Montag, 31. Dezember 2012 - St. Michael Weingarten

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Montag, 31. Dezember 2012 - St. Michael Weingarten

PD - Silvester 2012

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Koh 3, 1-14a; // Röm 12, 1-2; // Joh 17, 12-19;

Stellen Sie sich einmal vor:

Ein kleiner Salon im Stil der Belle Epoque, in der Ecke tickt

eine Standuhr den ewig gleichen Takt, auf der Anrichte Teller,

Schüsseln, Schalen, verschiedene Flaschen. Am Boden,

wie seit ewigen Zeiten, das Fell eines Tigers. Der Butler, nennen

wir sie Monsignora Perpetua, gibt ein Glockenzeichen,

und siehe, der Papst schreitet die Treppe herab. Huldvoll

nimmt er Platz und sitzt allein am Tisch, den noch vier Stühle

säumen, die vier legendären leeren Stühle. Msgra Perpetua

stellt die Gäste vor: Herrn Hochhut, Herrn Drewermann,

Herrn Geißler und Frau Ranke-Heinemann. Das Gesicht des

Tigers trägt unverkennbar die Züge von Hans Küng. –

Die Regeln des Dinners sind schnell erklärt. Mit jedem neuen

Getränk dürfen die Gäste anstelle der Toasts eine Kritik am

Papst loswerden. Und da die Kritikpunkte jedermann auswendig

im Kopf hat, ist der Lacherfolg garantiert. So bleibt

im Nachsatz nur noch zu berichten, daß der Kopf des Tigers

die Monsignora nicht zu Fall gebracht hat. Wie die Medien

über nicht näher bezeichnete dunkle Kanäle erfahren haben

wollen, sollen die vier inzwischen ins Fegfeuer umgezogenen

Gäste sehr verärgert darüber sein, daß der Papst sich einen

weiblichen Sekretär zugelegt hat. Dies sei in ihrem Szenario

nicht vorgesehen gewesen. –

Soweit diese Ihnen wahrscheinlich längst bekannte Szene.

Und auch für sie gilt: Jedes Jahr dieselbe Prozedur. – - Schnitt!

Und es ward Abend und Morgen, Silvestertag. Jahreswende.

Sollbruchstelle zwischen den Jahren. Eine der dünnen tektonischen

Bruchlinien im Ablauf der Jahreszeiten. Nicht mehr

so gefürchtet, wie in früheren Zeiten die Sommer- und die

Wintersonnenwende. Aber ein bißchen Furcht ist da schon,

sonst bräuchte es nicht den sinnlosen Krach, der um Mitternacht

das mahnende Geläut der Glocken übertönt, so, als

wollte man sich vor einer unliebsamen Botschaft die Ohren

zuhalten. Sicher, es ist nicht alles gut gewesen, aber jetzt,

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Schwamm darüber, reden wir nicht mehr davon. Augen zu

und durch, und weiter so. Jedes Jahr dieselbe Prozedur. -

Das Leben geht weiter. Ein paar Kamine rauchen noch.

Ökostrom zwängt sich durch viel zu wenige, atomstromverschmutzte

Leitungen, in Stuttgart hätschelt man weiterhin

Gänseblümchen und Juchtenkäfer, in den Städten treiben

moderne Gänselieseln ein Rudel elternlose Kinder über Straßen

und Spielplätze, und in den Betreuungseinrichtungen

sucht man krampfhaft nach neuen Methoden, die für den Arbeitsprozeß

zu Jungen und zu Alten jenseits der Unruhegrenze

zu halten. Der Rest malocht brav im Arbeitsprozeß, ist für

Familie viel zu müde, und schaut neidisch auf die Griechen,

die immer noch nicht bereit sind, zu leben um zu arbeiten.

Am oberen Ende der Gesellschaft verschiebt man bisher nicht

gekannte und nicht vorstellbare Summen von Bank zu Bank,

und erfleht vom gemolkenen Bürger Gemeinsinn und Brot

für die Welt. Jedes Jahr dieselbe Prozedur.

Und die Politiker stolpern weiter von Kompromiß zu Kompromiß,

riechen dabei die Fäulnis nicht mehr und verausgaben

sich vorbildlich und bis an die Grenze im immerwährenden

Wahlkampf. Und ich frage mich: Wie lange noch die immer

gleiche Prozedur? –

Aber lassen wir das. Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne,

fallen von Autobahnbrücken und in Familiendramen, bei

Amokläufen und in Selbstmordritualen. Das Nervenkostüm

der Menschen wird zunehmend dünner, die sogenannte Vereinbarkeit

von Beruf, Familie und Privatleben wird immer

mehr Menschen zum Verhängnis. Und die, die alles dirigieren

möchten, haben immer weniger im Griff „auf dem sinkenden

Schiff“. Dafür lesen sie uns Abend für Abend das

Märchen vom immerwährenden Wachstum vor. -

Aber auch das ist heute nicht mein Thema. Sonst macht man

mir den Vorwurf: Immer dieselbe Prozedur - ein Vorwurf, der

auch diesem Vorwurf gilt.

Mein Thema heute – ist schnell abgehandelt. Er braucht weder

den zeitlichen noch den finanziellen Aufwand, den der

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Dialogprozeß diözesanseitig verschlingt. Es geht mir um das

„Jahr des Glaubens“. Dieses Jahr wurde vom Papst ausgerufen

und es ist schon erstaunlich, wie wenig Aufhebens darum gemacht

wird, im Vergleich zu Struktur- und Hierarchiedebatten.

Offensichtlich braucht man alle Energien für den Flächenbrand,

und hat für die Beschäftigung mit dem Brandherd

keine Kräfte mehr frei. - Ein Jahr des Glaubens ist angesagt

aus der klaren Erkenntnis, wo es krankt in unserer Kirche.

Vergleichen Sie nur einmal die Reaktionsweisen, wenn religiöse

Werte, Grundwahrheiten oder Autoritäten angegriffen

werden. Da reagieren z. B. Muslime, nicht die Bombenwerfer

sondern die ganz normalen, friedlichen Mitbürger unter uns

und anderswo, sehr viel betroffener und einmütiger als die

Vertreter einer spätchristentümlichen Tradition, die christliche

Freiheit mit Beliebigkeit, Demokratie mit einem Selbstbedienungsladen

und Toleranz mit Desinteresse verwechselt.

Und für die Gott zu einer Art-Deco-Figur geworden ist, die

man tunlichst zwischen dem Familienporzellan in der Vitrine

beläßt. Man besitzt so etwas, natürlich, aber man spricht nicht

darüber. - Das Jahr das Glaubens aber will zu der Haltung

animieren: Glaube und rede darüber. Glaube mit anderen zusammen.

Feiere den Glauben im Ritual. Bestärke dich und andere

im Glauben, in dem ihr Euch regelmäßig trefft, um Euch im

Glauben zu vergewissern. - Das braucht in der Tat nicht viel

organisatorischen Aufwand, weil, zum Glück, die Struktur

dafür noch vorhanden ist. Es gibt noch Kirchen genug, es gibt

Bibeln in jeder Größe und Preislage, es gibt noch den Religionsunterricht

als offizielles Lehrfach, es ist zumindest noch

erlaubt, nach verallgemeinerndem Rezept an kirchenkritischem

Sößchen Werte anzusprechen. Aber die Begriffe: Einheit

– Heiligkeit – Globalität – und Mission stehen längst auf

dem Index der politischen Korrektheit. Dies beeinträchtigt

das Wirken der Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen

Kirche massiv. Und ich warte bisher vergeblich darauf,

daß Christen, öffentlich oder privat, diese Grundbedingungen

unserer Kirche für sich in Anspruch nehmen. Statt dessen

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werfen sich die Verfechter der Anpassung an die Welt stolz in

die Brust. Und ich möchte sie fragen: Anpassung an welche

Welt? An die Welt der Muslime sicher nicht. Denn für die

gibt es noch die Welt des Glaubens, der Gläubigkeit und der

Glaubenspraxis. Und aus meiner Sicht gibt es daran auch

nichts zu mäkeln. Denn eine Gesellschaft, die sich brüstet,

Glaube und Religion überwunden zu haben, befindet sich m.

E. nicht auf dem Weg der Weiterentwicklung sondern in die

Degeneration. Eine Folge davon ist für die Bürger der Verlust

vieler Rechte und Gestaltungsmöglichkeiten, weil es sehr viel

mehr Regulierungen braucht, eine solche Gesellschaft funktionsfähig

zu halten.

Ein Jahr des Glaubens, das könnte ganz konkret heißen:

1. Reserviere dir jeden Tag 10 Minuten Zeit für ein Stück aus

der Hl. Schrift.

2. Gewöhne dir an, regelmäßig zu beten. Stoßgebete kommen

mit zwei, drei Sätzen aus, im Sitzen, im Stehen, im Liegen.

3. Rufe zuerst Gott an, wenn etwas in dir Angst auslöst: Trauer,

Betroffenheit, Freude, Unternehmungsgeist.

4. Hab den Mut, mit anderen über deinen Glauben zu sprechen.

5. Geize nicht mit Ratschlägen aus deiner Glaubenspraxis, wie

du ja auch Tips zur Gesundheit, zum Kochen, zur Gartenarbeit

oder zu Urlaubszielen weitergibst.

6. Vergiß nicht, den Glauben an deine Kinder weiterzugeben,

aber vergiß auch nicht, deinen eigenen Glauben in Bewegung zu

halten, wenn die Kinder aus „dem Gröbsten“ draußen sind.

7. Und vergiß nicht – die Sprache des Glaubens ist wie die Sprache

der Liebe, sie bedient sich der leisen Stimme.

Liebe Schwestern und Brüder!

Laßt uns im Jahr des Glaubens miteinander Kirche sein, miteinander

wieder bewußter Kirche werden. Schauen Sie sich

um in unserer Kirche. Es ist doch bewundernswert, wie Sie

dieser Kirche die Treue gehalten haben trotz der Risse im

Mauerwerk, trotz der vergrauten Wände, der verblaßten Farben,

trotz der miserablen Beleuchtung. Sie blicken tiefer ins

Gefüge des Glaubens, Sie wissen, daß das Mauerwerk eine

Zeiterscheinung ist. –

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Schon im Januar werden wir diese Kirche verlassen. Dann

wird endlich der Teil der Renovierung beginnen, auf den Sie

am meisten gewartet haben. Aber es ist wie mit dem Glauben.

Es kommt, gerade heute, auf die Optik an. Viel wichtiger aber

ist die Substanz. Sie muß gesund sein, das Mauerwerk, das

Gebälk, die tragenden Systeme. Hier zu schlampern ist gefährlich.

Auch der Glaube muß immer wieder von Grund auf

saniert werden. Flickschusterei ist ebenso falsch wie Sparen

am Wesentlichen. –

Wenn Sie nach der Renovierung die Kirche wieder betreten,

werden Sie staunen. Sie werden überrascht sein, wie sich Kirche

erneuern kann, ohne daß sie ihr Wesentliches aufgibt.

Aber eines dürfen Sie nicht vergessen, diese Kirche ist und

bleibt der Bau aus Steinen. Sie hat zwei Aufgaben: Ort Gottes

zu sein, den man aufsuchen kann allein oder mit anderen,

und Herberge, und Signal, sichtbares Zeichen des Tempels

aus lebendigen Steinen, der Ekklesia, der Heiligen Versammlung

des Volkes Gottes von Weingarten. Diese Versammlung

war Herzensanliegen des Konzils. Sie von innen heraus zu erneuern,

war seine eigentliche Aufgabe. Mit Strukturdebatten

ist es nicht getan. Es kommt auf die innere Erneuerung an!

Mit den Worten des Apostels Paulus:

So ermahne ich euch, Schwestern und Brüder, bei dem Erbarmen

Gottes, bringt Euren Leib als lebendige, heilige, Gott wohlgefällige

Opfergabe dar, als euren geistigen Gottesdienst. Gleicht

euch dieser Welt nicht an, vielmehr wandelt euch durch die Erneuerung

des Geistes, um durch Erfahrung zu lernen, was der

Wille Gottes ist.“

Amen!

Jürgen Olf, 2012

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