Sonntag, 4. Dezember 2011 - St. Michael Weingarten

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Sonntag, 4. Dezember 2011 - St. Michael Weingarten

2. Advent 2011

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Jes 40, 1---11; // 2 Petr 3, 8-14; // Mk 1, 1-8;

Johannes in der Wüste. Man hört ihn buchstäblich brüllen.

Es ist die Stelle am Anfang des Markusevangelium, der Markus

vermutlich sein Wappentier verdankt, den Löwen.

Ja, der Johannes, oder einfach „die Stimme“, wie er auch genannt

wird, der Bote, der Rufer, der Nabi, zu deutsch der Prophet.

Seine Aufgabe: Stimme in Gottes Auftrag zu sein, nicht

wissend, wie die Menschen reagieren werden. Bei Johannes

haben sie offensichtlich gut reagiert. Würde er heute Rufer

sein, würde vermutlich der Dax in die Höhe schnellen, das

scheint heute die einzige Form von Begeisterung zu sein, deren

die Zeitgenossen noch fähig sind. Das Gute an der Botschaft:

Daß sich die Dinge endlich ändern werden, daß Bewegung

in den Stillstand kommt, unter dem das Volk dahinlebt,

seit die Römer im Land das Sagen haben. Was sie allerdings

noch nicht wissen ist, daß dieser Geheimnisvolle ihnen ihre

Werteskala gehörig auf den Kopf stellen wird, daß die Wende,

die Umkehr, in ihrem eigenen Leben beginnen muß. Daß

der, dem tausend Jahre sind wie ein Tag, eine andere Gangart

hat, und von vielem, auf das Menschen stolz sind, nicht viel

hält. Daß umgekehrt diesem Gott bedeutsam sein wird, was

Menschen eher uninteressant finden, für Routine erachten,

oder einfach nicht der Rede wert. Gott wird die Mächtigen

geflissentlich übersehen und ein Kind in die Mitte stellen.

Und er wird die Arbeitsamen und karrieresüchtigen fragen,

wofür sie das alles eigentlich tun. Er wird manche Frage stellen,

die man sich heute nicht mehr zu stellen traut. Und es

werden Fragen darunter sein, die keine Antwort mehr brauchen,

die schon alles zusammen sind, Frage, Antwort, Richtigstellung,

den einen als Vorwurf und Anklage, Urteil und

Vollzug, den andern zur überraschenden Rechtfertigung.

Uns aber stellt der Täufer mit seiner Bußpredigt ein paar

Hausaufgaben. Als erste die, daß wir anfangen, Fragen erst an

uns selbst zu stellen. Nur so kann innerlich die Bereitschaft

wachsen, sich selbst zu stellen. In einer zweiten Aufgabe sol-


2. Advent 2011

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len wir lernen, uns Zeit zu nehmen. Denn nur, wer sich Zeit

nimmt, findet auch die Möglichkeit zum Nachdenken. Wer

keine Zeit hat, hat also entweder das Nachsehen oder aber er

flieht sogar in die Betriebsamkeit aus Angst davor, sich mit

dem eigenen Leben zu beschäftigen.

Eine dritte Aufgabe besteht darin, die Umkehr einzuleiten.

Liebe Schwestern und Brüder.

Der Advent kann, wenn er richtig gelebt wird, die Wege zwischen

Mensch und Gott verkürzen. Der Mensch widmet sich

wieder dem Kerngeschäft seines Lebens und ist damit auch

an sich selbst wieder näher dran.

Das ist eine große Chance. Aber wir haben nicht mehr viel

Zeit. Von vier Kerzen sind zwei, die schon brennen.

Jürgen Olf, 2011

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