Predigt - St. Michael Weingarten

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Predigt - St. Michael Weingarten

PD - Karfreitag – 2012

1

. . . und am Karfreitag wartet der Tod.

Wartet seit Jahren.

Seit er den Gottmenschen traf, mitten ins Herz,

wartet er voll Zuversicht.

Und die Menschen sterben zuhauf.

Es wird sehr viel getan,

damit aus Störung Zerstörung wird.

Auch für die Schöpfung werden Parallelwelten erfunden.

Hat Gott schon das erste Wort gehabt,

soll ihm wenigstens das letzte genommen werden.

Doch irgend etwas stört die Störung.

Immer noch kann der Tod die Toten nicht halten.

Immer noch entgleiten sie ihm schlangengleich.

Es muß da noch einen Störenfried geben.

Wenn man nur wüßte, wer?

Wenn man nur wüßte. wo?

Wenn man nur wüßte, warum?

Wenn man nur wüßte . . .

Und immer noch zermartert sich einer das Hirn –

stolpert immer wieder über ein zermartertes Herz.

Sollte der Stein in der Brust doch nicht die Lösung sein?

Und wieder einmal ist Karfreitag.

Und immer noch wartet der Tod –

Karfreitag und anderntags –

und wartet vergebens –

immer noch . . .

Jürgen Olf, 2012

Jürgen Olf Seite 1 06.04.2012


PD - Karfreitag – 2012

2

Karfreitag. Wieder einmal. Die längst bekannte Geschichte.

Trotzdem lohnt der Blick zurück, immer wieder zurück auf

das, was die Welt angerichtet hat, und was Gott gerichtet hat.

Jesus ist tot. Sein Wort: „Es ist vollbracht“ war das Letzte. Zuvor

hängt er am Kreuz, oder, mit seinen eigenen Worten, ist er

„erhöht am Kreuz“. Von dort oben hat man wohl eine ganz

neue Perspektive. Die Menschen sind so klein, lächerlich

klein. Ihr Gespött ist so unwirklich angesichts der Ungeheuerlichkeit

von Verrat, Schauprozeß, Verleumdung und Hinrichtung.

Ihr Triumph, zu dem sie sich bemühen, hat so kläglich

kurze Beine. Die Macht der Welt zerbröselt an der kantigen

Wahrheit. Man erkennt von dort oben, wie die Dinge

wirklich sind, die Dinge und die Menschen.

- Pilatus ist schon zu Beginn des Kreuzweges mit seinem Latein

am Ende.

- Den Jüngern geht beängstigend schnell die Luft aus.

- Die Frauen werden zum starken Geschlecht.

- Die Soldaten vergessen in ihrer Beutegier jede Schamfrist.

- Das wirkliche Erbe aber verteilt immer noch der Verurteilte

selbst: „Siehe, Dein Sohn! Siehe, Deine Mutter!“

Immer wieder müssen die Gewaltsamen sich eingestehen:

Liebe ist, wenn es darauf ankommt, grenzenlos souverän.

Ich wiederhole: Der Blick, die Perspektive ist für den am

Kreuz eine Offenbarung; entlarvend, realistisch, und befreit

von jedem Zwang zur Rücksichtnahme.

Das mag zynisch klingen, weil sich natürlich keiner eine solche

Perspektive wünscht. Aber ein paar Korrekturen im Umgang

mit dem Kreuz sollten auch wir Christen zulassen

in unserem Weltbild, in unserem Leben. Zum Beispiel:

- Unter dem Kreuz bricht der, dem die Welt es zu Unrecht

auferlegt, zusammen, immer wieder.

Gelingt es ihm aber, das Kreuz trotzdem weiterzutragen,

kommt er oben an und wird am Kreuz erhöht.

Dann bricht die Ungerechtigkeit der Welt zusammen.

- Denn seit Christus gilt:

Wer das Kreuz trägt, den trägt das Kreuz.

Jürgen Olf Seite 2 06.04.2012


PD - Karfreitag – 2012

3

Denn das Kreuz ist die Kupferschlange des Neuen Bundes:

Es hält der Welt alle ihre Fehler vor. Alle! Die ganze Fülle von

Grausamkeiten, mit denen Menschen, mit denen Geschöpfe

Gottes erniedrigt werden, spiegeln sich im Kreuz. Das Kreuz

zwingt die Welt, im jähen Erkennen, sich selbst das Urteil zu

sprechen. Auf diese Weise wird der am Kreuz Besiegte am

Ende der Sieger sein. Ein Sieger, der keinen Triumph braucht

und schon gar keine Rache. Die Welt ist lediglich wieder in

Ordnung geraten.

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Kreuz ist die selbsterfüllende Gewaltlosigkeit.

Es ist die einzige Macht, die ohne einen Tropfen Blut,

allein über die Selbsterkenntnis zur Wahrheit führt.

Das Kreuz entspricht der Relativitätstheorie Einsteins –

und es repräsentiert gleichzeitig ihr Gegenteil –

den Absolutheitsanspruch Gottes.

Jürgen Olf, 2012

Jürgen Olf Seite 3 06.04.2012

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