Wirtschaftswoche Ausgabe vom 28.07.2014 (Vorschau)

1230296.3mk4k

31

28.7.2014|Deutschland €5,00

3 1

4 1 98065 805008

Spionage und Sabotage

So wehren sich die Konzerne

Boomtown Frankfurt

Wie die EZB eine Stadt verändert

Krisenherde Ukraine, Nahost, Nordafrika

So trifftt es uns

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien €6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Einblick

Die Konflikte am Rande Europas lassen sich nicht

länger ignorieren. Sie bedrohen Frieden und Wohlstand

auch in unserem Land. Von Franz W. Rother

Das Ende der Idylle

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

In Berlin werden antisemitische Parolen

skandiert und Touristen aus Israel traktiert

– von Palästinensern, die in

Deutschland leben und zusammen mit

deutschen Linken und Rechtsextremen gegen

Israels Vorgehen im Gaza-Streifen demonstrieren.

Deutsche kämpfen im Irak in

der Terror-Gruppe Isis, unsere Truppen

stehen in Afghanistan und in der Türkei an

der Grenze zu Syrien. Und unter den 298

Menschen, die beim Abschuss von Flug

MH17 starben, waren auch Deutsche: Die

Kriege im Nahen Osten, in der Ukraine und

am Hindukusch haben längst auch unser

Land erreicht, ja ziehen durch unsere Gesellschaft

eine Trennlinie – hier die Putin-

Versteher, dort die Russland-Kritiker; hier

die Freunde Israels, dort die Freunde Palästinas,

hier die Friedensaktivisten, dort die

Hardliner und Realisten. Über 400 (!) bewaffnete

Konflikte gibt es derzeit in der

Welt – und Europa erscheint uns immer

noch wie eine Insel des Friedens, Deutschland

ein Idyll. Unwillkürlich kommt einem

die berühmte Sequenz aus Goethes Faust

in den Sinn, in der der Dichterfürst in „Vor

dem Tor“ den ignoranten Kleinbürger beschrieb:

„Nichts bessers weiß ich mir an

Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von

Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten,

weit, in der Türkei die Völker aufeinander

schlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein

Gläschen aus und sieht den Fluss hinab die

bunten Schiffe gleiten; dann kehrt man

abends froh nach Haus, und segnet Fried’

und Friedenszeiten.“

Die Deutschen haben danach lange gehandelt.

Wochenlang fokussierten wir uns

auf die Schlachten im Stadion, die Kriege

ließen wir allenfalls in der Halbzeitpause an

uns heran. Und jenseits der Fußballweltmeisterschaft

erhitzten sich die Diskussionen

an deutschen Stammtischen und in

TV-Talkrunden noch eher über die Autobahnmaut

und den NSA-Abhörskandal als

über das anhaltende Blutvergießen in Syrien,

im Irak und Libyen.

Die Kämpfe um Donezk und Damaskus,

die Angriffe auf Tel Aviv und Tal Afar, die

Schießereien in Ghardaia und Tripolis mögen

Tausende Kilometer weit entfernt sein.

Doch der Schlachtenlärm kommt immer

näher, die Auswirkungen der Konflikte bekommen

wir (in der harmlosesten Form)

schon zu spüren. Sei es, dass Flugverbindungen

gestrichen werden, sei es, dass in

unseren Städten Notunterkünfte hochgezogen

werden für Menschen aus Syrien und

Somalia, dem Irak und Algerien, die vor

Krieg und Zerstörung, vor Armut und Perspektivlosigkeit

unter Lebensgefahr ins reiche

und ruhige Europa geflüchtet sind.

Es zeigt sich immer deutlicher, schreibt

unser Auslandskorrespondent Florian Willershausen,

„dass man es sich nicht länger

als friedfertige Handelsmacht in einer multipolaren

Welt bequem machen kann, sondern

Verantwortung für die Krisenlösung

übernehmen muss“ (ab Seite 18). Das gilt

für den Nahen Osten ebenso wie für den

Konflikt zwischen Russland und der Ukraine.

Wegducken gilt nicht mehr, wegschauen

ist nicht mehr möglich.

DEUTSCHLAND IM DILEMMA

Wirtschaft und Politik in Deutschland stecken

allerdings in einem Dilemma. Einerseits

möchte man vermitteln, würde hier

und da auch einmal gerne Kante zeigen.

Andererseits fürchtet man Gegenschläge

Russlands, eine Drosselung der Gaslieferungen

oder eine Verstaatlichung von Werken

deutscher Investoren. Europäische

Werte, war der Eindruck, gelten nichts

mehr, wenn es ums Geldverdienen geht.

Die Sanktionen gegen Russland blieben bislang

auch zahnlos, weil eine gemeinsame

EU-Außenpolitik derzeit nicht zustande

kommt: Zunächst muss erst einmal geklärt

werden, wie viele Frauen der neuen EU-

Kommission angehören.

Helfen könnte vor dem Hintergrund ein

stärkeres Engagement der deutschen Wirtschaft,

eine Intensivierung etwa der Gespräche

mit den Oligarchen in Russland wie in

der Ukraine – und eine eindeutige Bestimmung

der eigenen Position. Immerhin will

der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft

nun harte Sanktionen gegen Russland unterstützen,

auch wenn es schmerzhaft werde.

Das ist ein gutes Signal. Es fragt sich nur,

wie lange der Mut den Zweifel schlägt. n

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 5

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Überblick

Menschen der Wirtschaft

8 Seitenblick Der langsame Tod der Zigarette

10 EU: Juncker will Finanzmarkt-Kommissar

11 MH17: Eigner aus Amsterdam | Fracking:

Bundesregierung warnt die Niederlande

12 Interview: Merck-Chef Karl-Ludwig Kley

baut das Geschäft in China aus

13 Cityjet: Neue Flotte für Wöhrl | Custodia

Holding: Milliardär August von Finck verschreckt

Anleger | Pharmabranche: Flaute in

Schwellenländern

14 Chefsessel | Start-up Payfriendz

16 Chefbüro Martin Gauss, Vorstandsvorsitzender

von Air Baltic

Titel So trifft es uns

Die Deutschen und ihre europäischen

Nachbarn leben in Frieden

und Wohlstand. Doch im Osten

und Süden der Idylle herrscht Krieg

und verschärfen sich die Krisen.

Kann das auf Dauer gut gehen?

Seite 18

Politik&Weltwirtschaft

18 Krisenherde Bedrohen die Kriege und Konflikte

im Osten und Süden Europas unseren

Wohlstand? | Europa braucht einen Neustart

in der Außenpolitik

26 Unternehmen Die Embargopolitik gegen

Russland trifft deutsche Unternehmen

29 Frank-Walter Steinmeier Der Bundesaußenminister

sucht seine Rolle

31 Geld Wie Anleger in der Krise auf Sicherheit

gehen können

33 Global Briefing | Berlin intern

Der Volkswirt

34 Kommentar | New Economics

35 Deutschland-Konjunktur

36 Weltwirtschaft Warum Argentiniens

Abstieg nicht zu stoppen ist

38 Denkfabrik ZEW-Ökonom Friedrich

Heinemann über die Rolle von Moral und

Fairness im menschlichen Handeln

Unternehmen&Märkte

40 Cyberabwehr Sicherheitschefs deutscher

Unternehmen kämpfen gegen Spionageund

Sabotageattacken aus dem Internet

46 Aldi Das Management-Vermächtnis des

verstorbenen Discountkönigs Karl Albrecht:

Wie hält man einen Handelskonzern über

Jahrzehnte auf Erfolgskurs?

50 Interview: Walter Schwerdtfeger

Der oberste Arzneiprüfer fordert schärfere

Kontrollen bei Medizinprodukten

52 Bilfinger Roland Koch steckt in seiner

ersten schweren Krise als Vorstandschef

54 Serie Gründer (III) So erobern deutsche

Start-ups das Silicon Valley

Technik&Wissen

58 Verkehr Viele Autohersteller suchen noch

den Motor der Zukunft. Südkoreas Hyundai-

Konzern glaubt, ihn schon zu haben

62 Umwelt Der grüne Pionier Thierry Jacquet

reinigt Industrieabwässer mit Pflanzenkraft

64 Smartphones Neue Handys erlauben jetzt

Fotos mit Tiefenschärfeeffekt

67 Valley Talk

Wall Street am Main

Die Europäische Zentralbank poliert die Finanzmetropole:

Wie ticken Frankfurts Bewohner – zwischen Geldelite,

Internationalität und Apfelweintradition? Seite 74

Wilder Westen

US-Internet-Riesen wie

Facebook und Google haben im

Silicon Valley ihre Keimzelle:

Jetzt erobern deutsche Gründer

wie Tobias Bauckhage, Chef der

Filmempfehlungsseite Moviepilot,

mit hoch spezialisierten

Diensten und Software für

Unternehmen das Tal.

Seite 54

TITELBILD: DMITRI BROIDO

6 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Nr. 31, 28.7.2014

FOTOS: ALIMDI.NET/WESTEND61/MOXTER, GABOR EKECS FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, BERNHARD HASELBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Hab Acht!

Mit neuen Methoden schützen IT-Sicherheitsexperten

wie Sabine Wiedemann

vom Automobilkonzern Daimler ihre

Unternehmen vor Spionageattacken aus

dem Internet. Seite 40

Vom Pony zum Haifisch

Lange stand Südkoreas Autobauer Hyundai nur für Discountpreise

und lange Garantiefristen. Jetzt sollen High-Tech-Antriebe und eine

Designoffensive den Weg in die Oberklasse ebnen. Seite 58

Im Abseits

Ein Besuch im lieblichen

Taubertal mit seinen mehr als

20 Weltmarktführern. Hier

fehlt es an nichts. Außer an

Mitarbeitern. Seite 90

Management&Erfolg

68 Serie: Das Geheimnis meines Erfolgs (VI)

GFT-Gründer Ulrich Dietz formte aus einer

Drei-Mann-Softwarebude ein globales

IT-Unternehmen. Wie gelang ihm dies?

72 Interview: Hans-Joachim Reck Der

Personalmanager und Verbandschef erklärt,

warum Frauen so oft in Top-Jobs scheitern

Geld&Börse

74 Frankfurt Die Europäische Zentralbank

macht die Finanzmetropole internationaler,

bunter und reicher. Doch der Boom droht

Stadt und Bewohner zu überfordern

80 Aktien Roboter sparen Produktionskosten,

die Automatisierung aber steht in vielen

Branchen noch am Anfang. Das eröffnet

Anlegern Chancen

82 Steuern und Recht Prokon-Pleite |

Umsatzsteuer auf Mieten | Spanische Immobilien

| Gasrechnung | Werbungskosten |

Verlust des Fluggepäcks

84 Geldwoche Kommentar: Devisenmanipulation

| Trend der Woche: Kupfer | Dax-

Aktien: Deutsche Bank | Hitliste: Trendbranchen

| Aktien: IBM, Telenor | Anleihe:

Daimler | Zertifikat: Gold und Silber | Investmentfonds:

Banque de Luxembourg Emerging

Markets | Nachgefragt:Forest-Finance-

Chef Harry Assenmacher über Betrug am

grauen Kapitalmarkt | Relative Stärke: Manz

Perspektiven&Debatte

90 Standort Im Taubertal haben viele

Weltmarktführer ihre Heimat. Doch dahin

ziehen mögen nur wenige. Ein Besuch

94 Kost-Bar

Rubriken

5 Einblick, 96 Leserforum,

97 Firmenindex | Impressum, 98 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche unter anderem mit

einem Video darüber, was deutsche

Gründer in Sachen Marketing

von den Amerikanern

lernen können, sowie

einem 360-Grad-Blick ins

Chefbüro.

wiwo.de/apps

n Digitales Mobile Eintrittskarten,

bargeldlose Zahlung: Wo Nahfeldkommunikation

bereits eingesetzt –

und warum der Handel noch

Nachholbedarf hat. wiwo.de/nfc

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 7

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Seitenblick

Der Aufstieg und

TABAKINDUSTRIE | Ein Gericht verdonnert RJ Reynolds zu 23 Milliarden Dollar Schadensersatz

Die Geschichte des Glimmstängels in Deutschland und den USA

5000

Anzahl der jährlich pro Kopf in den USA konsumierten Zigaretten

1941

Die Tabakkonzerne beliefern

US-Soldaten mit kostenlosen

Zigaretten

4500

4000

3500

3000

2500

2000

1500

1000

500

0

1900

In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts

ist Dresden das Zentrum der deutschen

Tabakindustrie. 1925 gibt es hier

141 Zigarettenfabriken. Rund 60 Prozent

der deutschen Zigaretten kommen aus der

Stadt, und Deutschland ist der größte

Tabakimporteur der Welt

Anzahl der jährlich pro Kopf in Deutschland konsumierten Zigaretten

(bis 1955 nicht erfasst)

1914

In Dresden findet der erste

Internationale Tabakgegner-Kongress

statt. Unter den Medizinern herrscht

Streit, viele verordnen Tabak

damals noch als Arznei

1938

Der US-Forscher Raymond Pearl

von der Johns-Hopkins-Universität

deckt in Amerika auf, dass Raucher

kürzer leben

1929

Der sächsische Arzt Fritz Lickint veröffentlicht

als erster Mediziner weltweit einen Aufsatz,

in dem er einen Zusammenhang zwischen

Zigarettenkonsum und Krebs dokumentiert

1950er

Erste Klagen von

Lungenkrebspatienten –

alle zugunsten

der Tabakindustrie

1900

1905 1910 1915 1920 1925 1930 1935 1940 1945 1950

Weltmarktführer ohne Weltmarkt

Marktanteile der Zigarettenriesen (in Prozent)

Imperial Tobacco

(Davidoff, Gauloises,

West, Cabinet)

RJ Reynolds

(Pall Mall, Camel,

Natural American

Spirit, Kool)

Japan Tobacco

(Winston,

Mild Seven)

5,1

8,0

Rest

4,0

11,0

13,8

41,0

China Tobacco

(nur China;

Hongtashan)

Globaler Konsum steigt

Anzahl der weltweit konsumierten Zigaretten in den Jahren von

1880 bis 2009 (in Milliarden)

6000

5000

4000

3000

2000

British American

Tobacco

(HB, Lucky Strike, Dunhill,

Kent, Gold Flake)

17,1

Altria/Philip Morris International

(Marlboro, f6, L&M, Philip Morris)

1000

0

1880 1900 1920 1940 1960 1980 2000

Quelle: eigene Recherche; American Cancer Society; Statistisches Bundesamt; Wells Fargo; DZV; DKFZ

8 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Fall der Zigarette

an eine Raucherwitwe. Nur die Chinesen scheint die Angst vor Lungenkrebs nicht zu schrecken.

1952

Die US-Zeitschrift „Reader’s Digest“ veröffentlicht

einen Artikel, in dem die Gefahren des Rauchens

dargestellt werden. Im Jahr darauf bricht erstmals

der Zigarettenabsatz in den USA ein

1954

Die US-Tabakkonzerne gründen das

Tabakinstitut, dessen Aufgabe es ist,

Studien zu widerlegen, die Rauchen

als gesundheitsschädlich entlarven.

In Deutschland wird das HB-Männchen

erfunden

1971

Die USA verbieten

TV- und Radiowerbung

für Zigaretten

1974

Deutschland verbietet

TV- und Radiowerbung

für Zigaretten

1997

Die USA verbieten die Nutzung

von Figuren wie dem Marlboro-Man

sowie Plakatwerbung generell

1994

Sieben Vorstandschefs der

US-Tabakindustrie schwören

vor dem Kongress, dass Nikotin

nicht süchtig macht.

Whistleblower Jeffrey Wigand

überführte sie später der Lüge

1998

46 US-Staaten klagen erfolgreich gegen

die US-Tabakindustrie. Die muss binnen

25 Jahren 206 Milliarden Dollar

Schadensersatz zahlen

2007

In Deutschland wird Zigarettenwerbung

im Internet, in Zeitschriften und bei

internationalen Sportveranstaltungen

verboten

1966

Alle Zigarettenpackungen in den USA

müssen mit einer Warnung des

Gesundheitsministers versehen werden

1992

1992

Marlboro-Man

Wayne McLaren

stirbt mit 51

an Lungenkrebs

1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000

Weniger Kippe fürs Geld

So viel Zigarette gibt es für 5 Cent (in Prozent)

100

80

60

40

20

0

Der Staat verdient

Wie sich der Preis einer Packung

Zigaretten zusammensetzt

Schachtelpreis: 5 Euro

16,0

Tabaksteuer

57,6

%

2004

Philip Morris muss wegen

Zigarettenschmuggels in

Europa eine Milliarde Euro

Strafe zahlen

Dampf statt Rauch

2005 2010

US-Absatz von Zigarettenschachteln und

E-Zigaretten-Füllungen im Vergleich

Anteil des

0

Mehrwertsteuer Unternehmens

1970 1980 1990 2000 2010 2013

2011 2013 2015 2017 2019 2021 2023

26,4

16

12

8

4

herkömmliche Zigaretten

in Milliarden Stück

E-Zigaretten

in Milliarden Stück

FOTOS: INTERFOTO, AKG IMAGES, RAINER JAHNS, GETTY IMAGES (2), FOTOLIA (4), MAURITIUS IMAGES; ILLUSTRATION: DMITRI BROIDO

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 9

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft

Qual der Wahl

Kommissionspräsident

Juncker

EU-KOMMISSION

Finanzkommissar gesucht

Der künftige EU-Kommissionspräsident

Jean-Claude Juncker verteilt die Aufgaben

unter den Kommissaren neu und will

einen Finanzmarkt-Spezialisten berufen.

Bis Mittwoch sollen die EU-Mitgliedstaaten ihre

Kandidaten für die kommende EU-Kommission

benennen. Anschließend kann der künftige EU-

Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker die

Ressorts endgültig verteilen. Schon jetzt zeichnet

sich dabei ein weiterer Neuzuschnitt der Kommission

ab: „Jean-Claude Juncker will ein eigenes

Ressort für Finanzmärkte schaffen“, heißt es in EU-

Kreisen. Juncker hatte bereits angekündigt,

außerdem jeweils einen Kommissar für Grundrechte

und Migration einzuführen.

Ein eigenes Ressort für Finanzmärkte stößt in

Berlin auf große Zustimmung. „Die Bundesregierung

steht dem Vorhaben sehr aufgeschlossen gegenüber“,

heißt es in Brüssel. Auch aus dem Europäischen

Parlament kommt positive Resonanz.

„Ich würde das Vorhaben sehr begrüßen“, sagt

Burkhard Balz, wirtschaftspolitischer Sprecher der

christdemokratischen EVP-Fraktion. Bisher war der

Franzose Michel Barnier als Binnenmarktkommissar

auch für die Finanzmärkte und deren umfangreiche

Reformen zuständig. Mit der Bankenunion

und einem eigenen Abwicklungsmechanismus für

marode Institute wächst allerdings der Bedarf nach

einem Experten, der sich ganz und gar auf Finanzmärkte

spezialisiert.

Ein Favorit für den Posten zeichnet sich noch

nicht ab, doch unter den bislang nominierten Kandidaten

befinden sich einige Wirtschaftsfachleute,

unter denen Juncker auswählen könnte. So war der

von Estland nominierte frühere Ministerpräsident

Andrus Ansip Vorstand der Rahvapank, bevor er in

die Politik ging. Der lettische Ex-Premier Valdis

Dombrovskis war als Ökonom bei der lettischen

Zentralbank tätig. Portugal erwägt seinen ehemaligen

Finanzminister Vitor Gaspar nach Brüssel zu

schicken, einen Wirtschaftsprofessor.

Abschließend wird Juncker die Ressortverteilung

erst Anfang September bekannt geben. Am 30. August

wollen die Staats- und Regierungschefs im

zweiten Anlauf eine hohe Außenvertreterin auswählen,

die Teil der EU-Kommission sein wird.

Unter den Mitgliedstaaten ist unterdessen ein

Gerangel um die Nachfolge von Günther Oettinger

als Energiekommissar ausgebrochen, nachdem

Merkel den Schwaben als neuen Handelskommissar

installieren möchte. Neben Frankreich ist auch

Polen an dem Posten für Energie interessiert.

„Frankreich erhofft sich davon Vorteile für den

staatlichen Energiegiganten EDF“, heißt es in Brüssel.

Polen verspricht sich von dem Posten Einfluss

auf die künftige Energiepolitik und vor allem mehr

Unabhängigkeit von russischem Gas.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

Riesiger Apparat

Mitarbeiter der EU-

Kommission

25000

20000

15 000

1990 2013

Quelle: EU-Kommission

10 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


MH17

Buchgewinn nach Absturz

So schlimm Flugzeugunglücke

für Opfer und Angehörige sind,

Airlines und Leasinggesellschaften

realisieren aus den

Katastrophen dank ihrer Versicherungen

oft beträchtliche

Buchgewinne. Der Grund:

Meist sind die verunglückten

Maschinen schon zuvor teilweise

oder komplett abgeschrieben.

Eigentümer der über der

Ostukraine abgeschossenen

Boeing 777 von Malaysia Airlines

etwa war die Firma Aer-

Cap, eine Leasinggesellschaft

mit Sitz in Amsterdam. Der verunglückte

Jet war 17 Jahre alt

und offenbar fast komplett

abgeschrieben. Versichert, so

erklären Experten, sind die

Maschinen aber nahezu immer

zum Anschaffungspreis. Und

eine neue 777 kostet 260 Millionen

US-Dollar. Die schon im

März spurlos verschwundene

Holländischer

Eigentümer

Boeing 777

von Malaysia

Airlines

Maschine der Malaysia Airlines,

ebenfalls eine 777, war zwölf

Jahre alt und bis auf 100 Millionen

US-Dollar abgeschrieben,

gehörte allerdings einer anderen

Leasinggesellschaft.

Insgesamt hat AerCap rund

1300 Maschinen im Bestand,

darunter gut 70 Boeing 777. Ihr

mit 14 Prozent größter Anteilseigner

ist Waha Capital, eine

1997 gegründete Investmentgesellschaft

aus Abu Dhabi, die

nun eine verbesserte Bilanz bei

ihrer Beteiligung AerCap verzeichnen

dürfte. Wie genau sich

Leasinggesellschaft und Airline

die Versicherungssumme

teilen, ist in den Verträgen individuell

geregelt. Größter Versicherer

im Fall MH17 ist der

Münchner Versicherungsriese

Allianz.

matthias.kamp@wiwo.de | München,

thomas stölzel

Aufgeschnappt

Echte Krabbenburger Die

beliebte Comic-Figur Sponge

Bob arbeitet im Cartoon als

Burgerbrater. Derzeit wird das

Restaurant originalgetreu im

palästinensischen Ramallah

aufgebaut. Auf der Speisekarte

des Betreibers Salta 3 steht

auch die Schwammkopf-Spezialität:

Krabbenburger.

Echte Strafen Der britische

Abgeordnete Mike Weatherly

fordert vom Justizministerium,

dass der Klau von virtuellen

Gütern in Videospielen genauso

hart bestraft wird wie herkömmliche

Diebstähle. Weatherly ist

der oberste Berater von Premier

Cameron für geistiges Eigentum

und selbst passionierter Spieler

von World of Warcraft. Ob er

in dem Online-Spiel auch schon

bestohlen wurde, ist nicht bekannt.

FRACKING

Bund versus

Niederlande

Die Bundesregierung will

Bohrungen nach Schiefergas in

den Niederlanden verhindern,

wenn die Vorkommen nahe der

deutschen Grenze lagern.

Grund ist die Sorge, dass beim

sogenannten Fracking eingesetzte

Chemikalien ins Grundwasser

auch auf deutscher Seite

gelangen könnten. Die Niederlande

prüfen zurzeit, ob sie ab

2015 das Fracking in direkter

Nachbarschaft zu Nordrhein-

Westfalen oder Niedersachsen

erlauben. Bundesumweltministerin

Barbara Hendricks

(SPD) teilte der Regierung in

Den Haag ihre Bedenken mit.

Deutschland will kommerzielles

Fracking faktisch verbieten. „Die

Bundesregierung würde es begrüßen,

wenn auch in den Niederlanden

vergleichbar strenge

Kriterien für den Umweltschutz

zur Anwendung kämen, sollte

künftig grenznah zu Deutschland

Schiefergas erschlossen

und gewonnen werden, und hat

die niederländische Regierung

entsprechend informiert“,

schrieb das Ministerium an den

Bundestagsumweltausschuss.

Auch die Regierungen in Hannover

und Düsseldorf sprachen

sich öffentlich gegen grenznahes

Fracking aus.

cordula.tutt@wiwo.de | Berlin

FOTO: LAIF/GABY GERSTER, NICKELODEON, REUTERS/YARON MOFAZ

Wann die Schrottpresse ruft

Typische Lebensdauer von Autos in Deutschland

Volkswagen

Quelle: Entsorgung.de

26

Jahre 22

Jahre 19

Jahre

Honda,

Mitsubishi

Toyota, BMW,

Audi, Volvo, Mercedes

18

Jahre

Opel, Nissan,

Skoda, Renault

18

Jahre

Durchschnitt

17

Jahre

Seat, Citroën,

Suzuki, Ford, Mazda

16

Jahre

14

Jahre

Daihatsu, Fiat,

Hyundai

Alfa Romeo,

Lancia, Kia

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 11

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Raucherwitwe

Raucherwitwen stehen hoch

im Kurs. In der amerikanischen

Schadensersatzrechtsprechung

ebenso wie in der

kontinentalen Berichterstattung.

Vier Silben, zwei tiefe

Emotionen. Tod und Qualm,

Rauch und Verderben. Ein

Raucherinnenwitwer hingegen

lockt keinen aus der Reserve,

gender hin, Geschlechter

her. Ebenso gut könnte

man eine Reportage über

Spielerinnenmänner schreiben.

Sie hätte wohl absehbar

noch weniger Leser als ein

Frauenfußballendspiel Zuschauer.

Je näher der Endsieg

über das Nikotin rückt, desto

wahrscheinlicher wird der

Feldzug gegen Zucker, Fett

und naturidentische Aromastoffe.

Von den Plakatwänden

an den Ausfallstraßen

werden sie uns bald grüßen,

die Burgerwitwen und Colawaisen,

Parfümopfer und

Glutenleichen. Übelriechenden

Mietern darf man kündigen.

Raucherwitwen auch?

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

MERCK Karl-Ludwig Kley

»China ist deutlich mehr

als ein Absatzmarkt«

Der Chef des Pharmaproduzenten Merck hofft

auf die Einführung einer Krankenversicherung in

China und eröffnet dort ein riesiges Werk.

In einem Monat weihen Sie in

Nantong ihr weltweit zweitgrößtes

Arzneimittelwerk ein.

Welche Bedeutung hat der

chinesische Markt für Merck?

Er ist sehr wichtig. Wir setzen

hier im Jahr derzeit rund 500

Millionen Euro um. Bis 2018

werden wir diese Summe verdoppeln.

Dabei hilft uns, dass in

den Bereichen, in denen wir

vertreten sind, das Wachstum

größer sein wird als beim Bruttoinlandsprodukt

prognostiziert.

Aber China ist deutlich

mehr als ein Absatzmarkt. Das

Land wird die Weltwirtschaft

maßgeblich verändern und prägen.

Deshalb investieren wir

auch hier sowohl in Produktion

als auch in Forschung.

China baut gerade eine

flächendeckende Krankenversicherung

auf. Was bedeutet

das für Ihr Geschäft?

Die Herausforderungen in diesem

Riesenland sind natürlich

enorm. Der Aufbau einer

Versicherung wird dauern.

Insgesamt wird es sicher unser

Geschäft fördern, wenn alle

Chinesen Zugang zu adäquater

medizinischer Versorgung

haben.

Planen Sie auch in China

rezeptfreie Medikamente?

Damit sind wir in China noch

nicht vertreten. Aber ein Ergebnis

unserer Gespräche hier war,

dieses Geschäft auch in China

aufzubauen. Wie das genau

passieren wird, müssen wir

noch festlegen.

Viele Unternehmen klagen

über die schlechte Ausbildung

ihrer Mitarbeiter. In Sachen

Forschung und Innovation

hinkt das Land hinterher.

Das kann ich so nicht bestäti-

gen. Die Qualität unserer Mitarbeiter

hier ist hervorragend.

Das gilt aber gleichermaßen für

viele chinesische Firmen. Ich

habe mich beispielsweise mit

Unternehmern im Biotech-Bereich

getroffen. Das ist absolutes

Spitzenniveau.

Chinas Bevölkerung altert

rapide. Was bedeutet das für

Merck im Pharmamarkt?

Ganz wichtig sind für uns Diabetes,

Schilddrüsen- und Herz-

Kreislauf-Erkrankungen. Da

DER CHINA-FREUND

Kley, 63, ist seit 2007 Vorstandsvorsitzender

der Merck-Gruppe.

Von 1998 bis 2006 war der promovierte

Jurist Vorstandsmitglied

bei Lufthansa.

sind wir jetzt schon erfolgreich

mit Produkten zur Behandlung.

Künftig werden wir die Nachfrage

aus unserem neuen Werk

in Nantong bedienen können.

Das wird 2017 anlaufen. Multiple

Sklerose spielt in Asien eine

ganz geringe Rolle, unser

Onkologiegeschäft mit Erbitux

entwickelt sich hingegen erfreulich.

Im letzten Jahr wurde die

Pharmabranche durch einen

Korruptionsskandal erschüttert.

Die Führung von Glaxo-

SmithKline ist angeklagt,

jahrelang Bestechungsgelder

an Ärzte gezahlt zu haben. Ist

Merck davor gefeit?

Integrität und Compliance haben

bei uns einen sehr hohen

Stellenwert. Insbesondere gilt

das für unser Führungspersonal.

Wir haben selbstverständlich

auch systemische Kontrollen.

Realistischerweise können

Sie nie vollkommen ausschließen,

dass irgendetwas passiert.

Dann muss aber sehr schnell

und entschieden durchgegriffen

werden.

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTOS: BLOOMBERG NEWS/SIMON DAWSON, PR, F.A.Z.-FOTO/HELMUT FRICKE, API/MICHAEL TINNEFELD

12 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


PHARMA

Volle Kraft

zurück

Für Marc Owen gab es aus

Brasilien zuletzt keine guten

Nachrichten. Der Chef des

Stuttgarter Pharmagroßhändlers

Celesio musste in dem lateinamerikanischen

Land 80

Millionen Euro abschreiben.

Auch in anderen Schwellenländern

herrscht Flaute – ein Novum

für die erfolgsverwöhnte

Branche. Die Pharmaindustrie

hat daher ihre Erwartungen an

das Wachstum in Märkten wie

Brasilien, Russland und Osteuropa

deutlich nach unten geschraubt.

„Gegenüber 2013 sind

die Werte von etwa zehn Prozent

auf geradezu desillusionierende

vier Prozent oder noch

weniger gesunken“, stellt Josef

Packowski von Camelot fest.

Das Münchner Beratungshaus

hat 100 Manager von Pharmakonzernen

aus 16 Ländern befragt.

Sie zeigten sich vor allem

hinsichtlich Russland pessimistisch.

„Es ist die einzige Region

weltweit, in der die Hersteller

von Generika in den kommenden

zwölf Monaten sogar mit

einem Nachfragerückgang

rechnen.“ Die Pharmakonzerne

konzentrieren ihre Investitionspläne

wieder auf Nordeuropa

und Nordamerika.

rebecca.eisert@wiwo.de, jürgen salz

CUSTODIA

Angst vor

Enteignung

Aktionäre der Custodia Holding,

einer Beteiligungsgesellschaft

des Milliardärs August von

Finck, bangen um ihr Vermögen.

Der Vorstand kündigte an,

das Unternehmen solle 2015

vom regulierten Markt in den

Freiverkehr der Börse München

wechseln. Aktionäre fürchten

nun einen Komplettrückzug

29.07. Deutsche Bank Das von Vorwürfen aus den USA

gebeutelte Geldinstitut legt am Dienstag seine

Zahlen für das erste Halbjahr vor. Am gleichen Tag

entscheidet der Bundesgerichtshof, ob die Bank

den Aktionären der Postbank bei deren Übernahme

ab 2008 zu wenig gezahlt hat.

30.07. Porsche Das Landgericht Braunschweig urteilt am

Mittwoch über drei Klagen gegen den Autohersteller.

Die Kläger fühlten sich von den Übernahmeplänen

zwischen VW und Porsche vor sechs Jahren

getäuscht. Ihre Schadensersatzforderungen reichen

von mehreren Hundert

Millionen Euro bis in

den Milliardenbereich.

Im März hat das Landgericht

Stuttgart ähnliche

Klagen von Hedgefonds

abgewiesen.

US Notenbank Die Federal Reserve entscheidet

über geldpolitische Maßnahmen. Zuletzt wurde

spekuliert, dass die US-Notenbank den Leitzins im

zweiten Quartal 2015 erhöhen möchte und damit

früher als geplant.

Türkische Präsidentschaftswahl Zum ersten Mal

in der Geschichte der Türkei können Bürger direkt

ihren Präsidenten wählen. Wahlberechtigt sind

auch bis zu 1,5 Millionen Menschen in Deutschland.

Bis Sonntag können sie an die Urne gehen. In

der Türkei findet die Wahl erst am 10. August statt.

01.08. Weltkriegs-Jubiläum An diesem Freitag vor 100

Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Am Sonntag

besucht Bundespräsident Gauck mit dem französischem

Präsidenten Hollande eine Gedenkfeier.

Helmut Kohl Das OLG Köln entscheidet im Prozess

des Ex-Bundeskanzlers gegen seinen früheren

Ghostwriter. Kohl fordert die Herausgabe von

Tonbändern mit 630 Stunden Gesprächsmaterial.

von der Börse. Die Blaupause

lieferten etwa die Marseille

Kliniken, die zunächst die regulierte

Börse verließen, um kurz

darauf ein Delisting zu verkünden.

Weil Anleger befürchten

müssen, ihre Aktien nicht

verkaufen zu können, drohen

Wertverluste. Bei

Custodia, die Immobilien

in München,

475 Kilo

Verschreckt

Anleger Milliardär

von Finck

TOP-TERMINE VOM 28.07. BIS 03.08.

Gold und Aktien besitzt, hält

von Finck knapp 93 Prozent. Er

ist zudem Großaktionär der Immobilien-AG

Amira, die ebenfalls

Ende 2014 in den Freiverkehr

wechselt. Laut Stephan

Tassler von der Schutzgemeinschaft

der Kapitalanleger bestimmt

„über

den Börsenabzug

der Aufsichtsrat“.

In dem sitzen

zwei Söhne des

Milliardärs.

maximilian nowroth |

geld@wiwo.de

CITYJET

Flotte wird

modernisiert

Der fränkische Multiunternehmer

Hans Rudolf Wöhrl sucht

für seine jüngste Fluglinie Cityjet

bis zu 20 neue Flugzeuge.

„Wir verhandeln gerade mit

mehreren Herstellern“, erklärt

der 66-Jährige. Wöhrl hatte Cityjet

im Frühjahr gekauft. Die

Linie fliegt vor allem aus dem

kleinen Londoner City-Flughafen

am Finanzzentrum nach

Paris, Dublin und Amsterdam.

Trotz der erhofften Einsparungen

durch modernere Maschinen

wird Wöhrl den Flugplan

Neue Jets in Aussicht

Flugunternehmer Wöhrl

von Cityjet stark einkürzen. Von

den bislang vier deutschen Zielen

wird nur Dresden bleiben.

Die derzeit noch 19 Maschinen

der ehemaligen Air-France-

Tochter vom Typ BAE146 sind

extrem teuer im Betrieb. Sie

sind mit 15 Jahren relativ alt

und haben vier Motoren, was

Spritverbrauch und Wartungskosten

treibt. „Eine Entscheidung

ist noch nicht gefallen,

aber eigentlich kommen nur

drei Flugzeuge infrage“, sagt der

frühere Besitzer des Billigfliegers

DBA und der Ferienlinie

LTU. Ein Typ des brasilianischen

Herstellers Embraer, die

neue C-Serie von Bombardier

aus Kanada oder der Superjet

des russischen Produzenten

Sukhoi. Geliefert will Wöhrl die

Maschinen möglichst schon im

Sommer 2015 bekommen.

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 13

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

PLAYMOBIL

Andrea Schauer, 55,

gibt Mitte des nächsten Jahres

die Geschäftsführung

beim Spielwarenhersteller

aus gesundheitlichen Gründen

auf. Zum Nachfolger ernannte

Playmobil-Eigentümer

Horst Brandstätter den

kaufmännischen Geschäftsführer

Steffen Höpfner. Zudem

machte der 81-Jährige

Pressesprecherin Judith

Weingart zur Geschäftsführerin

für Entwicklung,

Marketing und Vertrieb.

BOMBARDIER

Martin Clausecker, 48,

muss seinen Posten als

Deutschland-Chef beim kanadischen

Bahntechnikhersteller

räumen und verlässt

das Unternehmen. Grund ist

die Umstrukturierung des

Konzerns. So gibt es künftig

kein eigenständiges

Deutschland-Ressort mehr.

Es geht im Bereich Zentraleuropa

auf. Clausecker hatte das

Amt seit März 2012 inne.

DEUTSCHES MUSEUM

Wolfgang Reitzle, 65, wurde

vergangene Woche zum Verwaltungsratschef

des Deutschen

Museums in München

gewählt. Der ehemalige Linde-

Chef soll vor allem die ins Stocken

geratene Sanierung des

Hauses wieder in Schwung

bringen. Der bisherige Verwaltungsratschef

und Präsident der

TU München, Wolfgang Herrmann,

stellte sich nicht mehr

zur Wahl. Reitzle hatte bereits

2008 fünf Millionen Euro für die

Zukunftsinitiative Deutsches

Museum gespendet.

TIFFANY

Michael Kowalski, 62, räumt

Ende März 2015 den Chefposten

beim US-Schmuckriesen. Er

bleibt aber Mitglied im Board

von Tiffany. Nachfolger wird

der 54-jährige Frederic Cumenal,

der seit 2011 im Unternehmen

ist. Zuvor war er Manager

beim französischen Luxusgüterkonzern

LVMH.

BASTEI LÜBBE

Jörg Plathner, 48, wird zum 1.

September viertes Vorstandsmitglied

des Kölner Medienunternehmens.

Er wird vor allem für

das digitale Geschäft verantwortlich

sein, das inzwischen 14 Prozent

vom Umsatz erwirtschaftet.

MARIHUANA

72 Euro

kosten fünf Gramm Cannabis in der Apotheke – etwa das Doppelte

des Schwarzmarktpreises. Um die 270 Personen in Deutschland

besitzen eine Genehmigung, um die Blüten zur Linderung

schwerer Krankheiten zu erwerben. Das Verwaltungsgericht Köln

erlaubte nun in Einzelfällen auch den Eigenanbau der Pflanze.

PAYFRIENDZ

Mit einem Wisch schuldenfrei

Die Payfriendz-Gründer Volker Breuer und Andreas Rührig

wollen Überweisungen so einfach machen, wie das Verschicken

von Textnachrichten. Vor allem kleine Beträge wie Restaurantschulden

bei Freunden sollen so mit dem Smartphone beglichen

werden. Payfriendz setzt dabei auf ein Prepaid-System, bei dem

die Nutzer keine Bankkontodaten hinterlegen müssen. Das Geld

kann dann an andere Nutzer der App geschickt werden. Die Anwendung

ist grundsätzlich kostenlos. Nur wer in fremden Währungen

Geld versendet, muss ein Prozent Gebühr zahlen. Zum

Start können Nutzer nur zwischen Euro und britischen Pfund

wählen, bis Jahresende sollen Dollar und Yen folgen. Zudem kann

die App als virtuelle MasterCard-Kreditkarte genutzt werden.

Doch die Konkurrenz ist stark:Lendstar, Steep oder Cringle bieten

ähnliche Dienste. Und parallel zum Start von Payfriendz schaffte

PayPal die Gebühr für die Geldversendefunktion in der eigenen

App ab. Trotzdem peilt Breuer in Deutschland und Großbritannien

bis Jahresende je 100 000 registrierte Nutzer an. „Wenn große

Player den Markt bereiten, können wir davon nur profitieren“, sagt

er. Finanzieren soll sich

Payfriendz über die

Fakten zum Start

Investitionen liegen bislang im

mittleren siebenstelligen Bereich

Team verteilt auf Berlin, London

und Buenos Aires sind insgesamt

27 Mitarbeiter beschäftigt

Wechselkursgebühr und

Provisionen bei der virtuellen

Kreditkarte. Zusätzliche

Einnahmen soll

künftig die Verknüpfung

mit Amazon-Wunschzetteln

bringen.

matthias streit | mdw@wiwo.de

FOTOS: PR, PRISMA/ROBBY BÖHME

14 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Martin Gauss

Vorstandsvorsitzender von Air Baltic

Startklar ist er immer. Der

Pilotenkoffer steht direkt neben

dem Schreibtisch, und das

Kapitänssakko hängt gebügelt

im Schrank. Martin Gauss, 46,

könnte sich sofort ins Cockpit

einer Boeing 737 setzen und abfliegen.

Die Lizenz dafür besitzt

er. Seit November 2011 lenkt der

gebürtige Baden-Württemberger

die Geschicke der lettischen

Fluggesellschaft Air Baltic. Damals

steckte sie in einer Krise,

der Staat musste sie mit einer

Kapitalspritze retten. Noch heute

hält er fast alle Anteile, sucht

aber nach einem Investor, der

rund die Hälfte der Anteile übernehmen

soll. Von 2014 an will

Air Baltic wieder Gewinne erzielen.

Das hat sich Gauss vorgenommen.

Im vergangenen

Jahr beförderte

Air Balitc mit 25 Boeings

und Bombardiers

mehr als drei Millionen

Passagiere. Die

Bilanz weist einen

Umsatz von 330 Millionen

Euro aus . „Wir

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

sind aus dem Gröbsten raus“,

sagt Gauss. Erfolgreich gearbeitet

hat er bereits für die ehemalige

British-Airways-Tochter

Deutsche BA , die frühere Saarbrücker

Cirrus Airlines und die

ungarische Fluggesellschaft Malev.

Sein Air-Balitc-Büro liegt in

der Hochsicherheitszone des

Flughafens von Riga. Die Fenster

lassen sich nicht öffnen, eine

Klimaanlage sorgt für

angenehme Temperaturen.

„President and

CEO“ wurde in die

Milchglasscheibe seiner

Bürotür graviert.

Den Schriftzug sowie

das gesamte Mobiliar

hat er von seinem Vorgänger

Bertold Flick geerbt. Auf

dem Besprechungstisch parkt

das Modell einer Boeing 737.

Die Sammlung der Air-Baltic-

Miniaturflieger setzt sich auf

der Schrankwand fort. Dort stehen

in Firmenfarben alle Ordner,

die – wie er sagt – seine „Entscheidungsgeschichte“

seit

seinem Amtsantritt dokumentieren.

Ein Muss sind die Schale

mit Obst und Nüssen und der

Air-Baltic-Kalender. Von den

1072 Mitarbeitern haben sich

dafür einige Frauen an ihrem

Arbeitsplatz fotografieren lassen.

„Nächstes Mal“, versichert

Gauss, „sind auch die Herren

wieder mit dabei.“

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: PR/MAREKS STEINS

16 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

Ukraine Ein Flugzeug in Trümmern, ein

Land am Boden, ein ratloser Kontinent

Irak Glaubenskämpfer zerstören das

Land und verbreiten den Terrorismus

FOTOS: ACTION PRESS/ITAR TASS, GETTY IMAGES/AFP, STUDIO X/POLARIS, PICTURE-ALIANCE/DPA

18 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Welle des Terrors

KRISENHERDE | Die Europäer leben in Frieden und Wohlstand, aber rundherum

verschärfen sich die Konflikte – kann das auf Dauer gut gehen?

Libyen Rivalisierende Milizen legen

Flughäfen und die Ölindustrie lahm

Gaza Immer mehr Tote, Flucht ohne

rettendes Ziel, Krieg ohne Ende...

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 19

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

Es grenzte schon an eine Sensation,

was der russische Bankmanager

Andrej Kostin vor einigen

Tagen im russischen Fernsehen

sagte. Kostin, Chef von VTB, der

zweitgrößten staatlichen Bank im Reich

Wladimir Putins, wagte es, seinem Präsidenten

zu widersprechen. Nüchtern entkräftete

er die in den Staatsmedien verbreitete

Illusion, westliche Sanktionen könnten

Russland nichts anhaben. Im Gegenteil,

so der Spitzenbanker, sei Russland dabei,

sich „aus dem Prozess der Globalisierung

herauszuschießen“.

Hinter den Kulissen ziehen russische

Wirtschaftsleute bemerkenswerte Vergleiche.

Sie erinnern an die Katastrophe von

Lockerbie 1988. Damals hatten libysche

Terroristen über Schottland ein amerikanisches

Passagierflugzeug in die Luft gesprengt

und 270 Menschen getötet. Jahrelange

Sanktionen gegen das Regime des libyschen

Autokraten Muammar al-Gaddafi

waren die Folge. Der Absturz des malaysischen

Flugzeugs über der Ukraine, so die

Befürchtung der russischen Wirtschaftselite,

könne ähnlichen Strafmaßnahmen den

Boden bereiten – und Russland in die internationale

Isolation sowie in das wirtschaftliche

Verderben führen.

Nicht nur in Russland ist seit diesem blutigen

Anschlag auf das Leben Unschuldiger

nichts mehr, wie es war. Deutschland

reibt sich die Augen, und Europa lernt

mühsam, dass es sich nicht als friedfertige

Handelsmacht in einer multipolaren Welt

bequem machen kann. Vielmehr muss es

Verantwortung übernehmen für die Kriege

und Krisen, die den alten Kontinent umzingeln.

Denn es geht nicht nur um Russland

und nicht nur um die Ukraine, die seit

Donnerstag vergangener Woche zu allem

Überfluss auch noch ohne Regierung

dasteht. Das erneute

Blutvergießen im Gaza-Streifen

und in Israel, die Auflösung der

Staaten Syrien und Irak, all das

destabilisiert eine Weltregion

vor unserer Haustür. Richtung

Osten und Süden blickt Europa

auf eine Kette von Krisenherden

– auf die weder die Bundesregierung

noch die Europäische Union auch nur

annähend eine Antwort gefunden haben.

EMBARGO GESTRICHEN

Vergangene Woche konnten sich die

EU-Außenminister in Brüssel nur sehr

mühsam auf einheitliche Sanktionen gegen

Russland durchringen, Frankreich schaffte

es im Interesse eines milliardenschweren

Rüstungsdeals mit Moskau, sogar ein rückwirkendes

Embargo für Waffenlieferungen

von der Agenda zu streichen.

Aber auch ohne weitreichende Sanktionen

trifft die Instabilität in Osteuropa die

deutsche Wirtschaft. „10 bis 15 Prozent

Rückgang bei den Exporten nach Russland

sind 2014 möglich“, sagt Gerhard Handke,

Hauptgeschäftsführer beim Außenhandelsverband

BGA. Das mag man noch verschmerzen,

denn der Export nach Russland

machte 2013 nur gut drei Prozent der

deutschen Ausfuhren aus – schon die

Schweiz oder Polen importieren mehr aus

der Bundesrepublik. Doch das ist noch

nicht alles. In Russland selbst haben 6300

deutsche Unternehmen mehr als 23 Milliarden

Euro investiert. Mit einer Viertelmillion

Mitarbeitern machen sie

dort 80 Milliarden Euro Umsatz.

Ein Absturz ihres Engagements

in Russland würde bedeutende

Konzerne wie Volkswagen und

Siemens empfindlich treffen.

Adidas etwa machte voriges

Jahr rund sieben Prozent seines

weltweiten Umsatzes in Russland

– bei zweistelligem Wachstum.

Die Russlandkrise, schätzt man beim

Deutschen Industrie- und Handelskammertag

(DIHK), wird Deutschlands Wirtschaft

um Exporteinnahmen in Höhe von

vier Milliarden Euro und um ein halbes

Prozent Wachstum bringen – und das unter

der relativ optimistischen Voraussetzung,

dass eine weitere Eskalation mit

noch schärferen Wirtschaftssanktionen

ausbleiben wird.

Bisher haben die Sanktionen der EU-

Kommission deutschen Unternehmen nur

wenig Angst eingejagt (siehe Seite 26). Die

amerikanische Regierung aber geht wesentlich

härter gegen Russland vor – und ist

faktisch in der Lage, auch Europa ihr Regime

aufzuzwingen: Indem die USA ihr Exportrecht

extraterritorial anwenden, können

sie deutsche Exporteure bestrafen, die

an ein Unternehmen liefern, das unter US-

Embargo steht. So etwa den russischen

Erdölkonzern Rosneft. Das setzt nur vo-

Europas

unheimliche

Nachbarn

Krisenländer

von Russland bis

Nordafrika.

Israel, Gaza

Krieg zu führen

ist für alle Beteiligten

irrational,

aber für einen

Frieden ist das

gegenseitige

Misstrauen viel

zu stark

Türkei

Falsche Freunde

in der Nachbarschaft

werden

zur Gefahr

Ukraine

Wirtschaftliche

Entwicklung ist

dringend nötig –

stattdessen lebt

das Land im Krieg

Libyen, Ägypten

Libysche Warlords spalten

ihr Land, und am Nil bekämpfen

sich Armee und

islamistische Terroristen

20 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


ILLUSTRATIONEN: DMITRI BROIDO

raus, dass ein amerikanischer Staatsbürger

im Vorstand sitzt oder die gelieferte Ware

Komponenten amerikanischer Hersteller

enthält. Der deutsche Rechtsanwalt Dirk

Hagemann, Experte für Sanktionsrecht,

warnt: „Die USA könnten das Unternehmen

listen und so den Zugang zum US-

Markt sperren.“ Schon die vage Möglichkeit,

ein Geschäftspartner könne auf die

Sanktionsliste geraten, zeigt oft Wirkung.

Aus Furcht um Verluste im Geschäft mit

den USA haben sich deutsche Unternehmen

etwa aus dem Iran zurückgezogen.

Passiert nun das Gleiche demnächst mit

Russland?

„Der Druck auf den Iran ist ungleich höher

als auf die Russen“, beruhigt Hagemann.

Es sei bislang nicht ersichtlich, dass

die USA ihre Sanktionsbestimmungen gegen

Russland außerhalb des Heimatmarktes

durchzusetzen versuchen. In Fachkreisen

kursieren jedoch bereits Berichte über

deutsche Top-Manager, die ihr Russlandgeschäft

zurückfahren, weil das bisher über

eine von den USA sanktionierte Moskauer

Bank lief. Man will eben nichts riskieren.

Man muss es aber doch. Denn auf russischer

Seite wird schon offen über Vergeltung

geredet. „Handelssanktionen gegen

russische Unternehmen stehen im Widerspruch

zu den Prinzipien der Welthandelsorganisation“,

verkündet die russische Manager-Assoziation.

Sanktionen würden „im

Fall einer weiteren Eskalation unausweichlich

zu negativen Rückwirkungen für EUund

US-Unternehmen am russischen

Markt führen“. Die Staatsduma hat bereits

Auf der Flucht

Zu- und Abflüsse von Kapital in Russland

(in Milliarden Dollar)

10

0

–10

–20

–30

–40

–50

2010 2011 2012 2013 14

Quelle: Bank of Russia

ein Gesetz vorbereitet, das die Konfiszierung

der Vermögenswerte ausländischer

Investoren möglich macht. Dennoch ist bei

der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer

in Moskau zu hören, dass trotz der

Krise neue Investoren aus Deutschland

nach Russland gehen – und seitens der russischen

Behörden so viel Unterstützung erfahren

wie seit Jahren nicht.

SANFTER DRUCK

Auch wegen der engen Verflechtung mit

Russland ist Bundesaußenminister Frank-

Walter Steinmeier bemüht, auf Russland

eher sachte den Druck zu erhöhen. Das

Auswärtige Amt, so hört man, will auch eine

Überreaktion der Kapitalmärkte verhindern.

Gleichwohl wächst die Einsicht, dass

die EU irgendwie Druck ausüben muss auf

Putins Politik, welche die Destabilisierung

in der Ostukraine zumindest duldet. Steinmeier

selbst ist „überrascht, dass die Sanktionen

bereits wirken, bevor sie verhängt

wurden“, so der Minister zur Wirtschafts-

Woche: „Kapital flieht seit Monaten aus

Russland, die Konjunktur bekommt eine

Delle, russische Unternehmen sind nervös.“

Das treffe die russische Wirtschaft

hart, während die Folgen für Deutschland

aus Sicht des Ministers „einstweilen begrenzt“

bleiben.

In der Tat sind die Folgen in Russland

bereits sichtbar: Die Wirtschaftsleistung

des Landes sank im ersten Quartal

gegenüber dem Vorquartal um 0,5 Prozent

– und nach Jahren der Stagnation braut

sich für das Land mit 143 Millionen Einwohnern

eine handfeste Rezession zusammen.

Analysten der Investmentbank

Morgan Stanley rechnen im Gesamtjahr

mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts

(BIP) um bis zu 1,5 Prozent. Und

dies, obwohl der Ölpreis stabil oberhalb

der 100-Dollar-Marke notiert und die

globale Konjunkturlage durchaus hoffen

lässt. Einige Sektoren profitieren sogar

vom schwachen Rubel, der die Stahlexporte

oder auch die Ausfuhr von Metallwaren

und Landmaschinen billiger macht. Dagegen

steigen am Binnenmarkt die Preise,

da Russland viele Konsumgüter teuer

aus dem Ausland importieren muss;

nicht einmal die lokale Nahrungsmittelindustrie

dieses weiten Landes ist in der

Lage, den Binnenmarkt aus eigener Kraft

zu versorgen.

»

Russland

Deutschlands

wichtiger Wirtschaftspartner

verliert seine

Glaubwürdigkeit

Afghanistan

Die USA ziehen

ab, Taliban und

al-Qaida bleiben

Syrien, Irak

Zwei Staaten drohen

unter dem Ansturm

radikaler islamischer

Terroristen endgültig

zu zerbrechen

Iran

Die Atomverhandlungen

stocken,

die Außenpolitik

bleibt aggressiv

wie immer

Katar

Der superreiche

Zwergstaat

sponsert

den Islamismus

weltweit

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 21

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

»

Aber lassen sich der russische Präsident

und seine Umgebung von ökonomischen

Zwängen überhaupt beeindrucken? Oft

sieht es nicht so aus: Selbst wenn er

sich für eine „unabhängige Aufklärung“

der Flugzeugkatastrophe ausspricht,

folgt kurz darauf das

Säbelrasseln: „Wir müssen

adäquat auf Versuche reagieren,

Russland zu schwächen“,

sagt er vor dem nationalen Sicherheitsrat

und verspricht ein

Rüstungsprogramm für die

Krim. „Von außen“ finanzierte

Destabilisierung werde es in

Russland nie geben.

So etwas weckt Zweifel, ob Putin und der

Westen eine Sprache sprechen. Nicht um

das wirtschaftliche Wohlergehen Russlands

geht es ihm derzeit in erster Linie.

Viel spricht dafür, dass er mit seiner Politik

die Sehnsüchte vieler Russen nach der

Weltgeltung bedient, die mit dem Kollaps

der Sowjetunion verloren ging. So sieht das

Fjodor Lukjanow, einer der bekanntesten

Moskauer Experten für Außenpolitik. „Putin

steckt in der schwersten Phase seiner

Laufbahn“, sagt der Politologe. Er bestreitet

die Meinung, Putin handele irrational. Die

ökonomischen Kosten seiner Politik nehme

der Präsident in Kauf, weil er so dem eigenen

Land das Selbstwertgefühl zurückgeben

könne, erklärte Lukjanow kürzlich

beim European Council on Foreign Relations

(ECFR) in Berlin.

Wenn das so ist, stellt sich die Frage,

ob ein Sanktionspaket wirken

kann, das als Strafaktion gedacht

ist – und Putins Versuche konterkariert,

seinen Russen zu neuem

Nationalstolz zu verhelfen. Nach

Monaten der Manipulation

durch die russischen Staatsmedien

würden Putins Untertanen

ein Einlenken des Kremls als

schmachvolle Niederlage betrachten.

Folglich sind die Möglichkeiten

des Kremlchefs zu Konzessionen extrem

begrenzt.

DER ALTE NAHE OSTEN

Vergangene Woche endete die Amtszeit

von Israels 90-jährigem Staatspräsidenten

Schimon Peres. Der hatte vor langer Zeit

ein Szenario für einen „Neuen Nahen Osten“

entwickelt, in dem Völker und Staaten

nicht nur friedlich nebeneinander, sondern

in enger wirtschaftlicher Kooperation miteinander

leben: Israelischer Erfindergeist,

levantinische Tüchtigkeit und ägyptische

Weisheit verbinden sich mit arabischem

Ölreichtum und schaffen eine prosperierende

Weltgegend. Daraus ist bekanntlich

nichts geworden. Viel hat das damit zu tun,

dass den meisten Politikern im Nahen Osten

alles Mögliche wichtiger ist als das wirtschaftliche

Wohlergehen ihrer Völker.

Dabei gibt es sogar im aktuellen Gaza-

Konflikt noch Reste ökonomischer Realität.

Als Bedingung für einen Waffenstillstand

verlangen die Hamas-Herrscher unter anderem

für ihre armselige Fischereiflotte

freien Zugang aufs Mittelmeer, offene Handelsgrenzen

zum Nachbarn Ägypten und

Geld zur Bezahlung ihres aufgeblähten Beamtenapparats.

Die Israelis ziehen da nicht

mit, solange der ungezielte, aber permanente

Beschuss ihres Staatsgebiets mit Raketen

weitergeht. Immerhin hat dieser Beschuss

erstmals seit Langem nicht nur das

Alltagsleben vieler Israelis zum Albtraum

gemacht, sondern auch die Wirtschaft des

High-Tech-Landes getroffen.

Und das vor allem, weil eine der vielen

Hamas-Raketen in knapp zwei Kilometer

Entfernung vom Flughafen Tel Aviv eingeschlagen

ist. Für die meisten Fluglinien war

das Grund genug, den mit Abstand wichtigsten

israelischen Zivilflughafen eine

Weile nicht mehr anzufliegen (siehe Seite

28). Bis auf einen kleinen Touristenflughafen

im Badeort Eilat und ein paar abgelegene

Grenzübergänge nach Ägypten und

»

Ägypten

Die innenpolitische

Konfrontation

wächst,

das Elend auch

22 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTOS: BULLS/CATERS UK, PICTURE-ALLIANCE/DPA

EUROPA

Frau, Sozialdemokratin

Die Wahl einer Hohen Beauftragten für Außenpolitik bietet die Chance

zu einem Neustart der europäischen Außenpolitik. Wird sie genutzt?

In knapp sieben Minuten sagte Frans Timmermans

alles, was gesagt werden musste.

Vergangene Woche beschrieb der

niederländische Außenminister im UN-

Sicherheitsrat in bewegenden Worten die

Trauer, Wut und Verzweiflung seiner

Landsleute nach dem Abschuss des zivilen

Flugzeuges MH17 über der Ukraine. Der

Sicherheitsrat verurteilte einstimmig den

Vorfall – auch mit der Stimme Russlands.

Timmermans, 53 Jahre alt und Sozialdemokrat,

wäre eine ziemlich gute Besetzung

für den bald vakanten Posten des

Europäischen Außenvertreters. Der Niederländer

spricht sechs Sprachen, darunter

Russisch. Moskau und Brüssel kennt

er aus Stationen seiner Diplomatenkarriere.

Doch bei der Nachfolge von Europas

Oberdiplomatin Catherine Ashton steht

ihm sein Geschlecht im Weg. Gesucht

wird derzeit eine Frau aus dem sozialdemokratischen

Lager, aus „Imagegründen

für Europa“, wie der französische Staatspräsident

François Hollande sagt.

STARKER AKTEUR

Noch gibt es Hoffnung, dass diesmal das

reine Proporzdenken hinten angestellt

wird, das vor fünf Jahren eine unerfahrene

Politikerin ins Amt brachte, die schlicht

die drei Minimalanforderungen weiblich,

britisch und sozialdemokratisch erfüllte.

In Brüssel und auch den nationalen

Hauptstädten wächst die Einsicht, dass

die direkte Nachbarschaft der EU weit

mehr Konfliktherde aufweist als bei der

vorhergehenden Personalsuche. „Europa

befindet sich in der exponiertesten und

gefährlichsten Lage im Süden und Osten,

an die ich mich erinnern kann“, sagt etwa

der schwedische Außenminister Carl

Bildt. Der künftige EU-Kommissionspräsident

Jean-Claude Juncker ist nur einer

von vielen, der in diesen Tagen einen

„starken, erfahrenen Akteur“ auf dem

Außen-Posten fordert.

In der Vergangenheit hat sich die EU-

Außenpolitik immer nur auf externen

Druck hin entwickelt. „Bedrohungen von

außen und Krisen waren immer der entscheidende

Faktor“, sagt Analyst Stefan

Lehne vom Thinktank Carnegie Europe,

selbst lange im österreichischen diplomatischen

Dienst. So reagierte die EU in den

Der Ehrgeiz hält sich in Grenzen

EU-Politiker Ashton (links), Barroso

»Europa befindet

sich in einer

gefährlichen und

exponierten Lage«

Carl Bildt, Außenminister von Schweden

Neunzigerjahren mit einer Gemeinsamen Sicherheits-

und Außenpolitik (GASP) auf den

Balkankrieg. Damals entschieden sich die

Staats- und Regierungschefs für eine gewichtige

Figur als GASP-Chef: den ehemaligen

Nato-Generalsekretär Javier Solana.

„Mit ihrer Personalauswahl werden die

Staats- und Regierungschefs ein klares

Zeichen geben, welchen Ehrgeiz sie in der

Außenpolitik verfolgen“, sagt Lehne. Als es

vor drei Jahren um den arabischen Frühling

ging, war der Ehrgeiz nicht gerade groß. Damals

verdrängte die Euro-Krise alle anderen

Themen. Nachdem die EU das aktive Krisenmanagement

hinter sich gelassen hat,

können sich Staats- und Regierungschefs

nun verstärkt Internationalem widmen.

Zumal dem neuen EU-Kommissionspräsidenten

Juncker ohnehin ein Neustart

in der Außenpolitik vorschwebt: „Nach

meiner Überzeugung können wir uns nicht

damit zufriedengeben, wie unsere gemeinsame

Außenpolitik bislang funktioniert.“

Er will die EU-Politikbereiche wie

Handel, Entwicklung, humanitäre Hilfe

und Nachbarschaftspolitik stärker in die

Außenpolitik integrieren. EU-Kommissionspräsident

José Manuel Barroso hat

dies bisher hintertrieben, weil er fürchtete,

die Kommission könnte dabei Kompetenzen

an den Europäischen Außendienst

verlieren. Die magere Bilanz von Catherine

Ashton geht nicht nur auf ihr eigenes

Konto.

FRÜHERE WELTMÄCHTE

Ob der Neustart der EU-Außenpolitik gelingt,

hängt entscheidend von den Mitgliedsländern

ab, allen voran den großen.

Von denen zeigte sich bisher nur Deutschland

dem Projekt gegenüber wohlwollend.

„Frankreich und Großbritannien sind frühere

Weltmächte, in denen die eigene Außenpolitik

zur nationalen Identität gehört“,

beobachtet Analyst Lehne.

Kompetenzen abzugeben fällt beiden Ländern

schwer, zumal Großbritannien gerade

nicht weiß, in welchem Verhältnis es

zur EU überhaupt steht. Die alte Macht

bröckelt allerdings: Beide Länder haben

heute international weniger Einfluss als

noch vor einem Jahrzehnt. Und so dürften

sie bald größeres Interesse an einem gemeinsamen

europäischen Vorgehen auf

der internationalen Bühne haben.

Ein erstes Indiz für ein Umdenken

könnte Frankreichs Interesse am Außenposten

sein. Offenbar ist Präsident Hollande

sogar bereit, seinen bisherigen

Kommissionskandidaten Pierre Moscovici

zu opfern, um der früheren Europaministerin

Elisabeth Guigou ims Amt zu verhelfen.

Aktuell leitet die 67-Jährige den auswärtigen

Ausschuss im französischen

Parlament. Doch es gibt noch andere Anwärterinnen.

Emma Bonnino, frühere italienische

Außenministerin und als EU-

Kommissarin einst für humanitäre Hilfe

zuständig, hat ebenfalls Chancen. Eine

Vertreterin eines großen Landes hätte zudem

automatisch mehr Gewicht auf dem

internationalen Parkett. Ex-Diplomat Lehne:

„Das ist so – auch wenn es politisch

nicht korrekt ist.“

n

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 23

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

»

Jordanien haben israelische Privatleute

keinen anderen Weg ins Ausland als den

Tel Aviver Flughafen.

Der Schock der Flughafensperre wird

freilich die israelische Friedensbegeisterung

kaum fördern: Denn bei jedem

denkbaren Friedensabkommen

würde das Land die Kontrolle

über Gebiete im

Westjordanland verlieren, die

in Luftlinie viel näher am Flughafengelände

liegen als Gaza:

nicht 80 Kilometer, sondern 15.

Da wäre ein israelischer Rückzug

allenfalls denkbar mit sehr

verlässlichen Garantien der

Staatengemeinschaft. Aber das klingt derzeit

wie ein Widerspruch in sich.

TODFEIND DER MUSLIMBRÜDER

Denn der Gaza-Krieg hat ein Schlaglicht

auf den katastrophalen Zustand geworfen,

in welchem sich die gesamte Region derzeit

befindet. Die Hamas-Palästinenser tun sich

auch darum so schwer mit einem Waffenstillstand,

weil der übliche Vermittler so gut

wie ausfällt: Der neue ägyptische Präsident

Abd al-Fattah as-Sisi ist ein Todfeind der

Muslimbrüder im eigenen Land und damit

auch der Hamas-Islamisten. Weil das aber

so ist, erhöhen die Bilder vom Blutvergießen

in Gaza die Gefahr neuer schwerer Unruhen

in Ägypten selbst. Islamisten von Algerien

im Westen bis Pakistan im Osten demonstrieren

gegen Sisi und geben damit

ihren Gesinnungsgenossen in Ägypten Auftrieb.

Das größte Land der arabischen Welt

kann darum das wirtschaftliche und soziale

Chaos aus eigener Kraft nicht mehr überwinden

und ist völlig vom finanziellen

Großsponsor Saudi-Arabien abhängig.

Womit die Krise dann doch auf die ölreiche

arabische Halbinsel ausstrahlt. Der

todkranke saudische König Abdullah hat

vergangene Woche persönlich seinen

Herrscherkollegen Tamim aus

dem kleinen Emirat Katar ins Gewissen

geredet, damit der die

Hamas-Palästinenser von einem

Waffenstillstand überzeugt. Katar

nämlich finanziert den Gaza-

Streifen aus islamistischer Solidarität,

genau wie die unterdrückten

Muslimbrüder in Ägypten.

Weshalb Präsident Sisi den

katarischen Emir hasst und lieber den Gaza-Steifen

verkommen lässt, als unter katarischer

Vermittlung seine Grenzen in diese

Richtung zu öffnen.

Aus europäischer Sicht mögen diese orientalischen

Konflikte unwichtig wirken –

sie sind es aber nicht. Der Zusammenbruch

aller Kooperation in der arabischen

Welt verhindert derzeit einen koordinierten

Widerstand gegen das von allen verachtete

und gefürchtete sogenannte Kalifat

im Osten Syrien und im Nordwesten des

Alle Konflikte

in Nahost spielen

den Terroristen

in die Hände

Iraks: Das sind die radikalsten der radikalen

Islamisten, die mit Mord und Unterdrückung

ein alle Grenzen überschreitendes

Regime errichten wollen. Sogar die versprengten

Erben Osama bin Ladens in Afghanistan

und Pakistan finden das „Kalifat“

und seinen „Islamischen Staat“ (Isis)

zu radikal. Und der türkische Ministerpräsident

Recep Tayyip Erdogan, der diese

Leute bis vor ein paar Monaten in ihrem

Kampf gegen Syriens Diktator Baschar al-

Assad unterstützte, muss jetzt fürchten,

dass ihre Bewegung sich in sein Land ausweitet:

Erdogans relativ zivilisierter Islamismus

ist den Radikalen viel zu zahm.

Man kann das aus deutscher Sicht gelassen

betrachten. „Allenfalls, wenn Isis den

Südirak mit seinen Ölfeldern unter Kontrolle

bekäme, würde es schlimm“, sagt

Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen.

Recht hat er, aber die Isis-Terroristen bedrohen

nicht nur unsere Ölversorgung,

sondern auch unsere alltägliche Sicherheit.

Die Nachrichten über Isis-Rekruten

aus Westeuropa, die in ihre Heimatländer

zurückkehren und übelste Terrorakte planen,

nehmen bedrohlich zu. Der Mordanschlag

auf Besucher eines kleinen jüdischen

Museums in Brüssel vor zwei Monaten

war wahrscheinlich nur der Anfang.

Eine neue Terrorwelle wäre für Europas

Volkswirtschaften möglicherweise schlimmer

als ein steigender Ölpreis. „Wir machen

nur gute Geschäfte, wenn China, die

USA und auch Europa optimistisch in die

Zukunft schauen“, sagt Gerhard Handke

vom BGA. Wir reden über mögliche psychologische

Folgen der Kriege in unseren

Nachbarregionen – der Optimismus könnte

aber noch mehr unter einer Welle des

Terrors in Europa leiden.

Türkei

Auch Mauern

schützen nicht

vor dem Chaos

bei den Nachbarn

WAS DIE ÖKONOMEN SAGEN

Zur Beruhigung ist also wenig Anlass,

selbst wenn man an konjunkturelle Auswirkungen

der Kriege an der europäischen

Peripherie nicht glauben mag. Immerhin

hat der Aufschwung in Deutschland schon

ganz ohne Ukraine und Gaza an Schwung

verloren. Nachdem die deutsche Wirtschaft

in den ersten drei Monaten des Jahres

noch um 0,8 Prozent gegenüber dem

Vorquartal zulegen konnte, stagnierte das

BIP vermutlich im zweiten Quartal 2014,

wie die Deutsche Bundesbank warnt. Ökonomen

wie Jörg Krämer, Chefvolkswirt der

Commerzbank, halten gar ein leichtes BIP-

Minus für wahrscheinlich.

Aber auch unter diesen Vorzeichen hofft

Commerzbank-Volkswirt Ralph Sol-

»

FOTO: ACTION PRESS/ABACA PRESS

24 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

»

veen, viel schlimmer werde es wegen

der weltpolitischen Verwerfungen nicht

kommen. Der Nahe Osten sei wirtschaftlich

sehr weit weg, und bezüglich Russlands

spiele „die Vorstellung, was denn wäre,

wenn das Gas ausbliebe, keine Rolle“.

Auf politische Schreckensmeldungen

könnte am ehesten die Börse reagieren.

Dass dadurch aber auch die Konjunktur

empfindlich leiden würde, hält Solveen für

unwahrscheinlich. Selbst wenn der Dax in

der Folge von Kriegen und politischen Katastrophen

schwere Verluste erleiden sollte,

wäre die realwirtschaftliche Auswirkung

in der heutigen Situation sehr gering –

„Sand im Getriebe“, um mit Michael Hüther

zu sprechen, dem Direktor des Instituts

der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Die Sorge wächst

SANKTIONEN | In der Ukraine-Krise kam die deutsche Wirtschaft

bisher glimpflich davon. Doch vor allem bei Energie- und Logistikunternehmen

spitzt sich die Furcht vor Sanktionen zu.

GLOBALE DYNAMIK

„Seit 2010 ist doch auffällig, dass die globale

ökonomische Dynamik eine Dynamik

der Industrieländer ist“, sagt Hüther. Allenfalls

China spiele da eine Rolle wie Nordamerika

und Europa; Länder wie der Iran

und Indien, selbst die Türkei, haben an

Schwung verloren.

Aber was sind die vielleicht psychologischen

Auswirkungen großer politischer

Krisen und der damit verbundenen Unsicherheit?

Hüther erinnert sich noch lebhaft

an die Tage und Wochen nach dem 11.

September 2001, dem Schock-Zustand der

Menschheit. Aber „ab November 2001 ging

es weltweit doch wieder Richtung Stabilisierung

– das war ein schrecklicher Schock,

aber das hat die Weltwirtschaft, hat Kapital-

und Handelsströme nicht verändert“.

Also Entwarnung, nur weil Flugzeugabsturz

und das Elend in Gaza unserer Konjunktur

nicht schaden? Das wäre ein verführerischer

Fehlschluss mit üblen außenund

sicherheitspolitischen Konsequenzen.

Im Konflikt zwischen der Ukraine und

Russland sind die Regierungen in Berlin

und den westeuropäischen Hauptstädten

doppelt gefragt: als Vermittler zwischen

Moskau und Kiew, aber auch als natürliche

Verbündete der Demokraten in der Ukraine

und der pragmatischen Russen, die von

Großmachtträumen nichts halten. Und

ganz ähnlich, nur noch komplizierter, sieht

es im Nahen Osten aus, wo zum Gegensatz

der politischen Akteure noch die wachsende

Gefahr des Terrorismus kommt. Die

Wirtschaft kann da allenfalls unterstützend

mitwirken: Wer miteinander handelt,

schießt meistens nicht auf den anderen. n

hansjakob.ginsburg@wiwo.de, florian willershausen,

max haerder | Berlin, bert losse

Mein Feld ist die Welt“, das Motto der

Großreederei Hapag-Lloyd ist

auch Leitspruch des Hamburger

Hafens. Das zeigen schon die Straßennamen:

Der Kamerunweg liegt neben der India-

und Australiastraße, der Chicagokai

unweit der Koreastraße. Und an den Elbbrücken

wird der Hafenbesucher von einem

Übersee-Zentrum begrüßt.

Die Straßennamen sagen nicht alles. So

finden sich keine russischen Namen an

den Kaianlagen des „Tors zur Welt“. Doch

„die russischen Kunden schätzen die Qualitätsstandards

in Hamburg“, sagt Natalia

Kapkajewa, Repräsentantin des Hafens in

St. Petersburg. Nicht nur deshalb ist Russland

zweitgrößter Handelspartner des

Hamburger Hafens, sorgt für doppelt so

viel Fracht wie die USA.

Nur nicht auffallen, lautet deswegen die

Devise der deutschen Wirtschaft im drohenden

Wirtschaftskrieg zwischen den

USA, der EU und Russland. Bisher hatten

die von der EU verhängten Sanktionen

kaum Auswirkungen auf den Warenverkehr

Russland ist zweitgrößter Kunde

Container im Hamburger Hafen

mit Putins Reich. Doch vor allem die USA

drängen auf deutlich schärfere Reaktionen.

Werden also die Schrauben jetzt noch einmal

angezogen? Die Sorge in den Chefetagen

der Unternehmen, die es betreffen

könnte, ist groß. „Das Problem liegt nicht

mal mehr vor unserer Tür, sondern bereits

mitten im Treppenhaus“, sagt der Manager

eines Hamburger Öl- und Gashändlers.

KOPF IN DEN SAND

Schon jetzt macht die Krise dem Hamburger

Hafenbetrieb HHLA mächtig zu schaffen.

Die HHLA hat einen eigenen Terminal

im Schwarzmeerhafen Odessa und büßt

dort einen Großteil des Geschäfts ein. Wie

hoch der Schwund ist, will bei der HHLA

keiner sagen, „wir veröffentlichen keine

Zahlen pro Terminal“, sagt ein HHLA-Manager.

Aber auch wegen der Ukraine-Krise

sank der Gewinn des ersten Quartals bereits

um knapp 14 Prozent auf gut 19 Mil-

FOTO: LAIF/MICHAEL LANGE

26 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


lionen Euro. Die Zahlen für das zweite

Quartal, die im August veröffentlicht werden,

zeigen wohl die Fortsetzung des

Trends, erwartet ein Hafeninsider. Genauere

Zahlen zum Russland-Geschäft

werden nicht herausgegeben. „Wir fassen

das Russland-Geschäft im Ostsee-Verkehr

zusammen“, heißt es beschwichtigend.

Das System „Kopf in den

Sand“ wird auch 600 Kilometer

weiter südlich, mitten im

Schwabenland, angewandt. Vorvergangene

Woche kam beim

drittgrößten deutschen Energiekonzern

Energie Baden-Württemberg

(EnBW) die Nachricht

an, der wichtigste Handelspartner

der Schwaben, die Novatek,

stehe auf der Sanktionsliste der USA. Das

russische Außenhandelsunternehmen

fördert selbst und vermarktet Erdgas von

Gazprom im westlichen Ausland. Mit

EnBW hat es einen langlaufenden Rahmenvertrag

über sechs Milliarden Euro

abgeschlossen. Der Zehn-Jahres-Liefervertrag

sichert EnBW ein Drittel seines

Gasbedarfs. Nun sind die Novatek-Konten

in den USA eingefroren, die Manager des

Unternehmens haben dort Einreiseverbot.

Novatek erklärte vorige Woche, die vom

US-Finanzministerium veröffentlichten

Sanktionen hätten „keine unmittelbaren

Auswirkungen auf bestehende Geschäftsbeziehungen“.

Und trotzig heißt es in Stuttgart:

„Die US-Regierung kann uns nicht

verbieten, unsere Vertragsverpflichtungen

mit Novatek zu erfüllen.“ Erleichtert

heißt es bei der EnBW,

der Versorger betreibe „keine

Geschäfte in den USA“, könne

also für Geschäftsbeziehungen

mit Novatek auch nicht bestraft

werden.

Die Sorglosigkeit könnte sich

als Trugschluss erweisen. Denn

„Novatek wird nun wichtige

westliche Banken als Vorfinanzierer von

Großprojekten, wie zum Beispiel dem

Pipelinebau, verlieren“, sagt ein Frankfurter

Banker. Die Moskauer Wirtschaftszeitung

„Wedomosti“ meldete bereits, dass

westliche Banken in ihren Kreditverträgen

mit russischen Unternehmen Passagen

aufgenommen hätten, dass Kredite im Fall

der Verhängung von Sanktionen fällig gestellt

werden.

Eine US-Bank hat die Finanzierung der

Gasförderung auf der sibirischen Jamal-

Halbinsel zurückgezogen. Hauptbetreiber:

Novatek. Der Energiekonzern könnte deswegen

seine Preise gegenüber westlichen

Handelspartnern empfindlich anheben.

REICHE KUNDEN

Sehr zurückhaltend agieren derzeit die

deutschen Banken. Sie haben 17 Milliarden

Euro in Russland verliehen. Damit

sind sie weniger engagiert als Banken aus

Frankreich (38 Milliarden Euro) und Italien

(22 Milliarden Euro). Das Geld steckt zwar

vor allem in langlaufenden Krediten, die

Deutsche Bank ist zudem in der Vermögensverwaltung

für reiche russische Kunden

aktiv. Im Fokus der Politik steht aber

vor allem die staatliche Förderbank KfW,

sie hat 2,1 Milliarden Euro in Russland ausstehen,

vor allem in Energieprojekten. Da

die Bank dem Bund gehört, könnten die

Amerikaner über die Bundesregierung

Druck machen, das KfW-Geschäft in Russland

zu reduzieren oder einzustellen.

In der EU ist längst die Aktion Schadenbegrenzung

angelaufen. Beim Treffen der

EU-Außenminister Mitte vergangener »

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

KRISEN

Fliegender

Frühindikator

Unruhen, Terror, Sanktionen: Immer

trifft es Fluglinien schneller

und härter als andere Branchen.

Im Kontrollzentrum der Lufthansa am

Frankfurter Flughafen war es Dienstag

vergangener Woche fast so ruhig wie

sonst. Zwar strich der Konzern alle

Flüge in die israelische Metropole Tel

Aviv, nachdem dort nahe des Flughafens

eine Rakete eingeschlagen war.

Doch die Mitarbeiter haben Routine.

Weil die Zahl der Krisenherde zunimmt,

bauen sie praktisch monatlich den Flugplan

um.

Ob Unruhen, Bomben oder Sanktionen:

„Politische Krisen treffen uns Airlines

sofort“, so Tony Tyler. Chef des

Weltluftfahrtverbands Iata. Nach den

Terroranschlägen vom 11. September

2001 verleideten die anhaltende Unsicherheit

und die danach eingeführten

extrem aufwendigen Sicherheitskontrollen

Passgieren monatelang das Fliegen.

UNSICHERE REGIONEN

Ähnlich trifft es die Branche, wenn Krisen

eskalieren. Zwar sind Routen in unsichere

Regionen wie die Ukraine oder

den Mittlere Osten lukrativ, weil hier vor

allem Geschäftsreisende, Berater oder

Mitarbeiter von NGOs reisen. Doch als

etwa in Ägypten die Proteste oder in Syrien

der Bürgerkrieg eskalierte, haben

weltweit aktive Linien wie Lufthansa die

Flüge schnell storniert, weil Zweifel an

der Sicherheit Kunden auch im Rest ihres

Netzes vertreibt. Denn die Kosten

sind hoch. Auch wenn die Stornos wegen

höherer Gewalt erfolgen, erstatten

die Airlines den Kunden ihre Tickets.

Doch die Kosten laufen weiter, wie Gehälter

oder Flugzeugmieten.

Die Kriterien ändern sich dabei oft

ebenso schnell wie die Lage. So hätte

der Raketeneinschlag in Tel Aviv zwar in

jedem Fall alle Fluglinien alarmiert.

„Doch ohne den Abschuss des Malaysia-Airlines-Flugs

in der Ukraine wären

die Flüge vielleicht nicht sofort abgesagt

worden“, sagt ein Insider.

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

»

Woche ging es weniger um die Frage, wie

man Russland unter Druck setzen könne –

sondern vielmehr um das Abbiegen von

Sanktionen, die national bedeutende Branchen

treffen könnten. Die französische Regierung

versuchte im Sinne der Pariser Industrielobby

nach Kräften, ein durchaus

plausibles Embargo für Waffenlieferungen

zu verhindern: Die Staatswerft DCNS hätte

sonst die Auslieferung zweier Hubschrauberträger

an die russische Marine stoppen

müssen. In Italien regte sich Widerstand

gegen Sanktionen gegen Konzerne wie

Gazprom, mit denen die Versorger Eni und

Enel verbandelt sind. In Deutschland

fürchtete Siemens, die vom Putin-Vertrauten

Wladimir Jakunin geleitete Staatsbahn

RZD könnte auf die Sanktionsliste geraten –

und die Deutschen beim mehrere Milliarden

teuren Ausbau der Hochgeschwindigkeitsstrecken

übergehen.

Unter Druck steht auch British Petroleum

(BP). Der Londoner Ölriese ist mittels

Überkreuzbeteiligung mit dem russischen

Staatskonzern Rosneft verbunden, seit beide

im Oktober 2012 einen spektakulären

Deal abschlossen: Rosneft übernahm für

insgesamt gut 60 Milliarden Dollar den

profitablen privaten Wettbewerber TNK-

BP – die Briten ließen sich ihr 50-Prozent-

Paket mit 17,1 Milliarden Dollar in bar und

knapp 13 Prozent der Rosneft-Aktien versilbern.

Seither intensiviert BP die strategische

Zusammenarbeit mit Rosneft, wo der

als staatskapitalistischer Hardliner bekannte

Putin-Intimus Igor Setschin das Sagen

hat. In den nächsten Tagen wird die EU

darüber befinden, ob Rosneft auf die Sanktionsliste

gesetzt wird. Für BP wäre es das

Aus einer Geschäftsbeziehung, die dem

Ölkonzern aus der Misere nach Milliardenverlusten

helfen sollte.

Starkes Engagement

Deutsche Direktinvestitionen in Russland

(in Milliarden Euro)

25

20

15

10

5

0

2000 2012

Quelle: Deutsche Bundesbank

Empfindlich würden Sanktionen auch

die Lufthansa treffen. Denn auf den Linien

nach Osten lebt die Fluglinie von Geschäftsleuten.

„Wie lange Verhandlungen

mit russischen Geschäftspartnern dauern,

ist in der Regel nur schwer absehbar“, so

ein Manager bei Luftfahrtkonzern Airbus

Group. Für diese Flexibilität zahlt die

Klientel mit bis zu 2000 Euro pro Reise ein

Vielfaches dessen, was Privatreisende für

ihre Tickets ausgeben.

BANGE GEFÜHLE

Es gibt nur wenige Unternehmen, die immer

noch hoffen, die Lage könnte sich entspannen.

Zu ihnen gehört der Düsseldorfer

Konzern Henkel (Persil, Pril). Der

Mischkonzern legte im ersten Quartal 2014

beim Umsatz in Russland, der eine Milliarde

Euro beträgt, sogar noch zu. Der dänische

Henkel-Chef Kasper Rorsted erteilt allen

Sanktionshysterien eine Absage: „Russland

hat eine große Zukunft.“

Mit bangen Gefühlen beobachtet dagegen

Fraport-Chef Stefan Schulte die Lage in

Russland. Europas größter Flughafenbetreiber

hat im vergangenen Jahr 135 Millionen

Euro in ein neues Terminal am Flughafen

St. Petersburg gesteckt. „Wenn das

Wachstum nachlässt und vor allem weniger

Geschäftsreisende und Touristen fliegen,

könnte das Investment zum Zuschussgeschäft

werden“, fürchtet ein Insider.

Die erhofften großzügigen Einkäufe

von Luxusartikeln in den Duty-free-Shops

an den Airports würden dann in St. Petersburg

nicht mehr stattfinden – und für die

Frankfurter Flughafenbetreiber der Rubel

nicht mehr rollen.

n

andreas.wildhagen@wiwo.de,

florian willershausen | Berlin, cornelius welp | Frankfurt,

ruediger kiani-kress, mario brueck

Kräftiger Einbruch

Deutsche Exporte nach Russland

(in Milliarden Euro)

12

10

8

6

4

2010 2011 2012 2013 14

Quelle: Statistisches Bundesamt

28 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTO: PHOTOTHEK/THOMAS TRUSCHEL; ILLUSTRATION: DMITRI BROIDO

Reise ohne Kompass

FRANK-WALTER STEINMEIER | Der Bundesaußenminister sucht nach

seiner Rolle bei der Lösung blutiger Kriege und Konflikte.

Für die bislang weiteste Reise dieser

Amtszeit hat sich Frank-Walter Steinmeier

frühmorgens aus dem Staub

gemacht. Um kurz vor acht hebt am 17. Juli

sein Regierungsflieger gen Mexiko ab, ein

gutes Dutzend Wirtschaftsleute ist an Bord.

Der SPD-Außenminister will zeigen, dass

er die Interessen der Wirtschaft ernst

nimmt. Der Tross kommt aber nur bis Kanada

– da hat die Ukraine-Krise den deutschen

Chefdiplomaten schon wieder eingeholt.

Im Osten des Landes ist ein Passagierjet

der Malaysia Airlines mit fast 300

Menschen an Bord abgestürzt,

womöglich abgeschossen von

prorussischen Rebellen.

Bohrende Fragen dazu warten

schon, als Steinmeier in Mexiko-

Stadt dem Airbus Theodor Heuss

entsteigt. Seltsam abwesend

wirkt er kurz darauf bei einer Zeremonie

für die Erweiterung eines

BMW-Werks. In Gedanken,

Steinmeiers Blick verrät es, ist er bei dem

blutigen Konflikt an Europas Grenze. Die

Krise ist auch ein Test für die deutsche Diplomatie,

der er anlässlich einer Grundsatzrede

in München im Februar im Duett

mit Bundespräsident Joachim Gauck mehr

„Verantwortung für die Welt“ verordnet hat.

Aufbruch ins Ungewisse Frank-Walter Steinmeier

auf der Treppe zum Regierungsflieger

Mehr Verantwortung – wie geht das? Für

den Ernstfall hat Steinmeier keinen Kompass.

Noch hat die Bundesregierung die

neue Richtung gar nicht definiert, da marschiert

Steinmeier schon im Eiltempo voran.

Er stemmt sich gegen harte Sanktionen

für Russland, wie sie die USA von Europa

fordern – und hält stoisch Gesprächskanäle

mit Russland offen. „Auch wenn wir

den Druck auf Russland erhöhen, dürfen

wir den Kontakt zur russischen

Regierung nie abreißen lassen“,

sagt Steinmeier zur Wirtschafts-

Woche. Allerdings müsse Moskau

sein Verhalten ändern und

zur Deeskalation beitragen.

„Mehr Diplomatie wagen“,

könnte man Steinmeiers Ansatz

nennen, der als Abgrenzung

zur säbelrasselnden US-Politik

verstanden werden kann.

Was aber, wenn der schwer auszurechnende

russische Präsident Wladimir Putin

nur mit einem scharfen Embargo oder gar

Gewalt zu stoppen ist? Steinmeiers Reputation

wäre dahin, in der Kritik steht er jetzt

schon. „Schafft er es dagegen, zu vermitteln,

könnten sich die Deutsche mit ihrem

hartnäckigen Primat der Diplomatie international

Respekt verschaffen“, sagt Eberhard

Sandschneider, Forschungsdirektor

der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige

Politik (DGAP). Und das sogar, ohne es sich

mit dem eher pazifistischen Wahlvolk zu

verscherzen.

Davon dürfte die deutsche Wirtschaft

ebenso profitieren. Außerhalb der EU haben

immer mehr Unternehmen Ärger mit

korrupten Bürokraten oder protektionistischen

Gesetzen, hier können Diplomaten

im Kleinen helfen. In der großen Politik

könnten die Deutschen mit einer großen

Portion Glaubwürdigkeit dem Freihandel

neues Leben einhauchen – auch das ist ein

Ziel „im Amt“ unter Führung des ambitionierten

Frank-Walter Steinmeier. Der Trierer

Politologe Hanns Maull spricht von der

„ungewöhnlichen Fähigkeit“ der deutschen

Außenpolitik, „Koalitionen mit anderen

Akteuren zu schmieden und zu führen,

ohne dominieren zu wollen“. Allerdings

müsse man wissen, was man will.

Das weiß niemand so recht. Der strategische

Überbau von Steinmeiers neuer Außenpolitik

fehlt. Bislang ist unklar, ob sich

Deutschland nur als Schiedsrichter bei

Konflikten versteht oder eingreifen würde –

auch wenn der Einsatz zur Friedenssicherung

zuletzt in Afghanistan krachend gescheitert

ist. Offen ist, welche Rolle die

Bundeswehr in der Außen- und Sicherheitspolitik

künftig spielen soll. Wovon die

Beschaffung von Drohnen abhängt, die der

Wähler nicht will. Letzterer ist laut Umfragen

sowieso mehrheitlich der Meinung,

dass sich Deutschland bei internationalen

Krisen „eher zurückhalten“ möge.

AM ROCKSAUM

Immerhin hat die Bundesregierung erkannt,

dass die Deutschen in einer multipolaren

Welt nicht am Rocksaum der Amerikaner

kleben können, zumal die verstärkt

nationale denn transatlantische Interessen

verfolgen. Europa ist zwar wirtschaftspolitisch

groß genug, um China oder den USA

auf Augenhöhe zu begegnen, außen- und

sicherheitspolitisch nimmt die Welt den

28-Stimmen-Chor der Europäer aber nicht

ernst. Was das Ausland konkret von

Deutschland erwartet, will Frank-Walter

Steinmeier mit einem Experiment namens

Review herausfinden. Bis Ende des Jahres

werden Experten aus aller Welt nach ihrer

Meinung gefragt – im Frühjahr sollen die

dann in eine außenpolitische Strategie einfließen.

Das ist weltweit einmalig und

»

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 29

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

»

spricht für die Offenheit der Deutschen.

Egal, wohin die Reise geht – schon jetzt hat

Frank-Walter Steinmeier die Diplomatie

aus ihrem Dornröschenschlaf geküsst:

Selbstbewusstsein kehrt zurück, denn mit

Steinmeiers Comeback erobern sich die

Diplomaten ihre Deutungshoheit über außenpolitische

Themen zurück; zuvor hatten

sie moniert, Christoph Heusgen baue

sich als Berater der Bundeskanzlerin Angela

Merkel (CDU) ein „Neben-Außenministerium“

auf. Dies lag auch daran, dass der

vormalige Außenamtschef Guido Westerwelle

(FDP) auf dem internationalen Parkett

stets blass geblieben war. Zwar konnte

er auch auf Englisch gut reden, ein echter

Vermittler ist er aber nie geworden: In Konfliktlagen

zeigte sich das Auswärtige Amt

oft empört und verurteilte schnell – und

dabei blieb es stets. Derlei Verbalblamagen

sind unter Steinmeier selten geworden.

Überhaupt wirkt Steinmeier wesentlich

unverkrampfter als Westerwelle, der gleich

zu Beginn seiner Amtszeit unberechtigt der

Bevorzugung von FDP-Spezis bei Ministerreisen

bezichtigt wurde (und danach oft

gar keine Unternehmer mehr mit auf Reisen

nahm). Der neue alte Außenminister

nimmt bei jeder zweiten Reise Geschäftsleute

Huckepack. Die Mexiko-Reise wirkt

wie ein Erholungsaufenthalt für Steinmeier:

Wirtschaftlich läuft es rund in diesem

relativ offenen Land, wo 1700 deutsche Unternehmen

investiert sind. „Mexiko ist als

Brücke zwischen Nord- und Südamerika

ein geradezu idealer Standort für deutsche

Unternehmen“, sagt Steinmeier. „Unsere

Interessen überschneiden sich in vielen

Bereichen, etwa in der Klima- oder Handelspolitik.“

Auf solche Bündnisse kommt

es schließlich an in einer Zeit, da die Werte-

und Regelsetzungsdominanz des Westens

vorbei ist. Anders als Westerwelle

lockt Steinmeier dass Bad in der Menge

nicht, das Bierzelt ist dem Tischlersohn aus

Ostwestfalen stets fremd geblieben. „Seinem

Naturell entspricht es eher, stundenlang

nach Kompromissen zu suchen“, sagt

Volker Perthes, der ihn als Direktor der Stiftung

Wissenschaft und Politik gut kennt.

Zusehends fühlt sich Steinmeier wohler,

als am zweiten Reisetag die Ukraine-Lage etwas

sortierter ist. Sein Tross ist in die Provinz

Guanajuato geflogen, wo er die neue Nivea-

Fabrik von Beiersdorf eröffnet. Noch am

Flughafen hat er sich den Schlips vom Hals

gerissen, als ihn der braun gebrannte Gouverneur

überaus leger begrüßt. Nun klam-

Erholsamer Aufenthalt Steinmeier mit

kleinen Mexikanern

mert sich der Minister mit beiden Händen

ans Rednerpult und sagt: „Die Fernsehzuschauer

sehen mich ja meist, wenn ich in

Krisengebiete reise. Aber ich bin froh, hier

zu sein, denn hier bin ich am richtigen

Platz.“ Bei Investoren wie Beiersdorf sehe

man nämlich, wie „zwei Nationen an ihrer

gemeinsamen Zukunft arbeiten“. Am Ende

drückt Steinmeier auf den Start-Button und

wundert sich ein bisschen, als ein Ton ertönt

und hinter ihm wirklich das Band anläuft.

DEUTSCHES MODELL

In Europa ist es nicht so leicht wie hier,

Dinge in Bewegung zu setzen. Es war ein

Gedanke aus Steinmeiers erster Amtszeit,

Russland über eine Modernisierungspartnerschaft

politisch enger zu binden. Wenn

ein autoritäres Land über weiche Faktoren

wie Technologietransfer oder Berufsausbildung

die Vorzüge des „deutschen Modells“

kennenlernt, so das Kalkül damals,

wird das auch auf die Politik abfärben. Diese

„Wandel durch Handel“-Theorie, die auf

die SPD-Ostpolitik zu Sowjetzeiten zurückgeht,

nahm die Wirtschaft als Persilschein

für Geschäfte in Autokratien dankend an.

Heute gibt sich Steinmeier in Mexiko keine

Mühe mehr, die Beziehungen mit den

Prädikaten „strategisch“ oder „Modernisierung“

zu versehen. In der Russlandpolitik

ist das klug gedachte Konzept gescheitert –

und eine Konsequenz ist die Ukraine-Krise,

die den Minister bis ins fast 10 000 Kilometer

entfernte Mexiko verfolgt.

n

florian.willershausen@wiwo.de

Ständig auf Achse

Auslandsreisen von Bundesaußenminister

Frank-Walter Steinmeier

Norwegen

(ohne EU-Ministertreffen) 1 Großbritannien(2)

USA

Mexiko

Belgien(2)

Frankreich (6)

Spanien

Schweiz

Italien (3)

Griechenland

Katar

VAE 6

Baltikum

Polen

Russland 2 (2)

Österreich

Bosnien u. H. 5

Ukraine 4 (4)

Moldawien 3

Georgien 3

Türkei

Libanon

Israel (2)

Palästina

Mongolei

China

Japan

Krisendiplomatie,

Friedenssicherung,

humanitäre Hilfe

Wirtschaftsförderung

Beziehungspflege

Tunesien 3

Äthiopien

Angola

Tansania

1 Mehrfachbesuche in Klammern; 2 im Juni mit dem polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski; 3 mit dem französischen Außenminister Laurent Fabius;

4 im Februar mit den Außenministern Frankreichs und Polens; 5 Bosnien und Herzegowina; 6 Vereinigte Arabische Emirate; Quelle: Auswärtiges Amt, eigene Recherchen

FOTO: PHOTOTHEK/THOMAS KÖHLER

30 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

Hasenfuß-Rennen

GELDANLAGE | Wie Anleger ihr Aktiendepot absichern, warum Gold

in Krisenzeiten der ideale Wertspeicher ist.

ons höhere Wachstumsaussichten bei einer

ähnlichen Bewertung wie der Dax versprach.

In der Tat kletterten die durchschnittlichen

Erträge der MDax-Unternehmen

von 2009 bis 2013 etwa doppelt so

stark wie die der Dax-Unternehmen.

FOTO: REUTERS/BRENDAN MCDERMID; ILLUSTRATION: DMITRI BROIDO

Die Anleger an den Börsen erinnerten

ihn an die Akteure beim „Hasenfuß-

Rennen“ im James-Dean-Klassiker

„...denn sie wissen nicht, was sie tun“,

warnt Analyst Markus Reinwand von der

Helaba in Frankfurt. Im Film rasen junge

Männer in gestohlenen Autos auf eine

Klippe zu. Wer zuerst aus dem Wagen

springt, ist der Hasenfuß. Die meisten Akteure

glaubten aktuell offenbar daran,

rechtzeitig abspringen zu können.

AUFWÄRTS MIT ANGST

Reinwald macht das an Daten aus der

jüngsten Investoren-Umfrage der Investmentbank

BoA Merrill Lynch fest: Danach

ist der Anteil der überproportional in Aktien

engagierten Investoren mit 61 Prozent

der zweithöchste der vergangenen 13 Jahre.

Und dennoch liegt der Anteil der Anleger,

die Aktien für zu teuer halten, auf dem

höchsten Wert seit dem Crash-Mai 2000.

„Angesichts einer überdurchschnittlich

langen Phase ohne nennenswerte Kurskorrekturen

unterliegen offenbar immer mehr

Marktteilnehmer der sogenannten Kontrollillusion“,

schlussfolgert der Analyst in

seiner Studie von Mitte Juli.

Verschärft sich die weltpolitische Krisenlage,

springen die Investoren ab. Aber danach,

so scheint es, geht das Rennen in die

nächste Runde. Die Hausse im Dax indes

steht auf zunehmend brüchigem Funda-

Wer zuckt zuerst? Händler auf dem Parkett

der New York Stock Exchange

ment, getragen vor allem von billigem

Geld, niedrigen Zinsen und der Alternativlosigkeit

von Aktien. Angesichts ausgereizter

Bewertungen dominierten inzwischen

klar die Kursrisiken, warnt Reinwand. Das

Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der Dax-

Werte auf Basis der von Analysten für 2014

erwarteten Gewinne liegt mit

12,7 am oberen Rand der in den

vergangenen fünf Jahren beobachteten

Spanne, die durchschnittliche

Dividendenrendite

von 3,1 Prozent dagegen am unteren

Rand der Fünfjahresspanne.

Die Schwankungsintensität

der Kurse ist immer noch, trotz

zuletzt zeitweise heftigerer Bewegungen

im Zuge der politischen Krisen, sehr niedrig.

Das alles signalisiert eine gewisse Sorglosigkeit

der Anleger.

Noch gefährlicher als im Dax scheint die

Lage bei Nebenwerten aus dem MDax und

TecDax. In der Hausse seit März 2009 legte

der MDax, in dem 50 mittelgroße Aktien

von Aareal Bank bis Wincor Nixdorf vertreten

sind, um bis zu 270 Prozent zu, der Dax

schaffte nur etwa 170 Prozent. Dem MDax

kam zugute, dass er in der Frühphase der

Hausse dank zahlreicher Hidden Champi-

RÜCKSCHLAGSRISIKO IM MDAX

Doch nun wächst die Gefahr, dass sich die

Schere wieder schließt. Geht es nach den

bisherigen Hochrechnungen der Banken,

sollen die Unternehmensgewinne beider

Indexfamilien in dieser Saison um etwa ein

Fünftel zulegen. Schon damit hätte der

MDax keinen Vorsprung mehr. Dass seine

Unternehmen bei den im vergangenen

Jahr real erwirtschafteten Gewinnmargen

etwa um ein Drittel schwächer abschnitten

als der Dax, ist ein Warnsignal. Noch immer

werden MDax-Aktien mit einem KGV

von 17 deutlich höher gehandelt als die

Dax-Aktien mit ihrem 13er-KGV.

Gerechtfertigt ist das nicht mehr. Das

Rückschlagrisiko im M-Dax ist damit noch

höher als das im Dax. Besonders schwach

gelaufen ist aus dem MDax zuletzt der stark

in Russland engagierte Generikahersteller

Stada. Auch die Gewinnwarnung des Baukonzerns

Bilfinger, der mit mehr Ingenieurdienstleistungen

und weniger klassischem

Bau eigentlich stabilere Erträge liefern

wollte, hat Investoren verschreckt. Im

TecDax demonstrierten Medizintechniker

Dräger und die Software AG, dass Gelddrucken

der Notenbanken und Niedrigzinsen

allein sicher nicht Wohlstand und höhere

Unternehmensgewinne garantieren.

Im Gegenteil, meint Eberhardt

Unger, Volkswirt von

Fairesearch: „Je weiter die Leitzinsen

sinken, desto weniger

nützen sie zur Stimulierung.“

Wenn ein Unternehmen nicht

bei einem Leitzins von zwei Prozent

investiere, werde es das

auch nicht bei einem Prozent

tun, aus Sorge, für neue Produkte

keine Abnehmer zu finden. „Bei einer

Senkung auf 0,15 Prozent“, so Unger,

„schrillen Alarmglocken, die Notenbank

scheint ja einen schweren Konjunktureinbruch

zu befürchten.“

Der könnte etwa von der Rohstoffseite

kommen. Sollte der Westen tatsächlich

verschärfte Sanktionen gegen Russland beschließen,

dürften nicht nur die Gaspreise

in Europa anziehen, sondern auch die

Preise für Öl, Nickel, Kupfer, Aluminium,

Weizen und Palladium. Damit rechnen die

Rohstoffanalysten der Commerzbank.

»

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 31

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

»

Physische Reserve außerhalb des Finanzsystems?

Goldkeller der Deutschen Börse

Russland gehöre bei diesen Rohstoffen

zu den weltgrößten Produzenten. Steigende

Rohstoffpreise aber, vor allem steigende

Energiepreise, erzeugen Inflationsdruck.

Die Eskalation im Konflikt zwischen Israel

und der Hamas und die Lage im Norden

Iraks und in Libyen treiben den Ölpreis.

Gold gilt als Krisenprofiteur, und es bietet

Anlegern bei Inflation Schutz vor Kaufkraftverlusten

ihrer Heimatwährung. So

folgten auf die beiden Ölkrisen in den Siebzigerjahren

jeweils starke Preisschübe

beim Gold. Überschießt der Ölpreis aber

nach oben, brechen Konjunktur und Investitionen

ein. Nachdem der Ölpreis zum

Beispiel 2008 auf 150 Dollar pro Barrel

schoss, kollabierte die Weltwirtschaft.

Die Folgen: schwächere Unternehmensgewinne,

höhere Arbeitslosigkeit und

schrumpfende Steuereinnahmen. Die Vermögenspreise

gerieten unter Druck,

Zwangsverkäufe klammer Investoren erhöhten

diesen. Das könnte vorübergehend

auch wieder beim Goldpreis passieren,

wenn etwa an den virtuellen Goldmärkten,

an denen Gold in Form von Derivaten und

börsennotierten Fonds (ETF) gehandelt

wird, Investoren Geld brauchen, um an anderer

Stelle Verluste zu decken.

Dass die physische Nachfrage nach Gold

weltweit einbricht, ist gerade wegen der

dann zunehmenden Verunsicherung der

Anleger unwahrscheinlich. Zumal auch die

Solvenz von Banken wieder hinterfragt

würde. Denn im Abschwung drohen bei ihnen

noch mehr Kredite faul zu werden.

Eine zunehmende Konfrontation des

Westens mit Russland könnte das Systemrisiko

an die Finanzmärkte auch direkt zurückbringen.

Um die Märkte in Unruhe zu

versetzen, reichte vermutlich schon ein

vom Kreml administrierter Zahlungsausfall

eines russischen Unternehmens. Europas

Banken hängen mit am Fliegenfänger.

Laut einer am Mittwoch veröffentlichten

Statistik der Bank für internationalen Zahlungsausgleich

hatten europäische Banken

per Ende April 177 Milliarden Dollar nach

Russland vergeben. Französische Banken

hatten Forderungen über 50,3 Milliarden,

177Milliarden

Dollar haben Europas

Banken nach Russland

vergeben

italienische über 27 Milliarden und deutsche

über 23 Milliarden Dollar.

Ein Totalausfall ist unwahrscheinlich.

Goldanleger aber werden nicht müde zu

betonen, dass immer nur ein Bruchteil der

sofort abrufbaren Kundeneinlagen bei

Banken durch Bargeld und Reserven bei

der EZB gedeckt ist. Das System funktioniert

nur, solange Kunden ihr Geld auf dem

Konto lassen. Der Run auf die bulgarischen

Banken im Juni, der nur durch eine EU-Hilfe

über 1,7 Milliarden Euro gestoppt werden

konnte, erinnert an den flüchtigen

Charakter des Bankensystems. Jürgen

Stark, Ex-Vizepräsident der Bundesbank,

bezeichnete unser Geldsystem unlängst als

„pure Fiktion“. Er empfiehlt Anlegern, einen

Teil ihrer „fiktionalen Ersparnisse“ gegen

einen Zusammenbruch des Systems

zu schützen und auch in Gold anzulegen.

GOLD ALS NOTFALLRESERVE

Tatsächlich bietet physisches Gold eine Reserve

außerhalb des Finanzsystems. „Physisch

bedeutet, dass ich immer zu meinem

Safe gehen, meine Barren und Münzen

rausnehmen und am Markt verkaufen

kann, wenn ich das muss“, sagt der Schweizer

Vermögensverwalter Felix Zulauf.

Sollte die Wirtschaft der geopolitischen

Krisen wegen einbrechen, dürften die Zentralbanken

die Dosis der Geldschöpfung

wieder stark erhöhen. Gold aber ist, anders

als Dollar oder Euro, nicht beliebig vermehrbar.

„Mich interessiert nicht, wohin

der Goldpreis geht. Im Vergleich zu dem

Wert, den es besitzt, wenn ich die Versicherung

tatsächlich brauchen sollte, ist Gold

billig“, bringt es ein Hamburger Kaufmann

auf den Punkt. Diese Absicherung kann

über Jahre aber auch nur Geld kosten, wie

eine Versicherungspolice.

Das gleiche Prinzip hilft bei Aktien. Auf

lange Sicht brauchen Anleger diese, weil sichere

Zinspapiere nicht mal die Inflation

ausgleichen. Verluste im Depot lassen sich

über Zertifikate (siehe Tabelle) abfedern,

die bei fallenden Börsen profitieren.

Im James-Dean-Film übrigens kommt

einer der beiden Helden nicht mehr aus

dem Auto raus, er rast über die Klippe. Ein

Hasenfuß zu sein kann sich auszahlen. n

frank.doll@wiwo.de, hauke reimer | Frankfurt, anton riedl

Vier gegen die Krise

Zertifikate und Verkaufsoptionsscheine für eine Absicherung gegen Kursrückschläge

Derivat (Emittentin)

Faktor-Shortzertifikat auf

Dax (Deutsche Bank)

Faktor-Shortzertifikat auf

MDax (Commerzbank)

Put-Optionsschein auf

Dax (HSBC Trinkaus)

Put-Optionsschein auf

MDax (Deutsche Bank)

Funktion

* in Euro; Quelle: Banken, Thomson Reuters

Wandelt tägliche Verluste im Index mit vierfachem

Hebel in Kursgewinne um; kein Knockout,

keine Laufzeitgrenze; für kurz- bis mittelfristige

Absicherung geeignet

Wandelt Indexverluste derzeit mit siebenfachem

Hebel in Kursgewinne um; Laufzeit bis 17. Juni

2015; für kurzfristige Absicherung und vor allem

gegen scharfe Indexrückschläge geeignet

ISIN

DE000DE9SRT7

DE000CZ34NN3

DE000TD0H4P1

DE000DX75V78

Kurs/

Stoppkurs*

2,45/1,72

2,70/1,89

4,65/2,33

0,92/0,46

Trend angeknackst

Wertentwicklung deutscher Aktien (Dax, in

Punkten) seit Mitte 2013

10 500

10 000

9500

9000

8500

8000

7500

2013

Quelle: Thomson Reuters

2014

FOTO: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

32 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTOS: SASCHA PFLAEGING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, JAKOB HOFF

NEW YORK | Die

App ersetzt fast

alles – das Hotel,

die eigene Küche

und auch das Taxi.

Von Martin Seiwert

Teilen statt

besitzen

Unser Fahrer Raza ist

adrett gekleidet, sein Auto

eine blitzblank polierte,

schwarze Limousine. Vor

vier Minuten habe ich in

eine Smartphone-App getippt,

dass ich zum Flughafen in Newark

will. Ich habe in der App gesehen, wie

Raza aussieht, dass ihn seine Kunden mit

4,7 von 5 Sternen bewerten, wo sich sein

Wagen gerade befindet, und stand dann

mit Familie und Gepäck kaum am Bordstein,

als er um die Ecke bog. 61 Dollar

kostet uns die Fahrt – in den meist abgewetzten

Taxis von New York, die man am

Straßenrand herbeibetteln muss, wären

es zehn Dollar mehr gewesen.

Die Fahrt hat Uber (vom deutschen

„über“) vermittelt. Die App ist neuester

Auswuchs der Sharing Economy: Kunden

teilen Güter, statt sie zu besitzen: Die Reinigung

ersetzt die eigene Waschmaschine,

die Restaurant-App die Einbauküche, der

Community Garden in der Baulücke den

Balkon, die über das Internet gebuchte

Privatwohnung das Hotelzimmer.

Und nun also Uber, wo Privatwagen als

Taxis fungieren. Vor vier Jahren in San

Francisco gegründet, ist Uber heute in

130 Städten aktiv und revolutioniert mit

Kampfpreisen die Taxi-Welt. Uber wird

mit 18,2 Milliarden Dollar bewertet, mit

mehr als die fusionierten US-Airlines

United und Continental. Die Mission des

Gründers Travis Kalanick: in Städten

das eigene Auto überflüssig zu machen.

Zumindest in New York, wo ein Parkplatz

um die 500 Dollar pro Monat kostet, ist

dieses Ziel nicht sehr verwegen.

Es scheint, als würde New York immer

mehr zur Kommune. Aber eine, in der alle

ans Geld denken.

Martin Seiwert ist Korrespondent der

WirtschaftsWoche in New York.

BILDUNG | Die Durchschnittsnoten der allgemeinen

Hochschulreife sind besser denn je – als Trostpflaster

für stressige Reformen? Von Christian Schlesiger

Abi(tor)tur

Führt weniger Unterricht zu besseren

Noten? Chef-Philologe Meidinger

Die Oberschlauen sitzen in

Thüringen. Im Schnitt kamen

Abiturienten aus Erfurt, Jena

oder Gera zwischen 2008 und

2012 auf die Abschlussnote 2,3 – so gut

wie nirgendwo sonst in Deutschland. Da

wollten andere Länder aufschließen und

förderten ihre Schülerelite. Der bundesweite

Abi-Schnitt verbessert sich seit Jahren –

noch nie war er so gut wie dieses Jahr.

Deutschlands Kinder werden also wieder

Dichter und Denker, so scheint es. Doch

spätestens seit der Vorsitzende des Deutschen

Philologenverbands, Heinz-Peter

Meidinger, die „Noteninflation“ als „nicht

zufällig“, sondern als „Methode“ bezeichnete,

streitet Berlin wieder um Bildung.

Schuld sei vor allem das G8, so der Vorsitzende

der Organisation, die bundesweit

90 000 Pauker vertritt. Einige Landesregierungen

hätten „softere“ Beurteilungsmaßstäbe

angelegt, um die Akzeptanz für

die verkürzte Schulzeit zu erhöhen. Der Vorwurf:

Bestnoten als G8-Stresspflaster. Dadurch

werde das „einst so hoch geschätzte“

deutsche Abitur massiv entwertet.

Mal wieder muss die Verkürzung der

gymnasialen Schulzeit auf acht Jahre herhalten,

um einen vermeintlichen Negativtrend

zu erklären. Andererseits: Waren es

nicht gerade Eltern, Ärzte und, ja, Lehrer,

die das G8 rüffelten, weil es den Druck der

Schüler unangemessen erhöhe?!

Die Antwort ist: Nein. Das G8 hat die Bildungsrepublik

in Bewegung gebracht, zum

Positiven. Leider versuchen Kritiker, die alten

Zeiten schönzureden, als in der Oberstufe

jede vierte Stunde ausfiel, in der zweiten

Hälfte der Stufe 13 kein vernünftiger

Unterricht mehr zustande kam und nachmittags

sowieso frei war. G9 ist überflüssig.

Das zeigen Leistungsvergleiche von

Doppeljahrgängen mit gleichen Prüfungsklausuren.

G8-Schüler schneiden kaum

schlechter ab als G9ler. 2013 brachten

G8-Schüler in Nordrhein-Westfalen gar

bessere Noten mit nach Hause.

Sollte der Befund eines ominösen Leistungsschwunds

bei heutigen Abiturienten

stimmen, so könnte auch das viel gelobte

Zentralabitur eine Mitschuld tragen.

In Ländern wie NRW und Niedersachsen,

die lange ohne zentrale Abi-Prüfung auskamen,

lagen die Durchschnittsnoten früher

schlechter als im Bundesschnitt. Nun

robben sie sich an bessere Noten heran.

Bundesweit gibt es zudem bald einen

„gemeinsamen Aufgabenpool“, „auf den

die Länder bei ihren Abiturprüfungen ab

2016/17 zurückgreifen können“, sagt

Sylvia Löhrmann, grüne Schulministerin in

NRW und Präsidentin der Kultusministerkonferenz.

Alles geschehe mit wissenschaftlicher

Begleitung. Damit werde „die Sorge

entkräftet, dass die Politik das Abitur leichter

oder schwerer machen will“. Sagt sie.

Eltern und Schülern ist das egal. Vielen

bleibt das Turbo-Abi G8 suspekt. Hamburger

entscheiden bald per Volksbegehren,

Bayern tüftelt am freiwilligen Flexijahr, und

Niedersachsen kehrt zu G9 zurück. Das ist

der falsche Weg: Es sollte einfach mal Ruhe

einkehren. In Thüringen und Sachsen gibt

es seit 1949 fast ununterbrochen das Abitur

nach acht Jahren – diese Kontinuität

bringt Erfolg. Beide Länder schneiden in

Vergleichstests besser ab als andere Länder.

Dort gab es keine chaotische Umstellung

auf G8. In Mathe, Physik und Chemie

erhalten Schüler mehr Wochenstunden.

Bundesbildungsministerin Johanna

Wanka (CDU) hat daher Sympathien für

G8. Sie wolle aber „nicht Schulmeister“ der

Länder sein. Sie wünsche sich nur „keine

Rückkehr zu ideologischen Auseinandersetzungen“.

Doch da ist Deutschland schon

mittendrin – leider.

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 33

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Der Volkswirt

KOMMENTAR | Jetzt mischt sich

auch die Bundesbank in die Lohnpolitik

ein. Die Arbeitgeber sind

sauer – zu Recht. Von Bert Losse

Frankfurter Pulle

An ungebetene Ratschläge

aus der Politik

haben sich die Firmenchefs

gewöhnt.

Pünktlich zu großen Tarifrunden

geben Parteivertreter gern

zu Protokoll, man wolle sich ja

nicht in die Tarifautonomie einmischen

– aber kräftig steigende

Löhne wären doch eine

schöne Sache. Aus einer anderen

Ecke hingegen kam derartiger

Rückenwind für die Gewerkschaften

in den vergangenen

50 Jahren eher selten – von der

Deutschen Bundesbank.

Umso erstaunlicher ist, was

eine Bundesbank-Delegation

um Chefvolkswirt Jens Ulbrich

jüngst bei einem Besuch des

Deutschen Gewerkschaftsbunds

im Gepäck hatte. Die Gewerkschaften

könnten ruhig

mehr Gas geben und den Verteilungsspielraum

in den Tarifrunden

voll ausschöpfen, so die

Empfehlung der Notenbanker

an die verdutzten DGB-Funktionäre.

Nach der gängigen Lohnformel

setzt sich dieser Spielraum

aus der Inflationsrate und

der Produktivitätsentwicklung

zusammen. Die Bundesbank-

Ökonomen empfehlen, nicht die

tatsächliche (niedrige) Inflation

als Referenzgröße zu nehmen,

sondern die Zielmarke der Europäischen

Zentralbank (EZB) von

knapp unter zwei Prozent.

KOSTEN STEIGEN

Nun spricht überhaupt nichts

gegen steigende Löhne. Die Beschäftigten

am Erfolg des Unternehmens

zu beteiligen sollte eine

Selbstverständlichkeit für

jeden Arbeitgeber sein. Die Frage

ist nur, wie kräftig der

Schluck aus der Pulle ausfallen

darf – die Lohnzurückhaltung

der vergangenen Dekade war

schließlich der Grundstein für

eine formidable Entwicklung am

Arbeitsmarkt, um die uns heute

ganz Europa beneidet. Und

Lohnzurückhaltung bedeutet im

Kern, den beschäftigungsneutralen

Verteilungsspielraum

eben nicht voll auszuschöpfen.

Daher ist der Vorstoß der Bundesbank

irritierend. Ihre Ökonomen

dürften wissen, dass die Arbeitskosten

in Deutschland 2013

wieder deutlich stärker zugelegt

haben als in der EU insgesamt –

und dass die Lohnzuwächse im

ersten Halbjahr 2014 nominal so

hoch ausfielen wie seit 15 Jahren

nicht mehr. Dass die Frankfurter

Währungshüter die Gewerkschaften

ausgerechnet vor der

wichtigen Tarifrunde in der Metallindustrie,

wo Ende Dezember

die Verträge auslaufen, zu einem

aggressiveren Kurs ermuntern,

ist auch politisch ungeschickt.

ANGST VOR DEFLATION

Offenbar folgt nun auch die

Bundesbank der Strategie der

EZB, aus Angst vor einer Deflation

die Inflationsrate in die Höhe

zu treiben. Dazu sind kräftige

Lohnsteigerungen in der Tat geeignet.

Doch wo, bitte schön, ist

die Deflation? Im Juni lag die

Teuerungsrate in Deutschland

bei 1,0 Prozent, und weiter runter

geht es nach Bundesbank-

Prognosen nicht. Im Gegenteil:

In ihrem Monatsbericht von Juni

schreiben die Notenbanker, die

Preissteigerung könnte „sich

auf 1,5 Prozent im kommenden

und 1,9 Prozent im darauf folgenden

Jahr erhöhen“.

Der DGB reagierte übrigens

verhalten auf die Einlassungen

zur Tarifpolitik. Vorstandsmitglied

Stefan Körzell: „Bislang

haben wir das ohne Tipps der

Bundesbank gut hingekriegt.“

NEW ECONOMICS

Ursache und Wirkung

Ein breites kulturelles Angebot in einer Stadt ist schön

– aber für das Wirtschaftswachstum bringt es so gut

wie nichts. Das behauptet eine neue Studie.

Die Erzählung vom Aufstieg

Berlins ist so einleuchtend wie

falsch. Nach der Wende wurde

die Hauptstadt erst zum Mekka

für Draufgänger und Künstler.

Später zog das offene Klima

junge Kreative an. Die begannen

nach einigen Jahren Startups

zu gründen – und heute ist

Berlin eine wirtschaftliche

Boomstadt.

So weit die Legende. In Wahrheit

aber haben Kultur und

Wirtschaftswachstum wenig

miteinander zu tun, schreiben

jetzt die Forscher Thomas Bauer,

Philipp Breidenbach und

Christoph Schmidt vom Rheinisch-Westfälischen

Institut für

Wirtschaftsforschung (RWI) in

Essen. Sie sind der Frage nachgegangen,

ob sich für Städte Investitionen

in die Kultur ökonomisch

lohnen.* Theoretisch

erscheint dieser Effekt schlüssig.

Die Basis von wirtschaftlicher

Leistung ist in erster Linie

Humankapital. Wo neues

Wachstum entstehen soll, da

müssen sich begabte Menschen

versammeln. Eine verbreitete

These macht die Kreativität gar

zum Ausgangspunkt dieser Entwicklung.

Künstlerisch kreative

Menschen bilden demnach den

Kernpunkt von Kompetenzclustern

und machen einen Ort

zum attraktiven Lebensmittelpunkt.

In der Folge siedeln sich

die hoch Qualifizierten an.

Die Autoren nehmen sich in

ihrer Untersuchung nun die bedeutendste

wissenschaftliche

Studie zum Thema vor. Unter

dem Titel „Phantom of the Opera“

hatte vor drei Jahren ein Forscherteam

um den deutschen

Ökonomen Oliver Falck vom ifo

Bauer, Thomas, Breidenbach, Philipp,

Schmidt, Christoph M.: „Phantom

of the Opera“ or „Sex in the City“?, Ruhr

Economic Papers 2014

Barocke Pracht Das Markgräfliche

Opernhaus Bayreuth

Institut den vermeintlichen Beleg

für die These erbracht. Anhand

historischer Daten zeichneten

sie nach, dass Standorte

mit einer Tradition als Kulturstandort

(Sitz eines barocken

Opernhauses) heute prosperierender

seien als Standorte ohne

diese Tradition.

Die RWI-Forscher bezweifeln

diese These und stellen zunächst

die Bedeutung der reinen

statistischen Korrelation

infrage. Dafür untersuchen sie

als Alternativen zwei offensichtlich

abwegige Erklärungsvariablen:

Bordelle und Brauereien.

Zumindest statistisch hängen

auch diese stark mit dem Wirtschaftswachstum

eines Standorts

zusammen.

In der Folge nehmen die Forscher

dann die Variable unter

die Lupe, die aus ihrer Sicht tatsächlich

den Unterschied

macht:die historische Rolle einer

Stadt als administrativer

Standort. Diese Variable erklärt

statistisch nicht nur die spätere

Ansammlung von Humankapital,

sondern auch die kulturelle

Leistungsfähigkeit selbst. Mit

anderen Worten: Kulturelle

Einrichtungen sind eine Folge

allgemeiner Prosperität – und

nicht deren Ursache.

konrad.fischer@wiwo.de

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, LAIF/LE FIGARO MAGAZINE

34 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Schwierigere Zeiten für

die Exportwirtschaft

Stagnation auf hohem Niveau

Exportklima und Ausfuhren

0,25

0,20

0,15

0,10

0,05

0

–0,05

–0,10

–0,15

–0,20

–0,25

Exporte (real,

saisonbereinigt,

Veränderung zum

Vorjahr in Prozent)

Die politische Krise zeigt Wirkung:

Um 30 Prozent sind die

deutschen Exporte in die Ukraine

im ersten Halbjahr gegenüber

dem Vorjahr eingebrochen.

Das Minus bei den Ausfuhren

nach Russland beläuft sich auf

14 Prozent oder rund 1,67 Milliarden

Euro (siehe Seite 18).

Das bringt die robuste deutsche

Exportwirtschaft zwar nicht um,

zeigt aber deutlich, dass viele

Unternehmen in schwierigeres

Fahrwasser geraten sind. Und

die Perspektiven bleiben vorerst

mau: Die Exporterwartung im

verarbeitenden Gewerbe fiel

im Juni auf 11,1 Saldenpunkte,

nach 14,7 Zählern im Mai.

Auch andere Frühindikatoren

deuten nicht gerade auf einen

bevorstehenden Boom hin.

Der vom Münchner ifo Institut

exklusiv für die WirtschaftsWoche

erstellte Exportklimaindex

verharrte im Juni auf seinem

Vormonatswert von 0,39 Saldenpunkten

(siehe Grafik). Der

Indikator bündelt den realen

Außenwert des Euro – also die

preisliche Wettbewerbsfähigkeit

der Ausfuhrwirtschaft –

sowie das Konsum- und Geschäftsklima

auf unseren wichtigsten

Absatzmärkten.

Während sich die preisliche

Wettbewerbsfähigkeit der Exporteure

wegen einer leichten

Abwertung des Euro gegenüber

dem Dollar geringfügig verbesserte,

sei die Stimmungslage

bei den Handelspartnern sehr

heterogen, schreiben die ifo-

Ökonomen in ihrer Analyse für

die WirtschaftsWoche. „In

Frankreich, Japan und Russland

verschlechtern sich die Erwartungen

der Firmen schon seit

mehreren Monaten.“ In China

seien die Unternehmen zwar

wieder optimistischer, allerdings

„befindet sich der entsprechende

Index weiter auf

unterdurchschnittlichem

Niveau“. Besonders dynamisch

präsentiert sich hingegen

Großbritannien: Die Einschätzungen

der dortigen Unternehmen

sind so positiv wie

noch nie im gesamten Messzeitraum

seit 1991.

¹ Geschäfts- und Konsumklima auf den wichtigsten Absatzmärkten Deutschlands sowie

realer Außenwert des Euro (Indexpunkte); Quelle: ifo

bert.losse@wiwo.de

Exportklimaindikator

1

08 09 10 11 12 13 14

1,5

1,0

0,5

0

–0,5

–1,0

–1,5

–2,0

–2,5

–3,0

–3,5

Industrie etwas

optimistischer

Die Stimmung in der deutschen

Industrie hat sich im Juli leicht

verbessert. Der vom Londoner

Forschungsinstitut Markit erhobene

Einkaufsmanagerindex

legte überraschend um 0,9 auf

52,9 Punkte zu. Ökonomen hatten

eine Stagnation im Vergleich

zum Vormonat erwartet.

Der Frühindikator liegt damit

weiterhin über der Marke von

50 Punkten, ab der gemeinhin

Expansion einsetzt. Der entsprechende

Index für den

Dienstleistungssektor kletterte

um 2,0 auf 56,6 Punkte.

In der Euro-Zone insgesamt

ging es hingegen leicht abwärts.

Der Einkaufsmanagerindex für

die Privatwirtschaft (Industrie

plus Dienstleistungen) sank im

Juli um 0,7 auf 52,8 Zähler. Markit

hatte für sein Konjunkturbarometer

rund 5000 Unternehmen

befragt. Besonders

schlecht war dabei der Wert für

Frankreich.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2012 2013

Durchschnitt

0,7

0,8

1,0

–4,0

–1,4

3,4

3,2

1,4

2012 2013

Durchschnitt

–0,9

–4,2

0,1

4,3

105,0

46,7

5,9

2,0

1,6

2,1

2896

478

29006

0,5

0,9

0,4

–2,4

–0,2

3,0

0,9

1,5

–0,2

2,5

0,3

1,0

106,9

50,6

6,5

1,5

–0,1

–2,5

2950

435

29370

I/13

0,0

0,3

0,0

–1,4

–1,5

–0,9

–0,7

0,2

März

2014

–0,8

–2,8

0,6

–1,8

110,7

53,7

8,5

1,0

–0,9

–3,3

2917

445

29701

II/13 III/13 IV/13

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,7

0,7

–0,2

0,5

1,7

1,6

2,5

1,5

April

2014

–0,3

3,4

–1,6

2,6

111,2

54,1

8,5

1,3

–0,9

–2,4

2882

447

29736

0,3

0,3

0,7

0,1

2,1

1,4

–0,1

0,8

Mai

2014

–1,8

–1,7

–0,6

–1,1

110,4

52,3

8,5

0,9

–0,8

–2,1

2907

445


0,4

–0,3

–0,3

1,4

0,2

1,2

2,5

1,3

Juni

2014





109,7

52,0

8,6

1,0

–0,8


2916

450


I/14

0,8

0,7

0,4

3,3

3,6

–0,8

0,2

2,2

Juli

2014






52,9

8,9







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

2,5

1,1

0,5

6,0

10,2

3,3

5,5

6,2

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

3,5

7,8

1,9

3,9

3,6

2,4

30,9




–1,1

3,5

1,5

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 35

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Der Volkswirt

Der Einzug ihrer Nationalmannschaft

ins WM-

Finale, mit dem die

meisten Argentinier nicht gerechnet

hatten, war eine willkommene

Ablenkung. Nun

muss sich das Land wieder dem

Alltag widmen – und der ist

nicht weniger dramatisch als

das Endspiel im Maracanã-

Stadion: Argentinien steht zwölf

Jahre nach seinem aufsehenerregenden

Zahlungsstopp erneut

am Rande eines Crashs.

Damals hatte das Pampaland

seine Zahlungen auf 100 Milliar-

WELTWIRTSCHAFT den Dollar Auslandsschulden für Argentinien hochriskant –

eingestellt; es war eine der größten

Staatspleiten aller Zeiten. In

Nur Scheinblüten deren Folge strich die Regierung

den Gläubigern in zwei Umschuldungsrunden

70 Prozent

Argentiniens Abstieg von einer reichen Volkswirtschaft

ihrer Anleihenwerte.

zum protektionistischen Chaosstaat zeigt, wohin

Heute ist die Lage ähnlich vertrackt

– doch diesmal für Argen-

Reformverweigerung führen kann.

tinien. Hedgefonds haben das

Land in den USA erfolgreich auf

die vollständige Zurückzahlung

ihrer Kredite verklagt. Sie wollen

sich nicht mit den angebotenen

30 Prozent der Kredite abspeisen

lassen. Argentinien muss

nun für deren Tilgung und die

aufgelaufenen Zinsen vollständig

geradestehen – und kann

erst dann seine anderen Schulden

zurückzahlen.

Stadt der Reichen Die argentinische

Metropole Buenos Aires

Bald pleite? Präsidentin Kirchner

muss Hedgefonds auszahlen

KEINE KREDITE MEHR

Noch lehnt Präsidentin Cristina

Kirchner dies ab. Doch wenn

die viertgrößte Volkswirtschaft

Lateinamerikas ihre Gläubiger

nicht bis zum 31. Juli bezahlt,

ist das Land von den internationalen

Finanzmärkten isoliert.

Pensionsfonds und andere

Großinvestoren dürfen Staaten,

die von den Ratingagenturen

als Zahlungsausfall eingestuft

werden, keine Kredite mehr

geben. Nicht mal mehr von der

Weltbank oder dem Internationalen

Währungsfonds (IWF)

bekäme Argentinien dann

Geld. Es wäre die vierte Zahlungskrise

Argentiniens in drei

Dekaden – und wieder drohen

katastrophale Folgen: Bereits

jetzt steckt das Land in der Stagflation.

Die Wirtschaft dürfte

2014 im besten Falle stagnieren.

Gleichzeitig könnte die Inflationsrate

bis Jahresende auf rund

45 Prozent hochschnellen,

warnt die Investmentbank JP

Morgan. Bei einem Default

droht eine tiefe Rezession wie

2002, als die Wirtschaft infolge

des Zahlungsstopps um 20 Prozent

schrumpfte.

Damit nicht genug: Die Devisenreserven

sind auf 28 Milliarden

Dollar gesunken – vor zwei

Jahren waren es fast doppelt so

viel. Eine leere Devisenkasse ist

ohne Dollar kann die Regierung

keine Medikamente, Lebensmittel

oder Treibstoffe importieren.

Es sieht also schlecht aus für

das Pampaland. Wieder mal.

Wie kein anderes Land erlebt

Argentinien regelmäßig schwere

Krisen – und das schon seit

einem Jahrhundert. Seine historische

Konjunkturkurve gleicht

einem Herzdiagramm. In dessen

Verlauf ist aus Argentinien,

der einstigen Blüte Südamerikas,

ein Krisenstaat geworden,

mit instabilen Institutionen, einer

ineffizienten Wirtschaft und

chaotischen Politik.

Vor einem Jahrhundert installierte

das britische Luxuskaufhaus

Harrods seine erste überseeische

Auslandsfiliale in

Buenos Aires. In der Hauptstadt

fuhr die erste U-Bahn Südamerikas.

Im Teatro Colón sang

Caruso. Die Argentinier waren

reicher als die Franzosen oder

Deutschen. Seitdem geht es

langsam, aber stetig bergab. Es

gäbe vier Arten von Ökonomien

weltweit, sagt der Wirtschafts-

Nobelpreisträger Simon Kuznets:

„Entwickelte und unterentwickelte

Staaten, Japan – und

Argentinien.“ In dieser Sonderrolle

sehen sich die Argentinier

auch selbst:Es gibt wenige Nationen,

die ihren Abstieg so leidenschaftlich,

ja fast genussvoll

analysieren und sezieren – und

denen es dabei noch gelingt,

sich als einzigartig darzustellen.

Argentinier seien Italiener, die

Spanisch sprechen, gerne Engländer

wären und glaubten, in

Paris zu leben, spottete der

Schriftsteller Jorge Luis Borges.

Argentiniens Pleitestatistik

hat handfeste Gründe. Sie zeigt,

dass auch reiche Länder absteigen

können, wenn sie nicht

ständig reformieren und an der

Produktivität ihrer Unternehmen

und Institutionen feilen.

„Wir Argentinier halten uns immer

für cleverer als den Rest der

Welt“, sagt der argentinische

Ökonom Claudio Loser, langjähriger

Direktor des IWF. So mutete

Argentinien bei den zwei Um-

FOTOS: MAURITIUS IMAGES/AGE, REUTERS/ARGENTINE PRESIDENCY

36 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


schuldungsrunden 2005 und

2010 den Anleihebesitzern nicht

nur exorbitant hohe Verluste zu.

Der damalige Präsident Néstor

Kirchner beschimpfte die Gläubiger

auch noch als gierig. Auch

als Argentinien jetzt von der US-

Justiz verdonnert wurde, Hegdefonds

den Nominalwert ihrer

Forderungen zurückzuzahlen,

zeterte Kirchners Gattin Cristina,

seine Nachfolgerin im Präsidentenamt,

über „gierige Geierfonds“.

Mit seitengroßen

Anzeigen in internationalen Tageszeitungen

empört sie sich

nun über die vermeintliche Ungerechtigkeit.

Bei den Vereinten

Nationen, bei der Organisation

Amerikanischer Staaten, beim

BRICS-Gipfel vergangene Woche

in Brasilien – überall drängt

sie andere Staaten zu Solidaritätsbekundungen

(die freilich

eher dürftig ausfallen).

Ein anderer Grund für den

unaufhaltsamen Abstieg ist – so

zynisch es klingt – der immer

noch hohe Lebensstandard vieler

Argentinier. Zwar beziehen

inzwischen 40 Prozent der Argentinier

in irgendeiner Form

staatliche Zuschüsse. Doch insgesamt

haben in Südamerika

nur Chile und Uruguay die Argentinier

beim Pro-Kopf-Einkommen

überholt. Eine zwar

schrumpfende, aber noch stattliche

Anzahl unter den 41 Millionen

Argentiniern kann relativ

mühelos recht angenehm leben.

Daher mag die politische und

wirtschaftliche Elite nicht ernsthaft

am Status quo rütteln –

geschweige denn Strukturreformen

angehen.

WICHTIGER AGRARSEKTOR

Trotz aller Krisen ist die 13-Millionen-Metropole

Buenos Aires

immer noch eine wunderbare

Stadt mit hoher Lebensqualität –

für diejenigen, die sie sich leisten

könnten. Etwa die Bewohner

des aufwendig restaurierten Hafenwohnviertels

Puerto Madero

mit seinen Kunstmuseen, Luxushotels

und schicken Bars. In

den neuen Hochhäusern des

Ausgehviertels mit Blick auf den

Río de la Plata wohnen reiche

Argentinier, um ihr Geld vor der

Inflation zu schützen – oder um

es zu waschen, wie einem jeder

Taxifahrer erklärt.

Finanziert wird das Überleben

des argentinischen Wirtschaftsmodells

mit der Notenpresse –

und durch die Besteuerung der

Agrarindustrie. Deren Exporte

sorgten in der Vergangenheit

stets verlässlich für Milliardeneinnahmen.

Wer die Hauptstadt

in Richtung der Feuchtpampa

verlässt, kommt nach ein paar

Autostunden in eine andere

Welt. Die Autobahnen sind gut

ausgebaut, die Traktoren neuen

Datums. Es gibt kaum noch Rinder

auf den Weiden, wie noch

So gehen die Gauchos

Wirtschaftswachstum und Inflation in Argentinien (in Prozent)

12

8

4

0

–4

–8

BIP-Wachstum

–12 1980 2014

Quelle: IWF, Oxford Economics, JP Morgan

vor einer Dekade. Dazu sind die

Pampaböden zu wertvoll: 10000

Dollar kostet ein Hektar mittlerweile.

Deswegen wird jeder

Quadratmeter intensiv genutzt,

für Mais, Weizen, Reis, Sonnenblumen

und Soja.

Das Problem: Der Staat greift

sich laut Landwirtschaftsverband

Sociedad Rural rund 75

Prozent vom Gewinn der Landwirte.

Die Farmer würden geschröpft,

schimpft der Verband.

Daher investieren die Agrarbetriebe

immer weniger und

haben ihre globale Spitzenposition

verloren. Seit 2006 ist Argentinien

vom dritten Platz als

Rindfleischexporteur auf Rang

zwölf abgestiegen. Das Land

exportiert nur noch ein Viertel

der Getreidemenge im Vergleich

zu 2006 – auch weil die

Regierung Weizenexporte verbietet,

um die Mehlpreise niedrig

zu halten.

Das zeigt, wo das Kernproblem

Argentiniens liegt – am

schwachen politischen Führungspersonal.

Gleich sechsmal

putschten seit 1930 die Militärs

und hinterließen stets ein

politisches wie wirtschaftliches

Chaos. Aber auch in demokratischen

Phasen setzten die Bürger

bei Wahlen lieber auf schillernde

Populisten, anstatt

langweilige Reformingenieure

zu unterstützen. Das galt für die

legendären Pérons genauso wie

50

40

30

20

10

Inflationsrate

0 1991 2014

für die späteren Präsidenten

Carlos Menem, Néstor Kirchner

und seine Gattin Cristina. Sie alle

wurden inmitten schwerer

Krisen gewählt, und sie einte

der Versuch, die Probleme lieber

durch Protektionismus zu

lösen, als mühselig zu reformieren

und die Produktivität des

Standortes zu verbessern.

Selbst die lange hochgelobte

Dollar-Bindung des Peso in den

Neunzigerjahren, die die Inflation

beseitigen und die Wirtschaft

modernisieren sollte,

führte nur zu einer Scheinblüte.

Im Doing-Business-Ranking

der Weltbank, das die Rahmenbedingungen

für Unternehmen

misst, zählt Argentinien zu den

wirtschaftsfeindlichsten Standorten

weltweit (Platz 126 von

189 Staaten). Beim Korruptions-Index

von Transparency

International steht das Land auf

Platz 106 unter 177 Ländern.

„Ein Drittel unserer Wirtschaft

kann auf dem Weltmarkt überleben

– zwei Drittel nicht“, sagt

Sérgio Berensztein, ein politischer

Analyst. Er sieht neben

Landwirtschaft, Bergbau und

Tourismus keine konkurrenzfähigen

Branchen mehr im Land.

VIEL PROTEKTIONISMUS

Dabei herrscht unter Ökonomen

Konsens, dass Argentiniens

Wirtschaft saniert werden

könnte: Die Unternehmen sind

kaum verschuldet. Das aktuelle

Haushaltsdefizit ist mit rund

drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts

(BIP) akzeptabel – zumal

die staatlichen Subventionen

bei Energie und Transport

knapp fünf Prozent vom BIP betragen

und gestrichen werden

könnten. Würde der Staat der

Wirtschaft Rechtssicherheit verschaffen

und die Unternehmen

in Ruhe lassen, könnte sich die

Konjunktur erholen. Doch die

Staatsbürokratie kontrolliert

nicht nur den Devisenfluss, sondern

entscheidet auch willkürlich,

welche Produkte importiert

werden dürfen und welche

nicht. Kein Wunder, dass die

Welthandelsorganisation WTO

Argentinien gerade wegen seiner

protektionistischen Politik

verurteilt hat und über Sanktionen

berät.

Zumindest einen Großinvestor

stört das nicht. Chinas Präsident

Xi Jinping sagte Argentinien

Mitte Juli 7,5 Milliarden

Dollar an Krediten für den Bau

von zwei Wasserkraftwerken

und einer Eisenbahnlinie zu.

Für Präsidentin Kirchner war

das der Beweis, dass Argentinien

weiterhin ein begehrter Investitionsstandort

ist. Bei der

Schuldenkrise helfen die Milliarden

von Chinas Entwicklungsbank

jedoch nicht:Die

Kredite sind projektbezogen.

alexander.busch@wiwo.de | São Paulo

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 37

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Der Volkswirt

DENKFABRIK | Wie stark beeinflussen Moral und Fairnessregeln unsere ökonomischen

Entscheidungen – und welche Rolle spielt der Eigennutz? Wer das Modell des rationalen

Homo oeconomicus im Museum für Ideengeschichte abladen will, übersieht einen

zentralen Punkt: Auch die Moral ist vielfach interessengeleitet. Von Friedrich Heinemann

Zurück durch die Hintertür

Der Homo oeconomicus

ist schwer in die

Defensive geraten.

Manche sagen: Er ist

tot. Die Vorstellung, menschliche

Entscheidungen seien

überwiegend durch die kalte

Maximierung des eigenen

materiellen Vorteils geprägt,

erscheint vielen Menschen als

einseitig und zynisch. Hinzu

kommen vielfältige empirische

Erkenntnisse, dass Fairness-

Gesichtspunkte und moralische

Normen das Verhalten

stark beeinflussen.

So zeigen etwa Laborexperimente,

dass Menschen materielle

Verluste hinnehmen, nur

um ein als ungerecht empfundenes

Verhalten zu bestrafen.

Das gilt sogar für Teilnehmer,

die nicht selber von unfairem

Verhalten betroffen sind. Und

nicht nur in der experimentellen

Ökonomik, auch in der realen

Welt lässt sich der Einfluss der

Moral nachweisen. Die Steuerzahler

hinterziehen bei Weitem

nicht so viele Steuern, wie es

ein Modell des Eigennutzes angesichts

niedriger Entdeckungswahrscheinlichkeiten

nahelegen

würde. Die Bürger betrügen

den Sozialstaat keinesfalls bei

jeder Gelegenheit, die sich bietet.

Und es ist nicht alleine die

Angst vor Strafe, die Menschen

von Verbrechen abhält, sondern

auch das Gewissen.

MACHTVOLLE ROLLE

Gehört der Homo oeconomicus

somit endgültig ins Museum der

ökonomischen Ideengeschichte?

Diese Schlussfolgerung wäre

in mehrfacher Hinsicht falsch.

Zunächst besagt die beschriebene

Empirie ja mitnichten,

dass Eigennutz irrelevant wäre.

Selbst wenn moralische Normen

einen Einfluss etwa auf das Ausmaß

der Steuerhinterziehung

haben, so spielen natürlich die

Höhe der Steuern oder die Entdeckungswahrscheinlichkeit

eine

nachweisbare Rolle für das Ausmaß

der Hinterziehung. Dass es in

jüngster Zeit zu einer Welle von

Selbstanzeigen gekommen ist,

dürfte kaum auf eine massenhafte

moralische Bekehrung der Vermögenden

zurückzuführen sein. Vielmehr

wirkt offenbar die mit den

Steuer-CDs und grenzüberschreitendem

Informationsaustausch

Moralische Normen

sind nicht

unabänderlich,

sondern werden

situationsbedingt

interpretiert.

gestiegene Wahrscheinlichkeit

von Entdeckung und Strafe. Die

Steuerhinterzieher reagieren nun

völlig rational: Weil die „Lotterie“

der Hinterziehung nun mehr Nieten

(Entdeckung) als Gewinne (unentdeckte

Hinterziehung) enthält,

wird sie weniger attraktiv.

Aber noch in einer fundamentaleren

Hinsicht ist der Homo oeconomicus

machtvoller, als seine

Kritiker suggerieren. Moralische

Normen und Fairness-Regeln sind

nämlich nicht unabänderlich.

Sie werden situationsbedingt interpretiert

und verändern sich

im Zeitverlauf. In diesem Kontext

spielt das Eigeninteresse eine

machtvolle Rolle. So zeigt sich in

der Analyse von Umfragedaten

ein bemerkenswertes Muster:

Menschen mit höherem Einkommen

haben tendenziell eine niedrigere

Steuermoral als Menschen

mit geringem Einkommen. Umgekehrt

haben Menschen mit niedrigem

Einkommen weniger Skrupel,

den Sozialstaat zu betrügen, als

Gutverdiener. Diese Muster stehen

im auffälligen Einklang mit

dem Eigeninteresse. Ein Reicher

kann sich eine strenge Sozialstaats-Moral

leisten, weil er ohnehin

keine Gelegenheit hat, den

Wohlfahrtsstaat zu betrügen. Bei

den Steuern sieht es anders aus,

hier wäre eine hohe Moral für

Menschen mit hohem Einkommen

kostspielig.

Mit anderen Worten: Eine moralische

Norm verliert an Überzeugungskraft,

wenn die Kosten ihrer

Befolgung hoch sind. Psychologen

ist diese Anpassung von

Normen und Gerechtigkeitsvorstellungen

an das Eigeninteresse

als „self-serving bias“ bekannt.

Dieses Phänomen führt dazu,

dass wir Normen situationsbedingt

nach unserem Vorteil auslegen.

Längerfristig hat es zur Folge,

dass Normen sich im Einklang

mit dem Eigeninteresse der Menschen

entwickeln und dann womöglich

auch erodieren. So gibt

es Hinweise darauf, dass ein großzügiger

Sozialstaat über die Jahrzehnte

die Ehrlichkeit im Umgang

mit Sozialleistungen untergräbt.

In gewissem Ausmaß basteln

sich Individuen und Gesellschaften

ihre Normen so zurecht,

dass sie nicht zu viele materielle

Einschränkungen mit sich bringen.

EINFLUSS NEHMEN

Auch die Anbieter moralischer

Normen – religiöse Gemeinschaften

oder auch säkulare Organisationen

– verfolgen oft ein

Eigeninteresse, wenn sie versuchen,

Einfluss auf die Ausbildung

von Normen zu nehmen.

So gibt es empirische Hinweise,

dass religiöse Gemeinschaften

Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung

besonders

kritisch sehen, wenn sie in einer

engen Beziehung zum Staat

stehen – und insofern ein Eigeninteresse

an ehrlichen Steuerzahlern

haben. Säkulare Interessengruppen,

die sich

moralisch äußern, verfolgen

ebenfalls ihr Eigeninteresse –

wenn etwa eine Interessengruppen

heimischer Produzenten

den Protektionismus moralisch

unterfüttert.

Diese Überlegungen zeigen:

Der Nachweis, dass moralische

Vorstellungen menschliches

Verhalten beeinflussen, widerlegt

mitnichten den machtvollen

Einfluss des materiellen

Eigeninteresses. Der Homo

oeconomicus betritt die moralisch

ausgeleuchtete Bühne

des menschlichen Handelns

selbstbewusst und einflussreich

durch den Hintereingang.

Friedrich Heinemann leitet

den Forschungsbereich Öffentliche

Finanzen am Zentrum für

Europäische Wirtschaftsforschung

(ZEW) in Mannheim.

FOTOS: PR, ULLSTEIN-BILD/CARO

38 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

Geheime Mission

CYBERABWEHR | Den Kopf frustriert in den Sand stecken und vor der technischen Überlegenheit

ausländischer Geheimdienste kapitulieren? Oder die Ärmel hochkrempeln

und eine Sicherheitsoffensive starten? Ein Jahr nach den Enthüllungen des ehemaligen

NSA-Agenten Edward Snowden zeigen Sicherheitschefs deutscher Unternehmen der

WirtschaftsWoche, wie sie sich vor Spionage- und Sabotageattacken schützen.

Spezialisten für Spionageabwehr

arbeiten lieber im Verborgenen.

Wenn allerdings Hans-Georg

Maaßen als Präsident des Bundesamtes

für Verfassungsschutz

(BfV) quasi der oberste Schlapphut der Republik

die Wirtschaft zum Erfahrungsaustausch

nach Berlin einlädt, dann verlassen

auch die sonst so scheuen Sicherheitschefs

kleiner und großer deutscher Unternehmen

ihre Wagenburg und plaudern ansonsten

sorgsam gehütete Interna aus.

An diesem Donnerstag im Mai hat Volker

Ressler, Leiter Corporate Protection

and Security beim Stuttgarter Autozulieferer

Bosch, gerade als Vertreter eines spionagegefährdeten

Technologiekonzerns auf

dem Podium Platz genommen, als der Moderator

die Frage aller Fragen stellt: „Kennen

Sie eigentlich Ihre Kronjuwelen?“

Kronjuwelen – so nennen Unternehmen

ihre kostbarsten Schätze. Früher wurden

sie im Panzerschrank aufbewahrt, jetzt liegen

sie auf – hoffentlich gut abgeschirmten

– Rechnern. Meist sind es Ergebnisse langjähriger

Forschungs- und Entwicklungsarbeit.

Auch sensible Kundendaten und Angebote

bei Ausschreibungen zählen dazu.

Umso überraschter sind die Teilnehmer

des Symposiums, dass ausgerechnet der

Vertreter von Robert Bosch – mit einem

Jahresbudget von 4,5 Milliarden Euro eines

der forschungsintensivsten Unternehmen

in Deutschland – erstmals ein ehrliches

Geständnis ablegt: „Wir sind dabei, unsere

Kronjuwelen kennenzulernen.“ Wow.

Bosch kennt seine wertvollsten Schätze

(noch) nicht. Wer hätte das gedacht.

Der Auftritt des Sicherheitschefs ist

symptomatisch für die Stimmung in den

Unternehmen. Seit den Enthüllungen des

ehemaligen NSA-Agenten Edward

Snowden ist klar: Deutschland mit seinen

High-Tech-Unternehmen gehört zu den

Top-Zielen ausländischer Geheimdienste.

Fast jedes dritte deutsche Unternehmen ist

in den vergangenen Jahren Opfer eines Cyberangriffs

geworden, ergab eine repräsentative

Umfrage des ITK-Branchenverbandes

Bitkom. Laut Studie des Virenschutzanbieters

McAfee liegt Deutschland mit einem

Schaden von 1,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts

an der Spitze der betroffenen

Länder – weit vor den USA und Japan.

Zudem bleiben Angreifer viel zu lange unentdeckt,

wie der jüngste Bedrohungsbericht

des kalifornischen IT-Sicherheitsanbieters

Fireeye zeigt: Durchschnittlich 229

Tage braucht ein Unternehmen, um Datendieben

auf die Spur zu kommen.

Wie reagieren deutsche Unternehmen

auf diese verschärfte Bedrohungslage? Die

WirtschaftsWoche wollte es genauer wissen.

Das Ergebnis der zahlreichen Gespräche

mit Unternehmens- und Sicherheitschefs:

Manche haben den Ernst der Lage

noch nicht erkannt, andere kennen die Gefahren,

kapitulieren aber vor der technischen

Überlegenheit der Geheimdienste

und anderer Angreifer. Die dritte Gruppe

krempelt die Ärmel hoch und erhöht die

Sicherheitsvorkehrungen noch weiter. Viele

dieser Unternehmen wollen ihre Abwehrstrategien

nicht offenlegen. Das, so erklären

sie unisono, würde nur die Angreifer

provozieren, noch aggressivere Attacken

zu fahren. Das Risiko will keiner eingehen.

Ein paar zur Nachahmung empfohlene

Puzzlesteine aus ihrem Gesamtkonzept

haben sie dann aber doch verraten. Schon

dieser kleine Ausschnitt zeigt: In der deutschen

Wirtschaft gibt es Pioniere, die den

Kampf gegen Geheimdienste und straff organisierte

Cyberbanden aufnehmen.

Spezialeinheit

mit Hackern

Daimler, Stuttgart-Möhringen. Die ehemalige

Unternehmenszentrale ist jetzt das

Reich von Sabine Wiedemann. Von hier

aus wehrt die 50-Jährige, die seit dreieinhalb

Jahren an der Spitze der Konzernsicherheit

steht, Attacken gegen die PCs und

Smartphones der weltweit 275000 Mitarbeiter

des Autobauers ab. Die Sicherheitsspezialistin,

die einst beim Bundeskriminalamt

arbeitete, ist eine von wenigen

Frauen in dieser fast ausschließlich von

Männern dominierten Szene. Vielleicht ist

das einer der Gründe, warum sie anders

mit der Abwehr von Spionage- und Sabotageangriffen

umgeht als viele Kollegen. Der

Arbeit der Sicherheitsabteilungen dürfe

nicht länger die Aura des Geheimnisvollen

anhaften: „Wir müssen viel offener damit

umgehen.“

Den Snowden-Enthüllungen gewinnt sie

deshalb auch Positives ab: Plötzlich fänden

Verbesserungsvorschläge zur Cyberabwehr,

die früher abgeschmettert wurden,

ganz oben und ganz unten viel mehr Gehör.

Das gesamte Unternehmen sei „sensibilisiert“.

Die Chance müsse man nutzen.

Daimler gehört zu den Dax-Unternehmen

mit den höchsten Sicherheitsvorkehrungen:

So gibt es längst ein Lagezentrum,

das weltweit und rund um die Uhr jeden

noch so kleinen Sicherheitsvorfall erfasst

und verfolgt. Um die IT inklusive der Se-

»

FOTO: BERNHARD HASELBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

40 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


DAIMLER

Sabine Wiedemann

Die Chefin der Konzernsicherheit

lenkt die Abwehr von

Attacken auf alle PCs und

Smartphones der weltweit

275 000 Mitarbeiter des Autobauers.

Wiedemann ist eine

von wenigen Frauen in einer

von Männern dominierten

Szene. Um Sicherheitslücken

aufzuspüren, setzt sie auch

auf eine hausinterne Hackertruppe,

die das Firmennetz

ständig attackiert.

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 41

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

curity-Lösungen kümmern sich 600

Spezialisten der Tochtergesellschaft Daimler

TSS. Trotzdem ist Wiedemann bewusst,

dass man sich auf dem Erreichten nicht

ausruhen darf: „Vollständige Sicherheit

kann nur eine Momentaufnahme sein.“ Bei

der Cyberabwehr müsse man neue, unkonventionelle

Wege einschlagen.

Darum arbeitet an einem geheimen Ort

eine Spezialeinheit fest angestellter Hacker.

Als einer von wenigen deutschen

Konzernen hat Daimler beschlossen, das

eigene Firmennetz permanent selbst zu attackieren,

um Schwachstellen und Sicherheitslücken

schneller aufzuspüren. „Es

bringt mehr, wenn wir die Sicht eines außenstehenden

Angreifers einnehmen“, sagt

Lüder Sachse, als Chief Information Security

Officer einer von Wiedemanns engsten

Mitarbeitern.

Die Reaktionen auf Snowden

Welche Konsequenzen deutsche Unternehmen

aus dem NSA-Abhörskandal ziehen*

31 %

23 %

13 %

11 %

49 %

Wir haben unsere Sicherheitsanforderungen

an IT- und Telekomdienstleister

erhöht

Wir werden in den nächsten zwölf

Monaten aus Sicherheitsbedenken keine

Cloud-Dienste in Anspruch nehmen

Wir haben konkret geplante Cloud-

Projekte zurückgestellt

Wir haben bestehende Cloud-Projekte

aufgegeben

Wir haben vorerst keine

Konsequenzen gezogen

* Mehrfachnennungen möglich; Quelle: KPMG; Bitkom

Aus der Arbeit der Hacker hat der Autobauer

folgende Lehre gezogen: „Die Widerstandsfähigkeit

der IT-Systeme muss so

hoch geschraubt sein, dass es für den Angreifer

zu aufwendig wird“, sagt Wiedemann.

Die meisten geben nach wenigen

Stunden auf und wenden sich einem anderen

Ziel zu.

Aus diesem Grund werde die bisherige

Sicherheitsphilosophie überdacht. Vielen

Unternehmen reiche es, die Checklisten

zusammen mit den IT-Sicherheitsbeauftragten

der Standorte abzuarbeiten. „Trotz

abgehakter Checkliste kann es bei Härtetests

schlechte Ergebnisse geben“, sagt

Sachse. „Die meisten Hackerangriffe dauern

nur wenige Stunden. Doch bis sie erkannt

werden, vergehen oft Monate. In diesem

Hase-Igel-Spiel wollen wir viel schneller

werden.“

Die Schlagzeilen der vergangenen Wochen

zeigen, wie dramatisch die Lage ist.

So griff beim Deutschen Zentrum für Luftund

Raumfahrt (DLR) in Köln-Porz, einer

der am besten gesicherten Forschungseinrichtungen

im Land, ein perfides Spionageprogramm

Rechner von Wissenschaftlern

an, ohne dass die Schutzprogramme

anschlugen. Der Trojaner war so programmiert,

dass er sich selbst zerstört, sobald

ihm jemand auf die Schliche kommt.

Beim Kölner Handelsriesen Rewe knackte

ein Hacker den privaten E-Mail-Account

eines Aufsichtsratsmitglieds und zog Unterlagen

für die nächste Sitzung ab. Der

Unbekannte versuchte Rewe-Chef Alain

Caparros damit zu erpressen und drohte in

einem anonymen Schreiben: „Wäre doch

schade, wenn diese Daten an die Öffentlichkeit

gelangen würden, oder?“

Welche IT-Sicherheitsmaßnahmen die

Unternehmen verstärken*

66 %

35 %

43 %

33 %

3 %

2 %

0 %

Organisatorische Verbesserungen

(z. B. Zugriffskontrollen)

Firewall eingeführt/erneuert

Virenscanner eingeführt/erneuert

Schulungen zur IT-Sicherheit

Standardisierungen/Zertifizierungen

Früherkennungssysteme einsetzen

Einstellung zusätzlicher IT-Sicherheitsexperten

Die Fälle sind nur die Spitze des Eisberges.

Nach Ansicht von Norbert Pohlmann,

Professor für Internet-Sicherheit an der

Fachhochschule Gelsenkirchen, sind die

Unternehmen weiter denn je davon entfernt,

einen perfekten Schutzwall aufbauen

zu können. „Zur Geschichte des Internets

gehört, dass die Sicherheitsprobleme jedes

Jahr größer werden“, bemängelt Pohlmann.

Die Sicherheitslücken könnten gar

nicht so schnell geschlossen werden, wie

sie auftreten: „Die Angreifer sind uns haushoch

überlegen.“

Experten wie Pohlmann plädieren deshalb

für branchenweite Sicherheitslösungen,

bei denen produzierende Unternehmen

den gesamten Datenaustausch mit ihren

Zulieferern verschlüsseln.

Auch Daimler denkt darüber nach, den

Zulieferern strenge Sicherheitsvorgaben

aufzuerlegen und die Sicherheitstests auf

die gesamte Lieferkette auszuweiten. Das

sei ein „sensibles Thema“, denn die Autozulieferer

seien rechtlich selbstständige

Unternehmen, so Wiedemann. Dabei gehe

es auch um die sichere Steuerung internetfähiger

Maschinen. „Viele Roboter sind anfällig“,

sagt die Sicherheitschefin. „In den

Fabriken gibt es heute nicht die Sicherheit

wie an den Büroarbeitsplätzen.“

Mit seinen Plänen für die Zulieferer ginge

Daimler weit über das bereits bestehende

Branchennetz European Network Exchange

(ENX) hinaus. Der in Frankfurt ansässige

Verein knüpfte im Jahr 2000 ein eigenes,

besonders gesichertes Netz für den

Datenaustausch zwischen den großen Autoherstellern

und ihren Zulieferern. 1700

Unternehmen, darunter alle großen in

Deutschland, sind angeschlossen. Beim

Gründungsmitglied Volvo wurde die Verbindung

allerdings aus Sicherheitsgründen

gekappt, nachdem Ford seine schwedische

Tochter vor vier Jahren an den chinesischen

Geely-Konzern verkauft hatte.

Bei Unternehmen aus dem Reich der Mitte

ist die Gefahr groß, dass sie mit den Geheimdiensten

kooperieren.

Schutzwall

für Maschinen

Berliner Wasserbetriebe, Berlin-Friedrichshagen.

Hinter der schmucklosen Fassade

des Pumpwerks, einen Steinwurf entfernt

vom Großen Müggelsee im Südosten

der Hauptstadt, hat der IT-Sicherheitsingenieur

Michael Böttcher etwas Besonderes

aufgebaut. Von seiner Leitstelle aus

wird die gesamte Wasserversorgung in

Berlin überwacht. Der größte deutsche

Wasserversorger pumpt jedes Jahr 200

Millionen Kubikmeter durch ein weitverzweigtes,

7900 Kilometer langes Rohrnetz.

„Die Versorgung muss rund um die Uhr

garantiert sein“, sagt Böttcher. Ein hochkomplexes

System aus neun lokalen Wasserwerken,

900 Brunnen, 42 Belüftungsbauwerken,

186 Aufbereitungsfiltern, 63

Reinwasserbehältern und 89 Reinwasserpumpen

sorgt dafür, dass aus jedem Wasserhahn

mit konstantem Druck sauberes

Trinkwasser fließt.

Hinter den etwa zwei Dutzend Monitoren

versteckt sich ein bislang einzigartiges

Kontrollzentrum, mit dem die Berliner

Wasserwerker Sabotageakte aus dem Internet

verhindern wollen: „Der Rolls-Royce

unter den IT-Sicherheitslösungen“, sagt

Böttcher.

»

42 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

BERLINER WASSERBETRIEBE

Michael Böttcher

Der IT-Sicherheitsingenieur des größten kommunalen

Wasserversorgers in Deutschland versucht

mit eigenem Kontrollzentrum, Sabotageakte aus

dem Web auf die komplexen Versorgungssysteme

zu unterbinden. Der Bereitschaftsdienst arbeitet

rund um die Uhr – mit hochverschlüsselten Zugängen

für alle Mitarbeiter.

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 43

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

Die Wasser- und Stromversorgung gehört

zu den Infrastrukturbereichen, die mit

besonders hohen Sicherheitsanforderungen

vor dem Totalausfall geschützt werden.

Für Berlin wäre es der GAU, wenn Hacker

oder ausländische Cyberkrieger in die

Steuerungscomputer eindringen und das

System lahmlegen. Eine winzige Manipulation

der Software reicht aus, um die Wasserversorgung

zum Stillstand zu bringen –

und damit das gesamte Gesellschafts- und

Wirtschaftsleben. Eine penible Überwachung

des gesamten Datenverkehrs ist

deshalb eine der Aufgaben des neuen Kontrollzentrums.

„Im Notfall müssen wir sehr

schnell handeln“, sagt Böttcher. Der Bereitschaftsdienst,

der rund um die Uhr im Einsatz

ist, muss deshalb im Notfall auch von

zu Hause aus sofort eingreifen und Korrekturen

vornehmen können.

Angst vor Smartphones

Welche Trends die Bedrohungslage durch

Cyberangriffe verschärfen (in Prozent)

Mobile Geräte

Cloud Computing

Soziale Netzwerke

Vernetzte Maschinen

Quelle: PAC

E-Commerce

Big Data

Sehr stark

6 %

3 %

2 %

7 %

Stark

24 %

26 %

20 %

19 %

26 %

35 %

39 %

49 %

Andererseits gelten gerade solche Fernzugänge

als Achillesferse aller Steuerungscomputer:

Die Zugangsdaten lassen sich

vergleichsweise leicht ausspionieren, ein

Mitarbeiter braucht sie nur weiterzureichen.

Sich einem externen Dienstleister als

Betreiber der Leitstelle „bedingungslos anzuvertrauen“

kam für die Wasserbetriebe

aber nicht infrage. Als erster kommunaler

Versorger haben die Berliner deshalb ein

hochgradig verschlüsseltes System implementiert,

das der Essener IT-Sicherheitsspezialist

Secunet in abgewandelter Form

auch im Regierungsnetz einsetzt, dem Informationsverbund

Berlin-Bonn (IVBB).

Der IVBB gilt als Messlatte in der Cyberabwehr.

Unter strengsten Vorgaben des

Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik

(BSI) für den elektronischen

Versand geheimer Verschlusssachen

haben Unternehmen wie Secunet und die

in Kirchheim bei München ansässige Genua

dieses hochsichere Regierungsnetz

mit ganz wenigen, besonders geschützten

und kontrollierten Übergängen ins öffentliche

Internet konstruiert.

2000 bis 3000 Mal pro Tag, also etwa zwei

Mal pro Minute, registriert das BSI einen

Angriff auf das Regierungsnetz. Die meisten

Angriffe – etwa mit Schadprogrammen

infizierte E-Mails – werden automatisch

abgeblockt. Nur in 30 Fällen musste das BSI

2013 aktiv eingreifen, um einen „Abfluss

kritischer Informationen“ zu verhindern.

Nur bei wenigen Unternehmen werden

bisher einzelne Sicherheitskomponenten

aus dem IVBB zur Absicherung der Firmennetze

eingesetzt. Den meisten ist das

zu teuer. Die Berliner Wasserbetriebe haben

anders entschieden, weil die preiswer-

Gefährliche Mitarbeiter

Vonwem die größte Bedrohung bei Spionageund

Cyberattacken ausgeht

Sehr große Bedrohung

Eigene Mitarbeiter

Wettbewerber

Externe Mitarbeiter*

Aktivisten

Organisierte Kriminalität

Ausländische Regierungsbehörden

(Geheimdienste)

6 %

teren Lösungen Lücken hatten. Böttcher:

„Wichtig war uns, dass wir die vollständige

Kontrolle behalten.“

Vertrauenswürdige

Anbieter

Relevante Bedrohung

7 %

5 %

5 %

* Zeitarbeitnehmer, Berater; Quelle: PAC

11 %

10 %

21 %

29 %

33 %

31 %

30 %

39 %

Varta Microbattery, Ellwangen. Wer Unternehmenschef

Herbert Schein in seinem

Büro in der Zentrale besucht, spürt sofort,

dass der Mann überdurchschnittlich technikaffin

ist: Auf seinem Schreibtisch liegen

die Utensilien, die ein Smartphone zur

Schaltstation für alle Lebensbereiche aufrüsten

können – Headsets, Uhren, Körpersensoren,

Armbänder und Brillen.

All diese Geräte, ist Schein überzeugt, sichern

Vartas Zukunft: Sie brauchen starke

Energiequellen, die so winzig sind, dass sie

sich leicht in jedes Teil einbauen lassen.

Möglich wird das durch neue, leistungsfähige

Lithium-Ionen-Batterien. Von Mitte

2015 an soll die Produktion im badenwürttembergischen

Ellwangen starten.

„Massenfertigung ohne hohen Ausschuss

können nur ganz wenige“, sagt Schein. „Wir

gehören dazu.“

Varta ist daher ein ideales Spionageziel.

Wie kaum ein anderes Unternehmen ist es

in die Forschungsprojekte von Autobauern,

Energieversorgern und Handyherstellern

eingebunden. Ob Energiewende oder

Elektroauto: Der Erfolg hängt an einem

starken Energiespeicher, der sich schnell

wieder aufladen lässt. Vartas für die Sicherheit

zuständiger Chief Information Officer

Wolfgang Fritz hat darum einen hohen

Schutzwall errichtet, der alle Spionageangriffe

abwehren soll: „Die Kunst ist, die

echten Innovationen zu schützen.“

Wenn doch mal einer mit „viel krimineller

Energie“ ins Firmennetz eindringt, könne

er mit den abgezogenen Informationen

wenig bis gar nichts anfangen, so Fritz: Die

wirklich wichtigen Informationen sind auf

drei Rechner verteilt, „der Angreifer bekommt

höchstens einzelne Puzzlesteine,

aber nie das gesamte Bild“.

Bei Sicherheitsfragen ist Fritz altmodisch:

Firmendaten per Cloud Computing

zu einem externen IT-Anbieter auszulagern

kommt für ihn nicht infrage. Inzwischen

sehen das viele IT-Chefs so: Laut einer

Bitkom-Umfrage haben 13 Prozent der

Unternehmen konkret geplante Cloud-

Projekte zurückgestellt, elf Prozent haben

sogar bestehende Lösungen aufgegeben.

„Die NSA-Affäre hat dem Wachstum einen

herben Dämpfer versetzt“, sagt Bitkom-

Präsident Dieter Kempf.

Auch an einer zweiten Tradition hält

Fritz fest. Nicht die Großen der IT-Szene

wie IBM oder Microsoft gehen in Ellwangen

ein und aus, sondern kleine, lokal tätige

IT-Dienstleister aus Baden-Württemberg

wie die Arcos Informationssysteme

aus Essingen. „Die helfen rund um die Uhr,

wenn es mal ein Problem gibt“, sagt Fritz.

Sicherheitsübung

im Vorstand

RWE, Essen-City. Wer in diesen Tagen in

der nahe am Hauptbahnhof gelegenen

Zentrale des Energieversorgers die von

Mitarbeitern besonders stark frequentierten

Bereiche wie etwa die Kantine besucht,

erkennt die Veränderungen sofort. Gut

sichtbar sind kleine Werbeständer an den

Eingängen aufgestellt, die den Schatten ei-

44 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTO: BERNHARD HASELBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

nes sportlichen Mannes mit Baseballkappe

zeigen: Die schwarze Silhouette zeigt einen

Spion. „Alles hat seine Schattenseite“ lautet

die Überschrift auf dem ersten Plakat.

Auf den nächsten werden Fragen an die

Mitarbeiter gestellt: „Wo ist Ihr Smartphone

gerade?“, „Haben Sie Ihr Büro abgeschlossen?“,

„Wo bewahren Sie Ihr Passwort

auf?“ Darunter steht ein Warnhinweis

wie auf Zigarettenschachteln: „Mangelnde

Vorsicht im Umgang mit Informationen

kann weitreichende Folgen haben – für Sie,

unsere Kunden und das Unternehmen.“

Die Kampagne ist Teil einer Sensibilisierungsoffensive,

die RWE im Frühjahr gestartet

hat. Der Vorstand um Peter Terium

geht mit gutem Beispiel voran: Ende März

nahm sich die vierköpfige Riege einen halben

Tag Zeit für eine Sicherheitsübung – eine

bis dato ungewöhnliche Maßnahme für

die viel beschäftigten Vorstände. Wie gehen

Angreifer heute vor? Wie ist die weltweite

Bedrohungslage? Wie gut ist RWE

aufgestellt? Wo gibt es Verbesserungspotenzial?

Auf diese Fragen wollten Terium

und seine Vorstandskollegen fundierte

Antworten erhalten. Sie tauchten für vier

Stunden in die Schattenwelt der Cyberspione

und -saboteure ein.

Live führte Sicherheitschef Florian Haacke

die technischen Tricks vor, mit denen

ausländische Geheimdienste oder gut organisierte

Kriminelle in Vorstandsrechner

eindringen. „Plötzlich konnten die Vorstände

mit eigenen Augen sehen, dass die

vier im Konferenzsaal aufgestellten Rechner

wie von Geisterhand aus der Ferne gesteuert

und interne Daten angezapft und

kopiert wurden“, erzählt Haacke.

Würde solch ein Angriff auf die Steuerungscomputer

im Stromnetz gelingen,

wäre das für RWE der GAU. Per Mausklick

könnte ein einziger Hacker den Strom abschalten

und damit eine Kettenreaktion im

ganzen Land auslösen. Für eine gut aufgestellte

Cyberabwehr, so Haackes Botschaft

an die Top-Etage, sind deshalb nicht mehr

nur die IT-Spezialisten verantwortlich. Der

ganze Konzern muss mitziehen, sonst gibt

es zu viele offene Flanken.

Noch in diesem Jahr will Haacke die Vorstandsübung

wiederholen. Als Nächstes ist

die zweite Hierarchieebene an der Reihe –

die Top-Manager der verschiedenen Konzerngesellschaften.

Haacke kennt die

Kronjuwelen des Konzerns – auch wenn

die bei RWE als Energieversorger längst

nicht so zahlreich sind wie beim Technologieriesen

Bosch.

n

juergen.berke@wiwo.de

VARTA

Wolfgang Fritz

Der IT-Chef des baden-württembergischen Batterieherstellers lässt sensible

Informationen auf drei Rechnern verteilt speichern – ein potenzieller Angreifer

soll so nur einzelne Puzzleteile erhalten, nie das gesamte Bild. Zudem vertraut

er auf lokale IT-Dienstleister vor Ort statt einem der Großen der IT-Szene.

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 45

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

Das Albrecht-Vermächtnis

ALDI | Der verstorbene Discountkönig Karl Albrecht hinterlässt nicht nur ein Milliardenvermögen,

sondern auch Management-Leitsätze, die das Fundament für Aldis Fabelaufstieg bildeten und heute

noch lehren, wie man einen Konzern über Jahrzehnte auf Erfolgskurs hält.

Kein verbaler Trauerflor, kein Hinweis

auf den Tod einer Legende, kein

Wort des Verlustes. Stattdessen übt

sich der allwöchentliche Newsletter „Aldi

informiert“ in munterer Verkaufsroutine:

Aluminium-Rollatoren gibt’s für 89,99 Euro,

Leder-Pantoletten für 8,99 Euro, und die

Dose WC-Schaumreiniger kostet 1,29 Euro.

Dazu Hornhautfeilen und Flaschenkühler,

Bikinizonen-Rasierer und Standmixer – alles

Aldi-günstig versteht sich, alles ab Montag

in der nächstgelegenen Aldi-Süd-Filiale

in haushaltsüblichen Mengen erhältlich.

Alles wie immer bei Aldi.

Wahrscheinlich hätte es Karl Albrecht

genau so gewollt. Er war so. Der Mitbegründer

des größten deutschen Discounters,

der Wegbereiter eines neuen Handelsformates

und reichste Deutsche stirbt,

doch das Geschäft geht unverdrossen weiter.

Nicht einmal kurz gerät die Verkaufsmaschine

ins Stocken, keine Kämpfe ums

Erbe lähmen den Konzern. Seit Jahren war

alles sorgsam vorbereitet für den Abgang

Karls des Großen, der über ein Reich von

fast 5000 Filialen in neun Ländern gebot.

Auf 19 Milliarden Euro wird sein Vermögen

taxiert, 38,51 Milliarden Euro Umsatz soll

Aldi Süd 2013 eingespielt haben.

Aus einer kleinen Ladenstube in Essen

haben Karl und sein 2010 verstorbener

Bruder Theo Albrecht ein global agierendes

Handelsimperium geschaffen und

Deutschland, das Land der Dichter und

Denker, auch in das Land des Discounts

verwandelt. Die Aldi-Brüder haben dazu

Verschwiegener Imperator

Aldi-Mitbegründer Karl Albrecht

FOTOS: ULRICH ZILLMANN, ALDI SÜD/DPA, OBS/ALDI EINKAUF GMBH & CO.OHG, WAZ FOTOPOOL/MARGA KINGLER-BUSSHOFF, PR, IMAGO/HRSCHULZ

46 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


eigetragen, die Verbraucher über alle Gesellschaftsschichten

hinweg auf „billig“ zu

eichen. Das Aldi-Prinzip wurde kopiert

und fand Einzug in andere Branchen.

Wie war ein solcher Siegeszug möglich?

„Ich habe Glück gehabt, sehr viel Glück“,

erklärte Albrecht in einem Gespräch mit

der „FAZ“ wenige Wochen vor seinem Tod.

Glück? Das mag bei aller Koketterie zum

Teil sogar stimmen. Die Entdeckung des

Erfolgsformates Discount gelang den Gebrüdern

aus einer Krisensituation heraus.

Hingegen hatten der anschließende systematische

Ausbau des Geschäfts und die

Sicherung der Marktposition über Jahrzehnte

hinweg nur wenig mit Zufall zu tun.

Sieben schlichte Leitsätze lassen sich identifizieren,

die das Fundament für Aldis Fabelaufstieg

bilden. Sie sind eng mit den unternehmerischen

Überzeugungen und der

Persönlichkeit des Gründers Albrecht verwoben

und taugen zugleich als generelles

Raster für einen nachhaltigen Unternehmensaufbau.

1

1. Reduziere

die Risiken!

Die Entwicklung des Discountkonzepts

bescherte den Albrechts einen Ruf als Handelsrevoluzzer.

Dabei wurde die Erfolgsidee

aus blanker Not geboren. 1948 übernehmen

Karl und Theo das im Krieg unbeschädigt

gebliebene Lebensmittelgeschäft

ihrer Mutter Anna in Essen und bauen eine

kleine Ladenkette auf. Mit dem Erstarken

der Selbstbedienungs-Supermärkte werden

die Nachbarschaftsläden jedoch zum

Auslaufmodell. Die Albrecht-Kundschaft

wendet sich ab. Die Handelsbrüder scheitern

mit dem Versuch, eigene Supermärkte

zu betreiben. Auch die Idee, Großmärkte

für Gewerbetreibende aufzumachen – das

spätere Modell der Metro – wird zum Flop.

Der vierte Anlauf ist schließlich der Volltreffer.

Statt üppig bestückter Regale gibt es

in den Läden nur ein karges Produktangebot,

allerdings zu unschlagbar günstigen

Preisen. Die Albrechts erfinden den Discount.

Von der ersten Filiale im nordrheinwestfälischen

Dinslaken aus revolutioniert

das neue Verkaufsformat ab Ende 1961 im

Sturm die Handelswelt.

Statt nun weitere Formate ins Rennen zu

schicken, um den Erfolg zu wiederholen,

schalten die Albrechts jedoch um und reduzieren

systematisch die Risiken. Das erprobte

Modell wird permanent verfeinert,

aber nicht mehr radikal umgebaut. Aldi gehört

fortan nur noch selten zu den Händ-

lern, die sich als Erste mit Innovationen auf

den Markt wagen und dabei oft genug Millionenbeträge

in den Sand setzen. Vielmehr

ist das Management darauf konditioniert,

den Markt genau zu beobachten und

Konzepte zu adaptieren, die sich bei Wettbewerbern

bewährt haben. Ideen werden

gesichtet, getestet, perfektioniert und erst

dann flächendeckend ausgerollt.

So führte Aldi Süd erst zur Jahrtausendwende

jene Scanner-Kassen ein, die bereits

seit den Achtzigerjahren zum Standard in

Supermärkten gehören. Bis dahin mussten

die Verkäuferinnen die Warencodes aller

Produkte auswendig in ihre Kassen hacken.

Parallel zur Einführung der neuen Aldi-

Kassen wurden die Verpackungen angepasst

und die Strichcodes gleich auf mehrere

Seiten eines Artikels gedruckt, um die

Kassiergeschwindigkeit noch mal zu steigern

– wenn schon Neuerung, dann richtig.

Ganz ähnlich agierte das Unternehmen

auf anderen Feldern: Egal, ob beim Aufbau

des Aktionsgeschäfts mit wöchentlich

wechselnden Gebrauchsartikeln, beim

Verkauf von frisch aufgebackenem Brot per

Automaten oder bei der Expansion in neue

Länder – Aldi wartet geduldig ab, ob eine

Idee wirklich zündet. Erst dann wird mit

voller Wucht zugeschlagen.

2

2. Verteidige den

Markenkern!

„Was man erreichen muss“, verriet Karl Albrecht

wenige Wochen vor seinem Tod,

„ist, dass der Kunde den Glauben gewinnt,

nirgendwo billiger einkaufen zu können.“

Gleich zu Beginn ihrer unternehmerischen

Tätigkeit setzen die Gebrüder Albrecht

auf den Preis als entscheidendes

Einkaufskriterium und legen damit eine

Markenstrategie fest, bevor es diese Werbevokabel

überhaupt gab. In spartanischem

Ladenambiente verkaufen sie Standardprodukte.

Über die Jahre verändern

sich zwar Ladengestaltung und Warenangebot,

Artikel wie Computer, Reisen und

Champagner kommen dazu. Doch die

konsequente Niedrigpreispolitik behält

das Unternehmen bei.

Die Folge: „Die Formel ‚Aldi gleich günstig‘

ist fest im kollektiven Bewusstsein der

Deutschen verankert“, sagt Bianca Casertano,

Handelsanalystin beim Brancheninformationsdienst

Planet Retail in Frankfurt.

Das Billig-Image wird vom Management

nach wie vor mit Verve verteidigt. Niemand

unterbietet Aldi beim Preis, lautet denn

auch das ungeschriebene Gesetz der

»

Keimzelle Essen

Im Herzen des Ruhrgebiets startete

die Handels-Erfolgsgeschichte.

1930 Lebensmittelladen von Mutter

Anna Albrecht in Essen-Schonnebeck

1971 Das Geschäft wird nach der Konzernteilung

zur Aldi-Nord-Filiale

1980 Typisches Discount-Interieur am

Stammsitz in der Huestraße 89 in Essen

2001 Der PC-Boom seit den Neunzigerjahren

führt zum Ansturm auf Aldi

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 47

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

Branche. Wer es dennoch wagt, muss

mit gnadenlosen Gegenattacken rechnen.

Erst Anfang des Jahres untermauerte Aldi

die Rolle als Preisführer. Mit einer Welle

von Rotstiftaktionen bei Eiern, Kaffee und

Fleisch sorgte der Discountprimus für Aufruhr

in der deutschen Handelszunft. „Das

ist Wertvernichtung“, schimpfte Rewe-Chef

Alain Caparros. Für Aldi dürfte sich der Angriff

trotzdem gelohnt haben. „Unsere ganze

Werbung liegt im billigen Preis“, hatte

Karl Albrecht schon 1953 postuliert.

Zugleich ist Aldi bei der Qualität der Waren

kompromisslos. Ständig werden die Eigenmarken

in Labors und bei unabhängigen

Instituten kontrolliert. Fällt etwa ein

Urteil der Stiftung Warentest negativ aus,

wird es für den Hersteller ungemütlich.

Natürlich versuchen auch die Wettbewerber,

die Qualitätsstandards zu halten,

schon um kostspielige und schlagzeilenträchtige

Rückrufaktionen zu vermeiden.

Doch hier kommt ein weiteres Kernmotiv

des Aldi-Erfolgs zum Tragen. Während die

Rivalen Tausende Artikel überwachen

müssen, sind es bei Aldi deutlich weniger.

3

3. Verringere

die Komplexität!

Das Discountgeschäft gilt als Kunst des

Weglassens – und Aldi hat es darin zu wahrer

Meisterschaft gebracht. Das Sortiment

verknappten die Gründer-Brüder anfangs

radikal. Gerade mal 350 Artikel fanden sich

in einer Filiale. Auch heute gibt es bei Aldi

nicht vier oder fünf verschiedene Butter-,

Waschmittel- oder Ketchupsorten wie bei

der klassischen Supermarkt-Konkurrenz.

Meist finden sich nur eine oder zwei Varianten.

Der Vorteil: Der Absatz konzentriert

sich auf einzelne Artikel, deren Verkaufsvolumen

steigt, was die Einkaufskonditionen

verbessert. Die Logistik ist mit weniger Waren

weniger aufwendig. Fehler bei Einkauf

und Bestellung werden vermieden.

Zudem haben Karl und Theo Albrecht

von Anfang an auf stark standardisierte

Prozesse gesetzt. Von der Warenwirtschaft

bis zum Ladenbau werden die Routine-

Vorgänge nach strikten Regeln bearbeitet.

Wer eine Aldi-Süd-Filiale kennt, findet sich

als Kunde wie als Mitarbeiter schnell auch

in einem anderen Markt zurecht. Weniger

Komplexität im Geschäft bringt am Ende

mehr: Mit einem Umsatz von 7900 Euro

pro Quadratmeter Verkaufsfläche ist Aldi

Süd der mit Abstand produktivste Lebensmittelhändler

Deutschlands.

4

4. Halte das Geld

zusammen!

Die Albrecht’sche Sparsamkeit ist legendär.

Tatsächlich lebte Karl Albrecht für einen

Multimilliardär bescheiden, wenn auch

längst nicht so asketisch, wie mitunter kolportiert

wird. Er bewohnte ein großzügiges

Anwesen im Essener Stadtteil Bredeney. In

den Siebzigerjahren kaufte der begeisterte

Golfspieler den Öschberghof, ein malerisch

gelegenes Wellnesshotel mit

27-Loch-Golfanlage. Dort, in der Nähe von

Donaueschingen in Baden-Württemberg,

fanden bisweilen auch die Familientreffen

des Clans statt – zuletzt Anfang April.

Chauffiert, so wird berichtet, wurde der

94-jährige Patriarch von seinem vertrauten

Fahrer im S-Klasse-Mercedes mit langem

Radstand, aber sparsamem Dieselmotor.

Albrecht wohnte wie immer abgeschirmt

in einer Villa, die per Tunnel mit dem

Öschberghof verbunden sein soll.

Von der barocken Prachtentfaltung anderer

Superreicher samt Yacht- und Privatjet-Exzessen

blieb Albrecht jedoch stets

weit entfernt. Öffentlich zur Schau gestellter

Prunk war ihm ein Gräuel. Als Aldi-Manager

ihrem Patron zum 90. Geburtstag ein

Zirkus-Event nebst Galadinner spendierten,

soll sich der Jubilar mit drei schlichten

Sätzen bedankt haben: „Ich wollte nicht,

dass ihr alle kommt. Ich habe Hunger. Und

ich gehe bald wieder nach Hause.“

Die Manager hätten es wissen müssen:

Zu den zentralen Erfolgsfaktoren des Unternehmens

zählt seit jeher eine bis ins

Skurrile anmutende Kostendisziplin.

Um Papier und Druckkosten zu sparen,

hätten die Clanchefs jahrelang Briefbögen

verwendet, auf denen die alte vierstellige

Postleitzahl säuberlich durchgestrichen

und durch die neue fünfstellige ersetzt

wurde, erzählen Aldi-Veteranen gerne.

Hochrangige Manager sollen gar eigens

Bleistiftstummel in ihren Schubladen versteckt

haben, um diese dann auf dem

Schreibtisch zu platzieren, sobald ein Besuch

des alten Herrn anstand.

Derlei Storys fügen sich nahtlos ins Bild

eines gnadenlos auf Effizienz getrimmten

Konzerns. Die Folge der Sparsamkeitsdoktrin:

Unternehmerische Hybris, gewagte

Expansionen, teure Übernahmen von

Wettbewerbern oder prunkvolle Zentralen

sucht man im Aldi-Reich vergebens. Der

Gewinn wird solide in das Kerngeschäft investiert

oder für schwere Zeiten gebunkert.

Das Unternehmen leistet sich nur, was es

bezahlen kann, üppige Kredite sind tabu.

5

5. Schaffe

klare Strukturen!

Gut möglich, dass der Siegeszug von Aldi

schon früh ins Stocken geraten wäre. Anfang

der Sechzigerjahre konnten sich die

Albrecht-Brüder angeblich nicht darüber

einigen, ob Zigaretten ins Sortiment gehö-

Brüderlicher Wettstreit

Aldi Süd und Aldi Nord im Vergleich

Umsatz weltweit in Milliarden Euro

(in Deutschland)

Filialen weltweit

(in Deutschland)

In wie vielen Ländern aktiv

Umsatz pro Quadratmeter

in Deutschland (in Euro)

Mitarbeiter in Deutschland

Vermögen der Eigentümerfamilie

(in Milliarden Euro)

38,51

(15,6)

4852

(1826)

Aldi Süd

Quelle: Planet Retail, EHI, „Forbes“, Unternehmensangaben

Aldi Nord

28,31

(11,3)

5339

(2425)

9 10

7900 5200

35000 28000

19,2 14,4

Bruttoumsatz der führenden Discounter in

Deutschland im Jahr 2013 (in Millionen Euro)

26985

15640

11345

18500

12900

7400

3025

1186

Norma

Penny*

davon Aldi Süd*

davon Aldi Nord*

Netto*

Lidl*

Netto (Dansk Supermarked)

* Schätzung; Quelle: Trade Dimensions

Aldi-Gruppe*

48 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTO: LAIF/SABINE BUNGERT

ren oder nicht. Karl schlägt eine Trennung

vor. Nach ein paar Tagen Bedenkzeit willigt

Theo ein, Aldi wird aufgeteilt. Karl bekommt

den Süden und schlägt sein Hauptquartier

in Mülheim auf, Theo beackert

fortan von Essen aus den Norden. Die Demarkationslinie,

der sogenannte Aldi-

Äquator, verläuft mitten durch Hessen und

Nordrhein-Westfalen. Wie ihren Heimatmarkt

steckten die Brüder später auch ihre

Claims weltweit ab. Die Märkte in den USA,

der Schweiz und Österreich fielen an Karl.

Frankreich, Spanien und Polen werden dagegen

von Aldi Nord aus Essen gesteuert.

Zudem betreiben die Essener in Amerika

die Handelskette Trader Joe’s.

Die frühere Grenzziehung tat dem Erfolg

keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die brüderlichen

Unternehmen haben sich im lockeren

Verbund wohl besser entwickelt, als es

unter einem starren Dach je möglich gewesen

wäre. Streitigkeiten, Kompetenzgerangel

oder wachsweiche Kompromisse wurden

vermieden, der Wettbewerb untereinander

angestachelt.

Was die Brüder durch die Teilung vorexerzierten,

wurde auch in die Unternehmen

implementiert. „Eine glasklare

Führungs- und Organisationsstruktur

sowie operative Exzellenz“, macht der frühere

Aldi-Süd-Manager Robert Peschke

bei seinem ehemaligen Arbeitgeber

aus. Peschke steuerte bis vor zwei Jahren

den gesamten Verkauf innerhalb der Aldi-

Regionalgesellschaft Langenfeld mit mehr

als 1200 Mitarbeitern und einer halben

Milliarde Euro Umsatz. Heute unterstützt

er mit seiner in Dresden ansässigen Beratung

DPMC Unternehmen aus dem Handels-,

Produktions- und Konsumgüterbereich

und greift dabei auf die Aldi-Prinzipien

zurück.

Der Kern: Freiräume schaffen innerhalb

exakt definierter Aufgabenbereiche und

durchorganisierter Prozesse. Als theoretische

Basis für den Aldi-Führungsstil sehen

Managementexperten das Harzburger Modell.

Die in den Sechzigerjahren entwickelte

Methode folgt dem Grundsatz, Verantwortung

an Mitarbeiter zu übertragen – sie

dabei aber streng zu kontrollieren.

Im Aldi-internen Regelwerk wurden die

Arbeitsbereiche lange Zeit bis hin zur

Organisation der Schreibtische aufgedröselt.

Es ist präzise festgelegt, wer in der

Führungshierarchie vom Filialleiter bis

zum Geschäftsführer über welche Themen

zu bestimmen hat.

„Führungskräfte dürfen nicht nur, sie

müssen entscheiden“, sagt Peschke.

„Durchregieren oder Weiterreichen von

Verantwortung werden konsequent verhindert.“

Erfolge wie Misserfolge sind so direkter

messbar.

6

Einziger Luxus

Golfplatz von Sparfuchs

Albrecht – im

Hotel nebenan tagt

der Familienclan

6. Sichere die Handlungsfähigkeit

des

Unternehmens ab!

Mit den Managementstrukturen auf das

Engste verzahnt ist die sogenannte systemische

Stabilität des Konzerns. Soll heißen:

So leicht bringt den Handelsriesen

nichts ins Wanken. Stets versucht das Unternehmen,

mehrere Lieferanten für ein

Produkt parat zu haben. Im Zweifel kann

der Hersteller ausgetauscht werden, ohne

die Warenversorgung zu gefährden. Derlei

Unabhängigkeitsbestrebungen ziehen sich

durch alle Bereiche und machen auch vor

dem Personal nicht halt. Im Mittelpunkt

des Geschäftsmodells stehe nicht die Einzelleistung

eines oder mehrerer Top-Manager,

sagt Experte Peschke. Mitarbeiter

würden stets auch für die nächsthöhere

Führungsebene ausgebildet. Die Konsequenz:

Jeder Mitarbeiter ist im System Aldi

ersetzbar. Das gilt letztlich wohl selbst für

eine Galionsfigur wie Karl Albrecht.

7

7. Regele rechtzeitig

das Erbe!

Dass für Familienunternehmen die Nachfolge-

schnell zur Existenzfrage werden

kann, zeigen Erbfolgekriege, wie sie jahrelang

die Hamburger Kaffeedynastie Herz

bei Tchibo ausfocht. Bei Aldi Süd scheinen

derlei Grabenkämpfe ausgeschlossen. Mit

Akribie und Vorausschau hat Karl Albrecht

zu Lebzeiten geregelt, was zu regeln war.

Bereits Anfang 1997 soll er laut „Spiegel“

für knapp 70000 Mark acht Grabstellen im

Feld 15 des städtischen Friedhofs in Essen

Bredeney für sich und die Seinen gekauft

haben. Schon vor Jahrzehnten balancierte

er Aldis Eigentums- und Führungsstruktur

so aus, dass auch im Todesfall der Fortbestand

und die Unabhängigkeit des Unternehmens

gesichert sind.

Operativ wacht ein Koordinierungsrat –

vergleichbar einem AG-Vorstand – aus drei

angestellten Managern über die Geschicke

des Discounters. Kontrolliert wird das Führungsteam

um Norbert Podschlapp von einem

Beirat, bestehend aus drei Eigentümervertretern

– Familiensprecher Peter Heister,

seiner Frau Beate und Albrecht-Enkel Peter

Max Heister – sowie drei externen Räten:

Neben Ex-BASF-Chef Jürgen Hambrecht

gehören Renate Köcher, Leiterin des Allensbacher

Instituts, sowie der Wirtschaftsprüfer

Jost Wiechmann dem Gremium an.

Zudem brachte Albrecht schon in den

Siebzigerjahren den Großteil seines Vermögens

in eine Familienstiftung ein: Die

Siepmann-Stiftung – benannt nach dem

Mädchennamen seiner Mutter – hält die

Anteile an Aldi Süd. An ihrer Spitze steht

Peter Max Heister, der über die Doppelfunktion

in Stiftung und Beirat in Zukunft

zum zentralen Aldi-Akteur werden könnte.

Die diffizile Konstruktion macht nicht

nur einen Verkauf oder eine Zerschlagung

von Aldi Süd faktisch unmöglich, sondern

bringt auch finanzielle Vorteile: Erbschaftsteuern

auf den Milliardenbesitz können

gedrückt und über einen langen Zeitraum

gestreckt werden.

n

henryk.hielscher@wiwo.de

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 49

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»Zu wenig Praxiserfahrung«

INTERVIEW | Walter Schwerdtfeger Deutschlands oberster Arzneiprüfer ist skeptisch bei neuen

Medikamenten und sorgt sich um die Sicherheit von Herzschrittmachern und künstlichen Gelenken.

Herr Professor Schwerdtfeger, immer öfter

wird vor gefährlichen Nebenwirkungen

bei Medikamenten gewarnt. Auch die

Schadensmeldungen bei Brustimplantaten

oder Herzschrittmachern nehmen zu.

Wie sicher sind die Patienten noch?

Grundsätzlich funktioniert das System der

Überwachung. Es gibt aber Schwächen

und Lücken, die zu Risiken führen können,

vor allem bei Medizinprodukten, die

in den Körper eingesetzt werden, wie etwa

Brustimplantaten oder künstlichen Gelenken.

Mehrere Tausend Frauen in Deutschland

erhielten von der französischen Firma PIP

hergestellte, schadhafte Brustimplantate.

Wie lässt sich das verhindern?

Das lässt sich nie ganz verhindern. Hier

war kriminelle Energie des Herstellers im

Spiel. Immerhin müssen die Überwachungsstellen

in Zukunft auch nicht angemeldete

Kontrollen der Hersteller durchführen.

Bisher war eine 14-tägige vorherige

Anmeldung üblich.

Anderes Beispiel: Herzschrittmacher des

US-Unternehmens Medtronic senden unvermutet

Stromstöße aus. Der CDU-Politiker

Wolfgang Bosbach ist deswegen im

vergangenen Jahr zusammengebrochen.

Medizinprodukte, die im Körper verbleiben,

wie auch Herzschrittmacher, müssten

in der klinischen Prüfung intensiver auf ihre

Eignung zur Anwendung im menschlichen

Körper untersucht werden.

Wie sicher sind künstliche Gelenke?

Sie steigern die Lebensqualität enorm. Mit

zunehmender Verweildauer im Körper

können zum Beispiel Schwermetalle in

den Körper gelangen, oder es bilden sich

Entzündungen. Auch hier wissen wir noch

zu wenig über das Langzeitverhalten.

Was hält Sie davon ab, genauer hinzusehen?

Immerhin Sie sind doch der Präsident

des Bundesinstituts für Arzneimittel

und Medizinprodukte, kurz BfArM.

Das Wort Medizinprodukte taucht zwar im

Namen auf, aber mit der Prüfung haben

wir nur am Rande zu tun. Wir registrieren

Fehlermeldungen, nachdem etwa künstliche

Hüftgelenke schon auf dem Markt

sind. Die Verkehrsfähigkeit wird von Einrichtungen

wie dem TÜV bescheinigt. Das

VOM FORSCHER ZUM BEHÖRDENCHEF

Schwerdtfeger, 65, leitet seit 2010 das

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte

(BfArM) in Bonn, Deutschlands

oberste Zulassungsbehörde. Der promovierte

Biologe und Honorarprofessor begann in

der Wissenschaft, unter anderem am Max-

Planck-Institut für Hirnforschung. 1992

wechselte er als Referatsleiter ins Bundesgesundheitsministerium.

Schwerdtfegers

Vertrag endet am 31. Juli; entsprechend

offen äußert er sich im Interview. Ein Nachfolger

ist noch nicht benannt.

50 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTO: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Problem ist: Die Überwacher sind auf Aufträge

aus der Industrie angewiesen. Es ist

nicht auszuschließen, dass in Einzelfällen

weniger kritisch geprüft wird, um mehr

Aufträge zu erhalten.

Was muss sich ändern?

Wirksamere Kontrollen können nur vom

europäischen Gesetzgeber beschlossen

werden. Es ist aber sehr schwierig, dafür

Mehrheiten zu finden, weil die Mitgliedsländer

das Thema als unterschiedlich brisant

einschätzen. Das BfArM bewertet sicherheitsbezogene

Meldungen und

schlägt gegebenenfalls Maßnahmen zur

Abhilfe vor. Durchsetzen können solche

Maßnahmen aber nur die Behörden der

Länder. Deren Betrachtungsweisen sind

nicht überall dieselben. Es scheint mir

nicht der Intention des Grundgesetzes zu

entsprechen, wenn auf diese Weise innerhalb

von Deutschland ein unterschiedliches

Schutzniveau entsteht.

Arzneien werden strenger kontrolliert.

Dennoch treten immer wieder unerwartete

Nebenwirkungen auf. Warum?

Das System der Arzneimittelkontrolle

funktioniert im Prinzip sehr gut. Aber Sie

können nicht jede Nebenwirkung über

große klinische Studien erkennen – auch

nicht, wenn mehrere Tausend Patienten

einbezogen sind. Auch lassen sich nicht alle

Wechselwirkungen mit anderen Präparaten

ausschließen, bevor ein Medikament

auf dem Markt ist. Natürlich haben Unternehmen

und Patienten ein berechtigtes Interesse

daran, dass neue Mittel schnell auf

den Markt kommen. Aber die weisen eben

noch wenig Praxiserfahrung auf. Ich selbst

würde mich – wenn ich die Wahl zwischen

einem älteren und einem neuen Medikament

hätte – immer für das ältere entscheiden.

Das kann in Wirkungen und Nebenwirkungen

besser eingeschätzt werden.

Boehringer Ingelheim hat mit Pradaxa ein

Mittel auf den Markt gebracht, das

Tausende Schlaganfälle verhindert, aber

vereinzelt teils tödliche Blutungen auslösen

soll, für die es kein Gegenmittel gibt.

Darf so ein Mittel auf den Markt kommen?

Ja, wenn die Zulassungsbehörden eine positive

Nutzen-Risiko-Bewertung vorgenommen

haben. Der Einsatz neuartiger

Arzneimittel muss von den anwendenden

Ärzten intensiv beobachtet werden.

Über europaweite Zulassungen wie bei

Pradaxa entscheidet die europäische Arzneimittelagentur

EMA in London. Wie viel

Einfluss hat Ihre nationale Behörde noch?

Deutschland ist das größte EU-Land, wir

sind die größte Arzneimittelbehörde in Europa

und haben einigen Einfluss. Unsere

Experten sind in wissenschaftlichen Ausschüssen

und Gremien vertreten.

Anfang dieses Jahres hat die EMA das

neue Hepatitis-C-Mittel Sovaldi des US-

Konzerns Gilead zugelassen. Eine dreimonatige

Behandlung kostet um die 100 000

Euro. Das ist doch nur noch dreist, oder?

Für die Preisfestsetzung sind nicht die Zulassungsbehörden

zuständig. Meine persönliche

Meinung ist, dass der Preis für ein

Arzneimittel wie zum Beispiel Sovaldi völlig

überzogen ist, selbst wenn dieses neue

Arzneimittel einen großen medizinischen

Fortschritt mit sich bringen würde.

Die EMA will für mehr Transparenz sorgen,

da die Pharmakonzerne negative

Aspekte klinischer Studien gegenüber der

Öffentlichkeit gern unter Verschluss

halten. Eine entsprechende Transparenz-

Regelung ist gerade verschoben worden.

Setzt sich da die Pharma-Lobby durch?

Hier steht das berechtigte Informationsinteresse

von Wissenschaftlern und Patienten

im Widerstreit mit dem ebenso berechner

Frau durch ein Pfizer-Mittel ausgelöst

worden sein könnte. Warum öffnet das

BfArM nicht häufiger seine Türen?

Auch Behörden haben Beharrungsvermögen.

Es ist gut, dass er den Hinweis zutage

gefördert hat. Aber es gibt auf einen gerechtfertigten

Verdacht Hunderte, an denen

nichts dran ist. Wenn jeder unsere Bibliothek

und Datenspeicher nutzen könnte,

würde das unsere Arbeit lahmlegen. Die

finanzielle Ausstattung ist jetzt schon

knapp. Wir bekommen etwa neue Stellen

grundsätzlich nur, wenn sie sich durch Gebühreneinnahmen

refinanzieren. Es gibt

Anfragen von Journalisten, Forschern und

Unternehmen. Neulich hat eine Kollegin

für eine Anfrage drei Tage lang kopiert. Dafür

dürfen wir maximal 500 Euro nehmen.

Können Sie garantieren, dass in den

Arzneien für deutsche Apotheken und

Kliniken immer genau das drin ist, was

draufsteht?

Es gibt ein gewisses Risiko, dass Arzneimittel

gefälscht sind, also keinen oder einen

falschen, womöglich schädlichen Wirkstoff

»Ich selbst würde mich immer für ein

älteres Medikament entscheiden«

tigten Interesse der Unternehmen, ihre Betriebs-

und Geschäftsgeheimnisse zu bewahren.

Ich finde: Informationen über den

Ablauf von klinischen Studien müssen offengelegt

werden, aber nicht alle Details.

Der Schweizer Konzern Roche hat gegenüber

dem Forschernetzwerk Cochrane

jahrelang Studien zu seinem umstrittenen

Grippemittel Tamiflu zurückgehalten.

Das habe ich auch nicht verstanden. Die

Konzerne legen den Begriff Geschäftsgeheimnis

weit aus und geben nichts heraus,

was nicht zwingend vorgeschrieben ist.

Also brauchen wir striktere Vorschriften?

Daran arbeitet die EMA ja gerade.

Ist es nachvollziehbar, dass Bayer die

Akten zu einem Hormonpräparat aus den

Siebzigerjahren nicht herausrückt, das

etliche Patienten geschädigt haben soll?

Es dürfte für Bayer schwer werden, die Akten

dauerhaft zurückzuhalten. Grundsätzlich

müssen die Unternehmen anerkennen,

dass die Öffentlichkeit einen Anspruch

auf solche Daten hat.

Vor Jahren klagte sich der Witwer Lothar

Schröder ins BfArM-Archiv. Dort fand er

einen Hinweis, dass der Selbstmord seienthalten.

Der Anteil liegt aber meines Erachtens

immer noch unter einem Prozent.

Das ist noch zu viel. Wer kontrolliert das?

Die Zoll- und Polizeibehörden und die

Überwachungsbehörden der Länder, mit

denen wir eng zusammenarbeiten.

Für Kriminelle ist das ein lukratives Feld.

Kürzlich sind in Italien Krebsmittel

gestohlen worden. Wie groß ist die Gefahr?

Die italienischen Behörden haben uns gesagt,

dass sie für die Sicherheit von Medikamenten

aus ihrem Land nicht garantieren

können. Derzeit wird etwa anhand der

Lieferscheine der Importeure die Legalität

der Lieferwege überprüft. Wir wissen aber

nicht, wie lange der Betrug schon lief, bevor

er aufflog. Wir müssen davon ausgehen,

dass ein gewisser Anteil Patienten und

Krankenhäuser erreicht hat.

Wie können Patienten sich schützen?

Fälschungen fallen oft nicht auf, zumal sie

mit deutschen Beipackzetteln ausgestattet

werden. Es gibt Forderungen, bestimmte

Importwege von Arzneimitteln generell

abzuschaffen. Aber das hilft nicht wirklich.

Kriminelle Energie findet immer Wege. n

juergen.salz@wiwo.de

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 51

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

Am offenen Herzen

BILFINGER | Roland Koch hat zu viel auf einmal angepackt, werfen

ihm interne Kritiker vor. Manager beklagen irrationale Vorgaben.

Roland Koch setzt eigenes Geld ein,

um den Kurssturz der Bilfinger-Aktie

zu bremsen. Zuletzt hatte der Chef

des Mannheimer MDax-Konzerns beim

Amtsantritt 2011 Aktien gekauft. 2014 griff

er schon zweimal zu: im Mai bei 86 Euro

und am 7. Juli bei nur noch 70 Euro.

Der jüngste Kauf erfolgte eine Woche

nach der Gewinnwarnung, die den Bilfinger-Kurs

auf Talfahrt geschickt hatte. Doch

die investierten 50 000 Euro – nach 100 000

Euro im Mai – waren wohl zu homöopathisch,

um die skeptisch gewordenen Börsenprofis

zu beeindrucken. Inzwischen

notiert die Aktie nur noch bei 65 Euro.

Koch, der Anleger, ist also im Minus.

Koch, der Manager, ist es auch. Genau drei

Jahre nach seinem aufsehenerregenden

Wechsel von der Politik in die Top-Etage

der deutschen Wirtschaft steckt der frühere

hessische Ministerpräsident in der Krise.

„Mir war von Anfang an klar, dass mir

auch mal richtig der Wind ins Gesicht

bläst“, gibt sich der 56-Jährige jüngst in einem

Interview abgeklärt, „und das ist jetzt

der Fall.“ Allerdings wirkt der Macher ratlos.

Er erwägt eine weitere Internationalisierung

Richtung Südafrika und Mittlerer

Osten für den zum Industrie-, Kraftwerksund

Gebäudedienstleister mutierten früheren

Baukonzern. Aber das muss er erst

einmal „im Vorstand entscheiden und im

Aufsichtsrat erörtern“. Mitte November erst

will Koch neue Mittelfristziele verkünden

und damit „jene Fantasie wieder wecken,

die im Moment aus der Aktie raus ist“.

KONZERN ALS GROSSBAUSTELLE

Strategisch drohen Bilfinger damit vier Monate

Perspektivlosigkeit. Gleichzeitig sind

die 74 000 Mitarbeiter angesichts der Vielzahl

laufender Umstrukturierungs- und

Sparprogramme zunehmend desorientiert,

frustriert und maximal unter Druck.

Die Großbaustelle Bilfinger ist auch für

Eingeweihte kaum noch überschaubar.

„Koch hat zu viel auf einmal angepackt

und dabei das System so unter Stress gesetzt,

dass Fehler passieren“, kritisiert IG-

Metall-Vorstand Holger Timmer, der bis

Mai im Bilfinger-Aufsichtsrat saß und inzwischen

ThyssenKrupp kontrolliert:„Was

»Koch setzt das

System so unter

Stress, dass

Fehler passieren«

Der bisherige Bilfinger-Aufsichtsrat und

IG-Metall-Vorstand Holger Timmer

verwaltung der bisher in München sitzenden

Industrieservicesparte BIS, die fast die

Hälfte des Bilfinger-Geschäfts steuerte,

wird komplett demontiert. Das Management

um den angesehenen BIS-Chef Thomas

Töpfer wurde geschasst oder vergrault

– zugunsten der Zentrale in Mannheim.

Gut war das bislang für Berater wie die

Boston Consulting Group. Unter Koch sei

„eine hohe zweistellige Millionensumme“

für Beratungsleistungen geflossen, verrät

ein Insider. Ein anderer bestätigt, es seien

40 bis 60 Millionen Euro gewesen.

Was die Einschnitte Bilfinger bringen,

muss sich noch zeigen. Von einer „Operation

am offenen Herzen“ spricht Gewerkschafter

Timmer: „Wie viel Zeit bleibt den Mitarbei-

bei Bilfinger in den letzten drei Jahren an

Programmen gestartet wurde, hätte auch

andere Organisationen an den Rand des

Funktionierens gebracht.“

So soll das Strategieprogramm Best (Bilfinger

Escalates Strength) unter anderem

die „konzerninterne Vernetzung“ der 500

Bilfinger-Einzelunternehmen für „verstärktes

Cross-Selling“ fördern. Dafür wird etwa

eine komplexe Auftrags-Datenbank aufgebaut,

von der ein Manager sagt: „Der Aufwand

ist riesig, aber ich glaube nicht, dass

das mehr Aufträge bringt.“

Während Best den Austausch fördern

soll, verbreitet das Excellence-Programm

vielerorts Misstrauen und Frust. Gedacht

ist Excellence „zur Steigerung der Effizienz

und Wettbewerbsfähigkeit“. 1250 Jobs

überwiegend in Deutschland werden dabei

abgebaut. Die funktionierende Selbsttern

noch für die Kunden, wenn das Management

sie zwingt, sich so viel mit sich

selbst zu beschäftigen?“ Die Frage sei, „ob

Koch die richtigen Prioritäten gesetzt hat, um

Bilfinger weiter zu entwickeln“. Ein hochrangiger

Bilfinger-Manager teilt Timmers Analyse:

„Koch hat zu viel gleichzeitig gewollt. Die

Energien werden innen vergeudet.“

Nun herrscht Chaos allerorten.

Die in München gekündigten Verwaltungsmitarbeiter

gehen schneller als gewollt.

Sobald sie neue Jobs haben, sind sie

weg – und reißen Lücken. „Kollegen in

Mannheim sollen ihre Funktionen übernehmen,

ersaufen aber in Arbeit und finden

keine Ansprechpartner mehr, die sie

was fragen können“, klagt ein Mitarbeiter

der ehemaligen BIS-Sparte. Neueinstellungen

als Entlastung für die Mannheimer

sind fraglich, weil gespart werden muss.

NERVOSITÄT AN DEN STANDORTEN

Rund 250 der 1700 Münchner Mitarbeiter

sollen von fünf Standorten an einem zusammenrücken.

„Aber wo in der Stadt, das

sagt uns seit einem Dreivierteljahr kein

Mensch“, schimpft der Bilfinger-Mann: „Da

konkurrieren Interessen. Niemand haut

auf den Tisch und entscheidet.“ Er attestiert

„Führungsschwäche bis ganz oben“.

Ähnlich unsicher ist die Lage in Hamburg.

Im Herbst 2013 verkündete Koch, die

elf Bilfinger-Standorte dort sollten in möglichst

einer Immobilie zusammengeführt

werden, um Kosten zu sparen. Klingt vernünftig.

Doch wo das sein wird, wissen die

Bilfinger-Hanseaten bis heute nicht.

Auch im Ruhrgebiet herrscht Unsicherheit.

In Oberhausen und Dortmund arbeitet

gut die Hälfte der 1100 Mitarbeiter der

Bilfinger-Kraftwerksparte. Ihr Auftragsmangel

löste die Gewinnwarnung vor vier

Wochen aus. Bis zu 300 der Power-Mitarbeiter

müssen demnächst gehen – aber in

welchen Betrieben und wer, das ist offen.

Gefunden sind die Standorte der

Shared-Service-Center, in denen Koch

Buchhaltung und Gehaltsabrechnung zusammenführt:

180 der Jobs sollen in Essen

angesiedelt werden. Weitere 100 gehen vorläufig

nach Eschborn bei Frankfurt – „bis

über einen endgültigen Bilfinger-Standort

in der Rhein-Main-Region entschieden ist“,

teilt das Unternehmen mit. Viele Mitarbeiter

stehen vor der Frage, ob sie umziehen

sollen – auch rund 300 IT-Kräfte, deren 30

Standorte auf zwölf reduziert werden.

Nervosität überall. Aber Koch – von den

Erwartungen des 20-Prozent-Aktionärs Cevian

Capital getrieben – will auch noch das

FOTO: LAIF/DOMINIK BUTZMANN

52 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Excellence-Programm beschleunigen. Das

freut vielleicht die Börsianer. Doch die Basis

fasst sich an den Kopf. Der Top-Manager

einer Bilfinger-Tochter klagt: „Was bei

uns an Vorgaben ankommt, ist irrational.

Frühverrentungen und einvernehmliche

Trennungen sind Vereinbarungen. Die

kann ich nicht wieder aufschnüren und ein

bisschen schneller abwickeln.“

Der Bilfinger-Verantwortliche berichtet,

Planzahlen würden autoritär durchgedrückt:

„Da will keiner mehr die Wahrheit

hören.“ Ziele seien unrealistisch gewesen:

„Irgendeiner hat sich in den Kopf gesetzt:

Power macht zehn Prozent. Wir haben auf

die Gewinnwarnung geradezu gewartet

und uns gewundert, dass sie erst jetzt kam.“

Kochs Ad-hoc-Meldung kassierte dann

Ankündigungen ein, die er ein paar Wochen

zuvor bei der Hauptversammlung

noch bekräftigt hatte. Deshalb sei die aktuelle

schroffe Kurskorrektur der Bilfinger-

Aktie „keine Sache, die sich in zwei, drei

Wochen erledigt“, glaubt Ingbert Faust,

Analyst bei der Frankfurter Investmentbank

Equinet. Fausts Kollege Marc Gabriel

von der Lampe Bank hält den Kurssturz

zwar für übertrieben, sieht aber Koch

„deutlich stärker unter Erfolgsdruck“.

Unter Erfolgsdruck

Die Börse erwartet

wieder steigende

Gewinne von Bilfinger

– Konzernchef

und Ex-Politiker

Koch muss liefern

Hoch und Tief im Koch-Depot

Wie sich die von Roland Koch gekauften Bilfinger-Aktien entwickelt haben (Kurs in Euro) 1

1.7.2011

1. Aktienkauf und

Amtsantritt Koch,

Kurs: 68,27 €

Depot: 49 837 €

Durchschnittlicher

Einstiegskurs 2 :

77,49 €

20.8.2011

Tiefstkurs: 50,47 €

Depot: 36 843 €

25.9.2012

Umbenennung:

Aus Bilfinger Berger

wird Bilfinger

8.5.2014

2. Aktienkauf, Kurs: 85,76 €

Depot: 162515 €

4.4.2014

Höchstkurs: 92,72 €

Depot: 67 686 €

20.9.2013

Koch verkündet Abbau

von 1250 Stellen

7.7.2014

3. Aktienkauf,

Kurs: 70,16 €

Depot: 183118 €

30.6.2014

Ad-hoc-

Mitteilung

24.7.2014

Kurs: 66,00 € 3

Depot: 172260 € 3

2011 2012 2013 2014

ISIN: DE0005909006; 1 nicht berücksichtigt: Kauf der Bilfinger-Aktienanleihe (ISIN: DE000TD16MA0) am 9.7.2014

für 49 585 Euro; 2 gewichtet; 3 bei Redaktionschluss; Quelle: Thomson Reuters, Bilfinger

95

90

85

80

75

70

65

60

55

50

DAS JAHR DER ENTSCHEIDUNG

Bisher hatte die Börse Bilfingers Wandel

vom Bauunternehmen zum profitableren

Industriedienstleister honoriert. Der zurzeit

laufende Verkauf der Tiefbausparte ist

der letzte Schritt dieser Metamorphose.

Doch die Energiekonzerne als wichtige

Kunden des neuen Dienstleisters stecken

selbst in der Krise. Analyst Faust hält deshalb

Kochs Plan, die Marge im Kraftwerkbereich

2016 wieder auf über acht Prozent

zu heben, für „ambitioniert. Die Energiekonzerne

werden Kosten senken, wo sie

nur können – auch bei den Dienstleistern.“

Im ersten Quartal blieb Bilfinger nach allen

Belastungen nur ein knapper Gewinn.

Die Zahlen des zweiten Quartals, die Koch

am 11. August vorlegt, werden kaum besser.

Bilfinger müsste in den kommenden

Monaten enorm zulegen, um 2014 noch einen

substanziellen Nettogewinn zu erzielen

– bei zunächst höheren Kosten durch

zusätzlichen Jobabbau. Das wird schwer.

Die Börse aber wartet auf bessere Auftragszahlen,

auf wieder real verdiente Gewinne.

Ob Koch eine Amtsverlängerung gewährt

wird, hieß es immer, entscheidet

sich 2014. „Der Kursverlust“, sagt ein Weggefährte,

„geht ihm tief unter die Haut.“ n

harald.schumacher@wiwo.de, anton riedl

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 53

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»Thinkbig100«

SERIE GRÜNDER (III) | USA Deutsche Start-ups erobern das Internet-Mekka Silicon Valley. Ihr Erfolgsrezept:

Sie entwickeln nicht wie viele andere Apps oder Online-Shops für die Masse, sondern bieten

Unternehmenskunden hoch spezialisierte Dienste und Software an. Wer sind diese Hidden Champions?

Zwischen all den coolen Gründertypen,

die neue Messenger-Dienste

wie WhatsApp oder andere verrückte

Apps entwickeln, wirkt Tobias Bauckhage

wie der Chef eines Versicherungskonzerns.

Grundsolide ist das Geschäftsmodell seines

Start-ups Moviepilot und auch ein wenig

altmodisch. Die werbefinanzierte Filmempfehlungsseite

ist auch schon seit sieben

Jahren im Netz, Bauckhages Unternehmen

mit Sitz am Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg

nimmt damit Jahr für Jahr

hohe einstellige Millionensummen ein.

Auf den zweiten Blick ist das Geschäft

des 38-Jährigen aber so aufregend, wie es

eines seiner Profilbilder im Internet verspricht:

Auf dem Foto sieht Bauckhage aus

wie Johnny Depp im Drogentrip-Film

„Fear and Loathing in Las Vegas“ – mit getönter

Skibrille posiert er in der Wüste, die

lange Zigarette lässig im Mundwinkel.

Die coole Pose passt, denn in Hollywood

ist der deutsche Unternehmer inzwischen

ein heimlicher Star. 2012 ging er nach Los

Angeles. Am „Silicon Beach“, wo der angesagte

Bilderdienst Snapchat oder das Filmportal

Hulu sitzen, eröffnete Bauckhage eine

Niederlassung und startete eine englische

Version von Moviepilot. Inzwischen

hat er monatlich bis zu 20 Millionen Besucher,

bei Smartphone-Nutzern gehört Moviepilot

zu den 50 beliebtesten Seiten der

USA. Bei Facebook zählt Bauckhages Unternehmen

27 Millionen Anhänger, verteilt

auf Unterseiten für Fans etwa von Vampirfilmen

oder von romantischen Komödien.

Vor allem mit dem Wissen über die Vorlieben

seiner Nutzer macht der gebürtige

Bad Harzburger inzwischen sein Geschäft.

„Wir haben mehr Daten über Filmfans als

manche Studios“, sagt Bauckhage. Dieses

Wissen stellt er den Marketingmanagern in

Hollywood zur Verfügung: Wenn Sony

oder 20th Century Fox Werbefeldzüge für

neue Filme entwickeln, hilft Bauckhage mit

seiner mächtigen Datenbank bei der Planung

der Kampagnen auf Facebook. Dafür

investieren die Filmproduktionsfirmen inzwischen

sechsstellige Summen. „Wir

konnten unser Geld viel effizienter ausgeben“,

sagt Lutz Rippe, Marketingchef bei

Andere Dimension

Wagniskapital-Investitionen (in Mio. Euro)

17 375

2010

723

Quelle: NVCA, BVK

USA

22 127

Deutschland

20 344

22 052

717 567 674

2011 2012 2013

Studiocanal. Er hat mit Bauckhages Hilfe

zuletzt den zweiten Teil der „Tribute von

Panem“ in Deutschland beworben: Statt

wie sonst 50 musste er nur 30 Cent pro

Facebook-Fan ausgeben.

Neben Moviepilot gibt es eine ganze Reihe

deutscher Start-ups, die Büros in den

USA eröffnet haben, um im Stammland der

digitalen Avantgarde mit den US-Newcomern

zu konkurrieren. Ihre Geschäfte

machen sie ohne großes Tamtam und weitgehend

unbemerkt von der breiteren

Öffentlichkeit. Weder programmieren sie

bekannte Apps, noch gehören sie zu den

Online-Händlern, die auf Apple-Normalverbraucher

zielen. Ihre Strategie ist unauffällig,

aber erfolgreich: Sie bieten hoch spezialisierte

Dienste und Software an, etwa

für Datenanalyse oder Smartphone-Werbung.

Ihre Kunden sind nicht die breite

Masse, sondern zahlungskräftige Unternehmen

wie Siemens, SAP oder Zalando.

Auch in den USA sind die deutschen

Spezialisten zunehmend gefragt. Bei Per

Fragemann stammen sogar drei Viertel der

350 Kunden aus den Vereinigten Staaten.

Der Chef und Gründer des Berliner Unternehmens

Small Improvements bietet Personalchefs

eine Software, um Mitarbeiter-

Feedback einzuholen. Das populäre Netzwerk

Pinterest, Browser-Urgestein Opera

oder die aus Australien stammenden Spezialisten

für Surferkleidung von Quicksilver

nutzen Small Improvements. In Deutschland

hat Fragemann dagegen nicht einmal

ein Dutzend Kunden. Die meisten Rechnungen

seiner deutschen GmbH werden

in Dollar fakturiert, darum zählt er auch

den Umsatz in der US-Währung: „In den

vergangenen 52 Wochen hatten wir 1,3

Millionen“, sagt Fragemann. Die Euro-Million

müsste also bald geknackt sein.

HEIMLICHER MILLIARDENDEAL

In der deutschen Gründerszene werden

diese Hidden Champions im Gegensatz zu

manchem gehypten Berliner Start-up

kaum wahrgenommen. Dabei hat es sogar

schon den Milliardenexit gegeben, auf den

Investoren und Gründer hierzulande so

sehnsüchtig warten: Im Mai wurde Team-

Viewer aus dem schwäbischen Göppingen

übernommen, ohne das jemand groß Notiz

davon nahm. Der britische Finanzinvestor

Permira zahlte schätzungsweise zwischen

800 Millionen und 1,1 Milliarden

Dollar für das Unternehmen.

TeamViewer stellt eine Software her, mit

der Computer aus der Ferne gesteuert

werden. So können etwa die Kinder damit

auf den Rechner der Eltern zugreifen und

ein Software-Update installieren, wenn

nichts mehr geht. 200 Millionen Anwender

weltweit nutzen das Programm, auch in

den USA wird TeamViewer immer populärer

– vor allem, seit Ende 2013 ein US-

Konkurrent mit einer ähnlichen Software

seine kostenlose Einstiegsversion abgeschafft

hat.

„Jetzt entsteht die nächste große Generation

an Start-ups“, sagt Dirk Kanngiesser,

Geschäftsführer des German Accelerators,

einem Programm, das deutschen Gründern

bei der Eroberung des US-Marktes

hilft. Der 58-jährige Investor war während

des ersten Internet-Booms zur Jahrtausendwende

Mitglied einer Taskforce der

Deutschen Börse, die den Neuen Markt

aufbaute. Nun will Kanngiesser der neuen

Gründergeneration zur Börsenreife verhelfen.

Vor zwei Jahren startete das vom Bundeswirtschaftsministerium

mit jährlich

rund einer Million Euro finanzierte Beschleunigungsprogramm

im Silicon Valley,

in diesem Monat hat ein Ableger in New

FOTOS: GABOR EKECS FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

54 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Venice FC In dem temporären Biergarten

organisierte Bauckhage Fußball-WM-Veranstaltungen

mit deutschen Gründern und

Mitarbeitern von Firmen wie YouTube

York eröffnet. Die Gründer bekommen für

drei bis sechs Monate Büroräume gestellt.

Bei Bedarf geben Silicon-Valley-Veteranen

Ratschläge, wie Investoren am besten

überzeugt werden können, oder vermitteln

Kontakte.

MOVIEPILOT | Tobias Bauckhage

Bauckhage hilft Hollywood-Studios bei

der Werbung in Facebook.

Facebook-Fans

27 Millionen

ALLGEGENWÄRTIGE HELDEN

Einer von Kannegießers aktuellen Schützlingen

in Palo Alto ist Sebastian Klenk. Der

Manager leitet die Auslandsexpansion des

Nürnberger Datenbankspezialisten Exasol.

Der Softwareentwickler hat eine besonders

schnelle Datenbank entwickelt, mit der

Unternehmen wie Adidas, Xing oder Zalando

ihre Kundendaten speichern und

analysieren. 40 Millionen Euro nahm das

75 Mitarbeiter zählende Unternehmen damit

2013 ein.

Klenk hat ein Büro in einem unscheinbaren

Flachbau an einer Ecke der University

Avenue bezogen, die direkt zur Stanford-

Universität führt. Neben seinem Schreibtisch

steht ein Darth-Vader-Pappaufsteller

– die „Star Wars“-Figur haben seine Vorgänger

stehen lassen, als sie das Büro

räumten.

Die wichtigste Lektion speichern die

Teams im Accelerator schon mit dem

WLAN-Passwort: Thinkbig100. Das fällt

nicht schwer. Denn die Spuren erfolgreicher

Internet-Helden sind hier so allgegenwärtig

wie Kirchen in europäischen Metropolen.

In der Mittagspause etwa geht Klenk

gern zu einem fünf Minuten entfernten

Sandwichladen an der University Avenue:

„Dort gegenüber war das erste Büro von

Facebook“, sagt Klenk. Das stimmt zwar

nicht ganz, Facebook hatte sein Büro einige

Türen weiter, dafür wurde in dem gelbgrünen

Haus 2005 Google gegründet. Später

zog der Bezahldienst PayPal ein.

Wie seine großen Vorbilder zielt Exasol

inzwischen auch auf internationale Kunden.

Im vergangenen Jahr konnte beispielsweise

der durch seinen Börsengang

bekannte Smartphone-Spielehersteller

King.com gewonnen werden. Das britische

Unternehmen nutzt die Datenbank für sein

beliebtes Spiel Candy Crush. „Jeder Klick

bei Candy Crush landet in unserer Datenbank“,

sagt Klenk stolz.

In den USA taten sich die Deutschen bislang

schwer, Hauptkonkurrent Oracle hat

hier ein Heimspiel. Die ersten drei Monate

seien ziemlich schwierig gewesen, sagt

Klenk, inzwischen entwickele sich das Geschäft

aber ziemlich gut. Bei zwei Kunden,

darunter einem großen Forschungsinstitut,

laufen derzeit Testinstallationen. Zur

Akquisition des Instituts hatte ihm sein

Mentor geraten: Wenn Exasol die Forscher

als Referenz gewinnen könnte, würde das

auf dem US-Markt alle Türen öffnen. „Ich

kannte das Institut zwar, aber dass die so

wichtig sind, war mir nicht bewusst“, sagt

Klenk. „Durch die Unterstützung des Accelerators

kann man bestimmte Situationen

besser einschätzen.“

VERRÜCKTE GEHÄLTER

Jörg Bienert hat da schon mehr Erfahrung.

Der Kölner war 2012 einer der ersten Teilnehmer

des Accelerator-Programms. Auch

Bienert hat mit seinem Unternehmen Parstream

eine Technologie für Big-Data-Analysen

entwickelt. Das Deutsche Klimarechenzentrum

nutzt das Programm zur Vorhersage

von Hurrikans, der multinatio-

»

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 55

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

nale Rohstoffriese Rio Tinto analysiert

damit mögliche Lagerstätten von Bodenschätzen.

Im Vorjahr nahm Parstream damit

2,2 Millionen Euro ein.

Wie wichtig der US-Markt für das Unternehmen

ist, zeigt der jüngste Chefwechsel:

Parstream hat den erfahrenen amerikanischen

Marketingspezialisten Peter Jensen

angeheuert, der den Job von Mitgründer

Michael Hummel übernimmt und das US-

Geschäft ankurbeln soll.

Die Entwicklung bleibt

Video

Was deutsche

Start-ups und

Politiker auf einer

Valley-Reise

gelernt haben

aber in Köln und wird

von Hummel als Technikchef

geleitet. Bienert

kümmert sich weiter um

das Tagesgeschäft.

Technik in Deutschland

und Marketing in

den USA: Diese Arbeitsteilung

ist häufig zu finden,

vor allem aus Kostengründen. „Die

Entwickler im Valley sind zwar teurer, aber

nicht zwangsläufig besser“, sagt Bienert.

Google oder Facebook etwa zahlen Uniabsolventen

mehr als 100 000 Dollar. „Die

Einstiegsgehälter haben verrückte Dimensionen

angenommen“, findet auch Förderer

Kanngiesser.

MILLIONENFINANZIERUNGEN

Auch die 65 Softwareentwickler von Ragnar

Kruse sitzen in Hamburg, obwohl der

ehemalige Intershop-Manager sein Unternehmen

Smaato in den USA gegründet hat,

direkt am Union Square, dem touristischen

Herz San Franciscos. Von hier aus betreibt

Smaato einen Marktplatz, auf dem Werbeanzeigen

für Smartphone-Apps vermittelt

werden. Als „Ebay für mobile Werbung“

bezeichnet Kruse sein Unternehmen, Werbeplätze

in Apps versteigert er innerhalb

weniger Millisekunden, pro Tag drei Milliarden

und mehr.

Das im Fachjargon „real time bidding“

genannte Verfahren hat sich bei Internet-

Werbung inzwischen etabliert. Auch bei

Anzeigen für Smartphones werden die

Preise und Plätze inzwischen immer seltener

fest gebucht, sondern über Auktionsplattformen

wie Smaato versteigert. 80 000

Kunden sind dort inzwischen registriert.

Kruse hat die Entwicklung früh erkannt,

schon bei der Smaato-Gründung 2005 ging

er fest davon aus, dass Smartphones über

kurz oder lang Computer ablösen würden.

Der Erfolg brauchte Zeit, doch 2009 erwirtschaftete

das Unternehmen die erste Umsatz-Million.

„Jetzt hat das Wachstum richtig

Fahrt aufgenommen“, freut sich Kruse.

Eine zweistellige Millionensumme hat

Smaato 2013 eingenommen, für dieses

Jahr erwartet Kruse eine Verdreifachung.

Die Durststrecke der ersten Jahre konnte

Smaato dank eines üppigen Finanzierungspolsters

durchstehen: Das Unternehmen

ist mit 22 Millionen Dollar Wagniskapital

ausgestattet. Nun kommt noch einmal

eine ähnliche Summe hinzu.

Von solchen Summen können die meisten

Start-ups in Deutschland nur träumen.

Während Gründer hierzulande im Vorjahr

674 Millionen Euro eingesammelt haben,

waren es im Silicon Valley 22 Milliarden

Dollar (siehe Grafik Seite 54).

Auch Datenbankspezialist Parstream hat

den Schritt in die USA vor allem aus finanziellen

Gründen gewagt. Im Valley kamen

die ersten Millionen von Vinod Khosla,

Mitgründer des ehemaligen Softwareherstellers

Sun Microsystems, und von Wagniskapitalgeber

Zachary Bogue, dem Ehemann

von Yahoo-Chefin Marissa Mayer.

„Das hätten wir in Deutschland nie bekommen“,

sagt Bienert. Hierzulande investiere

kaum jemand in B2B-Start-ups – also

STREETSPOTR | Werner Hoier

Mit der Smartphone-App erledigen die

Nutzer unterwegs kleine Aufträge für

Unternehmen.

Mitglieder 250 000

Unternehmen, deren Technologien für andere

Firmen interessant sind. Anders in

den USA: Ende 2013 hat Parstream noch

mal acht Millionen Dollar eingesammelt.

So weit ist Werner Hoier noch lange

nicht. Er ist erst kürzlich nach San Francisco

gekommen und muss sich noch an die

bisweilen übertrieben euphorische amerikanische

Art gewöhnen. „Hier ist alles immer

super-awesome und incredible“, sagt

Hoier. Als Deutscher müsse man erst interpretieren

lernen, wie super-großartig und

unglaublich der jeweilige Gesprächspartner

das Projekt tatsächlich fände.

SCHNELLERE KONTAKTE

Der Wirtschaftsinformatiker hat 2011 zusammen

mit Dorothea Utzt Streetspotr gegründet.

Die beiden App-Entwickler sollten

für BMW eine Software programmieren,

mit der Öffnungszeiten und Preise von

Parkhäusern im Navigationssystem erfasst

werden können. Dafür haben beide eine

Smartphone-App entwickelt, die solche

Arbeiten auslagert. „Crowdsourcing“

nennt sich das Prinzip: Nutzer der App

können sich unterwegs etwas dazuverdienen,

die mittlerweile 250 000 registrierten

Mitglieder überprüfen beispielsweise für

Unternehmen Adressen oder fotografieren

Regale in Läden, um Produktplatzierungen

zu kontrollieren. Für solche Minijobs bekommen

sie ein paar Cent, zu den Auftraggebern

gehören etwa Red Bull oder Microsoft.

Die erste Finanzierungsrunde schlossen

die Nürnberger im Frühjahr ab – in typisch

deutschen Dimensionen: „Die Summe

war sechsstellig“, sagt Hoier.

Nun will er den US-Markt ausloten, sein

Büro liegt in einem Jugendstilbau, in dem

auch Twitter sein Hauptquartier hat. Hoiers

Arbeitsplatz im sogenannten Runway –

einer Art Gemeinschaftsgroßraumbüro –

hat der German Accelerator eingerichtet

und bezahlt. Weit mehr als ein Dutzend

Start-ups werkeln hier, unmittelbar neben

Hoier bastelt ein Team an Drohnen, die

testweise durch den langen Flur sausen.

Die ersten Gespräche mit möglichen

Kunden hat Hoier schon geführt: „An den

richtigen Kontakt zu kommen geht in den

USA viel schneller als bei uns in Deutschland.“

Kürzlich habe er sich sogar mit einem

US-Konkurrenten getroffen. Das sei

hier viel normaler als in der Heimat, man

müsse nur aufpassen, nicht selbst zu viele

Details zu verraten. Im Oktober zieht

Streetspotr für drei Monate in das neue Accelerator-Büro

nach New York. Hoier freut

sich darauf: „Unsere potenziellen Kunden

FOTOS: SWZ WERBEAGENTUR GMBH, LAIF/THOMAS RABSCH

56 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


sind vor allem Konsumgüterhersteller. Und

von denen sitzen viele an der Ostküste.“

Ob die Nürnberger sich mit ihrer App auf

dem US-Markt etablieren können, ist dennoch

nicht sicher. Schon andere Teilnehmer

des Accelerator-Programms haben gespürt,

wie viel härter der Wettbewerb auf

dem US-Markt ist. Das Dresdner Start-up

Lovoo mit seiner Flirt-App etwa (WirtschaftsWoche

26/2014) musste seine Hoffnungen

erst mal begraben: Angesichts von

Konkurrenten wie dem populären Tinder

blies Gründer Benjamin Bak den Eroberungszug

schnell wieder ab. „Wir lassen

uns den US-Markt als mögliches Ziel noch

offen“, umschreibt der Gründer den Fehlschlag

diplomatisch. Stattdessen fokussiert

er sich auf Europa und Brasilien.

DEUTSCHE KUNDEN IM VALLEY

Für Moviepilot-Gründer Bauckhage zahlt

sich der Schritt über den Ozean dagegen

voll aus: Er hat vor einem Monat sein

Deutschlandgeschäft verkauft. 15 Millionen

Euro bezahlte das französische Online-Unternehmen

Webedia für die deutsche

Filmempfehlungsseite moviepilot.de.

„Wir wollen uns ganz auf das US-Geschäft

konzentrieren“, sagt Bauckhage.

Für Celonis hat sich die Zeit im Accelerator

ebenfalls gelohnt. Das Münchner Unternehmen

hat eine Software entwickelt, mit

PARSTREAM

Jörg Bienert, Michael Hummel

Die Parstream-Gründer bieten Unternehmen

eine besonders schnelle Datenbank.

Finanzierung 14 Millionen Dollar

der Konzerne wie Bayer oder Siemens Geschäftsprozesse

analysieren und optimieren.

Mit 40 Mitarbeitern erwirtschaftete Celonis

im vergangenen Jahr einen Umsatz

von vier Millionen Euro. Während seines

US-Aufenthaltes im vergangenen Jahr hat

Celonis-Chef Bastian Nominacher dort eine

Schnellstart

Der German Accelerator unterstützt

deutsche Start-ups beim Gang in die

USA und stellt Büros in San Francisco,

Palo Alto und New York zur Verfügung,

Geld gibt es nicht. Zweimal jährlich

werden bis zu 16 Gründer ausgewählt,

zuletzt gab es dafür 60 Bewerbungen.

Gründung: 2012

Bislang Geförderte Start-ups: 41

Förderdauer: 3–6 Monate

Nächste Bewerbungsfrist: 27. 8. 2014

Mehr: germanaccelerator.com

Dependance aufgebaut, vor allem aber die

bislang wichtigste Partnerschaft festgezurrt

– mit dem deutschen Softwareriesen SAP.

Mit den Walldorfern war Nominacher

schon daheim in Deutschland ein halbes

Jahr in Kontakt – ohne konkretes Ergebnis.

„In den USA ging es dann Schlag auf Schlag“,

erinnert er sich. Er nahm mit SAP-Managern

im Valley Kontakt auf, die sofort zu einem

Treffen bereit waren. „Zwei Tage später waren

wir im SAP-Start-up-Programm und

noch zwei Wochen später auf der größten

SAP-Kundenmesse“, freut sich Nominacher.

Fast jeder deutsche Gründer schwärmt

davon, wie viel einfacher und schneller solche

wichtigen Termine im Valley zustande

kommen. Darum ist es nicht ungewöhnlich,

deutsche Partner über den Umweg

USA zu akquirieren. „Es gibt viele Fälle, bei

denen wir erst über das Valley mit großen

deutschen Konzernen in ernsthaften Kontakt

gekommen sind“, bestätigt auch Parstream-Gründer

Bienert.

Für die Münchner Celonis-Zentrale hat

die im Silicon Valley geschlossene SAP-

Partnerschaft noch einen ironischen Nebeneffekt,

erzählt Nominacher: „Wir haben

über SAP schon einige Termine mit

US-CEOs vermittelt bekommen – nicht in

den USA, sondern wenn die gerade in

Deutschland waren.“

n

oliver.voss@wiwo.de

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 57

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

Vom Pony

zum Haifisch

VERKEHR | Elektroauto, Brennstoffzelle oder bessere Verbrennungsmotoren: Die

ganze Autobranche sucht nach der Antriebstechnik der Zukunft. Kaum ein Hersteller

aber ist so dynamisch unterwegs wie der einstige koreanische Billigheimer Hyundai.

Der weiße Hyundai Intrado, den

der südkoreanische Hersteller

im Frühjahr auf dem Genfer

Automobilsalon als Weltpremiere

zeigte, war mehr als ein

Blickfänger. Denn hinter der aggressiven

Optik des SUVs mit den an Haifischkiemen

erinnernden Lüftungsschlitzen und dem

orangefarbenen Innenleben blieben die

wahren Innovationen zunächst verborgen:

eine Karosserie in extremer Leichtbauweise

– und ein leistungsfähiger Brennstoffzellenantrieb.

Eine Konzeptstudie wie so viele, möchte

man meinen. Ein Auto, das als Blickfänger

auf einem Messestand dient und anschließend

im Museum verschwindet – weil entweder

die Technik alles andere als serientauglich

und die Produktion zu teuer ist

oder aber das Fahrzeugdesign einfach

nicht für den Alltag taugt.

Ganz anders bei Hyundai: Der Intrado ist

nicht bloß ein Showcar, ein Spielzeugauto,

an dem sich Designer und Ingenieure ausgetobt

haben. Die Südkoreaner, lange Zeit

als Billigheimer bekannt, meinen es ernst.

Vor allem mit dem Brennstoffzellenantrieb

demonstrieren Designer und Ingenieure,

wie gegenwärtig die vermeintliche Zukunftstechnologie

bei ihnen schon ist.

Denn schon heute können Hyundai-

Kunden den Geländewagen ix35

– dessen Nachfolger der Intrado

im kommenden Jahr werden

soll – mit dem umweltverträglichen

Elektroantrieb leasen.

Und das nicht bloß im Heimatmarkt,

das Angebot gilt global.

„Sobald das Tankstellennetz

dichter wird und die Nachfrage

Karger Kasten

steigt, können wir die Produktion hochfahren“,

sagt Markus Schrick, Chef von Hyundai

Deutschland. Gegenwärtig allerdings gibt

es in Deutschland nicht mal 25 Tankstellen,

an denen Wasserstoff getankt werden kann.

Die Brennstoffzelle an Bord des Autos wandelt

den Wasserstoff in Fahrstrom um.

Das klingt nach einem Henne-Ei-Problem.

Die Koreaner lassen sich davon

ebenso wenig schrecken wie Toyota: Die

Japaner wollen schon im März 2015 mit

dem Modell FCV ihr erstes Brennstoffzellenauto

auf den Markt bringen – zu einem

Preis von umgerechnet 50 000 Euro. Daimler-Chef

Dieter Zetsche, der sein Unternehmen

bei dieser Technologie „ganz vorne

dabei“ sieht, kann da nicht mithalten:

Der Mercedes-F-Cell auf Basis der B-Klasse

ist erst 2017 serientauglich.

Mit „Pony“ kam Hyundai 1975 nach Europa

WASSERDAMPF AUS DEM AUSPUFF

Dabei forschen und arbeiten die Stuttgarter

inzwischen schon seit zwei Jahrzehnten an

Autos, aus deren Auspuff nur noch Wasserdampf

entweicht. Zudem kommen Brennstoffzellenautos

mit einer Tankfüllung 500

Kilometer weit und mehr und damit wesentlich

weiter als ein batteriegetriebenes Elektroauto.

Deren Akku muss heute meist

schon nach 160 Kilometern an die Steckdose

und dort stundenlang aufgeladen werden.

Der Hyundai Intrado macht aber noch

etwas anderes deutlich: Vorbei sind die

Zeiten, da Hyundai als Discounthersteller

der Motobranche vor allem für preiswerte

Mobilität stand. Für Innovation im Automobilbau,

für Vorsprung durch Technik

oder Freude am Fahren – waren andere zuständig.

Die Südkoreaner, die vor knapp 40 Jahren

mit ihrem unscheinbaren Kompaktwagen

Pony (siehe unten) erstmals nach Europa

kamen, haben sich in den zurückliegenden

acht Jahren ein gewaltiges Erneuerungsprogramm

verordnet. Nach der Phase

als Billighersteller, der später Kunden

mit robuster Qualität und ungewohnt langen

Garantieversprechen lockte, zündet

jetzt die dritte Stufe auf dem Weg in die erste

Liga der Markenhersteller. Getrieben

wird diese von Design – und Innovationen.

Ob bei der Vielfalt der Antriebskonzepte,

bei Design oder in der Produktion: Überall

holen die Südkoreaner mächtig auf. Mit

Tempo und Dynamik lehren sie nicht nur

Toyota, sondern auch Volkswagen, Ford

und General Motors das Fürchten. Heute

schon ist der Konzern mit den Schwestermarken

Hyundai und Kia und einem

Absatz von über fünf Millionen

Fahrzeugen fünftgrößter Pkw-Hersteller

der Welt. Dabei sind seit der

Gründung der Automotive-Gruppe

noch nicht einmal 50 Jahre vergangen.

Der Intrado, der Blickfänger aus Genf,

soll den weiteren Weg weisen: Es ist

das erste Hyundai-Fahrzeug, das die

FOTOS: AUTO BILD/KLAUS KUHNIGK, PR

58 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Scharfer Schlitten

Strom für den Elektromotor

in Hyundais Design-

Studie „Intrado“ liefert

eine Brennstoffzelle

700

bar Druck pressen 100

Liter Wasserstoff in

den Tank des E-Mobils

59,7

Milliarden Euro Umsatz

machte Hyundai

2013 weltweit

600

Kilometer Reichweite

schafft der Hyundai

Intrado rein elektrisch

Handschrift des deutschen Hyundai-Chefdesigners

Peter Schreyer (siehe Interview

Seite 61) trägt. Das Auto ist zugleich eine

Art Technik-Schaufenster.

Zu bestaunen gibt es da unter anderem

jede Menge Leichtbautechnik: Die Karosserie

setzt auf einem Rahmen auf, den

Rohre aus carbonfaserverstärktem Kunststoff

bilden. Diese lassen sich wie Seile

schlingen und zu einer extrem festen und

verwindungssteifen Karosserie verbinden.

Der Brennstoffzellenantrieb im Motorraum

(siehe Grafik Seite 60) ist kleiner und

stärker als der Vorgänger im aktuellen Modell

ix35. Mehr Effizienz und geringes Gewicht

von Antrieb und Fahrzeug sollen

dem Intrado mehr als 600 Kilometer Reichweite

ermöglichen. Dazu bunkert der Wagen

über 100 Liter Wasserstoff unter 700

bar Druck in zwei Hochdrucktanks. Der

erste, kleinere Tank befindet sich unterhalb

der Rücksitzbank. Der zweite, größere Tank

steckt für eine bessere Gewichtsverteilung

im Heck unter dem Kofferraumboden.

Die elektrische Energie, die in der Brennstoffzelle

durch die Reaktion von Wasserstoff

mit Sauerstoff entsteht, speichert ein

36 Kilowatt starker Akku – die leistungsfähigste

Batterie, die bisher in einem Brennstoffzellenauto

zum Einsatz gekommen ist.

SYNERGIEN DANK SÜDKOREA AG

Parallel treiben die Hyundai-Ingenieure die

Entwicklung rein batteriegetriebener Elektroautos

voran. Gerade erst präsentierte die

Schwestermarke Kia das Modell Soul in einer

Elektrovariante. Im Herbst soll der kleine

Stromer mit einer Reichweite von mehr

als 200 Kilometern mit einer Akkuladung

»

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 59

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

»

Konkurrenz für E-Klasse

in den USA und in Europa an den Start

gehen. Der Preis steht noch nicht fest.

Die Südkoreaner profitieren von der großen

Batterie- und Elektrokompetenz in ihrem

Heimatland. Hyundai-Kia sitzt Tür an

Tür mit den weltgrößten Batterieproduzenten

wie Samsung und LG, die Teil der

staatlich geförderten Südkorea AG sind.

Daraus erwächst ein erheblicher Wettbewerbsvorteil,

der sich in aggressiven Preisen

auf dem Weltmarkt niederschlägt. Kein

Wunder, dass LG ab 2016 auch die Antriebsbatterien

für die nächste Generation

des Elektro-Smart liefert.

Mit niedrigen Preisen punkten kann

Hyundai-Kia aber auch bei Autos mit konventionellem

Antrieb. In Europa kam

Hyundai 2013 auf 3,5 Prozent Marktanteil –

ohne Kia. Weiteres Wachstum sollen 22

neue Modelle bringen, die Europa-Chef

Allan Rushforth für die nächsten vier Jahre

ankündigt.

Dass der frühere Billigheimer inzwischen

ein ernst zu nehmender Konkurrent ist,

musste VW-Chef Martin Winterkorn schon

2011 bei der Frankfurter Automobilausstellung

feststellen. Ein YouTube-Video, das im

Netz längst Kultstatus hat, hält den Augenblick

der Erkenntnis fest: Winterkorn hatte

damals auf dem Hyundai-Stand den Golf-

Konkurrenten i30 bestiegen. Der Vorstandschef

aus Wolfsburg wackelte hier an einer

Blende, ruckelte da an einem Halter und zog

am verstellbaren Lenkrad, um schließlich

sichtbar verärgert und mit dem Ausruf

„Da scheppert nix“ Klaus Bischoff, den

Designchef der Marke VW herbeizuzitieren.

„BMW kann’s nicht, wir können’s nicht.

Warum kann’s der?“, fragte ihn Winterkorn.

Die Frage könnte er aktuell auch zur Profitabilität

des Unternehmens stellen. Denn

der Volkswagen-Konzern wäre wohl froh,

eine ähnlich gute Umsatzrendite wie

Hyundai vorweisen zu können: Bei der

Marke VW lag sie in den ersten drei Monaten

des Jahres nur bei mageren 1,8 Prozent.

Bei Hyundai ist sie mit geschätzt zehn Prozent

um ein Vielfaches höher.

Doch trotz der schwindelerregenden

Aufholjagd bei Technik und Innovationen

– auch bei den Südkoreanern läuft längst

noch nicht alles rund, gibt es noch Lücken

im Technikportfolio und im Fahrzeugangebot.

So fehlen etwa noch kleine sparsame

Turbomotoren, ein automatisches

Doppelkupplungsgetriebe statt der wenig

sparsamen Wandlerautomatik. Die europäischen

Hyundai-Manager wünschen

sich zudem sehnsüchtig einen kompakten

SUV wie den Renault Captur – das Segment,

das im Moment europaweit am

stärksten wächst. Und nicht zuletzt fehlen

Cabrios und Sportwagen, die für ein frischeres

Markenimage sorgen könnten.

Die neue Sportlimousine Hyundai Genesis macht auf Luxus

HOCH GESCHÄTZTER EUROPÄER

Denn alle Technik ist nur schnödes Beiwerk,

solange die Autos noch Billigheimer-

Image atmen. Aufräumen soll damit auch

der deutsche Hyundai-Chefdesigner Peter

Schreyer. Er will Hyundai eine erkennbare

frische Handschrift verleihen, denn „in

Zeiten, wo sich Technik immer ähnlicher

wird, werden Autos verstärkt über das Design

verkauft“.

Der heute 61-jährige Bayer aus Bad Reichenhall

hat einst bei Audi den Sportwagen

TT entworfen – seit 2006 frischt er die

Optik von Kia auf. Seit Januar 2013 ist er

auch für das Design der Marke Hyundai

verantwortlich. Der 76-jährige Firmenpatriarch

Chung Mong-koo schätzt Schreyers

Arbeit so sehr, dass er den Deutschen 2013

als ersten und einzigen Europäer ins Konzernpräsidium

berufen hat.

Hyundai investiert nicht nur in Design,

Technik und Kundenzufriedenheit. Mindestens

genauso wichtig ist die Produktivität

der Werke außerhalb des Heimatlandes.

In den USA zählen die Hyundai-Werke mit

einer durchschnittlichen Fertigungszeit

von knapp unter 20 Stunden pro Fahrzeug

zu den produktivsten des Landes, wie Jahr

für Jahr Oliver Wyman’s Harbour Report

Moderner Dampfer

Brennstoffzellenautos nutzen die Energie, die bei der chemischen Reaktion von Wasserstoff und

Sauerstoff frei wird. Aus dem Auspuff entweicht lediglich Wasserdampf

Wasserstofftanks

Lithium-Ionen-Batterie

Brennstoffzellenmodul

Elektromotor

60 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTOS: PR

ausweist. Sie arbeiten auch effektiver als

die Hyundai-Werke im Heimatland.

Und das brandneue Werk im brasilianischen

Piracicaba, etwa 150 Kilometer

nordwestlich von São Paulo, soll noch besser

sein – aktuelle Zahlen legt Hyundai freilich

nicht vor. Auf 1,4 Millionen Quadratmeter

Fläche baut Hyundai dort pro Jahr

180 000 Kompaktwagen des Typs HB20,

der dem ix20 gleicht, für den brasilianischen

Markt – den viertgrößten der Welt.

Was auffällt: In den riesigen Hallen arbeiten

nur wenige Menschen, die meisten

Arbeiten in der Lackiererei oder in der

Karosseriefertigung übernehmen Roboter.

Nach dem brasilianischen Vorbild soll 2015

eine neue Hyundai-Produktion im US-

Bundesstaat Texas entstehen. „Hyundai

und Kia haben sehr viel von den Japanern

gelernt“, sagt Produktionsexperte Horst

Wildemann von der Technischen Universität

München.

In den vergangenen Jahren hat Hyundai

die gemeinsame Entwicklung und Produktion

mit Kia drastisch vereinfacht und verschlankt:

2002 nutzten die beiden Marken

noch 22 verschiedene Plattformen. Bis Ende

des vergangenen Jahres schmolz die

Vielfalt aufgrund der Synergien auf sechs

zusammen. Im Jahr 1998, als Hyundai Kia

übernahm, teilten sich die beiden Marken

lediglich 20 Prozent der rund 740 Zulieferer,

aktuell sind es mehr als 90 Prozent.

GRENZEN DES WACHSTUMS

Doch die rasante Expansion hat auch

Schattenseiten. Stefan Bratzel, Leiter des

Lehrstuhls für Automobilwirtschaft an der

Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch

Gladbach, beobachtet nach Jahren stürmischer

Expansion inzwischen eine Zunahme

von Rückrufen – für den Fachmann ein

Indiz für wachsende Qualitätsprobleme.

2013 stieg die Zahl der Hyundai-Rückrufe

etwa in den USA um 263 Prozent – bei einem

branchenübergreifenden Zuwachs

um 131 Prozent.

Vermutlich auch deshalb hat Hyundai-

Firmenpatriarch Chung Mong-koo nun

den Fuß vom Gaspedal genommen. Insider

berichten, der 76-Jährige befürchte,

durch Qualitätsprobleme ebenso heftig gebeutelt

zu werden wie Toyota vor einigen

Jahren. Statt auf Masse soll der Fokus nun

erst einmal auf die Qualität der Produkte

gelegt werden, auf Herstellung und die Organisation.

„Es wird interessant sein, wie

gut sie aus dieser Phase der Reorganisation

herauskommen“, sagt Bratzel.

n

juergen.rees@wiwo.de

INTERVIEW Peter Schreyer

»Wie ein Wassertropfen«

Der Hyundai-Chefdesigner über Gestaltungssünden, Schneeflocken

als Inspiration und die Arbeit unter Firmenpatriarchen.

Reden wir über Designsünden moderner

Autobauer: Mein Sohn klagte jüngst

nach der Fahrt in Mercedes’ neuer

A-Klasse, er könne vom Rücksitz nicht

rausschauen. Der Hyundai i30 sieht

ähnlich aus. Keilform mag ja sportlich

wirken, aber rechtfertigt das alles?

Die Gürtellinie hoch anzusetzen und

Autos so sportlicher aussehen zu lassen

ist auch eine Modeerscheinung. Wir

nehmen die extreme Keilform schon

wieder zurück. Andererseits sind Designer

nicht allein verantwortlich, wenn

Autos unübersichtlich werden.

Wer denn sonst?

Autos sind heute auch deswegen unübersichtlicher

als vor 30 bis 40 Jahren,

weil wir viele Sicherheitsvorschriften berücksichtigen

müssen.

Die geben die Keilform vor?

Nein, aber beispielsweise die Anforderungen

an die A-Säule, die die Windschutzscheibe

umfasst. Die ist heute

stärker und daher breiter als früher. So

bleibt das Dach etwa bei einem Überschlag

im Wesentlichen heil – und die

Insassen überleben den Unfall. Autos

von vor 30 Jahren wären danach platt.

Wer bestimmt denn die Formen, der

Käufer oder der Designer?

Wir versuchen, die Bedürfnisse der Kunden

von morgen zu ergründen und ihn

mit unseren Entwürfen zu überraschen.

Dann setzen Designer die Trends?

Ja, klar. Oder wissen Sie heute, welches

Auto Ihnen in fünf Jahren gefällt?

Nein. Aber wenn Sie mir heute etwas

zeigen, was ich in fünf Jahren kaufen

kann, wüsste ich, ob es mir liegt.

Die meisten Menschen wissen das aber

nicht. Deshalb mag ich solche sogenannten

Kliniktests nicht. Kommt etwas

Ungewohntes, lehnen die Probanden es

erst mal ab. Darauf zu reagieren und etwa

das Heck des neuen Autos umzugestalten

kann gutes Design kaputt machen.

Ich gebe wenig auf solche Tests.

Gibt es Autodesign, das weltweit gefällt?

Bei Ford oder Fiat sind Versuche,

Weltautos zu bauen, gescheitert.

Das eine, einzige Weltauto gibt es nicht.

Aber es gibt schon Produkte, die global

ihre Fans finden: etwa Apples iPhone.

Warum sollte das bei Autos anders sein?

Wenn man die unterschiedlichen Ansprüche

an Fahrzeuge in den Märkten

beachtet, klappt das.

Global verträgliches Design und

emotional ansprechende Fahrzeuge für

regionale Märkte, passt das überhaupt?

Wir wollen noch etwas emotionaler

werde. Ich könnte mir gut ein Cabrio

DER VISIONÄR

Schreyer, 61, ist Chefdesigner der südkoreanischen

Autohersteller Hyundai und

Kia. Einst gestaltete der gebürtige Bayer

Autos wie den VW New Beetle, den Golf IV

oder den Audi TT. Jetzt sitzt er als erster

Nichtkoreaner im Präsidium des koreanischen

Familienunternehmens.

und einen Sportwagen vorstellen. Der

Zeitpunkt steht aber noch nicht fest.

Wie grenzen Sie denn den Charakter der

Schwestermarken Kia und Hyundai ab?

Unser Vize-Chairman, der Sohn von

Konzernpatriarch Chung Mong-koo, hat

es so formuliert:Kia ist wie eine Schneeflocke,

Hyundai wie ein Wassertropfen.

Apropos Chung Mong-koo, früher haben

Sie für VW-Aufsichtsratschef Ferdinand

Piëch gearbeitet und jetzt für den Hyundai-Patriarchen.

Gibt es da Parallelen?

Sie sind sich ähnlich, nicht nur beim

Alter. Beide sind absolut leidenschaftlich

und von ihrer Vision überzeugt.

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 61

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

Klärwerk als Biotop

GRÜNER PIONIER | Gegen fast alles ist ein Kraut gewachsen. Der

Franzose Thierry Jacquet reinigt Industrieabwässer mit Pflanzen.

Skeptische Blicke ist Thierry Jacquet

gewöhnt. „Es klingt ja auch ein

bisschen seltsam, wenn einer

behauptet, er würde Abwässer mithilfe

von Pflanzen so sauber kriegen,

dass man darin baden kann“, sagt der

49-jährige Franzose und zwinkert vergnügt

durch die runde Brille.

Umwelt-Restaurator nennt er

als Berufsbezeichnung, seit er

vor zehn Jahren seine Firma

Phytorestore gründete. „Phyto“

wie das griechische Wort für

„pflanzlich“ und „restore“ für

„wieder herstellen“. „In 50 Jahren

wird das völlig normal sein. Aber es

braucht eben jemanden, der damit anfängt

und die Überzeugungsarbeit leistet.“

Jacquet, ursprünglich Städteplaner und

Landschaftsarchitekt, wirbt für das Potenzial

einer Technik, die bisher vor allem in Naturschwimmbädern

zum Einsatz kommt,

dass nämlich Pflanzen das verschmutzte

Wasser reinigen. Der Ökopionier

aber geht noch einen Schritt weiter.

Er will beweisen, dass es

Pflanzen – bis auf wenige hochgiftige

Substanzen – selbst mit

stark belasteten Industrieabwässern

aufnehmen können; etwa

von Kosmetik- und Waschmittelherstellern

und sogar mit den

verseuchten Böden von Tankstellen

oder Reinigungsfirmen.

WATEN IM FILTERGARTEN

Wie das funktioniert, zeigt er eine

gute Stunde Fahrt südlich von Paris:

In La Brosse-Montceaux, einem

Ort nahe der Grenze zur

Bourgogne, wiegt sich Schilfrohr

im Wind, so weit das Auge reicht.

Frösche quaken, Vögel zwitschern,

ein Biotop, könnte man

vermuten. Doch unter dem

Pflanzenteppich wabert eine

dunkelgraue Brühe.

Jacquet hat sich Gummistiefel

über die Anzughose gezogen. Er

watet durch einen Tümpel, greift

sich eines der Gewächse und

zieht es samt Wurzel heraus.

Grüne Pioniere

Alle Teile der

Serie finden Sie im

Internet unter

wiwo.de/pioniere

„Die Pflanzen sind nur Mittel zum

Zweck. Die Arbeit machen Bakterien,

die an den Wurzeln leben und den

Schmutz fressen“, erklärt er die biologische

Abwasserreinigung.

Das Prinzip, Chemikalien mit Bakterien

zu knacken, ist nicht neu. Heute

kommt es in modernen Kläranlagen

Entsorgungspark Unternehmer Jacquet in einer Pflanzen-Kläranlage

zum Einsatz. Dort werden die

Mikroorganismen den Abwässern

beigemischt. Sie brechen

unter anderem Kohlenwasserstoffketten

auf.

Doch wie sich das auch mit

Pflanzen realisieren lässt, das

hat Jacquet – bisher weltweit einzigartig –

umgesetzt: Bei ihm vertilgen Farne Zyanid

und Arsen, der breitblättrige Rohrkolben

und Ölweiden Salze. Gewöhnlicher Gilbweiderich

mag Zucker und Stärke, Miscanthus

Schwermetalle. Seggen nehmen sich

infektiöser Keime an, Zuckerrohre Pestiziden

und Düngemitteln. Sogar gegen radioaktiv

belastete Böden sei ein Kraut gewachsen:

Wiesenklee.

Und als reiche das nicht, will der Unternehmer

mit seinen Filtergärten selbst kommunale

Kläranlagen in Naherholungsparks

verwandeln. „Die Technik ist absolut

vielversprechend“, urteilt Jean-Louis Ducreux,

Direktor der Beratungsfirma Atelier

d’Ecologie Urbaine (AEU) in Paris.

Auf seiner Biofarm in La Brosse-Montceaux

hat Jacquet 24 Bassins ausgehoben.

Er hat sie mit einer Geomembrane ausgelegt,

um zu verhindern, dass Abwässer ins

Grundwasser versickern. Dann folgen je eine

Schicht Schlacke, Kalksteine und Kompost,

in die er die Pflanzen setzt. Anschließend

leitet er die Abwässer in die Bassins.

ZU 99 PROZENT ENTGIFTET

Zwei bis drei Jahre dauert es, bis aus Abwässern

und belasteten Böden Kompost

wird, aus dem die Pflanzen 99 Prozent der

Schadstoffe abgebaut haben. „Labortests

der Unternehmen SGS, Wessling, Eurofins

und SAS Laboratoire haben das bewiesen“,

versichert der Franzose. Aus den Pflanzen

wird am Ende Dämmmaterial oder Substrat

für Biogasanlagen. Er wolle nicht behaupten,

dass er „für alles eine Zauberformel“

habe. „Es gibt Stoffe, die Pflanzen

nicht verarbeiten können.“ Daher lande,

was die Bakterien an Gift übrig

lassen – etwa die Schwermetalle

Quecksilber oder Cadmium –, in

einem separaten Becken. Dort

sei die Konzentration der Stoffe

so hoch, dass Spezialfirmen sie

als Ressource herausfiltern und

weiter verwenden könnten, erklärt

AEU-Berater Ducreux.

„Gute ökologische Lösungen

müssen auch finanziell interessant

sein“, sagt Jacquet. Bereits

als selbstständiger Umweltberater

hatte er für Kommunen Konzepte

entwickelt, die günstiger

waren als das übliche Verbrennen

oder Vergraben von Industrieschlämmen.

„Was aber fehlte,

waren Unternehmen, die solche

Lösungen hätten umsetzen

können.“ Also gründete Jacquet

diese Firma schließlich selbst.

Trotzdem tat sich der Umwelt-Unternehmer

mit der Verbreitung

seiner Filtergärten lange

schwer. Zum einen, weil die

Reinigung so zeitaufwendig ist:

„Bauträger etwa, die belastete

Böden entgiften müssen, ha-

»

FOTO: LAIF/REA/HAMILTON

62 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

»

»Filtergärten sind

billiger als Kläranlagen

– und sehen

schöner aus«

Thierry Jacquet, Phytorestore

ben selten so viel Zeit“, sagt AEU-Experte

Ducreux. Vor allem aber sieht er Phytorestore

im Konflikt mit einer Lobby, die wenig

Interesse an alternativen Konzepten zur

Abwasseraufbereitung habe.

Tatsächlich teilen sich in Frankreich

heute zwei große Unternehmen im Wesentlichen

den Entsorgungsmarkt – Veolia

und Suez Environnement. Deren Angebote

würden von Kommunen und Industriekunden

praktisch nie in Zweifel gezogen,

sagt Jacquet seufzend. In so einem Szenario

mit neuen Ideen durchzudringen sei

am Anfang extrem schwer gewesen. „Man

hat mich angeschaut wie einen Alt-68er

und gefragt, ob ich was geraucht habe.“

In Schwellenländern mit weniger starren

Strukturen sei der Markteintritt viel einfacher.

Der Erfolg von Jacquets Filialen in Brasilien

und China weckte schließlich auch das

Interesse heimischer Auftraggeber; so etwa

beim Kosmetikriesen L’Oréal oder der Lederwarensparte

von Louis Vuitton. Auch die

Ferienanlage des Club Med auf Mauritius

und die zum Hermès-Konzern gehörende

Kristallmanufaktur Saint-Louis-lès-Bitche

gehören heute zu Jacquets Klärtechnik-Kunden.

Inzwischen arbeite sein Unternehmen

mit allen Großunternehmen des französischen

Aktienindex CAC40 zusammen,

berichtet der Pionier stolz. Sie liefern ihre

Schmutzwässer nach La Brosse-Montceaux

oder geben bei den inzwischen 40

Spezialisten von Phytorestore hauseigene

Pflanzenkläranlagen in Auftrag.

Nun nimmt sich Jacquet die Städtebauer

vor: Beim Entwurf neuer Quartiere sollten

sie 20 Prozent der Fläche für Filtergärten

reservieren, fordert er. „Damit können sie

100 Prozent der Abwässer behandeln. Das

ist viel billiger als eine herkömmliche Kläranlage

– und sieht zudem schön aus.“

Auch das ist längst mehr als eine Vision:

Ein Ecoquartier sorgt bereits vor den Toren

von Paris für Aufsehen – direkt neben dem

Eurodisney-Park.

n

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris

Die Unscharf-Schützen

FOTOGRAFIE | Top-Smartphones machen längst so gute Bilder wie

Kompaktkameras. Dank neuer Technik wollen sie nun auch beim

kreativen Spiel mit der Tiefenschärfe gleichziehen. Gelingt das?

Lange war es eine kleine Wissenschaft

für Fotoexperten, das kreative Spiel

mit der Schärfentiefe – jenem gestalterischen

Effekt, der das Bildmotiv gestochen

scharf aus dem weich zerfließenden

Hintergrund heraushob. Die

Grenze zwischen Könner und

Knipser, sie zeigte sich am virtuosen

Spiel mit dem Fokusring

am Objektiv, gepaart mit

dem Wissen um Belichtungsund

Blendensteuerung.

Insofern stecken die Produzenten

moderner High-End-

Smartphones, trotz boomender

Fotohandy-Verkäufe, in einem

Dilemma, das ihren Produkten

den Zugang zu höheren

Weihen der Fotokunst verwehrt:

Manuelle Belichtungsoder

Blendensteuerung, das

war bisher bei Top-Telefonen

nicht zu haben. Das Spiel mit

kreativer Unschärfe blieb die

Domäne echter Fotoapparate.

DREI WEGE – EIN ZIEL

Bis jetzt. Denn nun gibt’s

Unschärfe als Funktion auch

bei Top-Smartphones. Refocus

heißt die Funktion bei Microsofts

Lumia 1020 (oben), U-

Focus der Effekt bei HTCs Spitzenmodell

One M8 (Mitte).

Samsungs Galaxy S5 (unten) verfügt

über einen selektiven Fokus.

Allen gemein ist, dass sie das

physikalische Defizit des regulierbaren

Objektivs mit ausgefeilter

Computertechnik und

Linsensteuerung kompensieren

wollen. Denn Smartphones

fehlt nicht nur die regelbare

Blende, die für Unschärfeeffekte

weit offen sein muss. Außerdem

ist der Abstand zwischen

Linsen und Sensor zu klein –

weil die Kameras der Telefone

zwar immer besser werden

müssen, aber nicht größer werden

dürfen.

Lumia 1020, HTC

One M8, Samsung

S5 Fotofunktion als

Verkaufsargument

Und so tricksen die Entwickler nach

Kräften bei der Bildaufnahme. Computational

Photography nennen Experten den

technischen Kniff, der das Bild nach der

Aufnahme noch digital aufpeppt.

Dabei setzen die Hersteller

bei ihren Smartphones auf drei

ganz unterschiedliche Ansätze,

um Unschärfe zu erzeugen.

DER TRADITIONALIST

Am ehesten an klassischer

Technik orientiert sich das online,

ohne Vertrag ab rund 350

Euro angebotene Lumia 1020.

Das spiegelt sich auch in der

Bauform wider. Denn obwohl

bei Smartphones sonst die Maxime

gilt „Geht’s nicht schmaler?“,

hat das Microsoft-Handy

auf der Rückseite einen Buckel.

Darunter verbirgt sich ein fokussierbares

Linsensystem vor

dem 41-Megapixel-Sensor. Wer

die Ohren spitzt, hört, wie der

Fokus scharf stellt. Das nutzen

die Softwareentwickler in der

Refocus-App. Sie schießt pro

Aufnahme mehrere Bilder, fokussiert

dabei Punkte in unterschiedlicher

Distanz und montiert

am Ende alles zusammen.

So kann der Fotograf auch

nachträglich noch wählen, was

im Bild er scharf stellen will

und was verschwimmen soll.

DER STEREOGRAPH

Einen anderen Weg gehen die

taiwanischen Entwickler beim

U-Focus des HTC One M8, das

online ab etwa 520 Euro zu haben

ist. Sie haben dem Handy

mit einer zweiten Kamera einen

Stereoblick beigebracht,

wie er auch uns Menschen

räumliches Sehen ermöglicht.

Dürckt der Fotograf den Auslöser,

nimmt die lichtstarke,

aber gering auflösende Vier-

Megapixel-Hauptkamera

»

64 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

»

das eigentliche Foto auf. Die

andere erzeugt – in der Blickebene

leicht versetzt – ein zweites Bild.

Aus der Differenz der Fotos errechnet

die Software die Tiefeninformationen:

Das Handy erkennt

so, was weiter vorne auf dem Foto

zu sehen ist und was weiter im

Hintergrund. Abhängig davon,

welchen Bereich der Nutzer später

scharf sehen will, belegt das

Programm die übrigen Bildteile

mit einem Unschärfefilter.

DER ANALYTIKER

Doppellinse oder Kamerabuckel

wie bei HTC oder Microsoft haben

sich die Designer des Samsung

Galaxy S5 gespart. Stattdessen

setzen die Südkoreaner bei dem

online ab 480 Euro angebotenen

Smartphone und seiner 16-Megapixel-Kamera

allein auf Software,

um per Bildanalyse Vorder- und

Hintergrund sowie Hauptmotiv

zu identifizieren.

Sie bauen auf Konzern-Knowhow,

mit dem auch die Entwickler

von Samsungs Flachbildfernsehern

zweidimensionale Filme für

die 3-D-Darstellung umrechnen.

Und so, wie TV- und Videobilder

dann – durch die Stereobrille betrachtet

– räumliche Tiefe bekommen,

kann die Software im

Smartphone ein am Motiv scharfes,

ansonsten aber leicht verschwommenes

Foto produzieren.

So unterschiedlich die Strategien

der Hersteller, so unterschiedlich

sind die Ergebnisse. Alle

Modelle eint: Tiefenschärfe-Effekte

liefern die Smartphones nur,

solange die Bedingungen günstig sind –

und nicht mal dann entspricht das Ergebnis

immer den Erwartungen.

Lumia 1020 Bester Tiefenschärfeeffekt, weil die Smartphone-

Kamera mechanisch auf mehrere Bildebenen fokussiert

HTC One M8 Sind Vorder- und Hintergrund des Bildes nicht

klar abgegrenzt, spielt – wie hier – der Unschärfefilter verrückt

Samsung S5 Nur wenn sich der Fotograf an die Abstandsvorgaben

für Motiv und Hintergrund hält, gelingt so ein Schärfeeffekt

Am besten schlägt sich

Foto-Test noch das Lumia 1020. Denn

weil die Kamera mehrfach

In der App-Ausgabe

finden Sie

scharf stellt, entstehen tatsächlich

an unterschiedli-

hier weitere Vergleichsfotos

von chen Stellen (un-)scharfe

den Smartphones Aufnahmen. Insofern geht

eben noch nichts über echte,

optische Arbeit. Trotzdem

hat der variable Fokus des Lumia enge

Grenzen. Mangels ausreichender Bautiefe

kann der Fotograf nachträglich nur auswählen,

ob er ganz nah scharf fokussieren will,

ziemlich nah – oder irgendwo weiter hinten.

So flexibel wie eine traditionelle Kamera

ist das Lumia 1020 also noch längst nicht.

Mehr Spielraum bei der Wahl des Schärfepunktes

bietet HTCs One M8. Sein Stereoblick

errechnet für viel mehr Bildebenen

die Distanz zum Fotografen. Der kann hinterher

bestimmen, was U-Focus hinter dem

Unschärfe-Filter verschwinden lässt.

TRICKSEN BEI DER TIEFE

Das gelingt umso besser, je klarer das Bild

gegliedert ist. Ein Baum am Rand, Personen

in mittlerer Distanz und ein ferner

Hintergrund – das rechnet das One sauber

auseinander. Soll ein Bildbereich scharf gestellt

werden, reicht ein Tipp aufs Display.

Dabei ist der Spielraum größer als beim

Lumia – aber nur solange das

3-D-Modell mit der realen Welt

übereinstimmt. Das Foto der Rose

(links) entlarvt, wo es schwierig

wird. Denn die Software belässt

neben Bildmotiv in der Mitte auch

Teile des Bodens weit dahinter

scharf. Andere verwischt sie. Offenbar

hat das Programm Schwierigkeiten

mit runden Übergängen

und schlanken Objekten.

Ähnliche Schwächen zeigen

sich auch bei Testbildern des

Samsung Galaxy S5. Das hat es im

Vergleich allerdings auch am

schwersten, weil rein Softwareintelligenz

für den begehrten Bildeffekt

verantwortlich ist. Damit das

Programm überhaupt Motiv und

Hintergrund erkennt, macht Samsung

dem Fotografen konkrete

Vorgaben: Das Objekt darf zum einen

nicht weiter als 50 Zentimeter

von der Kamera entfernt sein,

muss sich zugleich aber mindestens

dreimal so weit vor dem eigentlichen

Hintergrund befinden.

Nur, wer sich daran hält, den belohnt

das Galaxy mit den gewünschten

Unschärfe-Effekten.

Sonst streikt die Software.

Das Fazit ist eindeutig: Am verlässlichsten

der Un-Scharfschützen

arbeitet die Refocus-App im

Lumia – mit dem Manko begrenzter

Flexibilität. Das HTC One M8

und Samsungs Galaxy S5 haben

beide Stärken und Schwächen:

Der U-Focus tut sich bei komplexen

Strukturen schwer, Vorderund

Hintergrund zu trennen.

Samsungs Software ist in ihren

Vorgaben sehr rigide.

Und was dann übrig bleibt, sind in beiden

Fällen – den Profi graust es bei dem

Gedanken ohnehin – nur mehr oder minder

mit Unschärfefiltern überdeckte Fotos.

Das mag beim Bildversand übers Netz oder

in sozialen Netzen reichen. Beim gekonnten

Spiel mit der Unschärfe jedoch reichen

auch die besten Smartphones noch nicht

an die Qualitäten echter System- oder

Spiegelreflexkameras heran.

Klar ist aber auch: Die Handyhersteller

werden an ihrer Software feilen – und spätestens

mit der nächsten Gerätegeneration

rücken die Telefone auch bei der Tiefenschärfe

wieder ein Stück an die klassische

Kamerawelt heran.

n

thomas.kuhn@wiwo.de

66 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


VALLEY TALK | Bislang scheiterten alle Ausflüge in

den Online-Handel. Bei seinem jüngsten Versuch

reicht Facebook-Chef Mark Zuckerberg nun schon ein

kleiner Erfolg. Von Matthias Hohensee

Mini-Attacke auf Amazon

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Wenn zwei Internet-Mogule

gegeneinander antreten, wird

es spannend. So wie gerade

bei Mark Zuckerberg und Jeff

Bezos. Der Facebook-Gründer will beweisen,

dass im sozialen Netzwerk mindestens

so viel Geschäftspotenzial steckt wie

im Unternehmen des Amazon-Schöpfers.

Rechnerisch hat Zuckerberg das ohnehin

schon erreicht. Denn das soziale Netzwerk

aus dem Silicon Valley hat den Online-

Händler aus Seattle beim Börsenwert überholt.

Beide Unternehmen wachsen, was

Voraussetzung ist, um an der Wall Street

geliebt zu werden. Zwar setzte Bezos’ Imperium

vergangenes Jahr mit 78 Milliarden

Dollar fast das Neunfache von Facebook

um. Doch unterm Strich blieben wegen

kostspieliger Investitionen und knapper

Margen im Online-Handel nur 300 Millionen

Dollar Gewinn übrig. Zuckerberg hingegen

arbeitet sehr viel profitabler und holte

aus seinen neun Milliarden Dollar Umsatz

1,2 Milliarden Dollar Profit heraus.

Trotz Facebooks teurer Zukäufe wie dem

Kurznachrichten-Dienstleister WhatsApp

oder dem Datenbrillen-Schöpfer Oculus

wird sich das Missverhältnis zu Amazons

Ungunsten dieses Jahr nicht ändern. Zumal

Bezos weiter unbeirrt experimentiert wie

etwa mit Smartphone-Hardware oder einer

Flatrate für Bücher.

Aber Zuckerberg steht dem Konkurrenten

nicht nach. Er will demonstrieren, dass

in seinem sozialen Netzwerk auch ein Stück

Amazon steckt. Ausgewählte Händler dürfen

seit Kurzem Kaufoptionen direkt in ihre

Anzeigen einklinken. Über die können

Facebook-Nutzer dann mittels Kreditkarte

Waren einkaufen, ohne noch in den Shop

des Anbieters wechseln zu müssen.

Noch beschränkt sich der Test auf die

USA und auf kleinere Anbieter wie einen

Uhrenhändler aus San Francisco. Nicht nur

deshalb sieht man bei Amazon die Mini-

Attacke gelassen. Sie scheint vor allem eine

Reaktion auf die Kooperation des Online-

Händlers mit Twitter zu sein. Denn Nutzer

des Kurznachrichtendienstes können dort

seit ein paar Wochen Waren für den Einkauf

bei Amazon markieren. Twitter-Chef Dick

Costolo hat zudem mit CardSpring gerade

einen Spezialanbieter gekauft, mit dem

sich online verteilte Rabatte auf Kreditkarten

übertragen und später automatisch

beim Einkauf nutzen lassen.

Zuckerbergs jüngster Vorstoß in den Handel

ist nicht der erste, und frühere waren

Flops. Facebook Credits, die Zahlungsplattform

für virtuelle Güter, wurde eingestellt;

ebenso Deals, die Antwort auf den Gutschein-Dienstleister

Groupon. Auch Facebook

Gifts, das den Geschenkeversand an

Freunde erlaubt, existiert nicht mehr.

AKZEPTANZ BLEIBT FRAGLICH

Unstreitig ist , dass Menschen soziale

Medien nutzen, um sich über Produkte und

Dienstleistungen zu informieren, sie zu

loben und zu kritisieren. Unbewiesen aber,

ob sie auf dem Weg auch einkaufen wollen.

Zwar haben Geschäftskunden akzeptiert,

dass sie, im Gegensatz zu früher, für

Präsenz in Zuckerbergs Netzwerk nun bezahlen

müssen, weil ihre Meldungen kaum

noch unbezahlt im Nachrichtenstrom auftauchen.

Doch die Wirksamkeit der Unternehmensbotschaften

bleibt umstritten.

Da könnte es Facebook schon reichen,

wenn die Nutzer Interesse an der Kaufoption

zeigten. Denn damit könnte Zuckerberg

sein Kerngeschäft – den Verkauf von

Anzeigen auf der Plattform – stärken. Denn

weil die Zahl der Anzeigen in Facebooks

Nachrichtenstrom aus Akzeptanzgründen

beschränkt ist, kann er seine Erlöse nur

über höhere Anzeigenpreise erzielen.

Wenn also die Kaufoption nur belegt,

dass Werbung in Facebook nicht bloß wahrgenommen

wird, sondern direkt zu Käufen

führt, kann Zuckerberg die Anzeigenpreise

leichter hochsetzen. Und dann reicht es für

ihn auch, nur ein Mini-Amazon zu sein.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 67

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Management&Erfolg

Ständige Metamorphose

SERIE DAS GEHEIMNIS MEINES ERFOLGS (VI) | Ulrich Dietz Vom Maschinenschlosser zum

Gesprächspartner der Kanzlerin: Wie der GFT-Gründer aus einer Drei-Mann-

Softwarebude ein globales IT-Unternehmen aufgebaut hat. Und warum ihm der

Austausch mit Künstlern und Philosophen wichtig ist.

Manchmal, wenn keiner

mehr dort ist, kein Architekt,

kein Statiker, kein

Elektriker, macht er auf

dem Heimweg von seinem

Büro noch einen Schlenker. Fährt zwei Kilometer

bis zu einem öden Gewerbegebiet

in Stuttgart-Plieningen, parkt vor einem

schmucklosen, gut 30 Jahre alten Zweckbau.

Und läuft noch einmal durch jede der

vier Etagen, über bloßen Estrich, vorbei an

Bauschutt und halb abgerissenen Wandverschalungen,

hindurch unter Kabeln,

die von entkernten Decken hängen.

„Das wird ganz toll hier“, sagt Ulrich

Dietz. Der Gründer und Vorstandschef

des IT-Mittelständlers GFT hat exakte Vorstellungen

von der Zukunft dieses Gebäudes,

das einst Mitarbeiter des Konkurrenten

Oracle beherbergte, dann fast drei

Jahre leer stand. Und noch vor Weihnachten

zur neuen GFT-Unternehmenszentrale

werden soll, auf rund 4000 Quadratmetern.

Wo andere derzeit nichts als eine

08/15-Baustelle sehen, schwärmt Dietz

von der Ästhetik unverputzter Betonwände,

Kunstharz- und Dielenböden und grau

melierten Teppichböden, die hier bald

verlegt werden. Einem mediterran anmutenden

Café im Erdgeschoss inklusive Vortragssaal

und Platz für einen

Teil seiner Kunstsammlung,

die er in den vergangenen

zwei Jahrzehnten aufgebaut

hat, „um zu verstehen, wie

Künstler um die Ecke denken“.

Und den künstlerischen

Eingriffen, die er gerade mit

Tobias Rehberger ausheckt,

einem Künstler von Weltrang, mit dem

Dietz seit Jahren befreundet ist.

Warum er das alte Gebäude nicht einfach

abreißt, um ein neues komplett nach

seinen Vorstellungen bauen zu lassen? Warum

er einem Künstler freie Hand gibt bei

der Gestaltung eines Teils des Gebäudes?

„Ich suche immer nach reizvollen Aufgaben

mit Aha-Effekt, die mehr Grips als

Geld kosten. Ich will neue Dinge ausprobieren,

auch wenn sie anderen abseitig erscheinen“,

sagt Dietz. „Und ich will Technologie

schön präsentieren.“

Überzeugungen, die nicht nur Dietz’ Anspruch

an die Gestaltung der neuen Unternehmenszentrale

deutlich machen. Sie beschreiben

auch das Spannungsfeld, in dem

der heute 56-jährige GFT-Gründer in den

vergangenen 30 Jahren eines der führenden

IT-Unternehmen Europas aufgebaut

hat, mit knapp 350 Millionen Euro Umsatz,

3000 Mitarbeitern und einer Eigenkapitalquote

von mehr als 40 Prozent.

„Unsere Entwicklung war manchmal wie

auf einer Achterbahnfahrt – aber wir kamen

immer wieder zurück“, fasst Dietz seine

Karriere zusammen. Vom Drei-Mann-

Betrieb im beschaulichen Schwarzwald

zum global agierenden, börsennotierten

Unternehmen. Vom Schulabbrecher zum

Gesprächspartner der Bundeskanzlerin,

vom Lehrling zum Multimillionär,

von der Aushilfe im väterlichen

Schmuckbetrieb

zum visionären Aussteller auf

der weltgrößten Computermesse

Cebit. Immer auf der

Suche nach innovativer Weiterentwicklung

seines Geschäftsmodells,

nach Austausch

mit kreativen Köpfen vom Programmierer

bis zum Philosophen, nach besseren

Lösungen für seine Kunden.

„Das Unbekannte lieben lernen, nie die

Neugierde verlieren“, beschreibt Dietz einige

seiner zentralen Erfolgsgeheimnisse

(siehe Kasten Seite 69), „eigenen Ideen vertrauen

– gerade wenn andere sie für schräg

halten. Und immer fleißig schaffen.“

ERSTE FIRMA MIT 17

Grundsätze, die ihn von klein auf prägen:

Statt seinen Lehrern in der Schule hört

Dietz junior lieber seinen Eltern am Mittagstisch

beim Gespräch über den familieneigenen

Modeschmuckbetrieb zu.

Guckt, statt zu Hause für bessere Noten zu

büffeln, lieber seinem Vater im Laden im

heimischen Pforzheim über die Schulter.

Begleitet diesen schon mit 15 Jahren zu

Messen, hilft ihm beim Aufbau der Stände.

Macht statt Abitur lieber eine Lehre als Maschinenschlosser.

Und lernt dort, „mit Präzision

zu arbeiten und alles so gut wie

möglich zu erledigen“ – egal, ob’s ums Feilen

eines Werkstücks geht oder darum, den

Hof zu fegen. Erlebt in jungen Jahren, wie

viele seiner Kollegen in Kurzarbeit geschickt

werden und was es heißt, eine Firma

auch in schlechten Zeiten zu managen.

Und hat dennoch nur ein Ziel: „Ich wollte

immer Unternehmer werden.“

Schon mit 17, da ist er noch Lehrling, ist

es so weit: Dietz gründet ein Büro für technische

Zeichnungen. Bald bekommt er so

viele Aufträge, dass er einen Freiberufler

beschäftigen kann. Holt auf der Abendschule

doch noch das Abitur nach und studiert

Maschinenbau an der Fachhochschule

in Reutlingen. Die Eltern schie-

»

FOTO: MAKS RICHTER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

68 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Der IT-Ästhet

GFT-Gründer und -Hauptgesellschafter

Ulrich Dietz,

56, legt nicht nur Wert

auf leicht bedienbare Software,

sondern auch auf

eine aufgeräumte, attraktive

Arbeitsumgebung

Ulis Gebote

1. Glaub deinen Ideen

Es gibt immer Tausend Bedenkenträger, die

einem eine Idee ausreden wollen. Und

genauso viele Gründe, etwas nicht zu tun.

Aber wer seinen Ideen vertraut, kann auch

Skeptiker von seinen Projekten überzeugen.

Und sollte mit einer Art positiver

Sturheit sein Ding gegen alle Widerstände

durchziehen.

2. Ohne Fleiß kein Preis

Networken kommt von ned worken: Karrieren,

ob als Manager oder Unternehmer,

werden nicht auf dem Golfplatz gemacht.

Wer früher aufsteht und mehr arbeitet,

hat am Ende auch mehr Möglichkeiten.

3. Lebe deine Träume

Wir leben in einer durch und durch rationalen

Welt, ständig eingeengt von Budgetzielen,

Kennzahlen, Leistungszwängen.

Statt uns auf Fakten zurückzuziehen,

sollten wir öfter träumen, über Visionen

grübeln oder auf Zuruf rumspinnen.

4. Vertrauen schlägt Geld

„Lieber Geld verlieren als Vertrauen“:

Diesen Wahlspruch von Robert Bosch hat

mir mein langjähriger Beirat und Bosch-

Chef Markus Bierich ans Herz gelegt.

Denn Vertrauen ist die Basis jedes Unternehmens

– zu Mitarbeitern, Kunden,

Lieferanten.

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 69

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Management&Erfolg

Erfolg anvisiert

Das GFT-Gründertrio Ulrich Dietz (links),

Joachim Moser (Mitte) und Professor

Michael Schönemann (1987)

Auf Augenhöhe

Dietz hat über die Jahre ein

enges Netzwerk aufgebaut,

zu dem auch Apple-Mitgründer

Steve Wozniak zählt

»

ßen gerade mal 200 Mark im Monat zu,

am Semesterende steht er regelmäßig mit

ein paar Tausend Mark im Minus. Verdient

aber mit seinen Zeichnungen in den Ferien

so viel, dass das Konto zum neuen Semester

wieder im Plus ist.

Ans Studium schließt Dietz ein Praktikum

an – beim Maschinenbauer Trumpf,

mit dessen damaligem Eigentümer und

Geschäftsführer Berthold Leibinger Dietz’

Vater eine jahrzehntelange Freundschaft

verbindet. „Uli wusste schon früh, dass Beziehungen

nur dem schaden, der keine

hat“, sagt Leibinger über seinen Patensohn.

„Ich habe ihm bei uns die Tür aufgemacht,

ihn aber nicht protegiert. Durchgegangen

ist er selbst.“

Ein Jahr bleibt Dietz, arbeitet erst in der

Zentrale in Ditzingen, dann am US-Standort

in Connecticut. Bis heute treffen sich

Leibinger und Dietz einmal im halben Jahr

zum Essen, gerade hat Dietz Trumpf bei einem

internationalen Softwareprojekt beraten.

„Der Bursche kann was“, sagt Leibinger,

„er hat sich über die Jahrzehnte zu einem

tüchtigen und begabten Unternehmer

entwickelt.“

GESTELL ZUM LANDEN

Diese Begabung sollte sich schon bald zeigen:

Nach einem zweiten Studium – Product

Engineering in der kleinen, aber renommierten

Fachhochschule in Furtwangen

– gründet Dietz 1985 mit einem seiner

damaligen Professoren und einem weiteren

Mitstreiter im staatlich geförderten

Technologietransferzentrum im Schwarzwald-Dörfchen

St. Georgen ein Institut für

Softwareentwicklung. Das ist untergebracht

in den früheren Räumen der Technologiefirma

Dual, die den Kampf gegen

Schmucklose Keimzelle

Im IT-Transferzentrum in St.

Georgen wurde der Grundstein

des Unternehmens gelegt

die Konkurrenz aus Fernost damals schon

verloren hatte. Dietz’ Idee: Konstruktionssoftware

zu entwickeln, so bedienerfreundlich,

als wäre sie von Apple. „Ein guter

Programmierer war ich nie“, sagt Dietz.

„Aber ich wusste immer: Wir müssen die

Bedürfnisse unserer Kunden kennen, bevor

wir anfangen, Produkte zu entwickeln –

nicht umgekehrt.“

Zwei Jahre später, 1987, wandeln die

Gründer ihr Institut in ein Unternehmen

um – GFT ist geboren. Dietz, mangels Eigenkapital

erst angestellter Geschäftsführer

für 3000 Mark Monatsgehalt, übernimmt

zwei Jahre später per Kredit 75 Prozent

der Anteile, weitere zwei Jahre später

den Rest. „Der Kaufpreis war viel zu hoch“,

sagt Dietz. Folgt aber schon damals seinem

Motto: „Träume muss man leben.“

Um seinen Ex-Partner auszahlen zu können,

engagiert Dietz weitere Geschäftsführer,

verkauft ihnen GFT-Anteile – darunter

auch seiner Frau Maria. „Die beiden ergänzen

sich sehr gut“, sagt Leibinger. „Sie hat

das Unternehmen mit ihrer klaren Nüchternheit

stabilisiert.“ Die Maxime der Betriebswirtin

und Ex-Microsoft-Managerin:

„Jede Idee braucht Flügel zum Fliegen –

aber auch ein Gestell zum Landen.“

Und das ist gerade in den Anfangsjahren

wichtig: Zwar trifft GFT mit seinen Produkten

den Nerv der Kunden, doch die Bonität

bei den Banken ist mäßig. Bis Anfang der

Neunzigerjahre „haben wir von der Hand

in den Mund gelebt“, erinnert sich Dietz.

Sogar auf seine Hochzeitsreise verzichtet

er, „ich musste zu Hause bleiben und Geld

verdienen“.

Als GFT 1993 kurz vor dem Konkurs

steht, steckt Dietz mit dem Mut der Verzweiflung

250 000 Mark in eine Anzeigen-

kampagne – und hat Erfolg: Unter den neu-

en Kunden ist auch die Deutsche Post, die

von GFT Lizenzen und Servicepakete für

eine neue Produktions-, Planungs- und

Steuerungssoftware erwirbt. Ein Millionendeal,

„damit konnten wir in neue Dimensionen

vorstoßen“, erinnert sich Dietz.

GROSSVATER ALS VORBILD

Sein Credo: „big enough to deliver, small

enough to care“ – schlagkräftig wie ein

Konzern, sorgfältig, flexibel und kundennah

wie ein Mittelständler. Und das längst

nicht mehr nur in Deutschland. Nach dem

Vorbild seines Großvaters, der schon vor

dem Ersten Weltkrieg Schmuck in Italien

produzieren ließ, um ihn in Deutschland

zu verkaufen, expandiert Enkel Uli ins Ausland:

gründet 1996 ein Entwicklungszentrum

in Irland, kauft 1997 in der Schweiz

zu. Erweitert und verändert immer wieder

das Produktportfolio, steigt ins Web-

Design ein – bis auch die Konkurrenz auf

den Selfmade-Mann aus dem Schwarzwald

aufmerksam wird. Die Angebote, GFT

zu verkaufen, häufen sich, im Spiel sind

Summen ab 50 Millionen Mark. Dietz lehnt

stets ab, denn „was die Konkurrenz macht,

machen wir nicht schlechter“.

Bestärkt fühlt er sich durch seinen Berater

bei der Deutschen Bank. „Natürlich

kannst du GFT verkaufen“, sagt ihm der Ende

1998, als wieder mal ein US-Konzern an

die Tür geklopft hatte. „Aber du kannst das

Geld auch an der Börse einsammeln.“

Dietz findet schnell Geschmack an der

Idee – und holt seinen Ratgeber gleich mit

an Bord: Markus Kerber. „Glücksgriff“

nennt Dietz seinen neuen Finanzvorstand,

der nach seiner GFT-Zeit zu Wolfgang

Schäuble erst ins Bundesinnen-,

»

FOTOS: PR

70 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Management&Erfolg

Offenes Ohr

Dietz legt großen Wert auf Austausch mit

Künstlern wie Tobias Rehberger

Peppige Plattform

Mit Code_n bietet Dietz Startups

auf der IT-Messe Cebit seit

drei Jahren Präsentationsmöglichkeiten

in einer aufwendig

gestalteten Messehalle

Bulliger Börsenstart

Mehr als 34 Millionen Euro

Expansionskapital sammelte

GFT mit dem Börsengang im

Juni 1999 ein

FOTOS: MICHAEL DANNENMANN, PR (2)

»

später ins Finanzministerium wechseln

sollte und heute Hauptgeschäftsführer des

Bundesverbands der Deutschen Industrie

ist. „Dietz“, sagt Trumpf-Legende Leibinger,

„hatte immer ein gutes Händchen fürs

Personal.“

Statt auf Headhunter setzt er lieber auf

das eigene Urteilsvermögen, beobachtet

potenzielle Führungskräfte schon mal zwei

Jahre, bevor er sie einstellt. Lädt sie zu sich

nach Hause zum gemeinsamen Abendessen,

Kinder inklusive. Fordert sie auf zum

„Rumspinnen auf Zuruf“, nimmt sie mit ins

Museum oder zum Spaziergang durch die

Garmischer Alpen. „Ich will wissen, was

die Leute umtreibt, auch außerhalb des

Jobs“, sagt Dietz. „Wir sind ja keine Fabrik,

sondern ein Wissensunternehmen.“

Das nimmt mit dem Börsengang im Juni

1999 gewaltig Fahrt auf: Am Neuen Markt

herrscht Hochstimmung, Dietz verteilt

zum Börsenstart Kuckucksuhren aus Schokolade.

Der Ausgabekurs liegt bei 23 Euro,

die Erstnotiz bei 44 Euro, der Kurs klettert

im Lauf des Tages auf bis zu 66 Euro. GFT

sammelt durch den Börsengang mehr als

34 Millionen Euro ein, wochenlang kennt

der Kurs nur eine Richtung: nach oben. Ende

1999 bewertet die Börse das Unternehmen

mit zwei Milliarden Euro, „auf dem

Kontoauszug an Silvester 1999“, erinnert

sich Dietz, der damals 50 Prozent der GFT-

Anteile hält, „stand schon ein sehr ordentlicher

Betrag“. Auf dem Boden bleibt er

trotzdem: „Den Porsche“, sagt Dietz,

„konnte ich mir ja schon vorher leisten.“

Statt sich – wie damals viele hochgejubelte

Börsenstars der New Economy –

Villen, Yachten, Sportwagen oder Wochenendtrips

nach New York oder Hongkong zu

leisten, bleibt Dietz lieber bei der Familie

im Schwarzwald, steckt das Geld in den

Ausbau des Unternehmens. Bietet seinen

Mitarbeitern stets die technisch beste Arbeitsumgebung,

stiftet Wasser und Kaffee –

hält das Geld ansonsten aber beisammen:

Fliegt, wie alle Mitarbeiter, innerhalb Europas

bis heute ausschließlich Economy,

übernachtet nie für mehr als 100 Euro. Papier

bedruckt er gern beidseitig und ist sich

auch nicht zu schade, abends in den Büros

das Licht zu löschen. „Auch Kleinigkeiten

machen was aus“, sagt Dietz, „in der Hinsicht

bin ich sehr schwäbisch.“

Das gilt auch für sein Arbeitspensum:

„Ohne Fleiß kein Preis“, sagt Dietz, „wer

seine Zeit auf dem Golfplatz verbringt, gehört

nicht zu den Erfolgreichsten – wer früher

aufsteht, hat mehr Möglichkeiten.“

SPARRINGSPARTNER FÜR IDEEN

Die Krise holt ihn zum Ende der New-Economy-Blase

trotzdem ein: Weil Zahlen für

das Jahr 2000 minimal schlechter ausfallen

als prognostiziert, rauscht der Börsenkurs

Ende März 2001 an einem Tag um fast 50

Prozent in den Keller. „Wie ein Schlag in

den Magen“ sei das gewesen, erinnert sich

Dietz. Zusammen mit Finanzvorstand Kerber

ertränkt er den Frust in der Bar eines

schäbigen Hotels im Frankfurter Bahnhofsviertel

in Whisky. Dietz’ Fazit nach einer

durchzechten Nacht: „Der Druck ist

weg, jetzt können wir das Unternehmen in

aller Ruhe weiterentwickeln.“

Sein Ziel: die gesamte Wertschöpfungskette

für Geschäfte im Web abzudecken.

Erster Schritt in die neue Zukunft: GFT

übernimmt eine Tochtergesellschaft der

Deutschen Bank, die sich mit 25 Prozent an

dem Mittelständler beteiligt. Und setzt die

internationale Expansion fort: Spanien, In-

dien, Frankreich. Den Aufbau der französischen

Tochtergesellschaft an der Côte

d’Azur nutzt er für einen mehrjährigen Aufenthalt

vor Ort, „um mal bewusst eine andere

Perspektive auf sich und die Heimat

zu bekommen“. Jüngster Schritt vor wenigen

Wochen: die Übernahme des britischen

IT-Finanzdienstleisters Rule Financial

(siehe WirtschaftsWoche 30/2014).

Heute ist GFT in elf Ländern mit Niederlassungen

vertreten, allein 1600 der 3000 Mitarbeiter

arbeiten in Spanien und Polen –

„die sind nicht so teuer, aber gut ausgebildet,

liefern viele Impulse“.

Die erhofft sich der 56-Jährige auch aus

der globalen Gründerszene, der er seit drei

Jahren eine spektakuläre Bühne bietet: mit

Code_n, einer Plattform für Start-ups, die

Dietz in Kooperation mit der Messe Hannover

konzipiert hat. In einer eigenen, 16

Meter hohen Halle, die Dietz für rund eine

Million Euro von Künstlern wie Biennale-

Preisträger Tobias Rehberger oder angesagten

Architekten wie Jürgen Mayer H.

oder Clemens Weisshaar gestalten lässt,

präsentieren während der weltgrößten

Computermesse Cebit 50 junge Unternehmen

von Südkorea bis Frankreich ihre Ideen.

Thema 2014: Big Data.

„Wir verstehen uns als Sparringspartner

für neue Ideen“, sagt Dietz, „die in neue Geschäfte

umgemünzt werden können.“

Dieser Spirit soll auch die neue GFT-

Zentrale beseelen: Dort wird es eine eigene

Etage für rund zehn Start-ups und eine

weitere für ehemalige Top-Manager etablierter

Konzerne im Unruhestand geben,

„damit sich jung und alt gegenseitig befruchten

können – wie in einer ständigen

Metamorphose“.

n

manfred.engeser@wiwo.de, michael kroker

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 71

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Management&Erfolg

»Intrigen frühzeitig erkennen«

INTERVIEW | Hans-Joachim Reck Der Verbandschef kommunaler Unternehmen erklärt, warum Frauen

in Top-Jobs oft scheitern. Und was sie von den Männern lernen können.

Herr Reck, in den vergangenen Wochen

haben sich mit Elke Strathmann bei Conti,

Marion Schick bei der Telekom und Angela

Titzrath bei der Post drei Frauen von

Vorstandsposten großer Konzerne verabschiedet.

Haben diese Frauen versagt?

Es sind nicht die Frauen, die versagen, sondern

die Männer – und zwar die, die jetzt

mit 55 Jahren aufwärts die Staffelübergabe

angehen. Wer einen Top-Job zu vergeben

hat und aus der eigenen Branche hinausblickt,

sollte unter den letzten drei Kandidaten

problemlos eine Frau haben. Da kann

sich kein Mann mehr rausreden.

Wie würden Sie das sicherstellen?

Männer sollten begründen müssen, warum

sie frei werdende Chefposten nicht mit

Frauen besetzen.

Weil diverse Studien eigentlich belegen,

dass gemischte Teams erfolgreicher sind?

Dass mehr Frauen in die Führungspositionen

kommen müssen, ist in der Tat klar. Es

ist erwiesen, dass die Qualität der Entscheidungsprozesse

steigt, wenn Frauen mit

ihren Fähigkeiten – die sich von denen der

Männer unterscheiden – in den Gremien

mit von der Partie sind.

Trotzdem schaffen weibliche Vorstände nur

ein Drittel der Amtszeit ihrer männlichen

Kollegen, wie die Beratung Simon Kucher

und Partner errechnet hat. Woran liegt das?

Es ist immer das Gleiche: Es heißt, „ach,

dann wird das jetzt mal eine Frau, die Vita

stimmt ja halbwegs“. Und die werden

schnell konfrontiert mit Themen, die sie so

noch nicht erlebt haben, sehen sich schnell

ausgebremst, scheiden frustriert wieder

aus oder werden krank.

Oder wollen vielleicht gar keine Führungsaufgaben

übernehmen?

Wollen sie schon. Aber es müssen einige

Hemmfaktoren beseitigt werden. Frauen –

DER FRAUENVERSTEHER

Reck, 61, ist Hauptgeschäftsführer des

Verbands kommunaler Unternehmen,

arbeitete bei der Deutschen Telekom als

Personalmanager und war zuvor Bundesgeschäftsführer

der CDU.

das bestätigt etwa ein Projekt der Helmut-

Schmidt-Universität in Hamburg – haben

mehr Bedenken als Männer, in Führungspositionen

zu versagen, und fürchten,

Arbeits- und Familienleben nicht unter

einen Hut zu bekommen.

Wie lässt sich das verhindern?

In der Wirtschaft hat es keinen Sinn, einfach

irgendeine Ex-Wissenschaftlerin oder

Ex-Politikerin anzuheuern. Dann sonnen

sich die Männer wegen dieser Alibi-Plat-

zierungen nur in den Medien. Dabei müssten

sie den Frauen auch die Chance geben,

zu reüssieren. Aber das geschieht nicht.

Meist werden die Frauen einfach positioniert

und sich dann selbst überlassen.

Vielleicht muss die eine oder andere Frau

einfach lernen, besser zu kämpfen?

Auch wenn sie selbst keine Intrigen spinnen

wollen, müssen Frauen zumindest in

der Lage sein, diese zu erkennen. Das

gehört zur Sozialkompetenz von Führungskräften.

Frauen müssen lernen, mit

männlichen Methoden zu agieren. Ihre

Intellektualität alleine trägt sie in der luftigen

Höhe nicht. Sie müssen lernen, in

einer nachhaltig vernetzten Welt zu agieren.

Und Männer sollten Frauen Zeit

geben, sich an diese Spielregeln zu gewöhnen

– etwa durch Coaching.

Glauben Sie im Ernst, dass jemand wie

die Schwedin Eva-Lotta Sjöstedt sich mit

passenden Trainings gegen den Karstadt-

Inhaber Berggruen durchgesetzt hätte?

Frau Sjöstedt ist ja auch kein Beispiel

dafür, dass Frauen es nicht packen können

– im Gegenteil. Mir imponiert die Haltung

der Karstadt-Managerin, die ihren Job ja

aus eigenen Stücken hingeworfen hat. Sie

hat in ihrem bisherigen Berufsleben

gezeigt, dass sie gut ist, und jetzt zeigt sie

Unabhängigkeit. Wenn man dann zu dem

Ergebnis kommt, es passt nicht, und aussteigt,

ist das konsequent und hat Vorbildcharakter.

An wem sollen sich andere Frauen Ihrer

Meinung nach noch orientieren?

Nehmen Sie nur Bundeskanzlerin Angela

Merkel oder Verteidigungsministerin

Ursula von der Leyen. Sie agieren beide

sehr rational und arbeiten ihre Punkte systematisch

ab. Die haben jede für sich die

Männerdomänen um sich herum geknackt

– und achten darauf, dass in ihrem Umfeld

auch andere Frauen Chancen bekommen.

An wen denken Sie?

Etwa an die frühere McKinsey-Beraterin

Katrin Suder, die von der Leyen der gesamten

Generalität als Rüstungsstaatssekretärin

vorgesetzt hat. Damit sind die

alten männlichen Seilschaften empfindlich

gestört.

n

claudia.toedtmann@wiwo.de

FOTO: WERNER SCHUERING

72 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

Parallelwelt,

ganz oben

FRANKFURT | Die Europäische Zentralbank verändert

die Finanzmetropole, sie wird internationaler,

bunter – und reicher. Wie tickt die Stadt, in der über

unser aller Geld bestimmt wird?

Krachend kraxelt der Baustellenaufzug

am Gerippe des ehemaligen

Bürogebäudes in die Höhe.

Im zwölften Stock hält er an,

zwischen den nackten Wänden

weitet sich der Blick über die Türme des

Bankenviertels auf die sanften Hügel des

Taunus. „Wer hier wohnt, ist oben angekommen“,

verkündet Daniel Korn stolz.

Der Mann im dezent blauen Anzug ist Immobilienentwickler

und will die kleine

Schar gepflegter Damen und Herren bei

Häppchen und Hochglanzbroschüren

überzeugen, ihr Geld in Frankfurts ambitioniertestes

Wohnprojekt zu stecken. Die

Vorzüge des fertigen „Onyx“ flimmern neben

Korn über einen Fernseher, den der

Veranstalter ganz unbescheiden den größten

der Welt nennt.

HUNDEWASCHPLATZ INKLUSIVE

Bescheidenheit wäre fehl am Platz. Hier

herrscht Luxus am Rand der Realsatire. Die

Einfahrt zur Tiefgarage ist beheizt und garantiert

breit genug für ausladende Limousinen,

Videoüberwachung und Alarmmelder

entsprechen den Standards des Bundeskriminalamts

und dank Hundewaschplatz

hinterlässt Fiffichen keine Schlammspuren

auf dem Eichenparkett. Ein Concierge-Service

zwischen 6 und 22 Uhr

bringt die Wäsche zur Reinigung, besorgt

Karten fürs Konzert in der Alten Oper um

die Ecke, erfüllt jeden Wunsch. Wohnen

heißt hier Leben in der Luxussuite. Onyx

aber könnte genau so in jeder anderen Finanzmetropole

stehen. Es ist ein global

gültiges Wall-Street-Klischee, die Welt

drum herum ist zweitrangig, bei Bedarf

kann sie komplett draußen bleiben.

Tatsächlich geht es in Frankfurt aufwärts

– mehr Gewerbesteuer, mehr Einwohner,

mehr Arbeitsplätze, mehr Studenten, mehr

Museumsbesucher. Mehr alles. Selbst die

„New York Times“ empfahl die Stadt, von

der internationale Touristen bisher oft nur

den Flughafen kennenlernten, als einen

der global angesagten Plätze.

„Die Stadt ist attraktiv und hat sich in den

vergangenen 20 Jahren fantastisch entwickelt.

Viele bleiben gerne auf Dauer hier,

wir wünschen uns, dass es so weitergeht“,

sagt Peter Rennpferdt, Vize-Personalchef

der Europäischen Zentralbank.

1000 Experten aus ganz Europa sollen bei

der EZB innerhalb eines knappen Jahres aus

dem Nichts die Aufsicht über die wichtigsten

europäischen Banken

Luxus an

der Grenze zur

Realsatire

Entwickler Korn

auf dem

Onyx-Rohbau

aufbauen. Rennpferdts

Publikum klatscht artig.

Es sind Männer im Anzug,

Frauen im Kostüm,

die Diskussionsrunde hat

die Räume der Anwaltskanzlei

in einem Hochhaus mit Blick auf

den Main gut gefüllt, viele müssen stehen.

Das Motto lautet „Boom bis zum Ruin?“

und trifft das Unbehagen, das viele Frankfurter

drückt. Sie fragen, ob es gesund oder

schon gestört ist, was mit der Stadt passiert.

Die EZB-Leute sind nur ein Teil des Ansturms,

der überall nach Platz sucht, in der

Schule, auf den Straßen und vor allem auf

dem Wohnungsmarkt.

Der Aufbruch verunsichert viele, auch

weit jenseits der Aktivisten der Protestbewegung

Occupy – und lässt manche zurück.

Die Mieten steigen, Edel-Italiener

und Tapas-Bars verdrängen die Apfelweinkneipen.

Wie keine andere deutsche

»

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

1478

Milliarden Euro

managen Fonds von

Frankfurt aus

74 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


10 000

Euro kostet ein

Quadratmeter

in Spitzenlage

1000

Bankenaufseher

stellt die EZB in

diesem Jahr ein

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 75

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

»

Stadt prägt eine globale Geldelite Frankfurt,

ihre Vertreter sind eigentlich nicht

hier, sondern in der Welt zu Hause. Sie bleiben

unter sich, in der Frankfurter Innenstadt

bilden sie und ihre Dienstleister – Anwälte,

Werber, PR-Leute, Wirtschaftsprüfer

– eine Blase, eine Parallelwelt, die nach eigenen

Regeln funktioniert, wenig vom Außen

weiß und wissen will. Das frühere

Schmuddelkind Frankfurt ist stolz darauf,

dass es sich entwickelt, verdrängt aber die

Frage, wo es eigentlich hingehen soll.

„Es ist die spannendste Stadt Deutschlands,

strotzt vor Kraft und Selbstbewusstsein,

aber es fehlt die verbindende Idee, die

Identität. Geld und Internationalität reichen

nicht“, sagt Johnny Klinke. Vor gut 50

Jahren ist er hierhergekommen, das graue

Strubbelhaar erinnert an die wilde Zeit, in

der er mit seinen Kumpels Joschka Fischer

und Daniel Cohn-Bendit die Revolution

vorantreiben wollte. Noch heute bezeichnet

er sich als „gelernten Hausbesetzer“,

dabei ist er längst ein bekannter Kulturunternehmer,

in seinem Varieté „Tigerpalast“

treten seit 25 Jahren Clowns, Zauberer, Artisten

aus aller Welt auf, das angeschlossene

Restaurant hat zwei Michelin-Sterne.

VOM ERFOLG SANFT EINGELULLT

Klinke schätzt die Stadt für ihre seit der

Nachkriegszeit geübte Toleranz, ihre Freiräume

und ihre „Überraschungskultur. Jeder

kann machen, was er will, wenn er

kreativ und ausdauernd ist“, sagt er. Er sitzt

auf einer Bank im Park des Skulpturenmuseums

„Liebieghaus“, ein Frankfurter Vorzeigeplatz,

die frühere Fabrikantenvilla ist

nur wenige Meter vom Main entfernt. Vor

30 Jahren beschlossen die Planer, die damals

stinkende Dreckbrühe als natürliche

Mitte der Stadt zurückzugewinnen. Das hat

geklappt, heute ist der Fluss im Sommer

Ausflugsziel für Hunderte Ruderer, Spaziergänger

und sogar Schwimmer. „Frankfurt

ist nicht mehr kalt und schwarz-weiß,

sondern bunt und lebendig“, sagt Klinke.

Aber nicht frei von Schatten. Klinke nervt

das Gerede über soziales Auseinanderbrechen,

die Netzwerke der Stadt seien stark

genug, um das zu verhindern. „Was fehlt,

ist eine Debatte, eine Vision, bei der sich alle

fragen, wie sie die Zukunft mitten in Europa

gestalten wollen“, sagt er. Der Erfolg

lulle die Verantwortlichen ein, es fehle der

folgenreiche Dialog zwischen Unternehmen

und Kultur, Engagement beschränke

sich auf das ablassartige Sponsoring einer

Ausstellung. „Meine Generation tritt wohlversorgt

ab“, sagt Klinke. „Die Jüngeren

Gekommen, um zu

bleiben EZB-Bankaufseherin

Rebollo

Die EZB hat in ganz Europa Werbung

für das Leben in Frankfurt gemacht

sind oft sehr schnell erfolgreich geworden,

mit ihren internationalen Lebensläufen

aber lockerer an die Stadt gebunden. Deshalb

spüren sie weniger Verantwortung.“

NOTENBANK ALS KATALYSATOR

Der Bauzaun mit bunten Pinocchios und

einem Chor düsterer Affen aus der Sprühdose

schirmt das Hochhaus weitläufig ab,

Hammerschläge hallen herüber, Männer

mit Helmen laufen auf und ab. 201 Meter

ragt die Glasfassade aus der Brachlandschaft

um die ehemalige Großmarkthalle

empor, sie wirkt, als wäre sie direkt aus

Stanley Kubricks Filmklassiker „2001“ gelandet.

Vier Jahre hat der Bau der neuen

Zentrale der Europäischen Zentralbank gedauert,

1,2 Milliarden Euro gekostet, selbst

eine neue Brücke über den Main hat die

Stadt der EZB spendiert. 2300 Menschen

sollen hier arbeiten, Anfang 2015 ziehen

sie ein. Es ist „Viertel vor Entwicklung“, wie

das Plakat am Zaun verkündet.

Entwickeln sollen die Neuankömmlinge

das Ostend, das bisherige trübe Industriegrau

soll weichen. Viel ist davon noch nicht

zu sehen. Die Durchfahrtstraßen säumen

ein Matratzenlager, Welt der Farben und

Eisen Fischer, zwischen den Wohnhäusern

flanieren Männer mit offenen Bierflaschen

der Lokalmarken Binding und Henninger.

Die Lokale heißen Hesse Wirtschaft und

Zur Kutscherklause, Mittagsschnitzel gibt

es hier für 6,90 Euro. Einsames Zeichen der

neuen Zeit ist das Restaurant Oosten, ein

großer Glaskasten direkt am Main, vor dem

eine Gruppe jüngerer Anzugträger in der

Mittagssonne Salat knabbert. Mehr soll folgen:

Gerade hat die Stadt große Pläne

durchgewinkt für 650 Wohnungen, Büros,

bis zu drei Hotels.

Ausreichend ausgestattet, um für Aufschwung

zu sorgen, sind die EZB-Leute.

Ein Bankenwächter kassiert zwischen

65 000 und 100 000 Euro im Jahr – deutlich

mehr, als nationale Behörden zahlen. Richtig

attraktiv machen den Job die Vergünstigungen.

Es gibt steuerfreie Zulagen, 325 Euro

pro Kind, hauseigene Betreuung für kleinere

und Plätze in der internationalen

Schule für größere Kinder. Ausländer bekommen

16 Prozent Ortszulage, es gibt Hil-

FOTOS: ANGELIKA ZINZOW FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ACTION PRESS/KAMMERER, CORBIS/HICKS

76 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


fe bei der Suche nach einem Job für den Lebenspartner

und nach einer Wohnung und

auch noch zwei Monatsgehälter extra – für

Möbel. Alle zahlen keine deutsche Einkommensteuer,

sondern einen deutlich niedrigeren

Satz direkt in den EU-Haushalt.

„Wir haben überall in Europa Werbung

für Frankfurts Lebensqualität gemacht“,

sagt EZB-Personaler Rennpferdt. Tausende

Neuankömmlinge machen nun den Realitäts-Check,

unbelastet von alten Klischees.

Irene Rebollo etwa kennt weder Ebbelwoi-Showmaster

Heinz Schenk („Es ist alles

nur geliehen“) noch „Fall-für-

Zwei“-Detektiv Josef Matula, sie denkt bei

Frankfurt nicht an Dreck und Drogen und

auch nicht an arrogante Bankbosse, die

von ganz weit oben in ihren Türmen der

„Peanuts“-Welt da unten „Victory“-Zeichen

zeigen. Die zierliche Spanierin verbindet

mit der Stadt vor allem die blaue

Skulptur vor dem alten EZB-Gebäude in

der Innenstadt. Allabendlich bebilderte die

zu Hause in Madrid die Nachrichten, als

Symbol des Euro und seiner Krise.

ALLES AUF ANFANG

Seit März ist Rebollo selbst ganz nah dran.

„Ich wollte etwas Neues“, sagt sie. „In

Frankfurt habe ich die Chance.“ Rebollo

führt bei der neuen Aufsicht zehn Mitarbeiter

aus vier Nationen, darunter nicht ein

Deutscher. Ihr Team legt fest, welche Informationen

Banken melden müssen, sie

fängt bei null an, mehr Neues geht kaum.

Für Frankfurt hat Rebollo ihre Stelle bei

der spanischen Zentralbank aufgegeben,

Mann und Sohn sind erst mal in Madrid

geblieben. Die Aufseherin lebt wie eine

Austauschstudentin, teilt sich die Wohnung

mit einer spanischen Kollegin. Vorerst,

denn ihr Aufenthalt soll kein Provisorium

bleiben. „Ich bin glücklich hier, es

lässt sich gut leben, es gibt viel Grün und

kurze Wege“, sagt Rebollo. Bald zieht sie in

eine Wohnung im Westend, im Herbst soll

ihr Sohn hier in den Kindergarten.

Das Westend ist immer noch die von

Bankern bevorzugte und deshalb teuerste

Wohnlage. Hier und in den anderen gefragten

Vierteln rund um die Innenstadt

marschieren die Immobilienpreise schon

länger Richtung München. Im ersten Quartal

waren Wohnungen mehr als zehn Prozent

teurer als im Vorjahr, der Quadratmeter

kostet 6000 Euro und mehr. Kaltmieten

liegen zwischen 12 und 14 Euro, in Spitzenlagen

können es auch 16 pro Quadratmeter

sein. Der Boom hat nicht nur das Westend

und das benachbarte Holzhausenviertel,

Rendite für die Republik

Wie viel Geld Fondsanbieter in Frankfurt

für Privatanleger managen (in Mrd. Euro)

170,2 DeAWM (Deutsche Bank)

99,7

96,4

22,6

7,8

DekaBank (Sparkassen)

Union Investment (Volksbanken)

Universal (Berenberg, Bankhaus Lampe)

Frankfurt-Trust (BHF-Bank)

Stand: 31.5.2014; Quelle: BVI

sondern auch das einst alternativ angehauchte

Nordend, das frühere Arbeiterviertel

Bornheim oder Sachsenhausen auf

der anderen Mainseite erfasst.

Wohnen ist teuer, denn der Platz wird

knapp. Um 15 000 Einwohner wächst

Frankfurt jährlich, in diesem Jahr überschreitet

die Stadt die Schwelle von

700 000. Um alle unterzubringen, müssten

pro Woche 100 Wohnungen hinzukommen.

Das ist nicht zu schaffen, aber die

Stadt will es wenigstens versuchen. Neubauten

sollen möglichst alle Lücken auf

Auf der Sonnenseite Im Varieté Tigerpalast

(oben) gibt es Artisten und Spitzenküche,

der Opernplatz ist beliebter Bankertreff

den 250 Quadratkilometer Stadtfläche

schließen. Mit dem Riedberg im Nordwesten

und dem Europaviertel auf dem Gelände

des früheren Güterbahnhofs entstehen

zwei komplette Stadtteile vom Reißbrett.

Und in Sachsenhausen baut eine Gesellschaft

von SAP-Gründer Dietmar Hopp gerade

für 300 Millionen Euro 140 Meter in

die Höhe. In Wohntürmen können sich

Banker dann auch privat ganz oben angekommen

fühlen. Und: Sie sparen Platz.

Der Wohnungsboom macht die Stadt

nicht überall schöner. Allerorten schießen

gesichts- und geschichtslose Wohnblocks

in die Höhe. Zum Ausgleich, wie um sich

eines Stücks eigener Tradition zu versichern,

baut die Stadt fast 70 Jahre nach der

Zerstörung im Zweiten Weltkrieg jetzt einen

Teil der historischen Altstadt wieder

auf. Kritiker verspotten die Rekonstruktionen

als „Zuckerbäckerhäuschen“. Doch die

Nachfrage nach den bis zu 7250 Euro pro

Quadratmeter teuren Wohnungen ist

enorm, im November werden sie verlost.

VERTEILUNGSKAMPF UM BAULAND

Auf der Suche nach neuen Flächen dachten

die Stadtplaner sogar mal daran, die

Gewächshäuser entlang des Main abzureißen,

in denen seit Goethes Zeiten die sieben

Kräuter für die Frankfurter Grüne Soße

angebaut werden. Nach lokalen Proteststürmen

sah die Stadt davon ab. Vorerst.

Jetzt sollen vermehrt Bürobauten zu Wohnungen

werden. Die Bürostadt Niederrad

etwa, ein 150 Hektar großes Areal auf dem

Weg zum Flughafen, zum Lyoner Viertel

wandeln. Wo heute am Abend gespenstische

Ruhe herrscht, Fluglärm einmal ausgenommen,

sollen künftig 6000 Menschen

wohnen.

Büroflächen in B-Lagen sind schwer zu

vermieten – Banken und Berater drängen

ins Zentrum. Aktuell stehen zehn Prozent

der Büroflächen im Stadtgebiet leer, rund

1,3 Millionen Quadratmeter. Trotzdem ziehen

Investoren immer neue Projekte in die

Höhe. So baut der Immobilienentwickler

DIC Asset für 750 Millionen Euro das Maintor-Quartier

direkt am Flussufer. Von

74 000 Quadratmetern sind 90 Prozent

schon vor Abschluss des Baus vermietet.

„70 Prozent der Neubaufläche sind hier

für Büros vorgesehen. Die braucht keiner“,

sagt Anette Mönich und schaut empört.

„Das ist mal wieder so ein völliger Blödsinn.“

Die Frau mit den langen grauen Haaren

und der Lederjacke steht im Innenhof

des Universitätsgeländes, die Wände sind

vollgesprayt, einzelne Studenten tragen

»

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 77

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

Fit für den globalen

Wettbewerb Kids-Camp-

Gründerin Dorner

Die Edel-Kita versorgt den Nachwuchs

elf Stunden auf Englisch und Deutsch

»

Bücher vorbei, viele sind es nicht mehr.

2017 ist im Stadtteil Bockenheim Schluss,

die Hochschule zieht um, und wenn sie weg

ist, rollt auf die meisten Gebäude aus den

Sechzigerjahren trotz Denkmalschutz der

Abrissbagger zu. Wo jetzt noch Fahrräder

stehen, wird es nach dem aktuellen Plan eine

Straße geben, gesäumt von Neubauten,

die Mönich „total leblos, total steril“ findet.

Sie will es anders, lebendig, interessant,

will bezahlbare Wohnungen und Kultur für

möglichst viele. All das sieht sie bedroht.

Mönich führt einmal quer durch den

Stadtteil, in dem sie seit 32 Jahren zu Hause

ist, vorbei an Spuren des Wandels, an

neuen Eigentumswohnungen, das frühere

Verwaltungsgericht nennt sich jetzt Headquarter,

aus den Amtsstuben sind kleine

Apartments geworden, vermietet vor allem

an Studenten und „sehr teuer“, wie

Mönich sagt.

Sie beklagt sich nicht aus Passion, ihre

Sorgen teilen viele in Bockenheim. Das

Viertel war sozial immer munter gemischt,

nun droht eine Monokultur der Gutverdiener.

Um die zu verhindern, hat die Initiative

ein Büro gemietet, an den Wänden hängen

Baupläne, Broschüren verkünden „Wir

bleiben hier“. Mittwochs trifft sich die Mie-

* Name von der Redaktion geändert

terinitiative, es gibt Deutschkurse für Migranten,

Beratung, Diskussionen. Als die

städtischen Wohnungsgesellschaften die

Mieten um 1,30 Euro je Quadratmeter erhöhten,

machten die Berater Überstunden.

„Das war richtig krass, da kamen Dutzende“,

sagt Mönich. „Die Menschen haben

Angst, dass sie sich ihr Leben bald nicht

mehr leisten können.“ Es sind Menschen

wie Veronika Walter*.

AN DEN RAND GEDRÜCKT

1975 ist sie in ihre Bockenheimer Altbauwohnung

eingezogen, hat dort vier Kinder

bekommen und großgezogen, das Wohnen

war immer günstig, weil sich der alte

Vermieter nur wenig um sein Haus kümmerte.

Das änderte sich, als er das Haus

2011 verkaufte. Der neue Eigentümer erhöhte

die Miete sofort um 20 Prozent, ein

älteres Ehepaar konnte sich das nicht leisten

und musste sofort ausziehen. Inzwischen

ist von den ursprünglichen Bewohnern

nur noch Walter da. Mansarden und

Dachboden hat der Investor zu einer Maisonette-Wohnung

mit großer Dachterrasse

umgebaut. Hier wohnt keine Familie, sondern

eine Business-WG – Gutverdiener, die

keinen Anhang haben oder am Wochenende

nach Hause pendeln. Anfang des Jahres

ist Walters Miete noch mal um 20 Prozent

gestiegen. Die Rentnerin hat ihr Auto abgeschafft,

seit vier Jahren ist sie nicht mehr in

den Urlaub gefahren, sie spart, wo sie

kann, aber es reicht nicht. Jetzt will sie sich

eine neue Bleibe suchen, in eine Wohngemeinschaft

mit anderen Älteren ziehen –

eine Zwei-Zimmer-Wohnung kann sie sich

von ihrer Rente nicht mehr leisten.

Das ist die Schattenseite des Booms. Die

sonnige zeigt sich direkt vor der Tür des Bockenheimer

Stadtteilbüros. Wo bis vor Kurzem

noch Ein-Euro-Resterampen, Internet-Cafés

und Spielhallen dominierten,

gibt es heute internationale Käsespezialitäten,

gehobene Kochausrüstung und Tapas-

Bars. In efeuberankten Höfen sitzen Lattemacchiato-Trinker

vor Kunstgalerien.

Selbst die über Jahre verlassene Kaufhof-

Filiale ist wieder vermietet, hier ist gerade

eines der ersten Outlet-Stores des Internet-

Händlers Zalando eingezogen.

Solche Einsprengsel verwandeln Frankfurt

selbst da, wo es immer am finstersten

war. Die Straßen um den Hauptbahnhof

haben das negative Bild der Stadt geprägt,

mit Drogen, Nutten und ab und an Schießereien.

All das gibt es noch, aber heute ist

das Bahnhofsviertel auch das angesagteste

Ausgehquartier, an warmen Abenden stehen

Hunderte auf den Straßen.

ABGEFUCKT BIS ALTERNATIV

Maxie Eisen, Bar Plank und Walon & Rosetti

sind keine Kneipen, sondern Locations,

sie geben sich abgefuckt bis alternativ

– globale Konfektionsware für vollbärtige

Hornbrillenwerber, die Mojitos trinken

und sich nach Berlin träumen. Sechs

S-Bahn-Stationen weiter aber ist nicht Mitte,

sondern Offenbach.

Banker tauchen im Bahnhofsviertel seltener

auf, sie bewegen sich lieber rund um

den Opernplatz. Ihr Spesenspielraum ist

durch diverse Sparrunden nach der Krise

zwar geschrumpft, die Boni fallen etwas

dürftiger aus, mit der Dresdner Bank ist eine

große Adresse verschwunden. Verglichen

mit London und New York, ist Frankfurt

aber glimpflich davon gekommen. „Es

hat keine ganz großen Entlassungswellen

gegeben“, sagt Jörg Janke, Partner bei der

Personalberatung Egon Zehnder. „Frankfurt

hat Stabilität bewiesen und ist nach der

Krise attraktiver als vorher.“ Es sei eine

Stadt kurzer Wege, Banker mit Familie

schätzten das, zumal ihre Arbeitgeber

kaum noch nach Standorten differenzierten:

Angestellte desselben Hauses verdienen

oft überall gleich. Wer Londoner Preise

gewohnt ist, findet Frankfurt günstig.

FOTOS: ANGELIKA ZINZOW FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, INTERFOTO/IMAGEBROKER/ROBBIN, REINHARD EISELE/EISELE-PHOTOS

78 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Große Unternehmen, über Jahre ins Umland

abgewandert – sogar die Deutsche

Börse ging vor fünf Jahren ins benachbarte

Eschborn –, ziehen wieder zu: General

Electric, Nintendo, Honda, der US-Spielwarenhersteller

Mattel.

Peter Feldmann könnte zufrieden sein,

darf es aber nicht so wirklich. Der SPD-

Mann hat 2012 überraschend die Wahl gewonnen

und die CDU-Frau Petra Roth als

Oberbürgermeister beerbt. Der frühere

Leiter eines Jugendzentrums im sozial

schwachen Stadtteil Bonames hat inmitten

des „Mehr“ weniger versprochen: weniger

Fluglärm, weniger Kinder ohne Frühstück,

weniger soziales Auseinanderfallen, weniger

Hochkultur für die Elite. Auf dem Sonnenbalkon

der Alten Oper fragt er nach einer

Suppe. Als der Kellner eine Kaltschalen-Kreation

offeriert, winkt Feldmann ab.

Das ist ihm zu abgehoben, zu versnobt.

„Die EZB macht Frankfurt zu einer globalen

Marke“, sagt der Politiker. Die passe perfekt

zur Stadt, in der „jeder Grundschüler

früh den Umgang mit Geld lerne“. Feldmann

will den Wandel nicht bremsen, aber

in für alle verträgliche Bahnen lenken. Über

Jahrhunderte habe Frankfurt integriert, das

Leben statt Bürotristesse Der Main ist ein

beliebtes Ausflugsziel, die Bürostadt Niederrad

(oben) soll zum Wohnviertel werden

stecke tief in der DNA der Händler- und Finanzstadt.

Mit 43 Prozent hat sie den

höchsten Migrantenanteil der deutschen

Großstädte. Trotzdem könnten Menschen

entspannt leben, Kinder sicher in die Schule

schicken, selbst einkommensschwache

Viertel sind keine Ghettos, in denen nachts

die Mülltonnen brennen. „Es gibt keine

Vorbehalte gegen irgendwen, die EZB-Mitarbeiter

sind willkommen.“

Wenn sie denn ankommen und nicht in

ihrer Parallelwelt bleiben. In der Europäischen

Schule etwa, die Kinder von Mitarbeitern

der EZB bevorzugt aufnimmt. Sie

platzt aus allen Nähten, im September werden

hier rund 1450 Schüler aus 50 Ländern

in vier Sprachen lernen. Viele erwartet kein

Klassenraum, sondern ein Not-Container.

VOM CAYENNE IN DEN CONTAINER

Auch die anderen privaten Schulen boomen,

vor der Phorms-Grundschule oder

dem Kant-Gymnasium stauen sich morgens

die Porsche Cayennes, mittags treffen

sich Kinder und Nannys zum Auslauf im

nahen Holzhausenpark. Kindergärten wie

die Villa Luna versprechen Höchstleistung

für Höchstpreise.

So auch das Kids Camp, eine Rundum-

Betreuungsstätte für Kinder von zwei Monaten

bis zum Grundschulalter. Die Jugendstilvilla

im Bankenviertel umgibt ein

hoher Zaun, drinnen essen Kinder brav ihr

vollwertiges Mittagsmahl, sie tragen Trikots

von zehn Nationalmannschaften, Originale,

keine billigen Kopien. „In Frankfurt

leben so viele zugezogene Familien wie

sonst nirgends“, sagt Leiterin Martina Dorner.

Da fehlten Großeltern, die beim Betreuen

helfen. Und Banken drängen darauf,

dass Frauen nach der Geburt schnell

in den Job zurückkehren, in Vollzeit.

Damit der Nachwuchs die Eltern nicht

bremst, wird er für 750 Euro monatlich im

Kids Camp von acht Uhr morgens bis sieben

Uhr abends versorgt. Jede Gruppe hat

zwei Betreuer, je einer redet nur Englisch –

Training für den globalen Wettbewerb.

Die Nachfrage übersteigt das Angebot

bei Weitem, ein Drittel der Bewerber wird

abgelehnt. Deutsche Bank und Helaba haben

Plätze reserviert. Dorner startete 2004

mit 16 Kindern und zwei Mitarbeitern,

zehn Jahre später kümmern sich 150 Angestellte

um 500 Kinder. Noch eine Geschichte,

die der Boom schrieb, ein Erfolg, bei

dem aber auch viele draußen bleiben.

Frankfurt eben.

n

cornelius.welp@wiwo.de, mark fehr, angela hennersdorf,

saskia littmann, heike schwerdtfeger | Frankfurt

Boomstadt Frankfurt

Die Einwohnerzahl wächst

Einwohnerzahl (in Tausend)

700

650

600

550

500

450

Quelle: Stadt Frankfurt

5000

4000

3000

09 10 11 12 13

Die größere Nachfrage treibt die

Immobilienpreise

Kaufpreise für Eigentumswohnungen (in Euro/qm)

2000

09 10 11 12 13

Quelle: Jones Lang Lasalle

Es gibt mehr Jobs...

Sozialversicherungspflichtige Beschäftigte (in Tausend)

525

500

475

450

1,6

1,5

1,4

1,3

1,2

1,1

1

120

110

100

90

09 10 11 12 13

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Westend

...wodurch die Stadt mehr einnimmt

Gewerbesteuer (Milliarden Euro)

09 10 11 12 13 14*

* Haushaltsplan, Quelle: Stadt Frankfurt

Nordend

Bornheim/Ostend

Innenstadt/Bahnhofsviertel/Gallus

Selbst den Banken geht es gut

Geschäftsentwicklung der Banken*

09 10 11 12 13 14

* CFS-Finanzplatzindex (Umfrage unter Finanzunternehmen),

Quelle: Center for Financial Studies

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 79

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

Kein Mensch Im Automobilbau ist die

Automatisierung weit fortgeschritten

weit fortgeschritten sind“, sagt Georg von

Wallwitz, Geschäftsführer des Vermögensverwalters

Eyb & Wallwitz in München. In

seinen Portfolios hält er Aktien des Siemens-Konkurrenten

ABB, von Kuka und

Papiere des japanischen Anbieters Fanuc.

Der größte Automatisierungstreiber seien

die steigenden Lohnkosten in China,

sagt von Wallwitz. Im bevölkerungsreichsten

Land der Welt sind die Löhne in den

vergangenen zehn Jahren im Schnitt um

mehr als zehn Prozent pro Jahr gestiegen.

Gleichzeitig sinkt die Arbeitsproduktivität.

Daher müssen die Hersteller Kosten sparen

– folglich ist China der größte und am

schnellsten wachsende Robotermarkt der

Welt. iPhone-Fertiger Foxconn etwa hat

jüngst 10 000 Roboter bei Google bestellt.

Renditemaschinen

AKTIEN | Um Kosten zu sparen, kaufen Unternehmen neue Roboter

für ihre Fabriken. Die Automatisierung steht in vielen Branchen

noch am Anfang – das bietet Anlegern Chancen zum Investieren.

Er arbeitet hinter Gittern, schnell, gezielt

und leise, ohne Murren, trotz der

stupiden Arbeit. Nur ein Surren klingt

aus dem Käfig, immer im gleichen Takt:

Pappe ansaugen, aufs Band legen, Folie

draufsetzen. Immer und immer wieder.

Roger Schlender beobachtet seinen neuen

Roboter bei der Arbeit und flachst: „Einen

Vorteil hat das Ding ja: Aufs Klo gehen

muss er nicht.“

Schlender führt ein kleines Unternehmen

in Hattingen im Ruhrgebiet, seine 15

Mitarbeiter fertigen Ringordner und edle

Verpackungen. Keine Massenware, alles

auf Bestellung. Vor wenigen Monaten hat

sich der Chef einen neuen Mitarbeiter liefern

lassen – einen Industrieroboter des

Augsburger Roboterbauers Kuka. Schlender

hat ihn für 35 000 Euro gekauft, um seine

Angestellten von einfachen, aber anstrengenden

Arbeiten zu entlasten, wie er

sagt. Nebenbei liefert die Maschine eine

durchgehend perfekte Qualität, schnell ist

sie auch und nimmt außerdem nie Urlaub,

nicht einmal ein freies Wochenende.

Besser. Schneller. Mehr. Mit diesen drei

Worten lässt sich eine Entwicklung beschreiben,

die nicht nur in Hattingen, sondern

auf den Werkbänken der ganzen Welt

Einzug hält: Das Zauberwort für Effizienz

heißt Automatisierung.

ROBOTER FÜR ZWEI BILLIONEN

Wer glaubt, die Industrie sei schon weitgehend

automatisiert, der irrt. Für den Automobilbau

ist das richtig, in japanischen

Autofabriken etwa stehen pro 1000 Arbeiter

bereits mehr als 150 Roboter am Band.

Aber viele Branchen stehen noch ganz am

Anfang. Die Unternehmensberatung

McKinsey rechnet damit, dass die Automatisierung

in zehn Jahren Umsätze von mehr

als zwei Billionen US-Dollar schaffen wird

– jährlich. Im vergangenen Jahr wurden

weltweit 179 000 Industrieroboter verkauft,

das sind 40 Prozent mehr als noch zu Beginn

der Dekade.

„Wer diesem Megatrend mit seinem Kapital

folgen will, sollte auf Unternehmen

setzen, die Roboter bauen und technisch

SUCHMASCHINENRIESE AM START

Google will bei der Roboter-Rallye mitmischen

und hat acht Start-up-Unternehmen

aus dem Bereich Robotik gekauft. „Der

Markteintritt von Google bedeutet die

größte Veränderung in der Robotikindustrie“,

sagt Thomas Bauernhansl. Der Leiter

des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik

und Automatisierung erwartet von

Google eine Software, die herstellerübergreifend

auf verschiedenen Robotern laufen

kann – so wie das Betriebssystem Android

auf fast allen Smartphones. Das bringe

die Branche in neue Dimensionen, weil

Roboter einfacher und günstiger werden.

Außerdem wird die Einführung von

Leichtbaurobotern (LBR) das Geschäft antreiben.

Heute kaufen kleinere Unternehmer

wie Roger Schlender nur in Ausnahmefällen

Roboter, weil diese meist groß

und schwer sind und das Risiko besteht,

dass in der Nähe arbeitende Menschen

verletzt werden. Künftig sollen Arbeiter die

Roboter wie Werkzeuge direkt am Band bedienen,

ein Team aus Mensch und Maschine.

„In fünf Jahren wird mehr als jeder dritte

Roboter ein LBR sein“, glaubt Frank

Kirchner, Robotik-Experte vom Deutschen

Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

Die Technik werde dann auch für

kleinere Unternehmen attraktiv.

Wichtig ist, in welchen Branchen die

Hersteller vertreten sind. Aktuell wird die

Automatisierung etwa in der Flugzeugfertigung

vorangetrieben. „Auch in der Textilbranche,

in der Logistik und bei der

Verpackung von Lebensmitteln wird viel

automatisiert werden“, sagt Kirchner.

FOTOS: KUKA SYSTEMS, DDP IMAGES/SCHUERMANN

80 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Erfolgreiche Robotik-Unternehmen sind

mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGV) von

mehr als 20 höher bewertet als herkömmliche

Maschinenbauer, deren KGV eher bei

15 liegt. Das liegt daran, dass Anleger von

ihnen stärkeres Wachstum und bessere

Gewinnmargen erwarten. Vier große Unternehmen

dürften von der zunehmenden

Automatisierung besonders profitieren.

n ABB Der größte unter den Automatisierern

macht rund ein Viertel seines Umsatzes

im Bereich Industrieautomation und

Robotik. Im vergangenen Quartal lieferte

dieser Bereich ein Drittel des Gewinns. Wie

viel davon auf den Robotervertrieb zurückgeht,

will ABB nicht verraten. Doch das Geschäft

mit den intelligenten Maschinen gilt

als Ertragsperle. Einzig im Bereich Energietechniksysteme

schwächelt der profitable

Siemens-Rivale, allerdings macht dieses

Segment nur ein Sechstel des Umsatzes

aus. ABB ist in mehr als 100 Ländern aktiv

und setzt vor allem auf Großaufträge. Im

jüngsten Quartalsbericht konnte das Unternehmen

14 Prozent mehr Aufträge in

China vermelden. Dort hat ABB seine globale

Produktentwicklung und erschließt

neue Märkte mit Leichtbaurobotern, etwa

im Bereich Lebensmittelverpackung und

Elektronik. Die Dividendenpolitik ist aktionärsfreundlich.

Chance nnnnn

Risiko nnnn

Gewinne automatisieren

Die Aktien von ABB, Fanuc, Kuka und Yaskawa bieten Chancen

Unternehmen (Land)

ABB (CH)

Fanuc (JP)

Kuka (DE)

Yaskawa (JP)

ISIN

CH0012221716

US3073051027

DE0006204407

JP3932000007

Kurs

in Euro

17,81

21,77

44,00

9,88

1 2013; 2 Mittelzufluss nach Abzug von Investitionen etc.; 3 Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis des für 2014 geschätzten

Gewinns; 4 Dividendenrendite in Prozent; Quelle: Bloomberg

n Fanuc Der Kurs der Japaner ist zuletzt

nur seitwärts gelaufen und hat Nachholpotenzial.

Vom schwachen Yen konnte Fanuc

in den vergangenen Jahren genauso wenig

profitieren wie von der Geldschwemme

der japanischen Notenbank, weil der Vertriebsschwerpunkt

noch sehr stark auf dem

Heimatmarkt liegt. Für eine kurzfristige

Kurssteigerung spricht der hohe freie

Cash-Flow, aus dem Fanuc eigene Aktien

zurückkaufen könnte. Mit einer neuen Generation

von automatischen Roboterzellen

für den Automobilbau sollen neue Kunden

gewonnen werden. Im kommenden Geschäftsjahr

wollen die Japaner den Gewinn

um ein Drittel steigern. Dafür muss sich

aber die zuletzt eingebrochene Nachfrage

aus China erholen.

Chance nnnnnnn

Risiko nnnnnn

Umsatz 1

30850

3300

1774,5

2654,1

Gewinn 1

(in Millionen Euro)

2790

809

58,3

128,6

41261

30612

1492,3

2528,5

Freier

Cash-Flow 2

2303,7

797,2

185,3

18,3

KGV 3

21,4

25,6

26,7

19,1

Börsenwert

Dividende

1, 4

3,0

1,3

1,0

1,0

n Kuka Die Aktie des Augsburger MDax-

Unternehmens geht sei 2010 steil nach oben

und hat dieses Jahr schon 25 Prozent zugelegt.

Kurzfristig wird die Roboter-Rallye wohl

eine Pause einlegen müssen, das Unternehmen

ist mit dem dreieinhalbfachen Buchwert

sehr hoch bewertet. Allerdings spricht

einiges dafür, dass die Augsburger ihre erfolgreiche

Börsenstory langfristig fortsetzen:

Durch den Kauf des Aerospace-Experten

Alema baut Kuka die Flugzeugbausparte

aus. Anleger spekulieren auf Aufträge von

Airbus, die gegenüber Boeing in der Automatisierung

ihrer Fertigung zulegen müssen.

Um in China zu expandieren, hat Kuka

vor einigen Monaten den Systemintegrator

Reis gekauft. In diesem Jahr sollen dort 5000

Roboter produziert werden. Die große Zukunftshoffnung

ist ein neuer Leichtbauroboter,

der die Zusammenarbeit von Menschen

und Maschinen ermöglichen soll und auch

für kleine Unternehmen attraktiv sein kann.

Chance nnnnnn

Risiko nnnnn

Mehr Bewegung

Yaskawa baut

ein motorisiertes

Außenskelett

für Gelähmte

Leichtbautechnik ermöglicht Teams

aus Menschen und Robotern

n Yaskawa. Der japanische Robotikspezialist

hat einen großen Wettbewerbsvorteil:

Er ist Technologiepartner des Start-ups Argo

Medical, dessen motorisiertes Außenskelett

als erste Roboter-Gehhilfe für Gelähmte

zugelassen wurde. Die Entwicklung

bis zur Produktionsreife dauerte Jahre, nun

kann Yaskawa als Pionier das Produkt in

Asien vermarkten und weiterentwickeln.

So will das Unternehmen eine führende

Rolle im Bereich Privat-Robotik einnehmen.

Hier sind die Margen meist besser als

in der Industrie-Robotik. Ab 2015 werden

die ersten Umsätze durch die Kooperation

erwartet. Alles in allem ist Yaskawa also

eher eine Wette auf die Zukunft, auch weil

in diesem Jahr erhebliche Investitionen für

eine Restrukturierung anstehen.

Chance nnnnnnn

Risiko nnnnnnn n

maximilian nowroth | Frankfurt, geld@wiwo.de

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 81

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse | Steuern und Recht

PROKON

Rodbertus bleibt draußen

Wie es beim insolventen Windparkfinanzierer weitergehen dürfte.

Der Machtkampf zwischen Prokon-Gründer

Carsten Rodbertus

und Insolvenzverwalter

Dietmar Penzlin ist entschieden.

Auf der Gläubigerversammlung

stellte sich die Mehrheit

auf die Seite von Penzlin.

Bis Januar kommenden Jahres

soll der Insolvenzverwalter einen

Sanierungsplan erarbeiten.

Wie geht es bis dahin weiter?

Insolvenzverwalter Penzlin hat

den Anlegern in Aussicht gestellt,

dass sie zwischen 30 und

60 Prozent ihres investierten Kapitals

zurückerhalten. Ob sie das

übrige Geld bei Prokon-Gründer

Rodbertus einklagen können,

bleibt fraglich. „Vor einer

möglichen Klage prüfen wir, ob

er noch zahlungsfähig ist“, sagt

Dirk-Andreas Hengst, Anwalt

der Kanzlei Gröpper Köpke in

Hamburg.

Könnte der Prokon-Gründer

das Unternehmen wieder übernehmen?

Eher nicht. „Rodbertus

hat keine juristischen Möglichkeiten

mehr, die Beschlüsse

der Gläubigerversammlung zu

kippen“, sagt Marc Gericke,

Rechtsanwalt bei der Kanzlei

Göddecke in Berlin. Rodbertus

habe keinen Antrag gestellt, die

Beschlüsse der Gläubigerversammlung

vom Insolvenzgericht

überprüfen zu lassen. Solche

Anträge sollen vermeiden,

dass Beschlüsse, die gegen die

Interessen der Gläubiger gefasst

wurden, wirksam werden.

INTERESSENKONFLIKT

Zwar seien Kanzleien dagegen

vorgegangen, dass etwa 15000

Stimmen auf der Versammlung

nicht zugelassen wurden. Das

werde aber keinen Einfluss haben,

da die Stimmen die Mehrheitsverhältnisse

nicht geändert

hätten, so Gericke. Die Stimmen

wurden nicht zugelassen, weil

Rodbertus die dazugehörigen

Vollmachten über seinen Vertrauten

Alfons Sattler einsammeln

ließ, was nach Ansicht der

Rechtspflegerin des Insolvenzgerichts

ein unzulässiger Interessenkonflikt

sei.

Der Berliner Anwalt Jochen

Resch und zwei weitere Kanzleien

hatten darauf einen Befangenheitsantrag

gegen die

Rechtspflegerin gestellt, waren

aber damit gescheitert. „Das Gericht

hätte die Anleger früher

und nicht erst auf der Versammlung

informieren müssen, dass

ihre Stimmen möglicherweise

annulliert werden“, sagt Resch.

Anleger, die Sattler Vollmachten

ausgestellt hätten, seien keine

Marionetten des Prokon-Gründers

gewesen. Resch selbst, der

mehrere Tausend Prokon-Anleger

vertritt, sieht sich als Rodbertus-Kritiker:

„Er hat Prokon

ohne Zweifel an die Wand gefahren.“

Er glaube nicht, dass

Rodbertus bei Prokon noch eine

Rolle spielen werde.

Rodbertus einzige Chance

wäre, genügend Anleger auf seine

Seite zu ziehen, um bei der

Abstimmung über den Sanierungsplan

Anfang 2015 Penzlin

auszubremsen. Nach dem missglückten

Versuch, Stimmen für

die Gläubigerversammlung einzusammeln,

ist das allerdings

unwahrscheinlich.

martin.gerth@wiwo.de

RECHT EINFACH | Unfälle

Bei extrem ausgefallenen Unglücksfällen

sagen Richter meist

„selber Schuld“ und lehnen

Schadensersatz ab.

§

Eingeklemmt. Trotz Verbots

verkaufte ein Ladenbesitzer

einem 14-Jährigen Alkoholika.

Angetrunken musste

sich der Jugendliche erleichtern.

Anschließend wollte er den Reißverschluss

seiner Hose schließen.

Dabei klemmte er sich die Vorhaut

ein, die später im Krankenhaus

entfernt werden musste.

Wegen der Verletzung wollte der

14-Jährige Geld vom Ladenbesitzer.

Er ging jedoch leer aus. Das Jugendschutzgesetz

schütze vor Alkoholsucht,

nicht jedoch vor Unfällen

beim Wasserlassen, so das Gericht

(Landgericht Weiden, I O 190/03).

Finger gebrochen. Ein Rheinländer

wollte beim Bankautomat Geld abheben.

Als die Scheine erschienen,

griff der Mann mit der ganzen Hand

in das Ausgabefach. Dummerweise

war seine Hand noch drin, als sich

die Klappe wieder schloss. Ergebnis:

Quetschungen und ein gebrochener

Mittelfinger. Der Kunde

verlangte von der Bank 5000 Euro

Schmerzensgeld. Ohne Erfolg.

Das Geldinstitut konnte belegen,

dass es die Automaten regelmäßig

kontrollieren und warten

ließ (Landgericht Düsseldorf, 6 O

330/13).

Zähne ausgeschlagen. Ein Angestellter

wollte Unterlagen kopieren.

Weil ein Kollege den Kopierer

benutzte, wollte sich der Mann

die Wartezeit mit einer Flasche

alkoholfreiem Bier vertreiben. Als

die Flasche beim Öffnen überschäumte,

wollte er schnell abtrinken.

Dabei schlug er sich am

Flaschenhals mehrere Zähne

aus. Die Zahnarztkosten musste

er selbst zahlen. Es handele sich

nicht um einen Arbeitsunfall,

so die Richter (Sozialgericht Dresden,

S 5 U 113/13).

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA/REINHARDT/WARNECKE, PR

82 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


SPANIEN-IMMOBILIEN

Verkaufen wird von 2015 an teurer

Wer vor 1995 in Spanien eine

Immobilie gekauft hat und sie

mit Gewinn veräußern will, sollte

möglichst noch in diesem

Jahr handeln, denn der spanische

Staat will 2015 einige Steuerregeln

für Verkäufer von Immobilien

verschärfen. Dies trifft

auch deutsche Eigentümer.

Zwar soll der Steuersatz für Gewinne

auf Häuser oder Wohnungen

von 21 auf 20 Prozent

gesenkt werden, dennoch wird

es für die meisten Immobilienverkäufer

teurer. „Das liegt vor

allem daran, dass ab 2015 Kürzungskoeffizienten

wegfallen,

die den steuerpflichtigen Wert

der vor 1995 gekauften Immobilie

erheblich reduzieren“, sagt

Stefan Meyer, Anwalt in Madrid.

Meyer rechnet vor: Wer eine Immobilie

vor Ende dieses Jahres

für drei Millionen Euro verkauft,

die er 1985 für eine Million Euro

gekauft hatte, müsste bei Anwendung

des Kürzungskoeffizienten

einen steuerpflichtigen

Gewinn von 481 521,80 Euro

versteuern. Bei einem Steuersatz

von 21 Prozent würde er

derzeit 101 119,58 Euro ans spanische

Finanzamt überweisen.

Bei einem Verkauf im kommenden

Jahr sähe die Steuerbilanz

deutlich schlechter aus: Der

steuerpflichtige Gewinn läge

dann bei zwei Millionen Euro.

UMSATZSTEUER

Ein Raum, eine Steuer

Das Vermieten von Immobilien

ist von der Umsatzsteuer befreit.

Viele Eigentümer, die gewerblich

vermieten, verzichten

auf die Steuerfreiheit. Vorteil:

Sie können die auf den Kaufpreis

gezahlte Mehrwertsteuer

beim Finanzamt im Rahmen

des Vorsteuerabzugs geltend

machen. Oft werden Immobilien

teilweise gewerblich und

teilweise als Wohnraum vermietet.

Vermieter können dann

bei dem gewerblich vermieteten

Teil auf die Steuerfreiheit

SCHNELLGERICHT

CHEF HAFTET NICHT FÜR DRÜCKERKOLONNE

§

Der Geschäftsführer eines Vertriebs für Gaslieferverträge

haftet nicht persönlich für unlautere und

damit wettbewerbswidrige Methoden bei Haustürgeschäften.

Dies gelte, solange der Geschäftsführer

nicht selbst am Vertrieb beteiligt war oder dieses

gesetzeswidrige Geschäftsmodell angeordnet hat

(Bundesgerichtshof, I ZR 242/12). Geklagt hatte ein

Energieversorger, der dem Vertrieb des Konkurrenten

vorwarf, seine Kunden mit irreführenden Informationen

zu überreden, bestehende Verträge zu kündigen.

verzichten. Das funktioniert

aber nur, wenn die Räume baulich

klar voneinander abgegrenzt

sind (Bundesfinanzhof,

V R 27/13). Dies gelte etwa für

Immobilien mit Wohnungen

und Ladenlokalen. Die Miete

für einzelne Räume lasse sich

dagegen nicht in einen Teil mit

und einen ohne Umsatzsteuer

trennen. In diesen Fällen müsse

sich der Eigentümer für eine

private oder eine gewerbliche

Vermietung entscheiden – und

somit für eine Steuervariante.

Bei einem Steuersatz von 20

Prozent wären das 400 000 Euro.

Für Deutsche, die ihren

Hauptwohnsitz in Spanien hatten

und in ein anderes EU-Land

wollen, gibt es von 2015 an einen

Weg, die erhöhte Steuer zu

vermeiden: Wenn sie den Verkaufserlös

komplett in eine

neue, von ihnen bewohnte Immobilie

investieren, bleibt der

Gewinn auf das spanische Haus

steuerfrei. Eine spanische Immobilie

an Angehörige zu

schenken ist dagegen kein Steuersparmodell.

Sowohl für das

Erbe als auch den Wertzuwachs

der Immobilie sind in Spanien

Steuern zu zahlen.

WERBUNGSKOSTEN

Keine Miete,

kein Abzug

Pendler, die eine Einliegerwohnung

im Haus ihrer Eltern als

Zweitwohnsitz angeben, können

nicht automatisch Kosten

für doppelte Haushaltsführung

absetzen (Bundesfinanzhof, VI

R 79/13). Wenn die Arbeitnehmer

keine Miete zahlen und

sich nicht an der Haushaltsführung

der Eltern beteiligen, unterhalten

sie keinen eigenen

Hausstand, folglich entfällt der

Steuerbonus.

ALLE MIETER MÜSSEN FÜRS GAS ZAHLEN

§

Ein Energieversorger verklagte eine Mieterin eines

Einfamilienhauses in Berlin auf Zahlung einer Gasrechnung.

Die Gaskundin weigerte sich, die Rechnung

zu bezahlen, weil sie nicht in dem Haus gewohnt,

sondern lediglich gemeinsam mit ihrem inzwischen

zahlungsunfähigen Lebensgefährten den

Mietvertrag unterschrieben habe. Der Vermieter habe

aus „Bonitätsgründen“ auf ihrer Unterschrift bestanden.

Sie selbst und Ihre Kinder hätten in einer anderen

Wohnung gelebt, ein Vertrag mit dem Gasversorger

sei nie zustande gekommen. Der Bundesgerichtshof

sah die Beklagte in der Pflicht, auch wenn sie

nicht in dem Haus gewohnt habe (VIII ZR 313/13).

Schließlich habe sie den Mietvertrag unterzeichnet

und anschließend geduldet, dass ihr Lebensgefährte

Gas verbrauche. Sie habe damit rechtlich einen Vertrag

mit dem Gasversorger abgeschlossen.

FLUGGEPÄCK WEG

RONALD SCHMID

ist Dozent

und Anwalt

für Reise- und

Luftverkehrsrecht

in

Frankfurt.

n Herr Schmid, wie viel

muss die Fluggesellschaft

zahlen, wenn der Koffer

verloren geht?

Maximal 1000 Sonderziehungsrechte

(SZR), das sind

momentan rund 1140 Euro.

Die Grenze ist international

gültig für aufgegebene Gepäckstücke,

die in Obhut der

Airline zerstört, beschädigt,

verloren oder zu spät ausgeliefert

worden sind.

n Wie kommen ich als Geschädigter

an mein Geld?

Am besten ist, Sie prüfen das

Gepäck sofort nach dem

Empfang und melden den

möglichen Schaden noch am

Flughafen. Bei wertvollem

Handgepäck sollten Sie schon

an Bord schauen, ob es unversehrt

ist. Später wird es

schwieriger, nachzuweisen,

dass der Schaden während

des Fluges entstanden ist.

Nach sieben Tagen ist jegliche

Haftung ausgeschlossen.

n Was kann ich tun, um besonders

wertvolles Gepäck

finanziell abzusichern?

Sie haben zwei Möglichkeiten:

Entweder Sie schließen eine

Reisegepäckversicherung ab.

Oder Sie übergeben der Fluggesellschaft

eine Wertdeklaration,

dann muss die Airline

den nachgewiesenen Schaden

ersetzen. Das kostet einen

Zuschlag von rund drei Prozent

des Gepäckwertes.

n Verändert sich die Haftung

bei Geschäftsreisen?

Nein, auch da zahlt die Fluggesellschaft.

Der Arbeitgeber

kann freiwillig einen Teil des

Schadens ersetzen, wenn der

Flug über ihn gebucht wurde.

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 Redaktion: martin.gerth@wiwo.de, maximilian nowroth | Frankfurt

83

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Große Teile der

Finanzbranche haben ihr

Vertrauen bei Anlegern verspielt.

Von Annina Reimann

Alles Lüge?

Die viel gescholtene Finanzbranche

will das

verlorene Vertrauen

der Anleger zurückgewinnen.

Nun versuchen die

Lobbyisten des Versichererverbands

GDV es mit der Pippi-

Langstrumpf-Methode („Ich

mach’ mir die Welt, wie sie mir

gefällt“). Sparer hätten 2013

nur 3,3 Prozent der Lebensversicherungsverträge

gekündigt,

weniger als im Vorjahr, der

niedrigste Wert seit 1993, ein

„Vertrauensbeweis der Kunden

in ihre Lebensversicherung“.

Doch die Realität ist grau,

nicht kunterbunt, wie bei Pippi.

Zwar stimmt die Zahl. Blickt

man aber auf das Volumen, also

den Wert der gekündigten Verträge

in Euro, so hat die Branche

mehr verloren als 2012: 4,3 Prozent

des Vertragsvolumens wurden

von Versicherten gekündigt.

Das liege daran, so der GDV,

dass die Verträge üppiger dotiert

waren, Sparer hätten mehr

eingezahlt, weil ihre Einkommen

gestiegen seien.

Groß darüber zu streiten, welche

Zahl nun aussagekräftiger

ist, lohnt nicht. Denn bereits die

offizielle Lobby-Zahl ist ein

Alarmsignal.

Der Bund der Versicherten

hat ausgerechnet, dass sich

schon nach der für die Branche

erfreulicheren Prozentzahl der

Versicherer nach 30 Jahren etwa

zwei Drittel der Kunden per

Kündigung verabschiedet haben.

Gemessen am Vertragsvolumen,

fallen drei Viertel weg.

Die ganz große Mehrheit der

Versicherten hält also beim Altersvorsorgeprodukt

Lebensversicherung

nicht bis zum Ende

durch – sei es, weil sie sich die

teuren Verträge nicht mehr leisten

können, sei es, weil sie keine

Lust mehr haben, sich für zu

niedrige Renditen jeden Monat

Beiträge abzuknapsen.

Knackpunkt: Nur wenn ein

Kunde bis zum Vertragsende

durchhält, rechnet es sich. Wer

eher ausscheidet, bekommt

wegen hoher Kosten in den Anfangsjahren

kaum sein eingezahltes

Kapital heraus. Das ist

gut – für Versicherer.

KURSE MANIPULIERT

Verglichen mit den Banken, sind

Versicherer allerdings noch Waisenknaben.

Wir wollen nicht von

denen reden, die Steuerhinterziehern

halfen, via Schweiz und

Luxemburg den Fiskus und damit

jeden Steuerzahler zu betrügen.

Das Kapitel ist erledigt. Ein

anderes noch nicht: die Manipulation

der Zinssätze Euribor und

Libor in die für die beteiligten

Banker jeweils vorteilhafte Richtung;

die Manipulation des Goldpreises,

die Manipulation von

Devisenkursen. Vergangene Woche

sagte der Chef der großen

Royal Bank of Scotland, die

Währungsmanipulation sei vermutlich

noch teurer für die Branche

als die der Zinssätze. Ein

mieses Gefühl: Der Zins auf dem

Tagesgeldkonto und für den

Hypothekenkredit, der Preis, zu

dem ich einen Krügerrand gekauft

habe, der Kurs, den ich für

die Urlaubswährung bezahlt habe

– alles falsch, alles Lüge?

Die Finanzaufseher ermitteln,

wer manipuliert hat, werden es

vermutlich auch herausbekommen.

Banken werden wieder ein

paar Milliarden Strafe zahlen

und ein paar Leute feuern. Wie

viel Schaden entstand, bei Sparern,

Kreditnehmern, Urlaubern,

wird nie zu ermitteln sein. Und

beschädigtes Vertrauen lässt

sich schon gar nicht beziffern.

TREND DER WOCHE

Metall-Monopoly vorbei

Nach drei Jahren Baisse wächst am Kupfermarkt die

Hoffnung auf eine Preisstabilisierung.

Wer glaubt, der Kupferpreis sei

für Aktionäre ein zuverlässiger

Wegweiser, sollte die Preiskurve

des Metalls und einen Aktienindex

wie MSCI, Dow Jones oder

Dax aufeinanderlegen – schon

erlebt er sein rotes Wunder: Obwohl

Kupfer wegen seiner vielfältigen

industriellen Verwendung

eng mit der Konjunktur

und damit auch mit den Aktienkursen

verbunden sein sollte,

driften die Chartkurven auseinander.

Während die Aktien seit

2011 eine Hausse hingelegt haben,

schnurrte der Kupferpreis

von 10150 Dollar je Tonne auf

bis zu 6400 Dollar zusammen.

Diese seltsame Preisschere hat

einen Grund: Vorher, von 2009

bis 2011, hatte sich der Kupferpreis

im Zuge einer Spekulationsblase

vervierfacht. Gezockt

Rolle vorwärts

Kupferlager im ostchinesischen

Nantong

wurde nicht nur auf den endlosen

Kupferbedarf in China und

Indien; zusätzlich wurde Kupfer

in großem Stil als Basiswert für

Fonds und Derivate entdeckt.

Die notwendigen Deckungskäufe

ließen den Preis eskalieren.

Mit der Kupfer-Baisse der vergangenen

Jahre ist dieser Rausch

verflogen. Reihenweise haben

sich große Spieler wie Morgan

Stanley, JP Morgan, Barclays und

Deutsche Bank vom Metallhandel

verabschiedet. Gut möglich,

dass in Zukunft wieder das Verhältnis

von echter Nachfrage

und Angebot den Preis bestimmt.

Und der könnte sich um

7000 Dollar stabilisieren – allein

schon, weil wegen der globalen

Energiewende der Kupferbedarf

für Leitungen, Generatoren,

Elektromotoren steigen wird.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 24.7.2014 / 18.00 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9794,06 +0,4 +16,9

MDax 16510,80 +0,4 +16,3

Euro Stoxx 50 3220,07 +2,0 +17,0

S&P 500 1990,59 +1,7 +18,1

Euro in Dollar 1,3472 –0,4 +1,7

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,17 +0,01 2 –0,46 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,49 –0,02 2 –0,08 2

Rohöl (Brent) 3 107,38 –0,2 –0,9

Gold 4 1292,75 –0,7 –3,2

Kupfer 5 7151,00 +1,7 +1,1

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 959,73 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, CORBIS/IMAGINECHINA, PR

84 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


DAX-AKTIEN

Gefährliches Vorzeichen

Bevor nicht klar ist, welche Strafen auf die Deutsche

Bank zukommen, wird sich die Aktie nicht erholen.

HITLISTE

Blendende Aussicht

LEDs von Cree an der Bay

Bridge in San Francisco

Dass die Deutsche Bank von

der amerikanischen Notenbank

und dem US-Senat scharf

für ungenaue Berichterstattung

gerügt wird, ist ein gefährliches

Vorzeichen. Es signalisiert,

dass die Stimmung in

den USA gegenüber der führenden

deutschen Bank extrem

frostig ist – und das kann

teuer werden. Die französische

Großbank BNP Paribas bekam

von US-Behörden eine Mega-

Strafe von umgerechnet 6,5

Milliarden Euro wegen Embargoverstößen

aufgebrummt.

Dass die Deutsche Bank, die so

viele Rechtsstreitigkeiten wie

niemand sonst in der Branche

am Bein hat, viel billiger wegkommt,

ist wenig wahrscheinlich.

Die von der Deutschen

bisher für Rechtsstreitigkeiten

zurückgestellten zwei Milliarden

Euro dürften bei Weitem nicht

ausreichen. Wahrscheinlich sind

die Deutsch-Banker gerade dabei,

dieses Polster zu verstärken.

Gewinn und Kapital im aktuellen

Quartalsabschluss wird das

schwer drücken – bitter für die

Bank und den Aktienkurs.

TRENDMÄRKTE

Zum Erfolg verdammt

Warum 3-D-Drucker und LED-Lampen ihre Branchen

revolutionieren, Anleger aber enttäuschen.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2014 2015 2015

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9794,06 +0,4 +16,9

Aktie

Stand: 24.7.2014 / 18.00 Uhr

Adidas 72,52 –0,9 –12,9 4,10 4,90 15 15172 2,07

Allianz 129,80 –0,1 +10,6 13,63 13,96 9 59182 4,08

BASF NA 82,35 –1,5 +17,9 5,87 6,44 13 75637 3,28

Bayer NA 100,95 +0,4 +19,8 6,12 6,94 15 83480 2,08

Beiersdorf 67,95 –1,1 –0,6 2,54 2,82 24 17123 1,03

BMW St 95,51 +1,1 +29,3 8,76 9,27 10 61383 2,72

Commerzbank 11,15 +2,2 +62,7 0,62 1,01 11 12694 -

Continental 169,55 +1,9 +43,4 12,63 14,27 12 33911 1,47

Daimler 66,30 –0,4 +24,1 6,09 6,84 10 70903 3,39

Deutsche Bank 26,90 +0,9 –21,8 2,52 3,52 8 36502 2,79

Deutsche Börse 54,26 +0,5 +0,7 3,73 4,12 13 10472 3,87

Deutsche Post 25,38 –1,8 +19,6 1,71 1,91 13 30685 3,15

Deutsche Telekom 12,22 –0,1 +31,2 0,63 0,68 18 54393 4,09

E.ON 14,92 +2,6 +16,7 0,94 0,98 15 29845 4,02

Fresenius Med.C. St 50,37 –1,3 +1,8 3,60 3,97 13 15491 1,53

Fresenius SE&Co 109,75 –2,9 +12,7 6,21 7,17 15 24768 1,14

Heidelberg Cement St 59,00 –0,8 +7,3 4,05 5,11 12 11063 1,02

Henkel Vz 85,79 +0,3 +16,7 4,31 4,70 18 34512 1,42

Infineon 9,24 +1,6 +27,8 0,44 0,54 17 9982 1,30

K+S NA 23,90 +4,3 –7,5 1,43 1,54 16 4574 1,05

Lanxess 49,08 +1,4 +2,1 2,17 3,47 14 4083 1,02

Linde 154,60 +2,2 +6,6 7,89 8,93 17 28701 1,94

Lufthansa 14,58 –0,2 –6,1 1,36 2,51 6 6704 -

Merck 65,43 +0,7 +6,0 4,63 4,86 13 4228 2,90

Münchener Rückv. 164,40 +1,3 +11,0 17,44 17,56 9 29484 4,41

RWE St 31,63 +2,4 +34,3 2,21 2,29 14 19177 3,16

SAP 60,70 +2,2 +9,0 3,37 3,71 16 74570 1,81

Siemens 94,45 +1,7 +13,0 6,54 7,45 13 83210 3,18

ThyssenKrupp 21,82 –0,9 +26,4 0,57 1,20 18 11226 -

Volkswagen Vz. 183,35 –0,9 +5,6 21,76 24,46 7 84711 2,21

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Solar

SolarCity (US)

FirstSolar (US)

Yingli (CN)

3-D-Druck

Voxeljet (D)

Stratasys (US)

3D Systems (US)

LED

Cree (US)

Leyard (CN)

Osram (D)

Börsenwert 1

6,4

6,3

0,6

0,4

5,1

5,9

6,1

1,0

4,9

Die Deutsche Bank spricht in

einer Studie von einem „Goldrausch“

bei Solaranlagen. Autozulieferer

wie Hella richten

ihre Produktion ganz auf

LED-Lampen aus. Und 3-D-

Drucker sollen ohnehin die

gesamte Industrie revolutionieren.

Wer sich aktuell an der

Börse auf diese Verheißungen

einlässt, muss entweder glücklich

spekulieren oder noch die

Finger von den Trendmärkten

lassen. Denn die Kurse der

Aktien schwanken innerhalb

eines Jahres zu stark, als dass

sie sich als solides Investment

empfehlen. Die Abweichungen

der Aktienkurse von ihrem

Mittelwert lassen sich an

ihrer Volatilität ablesen. Während

etwa die Volkswagen-Aktie

2013 um 25 Prozent schwankte,

kommt der 3-D-Drucker Voxeljet

auf einen Wert von 83 seit

Anfang 2014. Erst langsam etablieren

sich die Trendprodukte

auf ihren Märkten. Die Unternehmen

sind im Vergleich zu

ihren Erlösen deutlich überbewertet,

was ein Blick auf die

Kurs-Gewinn-Verhältnisse

zeigt. Einige Anbieter machen

gar noch Verluste, oder sie

haben noch wenig Kunden,

wie Voxeljet, die 2013 ganze

neun 3-D-Drucker an Industriekunden

auslieferten.

Volatilität 2

Umsatz 2013 1

85,9 0,2

67,5 3,3

85,5 2,2

82,9 4 0,0

49,3 0,5

52,1 0,5

42,1 1,4

53,9 0,1

33,9 4 6,9

1 in Mrd. US-Dollar; 2 Schwankungsbreite der Aktienkurse im Jahr 2013;

3 Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2014 geschätzt; 4 Daten für 2014; Quelle: Bloomberg

KGV 3

Verlust

23,8

Verlust

Verlust

46,9

66,9

30,6

44,4

16,0

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 85

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE IBM

Der Gewinn war noch

nie so fett wie heute

Starker Anschluss Mehr

Geschäft durch Partner Apple

Das Bündnis der einstigen

Rivalen IBM und Apple ist

vielversprechend. Beide

High-Tech-Ikonen wollen

das lukrative Geschäft mit

Smartphones und Tablet-

Computern bei Unternehmen

massiv ausbauen. Apple, bisher

vor allem auf private Nutzer

konzentriert, bekommt

mit seinen Geräten dann Zugang

zu Firmenkunden und

großen Behörden; IBM kann

endlich teilnehmen am

wachstumsstarken Geschäft

um iPhone und iPad. Schon

in den nächsten Monaten

wird IBM für die Kooperation

erste auf Unternehmenskunden

zugeschnittene Softwareanwendungen

entwickeln.

Die Allianz mit Apple ist für

IBM Gold wert. Sie ist ein

Meilenstein der Strategie, das

rückläufige traditionelle Geschäft

mit Personalcomputern

durch neue Sparten zu

ersetzen: etwa durch mobile

Dienste, das Management

großer Datenmengen und

Cloud Computing (Zugriff auf

Programme via Internet).

Dabei kommt IBM schon

bisher gut voran. Obwohl das

klassische Geschäft mit Computern

im zweiten Quartal um

elf Prozent schrumpfte, hielt

sich der Umsatzrückgang im

Gesamtkonzern mit minus

zwei Prozent in Grenzen. Besonders

das Cloud-Geschäft

ist mit plus 50 Prozent Umsatzwachstum

im zweiten

Quartal erfolgreich. Mit dem

Verkauf der Sparte Kleinserver

an den chinesischen Computerkonzern

Lenovo verringerte

IBM den Anteil seiner Hardwareproduktion.

Entscheidend für Aktionäre

ist, dass die Nettorechnung aufgeht.

Und da sieht es gut aus:

Um 28 Prozent erhöhte IBM

den Gewinn im zweiten Quartal.

Wenn die allgemeine Konjunktur

nicht völlig wegbricht,

sind bis Jahresende mehr als 17

Milliarden Dollar Reingewinn

möglich. Das wären trotz leicht

rückläufiger Umsätze nicht nur

mehr als die 16,5 Milliarden

Dollar von 2013. IBM würde mit

einem solchen Rekordgewinn

eine Nettomarge (Reingewinn

vom Umsatz) von fast 18 Prozent

erzielen. Seit dem Tiefpunkt

von 2002 (6,6 Prozent

Nettomarge) hat IBM seine Gewinnkraft

also nachhaltig erhöht.

Noch nie in seiner mehr

als 100-jährigen Geschichte hat

Big Blue, wie IBM unter Börsianern

heißt, so fett Geld verdient.

Daran gemessen ist die elffache

Gewinnbewertung (KGV 2014)

von IBM-Aktien günstig.

IBM

ISIN:US4592001014

220

50-Tage-Linie

210

200-Tage-Linie

200

190

180

170

Kurs/Stoppkurs (in Dollar): 192,50/163,60

KGV2014/2015: 10,8/9,7

Dividendenrendite (in Prozent): 2,3

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle: Thomson Reuters

2013 2014

Gefundenes Fressen

Mobiles Internet

in Thailand

AKTIE Telenor

Gute Verbindungen in

Schwellenländern

Mit knapp über 50 Prozent

der Stimmrechte kontrolliert

der norwegische Staat seinen

Kommunikationsanbieter

Telenor. Der ist auf dem heimischen

Markt führend, erzielt

als eines der größten Unternehmen

des Landes dort

aber nur etwa 24 Prozent seiner

Umsätze. Fast die Hälfte

der Erlöse stammt aus Asien.

Mit 176 Millionen Mobilfunkkunden

weltweit hat Telenor

gut 30 Millionen Mobilfunkkunden

mehr als die Deutsche

Telekom. Und das,

obwohl der Konzern mit 35

Milliarden US-Dollar Börsenwert

nur halb so groß ist.

Vor allem die Töchter in

den Schwellenländern Indien

(Uninor), Malaysia (DiGi),

Thailand (dtac) und Bangladesch

(Graamenphone) sorgen

für ein konstantes Konzernwachstum

um die vier

Prozent. Auf dem riesigen

Mobilfunkmarkt Indien etwa

gewann Telenor zuletzt zwei

Millionen neue Kunden hinzu.

Wegen hoher Investitionen

macht Telenor in Indien

allerdings noch Verluste.

Die skandinavischen Heimatmärkte

sind hart umkämpft.

Während Telenor im

zweiten Quartal 2014 in Norwegen

seine Umsätze pro

Mobilfunkkunden um fünf Prozent

steigern konnte, brachen

die Geschäfte in Dänemark

um sechs Prozent ein.

Insgesamt sieht es für den

Konzern gut aus: 2013 erzielte

er 1,1 Milliarden Euro Reingewinn.

Zwar lag der Gewinnanteil

vom Umsatz mit gut acht

Prozent auf einem für Telenor

niedrigen Level. 2014 soll die

Marge auf 13 Prozent steigen.

Die Halbjahreszahlen in der

vergangenen Woche übertrafen

die Markterwartungen: Telenor

rechnet jetzt mit einem leicht

wachsenden Geschäft für 2014.

Telenor

ISIN: NO0010063308

160

150

140

130

120

110

100

90

Kurs/Stoppkurs (in NOK): 149,80/127,30

KGV 2014/2015: 15,9/14,0

Dividendenrendite (in Prozent): 4,8

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle: Thomson Reuters

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

2013 2014

FOTOS: REUTERS/RATTAY, GETTY IMAGES, CORBIS/IMAGINECHINA, LAIF/WOLF

86 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Anton Riedl, Sebastian Kirsch

Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


ZERTIFIKATE Gold und Silber

Starke Käufer langen

wieder zu

ANLEIHE Daimler

Finanzen

plus Autos

Eintritt zum Aufstocken Portal

der Goldbörse Shanghai

Die Eskalation der Krisen im

Nahen Osten, im Irak und in

der Ukraine lässt die Preiskurven

für Gold und Silber

nach oben zucken. Das hilft

bei der Stabilisierung auf

den Edelmetallmärkten, die

sich im Gold zwischen 1200

und 1300 Dollar abspielt. Gut

möglich, dass daraus eine längere

Aufwärtsbewegung wird.

Hauptgrund für das Comeback

von Gold und Silber ist

das weltweite Misstrauen in

die Papierwährungen, das

sich zuallererst an der Inflationsrate

ablesen lässt. Die ist

zwar in der EU offiziell noch

außergewöhnlich niedrig,

zieht aber in den Vereinigten

Staaten (im Juni: 2,1 Prozent)

und seit Kurzem auch in

Großbritannien wieder an.

Dank robuster Arbeitsmärkte

könnte sich diese Tendenz verstärken

und in einer zweiten

Welle dann auch die Euro-

Zone erreichen.

Am Goldmarkt jedenfalls

langen die starken Käufer wieder

zu. Der führende Goldfonds

SPDR, der im vergangenen

Jahr noch 550 Tonnen

abgab, hat seinen Bestand in

diesem Jahr bisher um rund

800 Tonnen aufgestockt. An der

Shanghai Gold Exchange sind

chinesische Investoren weiter

überwiegend auf der Käuferseite.

In Indien nahmen die

Goldimporte zuletzt deutlich

zu, weil unter der neuen Regierung

die Zölle für Edelmetallkäufe

sinken dürften. Selbst die

weltweiten Notenbanken dürften

in diesem Jahr wieder etwas

mehr Gold ordern.

Darüber hinaus gibt es bei

Silber einen Zusatzeffekt. Wegen

seiner hohen Leitfähigkeit

wird es auch industriell bei

vielen Produkten verarbeitet,

die auf Jahre hinaus gefragt

sein dürften: Solarpanels, Katalysatoren,

Kontakte aller Art –

auch für Trendprodukte wie

Smartphones oder Tablets.

Edelmetall zum Spekulieren

Zertifikate auf die Erholung der Preisnotierungen von Gold

(1298 Dollar je Feinunze) und Silber (20,80 Dollar je Feinunze)

Kurs (Euro)

Stoppkurs (Euro)

Funktion

Kauf-Verkaufs-

Spanne

Emittentin

(Ausfallprämie)

ISIN

Chance/Risiko

Faktorzertifikat auf Gold

8,80

6,60

Verstärkt die täglichen Schwankungen der Edelmetallpreise mit sechsfachem

Hebel; Beispiel: Steigt Gold bzw. Silber an einem Tag um 1,5 Prozent,

legt das Zertifikat um 9 Prozent zu; keine feste Laufzeit, kein Knockout;

dafür leichte Verluste in Seitwärtsphasen und hohe Verluste bei Preisrückgängen

der Edelmetalle; Euro-Dollar-Währungsschwankungen fließen

direkt in die Kursberechnung der Zertifikate ein

0,40 Prozent

1,30 Prozent

Deutsche Bank

(0,8 Prozent = geringes Risiko)

DE000DX6XAU4

10/9

Quelle: Banken, Thomson Reuters

Faktorzertifikat auf Silber

8,02

6,01

Commerzbank

(1,0 Prozent = mittleres Risiko)

DE000CB8LY40

10/9

Mit knapp 1,2 Millionen Fahrzeugen

hat Daimler im ersten

Halbjahr so viele Autos,

Transporter, Lastwagen und

Busse ausgeliefert wie nie zuvor.

Geht es in diesem Tempo

weiter, werden es bis Jahresende

gut 2,4 Millionen Fahrzeuge.

Angesichts der stabilen

Preise wären dann mehr als

125 Milliarden Euro Umsatz

möglich, plus sechs Prozent.

Die operativen Gewinne im

Kerngeschäft mit Mercedes-

Autos ziehen an. Bis Jahresende

dürfte Daimler die Hochrechnungen

der Analysten

(6,5 Milliarden Euro Nettogewinn)

problemlos toppen.

Kein Wunder, dass die gerade

auf den Markt gekommene

Daimler-Anleihe mit Laufzeit

bis 2024 gut ankam, obwohl

sie nicht einmal zwei Prozent

Jahresrendite verspricht. Immerhin,

im Vergleich zu 1,1

Prozent aus Bundesanleihen

ein akzeptables Angebot.

Die Geschäftsaussichten für

Daimler sind gut. In diesem

Jahr dürfte sich die weltweite

Autonachfrage um vier Prozent

erhöhen. Wie im ersten

Halbjahr sollte der Daimler-

Absatz etwas stärker zulegen.

Der wichtige amerikanische

Automarkt wird von der robusten

US-Konjunktur angetrieben;

in China wird aus Gründen

des Umweltschutzes der

Ersatz alter Fahrzeuge durch

neue, sauberere forciert;in Europa

dürfte sich die moderate

Erholung des Automarkts fortsetzen.

Das Nutzfahrzeuggeschäft,

das ein Drittel zum

Umsatz beisteuert, profitiert

vom langfristigen Wachstum

des Transportbedarfs.

Ein Schwachpunkt von

Daimler ist auf den ersten

Blick die mit 64 Milliarden Euro

hohe Nettoverschuldung.

Stern geht auf Mehr als 6,5

Milliarden Euro netto in Sicht

Der Grund jedoch sind 81 Milliarden

Euro Verbindlichkeiten

der Abteilung Financial Services

(im Industriegeschäft verfügt

Daimler über 17 Milliarden

Liquidität). In der Finanztochter

bündeln die Stuttgarter das

Geschäft mit Leasing, Absatzfinanzierungen,

Versicherungen

und eine kleine Direktbank.

Für Daimler hat diese Konstruktion

drei Vorteile: Es werden

damit enorme Finanzmittel

erschlossen, allein Anleihen

über 40 Milliarden Euro; der

Absatz im Kerngeschäft Fahrzeuge

wird gepusht;und zudem

trägt der Finanzableger mit

einem Viertel zum operativen

Gewinn bei. Wenn Daimler also

inklusive Financial Services

auf 24 Prozent Eigenkapitalquote

kommt, ist das für einen

gemischten Industrie- und

Finanzkonzern ein solider Wert.

Von Standard & Poor’s bekommt

Daimler die Note A- mit

stabilem Ausblick, mittlerer Investmentgrade.

Dass Daimler

selbst in den schweren Konjunkturkrisen

2003 und 2009

stets Investmentklasse blieb,

spricht für die Stabilität des

Stuttgarter Geschäftsmodells.

Kurs (%) 100,15

Kupon (%) 1,875

Rendite (%) 1,86

Laufzeit bis 8. Juli 2024

Währung

Euro

ISIN

DE000A11QSB8

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 87

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse | Geldwoche

FONDS Banque de Luxembourg Emerging Markets

Anlegergelder fließen

wieder nach Asien

Grazien in Gelb Amorepacific-

Kosmetik läuft an der Börse

Schwellenländer sind aus der

Mode gekommen, seitdem

China nicht mehr ganz so

stark wächst und niedrige

Rohstoffpreise in vielen Ländern

die Exporteinnahmen

drückten. Soziale Unruhen

und schleppende Wirtschaftsreformen

belasteten die Unternehmen.

Nach Währungsabwertungen

können einige

ihre Produkte jetzt wieder

günstiger auf dem Weltmarkt

anbieten. Die Wachstumsprognosen

für Malaysia, Indonesien,

Indien, Taiwan und

Thailand werden nach oben

angepasst. Anlegern blieb das

nicht verborgen. Seit Ende

Mai waren die wöchentlichen

Kapitalzuflüsse in die Schwellenländer

unterm Strich höher

als die Abflüsse. „Da Asien

im Schwellenländer-Universum

der größte Markt ist, fließt

entsprechend viel Geld dorthin“,

sagt Marc Erpelding,

Fondsmanager bei der Banque

de Luxembourg. Er hat

derzeit 75 Prozent seines

Fondsvermögens in Aktien investiert,

unter anderem aus

Südkorea, Taiwan, China und

Indonesien. Den Rest füllt er

mit Anleihen auf.

Durchweg günstig seien

Schwellenmärkte nicht. „Anleger

müssen für Unternehmen

aus den Branchen Finanzen

und Rohstoffe, die 46

Prozent des Aktienindex ausmachen,

zwar nur das Achtfache

der erwarteten Gewinne

zahlen“, sagt Erpelding. Nichtzyklischer

Konsum und Pharma,

die krisenresistenter sind,

kosten mit dem 21-Fachen des

erwarteten Jahresgewinns

enorm viel. Staatlich dominierte

Energieriesen wie die brasilianische

Petrobras oder die russische

Gazprom meidet er ebenso

wie chinesische Großbanken –

politischer Einfluss sei selten im

Sinne der Investoren. Erpelding

sucht stattdessen regionale

Marktführer, die rentabel arbeiten

und ein margenstarkes Geschäft

mit einem hohen Zufluss

liquider Mittel betreiben. Dazu

zählt der Fahrradhersteller

Samchuly Bicycle, der in Südkorea

mit bekannten Marken und

breitem Sortiment 40 Prozent

Marktanteil erobert hat. Ähnlich

erfolgreich ist Amorepacific.

Deren Kosmetika und Körperpflegeprodukte

sind in Südkorea

beliebt und haben auch bei

chinesischen Touristen einen

guten Ruf. Dadurch steigt der

Duty-free-Umsatz stark an. Aus

Indonesien steckt Gudang

Garam im Fonds, die unter anderem

dort beliebte Nelkenzigaretten

rentabel herstellen.

BL Emerging Markets

ISIN: LU0309191905

130

120

110

100

90

JPM EMBI-Schwellenländer-

Anleihenindex

80

MSCI

Emerging Markets-Aktienindex

70

2011 2012 2013 14

Chance

Risiko

Niedrig

Auf 100 umbasiert;

Quelle: Thomson Reuters

BL Emerging Markets

Hoch

Mischungen für Schwellenländer und Asien

Wie die erfolgreichsten Fondsmanager abgeschnitten haben

Fondsname

Mischfonds Schwellenländer

Comgest Growth Emerg. Markets Flex

UniRak Emerging Markets

Sauren Emerging Markets Balanced

Baring Dynamic Emerging Market

Amundi Multi Asset Emerging Markets

Global EM Balance Portfolio

AB EM Multi-Asset

Veri ETF-Allocation Emerging Markets

HSBC Trinkaus Strategie EM

Investec GSF EM MultiAsset

World Top Emerging Market UI

Capital International EM Opps.

Templeton EM Balance

Emerging Markets Exklusivfonds T

Pimco GIS EM Multi-Asset € Hedge

Banque de Luxemb. Emerging Markets

UBS KSS EM Income USD

Carmignac EM Patrimoine

Lupus alpha Structure Sustainable EM

Mischfonds Asien

Invesco Asia Balanced

Schroder ISF Asian Total Return

JPMorgan Asia Pacific

Allianz Asian Multi Income Plus

Schroder ISF Asian Diversified Growth

Aberdeen Global II AP Multi Asset

Aktienfonds Asien

Fidelity Asian Smaller Comp.

Comgest Growth Asia Ex Japan

Investec GSF Asia Pacific Equity

First State Asia Pacific

Allianz Asia Pacific Equity

Blackrock Asia Pacific Equity

First State Asien Pacific Sustainability

Coutts Pacific Basin Eq.

Axa Rosenb. Pacific ex-Japan Small Cap

M&G Asian

JPMorgan Asia Pacific Strategic

Matthews Asia Funds Asia Small Comp.

Vanguard FTSE De Asia Pac. ETF

Pictet Pacific Ex Japan Index

Threadneedle Asia Ret Net EUR

UBS ETF MSCI Pacific (ex Japan)

BlackRock ISF Pacific Rim Index

iShares Core MSCI Pacific ex Japan

iShares MSCI Pacific ex-Japan

db x-trackers MSCI Pacific ex-Japan

ComStage MSCI Pacific ex Japan ETF

BlackRock GIF Pacific ex Japan Eq.

Axa Rosenberg AC Asia Pacific ex Japan

HSBC MSCI Pacific ex Japan ETF

ISIN

IE00B8J4DS78

LU0383775318

LU0580224201

IE00B4KK7623

LU0841673394

LU0455866771

LU0633140560

DE0005561682

DE000A1J6B27

LU0700851271

DE000A1JLRE0

LU0302646574

LU0608807516

AT0000505904

IE00B7DX4134

LU0309191905

LU0878005551

LU0592698954

DE000A1JDV87

LU0367026217

LU0326948709

LU0117844612

LU0488056044

LU0776413519

LU0513837459

LU0702159772

IE00B16C1G93

LU0499858602

GB0030183890

LU0204480833

LU0414403419

GB00B0TY6S22

IE0004887141

IE0031069499

GB00B3K51D55

LU0441855714

LU0871673728

IE00B9F5YL18

LU0148538712

GB00B0WGVL36

LU0446734526

IE00B8J31D58

IE00B52MJY50

IE00B4WXJD03

LU0322252338

LU0392495296

LU0836512961

IE00B03Z0R82

IE00B5SG8Z57

Wertentwicklung

in Prozent

seit 3 seit 1

Jahren 1 Jahr

1 jährlicher Durchschnitt (in Euro gerechnet); 2 je höher die Jahresvolatilität

(Schwankungsintensität) in den vergangenen drei Jahren, desto riskanter der Fonds;

Quelle: Morningstar; Stand: 22. Juli 2014


0,3


3,6


2,5

0,1

2,9




2,8

0,1

4,5


8,5


0,3


8,6

9,4

7,2

4,2

3,6

4,6


4,4

7,0

11,0

4,8

10,0

13,6

6,2

9,1

8,1

6,8



9,1

5,2

8,8


8,6

8,6

8,6

9,2


5,3

9,1

9,0

8,3

8,0

6,5

6,5

5,8

5,6

5,0

4,6

4,4

4,2

3,6

3,4

3,3

3,3

2,8

2,4

2,1

2,1

6,8

6,8

4,5

2,2

2,2

1,9

29,3

22,3

18,3

16,6

16,6

15,7

15,5

15,4

15,3

15,1

14,6

14,1

14,1

13,9

13,9

13,7

13,5

13,5

13,3

13,3

13,2

13,2

13,1

13,0

Volatilität

2

in

Prozent


12,5


9,9


8,6

11,3

9,4




8,5

11,4

2,6


8,0


9,2


8,9

10,4

9,7

8,0

7,7

7,8


13,2

14,0

11,7

13,9

16,0

10,1

14,9

16,4

15,1

14,0



16,0

15,0

15,6


15,6

15,6

15,6

15,5


14,4

15,5

FOTOS: REUTERS/LEE JAE-WON, PR

88 Redaktion Fonds: Heike Schwerdtfeger

Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


NACHGEFRAGT Harry Assenmacher

»Im Internet fahren

keine Busse«

RELATIVE STÄRKE

Akku wieder geladen

Dank neuer Geschäftsfelder kann TecDax-Wert

Manz in diesem Jahr in die Gewinnzone kommen.

Nach dem Prokon-Skandal

braucht die Aufsicht

mehr Mittel, um gegen

Betrug am Kapitalmarkt

vorzugehen, fordert der

Chef von Forest Finance.

Herr Assenmacher, Berlin will

Anleger mit besseren Informationen

versorgen lassen

oder durch Vertriebsbeschränkungen

vor heiklen

Anlagen schützen. Reichen

unsere Gesetze nicht?

Neue sind kaum notwendig.

Das ist wie bei Lebensmitteln:

Die besten Gesetze nutzen

wenig, wenn die Chance,

erwischt zu werden, gering

ist. Die Aufsicht BaFin

braucht mehr Durchgriffsrechte,

Geld und Leute.

Windkraftanbieter Prokon

konnte jahrelang Kapital

einsammeln, ohne testierte

Bilanzen vorzulegen.

Das soll sich ja ändern, etwa

durch Werbeverbote.

Werbung ist nicht per se

schlecht, muss aber im Rahmen

der Verbraucherschutzgesetze

laufen. Wenn die

BaFin Werbung erst freigeben

müsste, wäre dies eine Hilfe.

Aber ziemlich aufwendig...

Die jetzt vorgelegten Ideen

sind teils verfassungsrechtlich

bedenklich. Warum darf auf

Litfaßsäulen, Plakaten oder

auf Bussen für Bier geworben

werden, für Windkraft-Genussscheine

aber nicht?

DER WALD-MACHER

Assenmacher, 59, gründete

2005 Forest Finance, die

80 Millionen Euro Anlegergeld in

16 000 Hektar Ökowald (Lateinamerika,

Vietnam) investiert hat.

Brauer versprechen keine

sieben Prozent Rendite.

Das Verbraucherschutzministerium

kämpft Schlachten von

gestern. Die Werbemethoden

von Prokon waren Auslaufmodelle.

Bus- und Bahnwerbung

ist teuer und gegenüber Internet-Werbung

ineffektiv. Moderne

Werbemethoden sind wirksamer

kaum zu durchschauen.

Welche?

Etwa Tracking, also die Aufzeichnung

und Auswertung des

Nutzerverhaltens im Internet,

oder das Erstellen von Bewegungs-

und Verhaltensmustern.

Im Internet fahren keine Busse.

Vorgehen könnte man gegen

Lead-Generierer, die Nutzern

Kontaktdaten abschwätzen.

Die Verbraucherzentrale NRW

hat Sie verklagt, weil Sie Investments

in Forstprojekte als

„Waldsparbuch“ und „Baumsparvertrag“

bewerben. Das

suggeriere Sparbuch-Sicherheit

und lenke von Risiken

einer unternehmerischen

Beteiligung ab.

Die Klage wurde vom Landgericht

Bonn abgewiesen. Eine

klare Regelung, etwa die Freigabe

der Werbung durch die Ba-

Fin, hätte Rechtssicherheit gebracht,

es wäre nie zum Prozess

gekommen.

Müssen Investoren vor sich

selbst geschützt werden?

Man sollte über Beschränkungen

nachdenken. In den USA

sind bestimmte Investments

nur für Reiche mit mehr als einer

Million Dollar gestattet.

frank.doll@wiwo.de

Mit 140 Prozent plus in zwölf

Monaten ist WirtschaftsWoche-Favorit

Manz (4/2013) eine

der heißesten Aktien der

Tabelle. Vor wenigen Wochen

bekamen die Reutlinger einen

wichtigen Großauftrag für

Lithium-Ionen-Akkus. Dieser

Wachstumsmarkt, der vom

Boom der mobilen Kommunikation

beflügelt wird, dürfte

durch den steigenden Akku-

Bedarf für Elektroautos noch

beschleunigt werden. Die

Wende vom Solarzulieferer zu

neuen, vielversprechenden

Sparten (Displays, Akkus) ist

Manz gelungen. Der hohe Auftragsbestand

und stabile Margen

signalisieren, dass nach

dem schwachen ersten Quartal

(6,6 Millionen Euro Verlust) im

Jahresverlauf auch die operative

Wende möglich ist.

Wer schlägt den Index?

Die innerhalb der vergangenen drei Monate am stärksten

gestiegenen und gefallenen Aktien 1

Rang Aktie Index Kurs 2 Kursentwicklung Relative Trend 3

(€) (in Prozent) Stärke

3 Monate 1 Jahr

(in Prozent)

Gewinner

1 Nordex TecDax 15,45 +39,88 +164,15 32,9

2 Dialog Semic. NA (GB) TecDax 23,79 +29,80 +101,91 28,9

3 Manz TecDax 78,00 +20,24 +140,74 19,1 4

4 Cancom TecDax 37,86 +19,42 +70,94 17,9

5 KUKA MDax 44,02 +19,60 +29,03 17,8

6 Gagfah (LU) MDax 13,49 +18,70 +55,74 16,9

7 Qiagen (NL) TecDax 18,56 +17,69 +17,88 15,8

8 Glencore Plc (JE) Stoxx50 372,75 +19,26 +31,85 15,4 4

9 Stratec Biomed TecDax 38,40 +16,01 +38,20 14,7

10 DMG Mori Seiki MDax 26,12 +16,74 +50,81 13,7

11 RWE St Dax 31,48 +14,73 +34,83 12,9

12 Nemetschek TecDax 71,25 +18,87 +57,46 12,1 5

13 Symrise MDax 41,23 +14,86 +27,61 11,7

14 Drillisch TecDax 30,29 +12,84 +133,95 11,2

15 LEG Immobilien MDax 54,18 +12,58 +41,09 11,0 4

16 Kabel Deutschland MDax 108,85 +11,38 +29,11 9,8

17 Infineon Dax 9,34 +9,53 +29,63 9,7

18 Ericsson LMB (SE) Stoxx50 87,15 +7,59 +16,12 9,4 4

19 Wacker Chemie MDax 93,30 +11,20 +33,71 8,7 4

20 Hugo Boss NA MDax 110,05 +11,16 +27,54 8,4 5

21 Morphosys TecDax 67,66 +11,93 +29,49 8,0

22 Gerresheimer MDax 53,09 +8,71 +21,63 7,0

23 Zurich Insur. Grp (CH) Stoxx50 273,50 +8,83 +7,97 6,8

24 Dürr MDax 61,64 +7,13 +25,03 6,8 4

Verlierer

152 Software TecDax 19,64 -26,96 -22,92 -29,2

151 Bilfinger MDax 65,07 -25,26 -12,35 -25,7

150 Drägerwerk TecDax 66,18 -22,93 -36,24 -24,0

149 Lufthansa Dax 14,40 -22,38 -4,39 -22,0

148 Barclays PLC (GB) Stoxx50 211,10 -15,22 -28,97 -18,0

147 Wincor Nixdorf MDax 39,55 -17,78 -9,09 -17,7

146 Freenet TecDax 20,97 -14,90 +20,61 -17,5

145 LPKF Laser&El. TecDax 13,74 -14,80 +0,55 -16,6 5

144 Commerzbank Dax 10,92 -16,70 +64,73 -16,4

1

aus Dax, MDax, TecDax und Stoxx Europe 50 im Vergleich zum Stoxx Europe 600;

2

bei GB in Pence, bei CH in Franken; 3 Änderung um mindestens fünf Ränge; 23.7.2014,

13:01 Uhr

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 89

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Perspektiven&Debatte

Kommt. Zu. Uns.

STANDORT | Im Main-Tauber-Kreis zwischen Wertheim

und Rothenburg ob der Tauber versammeln sich 23 Weltmarktführer.

Ihr Wachstum kennt vor allem eine Hürde:

ausreichend Mitarbeiter für sich zu finden. Ein Besuch in

einer Region mit High-Tech-Unternehmen und viel Ruhe.

Das Navi macht einen Bogen um

das Taubertal. Auf dem Weg

nach Bad Mergentheim lässt

es auf der A 3, aus Richtung

Frankfurt kommend, die Ausfahrt

liegen und empfiehlt den Umweg

über die A 81. Der ist schneller.

Effizient die Ziele erreichen – das Navi

passt in diese Region, den Main-Tauber-

Kreis. Als „lieblich“ bezeichnet das Marketing

des Kreises das Taubertal. Das ist es

auch mit seinen sanften Hügeln rechts und

links der beschaulich mäandernden Tauber,

aber es ist vor allem erfolgreich. Außer

im Wettstreit um die Talente. Da unterliegt

es München oder Hamburg, ja, auch der

Region um Stuttgart.

Die Einladung des Main-Tauber-Kreises

lockt mit der Aussicht, einige der mehr als

20 Weltmarktführer zwischen Wertheim

und Rothenburg ob der Tauber zu besuchen.

Und ein wenig von der Kulturlandschaft

zu genießen samt Schwarzriesling

und Kurgarten. Sie liest sich wie eine Offerte,

gleich für immer zu bleiben. „Dort arbeiten,

wo andere Urlaub machen“, heißt

es. Und weiter: „Optimale Bedingungen,

um Arbeit und Familie in Einklang zu bringen:

Attraktive Jobs und eine idyllische

Wohngegend.“

Das hat sich nur noch nicht ausreichend

herumgesprochen. Findet Jochen Müssig,

Dezernent für Kreisentwicklung und Bildung,

Wirtschaft, Tourismus und Kultur

des Kreises. Die erste Pressereise soll das

ändern, wenngleich die Resonanz der

Medien auf Anhieb noch nicht so groß ist,

wie erhofft. „Aber wir können ja nicht

sagen, wir führen es nicht durch“, raunt Rico

Neubert, Leiter des Amtes für Strukturentwicklung,

Wirtschaftsförderung und

Tourismus, einer Journalistin aus der Region

vor der offiziellen Begrüßung zu. Gewiss,

es kommen Menschen, aber es dürfen

mehr sein. Zur Pressereise wie zum Leben

und Arbeiten.

HILFE, WIR SUCHEN!

Die Arbeitslosigkeit liegt im Main-Tauber-

Kreis bei 3,4 Prozent. „Hilfe, wir suchen...“,

beginnt das Stellenangebot einer Metzgerei

auf einer großen Tafel an der B 290. Die

ist zwischen Tauberbischofsheim und Bad

Mergentheim breit genug, damit Lkws

überholt werden können, und Teil der Romantischen

Straße. Die Zahl der Bewohner

sank in den vergangenen zehn Jahren von

138 000 um 8000. Geht es so weiter, rechnet

Müssig für das Jahr 2030 mit nur noch

123 000. Der Trend soll sich ändern: „Unser

Problem heißt Demografie. Kaufmännisch

betrachtet, sind junge Leute ein rares Gut.“

Nicht nur, dass Ortschaften wie Assamstadt

oder Boxberg-Windischbuch mit München

oder Stuttgart beim Werben um Mitarbeiter

aus dem In- und Ausland im Wettbewerb

stehen – nein, selbst die lokale Jugend

ist oft ahnungslos ob der Vorzüge der

Region. „Ein Bad Mergentheimer Schüler

weiß wenig darüber, was in Wertheim geboten

wird“, sagt Müssig.

Oder in Igersheim. Zum Beispiel Arbeitsplätze

in Büros und Produktion, die direkt

einem Prospekt für die Zukunft der Arbeit

entnommen sein könnten. Das Unternehmen

Wittenstein ist ein klassischer Mittelständler,

hervorgegangen aus einer Nähmaschinenfabrik

von 1949. Heute pro-

»

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

90 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


»Man kann hier gut

leben. Es muss

sich nur noch

herumsprechen«

Platz für Mensch und Maschinen

Grünsfelds Bürgermeister Joachim Markert

WirtschaftsWoche 28.7.2014 Nr. 31 91

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Perspektiven&Debatte

»

duziert es mit 1800 Beschäftigten weltweit

elektromechanische Antriebe und Getriebe,

die unter anderem im Airbus A380

mitfliegen. Stephan Bug, Leiter Fertigung

Elektronik am Standort Harthausen, sechs

Kilometer von Igersheim entfernt, verkauft

große Ziele mit der Sachlichkeit des Ingenieurs:

Umsatzverdoppelung in fünf Jahren,

15 Prozent Wachstum jährlich. Dazu

braucht es Mitarbeiter, die in der neu eröffneten

Innovationsfabrik Bauteile entwickeln,

konstruieren und zusammenbauen.

Flexibilität ist hier Programm: Schreibtische

wie Werkbänke lassen sich auf Rollen

zu neuen Einheiten verschieben, je nachdem,

was ein neues Projekt benötigt.

Ein kurzer Weg ist es hinauf zur Innovationsfabrik

von dem älteren Bürotrakt, in

dessen Entree Pop-Art von James Rizzi

hängt. Im Hof bietet ein botanischer Garten

mit Pflanzen aus allen Ländern, in denen

Wittenstein vertreten ist, Entspannung.

Mehrmals die Woche wird er von einem

Gärtner gepflegt – eine Idylle, die die

Mitarbeiter genießen können, während sie

sich über ihre Laptops beugen. Geworben

werden sie mit einem blauen Sofa auf Jobmessen.

„Pioniere zu uns“ steht da drauf.

Bug ist sich sicher, dass das Unternehmen

viel zu bieten hat: „Hier bekommen sie einen

Überblick über das ganze Produkt

nicht nur einen Teil.“

HOCHREGALLAGER AM HORIZONT

Der Bürgermeister von Igersheim, Frank

Menikheim, begleitet den Rundgang. Er ist

stolz auf eine Gemeinde, der es gelungen

ist, sämtlichen Abgängern der Hauptschule

einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu

vermitteln. Probleme, wie sie Menschen

aus den Ballungszentrum kennen, tauchen

in Igersheim nicht auf. Ob denn bei so viel

benötigten Arbeitskräften auch die Versorgung

mit Kindergartenplätzen bis in den

Raum für Ruhe Historisches Fachwerk trifft

auf nüchterne Nachkriegsarchitektur

High Tech auf der grünen Wiese Die Innovationsfabrik von Wittenstein

Abend gewährleistet sei? „Dafür gibt es

hier keinen Bedarf“, sagt Menikheim.

Wer an einem Mittwoch gegen 16 Uhr

zur Außenstelle Bad Mergentheim des

Schraubenimperiums Würth fährt, ahnt,

warum:Die Mitarbeiter verlassen in großer

Zahl das Gelände in Richtung Heimat, vorbei

an den großen Transparenten, die an

der Zufahrtsstraße um Mitarbeiter werben.

Das tut auch auf seine Weise das 45 Meter

messende Hochregallager mit automatischer

Bedienung. Es ragt über die Baumwipfel

und ist schon von Weitem von der

B 290 zu sehen. Lieblich ist allerdings anders.

1999 wurde auf dem Kasernengelände

mit gut 70 Mitarbeitern gestartet. Heute

arbeiten etwa 1250 Mitarbeiter auf dem

122 Hektar großen Areal, und noch ist Platz

für Wachstum.

Die Region litt wie viele andere ländliche

Gebiete, als die Bundeswehr zahlreiche

Standorte schloss. Sichere Arbeitsplätze

gingen verloren, solide, aber wenig reizvolle

Bauten sind die Hinterlassenschaften,

mit denen die Bürgermeister umgehen

müssen. Während Bad Mergentheim mit

Würth ein großes Unternehmen gewinnen

konnte, werden im i_PARK in Lauda-

Königshofen kleinere Brötchen gebacken.

Zimmer 07.047 belegt Armin Kordmann,

Geschäftsführer der Gesellschaft i_PARK

Tauberfranken, die den alten Wohntrakten

neues Leben eingehaucht hat: „Das ist

noch die Nummerierung von der Bundeswehr,

wir haben sie anfangs einfach belassen,

später habe ich sie verinnerlicht.“ Die

Bäume vor den Fenstern, die die Bundeswehr

als Tarnung schätzte, ließ Kordmann

abholzen, Baderäume wurden herausgerissen

und kleine Gemeinschaftsküchen

eingebaut. Keine sechs Euro kostet hier ein

Quadratmeter Bürofläche. Ideal für Neugründungen.

Ist ein Trakt mit Mietern belegt,

wird der nächste angegangen – zu Beginn

hat Kordmann noch selber den Rasen

gemäht und Wände in Wischtechnik aufgehübscht;

im ehemaligen Offizierskasino

werden heute Hochzeiten gefeiert, der

Klassenzimmer-Atmosphäre zum Trotz.

Die Versuche, mit Annoncen in Branchenblättern

Mieter zu gewinnen, schlugen

fehl. Heute läuft alles über Mundpropaganda,

und was zählt, ist der Preis: „Da kommt

keiner aus Stuttgart und sagt: Herrliche Büros!“

Ein Restaurant ist in eines der Gebäude

eingezogen, mit guter Küche, aber schlechtem

Handyempfang. „Die Bundeswehr hat

immer solide gebaut“, sagt die Kellnerin.

SCHNELL DA, SCHNELL WEG

Freie Grundstücke hingegen verspricht der

Industriepark ob der Tauber der Gemeinden

Grünsfeld und Lauda-Königshofen.

Der Schweizer Kaffeemaschinenhersteller

Franke hat hier seinen Deutschlandsitz. Er

liegt ideal, in der Mitte Europas und nahe

der A 81. Man ist schnell da. Und schnell

weg. Die Mitarbeiterinnen aus dem Marketing

wohnen lieber in Würzburg.

Grünsfelds Bürgermeister Joachim Markert

erzählt, wie die hiesige, traditionelle

Gastronomie langsam ausstirbt, weil zu viele

Betriebe keinen Nachfolger finden und

weil es hier genug Arbeit gibt, die nicht in

den Abend und übers Wochenende geht.

Markert schaut über einen Acker, im Hintergrund

locken die grünen Hügel des Umlands.

500 weitere Arbeitsplätze hätten hier

entstehen sollen, doch die Zusage eines Logistikunternehmens

wurde kurzfristig zurückgezogen.

Welches es war, möchte Markert

nicht verraten, noch ist die Hoffnung

nicht verloren, dass zu den 30 bebauten

Grundstücken ein großes dazukommt – für

ein internationales Unternehmen mit

Strahlkraft.

Der Bürgermeister Markert hätte auch

Platz für mehr Eigenheimbebauung, daran

soll es nicht scheitern. Unternehmen und

Mitarbeiter sind hier sehr willkommen. Es

muss sich halt nur noch rumsprechen. n

thorsten.firlus@wiwo.de

FOTOS: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

92 Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Perspektiven&Debatte | Kost-Bar

ALLES ODER NICHTS

SEGLER IN ROSTOCK

Wettfahrt der Haikutter

Mehr als 200 Großsegler und Traditionsschiffe werden vom 7. bis 10. August

zur 24. Hanse Sail Rostock, dem größten Volksfest Mecklenburg-Vorpommerns,

erwartet. Neben Stars der Szene wie dem schnellen Dreimaster Stad Amsterdam,

den russischen Viermast-Barken Kruzenshtern und Sedov sowie dem deutschen

Segelschulschiff Gorch Fock haben in diesem Jahr zwei Neulinge ihren Auftritt: Der

aus Portugal stammende, 1937 gebaute Viermaster Santa Maria Manuela bietet

Tagesausflüge an, und der Frachtsegler Tres Hombres, ein umgebauter, motorloser

Fischkutter, entlädt im Rostocker Stadthafen Rotwein und Kaffee, der im Fairtrade-

Café verkauft werden soll. Zum Auftakt der Hanse Sail liefern sich Haikutter aus

dem dänischen Nysted eine Wettfahrt. hansesail.com

FESTIVAL AN DER RUHR

Grenzenlos

Der Intendant der Ruhrtriennale

Heiner Goebbels setzt vom 15.8.

bis 28.9. auf ein Musiktheater,

das „die Grenzen zu anderen

Künsten nicht mehr kennt“, das

Musik, Installation und Tanz zu

neuen Formen verbindet. Dafür

steht Louis Andriessens Oper

„De Materie“ über das Verhältnis

von Geist und Materie

ebenso wie Matthew Barneys

filmisches Gesamtkunstwerk

„River of Fundament“. Zu einem

Konzert-Marathon lädt Jean-

Guihen Queyeras: Er spielt alle

sechs Cello-Suiten von Bach

und dazwischen zeitgenössische

Stücke.ruhrtriennale.de

THE NEW YORKER

MARCEL LOKO

Gründer und Kreativgeschäftsführer

der Werbeagentur

Zum goldenen

Hirschen

Aktien oder Gold?

Aktien und Zum goldenen

Hirschen.

iPhone oder Blackberry?

Kreative sind treue Seelen.

Apple. In guten wie in

schlechten Zeiten.

Cabrio oder SUV?

Beide leider geil.

Apartment oder Villa?

Ich mag es, direkte Nachbarn

zu haben.

Paris oder London?

Paris nach Verlängerung und

Elfmeterschießen.

Dusche oder Wanne?

7:1 fürs Duschen.

Maßschuhe oder Sneakers?

Maßgeschneiderte Sneakers.

Rotwein oder Weißwein?

Ein großartiges, unglaublich

spannend herausgespieltes

Unentschieden.

Jazz oder Klassik?

Ja, es gibt großartigen

Jazz. Aber auf die Dauer oft zu

anstrengend. Also: Vivaldi,

Albinoni und Debussy.

Mountainbike oder Rennrad?

Mountainbike – so oft wie ich

auf den Bordstein knalle...

Berge oder Meer?

Wieder Unentschieden: Thrill

beim Snowboarden, Entspannung

am Strand.

FOTOS: HANSE SAIL ROSTOCK, PR, CARTOON: HARRY BLISS/CONDÉ NAST PUBLICATIONS/WWW.CARTOONBANK.COM

94 Redaktion: christopher.schwarz@wiwo.de

Nr. 31 28.7.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Leserforum

Mautstelle Warnowtunnel Autofahrer zahlen bereits seit 2005

Politik&Weltwirtschaft

Die Parlamentspause wird zum

handfesten Beziehungstest für

die Koalition. Heft 29/2014

Zur Kasse bitten

Leiden inzwischen sämtliche

Beteiligten an Begriffsverwirrung

und einseitiger Blindheit,

wenn sie die angebliche Diskriminierung

der ausländischen

Autofahrer beklagen. Was ist gewollt?

Mehr Geld für den Straßenbau.

Warum nur von den

ausländischen Benutzern? Weil

wir bereits über Kfz- und Mineralölsteuern

zur Kasse gebeten

werden und Maut im Ausland

entrichten müssen. Wir werden

gegenüber den Fahrern aus

Maut erhebenden Staaten diskriminiert.

Deshalb sollte Bundesverkehrsminister

Dobrindt

zwei Dinge durchsetzen: die

vollständige Verwendung von

Kfz- und Mineralölsteuer für die

Erhaltung und Verbesserung der

Verkehrsinfrastruktur. Und er

sollte auf die Einführung einer

Vignettenpflicht in Deutschland

nur für Kraftfahrzeuge aus Staaten

bestehen, die ihrerseits Maut

erheben.

Jürgen Lux

Endingen (Baden-Württemberg)

Einblick

Chefredakteur Roland Tichy über

Deutschlands Sommermärchen und

die Angst vor morgen. Heft 30/2014

Klare Diktion

Wieso „Angst vor morgen?“ In

seiner gewohnt klaren Diktion

nennt Roland Tichy die Gründe

dafür. „Getrieben von der SPD,

schreitet die Union auf dem Weg

fort, den Einzelnen von aller Verantwortlichkeit

seines Handelns

oder Unterlassens zu befreien.

So entsteht eine neue Moral, in