outfit-Posts reduzieren“, sagt Jakob.

Und meint damit Projekte wie einen Fashion-Porno, in

dem sich ein Pärchen in der Rückschleife anzieht, ein

Designer-Quartett mit Kategorien wie „Sexyness“ oder

„Cock-Size“ oder ein Video, bei dem sie im Juni während

der Mailänder F/S-Show für 2014 von Dolce & Gabbana

einen Flitzer über den Laufsteg schicken.

Dass sie nun auch Musikvideos drehen, sei nur eine

logische Konsequenz, sagt David. Schließlich sind Mode

und Musik schon seit Jahrzehnten miteinander verbunden

und Protagonisten aus der Musikszene versuchen

sich schon seit einiger Zeit in der Welt der Mode. Dass

Modeblogger jedoch Musik machen, ist neu, und darin

liegt für die beiden auch der Reiz.

Werk VI . Mixtape


104

Werk VI . Mixtape

„Da ich schon immer Musik gemacht und Songs produziert

habe, ist das jetzt gar nicht so ein Riesending“, sagt

Jakob. „Die Frage ist nur, warum ich das nicht schon viel

früher gemacht habe.“ Als Kind hatte er Klavierunterricht:

„Bei einer sexy Klavierlehrerin aus dem Iran, in die ich

selbstverständlich lange verliebt war.“ Später fing er dann

an, Gitarre zu spielen. Weil es cooler und bandtauglicher

war und man damit Mädchen beeindrucken konnte. Seit

er zwölf Jahre alt ist, spielt Jakob in verschiedenen Bands

– von Punk-Hardcore über Electro-Pop bis zu Boygroup-Schnulz

– Gitarre, Bass und Synthesizer.

„Wenn mir jemand einen

Kackhaufen schenkt, fühle ich

mich nicht verpflichtet,

das auf den Blog zu bringen“

Auch David griff als Kind zur Gitarre. „Ich war nicht

wirklich begabt und hinzu kamen auch noch meine kleinen

Wurstfinger, die es noch schwieriger machten, die Saiten

zu spielen.“ Für das Musikprojekt von Dandy Diary nahm

David wieder Unterricht, dieses Mal im Gesang. Das kostete

ihn viel Überwindung. „Ich stand da singend bei einer

fremden Frau in der Privatwohnung, sie hatte ihre Hand

auf meinem Bauch und es hieß nur: ,Los, noch mehr‘.“

Ihr erstes Musik-Video zu dem Stück „Christmas Time“,

das an Schnulzen von den Backstreet Boys oder ’NSync erinnert,

erschien am 23. Dezember 2012. „Wie das Video zu

einer Weihnachtssingle auszusehen hat, ist in der Popmusik

seit Jahren festgelegt, daran haben wir uns orientiert. Genauso

wie für die aktuelle Single ,My Girl‘ am Look eines

Sommerhits“, sagt Jakob. Mit dem dazugehörigen Video

bedienen sie dieses Mal das Klischee eines prolligen Sänger-Duos:

Party, viel nackte Haut und Mädchen ohne Ende.

Für „My Girl“ haben sie sich einen Gast eingeladen, den

Rapper LayZee von Mr. President. „Das war einfach ein

großer Wunsch von uns, ihn dabei zu haben. Durch seinen

Hit ‚Coco Jambo‘ steht er symbolisch für den Sommer“,

sagt David. Die beiden wollen mit ihren Songs die Charts

stürmen und die Modewelt ein Stück öffnen. „Auch in prolligen

Sommer- oder schwülstigen Weihnachtsvideos findet

Mode statt und unterscheidet sich gar nicht sonderlich von

den aktuellen Kollektionen der angesagten und teuren Modelabels“,

findet Jakob. Und um das unter Beweis zu stellen,

tragen sie auch genau das in ihren eigenen Videos: die Kollektionen

der Saison, von Marken wie Selected Homme, Y-3

oder Julian Zigerli.

Doch vor allem, so scheint es zumindest, wollen die beiden

ihren Spaß haben. David und Jakob tun generell genau

das, worauf sie gerade Lust haben. Ohne Einschränkungen

oder feste Regeln. Das gilt auch für die jährlich stattfindende

Dandy-Diary-Party im Rahmen der Berliner Fashion Week,

die mal zum Thema Punk in einem besetzten Haus stattfindet

oder zu der unter dem Motto „Zirkus“ ein echter Elefant

auftaucht. Ihre Regeln lauten dazu wie immer, dass es keine

gibt. „Alles kann, nichts muss.“ Jeder Gast sei dazu eingeladen,

einfach das zu tun, worauf er oder sie gerade Bock hat.

Ähnlich halten es die beiden auch mit ihrem Blog. Dort

haben sie nämlich keinen Bock auf Werbung und verzichten

deshalb komplett auf den Verkauf von Bannern. Leben

können sie so nicht von ihrem Blog. David ist Redakteur

bei Fashiondaily.tv und Jakob ist freier Markenberater. Um

ihre Projekte wie die Fashion-Filme und Videos produzieren

zu können, müssen auch sie Kompromisse eingehen.

Sie finanzieren ihren Blog teilweise durch ihre Partys und

teilweise auch durch verkaufte Beiträge. „Es ist für uns in

Ordnung, über einen Schuh zu schreiben, den wir selbst

okay finden, wenn wir das Honorar dafür dann in unsere

eigenen Projekte stecken können, die dann natürlich

wieder in eine ganz andere Richtung gehen“, sagt David.

Und diese Beiträge lassen sie sich gut bezahlen. 1.000 Euro

kostet ein Advertorial auf Dandy Diary. Das sei zwar vergleichsweise

teuer, selektiere die Anfragen dadurch aber

auf natürliche Weise.

Auch bei den teilweise großzügigen Geschenken der

Designer vertreten sie eine klare Meinung. „Wenn mir jemand

einen Kackhaufen schenkt, fühle ich mich nicht verpflichtet,

das auf den Blog zu bringen“, sagt Jakob. „Aber

wenn mir jemand ein schönes Paar Schuhe schickt, über

das ich mich sehr freue, ziehe ich die auch gerne an und

poste vielleicht ein Foto auf Dandy Diary.“

In Modeblogs und der Tatsache, dass das Geschehen vor

den Veranstaltungsorten der Modenschauen mittlerweile

fast wichtiger ist als die Schauen selbst, sehen sie die Demokratisierung

der Modewelt und einen Ausbruch aus den

elitären Kreisen. Das sei eine positive Entwicklung und das

eher schlechte Ansehen der Blogger in Deutschland auf

Unwissenheit zurückzuführen. „Alles, was anders ist, was

das Volk nicht kennt, ist gleich negativ behaftet“, kritisiert

David. „Wenn man hingegen in anderen Ländern wie den

USA einfach anders ist, wird einem dafür auf die Schulter

geklopft.“ Dieser Zustand in Deutschland könne viel zerstören

und lasse einem gar nicht mehr die Freiheit, neue

Ideen zu entwickeln und sich einfach frei zu entfalten.

David und Jakob plädieren für das Bloggen, egal ob professionell

oder nicht. „Jeder, der etwas postet, ob gut oder

schlecht, hat zumindest die Chance, gesehen zu werden,

zeigt Engagement und produziert etwas“, sagt David. So

sind auch die zwei Dandys zu recht stolz auf ihren Blog

und ihre Arbeit, mit der sie sich international einen Namen

gemacht haben und der sich durch seine Radikalität von

anderen unterscheidet. Dies sei aber gar nicht unbedingt

ihr Anspruch. „Wir wollen gar nicht bewusst anders sein,

aber wir wollen eben auch nicht so sein wie die anderen“,

sagt Jakob. „Wären die cooler und besser und kreativer und

auch schöner, dann wäre das vielleicht etwas anderes.“

Während der Dreharbeiten

zu ihrem

Video „My Girl“

posieren David

Roth (li.) und Jakob

Haupt in Dixie-Klos –

warum auch nicht?

105

Werk VI . Mixtape


Kinder

der Nacht

Es ist dunkel, verraucht, der Bass vibriert, die Lichter

kreisen im Warehouse-Club und lassen die tanzende Meute

für eine kurze Sekunde in hellem Licht erscheinen. Klick. Eine

Momentaufnahme. Anfang der Nuller Jahre hat der englische

Fotograf Mark Henderson die Jugend- und Clubkultur in

Manchester festgehalten und mit seiner Arbeit 24HR Party

People den Stil einer ganzen Generation eingefangen.

106

107

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape


108

109

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape


110

111

Werk VI . Mixtape

Werk VI . Mixtape


112

113

Werk VI . Mixtape

Mark Henderson untersucht mit seinen

Fotografien, die meist aus Porträts bestehen,

kulturelle und soziale Zusammenhänge.

Selbst schreibt er sich keinen künstlerischen

Anspruch zu, das lässt er lieber andere Leute

entscheiden. Sein Interesse an Clubkultur

hängt mit den sozialen und gemeinschaftlichen

Ideen zusammen. Dazu sagt er: „Eine gute

Zeit haben, durch das Land reisen und

gute Musik hören. Schmeiß noch ein paar

synthetische Drogen mit rein und deine

kreativen Möglichkeiten sind unermesslich.“

Für sein Projekt 24HR Party People porträtierte

Henderson die Gäste im The Warehouse

in Manchester, einem der ersten und

legendärsten Techno-Tempel Englands.

Die Arbeiten entstanden Anfang der Nuller

Jahre. – Virginie Henzen

www.markhenderson.info

Werk VI . Mixtape


Mode Design (B.A.)

Mode- und Designmanagement (B.A.)

Visual and Corporate Communication (B.A.)

(Marken- und Kommunikationsdesign)

Modejournalismus / Medienkommunikation

(Bachelor-Aufbauprogramm in Kooperation mit

der University of Wales, Newport möglich)

INFOABEND

am Dienstag den 13. August 2013

um 19 Uhr

und am Dienstag den 10. September 2013

um 19 Uhr

114

Werk VI . Mixtape

Nähere Infos und Voranmeldung

unter www.amdnet.de

per mail berlin@amdnet.de

oder telefonisch 030 -33 09 97 6-18

Bewerben Sie sich jetzt!

berlin@amdnet.de

Jetzt für das

Wintersemester 2013/14

bewerben!

Standort Berlin

Franklinstraße 10

10587 Berlin

AMD_anz_abi_werk_fin1.indd 1 20.06.13 15:05

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine