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Predigt zum Nachlesen

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Predigt Pfingstmontag

Joh 3, 16-21 vom 20.05.2013

Zeichen der Zeit – im Geist gedeutet

Das Evangelium heute, am Pfingstmontag, knüpft nahtlos an das sog. Nikodemusgespräch

an, im 3. Kapitel des Johannesevangeliums, also noch ganz vorne im Evangelium und damit

auch ganz am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu, fernab allen pfingstlichen Geschehens

– und dennoch ist hier alles Wesentliche, auch im Blick auf Pfingsten, schon ganz und gar

da: das Wehen und Wirken des Geistes und das „Neugeborenwerden“ aus diesem Geist.

Nikodemus, einer der führenden Pharisäer, sucht Jesus bei Nacht auf, um mit ihm über die

wesentlichen Dinge des Lebens zu sprechen: über „Reich Gottes“, „Neugeburt“ und

„ewiges Leben“. Und in diesem Gespräch ist in der Tat von einem nötigen „Neugeborenwerden“

die Rede – „von oben“, „aus Wasser und Geist“: „Was aus dem Fleisch geboren

ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist“ (Joh 3, 5), so heißt es

dort. Und ebenso: „Der Wind weht, wo er will, du hörst sein Brausen, weißt aber nicht,

woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“

(Joh 3, 8)

Hören wir dazu auch das folgende Gedicht:

Wind kannst du nicht sehen,

ihn spürt nur das Ohr

flüstern oder brausen wie ein mächt´ger Chor.

Geist kannst du nicht sehen;

doch hör, wie er spricht

tief im Herzen Worte voller Trost und Licht.

Wind kannst du nicht sehen,

aber, was er tut:

Felder wogen, Wellen wandern in der Flut.

Geist kannst du nicht sehen,

doch, wo er will sein,

weicht die Angst und strömt die Freude mächtig ein.

Hergesandt aus Welten,

die noch niemand sah,

kommt der Geist zu uns, und Gott ist selber da. (in: EG 568)


Wir sind also in jedem Augenblick, in jeder geschichtlichen Stunde darauf verwiesen, zu

hören, „was der Geist den Gemeinden sagt“. So steht es in den Sendschreiben an die sieben

Gemeinden am Beginn der Offenbarung des Johannes. Je neu gilt: „Wer Ohren hat, der

höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“ (Offb 2,11) – Für uns heute heißt das, dass wir

genau hinhören auf die Zeichen der Zeit und ihnen im Licht des Evangeliums, im Licht des

Geistes, in dem wir neugeboren werden, begegnen; dass wir ihnen also nicht hilflos und

ohnmächtig gegenüberstehen, sondern sie irgendwie deuten und so auch mit ihnen

umgehen können.

Wir brauchen uns schlicht nur zu fragen, was wir „mit brennender Sorge“ wahrnehmen,

ohne dass es uns deshalb in Verzweiflung und Resignation treibt. – Zwei Zeitungsmeldungen

sind es, die mich zuletzt mit brennender Sorge erfüllt haben. Diese beiden Problemanzeigen

sollen ein Beispiel dafür sein, wie wir „im Geist“ zu einem neuen Sehen, zu einem neuen

Urteilen und zu einem neuen Handeln hinfinden können. Einem geflügelten Wort zufolge

sind die Welthandelspreise ja nicht neutral gegenüber dem Reich Gottes!

Die erste Problemanzeige lautet: „Tod in Bangladesch: Bestürzung, Trauer, Angst – doch sie

nähen einfach weiter“, so eine zweiseitige Reportage in der Süddeutschen Zeitung vom

letzten Wochenende (11./12. Mai). Folgendermaßen geht der Text weiter:

„Mehr als tausend Menschen sterben Ende April bei dem Einsturz eines Fabrikgebäudes. Es

ist die größte, doch nicht die erste Industriekatastrophe in der Geschichte Bangladeschs.

Immer wieder kommen Menschen zu Tode, weil Brand- und Sicherheitsvorschriften

missachtet werden. Das Land ist korrupt, die Menschen sind wütend. Und die westliche

Welt? Textilhändler und Konsumenten scheint das kaum zu kümmern.“

Einmal davon abgesehen, dass Menschen, die Hartz IV empfangen oder sonst irgendwie im

Niedriglohnsektor tätig sind, es sich kaum leisten können, anderswo als in Billig-Discountern

einzukaufen, stellt sich dennoch die Frage nach der Ethik unseres Kaufens und unserer

Lebensgewohnheiten. Sie ist nicht einfach „weltanschaulich neutral“! Hören wir aus einem

der Artikel auf den genannten beiden Seiten, es ist ein Interview mit einem Markenstrategen

und Unternehmensberater, unter der Überschrift „Kunden sind vergesslich“:

„SZ: Herr Koch, wenn Menschen sterben, weil Konzerne so billig wie möglich produzieren

wollen, werden die Kunden in den westlichen Industriestaaten dann nicht mit Konsumverweigerung

reagieren?

K: Kunden sind vergesslich. Vor allem, wenn es um Marken geht, die sie lange kennen und

gewohnt sind… Aber wenn das Thema bleibt, wenn sich eine breite öffentliche Debatte

entwickelt, die Monate und Jahre anhält, dann wirkt sich das natürlich auf das Image der

Firma aus… Und das hat dann auch Auswirkungen auf das Kaufverhalten der Menschen…

SZ: Ist es denn ein Unterschied, ob in den Überresten einer eingestürzten Fabrik in

Bangladesch die Produkte eines Discounters wie Kik gefunden werden oder die einer

teureren Marke?

K: Die schwierigste Zielgruppe, die Sie haben können, ist jung, weiblich, urban und gebildet

– diese Menschen machen sich unheimlich viele Gedanken darüber, wie und was sie

einkaufen… Je mehr Geld Menschen ausgeben, desto mehr Gedanken machen sie sich…

Aber die Zielgruppe von Discountern wie Kik ist wohl für solche Schlagzeilen eher

unempfindlich.

SZ: Die viel beschworene Macht der Konsumenten gibt es also gar nicht – weil die Menschen

gar nicht versuchen, sie einzusetzen?

K: Doch, es gibt sie schon und sie kann auch sehr wirksam sein. Aber dieser Mechanismus

funktioniert meist sehr viel langsamer, als das gemeinhin erwartet wird… Meist nehmen


solche Bewegungen ihren Anfang in einer sehr kleinen Nische. Bis daraus ein Massenphänomen

werden kann, etwas, das den Konzernen spürbar zusetzt, ist der Medienhype

meist wieder vorbei und das Thema verschwindet wieder aus den Köpfen.“

Ein zweiter Zeitungsartikel hat mich mit „brennender Sorge“ erfüllt, ebenfalls in der

Süddeutschen Zeitung, vom Dienstag letzter Woche (14. Mai): „Der permanente

Alarmzustand und seine Folgen für die Seele. Das erste Opfer der Krise ist immer unser

Vertrauen in die Zukunft – besonders hart trifft es die Jugend“. Unter der Zwischenüberschrift

„Generation Altersarmut“ heißt es dort folgendermaßen:

„Schlechte Nachrichten gehören zu unserem Alltag, doch die Intensität ist neu. Viele leiden

unter dem Eindruck, dass immer mehr von ihnen in immer kürzeren Abständen auf uns

einprasseln.“ Und dann ein beunruhigender Satz aus einem Bericht der Internationalen

Arbeitsorganisation: „Das Wohlergehen einer ganzen Generation sei gefährdet. Im Jahr

2013 wird die weltweite Jugendarbeitslosigkeit von inakzeptablen 12,4 Prozent noch weiter

ansteigen und voraussichtlich 12,6 Prozent betragen. Auf den ersten Blick mutet die

Steigerung von 0,2 Prozent wenig beängstigend an. Doch es könnte der berühmte `Tipping

Point´ sein, der Punkt, an dem ein System kippt, etwa weil die Zuversicht auf Besserung

endgültig schwindet. Nehmen wir zum Beispiel Griechenland. Dort liegt die

Jugendarbeitslosigkeit derzeit bei etwa 64 Prozent, in Portugal sind es vierzig, in Spanien

mehr als fünfzig Prozent. Was bedeuten solche Zahlen für die betroffenen Gesellschaften?

Vor allem eines: Ein Teil der europäischen Jugend ist gerade dabei, jedes Vertrauen zu

verlieren: in die Zukunft, in die eigene Regierung, in die Solidarität ihrer Gesellschaft und

vielleicht auch in die Demokratie.“

Und weiter heißt es in diesem Bericht: „Die jungen Menschen in diesen Ländern wehren sich

auf den Straßen dagegen, dass ihr Leben verramscht wird. Auf ihren Plakaten stehen Sätze

wie: `Rettet die Menschen, nicht die Banken´, doch das Gegenteil geschieht. Da die Hilferufe

verhallen, verlässt, wer kann, seine Heimat. Dieser `Brain Drain´ ist eine ökonomische und

soziale Katastrophe. Ein Land, das einen großen Teil seiner hervorragend ausgebildeten

Jugend verliert, verliert seine Zukunftsfähigkeit.

Trotz allem könnte man sich entspannt zurücklehnen und einwenden, dass die Insel

Deutschland mit diesen düsteren Zukunftsprognosen nichts zu tun habe. Die

Jugendarbeitslosigkeit beträgt lediglich acht Prozent. Das ist die gute Nachricht – aber sie ist

eben nur eine Momentaufnahme. Eine Verschlechterung in unseren Nachbarländern erreicht

bald auch uns, das wissen die deutschen Jugendlichen ganz genau. Die Etiketten, die

hierzulande der jungen Generation angeheftet werden, lauten nicht zufällig Generation

Altersarmut, Generation Praktikum oder Generation Zeitvertrag. In Italien hat sich der Begriff

1000-Euro-Generation etabliert, in Griechenland, wo die Situation noch miserabler ist, nennt

man die Jugend die 700-Euro-Generation.

Diese Zuschreibungen rufen nicht gerade das Bild optimistischer Menschen, die zukunftsfroh

ihr Leben gestalten, in einem wach… Auf der Website der Internationalen Arbeitsorganisation

heißt es: `Feste Vollzeitanstellungen…sind für viele Jugendliche unerreichbar

geworden. Der Zuwachs von befristeter und Teilzeitarbeit seit dem Ausbruch der globalen

Krise zeigt, dass dies oft die einzige Möglichkeit für Jugendliche darstellt, überhaupt Arbeit

zu finden.´… `Wir sind Getriebene´, schreibt Katharina Nocun (die neue Politische Geschäftsführerin

der Piratenpartei, 26 Jahre alt, vielleicht eine typische Vertreterin ihrer Generation,

A.R.). In solchen Gefühlswelten heißt die einzige Konstante Vorläufigkeit… Wer sollte da auf

die Idee kommen, sich festzulegen? Wer sollte den Mut aufbringen, eine Familie zu

gründen? Wer sollte Kinder kriegen? So treffen die großen globalen Alarmnachrichten auf

ein fragiles individuelles Sorgenumfeld der jungen Erwachsenen, denen der Mut zum


Wagnis, auch zum kreativen Wagnis verlorengeht. Und damit verschärft sich die Krise so

richtig.“

Wenn das Vertrauen in die Zukunft bei der jungen Generation derart Schaden nimmt, was

ist dann unsere Botschaft an Pfingsten? Wie beurteilen wir diese Dinge „im Licht des

Evangeliums“? Und vor allem: Was müssen wir tun, um sagen zu können: Ich glaube an

Gott und seinen Heiligen Geist? Was müssen wir tun, um beten zu können: „Sende aus

deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu“? Wie soll ich selber mich dazu verhalten,

der ich hier an St. Michael für junge Erwachsene zuständig bin? – Vielleicht brauchen wir ja

von Neuem eine Art „Solidarnosc“, so wie vor etwa 25 Jahren in Polen! Vielleicht brauchen

wir heute eine „geistvolle“ Solidarität zwischen den Generationen, und vielleicht auch eine

Solidarität als Verbraucher, in genau diesem Sinne: „Rettet die Menschen, nicht die Banken!

Andreas Reichwein SJ

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