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SPRACHROHR 4/2010

Zeitung des ver.di-Landesfachbereichs Medien, Kunst und Industrie Berlin-Brandenburg.

SPRACHROHR

SPRACHROHR mitgliederzeitung des fachbereiches Medien, 20. jahrgang nr. 4 Kunst und Industrie berlin-brandenburg September 2010 Schuh ohne Schnürsenkel Bundesdruckerei druckt bald keine Banknoten mehr – Ausschreibung ging ins Ausland »Euro-Ausschreibung − Alle oder keiner!«. Lautstark drückten rund 250 Banknotendrucker am 17. August vor der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main ihre Entrüstung aus. Mitarbeiter der Berliner Bundesdruckerei − zu erkennen an den grünen Arbeitsshirts − sowie des Münchner Unternehmens Giesecke & Devrient protestierten damit gegen die angekündigte Verlagerung des Euro-Drucks ins Ausland. Zuvor hatten sich die Belegschaften bereits mit offenen Briefen und Unterschriftenaktionen an die Bundesbank gewandt. Im Mai hatte die Bundesbank den Druck der Geldscheine für 2011 erneut ausgeschrieben. Das Ergebnis: Erstmals soll ein Großteil der neuen deutschen Banknoten im Ausland gedruckt werden. Die Bundesdruckerei soll ganz leer ausgehen, Giesecke & Devrient könnten nur noch beim Druck der Fünf-Euro-Noten zum Zuge kommen. Den Zuschlag für 80 Prozent des deutschen Druckvolumens erhielten ein holländisches und Aus dem Inhalt Seite 3 Nicht länger im Trüben fischen: Berliner Wassertisch Seite 4 Ganz unten: Arbeiten bei Zustellagenturen Seite 5 Spatz in der Hand: Tarifwerk beim Berliner Verlag Im Mittelpunkt Ausgebremst: Tarifeinheit gesetzlich festschreiben? Seite 12 Eine/r fehlt noch: Industriefachgruppe hat gewählt Die Stimmung ist gruselig ein französisches Unternehmen. In der Bundesdruckerei sind nun 180 Arbeitsplätze akut gefährdet. »Im Unternehmen bereitet man sich darauf vor, dass es 2011 keine Banknotenproduktion mehr geben wird. Der jetzige Aufrag wird noch ausgeliefert, danach haben die Mitarbeiter erst mal keine Beschäftigung mehr«, so der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Jörg Plantikow. Langfristig könne dies in eine Schließung der ganzen Abteilung münden. Entsprechend »gruselig« sei die Stimmung. Der Banknotendruck gehört zum Kerngeschäft und macht rund 20 Prozent des Gesamtumsatzes aus. »Wenn eine Bundesdruckerei keine Banknoten druckt, ist das wie ein Schuh ohne Schnürsenkel«, so der Betriebsrat. Gefährdet sei auch sicherheitstechnisches Know-how, in das in den letzten Jahren viele Investitionen flossen. Strittig ist, ob überhaupt ausgeschrieben werden musste. Die Bundesbank will Kosten sparen und beruft sich auf europäisches und nationales Vergaberecht. ver.di-Sekretär Andreas Fröhlich widerspricht: »Die Europäische Zentralbank verlangt eine Ausschreibung überhaupt erst ab 2012«. Außerdem muss dafür die Hälfte der europäischen Banknoten Protest von Beschäftigten der Berliner Bundesdruckerei in Frankfurt am Main. Foto: Bert Bostelmann / bildfolio Bundesdruckerei ohne Not gefährdet ausgeschrieben sein. Derzeit liegt die Quote bei 37 Prozent, davon kommen 30 Prozent aus Deutschland. Das schaffe unfairen Wettbewerb: Die Konkurrenz könne mit Kampfpreisen mitbieten. Deutsche Notendrucker haben hingegen keine Chance, sich für nennenswerte Kontingente anderer Notenbanken zu bewerben: Neben Deutschland schreiben nur kleine Euroländer wie Holland, Luxemburg oder Finnland aus. Die Zentralbanken der großen Euroländer Frankreich, Italien und Spanien unterhalten eigene Druckereien und schreiben nicht aus. Gesprächseinladungen von ver.di ignorierte die Bundesbank bisher. Unterstützung fanden die Berliner Drucker hingegen beim Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit: Es sei nicht einzusehen, warum ein kompetenter Betrieb wie die Bundesdruckerei ohne Not gefährdet wird. Die Vergabekammer des Bundes beim Kartellamt prüft das Verfahren derzeit. Eine Entscheidung wird für Ende September erwartet. ucb