Sonntag, 29. Mai 2011 - St. Michael Weingarten

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Sonntag, 29. Mai 2011 - St. Michael Weingarten

Festgottesdienst zum 40-jährigen Priesterjubiläum

von Jürgen Olf am 29. Mai 2011 in Weingarten

Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung

fragt, die euch erfüllt (1 Petrus 3,15)

6. Sonntag der Osterzeit

1 Petr. 3,15-18 Joh 14,15-21

Lieber Jubilar, Herr Pfarrer Olf, lieber Jürgen,

Schwestern und Brüder,

Die Ur-Kunde unseres Glaubens ist bekanntlich nicht das Kirchenrecht

und auch nicht ein dogmatisches Lehrbuch, sondern die Bibel.Und

diese hl. Schrift, wie wir sie nennen, ist vor allem eine

Sammlung von Erzählungen der Väter und Mütter unseres Glaubens,

angefangen von Abraham bis hin zu den Aposteln. Erzählt

werden darin Geschichten, Ereignisse und Erfahrungen, die Menschen

mit ihrem Gott gemacht haben, Geschichten, die uns zeigen,

wie der große und heilige Gott ihnen in ihrem ganz gewöhnlichen

Alltag begegnet ist.

Und so will auch ich heute keine gewichtigen Worte über das

Priestertum an sich verkünden, den Beruf, in dem Jürgen Olf nun

schon seit 40 Jahren treu seiner Kirche und den Menschen in seinen

Gemeinden gedient hat, sondern meine Gedanken gehen heute

zunächst einmal ganz einfach zurück in die Jahre von 1971 bis

heute, in die Zeit, die du, lieber Jürgen im priesterlichen Dienst

stehst. Ich laufe dir nur zwei Jahre nach. Aber jung waren wir damals

beide noch.

Du hast Dein Theologiestudium angefangen, als gerade das 2.

Vatikanische Konzil zu Ende ging. Du hast, wie auch ich, die Zeit

der Würzburger Synode erlebt. Dort hatten alle Synodalen, also

auch die vielen sog. Laien, dasselbe Stimmrecht, wie die Bischöfe

- was dazu führte, daß auch wir in unserem Würzburger Priesterseminar

damals eine Hausvollversammlung einberufen haben, in

der wir uns eine neue Hausordnung gaben und dem Regens

ebenfalls nur eine Stimme zugebilligt haben. ein Veto-Recht,

wie er sich gewünscht hat, haben wir abgelehnt.

Das war damals für uns selbstverständlich, nicht für den Regens

natürlich. Schließlich war das ja auch die Zeit der 68-er

Studentenrevolte. "Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren"

- mit solchen und ähnlichen Parolen auf Transparenten

nahmen in Würzburg Studentengemeinschaften an der Fronleichnamsprozession

teil.

Ein neuer Aufbruch in der Gesellschaft und auch in der Kirche

war angesagt. Deine Hoffnungen, so hast du mir einmal gesagt,

gingen damals auch für dich auf eine Neubelebung der

Kirche und auf eine positivere Stimmung im binnenkatholischen

Klima.

Du warst als junger Priester in drei Dekanaten ein eifriger Jugendseelsorger.

Daß aber die junge Generation der 70 er Jahre

nicht mehr dieselbe war, wie zu unserer Jugendzeit, wo wir

noch mit 100ten von Bannern und Fahnen, etwa am Christkönigsfest,

Christus die ewige Treue geschworen haben, das haben

wir sehr schnell gespürt. Eine neue Generation war herangewachsen,

die anders sein wollte und auch war als die der Elterngeneration:

es war die Zeit der Aufklärung, auch der sexuellen

Revolution: die Pille war nahezu in jeder Mädchen

-handtasche - wenn sie Handtaschen hatten - Oswald Kolle

und die Bravo waren gefragter als die Geschichten aus der Bibel

- die Geburten gingen rapide zurück und unser Beruf als

Priester, für den wir uns noch entschieden hatten, war plötzlich

so exotisch wie die Dinosaurier der Vorzeit, die damals

entdeckt wurden.

Nach dem guten Papst Johannes XXIII., der mit der Einberufung

des Konzils die Fenster weit aufgemacht hatte, um frischen

Wind in die Kirche zu lassen - wobei sich manche - im


nachhinein gesprochen, vielleicht doch mehr als nur einen leichten

Schnupfen geholt hatten, kam Papst Paul VI., der das Konzil nach

kurzer Unterbrechung energisch weiterführte.

Es brachte unter andrem die längst gewünschte Religions- und Gewissensfreiheit,

es brachte die Öffnung der Kirche zur Welt hin

und - was am meisten deutlich wurde, es brachte uns die Erneuerung

der Liturgie: das ganze Volk Gottes sollte sich bei der Messe

beteiligen und das wurde auch in vielen Teilen der Weltkirche gut

umgesetzt.

Die Beteiligung des Gottesvolkes sollte sich aber nicht allein auf

die Liturgie beschränken, sondern auf möglichst vielen Ebenen des

kirchlichen Lebens ausgedehnt werden.

Deshalb wurden auf unterster Ebene die Pfarrgemeinderäte eingeführt,

Dekanats- und Diözesanräte bis hin zum Zentralkommitee

der D. K. wurden geschaffen. Der ständige Diakonat wurde neu

belebt und - vor allem in der Deutschen Kirche wurde der Beruf

der nicht priesterlichen, aber voll theologisch ausgebildeten Pastoralreferenten

und -referentinnen neu eingeführt.

Das alles entwickelte sich oder wurde entwickelt während wir unser

Theologiestudium absolvierten und manche sich fragten: Soll

ich jetzt doch noch umsatteln? Soll ich wirklich noch den Weg des

zölibatären Priesters einschlagen oder als Laie, verheiratet und mit

Familie Gott und den Menschen dienen? Ich erinnere mich noch

gut an eine Begegnung der Theologiestudenten (das Wort "Alumnen"

war im Priesterseminar inzwischen verpönt) mit den Professoren

bei uns im Hause. Dabei wurde ganz ernsthaft, vonseiten

mancher Professoren, die Meinung vertreten: Ach, in 10 Jahren

gehört der Zölibat längst der Kirchengeschichte an. Das heißt: spätestens

der nächste Papst wird diese Verpflichtung abschaffen.

Wie ein Blitz schlug dann plötzlich die bis heute umstrittene Enzyklika

Pauls des VI. ein: "Humanae vitae", in der das Verbot empfängnisverhütender

Mittel gefordert wurde.

Selbst die Deutschen und die Österreichischen Bischöfe unter

Vorsitz von Kardinal Döpfner und Kardinal König sahen sich

genötigt, eine Königsteiner bzw. Maria Troster Erklärung zu

verfassen, in der sie diese Enzyklika doch etwas relativierten,

indem sie auf die Gewissensfreiheit der Gläubigen verwiesen.

Paul VI. hatte von da an seinen Name weg: der Pillenpapst";

die päpstliche Autorität war auf dem Tiefpunkt und stieg dann

doch wieder etwas höher, als Johannes Paul I. nachfolgte. Der

lächelnde Papst - auf ihm ruhte alle Hoffnung, die jedoch nach

nur 30 Tagen jäh zunichte wurde durch sein plötzlicher Herztod.

Wer sollte nun die Kirche führen, vermutlich hinüber ins 3.

Jahrtausend? Ein junger, dynamischer Papst war gewünscht,

möglichst einmal kein Italiener, sondern einer, der der Kirche

Dampf macht, der aus einem ganz anderen Teil der Welt kommen

sollte. Und so geschah es. Er war jung, zumindest für

einen Papst, gerade einmal 56 Jahre alt, und er kam aus einem

fernen Land, aus dem kommunistischen Ostblock.

"O Gott, haben die denn überhaupt schon etwas vom Konzil

und von der Erneuerung der Kirche hier mitbekommen?" Das

war - ich bin ehrlich - damals meine erste Reaktion.

Nun, inzwischen hat sich das Rad der Zeit rund 35 Jahre weiter

gedreht. Auch dieser Papst hat nicht nur das Zeitliche gesegnet,

er ist sogar schon selig gesprochen und wird von den

einen als Heiliger verehrt - und von nicht wenigen als Reaktionär

und gewaltiger Bremser des Fortschritts tituliert. Wie

auch immer du, lieber Jürgen oder auch ich dieses lange Pontifikat

bewerten, geprägt hat es die Kirche und mit ihr auch

unseren Dienst als Priester in dieser Kirche allemal.

Ich weiß aus so manchen Gesprächen, die wir in den vergangenen

Jahren miteinander geführt haben, daß du über so manche

Entwicklungen in der nachkonziliaren Kirche unglücklich

bist. Daß Du darunter manchmal leidest, daß du dem Mitspra-


chebedürfnis von immer mehr Leuten nicht mehr gerecht werden

kannst und willst. Daß der Personalmangel einerseits und das veränderte

Selbstverständnis der Gemeinden andererseits dir das Gefühl

geben, ständig gehetzt und überall und nirgends zu sein und

daß du meinst, sakramental fast nicht mehr in Anspruch genommen

zu werden. Doch das ist nur die eine Seite. Denn fast gleichzeitig

sagst du mir, auf die Frage, was denn deine schönsten Erfahrungen

in deinem Priesterleben waren: Es waren die persönlichen

Seelsorgssituationen, es war die Arbeit mit den Mitarbeitern und

Gruppen, immer wieder auch die Elternarbeit, das Erleben von

Kindern und Jugendlichen in Schule und Gemeinde, es waren die

positiven Reaktionen nach Beerdigungen, Hochzeiten, Taufen und

so weiter - und, so hast du mir geschrieben, du wünschst dir, daß

du trotz der zunehmenden "Buchhalterpastoral" noch fünf Jahre arbeiten

darfst, und zwar - hört! - in dieser Gemeinde, in Weingarten.

Du willst diese eine Baustelle noch zu Ende bringen - wobei

du unter "Baustelle" wahrscheinlich nicht nur an die Kirchenrenovierung

denkst.

Darüber werden sich deine Weingartener wahrscheinlich sehr freuen.

Ob du heute noch jungen Leuten empfehlen könntest, Priester zu

werden, habe ich dich schließlich gefragt. Deine Antwort hat mich

nachdenklich gemacht und ich hab mich im Ernst gefragt, ob sie

nicht etwas anders ausgefallen wäre, hättest du sie nicht spät

nachts, sondern ausgeschlafen an einem frischen Morgen geschrieben.

Das Priestertum sei fast bis zur Unkenntlichkeit deformiert,

hast du gemeint und das priesterliche "Kerngeschäft" - so erlebst

du es, müsstest du oft bloß noch in "ausgedünnten Gottesdienstgemeinden"

absolvieren. Es würde sich in der Tat lohnen, darüber

einmal einen ausführlichen Vortrags- und Gesprächsabend anzubieten,

wo du deine Erfahrungen näher darlegen und begründen

kannst, vielleicht ein Vorschlag für die nahe Zukunft.

Lieber Jürgen, wer dich kennt, deine Liebe zu Gott und zu den

Menschen, deinen Eifer im Beruf, deine tiefen Gefühle, die du

so meisterhaft hineinlegen kannst in deine Gedichte und Geschichten,

in deine Predigten bis hin zu den Büttenreden an

Fasching, wer dich erlebt hat, so wie ich bei unserer Reise

letztes Jahr im Heiligen Land, der wird nur bestätigen können:

Jürgen, du brauchst keine klerikale Burka, in der so manche

junge Priester heute meinen, auftreten zu müssen, um zu zeigen,

daß sie Priester sind.

Du bist, so wie du bist voll und ganz einer, auf den das Wort

aus der heutigen Lesung aus dem Petrusbrief zutrifft, ein

Wort, von dem du mir gesagt hast, daß es inzwischen zu deinem

Lieblingswort geworden ist:

"Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der

euch nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt."

Doch, so ist es! Und wenn du angesichts der so radikalen Veränderungen

im Priesterbild der letzten 40 Jahre manchmal etwas

mutlos zu werden drohst, dann empfehle ich dir, dich

doch immer wieder zu erinnern an die Hoffnung, die dich heute

noch genauso erfüllt wie damals, als Du vor dem Weihealtar

lagst und Dein ADSUM gesprochen hast. "

"Hier bin ich - Ich bin bereit"

Auf einem der Weltjugendtage, die Papst Johannes Paul II. ins

Leben gerufen hatte, war das der Song, den Millionen junger

Menschen gesungen haben: Here I am, Lord - I will go, Lord,

if you lead me - I will hold Your People in my heart."

Und dieses Lied möchte ich abschließend gerne mit euch allen,

liebe Schwestern und Brüder jetzt singen, aber nicht auf

Englisch, sondern auf Deutsch, und wir singen es im Blick auf

unseren Jubilar, der auch nach 40 Jahren noch bitten kann und

will:

"Ich will gehn, Herr - Führe du mich - Leg dein Volk mir tief

in Herz und Sinn." Amen

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