Ludwig Hasler - SRG SSR

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Ludwig Hasler - SRG SSR

SRG Biel, Tagung „Service Public und Sport“, 18. September 2010

Ludwig Hasler

Die Leidenschaft des Körpers und die Kälte des Geldes

Präludierende Gedanken über Sport und Gesellschaft und Service public

Zweierlei will ich vorausschicken. Zunächst fürchte ich, es ist nötig, kurz zu

bekennen, wie es um mich steht. Nämlich so: Geht es um Sport, regrediere

ich augenblicklich. Werde zum Kindskopf, zum Gaffer. Zwei Wochen

Leichtathletik-Europameisterschaften: für mich das Geschäftsrisiko, SF DRS

hätte mich davor bewahrt, doch Eurosport und ARD/ZDF übertrugen die

ganzen Tage. Ich war mal in der Branche tätig, Zehnkampf, Magglingen,

Armin Scheurer...

Sodann: Ich messe den Service public nicht an „Sternstunden“ und anderen

Geheimsendungen, eher am „Geist“, den ich in den Abteilungen

Unterhaltung und Sport finde (oder eben nicht). Der „öffentliche Auftrag“

ist nicht erledigt mit ein paar Sendeplätzen für Gruppen, die gar nicht

fernsehen. Entscheidend für Service public ist weniger das Was, mehr das

Wie. Meinetwegen über Promis und Missen tratschen – aber muss es so

idiotensicher sein wie in „Glanz & Gloria“? So kniefällig, so konsequent

geist- und distanzfrei, dass Zuschauern der gesunde Menschenverstand im

Hals stecken bleibt? Service public meint: das Publikum nicht für blöder zu

verkaufen als es ist, sondern so zu alimentieren, dass es neugierig, vif,

weltinteressiert, urteilskräftig werde/bleibe – statt dumpf, groupiehaft,

vorurteilsfromm. Eine Haltung auch für die Abteilung Sport? Oh ja.

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Dazu später. Erst soll ich den Horizont aufreissen: Was bedeutet Sport für

unsere Gesellschaft? Die Adolf-Ogi-Fraktion sieht im Sport den säkularen

Heilsbringer: Körperertüchtigung als Charakterschule, Fairness zwischen

Menschen, Frieden unter Völkern. Weltsanierungsprogramm. Mens sana in

Corpore sano. Turnvater Jahn, Baron de Coubertin als Paten. Dass beide die

verweichlichte Jugend kriegstüchtig machen wollten, ist längst vergessen.

Darum meldet sich die Gegenfraktion: Sport ist nicht das Allheilmittel

unserer Gesellschaft, sondern eine Art Laborversuch ihrer Dekadenz.

Doping! Die ultimative Perversion von „mens sana in corpore sano“.

Korruption! Siehe IOC. Geld! Siehe Fifa. Geld schiesst Tore. Erfolg im

Fussball kann erkauft werden. Die Hooligans! Paradefall der

Entzivilisierung (Wo man singt, da lass dich ruhig niederschlagen).

Was stimmt nun? Salomonische Antwort: beides. Sport ist Vorbild und

Abbild der realen Gesellschaft. Modell und Spiegel. Also der Reihe nach:

I. Klassikvariante: Welt sanieren. Sport als Allzweckheilmittel

Seit dem 19. Jahrhundert wird Sport als Modell propagiert: als Ideal einer

Leistungsgesellschaft. Diese Gesellschaft rechtfertigt sich durch Gleichheit

der Chancen – und dadurch, dass die Tüchtigeren das Rennen machen. In

Wirklichkeit läuft das bekanntlich nicht immer so, oft geben Beziehungen,

Geld, Aussehen den Ausschlag. Also brauchen wir ein Terrain, auf dem die

Chancengleichheit absolut gilt: Sport – als Vorbild und Trost. Die reale

Gesellschaft mag eine ewige Vetternwirtschaft sein, im Sport gewinnt

immer der Bessere, die Schnellere, der Stärkere. Geht der Boxer k.o., dann

hat er verloren, und wenn er noch so ein Geldsack ist und einen Bundesrat

zum Götti hat. Auch für Hochspringer spielt keine Rolle, ob sie schön sind,

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ein MBA haben, die richtige Partei. Es gibt keinen sozialdemokratischen

Hochsprung und keinen rätoromanischen Höhenzuschlag. Hier gewinnt,

wer haargenau einen Zentimeter höher springt als alle andern. Der Meter,

die Uhr, alles exakt. Nur beim Schwingen nicht ganz.

Sport als Ideal, als Vorbild. Sport als Agentur für Ausgleich (Helmut

Plessner) – gleich vierfach: 1. Sport entlastet von Rationalisierungslasten

unserer arbeitsteiligen Industriewelt. Die Arbeitswelt beansprucht den

Menschen körperlich wie geistig einseitig. Sport bringt Körper und

Intelligenz ins Spiel. 2. Sport entlastet von den Komplexitätslasten

moderner Gesellschaften. Im Alltag rudern wir, überfordert vom Tempo des

technischen und sozialen Wandels. Im Sport gelten wenige klare Regeln,

auch wer sonst nicht viel zusagen hat, kann hier mitreden, gehört dazu,

erfährt sich als kompetent, ist „jemand“. 3. Sport entlastet von

Frustrationslasten. Managersaläre, Boni erzeugen den Frust, zu kurz zu

kommen. Sportlich entlädt sich die Aggression, etwa wenn YB den GC-Club

blamiert. 4. Sport entlastet von Monotonielasten der einförmigen Moderne.

Real leben wir in der standardisierten Correctness-Gesellschaft (alles

normiert, unter Kontrolle, das Böse unter dem Deckel). Sport entschädigt

uns mit unberechenbaren Dramen.

II. Akutvariante. Die Leidenschaft des Körpers. Sport als Emotionslieferant

Spitzensport ist Spektakel. Daran gibt es nichts zu beschönigen. Er hat sich

herausgelöst aus Gesundheitsstreben, Kultur des Selbst,

Gerechtigkeitsmodell. Die pädagogisch humanen Werte waren dem Sport

wohl eh nur aufgepfropft. Heute gelten sie für Spitzensportler weniger denn

je. Man mag das beklagen, muss aber nüchtern sehen: Der bezahlte Sport

treibt genau die Werte zum Exzess, um die es der Gesellschaft geht: Geld

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und Erotik (Gunter Gebauer). Das Erotische durchsetzt den Wettkampf: als

Reiz der Sportlerkörper, als Ästhetik der Bewegung, als Eleganz des Spiels,

als Begehren von Athleten und Zuschauern. Sportliche Kämpfe sind geprägt

von einem Eros der Verschwendung, der nutzlosen Verausgabung. Sie

verbinden die Ordnung des Geldes mit der Ordnung des Spiels. Das Geld

erhält im physischen Wettkampf eine erregende, gewalttätige, schöne

Gestalt. Die hohen Geldsummen werden selbst zum Spektakel, nicht an

leblosen Dingen, sondern in einem momentanen Funkeln der

Körpermechanik, am unendlich kostbaren Leib des Athleten. Geld und

Körper gehen eine Verbindung ein, in der die Zuschauer mit dem Reichtum

ihres Idols dadurch versöhnt werden, dass sie der Verausgabung seiner

Kräfte, seinem Leiden beiwohnen. Sie wissen: Bevor dieser Körper so

begehrenswert aufspielen konnte, musste er sich jahrelang quälen; bevor er

seiner Mechanik diese lustvollen Gefühle abgewinnen konnte, musste er

sich tendenziell der Maschine annähern. Die Maschine war einst das

Idealbild eines glänzend funktionierenden, eines perfekten Körpers; die

Angleichung des Körpers an die Maschine gewinnt heute (Leichtathletik,

Ski, Radsport) diese alte Traumvorstellung zurück. (Siehe Hoffmanns

Erzählungen, Der Sandmann, Olympia als perfekte Automatenfrau...)

Darin liegt die Faszination des Spitzensports. Wir mühen uns alle

schrecklich ab – und bringen es bestenfalls zum Schwitzen. Der Sportler

aber gewinnt den Mühen Lust ab, er setzt im Arbeiten den Eros frei. Den

Zuschauern erscheint er als der stellvertretend Leidende – als Exempel der

Verwandlung von Qual in Lust. Das begehren sie an ihm, dafür verehren sie

ihn, dafür verdient er jeden Reichtum: als Idol eines Menschen, der die

irdische Schwerkraft überwindet.

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So löst sich der Sport aus seinen ideellen Kontexten. Er vereinigt die

Leidenschaften des Körpers mit der Kälte des Geldverdienens, die

Techniken der Bewegung mit den Emotionen des Kampfes, das Artifizielle

der Sportarten mit der primitiven Lust des Stärkerseins, die Brutalität des

Wettkampfes mit physischer Kunstfertigkeit, das Erotische mit der totalen

Verausgabung. Diese Kombination erzeugt die emotionalen Höhepunkte,

die unserer Gesellschaft sonst fehlen.

III. Die Kälte des Geldverdienens. Sport im Kommerz

Sportler sind, kapitalistisch betrachtet, ein Affront. Sie bringen nichts

hervor, sie bringen einzig ihren Superkörper in Hochform – zum Zeigen. Sie

verausgaben ihre Kräfte grandios, aber zwecklos. Dreisprung: 17 Meter 81.

Reiner Selbstzweck – und darum sozusagen das letzte Göttliche in unserer

arg verweltlichten Welt: das zweckfreie Fest des menschlichen Körpers mit

sich selbst. Ein Religionsersatz, den will, wie jede Religion, inszeniert sein,

ritualisiert, theatralisiert. Aber kommerzialisiert? Verstehen wir die quasireligiöse

Bedeutung des Sports nur, wenn Spitzensportler irrational viel

Geld verdienen? Weil die Hierarchie der Wichtigkeiten kein anderes

Äquivalent mehr hat als Geld? – Erwarten Sie von mir keine Moralpredigt.

Erstens wird heute alles vermarktet. Mozart wird vermarktet, Einstein

ebenso, Picasso sowieso. Anna Netrebko (singt sie darum schlechter?). Die

Madonna wird vermarktet, die himmlische in Einsiedeln, die irdische in

Hollywood. Wie könnten wir uns dann ereifern über Sport und Kommerz?

Peanuts – in einer Zeit, da es ganz normal ist, den Körper zu Markte zu

tragen; und falls er auf dem Markt nicht mehr zieht, ihn mit allen Mitteln

der kosmetischen Dermatologie zu optimieren.

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Zweitens erfolgte schon die Geburt des modernen Sports aus dem Geiste

des Kommerzes. Um 1700 löste sich der Sport vom Ritterturnier,

Bauernkampf, Kultfest. Rennen und Kampfspiele wurden reguliert, messbar

gemacht. In humaner Absicht? Um besser wetten zu können! Wettkampf

war von Anfang an buchstäblich Wett-Kampf. Um eine Wette, bei der oft

horrende Einsätze im Spiel waren, eindeutig entscheiden zu können, muss

die Leistung gemessen werden, muss klar sein, wer der Sieger ist. Also

Fairplay, Gleichheit der Bedingungen, Transparenz der Leistung.

Mit all dem will ich sagen: Dass rund um den Sport aberwitzig viel Geld im

Spiel ist, ist zunächst normal. Herbert von Karajan vermarktete seine Musik

ähnlich wie Bayern München den Fussball. Litt seine Musik darunter? Ich

glaube nicht. Wird der Fussball schlechter mit dem vielen Geld? Schiesst

Geld Tore? Korrumpiert das den einzelnen Sportler? Rad! Pharma... Ich

fürchte nicht um die Gesundheit des Athleten. Profisportler ruinieren ihren

Körper sowieso. Manager oft auch, Ministerpräsidenten dito. Es geht mir

auch nicht um Moral. Es geht einzig um die Natur des Körpers. Davon lebt

die Faszination des Leistungssports: Dass einer wie du und ich diese

überirdische Leistung schafft. Der Verdacht, sein Körper sei das Produkt

von Novartis oder Roche, kratzt an der Faszination. Aus Langeweile, nicht

aus Ethik. Dann kann man gleich Roboter gegeneinander antreten lassen.

Automaten (siehe E.T.A. Hoffmann). Der Automat kann alles – er berührt

uns bloss nicht, lässt uns kalt, weil er keine Schwäche hat. Ohne zumindest

potenzielle Schwäche verliert der Sport seinen Heroismus, seine

„Göttlichkeit“, er gleitet ab in die hundskommune Produktionssphäre der

Arbeitswelt, wird zum industriellen Produkt – statt den vorzivilisierten

Exzess des Körpers unter zivilisatorischen Bedingungen zu feiern... Darüber

lässt sich streiten.

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III. Der Schrei der Menge. Sport und Wir-Gefühl

Natürlich geht es um Gemeinschaft. Wer ein Fussballspiel fachmännisch

verfolgen will, ist vor dem heimischen Bildschirm besser aufgehoben als in

der Menge, die mal entnervt stöhnt, mal ekstatisch jubelt. Doch zu Hause

entgeht einem die durch die Menge gesteigerte Emotion des

„Schlachtenbummlers“.

Der Mensch wird in der Masse ein anderer. Augustinus berichtet im 6. Buch

seiner „Bekenntnisse“ von einem Freund, der Ende des 4. Jahrhunderts von

Gladiatorenkämpfen „in unglaublichem Masse hingerissen“ wurde, obwohl

er sie eigentlich ablehnte. Der Freund behauptete, man könne wohl seinen

Körper ins Stadion zu den blutigen Kämpfen schleppen, „aber nicht meinen

Geist und meine Augen an diese Spiele fesseln“. Weit gefehlt: Zwar schloss

der moralisch strenge Freund erst die Augen, allein das Gebrüll der Menge

betäubte ihn, er verfiel dem blutrünstigen Spektakel, brüllte mit den andern

„und berauschte sich mit blutsüchtiger Wollust“.

Ähnliche Berichte kennt man von öffentlichen Hinrichtungen – und von

Gemeinschaftserlebnissen im Krieg. Elias Canetti deutete den seelischen

Vorgang, in dem der Einzelne mit der Masse verschmilzt: Der zivilisierte

Mensch, der sich normalerweise abgrenzt, auf Abstand achtet, verliert auf

einmal die Angst vor den Andern, geht mit Fremden auf Tuchfühlung, fühlt

sich sicher im Gedränge, erlebt, wie die Masse zu einem einzigen Körper

wird, worin sich eine grosse „Erleichterung“ der Verschmelzung verbreitet,

ein ungewohntes Gefühl des Aufgehobenseins.

Zum Beispiel Fussball. Klares Kampfspiel, alle vier Jahre wird an der WM

Weltkrieg gespielt, Gott sei Dank nicht blutig, aber immer noch aufregend

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genug, damit Hunderttausende sich in Nationalfarben schminken, in Trikots

kleiden, hupend und Fahnen schwingend durch die Stadt kurven. Es ist die

Zeit kollektiver Entgrenzungsgefühle, wie wir sie sonst nur an der Street

Parade kennen, nur dass bei der Love Parade das agonale Moment fehlt, der

Wettkampf, der die Menge auf einen Punkt richtet und sie zusammen

schweisst. Das Canetti-Moment der Verschmelzung erreicht im Fussball

einen Höhepunkt wie sonst nie unter friedlichen Umständen. Es ist alles nur

Spiel, aber eines mit sehr archaischen Grundkräften. Fussball, das in die

Gegenwart gerettete Stammesritual, mühsam zivilisierter Territorialkrieg.

Angriff, Verteidigung, Sieg, Niederlage. Die Lizenz, aggressiv und doch

unschädlich zu regredieren.

Der gesellschaftliche Nutzen? Ich vermute, die sogenannt grossen Gefühle

taugen mehr zur Abfuhr von Minderwertigkeitsgefühlen. Weshalb gerade

ein öffentlicher Sender das Gebrüll der Menge einem prüfenden Blick

unterziehen sollte – statt es anzuheizen und bedenkenlos mitzubrüllen.

Zumal in unserem Falle der Kater sich voraussehbar schnell einstellt. Im

nachhinein wirkt die Stimmungsmache („Es ist alles möglich!“)

stümperhaft, kontraproduktiv. Ein stabiles CH-Wir-Gefühl kriegten wir

eher, wenn wir unser weltweit einzigartiges Berufsbildungssystem

schätzten, wenn die Leute eine Ahnung hätten, welch sensationelle

Hightech-KMU hier am Werk sind. Will sagen: Wenn der SRG-Sport am

Boden bleiben und den Leuten nichts vormachen will, muss er davon

ausgehen: Wir sind – abgesehen von Nobelfirmen à la Roger Federer, für die

wir nichts können – internationale Nobodys, wir können auch Holland,

Belgien, Kroatien etc. nicht das Wasser reichen. Es sei denn, wir

konzentrieren uns auf Schützen- und Schwingfeste. – Womit ich bei

meinem letzten Anlauf bin:

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IV. Sport und Service Public

Drei Fragen. Erstens: Gehört Sport zum Service public? Und wie! Sport ist

unverzichtbar für unsere Gesellschaft. Zweitens: Was verlangt der Service

public? Welche Sportarten? Wie viel wovon? Delikate Frage. Immer mehr

Sportarten, kleines Land, beschränkte Ressourcen... Drittens: Wie muss

Sport präsentiert werden, will er dem Service public gerecht werden? Azu

abschliessend ein paar Hinweise.

Beispiel: 25. Juli 2010. Formel 1, Hockenheim. Doppelsieg Ferrari, kurz vor

dem Ziel lässt der führende Flippe Massa Fernando Alonso zum Rennsieg

passieren, auf „Team-Order“ (eigentlich verboten), weil Alonso so in der

WM-Wertung vorrückt. Wie kommentiert das der SF-Reporter? „Sportlich

unschön, doch ich hätte als Ferrari-Chef ebenso entschieden.“ Das heisst: Er

leimt die Zuschauer herein, die ein sportlich packendes Finale sehen

wollten, kein abgekartetes Spiel. Er setzt sich – gegen elementare Regeln

der Sportlichkeit – auf den Standpunkt des zynischen rechnenden Ferrari-

Stalls.

Ein abgebrühter Opportunismus, den ich nicht selten wahrnehme. Auch im

Fussball: Hauptsache Champions League, es geht nicht um dieses Spiel, es

geht ums Weiterkommen, genauer: um die Millionen. Erinnert an Peter

Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft: Zyniker sind nicht dumm, sie

handeln wider besseres Wissen. Sie wissen, was sie tun, doch sie tun es

trotzdem, weil Sachzwänge und Selbsterhaltungstriebe auf kurze Sicht

dieselbe Sprache sprechen und ihnen sagen, es müsse sein, „letztlich“ gehe

es nun einmal ums Geld. Widerstand zwecklos – oder nur um den Preis, als

Provinzler und Idylliker abgestempelt zu werden. Dieser elastisch

integrierte Zynismus betreibt die Kumpanei mit den ökonomischen

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Mächten hinter dem Sport – und den Verrat am sportlichen autonomen

Sport, der für die Gesellschaft als Modell und Ausgleich so wichtig wäre.

Zyniker akzeptieren die Instrumentalisierung des Sport durch finanzielle

Interessen.

Damit kontrastiert seltsam die provinzielle Kumpanei mit den Athleten.

Eine ähnliche Abstandlosigkeit, wie „Glanz & Gloria“ sie gegenüber Promis

pflegt. Dass der sportliche Erfolg gefeiert wird, versteht sich von selbst.

Aber muss jedes unreife Bürschchen, das dahinter steckt, auch noch

angehimmelt, als menschliches Grossidol gehätschelt werden? Auf

ARD/ZDF, auch Eurosport weiss man besser zu unterscheiden: Sportliche

Leistung – bravissimo! Was darüber hinausgeht – na ja. Zum Beispiel die

modischen Eitelkeiten von Dreispringern: „Was soll das Kopfband

zusammen halten? Den Kopf oder die Haare? Haare hat er keine.“ Statt

dessen Befindlichkeits-Gequatsche („Realisieren Sie schon, was passiert

ist?“ „Wahrscheinlich nicht.“) Die sogenannten Interviews (während des

Wettkampfs: Ski, Leichtathletik). Vermutlich als spezielle Heldenverehrung

gedacht. Bewirken mit ihrem jämmerlich prosaischen Gebrabbel („Super.

Habe alles gegeben...“) genau das Gegenteil: Trivialisierung des Helden.

Götterdämmerung. Ergo: Inszenierung überdenken. Athleten =

Körpergötter, verbal sind sie Normalmenschen auf Schwundstufe.

Ich wünsche mir mehr Journalismus als Kumpanei. Journalismus = Kunst zu

vermitteln. Zu dieser Kunst brauchen Sportreporter vor allem zweierlei

(die sogenannte Sachkompetenz hat jeder mittelmässig Begabte in zwei

Monaten intus): Erstens ein neugieriges, hellsichtiges Auge (für

Bewegungen, aber auch für Charaktere der Sportler); damit ist (zum

Beispiel bei Skirennen nicht weit her (darum wird lieber in Chroniken

geblättert). Zweitens Sprache, kritische Sprache, korrekte Sprache (nicht:

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„Viel Raum für Frei – Raum, der er nicht zu nützen vermag.“ Nicht

geschwollen: „Unserer Mannschaft wird jetzt eine schwere Aufgabe zuteil.“

Damit ist auch nicht weit her. Bei Skirennen muss man sich seit zwanzig

Jahren dieselbe sprachlichen Plumpheiten anhören, minimaler Wortschatz,

nie kommt eine neue Wortkreation hinzu, nie eine neue Metapher. Dabei

hat der Reporter einzig dieses Kapital: Augen und Worte. Damit müsste er

wuchern. Daran müsste er arbeiten – und sei es nur durch Abkupfern bei

den Meistern, etwa der Sportredaktion der „Süddeutschen Zeitung“. Dort

wäre auch lernen, wie man sogar mundfaule Sportler in ein interessantes

Gespräch verwickelt. Von Witz, Humor, Gewitztheit nicht zu reden.

Der Blick auf Service public verlangt: Permanent an der Idee feilen, unter

der Sport dargeboten wird. An einer Idee, die dafür sorgt, dass Zuschauer

nicht für dumm verkauft werden, dass nicht bloss ihre banalen Emotionen

bewirtschaftet werden (siehe unsäglich doofe Wettbewerbe!). Sondern dass

sie sich als mündige Zeitgenossen geschätzt sehen.

---

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