Sonntag, 24. April 2011 - St. Michael Weingarten

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Sonntag, 24. April 2011 - St. Michael Weingarten

PD - Ostersonntag 2011

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Kol 3, 1-4; // Joh 20, 1-9;

Jesus und die Frau von Magdala, ein nahezu unerschöpfliches

Thema. Angefangen bei denen, die immer noch nach einem

süßen Geheimnis zwischen den beiden suchen, um Jesus

endgültig zu vermenschlichen, bis hin zu jenen Kirchenstrategen,

die immer noch einen geschichtlichen Nachweis brauchen

dafür, daß es mindestens eine echte Apostolin gegeben

hat. Dazwischen tausend Bilder von Malern und Geschichten

von Dichtern. Jesus und die Magdalena. Jesus und die Sünderin.

Jesus und die Gefährtin. Oder aber, ganz einfach die

überbordende Liebe einer Frau, deren Leben dieser Jesus aus

einem Abgrund in letzter Minute ausgefangen hat, jene Art

von Liebe also, die für den Liebesmarkt unserer Medien absolut

nichts hergibt. – Ein Pfarrer in unserem Dekanat hat mich

einmal ins Hinterzimmer seiner Homepage schauen lassen,

dort, wo man feststellen kann, wie viele Zugriffe pro Tag getätigt

werden, woher die Besucher kommen und welches Thema

sie angelockt hat. In dieser Zeit, ein paar Jahre zurück, kamen

die meisten Besucher seiner Seite über den Begriff der

Maria von Magdala. Irgend etwas fasziniert die Menschen an

dieser Frau, angefangen beim heutigen Evangelium, dann

quer durch die Kunstgeschichte und heute in Romanen und

im Internet.

Für mich ist das eine tröstliche Feststellung. Denn parallel zu

diesem Interesse verläuft eine zweite Spur, nämlich das Interesse

daran, die Auferstehung Jesu weg zu erklären, sie als Innenerfahrung

der Jünger Jesu zu deuten, als eine psy-chologische

Selbsterhaltungsmaßnahme, die keinen Realitätsbezug

hat. „Das Grab war selbstverständlich nicht leer“,

hat Drewermann zu seiner Zeit eindeutig verkündet, um

dann mehrdeutig von den verschiedensten Auferstehungsmythen

der Welt zu schwärmen. Andere Theologen unterstehen

sich sogar, aus den Auferstehungsberichten eine Frauenerfahrung

zu machen mit der Begründung, daß Frauen solche Erlebnisse

einfach auf ihre Weise verarbeiten und auf solche

Jürgen Olf Seite 1 25.04.2011


PD - Ostersonntag 2011

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Weise imstande waren, eine sehr lebendige Beziehung zu

dem natürlich toten Jesus aufzubauen. –

Nun, eine tatsächliche Realität damals war, daß die Männer

fast alle abgehauen sind während die Frauen durchgehalten

haben. Tatsache war, daß die Frauen nach den Feiertagen

noch einmal zu dem Toten gehen wollten, um ihn korrekt

einzubalsamieren und so zu bestatten, wie sich das für einen

anständigen Juden gehört. Das bedeutet, daß sie sehr realistisch

gedacht und hieraus ganz konkrete Handlungsschlüsse

gezogen haben, während indes die Männer irgendwo im Versteck

Angst hatten vor der Verhaftung und im übrigen wahrscheinlich

ihren Karriereträumen nachgetrauert haben, daß es

jetzt nichts mehr war mit dem Platz zur Rechten und zur Linken

des neuen Herrschers im neuen Gottesreich, von dem Jesus

immer sprach. Die Frauen also waren die, die klaren Kopf

behalten haben. Und ausgerechnet denen wollen Theologen

bis heute irgendwelche Phantasien unterstellen, nur weil sie

selber Schiß haben, der Welt zu verkünden, daß Jesus auferstanden

ist, ja, daß sein Grab leer gewesen ist am dritten Tag?

Liebe Schwestern und Brüder, es gibt Dinge, die sprengen

jede normale Vorstellungskraft. Dazu gehört die Auferstehung

Jesu. Und dazu gehört die Liebe von jener zeitlosen Art,

die diesen Namen auch verdient. Dieser Liebe ist ein Wissen

gegeben, ein Zugang zu Erkenntnissen der ganz besonderen

Art, wie es das sonst nirgends gibt. Diese Liebe ist fähig, Erfahrungen

zu machen, die absolut konkret sind, die absolute

Realität sind, obwohl die gängige Wissenschaft weiterhin behaupten

wird, daß es diese Erfahrungen eigentlich nicht geben

kann. Erfahrungen, die von derselben Art sind wie die

Heilungen, die passieren, einfach auf die Frage hin, ob einer

glaubt. Ärzte, beispielsweise in Lourdes, stellen diese Heilungen

fest, müssen sie bestätigen, auch wenn Wissenschaftler

nicht daran glauben. Aber Wissenschaftler sollen ja eigentlich

gar nicht glauben. Eigentlich. Ich kann mir aber gut vorstellen,

daß spätestens, wenn so eine klassische Magdalena

mit langem Haar und wilder Weiblichkeit einen dieser Her-

Jürgen Olf Seite 2 25.04.2011


PD - Ostersonntag 2011

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ren aufsuchen würde, der bereit sein könnte, sogar über die

Auferstehung Jesu mit sich reden zu lassen.

Liebe Schwestern und Brüder! Die größte Fußfalle für den

Menschen ist seine Vermessenheit, sein Wahn, wie Gott sein

zu wollen, oder, anders ausgedrückt, die Tragik, daß er, ob

seiner Gottebenbildlichkeit gar nicht anders kann. Männer

haben es da besonders schwer. Frauen gehen einen anderen

Weg. Sie bauen eine Beziehung auf zu Gott. Ihre Sprache lautet

nicht: Ich glaube, daß … sondern ich glaube Dir. Und diese

Art zu glauben ist der Schlüssel zur Wohnung Gottes. Und

hier liegt für mich auch der Grund, warum die, die nach den

Ereignissen auf Golgotha als erste zur Tagesordnung übergegangen

sind, auch als erste begriffen haben, daß seit dem Tod

und der Grablegung Jesu die alte Tagesordnung nicht mehr

gilt. Sie haben das Wesentliche gesehen und das richtige geglaubt.

Sie haben die Jünger verständigt und die Gefolgschaft

Jesu neu in Gang gebracht. Sie hatten für Schwärmerei keine

Zeit und für hochgestochene Erklärungen ebenfalls nicht.

Und sie haben sich von der Niedergeschlagenheit nicht fesseln

lassen. Ihre eigentliche Kunst und Leistung aber war: Sie

haben sich auf ihr Herz verlassen. Bei Maria von Magdala

wird es am Klarsten sichtbar. Das Herz der Magda-lenerin

war derart in Bewegung, daß es mit den ungeheuren Umwälzungen,

die der Tod Jesu mit sich gebracht hat, am besten

Schritt halten konnte. Sie, die immer schon mitgegangen ist,

hat sich mitreißen lassen. Das ist das Mitreißende an, ihr, daher

kommt die Wirkung, die sie auf so viele ausübt. Ich bin

sicher, mit Ihr wären auch viele von uns sofort ans Grab geeilt.

Wie gut, daß sie Jahr für Jahr, am Ende der Osterfeierlichkeiten

uns als die 1. Botin des Auferstandenen begegnet,

und in uns die Erinnerung lebendig erhält, mit der sich alles

verändert.

Jürgen Olf, 2011

Jürgen Olf Seite 3 25.04.2011

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