Dienstag, 1. November 2011 - St. Michael Weingarten

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Dienstag, 1. November 2011 - St. Michael Weingarten

PD - Allerheiligen 2011- Gräberbesuch an Allerseelen

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Lichter, Blumen, Steine – das sind die Dinge, die mir auf einem

Friedhof zuerst ins Auge fallen. Lichter, Blumen und

Steine. Die Lichter zuerst. Brennende Lichter, mitten am Tag.

Und dort, wo eines brennt, mitten am Tag, oft auch frische

Erde. Oft darüber auch, noch ganz einfach aus Holz, ein

Kreuz. Ich lese den Namen, das Datum und weiß, daß an diesem

Tag in einem ganz bestimmten Leben die Uhr stehen geblieben

ist. Eine ganz bestimmte Lebensuhr, und oft auch andere

Uhren dazu. Obwohl wir alle um den Tod wissen, obwohl

er für Schreckensnachrichten sorgt, Tag für Tag, können

wir uns dennoch daran nicht gewöhnen – schlägt er noch immer

mit voller Wucht auf den Gong der Gefühle, wenn er

Hand anlegt direkt neben uns. O Tod, warum gibt es dich?

Wir brauchen dich nicht. Wir haben dich nicht gerufen. –

Wirklich nicht? Wie war das, als Eva nach der Frucht gegriffen

hat, Adam zum ersten Mitesser wurde, und Kain den

Abel erschlug. Wie war das mit dem Mißtrauen, mit der Neugier,

mit der Eifersucht der ersten Menschheitsstunden?

Wie war das, später, unter den Menschen, bevor die Arche

Wasser unter den Kiel bekam? Wie war das danach, obwohl

nach der Flut alles anders werden sollte, zumindest für die

erste und zweite Generation. Wie ist das bis heute geblieben,

Krieg für Krieg, Raubzug für Raubzug, Familiendrama für Familiendrama,

und die ganz persönlichen Durchdreher ob auf

dem Bahnsteig der U-Bahn oder beim Amoklauf. Wie ist das

mit den 1,6 Millionen abgetriebenen Kindern pro Jahr im

Wirtschaftsbereich der EU? Wie ist das mit Lüge und Betrug

schon in der Alltagssprache, in der Wirtschaft, im Bankbetrieb,

in der Politik? Hat wirklich keiner von uns Menschen

den Tod je gerufen? – Lassen wir das.

Heute ist Allerseelentag. Und Sie sind hergekommen, um Ihrer

Toten zu gedenken. Und keiner von Ihnen, der nicht stehen

bleibt, auch vor einem fremden Grab. Sie tun als Christen,

was Menschen aller Kulturen schon immer getan haben,

sie praktizieren Ihre Ehrfurcht vor den Toten. Und das ist gut.

Das, auch das nimmt dem Tod seine Endgültigkeit. Das alles

Jürgen Olf Seite 1 01.11.2011


PD - Allerheiligen 2011- Gräberbesuch an Allerseelen

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erwächst aus einer uralten Ahnung, daß der Tod das Ende

nicht sein kann – weil die Liebe so etwas nicht verträgt –

und weil wir glauben, daß Gott selbst die Liebe ist, daß Gott

die Liebe selber ist. Tod, auch der Tod hat noch mit Leben zu

tun. Darum legen Sie Blumen auf die Gräber, stellen sie sogar

in frischem Wasser aufs Grab. Lassen Leben leuchten und

Farben malen. Und Kinder setzen ihre Theddys dazu.

In all diesen Ritualen findet eine ideelle Umarmung statt,

umschließen Sie ihre Toten in Gedanken, Worten und im

Schweigen. Und lassen die Steine reden. Worte, Zahlen,

in Stein gehauene Bedeutsamkeiten geraten in ihren Blick,

was Sie die ganze Zeit schon wissen, lesen Sie dennoch immer

wieder, so wie man es tut mit einer Botschaft, die man

immer noch nicht begreifen kann.

Liebe Schwestern und Brüder, es lag, immer schon ein Segen

im Erinnern. Es stimmt, daß Erinnerung mit dem Geheimnis

der Erlösung zu tun hat. Und darum ist Trauer auch eine

Kraft, die hellwach macht, und die den nicht mutlos zurückläßt,

der die christlichen Tugenden noch kennt und übt –

den Glauben, die Hoffnung, die Liebe; der noch in der Lage

ist, standhaft zu bleiben wie ein Stein, blühend und der Sonne

zugewandt wie die Hoffnung, brennend wie die Liebe.

Und darum möchte ich auch unseren Verstorbenen, hier oben

und anderswo danken für ihren Dienst an uns. Denn, indem

sie uns hierher locken, halten sie unsere Sehnsucht wach,

bringen uns vom Denken zum Bedenken und vom Bedenken

zum Bedanken, und stärken uns im Glauben, in der Hoffnung

und in der Liebe. So erblüht mitten aus dem Tod Leben,

mit allem, was dazu gehört.

Und darum praktizieren Sie das auch weiterhin. Stellen Sie

Blumen auf das Grab, zünden Sie Lichter an gegen das Vergessen,

und halten Sie die Erinnerung am Leben, die aus den

Steinen zu ihnen spricht. Und weil Dankbarkeit der Ausgangspunkt

alles Guten im menschlichen Herzen ist, verlassen

Sie das Grab nie ohne ein Gebet.

Jürgen Olf, 2011

Jürgen Olf Seite 2 01.11.2011

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