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Broschüre "Jedes mal anders" - Sieben Geschichten über Interkulturelle Begegnungen

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JEDES MAL ANDERS.<br />

<strong>Sieben</strong> <strong>Geschichten</strong> <strong>über</strong> interkulturelle <strong>Begegnungen</strong>


IMPRESSUM:<br />

Projektidee, Projektkoordination<br />

und Organisation: Stefan Schlager<br />

Text: Marion Wisinger<br />

Illustration und Layout: Yvonne Nicko<br />

Lektorat: Melanie Zach<br />

Druck: Pecho Druck<br />

2012


INHALT<br />

Vorwort<br />

<strong>Sieben</strong> <strong>Begegnungen</strong><br />

1. Anders sein. Die Herkunft.<br />

2. Sich fremd fühlen. Die Sprache.<br />

3. Zugeordnet werden. Die Bilder.<br />

4. Sich anpassen. Die Formen.<br />

5. Nicht anders können. Die Regeln.<br />

6. Missverstanden werden. Das Verhalten.<br />

7. Man selbst bleiben dürfen. Die Werte.<br />

<strong>Sieben</strong> Tipps für interkulturelle <strong>Begegnungen</strong><br />

<strong>Sieben</strong> Mal anders denken<br />

Zum Weiterlesen: Literatur und Links<br />

Die HerausgeberInnen


LIEBE LESERINNEN, LIEBE LESER!<br />

Sei es in der Schule, am Arbeitsplatz, in Krankenhäusern, in öffentlichen<br />

Verkehrsmitteln oder in der Freizeit – <strong>über</strong>all treffen Menschen aus verschiedenen<br />

Kulturen und Ländern aufeinander. Oft glückt die Begegnung,<br />

manch<strong>mal</strong> aber gibt es Schwierigkeiten und Konflikte entstehen. Wenn die<br />

Kommunikation nicht funktioniert, liegt oft die Vermutung nahe, dass der<br />

„kulturelle Hintergrund“ die Ursache sein könnte. Ein interkulturelles<br />

Missverständnis also.<br />

Seit einigen Jahren haben unterschiedlichste Ratgeber Konjunktur, in denen<br />

nachzuschlagen ist, weshalb unterschiedliche „Kulturkreise“ und deren Werte<br />

aneinander geraten. Andere Kulturen zu kennen, bedeute kulturelle Kompetenz,<br />

und Vorurteile könnten dadurch erkannt und <strong>über</strong>wunden werden. Ist das<br />

so einfach? Schließlich handelt es sich nicht nur um Tischsitten, sondern um<br />

die Begegnung von Menschen, deren Kulturen sich unterscheiden, spiegeln,<br />

widersprechen oder auch ähneln. Überdies spielen die Lebensgeschichten,<br />

letztlich auch soziale Verhältnisse und persönliche Aspekte eine Rolle. Also<br />

hilft das Wissen <strong>über</strong> Differenz zwar weiter, ist jedoch bei allen <strong>Begegnungen</strong><br />

individuell anzuwenden. Und zwar jedes Mal anders.


Im Alltag ist man es gewohnt, möglichst effizient zu agieren. Auf Basis von<br />

Stereotypisierungen erfasst man Situationen und vereinfacht somit die<br />

Einschätzung unbekannter Wahrnehmungen. Blitzschnell werden <strong>Begegnungen</strong><br />

aus der gewohnten Perspektive eingeschätzt. Dem zugrunde liegt ein<br />

Bedürfnis nach Sicherheit und Gruppenzugehörigkeit. Und möglicherweise<br />

Angst vor dem Unbekannten, Anderen, Fremden.<br />

Doch es gibt immer mehr als eine Möglichkeit zu reagieren. Dies wird oft erst<br />

bewusst, wenn auch andere Erfahrungen wahrgenommen werden und eigene<br />

Vorurteile in den Hintergrund treten. Daher werden hier <strong>Geschichten</strong> erzählt,<br />

und im Laufe dieser sieben <strong>Begegnungen</strong> können sich die Perspektive und die<br />

Blickrichtung verändern: Die üblicherweise erste Frage an Andere, „Woher<br />

kommst du?“ - verwandelt sich möglicherweise zu „Ich erzähle dir von mir“ ...<br />

und dann …<br />

In diesem Sinne wünschen die HerausgeberInnen eine spannende Lektüre.<br />

Theologische Erwachsenenbildung der Diözese Linz<br />

Arbeiterkammer Oberösterreich<br />

Wirtschaftskammer Oberösterreich<br />

Land der Menschen Oberösterreich<br />

Welthaus Diözese Linz<br />

Institut für Caritaswissenschaft / KTU Linz<br />

migrare - Zentrum für MigrantInnen Oberösterreich<br />

Islamische Religionsgemeinde Linz<br />

<strong>Interkulturelle</strong>r Bildungsverein (ILM)


ANDERS SEIN.<br />

DIE HERKUNFT.


Sabina arbeitet an der Rezeption eines Hotels in Bad Ischl, sie mag ihren Job,<br />

das Kommen und Gehen, die Begegnung mit Reisenden. Heute plaudert sie<br />

mit Martin, dem neuen Nachtportier, der sie nach kurzer Zeit fragt, wo sie denn<br />

eigentlich herkäme. Dann macht er ihr das Kompliment, wie gut sie deutsch<br />

sprechen könne.<br />

„Warum ist es wichtig, woher ich komme? Ist mein Akzent so stark, dass er<br />

mich sofort darauf anspricht? Oder sehe ich nicht wie eine Österreicherin aus?<br />

Ich frage ihn ja auch nicht gleich, woher er kommt.“<br />

Sabina Weger, 32, gebürtige Bosnierin, flüchtete 1992 nach Österreich, Angestellte<br />

ANNAHME: Martin meint, sie müsse sich mehr anpassen.<br />

EMOTION: Unbehagen, als nicht hier zu Hause wahrgenommen zu werden.<br />

REAKTION: Sie bricht das Gespräch ab.<br />

„Weshalb reagiert sie ablehnend, wenn ich sie frage, woher sie kommt? Das ist<br />

doch nicht negativ gemeint von mir, sondern interessiert mich. Toll, wie gut sie<br />

deutsch spricht, ich würde auch gern eine andere Sprache sprechen können.“<br />

Martin Sowoboda, 46, gebürtiger Grazer, lebt seit einigen Jahren in Bad Ischl, Angestellter<br />

ANNAHME: Sabina schämt sich aufgrund ihrer Herkunft und möchte<br />

sie verbergen.<br />

EMOTION: Ungeduld, da er sie für <strong>über</strong>empfindlich hält.<br />

REAKTION: In nächster Zeit geht er seiner Kollegin aus dem Weg.


WAS IST HIER PASSIERT?<br />

Bei <strong>Begegnungen</strong> mit anderen Menschen neigen wir dazu, diese sofort<br />

in unsere Denkmuster einzureihen. Anhand oberflächlich erkennbarer<br />

Merk<strong>mal</strong>e wie Sprache, Hautfarbe oder Name ordnen wir sie bestimmten<br />

Kulturen oder Nationalitäten zu. Dies kann zu Verstimmungen führen, da<br />

sich Menschen oft anders definieren, und ihre Lebensgeschichte nicht<br />

erzählen möchten, vor allem wenn sie jemanden noch nicht gut kennen.<br />

INFO<br />

Die ursprünglich in wissenschaftlichen Studien verwendete Definition<br />

von Migrationshintergrund ist, dass beide Elternteile im Ausland<br />

geboren wurden, oder dass der eigene Geburtsort im Ausland liegt.<br />

Nach dieser Definition haben in Österreich etwa 1,5 Millionen Menschen<br />

einen solchen „Hintergrund“, die Hälfte dieser Bevölkerungsgruppe hat<br />

die österreichische Staatsbürgerschaft. Mittlerweile wird diese Bezeichnung<br />

umgangssprachlich als Ersatz für „Ausländer“ verwendet und<br />

von den Betroffenen meist als unzulängliche Zuschreibung empfunden.<br />

Differenz wird dadurch zum sie definierenden Faktor.


DIFFERENZ NICHT IN DEN VORDERGRUND STELLEN<br />

Einige Tage später beobachtet Martin seine Kollegin. Sie spricht englisch mit<br />

einem amerikanischen Hotelgast und erklärt ihm, welche Sehenswürdigkeiten<br />

abseits der Touristenrouten zu besichtigen wären. Sie wirkt wie eine waschechte<br />

Oberösterreicherin, denkt er, aber wer ist das schon?<br />

… UND DANN ...<br />

Bei einer Betriebsfeier sitzen Sabina und Martin nebeneinander. Er erzählt ihr<br />

von seinem beruflichen Werdegang, und dass er in Graz keinen Job bekommen<br />

habe und deshalb nach Oberösterreich gekommen sei. Sabina fragt ihn,<br />

ob ihm seine Familie nicht fehle. Dann erwähnt sie den Krieg in Bosnien. Ich<br />

bin froh, hier eine neue Heimat gefunden zu haben, sagt sie.


SICH FREMD<br />

FÜHLEN.<br />

DIE SPRACHE.<br />

2


Brigitte Prohaska fährt in Linz in der Straßenbahn, sie weiß nicht mehr genau,<br />

bei welcher Station sie aussteigen soll. Vor ihr sitzen einige Schülerinnen, die<br />

sich bestens in einer fremden Sprache unterhalten, dann steigt eine offensichtlich<br />

chinesisch sprechende Frau ein, sie telefoniert laut. Frau Prohaska steigt<br />

kopfschüttelnd aus, ohne jemanden nach dem Weg gefragt zu haben.<br />

„Gibt es gar keine Einheimischen mehr? So viele Ausländer und sie sprechen<br />

unsere Sprache nicht. Wie sollen sich die integrieren, wenn sie sich gar nicht<br />

anpassen wollen? Und deshalb bleiben sie auch immer unter sich.“<br />

Brigitte Prohaska, 82, geboren in Haslach, lebt in Leonding, Pensionistin<br />

ANNAHME: Die Schülerinnen verstehen sie nicht und können<br />

keine Auskunft geben.<br />

EMOTION: Unbehagen, nicht wie gewohnt sprechen zu können.<br />

REAKTION: Sie fährt ungern nach Linz, da hier zu viele<br />

AusländerInnen sind.<br />

„Typisch, die ältere Österreicherin ist schlecht gelaunt, die haben hier echt<br />

keine Lebensfreude. Wahrscheinlich ist sie obendrein ausländerfeindlich, und<br />

es stört sie, wenn wir unsere Sprache sprechen. Doch wäre es nicht komisch,<br />

deutsch zu reden, wenn unsere gemeinsame Muttersprache Serbisch ist?“<br />

Ilijana und Mila, 16, gebürtige Oberösterreicherinnen, ihre Familien kommen aus Serbien,<br />

zweisprachig, Schülerinnen<br />

ANNAHME: Die ältere Frau möchte keinen Kontakt mit AusländerInnen.<br />

EMOTION: Ablehnung, so wie die ÖsterreicherInnen möchten<br />

sie nicht werden.<br />

REAKTION: Ilija und Mila lassen sich nicht stören, sie reden, so oft es<br />

geht, serbisch miteinander.


WAS IST HIER PASSIERT?<br />

Eine gemeinsame Sprache vermittelt die Sicherheit, jederzeit kommunizieren<br />

zu können. Der unerwartete Umgang mit einer Fremdsprache erfordert<br />

Flexibilität, und Ungewohntes löst manch<strong>mal</strong> Abwehr aus. Das Vertraute wird<br />

eingefordert, ängstliche Reaktionen können die Folge sein. Ilijana und Mila<br />

wiederum können sich nicht vorstellen, wie sich Frau Prohaska fühlt, denn sie<br />

haben kein Verständnisproblem, da sie beide Sprachen sprechen.<br />

INFO<br />

Laut Unesco* verwenden mehr als 70 Prozent der Weltbevölkerung täglich<br />

mehr als eine Sprache. Doch in Österreich ist mehrsprachige Erziehung nicht<br />

verbreitet, und man ist eher gegen Schulen mit Türkisch oder Serbokroatisch<br />

als Zweitsprache eingestellt. Wer jedoch seine Muttersprache beherrscht,<br />

kann leicht und schnell eine zweite Sprache lernen. Selbstbewusste Bilingualität**<br />

ist ein wichtiger Bestandteil gelungener Integration.<br />

*<br />

*<br />

Organisation der Vereinten<br />

Nationen für Erziehung,<br />

Wissenschaft und Kultur<br />

** Zweisprachigkeit


DIE EIGENE WAHRNEHMUNG<br />

IST NUR TEIL DER REALITÄT<br />

Brigitte Prohaska ist schließlich in der Wohnung ihrer Freundin Nora eingetroffen.<br />

Die beiden kennen sich seit <strong>über</strong> fünfzig Jahren, in einem Club spielen<br />

sie regelmäßig Tarock miteinander. Später kommt auch Noras Sohn vorbei,<br />

und Nora spricht zur Begrüßung ungarisch mit ihm. Als sie alle gemeinsam<br />

Kaffee trinken, wird dann ausschließlich deutsch geredet. Wie schön, dass<br />

Nora mit ihrem Sohn ungarisch sprechen kann, sie scheint es richtig zu<br />

genießen, denkt Brigitte.<br />

… UND DANN ...<br />

Es ist spät geworden, und Brigitte Prohaska nimmt ein Taxi nach Leonding.<br />

Der Fahrer, ein Iraner, spricht wenig deutsch mit starkem Akzent. Doch er erzählt<br />

stolz von seiner Tochter, die in Innsbruck zur Universität geht und<br />

Medizin studiert. Spricht sie persisch, fragt Brigitte. Er nickt. Gut so, meint sie.<br />

* *


ZUGEORDNET<br />

WERDEN.<br />

DIE BILDER.


An einem Sommerabend ist Kwame Darko von StudienkollegInnen zum Grillen<br />

eingeladen. Bald plaudert man in der Runde <strong>über</strong> die Hungerkatastrophe in<br />

Ostafrika, den Bürgerkrieg im Kongo und die Verbreitung von Aids auf dem<br />

afrikanischen Kontinent. Kwame steht auf, holt sich ein kühles Bier und hält<br />

sich längere Zeit in der Küche auf.<br />

„Unangenehm, als Person ständig mit den Problemen eines Kontinents in Verbindung<br />

gebracht zu werden. Dieses Mitgefühl ist belastend, außerdem hat Afrika<br />

auch ganz andere Seiten, als jene, die in den Medien ständig gezeigt werden.“<br />

Kwame Darko, 23, in Ghana geboren, studiert Mechatronik in Linz, möchte danach<br />

in seinem Heimatland arbeiten<br />

ANNAHME: Die KollegInnen halten Afrika für rückständig.<br />

EMOTION: Unruhe, da die eigene Person bei anderen automatisch<br />

Anteilnahme und Solidarität auslöst.<br />

REAKTION: Kwame meidet Gespräche <strong>über</strong> seine Herkunft und<br />

gibt sich betont lässig.<br />

„Es wirkt, als würde Kwame nichts mehr mit seiner Herkunft zu tun haben<br />

wollen. Er könnte uns ja dar<strong>über</strong> berichten, wie es dort zugeht. Aber vielleicht<br />

ist er an der Zukunft Afrikas nicht interessiert? Dabei könnte er nach dem Studium<br />

so viel tun, um den armen Menschen im Süden zu helfen.“<br />

Lisa, Wolfgang, Melanie, 23, gebürtige OberösterreicherInnen, StudentInnen der Uni Linz<br />

ANNAHME: Kwame setzt sich mit Afrikas Problemen nicht auseinander,<br />

es ist ihm gleichgültig.<br />

EMOTION: Betroffenheit, selbst so wenig für die Menschen in<br />

Entwicklungsländern tun zu können.<br />

REAKTION: Sie vermeiden, in Kwames Gegenwart <strong>über</strong> Politik zu sprechen.


WAS IST HIER PASSIERT?<br />

Die Medien vermitteln uns laufend negative Berichte <strong>über</strong> die Lebensumstände<br />

in anderen Ländern, sodass durch die jahrelange Wiederholung<br />

unbewusst fixe Bilder entstehen. Mit So<strong>mal</strong>ia verbinden wir Hunger, mit<br />

Südafrika Aids, mit Mexiko Drogenkrieg. Doch der auf Probleme verengte<br />

Blick verändert den Blick auf die Menschen dieser Länder. Diese wiederum<br />

wehren sich dagegen, dass ihr Land nur unter diesen Aspekten beurteilt wird.<br />

INFO<br />

Einen ganz anderen Blick auf Afrika zeigt uns das Projekt “Operndorf”*<br />

von Christoph Schlingensief. In der Nähe von Ouagadougou, der Hauptstadt<br />

von Burkina Faso, entstehen gemeinsam mit den dort lebenden Menschen<br />

Schulen mit Film- und Musikklassen, Werkstätten, Wohnhäuser, Fußballplatz,<br />

Agrarflächen, eine Krankenstation sowie ein Theater. Dieser „Ort der Kontinente<br />

und Künste“ gibt Afrika und Europa die Möglichkeit, um gemeinsam<br />

das wiederzuentdecken, was verloren zu gehen droht: der unvoreingenommene<br />

Zugang zu Kunst und Leben, anderen Menschen und somit uns selbst.<br />

* *<br />

www.operndorf-afrika.com


ES IST MÖGLICHERWEISE ANDERS, ALS MAN FÜHLT<br />

Es ist ein heißer Tag, und Kwame macht sich auf den Weg zur Universität.<br />

Dort begegnen ihm zwei Frauen, die Abaya* und Hijab** tragen. Wie<br />

unerträglich muss es sein, so etwas zu tragen, denkt er. Und weshalb werden<br />

diese Frauen auch hier in Europa gezwungen, sich zu verhüllen, das ist doch<br />

pure Unterdrückung. Dann spricht ihn eine der beiden Frauen auf Deutsch an:<br />

Hi Kollege, wo ist der Hörsaal 44?<br />

… UND DANN ...<br />

Lisa und Wolfgang sitzen in der Mensa, Kwame verteilt Zettel für ein „African<br />

Festival“, das er mitorganisiert. Er setzt sich zu seinen KollegInnen und lädt<br />

sie ein, dort einen Infotisch für ihr Projekt <strong>über</strong> Entwicklungszusammenarbeit<br />

aufzustellen. Lisa und Wolfgang sagen gerne zu, sie möchten auch Spenden<br />

sammeln. Ja, denn bei unserem Festival wird nicht nur getrommelt, erwidert<br />

Kwame.<br />

weit geschnittener<br />

Mantel, der <strong>über</strong> die<br />

Kleidung getragen wird<br />

** Tuch, das Kopf und<br />

Hals bedeckt


SICH ANPASSEN.<br />

DIE FORMEN.


Albin Sopa hat Probleme mit seinem Rücken, Erwin Reiterer hat einen gebrochenen<br />

Fuß. Sie liegen in einem Zimmer des Landeskrankenhauses Innsbruck.<br />

Am Nachmittag erhalten sie Besuch, Frau Reiterer und sieben Familienmitglieder<br />

der Sopas betreten den Raum. Im Nu sitzen zwei Kinder auf Herrn Sopas<br />

Bett und spielen Nintendo, die Schwiegertochter verteilt eine mitgebrachte<br />

Jause und ein Onkel testet den Fernseher. Erwin Reiterer plaudert leise mit<br />

seiner Frau. Als man ihnen Kuchen anbietet, lehnen sie ab.<br />

„Es ist traurig, wie wenig Besuch Herr Reiterer hat, nur seine Frau kommt<br />

vorbei. Hat er keine Familie und Freunde? Aber kein Wunder, er ist auch unhöflich,<br />

nicht ein<strong>mal</strong> den Kuchen nimmt er an. Wenn bei uns jemand krank ist,<br />

wird er häufig besucht, das ist doch selbstverständlich.“<br />

Familie Sopa, stammt ursprünglich aus dem Kosovo, drei Brüder leben mit ihren Familien in<br />

Innsbruck und Umgebung<br />

ANNAHME: In Österreich gibt es wenig familiären Zusammenhalt.<br />

EMOTION: Irritation, da Familie Reiterer eine Freundlichkeit abweist.<br />

REAKTION: Herr Sopa sieht schweigend fern.<br />

„Da kommt die ganze Sippschaft und breitet sich im Zimmer aus. Merkt denn<br />

niemand, dass wir uns in Ruhe unterhalten wollen? Und <strong>über</strong>haupt, warum<br />

müssen immer so viele auf ein<strong>mal</strong> kommen?“<br />

Familie Reiterer, gebürtig in Tirol, lebt im Stubaital, der Sohn arbeitet in München<br />

ANNAHME: KosovoalbanerInnen haben archaische Familienformen.<br />

EMOTION: Ärger, weil Familie Sopa laut und rücksichtslos ist.<br />

REAKTION: Herr Reiterer beschwert sich und möchte unbedingt<br />

in ein anderes Zimmer verlegt werden.


WAS IST HIER PASSIERT?<br />

Was für die Reiterers Ort einer gepflegten Unterhaltung ist, bedeutet für die<br />

Sopas die Gelegenheit geselligen Beisammenseins. Im Wertequadrat werden<br />

die gegenseitigen Interpretationen der Lebensformen veranschaulicht.<br />

Dabei sollte es hier nicht um ein „entweder oder“ gehen, sondern um die<br />

Vermeidung <strong>über</strong>triebener gegenseitiger Zuschreibungen.<br />

Wertschätzung durch viel Besuch<br />

Die wollen sich unseren Formen nicht anpassen!<br />

Wertschätzung durch persönliche Gespräche<br />

Kranke Gesellschaft, nichts als einsame Menschen!<br />

INFO<br />

<strong>Interkulturelle</strong> Konflikte können mit unterschiedlichen Modellen von<br />

Kulturdimensionen* erklärt werden, die andere Lebensformen nach<br />

bestimmten Merk<strong>mal</strong>en einzuteilen versuchen. Manches scheint zuzutreffen<br />

(z.B. pünktlich-unpünktlich), jedoch ist Vorsicht bei Stereotypisierungen<br />

(z.B. „die Japaner“, „die Mexikaner“) geboten.<br />

siehe Anhang<br />

*


UNTERSCHIEDLICHE LEBENSFORMEN<br />

ERFORDERN ANDERE STRUKTUREN<br />

Die Stationsschwester schlägt dem administrativen Direktor vor, künftig bei<br />

der Aufnahme der PatientInnen nachzufragen, ob sie viel Besuch empfangen<br />

möchten oder Ruhe bevorzugen. Nach kurzer Zeit nehmen die Beschwerden<br />

ab. Nachmittags lesen Herr Reiterer und seine Frau in Ruhe Zeitung, dann lösen<br />

sie gemeinsam das Kreuzworträtsel, während sich Herr Sopa, zwei Zimmer<br />

weiter, außerordentlich <strong>über</strong> den Besuch einer entfernten Cousine freut, die er<br />

schon lange nicht mehr gesehen hat.<br />

… UND DANN ...<br />

Herr Sopa und Herr Reiterer begegnen einander zufällig im Raucherzimmer<br />

und genießen ihre Zigaretten. Eine Frau öffnet die Türe, rümpft die Nase und<br />

schlägt die Türe wieder zu. Diese rücksichtslosen Raucher verpesten die Luft,<br />

und wir alle zahlen deren kostspielige Behandlung mit, schimpft sie laut. Es ist<br />

doch Platz für alle, sagt Herr Reiterer und öffnet das Fenster.


NICHT ANDERS<br />

KÖNNEN.<br />

5<br />

DIE REGELN.


Hakan Özkan arbeitet auf einer Baustelle, er ist motiviert und packt gerne<br />

mit an. Jedoch Walter Gruber, der Baupolier, bemerkt, dass die Leistung des<br />

Lehrlings plötzlich stark nachlässt. Obwohl er Hakan ermahnt, ändert sich sein<br />

Eindruck nicht. Schließlich fragt ihn ein älterer Kollege, ob er denn nicht<br />

wisse, dass Ramadan* sei, und Hakan als Moslem selbstverständlich faste.<br />

„Wie stellt sich der Bursche das vor? Wenn das jeder machen würde, könnten wir<br />

die Baustelle zusperren. Außerdem ist es gefährlich, geschwächt am Gerüst zu<br />

stehen. Wir Katholiken fasten ja auch, müssen die Moslems immer so extrem sein?“<br />

Walter Gruber, 38, gebürtiger Südtiroler, lebt in Villach, Baupolier, Katholik<br />

ANNAHME: Hakan Özkan handelt rücksichtslos auf Kosten der Firma.<br />

EMOTION: Enttäuschung, weil ihm Hakan nicht vertraut.<br />

REAKTION: Er bevorzugt einen anderen Lehrling bei der Vergabe<br />

eines interessanten Auftrags.<br />

„Ich bin ziemlich k.o. heute, vor allem jetzt am Spätnachmittag bin ich durstig<br />

und habe Kopfschmerzen. Hoffentlich merkt der Baupolier nichts, ich möchte<br />

keine Schwierigkeiten haben. Ich sage ihm lieber nicht, dass ich faste, das<br />

würde er nicht akzeptieren.“<br />

Hakan Özkan, 17, gebürtiger Anatolier, lebt in Villach, Lehrling, Moslem<br />

ANNAHME: Herrn Gruber interessiert nur Leistung und nicht der Mensch.<br />

EMOTION: Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren.<br />

REAKTION: Er meidet den Kontakt mit seinen Kollegen und<br />

hält die Mittagspause nicht ein.<br />

* Islamischer Fastenmonat: „Hierauf haltet das Fasten durch bis zur Nacht. ...und esst und trinkt,<br />

bis ihr in der Morgendämmerung einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden könnt!“<br />

Koran Sure 2, Vers 187


WAS IST HIER PASSIERT?<br />

Hakan ist nicht nur Lehrling, und Herr Gruber nicht nur Vorgesetzter. Sie haben<br />

dar<strong>über</strong> hinaus eine innere Pluralität: Hakan ist nämlich auch Fußballspieler,<br />

Moslem, DJ, ältester Sohn und österreichischer Staatsbürger. Herr Gruber<br />

ist Schachspieler, Hundebesitzer, Skifahrer, Hobbykoch und italienischer<br />

Staatsbürger. Da sie von einander jedoch bloß einen Bruchteil wahrnehmen,<br />

funktioniert die interkulturelle Kommunikation schlecht.<br />

Wertschätzung durch viel Besuch<br />

Wertschätzung durch persönliche Gespräche<br />

Die wollen sich unseren Formen nicht anpassen! Kranke Gesellschaft, nichts als einsame Menschen!<br />

INFO<br />

Das Staatsgrundgesetz räumt anerkannten Religionsgemeinschaften ausdrücklich<br />

das Recht auf öffentliche Religionsausübung ein.* Dennoch stößt etwa der<br />

geplante Bau von Minaretten auf Widerstand, da diese als religiös-politisches<br />

Machtsymbol gesehen werden. BefürworterInnen argumentieren, dass ein Minarett<br />

zur Moschee gehört, wie der Kirchturm zur Kirche. Gleiches Recht für alle.<br />

Artikel 15 des Staatsgrundgesetzes<br />

* <strong>über</strong> die allgemeinen Rechte der<br />

StaatsbürgerInnen


KULTURELLE UNTERSCHIEDE KLAR KOMMUNIZIEREN<br />

Samstag Abend ist Fußballtraining. Hakan ist stolz, bald in einem wichtigen<br />

Match als Stürmer mitspielen zu können. Doch wie soll er das heutige Training<br />

schaffen? Er <strong>über</strong>legt sogar, ein Stück Würfelzucker zu sich zu nehmen. In der<br />

Garderobe trifft er einige Mitspieler, die sich bereits umkleiden. Hakan, du<br />

kommst mit uns, für uns fastende Moslems gibt es heute Training light, etwas<br />

aufwärmen und dann auf die Reservebank. So einfach ist das also, denkt Hakan.<br />

… UND DANN ...<br />

Kurz darauf lädt Walter Gruber alle Kollegen bei sich zu Hause zum Essen ein.<br />

Dort nützt Hakan die Gelegenheit, um seinen Vorgesetzten zu ersuchen, ihm<br />

wieder schwierige Aufgaben am Bau zuzumuten, da der Ramadan vorbei ist.<br />

Passt, und nächstes Mal reden wir gleich miteinander, einverstanden. Abgesehen<br />

von deiner Religion, mir täte eine Diät auch nicht schlecht, sagt Walter.


MISSVERSTANDEN<br />

WERDEN.<br />

DAS VERHALTEN.


Anita Petrovic unterrichtet Deutsch und Geschichte in einer sechsten Klasse.<br />

Sie hat ein gutes Verhältnis zu ihren SchülerInnen, nur Ben Chebade macht<br />

ihr Probleme. Er sitzt breitbeinig mit verschränkten Armen da und wirkt<br />

abwesend. Wenn ihn die Lehrerin anspricht, gibt er unwillig Antwort.<br />

Nur den Englischlehrer scheint er zu akzeptieren.<br />

„Völlig <strong>über</strong>flüssig, hier zu sitzen, ich würde lieber im Fitnessclub arbeiten, da<br />

wäre ich unabhängig. Und die Lehrerin kann mich auch nicht leiden, was will sie<br />

nur ständig von mir? Am besten sehe ich sie nicht an, dann lässt sie mich in Ruhe.“<br />

Ben Chebade, 16, gebürtig in Beirut, lebt mit seiner Familie in Linz, Schüler<br />

ANNAHME: Anita Petrovic hat kein Verständnis für mich.<br />

EMOTION: Stress, nicht zu entsprechen.<br />

REAKTION: Ben bleibt dem Unterricht fern und kann das Schuljahr<br />

möglicherweise nicht positiv abschließen.<br />

„Unglaublich, wie sich dieser Schüler mir gegen<strong>über</strong> benimmt. Auch wenn in<br />

seiner Gesellschaft Frauen nichts zählen, gelten in meiner Klasse andere Regeln.<br />

Das lasse ich mir sicher nicht gefallen, er muss sein Verhalten ändern.“<br />

Anita Petrovic, 31, gebürtige Linzerin, Lehrerin<br />

ANNAHME: Ben Chebade ist ein Macho und fühlt sich <strong>über</strong>legen.<br />

EMOTION: Empörung, als Frau nicht respektiert zu werden.<br />

REAKTION: Sie prüft ihn häufiger als andere SchülerInnen.


WAS IST HIER PASSIERT?<br />

Bei Konflikten geschieht es häufig, dass der Auslöser beim jeweils Anderen<br />

vermutet wird. Das eigene Verhalten, so glaubt man, wäre schlussendlich die<br />

Reaktion darauf. Das sogenannte Teufelskreismodell zeigt auf, wie jedoch – oft<br />

ungewollt – von allen Seiten provoziert wird. <strong>Interkulturelle</strong> Missverständnisse<br />

können dabei der Ausgangspunkt sein. Ursprünglich belanglose Differenzen<br />

werden durch Unsensibilität zu ernsthaften Auseinandersetzungen.<br />

INFO<br />

Jugendliche, deren Eltern aus der Türkei oder Ex-Jugoslawien stammen,<br />

besuchen signifikant weniger höhere Schulen. 14 Prozent haben keinen<br />

Pflichtschulabschluss und setzen ihre Ausbildung nach der achten Schulstufe<br />

nicht mehr fort. Die finanzielle Lage ihrer Familien zwingt die Jugendlichen<br />

häufig zum raschen Einstieg in das Erwerbsleben, damit sie möglichst früh<br />

zum Familieneinkommen beitragen können.<br />

*<br />

*


NICHT ALLES MIT KULTUR ERKLÄREN<br />

Am Elternabend ist Anita Petrovic etwas angespannt, als Herr Chebade den<br />

Raum betritt. Doch nach wenigen Minuten schmilzt das Eis, und sie schildert<br />

ihm das Verhalten seines Sohnes. Er seufzt und schüttelt den Kopf. Ich habe ihn<br />

gezwungen, dieses Schuljahr doch noch zu machen, weil er eigentlich immer<br />

leicht gelernt hat. Sich passiv zu verhalten, ist seine Art von Widerstand, aber<br />

das gehört sich nicht, ich werde mit Ben reden, verspricht der Vater.<br />

… UND DANN ...<br />

Nach dem Gespräch mit seinem Vater, der ihn ermahnt und ihm in Aussicht<br />

stellt, die Schule nach dem ersten Semester verlassen zu können, ist Ben<br />

erleichtert. Die Bedingung ist, dass er sich künftig in der Schule bemüht und<br />

einen festen Ausbildungsplatz sucht. Ab nun erledigt Ben seine Hausübungen.<br />

Anita Petrovic ist <strong>über</strong>rascht, die nächste Schularbeit wird positiv benotet. Ben<br />

ertappt sich bei dem Gedanken, vielleicht doch Matura zu machen.


MAN SELBST<br />

BLEIBEN DÜRFEN.<br />

DIE WERTE.


Der praktische Arzt Dr. Berger sucht eine Assistenz in der Ordination. Emine<br />

Yilmaz sucht einen Job. Beim Bewerbungsgespräch zeigt sich, dass die junge<br />

Frau ein Kopftuch trägt. Obwohl sie gute Referenzen hat, sagt Dr. Berger nicht<br />

gleich zu, sie anzustellen. Wir melden uns bei ihnen, sagt er.<br />

„Er ist freundlich, aber wahrscheinlich lehnt er mich wegen meiner Religion<br />

ab. Doch ich kann das Tuch nicht abnehmen, es gehört zu meinem Glauben,<br />

ohne Kopfbedeckung möchte ich nicht unter Menschen gehen.“<br />

Emine Yilmaz, 18, gebürtige Türkin, lebt seit ihrem dritten Lebensjahr in Steyr, Muslima<br />

ANNAHME: Dr. Berger lehnt den Islam ab.<br />

EMOTION: Resignation, da sie spürt, dass Dr. Berger zögert.<br />

REAKTION: Sie vergisst, sich genau <strong>über</strong> die Arbeitsbedingungen<br />

zu erkundigen.<br />

„Frau Yilmaz ist sympathisch, gut ausgebildet und spricht perfekt deutsch.<br />

Aber muss sie das Kopftuch unbedingt tragen? Wenigstens in der Ordination<br />

könnte sie es ablegen, und was werden meine PatientInnen sagen?“<br />

Dr. Berger, 56, gebürtiger Welser, arbeitet in Steyr, ohne Glaubensbekenntnis<br />

ANNAHME: Emine würde das Kopftuch ablegen, wenn ihr der Job<br />

wirklich wichtig wäre.<br />

EMOTION: Unsicherheit, was seine Entscheidung, die Frau trotzdem<br />

anzustellen, für seine Ordination bedeutet.<br />

REAKTION: Er spricht sie nicht auf das Kopftuch an.


WAS IST HIER PASSIERT?<br />

Emine Yilmaz und Dr. Berger stehen für zwei unterschiedliche Kulturen in Bezug<br />

auf die Ausübung von Religion. Was ihm nicht wichtig ist, bedeutet für sie<br />

als Muslima ein wichtiges Zeichen ihres Glaubens. Und religiöses Empfinden<br />

kann nicht einfach abgelegt werden wie ein Kopftuch. Das wiederum kann sich<br />

Dr. Berger nicht vorstellen, da er Religion als Privatsache sieht, die im Berufsleben<br />

keine Rolle spielt, und vielleicht sogar störend ist.<br />

INFO<br />

Die sogenannte „Kopftuchdebatte“ bezeichnet eine Auseinandersetzung <strong>über</strong><br />

die unterschiedlichen Kopfbedeckungen muslimischer Frauen. KritikerInnen<br />

meinen, viele Frauen werden gezwungen, Kopftuch zu tragen, andere sehen in<br />

der Entscheidung für ein Kopftuch ein selbstbewusstes Zeichen der Zugehörigkeit<br />

zu einer bestimmten Gruppe. Jede Frau hat eben ihre Gründe,<br />

Kopftuch zu tragen oder nicht.


AUS DIFFERENZ WIRD VIELFALT<br />

Am Wochenende geht Dr. Berger auf den Markt in Wels. Er kauft wie immer<br />

Gemüse bei einem türkischen Händler. Nun fällt ihm zum ersten Mal auf, dass<br />

dessen Frau auch Kopftuch trägt. Es gehört einfach zu ihr dazu, denkt er.<br />

… UND DANN ...<br />

Dr. Berger hat Emine Yilmaz gefragt, ob sie das Kopftuch immer tragen möchte.<br />

Als sie bejaht, stellt er sie dennoch an. Wie erwartet, beschweren sich einige<br />

PatientInnen, doch er erklärt ihnen, dass das Kopftuch eben zur Religionsausübung<br />

seiner Assistentin gehöre. Nach einigen Monaten hat Dr. Berger alle<br />

Hände voll zu tun. Da Emine Yilmaz zweisprachig ist, kommen die türkischen<br />

Familien der Umgebung nun zu ihm. Und neuerdings gibt es immer frischen<br />

Cay* in der Ordination.<br />

*<br />

Tee


SIEBEN TIPPS<br />

FÜR INTERKULTURELLE<br />

BEGEGNUNGEN<br />

1. DIFFERENZ NICHT IN DEN VORDERGRUND STELLEN<br />

Den ersten Eindruck, etwa die Herkunft, sofort und direkt anzusprechen, schafft<br />

Distanz. Was aufmerksam sein soll, erweist sich als eigentlich befremdend.<br />

2. DIE EIGENE WAHRNEHMUNG IST NUR TEIL DER REALITÄT<br />

Was durch die „kulturelle Brille“ gesehen wird, ist beschränkt aussagekräftig.<br />

Viel spannender und lehrreicher ist es, sich selbst ungewohnten Situationen<br />

auszusetzen.<br />

3. ES IST MÖGLICHERWEISE ANDERS, ALS MAN FÜHLT<br />

Scheinbar vertraute Bilder wecken Emotionen, Mitgefühl, Empathie oder sogar<br />

Ärger. Das ist zwar verständlich, kann aber Betroffene verletzen oder diskriminieren.<br />

Nicht zu verwechseln mit Solidarität und Zivilcourage.


4. UNTERSCHIEDLICHE LEBENSFORMEN<br />

ERFORDERN ANDERE STRUKTUREN<br />

Nicht die Vermeidung von Unterschieden schafft Integration, sondern die<br />

Nor<strong>mal</strong>ität und Ermöglichung von Differenzen. Das fordert alle Beteiligten.<br />

Genügend Raum und Ressourcen zu haben, sind wichtige Faktoren gelungenen<br />

Zusammenlebens.<br />

5. KULTURELLE UNTERSCHIEDE KLAR KOMMUNIZIEREN<br />

Kultur ist keine beliebig veränderbare Eigenschaft oder Gewohnheit. Es gibt<br />

Regeln, die man vielleicht nicht verstehen kann, aber bei sich und anderen respektieren<br />

sollte. Es ist nicht selbstverständlich damit zu rechnen, dass andere<br />

diese kennen.<br />

6. NICHT ALLES MIT KULTUR ERKLÄREN<br />

Die Ursache von alltäglichen Problemen und Konflikten immer in der „fremden<br />

Kultur“ zu sehen, ist manch<strong>mal</strong> einfacher und klärt vermeintlich die<br />

Schuldfrage. Oft handelt es sich jedoch um individuelle Verhaltensmuster, und<br />

diese haben ganz unterschiedliche Gründe.<br />

7. AUS DIFFERENZ WIRD VIELFALT<br />

Wenn es gelingt, unterschiedliche Werte gleich zu bewerten, kann ein gutes<br />

Miteinander entstehen. Es gilt, immer wieder nachzufragen und vor allem<br />

Eigenes zu erzählen, denn nur im Austausch entsteht Neues, <strong>Interkulturelle</strong>s.


SIEBEN<br />

MAL<br />

ANDERS<br />

DENKEN<br />

!<br />

Bei interkulturellen Konflikten spielen allgemein verbreitete Vorurteile eine<br />

wichtige Rolle. Hier eine Auswahl an Beispielen und Gegenargumenten, die in<br />

der Diskussion <strong>über</strong> ein besseres Miteinander nützlich sein könnten.<br />

1. Wer fremd wirkt, fühlt sich fremd.<br />

Aber: Wer hier lebt, will nicht als fremd behandelt werden.<br />

2. Integration bedeutet, in Österreich deutsch zu sprechen.<br />

Aber: Jeder Mensch möchte auch die Sprache, in der er denkt,<br />

praktizieren, Sprache ist Bewusstsein.<br />

3. Viele MigrantInnen kommen hierher, weil sie<br />

von unserem Wohlstand profitieren möchten.<br />

Aber: Viele, die ihr Land verlassen (müssen), erhoffen sich ein<br />

wirtschaftlich besseres Leben und leisten ihren Beitrag zu<br />

unserem Wohlstand.


4. Unsere Gesellschaft zu respektieren, heißt,<br />

sich unseren Sitten und Gebräuchen anzupassen.<br />

Aber: Es gibt auch unter „ÖsterreicherInnen“ keine einheitliche<br />

Lebensform, so gehen manche sonntags zum Jazzbrunch, andere<br />

in die Kirche.<br />

5. Österreich ist eine moderne, säkulare* Demokratie,<br />

andere Staaten sind, was Religion betrifft, rückständig.<br />

Aber: Gläubige Menschen möchten ihre Religion <strong>über</strong>all dort<br />

ausüben, wo sie leben, unabhängig davon, wie der jeweilige Staat<br />

dazu steht oder ob sie in der Minderheit sind. Zudem bedeutet<br />

religiös zu sein, nicht gleich Rückständigkeit.<br />

6. Unter den Zuwandernden kommt es häufig vor,<br />

dass Frauen und Mädchen isoliert und unterdrückt werden.<br />

Aber: Die traditionelle Familie bedeutet für MigrantInnen<br />

verständlicherweise Halt und Geborgenheit, zudem waren<br />

MigrantInnen der ersten Generation oft nicht erwerbstätig.<br />

7. Andere Kulturen sind interessant,<br />

solange sie in ihrem Kulturkreis bleiben.<br />

Aber: Kulturen sind nicht statisch oder geografisch eingrenzbar,<br />

sondern entwickeln sich <strong>über</strong> Grenzen hinweg. Monokulturen<br />

gibt es nur in der Landwirtschaft.<br />

*<br />

Staatsangelegenheiten und<br />

Religionsausübung sind<br />

unabhängig von einander


ZUM WEITERLESEN<br />

LITERATUR<br />

migration & integration. zahlen, daten, indikatoren 2011.<br />

Statistik Austria, Kommission für Migrations- und Integrationsforschung der<br />

Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Hg.)<br />

Zu bestellen: www.statistik.at<br />

Wer Fakten zur Hand haben möchte, kann sich in dieser <strong>Broschüre</strong> auf einen Blick<br />

informieren. Zu finden sind relevante Daten (Wohnen, Bildung, Gesundheit, Sprache<br />

und Arbeit), die den Integrationsprozess in Österreich widerspiegeln.<br />

femigration & integration 2011.<br />

Statistik Austria, Österreichischer Integrationsfonds (Hg.)<br />

Zu bestellen: www.integrationsfonds.at<br />

Übersichtliche Zahlen und Fakten zur geschlechtsspezifischen Lebenssituation von Migrantinnen.<br />

<strong>Interkulturelle</strong> Kommunikation: Methoden, Modelle, Beispiele.<br />

Dagmar Kumbier, Friedemann Schulz von Thun (Hg.), rororo, Hamburg 2010<br />

Methoden und Modelle der Kommunikationspsychologie mit Fallbeispielen und interkulturellen<br />

Lösungsansätzen.


Praxishandbuch <strong>Interkulturelle</strong> Kompetenz vermitteln, vertiefen, umsetzen.<br />

Theorie und Praxis für die Aus- und Weiterbildung.<br />

Oanna Zacharaki, Thomas Eppenstein u.a. (Hg.), Wochenschau Verlag 2009<br />

Der detailreiche Band enthält interdisziplinäre Fachbeiträge und die Beschreibung erprobter<br />

Praxisprojekte zur Orientierung, Vertiefung und Anwendung in unterschiedlichen Berufssparten.<br />

Argumentationstraining gegen Stammtischparolen.<br />

Materialien und Anleitungen für Bildungsarbeit und Selbstlernen.<br />

Klaus-Peter Hufer, Wochenschau Verlag 2008<br />

Dieses Trainingsbuch zeigt sinnvolle Verhaltensweisen und Gegenstrategien im Umgang mit<br />

fremdenfeindlichen, sexistischen, diskriminierenden und reaktionären Sprüchen.<br />

<strong>Interkulturelle</strong> Kommunikation. Interaktion, Fremdwahrnehmung,<br />

Kulturtransfer. Hans-Jürgen-Lüsebrink, Metzler 2008<br />

Einführung in Problembereiche, Methoden, Theorieansätze und zentrale Begriffe. Analysiert werden<br />

Interaktionssituationen beim Lernen, in der Wirtschaft und in multikulturellen Gesellschaften,<br />

behandelt auch Aspekte des Kulturtransfers in Medien.<br />

Die Wiederentdeckung des Respekts.<br />

Wie interkulturelle <strong>Begegnungen</strong> gelingen - Ein Lesebuch.<br />

Mit einem Nachwort des Dalai Lama, Josef Schönberger, Kösel 2010<br />

Ein Psychotherapeut plädiert für Vielfalt auf gleicher Augenhöhe.


ONLINE<br />

www.<br />

<strong>Interkulturelle</strong> Kompetenz online<br />

www.ikkompetenz.thueringen.de<br />

Ansprechend und informativ aufbereitete Website mit „Selbsttest“,<br />

Glossar, Spielregeln und Unterrichtsprojekten.<br />

<strong>Interkulturelle</strong>r Dialog. <strong>Interkulturelle</strong>s Lernen.<br />

Eine praxisorientierte Handreichung für Lehrkräfte, Zentrum polis (Hg.), Wien 2008.<br />

www.politik-lernen.at/site/gratisshop/<br />

Nationaler Plan Integration<br />

www.integrationsfonds.at/nap<br />

Der Nationale Aktionsplan (NAP) für Integration bündelt geplante integrationspolitische Maßnahmen,<br />

Empfehlungen und Initiativen. Interessant zu lesen, da vieles auf dem Papier gut aussieht,<br />

in der Realität jedoch anders ist.<br />

Integrationsbericht 2011<br />

www.integrationsfonds.at/nap/integration_durch_leistung<br />

Politisch definierter Integrationsindikator ist hier, dass nicht die Herkunft oder die Religionszugehörigkeit<br />

wichtig seien, sondern der „Charakter“ und die Bereitschaft, sich im Berufs- und<br />

Gesellschaftsleben anzustrengen und dadurch Anerkennung zu erlangen. <strong>Interkulturelle</strong> Aspekte<br />

kommen zu kurz.


www.<br />

Vielfalt managen. Integration in Unternehmen, 2010<br />

www.iv-net.at/b1895m143<br />

Diese Informationsbroschüre hat das <strong>Interkulturelle</strong> Zentrum gemeinsam mit der Industriellenvereinigung<br />

erarbeitet. Darin zu finden sind Vorschläge und Ideen, wie Integration im Betrieb<br />

erfolgreich gefördert werden kann.<br />

<strong>Interkulturelle</strong> Projekte umsetzen<br />

www.projekte-interkulturell.at<br />

Auf dieser praxisorientierten Website des BMUKK werden Schulprojekte aus ganz Österreich<br />

gesammelt und dokumentiert. Übersichtliche Projektdatenbank, dazu didaktische Texte zum<br />

Thema Mehrsprachigkeit als Download.<br />

Transkulturelles Portal<br />

www.transkulturelles-portal.com<br />

Wer sich <strong>über</strong> Interkulturalität und Kulturtheorien intensiv einlesen möchte, ist hier genau richtig.<br />

Die Online-Plattform bietet wissenschaftliche Beiträge und eine systematisierte Sammlung von<br />

didaktischen Hilfsmitteln zur Thematik. Zu finden sind relevante Aspekte von Kulturbegriffen und<br />

Kulturdimensionen (Edward T. Hall, Geert Hofstede, Fons Trompenaars, u.a.).<br />

<strong>Interkulturelle</strong> Kommunikation kurz und bündig<br />

www.donau-uni.ac.at/imperia/md/content/studium/kultur/ik/<br />

publikationen/interkulturelle_kommunikationpdf.pdf<br />

Schnelle Einführung auf wenigen Seiten.


DIE HERAUSGEBER/INNEN<br />

Theologische Erwachsenenbildung der Diözese Linz<br />

Das Referat Theologische Erwachsenenbildung, seit 1976 eine Einrichtung des Pastoralamtes der<br />

Diözese Linz, ist eine Fach- und Servicestelle mit den inhaltlichen Schwerpunkten Religiöse Bildung<br />

bzw. Glaubensbildung, Interreligiöse Bildung sowie Ethische Bildung.<br />

>> www.dioezese-linz.at/theoleb<br />

Arbeiterkammer Oberösterreich<br />

Die gesellschaftspolitische Verantwortung dieser Interessenvertretung ist es, Missstände und<br />

Ungerechtigkeiten am Arbeitsmarkt aufzuzeigen und vor allem Zugang zu Bildung und gesellschaftlicher<br />

Teilhabe für jene zu schaffen, die in unserer Gesellschaft benachteiligt sind. 15 Prozent der<br />

AK-Mitglieder haben Migrationshintergrund.<br />

>> www.arbeiterkammer.com<br />

Wirtschaftskammer Oberösterreich<br />

Die Wirtschaftskammer versteht sich als moderne Dienstleistungsorganisation und bietet u.a.<br />

umfassende Leistungen für Ethnische UnternehmerInnen an und unterstützt ihre Mitgliedsbetriebe<br />

in Fragen der <strong>Interkulturelle</strong>n Kompetenz im Betrieb.<br />

>> www.wko.at<br />

Land der Menschen - Aufeinander Zugehen OÖ<br />

Der Verein Land der Menschen - Aufeinander Zugehen OÖ ist eine <strong>über</strong>parteiliche und<br />

<strong>über</strong>konfessionelle Plattform, die seit 2000 mit Projekten und Öffentlichkeitsarbeit für ein gutes<br />

Miteinander aller Menschen in Österreich eintritt und gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit<br />

auftritt. Getragen wird der Verein von elf Organisationen: Caritas OÖ, Diakoniewerk,<br />

Hilfswerk, Pädagogische Hochschule des Bundes in OÖ, Rotes Kreuz OÖ, Katholische Aktion OÖ,<br />

Kinderfreunde OÖ, migrare - Zentrum für MigrantInnen OÖ, Volkshilfe OÖ, ÖGB und<br />

SOS Menschenrechte.<br />

>> www.landdermenschen.at


migrare – Zentrum für MigrantInnen OÖ ist ein gemeinnütziger Verein zur<br />

Umsetzung integrationsfördernder Dienstleistungen und Projekte. Schwerpunkte sind mehrsprachige<br />

Beratung im interkulturellen Kontext, kompetenzfördernde Beratungsangebote und<br />

Projekte, sowie integrationsfördernde Bildungs- bzw. Sensibilsierungsabgebote und Projekte.<br />

>> www.migrare.at<br />

Welthaus Diözese Linz ist eine entwicklungspolitische Organisation der katholischen<br />

Kirche in OÖ. In unserer Bildungs- und Projektarbeit setzen wir uns ein für eine nachhaltige, zukunftsfähige<br />

Gesellschaft, in der Menschenwürde und Gerechtigkeit eine zentrale Rolle spielen.<br />

>> http://linz.welthaus.at<br />

Institut für Caritaswissenschaft /<br />

Katholisch-Theologische Universität Linz<br />

Das Institut ist eine eigenständige, der KTU angegliederte, wissenschaftliche Einrichtung der Diözese<br />

Linz. Einige der Hauptaufgaben des ICW sind die caritaswissenschaftliche Forschung, Lehrtätigkeit<br />

im Fachbereich Caritaswissenschaft, Erstellung von Fortbildungsangeboten für Mitarbeiterinnen und<br />

Mitarbeiter aus dem Bereich kirchlicher Sozialarbeit, wissenschaftliche Begleitung der praktischen<br />

Caritasarbeit sowie die fachliche Unterstützung für die Caritas in den Kirchen Mittel- und Osteuropas.<br />

>> www.ktu-linz.ac.at<br />

Islamische Religionsgemeinde Linz<br />

Die IRG Linz ist die offizielle Vertretung der Muslime in Oberösterreich und als Körperschaft des<br />

öffentlichen Rechts für alle Belange muslimischer BürgerInnen in Oberösterreich zuständig.<br />

>> www.derislam.at<br />

ILM ist ein interkultureller Bildungsverein, welcher das wechselseitige Verständnis<br />

zwischen BürgerInnen mit unterschiedlichem kulturellen und religiösen Hintergrund<br />

durch Bildungsangebote fördern will.<br />

>> www.3ilm.eu


Autorin<br />

Marion Wisinger, Historikerin, Politologin.<br />

Generalsekretärin der Österreichischen<br />

Liga für Menschenrechte. Arbeitet an Programmen<br />

zu den Themen Menschenrechte<br />

und Politische Bildung für Jugendliche und<br />

Erwachsene.<br />

www.kulturensemble.at<br />

Projektidee, Projektkoordination<br />

und Organisation:<br />

Stefan Schlager, Theologe, leitet das Referat<br />

„Theologische Erwachsenenbildung“ in<br />

der Diözese Linz; zahlreiche Publikationen<br />

und Vorträge im In- und Ausland;<br />

Lehrbeauftragter für Ethik an der Fachhochschule<br />

Oberösterreich, Campus Linz.<br />

Grafik<br />

Yvonne Nicko<br />

yvonne.nicko@gmail.com<br />

Bisher erschienen:<br />

Das sind unsere Rechte!<br />

Elf <strong>Geschichten</strong> <strong>über</strong> Menschenrechte


Besonderer Dank<br />

geht an Eduard Waidhofer für seine<br />

kompetente Mitarbeit an der inhaltlichen<br />

Gestaltung dieser Publikation.

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