Sonntag, 2. Januar 2011 - St. Michael Weingarten

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Sonntag, 2. Januar 2011 - St. Michael Weingarten

PD - 2. Sonntag n. Weihnachten - 02.01.2011

1

Eph 1, 3-6.15-18; // Joh 1, 1-5.9-14;

Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn

erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht,

zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid.

welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes

den Heiligen schenkt. (Eph 1, 17---18)

Zwei wunderbare Sätze! Und trotzdem kann ich mir sofort

vorstellen, wie jetzt in einigen Protest hochkommt, ob traurig,

ob bitter oder resigniert: Der hat gut reden. Wenn der wüßte,

was mir durch den Kopf geht! Mit welchen Dingen ich mich

herumschlagen muß, Dinge, die es nicht wert sind, sich darüber

zu ärgern, und die einem doch ständig in den Weg geschmissen

werden, oder aber ganz große, kaum zu lösende

Probleme, oder gar ein Schicksalsschlag, etwas, das einem am

hellen Tag überfällt, und plötzlich ist nichts mehr so, wie es

vorher war. Wenn dann jemand kommt, und solch hohe Worte

macht, das ist schon hart.

Ich frage Sie: Und wenn er es tut, gerade aus einem solchen

Grund? Wenn er Dir diesen Satz an den Kopf wirft, um Dich

aufzuwecken, um Dich zu erinnern, daß es noch ganz andere

Dinge gibt, nicht nur noch schlimmere Dinge, sondern wichtigere

Dinge, Dinge, die eine noch viel größere Reichweite

haben als alles, was Dir plötzlich unüberwindbar erscheint?

Wenn genau Deine Situation der Grund wäre, solche zwei

Sätze loszulassen?

Da bringt ein Kind ein Zeugnis heim, fast lauter Fünfer, und

versucht den hochkochenden Zorn des Vaters mit der Bemerkung

zu kühlen: Hauptsache wir leben noch und sind gesund.

– Wie sehr stimmt dieser Satz, wenn das Auto Schrott

ist und alle heil ausgestiegen sind. Doch, gilt das auch, wenn

genau dies nicht mehr der Fall ist, daß alle heil sind? Oder

wenn Krieg ist zwischen den Fronten familiärer Meinungen

und Generationen? Oder wenn Funkstille ist im Beziehungsnetz

von Menschen, die keine Beziehungen mehr haben?


PD - 2. Sonntag n. Weihnachten - 02.01.2011

2

Oder wenn das Alter gnadenlos den Ehrenplatz einnimmt im

eigenen Leben. Wenn die Krankheit jede Energie, jeden

Kampfeswillen, einfach jede Perspektive bricht? Oder wenn

einfach alle Wünsche, alle Träume, die das Kind in mir bisher

am Leben gehalten hat, wie Seifenblasen, eine nach der andern

zerplatzt? Was dann? Wie weiterleben? –

Es geht, irgendwie, ja, viele haben das vorgemacht. Aber es

geht in der Regel, wenn man sehr genügsam wird, wenn man

versucht, keine Ansprüche mehr ans Leben zu haben. Es geht

mit dem buddhistischen Weg, seine Erwartungen so niedrig

zu halten, daß sie nicht mehr enttäuscht werden können. Paulus

geht im Epheserbrief den anderen Weg, Petrus geht ihn in

seinem zweiten Brief auch. Die beiden stellen uns eine Hoffnung

vor Augen, die sehr konkret ist; nicht die, die zuletzt

stirbt, sondern die, die alle Engen weitet! Eine Hoffnung, die

nicht mehr kleinzukriegen ist, die weit über das hinausschießt,

was so im Irdischen unsere kühnsten Träume sind.

Es ist die Hoffnung, die uns glasklar an die Tatsache erinnert,

daß es ein ewiges Leben gibt. Es ist diese Hoffnung, und diese

Hoffnung will alles, alles, nur keine Verströstung sein. Sie

will Dir, auch wenn die Thermik Deiner Gedanken, Deiner

Niedergeschlagenheit noch so miserabel ist, Luft unter den

Flügel setzen. Sie will Dich an Deine allerhöchste und allerletzte,

nein, allererste Bestimmung erinnern, an Deine Teilhabe

an Gottes Herrlichkeit. Liebe Schwestern und Brüder, diese

Hoffnung baut auf, sie läßt ein weiteres Heruntergezo-genwerden

nicht mehr zu, sie nimmt aller Niedergeschlagenheit

ihr Gewicht, sie bringt den wichtigsten Auftrieb in unser Leben.

Und das einzige, was wir leisten müssen, wenn es ganz

schwer wird, ist, uns daran zu erinnern. Und, auch, wenn Sie

nur an das eigene Zutun glauben, haben Sie keine Angst, sie

werden durch diese Hoffnung nicht verleitet, die Hände in

den Schoß zu legen. Im Gegenteil, sie werden das rudern

ganz neu lernen und auch die Kraft dazu bekommen.

Jürgen Olf, 2010

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