Sonntag, 26. Juni 2011 - St. Michael Weingarten

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Sonntag, 26. Juni 2011 - St. Michael Weingarten

13. Sonntag i.Jk. - 26.06.2011

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2 Kön 4,8---16; / Röm 6, 3-4.8-11; / Mt 10, 37-42;

Was macht das Christsein aus?

Wenn man heute in die Kirchenszene schaut, könnte man

meinen, daß es die Sitzungen sind, an denen man teilnimmt,

Diskussionen, die man führt, und Klagen über Zustände, die

man beklagt. Vermutlich war das zur Zeit des Propheten Elischa

nicht anders, nur nicht in der heutigen Perfektion.

Denn dort, wo es sich machen ließ, hatte der Mensch schon

immer den Hang, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Gott

aber, immer schon der erste Kritiker des Menschen, hat immer

wieder gerade dagegen seine Zeichen gesetzt. Darum hat

er nie eine Karriere befördert, sondern, wenn es schon eine

Beförderung sein mußte, dann immer direkt das Leben. So

wie in unserer Geschichte. Diese Frau, die dem Elischa in ihrem

Haus ein Quartier hat einrichten lassen, hat eine Beförderung

verdient. Also schenkt Gott ihr ein Kind. Die Zusage

hierfür muß sehr schnell gegangen sein, buchstäblich zwischen

Tür und Angel. Elischa hat dazu weder einen Beratungsraum

gebraucht, noch mindestens drei Termine, noch

eine Urkunde an der Wand, daß sein Unternehmen auch zertifiziert

ist. Nein, er bittet die Frau zu sich, sie bleibt zwischen

Tür und Angel stehen, und er sagt ihr, daß sie ein Kind

bekommen wird. – Nichts, das vom Hocker reißt, selbst bei

uns nicht, wo Kinder vor lauter Frauenpower Mangelware geworden

sind. Trotzdem greift Gott immer wieder in diese

Wunderkiste, verspricht immer wieder Frauen, die entweder

schon alt oder unfruchtbare sind, oder noch gar keinen Mann

haben, ein Kind. Und die Frauen freuen sich, obwohl sie sich

eigentlich nur noch über das Kind definieren werden, ihr Leben

also ganz im Schatten eines berühmten Kindes stehen

wird. – Warum tut Gott das? Ist er ein Macho? War Christus

einer? Ich glaube es nicht. Aber Gott nimmt uns Menschen

förmlich beim Genick und tunkt uns mit der Nase mitten ins

Leben hinein, führt uns aus dem Kreis, den wir um unser

Selbst geschlagen haben, heraus; schickt uns ins Kinderzimmer;

setzt uns an den Mittagstisch im Kreis der Familie; oder

Jürgen Olf Seite 1 26.06.2011


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er zwingt uns zum Nachdenkens, setzt uns aus in einem Park

oder gar in eine Kirche; erlaubt uns womöglich den Stammtisch;

kurz und gut, er verplant auf diese Weise alle unsere

Termine, mit denen wir eigentlich unsere Leistung beweisen

sollten, bei der Arbeit, im Sport, in Schönheitswettbewerben,

kurz, die uns dazu verhelfen sollten, daß das Geld im Umlauf

bleibt. Und zum Schluß hebt er uns die Augen schließlich sogar

noch hinauf zum Horizont des ewigen Lebens. All das

versteckt sich hinter der Verheißung von ganz alltäglichem

Kindergeschrei. All das, versteckt sich auch hinter der Tragik,

die in unser Leben einbricht, wenn irgendwo der Tod unerwartet

an die Tür klopft. Dann bleibt die Zeit plötzlich stehen.

Dann kommt die Erinnerung zurück an Sehnsüchte, die

es tief in uns immer noch gibt. Und plötzlich gilt wieder:

die einfache Geste: ein Glas Wasser, dem gereicht, der es

braucht; einen aufnehmen um seiner selbst willen und nicht,

weil Verwandtschaft, Freundschaft oder andere Formen der

Rücksichtnahme bzw. der Vorteilsnahme eine Rolle spielen;

sein eigenes Leben anzunehmen, so wie es ist, statt sich ewig

übervorteilt zu fühlen und Ungerechtigkeit zu wittern; kurz,

den Augenblick zu leben, so wie Kinder das tun. Denn um

die Regeln, die das Leben selbst aufstellt, geht es Gott, darum,

uns immer wieder zu zeigen, wie das Leben geht. Auf

diese Weise will er neue Menschen aus uns machen, will, wie

Paulus es ausdrückt, den alten Mensch in uns kreuzigen, damit

der neue Mensch zu den wahren Wichtigkeiten des Lebens

zurückfindet, zu den Farben des Lebens, zur Sprache

der Liebe, zu den Verlockungen der Ewigkeit. Das ist ein

mühseliger Weg, weil der moderne Mensch immer mehr Sondermüll

hinter sich lassen muß, will er zum wahren Leben

vorstoßen. Vor allem aber braucht es dazu eine Schlüsselerfahrung,

nämlich die, daß von der Jagd nach Zeitersparnis ablassen

muß, wer tatsächlich Zeit gewinnen möchte.

Jürgen Olf, 2011

Jürgen Olf Seite 2 26.06.2011

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