Wirtschaftswoche Ausgabe vom 04.08.2014 (Vorschau)

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32

4.8.2014|Deutschland €5,00

3 2

4 1 98065 805008

Russland

Putin ruiniert sein Land

Wertpapiere

15 Aktien zum Vererben

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien €6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Visionäre und Spinner bringen uns voran.

Das pragmatisch-nüchterne Deutschland hat damit

leider ein Problem. Von Henning Krumrey

Die Kraft der Rebellen

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Ach je, Innovation ist lästig. Kaum

hat sich ein Unternehmer, eine

Belegschaft, ein Team im Bewährten

eingerichtet, kommt

irgendein cleverer Nörgler um die Ecke,

der es noch besser, noch schneller, noch

effizienter machen will. Oder der zu neuen

Ufern aufbrechen mag, obwohl es

doch am Strand der selbstzufriedenen

Gewohnheit gerade so auskömmlich ist.

Einer dieser Störenfriede ist Jeff Bezos.

Der knallhart-rücksichtslose Internet-Unternehmer

zerstört so schöpferisch, dass

Joseph Schumpeter seine helle Freude hätte.

Seine Amazon-Paketbomben zerschmettern

den Einzelhandel und verwüsten

die Auslagen der Innenstädte. Doch

sein wahres Interesse gilt weder dem Versandgeschäft

noch der Rendite seiner Aktionäre.

Der Jahrgangsbeste hat schon bei

seinem Highschool-Abgang als 18-Jähriger

verkündet, dass er später mal eine Kolonie

im Weltraum errichten möchte. Daran

glaubt er bis heute, und seit mehr als zehn

Jahren lässt er daran arbeiten (siehe Seite

56). Amazon war nur der Anfang.

Träume und Hoffnungen setzen uns Ziele,

treiben uns an; sie bewegen damit auch

die Wirtschaft als Ganzes. Es sind immer

nervende Maniacs, Querdenker und Rebellen,

die das Neue gegen Zweifler, Zögerer

und Besitzstandswahrer erzwingen:

kreative Unternehmer genauso wie unternehmerische

Tüftler.

Das gilt nicht nur für technische oder logistische

Neuerungen wie Internet und Eisenbahn.

Es gilt erst recht für gesellschaftliche

und politische Veränderungen. „Mehr

Demokratie wagen“ ist doch noch tiefer

greifend als „mehr Volkswagen“. Martin

Luther, Martin Luther King, Gandhi – ihre

Überzeugungen, so utopisch sie auf Zeitgenossen

gewirkt haben, haben die Welt

ebenso umgestürzt wie die Dampfmaschine

oder Carl Benzens Patentmotorwagen.

Gerade deshalb war Helmut Schmidts

Empfehlung, wer Visionen habe, solle zum

Arzt gehen, ebenso typisch deutsch wie deprimierend

dämlich. Kreative Köpfe gehören

nicht in die Klapse, sondern in die Politik

und genauso in die Produktion.

Im Gegensatz zu den Illusionisten vom

Disney-Konzern (siehe Seite 36), die aus

Fantasie harte Dollar schöpfen, will Bezos

den umgekehrten Weg gehen: Mit harten

Dollar aus seinem Brot-und-Butter-Geschäft

Amazon möchte er seine Träume

und Utopien verwirklichen: die Schaffung

künstlicher Intelligenz, eine spleenig wirkende

10 000-Jahre-Uhr in einem Berg, seine

Ferienflüge ins Orbit. Auch wenn uns

seine All-Machtfantasien skurril erscheinen:

Lasst ihn machen, wer weiß, was dabei

als Nebenprodukt herauskommt.

ZERSTÖRUNG UND WETTBEWERB

Auf dem Weg in den Weltraum könnte es

schon bald zu einem Testosteron-Wettlauf

kommen zwischen gleich drei Pionieren.

Denn auch Elon Musk, der PayPal-Pionier

und Gründer der amerikanischen Elektroautoschmiede

Tesla, strebt nach Höherem.

Als Dritter möchte Sir Richard Branson,

der britische Luftfahrtrevolutionär und

Multi-Unternehmer, den Weltraum erobern.

Nur zu! Wettbewerb ist neben der

schöpferischen Zerstörung das andere

Fundament wirtschaftlichen Fortschritts.

Mögen die drei auch noch so unterschiedliche

Typen sein – der freiheitsliebende

Abenteurer Branson, der Idealist Musk und

der kühl (be)rechnende Geschäftsmann

Bezos – so eint sie doch das Ziel, Grenzen

zu überwinden, das Unrealistische Wirklichkeit

werden zu lassen.

Deutschland hat es nicht so mit derlei

hochtrabenden Plänen. Sicher, vielleicht

werden später mal Bauteile von Schrauben-Würth

die Fluggeräte der US-Pioniere

zusammenhalten und Computerprogramme

von SAP bei Planung und Organisation

helfen – aber die Vision, wohin uns die Rakete

bringen soll, haben leider andere.

Verachtet mir die Meister nicht – das ist

nicht nur Richard Wagner, das ist auch typisch

deutsch. Handfest, bodenständig, solide.

Aber ohne die Träumer und Spinner

geht es eben auch nicht. Davon könnten

auch wir einige brauchen – und müssen

dann jenseits aller selbstverliebten Bedenkenträgerei

den Mut und die Liberalität

aufbringen, ihnen eine Chance zu geben. n

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Kalifornien auf dem Trockenen

8 Blackberry: Vertrag mit der Bundesregierung

in Gefahr

9 Audi: Sparen für den Fortschritt | Peter Gauweiler:

Kritik an geringer Bundestagstätigkeit

10 Interview: Günter Verheugen verteidigt

das Freihandelskommen und den US-

Verbraucherschutz

11 FDP: Imagepolitur durch BCG | Osram:

Ärger hinter den Kulissen | Dima24: Durchsuchungen

beim Finanzkonglomerat

12 Chefsessel | Start-up CloudControl

14 Chefbüro Paul-Otto Faßbender, Vorstandsvorsitzender

des Versicherungskonzerns Arag

Politik&Weltwirtschaft

16 Russland Wie wirken die Sanktionen des

Westens auf die russische Wirtschaft? | Die

russischen Oligarchen in London fürchten

um ihr Geld

22 Interview: Richard Giesen Der Arbeitsrechtler

will kleine Spartengewerkschaften

entmachten

24 Estland Das Land taugt als Vorbild für die

Modernisierung der EU

26 China Das doppelte Spiel Pekings in der

Grenzprovinz Xinjiang

29 Global Briefing | Berlin intern

Der Volkswirt

30 Kommentar | New Economics

31 Konjunktur Deutschland

32 Warum eigentlich... hält Markus C. Kerber

die Bankenunion für verfassungswidrig?

33 Nachgefragt: Kathy Matsui Die Chefvolkswirtin

von Goldman Sachs für Asien über

die Rolle der Frauen in Japans Wirtschaft

34 Denkfabrik ifo-Präsident Hans-Werner

Sinn erklärt, wie die politische Krise im

Osten die deutsche Wirtschaft bremst

Unternehmen&Märkte

36 Walt Disney Die US-Spaßfabrik macht

aus Comic- und Filmfiguren Gelddruckmaschinen.

Ein Blick hinter die Kulissen

44 Interview: Paul Polman Der Chef des

Konsumgüterriesen Unilever will den Hunger

bekämpfen und so den Umsatz verdoppeln

48 Verpackungsmüll Eine Gesetzesnovelle

bringt die Recyclingbranche gegen den

Marktführer DSD auf

52 Banken Die Verfahren in den USA werden

zum unkalkulierbaren Milliardenrisiko

54 Serie Gründer (IV) In Afrika zeigt sich, dass

Unternehmergeist erlernbar ist

Technik&Wissen

56 Amazon Gründer Jeff Bezos träumt vom

Urlaub im All, bekämpft den Krebs und

fördert künstliche Intelligenz. Wie passt das

alles zusammen?

Titel Der andere Mr. Amazon

Glanz und Elend

Der Westen straft Wladimir

Putin mit Wirtschaftssanktionen

für die Brandstiftung in

der Ukraine ab. Ob ihn das

politisch zum Kurswechsel

zwingen wird, ist offen. Wie

lange kann er sein Land über

Wasser halten? Seite 16

Dem Online-Pionier Jeff Bezos scheint

kein Problem der Menschheit zu groß zu

sein: Sei es der Kampf gegen Krebs, die

globale Energieversorgung oder der Aufbruch

ins Weltall. Verzettelt sich der

Multimilliardär, oder ist er ein genialer

Macher? Ein Porträt. Seite 56

Spaß vom Fließband

Micky Maus, Cinderella, Eiskönigin, Iron Man und Darth Vader –

jede Filmfigur ist gut für Einnahmen in Milliardenhöhe. Wie schafft

Disney-Chef Bob Iger das bloß? Und wie lange noch? Seite 36

TITELFOTO: AUGUST/JOE PUGLIESE; FOTOS: AUGUST/JOE PUGLIESE, ACTION PRESS/ITAR-TASS, GREGG SEGAL

4 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 32, 4.8.2014

Wertvolle Petzen

Wie Unternehmen Mitarbeiter und Kunden dazu bringen,

Missstände im eigenen Betrieb aufzudecken. Und welche Vorteile

sie von den sogenannten Whistleblowern haben. Seite 66

62 Interview: Samuel Kounev Der Informatiker

glaubt an die allmähliche Menschwerdung

der Maschine

65 Valley Talk

Management&Erfolg

66 Whistleblower Mitarbeiter und Kunden,

die Missstände aufdecken, sind heute hochwillkommen

| Interview: Bekenntnisse eines

Whistleblowers

FOTOS: HENKEL, FOTOLIA (MONTAGE WIRTSCHAFTSWOCHE); ILLUSTRATION: FRANCESCO BONGIORNI

Platziert im Nirgendwo

Der Soziologe Tilman Allert über das Fliegen als Kunst, sich im

Ortlosen zu verorten, und über den Unterschied zwischen Orangenund

Tomatensaft an Bord. Ein Gespräch zur Ferienzeit. Seite 90

Aktien zum Vererben

Mit Dividendenpapieren konnten

Anleger über 140 Jahre ihr Vermögen real

mehren, so eine Exklusivstudie. Wir

haben 15 Werte ausgewählt, die diesen

Erfolg in den kommenden Jahrzehnten

wiederholen könnten. Seite 72

Geld&Börse

72 Aktien Wie viel Rendite über Jahrzehnte

Anleger nach Abzug der Inflation wirklich

herausholen | 15 Wertpapiere zum Vererben

78 Immobilien Was taugen die neuen

Crowdinvesting-Angebote?

81 US-Aktien Anleger sollten die PC-Anbieter

nicht zu schnell abschreiben

82 Steuern und Recht Neues Gesetz zur

Honorarberatung | Steuernachzahlung |

Radfahr-Unfall | Goldminenfonds wird Aktie |

Splitting für Lebensgemeinschaften

84 Geldwoche Kommentar: Dax-Einbruch |

Trend der Woche: Europäische Staatsanleihen

| Dax-Aktien: Telekom | Hitliste: Stahlmarkt

| Aktien: DBAG, Mayr-Melnhof | Anleihe:

Amgen | Zertifikat: Euro-Dollar-Short |

Investmentfonds: Laufzeitprodukte | Postbank-Übernahme:

Anleger hoffen nach Urteil

auf Nachschlag von der Deutschen Bank

Perspektiven&Debatte

90 Interview: Tilman Allert Der Soziologe

sieht das Fliegen als Verortungskrise und

beantwortet die Frage, warum Beschwerden

an Bord so häufig vorkommen

94 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 96 Leserforum,

97 Firmenindex | Impressum, 98 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche mit einer Foto-

Reportage über die Geschichte

des Disney-Imperiums

sowie einem Zeitrafferfilm

über den Bau

des größten Containerschiffes

der Welt.

wiwo.de/apps

n 30 Jahre E-Mail in Deutschland:

Wie die elektronische Post die

Welt revolutionierte und was sie

für uns heute bedeutet.

wiwo.de/e-mail

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wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

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+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 5

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Seitenblick

USA

Verschwundenes

Grundwasser

Der Südwesten der Vereinigten Staaten erlebt

die schlimmste Dürre seit 100 Jahren. Das wichtigste

Wasserreservoir trocknet schnell und dauerhaft.

65Milliarden Kubikmeter Wasser sind aus

dem Colorado-River-Becken im Westen der USA

binnen neun Jahren verschwunden. Zum Vergleich:

Der Bodensee fasst 48 Milliarden Kubikmeter. Die

alarmierenden Daten, die das Nasa-Satellitenprogramm

Grace jetzt geliefert hat, lassen Wissenschaftler

und Politiker aufschrecken. Knapp 80 Prozent

des verschwundenen Wassers ist Grundwasser. Allein

damit ließe sich der Privatverbrauch der gesamten

USA acht Jahre lang stillen.

40Meter hoch ist der weiße „Badewannenring“,

der sich inzwischen rund um den Lake Mead

zieht und von dessen langsamer Austrocknung zeugt.

Der See war Anfang Juli nur noch zu 39 Prozent

gefüllt – ein historischer Tiefstand. Der vom Hoover

Dam erzeugte Stausee des Colorado River ist das

größte Wasserreservoir der USA. Mehr als 40 Millionen

Menschen in sieben Bundesstaaten zehren von

diesen Reserven, darunter Metropolen wie Las Vegas

und Los Angeles.

920Millionen Liter füllt Nestlé

Behördenangaben zufolge jedes Jahr in der nahe

gelegenen Mojave-Wüste unter der Marke Arrowhead

in Flaschen ab – trotz ausgerufenem Wassernotstand

und wachsender Kritik. Nestlé braucht sich um die

geltenden Notstandsregeln nicht zu kümmern, da die

Abfüllanlage in einem Indianerreservat steht.

matthias streit | mdw@wiwo.de

FOTO: BLOOMBERG NEWS/SAM HODGSON

Ausgetrocknet Ein weißer Streifen zeigt,

wie hoch der Wasserspiegel am Lake Mead

einmal stand. Auch in Kalifornien sind zehn

der zwölf größten Stauseen nur halb voll

6 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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NEVADA

Las Vegas

Lake Mead

KALIFORNIEN

Los Angeles

UTAH

Lake Powell

Colo

r a d

ARIZONA

o River

COLORADO

NEW

MEXICO

Pazifik

MEXIKO

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 7

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Menschen der Wirtschaft

Handyvertrag läuft aus

Bundeskanzlerin Merkel

SECUSMART

Rote Karte für Blackberry

Nach dem Verkauf des Merkel-Handyherstellers

an Blackberry wird die

Regierung offenbar den Anbieter wechseln –

zur Freude der Deutschen Telekom.

Vor einer Woche dachte Hans-Christoph Quelle,

er hätte den Deal seines Lebens eingefädelt. Den

von ihm mitgegründeten Düsseldorfer Verschlüsselungsspezialisten

Secusmart verkaufte er quasi

über Nacht an seinen bisherigen Hardwarepartner,

den Handyhersteller Blackberry. Die Idee dahinter

erscheint verlockend. Mit der Bundesregierung

und Kanzlerin Angela Merkel als Vorzeigekunden

für das als absolut abhörsicher eingestufte

Secusmart-Smartphone will Blackberry in andere

Länder expandieren. Dort sollen Regierungen und

Unternehmenschefs das spionagesichere Handy

kaufen. Der Plan aber könnte schneller scheitern,

als er entstand. Will doch die Bundesregierung die

Geschäftsbeziehungen zu Secusmart und dem

neuen Eigner Blackberry zügig kappen.

Insider gehen zwar davon aus, dass Bundeswirtschaftsminister

Sigmar Gabriel nicht von seinem

Vetorecht Gebrauch macht und den Deal komplett

stoppt. „Der Secusmart-Verkauf an Blackberry wird

durchgewinkt“, heißt es aus dem Ministerium. In

den nächsten vier Wochen werden sich Gabriels

Experten alle Details des Verkaufsvertrags anschauen

und vielleicht sogar ein „vertieftes Prüfverfah-

ren“ einleiten. Doch am Ende werde wohl die Entscheidung

fallen, dass der Verkauf von Secusmart

nach Kanada keine „wesentlichen Sicherheitsinteressen“

gefährdet.

Allerdings läuft der Ausrüstervertrag, den die

Bundesverwaltung mit Secusmart abgeschlossen

hat, nur noch bis 2015. Mehr als 2000 Geräte hat das

Unternehmen bisher ausgeliefert, die Deutsche

Telekom mit ihrem Konkurrenzprodukt Simko3 nur

einige Hundert. Doch das zuständige Bundesamt

für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)

scheint nicht gewillt, den Vertrag mit dem neuen

Eigner Blackberry zu verlängern. „Wir werden die

langfristigen Auswirkungen des Verkaufs auf die

Sicherheitseigenschaften der betroffenen Produkte

sehr genau untersuchen“, heißt es ungewöhnlich

deutlich in einer ersten offiziellen Stellungnahme

des BSI.

Bei der Ausrüstung der Regierung und Verwaltung

mit IT-Sicherheitsprodukten arbeitet das BSI

seit jeher fast ausschließlich mit als besonders vertrauenswürdig

geltenden deutschen Herstellern

zusammen. Und das soll offenbar auch so bleiben.

Profitieren würde die Deutsche Telekom. Das

Krypto-Smartphone der Bonner besitzt zwar noch

mehr Sicherheitsvorkehrungen bis tief ins Betriebssystem,

ist allerdings nicht so leicht zu bedienen

wie die Secusmart-Blackberrys. Die Kanzlerin wird

sich also umstellen müssen.

juergen.berke@wiwo.de

Mobile Gefahr

Welche Trends die

Bedrohungslage durch

Cyberangriffe verschärfen

(in Prozent)

Sehr stark

Mobile

Geräte

Cloud

Computing

Soziale

Netzwerke

Vernetzte

Maschinen

E-Commerce

Big Data

Quelle: PAC

3

2

6

7

35

49

24

26

20

19

Stark

26

39

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, AP/SYFY

8 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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AUDI

Vorsprung

durch Sparen

Rupert Stadler, erster Anwärter

auf die Nachfolge von

Martin Winterkorn als Chef des

VW-Konzerns, zieht bei Audi

die Zügel an: Mit dem Sparprogramm

Business 2.0 reagiert

der Audi-Chef auf sinkende

Renditen und den hohen

Investitionsaufwand bei der

Entwicklung neuer Antriebe.

Bis 2018 will Audi rund zwei

Dutzend neue Modelle auf den

Markt bringen, darunter min-

destens drei Elektroautos, verlautet

aus dem Unternehmen.

Doch das Geld wird womöglich

nicht reichen – aufgrund

steigender Ausgaben der Ingenieure

und der hohen Kosten

von Schlüsselkomponenten.

Technikchef Ulrich Hackenberg

soll den Produktaufwand

kritisch hinterfragen, Einkaufschef

Bernd Martens nach neuen

Lieferanten schauen – auch

in Billigländern wie Mexiko

und China. Beschlossen ist,

den Lieferantenpark im neuen

Werk in Mexiko von einem

Investor bauen zu lassen und

dann zu mieten.

franz.rother@wiwo.de

Aufgeschnappt

3-D-Druck-Shop Amazon hat

den 3-D-Druck als eigene Produktkategorie

eingeführt. Dort

können sich Kunden beispielsweise

Handyhüllen oder Manschettenknöpfe

personalisieren.

Bislang ist der 3-D-Shop

nur in den USA verfügbar.

Fliegende Haie Der skurrile US-

Action-Trash-Hit „Sharknado“

geht in diesen Tagen in die zweite

Runde. Nachdem Tornados

im ersten Teil unzählige Haie in

die Straßen von Los Angeles wirbelten,

ist nun New York dran. In

den sozialen Medien war der TV-

Film mit nur zwei Millionen Dollar

Budget ein Ausnahmeerfolg:

300 000 Tweets mit dem Hashtag

#Sharknado begleiteten die Erstausstrahlung

in den USA, bis zu

5000 pro Minute. Die dritte Wiederholung

sahen mit 2,1 Millionen

Menschen dann fast doppelt

so viele, wie die Premiere. Für

nächstes Jahr ist schon ein dritter

Teil geplant.

BUNDESTAG

Das Mandat zuerst

Der Bundestagsabgeordnete

Peter Gauweiler (CSU) führt

mit fast einer Million Euro nicht

nur die Liste der Nebenverdiener

im Parlament an, wie eine

Auswertung des Politikportals

abgeordnetenwatch.de ergab

(siehe Grafik): Keiner der Spitzenverdiener

im Deutschen

Bundestag hat so viele namentliche

Abstimmungen verpasst

wie er – mehr als drei Viertel.

Das ruft Kritik renommierter

Staatsrechtler hervor.

Rupert Scholz, Grundgesetzkommentator

und selbst ehe-

maliger Bundestagsabgeordneter

und Bundesminister, sagt:

„Das Mandat muss im Mittelpunkt

der Tätigkeit stehen, so

will es das Abgeordnetengesetz.

Wer etwa wegen seiner beruflichen

Tätigkeit kaum an namentlichen

Abstimmungen

teilgenommen hat, handelt

nicht im Sinne dieses Gesetzes.“

Auch Ferdinand Kirchhof, Vizepräsident

des Bundesverfassungsgerichts,

verlangt, „die

parlamentarische Funktion

muss voll erfüllt werden. Wer

dann noch Arbeitskraft und Zeit

hat, kann gern noch anderes

übernehmen. Aber dieses andere

darf die parlamentarische

Tätigkeit nicht verdrängen.“ Es

dürfe „nicht dazu führen, dass

der Abgeordnete nicht an Sitzungen

oder Abstimmungen

teilnimmt oder seine Parlamentsaufgaben

nur noch mit

linker Hand erledigt“. Hohe Nebeneinkünfte

könnten ein Indiz

sein, aber kein Beweis.

Problematisch, so Scholz, sei

dabei weder Höhe noch Art der

Nebeneinkünfte, „sondern ob

die Abgeordneten gänzlich unbefangen

und unabhängig entscheiden“.

Er plädiert deshalb

für strengere Transparenz-Vorgaben:

„Die Höhe von Nebeneinkünften

sollte exakt angegeben

werden, ebenso die Namen

von Auftrag- oder Arbeitgebern.

Die wenigen nötigen Ausnahmen

von dieser Regel, etwa

beim Anwaltsgeheimnis, müssen

gesetzlich klar geregelt sein.“

Der Leipziger Verfassungsrechtler

Christoph Degenhart

weist allerdings auf die Bedeutung

des freien Mandats hin, das

sehr großen Spielraum eröffnet:

„Ob der zeitliche Einsatz eines

Parlamentariers für sein Mandat

ausreichend ist, kann nicht vor

Gerichten entscheiden werden.

Das können und müssen allein

die Wähler beurteilen.“

max.haerder@wiwo.de I Berlin,

henning krumrey I Berlin

Der unsichtbare Abgeordnete

Top-Nebenverdiener im Bundestag und ihre Anwesenheit bei den 45 namentlichen Abstimmungen im Bundestag

Teilnahme an

namentlichen

Abstimmungen

Nebenverdienst*

10 45 45 40 40

1. Peter Gauweiler

(CSU)

976 500 €

2. Albert Stegemann

(CDU)

578 500 €

* Zeitraum Okt. 2013–Juli 2014; Quellen: abgeordnetenwatch.de, Deutscher Bundestag

3. Stephan Harbarth

(CDU)

550 000 €

4. Johannes Röring

(CDU)

290 500 €

5. Dagmar Wöhrl

(CSU)

285 000 €

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 9

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Menschen der Wirtschaft

INTERVIEW Günter Verheugen

»Amerika hat strengeren

Verbraucherschutz«

Der Ex-Vizechef der EU-Kommission ist glühender

Verfechter des transatlantischen Freihandels,

die Warnung vor Chlorhühnchen sei Panikmache.

Herr Verheugen, die Skepsis

gegen ein Freihandelsabkommen

zwischen Europa und

den USA wächst. Sind sie

weiter für TTIP?

Auf jeden Fall. Volkswirte rechnen

damit, dass der Abbau von

Zöllen und anderen Handelsschranken

zwischen den beiden

wichtigsten Wirtschaftsräumen

der Welt zu zwei bis

drei Prozent höherem Wirtschaftswachstum

führen kann.

Die Einigung sollte bis 2014 erreicht

werden, das ist schon

jetzt illusionär. Ich bin sehr

skeptisch, ob wir außer dem

Abbau von Zöllen überhaupt

etwas schaffen werden.

Warum?

Beim TTIP-Abkommen geht

es ans Eingemachte, an protektionistische

Bastionen auf

beiden Seiten. Das gefällt nicht

jedem. Die Agrarlobby läuft

Sturm und schürt Ängste, dass

unsere Gesundheits- und

Umweltstandards abgebaut

werden. Auch Politiker in den

EU-Staaten hatten im Europawahlkampf

mit diesen Argumenten

Front gegen das Projekt

gemacht. Verschwiegen wird,

dass nicht alle europäischen

Standards internationalen Regeln

folgen. Einigen mit den

USA können wir uns aber nur,

wenn wir internationale Regeln

anerkennen.

Das könnte schwierig werden,

denn Europas Verbraucher

fürchten sich vor laxen Schutzvorschriften,

genmanipuliertem

Gemüse, Hormonfleisch

oder Chlorhähnchen aus den

USA.

Das ist reine Panikmache.

Bei uns ist jedes Schwimmbad

gechlort, und wir tauchen

bereits Käse oder Gemüse

in Chlor, wie es die Amerikaner

mit Hähnchen machen. Hier

erkranken übrigens wesentlich

mehr Menschen an verseuchtem

Geflügel als in den

USA. Kurz: Es gibt keinen

wissenschaftlichen Nachweis,

DER SEITENWECHSLER

dass amerikanische Produkte

schädlicher sind als europäische.

Das ist ein Märchen der

Agrarlobby, die ihren Markt

nicht teilen will.

Dem amerikanischen Gesetzgeber

geht unternehmerische

Freiheit vor Verbraucherschutz.

Ein Deal-Breaker für

das Freihandelsabkommen?

Das stimmt nicht. Die USA wollen

doch ihre Verbraucher nicht

umbringen. Einige US-Vorschriften

sind liberaler als in der

EU, andere nicht. Amerika hat

in einigen Bereichen sogar

strengeren Verbraucherschutz,

etwa das Alkoholverbot für Jugendliche

oder die abschre-

Verheugen, 70, war bis 2010 Vizepräsident der EU-Kommission

und lehrt heute an der Europa-Universität in Frankfurt an der Oder.

1982 wechselte der ehemalige FDP-Generalsekretär zur SPD, deren

Parteivorstand er wurde.

ckenden Warnhinweise auf

Zigarettenschachteln. Hier hat

die EU erst kürzlich nachgezogen.

Auch die US-Vorschriften

für Medikamente sind äußerst

streng, ebenso die Sicherheitsvorschriften

für unsere Autos,

was wir immer als Überregulierung

empfinden.

Viele europäische Konsumenten

lehnen die US-Produkte

aus ethischen Gründen ab.

Die meisten Ängste sind

diffus und widersprüchlich.

Wir machen Front für erneuerbare

Energien und gewinnen

sie teils aus Nahrungspflanzen.

Ist das ethisch vertretbar?

Die Fleischindustrie pumpt

Rinder, Schweine und Hühner

systematisch mit Medikamenten

voll, ohne dass wir uns

um etwaige Auswirkungen auf

die menschliche Gesundheit

scheren.

Verlieren die EU-Staaten Souveränität,

wenn amerikanische

Investoren bei Streitfällen

Schiedsgerichte anrufen

dürfen, die nach US-Recht

urteilen?

Das ist nicht die entscheidende

Frage. Es geht um Investitionsschutz,

unter dem beide Seiten

ausländische Unternehmen so

behandeln wie ihre eigenen.

Diese Regeln könnten allerdings

missbraucht werden, um

die Demokratie auszuhöhlen.

Unter dem Vorwand des Investitionsschutzes

könnten Unternehmen

gegen neues Recht

vorgehen und den Konflikt

durch Schiedsgerichte und Vergleiche

lösen lassen.

Blockieren Europas Ängste

den transatlantischen Freihandel?

Die Macht dieser Ängste sollte

niemand unterschätzen.

Allerdings sind auch die USA

nicht die reinen Verfechter

freier Märkte, zu denen sie oft

stilisiert werden. Wenn Amerikaner

die Interessen heimischer

Unternehmen bedroht

sehen, verwandeln sie sich

ebenfalls blitzschnell in Protektionisten.

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA (2), BRAUER PHOTOS/D.BECKMANN

10 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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FDP

Sanierung für

30 000 Euro

Experten der Boston Consulting

Group unterstützen die Liberalen

bei der Suche nach einem

neuen Leitbild. Ein BCG-Partner,

selbst Mitglied der FDP,

hatte Parteichef Christian

Lindner angeboten, das Image

bei Mitgliedern und Wählergruppen

zu untersuchen und

eine Strategie für die „Revitalisierung

der Marke“ zu liefern.

In einem eintägigen Strategie-

Workshop für das FDP-Präsidium

analysierten die Berater mit

ihren klassischen Instrumenten

für Sanierungsfälle oder zur Absatzsteigerung

die Lage der Freidemokraten.

Eines der Ergebnisse:

Die Marke „FDP“ sei noch

erstaunlich intakt, die Inhalte

müssten im Wesentlichen nicht

geändert werden. Herausgekommen

ist als neues Leitbild

die „Partei, die Chancen ermöglicht“.

Dazu, so das Präsidium,

müsse die FDP selbst aus dem

Jammertal heraus. „Lösungsorientiert,

mutig, optimistisch, empathisch“,

so will sie auftreten.

Bezahlen müssen die Liberalen

die Beratung im Wert von

rund 30 000 Euro nicht. Sie

wird als Aufwandspende verbucht.

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin,

cornelius welp | Frankfurt

OSRAM

Knatsch im

Konzern

TOP-TERMINE VOM 04.08. BIS 10.08.

04.08. Afrika-Gipfel US-Präsident Barack Obama lädt

die wichtigsten Staats- und Regierungschefs

Afrikas zu einem zweitägigen Gipfel ins Weiße

Haus. Bei dem Treffen geht es vor allem um Handel

und Investitionen von US-Unternehmen in Afrika.

05.08. Stuttgart 21 Am Dienstag beginnt der Bau am

Herzstück des umstrittenen Großprojektes. Bagger

heben die Grube für den unterirdischen Bahnhof

im Zentrum Stuttgarts aus. Die Gegner des

Projektes haben für diesen Tag bereits Proteste

angekündigt. Der Bahnhof soll 2021 seinen Dienst

aufnehmen.

Irak Das irakische Parlament wählt den Ministerpräsidenten

neu. Amtsinhaber Nuri al-Maliki führt

die stärkste Partei, seine Gegner sehen jedoch in

seiner Politik die Ursache des Staatsverfalls – die

Milizen des „Islamischen Staats“ haben große

Landesteile im Norden und Westen besetzt.

07.08. Trikotstreit Im Streit um die Nutzung des DFB-

Logos zwischen der Supermarktkette Real und

dem Deutschen Fußballbund entscheidet am

Donnerstag das Landgericht

München. Real will das

Schutzrecht im Markenregister

löschen lassen, weil das

Logo den Bundesadler enthält.

Und der ist laut Gesetz

nicht schutzfähig. Real könnte

bei einem Sieg Trikots mit

dem Logo verkaufen – ohne Genehmigung des

DFB und Lizenzgebühr.

10.08. Türkei Am Bosporus finden am Sonntag Präsidentschaftswahlen

statt. Der umstrittene Ministerpräsident

Recep Tayyip Erdogan will Präsident

werden. Sollte keine absolute Mehrheit zustande

kommen, gibt es am 24. August Stichwahlen.

Restrukturierung

Osram spart Energie –

und entlässt Mitarbeiter

Die Restrukturierungspläne

von Osram-Chef Wolfgang

Dehen sorgen hinter den Kulissen

des Münchner Leuchtmittelherstellers

für Ärger. Von

„beschissener Kommunikation“

spricht etwa ein Aufsichtsratsmitglied

des Arbeitnehmerflügels.

Dehen, bekannt für

seine ruppige Art, gilt als knallharter

Sanierer und hatte den

Plan, noch einmal 7800 Stellen

abzubauen, an den Arbeitnehmervertretern

vorbei vorbereitet.

Die wurden erst auf der

Aufsichtsratssitzung am vergangenen

Dienstagmittag kurz

vor der offiziellen Bekanntgabe

informiert. Das Treffen

verlief nach Teilnehmerangaben

tumultartig,

musste mehrfach unterbrochen

werden. Dehen verkauft

die Streichungen als

zweiten Teil eines dreistufigen

Restrukturierungsplans. An

Verwaltungsstandorten wie

der Münchner Zentrale will er

sogenannte Townhall-Meetings

abhalten, um die Mitarbeiter

zu informieren.

Auch das bringt die

Betriebsräte

auf die Palme.

„Warum macht er

das nicht in den Fabriken“,

fragt einer.

matthias.kamp@wiwo.de

DIMA24.DE

Im Visier der

Fahnder

Die Staatsanwaltschaft München

I ermittelt wegen des Verdachts

auf Kapitalanlagebetrug

gegen Graumarkt-Millionär

Malte Hartwieg und weitere

Beschuldigte. Hartwiegs Privatwohnung

und diverse Firmen

Vom Maurer zum Millionär

Graumarkt-Investor Hartwieg

wurden Mitte Juli durchsucht.

Der gelernte Maurer Hartwieg

gründete die Online-Vertriebsplattform

dima24.de sowie vier

Emissionshäuser für geschlossene

Fonds und andere Graumarktprodukte

wie Genussrechte.

Dabei handelt es sich

um Selfmade Capital, New

Capital Invest (NCI), Panthera

Asset Management und Euro

Grundinvest (WirtschaftsWoche

24/2014). Bei allen Firmen

wurde am 15. Juli durchsucht,

bestätigte Hartwiegs Anwalt

Werner Klumpe. Etliche der

Fonds können fällige Zahlungen

an Anleger nicht bedienen.

Laut einer früheren dima24-

Eigenwerbung hat das Portal

Fondsbeteiligungen im Wert

von 2,3 Milliarden Euro an über

200 000 Anleger vermittelt. In

die Fonds sollen Schätzungen

zufolge zwischen 200 und 320

Millionen geflossen sein. Hartwieg

bemühe sich „mit zur Zeit

deutlich begrenzten Möglichkeiten,

im Interesse der Anleger

tätig zu sein“, so sein Anwalt.

florian.zerfass@wiwo.de | Frankfurt

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 11

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

PUMA

Lars Soerensen, 51, ist seit

1. August als Chief Operating

Officer (COO) Mitglied des

Vorstands beim Sportartikelhersteller

Puma. Der Däne

dient seit vergangenem

November bei den Herzogenaurachern

und war bislang

für Geschäftsprozesse und

IT verantwortlich. Zuvor hatte

er schon bei Bestseller,

Esprit und Lego Führungsaufgaben

inne. Für den Puma-Konkurrenten

Adidas

arbeitete er fünf Jahr lang in

verschiedenen Positionen.

Sein Vorgänger Andy Koehler

räumt nach nur einem

Jahr aus persönlichen Gründen

den Posten.

BFARM

Karl Broich, 54, übernimmt

zum 6. August die Leitung

des Bundesinstituts für Arzneimittel

und Medizinprodukte

(BfArM) in Bonn, der

obersten deutschen Arznei-

Zulassungsbehörde. Der bisherige

Vizepräsident Broich

BIER

7Prozent

löst Walter Schwerdtfeger, 65,

ab, der in den Ruhestand geht.

Der neue Präsident hat zuvor

unter anderem als Oberarzt in

Halle an der Saale gearbeitet;

dem Institut gehört er seit

2000 an.

SOUNDCLOUD

Stephen Bryan war 17 Jahre

beim Musikriesen Warner Music

und dort zuletzt für die Digitalstrategie

verantwortlich. Nun

wurde er vom Berliner Musik-

Streamingdienst Soundcloud

als Vizepräsident angeheuert.

Bei dem Start-up dürfte er sich

um die Monetarisierung und

Beziehungen zu den Musiklabels

kümmern, die derzeit mit

Soundcloud über eine Beteiligung

im Gegenzug für Musiklizenzen

verhandeln.

MOZILLA

Chris Beard, 41, wurde offiziell

zum Chef der Mozilla Corporation

ernannt. Beard ist bereits

seit 2004 bei dem

Internet-Unternehmen, das für

frei zugängliche Software wie

den Browser Firefox oder den

E-Mail-Klienten Thunderbird

bekannt ist. Im April übernahm

er zunächst als Interims-Chef

von Brendan Eich. Der trat nach

nur zwei Wochen an der Spitze

ab. Grund: Mitarbeiter hatten

wegen seiner ablehnenden Haltung

zu gleichgeschlechtlichen

Ehen gegen den Manager protestiert.

mehr Umsatz mit Bier erzielten Deutschlands Getränkehändler

im Juni. Der Grund: Der Start der Fußball-WM sorgte laut GfK für

„Feierlaune“. Der Umsatz mit Biermixgetränken wie Radler stieg

gegenüber dem Vorjahresmonat sogar um 15 Prozent. Für den

WM-Monat Juli erwarten die Marktforscher weitere Zuwächse.

CLOUDCONTROL

US-Übernahme verdoppelt Wolke

Fakten zum Unternehmen

Registrierte Entwickler auf der

Cloud-Plattform: 50000

Zahlende Kunden nach der Übernahme

von DotCloud: 10000

Umsatz im vergangenen Jahr:

1,45 Millionen Euro

Bisher tüftelten die 20 Mitarbeiter des Start-ups CloudControl

rund um Mitgründer und CEO Philipp Strube (Mitte) im als etwas

spießig geltenden Berliner Bezirk Charlottenburg, außerhalb

des Scheinwerferlichts der Berliner Szene. Kein Wunder,

hat sich das 2009 gegründete Unternehmen doch auf das IT-Unternehmensgeschäft

spezialisiert, das weniger im Fokus steht als

gehypte Apps oder E-Commerce-Firmen. CloudControl vermietet

Kunden spezielle Softwaretools, mit denen diese wiederum

eigene Cloud-Anwendungen bauen können. „Sozusagen als

Werkzeugkasten für die Cloud“, sagt Strube. Zu seinen Kunden

gehören beispielsweise die französische Presseagentur AFP oder

Werbeagenturen, die etwa spezielle Gewinnspiel-Apps für Dax-

Konzerne erstellen.

Künftig könnte das Mauerblümchen-Dasein vorbei sein: Denn

Strube und seine Mitgründer Tobias Wilken (links) und Thomas

Ruland (rechts) übernehmen die Cloud-Sparte von Docker, einem

ihrer wichtigsten US-Wettbewerber mit Sitz in San Francisco.

Das unter der Marke DotCloud laufende Geschäft ist mit rund 500

zahlenden Kunden ähnlich

groß wie CloudControl.

„Das ist eine einmalige

Gelegenheit für uns“,

sagt Strube. „Wir können

unser Geschäft mit einem

Schlag verdoppeln – und

verfügen jetzt über eine

große US-Niederlassung.“

michael.kroker@wiwo.de

FOTOS: PR (2), MAURITIUS

12 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Paul-Otto Faßbender

Vorstandsvorsitzender des Versicherungskonzerns Arag

Bei starkem Sturm schwankt die

Zentrale des Düsseldorfer Versicherungskonzerns

um mehr

als 50 Zentimeter. „Wer ganz

oben sitzt, wird da schon mal

seekrank“, sagt Paul-Otto

Faßbender, 68, Vorstandsvorsitzender

und Mehrheitsaktionär

von Arag. Dem promovierten

Juristen ist in seinem Büro

in der 29. Etage des 126 Meter

hohen Arag-Turms bislang

„noch nicht mulmig geworden“.

Auch dann nicht, wenn das freischwebende

Pendel neben seinem

Schreibtisch schon beim

kleinsten Windstoß zu kreiseln

beginnt. Die spiralförmige

Edelstahl-Skulptur stammt

vom italienischen Künstler

Roberto Cordone und wirkt

filigran gegenüber

dem deckenhohen

Flaschenbaum. „Hier

wird gearbeitet“,

beschreibt Faßbender

sein Büro, „dicke

Sofas oder Biedermeier-Möbel

sind

nicht mein Ding.“ Seit

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

1998 lenkt er das 1935 gegründete

Familienunternehmen, das

im vergangenen Jahr mehr als

1,5 Milliarden Euro an Beiträgen

bilanzierte. Mit rund 3600 Mitarbeitern

zählt Arag zu den drei

weltweit größten Rechtsschutzanbietern

unter den Versicherungskonzernen.

Das Ambiente

in Faßbenders Büro passt zur

Statur des Zwei-Meter-Mannes.

Le-Corbousier-Sessel

reihen sich um einen

kleinen Tisch in der

Besprechungsecke.

Der große Schreibtisch

ist ein Unikat

und wurde vom Stararchitekten

Norman

Foster entworfen. Mit

seinem Düsseldorfer Partner

Friedel Kellermann konzipierte

der Brite die Arag-Zentrale, in

der Werke des Künstlers Markus

Lüpertz ausgestellt sind. Für

sein Büro wählte Faßbender

indes ein Bild des ebenfalls in

Düsseldorf arbeitenden Malers

Imi Knoebel. Es hängt hinter

dem Schreibtisch direkt gegenüber

von Fotos, die Treffen mit

Bundeskanzlerin Angela Merkel

und Ex-US-Präsident Bill Clinton

zeigen. Das Stehpult dient

seit Kurzem auch als Beobachtungsposten

– ein Wanderfalke

hat sich im Arag-Turm eingenistet

und kreist ab und zu vor

Faßbenders Fensterfront.

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

14 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Zurück in die Sowjetzeit

RUSSLAND | Der Westen straft Wladimir Putin mit härteren Wirtschaftssanktionen für

die Brandstiftung in der Ukraine ab. Ob ihn das politisch zum Kurswechsel zwingen

wird, ist offen: Mit hohen Rücklagen kann der Kreml das Land gut über Wasser halten.

Die Modernisierung der Wirtschaft würgt er aber ab – zum Ärger deutscher Investoren.

Keiner kennt das russische Pipelinenetz

so gut wie Berndt Böhme

– nicht einmal die Russen

selbst. Der Ingenieur leitet das

Moskauer Büro von PSI, einem

IT-Unternehmen aus Berlin, das Leitsysteme

für die Energiebranche plant und betreibt.

Wenn irgendwo in Sibiriens Weiten

eine Ölpipeline leckt, kriegt es das Team

um Böhme bestimmt mit. Seine Software

hilft auch, den Gastransport effizient zu gestalten

– auf dass der Brennstoff flott und

ohne Verluste beim Kunden ankommt. Die

Deutschen sind hier führend wie in vielen

Nischen – und natürlich erfreuen sich ihre

Produkte auch bei russischen Energiekonzernen

wie Gazprom hoher Beliebtheit.

Wohl aber nicht mehr lange. Bei seinen

russischen Kunden, hört Böhme, tüfteln

ganze Abteilungen an Masterplänen, wie

Russland technologisch vom Westen autark

werden kann: Selbstgestricktes soll Zugekauftes

ersetzen. „Die Russen haben ihre

eigenen Lösungen für alle Probleme“, sagt

Böhme. Nur seien ausländische Technologien

meist besser und würden deshalb stark

nachgefragt. Das dürfte sich jetzt ändern.

Womöglich steht Europa erst am Anfang

eines Wirtschaftskriegs, den Wladimir Putin

zumindest provoziert hat und den die Europäische

Union nun nicht mehr weiter verzögern

will. Vergangene Woche beschlossen

die EU und die USA verschärfte Sanktionen

gegen russische Unternehmen und Branchen.

„Wir wissen, dass wir auch selber wirtschaftlich

darunter leiden können“, erklärte

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel

(SPD) den Schritt. Aber in Zeiten, in denen es

um Krieg und Frieden gehe, müsse die Wirtschaftspolitik

zurückstehen. Der Westen will

den Kremlchef zu einer Deeskalation im Osten

der Ukraine zwingen, wo prorussische

Rebellen im Kampf gegen die Armee offenkundig

weiter auf russische Unterstützung

oder wenigstens Duldung zählen können.

Nach anfänglichem Zögern steht nun

auch die deutsche Wirtschaft hinter den

Sanktionen. Marcus Felsner, der Vorsitzende

des Ost- und Mitteleuropavereins, sagt:

Deutschland sei nicht auf Investitionen in

einem Land angewiesen, das Nachbarn mit

Krieg bedrohe. Sanktionen müsse man daher

jetzt auch „durchhalten, bis sie ihr Ziel

erreicht haben“. Ob das indes gelingt, ist

fraglich. Bislang lässt Putin keinerlei Zeichen

erkennen, die auf Deeskalation in der

Ostukraine schließen ließen. Nach russischer

Lesart kämpfen dort Freiheitskämpfer

gegen „Kiewer Faschisten“, die der Westen

finanziert – und so verbreitet es auch

das Staatsfernsehen. Putin, den eine Welle

des Patriotismus zu nie gekannter Popularität

trägt, wird so auch zum Gefangenen

seiner eigenen Propaganda.

Auf dem Rückzug

Währungsreserven der russischen Zentralbank

(in Milliarden Dollar)

Quelle: IWF

2013 2014

500

480

460

440

420

Das bringt ihn in die Zwickmühle. Denn

ökonomisch ist klar, dass Russland für die

expansive Außenpolitik letztlich bezahlen

muss – zumindest auf längere Sicht, sagt

Andrej Jakowlew, Ökonom an der Moskauer

Higher School of Economics. Abgesehen

von Wirkungen auf einzelne Sektoren, seien

Wirtschaftssanktionen „ein starkes Signal

an alle Investoren, wonach Russland

potenziell gefährlich ist“. Mangels Investitionen

werde die Wirtschaft ausbluten,

zumal eine Umorientierung in Richtung

China auf kurze Sicht nicht möglich sei.

IMPERIALE TRÄUME

In diese Kerbe schlägt auch Felsner: „Putin

will die dringend nötige Modernisierung

seines Landes offenbar auf dem Altar des

Nationalismus opfern.“ Entweder die politische

Führung entscheide sich für die

wirtschaftliche Entwicklung des Landes

mithilfe der deutschen Wirtschaft – oder

aber für imperiale Träume und den Machterhalt

ohne Rücksicht auf internationale

Spielregeln. „Beides geht nicht“, so Felsner.

Überfliegt man das Sanktionspaket der

EU, wird klar: Die deutsche Wirtschaft ist

mit einem blauen Auge davongekommen.

Großbritannien hat mit dem unter russischen

Investoren sehr beliebten Finanzplatz

London höhere Lasten zu tragen:

Rüstungsgüter dürfen künftig nicht an

Russland geliefert werden, wobei zwei fast

fertige französische Hubschrauberträger

noch übergeben werden dürfen.

Für Deutschland fällt das beschränkte

Exportverbot bei einer Ausfuhr im Wert

von 40 Millionen Euro (2012) kaum ins Gewicht.

Allerdings müssen deutsche Unternehmen

darauf achten, keine soge-

»

FOTO: ACTION PRESS/ITAR-TASS/ALEXEI DRUZHININ

16 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Zar und Immermann

Auf den Kriegsherrn und

Dauerregenten Wladimir Putin

ist alles zugeschnitten. Seit

nunmehr 15 Jahren bestimmt er

die russische Machtpolitik

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Politik&Weltwirtschaft

»

nannten Dual-Use-Güter nach Russland

auszuführen. Dabei handelt es sich um

Waren, die sowohl zivile wie auch militärische

Verwendung finden können.

Russlands Rüstungsindustrie ist von

dem Embargo kaum betroffen. Die wichtigsten

Absatzmärkte der dortigen Militärindustrie

sind China, Indien und ein paar

Schurkenstaaten. Die Prosperität der Branche,

die zehn Prozent zum russischen

Gesamtexport beisteuert und im Inland

ein starker Beschäftigungsfaktor ist, wird

wenig beeinträchtigt.

High Tech für die Ölindustrie darf aus

der EU nicht mehr nach Russland geliefert

werden. So will Brüssel die Förderung von

Rohöl behindern, dessen Exporterlöse den

größten Brocken bei den Staatseinnahmen

ausmachen. Zumindest ein Teil dieser

Technik wird allerdings von heimischen

oder asiatischen Herstellern ersetzt werden

können. Darunter werden Partnerschaften

zwischen westlichen und russischen

Unternehmen leiden – das trifft unter

anderem die BASF-Tochter Wintershall,

vor allem aber die britischen Ölkonzerne

BP und Shell, die beide stark in Russland

engagiert sind.

Über den Finanzsektor sendet die EU ein

lauteres Warnsignal an Russland. Banken,

an denen der Staat mit mehr als 50 Prozent

beteiligt ist, dürfen sich künftig nicht mehr

auf den europäischen Kapitalmärkten finanzieren.

Das gilt für die größten russischen

Institute wie die Sberbank, VTB und

die Gazprombank. Bestehende Finanzierungen

sind allerdings nicht betroffen, ausgenommen

sind auch Finanzierungen von

kürzerer Dauer als 90 Tagen.

Ihre Wirkung werden diese Sanktionen

allenfalls mittelfristig entfalten, zu unmittelbaren

Liquiditätsproblemen werden sie

nicht führen: Gerade die Sberbank, die für

den Staat die Sozialleistungen abwickelt,

ist nie knapp an Einlagen und Reserven.

Zudem verspricht die Zentralbank ihre Unterstützung,

die sich schon im Krisenjahr

2008 als effizient und hilfreich erwiesen

hatte. Die langfristigen Finanzierungen

dürften sich aber in den kommenden Monaten

für russische Unternehmen deutlich

verteuern, weil die Banken ihre gestiegenen

Kosten an die Kunden weitergeben.

Länger und länger wird derweil die Liste

der Oligarchen und Politiker, denen die EU

die Einreise verweigert. Furcht vor der

Konfiszierung ihrer Konten soll in den vergangenen

Monaten eine Menge Kapital

aus London vertrieben haben (siehe Seite

21). Zu Recht zielten die Sanktionen auch

Gut geschweißt

hält länger Arbeit

an einer russischen

Ölpipeline

auf „die reichen Oligarchen, die in den

Hauptstädten Europas ihre Konten und ihre

Immobilien haben“, sagt Minister Gabriel.

Diese Sanktionen würden schnell

Wirkung beim Gegner zeigen. Dass es zu

härteren Sanktionen wie dem Einfrieren

von Konten kommt, gilt in Bankenkreisen

aber als unwahrscheinlich. Kenner der

Moskauer Machtzirkel wie die Soziologin

Olga Kryschtanowskaja warnen zudem,

den Einfluss der Oligarchen auf Putin zu

überschätzen: Solange er in solch hohen

Risikoaufschlag steigt

Renditen zehnjähriger Staatsanleihen in

Russland* (in Prozent)

Juli 2014

* auf Rubel-Basis; Quelle: Bloomberg

9,6

9,4

9,2

9,0

8,8

8,6

Umfragewerten schwelge, sitze der große

Zampano schlicht zu fest im Sattel, als dass

ihn jemand zum Einlenken zwingen könne.

Zumal er 2003 mit der Inhaftierung des

Michail Chodorkowski gezeigt hat, wie effektiv

die willfährige russische Justiz widerspenstige

Oligarchen kaltstellen kann.

KEINE ANGST VOR SANKTIONEN

Moskau reagierte auf die Sanktionen, indem

das Außenministerium höhere Energiepreise

in Aussicht stellte: Die „antirussischen

Sanktionen“ seien ein „unbedachter,

unverantwortlicher Schritt“, der unausweichlich

zu höheren Preisen auf dem europäischen

Energiemarkt führen werde,

hieß es in einer Erklärung des Ministeriums.

Die EU bezeuge zudem ihre „Unfähigkeit,

eine eigenständige Rolle“ in der

Weltpolitik zu spielen. Die Reaktion zeigt,

die Beschlüsse der vergangenen Woche

haben Putin auf dem falschen Fuß erwischt:

In Moskau war man offenbar davon

überzeugt, Europa werde sich schon nicht

zu Wirtschaftssanktionen verleiten lassen.

Aus Kreml-Sicht ist die EU ein heillos zerstrittener

Club aus Amerika-hörigen Individualisten,

deren moralische Werte im

18 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: ACTION PRESS/REX FEATURES, PICTURE-ALLIANCE/DPA, BLOOMBERG NEWS/ANDREY RUDAKOV

Zweifel den Wirtschaftsinteressen untergeordnet

sind.

In Russland macht man gute Miene zum

bösen Spiel. Staatlich kontrollierte Medien

betonen, der Westen schade sich mit Sanktionen

selbst – und diese würden darum

am Ende nicht so scharf ausfallen. Zumal

Russland ja stark genug sei, die Folgen abzufedern.

Nach einer Umfrage des unabhängigen

Lewada-Zentrums fürchtet nur

ein Drittel der Russen irgendwelche Folgen

der Sanktionen; im Mai waren es noch

mehr als zwei Drittel gewesen. Überhaupt

sei der Kreml der falsche Adressat für diese

Strafaktion, die sich gegen die Regierung in

Kiew richten müsste. In Russland ist man

denn auch überzeugt, die Kiewer „Junta“

oder der US-Geheimdienst habe Flug

MH17 abgeschossen, um Putin zu belasten;

ganz Russland verliert sich in diesen

Tage in Verschwörungstheorien.

Tatsächlich aber baut die Regierung gegen

mögliche Härten durch die Sanktionen

vor. Premierminister Dmitri Medwedew

kündigte an, Importe durch lokale Produkte

ersetzen zu lassen – was eben auch Softwarehersteller

PSI treffen könnte. Die Regierung

will notfalls „finanzielle Ressourcen“

zur Unterstützung heimischer Hersteller

mobilisieren. So gesehen müssten

Sanktionen „gar nicht mal schlecht“ für

Russland sein, sagt Medwedew. Sie würden

die Nachfrage nach inländischen Produkten

steigern. Und so diktierte er bereits

ein fünfseitiges Dekret mit Gütern, die

künftig aus russischen Fabriken stammen

müssen – darunter Karossen für Staatsdiener.

Dieses Geschäft wird Mercedes und

BMW künftig entgehen.

Für einige Zeit kann das gut gehen. Lokale

Werkzeugmacher, die noch mit Ausrüstung

aus Sowjetzeiten arbeiten, berichten

dieser Tage von steigenden Auftragseingängen.

Metallbauteile, die bis vor einigen

Wochen bei einem deutschen Hersteller

bestellt worden wären, produzieren jetzt

russische Hersteller auf ihren antiquierten

Drehmaschinen. Es könnte ja sein, dass die

Bestellung wegen der Sanktionen nicht

ausgeliefert wird. Zumal der schwache Rubel

die Importe teuer macht, derweil eine

Kreditfinanzierung in diesen Zeiten kaum

zu kriegen ist. Je größer die Notlage, desto

enger rückt das Land zusammen: „Natürlich

fährt der Russe lieber im Mercedes

durch Moskau“, sagt ein deutscher Investor,

„aber wenn es sein muss, kommt man

auch mit dem Lada von A nach B.“ Nur fällt

das Land technologisch weiter in die Sowjetzeit

zurück und behilft sich selbst mit

Mit heimischer Technologie...

Rüstungsproduktion in Russland

...lassen sich keine Kurse machen

Börsenmonitor in Moskau

Der Rubel fällt

Wertverlust der russischen Währung

gegenüber dem Euro

Quelle: Thomson Reuters

100 Rubel

Juli 2014

2,20

in Euro

2,15

2,10

2,05

niedriger Qualität – anstatt in zukunftsfähige

Technologien zu investieren, mit denen

man auch in Zeiten niedriger Ölpreise am

Weltmarkt bestehen kann. Ökonom Jakowlew

spricht daher von einer „Krise der

Zukunft“, die Putin heraufbeschwöre.

Der Präsident lenkt sein Land taktisch

raffiniert, aber ohne langfristige Strategie.

Noch hat der Staat genug Ressourcen, um

durch die Krise zu kommen. Immerhin

hortet das Ölimperium Währungsreserven

in Höhe von mehr als 430 Milliarden Dollar,

mit denen Härten im Finanzwesen

oder einzelnen Industriesektoren abgefedert

werden können. Das gelang Putin

schon 2009, als er die Wirtschaft eigenhändig

durch die Krise manövrierte: Große Arbeitgeber

wie Lada-Hersteller Awtowas

wurden mit Milliarden gepäppelt, damit

sie die Entlassung (wahlberechtigter) Mitarbeiter

verhindern konnten – auch wenn

sich auf dem Hof die „Shiguli“ stapelten.

Damals ließ ein niedriger Ölpreis Russlands

Wirtschaftskraft um fast acht Prozent

schrumpfen. Putins hemdsärmelige Rettung

von Staatsbetrieben und die Erhöhung

der Sozialausgaben rissen daraufhin

in den Haushalt ein Loch; das Defizit von

knapp acht Prozent musste 2010 aus den

Reserven finanziert werden. Heute notiert

der Ölpreis trotz Ukraine-Krise über der

Marke von 100 Dollar pro Barrel. Putins fatale

Wirtschaftspolitik mag das Land in die

Stagnation oder gar Rezession treiben, so

steil bergab wie 2008/09 geht es für Russland

bei aktuell noch zaghaften Sanktionen

und der guten Preislage am Rohstoffmarkt

aber nicht.

Auf längere Sicht aber könnten die Folgen

dramatischer ausfallen. Das Vertrauen

in den Standort ist dahin, am Kapitalmarkt

gilt Russland als Hochrisikoland, was sich

etwa an den gestiegenen Renditen auf Rubel-Anleihen

ablesen lässt. Seit Jahren ist

bekannt, wie tiefkorrupt die Geschäftspraxis

in Russland ist, dass man Gerichte kaufen

und mithilfe der Justiz Unternehmen

feindlich und billig übernehmen kann. Die

Annexion der Krim kommt noch hinzu.

PUTINS TEURE ESKAPADEN

Die Folgen sind teuer: Kredite gibt es in

Russland nur mehr zu exorbitanten Zinsen

um die 30 Prozent, auch weil die russische

Zentralbank zur Inflationsbekämpfung

die Leitzinsen immer höher

schraubt. Was nur begrenzt wirkt; die

Teuerung betrug allein im Juni 7,8 Prozent

gegenüber dem Vorjahr, aufs Gesamtjahr

gerechnet, wird eine Geldentwertung von

bis zu zehn Prozent erwartet. Doch die

massive Kapitalflucht, die im ersten Halbjahr

mit rund 80 Milliarden Dollar das Niveau

von 2013 überschritt, könnte den

Wert noch höher treiben.

Mit ihrer Hochzinspolitik kann die Zentralbank

die Kapitalflucht bremsen, nicht

aber stoppen – und Moskauer Auguren erwarten,

dass Hardliner aus dem Putin-Umfeld

bald Kapitalverkehrskontrollen gegen

die liberalen Notenbanker durchsetzen

werden.

»

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 19

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Politik&Weltwirtschaft

»

Es kommt hinzu, dass Putins Eskapaden

auch das Budget schwer belasten. Allein

auf der Krim will die Regierung dieses Jahr

rund fünf Milliarden Euro investieren, die

Sanktionen könnten Russland nach EU-

Prognosen 20 Milliarden Euro kosten. Der

hoch verschuldete Staatskonzern Rosneft

wurde vom Ständigen Schiedsgerichtshof

in Den Haag zu einer Rekordstrafe von

mehr als 50 Milliarden Dollar verknackt.

Dessen Filetierung des Ölkonzerns Yukos,

der mit der Verhaftung von Ex-Oligarch

Chodorkowski 2003 in die Pleite getrieben

wurde, soll rechtswidrig gewesen sein.

Der Internationale Währungsfonds sah

Russlands Wirtschaft schon in der Rezession,

da waren die Sanktionen der vergangenen

Woche noch nicht bekannt. Die Investitionen

liegen völlig brach, die Preise für

Verbraucher und Unternehmen steigen.

Die Embargopolitik des Westens wird dazu

führen, dass jedes Unternehmen Handelsaktivitäten

mit Russland infrage stellt,

schon um zu Hause Strafen zu vermeiden

(siehe WirtschaftsWoche 31/2014). So setzen

die Sanktionen eine Spirale in Gang,

die sich immer schneller dreht.

Letztlich schadet sich Russland mit der

Abschottung aber selbst. Deutsche Unternehmen

können gut und gerne auch nach

China oder Indien liefern. Außer Öl und

Gas hat Putins Reich dem Weltmarkt nicht

viel zu bieten. Afrika braucht vielleicht

noch Kalaschnikow-Schießeisen, die Kasachen

kaufen ein paar spritintensive Traktoren,

Indien ein U-Boot, aber nur mit Preisnachlass.

Doch die meisten Güter lassen

sich nur am Binnenmarkt oder in Ländern

der ehemaligen Sowjetunion verkaufen.

KEIN WANDEL DURCH HANDEL

Moskau war da schon mal viel weiter – und

Deutschlands Wirtschaft könnte bei der

Modernisierung der russischen Wirtschaft

eine wichtige Rolle spielen. Das wurde nie

so deutlich wie im Sommer 2010, als das

halbe Bundeskabinett in drei Regierungsmaschinen

zu einem Gipfel nach Jekaterinburg

an das Uralgebirge flog. Es war die

Zeit, als Bundeskanzlerin Angela Merkel

(CDU) den damaligen Präsidenten Dmitri

Medwedew liebevoll duzte und die Hälfte

der Chefs von Dax-Unternehmen von derlei

Treffen mit Milliardenverträgen heimkehrten.

Die Modernisierungspartnerschaft, an

die die Deutschen damals unisono glaubten,

war in Wahrheit von Anfang an ein

Missverständnis: Die deutsche Politik wollte

den heimischen Unternehmen Aufträge

Russland will schlicht Technologie Hochgeschwindigkeitszug Sapsan von Siemens

beschaffen – und hoffte zugleich, dass sich

Russland durch den Handel hin zur Demokratie

entwickeln würde. Man hat in der

deutschen Politik nie verstanden, dass in

Russland die Demokratisierung nicht der

Wegweiser ist, dem man wie selbstverständlich

folgt. Die Russen indes wollten

einfach deutsche Technologien haben.

Wladimir Putin, der den vermeintlich liberalen

Medwedew später als Platz-Warmhalter

demaskierte, hat sich von außen niemals

in die Politik reinfunken lassen. Als er

im Mai 2012 in den Kreml zurückkehrte,

zog er autoritär die Zügel an – auch wenn

die Wirtschaft krampfhaft an der Worthülse

der „Modernisierungspartnerschaft“

festhielt. Jetzt sieht es aus, als könne die

deutsche Wirtschaft alle Hoffnungen auf

gute Geschäfte auch für die Zukunft begraben:

Weder will sich Russland im großen

Stil modernisieren – noch lüde Putin die

Europäer ein, sich daran zu beteiligen.

Kosten der Krise

Wirtschaftswachstum in Russland

(Veränderung zum Vorjahr in Prozent)

4,5 4,3 3,4 1,3 0,5 1,7

2010 2011 2012 2013 2014 2015

ab 2014: Prognose; Quelle: IHS

Russland will jetzt wieder anders sein als

der Westen. So lässt sich die gedrungene

Schaffung der Eurasischen Wirtschaftsunion

verstehen, die strukturell der EU nacheifert,

wirtschaftlich aber kaum stärker ist

als etwa Brasilien. So lässt sich auch Putins

taktischer Schwenk nach China verstehen,

wo der Ölriese Rosneft im vergangenen

Jahr lukrative Öllieferverträge abschloss

und Gazprom im Mai einen weniger vorteilhaften

Gas-Deal eintütete. Die raffinierten

Chinesen, bekannt als knallharte Verhandler,

sind den Russen indes auch nicht

ganz geheuer. Bislang fehlen die technologischen

Leuchtturmprojekte von Chinesen

in Russland jedenfalls.

Akut stellt sich die Frage, wie der Krieg in

der Ukraine beendet werden kann. Kenner

der Putin’schen Machtlogik wie Ilja Ponomarjow

bezweifeln, dass Druck von außen

Putin zur Deeskalation in der Ostukraine

bewegen wird. Putin rudert nie zurück,

sagt der Abgeordnete, der in der Duma als

Einziger gegen die Krim-Annexion gestimmt

hat. Nachgeben gelte für ihn als

Zeichen der Schwäche, und Schwächlinge

wählen die Russen nicht. Das „System Putin“

ist stabil, weil eine Mehrheit im Land

hinter dem Mann und seinen Aggressionen

steht, weil das Land im Wir-sindwieder-wer-Gefühl

schwelgt. Um die Krise

in der Ukraine zu beenden, kommt für Putin

nur eine Lösung infrage, die ihn in

Russland als Sieger aussehen lässt. Eine

ernsthafte Idee, wie das funktionieren

könnte, hat im Westen allerdings noch

keiner gefunden.

n

florian.willershausen@wiwo.de, cornelius welp | Frankfurt

20 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: ULLSTEIN BILD/RIA, REUTERS/TOBY MELVILLE

RUSSLAND-SANKTIONEN

Bangen in Londongrad

Reiche Oligarchen und wohlhabende Russen machen sich in ihrer

Wahlheimat Sorgen um ihr Geld. Viele bringen es außer Landes.

In der britischen Hauptstadt werden die

Russen nervös. Rechtsanwälte berichten

von einem Ansturm an Anfragen. Die

Klienten wollen wissen, ob und wie man

die Verschärfung des Sanktionsregimes

umgehen oder sogar gerichtlich anfechten

könne. Vielen geht es nicht schnell

genug: „Die Leute machen sich Sorgen.

Am liebsten hätten sie es, wenn wir die

Rechtsberatung schon gestern erteilt hätten“,

sagt Peter Cadman, Partner der

Rechtsanwaltskanzlei Russell-Cooke.

Im Fall der Fälle würden nicht nur die

reichen Oligarchen, sondern auch andere

wohlhabende Russen vor Gericht ziehen,

um ihr Vermögen zu schützen, vermutet

Andrew Cambell-Tiech von der Kanzlei

Dyers Chambers. Laut Cadman wird bereits

Geld aus Großbritannien abgezogen

und nach Südamerika oder Afrika umgeleitet,

andere Anwälte erwähnen Monaco,

die Schweiz und Dubai als alternative Ziele

für russische Vermögen. Konkrete Zahlen

gibt es aber nicht.

SCHMERZEN AUSHALTEN

London gilt als wichtigster europäischer

Finanzplatz für russische Investoren.

Doch ganz kann und will die Regierung

die Banken nicht verschonen. Lord Livingston,

Staatssekretär im britischen

Handelsministerium, erklärte kürzlich,

auch die City of London werde einen Teil

der Schmerzen auszuhalten haben, die

die Sanktionen verursachten.

Nach Schätzungen des „Daily Telegraph“

halten russische Anleger in London

Wertpapiere im Wert von 34 Milliarden

Euro. Russische Firmen sollen in den

vergangenen neun Jahren mithilfe von

Banken in der City knapp 300 Milliarden

Euro an den Kapitalmärkten aufgenommen

und den Banken dafür jährliche

Gebühren von fast einer Milliarde Euro

bezahlt haben.

So nimmt das Bangen auch im Bankenviertel

zu. Doch es gibt immer noch eine

Reihe von Schlupflöchern für russische

Unternehmen: So fallen kurzfristige

Finanzierungen mit Laufzeiten bis zu 90

Tagen und syndizierte Kredite nicht unter

das Sanktionsregime. Die Niederlassung

der russischen VTB-Bank, VTB-Capital,

kann weiterhin in London operieren. Sie

hatte schon im April einen Teil ihrer Belegschaft

nach Moskau versetzt.

Premier David Cameron fordert gern

scharfe Strafen gegen Russland, doch

wenn es um das Wohl der eigenen Partei,

die Interessen der britischen Wirtschaft,

des Finanzplatzes London und ausländische

Investitionen geht, dann wird schon

mal ein Auge zugedrückt. Jetzt bringt ihm

das Ärger ein: 160 000 Pfund (umgerechnet

200 000 Euro) spendete die Russin Ljubow

Tschernuchin der konservativen Partei,

um ein Tennismatch mit dem britischen

Premierminister David Cameron und dem

populären Londoner Bürgermeister Boris

Johnson spielen zu dürfen. Das Geld der

Gattin von Wladimir Tschernuchin, einst

stellvertretender russischer Finanzminister,

hat die Partei schon vereinnahmt. Das war

im Juni und scheint lange her. Doch nun

wächst der Druck auf Cameron, das Spiel

Abramowitsch

erfreut sich in

England vieler

Privilegien

Sicher vor Sanktionen FC-Chelsea-Besitzer

Abramowitsch mit Freundin Schukowa

abzusagen und das Geld zurückzuzahlen.

Der Premier aber hält an der Verabredung

fest. Das Ehepaar Tschernuchin lebe seit

Jahren in Großbritannien und habe mittlerweile

die britische Staatsbürgerschaft.

Viele Russen haben neben dem russischen

auch einen britischen Pass. Auf

Anfrage der WirtschaftsWoche sah sich

das Finanzministerium daher nicht in der

Lage mitzuteilen, ob bereits Konten von

Russen in Großbritannien eingefroren

wurden. So erfreuen sich viele russische

Oligarchen in Großbritannien auch weiterhin

eines komfortablen Lebens. Roman

Rotenberg etwa, der Neffe von Putins Judo-Freund

Arkady Rotenberg, der sich

auf der jüngsten Sanktionsliste befindet,

lebt weiterhin ungehindert in seiner Fünf-

Millionen-Pfund-Villa in London, er ist inzwischen

Brite. Auch der Besitzer des FC

Chelsea, Roman Abramowitsch, der mit

seiner Freundin Daria Schukowa die Londoner

Kunstszene aufmischt, findet sich

auf keiner der Sanktionslisten und genießt

als Steuerausländer in Großbritannien

weitreichende Privilegien.

BÖRSENGÄNGE ERLAUBT

Russische Oligarchen schätzen die Sicherheit

und das Kulturangebot der britischen

Metropole und schicken ihre Kinder

in teure Privatschulen. Rund zehn

Milliarden Pfund haben wohlhabende

Russen allein in Londoner Luxusimmobilien

investiert, 65 russische Aktiengesellschaften

sind an der Londoner Börse notiert:

52 davon am Primärmarkt, wie ein

Sprecher der Londoner Börse berichtet.

Alle diese Papiere werden weiterhin gehandelt,

das gilt auch für die Aktien der

VTB-Bank, die auf der Sanktionsliste

steht.

Börsengänge russischer Unternehmen

sind weiterhin erlaubt, wenn auch die Investoren

derzeit wenig Interesse haben

dürften. Die in London ansässige Europäische

Bank für Wiederaufbau und Entwicklung

(EBRD), zu deren 64 Aktionären

auch Russland gehört, wird dagegen

bis auf Weiteres keine neuen Investitionen

in Russland genehmigen. Mit einem

Anlagevolumen von 8,5 Milliarden Euro

ist Russland derzeit vor der Ukraine (4,6

Milliarden Euro) das wichtigste Einsatzland

der Osteuropabank, knapp ein Fünftel

aller EBRD-Investitionen entfallen auf

Russland.

n

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 21

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Politik&Weltwirtschaft

»Ein rotes Tuch«

INTERVIEW | Richard Giesen Der Münchner Arbeitsrechtler fordert

eine Entmachtung von Kleingewerkschaften in den Betrieben –

und warnt vor jahrelanger Rechtsunsicherheit für die Wirtschaft.

Professor Giesen, haben Sie etwas gegen

Wettbewerb?

Nein, normalerweise nicht.

Warum unterstützen Sie dann die Pläne

der Bundesregierung, wonach in einem

Betrieb mit mehreren Gewerkschaften

nur noch der Tarifvertrag der mitgliederstärksten

Gewerkschaft gelten soll?

Weil wir es hier mit schädlichem Wettbewerb

zu tun haben. Steuert die Politik

nicht gegen, wird die Zahl der Streiks vor

allem in großen, arbeitsteilig und kapitalintensiv

wirtschaftenden Unternehmen

steigen. Bestimmte Funktionseliten können

Betriebe in unserer vernetzten Ökonomie

mit minimalem Aufwand nahezu

stilllegen. Die Konkurrenz der Spartengewerkschaften

zwingt auch etablierte DGB-

Gewerkschaften, ihre Aggressivität zu erhöhen.

Das zeigen die Verdi-

Streiks der Schleusenwärter

2013 und der Fluggastkontrolleure

2012/13.

Kritiker sehen in dem geplanten

Gesetz einen Verstoß

gegen die Koalitionsfreiheit des

Grundgesetzes, weil es kleinen

Gewerkschaften womöglich die

Existenzgrundlage raubt.

Die Gestaltungsmöglichkeiten

kleinerer Gewerkschaften werden

in der Tat eingeschränkt.

Die Koalitionsfreiheit ist jedoch

explizit darauf ausgerichtet, Arbeitnehmerinteressen

zu bündeln.

Dazu passt es nicht, wenn

einzelne Gruppen eine Schlüs-

FÜR DIE EINHEIT

Giesen, 49, ist

Geschäftsführender

Direktor des Zentrums

für Arbeitsbeziehungen

und Arbeitsrecht

an der Ludwig-Maximilians-Universität

München. Er berät die

Arbeitgeber beim

Thema Tarifeinheit.

GROSS GEGEN KLEIN

Vertreter von Spartengewerkschaften

demonstrieren gegen den Plan der großen

Koalition, die Tarif- und Streikmacht kleinerer

Gewerkschaften zu beschneiden. Arbeitsministerin

Andrea Nahles (SPD) hat dazu ein

Eckpunktepapier vorgelegt, bis Jahresende

soll ein Gesetzentwurf folgen. In der Union

gibt es noch Bedenken, die Verabschiedung

im Kabinett wurde Anfang Juli verschoben.

selposition ausnutzen, um mehr für sich herauszuholen.

Das deutsche Rechtssystem

sieht auch keine Bestandsgarantie für Einzelgewerkschaften

vor, wenn die Interessenvertretung

der Arbeitnehmer insgesamt

gewährleistet ist. Was der Bundesregierung

vorschwebt – bislang liegen ja nur Eckpunkte

vor –, ist für mich daher eine

zulässige gesetzliche Ausgestaltung

der Koalitionsfreiheit.

Viele Ihrer Kollegen sehen das

anders. Klaus Bepler, bis 2012

Vorsitzender Richter am Bundesarbeitsgericht,

hat die Tarifeinheit

gerade in einem Gutachten

für den Juristentag als

verfassungswidrig bezeichnet.

Das wundert mich nicht. Es war

ja das Bundesarbeitsgericht, das

die Tarifeinheit 2010 gekippt

hat. Die dafür Verantwortlichen

lassen ihre Meinung nicht gern

vom Gesetzgeber revidieren.

Betroffene Organisationen wie

der Marburger Bund (MB), die

Lokführergewerkschaft GDL und der Beamtenbund

wollen vor das Bundesverfassungsgericht

ziehen, wenn die Regierung

die Tarifeinheit wieder einführt. Wie stehen

ihre Chancen?

So einfach geht das nicht. Wenn eine Spartengewerkschaft

das neue Gesetz auf seine

Verfassungsmäßigkeit überprüfen lassen

will, muss sie den Umweg über die Arbeitsgerichte

nehmen. Der direkte Weg nach

Karlsruhe ist ihr versperrt. Prinzipiell erste

Instanz ist das Arbeitsgericht vor Ort. Geht

es um die Prüfung der allgemeinen Tariffähigkeit,

kann neuerdings unmittelbar das

Landesarbeitsgericht angerufen werden.

Die Kläger müssen den Instanzenweg ausschöpfen

oder darauf hoffen, dass ein Gericht

den Fall schon vorher nach Karlsruhe

trägt. Im Übrigen sehe ich den Marburger

Bund nicht betroffen, weil der in vielen Kliniken

schon jetzt Mehrheiten hat.

Wie lange könnte es denn dauern, bis

Rechtssicherheit herrscht?

Ein Verfahren zur Tarifeinheit könnte sich

über mehrere Jahre hinziehen.

Und in der Zwischenzeit werden in einem

juristischen Vakuum womöglich rechtswidrige

Tarifverträge geschlossen?

Nicht ganz. Die Tarifverträge der schwächeren

Gewerkschaft sollen ja nicht verboten

werden. Sie werden nur bei Überschneidungen

nicht angewendet. Das mag

spitzfindig klingen, ist aber ein gewichtiger

Unterschied. Allerdings: Wenn das Verfassungsgericht

den Klägern recht gibt, könnten

Arbeitnehmer ihre Arbeitgeber womöglich

zwingen, sie auf Grundlage des

verdrängten Tarifvertrages zu bezahlen.

Das heißt: Es könnten auf die Unternehmen

sogar Nachzahlungen zukommen?

Theoretisch ja. Die Verfassungsrichter können

aber auch die Gültigkeit ihrer Rechtsprechung

datieren und sagen: Das gilt erst

ab jetzt. Im Fall der Fälle ist dies die wahrscheinlichere

Variante.

Wie soll das neue System funktionieren,

wenn unklar ist, welche Gewerkschaft im

Betrieb die stärkere ist?

Ein Arbeitgeber, der mit mehreren Gewerkschaften

Tarifverträge abschließt, ist auf

der sicheren Seite, wenn er sich am teureren

Vertrag orientiert. In den Kliniken werden

alle Ärzte seit jeher nach dem Tarif des

MB bezahlt, weil die Krankenhausbetreiber

keinen Ärger wollen. Will der Arbeitgeber

künftig die harte Tour fahren, wählt er

den für ihn günstigeren Tarifvertrag und

wartet, dass ihn jemand verklagt. Dann

müssen die gewerkschaftlichen Mehrheitsverhältnisse

offiziell ermittelt werden.

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, PR

22 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Wie denn? Der Organisationsgrad hängt ja

nicht am schwarzen Brett aus – und viele

Arbeitnehmer wollen vielleicht auch gar

nicht, dass ihr Chef erfährt, dass sie in der

Gewerkschaft sind.

Das wird über einen Notar laufen, dem die

Gewerkschaften ihre Mitgliederzahl melden.

Der Notar stellt fest, welche Gewerkschaft

im Betrieb die stärkste ist. Der Arbeitgeber

erfährt also, wie viele Mitarbeiter

in einer Gewerkschaft sind – aber nicht

wer. Der Datenschutz ist damit gewahrt.

Und der bürokratische Aufwand steigt.

Nein. Bürokratie entsteht vor allem durch

Tarifpluralität. Es gibt praktisch in allen modernen

Industriestaaten Wege, durch Konzentration

von Gewerkschaftszuständigkeiten

eine Eskalation von Tarifkämpfen im Betrieb

zu verhindern. Das Eckpunktepapier

des Bundesarbeitsministeriums lässt zudem

die sogenannte „gewillkürte Pluralität“ zu.

Das würde unter dem neuen Recht nicht

mehr gehen, sofern sich die Gewerkschaften

nicht einigen. Das erscheint in diesem

speziellen Fall unwahrscheinlich. Früher

war es Normalität, dass die GDL zusammen

mit der damaligen Eisenbahnergewerkschaft

Tarifverhandlungen führte.

Lässt sich die Kooperation von Gewerkschaften

gesetzlich erzwingen?

Nein. Das wäre ein zu starker Eingriff in

die Koalitionsfreiheit des Grundgesetzes.

Ein solcher staatlicher Zwang würde ja

mittelbar auch die Ergebnisse der Tarifpolitik

beeinflussen – und am Ende die

Entstehung einer Einheitsgewerkschaft

erzwingen.

Und was halten Sie von einer zeitlichen

Synchronisierung – dass also Gewerkschaften

parallel verhandeln müssen?

Das wird oft gefordert, bringt aber nichts.

Sie müssten dann ja nicht nur den Beginn,

Das heißt:Kommen sich Gewerkschaften im

Betrieb nicht in die Quere, sind auch künftig

mehrere Tarifverträge möglich. Nehmen wir

das Beispiel Fluglinien. Da organisiert die

Vereinigung Cockpit die Piloten, die Gewerkschaft

Ufo ist für Flugbegleiter zuständig und

Verdi für Flugbegleiter und Bodenpersonal.

Wenn sich Verdi und Ufo einigen, gibt es keine

Überschneidungen bei den Mitgliedern,

und die Politik kann sich raushalten.

Und wie ist es bei der Bahn? Die Lokführergewerkschaft

will künftig Tarifverträge

auch für andere Mitarbeitergruppen abschließen,

etwa für die Schaffner. Damit

kommt sie der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft

EVG in die Quere.

Wo denn?

Die Möglichkeit besteht in homogenen

Gruppen, die relativ isoliert vom Rest der

Belegschaft agieren, also etwa IT-Teams,

Sicherheitspersonal, Betriebsfeuerwehren

oder Leute, die spezielle Anlagen und Maschinen

bedienen, schwer zu ersetzen sind

und viele andere Arbeitsplätze durch ihr

Tun mitbeeinflussen. Bei Airbus in Hamburg

gibt es einen Tarifvertrag für sechs

Fluglotsen am Betriebsflughafen.

Spielt es eine Rolle für das Gesetzgebungsverfahren,

dass die Gewerkschaft

Verdi wegen Widerständen an der Basis

die Tarifeinheit nicht mehr unterstützt?

Das macht die Sache zumindest nicht

einfacher. Die Bundesregierung will ja

eine Friedenspflicht auch für Gewerkschaften,

deren Tarifvertrag nicht zur

Anwendung kommt. Für linke Gewerkschafter

ist das ein rotes Tuch, das Streiksondern

auch das Ende der Verhandlungen

und sogar die Laufzeiten der Tarifverträge

aufeinander abstimmen.

Streitfreudige Spartengewerkschaften

gibt es bisher überwiegend im Bereich

Flug- und Bahnverkehr. Wäre alternativ zu

einer generellen Tarifeinheit eine „Lex Infrastruktur“

denkbar, um diese Branchen

vor Streikkaskaden zu schützen?

Es wäre durchaus eine Option, die Tarifeinheit

nur in der Infrastruktur oder im Bereich

der Daseinsvorsorge vorzuschreiben.

Allerdings bekommt man da schnell Abgrenzungsprobleme.

Zudem ist es nicht

ausgeschlossen, dass auch in der Industrie

Spartengewerkschaften entstehen.

recht ist ihnen heilig. Das spiegelt auch der

Grundsatzbeschluss des jüngsten DGB-

Bundeskongresses wider. Da hat man sich

für die Tarifeinheit, aber gegen Einschränkungen

bei Streikrecht ausgesprochen. Das

eine lässt sich aber nicht vom anderen

trennen.

Könnte die Wiedereinführung der Tarifeinheit

noch scheitern?

Schwer zu sagen. Die Kanzlerin hat das Gesetz

schon vor drei Jahren versprochen. Es

gibt in allen Parteien Widerstände. Ich vermute,

die Regierung wartet auf einen spektakulären

Arbeitskampf – und verabschiedet

das Gesetz in dessen Windschatten. n

bert.losse@wiwo.de

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 23

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Politik&Weltwirtschaft

Lässig erfolgreich

Unternehmer Vooglaid vor

seinem Haus in Tallinn

Europas Avantgarde

ESTLAND | Liberal, dynamisch, technikoffen – der nördlichste Staat

des Baltikums könnte Vorbild für die Modernisierung der EU sein.

Ats Vooglaid liebt Autos und Geschwindigkeit.

Sein 350 PS starker

Lotus Elise beschleunigt in fünf Sekunden

von 0 auf 100 km/h. So rasant will

der Jungunternehmer nun auch elektrisch

Gas geben. Vor drei Monaten kaufte sich

der 38-jährige Este einen BMW i3. „Das

Elektroauto fährt sich wie ein Rennwagen“,

sagt er. Und endlich sei auch Platz für Frau

und Baby. Für den Esten ist der i3 zum Lotus

„die perfekte Ergänzung“.

Angst, mit leerer Batterie am Straßenrand

stehen zu bleiben, hat Vooglaid nicht.

In der Regel lädt Vooglaid die Batterie des

i3 nachts in seiner Garage auf. Und bei der

jüngsten Fahrt war er sparsam. 14 Kilowatt

hat er verbraucht, zeigt die Hersteller-App

auf seinem Nokia-Smartphone an. Ein

Viertel der Energie gewann er durch

Bremsvorgänge zurück. 100 Kilometer für

einen Euro – „eine gute Bilanz“, so Vooglaid.

Auch für Überlandfahrten ist in Estland

gesorgt: Alle 50 Kilometer steht eine

Schnellladesäule am Straßenrand.

Die flächendeckende Lade-Infrastruktur

für Elektroautos ist Estlands neuestes Vorzeigeprojekt

– und damit ist der nördlichste

Staat im Baltikum mal wieder einen Schritt

voraus. Das kleine Land, etwa so groß wie

Niedersachsen, gibt vor allem als effizienteste

Bürokratie Europas auf dem Kontinent

den Takt der Veränderung an. Die Verwaltung

made in Tallinn könnte gar die

Blaupause für die Modernisierung der Europäischen

Union liefern.

Seit Jahren zählt das Land mit seinen 1,4

Millionen Einwohner zum Musterknaben

der EU. In den vergangenen vier Jahren

wuchs es im Schnitt um vier Prozent pro

Jahr – nur der südliche Nachbar Lettland

entwickelte sich dynamischer. Die staatliche

Schuldenquote liegt bei zehn Prozent

des Bruttoinlandsprodukts. In der Finanzkrise

unterstützte Estland das Rettungsprogramm

der EU für Griechenland, obwohl

die Südeuropäer ein höheres Einkommen

pro Kopf erzielen als die Esten. Das Land

arbeitet, statt zu murren – und ist eine

Hochburg der ALDE, wie sich die Allianz

der Liberalen und Demokraten im Europaparlament

nennt (siehe Grafik Seite 25).

KONKURRENZ ZU SAP

Die Menschen machen den Unterschied.

Leute wie Vooglaid, der zusammen mit

Partnern 2000 das erfolgreiche Unternehmen

Directo gegründet hat und in Nordeuropa

dem deutschen Softwarekonzern SAP

Konkurrenz macht. Für ihn und seine Mitbürger

ist die Verknüpfung mit der digitalen

Welt eine Grundvoraussetzung für alles

Neue im Land. Vooglaid reguliert Heizung

und Ladevorgang im i3 per App, wertet seine

Stadtfahrten aus und sucht bei Überlandfahrten

die nächste Ladesäule im Internet.

Der Staat subventioniert den Kauf

eines Elektroautos mit bis zu 18 000 Euro.

Nach zähem Start machten es ihm inzwi-

24 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: CHRISTIAN GOGOLIN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

schen mehr als 600 Bürger nach. Vooglaid

will damit auch „einen ökologischen Beitrag

leisten“.

Neue Technologien haben es einfach in

Estland, vor allem, wenn sie digital sind.

Seit Jahren setzt der Staat Maßstäbe beim

E-Government. Das Land garantiert jedem

Bürger eine Netzidentität, die jeder in

Form seines Personalausweises mit sich

trägt. E-Estonia nennt der Staat die Strategie,

die öffentliche Verwaltung zu digitalisieren.

Und Taavi Kotka ist der IT-Kopf der

Regierung. „Es gibt ein Grundrecht auf Internet“,

sagt Kotka. Über Kartenlesegeräte,

die per USB an den Computer gesteckt

werden, und über die Eingabe des persönlichen

Codes autorisieren die Esten ihren

Datenverkehr mit dem Staat.

n Steuern erklären. Abzugsfähige Ausgaben

wie Versicherungen, Kredite oder Kindergartenbeiträge

übermitteln Unternehmen

und Behörden direkt ans Finanzamt.

Die Steuererklärung am Jahresende steht

fertig im Netz, der Bürger gibt sie nur frei.

Das dauert wenige Minuten. Der Staat erstattet

Steuern binnen zwei Wochen.

n Start-up aufbauen. Eine Firma zu gründen

dauert kaum länger als eine Viertelstunde.

Die Umsatzsteuer verrechnen die

Behörden in kürzester Zeit. Und selbstverständlich

unterzeichnen Unternehmen ihre

Verträge per digitaler Signatur.

n Noten einsehen. Jede Schule im Land ist

ausgerüstet mit Computern und IT. Lehr-,

Unterrichts- und Stundenpläne stehen im

Netz. Eltern können rund um die Uhr die

Leistungen ihrer Kinder einsehen. Die Noten

von Klassenarbeiten gehen online. Das

digitale Schulbuch ist längst Realität.

n Stimme abgeben. Seit 2005 können die

Esten online wählen – per Lesegerät und

ID-Karte. Votierten damals bei der Kommunalwahl

nur zwei Prozent digital, waren

es bei der Europawahl vor knapp zwei Monaten

31 Prozent.

n Gesundheitsakte verwalten. Rezepte,

Röntgenbilder und Diagnosen speichern

Krankenkassen auf Servern. Ärzte greifen

auf die Daten ihrer Patienten zu, teure

Doppeluntersuchungen werden vermieden.

Das System hält jede Abfrage fest. Auf

Wunsch kann der Patient bestimmte Daten

für den Zugriff sperren.

Was den Deutschen wie ein Albtraum

vorkommt, ist den IT-fanatischen Esten ein

Zeichen der Freiheit. Entscheidend bei allem

ist die Kontrolle. „Die Bürger behalten

die Hoheit über ihre Daten“, sagt Kotka.

„Sie wissen, was der Staat über sie weiß,

und können kontrollieren, wer wann auf

die persönlichen Daten zugreift.“ In

Deutschland sorge man sich über die Privatsphäre

und Datensicherheit, wenn der

Staat persönliche Daten sammle. Dabei

wüssten die Leute in Deutschland ja nicht

einmal im Ansatz, was der Staat alles weiß.

„In Estland weiß das jeder.“

Estland hat E-Government perfektioniert.

Die Regierung in Tallinn rechnet vor,

dass die staatliche IT nur 50 Millionen Euro

verschlingt – ein 400stel des britischen IT-

Das Hoch im Norden

Die zehnEU-Länder mit dem höchsten

Stimmenanteil liberaler Parteien bei der

Europawahl 2014

46,7

29,4

27,5

26,5

22,8

22,0

17,3

16,5

16,1

15,0

Estland*

Litauen*

Niederlande*

Finnland*

Belgien*

Irland

Bulgarien

Schweden*

Tschechien

Rumänien

* Summe von mindestens zwei

liberalen Parteien;

Quelle: www.ergebnissewahlen2014.eu

Budgets. Zudem spricht sich die Offenheit

für die Netzwirtschaft herum. Estland ist

die Heimat des Video- und Sprachdienstes

Skype, inzwischen eine Tochter des US-

Konzerns Microsoft. Seitdem haben sich

weitere Start-ups gegründet. Die Ideenschmiede

in Tallinn boomt. Und internationale

Konzerne kommen.

Einfach hat es sich Kühne + Nagel (K+N)

nicht gemacht. Der weltweit drittgrößte

Logistiker mit Sitz in der Schweiz setzte vor

vielen Jahren auf den Outsourcingtrend

nach China. Neben dem Hauptsitz Hamburg

ließ K+N seine IT-Anwendungen

auch in der Nähe Hongkongs entwickeln –

für ein Drittel des hanseatischen Lohnniveaus.

Doch wegen unzureichender Englischkenntnisse

und mangelnder Effizienz

war „unser IT-Standort dort unterm Strich

deutlich teurer als der Hamburger“, sagt

Martin Kolbe, IT-Vorstand des Logistikers.

2009 startete K+N die Suche nach einer

neuen Entwicklerschmiede in Osteuropa.

Polen und die Tschechische Republik

schieden aus, weil sich schon zu viele Unternehmen

um die wenigen Softwareentwickler

balgten. Es blieben potenzielle

Länder wie Ukraine, Serbien, Weißruss-

land und die baltischen Staaten. 2010 erhielt

Estland den Zuschlag – „mit eindeutigem

Vorsprung“, so Kolbe.

Seitdem lässt Kühne+Nagel auch in Tallinn

entwickeln. Die Zahl der Mitarbeiter

wuchs von 10 auf 150 an. „Die Esten überzeugen

mit hervorragenden Englischkenntnissen,

einer hohen Loyalität und

klugen Ideen“, sagt Kolbe. Die Zusammenarbeit

sei nicht immer konfliktfrei, aber

Probleme gingen die Esten pragmatisch

und kreativ an. Hinzu komme eine ähnliche

Mentalität wie die deutsche. „Die Esten

hören erst zu, denken nach und treffen

dann eine Aussage – immer auf den Punkt.“

Estland hat in den vergangenen Jahren

zahlreiche Unternehmen ins Land gelockt.

Für Logistikmanager Kolbe ist das auch eine

Folge der innovativen E-Government-

Strategie. „Hier zeigen die Esten ihren

Pragmatismus bei der Vereinfachung und

elektronischen Abbildung von Verwaltungsaufgaben,

zum Beispiel bei den

Grundbucheinträgen.“ Die Regierung geht

hier als Vorbild voran.

UNTERSCHREIBEN AUS NOSTALGIE

Anne Sulling ist der derzeitige Star der Regierung

in Estland. Die 37-Jährige gehört

seit März dieses Jahres dem liberalen Kabinett

an. Am Tag ihrer Einführung legte sie

den Amtseid ab und unterschrieb die

Ministerurkunde mit Kugelschreiber – das

einzige Mal innerhalb der letzten zwei

Monate. „Unterschriften unter offiziellen

Dokumenten haben in Estland eher einen

zeremoniellen Charakter“, sagt Sulling. In

den vergangenen fünf Jahren habe sie daher

„die meisten Dokumente elektronisch

unterschrieben“.

Sulling möchte ihre Erfahrungen künftig

nach Brüssel tragen. „Es ist wichtig, dass

wir innerhalb der EU einen gemeinsamen

digitalen Markt haben“, sagt die Ministerin

für Außenhandel und Unternehmertum.

Rechtsrahmen und Infrastruktur müssten

vereinheitlicht und standardisiert werden,

„damit digitale Unterschriften überall gültig

sind“. Um Skeptiker des E-Governments

zu überzeugen, führt die Regierung in Tallinn

ausländische Delegationen regelmäßig

in einen Showroom. „Die Leute aus anderen

Ländern sind immer begeistert von

dem, was wir hier haben.“

Den nächsten Coup haben Sulling und

ihre Kollegen schon im Visier. Sie wollen

die Anzahl derjenigen verzehnfachen, die

das gesamte Repertoire an elektronischen

Services in Estland nutzen. Bislang kommen

nur Einheimische in den Besitz ei-

»

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 25

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Politik&Weltwirtschaft

»

ner estnischen ID-Karte, die zur Nutzung

der digitalen Angebote berechtigt.

Künftig soll sie auch für Nichtesten gelten.

Sie könnten über das Internet in Estland eine

Firma gründen, Bankkonten eröffnen

und Geschäfte innerhalb der EU abwickeln

– egal, wo sie sich befinden. „Für diesen

Service gibt es einen großen Bedarf“, sagt

Kotka. „Satelliten-Bürger“, nennt er die

Ausländer, die über diesen Weg die Tür

nach Europa aufstoßen.

Der IT-Chef der Regierung sieht das

Potenzial bei zehn Millionen Menschen, die

indirekt auch die Sicherheit im Land erhöhen.

Je mehr virtuelle Wohnsitze es in

Estland gibt, desto stärker werde der Staat im

Ausland wahrgenommen. „Die virtuell

gestiegene Einwohnerzahl erhöht die Überlebensfähigkeit

des Landes“, sagt Kotka. Anders

als die Krim mit 2,4 Millionen Einwohnernkönne

Estland dann nicht mehr einfach

durch fremde Staaten annektiert werden.

Die Angst vor Russland, der gefühlten Besatzungsmacht

bis 1991, ist bei Esten präsent.

Daher will Estland die Verwaltung seines

Staatsgebietes auch in andere Länder übertragen.

„Data-Botschaft“, nennt es Kotka.

Sämtliche Server-Strukturen, die eine Verwaltung

von Steuern, Melderegister und

Wahlen ermöglichen, sollen in den estnischen

Botschaften befreundeter Staaten wie

Australien, Japan, Brasilien und Deutschland

abgesichert werden. Estland könnte

„das erste Land weltweit in einer digitalen

Cloud sein“, sagt Kotka. „Der Staat, seine

Bürger und Dienstleistungen wären nicht

mehr an ein Territorium gebunden.“ n

Jung und innovativ

Ministerin Sulling fordert

digitale EU-Standards

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

Wilder Westen

CHINA | Peking will seine Westprovinz Xinjiang zu einem

zentralasiatischen Handelszentrum ausbauen. Doch jetzt drohen

Terroristen einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Die Gongyuan Bei Jie ist eine belebte

Restaurant- und Geschäftsstraße in

Urumqi, der Hauptstadt der nordwestchinesischen

Provinz Xinjiang. Zwischen

den Passanten fallen immer wieder

mal kleine Grüppchen auf, meist stehen sie

unter Schatten spendenden Bäumen. Es

sind Militärpolizisten, junge Chinesen, das

Maschinengewehr über der Schulter. Zu

dritt oder zu viert halten sie sich zwischen

den wenigen Bars auf, in denen sich vor allem

Ausländer treffen, meistens junge Englischlehrer.

Gleich daneben grillen einheimische

Uiguren auf dem breiten Bürgersteig

Hammelfleischspieße.

Am 23. Mai waren auf dieser Straße zwei

Autobomben explodiert. Zwischen Obstund

Gemüseständen starben 39 Menschen,

90 wurden verletzt. Es war der

schlimmste Anschlag bisher, aber bei Weitem

nicht der erste. „Wir sind Anschläge

gewöhnt“, sagt Mehmet, ein junger Uigure.

„Jetzt gibt es eben noch mehr Polizeikontrollen

als vorher.“

Seinen ganzen Namen nennen möchte

der Uigure nicht. Fast alle Gesprächspartner

in der Provinz Xinjiang wollen aus

Furcht vor der kommunistischen Zentralgewalt

in Peking anonym bleiben. „Schnell

landet man auf einer schwarzen Liste der

Einmarsch der Kontrolleure Chinesische

Sicherheitskräfte in Urumqi

Regierung“, erklärt Mehmet. Wer dort drauf

stehe, erhalte regelmäßig Besuch von der

Militärpolizei, die dann die Wohnung nach

verdächtigem Material durchsucht. Im Radio

heißt es, Autos mit abgedunkelten

Fensterscheiben seien demnächst verboten,

die Polizisten wollen immer sofort sehen,

wer im Wagen sitzt.

UIGURISCHE AKTIVISTEN

Gewalt und Terror ist in der chinesischen

Provinz Xinjiang an der Tagesordnung. Erst

am Montag vergangener Woche starben

wieder Dutzende Menschen bei einer Messerattacke

in Kashgar, einer Stadt eineinhalb

Flugstunden südwestlich von Urumqi.

Wie üblich machten die chinesischen

Sicherheitskräfte auch diesmal uigurische

Aktivisten für die Tat verantwortlich. Häufig

fügt sie hinzu, es handle sich um vom

Ausland gesteuerte Gruppen. Völlig abwegig

ist das nicht. Tatsächlich bezeichnet die

al-Qaida Xinjiang auch als „Schlachtfeld

Ost-Turkestan“, und die vom benachbarten

Pakistan aus operierende Turkestan Islamic

Party (TIP) hat sich zu manchen der

Anschläge bekannt.

FOTOS: CHRISTIAN GOGOLIN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, REUTERS/STRINGER

26 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Einen Zusammenhang zwischen der Migrationspolitik

und den Anschlägen weist

Peking zwar zurück, doch auch darüber

müsste man sich nicht wundern. Xinjiang

ist etwa halb so groß wie Indien, hat aber

nur 22 Millionen Einwohner. Auf dem riesigen

Gebiet lebte ursprünglich eine Reihe

islamischer Turkvölker, die größte Gruppe

unter ihnen bilden die Uiguren. Seit Gründung

der Volksrepublik China 1949 zogen

aber immer mehr Han-Chinesen in die an

Rohstoffen reiche Grenzregion.

Viel erinnert in Urumqi nicht mehr an

die alten Zeiten. Wie in jeder anderen chinesischen

Großstadt prägen Hochhäuser,

fast immer verstopfte Stadtautobahnen

und graue Luft das Bild. 75 Prozent der Einwohner

sind inzwischen Han-Chinesen.

Die Uiguren leben im alten heruntergekommenen

Teil der Stadt. Die wenigen Moscheen

sind hoffnungslos überfüllt. Zum

Freitagsgebet rollen Hunderte Gläubige ihre

Gebetsteppiche auf den Straßen aus.

Dass immer mehr Chinesen kommen,

sorgt für Unmut in der islamischen Bevölkerung.

Die Provinz an Terroristen oder Separatisten

zu verlieren kann und will China

sich nicht leisten. „Xinjiang ist enorm

wichtig für China“, sagt Simon Powell, Ölund

Erdgas-Experte bei CLSA, einer Investmentfirma

aus Hongkong. „Bis 2016 könnte

die Provinz zum größten Energieversorger

Chinas werden.“

Im Tarim-Becken werden riesige Öl- und

Erdgas-Vorkommen vermutet. Die Ausbeutung

hat gerade erst begonnen. 11,6

Millionen Tonnen Öl wurden 2013 gefördert.

2011 waren es noch sieben Millionen

Tonnen. Darüber hinaus liegen hier

38 Prozent der Kohlereserven Chinas

und 2580 Milliarden Kubikmeter Wasser

in Form von Gletschern. Das Gebiet

durchziehen drei wichtige Pipelines, die

China mit Erdgas und Öl aus Zentralasien

versorgen.

Im Tarim-Becken

werden riesige Ölund

Gasreserven

vermutet

Die Regierung in Peking geht daher mit

Zuckerbrot und Peitsche gegen Autonomiebestrebungen

vor. Auf Attentate folgen

Massenverhaftungen und verstärkte Kontrollen.

Den bekannten Universitätsprofessor

und PEN-Preisträger Ilham Tohti, der

immer wieder auf die systematische Benachteiligung

der Uiguren hinwies, sperren

die Chinesen ein. Seit dem Bombenanschlag

im Mai in Urumqi wurden nach Regierungsangaben

32 Terrorgruppen zerschlagen

und 315 Personen verurteilt.

Gleichzeitig wurde aber auch kurzerhand

allen Familien im Süden der Provinz

das Schulgeld erlassen. Außerdem investiert

die Provinzregierung 900 Millionen

Yuan (rund 100 Millionen Euro) in 195 Programme,

um lokale Fertigungen und kleine

Unternehmen in der Region zu unterstüt-

zen. Eine andere Verordnung zielt darauf

ab, dass in jeder Familie mindestens ein

Mitglied Arbeit hat.

Im Norden der Hauptstadt wird gerade

eine neue Stadt aus dem Boden gestampft.

Wanderarbeiter aus ganz China ziehen

hier Hochhaus für Hochhaus in den Himmel.

Vierspurige Alleen führen in ein Gewerbegebiet:

Shanghai Volkswagen hat

hier im vergangenen Jahr ein Werk eröffnet

– ganz freiwillig sei die Standortwahl allerdings

nicht abgelaufen, munkelt man. Um

die Erlaubnis für ein neues Werk in Foshan

in Südchina zu erhalten, mussten die Autobauer

ein anderes hier im unwirtlichen

Nordwesten eröffnen. In enger Nachbarschaft

haben Coca-Cola und Baumaschinenhersteller

Sany ihre Werke. Gerade erst

hat Mercedes-Benz eine imposante Händlerniederlassung

eröffnet.

Nur wenige Autominuten weiter entsteht

ein Bahnhof, der Urumqi 2015 an das

chinesische Hochgeschwindigkeitszugnetz

anschließen soll. Die Fahrt ins 2500

Kilometer entfernte Peking dauert dann 16

Stunden, ab 2017 soll eine U-Bahn die verstopften

Straßen entlasten.

BRACHIALE MITTEL

Große Fantasien weckt der Austausch mit

Zentralasien. Schon jetzt ist Urumqi ein

Handelsknotenpunkt: Auf dem Hualin-Export-Markt

am Rand der Staat reihen sich

schier endlos kleine Läden aneinander.

Gelbe, rote, blaue und grüne Schilder werben

in kyrillischer, lateinischer, arabischer

und chinesischer Schrift. Händler aus

Russland, Kasachstan, Usbekistan und

»

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 27

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Politik&Weltwirtschaft

»

Pakistan kaufen hier chinesische Kühlschränke,

Waschbecken und Motorräder

und bringen sie zurück in ihre Heimat.

Doch all das macht sich klein aus gegen

das, was die Regierung für Kashgar geplant

hat. Verwinkelte Gassen führen in der 2000

Jahre alten Altstadt zwischen windschiefen

Lehmhäusern hindurch. Ab und an erlangt

man einen Blick in einen der mit Bäumen

bewachsenen Innenhöfe. Überall liegt der

Geruch von gegrilltem Lammfleisch in der

Luft. Männer mit langen Bärten und Kaftanen

verkaufen Teppiche, in bunten Gewändern

verschleierte Frauen huschen mit

Kindern die Gassen entlang.

NUR DREI HOTELS

Ausländische Journalisten sind nicht gern

gesehen und dürfen nur in drei Hotels der

Stadt übernachten. Eine halbe Stunde

nach Check-in erscheint die Polizei und

fragt, was man hier zu suchen habe.

Seit 2008 modernisiert die chinesische

Regierung Kashgar mit brachialen Mitteln.

Ein Großteil der jahrhundertealten Lehmhäuser

ist bereits durch Ziegelbauten

ersetzt, auf die eine muslimisch anmutende

Fassade angebracht wird. Die neuen

Häuser sind stabiler, haben Strom und

Wasser – doch wirkt die jahrtausendealte

Karawanenstadt immer mehr wie

ein Museum.

Weiter draußen Richtung Flughafen

stampfen Wanderarbeiter aus ganz

China Wohnungen für Tausende von

Menschen aus dem Boden. „Kashgar

Development Zone“ steht in großen Lettern

vor einer Baustelle. Daneben ein Bild

zweier Türme: Hier soll das neue Wahr-

Den Ureinwohnern geht es nur wenig

besser Landbewohnerin in Xinjiang

zeichen Kashgars entstehen, zwei 280 Meter

hohe Zwillingstürme. Mit der uigurischen

Oasenstadt hat das nichts mehr zu

tun. 2020 soll hier eine Million Menschen

leben, dreimal so viele wie heute. Die meisten

Neubewohner werden Han-Chinesen

sein .

Im Mai 2010 wurde in Kashgar eine 100

Quadratkilometer große Freihandelszone

eingerichtet. Vorbild ist die Metropole

Shenzhen in Südchina, von der aus einst

die wirtschaftliche Öffnung des gesamten

Landes begann. Kashgar soll in den nächsten

Jahren zu einem zentralasiatischen

Handelszentrum werden. Die Pläne sind

ambitioniert: Eine Eisenbahnstrecke soll

Kashgar mit Gadar, einem Hafen in Pakistan

verbinden, eine Pipeline Öl von dort

nach China bringen. Auch eine Bahnverbindung

nach Teheran ist im Gespräch.

KIRGISISTAN

PAKISTAN

Kashgar

Tashkurgan

INDIEN

KASACHSTAN

Region

Xinjiang

Urumqi

200 km

Tarim-Becken mit Öl-,

Gas- und Kohlevorkommen

C H I N A

MONGOLEI

Qinghai

In einem kleinen Café in Kashgar sitzt

Salahuddin Nadir und legt fünf Edelsteine

von der Größe eines Fingernagels auf den

Tisch. 1500 Yuan, rund 200 Euro, kostet einer.

Die Steine erhält er jenseits des Pamir-

Gebirges in Afghanistan und Pakistan.

Hier, auf der chinesischen Seite, verkauft er

sie und deckt sich mit iPhones und anderen

Elektroartikeln ein.

Einmal die Woche fährt er auf dem Karakorum

Highway von Pakistan über die

Grenze nach China. Die einzige Verbindungsstraße

zwischen beiden Ländern

windet sich von der alten Oasenstadt

Kashgar das Pamirgebirge hinauf. 1200,

3600 und schließlich 4700 Meter, zum

höchsten Grenzübergang der Welt. Links

und rechts erheben sich drohend Gletscher

und Felsen. Bäume wachsen auf dieser Höhe

nicht mehr. Die wenigen Menschen, die

es in diese lebensfeindliche Region verschlagen

hat, sind kirgisische Nomaden,

die von der Yak- und Schafzucht leben.

Die übrigen Menschen, die der pakistanische

Familienvater auf seiner Fahrt sieht,

sind chinesische Wanderarbeiter. Unterwegs

zu der letzten größeren Stadt vor der

Grenze, Tashkurgan, ist die Straße immer

wieder unterbrochen. Firmen aus Südostchina

erweitern den Highway. Denn der

Handel mit Pakistan und anderen zentralasiatischen

Ländern soll massiv ausgebaut

werden. Laut Daten des chinesischen Wirtschaftsministeriums

ist das Handelsvolumen

zwischen China und zentralasiatischen

Staaten zwischen 1992 und 2013 von

wenigen Millionen auf 40,2 Milliarden Dollar

gestiegen. Das Potenzial hält Peking für

weitaus höher.

ES GEHT ZU SCHNELL

Tatsächlich sind die meisten Bewohner

Kashgars nicht gut auf Chinesen zu sprechen.

„Wir haben nichts gegen die Modernisierung“,

sagt Hussein, ein 30-jähriger

Restaurantbesitzer. „Aber sie geht zu

schnell, und wir haben nichts mitzureden.

In ein paar Jahren ist das hier eine chinesische

Stadt geworden.“ Mehmet, der junge

Uigure aus Urumqi, klagt ebenfalls: Fast

alle Regierungsstellen seien mit Chinesen

besetzt. Wie überall im Land seien

viele Beamten korrupt und betrieben

Vetternwirtschaft – davon profitierten

nur die Chinesen.

„Natürlich geht es allen besser hier“,

sagt Mehmet, der junge Uigure. „Nur geht

es den Uiguren ein bisschen, den Han-Chinesen

aber viel besser.“

n

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

FOTO: LAIF/AURORA/GUILLEM LOPEZ

28 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: PRIVAT, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, HARTMUT VOLK

TOKIO | Falscher

Nationalstolz

bremst die

Globalisierung

der Japan AG.

Von Martin Fritz

Bitte keine

Ausländer!

„Ein Ausländer als Chef

ist absurd! Er hat keine

Ahnung von unserer Kultur

und Tradition!“ So

chauvinistisch wurde der

Franzose Christophe Weber

in Japan attackiert. Einflussreiche Aktionäre

wollten ihn als Präsidenten des

Pharmariesen Takeda verhindern. Die nationalistischen

Tiefschläge entlarven das

arrogante Denken von Teilen der Japan

AG, die immer noch stolz ist auf ihr Anderssein.

Das bekam auch der Brite Michael

Woodford als Vorstandschef von

Olympus zu spüren. Als er Bilanzmanipulationen

aufdeckte, wurde er gefeuert.

„Das sind Dinosaurier“, kommentierte

Woodford die Weber-Gegner. Generell erschallt

der Ruf nach Ausländern in Nippon

erst dann, wenn die Japaner mit ihrem

Latein am Ende sind. Siehe Howard

Stringer bei Sony. Doch Takeda ist 230

Jahre alt. Und Weber kein Eigengewächs,

sondern kommt vom britischen Rivalen

GlaxoSmithKline. Solche „Illoyalität“ verachtete

die Japan AG schon immer. Seine

Ernennung sei „unerwartet“ und „höchst

überraschend“, räumt der 47-Jährige selber

ein. Aber er hat den Rückhalt von Vorgänger

Yasuchika Hasegawa. Der erste

Takeda-Chef ohne Verbindung zur Gründerfamilie

hatte für 17 Milliarden Euro Firmen

in den USA und der Schweiz gekauft

und zuvor einen Deutschen und einen anderen

Franzosen in den Vorstand geholt.

So viel Wandel macht vielen Managern in

Japan Angst. Hinter ihrer Ausländerfeindlichkeit

verbirgt sich aber auch Neid.

Denn die Ausländer erhalten höhere Gehälter:

Japans bestbezahlter Manager ist

seit Jahren Carlos Ghosn von Nissan – ein

gebürtiger Brasilianer!

Martin Fritz ist Korrespondent der

WirtschaftsWoche in Tokio.

BERLIN INTERN | Wie schaffen es Politiker über den

Sommer? Sie beackern den Wahlkreis und schaufeln

ihren Senf ins Sommerloch. Wir dürfen sogar beim

Tanzen zuschauen – alles auf Twitter. Von Cordula Tutt

Zwei Flaschen Rotwein

Peter Tauber hat mir die hessische

Provinz nahegebracht. Nun

kenne ich den Ort Linsengericht,

weiß, dass es nicht nur in Berlin

einen Boulevard „Unter den Linden“ gibt.

Manchmal zieht es den CDU-Generalsekretär

und Fleischwurstfan in die „Weltschnitzelhauptstadt“

Jossa. So viel puppenstubenschönes

Deutschland. Mal joggt

Tauber durchs Sommerloch, teilt uns Tour

und Tempo mit. Ist mir fast zu persönlich,

ihm per Kurznachrichtendienst Twitter

beim Schwitzen zuzuschauen.

Sommer-Samba Hüften schwingen ist zumindest

mutig. Grünen-Chefin Peter (rechts)

Merkels Partei-General gibt auch politisch

seinen Senf dazu und alle aus Unions-

Sicht erfreulichen Umfragen – ergänzt mit

dem Schlagwort #muttivation. So dreht

man unfreundliche Spitznamen. Der bald

40-Jährige beherrscht Twitter, hält die

Balance zwischen Menschelndem und

Neuigkeit. Auch andere Bundespolitiker

zwitschern auf 140 Zeichen. Manche hören

wohl auf ihre Mitarbeiter: Soziale Medien

sind Pflicht, um Jüngere anzusprechen.

Nur eine Minderheit der Minister der

GroKo twittert das Volk jedoch direkt an. Bei

der SPD sind es eher die Berliner Neulinge.

Familienministerin Manuela Schwesig

zeigte sich zuletzt mit DFB-Nationaltrikot

(noch das alte mit drei Sternen) und Fußball

unterm Urlaubsoleander. Fußball ist

sympathisch. Bei Schwesig findet ziemlich

viel Fußball statt. Justizminister Heiko

Maas scheint im Internet Fleißkärtchen zu

sammeln. Er postet Arbeitsnachweise von

Treffen mit SPDlern auf der Biergarnitur,

von Preisverleihungen oder dem Christopher

Street Day. Wir erfahren vom Maasvollen

Triathlon-Training und sehen den

Saarländer im Neopren-Anzug. Botschaft:

Der ist zäh, gibt auch bei der Mietpreisbremse

und gegen das Chlorhuhn nicht auf.

Ähnlich fleißig ist Grünen-Chefin Simone

Peter, auch von der Saar. Zuletzt zeigte sie

uns ihre öffentliche Samba-Stunde bei einem

Sommerfest in Hohenlohe. Das ist mutig,

aber nicht immer erfolgreich. Dabei ist

Twitter toll für die Opposition. Schnell kann

frau auf Luftnummern der Regierung reagieren

und reinpieksen. Peter scheint aber

das Florett nicht zu mögen. Leider kommen

schwer verdauliche Verlautbarungen auf

140 Zeichen nicht so gut. Bei zu vielen Wörtern

wie Schiedsklausel, Suffizienzpolitik

und Souveränität steige ich aus.

Und lande beim Sommerloch-Thema

Nummer eins – auch bei den Kurznachrichten.

Den besten Kommentar zur geplanten

Pkw-Maut nur für Ausländer und

mit allerlei Ausnahmen bot SPD-Fraktionsvize

Hubertus Heil: „Was fordert die CSU

demnächst? Pkw-Maut nur noch für Hundeschlitten

aus Nordkorea, deren TÜV abgelaufen

ist?“ Beim Gezwitscher leider

nicht dabei ist Verkehrs- und Internetminister

(!) Alexander Dobrindt (CSU). Das überlässt

er der Satirefigur „Alex Dobrindt“. Aus

Politikersicht hat man es geschafft, wenn

einen jemand als Jux-Figur bastelt.

Der Übergang zwischen Jux und Bosheit

ist aber fließend, und platte Kommentare

fliegen Politikern nur so zu, sobald sie klar

Position beziehen. Das ist wohl ein Grund,

warum der Twitter-König der GroKo, Kanzleramtsminister

Peter Altmaier (CDU), mit

fortschreitender Regierungskarriere im

Netz immer schweigsamer geworden ist.

Ihm folgen zwar knapp 65 000 Nutzer, aber

außer Grüßen, Glückwünschen und TV-

Tipps setzt er kaum noch was ab.

Dafür plaudern nun andere Altmaiers

Twitter-Weisheiten aus. Sein Nachfolger als

Parlamentarischer Geschäftsführer der

Unions-Fraktion, Michael Grosse-Brömer,

gab dessen Anfängertipp ungeniert preis:

Nach zwei Flaschen Rotwein zwitschern auf

keinen Fall mehr twittern!

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 29

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Griechenland hat

sich mit seinem Schuldenschnitt

schlauer angestellt als Argentinien.

Von Angela Hennersdorf

Lektion gelernt

Die Argentinier trifft es

in diesem Sommer

wirklich dick. Erst

verloren sie das WM-

Finale, nun stehen sie erneut

vor dem Staatsbankrott. Staatspleiten

und Schuldenschnitt

kennen wir inzwischen aber

auch in Europa. Kann uns so

etwas also auch passieren?

Den letzten Schuldenschnitt

Argentiniens vor zwölf Jahren

haben zwar rund 90 Prozent der

damaligen Gläubiger akzeptiert

– aber rund zehn Prozent eben

nicht. Das fällt dem Land jetzt

auf die Füße. Die US-Hedgefonds

NML Capital und Aurelius

sammelten die Anleihen der Verweigerer

ein, klagten auf Rückzahlung

der vollen Summe und

bekamen von dem obersten US-

Gericht recht. Das ging, weil die

Argentinier auch Anleihen nach

US-Recht ausgegeben hatten.

Es geht jetzt um 1,5 Milliarden

Dollar, die Argentinien auch zahlen

könnte. Aber das ist noch

nicht alles: Nach dem Richterspruch

darf Argentinien auch

andere Anleihen nicht bedienen,

wenn es die Hedgefonds

nicht bedient. Die Folge ist reichlich

absurd: Argentinien ist

pleite, obwohl es eigentlich gar

nicht pleite ist. Das eigentliche

Problem ist der verkorkste

Schuldenschnitt von 2002.

HILFE DER TROIKA

In Europa kann das nicht passieren.

Das fängt schon damit an,

dass sich Griechenland beim

Schuldenschnitt 2012 mit fast

allen privaten Gläubigern darauf

geeinigt hat, dass dem Land

rund die Hälfte der Schulden in

Höhe von 107 Milliarden Euro

erlassen werden. Griechenland

hatte es da einfacher als die

Argentinier. Der überwiegende

Teil der Verschuldung waren

griechische Staatsanleihen,

sodass die Griechen selbst die

Bedingungen beim Schuldenschnitt

bestimmen konnten.

Die Gläubiger der Griechen-

Anleihen, ausgegeben nach

griechischem Recht, erhielten

nach dem Schuldenschnitt

zwangsweise neue Staatsanleihen

zugeteilt. Vor dem Staatsbankrott

bewahrte die Griechen

darüber hinaus die Absicherung

des Schuldenschnitts in Höhe

von 30 Milliarden Euro durch die

Euro-Staaten.

SCHUTZ VOR BLOCKADE

Für neue Fälle hat Europa vorgesorgt.

Das Zauberwort lautet:

Collective Action Clause (CAC).

Seit Januar 2013 müssen Anleihekäufer

diese Klausel akzeptieren.

Alle neuen europäischen

Staatsanleihen mit einer längeren

Laufzeit von zwölf Monaten

enthalten eine „Umschuldungsklausel“.

Sie ermöglicht es den

Gläubigern eines Staates, bindende

Änderungen der Anleihebedingungen

zu beschließen.

Damit soll verhindert werden,

dass ein kleiner Teil der Gläubiger

– wie jetzt im Fall Argentinien

– eine Umschuldung blockiert.

Sie ermöglicht also überschuldeten

Staaten, die Rückzahlung

ihrer kompletten Schulden zu

verhindern. Ein kompletter

Zahlungsausfall von Staaten in

Euro-Land ist damit unwahrscheinlich.

Selbst wenn das

Land, wie etwa Griechenland,

trotz aller Reformanstrengungen

immer noch mit Schulden

kämpft, die die Zahlungsfähigkeit

des Landes übersteigen und

schon über den nächsten Schuldenschnitt

diskutiert wird. Pech

für die Investoren, die griechische

Anleihen besitzen.

NEW ECONOMICS

Lange Leine

Eine neue Studie zeigt: Unternehmen, die ihren Beschäftigten

die Wahl von Arbeitszeit und -ort überlassen,

sind oft innovativer als ihre Konkurrenten.

Weltweit beneiden Verbraucher

und Unternehmer Deutschland

wegen seiner Exporterfolge. Mit

innovativen und qualitativ

hochwertigen Produkten besetzen

deutsche Unternehmen lukrative

Marktnischen und sind

häufig Weltmarktführer in ihrer

Branche. Doch die Innovationskraft

der Unternehmen kommt

nicht von ungefähr. Sie ist auch

Ergebnis der Kreativität und des

Erfindungsreichtums der Beschäftigten.

Deren Geistesblitze

entstehen jedoch nicht, wenn

der Arbeitgeber mit der Stechuhr

hinter ihnen steht, sondern

wenn er ihnen möglichst viel

Freiraum bei der Wahl der Arbeitszeit

und des Arbeitsortes

lässt. Zu diesem Ergebnis

kommt eine aktuelle Studie aus

dem Institut für Weltwirtschaft

(IfW) in Kiel. Die Ökonomen

von der Förde haben anhand

von Umfragedaten des Instituts

für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

(IAB) bei 5000 Unternehmen

untersucht, ob es einen

Zusammenhang zwischen Innovationsaktivitäten

und der Arbeitszeitorganisation

der Betriebe

gibt. Das Ergebnis: Jene

Unternehmen, die auf Vertrauensarbeitszeiten

ihrer Beschäftigen

setzen, haben eine um 11

bis 14 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit,

neue oder verbesserte

Produkte auf den Markt

zu bringen. Die Mitarbeiter sind

offenbar aufgrund der erhöhten

Zeitsouveränität motivierter

und deshalb zu höherer Leistung

bereit und fähig. Eine bloße

Flexibilisierung der Arbeitszeiten

etwa in Form von

Gleitzeit oder Arbeitszeitkonten

Olivier Godart, Holger Görg,

Aoife Hanley: Trust-based Work-time

and Product Improvements: Evidence

from Firm Level Data, Kiel Working

Papers Nr. 1913, 2014

Ich bin dann mal weg Zeiterfassung

in einem Betrieb

reicht der Untersuchung zufolge

hingegen nicht aus, das Innovationspotenzial

der Mitarbeiter

zu aktivieren. Entscheidend ist

laut Studie das Vertrauen, das

Arbeitgeber ihren Mitarbeitern

entgegenbringen, wenn sie ihnen

die Entscheidung überlassen,

ob sie im Home Office oder

im Büro, morgens oder abends,

in der Woche oder am Wochenende

arbeiten wollen. Die Mitarbeiter

danken ihnen die höhere

Zeitsouveränität mit zusätzlichen

Ideen und kreativen Vorschlägen.

Das ist nach Ansicht

der Autoren besonders wichtig,

wenn sich das geschäftliche

Umfeld im Umbruch befindet,

Unsicherheit herrscht und das

Unternehmen auf neue Produkte

und innovative Produktionsprozesse

angewiesen ist, um

sich im Markt zu behaupten.

In den vergangenen Jahren

scheint es sich bei den Unternehmen

herumgesprochen zu

haben, dass sie von erhöhter

Zeitsouveränität der Beschäftigten

profitieren. So zeigen Erhebungen

des Sozio-ökonomischen

Panels, dass die Betriebe

2011 neun Prozent ihrer Mitarbeiter

auf Basis von Vertrauensarbeitszeit

beschäftigten.

Der Erfolg auf den in- und

ausländischen Märkten scheint

ihnen recht zu geben.

malte.fischer@wiwo.de

FOTOS: SASCHA PFLAEGING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, GETTY IMAGES

30 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Der Arbeitsmarkt bleibt

vorerst stabil

Die Zahl der Arbeitslosen in

Deutschland hat wieder leicht

zugenommen. Im Juli gab es einen

Zuwachs gegenüber dem

Vormonat um 39 000 auf 2,871

Millionen. Die Arbeitslosenquote

stieg um 0,1 Punkte auf 6,6

Prozent. Allerdings waren dafür

vor allem Saisoneffekte verantwortlich

– wegen der Sommerpause

sind höhere Arbeitslosenzahlen

im Juli üblich. Der

Anstieg fiel diesmal geringer aus

als in den Vorjahren; saisonbereinigt

ist die Zahl der Erwerbslosen

sogar um 12 000 gesunken.

„Der Arbeitsmarkt steht

insgesamt stabil da“, sagt Frank-

Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender

der Bundesagentur für

Noch krisenfest...

Zahl der Arbeitslosen in

Deutschland (in Millionen)

Quelle: Bundesbank

saisonbereinigt

4,0

3,5

3,0

nicht saisonbereinigt

2,5

2010 2012 14

Arbeit (BA). Der BA-Stellenindex,

ein Indikator für die Nachfrage

nach Arbeitskräften, legte

im Juli sogar um einen Punkt zu.

Laut BA suchen die Unternehmen

in Deutschland derzeit vor

allem Personal in den Bereichen

Metall-, Maschinen- und Fahrzeugtechnik,

Energie, Elektro,

Verkehr, Logistik und Gesundheit.

Die Zahl der Beschäftigten ist

derweil im Juni gegenüber dem

Vormonat um 63 000 auf 42,24

Millionen gestiegen – das sind

377 000 mehr als ein Jahr zuvor.

Allerdings gibt es auch erste

Warnsignale. Die Job-Komponenten

mehrerer Konjunktur-

Frühindikatoren haben sich zuletzt

verschlechtert. Auch das

Job-Barometer des Nürnberger

Instituts für Arbeitsmarkt- und

Berufsforschung (IAB) geht

nicht mehr von signifikant sinkenden

Arbeitslosenzahlen aus

(siehe Grafik). Im Juli gab der

Frühindikator um 0,3 auf 99,3

Punkte nach und bleibt damit

unter der neutralen Marke von

100 Punkten. „Dies signalisiert

eine Stagnation der saisonbereinigten

Arbeitslosigkeit für die

nächsten drei Monate“, sagt

IAB-Experte Enzo Weber. Das

Barometer beruht auf einer monatlichen

Befragung aller lokalen

Arbeitsagenturen zu der von

ihnen erwarteten Arbeitsmarktentwicklung.

Die Skala reicht

von 90 (stark steigende Arbeitslosigkeit)

bis 110 (stark sinkende

Arbeitslosigkeit).

bert.losse@wiwo.de

...aber erste Warnsignale

Das IAB-Arbeitsmarktbarometer

Arbeitslosigkeit

steigt sinkt

Quelle: IAB

09 10 11 12 13 14

110

105

100

95

90

Inflation geht

zurück

Die Inflation in Deutschland

bleibt auf niedrigem Niveau. Im

Juli stiegen die Verbraucherpreise

nach vorläufigen Berechnungen

des Statistischen Bundesamts

auf Jahressicht um 0,8

Prozent. Das ist der niedrigste

Wert seit Februar 2010. Im Juni

hatte die Teuerungsrate noch

bei 1,0 Prozent gelegen. Während

die Energiepreise um 1,5

Prozent sanken, verteuerten

sich Dienstleistungen um den

gleichen Wert. Für Nahrungsmittel

mussten die Verbraucher

im Juli nur minimal tiefer in die

Tasche greifen als vor einem

Jahr (plus 0,1 Prozent). Im Vergleich

zum Vormonat stiegen

die Preise leicht um 0,3 Prozent.

Die endgültigen Ergebnisse gibt

das Statistische Bundesamt am

13. August bekannt.

Die Erzeugerpreise für gewerbliche

Produkte sind derweil

im Juni um 0,7 Prozent

gegenüber Vorjahr gesunken.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2012 2013

Durchschnitt

0,7

0,8

1,0

–4,0

–1,4

3,4

3,2

1,4

2012 2013

Durchschnitt

–0,9

–4,2

0,1

4,3

105,0

46,7

5,9

2,0

1,6

2,1

2896

478

29006

0,5

0,9

0,4

–2,4

–0,2

3,0

0,9

1,5

–0,2

2,5

0,3

1,0

106,9

50,6

6,5

1,5

–0,1

–2,5

2950

457

29370

I/13

0,0

0,3

0,0

–1,4

–1,5

–0,9

–0,7

0,2

April

2014

–0,3

3,4

–0,5

2,6

111,2

54,1

8,5

1,3

–0,9

–2,4

2880

477

29741

II/13 III/13 IV/13

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,7

0,7

–0,2

0,5

1,7

1,6

2,5

1,5

Mai

2014

–1,8

–1,7

–0,2

–1,1

110,4

52,3

8,5

0,9

–0,8

–2,1

2903

474

29761

0,3

0,3

0,7

0,1

2,1

1,4

–0,1

0,8

Juni

2014



1,3


109,7

52,0

8,6

1,0

–0,8

–1,2

2910

481


0,4

–0,3

–0,3

1,4

0,2

1,2

2,5

1,3

Juli

2014





108,0

51,9

8,9

0,8



2898

482


I/14

0,8

0,7

0,4

3,3

3,6

–0,8

0,2

2,2

Aug.

2014







9,0







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

2,5

1,1

0,5

6,0

10,2

3,3

5,5

6,2

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

3,5

7,8

0,4

3,9

1,7

2,4

28,6




–1,4

7,4

1,5

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 31

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Der Volkswirt

WARUM EIGENTLICH...

...klagen deutsche Professoren gegen

die europäische Bankenunion?

Banken im Zentrum Kritiker monieren die Kontrollrechte der EZB

Drei kurze Absätze und eine

knackige Überschrift

(„Schäuble täuscht die

Öffentlichkeit über die Risiken

der Europäischen Bankenunion“)

genügten, um vergangene

Woche weltweit Aufmerksamkeit

zu erregen. Sogar „Wall

Street Journal“ und „New York

Times“ griffen die Pressemeldung

der Initiative Europolis

aus Berlin auf. Deren Wortführer

Markus Kerber, Professor für

öffentliches Recht und Wirtschaftspolitik

an der TU Berlin,

kündigt darin Verfassungsbeschwerde

gegen die geplante

neue Aufsicht über Europas

Banken unter dem Dach der Europäischen

Zentralbank (EZB)

an. Begründung: Es existiere für

die Übertragung dieser Aufgabe

an die Notenbank keine rechtliche

Grundlage. Die EZB überschreite

ihre Befugnisse und erhalte

Macht, die ihr nach Recht

und Gesetz nicht zustehe.

Die Bankenunion, die Europas

Staats- und Regierungschefs

als Reaktion auf die Finanzkrise

beschlossen haben,

soll am 4. November starten. Ihr

Ziel ist es, Krisen im Finanzsystem

schneller zu erkennen und

stoppen zu können. Marode

Banken sollen auf Kosten der

Gläubiger abgewickelt werden.

Der Deutsche Bundestag hat

dem vor wenigen Wochen zugestimmt.

STARKER EZB-EINFLUSS

Die gemeinsame Aufsicht stützt

sich auf Artikel 127, Absatz 6,

der EU-Verträge. Danach dürfen

der EZB „besondere Aufgaben

im Zusammenhang mit der

Aufsicht über Kreditinstitute“

übertragen werden. Das ist für

die EU-Kommission die juristische

Grundlage der Bankenunion.

Nun sind der EZB aber nicht

„besondere“ Aufsichtsaufgaben

aufgetragen worden, sondern

die komplette Aufsicht. De facto

nicht über alle, aber über die

120 wichtigsten Banken Europas;

die EZB darf zudem jederzeit

die Aufsicht über ein Institut

an sich ziehen und die

Abwicklung empfehlen.

Festgelegt haben Europas Politiker

diese weitreichenden

Rechte des neuen Aufsichtsgremiums

in Verordnungen. Genau

hier beginnen die juristischen

Schwierigkeiten. Diese

sah bereits die Deutsche Bundesbank,

die prinzipiell die

Bankenunion befürwortet. Laut

Bundesbank ergebe sich ein

Problem daraus, dass die europäischen

Verträge nicht im Hinblick

auf die Bankenunion entworfen

worden seien. Im

Klartext:Die Verträge hätten

entsprechend geändert werden

müssen. „Doch um das Projekt

Bankenunion nicht scheitern

zu lassen, hat sich niemand an

eine Änderung der EU-Verträge

herangetraut“, sagt Kerber. Er

kritisiert generell die aus seiner

Sicht unrechtmäßige Übertragung

von immer mehr nationalen

Kompetenzen auf europäische

Institutionen. Er sieht eine

Aushöhlung deutschen Rechts

und fürchtet, dass immer mehr

Haftungsrisiken vergemeinschaftet

werden. Konkret begründet

Kerber seine Klage mit

Artikel 38 des Grundgesetzes,

der die Handlungsfähigkeit des

Bundestags sicherstellt. Diese

sieht der Jurist durch die Bankenunion

gefährdet. Durch die

Zustimmung des Bundestags

ginge dieser eine so starke Bindung

ein, dass die Abgeordneten

ihren politischen Gestaltungsspielraum

verlören.

Mit seiner Aktion ruft Kerber

allerdings auch Kritiker auf den

Plan. „Damit wird das wichtige

Projekt Bankenunion, das Europas

Banken stabilisieren soll,

torpediert“, schimpft Martin

Hellmich von der Frankfurt

School of Finance. Das führe zu

Verunsicherung in einer Phase,

in der die EZB gerade die Bilanzen

der Banken checkt.

Finanzexperten wie Bert von

Roosebeke vom Centrum für

Europäische Politik in Freiburg,

glauben zudem nicht, dass

Karlsruhe der Argumentation

Kerbers folgt. Er ist zwar auch

der Ansicht, dass die europarechtliche

Grundlage für die

EZB-Bankenaufsicht und den

Abwicklungsmechanismus

fehlte. Doch es dürfte für Parteien,

die nicht unmittelbar davon

betroffen seien, schwierig

werden, vor dem Verfassungsgericht

zu siegen.

ZU HOHE RISIKEN?

Bei Verfassungsklagen auf der

Grundlage von Paragraf 38 sei

es bisher immer darum gegangen,

die Handlungsfähigkeit

des Bundestags sicherzustellen.

„Eingeschränkt könnte diese

sein, wenn Deutschland große

finanzielle Risiken eingeht, die

die Budgethoheit des Bundestages

gefährden“, sagt Roosebeke.

Diese Fragen seien hier aber

nicht relevant. „Bei der Bankenunion

geht es ja gerade darum,

keine öffentliche Mittel heranzuziehen.

Stattdessen sollen die

Banken für die Abwicklung zahlen.“

Kerber hält dagegen: „Länder

wie Irland oder Luxemburg

mit ihren undurchschaubaren

Finanzmärkten sind mit der

Bankenunion nicht zu bändigen.

Sie könnten die Kosten

für Pleitebanken nicht selbst

stemmen.“

Kerber ist schon einmal vor

das Bundesverfassungsgericht

gezogen – gegen die Beteiligung

Deutschlands am Euro-Rettungsschirm

ESM. Im Frühjahr

entschied Karlsruhe, die Beteiligung

sei verfassungsgemäß.

Interessant dürfte es werden,

wenn eine Bank den Klageweg

beschreitet und dem Europäischen

Gerichtshof die Frage

vorlegt, ob die Kompetenz für

die Bankenaufsicht bei der EZB

gegeben ist. Ob sich Karlsruhe

davon beeindrucken lässt? n

angela.hennersdorf@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: LAIF/JAN-PETER BOENING

32 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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NACHGEFRAGT Kathy Matsui

»Name and Shame«

FOTO: GOLDMAN SACHS.

Die Chef-Ökonomin von Goldman Sachs für Asien

plädiert für mehr Frauen in der Wirtschaft – auch

als Rezept gegen die Alterung der Gesellschaft.

Frau Matsui, japanische Männer

gelten nicht gerade als

Frauenrechtler. Nun fordert

Regierungschef Shinzo Abe

japanische Unternehmen auf,

mehr Frauen einzustellen, auch

in Führungspositionen. Wie

kommt es zu dieser Wandlung?

Japan hat ein Problem. Die Einwohnerzahl

schrumpft bis 2060

um 30 Prozent. Deswegen

nimmt die Zahl der Alten dramatisch

zu. Es gibt also einen

ökonomischen Grund, Frauen

zu fördern. In Japan sind gerade

einmal 63 Prozent der Frauen

im erwerbsfähigen Alter berufstätig.

Das ist im Vergleich zu

anderen Industrieländern sehr

wenig – und macht sich am

Arbeitsmarkt bemerkbar.

Wie genau?

In Japan gibt es heute mehr offene

Stellen als Arbeitssuchende.

Die Arbeitslosenquote liegt

bei nur 3,6 Prozent. Wenn ich

aus meinem Bürofenster in Tokio

schaue, sehe ich große Bau-

stellen. Bis 2020 sollen dort die

Stadien für die Olympischen

Sommerspiele entstehen. Da

passiert aber nichts, weil es keine

Bauarbeiter gibt. Außerdem

fehlen uns Krankenschwestern

– da herrscht ein regelrechter

Notstand.

Der Wandel hat also nur wirtschaftliche

Gründe – und die

japanische Gesellschaft verändert

sich nicht?

Japan ist keine offene Gesellschaft.

Dass die Regierung nun

Arbeitsmarktreformen ankündigt

und mehr Geschlechter-Diversität

fordert, ist keine Option,

sondern ein ökonomisches

Gebot. Mehr berufstätige Frauen

würden der japanischen

Wirtschaft einen enormen

Schub geben.

Wie würde der aussehen?

Berufstätige Frauen verfügen

über ein höheres Einkommen,

sie konsumieren mehr, sie fragen

mehr Dienstleistungen

nach, bestellen mehr online, sie

DIE FEMINISTIN

Matsui, 49, ist Chef-Volkswirtin

von Goldman Sachs für Asien.

Sie ist als Kind japanischer Einwanderer

in Kalifornien aufgewachsen

und studierte an den

US-Elite-Universitäten Harvard

und John-Hopkins. Seit 1994 ist

sie bei der US-Investmentfirma

tätig, seit 2000 dort Partnerin.

benötigen mehr Kinderbetreuungseinrichtungen.

Das sind

nur einige der Sektoren, die

profitieren würden.

Sie haben schon vor 15 Jahren

eine höhere Erwerbsbeteiligung

der Frauen gefordert, um

das Wachstum zu fördern, und

dafür den Begriff Womenomics

geprägt. Damals hat niemand

auf sie gehört. Was bringt denn

nun die bloße Forderungen an

die Wirtschaft, künftig 30 Prozent

der Führungskräfte mit

Frauen zu besetzen?

Es ist immerhin ein Ziel. Auch

wenn die Unternehmen sagen,

ach, das ist doch lächerlich –

wie wollen wir das schaffen in

nur sechs Jahren? Keine Gesellschaft

kann es sich leisten, auf

fast die Hälfte ihrer erwerbsfähigen

Bevölkerung zu verzichten.

Die japanischen Unternehmen

wissen es selbst genau:

Wenn sie global erfolgreich sein

wollen, müssen sie ihre Belegschaft

diversifizieren und können

keine reinen Männer-Führungstrupps

mehr haben.

Und das reicht?

In Japan gilt nach wie vor das

Prinzip „Name and Shame“. Die

»In Japan gibt

es mehr offene

Stellen als Arbeitsuchende«

japanische Regierung wird

schon bald von Aktiengesellschaften

verlangen, die

Geschlechterverteilung ihrer

Boards offenzulegen. Das wirkt,

denn in der Öffentlichkeit an den

Pranger gestellt zu werden, das

ist in Japan immer noch peinlich.

Ich bin daher sehr zuversichtlich,

dass sich etwas bewegt.

Gibt es überhaupt genügend

qualifizierte Frauen für diese

Positionen?

In Japan haben mehr Frauen als

Männer einen Universitätsabschluss.

Es liegt also nicht daran,

dass es keine qualifizierten

Frauen gibt. Es ist wie in

Deutschland: Wenn Kinder

kommen, dann sind es überwiegend

die Frauen, die zu

Hause bleiben. Dazu kommt:In

Japan basiert die Wertschätzung

eines Mitarbeiters nicht

auf Leistung, sondern auf der

Dauer der Betriebszugehörigkeit

und der geleisteten Stunden.

Japanische Väter sind also

fast nie zu Hause, um ihre Frauen

zu unterstützten. Die Regierung

spricht mit Unternehmen,

dass sie dieses Bewertungssystem

ändern müssen, um produktiver

zu werden. Das ist für

Japan schon eine Revolution.

Hätten Sie Ihre Karriere auch in

Japan machen können?

Nein, wahrscheinlich nicht.

Mein Vater kommt aus einer japanischen

Bauernfamilie. Er

wanderte nach Amerika aus

und war auch dort Landwirt.

Wäre ich in Japan geboren, würde

ich jetzt wahrscheinlich auf

einem Reisfeld arbeiten. Als ich

vor fast 30 Jahren von den USA

nach Japan zog, war das ein kultureller

Schock für mich. Wahrscheinlich

hätte meine Karriere

auch anders ausgesehen, wenn

ich bei einer japanischen und

nicht bei einer amerikanischen

Bank angefangen hätte. n

angela.hennersdorf@wiwo.de | Frankfurt

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 33

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Die Russland-Krise zeigt Wirkung: Im zweiten Quartal dürfte die deutsche

Wirtschaft stagniert haben, und auch im Gesamtjahr 2014 wird das Wachstum weniger

stark zulegen als erwartet. Ein konjunktureller Absturz wie im Jahr 2008 ist allerdings

nicht in Sicht. Von Hans-Werner Sinn

Kippt die Konjunktur?

Nachdem der Geschäftsklimaindex

des ifo Instituts dreimal

hintereinander

deutlich gefallen ist, steht die

hausinterne ifo-Konjunkturampel

auf Rot. Noch im April

sah es so aus, als ob die Krim-

Krise ohne allzu große Blessuren

an der deutschen Wirtschaft

vorübergehen würde.

Doch schon im Mai und Juni

fiel der Index um jeweils etwa

einen Dreiviertelpunkt – und

nun, im Juli, gar um 1,7 Punkte.

Das ist nach einer internen

Faustregel ein signifikanter

Veränderungswert. So schön es

wäre, wenn man die Konjunktur

weiterhin optimistisch beurteilen

könnte, so ernüchternd

ist der letzte Umfragewert.

Dabei war der Abschuss des

malaysischen Verkehrsflugzeuges,

der die Krise neu hat

entflammen und im Westen die

Widerstände gegen die von den

USA verlangten Sanktionen hat

verstummen lassen, nicht einmal

für das Umfrageergebnis

bestimmend. Rund drei Viertel

der Antworten der etwa 7000

befragten Unternehmensvertreter

kam vorher herein. In Kenntnis

der vom Westen als Reaktion

auf den Abschuss angedrohten

Sanktionen, die vor allem die

deutsche Industrie treffen

würden, wären die Antworten

vermutlich noch schlechter ausgefallen.

Die deutsche Wirtschaft hat

eben doch stärkere Hoffnungen

in das Russland-Geschäft

gesetzt, als es ein Blick auf

die Statistiken hätte erwarten

lassen. Nur 3,3 Prozent

des deutschen Warenexports

gingen im Jahr 2013 nach

Russland. Doch bei Sonderum-

fragen, die ifo im Mai und im Juni

bei 2400 Industrieunternehmen

durchgeführt hatte, erklärten

erstaunlicherweise 47 Prozent

der Unternehmen, dass sie wirtschaftliche

Beziehungen mit

Russland unterhalten. Knapp ein

Fünftel der befragten Betriebe

spürte bereits damals eine

konkrete Beeinträchtigung der

Geschäfte.

Besonders betroffen von der

Krise sind dabei Unternehmen,

die umfangreiche Direktinvestitionen

durchgeführt beziehungsweise

geplant haben, wie etwa

Volkswagen und Continental

in Kaluga, MAG in Omsk, die

Schaeffler Gruppe in Uljanowsk,

»Die Wachstumsprognose

für Deutschland

muss wohl nach

unten revidiert

werden«

Edscha in der Sonderwirtschaftszone

Togliatti oder Bosch in der

Stadt Engels in der Region Saratow.

Es ist insofern klar, dass das

verschlechterte Geschäftsklima

maßgeblich mit der Krise in der

Ukraine und den Spannungen mit

Russland zu tun hat.

BAU UND HANDEL STABIL

Konjunkturprognosen sind nie

bedingungslose Vorhersagen,

sondern immer nur Wenn-dann-

Aussagen, die unter ganz bestimmten

Annahmen über

exogene Ereignisse veröffentlicht

werden. Sich verschärfende militärische

Spannungen sind das

Musterbeispiel für die Notwendigkeit,

eine Prognose zu revidieren,

die unter der Annahme einer

Entspannung getroffen wurde.

Die Krise strahlt nun offenbar

auch auf jene Bereiche der deutschen

Wirtschaft aus, die gar

nicht direkt betroffen sind. So

melden alle großen Wirtschaftsbereiche

mit Ausnahme der

Dienstleistungen mittlerweile

rückläufige Geschäftserwartungen.

Da die tatsächliche Wirtschaftslage

den Erwartungen zu

folgen pflegt, lässt dies auf eine

zukünftige Verschlechterung der

Wirtschaftslage schließen. Bei

den Unternehmen des verarbeitenden

Gewerbes ist eine solche

Verschlechterung bereits eingetreten.

Der ifo-Beschäftigungsindikator

lässt auf eine verminderte

Einstellungsbereitschaft

schließen. Nur die Lage im Baugewerbe

und im Handel ist noch

einigermaßen stabil.

Der Wirtschaftsaufschwung,

der in der zweiten Hälfte des

vergangenen Jahres begann und

sich bis in den Winter fortsetzte,

scheint nun eine längere Pause

einzulegen. Die Wachstumsprognose,

die das ifo Institut noch

im vergangenen Monat abgab,

muss vermutlich nach unten

revidiert werden. Konkrete Zahlen

liegen noch nicht vor, denn die

nächste Prognose wird erst

im Herbst gemeinsam von

den Wirtschaftsforschungsinstituten

abgegeben. Die

Vermutung, dass das zweite

Quartal 2014 gegenüber dem

ersten ein Plus von 0,3 Prozent

aufweist, ist nach heutigem

Stand der Dinge aber wohl nicht

mehr zu halten. Wahrscheinlicher

ist ein Nullwachstum. Auch

für das dritte Quartal 2014 dürfte

das derzeit mit 0,4 Prozent

prognostizierte Wachstum nach

unten zu revisieren sein. Das

wird dann auch die Jahresprognosen

für 2014 und 2015 signifikant

senken.

Bei allen Sorgen sollte

man freilich die immer noch

positiven Aspekte des konjunkturellen

Geschehens nicht

übersehen. Erstens wird die

Binnenwirtschaft von einem

ansehnlichen Konsumzuwachs

getragen, zweitens ist der

Dienstleistungssektor sehr

stabil, und drittens gab der

ifo-Indikator im Vergleich zu

früheren Vergleichsperioden

nur moderat nach. Es gibt somit

keine Ähnlichkeit zum Katastrophenjahr

2008. Aber auch wenn

man die Einbrüche vom Sommer

2011 bis zum Herbst 2012

zum Vergleich heranzieht, gibt

es bislang keine wirklichen

Parallelen. Denn trotz des Rückgangs

im Wirtschaftsklima sind

die Unternehmen immer noch

überwiegend optimistisch.

Wenngleich also der Sommer

reichlich durchwachsen ist,

wäre es falsch, ihn schon für

verloren zu erklären.

Hans-Werner Sinn ist Präsident

des ifo Instituts und Ordinarius

an der Ludwig-Maximilians-

Universität in München.

FOTOS: ROBERT BREMBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, DDP IMAGES/TIMUR EMEK

34 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

36

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Spaßlawinen

aus allen

Rohren

WALT DISNEY | Wie schafft es der US-Konzern,

aus Figuren wie Micky Maus, Cinderella, der

Eiskönigin, dem Iron Man und Darth Vader

Gelddruckmaschinen zu machen?

Und wie lange geht das noch gut?

FOTO: GREGG SEGAL

Seine Leute sprengen einen tiefen

Krater – wohl als Schauplatz

für eine Schlacht gedacht – in

die sonst so stille Wüste von Abu

Dhabi. Unweit des Sprengels

Hameem lässt Jeffrey Jacob („ J. J.“) Abrams

dazu eine Art außerirdischen Wochenmarkt

aufbauen, bevölkert von vieläugigen

Kreaturen und bizarren Weltraumwesen:

600 Schauspieler, Statisten, Techniker sorgen

auf sein Geheiß für intergalaktischen

Trubel in der Ödnis der Rub al-Chali.

Gleichzeitig lässt der amerikanische

Filmregisseur die Pinewood Studios in der

englischen Grafschaft

Buckinghamshire hermetisch

abriegeln. Fotos

Nur ein schlichtes Plakat

an der grauen Au-

Ausgabe zeigen

In unserer Appßenmauer

des Studios wir Fotos aus den

mit der rätselhaften Anfängen von

Walt Disney

Aufschrift „VII. Now

filming“ verrät Eingeweihten,

dass Abrams

dort gerade den siebten Teil des Science-

Fiction-Klassikers „Star Wars“ dreht.

Obwohl am Set alle auf sein Kommando

hören, ist Abrams nur eine kleine Figur in

einem weit größeren Spiel. Darin zieht Bob

Iger die Fäden. Der smarte Mann mit den

kurzen grauen Haaren ist Vorstandschef

von Walt Disney – und Boss von Abrams,

allen „Star Wars“-Helden, aber auch von

zahllosen Figuren der globalen Popkultur

von Micky Maus und Donald Duck über

Mogli aus dem „Dschungelbuch“-Film und

Kermit dem Frosch bis zu Iron Man, Hulk

und der bösen Fee Maleficent.

Der 62-Jährige, erst der sechste Lenker

des 1923 gegründeten Medienkonzerns,

steht auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Disney setzte im letzten Geschäftsjahr 45

Milliarden Dollar um, beschäftigt 175 000

Menschen, ist an der Börse 150 Milliarden

Dollar wert und scheffelte mit gut sechs

Milliarden Dollar so viel Gewinn wie nie

zuvor. Mitte Juli durfte Iger die Schlussglocke

an der New Yorker Börse läuten, ein

US-Magazin hatte ihn gerade zum „Vorstandschef

des Jahres“ gekürt.

Noch nie war Disney so gut darin, weltweit

Kindern und Erwachsenen das Geld

aus der Tasche zu ziehen. Das Rezept da-

»

Wenig zugetraut, aber viel erreicht Disney-

Chef Iger (links) ist Meister in der Königsdisziplin,

weltweit den Kindern und Erwachsenen

das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Stars

aus den Blockbustern spielen Milliarden über

TV, Internet und Erlebnisparks ein

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 37

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Unternehmen&Märkte

»

Blockbuster „Star Wars“ Die 7. Folge kommt

im Dezember 2015 in die Kinos und soll 1,2

Milliarden Dollar in die Disney-Kasse spülen

für scheint einfach: Kein anderer Medienriese

hat sich so vollgepumpt mit geistigem

Eigentum wie Disney aus Burbank in

Kalifornien. Und kein anderer hat die Fähigkeit

so perfektioniert, ein erfolgreiches

Thema über alle verfügbaren Kanäle zu

Geld zu machen – vom Film über CD, Freizeitpark,

Musical bis zu Spielzeug und

Computerspiel. „Disney ist das ultimative

Multi-Plattform-Unternehmen der Medienwelt.

Wir erreichen Konsumenten tiefgreifender

und besser als alle anderen“,

strunzt Finanzchef Jay Rasulo. „Disney

läuft auf allen Pötten“, sagt Frank Beck, Präsident

der Investmentfirma Beck Capital

Management aus Austin in Texas.

Doch wie lange geht das noch gut? Denn

erreicht hat Iger diese Sonderstellung inmitten

des globalen Medienumbruchs, der

die Gewichte immer stärker in Richtung

der Technologieriesen wie Google, Amazon

oder Apple verschiebt, weniger aus eigener

Kraft, sondern vor allem dank milliardenschwerer

Zukäufe: Mehr als 15 Milliarden

Dollar ließ sich Iger das Trickfilmstudio

Pixar, den „Star Wars“-Erfinder Lucasfilm

und das Comic-Imperium Marvel

insgesamt kosten – Geld, das Disney, wenn

überhaupt, erst in Jahren einspielen kann,

wenn Iger längst nicht mehr an Bord ist.

2016 tritt der Frontmann auf eigenen

Wunsch ab. Als Nachfolger gehandelt

werden Finanzvorstand Rasulo

und der Chef der Freizeitpark-

Sparte, Tom Staggs. Die Preisfrage

ist: Haben sie Igers Format?

Beweisen sie ein ähnlich

gutes Händchen für Kreative?

Wagen sie es, funktionierende

Erlösquellen und Geschäftsbeziehungen

ebenso

radikal infrage zu stellen?

Oder gerät Disney ins

Fadenkreuz

von Übernahmefantasien

wie Time Warner

durch den Konkurrenten

21st Century

Fox?

Dabei traut auch

Iger im Herbst

2005, ehe er an die

Disney-Spitze

aufrückt, kaum

ein Experte zu,

den damals

schlingernden

Tanker auf

Kurs zu bringen.

Vorgänger Michael Eisner hat nach 20

Jahren an der Spitze ein geschwächtes

Unternehmen zurückgelassen, das unter

anderem gerade einen feindlichen Übernahmeversuch

des Kabelnetzbetreibers

Comcast abwehren musste.

CHIC, ABER HOHL

Zwar hat Eisner den Konzern durch Zukäufe

vor allem von Fernsehanbietern – etwa

dem Sender ABC – zu neuer Größe geführt.

Und unter seiner Ägide landet Disney

an der Kinokasse Hits wie „Die

Schöne und das Biest“ oder „König der

Löwen“. Doch der Erfolgsfaden reißt. Intern

werfen Kritiker Eisner vor, nur auf

den schnellen Dollar zu setzen und

mit mauen Fortsetzungen von Erfolgsstreifen

dem guten Ruf von

Disney zu schaden.

Zudem überwirft sich Eisner

mit dem wichtigen Partner

Anna, die

Eiskönigin,

spielte 1,2

Milliarden

Dollar ein

Pixar. Mitte der Neunzigerjahre schließt er

einen Vertriebsvertrag über drei Filme mit

dem kleinen Animationsstudio aus dem Silicon

Valley. Als Erstes produziert Pixar den

Erfolgsstreifen „Toy Story“, in dem Spielzeugfiguren

lebendig werden und Abenteuer erleben.

Disney bringt den Film in die Kinos,

Kosten und Erlöse werden geteilt. Aber die

Rechte an Storys und Fortsetzungen beansprucht

Disney für sich.

Außerdem zerstreitet sich Eisner mit

Apple-Gründer Steve Jobs, der Pixar seit

1995 führt. Verscherzt hat es sich der Disney-Boss

auch mit wichtigen Aktionären

wie Gründerneffe Roy Disney. Im September

2005 geht Eisner im Streit.

Bei der Nachfolge setzt sich Iger gegen

externe Kandidaten durch. Er leitete unter

anderem den Sender ABC und war zuletzt

operativer Chef unter Eisner. Spötter nennen

Iger, der seine lange TV-Karriere als

Wetter-Moderator gestartet hat, einen ausgestopften

Anzug – chic, aber hohl.

Tatsächlich jedoch bringt Iger einen Plan

mit, Disney komplett umzukrempeln. Intern,

indem er auf Risiko spielt und Manager

auf neue Positionen hievt: So lässt er

die Vorstände Rasulo (damals Freizeitparks)

und Staggs (damals Finanzen) die

Posten tauschen. Ein guter Manager, so

Igers Credo, müsse alle Fächer draufhaben.

Das bringt beiden tiefere Einblicke in den

Konzern – und Disneys Eignern heute

mehr Auswahl bei der Nachfolgersuche.

Entscheidender ist Igers Fingerspitzengefühl

gegenüber sperrigen Geschäftspartnern.

Noch am Tag seiner Ernennung zum

Vorstandschef, heißt es, habe Iger Jobs bei

Pixar angerufen, um den Kleinkrieg zu be-

FOTOS: DISNEY, AKG IMAGES

38 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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enden. Iger weiß: Er braucht Pixar, um Disney

zu retten. Sein Erweckungserlebnis hat

er kurz zuvor, im Herbst 2005.

UNENDLICHE LEBENSDAUER

Hunderte Disney-Fans säumen die Straßen

des gerade eröffneten Disneyland-Freizeitparks

in Hongkong, als die Parade der Comic-Figuren

beginnt. Mitten im Publikum

steht auch Iger mit seinen Kindern.

Iger schaut, staunt – und dann fällt es

ihm auf: Dahinten sieht er zwar Micky

Maus, drüben läuft ein gigantischer Donald

und winkt. Doch die Figuren sind alt.

Alles, was jünger ist als zehn Jahre, stammt

vom Partner Pixar wie Clownfisch Nemo

oder Cowboy Woody aus „Toy Story“. In

dem Moment, erzählt Iger später Pixars

Kreativchef John Lasseter, habe er beschlossen:

Disney muss Pixar kaufen.

»Disney ist das

ultimative Medienunternehmen«

Disney-Finanzchef Jay Rasulo

Iger überzeugt Jobs und den Disney-Aufsichtsrat.

Im Januar 2006 kündigt der Konzern

an, Pixar, das in Sachen Kreativität

und Witz Disney weit in den Schatten stellt,

für 7,4 Milliarden Dollar zu übernehmen.

Ein hoher Preis, doch Iger kennt bereits die

Pixar-Pipeline mit „Cars“, „Ratatouille“ und

„Up“, dem Film mit dem griesgrämigen

Opa und dem Pfadfinder – alles Streifen,

die Milliarden einspielen werden.

Igers Coup macht Jobs mit über sieben

Prozent zum zeitweise größten Einzelaktionär

bei Disney; Jobs’ Nachfolger Tim Cook

gehört dem Disney-Verwaltungsrat seit

dem Tod des Apple-Gründers an. Auch

Apple profitiert, weil Disney seine Streifen

und TV-Shows nicht mehr nur als DVDs

vertreibt, sondern als einer der ersten Medienkonzerne

von Beginn an auch auf Apples

Online-Kaufhaus iTunes setzt. „Wir folgen

unseren Kunden“, sagt Iger und riskiert

dafür Krach mit alten Vertriebspartnern wie

Kaufhausketten. „Nur den Status quo zu

halten ist keine Strategie, jedenfalls nicht,

was uns betrifft; Die Welt ändert sich.“

Gleichzeitig verändert der Pixar-Deal

den Disney-Konzern grundlegend und

schafft die Blaupause für die weiteren Zukäufe.

Behauptete das Unternehmen »

EGMONT EHAPA

Enklave Entenhausen

Mit „Lustigen Taschenbüchern“ versucht der Micky-Maus-Verlag,

den Auflagenschwund seiner Hefte in Deutschland zu stoppen.

Das eine muss Peter Höpfner direkt klarstellen:

Es ist mitnichten so, dass alle Comics

aus Amerika kommen, „nein, keiner,

null“. Höpfner ist Chefredakteur beim

deutschen „Micky Maus“-Magazin und

weiterer Disney-Titel. Seine Bildergeschichten

stammen aus Deutschland, Italien,

Dänemark, „das machen alles wir“,

sagt er. Aus den USA, der Heimat seiner

Helden, komme nichts: „Dort gibt es

praktisch keine Comic-Kreation mehr mit

Micky Maus und Donald Duck.“

Dem Medienriesen Disney eilt der

Ruf voraus, penibel aufs eigene geistige

Eigentum zu achten und zu kontrollieren,

wer wie warum einen Disney-Charakter

zu Geld machen will. Ausgerechnet bei

seinen Gründungsfiguren lässt der

Konzern Dritten nahezu freie Hand. „Ich

muss keinen einzigen Inhalt in der

Zentrale in Burbank absegnen lassen.

Wir wissen, worauf es ankommt: Bei uns

landet der Schurke im Gefängnis, und

die Rasenkanten werden mit der Hand

geschnitten – hier ist die Welt noch in

Ordnung“, sagt Höpfner

HOFFEN AUF EIN REVIVAL

Der dänische Medienkonzern Egmont

hält die Micky-Maus-Lizenz in 32 Ländern

Europas. Beim Ableger Egmont Ehapa in

Berlin, der auch die „Asterix“-Comics veröffentlicht,

sorgen die Disney-Titel laut

Verlagsmanager Jörg Risken für mehr als

die Hälfte des Umsatzes von zuletzt

knapp 60 Millionen Euro. Kernstück sind

die wöchentlich erscheinenden „Micky

Maus“-Hefte.

Deren Auflage erodiert aber immer

stärker. Seit dem Start 1951 hat Ehapa

mehr als 1,2 Milliarden Exemplare

abgesetzt. Doch im ersten Quartal

2014 verkaufte sich das 48-Seiten-Magazin

zu Preisen zwischen 2,70 und

3,50 Euro nur noch 126000-mal. 1991,

nach der Wiedervereinigung, schaffte es

noch die fünffache Auflage. „Micky

Maus“ muss mit der Zersplitterung im

Markt für Kinderzeitschriften zurecht

kommen. Rund 290 Titel kämpfen in

Deutschland ums Taschengeld.

Höpfner und Risken fahren daher eine

Doppelstrategie. Einerseits wollen sie am

Wochenrhythmus für das Magazin festhalten.

Gleichzeitig bauen sie die dickeren,

mindestens 5,50 Euro teuren „Lustigen

Taschenbücher“ (LTB) mit Micky

Maus und Donald Duck aus. Bei ihrem

Amtsantritt gab es erst 15 pro Jahr. Nun

produzieren die Berliner jährlich 43 Bände,

darunter „LTB History“, „LTB Fantasy“

oder „English Edition“. Hinzu kommt

eine erwachsenere Version („LTB Premium“)

für knapp zehn Euro.

Insgesamt verkauft Ehapa so gut fünf

Millionen LTBs im Jahr. „Bei Disney in

den USA staunen viele darüber, wie viel

Geld man in Europa noch mit den Entenhausenern

verdienen kann“, sagt Risken,

„die stehen dort nicht mehr so im Fokus.“

Die Berliner sähen es gern, wenn Burbank

seine Klassiker wieder entdecken

würde: „Wir würden uns Filme, Games und

auch mal eine Show zum Thema Entenhausen

wünschen, das würde die Popularität

von Donald und Co. wieder steigern“,

sagt Risken. Seine Hoffnung: Angeblich ist

der Chef der Animationsstudios und Ober-

Kreative bei Disney, John Lasseter, ein Donald-Fan:

„Ich würde mich nicht wundern,

wenn es da mal ein Revival gibt.“

peter.steinkirchner@wiwo.de

Auflagenschwund Premium-Taschenbücher

sollen die Verluste beim wöchentlichen

„Micky Maus“-Magazin auffangen

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 39

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Unternehmen&Märkte

»

Bespaßung auf hoher See Disney baut das

Kreuzfahrtschiff Wonder zum Erlebnispark

für die ganze Familie um

»Toy Story«

mit Woody

war der erste

computerproduzierte

Kinohit

unter Eisner noch das arrogante Primat,

alles besser zu können als andere, kehrt

Iger das um: Er sagt den führenden Pixar-

Managern Ed Catmull und Lasseter zu,

Pixars Kreativkultur nicht anzutasten. Im

Gegenteil: Er macht Lasseter zum Chef

über Disneys eigenes Animationsstudio –

so als würde der kleine Nemo den Wal

fressen.

„Es wäre völlig falsch, unsere Kultur anderen

Unternehmen überstülpen zu wollen,

die auch ohne uns gut zurecht gekommen

sind“, sagt Iger. Lasseter wundert das:

„Meistens beeinflussen die großen Unternehmen

die kleinen, die sie übernommen

haben – Iger wollte das Gegenteil.“ Als Iger

Disneys Animationsspezialisten Lasseter

als ihren neuen Chef vorstellt, bricht Jubel

aus. Die Strategie funktioniert: Zusammen

mit Pixar knüpft Disney an alte Erfolge an.

Der letztjährige Weihnachtsstreifen „Die

Eiskönigin“ hat dem Konzern bis heute allein

an den Kinokassen 1,25 Milliarden

Dollar eingebracht, was ihn zu einem der

fünf erfolgreichsten Filme aller Zeiten

macht – und zu einem Franchise, das Disney

durch seine komplette Maschinerie

schleust, runter bis in die Spielzeugläden:

Neun der zehn meistverkauften Produkte

in den Disney-Läden weltweit hingen zuletzt

mit der „Eiskönigin“ zusammen, sagt

Rasulo. Die Glitter-Fummel trieben den

Umsatz des zweitkleinsten Geschäftsbereichs

Konsumenten-Produkte um neun

Prozent auf knapp 3,6 Milliarden Dollar,

der operative Gewinn schnellte um 19 Prozent

auf 1,1 Milliarden Dollar in die Höhe.

Erfolge wie dieser lassen Iger auch Millionenflops

wie den Science-Fiction-Reißer

„John Carter“ oder den seltsamen Comic-Western

„Lone Ranger“ verschmerzen.

Iger treibt das Disney-Prinzip, das Unternehmensgründer

Walt in komplexen

Skizzen selbst entwarf, auf die Spitze: „Wir

nehmen eine kreative Idee und

machen mehr daraus – aus

einem Comic wird ein

Film, aus dem ein Videospiel

und daraus eine Attraktion

in einem Freizeitpark.“

Von der „Eiskönigin“ kündigt der

Disney-Boss ein Musical an, von

dem er sich auf Jahre hinaus sichere

Einnahmen verspricht.

Im aus Disney-Sicht besten

Falle lässt sich die Lebensdauer

einer solchen Marke

über Konsumenten-Generationen

hinweg ausdehnen

– selbst wenn dabei klassische Disney-

Figuren intern weggedrängt werden (siehe

Kasten Seite 42). Stattdessen setzt Iger auf

die neuen Megamarken.

Groß raus kommen vor allem Charaktere,

die von den Zukäufen Marvel Entertainmant

und Lucasfilm stammen. Auch hier

hat der Disney-Chef einen guten Riecher

bewiesen, obwohl Analysten bisweilen

skeptisch reagierten: „Die Akquisition von

Marvel 2010 war ein Schock“, sagt etwa Medienanalystin

Jessica Reif Cohen von der

Bank of America Merrill Lynch.

Denn der Konzern schien vier Milliarden

Dollar für ein Unternehmen auszugeben,

das für seine Superhelden-Comics bekannt

war, allerdings vor Jahren die Filmrechte

für seine bekanntesten Figuren wie

Spider-Man und X-Men an andere Filmstudios

wie Sony Pictures und Fox verkauft

hatte. Was sollte da noch groß kommen?

PLAN BIS 2028

In den Büros stehen durchgesessene Sofas

wie im Studentenwohnheim, in den Treppenhäusern

Pappaufsteller von Comic-Helden

wie Captain America und dem Hulk.

Obwohl das Marvel Studio erst 2013 aus

dem kalifornischen Manhattan Beach aufs

Disney-Gelände nach Burbank gezogen ist,

hat sich der Filmableger des Comic-

Imperiums seinen ranzigen

Charme bewahrt. Das Büro

von Studio-Chef Kevin Feige ist

winzig – dabei ist der 41-Jährige

derzeit einer der erfolgreichsten

Filmproduzenten der Welt.

An einer Bürowand hängt der

Plan für künftige Superheldenfilme:

„Das ist wie der Blick

durchs Weltraumteleskop

Hubble“, sagt Feige, „der

Plan reicht bis ins

Jahr 2028.“ Auch

Iger und seine Leute

hatten erkannt, welche

Möglichkeiten in

den Marvel-Archiven

steckten und wie clever

Feige seine Helden in unterschiedlichen

Filmen kombiniert.

Disney-Manager zählten

8000 Charaktere und Figuren,

die den Hirnen der Zeichner

entsprungen waren.

Das zahlt sich für Disney aus:

Allein die beiden ersten Teile

der Comic-Verfilmung „Captain

America“ spielten mehr als eine

Milliarde Dollar ein. Die drei

»

FOTOS: LAIF/SASSE, PR

40 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Maus und Mäuse

Geschäfte des Disney-Konzerns (in Mrd. $)

Media Networks

Parks & Resorts

TV-Sender

u. a. ABC (USA)

Disney Channel (100 Sender weltweit

in 34 Sprachen in 166 Ländern)

ESPN (Sport)

Hulu (Internet-TV-Portal)

US-Regionalsender

UTV (Indien)

Seven-TV (Russland)

TV-Produktionsfirmen

Sendungen: Grey’s Anatomy, Castle, Criminal Minds

Consumer Products

Geschäft mit Lizenzen zu Disney-Themen

wie:

Disney-Media

Klassiker (Micky Maus)

Pixar-Figuren (Nemo)

Prinzessinnen & Elfen

Star Wars & Marvel

Disney Publishing u. a.:

Disney Book Group (USA)

Disney Libri (Italien)

Marvel Publishing

Disney English (Sprachschulen in China)

Media

Networks:

Umsatz/Gewinn

20,4/6,8

Consumer Products:

Umsatz/Gewinn

3,6/1,1

Park &

Resorts:

Umsatz/Gewinn

14,1/2,2

11 Vergnügungsparks weltweit, u.a.

Disneyland (Kalifornien)

Disney World (Florida)

Disney Resort (Tokio)

Disneyland (Paris)

Disney Cruise Line

Mit den vier eigenen Kreuzfahrtschiffen

Magic, Wonder, Dream, Fantasy

Disney Vacation Club

mit 12 Wohnanlagen in den USA

Adventures by Disney

Geführte Familienreisen weltweit

Disney-Läden:

USA: 244

Europa: 88

Japan: 46

Walt Disney Studios

Filmproduktion/

Studios:

Walt Disney Pictures

Pixar

Lucasfilm (seit 2012)

Marvel Studios (seit 2010)

Touchstone

Walt Disney

Studios:

Umsatz/Gewinn

6,0/0,6

Kinofilme u. a.:

Eiskönigin, Iron Man, Muppets,

Fluch der Karibik, Star Wars 7,

Findet Nemo, Up, Cars,

Planes, Avengers

Musicals u. a.:

Tarzan, Die Schöne und das Biest,

Der König der Löwen

INFOGRAFIK: STEFFEN MACKERT

Disney Interactive

PC-Spiele für mobile

Geräte und Konsolen u. a.:

Disney Infinity,

Epic Mickey,

Wo ist mein Wasser?

Club Penguin

Disney.com

Disney

Interactive:

Umsatz/Gewinn

1,1/–0,1

Disney-Konzern:

Umsatz/Gewinn

45/6,1

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 41

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Unternehmen&Märkte

FREIZEITPARKS

Am langen Armband

Disney steckt Milliarden in ein neues Rummel-Areal in Shanghai und will die

Besucher anzapfen, um mehr über ihre Konsumgewohnheiten zu erfahren.

„Werte Fluggäste“, schallt es aus den

Lautsprechern, „der Raumgleiter nach

Naboo hebt in wenigen Minuten ab.“ Der

neue „Star Wars“ wirft seinen Schatten

voraus. Disney modernisierte bereits die

„Star Wars“-Halle im Disneyland-Park in

Tokio komplett und baute sie in einen

Weltraum-Flughafen um. Fiktive Fluggesellschaften

wie „Tatooine Transit“ und

„Star Tours“ werben mit dem Filmklassiker.

Der soll Gäste locken und den Umsatz

im zweitgrößten Disney-Geschäftsfeld

nach dem Filmgeschäft weiter

treiben: den Freizeitparks.

Den Löwenanteil zu den Erlösen des

Bereichs tragen noch immer die Urparks

Kreative Ratte Disney-Chef Iger (links)

beim Besuch des defizitären Europa-

Parks des Konzerns in Paris

bei: der weltgrößte Vergnügungspark Disney

World an der Ostküste vor den Toren

Orlandos sowie Disneyland an der Westküste

bei Los Angeles. Allein diese beiden

zählten vergangenes Jahr 75 Millionen

Besucher. Es zahlt sich aus, dass Konzernlenker

Bob Iger und Themenpark-

Chef Tom Staggs in der Rezession nach

der Banken- und Immobilienkrise 2009 in

den Ausbau investierten.

Dank ständig neuer Attraktionen kann

Disney die Preise erhöhen: Seit dem

Frühjahr müssen Besucher von Disneyland

für das Tagesticket 96 Dollar berappen,

vier Dollar mehr. Mehr Geld will sich

Iger auch auf anderen Wegen holen: Der

Schlüssel dazu soll MyMagic+ sein, Disneys

Antwort auf Big Data. Hinter dem

niedlichen Namen verbirgt sich zum Beispiel

ein elektronischer Ausweis in Form

eines Plastikarmbands mit integriertem

Funkempfänger. Es dient als Eintrittskarte,

Hotelzimmerschlüssel und zum Bezahlen

der Einkäufe im Park. Bestandteil

des Programms ist Disneys Fast Pass+,

mit dem sich Fahrgeschäfte bis zu 60 Tage

im voraus buchen lassen.

Neben effizienterer Auslastung bekommt

Disney so eine Menge Daten über

seine Gäste: Welche Attraktionen bevorzugen

sie? Welche Mitbringsel kaufen sie?

In der letzten Weihnachtssaison hatte der

Pass seine Generalprobe im Magic Kingdom

in Orlando. „Wir konnten damit dort

täglich 3000 Besucher mehr aufnehmen“,

prahlte Iger kürzlich. Bisher gibt es

das Armband nur in Florida, weitere Parks

sollen folgen.

ROTE ZAHLEN IN PARIS

Ihre konträre Wette auf den US-Markt,

die nun Früchte trägt, wollen Iger und

Staggs in China wiederholen. Trotz Warnungen

vor einer wirtschaftlichen Abkühlung

will Disney mit chinesischen Partnern

weitere 800 Millionen Dollar in

Disneyland Shanghai investieren. Damit

summiert sich die Gesamtinvestition für

den Themenpark, dessen Eröffnung für

Dezember 2015 geplant ist, auf 5,5 Milliarden

Dollar. Eine eigene Version des Musicals

„Der König der Löwen“ zum Beispiel

soll Gäste locken.

Anfang Juli reiste Iger nach Europa.

Dort zischen die Besucher jetzt in kleinen

blauen Ratten-Mobilen durch die neueste

Attraktion im Europa-Ableger der Parks

bei Paris, den Nachbau eines französischen

Restaurants. Sieben Jahre nach

dem Erfolgsfilm „Ratatouille“ über eine

kreative Ratte, die zum Meisterkoch

avanciert, sind die Park-Macher auf diese

Idee gekommen, um den Verlustbringer

EuroDisney doch noch aufzupeppen. Der

Park schreibt seit Jahren rote Zahlen. Von

Oktober 2013 bis März 2014 fiel ein Verlust

von rund 175 Millionen Dollar an.

peter.steinkirchner@wiwo.de,

matthias.hohensee@wiwo.de | Silicon Valley

Aktien-Info Walt Disney Corp.

ISIN US2546871060

400

300

200

Index: 1.10.2005=100

100

Time Warner

0

05 2007 2009 2011 2013 14

Mitarbeiter

Umsatz (in Mrd. $)

operativer Gewinn (in Mrd. $)

Umsatzrendite (in %)

Eigenkapitalrendite (in %)

Kurs (in $)

KGV 09/14 bzw. 12/14

Börsenwert (in Mrd. $)

Chance

Risiko

Niedrig

Walt Disney

175000

45,0

9,5

20,98

14,41

86,80

20,7

150,3

Geschäftsjahr 2013; Zahlen gerundet;

Quelle: Thomson Reuters, Bloomberg, Unternehmen

Time Warner

34 000

29,8

6,6

22,17

12,31

84,01

21,0

74,1

Hoch

Disney verdient Milliarden mit der Vermarktung seiner

Comic-Figuren in Filmen, Freizeitparks, Musicals und als

Spielzeug. Weniger erfolgreich ist der Unterhaltungskonzern

bisher bei der Expansion in neue Internet-

Geschäftsfelder. Ob sich das mit dem Kauf der Maker

Studios ändern lässt, ist ungewiss.

»

Walt Disney

Folgen von „Iron Man“ mit Robert

Downey Jr. als Titelheld spülten 2,4 Milliarden

in die Kassen. Und „The Avengers“, dessen

zweiter Teil im Mai 2015 starten soll, ist

mit 1,5 Milliarden Dollar Einspielergebnis

hinter „Avatar“ und „Titanic“ der finanziell

dritterfolgreichste Film aller Zeiten.

Netter Nebeneffekt: Mit den durchaus

humorvollen Haudrauf-Filmen hat Disney

bei Jungs einen größeren Fuß in der Tür.

Marvel flutet seither wie Lucasfilm Kinderzimmer

mit seinen Lizenzthemen: So

plündern neben den „Star Wars“-Helden

Luke Skywalker und Darth Vader auch Iron

Man und Thor als in Lizenz produzierte Lego-Figürchen

weltweit die Sparschweine.

Weiter angefüttert wird Disneys Kinderzimmer-Invasion

spätestens im Dezember

2015, wenn Teil sieben von „Star Wars“ in

die Kinos kommt. Analyst Michael Senno

von der Credit Suisse rechnet allein für den

ersten Teil der angekündigten Trilogie mit

Kinoerlösen von 1,2 Milliarden Dollar –

den Tickets dürften die Spielzeuge folgen.

Daher macht Iger offenbar hinter den

Kulissen Druck : Obwohl sich Altstar Harrison

Ford bei den Dreharbeiten an einer

Raumschiff-Tür das Bein schwer verletzt

hatte, beharrt der Disney-Boss auf einem

FOTOS: FACE TO FACE/VISUAL PRESS AGENCY, REUTERS/MIKE SEGAR, ACTION PRESS/COLLECTION CHRISTOPHEL

42 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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pünktlichen Kinostart. Denn eine Verschiebung

könnte weitere Pläne bremsen:

Unabhängig vom Original, will Disney

nach dem Marvel-Strickmuster weitere Filme

drehen, in denen einzelne Sternenkrieger

Abenteuer bestreiten.

LABORVERSUCH IN DEUTSCHLAND

Ein wunder Punkt in Igers Bilanz ist die gescheiterte

Expansion in neue Internet-Geschäftsfelder.

Die Disney-Interaktiv-Sparte,

die Computerspiele entwickelt und Web-

Seiten betreibt, macht seit Jahren Miese

und steuerte 2013 nur magere 2,4 Prozent

zum Gesamtumsatz bei.

Trotzdem hat Iger die Lust am Kauf von

Internet-Unternehmen nicht verloren.

Mindestens 500 Millionen Dollar plus bis

zu 450 Millionen Dollar Erfolgsprämien

beim Erreichen von Umsatzzielen hat Iger

gerade für die Übernahme von Maker Studios

bewilligt. Damit kontrolliert Disney einen

der größten Inhalte-Anbieter für Googles

Online-Plattform YouTube mit rund

55 000 Kanälen und einem weltweiten Publikum

von 380 Millionen Abonnenten.

„Wir sehen Maker Studios zuallererst als

erfolgreiche Vertriebsplattform“, sagt Iger.

Vor allem bringt das Unternehmen Expertise

beim Vermarkten von Videos via Web

mit, die Iger seinem Konzern einimpfen

will. Disney will so seine abendfüllenden

Streifen mit Kurzvideos kombinieren, um

zu einem der führenden Anbieter von Online-Unterhaltung

aufzusteigen.

Ob das gelingt, steht in den Sternen. Wie

schnell sich Geschmäcker und Trends ändern,

hat Disney bei seinem gescheiterten

Ausflug in die Welt der Social Games erfahren.

Zudem haben Betreiber von YouTube-

Teure Übernahmen Der Kinohit „Iron Man“

aus den Marvel Studios ist jetzt Teil des

Medienimperiums von Disney

Kanälen Schwierigkeiten, Gewinne mit Inhalten

zu erzielen: Google kassiert 45 Prozent

der Werbegelder.

Neben neuen Distributionswegen setzt

Iger weiter auf bewährte Medienkanäle wie

seinen Disney Channel. Der TV-Sender hat

sich binnen 17 Jahren in 167 Ländern breitgemacht

– mal im Bouquet eines Bezahlsenders,

mal im Free-TV.

Zu Jahresbeginn startete der Konzern im

hart umkämpften TV-Markt Deutschland

eine Art Laborversuch, in dem er sich nicht

allein auf Kinder konzentriert: Senderchef

Lars Wagner packt das Programm mit Sendungen

voll, die vom Vorschulkind bis zu

Erwachsenen, vor allem Frauen, je nach

Tageszeit unterschiedliche Zuschauergruppen

einfangen sollen.

So streut der Sender in das Kinderprogramm

am Nachmittag Hinweise auf

Abendsendungen für Mama mit Filmen

wie „Der König der Löwen“ oder Serien wie

Guter Start für

den Disney

Channel dank

Muppet-Star

Kermit

„Baby Daddy“. „Die Positionierung des

deutschen Disney Channel ist weltweit

einmalig“, sagt Wagner. „Wir stehen deshalb

konzernintern unter Beobachtung,

wie wir uns schlagen.“

Bisher zeigt sich Wagner, der die Geschicke

des Senders aus einem unscheinbaren

Bau in einem Gewerbegebiet im Osten

Münchens lenkt, zufrieden: „Tagsüber liegen

wir an vielen Tagen bei den Kindermarktanteilen

im zweistelligen Prozentbereich

und sind auch am Abend auf einem

guten Weg.“ Damit lägen die Zuschauerzahlen

ein halbes Jahr nach dem Start

„deutlich über unseren ursprünglichen

Zielen“ und erreichten auch in der Primetime

Marktanteile von mehr als einem Prozent

bei den Erwachsenen.

Für Iger und die Führungsriege im fernen

Burbank ist der TV-Kanal vor allem

eins: das Einfallstor für weitere Konzernprodukte.

„Durch den Disney Channel

haben wir sehr gute Möglichkeiten, unsere

Kinofilme, Musicals und alle unsere Themen

in einem passenden Umfeld bekannt

zu machen“, sagt Wagner. Wie wichtig der

Ableger ist, zeigt der achtstellige Betrag für

das Marketing: Kaum eine Bushaltestelle

zwischen Flensburg und Garmisch kam

vor dem Start ohne Disney-Plakat aus.

Igers Finanzwart Rasulo wirft denn auch

ein wachsames Auge auf das Investment:

„Uns geht es um Allgegenwart, um Präsenz

in der Wohnung und beim gemeinsamen

Familien-Fernsehen. Der Disney Channel

ist das perfekte Vehikel, um unsere Inhalte

überall zu platzieren.“

n

peter.steinkirchner@wiwo.de,

matthias.hohensee@wiwo.de | Silicon Valley

43

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Unternehmen&Märkte

»Die Welt ist aus der

Balance geraten«

INTERVIEW | Paul Polman Der Chef des Konsumgüterriesen Unilever will die Welt verbessern: Hunger

bekämpfen, nachhaltiger produzieren, Verpackungsmüll vermeiden und dabei den Umsatz verdoppeln.

Paul Polman hält den inoffiziellen

Grand-Slam-Titel der Konsumgüterbranche:

Der 58-jährige Niederländer war bei

den drei Top-Konzernen in führenden Positionen

– zuerst bei Procter & Gamble, dann

bei Nestlé und seit 2009 als Chef von Unilever.

Beim Gespräch im Londoner Headquarter

mit Blick auf die Themse trägt Polman

Manschettenknöpfe in der Form des

Unilever-„U“. Der 1,90-Meter-Hüne spricht

Englisch mit leicht niederländischem

Akzent, trinkt Tee und knabbert Pistazien.

Polman wächst mit drei Brüdern und

zwei Schwestern in Enschede im Osten der

Niederlande auf. Er studiert Wirtschaft an

der Uni Groningen. Für den MBA in

Finanzen und Internationalem Marketing

geht er in die USA. Weil Bekannte seiner

Eltern dort wohnen, verschlägt es ihn nach

Cincinnati im Staat Ohio – Sitz des Pampers-Konzerns

Procter & Gamble. Dort

jobbt er, um sein Studium zu finanzieren –

und bleibt für Jahrzehnte. Zunächst als

Controller im Hauptquartier, am Ende als

Chef für das Europageschäft mit mehr als

60 Milliarden Euro Umsatz. In den USA

lernt Polman seine Ehefrau Kim kennen,

eine Cellistin, mit der er drei Söhne hat.

2003 wird er vom „Wall Street Journal“

zum „European Business Leader of the

Year“ gekürt. Drei Jahre später holt ihn

Nestlé-Chef Peter Brabeck als Finanzvorstand

zum Schweizer Maggi- und Nespresso-

Hersteller. Knapp drei Jahre später kommt

es zum Showdown zwischen Paul und

Paul: Polman und Nestlé-Manager Paul

Bulcke ringen um die Nachfolge Brabecks.

Der Ausgang ist bekannt, Bulcke führt Nestlé

bis heute. Polman wird ein Jahr später

Chef – beim Konkurrenten Unilever.

Ein, zwei Mal im Jahr kommt der Weltenbummler

zum Familienbesuch nach

Enschede. Sein Vater, der beim Reifenhersteller

Vredestein in der Fabrik arbeitete, habe

zwei Nebenjobs gehabt, um seinen Kindern

ein Studium zu ermöglichen. „Ich weiß, wo

ich herkomme“, sagt Polman. „Bei uns

heißt das: Vergiss nie deine Hausnummer.“

Herr Polman, Sie sind Chef eines Konzerns,

der offiziell in London und Rotterdam

beheimatet ist. Haben Sie Angst vor einem

EU-Austritt der Briten?

Unilever ist in 190 Ländern tätig. Die wenigsten

davon sind in der EU. Wir sind es

gewohnt, mit unterschiedlichen rechtlichen

und kulturellen Bedingungen umzugehen.

Schon jetzt ist Großbritannien kein

Mitglied der Euro-Zone. Deshalb warne ich

davor, diese Debatte zu dramatisieren.

Der Austritt wäre also kein Problem?

Für die Wirtschaft wäre es besser, wenn das

Vereinigte Königreich in der EU bliebe. Das

eigentliche Problem ist ein anderes: Die Welt

verändert sich, Europa muss wettbewerbsfähiger

werden. Wir haben wegen der Finanz-

Aktien-Info Unilever

ISIN NL0000009355

200

180

160

140

120

100

80

60

Index: 1.1.2009=100

2009 2010 2011 2012 2013 14

Umsatz (in Mio. €)

Mitarbeiter

Operatives Ergebnis (in Mio. €)

Operative Umsatzrendite (in %)

Eigenkapitalrendite (in %)

Kurs (in €)*

KGV (2014)

Börsenwert (in Mrd. €)**

Chance

Risiko

Niedrig

Unilever

* Stand 29.07.2014; ** Stand 29.07.2014;

Quelle: Thomson Reuters

Nestlé

Unilever

49797

174000

7517

15,10

32,57

31,96

19,89

97,6

Nestlé

75065

333000

12029

16,02

16,21

56,60

19,77

182,5

Hoch

Unilever erwirtschaftet stabile Gewinne, die Dividende für

die Aktionäre steigt. Allerdings gilt die Bewertung unter

Experten als etwas zu hoch. Ob es gelingt, mit einem total

auf Nachhaltigkeit getrimmten Geschäftsmodell den

Umsatz zu verdoppeln, muss sich ebenfalls erst noch

erweisen.

krise zu viel Nabelschau betrieben. Heute leben

viel mehr Menschen in China als in der

EU. Wenn Europa zersplittert, dann haben

wir keine gemeinsame starke Stimme.

Wie stark ist Unilever von den Sanktionen

gegen Russland betroffen?

Jedes multinationale Unternehmen ist betroffen,

wenn eine Volkswirtschaft nicht in

der Lage ist, in einem friedlichen Umfeld

und rechtsstaatlichen Verhältnissen zu

agieren. Unilever gibt es aber schon seit

mehr als 100 Jahren, und wir haben den

Zusammenbruch von Währungen und Regierungen

überlebt – und auch Kriege.

Die Sanktionen schmerzen Sie also nicht?

Geopolitische Konflikte sind für Unternehmen

immer Anlass zur Sorge, denn sie führen

zu neuen Handelsbarrieren. Es sterben

heute zwar weniger Menschen als früher

an den Folgen von Kriegen. Aber es gibt

mehr Konflikte, und das bewirkt, dass das

Wirtschaftsleben nicht mehr richtig funktioniert

wie in Nigeria, im Nahen Osten

oder der Ukraine. Wir Unternehmen müssen

daran arbeiten, dass sich der Lebensstandard

der Menschen verbessert.

Im November 2010 haben Sie mit dem

Unilever Sustainable Living Plan (USLP)

einen Zehn-Jahres-Masterplan für nachhaltiges

Wachstum gestartet. Wie klappt

es mit der Umsetzung?

Lassen Sie mich zunächst erklären, worum

es bei unserem Fokus auf Klimawandel, Ernährungssicherheit

sowie Wasser- und Sanitärversorgung

geht. Die Welt ist aus der

Balance geraten: Einige konsumieren zu

viel, andere können gar nicht teilhaben.

Das begünstigt Bürgerproteste wie wir sie

in Brasilien oder in der Occupy-Bewegung

gesehen haben. Wir wollen mit unserem

nachhaltigen Geschäftsmodell zeigen,

dass man es ganz anders machen kann.

Und wie genau?

Wir wollen den Umsatz verdoppeln,

gleichzeitig aber schädigende Folgen unseres

Geschäfts auf die Umwelt reduzieren

und unseren Beitrag zu einer positiven gesellschaftlichen

Entwicklung erhöhen.

»

FOTO: CHRIS GLOAG FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

44 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Messias der Branche

Unilever-Chef Polman trimmt

den Konsumgüterriesen

konsequent auf Nachhaltigkeit

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 45

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Unternehmen&Märkte

»

Wir wollen den Zusammenhang zwischen

Wachstum und den normalerweise

steigenden negativen Auswirkungen auf

die Umwelt entkoppeln. Wir übernehmen

die Verantwortung für die gesamte Wertschöpfungskette

vom Bauern bis zum Konsumenten.

Die meisten Unternehmen beginnen

erst bei der Produktion im eigenen

Haus, auf die Umwelteinflüsse zu achten.

Wo steht Unilever bei den USLP-Zielen?

2010 bezogen wir nur 14 Prozent unserer

landwirtschaftlichen Rohstoffe aus nachhaltigem

Anbau, jetzt sind wir schon bei 48

Prozent. Bis 2020 sollen es 100 Prozent

sein. Unilever hat 303 Millionen Menschen

geholfen, ihre Gesundheit mit Handwasch-Kampagnen,

Trinkwasseraufbereitung

und Mundhygiene-Initiativen zu verbessern,

während es 2010 nur 52 Millionen

waren. Unser Ziel sind eine Milliarde Menschen.

75 Prozent unserer Fabriken produzieren

heute keinen Abfall mehr. In ganz

Europa verwenden wir nur noch umweltfreundliche

Energiequellen.

Sie verbessern also die Welt. Das klingt

gut. An der Börse zählen aber vor allem

harte Fakten – was sagen die Aktionäre?

Diese Bemühungen haben sich nicht zum

Nachteil ausgewirkt. Unser Umsatz ist von

2009 bis 2013 um 25 Prozent gewachsen, unsere

Gewinne nehmen zu, unser Aktienkurs

hat sich verdoppelt. Der Plan hilft uns, Geld

zu sparen, Risiken zu minimieren und Innovationen

voranzutreiben. Jetzt nutzen wir

die Größe von Unilever – weltweit verwenden

rund zwei Milliarden Konsumenten unsere

Produkte jeden Tag, man findet sie in

sieben von zehn Haushalten –, um einen

echten Wandel anzustoßen.

Die Weltbevölkerung wächst, die Agrarflächen

schwinden. Steuern wir weltweit

auf eine Lebensmittelknappheit zu?

Die Flächen verschwinden nicht, wir zerstören

sie. Weltweit haben wir inzwischen

1,2 Milliarden Hektar an verödeten Böden.

Die könnte man wieder für die Landwirtschaft

nutzbar machen und so weitere 300

Millionen Menschen ernähren. In den

kommenden 30 Jahren wird die Weltbevölkerung

um 1,7 Milliarden Menschen wachsen,

die Mittelschichten jedes Jahr um etwa

160 Millionen Menschen. Wir werden etwa

70 Prozent mehr Nahrungsmittel produzieren

müssen wegen der steigenden Geburtenraten

und um die Ansprüche derjenigen

zu befriedigen, deren Essgewohnheiten

sich mit einem wachsenden Lebensstandard

ändern.

Was kann man dagegen tun, dass knapp

eine Milliarde Menschen hungert?

Der Club of Rome hat gesagt, wir können

nicht genug Essen für alle produzieren. Ich

bin anderer Meinung. Man benötigt nur 80

Milliarden Dollar. Das Problem lässt sich lösen,

indem man die Verschwendung abbaut,

sowohl auf den Transportwegen als auch

durch unverhältnismäßige Mindesthaltbarkeitsdaten.

Wir verschwenden heute etwa 30

bis 40 Prozent aller Lebensmittel, das kostet

»Die Europäer

haben entschieden,

sich

nicht mehr

fortzupflanzen«

die Welt 750 Milliarden Dollar. Gleichzeitig

müssen wir unsere Essgewohnheiten ändern.

So wird aus Knappheit Überfluss.

Die Ertragsentwicklung bei Unilever

war im ersten Halbjahr verhalten. Woran

liegt das?

Uns hat die Wechselkursentwicklung in

Schwellenländern wie etwa Indien geschadet.

Die Rupie hat gegenüber dem Euro

rund 20 Prozent eingebüßt. Da wir in Euro

bilanzieren, sah es nicht so gut aus. Wir

sind aber langfristig in diesen Ländern engagiert

und verfallen daher nicht in Panik.

Es gibt also keinen Bedarf für weitere

Kostensenkungen?

Die muss man immer machen. In Europa

und den USA haben die Verbraucher weniger

verfügbares Einkommen, die Regierungen

bürden uns höhere Kosten auf, das

Wachstum in diesen Ländern ist schwach.

Ja, wir müssen dort die Kosten reduzieren

und unsere Belegschaft verringern. Es wird

aber kein konzernweites Restrukturierungsprogramm

geben.

Sie haben angekündigt, den Umsatz bis

2020 zu verdoppeln. Glauben Sie daran?

Vorsicht! Wir haben nie ein Datum genannt.

Wenn wir sagen, dass wir den Umsatz

verdoppeln wollen, dann ist das mehr

der Hinweis auf unsere Grundeinstellung

als ein Ziel. Wir haben unseren Umsatz

schon um 25 Prozent erhöht...

...in vier Jahren.

Natürlich würden wir lieber den Umsatz

in 10 statt in 15 Jahren verdoppeln. Und es

wäre schön, wenn das noch in meiner

Amtszeit gelänge. Unilever hatte von 2001

bis 2004 eine Phase des Niedergangs, in

der die Erlöse von 52 auf 37 Milliarden

Euro fielen. Bei meinem Amtsantritt im

Januar 2009 habe ich gesagt, es gibt keinen

Grund, warum wir unseren Umsatz

nicht verdoppeln können, wir müssen

wieder eine Wachstumsmentalität entwickeln.

Wir haben dann in den vergangenen

vier Jahren mehr als zehn Milliarden

Euro Umsatz draufgepackt – das ist fast

das Geschäftsvolumen des Waschmittelherstellers

Henkel. Dieses gesamte

Wachstum kam aus Entwicklungs- und

Schwellenländern.

Aber ohne Zukäufe wird die Verdopplung

trotzdem kaum machbar sein.

95 Prozent des Unilever-Wachstums ist

organisch. Wir haben einige Zukäufe

gemacht, aber auch Bereiche verkauft,

die nicht mehr zum Kerngeschäft gehören.

Die Gewerkschaften sind darüber unglücklich,

klar. Aber nur so können wir

überleben.

Unilever macht heute rund 55 Prozent

des Umsatzes in Schwellenländern. Bis

2020 sollen es 75 Prozent sein. Ist das

nicht eine riskante Strategie?

Als die Wirtschaft in Brasilien oder Indien

stark wuchs, sagten alle: Es ist ein großes

Plus für Unilever, dort präsent zu sein. Als

dann die Konjunktur und die Währungen

in diesen Ländern schwächelten, ging das

Geschrei los: Es ist ein großer Nachteil,

dass Unilever in diesen Märkten so stark

ist. 80 Prozent der Weltbevölkerung werden

künftig in Schwellenländern leben.

Die Europäer haben sich nun mal entschieden,

sich nicht mehr fortzupflanzen.

FOTO: CHRIS GLOAG FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

46 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Große Auswahl

Der Unilever-Konzern und seine bekanntesten Marken (Umsatzanteile in Prozent)

Körperpflege

Haushalts- und Textilpflege

18%

36%

Rexona

Axe

Dove

Gesamtumsatz

49,8 Mrd. Euro

19%

Viss

Domestos

Coral

Lebensmittel

27%

Erfrischungen

Lipton

Pfanni

Knorr

Du darfst

Langnese

Ben & Jerry’s

Quelle: Unternehmen

In Deutschland liefern sich Markenartikler

wie Nestlé, Danone oder Henkel

sowie Handelskonzerne wie Rewe, Edeka

oder Aldi mit ihren Eigenmarken einen

erbitterten Kampf. Wie reagiert Unilever?

Wir müssen neue, innovative Produkte auf

den Markt bringen, die nicht so schnell kopierbar

sind. Sehr gut laufen zum Beispiel

die sogenannten Compressed Deos, die

wir zu Beginn des Jahres unter den Marken

Dove und Rexona eingeführt haben.

Und die was können?

Sie sind mit einem grünen Streifen gekennzeichnet

und halten bei einer kleineren

Verpackungsgröße von 75 Millilitern – und

damit rund 20 Prozent weniger Verpackungsmüll

– genauso lange wie die bisher

erhältlichen 150-Milliliter-Sprays. Und das

zum gleichen Verkaufspreis.

Aber tendenziell greifen die Deutschen

doch am liebsten zum billigeren Produkt?

Das glaube ich nicht. Billig allein zieht

nicht mehr. Niemand will Geld für ein Produkt

ausgeben, das sein Versprechen nicht

hält. Die Qualität ist wichtiger. Hinzu

kommt immer mehr das Wissen, unter

welchen Bedingungen ein Produkt hergestellt

wird. Viele, vor allem jüngere deutsche

Konsumenten, finden es nicht mehr

cool, ein T-Shirt für drei, vier Euro zu kaufen,

das etwa in Bangladesch unter fragwürdigen

Umständen produziert wurde.

Diese Art von billig will niemand mehr.

Leider wohl doch, betrachtet man die

Erfolge der Billigketten KiK oder Primark.

In der Hamburger Deutschland-Zentrale

heißt es, Sie würden sich eher für die Rettung

der Welt als für die Belange der Mitarbeiter

interessieren. In der Belegschaft

werde seit Jahren der Rotstift angesetzt.

Als Vorstandsvorsitzender bin ich nicht

engagiert worden, einen Beliebtheitswettbewerb

zu gewinnen. Ich bin hier, um das

Richtige für das Unternehmen und die

Gesellschaft zu tun, und das über eine

lange Zeit. Wenn Märkte wie in Europa

nicht mehr wachsen, weil die Menschen

weniger Realeinkommen zur Verfügung

haben, müssen wir Wege finden, wie wir

unsere Produkte trotzdem verfügbar

machen können. Und das heißt nun mal

Kosten senken und eben auch manchmal

Fabriken schließen, wenn der Bedarf nicht

mehr da ist. Ich verstehe die Einwände und

Sorgen der Mitarbeiter, und wir gehen

respektvoll mit jedem Einzelnen um, der

seine Arbeit verliert. Aber die Realität ist

leider so.

Sie möchten, dass später einmal über

Sie gesagt wird: Paul Polman hat die Welt

etwas besser zurückgelassen, als er Sie

vorgefunden hat.

Ja. Das ist viel besser, als derjenige gewesen

zu sein, der den Gewinn ein bisschen verbessert

hat oder den Marktanteil von Dove

um einen Prozentpunkt gesteigert hat.

Analysten oder Ihr Aufsichtsrat dürften

das aber anders sehen.

Da müssen Sie ihn fragen. Und was Analysten

schreiben, lese ich schon lange nicht

mehr. Sie denken in Quartalen, wir denken

langfristig.

Im Gespräch mit Ihnen wird man den

Eindruck nicht los, hier sitzt der Messias

unter den Konzernvorständen dieser Welt.

Wären Sie nicht besser in der Politik, bei

der UNO oder irgend einer einflussreichen

Nichtregierungsorganisation (NGO) aufgehoben?

Unilever ist eine der größten NGO der Welt.

Wir sind nicht staatlich. Wir beschäftigen

mehr Frauen und geben mehr Geld für

Kleinkredite in unserer Wertschöpfungskette

aus als jede andere NGO. Der wichtigste

Unterschied ist:Wir müssen niemanden

um die finanziellen Mittel bitten. n

mario.brueck@wiwo.de, yvonne esterházy | London

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 47

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Unternehmen&Märkte

Schlacht der

Schummler

VERPACKUNGSMÜLL | Das neue Gesetz zur Einsammlung von

Konserven, Tüten und Plastikbechern verschärft den Kampf

um den Abfall – und nützt vor allem dem Marktführer DSD.

andere. Denn seit Monaten liefern sich die

Unternehmen seiner Branche einen Streit,

der schmutziger kaum sein könnte. Die

neun Wettbewerber werfen sich gegenseitig

vor, gesetzliche Schlupflöcher zum

Schaden der anderen auszunutzen. Sie unterstellen

einander, Zahlen zu manipulieren

oder geschäftsschädigende Gerüchte

zu streuen. Der Gipfel ist der Vorwurf, einige

Wettbewerber würden die Branche erpressen.

Geht es nach dem Gesetzgeber, sollte der

Streit der Vergangenheit angehören. Vor

wenigen Wochen verabschiedete der Bundesrat

eine Novelle der Verpackungsverordnung.

Die soll die Schlupflöcher schließen,

mit deren Hilfe Händler und Hersteller

sich aus der Entsorgungspflicht für ihre

Verpackungen stehlen und so das ganze

System gefährden können.

Doch von Frieden kann keine Rede sein.

Mehrere der neun Verpackungsmülldienstleister

hierzulande fühlen sich massiv

benachteiligt und werfen dem Gesetzgeber

vor, mit der Novelle vor allem den

Branchenpionier und Marktführer Duales

System Deutschland (DSD) zu fördern.

Das Gesetz sei eine Lex DSD, heißt es in der

Branche.

Raffael Fruscio kann gar nicht aufhören,

über seine Branche zu schimpfen.

„Zusammenhalt gab es noch

nie“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter

der Reclay Group in Köln. „Doch

mittlerweile misstraut jeder jedem.“

Fruscios Firma Reclay ist einer von neun

Dienstleistern, die in Deutschland das Einsammeln

von Verpackungsmüll, meist deponiert

in gelben Tonnen vor der Haustür,

organisieren. Dafür bekommen die Unternehmen

Geld von den Herstellern und

Schmutzige Branche

Um die Kosten der gelben

Tonne auf andere abzuwälzen,

tricksen Handelsketten,

Hersteller und Verpackungsmüllfirmen

gewaltig

Handelsketten, die die Ketchupflaschen,

Konservendosen oder Plastikbeutel in die

Regale bringen. Dieses getrennte Sammeln

und Verwerten von Verpackungsmüll parallel

zum sonstigen Haushaltsabfall heißt

Duales System, und Duale Systeme nennen

sich auch die Unternehmen, die die

Zweitsammlung ermöglichen.

„Eigentlich gelten die Dualen Systeme

weltweit als Vorbild“, sagt Reclay-Chef

Fruscio und verschränkt verärgert die Arme,

„eigentlich“. Doch die Realität ist eine

SCHLUSS MIT SCHLUPFLÖCHERN

„Durch die Gesetzesänderung werden die

Margen zurückgehen. Kosten können nur

noch über die Masse reingeholt werden.

Das können nur die großen Anbieter“, sagt

Reclay-Chef Fruscio. Und an erster Stelle

stehe nun mal DSD. „Als Marktführer hat

das DSD die besten Skaleneffekte“, meint

ein anderer Branchenkenner. DSD profitiere

durch seine Größenvorteile in besonderem

Maße von den erwarteten Mehreinnahmen,

die die Gesetzesnovelle der Branche

bescheren soll.

DSD selbst will sich dazu nicht äußern.

„Zukünftige Zahlen für DSD oder andere

Duale Systeme zu prognostizieren ist angesichts

der gegenwärtigen Unsicherheit

über die weitere Entwicklung der Branche

derzeit nicht möglich“, heißt es aus der

Konzernzentrale.

Das Kölner Unternehmen nimmt eine

Sonderstellung unter den Verpackungsmüllunternehmen

ein. Durch seine Gründung

1991 ist die gesonderte Erfassung

und Einsammlung von Verpackungsmüll

in Deutschland überhaupt erst entstanden.

Ausgangspunkt war die von der damaligen

schwarz-gelben Koalition verabschiedete

Verpackungsordnung. Die sollte den Haushaltsmüll

verringern, indem Hersteller und

FOTOS: DDP IMAGES/VOLKER HARTMANN, PR

48 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Der Weg des Verpackungsmülls

So funktioniert das Duale System

Duale Systeme

Quelle: eigene Recherche

bezahlen

bezahlt für die Entsorgung

des Verpackungsmülls

(z.B. ca. 600 Euro pro Tonne Plastik)

Hersteller

und Handel

bringen in Verkehr

bringen in Verkehr

bezahlt für die Entsorgung

des Verpackungsmülls

(z.B. ca. 150 Euro pro Tonne Plastik)

bezahlen

Duale Systeme

und andere Anbieter

Entsorger

Entsorger

Händler verpflichtet wurden, die von ihnen

in die Regale gebrachten Verpackungen

gesondert zu entsorgen und in festgelegten

Anteilen wiederverwerten zu lassen.

Das machen Händler und Hersteller jedoch

nicht selbst. Stattdessen lassen sie ihre

Tüten, Dosen und Becher bei einem der

Dualen Systeme lizenzieren, etwa bei Reclay

oder beim Pionier DSD, der die Verpackungen

dann mit dem Grünen Punkt

kennzeichnet. Dafür bezahlen die Hersteller

und Händler die Dualen Systeme. Im

Gegenzug beauftragen diese Entsorgungsunternehmen,

den Abfall aus der gelben

Tonne oder Glascontainern einzusammeln,

sortieren, recyceln oder verbrennen

zu lassen (siehe Grafik unten).

Fast 13 Jahre lang beherrschte DSD als

Monopolist den Markt. Dann verordnete

die EU-Kommission die Liberalisierung,

und 2003 trat mit der Firma Landbell in

Mainz der erste Wettbewerber an. Obwohl

es mittlerweile neun Anbieter gibt, kommt

DSD aber noch immer auf einen Marktanteil

von rund 50 Prozent.

Und der dürfte, so die Angst der Wettbewerber,

durch die Gesetzesnovelle wieder

steigen. Denn die neuen Vorschriften machen

Schluss mit den Sonderlösungen und

Schlupflöchern. So dürfen Händler und

Hersteller vom kommenden Jahr an keine

Verpackungen mehr über sogenannte Eigenrücknahmen

selbst entsorgen, etwa

durch Müllbehälter hinter den Supermarkt-

und Drogeriekassen. Und auch sogenannte

Branchenlösungen für Großverbraucher

wie Hotels oder Tankstellen

schränkt das neue Gesetz stark ein. Bisher

konnten zum Beispiel Hersteller medizinischer

Produkte ihre Verpackungen, derer

sich Krankenhäuser entledigen, gesondert

entsorgen lassen und damit bis zu 75 Prozent

gegenüber dem aufwendigen System

der gelben Tonnen sparen.

Doch in der Praxis missbrauchten Handel,

Hersteller und auch die Dualen Systeme

diese beiden Entsorgungswege allzu

oft, um Lizenzgebühren für die Entsorgung

ihres Mülls über die gelbe Tonne zu sparen.

In Wirklichkeit landeten etwa die Verpackungen

von Zahnbürsten nur selten im

Container des Drogeriemarktes, sondern

in den gelben Tonnen vor der Haustür, ohne

dass die Hersteller für deren Leerung

holt ab

GELBE TONNE

Verpackungen

Gelbe Tonne

BRANCHENLÖSUNG

Durch neues Gesetz erheblich eingeschränkt

holt ab

Müllcontainer

»Die Praxis hat

den Markt ruiniert«

sammelt

Verpackung

sammelt

Verpackung

Verbraucher

Großverbraucher

z.B. Restaurants, Hotels

DSD-Geschäftsführer Stefan Schreiter

die höheren Lizenzgebühren entrichteten.

So stieg bei den Eigenrücknahmen die

Müllmenge im ersten Quartal dieses Jahres

um 166 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum,

berichtet das Branchenmagazin

Euwid. Entsprechend viel Geld ging den

Dualen Systemen verloren, die mit ihren

Lizenzeinnahmen die Leerung der gelben

Tonnen bezahlen müssen.

STREIT UM 100 MILLIONEN EURO

Von der Schummelei profitierten nicht

nur die Hersteller und Händler, sondern

auch die Dualen Systeme selbst. Denn

je weniger lizenzierte Mengen ein Systembetreiber

der gemeinsamen Clearingstelle

der Branche meldet, umso weniger muss

er zur Finanzierung der Entsorger des

gesamten Verpackungsmülls in Deutschland

beitragen. Bei rund 800 Millionen

Euro, die dazu in diesem Jahr nötig sind,

bedeutet jedes Prozent weniger Marktanteil

acht Millionen Euro weniger Überweisung

an die Entsorgungsbranche. Also

rechneten die Dualen Systeme ihre Müllmengen

klein, indem sie der gemeinsamen

Clearingstelle weniger Tüten, Becher und

Konservendosen meldeten, als letztlich in

den gelben Tonnen landeten und teuer

abtransportiert werden mussten. „Die

gemeldeten Mengen waren absolut wirklichkeitsfremd“,

sagt Axel Schweitzer,

Vorstandsvorsitzender der Berliner Alba-

Gruppe, die hinter dem Dualen System

Interseroh steht.

Vor allem DSD prangerte diese Entwicklung

an. Als Marktführer litt das Unternehmen

besonders unter den schwindenden

Lizenzeinnahmen. Große Kunden sprangen

ab und wechselten zur Konkurrenz,

die auch dank Schlupflöchern wesentlich

billigere Angebote machen konnten. „Die

Praxis hat den Markt ruiniert“, schimpft

DSD-Geschäftsführer Stefan Schreiter.

Zwischenzeitlich haben die Schummeleien

ein Loch von hochgerechnet 100 Millionen

Euro in das System gerissen. So viel

Geld mussten die Dualen Systeme in diesem

Jahr zusätzlich aufbringen, um die

Entsorger weiterhin bezahlen zu kön-»

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 49

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Unternehmen&Märkte

»

nen. Erst Mitte vergangener Woche

konnten sich die Kontrahenten über weite

Strecken einigen, wer welchen Anteil dieser

Kosten trägt. Offen blieb ein Betrag von

rund 21 Millionen Euro, den DSD und Interseroh

übernehmen müssten. Die beiden

Unternehmen haben jedoch Schwierigkeiten,

das Geld aufzubringen.

Die Konkurrenz wirft dem Marktführer

DSD hinter vorgehaltener Hand vor, die

ruinöse Abwärtsspirale durch die Schummeleien

provoziert zu haben, auch um die

Verabschiedung der Novelle zu beschleunigen.

„Mit der Novelle hat DSD den Wert

seines Unternehmens enorm gesteigert“,

sagt ein Branchenkenner.

Als Indiz für ihre These betrachten die

Kritiker die plötzliche Kündigung der Verträge

mit der gemeinsamen Clearingstelle

durch DSD im Februar. Denn damit

sprengte der Marktführer die Regeln zur

Berechnung der Marktanteile. Stattdessen

mussten die Wettbewerber nun ihre Anteile

aushandeln. Und das ging nur mit der

Zustimmung des Marktführers. „Durch die

Kündigung der Clearingverträge hat DSD

den Markt erpresst“, sagt ein Wettbewerber.

»Der Markt ist eigentlich

nicht groß genug für neun

Anbieter«

Reclay-Chef Raffael Fruscio

Machtfaktor DSD

Marktanteile der neun Dualen Systeme, die

in Deutschland die Entsorgung von

Verpackungsmüll organisieren*

DSD

Interseroh

Landbell

Eko-Punkt

Reclay

BellandVision

Veolia

Zentek

RKD

0,8

0,4

18,1

12,2

2,5 5,0

6,1

* nach Anteil der Beiträge zu den Entsorgungskosten;

Quelle: Euwid

% 50,2

4,7

AUS FÜR DREI BIS VIER ANBIETER

Der Marktführer wehrt sich gegen die Vorwürfe

und sieht sich sogar als Opfer von

Manipulationen durch die Konkurrenz.

„Wir haben bereits in den Jahren 2009 bis

2013 überproportional Kosten und damit

Verantwortung übernommen und letztlich

die Stabilität des Systems garantiert“, sagt

Geschäftsführer Schreiter. DSD habe viele

große Kunden verloren, trotzdem sei der

Marktanteil nicht zurückgegangen. Allein

im ersten Quartal dieses Jahres sei für DSD

deshalb ein Schaden von 26 bis 30 Millionen

Euro entstanden. Das Unternehmen

habe im Frühjahr die Gesellschafter um eine

Kapitalerhöhung bitten müssen.

Das Argument lässt die Konkurrenz allerdings

nicht gelten. „Die Kündigung der

Verträge hat einen Prozess in Gang gesetzt,

der von DSD durchaus erwünscht war“, behauptet

ein Wettbewerber. Denn zur gleichen

Zeit arbeitete das Umweltministerium

an Änderungen der Verpackungsordnung,

weil das System in die wirtschaftliche

Schieflage schlitterte.

Handel und Hersteller müssen deshalb

künftig mehr bezahlen. Alle angeblich

selbst zurückgenommenen Verpackungen

müssen nun teuer lizenziert werden. Branchenexperten

rechnen damit, dass durch

erhöhte bürokratische Auflagen außerdem

60 bis 90 Prozent der Branchenlösungen

wegfallen. „Die Hersteller werden für

Verpackungen zahlen, die sie am Ende

über die Eigenrücknahme oder Branchenlösung

selbst entsorgen“, sagt Thomas

Mehl, Geschäftsführer von BellandVision

im bayrischen Pegnitz, Deutschlands

zweitgrößtem Dualem System hinter DSD.

Hermann Hüwels, Experte des deutschen

Industrie- und Handelskammertages

(DIHK) in Berlin, schätzt die Mehrkosten

für die Wirtschaft auf mindestens 100 Millionen

Euro.

Von dem Geldregen dürfte in erster Linie

der Branchenführer DSD profitieren. Die

Systembetreiber, die auf Branchenlösungen

und die Eigenrücknahme spezialisiert

sind, drohen dagegen Kunden zu verlieren.

„Für die Systeme, die kein zweites Standbein

neben der Lizenzierung haben, könnte

es schwierig werden“, sagt Matthias

Harms, Geschäftsführer des Entsorgungsbereichs

der französischen Veolia-Gruppe.

Selbst über Insolvenzen wird spekuliert.

„Die Novelle könnte für drei bis vier der

Dualen Systeme das Aus bedeuten“, sagt

Eric Rehbock, Geschäftsführer des Bundesverbandes

für Sekundärrohstoffe und

Entsorger (BVSE) in Bonn. Gewinner wäre

auch dann voraussichtlich DSD. „Wenn

tatsächlich einige Systeme wegfallen, muss

ein Anbieter deren Marktanteile übernehmen.

Da hat der Marktführer die besten

Chancen“, meint Rehbock. „Der Markt ist

eigentlich nicht groß genug für neun Anbieter“,

sagt Reclay-Chef Fruscio.

Der Sohn eines italienischen Einwanderers

und Müllmanns hat es zum drittgrößte

Anbieter unter den Dualen Systemen in

Deutschland gebracht. Trotz des Wegfalls

bei den Branchenlösungen rechnet er für

sich mit steigenden Umsätzen, weil Reclay

wahrscheinlich wieder mehr Verpackungsmüll

lizenzieren werde. „Der Umsatz

könnte von 180 Millionen Euro in diesem

Jahr auf 200 bis zu 250 Millionen Euro steigen“,

mutmaßt Fruscio.

REIN UND RAUS

Für Marktführer DSD dürfte der Effekt

noch größer sein. In der Branche halten

sich hartnäckig Gerüchte um einen möglichen

Verkauf von DSD. Das Unternehmen

ist seit Langem in der Hand von Finanzinvestoren.

2004 kaufte sich Kohlberg, Kravis

Roberts & Co. (KKR) aus den USA für 260

Millionen Euro ein. Sechs Jahre später

reichte KKR die Anteile für einen dreistelligen

Millionenbetrag an Geschäftsführer

Schreiter und die britischen Investoren Solidus

Partners weiter. Seit 2011 hält der US-

Investor HIG Europe Anteile.

Verkaufsprospekte und eine Kurzpräsentation,

die DSD als Kandidaten für einen

Börsengang darstellt, kursieren bereits.

DSD bestreitet die Gerüchte jedoch

und behauptet, bei der Präsentation handele

es sich um Fälschungen. „Die Gesellschaft

steht weder ganz noch teilweise zum

Verkauf. Auch ein Börsengang ist nicht beabsichtigt“,

sagt Schreiter.

Doch die Uhr tickt. Selten planen Beteiligungsgesellschaften,

länger als fünf Jahre

bei einem Unternehmen zu bleiben. Und

steigen dank der Gesetzesnovelle Umsatz

und Gewinn, können sich Schreiter und

seine Investoren Hoffnung auf eine Wiederholung

des Spiels vor zehn Jahren machen

– rein in den Müll, raus aus dem Müll,

und dabei möglichst viele Millionen mitnehmen.

n

jacqueline.goebel@wiwo.de

FOTO: PR

50 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Die Bürger sind

zu stark, um

zu straucheln

Bankenprotest

in den USA

Kampf mit der Hydra

BANKEN | Immer neue Verfahren, immer höhere Strafen – die Ermittlungen der US-Behörden werden

zum unkalkulierbaren Risiko für die Branche. Im Fokus steht auch die Deutsche Bank.

Am Schluss sind die Bösen dann doch

einsichtig. Sie geben alles zu, geloben

Besserung und fügen sich in ihre

harte, aber verdiente Strafe. Die Guten

feiern den Triumph der Gerechtigkeit, rühmen

sich selbst und schicken ein paar markige

Warnungen an die anderen Missetäter

da draußen. Euch, so ihr Versprechen, kriegen

wir auch noch.

Die Guten sind ein Heer US-amerikanischer

Justizbeamter, Spezialermittler und

Bankenaufseher. Die Bösen sind die Banken.

Für sie ist der Kampf ein zunehmend

unkalkulierbares Risiko. Die Höhe der

Bußgelder steigt ebenso wie die Zahl der

Verfahren. Und wenn eins abgeschlossen

ist, taucht oft umgehend das nächste auf.

Mancher fühlt sich an Herrn K. aus Franz

Kafkas Roman „Der Prozess“ erinnert, in

dem ein Bankbeschäftigter von einer undurchdringlichen

Richter- und Ermittlerschar

gejagt wird – und am Ende verliert.

Angetrieben von der Politik, wollen sich

die US-Behörden einen Teil des Schadens

wiederholen, den die Banken mit dubiosen

Geschäften vor der Finanzkrise verursacht

haben. Nach Berechnungen der US-Bank

Morgan Stanley haben die Institute weltweit

in den Jahren nach 2008 schon Strafen

in Höhe von umgerechnet 150 Milliarden

Euro gezahlt oder entsprechende Rückstellungen

gebildet. Wissenschaftler der London

School of Economics kommen bei

zehn großen Banken allein auf fast 200 Milliarden

Euro. Wie viel es insgesamt wird, ist

kaum abschätzbar. Denn ständig kommen

neue Ermittlungen hinzu.

Die treffen fast immer auch die Deutsche

Bank. Mit ihrer starken Präsenz in den USA

steht sie besonders im Fokus der Verfolger.

Schon länger laufen Verfahren wegen Fehlbewertungen

verbriefter Immobilienkredite

vor der Bankenkrise 2007, möglicher

Manipulationen von Referenzzinsen, Devisenkursen

und Edelmetallpreisen und wegen

der Umgehung von Sanktionen gegen

Schurkenstaaten. Nun kommen noch Ermittlungen

wegen möglicher Verstöße gegen

US-Wertpapiergesetze im Hochfrequenzhandel

hinzu.

Allein zwischen März und Juni hat

Deutschlands größtes Geldhaus die Rückstellungen

für Prozesse um 400 Millionen

auf 2,2 Milliarden Euro erhöht. Hinzu kommen

3,2 Milliarden Euro für Verfahren, bei

denen die Bank es für möglich, wenn auch

nicht wahrscheinlich hält, dass sie zur Kasse

gebeten wird. Die Zahlen sind nur Näherungswerte

aus komplexen Modellrechnungen.

„Die tatsächlichen Kosten sind

nicht vorhersagbar“, heißt es in der Präsentation

zum jüngsten Quartalsergebnis.

RISKANTER RACHEFELDZUG

Intern gilt der Rachefeldzug der US-Behörden

längst als das größte Risiko: für den

Anspruch der Bank, im weltweiten Geschäft

auch künftig eine wichtige Rolle zu

spielen. Und für ihren Co-Chef Anshu Jain,

der als früherer Ober-Investmentbanker

für die meisten Geschäfte verantwortlich

war, die die US-Verfolger nun ins Visier genommen

haben.

Um das US-Risiko einigermaßen unter

Kontrolle zu halten, hat sich das Institut sogar

der deutschen Finanzaufsicht BaFin

widersetzt. Die hat der Bank empfohlen,

ihren in New York ansässigen Chefjuristen

Richard Walker durch einen Experten in

der Frankfurter Zentrale zu ersetzen. Walker

darf trotzdem bleiben. Damit erhofft

FOTO: GETTY IMAGES/ALEX WONG

52 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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sich die Bank eine bessere Verhandlungsposition

in den USA.

Auf die allein kommt es an. Denn die US-

Verfahren enden nach oft jahrelangen Verhandlungen

stets mit einem Vergleich. Eine

Alternative dazu gibt es kaum. Keine

Bank will sich öffentlich mit der US-Justiz

anlegen. Denn dabei müsste sie nicht nur

peinliche Enthüllungen fürchten. Sie säße

auch am eindeutig kürzeren Hebel.

So wie BNP Paribas. Die französische

Großbank hatte zwischen 2004 und 2012

Dollar-Geschäfte mit Kunden im Sudan,

Kuba und dem Iran abgewickelt, obwohl

die USA diese Staaten offiziell zu Feinden

erklärt und mit Sanktionen belegt hatten.

Die Bank habe ein komplexes System installiert,

um Zahlungen zu vertuschen und

die US-Behörden zu täuschen, monierten

die Ermittler. Vor allem aber habe sie „nicht

vollumfänglich kooperiert“. Erst als die Behörden

damit drohten, BNP Paribas für

zwei Jahre von Geschäften in den USA auszuschließen,

zeigte sich die Bank einsichtig.

Der Vergleich Ende Juni kostete sie

neun Milliarden Dollar.

Solch gigantische Summen sind auch

das Ergebnis politischen Drucks. Nach den

ersten Vergleichen mit Banken wegen vergleichbarer

Verfehlungen hatten US-Politiker

diese als zu lasch kritisiert. Schließlich

ging es um Geschäfte mit Staaten, die den

Terrorismus finanzierten und US-Soldaten

auf dem Gewissen hatten. Französische

Politiker vermuteten angesichts der Härte

der Entscheidung noch andere Motive. Sie

»Das System ist

in vielen Fällen

hochgradig

intransparent«

US-Wirtschaftsstrafrechtler Peter Henning

hochgradig intransparent“, sagt Peter Henning,

Professor für Wirtschaftsstrafrecht an

der Wayne State University in Detroit. „Seit

die Öffentlichkeit lautstark ein hartes Vorgehen

gegen Banken fordert, wollen die

Behörden Zeichen setzen und die Banken

wirklich das Fürchten lehren.“

Das können sie, weil in den USA für die

Höhe der Zahlung nicht nur der angerichtete

Schaden entscheidend ist. „Hinzu

kommen Faktoren wie die Höhe des Marktanteils,

das Maß der Kooperation, das

Funktionieren interner Kontrollen und Vorkehrungen

gegen künftige Verfehlungen“,

sagt Dirk Bliesener, Bankenexperte bei der

Kanzlei Hengeler Mueller in Frankfurt.

Das gilt auch für die Commerzbank, die

sich ebenfalls seit Jahren wegen Verstößen

gegen US-Sanktionen mit den dortigen Behörden

herumplagt. Zuletzt stand ein Vergleich

in Höhe von 500 Millionen Dollar im

Raum. Gerade die Sanktionsfälle zeigen,

wie weit der Arm der US-Justiz greift.

„Transaktionen können im Heimatland einer

Bank völlig legal sein, aber über die

Niederlassung in den USA haben die Behörden

dort dennoch einen Ansatzpunkt

für ein Verfahren“, sagt Manuel Lorenz,

Bankenexperte bei der Kanzlei Baker &

McKenzie in Frankfurt.

Zusätzlich kompliziert wird das, weil

sich mitunter gleich mehrere Bankenjäger

ein regelrechtes Wettrennen liefern. Bei

der Commerzbank sollen es gleich fünf

sein. Auf Ebene des Bundesstaates New

York sollen die Bankenregulierungsbeunterstellten,

dass die USA bewusst ihre eigenen

Banken schonen und europäische

Institute schädigen wollen.

Deutsche Bankmanager halten wenig

von derartigen Vorwürfen. Mit gutem

Grund: Zwar haben US-Banken wegen des

Verstoßes gegen Sanktionen bisher kaum

Strafen kassiert. Insgesamt haben sie aber

deutlich mehr gezahlt als ihre europäischen

Wettbewerber. Mit 13 Milliarden

Dollar ist JP Morgan der Rekordhalter für

eine Einzelstrafe. Insgesamt zahlte die

größte US-Bank allein im vergangenen Jahr

23 Milliarden Dollar für Rechtsstreitigkeiten.

Sie konnte es sich leisten. Am Jahresende

stand für sie dennoch ein Gewinn

von 18 Milliarden Dollar.

NACH OBEN OFFEN

Eine Obergrenze für Strafen gibt es nicht.

Es gilt allenfalls das ungeschriebene Gesetz,

dass sie die Existenz eines großen Instituts

nicht gefährden sollen. „Das System

der Strafbemessung ist in vielen Fällen »

Milliardenhammer

Strafzahlungen von Banken an US-Behörden (Auswahl)

Zeitpunkt

Bank Land Summe (in Mrd. US-Dollar)

Grund

2/2009 UBS

Schweiz 0,8

Beihilfe zur Steuerhinterziehung Justizministerium, Börsenaufsicht SEC

7/2010 Goldman Sachs USA

0,6

Immobiliendeals vor Finanzkrise Börsenaufsicht SEC

6/2012 ING

Niederlande 0,6

Verstoß gegen Handelsembargo Justizministerium

12/2012 UBS

Schweiz 1,3

Libor-Manipulation

Justizministerium, Bankenaufsicht CFTC

12/2012 HSBC

Großbritannien 1,9

Geldwäsche

Justizministerium

2/2013 Royal Bank of Scotland Großbritannien 0,5

Libor-Manipulation

Justizministerium, Bankenaufsicht CFTC

9/2013 JP Morgan

USA

0,8

Handelsskandal

Aufsichten OCC, CFTC, SEC, Zentralbank Fed

10/2013 Rabobank

Niederlande 0,8

Libor-Manipulation

Justizministerium, Bankenaufsicht CFTC

11/2013 JP Morgan

USA

13,0 Immobiliendeals vor Finanzkrise Justizministerium

12/2013 Deutsche Bank Deutschland 1,9

Immobiliendeals vor Finanzkrise Bankenaufsicht FHFA

3/2014 Bank of America USA

9,5* Immobiliendeals vor Finanzkrise Bankenaufsicht FHFA

3/2014 Credit Suisse Schweiz 0,9

Immobiliendeals vor Finanzkrise Bankenaufsicht FHFA

5/2014 Credit Suisse Schweiz

2,6

Beihilfe zur Steuerhinterziehung Justizministerium

6/2014 BNP Paribas Frankreich

9,0

Verstoß gegen Handelsembargo Justizministerium

7/2014 Citi

USA

7,0

Immobiliendeals vor Finanzkrise Justizministerium

7/2014 Lloyds Großbritannien 0,2

Libor-Manipulation Justizministerium, Bankenaufsicht CFTC

* inklusive 3,2 Milliarden Dollar Rückkauf von Wertpapieren; Quelle: Bankenangaben

Behörde

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 53

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Unternehmen&Märkte

»

hörde und ein Bezirksstaatsanwalt aus

Manhattan aktiv sein, in Washington sitzen

das Justizministerium, der für den Gerichtsbezirk

zuständige Staatsanwalt und

die Zentralbank an dem Fall.

Bekommen Behörden oder Ermittler

Wind von Verstößen, können sie nach eigenem

Ermessen Untersuchungen anstellen

und auch ohne Absprache untereinander

Strafen verhängen und Gerichtsverfahren

beginnen. Das führt dazu, dass sich Unternehmen

bei größeren Ermittlungen oft mit

einem Dutzend verschiedener Verfahren

konfrontiert sehen. In einzelnen Fällen waren

es schon mehr als 30 Ermittlergruppen,

die mit den Anwälten der Banken in einem

Raum verhandelten. Der Staatsapparat gilt

als „Hydra“. Habe man sich mit einer Behörde

geeinigt, tauchten umgehend zwei

neue auf.

»Die tatsächlichen

Kosten sind nicht

vorhersagbar«

Deutsche-Bank-Halbjahresbericht

Wichtigster Verfolger ist aber das US-Justizministerium.

Es ist an nahezu allen Verfahren

beteiligt und die einzige Behörde,

die eine strafrechtliche Anklage erheben

kann. Zu den Ermittlern gehören neben der

Bundespolizei FBI und der örtlichen Polizei

die Staatsanwaltschaften auf Bundes- und

Bezirksebene. Hinzu kommen noch eigens

zur Aufklärung der Machenschaften von

Banken etablierte Sonderermittler.

Unabhängig davon zieht eine ganze Reihe

von Behörden ins Feld – von der US-

Zentralbank über die Börsenaufsicht SEC

und die Federal Trade Commission (FTC),

die für Kartellfragen und Verbraucherschutz

zuständig ist, bis zur Commodity

Futures Trading Commission (CFTC), die

die Optionsmärkte beaufsichtigt, und der

Federal Housing Finance Agency (FHFA)

die über Hypothekenfinanzierer wacht

und schon Milliarden kassiert hat.

Das ist in Deutschland unvorstellbar.

Zwar kann auch die BaFin Bußgelder verhängen,

doch wirken die im Vergleich mikroskopisch

winzig. Im Normalfall enden

sie bei fünf Millionen Euro.

n

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt,

martin seiwert | New York

In kleinen Schritten

zu großen Zielen

SERIE GRÜNDER (IV) | Entrepreneurship Gesponsert von BASF, beweisen

deutsche Psychologen in Afrika, dass Unternehmergeist erlernbar ist.

Janet Lynn Tar Gutu erinnert sich noch

genau, wie sie sich früher fühlte: extrem

schüchtern, verunsichert, nicht

in der Lage, ein Unternehmen zu führen.

So begann sie ihr Studium der Informatik

an der Universität in Kampala, der Hauptstadt

von Uganda.

Heute, fünf Jahre später, erkennt sich die

Afrikanerin kaum noch mehr selbst. Aufrecht

steht die dunkelhäutige schlanke

Frau, rahmenlose Brille, blauer Blazer,

blau-silbernes Armband, hinter dem Pult

des gefüllten Hörsaals. Mit fester Stimme

erzählt sie den Studenten, was sie vollbracht

hat.

Drei Unternehmen hat Janet Lynn Tar

Gutu aufgebaut, und das in nur einem halben

Jahrzehnt. Mit einem Kommilitonen

gründete sie erst eine Hühnerfarm, dann

ein Softwareunternehmen. Ganz in der

Nähe der Universität verkauft sie in einem

eigenen Laden Softeis. Damit sorgt sie

inzwischen nicht nur für ihren eigenen

Lebensunterhalt, sondern hat auch noch

Arbeitsplätze in dem wirtschaftlich schwer

angeschlagenen Staat in Ostafrika geschaffen.

Aus der schüchternen Informatik-

Studentin ist eine Businessfrau geworden.

Die Metamorphose hat die heute 28-Jährige

einem Team unter Leitung von Michael

Frese zu verdanken, Professor für Psychologie

an der Leuphana Universität Lüneburg

und der Nationaluniversität Singapur.

Die Wissenschaftler sind angetreten zu

beweisen, dass Unternehmertum keine

Frage der Gene, sondern der Einstellung

und des richtigen Trainings ist. Dazu haben

sie ein Projekt namens „Student Training

for Entrepreneurial Promotion“, kurz

Step, aufgelegt.

Finanziert wird das Step-Projekt vom

deutschen Arm der Weltkulturorganisation

Unesco, dem Deutschen Akademischen

Austauschdienst (DAAD) und dem deutschen

Chemiekonzern BASF. 2008 startete

das Projekt in Uganda, mittlerweile bieten

Frese und sein Team das Programm auch

an Universitäten in Kenia, Tansania, Ruanda

und Liberia an. 2014 könnte mit den

Philippinen das erste Entwicklungsland

außerhalb Afrikas hinzukommen.

„Unternehmerisches Handeln bezieht

sich eben nicht nur auf Umsatz und Profitraten,

sondern es geht auch darum, etwas

aufzubauen und sich so selbst ein gutes Leben

gestalten zu können“, sagt Hartmut

Unger, Geschäftsführer der BASF Stiftung,

die das Projekt in Uganda sowie in Kenia

drei Jahre finanziell unterstützt. Danach

sollen die Universitäten die Kurse selbstständig

weiterführen können.

100 DOLLAR STARTKAPITAL

Step ist eine Mischung aus Büffeln und

Business. Die Teilnehmer, in der Regel Studenten

aus geistes- oder naturwissenschaftlichen

Fächern ohne betriebswirtschaftliche

Kenntnisse, erhalten drei Monate

lang eine Grundausbildung in Buchhaltung,

Marktanalyse und Marketing. Den

Lehrstoff hat das Lüneburger Team zusammen

mit afrikanischen Experten entwickelt.

Die sollen den afrikanischen Studenten

auf Augenhöhe beibringen, wie sie eine

Nische finden und darin auch mit wenigen

Ressourcen ein Geschäft in den Schwellenländern

aufbauen können. Und das nicht

nur in der Theorie, sondern auch ganz

praktisch.

100 Dollar Startkapital bekommen die

Studentengruppen zur Verfügung gestellt.

Damit können sie während des Trainings

ein eigenes Start-up gründen. Doch die

Studenten dürfen nur den Gewinn behalten,

das Startkapital müssen sie zum Ende

des dreimonatigen Trainings wieder zurückzahlen.

Zwischen 82 und 95 Prozent

des Geldes sei bei den einzelnen Kursen

wieder zusammengekommen, sagen die

Studienleiter. „Es gibt immer ein paar, die

nicht die gesamte Summe zurückzahlen

können“, sagt Frese. Doch das seien meist

ehrliche Fehler, von denen die gesamte

Gruppe lernen könne.

Die Geschäftsideen, an denen sich die

Teilnehmer versuchen, sind vielfältig: Die

einen basteln und verkaufen Grußkarten,

die anderen stellen Säfte aus frischem Obst

54 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: PR

her. „Wir haben Bücher verkauft, kleine Taschenbücher

über Religion“, erzählt Janet

Lynn Tar Gutu. Das erste Buch verkaufte sie

an ein Mitglied aus Freses Team, Michael

Gielnik. Der Juniorprofessor an der Leuphana

Universität koordinierte das Projekt

vor Ort. Dann ging Janet über den Campus

und sprach Studenten an, die ihr prompt

auch Bücher abkauften.

„Als ich merkte, das funktioniert, wurde

ich irgendwann selbstbewusster“, erinnert

sich die heutige Multiunternehmerin. „Da

habe ich gemerkt, dass ich eine Verkäuferin

sein kann.“

ZU EINEM DRITTEL DIE GENE

Nach diesem Wirkprinzip versuchen die

Trainer, aus den Studenten Unternehmer

zu machen. „Die Teilnehmer erfahren,

dass auch große Ziele in kleinen Schritten

bewältigt werden“, sagt Betreuer Gielnik.

Die Teilnehmer beobachten ihre eigenen

Handlungen, bringen sich selbst zum Handeln

und werden dadurch zu Machern.

50 bis 55 Prozent der Kursteilnehmer

gründeten nach ein bis zwei Jahren tatsächlich

ein Unternehmen. In einer Kontrollgruppe

mit Studenten, die das Training

nicht absolvierten, lag die Quote bei

nur 30 Prozent. „Im Durchschnitt haben

unsere Teilnehmer doppelt so viele Arbeitsplätze

geschaffen wie die Kontrollgruppe“,

rechnet Gielnik vor.

Als mindestens so wertvoll wie diese Bilanz

betrachten die Psychologen, dass die

Teilnehmer dabei das Unternehmerische

in sich geweckt und gelernt haben, mit

Rückschlägen umzugehen. So beschloss

Aus Rückschlägen gelernt Studenten in

Tansania nach Teilnahme am Gründerkurs

eines der Teams, von seinen 100 Dollar einen

Laden für frisch gepressten Fruchtsaft

aufzubauen. Die Teilnehmer bekamen ein

günstiges Angebot für frisches Obst wie

Mangos, Papayas und Ananas. Sie steckten

ihr ganzes Kapital auf einmal in den Erwerb

der Rohstoffe – nach dem Motto: Je

mehr jemand auf einen Schlag investiert,

desto schneller kann er möglichst viel verkaufen

und einen maximalen Gewinn erzielen.

Dabei hatten die forschen Gründer jedoch

einen entscheidenden Aspekt des

Unternehmerischen vernachlässigt: das

Risiko. Plötzlich fiel der Strom aus, das

Obst verrottete in der Hitze, bevor sie es

pressen und verkaufen konnten. „Das gesamte

Kapital war weg“, erinnert sich Gielnik.

Die Saftverkäufer gaben nicht auf,

sammelten bei Eltern und Verwandten

Geld, kauften neues Obst und arbeiteten

sich langsam wieder hoch. Am Ende waren

sie in der Lage, einen Großteil des Kapitals

»Die Teilnehmer

lernten, Handlungsmuster

zu

durchbrechen«

Psychologe Michael Frese

Drei Unternehmen in fünf Jahren

Gründerin Janet Lynn Tar Gutu aus Uganda

zurückzahlen. „Die Teilnehmer mussten

lernen, ihr bisheriges Handlungsmuster zu

durchbrechen und ein anderes zu finden“,

sagt Psychologe Frese.

Janet Lynn Tar Gutu hat dieses Prinzip

längst verinnerlicht. Als sie ihre Eisdiele eröffnete,

suchte sie in Kampala nach einer

Eismaschine. „Aber die waren zu teuer“,

sagt sie. Sie fand eine viel günstigere im

Internet. Nur hatte Janet noch nie online

etwas gekauft und auch niemand in ihrem

Bekanntenkreis. Jemand Fremden Geld zu

überweisen in der Hoffnung, dass die Ware

tatsächlich kommt, war ihr zu gefährlich.

Sie kontaktierte einen chinesischen Händler,

mailte lange mit ihm hin und her und

ging das Risiko ein. Der Händler lieferte,

Janet eröffnete ihre Eisdiele. Mittlerweile

hat sie zwei Angestellte.

Wäre Step in Deutschland ebenso erfolgreich?

Deutsche Gründer müssten sich

mehr spezialisieren und bräuchten deshalb

meist mehr Fachwissen, sagt Frese.

„Aber aus psychologischer Sicht braucht es

dieselben Fähigkeiten, mit sich selbst und

den durch die Umwelt vorgegebenen Umständen

umzugehen.“ Entscheidend sei die

Proaktivität, sagt Frese, die Fähigkeit, sich

selbst Ziele zu setzen und diese aktiv anzusteuern

– ein Macher zu sein, also.

„Das Persönlichkeitsmerkmal der Proaktivität

ist zu rund einem Drittel durch die

Gene beeinflusst“, gibt sich Frese optimistisch,

„aber eben nur zu einem Drittel.“ n

jacqueline.goebel@wiwo.de

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 55

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Technik&Wissen

Der andere Mr. Amazon

PORTRÄT | Gründer und CEO Jeff Bezos sieht seinen Internet-Giganten Amazon

längst als einen gigantischen Lotteriegewinn – der dem Multimilliardär erlaubt, seine

exotischen und utopischen High-Tech-Projekte zu finanzieren.

Mal eben 126 Millionen Dollar

Verlust im gerade vergangenen

Quartal – was soll’s? Im

laufenden Quartal könnte

das Minus sogar auf bis zu

810 Millionen Dollar wachsen. Die Amazon-

Aktie stürzt um fast zehn Prozent ab – wen

kümmert es außer ein paar kurzsichtigen Aktionären?

Schlechte Arbeitsbedingungen in

den Warenlagern, vom hessischen Bad

Herzfeld bis nach Breinigsville im US-Bundesstaat

Pennsylvania – lästige Kleinigkeiten.

Jeff Bezos, Gründer und CEO des größten

Online-Händlers der Welt, scheint all das

nicht zu interessieren. Die Mühe, schlechte

Zahlen und Nachrichten zu erklären,

macht er sich jedenfalls schon lange nicht

mehr (siehe Kasten Seite 60).

Seine nicht gerade wenigen Kritiker halten

den drahtigen 50-Jährigen längst für einen

skrupellosen Hasardeur, der seine mittlerweile

20 Jahre alte Kreation Amazon um

jeden Preis immer größer machen will – ohne

Rücksicht auf Aktienkurs und Rendite.

Der selbst langjährige Partner wie derzeit

den französischen Großverlag Hachette

oder die deutschen Verlage Ullstein und

Carlson der Bonnier-Gruppe rücksichtslos

an die Wand spielt. Für seine Feinde ist er

ein Ausbeuter, den der Internationale Gewerkschaftsbund

gerade zum schlimmsten

Chef der Welt gekürt hat, weil er seine

Lagerarbeiter „wie Roboter behandle“.

Wer ist dieser Mann? Was treibt ihn an?

Ist der wahre Bezos womöglich ein verkannter

Wohltäter, ein Segen für die Allgemeinheit?

Schließlich will er das Weltall

besiedeln und damit die Menschheit retten,

zumindest zwei bis drei Millionen Vertreter

des Homo sapiens.

Sind Amazon sowie Bezos’ umfangreiche

Beteiligungen an hoch bewerteten Internet-Unternehmen

wie der Bettenbörse

Airbnb, dem Kurznachrichtendienst Twitter

und der Taxi-App Uber nur simple

Geldmaschinen, um diesen visionären

Plan zu finanzieren? Ist kleinkarierte Kritik

deshalb völlig unangebracht?

Die simple Antwort für Bezos: ja. „Seine

Internet-Aktivitäten sind Mittel für noch

ambitioniertere Ziele“, meint der Trendfor-

VITA

1964 Geboren als Jeffrey Preston

Jorgensen in Albuquerque, US-Bundesstaat

New Mexico.

1968 Miguel Bezos, neuer Ehemann der

Mutter Jacklyn Gise, adoptiert ihn.

1982 Jahrgangsbester seiner

Highschool in Miami.

1986 Abschlüsse in Computerwissenschaften

und Elektrotechnik an der

Princeton-Universität.

1990 Analyst beim New Yorker Hedgefonds

D. E. Shaw & Co.

1994 Gründung von Cadabra in Seattle,

später in Amazon umbenannt.

1997 Börsengang von Amazon.

2000 Das „Time Magazine“ kürt ihn

zum Mann des Jahres.

2000 Bezos gründet das Raumfahrtunternehmen

Blue Origin.

2015 Amazon übertrifft voraussichtlich

die Umsatzschwelle von 100 Milliarden

Dollar.

scher Mark Anderson aus Seattle, der Bezos’

Imperium genau studiert hat.

Der Online-Pionier hat sich im Laufe der

Jahre an einem bunten Sammelsurium von

Firmen beteiligt (siehe Seite 58), für das

kein Problem der Menschheit zu groß ist:

Mit Juno Therapeutics will er den Krebs besiegen,

mit Vicarious künstliche Intelligenz

schaffen und mit General Fusion per Kernfusion

die Energieprobleme der Welt lösen.

Und da ist Bezos’ Liebling Blue Origin, mit

dem er seinen Jugendtraum – günstige Reisen

ins All – verwirklichen will.

Aus seinen Absichten hat er nie einen

Hehl gemacht. Zumindest das können ihm

seine Kritiker nicht vorhalten. 1997 postulierte

der damals 33-Jährige in seinem ersten

Schreiben an die Amazon-Aktionäre

seine Prinzipien. „Alles ist langfristig ausgerichtet“,

erklärte er. „Weil wir uns darauf

fokussieren, mögen wir anders entscheiden

und Konflikte anders angehen als einige

andere Unternehmen.“

Auch seine Vision vom Besiedeln des

Weltraums hat er nie verheimlicht. 1982

gab der künftige Mogul als Jahrgangsbester

seiner Highschool dem „Miami Herald“

ein Interview. Und erklärte darin selbstsicher,

dass er im All Hotels, Vergnügungsparks

und Kolonien für zwei bis drei Millionen

Menschen errichten wolle. Hirngespinste

eines glühenden Star-Trek-Fans?

Bezos war damals 18 Jahre alt und wirkte

schon als Zwölfjähriger erwachsen. Geboren

ist er in Albuquerque, New Mexico.

Zwei Vorbilder prägten seine Jugend: sein

Stiefvater Miguel Bezos, der im Alter von 16

Jahren aus Kuba flüchtete, zum Ingenieur

im Erdölkonzern Exxon aufstieg und seinem

Sohn einschärfte, wie bedeutend

»

FOTO: AUGUST/JOE PUGLIESE

56 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Visionär oder Spinner?

Bezos will den Weltraum

erobern – und sich

damit einen Kindheitstraum

erfüllen

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 57

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Technik&Wissen

FIRMENIMPERIUM

SOFTWARE

Basecamp (Softwareentwicklung)

Skytap (Softwareentwicklung)

Aviary (Foto-App)

Finsphere (Authentifizierung)

BILDUNG

General Assembly

Everfi

GESUNDHEIT

Juno Therapeutics

(Krebstherapie)

ZocDoc (Arztvermittlung)

Qliance (Versicherung)

RAUMFAHRT

Blue Origin

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

Vicarious

UNTERNEHMENSSOFTWARE

Workday (Buchhaltung)

Basecamp (Projektmanagement)

Domo (Managementsysteme)

Rescale (Simulationen)

Doxo (Dokumentenmanagement)

Der

Tausendsassa

Amazon-Gründer Jeff Bezos hat

sich an einem Sammelsurium

von Unternehmen beteiligt.

COMPUTER

D-Wave

(Quantenrechner)

SOZIALE MEDIEN

Nextdoor (Nachbarschaftsnetzwerk)

Twitter (Kurznachrichten)

StackExchange

(Wissen)

ROBOTIK

Rethink Robotics

FINANZEN

Remitly

(Zahlungssystem)

SPIELE

Linden Lab (Virtuelle Welten)

SGN (Spieleentwicklung)

Kongregate (Online-Spiele)

MEDIEN

Washington Post

Business Insider

(Wirtschaftsportal)

Vessel (Videoplattform)

WOHLTÄTIGKEIT

Crowdrise (Spendenplattform)

HANDWERK/INDUSTRIE

Glassbaby (Glaskunst)

MFG.com (Marktplatz für

Fertigungsaufträge)

Pro.com (Preisvergleich

Hausrenovierung)

ENERGIE

General Fusion (Kernfusion)

Sapphire Energy (Algen)

ONLINE-MARKTPLÄTZE

Airbnb (Zimmervermittlung)

Uber (Personenbeförderung)

INTERNET-SUCHE

Google

AMAZON.COM

(AUSWAHL)

Audible (Audiobooks)

Alexa (Web-Analyse)

Zappos (Schuhe, Kleidung)

IMDb (Spielfilm-Datenbank)

Junglee.com (Online-Shop

für Indien)

ComiXology (Digitale Comics)

Diapers.com (Windeln)

58 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: FOTOGLORIA, LUZPHOTO; ILLUSTRATION: JAVIER ZARRCINA

»

Freiheit für das persönliche

Schicksal ist. Und sein Großvater

Preston Gise.

Der Vater von Bezos’ Mutter Jacklyn

leitete das Regionalbüro der US-

Atomenergiekommission. Jeff verbrachte

stets seine Sommerferien mit

ihm auf der Familienranch im texanischen

Cotulla, wo ihm sein Großvater

beibrachte, Zäune und Traktoren zu

reparieren. Und er fuhr ihn zur örtlichen

Bücherei, die über eine reiche

Auswahl an Science-Fiction-Literatur

verfügte, in die sich Bezos vertiefte

und von Ausflügen ins All träumte.

KNAPP DEM TOD ENTGANGEN

Der hochintelligente Bezos studierte

später Informatik in Princeton und

entdeckte Anfang der Neunzigerjahre,

damals Analyst bei einem New Yorker

Hedgefonds, die Wachstumschancen

des Internets – und sein ganz persönliches

Lotterielos, um seine Träume

umzusetzen. Was folgte, ist heute

amerikanische Wirtschaftsfolklore.

Der frischvermählte Informatiker

kündigte seinen Job und zog mit seiner

Frau McKenzie gen Westen, im

Gepäck den halb fertigen Geschäftsplan

für einen Online-Händler. In Seattle,

am anderen Ende der USA,

gründete er vor 20 Jahren in einer Garage

Amazon, startete mit dem Verkauf von

Büchern, die er höchstpersönlich in seinem

Privatwagen zum Versand bei UPS ablieferte.

Vom Start weg offerierte er eine

30-tägige Umtauschfrist, obwohl seine Mitarbeiter

das für verrückt hielten. Doch die

Retouren hielten sich, wie von Bezos erwartet,

in Grenzen. Fünf Jahre später, 1999

setzte sein Start-up eine Milliarde Dollar

um. Im nächsten Jahr werden es voraussichtlich

100 Milliarden Dollar sein.

„Ich habe die Lotterie gewonnen“, witzelt

Bezos gern, gefolgt von stoßartigen Lachern,

für die er berüchtigt ist und die seine

Zuhörer irritieren. Das große Los, das ihm

erlaubt, seine Ideen und Visionen zu verwirklichen

– auf der Erde und im All.

Im Januar ist Bezos 50 geworden. Das Alter

hat seine Ambitionen nicht gedämpft.

Rückschläge kalkuliert er ein. Noch immer

führt er Amazon mit strenger Disziplin, gewürzt

mit gelegentlichen Wutausbrüchen.

2001 – kurz nach dem Platzen der Dotcom-Blase

– verhinderte er den Beinahe-

Bankrott seines damals noch jungen Imperiums

nur knapp. 2003 überlebte er einen

Hubschrauber-Absturz in Texas. Bei dem

10 000 Jahre Zeit Modell der „Clock of the Long Now“

Unfall habe er gedacht, „was für eine dumme

Art zu sterben“, erzählte Bezos später.

Mit dieser Lebenserfahrung, vier Kindern,

einem verschworenen Familienclan und

einem Vermögen von gut 30 Milliarden

Dollar kann ihm herzlich egal sein, was seine

Kritiker von ihm halten.

Gradatim Ferociter – Schritt für Schritt,

aber beharrlich. Dieser lateinische Spruch

könnte das Lebensmotto von Bezos sein.

Kein Wunder, dass es das Wappen von Blue

Origin, seinem ambitioniertesten Vorhaben,

ziert. Lange war die 2000 gegründete

Firma ultrageheim, deren Hauptsitz sich

gegenüber vom internationalen Flughafen

Seattles befindet. Das Gebäude ist gespickt

Mit 30 Milliarden

Dollar Vermögen

können Bezos

Kritiker egal sein

mit Requisiten der Star-Trek-Filme.

Hier verwirklicht er seinen Kindheitstraum:

Das Start-up und seine angeblich

400 Mitarbeiter – so viel ist bisher

bekannt – entwickeln eine Raumfähre,

die Astronauten und Weltraumtouristen

ins All befördern.

Sein Finanzier lüftete erst etwas

den Schleier des Geheimnisses, nachdem

Elon Musk mit SpaceX ins Weltraumgeschäft

einstieg. Der ist ebenfalls

Internet-Milliardär, der Bezahldienst

PayPal hat ihn reich gemacht,

und nebenbei noch Gründer des

Elektroauto-Pioniers Tesla Motors.

Musk verfolgt einen ähnlichen

Kindheitstraum wie Bezos, nur konkreter.

„Ich will dabei helfen, den

Mars zu besiedeln“, sagt er.

AM BODEN FESTGENAGELT

Beide Milliardäre liefern sich einen

harten Wettbewerb um die Gunst der

US-Weltraumagentur Nasa, von deren

Aufträgen ihre Firmen abhängen.

Zum Ärger von Bezos liegt Musk derzeit

vorn. Dessen Dragon-Raumtransporter

hat bereits mehrfach die

Internationale Raumstation mit Material

versorgt. Vor allem soll Musks

Firma, die knapp 4000 Mitarbeiter beschäftigt,

bereits profitabel arbeiten.

Blue Origin hingegen unternahm

zwar Teststarts, hat aber bis heute nichts

ins All befördert. Ursprünglich sollten

schon 2010 erste Flüge für Weltraumtouristen

stattfinden. Davon ist keine Rede mehr.

Das hat Folgen fürs Geschäft: Wettbewerber

SpaceX hat bereits Aufträge von knapp

zwei Milliarden Dollar von der Nasa erhalten.

Blue Origin bisher nur 25,7 Millionen

Dollar an Fördergeldern. Bezos hat nach

Angaben von Blue Origin rund eine halbe

Milliarde Dollar in die Firma gesteckt – wie

bei Amazon ist kein Profit in Sicht.

Bezos stört das nicht: „Man muss immer

langfristig denken“, sagt er oft. „Dann sieht

man die Zusammenhänge anders.“ Wie

langfristig? Zum Beispiel 10 000 Jahre. So

lange soll „The Clock of the Long Now“ die

Zeit akkurat anzeigen. Die mechanische

Uhr ist ein weiteres visionäres Projekt, das

Bezos großzügig unterstützt.

Ersonnen hat den Zeitmesser in den

Achtzigerjahren der amerikanische Ingenieur

Danny Hillis. Die Uhr ist das ultimative

Konzept von Langfristigkeit. Sie soll sich

10 000 Jahre lang problemlos warten und

reparieren lassen. Ihre Bestandteile dürfen

nicht zu wertvoll sein, um Diebe nicht

»

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 59

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Technik&Wissen

AMAZON

Zu viel auf einmal

Für den Online-Riesen zählt nur Umsatz-Wachstum. Doch wie lange

kann er noch die verlustreiche Strategie durchhalten?

Die Quartalsergebnisse seines Unternehmens

präsentiert Amazon-Chef Jeff Bezos

schon lange nicht mehr selbst. Anders als

CEOs wie Tim Cook von Apple, Mark Zuckerberg

von Facebook oder Larry Page

von Google hat er keine Zeit und vor allem

keine Lust, sich für die Zahlen zu rechtfertigen.

Schließlich geht es um kurzfristige

Bestandsaufnahmen, die er so hasst. Zudem

ist Amazon bekannt dafür, beim Umsatz

oder beim Gewinn die Erwartungen

der Börsianer zu verfehlen.

Und so musste auch jüngst wieder

Amazon-Finanzchef Tom Szkutak die –

schlechten – Quartalszahlen erklären.

Zwar wächst Amazon weiter. In diesem

Jahr wird der Konzern voraussichtlich weltweit

knapp 92 Milliarden Dollar umsetzen.

Doch während Facebook oder Google

hochprofitabel sind, macht Amazon regelmäßig

Verluste. Von April bis Ende Juni erwirtschaftete

der Online-Gigant zwar 19,3

Milliarden Dollar, ein beachtliches Plus von

23 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Doch das Wachstum ist mit einem

Verlust von 126 Millionen Dollar teuer erkauft.

Im laufenden Quartal, warnte Szkutak

vorsorglich, könnte der Fehlbetrag sogar

bis zu 810 Millionen betragen, im

ganzen Geschäftsjahr könnte er sich auf eine

Milliarde summieren.

Prompt stürzte die Aktie um rund zehn

Prozent ab, der Börsenwert sank damit um

15 Milliarden Dollar. Das vom Umsatz wesentlich

kleinere Facebook mit vermutlich

zwölf Milliarden Dollar Erlösen in diesem

Jahr war beim Börsenwert schon vor

Wochen an Amazon vorbeigezogen.

Bisher konnte Bezos seinen Kurs durchhalten,

auf kurzfristige Gewinne zugunsten

langfristigen Wachstums zu verzichten.

Doch die Stimmen mehren sich, dass er

sich mit seinen zahlreichen

Baustellen übernommen

hat. „Bezos macht zu

vieles auf einmal“,

warnt Managementberater

Fliegender Bote Amazon will

künftig Bestellungen mit Drohnen ausliefern

Aktien-Info Amazon

ISIN US0231351067

Indexiert: 5 Jahre = 100

500

450

400

350

Amazon

300

250

Google

200

150

100

Wal-Mart

50

09 2010 2011 2012 2013 14

Umsatz (in Mio. $)

Mitarbeiter

Gewinn (Ebit, in Mio. $)

Umsatzrendite (in $)

Eigenkapitalrendite (in $)

Kurs** (in $)

KGV (12/14)

Börsenwert** (in Mrd. $)

Chance

Risiko

Niedrig

Amazon

74 452

117 000

745

1,0

3,1

320,0

955,2

148

Google

59 825

52 069

13 966

23,3

16,3

594,0

22,5

399

Wal-Mart*

473 076

2 200 000

26 872

5,7

21,0

75,4

14,6

243

* Geschäftsjahr zum 31.1.2014, KGV (1/15); ** Stand: 29.7.2014

Hoch

Nach klassischen Kriterien ist die Aktie heillos überbewertet.

Doch Amazon ist ein „Game Changer“, der ganze Branchen

umkrempelt- da gelten andere Regeln. Langfristig ist die

Aktie ein Kauf. Es wird sie noch billiger geben, auf viel mehr

als weitere zehn Prozent Rückgang sollten Anleger aber nicht

hoffen.

Quelle: Thomson Reuters; Bloomberg

Kevin Paul Scott von ADDO Worldwide. „Das

kann nicht gut gehen.“

Der Amazon-Gründer muss investieren,

um all die Gefechte durchzustehen, die er

angezettelt hat. Gegen Google und Microsoft

will er die Vorherrschaft beim Vermieten von

Internet-Rechenkapazitäten verteidigen. Vor

allem die Wachstumschancen dieser Sparte

sind der Grund, warum sich der Wert der

Amazon-Aktie in den vergangenen fünf

Jahren vervierfacht hat. Um den Vorsprung

zu halten, baut Bezos die Datenzentren

aus und senkt laufend die Mieten. Eine teure

Materialschlacht.

Mit Netflix, Apple und Google streitet er

sich derweil um den Markt der Online-

Videotheken. Um das Angebot attraktiver

zu machen, produziert Amazon eigene

Thriller und Komödien und hat dafür namhafte

Hollywood-Regisseure wie Steven

Soderbergh verpflichtet. Dafür will Bezos

allein im laufenden Quartal über 100 Millionen

Dollar ausgeben.

FIRE PHONE IN DER KRITIK

Im Tablet-Geschäft konkurriert Amazon mit

seinen Kindle-Lesegeräten und Fire-Tablets

gegen Apple, Google und Samsung. Damit

nicht genug: Jetzt wirft Bezos auch noch

ein Smartphone auf den US-Markt. Allein

das Marketing für das mit einem zweijährigen

Mobilfunkvertrag für 199 Dollar angebotene

Fire Phone wird mehrere Hundert

Millionen Dollar kosten. Schon vor dem

Marktstart haben Profi-Tester es aber wegen

fehlender Apps und eines zu schwachen

Akkus verrissen. Hinzu kommt noch

eine Set-Top-Box für Fernseher. All die Geräte

sollen den Verkauf digitaler Medien

wie E-Books, digitale Zeitschriften, Musik

und Filme ankurbeln. Doch wie viele dieser

Geräte Amazon bisher verkauft hat und ob

es mit der Hardware Verluste macht, ist ein

streng gehütetes Geheimnis. „Wir wollen

Geld machen, wenn Kunden unsere Geräte

nutzen, nicht bei deren Kauf“, hat Bezos

einmal sein Geschäftsmodell erklärt.

Klar ist nur: Jüngst musste Amazon den

Preis für seinen Prime-Service, der in den

USA gratis Lieferung innerhalb von 48

Stunden sowie eine Video- und Musikbibliothek

bietet, von 79 auf 99 Dollar anheben.

Vielleicht ist es ein Vorgeschmack

auf den Tag, an dem der Gigant mangels

Wettbewerb Preise diktieren kann. Zumindest

einem Ziel bleibt Bezos treu. 2015

wird sein Konzern die Umsatzschwelle von

100 Milliarden Dollar überspringen.

Doch das ist noch lange keine

Garantie für Gewinne.

Analyst Michael Pachter

von Wedbush Securities bleibt

skeptisch: „Was ist, wenn sie 200 Milliarden

Dollar erreichen und trotzdem

keinen Profit erzielen?“

n

matthias.hohensee@wiwo.de | Silicon Valley

60 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Heiße Luft In der Wüste von Texas testet Bezos’ Raumfahrtfirma Blue Origin Raketenantriebe

FOTOS: ACTION PRESS, PHOTO PROVIDED BY BLUE ORIGIN

»

anzulocken. Nachdem Hillis die Idee

1995 im Technologiemagazin „Wired“ publik

gemacht hatte, fanden sich Gleichgesinnte,

die ihre Umsetzung mit der „Long

Now“-Stiftung fördern. Der Plan ist, etliche

der Uhren weltweit aufzustellen.

FRAGEN AN DIE FERNE ZUKUNFT

Bezos ist der prominenteste und vermögendste

Unterstützer. Er hat bislang nicht

nur mindestens 42 Millionen Dollar gespendet,

sondern auch Land bereitgestellt.

Seit fünf Jahren fräsen Bauarbeiter einen

etwa 150 Meter tiefen und dreieinhalb Meter

breiten Tunnel senkrecht in einen Berg

der Sierra Diablo Mountains im Westen

von Texas. El Paso, die nächste größere

Stadt, ist rund 200 Kilometer entfernt.

Der entlegene Standort der Uhr ist Teil

einer 1200 Quadratkilometer großen

Ranch, die Bezos gehört. Ihre schiere Ausdehnung

– Berlin ist 892 Quadratkilometer

groß – plus ein benachbartes Grundstück

mit 400 Quadratkilometern machen ihn zu

einem der größten Landbesitzer der USA.

Auch der Weltraumbahnhof von Blue Origin

befindet sich auf dem Gelände.

Der Berg soll den 60 Meter hohen, aus

Stahl, Keramik und Stein bestehenden

Zeitmesser beherbergen – und schützen.

Sein oberes Ende durchsticht in einer Kuppel

den Berg, wo sein Lauf mithilfe des

Standes der Mittagssonne korrigiert wird.

Bezos gehören

1600 Quadratkilometer

Land. Platz,

um Ruhe zu haben

Die Uhr verrät die Zeit nur, wenn sie aufgezogen

wird. Dann spielen ihre zehn Glocken

eine von 3,5 Millionen Melodien, die

sich in 10 000 Jahren nicht wiederholen sollen.

Noch wird gebaut. Bezos informiert

sich höchstpersönlich alle paar Wochen

über den Stand der Arbeiten.

Der Sinn des Projektes ist umstritten.

Gibt es in 10 000 Jahren überhaupt noch

Menschen? Hat sich bis dahin der Begriff

von Zeit geändert? Genau solche Fragen

wollen Bezos und Hillis provozieren.

Für seine diversen Projekte benötigt der

Multimilliardär einen langen finanziellen

Atem. Den verschafft ihm nicht nur Amazon,

an dem er immer noch 18,5 Prozent

hält. Sondern auch ein Sammelsurium an

Start-ups, alles Mini-Lotterien. Das verwaltet

sein privates Wagniskapitalunternehmen

Bezos Expeditions. Das Portfolio ist

ungewöhnlich vielfältig, reicht von Energiegewinnung

durch Algen über Bildungsangebote,

die Konstruktion von Robotern

bis hin zu Computerspielen.

Bei einigen Beteiligungen hat Bezos bereits

den Jackpot geknackt, so wie bei

Airbnb, Uber und Twitter. Die genaue Höhe

seiner Beteiligung ist nicht bekannt.

Aber da allein dieses Trio derzeit mit

knapp 50 Milliarden Dollar bewertet wird,

sind selbst einstellige Anteile signifikantes

Vermögen.

Auch bei Google war Bezos unter den

ersten Investoren. Ob er an der Suchmaschine,

mit der er immer stärker konkurriert,

noch beteiligt ist, hält er geheim.

Von Amazon-Aktien trennt er sich jedenfalls

regelmäßig. Im November veräußerte

er eine Million Anteile im Wert von 358

Millionen Dollar. Zuvor hatte er als Privatmann

für 250 Millionen Dollar die altehrwürdige

Tageszeitung „Washington Post“

erworben.

Der Kauf überraschte selbst langjährige

Freunde. Wie bei vielen seiner Pläne ist unklar,

was Bezos genau mit der Zeitung vorhat.

Aber ein weiterer Milliardär, Warren

Buffett, hat sich ebenfalls reichlich mit Tageszeitungen

eingedeckt, da er diese für

unterbewertet hält. Vielleicht wittert Bezos

schon den nächsten Jackpot. Seine Expeditionen

sind noch lange nicht zu Ende.

Nach langfristig hat Bezos eine zweite Lieblingsvokabel:

unermüdlich.

n

matthias.hohensee@wiwo.de | Silicon Valley

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 61

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Technik&Wissen

»Schlauer als wir«

INTERVIEW | Samuel Kounev Können Rechner denken? Der Informatiker

meint, der Menschwerdung der Maschine ganz nahe zu sein.

Ruhig gleitet der Blick des Forschers

mit dem schütteren Haupthaar über

die Hügel rund um Würzburg, während

er mit sanfter Stimme Ungeheuerliches

ausspricht. „Wenn wir die Welt weiter

in ständig wachsendem Tempo mit Datenzentren

zupflastern, haben wir eines Tages

mehr Rechenfabriken als Wälder.“

Kann das wirklich passieren?

Samuel Kounev nickt. Dem gebürtigen

Bulgaren ist anzusehen, dass ihn diese Vorstellung

bedrückt. Kounev leitet seit April

den Lehrstuhl für Software Engineering an

der Universität Würzburg.

Tatsächlich eröffnen Giganten wie Google,

Amazon und Apple fast täglich immer

größere Rechenmonstren, um die anschwellende

Datenflut zu bändigen. Selbst

vor Nordschweden machen sie nicht halt,

weil sich Server wegen der dort oft eisigen

Temperaturen preiswerter kühlen lassen.

Wäre das Internet ein Staat, würde es schon

heute auf Platz sechs des Länderrankings

der globalen Stromverbraucher liegen.

DER SOFTWAREPHILOSOPH

Kounev, 38, studierte in Sofia Mathematik

und Informatik. Er ist einer der weltweit

führenden Köpfe bei der Entwicklung intelligenter

Softwaresysteme. Dabei kooperiert

er mit IT-Konzernen wie SAP, Salesforce,

VMware und Oracle. Seit April lehrt Kounev

an der Universität Würzburg.

Ein Ende des Irrsinns ist nicht in Sicht –

im Gegenteil. Täglich setzen Nutzer weltweit

Zehntausende zusätzliche Tablets,

Smartphones und tragbare Computeruhren

in Gang. Sie jagen unaufhörlich noch

mehr Bits und Bytes um den Globus. Mehr

als 25 000 neue Apps lassen jeden Monat

den Datenverkehr weiter anschwellen, von

2010 bis 2020 soll er sich verfünfzigfachen

(siehe Grafik Seite 64).

Doch mittlerweile droht die Rechenpower

neuer Chipgenerationen nicht mehr

schnell genug zu wachsen, um die Daten

auch künftig weiter strömen zu lassen

(WirtschaftsWoche 28/2014). Leistungssprünge

durch neuartige Kohlenstoff-

Chips, Biorechner oder Ionenspeicher

werden noch Jahre auf sich warten lassen.

Vordenker Kounev, dessen steile Karriere

ihn über die angesehene britische Universität

Cambridge und das Karlsruher Institut

für Technologie ins Frankenland führte,

hält sie ohnehin für die falsche Antwort.

Sein Ansatz: Er will mit Software, die

selbstständig denkt und handelt, den Daten-GAU

abwenden. Sie könne die vorhandenen

Rechenkapazitäten um ein Vielfaches

besser nutzen. Das, so sagt er, öffne

das Tor zu einer Informationstechnik (IT),

in der Effizienz die bisherige unglaubliche

Ressourcenverschwendung ablöst.

Herr Kounev, Sie wollen Computer bauen,

die sich ihrer selbst bewusst sind. Sie

zitieren dafür den berühmten Satz des französischen

Philosophen René Descartes:

„Ich denke, also bin ich.“ Hätten Ihre

Maschinen eine Art menschlichen Geist?

Nein, das wäre zu hoch gegriffen.

Was verstehen Sie dann unter Self-

Aware-Computing, um den englischen

Fachterminus zu benutzen?

Diese Systeme haben drei Merkmale: Sie

kennen ihre Ziele und wissen, aus welchen

Speichern, Prozessoren, Programmen und

Netzwerkelementen sie bestehen. Auf dieser

Basis können sie verlässliche Prog-

»

Kluge Denker

unter sich

Informatiker

Kounev zwischen

smarten Server-

Systemen

FOTO: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

62

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Technik&Wissen

»

nosen erstellen und so Probleme voraussehen,

denen sie ohne menschliches

Zutun entgegensteuern. Kurzum: Sie sind

selbsterkennend, vorausschauend und anpassungsfähig

– alles Eigenschaften mit

Analogien zum menschlichen Denken.

Warum soll das der Computerei einen

Leistungsschub bringen?

Weil nur solche Systeme sich selbstständig

dynamisch und effizient auf ständig

wechselnde Aufgaben einstellen und diese

lösen können. Und das höchst ressourcensparend.

Heutige Systeme können das nicht?

Bestenfalls rudimentär. Sie sind zu starr,

Entwickler müssen sie unentwegt anpassen.

Doch kaum sind sie neu programmiert,

hat sich die Welt schon wieder verändert.

So hinken sie der Entwicklung

ständig hinterher.

Ihre intelligente Technik löst dieses

Problem?

Nehmen wir die Verkehrssteuerung. Wirklich

wirkungsvoll ist sie nur, wenn das System

anhand der Informationen, die Kameras

und Sensoren über die Fahrzeugströme

liefern, Ampelphasen anders schaltet und

Autos per Navigationsgerät umleitet, bevor

sie sich stauen. Und bei seinen Prognosen

auch Tagesbaustellen und Unfälle einkalkulieren

kann.

Und das funktioniert tatsächlich auch in

der Praxis?

Im englischen Cambridge haben wir solch

ein Softwaresystem erfolgreich getestet. Es

berücksichtigte bei der Verkehrslenkung

sogar die Schadstoffbelastung in Stadtteilen

oder an einzelnen Kreuzungen.

Welche Vorteile hätten Unternehmen davon?

Ob Kundenanfragen, Bestellungen, Reklamationen

oder Warenströme – ganz überwiegend

wickeln sie diese Vorgänge heute

Digitale Explosion

Weil ständig mehr Geräte Daten

sammeln...

(in Milliarden)

Wearables 1

Smart-TVs

Internet der Dinge

Tablets

Smartphones

Notebooks

elektronisch ab. Dabei stehen sie vor einem

Dilemma.

Nämlich?

Ihren Computern fehlen zuverlässige Modelle,

um vorherzusagen, zu welcher Stunde

und Minute sie wie viel Rechenkapazität

benötigen. Da sie aber nicht riskieren wollen,

einen Auftrag zu verlieren oder gar einen

Kunden zu verprellen, weil das System

überlastet ist, halten sie riesige Reserven

vor. Das verursacht enorme Kosten.

Von welchen Größenordnungen reden

wir hier?

»Die meisten

Rechenzentren sind

90 Prozent der

Zeit unproduktiv«

...wächst die jährlich zu verarbeitende

Datenmenge von 2010 bis 2020 um

das 50-Fache (in Zettabytes 2 )

1 z.B. tragbare Computeruhren oder Brillen mit Kameras; 2 ein Zettabyte entspricht einer Trilliarde Bytes (10 21 Bytes);

Quellen: Gartner, IDC, Strategy Analytics, EMC

18

16

14

12

10

8

6

4

2

0

2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2009 2012 2015 2018 2020

40

30

20

10

0

Rechenzentren zum Beispiel sind heute im

Durchschnitt nur zu etwa zehn Prozent

ausgelastet. Das bedeutet umgekehrt:

90 Prozent sind unproduktiv, müssen aber

bezahlt werden.

Und Ihre neuen Softwaresysteme nutzen

die vorhandenen Kapazitäten weit besser

aus?

Ja. Weil sie ihren Rechenbedarf ziemlich

zuverlässig voraussehen, können auf der

gleichen Zahl Computer weitaus mehr Anwendungen

laufen. In Projekten etwa mit

IBM sind wir auf Nutzungsgrade von 60

Prozent und mehr gekommen. Die Wirtschaftlichkeit

stieg teils um den Faktor 10.

Frisst der explosive Zuwachs der Datenmengen

diesen Fortschritt wieder auf?

Allenfalls marginal. Unsere Systeme lernen

ja ständig dazu und arbeiten sehr zielgenau.

Das befähigt sie, aus dem unglaublichen

Wust an Daten genau diese herauszufischen,

die für ihre Aufgabe relevant

sind. Beides – hohe Auslastung und effektive

Datenanalyse – lösen übrigens ein

weiteres drängendes Problem.

Welches meinen Sie?

Dass die IT zunehmend zu einem schlimmen

Klimasünder wird. Alle Rechenzentren

Westeuropas verbrauchen heute

schon so viel Strom wie die Niederlande.

Global trägt die IT inzwischen mit einem

Anteil von mehr als 3,5 Prozent stärker zum

Kohlendioxidausstoß bei als etwa die Luftfahrt.

Das kann in dieser Form nicht weitergehen.

Die Airlines sehen sich mit harten

Reduktionszielen konfrontiert.

Ja, schon komisch, dass die Politik das Problem

bei der IT bisher nicht wirklich ernst

nimmt.

Ihr Vertrauen in die Weisheit Ihrer

Software muss grenzenlos sein, wenn Sie

diese immer mehr allein entscheiden

lassen wollen.

Nicht grenzenlos. Wir stecken klar ab, was

sie darf und was nicht. Aber natürlich: Ein

gewisses Vertrauen ist notwendig. Wenn

man alle Entscheidungen, die sie trifft,

kontrollieren wollte, verpufft der Rationalisierungseffekt.

Sie können die Verantwortung für

Fehler aber nicht einfach an Maschinen

delegieren.

Das nicht. Deshalb prüfen wir unsere

Software in realitätsnahen Fallstudien sehr

genau, ob sie zuverlässig arbeitet und die

gewünschten Ergebnisse liefert. Erst danach

lassen wir sie auf die Menschheit los.

Auf welchen Wegen sie zu ihren Resultaten

kommt, bleibt aber Ihr Geheimnis?

Das ist richtig. Bezogen auf das konkrete

Problem, das das Programm löst, ist es

schlauer als wir. Kein menschliches Gehirn

kann die Komplexität und die Schlüsse

daraus nachvollziehen.

Entmündigen wir uns nicht doch nach

und nach selbst?

Keine Sorge. Entgegen manch aufgebauschter

Vision von künstlicher Intelligenz

vor allem aus den USA übernehmen

die Maschinen nicht die Herrschaft. Das

würde ich auch nicht wollen. Warum

sollten wir unsere Fähigkeiten, die wir in

Jahrtausenden erworben haben, aufgeben

und an Computer übertragen. Das wäre

äußerst dumm. Aber sie können uns das

Leben sehr viel einfacher machen – als

effektive Helfer.

n

dieter.duerand@wiwo.de

64 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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VALLEY TALK | Die Speicherdienste Dropbox und Box

boten Google, Microsoft und Co. Paroli. Nun schlagen

die Großen zurück. Von Matthias Hohensee

Retter gesucht

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Es gab während der vergangenen

Jahre immer wieder Gerüchte im

Silicon Valley, welcher High-Tech-

Konzern die Start-ups Box und

Dropbox kaufen würde. Deren Gründern

war das Kunststück gelungen, direkt unter

der Nase von Schwergewichten wie Apple,

Hewlett-Packard, Google, Microsoft und

Amazon populäre Online-Speicherdienste

aufzubauen, in denen jedermann bequem

Fotos, Musik oder Texte sichern kann.

Apple-Gründer Steve Jobs soll – wohl nur

halb im Scherz – gedroht haben, Dropbox

plattzumachen, falls es eine Kaufofferte

ausschlage. Hewlett-Packard klopfte bei

Wettbewerber Box an. Doch die Gründer

wollten lieber eigenständig bleiben. Ihre Investoren

witterten höhere Gewinne durch

Börsengänge. Sie statteten Box mit rund einer

halben Milliarde Dollar Wagniskapital

aus, Dropbox sogar mit 1,1 Milliarden.

Die Story war schließlich attraktiv. Box

startete seinen Speicherdienst 2005, Dropbox

2007. Beide konzentrierten sich zunächst

auf Konsumenten und deren wachsende

Flut an Digitalfotos. Sie punkteten

mit einfacher Bedienung, kostenlosen Basisdiensten

und dem parallelen Verwalten

der Dokumente auf Desktops, Notebooks,

Tablets und Smartphones.

Diese Beliebtheit nutzten sie zum Vordringen

ins Unternehmensgeschäft. Dropbox

behauptet, mittlerweile 80 000 zahlende

Geschäftskunden zu haben. Box kommt

nur auf die Hälfte, darunter aber Großkunden

wie den Konsumgüterkonzern Procter

& Gamble oder den Autohersteller Toyota.

Die Gerüchte, beide Unternehmen würden

gekauft, halten sich weiterhin hartnäckig.

Doch die Zeiten haben sich geändert.

Box und Dropbox drohen in einem gnadenlosen

Preiskampf der Giganten finanziell

ausgehungert zu werden.

Die Eskalation begann im Frühjahr, als

Google den Preis für 100 Gigabyte Speicher

auf 1,99 Dollar pro Monat senkte. Im Juni

zog Microsoft mit 1,99 Dollar gleich, offerierte

aber die ersten 50 Gigabyte gratis.

Google konterte mit 2 Terabyte Gratis-Speicherplatz

für Geschäftskunden pro Jahr. Im

Juli schlug Amazon mit seinem neuen

Speicherservice Zocalo zu. Für 5 Dollar im

Monat gibt es 200 Gigabyte, zahlen muss

nur, wer sein Konto aktiv nutzt.

Für Dropbox ist Amazons Offensive besonders

bitter. Das Start-up mietet seinen

Speicherplatz bei dem Online-Giganten aus

Seattle, der ihm nun Konkurrenz macht.

Und Apples neues Betriebssystem Yosemite,

das im Herbst auf den Markt kommt,

hat einige der Dropbox-Funktionen kopiert.

WAS PLANT FACEBOOK?

Wie können die beiden Firmen kontern?

Klar ist: Der Gang zur Börse ist versperrt,

solange der Eindruck vorherrscht, die Kandidaten

würden zerrieben. Frisches Kapital

ist hier also nicht zu holen.

Box versucht es mit einer Offensive. Sein

Gründer Aaron Levie hat gerade noch einmal

150 Millionen Dollar Wagniskapital eingesammelt

und bietet seinen Geschäftskunden

nun unbegrenzten Speicherplatz

für 15 Dollar im Monat an. Ein Modell, das

er – im Gegensatz zu seinen großen Wettbewerbern

– nicht lange durchhalten kann.

Box ist unprofitabel. Es hat seit Gründung

etwa 400 Millionen Dollar verloren.

Doch die Zukunft noch nicht. Box und

Dropbox sind international bekannte Marken

in einem Wachstumsfeld. Sie haben

Kunden, die schon aus Bequemlichkeit

nicht einfach wechseln. Voraussichtlich

wird auch Facebook in den Speichermarkt

einsteigen, sobald die Aufsichtsbehörden

die Übernahme des Kurznachrichtendienstes

WhatsApp genehmigt haben. Facebook-

Chef Mark Zuckerberg ist mit Dropbox-

Gründer Drew Houston gut bekannt.

Wer immer Dropbox und Box übernimmt,

wird sicherlich keine Rekordsummen zahlen.

Doch wer wird nicht lieber gerettet,

statt unterzugehen?

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 65

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Management&Erfolg

Verpfeifen erwünscht

COMPLIANCE | Vom Briefkasten über die Hotline bis zur externen Anwaltskanzlei:

Unternehmen bieten Mitarbeitern gezielt Möglichkeiten, Fälle von Bestechung, falschen

Abrechnungen oder Korruption anonym zu melden. Das spart Millionen und sichert

das Top-Management gegen Klagen ab.

Dass er im Internet auf das

Werbevideo stieß, war reiner

Zufall. Misstrauisch wurde er

sofort: Wurden in dem Spot

doch Produkte angeboten,

die dem Mitarbeiter des Automobilherstellers

Daimler sehr bekannt vorkamen:

Steuerungseinheiten für Lkw-Motoren,

für rund 450 Euro pro Stück. Gut erkennbar

waren in diesem Video nicht nur Form

und Funktion der Produkte, sondern auch

ihre Teilenummern. Woraus der Mann

nicht nur schloss, dass sie aus der Daimlereigenen

Produktion stammen mussten.

Sondern auch, dass exakt diese Geräte im

Bestand seines Arbeitgebers fehlten.

Der Mann meldete seinen Verdacht unverzüglich

– über ein Informationssystem,

das Daimler eigens für solche Fälle installiert

hatte. Und trug so entscheidend dazu

bei, den Dieb zu überführen. Die Folge:

Entlassung des klauenden Kollegen und

Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft.

Ob der Whistleblower die Telefonhotline

des Autobauers nutzte, eine Mail direkt an

die Compliance-Abteilung schickte, ein Internet-Formular

ausfüllte oder die Frankfurter

Rechtsanwältin Regina Michalke ansprach,

die Daimler als neutrale externe

Anlaufstelle für Mitarbeiter installiert hat,

denen interne Vorgänge im Unternehmen

verdächtig vorkommen, verrät Daimler

nicht. Ebenso wenig wie die Höhe des

Schadens oder gar den Namen des aufmerksamen

Mitarbeiters, der den Schaden

gemeldet hatte.

„Genauso wichtig wie der Schutz der

Betroffenen ist für uns auch der Schutz

der Hinweisgeber“, sagt Wolfgang Herb,

bei Daimler verantwortlicher Manager

für Compliance – also dafür, dass gesetzliche

und unternehmensinterne Vorschriften

von allen Mitarbeitern eingehalten

werden. „Nur so können die Mitarbeiter

dem Hinweisgebersystem vertrauen und

zur Aufklärung von Fehlverhalten beitragen.“

Die weltweite Daimler-Hotline ist aus 39

Ländern erreichbar, die Mitarbeiter können

Verdächtiges in 24 verschiedenen

Erfolgreiche Betrüger

Wie deutsche Unternehmen durch

Wirtschaftskriminalität geschädigt wurden*

5,0

4,5

4,0

3,5

3,0

2006 2008 2010 2012 13

* Schadenssummen von 2006 bis 2013

(in Milliarden Euro); Quelle: Bundeskriminalamt

Sprachen melden. Gut 700 Hinweise gingen

in Herbs Abteilung im vergangenen

Jahr ein, von denen die große Mehrheit

zwar wegen Bedeutungslosigkeit nicht

weiter verfolgt oder unkompliziert etwa

über die Personalabteilung gelöst wurde.

Immerhin 25 dieser Meldungen aber trugen

entscheidend dazu bei, schwerwiegende

juristische Verstöße aufzudecken,

zu verfolgen und abzustellen – von verletzten

Rechnungslegungsvorschriften über

Kartellverstöße bis hin zu Bestechungsdelikten.

„Unser Hinweisgebersystem wird

von der Belegschaft zunehmend stärker

akzeptiert“, sagt Herb, „auch durch die öffentliche

Wirkung von Whistleblowern wie

Edward Snowden.“

VIELE KLEINE SNOWDENS

Ob Bestechung oder Bestechlichkeit, Diebstahl,

Unterschlagung, Betrug oder Kartellvergehen:

Unternehmen auch in Deutschland

bauen auf die Wachsamkeit vieler

kleiner Snowdens. Statt sie, wie es etwa Ex-

Mahlo-Personalmanager Georg Wiesbeck

erfahren musste, als Denunzianten zu diffamieren

(siehe Interview Seite 69), bieten

ihnen die meisten Unternehmen mittlerweile

eine Vielzahl von Kanälen, um ihre

Verdächtigungen zu offenbaren: vom profanen

Briefkasten über Telefon-Hotlines

und Web-Formulare bis hin zu Anwaltskanzleien,

die sich als externe Anlaufstelle

anbieten und mit ihrer anwaltlichen

Schweigepflicht werben. Ausgefeilte technische

Systeme machen es möglich, dass

Tippgeber anonym bleiben, die Unternehmen

aber trotzdem Rückfragen an die Informanten

stellen können.

„Die großen Unternehmen haben alle

Hinweisgebersysteme“, bestätigt Stefan

Heissner, Leiter der Abteilung Wirtschaftskriminalität

in Unternehmen der internationalen

Beratungsgesellschaft EY. Von einem

34-Mann-Team vor acht Jahren ist sie

in Deutschland auf 130 Mitarbeiter angewachsen,

in Europa kümmern sich insgesamt

400 Mitarbeiter darum, Kunden bei

der Aufklärung interner krimineller Machenschaften

zu unterstützen.

Auch die Deutsche Bahn wirbt bei ihren

Mitarbeitern für ihr Whistleblower-System.

„Wir wollen Hinweise bekommen, wenn

ILLUSTRATION: FRANCESCO BONGIORNI

66 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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etwas schiefläuft, und diesen nachgehen“,

sagt Werner Grebe, Chief Compliance Officer

der Deutschen Bahn. „Denn so können

wir Schlüsse für die Zukunft ziehen

und unser Unternehmen vor Wirtschaftskriminalität

schützen.“

Selbst der ADAC beauftragte die Kanzlei

Freshfields mit der Installation eines Systems,

über das künftig anonym auf Missstände

hingewiesen werden kann – als vertrauensbildende

Maßnahme und um erkennbar

einen Strich unter die Skandale

um die gefälschten Rankings zu ziehen.

Vom geächteten

Nestbeschmutzer

zum geschätzten

Tippgeber: Infos

von Whistleblowern

sind wertvoll

Dass die Unternehmen ihre Haltung gegenüber

einst so verhassten Whistleblowern

ändern, hat verschiedene Gründe – der offensichtlichste:

dass es am Ende einfach viel

zu teuer wird, interne Hinweise auf kriminelle

Machenschaften zu ignorieren. Wenn

eine Durchsuchung die nächste jagt, das

Image leidet, viele Millionen Euro für anschließende

Prüfungen durch Wirtschaftsprüfer,

Anwälte und andere Berater fällig

werden, ganze Managementebenen gehen

müssen und viele Millionen Euro Bußgeld

fällig sind. Nach einer Berechnung des

»

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 67

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Management&Erfolg

»

Bundeskriminalamts erlitten deutsche

Unternehmen im vergangenen Jahr durch

kriminelle Machenschaften Schäden in Höhe

von mehr als 3,8 Milliarden Euro.

Hinzu kommt: Zahlreiche Delikte kommen

mithilfe von Tippgebern überhaupt

erst oder zumindest sehr viel schneller ans

Licht. Dasselbe gilt für Verstöße von Mitarbeitern

und Führungskräften gegen interne

Verhaltensregeln, die Verletzung von

Reiserichtlinien bis hin zu Mobbing oder

Diskriminierung.

Internationale Konzerne sind dazu oft

schon wegen gesetzlicher Vorschriften aus

dem Land ihrer Muttergesellschaft verpflichtet.

Und deutsche Unternehmen, die

an der US-Börse gelistet sind, müssen die

Whistleblower-Regularien der SEC umsetzen.

Die US-Börsenaufsicht lockt seit einiger

Zeit Tippgeber mit einem einfachen,

aber wirksamen Mittel: Geld. Informanten,

die mit ihrem Tipp entscheidend zur Aufklärung

eines Betrugsfalls beitragen, können

mit einer Belohnung rechnen, die bis

zu 30 Prozent der von der SEC verhängten

Strafe beträgt. Und das können schon mal

hohe zweistellige Millionenbeträge sein

(siehe Kasten Seite 70).

Schließlich haben Top-Manager auch

ihre eigene Sicherheit im Visier: Vorstände,

die kein Compliance-System installieren,

Hinweisgebersystem und regelmäßige

Schulungen inklusive, gefährden mit ihrer

Sorglosigkeit ihre Existenz. So wie bei Ex-

Siemens-Finanzvorstand Heinz-Joachim

Neubürger, der im Zuge der Aufarbeitung

des Schmiergeldskandals bei dem Industriekonzern

wegen Organisationsverschulden

zu 15 Millionen Euro Schadensersatz

aus seinem Privatvermögen verurteilt wurde.

Die wegweisende Begründung der

Richter: „Die Einrichtung eines mangelhaften

Compliance-Systems und auch dessen

unzureichende Überwachung bedeutet

eine Pflichtverletzung.“ Weder könne

sich ein Vorstand damit verteidigen, dass

die Straftat im Verantwortungsbereich eines

anderen Vorstandskollegen – und nicht

Redselig werden Mitarbeiter nur im

Schutz der Anonymität

in seinem – passiert sei. Noch damit, dass

er nichts gewusst habe oder er von seinen

Vorstandskollegen überstimmt würde.

Die Folgen solcher Nachlässigkeit sind

auch für das Unternehmen enorm: Landet

doch in manchen Bundesländern wie

Nordrhein-Westfalen mittlerweile in einem

Korruptionsregister, wer wegen Betrug,

Korruption oder unzulässiger Preisabsprachen

verurteilt wurde. Auch ein

bundesweites Korruptionsregister haben

die Justizminister der Länder bereits beschlossen,

es wird nicht nur künftige, sondern

auch alle bereits heute bekannten

Fälle auflisten.

ELEMENTARES ÜBERLEBENSRISIKO

„Mitarbeiter, die Straftaten ausüben, können

zum Überlebensrisiko für die gesamte

Firma werden“, sagt Vergaberechtlerin Ute

Jasper von der Kanzlei Heuking Kühn.

„Denn diese Unternehmen können unter

Umständen noch jahrelang von Wettbewerben

um öffentliche Aufträge ausgeschlossen

werden.“

Auch das Bundeskartellamt will es Tippgebern

so leicht wie möglich machen und

hat vor zwei Jahren ein elektronisches System

für anonyme Hinweise auf Kartelle auf

seiner Homepage installiert. Es garantiert

den Whistleblowern Anonymität, hat aber

gleichzeitig die Möglichkeit, den Tippgeber

über einen geschützten elektronischen

Briefkasten zu kontaktieren. Auf diesem

Weg kam auch der jüngste große Fall ans

Licht: das Wurstkartell, bei dem bis zu 21

Produzenten 338 Millionen Euro an Bußgeld

zahlen sollen.

„Gerade bei Korruptionsdelikten kommt

man ohne Angebote für Leute, die sich offenbaren

und Schutz suchen, nicht weiter“,

sagt EY-Korruptionsexperte Heissner. „Dafür

halten die Täter zu sehr zusammen.“

Diese Erfahrung durfte etwa die Deutsche

Bahn machen – mit 20 Milliarden Euro

Einkaufsvolumen und 16 000 Geschäftspartnern

eines der komplexesten Unternehmen

Deutschlands. Einer dieser besagten

Geschäftspartner hatte jahrelang den

Auftrag, im Winter die Schienen von Eis

und Schnee frei zu halten – an 2452 Einzelflächen

an 801 Stationen in vier Bundesländern.

Obwohl sich die Mitarbeiter im

Räumdienst zu Einsatzbeginn via Handy

und GPS bei der Datenbank der Bahn anund

abmelden müssen, passten die Stundennachweise

nicht zu den Angaben in der

Datenbank. 1,2 Millionen Euro hatte die

Firma für ihre vielen Einsätze nachgefordert.

Erst durch den Tipp eines Mitarbei-

»

ILLUSTRATION: FRANCESCO BONGIORNI; FOTO: JÜRGEN LÖSEL FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

68 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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INTERVIEW Georg Wiesbeck

»Ich ging durch die Hölle«

Welche Erfahrungen der Ex-Mahlo-Personalmanager machte, als er seinen einstigen Arbeitgeber anzeigte.

Warum darüber seine Ehe zerbrach, er aber wieder genauso handeln würde.

Herr Wiesbeck, Sie sind Personalchef

eines bekannten Unternehmens.

Wie wichtig ist Ihnen, dass Mitarbeiter

loyal sind?

Ich erwarte, dass sie sich mit dem Unternehmen

identifizieren und alles in ihrer

Macht Stehende tun, damit das Unternehmen

erfolgreich ist. Nicht zuletzt,

weil das auch mein Selbstverständnis ist.

Bei Mahlo, Ihrem früheren Arbeitgeber,

wurde Ihnen diese Haltung zum Verhängnis.

Sie haben auf Missstände

hingewiesen und wurden dafür fristlos

entlassen. Was ist passiert?

Ich wurde bei Mahlo, einem renommierten

mittelständischen Maschinenbauunternehmen

in Bayern, nicht nur als

Personalleiter eingestellt, sondern hatte

auch den Auftrag, eine interne Revision

durchzuführen. Aus meiner Sicht gab

es zahlreiche Unregelmäßigkeiten. Man

steht dann vor der Entscheidung: Sieht

man weg, kündigt man, oder sorgt man

im Interesse des Unternehmens dafür,

dass solche Dinge abgestellt werden? Ich

habe mich für Letzteres entschieden,

wurde von einigen mutigen Mitarbeitern

unterstützt und habe mich an die Staatsanwaltschaft

gewandt.

Warum nicht direkt an den Firmenchef?

Der war selbst involviert, kam also als

Ansprechpartner nicht infrage. Der Firmenbeirat

erschien mir nicht unabhängig.

Also blieb nur die Staatsanwaltschaft.

Viele Unternehmen haben Stellen, an

die sich Mitarbeiter in einer solchen

Situation wenden können. Gab es das

bei Mahlo nicht?

Leider nein. Und zu meinem Bedauern

war auch die Staatsanwaltschaft Regensburg

eine große Enttäuschung. Man riet

mir dort, meine Anzeige zurückzuziehen,

obwohl die Beweislast aus meiner

Sicht und der Sicht anderer Zeugen erdrückend

war. Ich habe mich schließlich

an die Firmeneigentümerin gewandt,

auch an die Steuerfahndung und an zuständige

Politiker. Nicht nur ohne Erfolg

– mir wurde deshalb fristlos gekündigt.

DER UNERSCHROCKENE

Wiesbeck, 47, ist Personaldirektor eines renommierten

Mittelständlers. Von Mitte 2006

bis Anfang 2008 arbeitete der Betriebswirt als

Personalchef beim Maschinenbauer Mahlo.

Was wurde aus den Ermittlungen der

Staatsanwaltschaft?

Sie liefen leider sehr schleppend. Mögliche

Straftaten drohten zu verjähren. Doch statt

gegen die Verantwortlichen bei Mahlo vorzugehen,

nahm die Staatsanwaltschaft

plötzlich mich ins Visier. Im Dezember 2008

rückten früh morgens bei mir Fahnder zur

Hausdurchsuchung an. Man warf mir vor,

über den Fall mit der Presse gesprochen

und dabei Firmengeheimnisse verraten zu

haben. Wenn Sie wie ich großen Respekt vor

unseren Strafverfolgungsbehörden haben,

ist das eine furchtbare Erfahrung. Sie fühlen

sich wie ein Verbrecher. Hinzu kamen in der

Zeit anonyme Drohungen gegen mich.

Plötzlich stand alles auf dem Spiel: meine

Karriere, meine Stellung in der Bundeswehr

als Oberstleutnant der Reserve, die Sicherheit

meiner Familie. Ich war arbeitslos, habe

nächtelang Akten gewälzt und hatte natürlich

auch Selbstzweifel. In dieser Zeit ging

ich durch die Hölle. Meine damalige Ehe

hat den Belastungen nicht standgehalten.

Immerhin wurden Sie 2011 in allen

Punkten freigesprochen.

Weil ich nachweislich nicht dem Unternehmen

schaden oder mich selbst bereichern

wollte. Das zivilrechtliche Verfahren

zog sich aber noch bis 2014 hin.

Hier forderte Mahlo zeitweise mehr als

300 000 Euro Schadensersatz. Sie können

sich vorstellen, wie belastend das ist.

Doch statt Schadensersatz zu zahlen, bekam

ich Geld. Mir wurde ein großer Teil

der mir zustehenden Abfindung ausgezahlt.

Meiner Karriere haben die Ereignisse

rückblickend auch nicht geschadet.

2013 räumte die Staatsanwaltschaft

öffentlich ein, in dem Fall „zahlreiche Belege

für Straftaten“ gefunden zu haben.

Mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand

des damaligen Mahlo-Chefs habe

sie das Strafverfahren gegen ihn nach

Zahlung von 50 000 Euro jedoch eingestellt.

Nun ist es amtlich, dass Sie allen

Grund hatten, auf kriminelle Vorgänge

hinzuweisen. Sind Sie damit zufrieden?

Es freut mich, dass meine früheren Kollegen

bei Mahlo nun wissen, dass ich

den Weg zu Recht gegangen bin. Der frühere

Geschäftsführer hat seinen Posten

geräumt, und das Unternehmen hatte

die Chance, die Weichen neu zu stellen.

Würden Sie heute noch einmal so

entscheiden wie 2007?

Als ich letztes Jahr bei der Polizei meine

beschlagnahmten Akten endlich abholen

konnte, hat mich ein Polizist das

Gleiche gefragt. Ich habe gesagt: Ja,

jederzeit wieder. Es steht die ganze Wirtschaftsordnung

zur Disposition, wenn

wir wegsehen und derartige Dinge um

sich greifen.

Was raten Sie Whistleblowern?

Bevor sie Alarm schlagen, sollten sie ihre

Anschuldigungen hieb- und stichfest –

am besten schriftlich – belegen können.

Sie sollten starke und faire Partner, etwa

Anwälte oder bei Wirtschaftsdelikten

auch Steuerberater an ihrer Seite haben.

Sie sollten viel Ausdauer mitbringen

und nicht von Rache oder Geltungssucht

getrieben sein.

n

martin.seiwert@wiwo.de | New York

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 69

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Management&Erfolg

USA

Reich – oder tot

Von sozialer Ächtung bis zur Belohnung

in Millionenhöhe: was

Whistleblower in den USA erleben.

Der eine hat mit seinen Enthüllungen die

Weltpolitik verändert, ein anderer Konzerne

ins Wanken gebracht. Einige wurden

mit Millionensummen belohnt, andere

waren danach finanziell ruiniert: Das Podium

in Washington ist voll mit Whistleblowern

– und einem leeren Stuhl: Im Gedenken

an all die Whistleblower, die nicht

da sein können – weil sie in Gefängnissen

sitzen, krank wurden oder sich das Leben

nahmen. „Er drehte das Gas auf“, berichtet

ein Whistleblower über einen verzweifelten

Mitstreiter, „und zündete sein Feuerzeug,

als die Polizei kam.“

Auf dem jährlichen Treffen amerikanischer

Whistleblower Ende Juli in Washington

wird klar: Selbst in den USA, wo Whistleblower

den weltweit besten gesetzlichen

Schutz genießen, ist das Aufbegehren

gegen Missstände in Unternehmen

oder Behörden

oft ein Himmelfahrtskommando.

Whistleblower

können reich werden,

weil ihnen laut Gesetz

Belohnungen zustehen –

etwa wie Ex-JP-Morgan-Mitarbeiter

Keith Edwards,

der im März von einem

Gericht eine Belohnung von knapp 64 Millionen

Dollar zugesprochen bekam – weil

er mit seinen Aussagen dazu beigetragen

hatte, seinen früheren Arbeitgeber des

Betrugs zu überführen.

Sie können aber auch alles verlieren: Oft

ist nach dem Whistleblowing der Job weg,

Kollegen, Freunde und Familienangehörige

wenden sich ab, viele bekommen Morddrohungen.

„Egal, wie es ausgeht“, sagt ein

Whistleblower, der einen Millionenskandal

im US-Agrarministerium aufgedeckte,

„dein Leben ändert sich für immer.“

GESETZLICHER SCHUTZ SEIT 1778

Früher als jede andere Nation haben die

USA erkannt, wie nützlich Whistleblower

sein können – weil sie helfen, Misswirtschaft

und Betrügereien zu verhindern.

Und dass der Staat sie deshalb gesetzlich

schützen sollte. Nach der Diskriminierung

zweier Männern, die Missstände in der

US-Kriegsmarine anzeigten, wurde 1778

das erste Gesetz zum Schutz von Whistleblowern

verabschiedet. 1863 folgte ein

weiteres Gesetz, weil die Regierung den

Betrug durch Armeeausrüster eindämmen

wollte und dabei auf Tippgeber angewiesen

war. Heute gibt es Dutzende

Gesetze zum Schutz von Whistleblowern

– etwa vor Entlassung, Strafverfolgung

oder Schadensersatzklagen.

BOMBENGESCHÄFT

So können Tippgeber nun anonym und

möglichst schadlos für ihre Karriere die

Börsenaufsicht SEC informieren. Führen

ihre Tipps dazu, dass Strafen verhängt

werden, bekommen sie bis zu 30 Prozent

der Strafsumme als Belohnung. Und weil

die US-Börsenaufsicht SEC immer öfter

Millionen- und Milliardenstrafen verhängt,

wurde das Whistleblowing zum

Bombengeschäft – für Anwälte und Tippgeber.

2013 kassierte ein Informant 14

Millionen Dollar. Weitere zwei- und dreistellige

Millionen-Provisionen zeichnen

sich bereits ab. Mehr als 6500

Whistleblower haben sich in

den ersten zweieinhalb

Jahren nach dem Inkrafttreten

des Gesetzes

bei der SEC gemeldet.

„Die neuen Gesetze

revolutionieren den Schutz

von Whistleblowern“, sagt

Rechtsanwalt und Whistleblowing-

Experte Tom Devine. Die rechtliche Lage

vor allem für Tippgeber aus der Privatwirtschaft

sei „nie so gut gewesen“.

Allerdings haben Unternehmen und

Banken, die Enthüllungen fürchten, aus

Angst vor den neuen Gesetzen ihre Gegenwehr

verstärkt. Sie schlagen mit Heerscharen

von Anwälten zurück, stellten bereits

verabschiedete Gesetze wieder infrage.

Informanten aus der Privatwirtschaft

hätten aber noch ein leichtes Spiel, verglichen

mit Whistleblowern im militärischen

oder geheimdienstlichen Bereich, sagt

Rechtsanwalt Devine. Ausgerechnet dort,

wo der Staat vor mehr als 200 Jahren den

Whistleblower-Schutz erfunden habe, sei

die Lage so düster wie selten zuvor: „Der

Fall Edward Snowden zeigt es: Sobald es

um die nationale Sicherheit geht, scheinen

die Gesetze zum Schutz von Whistleblowern

keine Rolle mehr zu spielen.“

martin.seiwert@wiwo.de | New York

»

ters dieses Auftragnehmers kam die

Bahn ihrem Geschäftspartner auf die Schliche

– der Dienstleister hatte oft mehr Mitarbeiter

abgerechnet als eingesetzt, kassierte

selbst an Tagen, an denen überhaupt kein

Schnee lag. Die Bahn fordert jetzt 200 000

Euro zurück, der Fall ist vor Gericht.

Manch wertvoller Tipp kommt insbesondere

über Tochtergesellschaften oder Joint

Ventures im Ausland, die weit weg von der

Unternehmenszentrale in Deutschland

agieren und schwer aufzudecken sind: etwa

wenn vor Ort ein krimineller Statthalter den

Bau einer Straße zum Werksgelände in der

Kalkulation versteckt – diese aber nie gebaut

wird.

HOTLINES FÜR MANDARIN

Wie wichtig es ist, dass die Hotlines auch

Anrufer verstehen, die Mandarin, Polnisch,

Tschechisch oder Italienisch sprechen,

zeigt ein Fall der Deutschen Telekom: In

der Konzernzentrale meldete sich eine

Frau, die gerade von einer osteuropäischen

Tochtergesellschaft des Telekommunikationskonzerns

entlassen worden war. Anfangs

verstand niemand ihre Sprache, dann

aber entpuppte sich der Anruf als hochbrisant.

Bekam die Hotline über die Frau doch

wertvolle Hinweise auf die korrupten Machenschaften

des gesamten dortigen Führungsteams.

Die Frau – deren Namen aus

Sicherheitsgründen nicht einmal die Compliance-Abteilung

des Konzerns kennt und

die deshalb auch nicht als Zeugin vor Gericht

aussagen soll – wurde wieder eingestellt,

die Manager vor Ort restrukturierten

sie aus Rache sofort weg – vorgeblich betriebsbedingt.

Tatsächlich war das nachfolgende

Management noch mafiöser als das

erste und von diesem zuvor bereits geschickt

in Stellung gebracht worden. Das

Top-Management wurde zum zweiten Mal

ausgewechselt, der Compliance-Manager

vor Ort hat bis heute alle Hände voll zu tun.

Nicht immer landen Compliance-Verantwortliche

solche Volltreffer. Immer wieder

finden sich unter den Hinweisgebern

schlicht Miesepeter, die einfach mal über

die Qualität des Kantinenessens meckern

wollen. Um solche Berufsnörgler möglichst

rasch auszusieben, müssen etwa die

fünf Mitarbeiter der Whistleblower-Hotline

bei der Deutschen Telekom immer die

gleichen sechs Kontrollfragen stellen, bevor

sie ernsthaft in die Vorwürfe einsteigen:

Was geschah, wer war beteiligt, wo ist es

geschehen, wann, wie und warum?

Erst wenn die Antworten auf diesen Fragenkatalog

einen Anfangsverdacht recht-

ILLUSTRATION: FRANCESCO BONGIORNI; FOTO: PR

70 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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INTERVIEW Guido Palazzo

»Tief greifender

Kulturwandel«

Der Ethik-Professor erklärt, wie

Mitarbeiter zu Kriminellen

werden. Und warum Verpfeifen

nur ein Anfang sein kann.

Für exklusive Hinweise winken in den

USA Belohnungen in Millionenhöhe

fertigen, wird ein Fall dem zuständigen

Fachbereich zur Bewertung vorgelegt.

Oder entschieden, ob er gar dem Vorstand

gemeldet werden muss.

„Hinweise von Whistleblowern müssen

extrem vorsichtig und professionell behandelt

werden“, bestätigt Jörn Weber, Chef der

Sicherheitsberatung Corma aus Mönchengladbach,

der Unternehmen wie Hewlett-

Packard oder Ergo betreut.

Der ehemalige Kriminalkommissar erzählt

von einer Facility-Managerin, die

über die Hotline ihres Arbeitgebers in Süddeutschland

der Bestechlichkeit bezichtigt

wurde. Die Hotline war nicht nur für Mitarbeiter,

sondern auch für Geschäftspartner

zugängig, der Tipp kam anonym. Die Frau

wurde freigestellt, Weber mit der Aufklärung

beauftragt. Nach zwei Wochen hatte

er herausgefunden, dass nicht sie die Korrupte

war, sondern ihr Vorgänger in diesem

Job. Angeschwärzt hatte sie ein rachsüchtiger

Lieferant, der von der Managerin gerade

ausgelistet worden war, aber noch Zugang

zum Firmen-Intranet hatte. Er hatte

von den rechtswidrigen Vergabepraktiken

des Vorgängers profitiert und sah sich nun

abserviert.

Manche Unternehmen bekommen über

ihre eigene Hotline gar einen Hinweis darauf,

dass sie selbst Opfer von Kartellen

sind. Die Deutsche Bahn erfuhr im vergan-

genen Jahr auf diesem Weg, dass 16 Personaldienstleister

bei den Brandschutzsanierungen

von fünf S-Bahnhöfen im Münchner

Zentrum verbotene Wettbewerbsabsprachen

getroffen hätten. Das Unternehmen

meldete selbst den Verdacht der

Staatsanwaltschaft, der Schaden soll sich

auf einen siebenstelligen Euro-Betrag belaufen,

das Verfahren läuft noch.

KORRUPTES UMFELD BESEITIGEN

Wie auch immer dieses oder andere

Verfahren ausgehen, die durch die Informationen

eines Tippgebers ins Rollen

gebracht wurden: Letztlich sollten diese

Gerichtsurteile den Anstoß geben für einen

ganz grundlegenden internen Reformprozess.

„Juristisch betrachtet müssen Straftäter

belangt werden, der Richter kann ja keine

Unternehmenskultur ins Gefängnis bringen“,

sagt Guido Palazzo, Professor für Unternehmensethik

an der Universität Lausanne

(siehe Interview). „Juristen und Unternehmensspitze

müssen besser verstehen,

weshalb Mitarbeiter Regeln brechen,

Sie müssen fragen, wer ein solch korruptes

Umfeld geschaffen hat. Denn letztlich sollte

die Möglichkeit, Kollegen anonym zu

verpfeifen, nur der Anfang eines tief greifenden

Kulturwandels sein.“

n

claudia.toedtmann@wiwo.de

Herr Palazzo, beim ADAC wurden

jahrelang Rankings manipuliert und

Rettungshubschrauber privat genutzt,

bei Siemens existierten schwarze Kassen,

gerade flog ein millionenschweres

Wurstkartell auf: Wie kann so etwas

jahrelang unentdeckt bleiben?

Meist fehlen ausreichende externe

Kontrollen. Führungskräfte denken,

für sie gälten andere Regeln, und

verleiten Mitarbeiter zu unethischem

Verhalten.

Für sein Verhalten ist doch jeder

selbst verantwortlich...

Nein. Die Betroffenen rutschen oft in

Machenschaften hinein, ohne sich

dessen bewusst zu sein. So wie beim

Bilanzbetrug bei Enron oder dem

Korruptionsskandal bei Siemens.

Wie lassen sich Skandale verhindern?

Wir müssen fragen: In welchem Kontext

treffen Mitarbeiter Entscheidungen?

Oft werden sie von der aggressiven

Sprache der Führungskräfte, Angst vor

Kollegen oder eindimensionalen Anreizsystemen

eingeschüchtert und

zu kriminellen Handlungen angestiftet.

Wie arbeitet man einen Skandal auf?

Das Unternehmen sollte die Führungsspitze

austauschen, Anreizstrukturen

prüfen, Werte neu justieren. Erst dann

kann ein Unternehmen neue Wege gehen.

Ein Whistleblowing-System hilft,

frühzeitig auf Missstände hinzuweisen.

Aber die Möglichkeit, Kollegen anonym

zu verpfeifen, sollte nur der Anfang eines

tief greifenden Kulturwandels sein.

anja stehle | management@wiwo.de

DER ETHIK-EXPERTE

Palazzo, 46, ist

Professor für Unternehmensethik

an der

Universität Lausanne in

der Schweiz und berät

Unternehmen wie Siemens oder Volvo.

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 71

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Geld&Börse

Wertpapiere für die

nächste Generation

AKTIEN | Mit Dividendenpapieren konnten Anleger über mehr als 140 Jahre ihr

Vermögen nicht nur erhalten, sondern real mehren. Das zeigt eine Exklusivstudie

der Universität Regensburg. Wir haben 15 Aktien ausgewählt, die diesen Erfolg

in den kommenden Jahrzehnten wiederholen könnten.

mals die reale Rendite, nach Abzug der Inflationsrate,

untersucht. Die Idee dahinter:

Die schönsten Erträge nutzen nichts, wenn

Anleger sich wegen stark gestiegener Preise

immer weniger davon kaufen können.

1865 Friedrich Engelhorn gründet die

Badische Anilin- & Soda-Fabrik, Kapital:

1400 Aktien zu je 1000 Gulden. 1886

notiert die Aktie in Frankfurt bei 2380,25.

Gleichzeitig analysierte Röder, ob Aktien

vor Inflation oder dem Gegenteil davon,

vor Deflation, schützen können. Bei Inflation

verliert Bargeld an Wert, bei Deflation

dagegen gewinnt es, weil Konsumenten

bei sinkenden Preisen für die gleiche Summe

mehr in den Einkaufskorb legen können.

In den USA etwa gingen zwischen

1873 und 1895 die Verbraucherpreise konstant

nach unten. Betrachtet werden die

Jahrhundert-Renditen

Wie viel deutsche Anleger mit Aktien real*

verdienten oder verloren (in Prozent pro Jahr)

1871–1921 3,24

1922–1923

1924–1947

1948

1949–1959

1960–1979

1980–1999

2000–2014

1871–2014

–26,90

–89,83

* nach Abzug der Inflationsrate; 2014 bis Mai;

Quelle: Universität Regensburg

4,30

0,41

13,27

0,93

7,70

32,43

Wenn das Deutsche Aktieninstitut

Zahlen zum Aktienbesitz

meldet, beklagen die

von den Dax-Unternehmen

finanzierten Lobbyisten

in schöner Regelmäßigkeit einen Rückschlag

für die Aktienkultur: „Gerade einmal

8,9 Millionen Deutsche oder 13,8 Prozent

der Bevölkerung besaßen Aktien oder

Aktienfonds“, so das Institut.

Doch sind das wirklich so wenig? Nach

menschlichem Ermessen kauft nur Aktien,

wer über gesichertes Einkommen und Kapital

verfügt. Auf Menschen unter 30 trifft

das in der Regel nicht zu, und die Generation

über 70 verbraucht ihre Altersvorsorge.

Bleibt eine Kernzielgruppe von Anlegern

zwischen 30 und 65 Jahren – in Deutschland

rund 40 Millionen Menschen. Demnach

hätte immerhin gut ein Fünftel der infrage

kommenden Zielgruppe Aktien.

Demnächst könnten es zudem wieder

mehr werden: Zum einen, weil Zinsanlagen

bei Banken so gut wie gar nichts bringen.

Zum anderen, weil sich dank seit 2012

praktisch ohne nennenswerte Einbrüche

steigender Börsen die langjährige Erfolgsbilanz

von Aktien weiter verbessert.

Doch rechnet sich die Aktienanlage

wirklich? Taugt sie zum Vermögenserhalt –

oder ist die Aktie, wie oft kolportiert, nur eine

Kurzfristinvestition für Zocker?

Sie rechnet sich. Das zeigt eine Studie

des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre

der Universität Regensburg. Die Wissenschaftler

haben exklusiv für die WirtschaftsWoche

berechnet, wie viel Rendite

Aktionäre seit Bismarcks Zeiten einfahren

konnten. Der Clou dabei: Lehrstuhlinhaber

Klaus Röder und sein Team haben erstrealen

Renditen vor Steuern, sowohl für

US- als auch für deutsche Aktien (Details

siehe Seite 74).

Ein Ergebnis der Studie: Über Generationen

hat sich die Anlage in Aktien gelohnt,

Weltkriegen und Wirtschaftskrisen zum

Trotz. Betrachtet man Zehnjahreszeiträume,

ist – wenig überraschend – der Einstiegszeitpunkt

entscheidend für Erfolg

oder Misserfolg: Wer in der Gründerzeit

nach 1871 Geld an die Börse trug, konnte

sich über gut 40 Jahre an realer Wertsteigerung

erfreuen. 1000 Prozent gewannen

deutsche Anleger im Schnitt, sie wurden

tatsächlich reicher.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914

fielen die Kurse am deutschen Markt dann

heftig. Die nominelle Kurserholung nach

dem Krieg machte die Hyperinflation dann

wieder zunichte (siehe Grafik Seite 75).

Von Dezember 1921 bis Ende 1923 verloren

Anleger mit heimischen Papieren real

fast die Hälfte. „Und auch während der folgenden

Weltwirtschaftskrise konnten weder

deutsche noch amerikanische Aktien

reale Gewinne erzielen“ sagt Röder.

1925 BASF fusioniert mit Hoechst, Bayer

und anderen zur Interessengemeinschaft

Farbenindustrie AG (IG Farben).

Auf längere Sicht wäre es dennoch kein

Fehler gewesen, nach Ende der Hyperinflation

in Aktien zu gehen. Von 1924 bis 1947

waren mit deutschen Papieren pro Jahr

real 4,30 Prozent Rendite drin. Wer danach

noch an Dividendenpapieren festhielt,

erlebte jedoch erneut einen Schock: Die

Börsenkurse brachen nach der Währungsreform

1948 um rund 90 Prozent ein.

»

FOTOS: BASF (2), WWW.NONVALEUR-NACHRICHTEN.DE, FOTOLIA (MONTAGE WIRTSCHAFTSWOCHE)

72 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

METHODIK

Start bei 100

1945–52 Wegen Kriegsverbrechen der

Nazis wird IG Farben zwangsverwaltet,

die Aktie gibt es nur schwarz für 200 DM.

Wie die Wissenschaftler die realistische

Aktienrendite ermittelten.

Um die reale, also inflationsbereinigte

Rendite von Aktien zu berechnen, zogen

die Wissenschaftler der Universität

Regensburg die Verbraucherpreisindizes

beider Länder heran. Wie deutsche

Aktien abgeschnitten haben, zeigen

seit 1992 der Dax und für die Zeit davor

ein von Finanzwissenschaftler Gregor

Gielen ermittelter Aktien-Index, den

dieser bereits vor 20 Jahren als historisch

repräsentativ erarbeitet hatte

(WirtschaftsWoche 49/2008). Gielen

hatte rückwirkend Indizes für den deutschen

Aktienmarkt entwickelt, in die

Unternehmen so weit wie möglich mit

ihrem Börsenwert einflossen. Gielen

war sich darüber im Klaren, dass keine

Institution dauerhaft alle Aktien, die

dem Gesamtmarkt entsprachen, über

100 Jahre im Portfolio haben konnte.

Zu unterstellen, dass Anleger aber in jeder

Periode wie der Gesamtmarkt abgeschnitten

hatten, sah er als die am weitesten

repräsentative Methode an,

zumal diese auch Kapitalvernichtung

und -verluste am besten widerspiegle.

SHILLER-INDEX

Für die USA berufen sich die Wissenschaftler

auf den von Professor Robert

J. Shiller auf Basis des US-Index

S&P 500 zurückgerechneten Shiller-

Index. Analog zur Berechnung des Dax

wurde unterstellt, dass Dividenden

wieder in Aktien gesteckt wurden. Der

deutsche und der US-Index wurden

jeweils so umbasiert, dass sie 1871

einem Wert von 100 Währungseinheiten

entsprachen. Der Betrachtungszeitraum

erstreckt sich von Anfang

1871 bis Mai 2014.

Der abgebildete US-Index gibt die

Rendite eines US-Investors in Dollar

wieder. Der deutsche Index notiert bis

1948 in Reichsmark, bis Ende 1998 in

D-Mark und dann in Euro (siehe Chart

Seite 75). Zuletzt wurden die Indizes

um die jeweilige Inflation (in Zeiten

fallender Preise um die Deflation) bereinigt,

um unterm Strich die reale

Rendite ausweisen zu können.

1948 wiederum war ein sehr günstiger

Einstiegszeitpunkt – bis 1959 schafften

deutsche Aktien in D-Mark jährlich gut 32

Prozent realen Gewinn. Erst 1953 erreichten

allerdings die Kurse deutscher Titel

wieder das Niveau aus der Zeit vor dem

Ersten Weltkrieg – und das auch nur nominal.

„Anleger mussten über diesen langen

Zeitraum enorme reale Verluste hinnehmen“,

so Röder. Investoren, die Ende 1921

deutsche Papiere erwarben und nie verkauften,

sprangen erst im Februar 1954 real

wieder über die Nulllinie. Wer vor dem Einbruch

1948 sein Geld an die Börse brachte,

musste genau zehn Jahre warten, bis sich

die erste Realrendite einstellte.

1952 IG Farben kommt zu 122 DM an die

Börse, fällt auf 97. Die BASF-Aktie entsteht

neu, als die IG Farben entflochten

wird, und schließt Ende 1953 bei 125 DM.

Auch nach der fulminanten Hausse der

Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts folgte

eine Dürre: Bis 1979 konnten Anleger über

zwei Jahrzehnte lang die Inflation nur so

eben ausgleichen; sie bewahrten ihr Vermögen

knapp. Anschließend wurden sie

mit sehr langfristigem Horizont belohnt,

mit real 13,3 Prozent Wertzuwachs von

1980 bis 1999.

1976 BASF notiert, bereinigt und umgerechnet,

sodass sie mit dem heutigen

Kurs vergleichbar ist, bei 3,90 Euro. Bis

Ende 1999 steigt der Kurs auf 26 Euro.

Wer danach im Dax den Ausstieg vor

dem Crash der Jahre 2000 bis 2003 verpasste,

fuhr abermals ein Dutzend Jahre reale

Verluste von gut einem Prozent pro Jahr

ein. Erst seit Herbst 2012 bessert sich die

Bilanz.

Über 100 Jahre aber sind der deutsche

und der amerikanische Markt „rentabel

und sinnvoll“, sagt Röder. Selbst wenn ein

Investor kurz vor dem Zusammenbruch

des Markts investierte, „blieben Aktien vorteilhaft,

kurzfristig mussten Verluste hingenommen

werden, welche aber langfristig

ausgeglichen werden konnten“.

Wer Aktienpakete seiner Ururgroßväter

geerbt hatte, erzielte mit deutschen Aktien

über gut 142 Jahre einen jährlichen realen

Gewinn von rund 7,7 Prozent, US-Aktien

schafften gut 10,3 Prozent, in Dollar gerechnet.

Aktien „bieten über den betrachteten

Zeitraum eine genügend hohe Verzinsung,

um Inflation oder Deflation zu

kompensieren“, sagt Röder.

2008 Im Krisenjahr fällt die BASF-Aktie

von 50 auf unter 20 Euro. Im Juni 2014

notiert sie auf Allzeithoch bei 87 Euro.

Trotz höherer Renditen waren Aktien

nicht riskanter. Besitzer von deutschen

Staatsanleihen etwa trafen Kriege, Krisen

und Systemwechsel deutlich stärker. „Ein

diversifiziertes Aktienportfolio weist bei

langfristiger Anlage kein signifikant höheres

Risiko auf als vergleichbare andere Investitionen“,

folgert der Wissenschaftler.

Aktuell notieren die Börsen immer noch

nahe ihren Rekordständen. Die Gefahr von

Rückschlägen ist angesichts schwacher Ertragszuwächse

vieler Unternehmen und

überdurchschnittlich hoher geopolitischer

Risiken groß. Ein aus soliden deutschen

Werten zusammengesetztes Depot bietet

die beste Chance, langfristig Krisen und

Einbrüche zu überstehen – und es wird mit

hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht erst

nach 100 Jahren wieder real ins Plus laufen.

Für die Anlage über Generationen eignen

sich Aktien von 15 ausgesuchten Unternehmen,

die schon bewiesen haben,

dass sie im Markt und an der Börse auch in

Krisenzeiten bestehen können – und die in

FOTOS: VILLEROY & BOCH AG, VOLKSWAGEN AG, FOTOLIA (MONTAGE WIRTSCHAFTSWOCHE)

74 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Aktien schlagen Inflation

Rendite deutscher und US-Aktien,

abzüglich Preissteigerung, seit 1871*

10 000 000

1 000 000

100 000

10 000

1000

100

10

Aktienertrag USA

Aktienertrag Deutschland

1

1871 2011

* in Punkten, 1871 = 100; Quelle: Universität Regensburg, Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre

Hyperinflation und Deflation

Entwicklung der Verbraucherpreise in

Deutschland und den USA, seit 1871*

100 Billionen

1 Billion

10 Mrd.

100 Mio.

1 000 000

10 000

Deutschland

100

USA

1

1871 2011

der Lage waren, sich auch nach Jahrzehnten

wieder mal neu zu erfinden:

BASF Die Ludwigshafener sind mit zuletzt

74 Milliarden Euro Jahresumsatz der größte

Chemiekonzern der Welt. Traditionell

zählt die Aktie zu den dividendenstarken

Standardwerten. Wie stark die deutsche

Chemieindustrie ist, zeigte sich im ersten

Jahrzehnt des neuen Jahrtausends, als sie

trotz zweier Weltwirtschaftskrisen im

Durchschnitt um zwei Prozent pro Jahr zulegte.

Und das Chemiegeschäft dürfte

wachstumsstark bleiben. Der Verband der

Chemischen Industrie sagt der globalen

Chemieproduktion bis 2030 ein jährliches

Wachstum um 4,5 Prozent voraus. Ihr Gesamtwert

soll dann auf 6,3 Billionen Euro

steigen nach 2,8 Billionen Euro 2012.

HENKEL Seit 1876 versorgen die Düsseldorfer

die Welt mit Waschmitteln. Dazugekommen

sind das Geschäft mit Schönheitsartikeln

und die Klebstoffsparte. Trotz

knapp 16,4 Milliarden Euro an Jahreserlösen

ist Henkel im Kern immer noch ein Familienbetrieb.

Die Stammaktien hält zu

58,7 Prozent die Familie Henkel. Anleger

konnten seit der Emission der Henkel-Vorzugsaktie

im Jahr 1985 bis Ende 2013 bei

Wiederanlage der Dividenden (ohne Steuerabzug)

eine durchschnittliche jährliche

Verzinsung von 12,4 Prozent erzielen. Der

Dax erreichte im selben Zeitraum eine

jährliche Verzinsung von 7,8 Prozent. Zukünftiges

Wachstum, etwa für Henkel-

Waschmittel, dürfte die wachsende Mittelschicht

in China, Brasilien und anderen

Schwellenländern bringen. Und der Weltmarkt

für Klebstoffe hat heute schon ein

Umsatzvolumen von etwa 60 Milliarden

Euro. Auf Henkel entfallen davon rund 14

Prozent. Da ist noch Luft nach oben.

LINDE Das Münchner Unternehmen, dessen

Gründung auf das Jahr 1879 zurückgeht,

ist führend im Geschäft mit Industriegasen.

2013 setzte Linde knapp 16,7 Milliarden

Euro um. Das Geschäft gilt als gut

kalkulierbar mit sehr ordentlichen stetigen

Mittelzuflüssen. Die drei größten Konzerne,

neben Linde sind das Air Liquide aus

Frankreich und die amerikanische Praxair,

teilen mehr als die Hälfte des Weltmarkts

unter sich auf. Angreifbar sind sie nicht:

Kartellrechtlich wären gegenseitige Übernahmen

kaum machbar; die übrige Konkurrenz

ist viel zu klein, um sich den großen

drei zu nähern. Vielmehr dürfte Linde

wie schon in der Vergangenheit sein Portfolio

durch Zukäufe ergänzen. Bisher, das

zeigt die Historie, wurden neue Töchter

schnell integriert; auch der Schuldenabbau

nach teuren Zukäufen ging immer

planmäßig und zügig voran.

MÜNCHENER RÜCK 1880 gründete sich

das heute als Munich Re firmierende Unternehmen,

das zu den weltweit führenden

Rückversicherern zählt und mit der Ergo

auch klassisches Erstversicherungsgeschäft

betreibt. 2013 schrieben die Münchner

Bruttoprämien über gut 51 Milliarden

Euro. Im Geschäft der Versicherer von Versicherungen

zählt Erfahrung. Munich Re

hat es über Jahrzehnte geschafft, Prämien

vernünftig zu kalkulieren und selbst nicht

stark ins Risiko zu gehen. Aktuell sind die

Münchner der Top-Dividendenwert im

Dax. Wer die Aktie vor gut fünf Jahren kaufte,

hat ein Drittel seines Einsatzes durch

Dividenden schon wieder drin.

SAP Der Spezialist für Unternehmenssoftware

ist nur 42 Jahre alt, aber schon Europas

Nummer eins und in der Welt unter

den Top Vier. Mit knapp 17 Milliarden Euro

Jahresumsatz 2013 und gut 73 Milliarden

Euro Börsenwert ist SAP ein Schwergewicht

im Dax. 2009 lag der Umsatz bei erst

10,7 Milliarden Euro. Die Unternehmenskultur

hat viel Flexibilität ermöglicht. Während

SAP früher vor allem Großkonzerngeschäft

machte, konzentrierten sich die

Walldorfer letztendlich erfolgreich auch

auf den Mittelstand. Aktuell steht wiederum

ein Wandel, hin zu Angeboten in der

»

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 75

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Geld&Börse

»

Datenwolke (Cloud), an. Von niedrigem

Niveau aus ist das Wachstum dort stark.

VOLKSWAGEN 1937/38 als Betrieb der

Nationalsozialisten gegründet, sind die

Wolfsburger heute die Nummer zwei weltweit

im Automobilbau. Mit ihrer Mehrmarkenstrategie

(unter anderem Audi, Porsche,

MAN) und Produktions- und Vertriebsstätten

in Europa, China, den USA, Russland,

Mexiko, Brasilien dürfte VW für die Zukunft

gerüstet sein, wenn auch konkrete Lösungen

für die Post-Öl-Ära noch fehlen. 2018

steuern die Wolfsburger einen Absatz von

mehr als zehn Millionen Fahrzeugen an.

Die Umsatzrendite vor Steuern soll nachhaltig

bei wenigstens acht Prozent liegen.

30 Prozent des Konzernüberschusses sollen

in Zukunft an die Aktionäre gehen.

AIRBUS Die ersten Wurzeln der früheren

EADS gehen auf die Sechzigerjahre des 20.

Jahrhunderts zurück. Heute setzt das in

erster Linie französisch-deutsche Unternehmen

mit Hauptsitz in Toulouse rund 60

Milliarden Euro um – nicht nur mit den bekannten

Flugzeugen. Wer die Aktie kauft,

schlägt auch Profit aus dem Rüstungsge-

schäft, das jeden sechsten Euro erlöst.

Seit 2009 legte der Umsatz um fast 40

Prozent zu, damals schrieb Airbus mit

einem Minus von 763 Millionen Euro

letztmalig Verluste; 2013 lag der Gewinn

schon bei 1,5 Milliarden Euro.

BILFINGER Auch schon 134 Jahre alt

ist der ehemalige Baukonzern, der

sich heute als internationaler Engineering-

und Servicekonzern für Industrieunternehmen,

die Energiewirtschaft

und die Nutzer von Immobilien

oder Infrastruktur definiert.

Mit rund 70 000 Mitarbeitern wollen

die Mannheimer dieses Jahr eine

Leistung von knapp acht Milliarden

Euro erzielen, die geplante Gewinnhöhe

wird aber nicht erreicht. Langfristig

dürfte Bilfinger allerdings vom hohen

Ersatz- und Erweiterungsbedarf im

Kraftwerksbau und bei Infrastrukturprojekten

weltweit profitieren.

FIELMANN Gut 40 Jahre alt und zu knapp

drei Vierteln nach wie vor in Familienhand

ist die deutsche Optikerkette. Mit 7,3 Millionen

Brillen erzielten die Hamburger zuletzt

1,16 Milliarden Euro Umsatz.

Von 3,29 Euro Gewinn je Aktie

gingen 2,90 Euro Dividende

an die Anteilseigner – Fielmann

zählt zu den ausschüttungsfreundlichsten

Unternehmen.

In den vergangenen

Jahren wuchs man konstant

mit Raten zwischen vier und

sechs Prozent – also konjunkturunabhängig.

Das Eigenkapital

liegt bei sehr soliden 60

Prozent der Bilanzsumme.

Bisher sehen die Hamburger

ihr Geschäftsmodell nicht

von neuen Online-Handelskonkurrenten

bedroht. Brillenkauf

ist in der Regel ein

persönliches, individuelles

Geschäft. Das Unternehmen

könne von heute auf morgen

den Online-Vertrieb starten,

so Gründer Günther Fielmann.

Geld dafür ist da,

das Finanzvermögen

steigt. Zum letzten Bilanzstichtag

lagen 318 Millionen

Euro auf der hohen

Kante.

BAYWA Die 1923 gegründete

Bayerische

Warenvermittlung landwirtschaftlicher

Genossenschaften

AG, die seit

1972 unter BayWa firmiert, ist ein sehr solides,

international tätiges Handels- und

Dienstleistungsunternehmen mit den drei

Kerngeschäftsfeldern Agrar, Baustoffhandel

und erneuerbare Energien. Der Umsatz

der Münchner stieg seit 2009 von 7,3 auf

zuletzt 16 Milliarden Euro, der Konzernjahresüberschuss

hat sich seither mehr als

verdoppelt. BayWa ist an 3000 Standorten

in 16 Ländern vertreten und der größte

Agrarhändler im süddeutschen Raum und

in Österreich. Zudem sind die Münchner

der zweitgrößte Baustoffhändler Deutschlands

und Österreichs hinter der französischen

Lafarge.

KWS Saat 1856 in Kleinwanzleben bei

Madgeburg gegründet, sitzt KWS heute im

niedersächsischen Einbeck. Die Gruppe ist

weltweit der viertgrößte Saatguthersteller

und in rund 70 Ländern aktiv. 2012/13 setzte

KWS 1,15 Milliarden Euro um – ein Plus

von mehr als 50 Prozent binnen fünf Jahren.

Der Nettogewinn verdoppelte sich sogar

binnen dieser Zeitspanne nahezu.

KWS-Saat-Produkte sollten auf Sicht gefragt

bleiben. Denn Ackerland wird knapper:

Erosion, Umweltsünden und Kriege

vernichten jedes Jahr Millionen Hektar,

gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung.

VILLEROY & BOCH 1748 stellte François

Boch das erste Keramikgeschirr her – und

gegen Ende des dritten Jahrhunderts der

Firmengeschichte erfreuen sich dessen

Nachfahren noch immer an ihrer Mehrheit

am Unternehmen. Heute macht die Tisch-

FOTOS: HENKEL, BILFINGER SE, SAP AG, FOTOLIA (MONTAGE WIRTSCHAFTSWOCHE)

76 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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kultur nur noch ein Drittel des Umsatzes

von zuletzt 745 Millionen Euro aus. Zwei

Drittel fallen auf das Segment Bad & Wellness.

Im Immobilienboom steigt die Bauaktivität

in Deutschland, zudem liegen

hochwertige Bäder im Trend – und Villeroy

& Boch ist für die nächsten Jahre vor allem

im Badsegment gut positioniert. Da die Familie

nie übermäßig Geld abgezogen, sondern

auch in schwierigen Phasen zum Unternehmen

gestanden hat, dürften außenstehende

Aktionäre gut abgesichert sein.

BECHTLE Seit 1983 ist das IT-Systemhaus

auf Wachstumskurs. Allein seit 2009 erhöhte

sich der Umsatz um mehr als 60 Prozent

auf zuletzt 2,3 Milliarden Euro. Seither

steigt auch die Dividende kontinuierlich.

Das erfreut auch den Großaktionär Familie

Schick, die seit dem Börsengang 2000 treu

investiert sind, aktuell mit einem Anteil

von 35 Prozent. Für die Aktie spricht weiter

starkes Wachstum. Der Trend, IT-Dienstleistungen

auszulagern, soll den Umsatz

bis 2020 auf fünf Milliarden Euro steigern.

Helfen sollen dabei weitere Zukäufe. Im

Angebot hat die herstellerunabhängig arbeitende

Bechtle schon heute für jeden etwas:

Das Unternehmen vertreibt mehr als

56 000 Hard- und Softwareprodukte.

QIAGEN 1986 machte der deutsche Biotech-Pionier

mit fünf Mitarbeitern 100 000

Dollar Umsatz. 2013 schaffte der Laborzulieferer

1,3 Milliarden Dollar – und ist eine

internationale Größe. Stark dazu beigetragen

hat Vorstandschef

Peer Schatz, seit über 20

Jahren bei dem Unternehmen

im rheinischen Hilden

an Bord. Qiagen akquiriert

kontinuierlich

kleine Anbieter mit noch

geringen Umsätzen; der

Vorstand ist erfahren in der

Integration neuer Töchter.

Als Zulieferer von kleinen

Plastikröhrchen für Labore

wurde das Unternehmen

groß. Verlässliche Erträge

daraus ermöglichen die Expansion

in neue Felder:

personalisierte Medizin,

Testverfahren für Gebärmutterhalskrebs,

TBC-Analysemaschinen.

Das größte

deutsche Biotech-Unternehmen

wird vor allem für die hohe

Qualität seiner Produkte gelobt.

HERMLE 1938 gegründet, gilt die Maschinenfabrik

Berthold Hermle als sprichwörtlich

schwäbisch solide. Die Eigenkapitalquote

liegt bei knapp 72 Prozent. Obwohl

die Umsätze seit 2009 um 140 Prozent zulegten,

ist der Fräsmaschinenspezialist mit

306 Millionen Euro Jahreserlös ein kleines,

aber wegen sehr konservativer und stabiler

Geschäftspolitik und Bilanz auch ein sehr

feines Investment. In den vergangenen

fünf Jahren legten die Gosheimer Tempo

vor: So vervierfachte sich der Cash-Flow.

Selbst 2009, als viele Maschinenbauer tiefrote

Zahlen schrieben, machte Hermle Gewinn.

Hermle ist in mehr als 50 Ländern

mit Werksvertretungen für Beratung, Vertrieb

und Service vertreten und liefert an

Branchen von Medizintechnik bis Rennsport

– von großen, komplexen Bauteilen

bis zu Kleinstteilen im High-Tech-Bereich.

In Innovationen wird kräftig investiert. Das

sollte Anleger über Jahrzehnte erfreuen. n

christof.schuermann@wiwo.de

15 Papiere zum Vererben

Ausgewählte deutsche Aktien mit überzeugender Börsenhistorie und vielversprechender Langfristperspektive

Aktie/Branche

BASF/Chemie

Henkel Vz./Konsum

Linde/Gase

Münchener Rück/Versicherer

SAP/Software

Volkswagen Vz./Automobilbau

Airbus/Luftfahrt, Rüstung

Bilfinger/Ingenieurdienstleister

Fielmann/Brillenhandel

BayWa/Handel, Energie

KWS Saat 2 /Agrar

Villeroy&Boch Vz./Keramik

Bechtle/Informationstechnik

Qiagen/Biotechnologie

Hermle Vz./Maschinenbau

ISIN

DE000BASF111

DE0006048432

DE0006483001

DE0008430026

DE0007164600

DE0007664039

NL0000235190

DE0005909006

DE0005772206

DE0005194062

DE0007074007

DE0007657231

DE0005158703

NL0000240000

DE0006052830

Kurs

78,51

84,27

155,60

161,20

59,34

178,55

43,86

61,88

95,01

36,95

262,85

13,47

59,14

18,48

155,00

Stoppkurs

(langfristig)

(in Euro)

37,50

38,00

79,00

97,00

29,00

98,00

19,00

34,00

58,00

23,00

140,00

7,50

28,50

9,00

78,00

Marktkapitalisierung

1 gemessen an der letzten Ausschüttung; 2 2012, Geschäftsjahr endet am 30. Juni; 3 US-Dollar; Vz. = Vorzugsaktien; Zahlen zum Teil gerundet; Quelle: Bloomberg; Stand: 31. Juli 2014

73322

34341

29049

28138

73391

83789

35266

2898

4018

1279

1723

378

1274

4437

771

Umsatz

2013

(in Millionen Euro)

73973

16355

16655

63702

16815

197007

59256

8415

1157

15958

1147

745

2273

1302 3

306

Nettogewinn

2013

4842

1589

1317

3300

3331

9066

1500

172

140

98

91

24

63

69 3

45

geschätztes

Kurs-Gewinn-

Verhältnis 2014

14,2

20,2

21,3

9,3

20,5

8,3

14,5

13,5

26,1

12,1

21,2

12,1

16,6

40,8

14,4

Dividendenrendite

1

(in Prozent)

3,4

1,4

1,9

4,5

1,7

2,3

1,7

4,8

3,1

2,0

1,1

3,1

1,9

0,0

5,2

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 77

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Geld&Börse

Der Schwarm

fliegt aufs Haus

IMMOBILIEN | Internet-Plattformen locken Privatanleger mit

Garantiezins und Gewinnbeteiligung zu Investments in Häuser,

Wohnungen und Hotels. Was taugen die Crowdinvesting-Angebote?

Meeresrauschen. Die Kamera fliegt

über den Ostseestrand. Weiter

geht es über saftige grüne Wiesen.

Am Horizont taucht ein weißes Herrenhaus

auf, umgeben von alten Bäumen. So

startet das 17-minütige Werbevideo für ein

Investment in das Luxus-Resort Weissenhaus

in Ostholstein. Etwa zwei Millionen

Euro hat die Internet-Plattform Companisto

bisher für den Hotelkomplex eingesammelt.

Mit dem von Anlegern geliehenen

Geld will Eigentümer Jan Henric Buettner

die Zahl der Zimmer ausbauen.

Companisto vermittelt Crowdinvestments,

bei denen sich ein Schwarm von

Anlegern an Start-ups beteiligt. Die Intelligenz

der Crowd werde die profitabelste Investition

schon ans Licht bringen, so die

Theorie. Weltweit wurden 2013 mit dieser

relativ neuen Masche etwa fünf Milliarden

Dollar eingesammelt. In Deutschland ist

das Geschäft noch marginal (siehe Grafik).

Nun versucht eine Handvoll Anbieter

Crowdinvesting als Sammelbüchse für Immobilien-Investments

in Deutschland zu

nutzen. Die Crowd beteiligt sich nicht, sondern

vergibt in der Regel Darlehen. Pionier

war das Münchner Unternehmen Kapitalfreunde,

das 2012 und 2013 die Crowd zwei

Häuser in Starnberg und Frankfurt über

Darlehen finanzieren ließ. Noch in diesem

Jahr sollen zwei weitere Projekte folgen, so

Geschäftsführer Michael Ullmann.

Ein Darlehen für das Wohnensemble

Waldschmidt-Park in Starnberg sei vorzeitig

nach einem Jahr zurückgezahlt worden,

so Ullmann. Inklusive eines Zinsaufschlags

wegen der verkürzten Laufzeit hätten Anleger

7,5 Prozent Zinsen erhalten. Das von

der Crowd finanzierte Darlehen für das

Atelierhaus Kleiner Ritter in Frankfurt läuft

noch bis 2016, Zinsen würden erst am

Laufzeitende fällig.

Auch der Münchner Unternehmensberater

Robert Dotzauer sammelte mit der

Plattform Raumrendite Geld für Immobilien

ein. Raumrendite hatte im Berliner

Stadtteil Wedding eine Mietwohnung gekauft.

Anleger konnten sich über Darlehen

beteiligen und sollten dafür 2,5 Prozent pro

Jahr als Garantiezins erhalten. Laut Internet-Seite

von Raumrendite haben bisher 14

Anleger investiert. Weitere Angaben zum

aktuellen Stand machte Dotzauer nicht.

Im größeren Stil gehen aktuell Jan Henric

Buettner und Guido Sandler auf Investorensuche,

beide zwei schillernde Unternehmertypen.

Buettner war früher Chef

Wie im Märchen

Buettner will Geld von der Crowd

für Schloss Weissenhaus

FOTO: LARS BERG

78 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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von AOL Deutschland und hatte sich einst

vor Gericht eine dreistellige Millionenbeteiligung

am Verkaufserlös von AOL erstritten.

Er trommelt über Companisto für das

Resort Weissenhaus (siehe Tabelle Seite

80). Sandler, Ex-Vorstand der Börsenplattform

E-Trade und der Berliner Effektenbank,

sucht mit seiner Plattform Bergfürst

Investoren für ein Hamburger Mietshaus.

GRAUER MARKT WEICHT AUS

Noch vor zwei Jahren wäre eine Schar von

Vertrieblern ausgeschwärmt, um Geld für

die beiden Objekte über geschlossene

Fonds einzusammeln, unternehmerische

Beteiligungsvehikel, in die Anleger für viele

Jahre Geld stecken und bei denen sie im

Extremfall sogar Geld nachschießen müssen.

Inzwischen hat der Staat diese Fonds

aber so reguliert, dass sich der graue Markt

für Kapitalanlagen andere Anlagevehikel

sucht. Dazu gehören

n Genussrechte: Wertpapiere mit Anspruch

auf Gewinnbeteiligung, die aber,

anders als Aktien, kein Mitspracherecht im

Unternehmen beinhalten;

n nachrangige Darlehen: Kredite, bei denen

die Gläubiger im Fall einer Insolvenz

ganz hinten stehen, also nachrangig bedient

werden;

n partiarische Darlehen: Kredite, bei denen

die Gläubiger statt Zinsen eine Gewinnbeteiligung

erhalten.

Sowohl Genussrechte als auch nachrangige

und partiarische Darlehen sind bisher

weitgehend unreguliert. Erst nach der

Sommerpause will das Bundeskabinett ein

Gesetz zum Kleinanlegerschutz beschließen,

das Regeln für die neuen Spielarten

des grauen Markts enthalten soll.

Crowdinvesting selbst will Berlin nur

sanft regulieren. Laut Gesetzentwurf wird

zum Beispiel ein Wertpapierprospekt nur

Pflicht, wenn eine Million Euro oder mehr

eingesammelt werden. Bei Schwarmfinanzierungen

unter einer Million, zu denen

ein einzelner Anleger nicht mehr als 10 000

Euro beiträgt, müssen Anbieter Interessenten

nur ein Blatt mit den wichtigsten Informationen

und Risikohinweisen geben.

Mit Nachrangdarlehen und Genussrechten

können Initiatoren Geld einsammeln,

ohne dass die Anleger ein Mitspracherecht

haben. Anders als bei geschlossenen

Fonds lassen sich missliebige Geschäftsführer

nicht einfach entmachten. Die Anbieter

selbst werben mit dem Kostenvorteil

von Crowdinvesting. „20 Prozent Kosten

für Vertrieb und Berater sind nicht mehr

zeitgemäß“, sagt Sandler. Bergfürst komme

»20 Prozent für

Vertrieb und

Berater sind nicht

zeitgemäß«

Guido Sandler, Vorstandschef Bergfürst

mit drei bis fünf Prozent Kosten aus. Falls

die Immobilie über die Laufzeit an Wert

zulegt, erhält Bergfürst vom Eigentümer einen

Anteil am Wertzuwachs.

Crowdinvesting, so Bergfürst-Chef Sandler,

sei transparenter als geschlossene

Fonds. Er verspricht eine jährliche, unabhängige

Bewertung der Immobilie und

zeitnah Geschäftsberichte. Anleger seien

so ständig über die Wertentwicklung der

Immobilie und die Höhe der Mieteinnahmen

informiert.

Auch Buettner sucht Distanz zur Graumarktszene

der geschlossenen Fonds. Minutiös

listet er auf, was Weissenhaus von

dem insolventen Hotelkomplex Heiligendamm

in der Nähe von Rostock unterscheidet:

kein Streit mit der Gemeinde,

bessere Infrastruktur, mehr Sicherheit.

Anno-August Jagdfeld, vormals Chef der

Fundus-Gruppe, hatte über geschlossene

Fonds Millionen bei Anlegern für ein

Comeback des Seebads Heiligendamm

eingesammelt – und das Projekt vor die

Wand gefahren. 2012 musste das Grandhotel

Insolvenz anmelden.

Crowdinvesting kommt zwar ohne aggressive

Finanzvertriebe aus, frei von Risiken

ist es nicht. Anleger können ihr Geld

verlieren. So sammelte Companisto im Oktober

2013 Geld für den Sportartikelhändler

sporTrade ein, seit Februar ist der insolvent.

Die Immobilienangebote kommen

erst nach jahrelangem Boom auf den

Markt. Wer jetzt einsteigt, kauft teuer. Da

der Gewinn des Anlegers an der Mietrendite

und dem Wertzuwachs der Immobilie

hängt, wird es nicht leicht, die Versprechen

einzuhalten. So angesagt Crowdinvesting

sein mag, am Ende zählt das Geschäftsmodell.

Die Offerten im Check:

DER TRAUM VON WEISSENHAUS

Buettners Sammelaktion läuft gut. Ursprünglich

wollte er zwei Millionen Euro

einsammeln. Nach knapp zwei Wochen

hatte er die, jetzt folgen weitere zwei Millionen.

Maximal 7,5 Millionen Euro sollen es

insgesamt sein. Das Geld soll in den Ausbau

des Hotelkomplexes fließen.

Geschäftsmodell: Das Resort auf dem 75

Hektar großen Geländes eines ehemaligen

Gutshofs will Feriengäste und Veranstaltungen

locken. Bis 2018 soll die Zahl der

Zimmer von 60 auf 200 steigen. Derzeit

kostet die Übernachtung 350 bis 1300 Euro.

Investment: Anleger werden nicht Teilhaber

des Hotels oder von dessen Betriebsgesellschaft.

Sie finanzieren einen Teil der Investitionen

über ein nachrangiges Darlehen.

Damit Anleger bei einer Pleite nicht

leer ausgehen, bürgt Buettner mit seinem

privaten Vermögen. Nach dem AOL-Deal

sollte er ausreichend zahlungsfähig sein.

Chance: Bis 2019 erhalten die Anleger vier

Prozent pro Jahr. Nur wenn der Wertzuwachs

der Immobilien höher ist als die garantierten

vier Prozent, bekommen Anleger

noch einen Schnaps obendrauf. Der

zugrunde gelegte Immobilienwert von 76

Millionen Euro besteht aus Ankaufspreis,

Sanierungskosten plus den maximal 7,5

Erst Start-ups, dann Betongold

Crowdinvesting finanzierte zunächst vor allem junge Unternehmen, mit steigenden Kaufpreisen

für Wohnungen sammelten die Anbieter auch Geld für Immobilien ein

8Mio. €

160

5,0

7

Mio. €

45.6.95.0

Start-ups

150

Immobilien

6

5

140

Preisindex

4

130

Wohnungen Hamburg

3

(März 2007 = 100)

120

2

110

1

0,1

Mio. €

0

100

2012 2013 2014 2011 2012 2013 2014 2013 20143

1 ohne Immobilien; 2 Bestandsimmobilien; 3 wenn die Plattformen Bergfürst und Companisto die angepeilte Summe

einsammeln; Quelle: Für-Gründer.de, Anbieter, ImmoScout24

»

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 79

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Geld&Börse

Mehr Zins, aber auch viel mehr Risiko als Tagesgeld

Wie Anleger sich in kleinen Tranchen an Einnahmen des Hotels und des Zinshauses beteiligen können.

Anbieter-

Plattform

Companista

Bergfürst

Immobilie

Weissenhaus; Hotel

(Platzierung läuft)

Middendorf Haus; Wohnungen

(Platzierung im September)

Investment

Nachrangdarlehen

Genussschein,

gespeist aus Mieten

Garantierter

Zins

(in Prozent) 1

4,0

3,0 bis 3,5 4 Mindest-

Anlage

(in Euro)

500

250 4 Volumen

Crowdinvesting

(in Mio. Euro)

maximal 7,5

(bisher 2,3)

1,0 4 Gesamtinvestition

(in Mio. Euro) 2

76,0

unbekannt 4

1 zusätzlich werden die Anleger am Wertzuwachsder Immobilie beteiligt; 2 inklusive übrige Investoren und Bankkredite; 3 plus Beteiligung des Anbieters am Wertzuwachs

der Immobilien; 4 Wertgutachten für die Immobilie und Anlageprospekt liegen noch nicht vor; Quelle: Anbieter, eigene Recherchen

Kosten

fünf bis zehn

Prozent 3

drei bis fünf

Prozent 4

Laufzeit

bis 31.12.2019

voraussichtlich

fünf Jahre 4

»

Millionen von der Crowd. Ob das Resort

tatsächlich so viel wert ist, bleibt offen.

Risiko: Hotels in Schleswig-Holstein sind

von Oktober bis April im Schnitt nur zu unter

30 Prozent belegt. Auch beim Fundus-

Objekt Heiligendamm blieben außerhalb

der Saison die Gäste aus. Buettner gibt sich

optimistisch. Die Vorbuchungen seien auf

hohem Niveau. Er rechne auch für Herbst

und Winter mit 50 Prozent Auslastung. Veranstaltungen

im historischen Ambiente

und ein Luxus-Spa sollen über die dunklen

Monate hinweghelfen. Der Plan der Betriebsgesellschaft

sieht im optimistischen

Szenario eine Auslastung von 45 Prozent

für 2014 und 60 Prozent für 2015 vor – im

Jahresschnitt, wohlgemerkt.

Ausstieg: Das nachrangige Darlehen läuft

2019 aus. Anleger, die vorher raus wollen,

müssen Vorfälligkeitsentschädigung zahlen

– nach drei Jahren zehn Prozent, nach

vier Jahren noch fünf Prozent.

Zinshaus für den Schwarm Ex-Banker Sandler (rechts) betreibt die

Internet-Plattform Bergfürst, die Anleger in kleinen Tranchen an den

Mieteinnahmen aus dem Hamburger Middendorf Haus beteiligen will

FÜRSTLICHES MIDDENDORF HAUS

Bergfürst-Chef Sandler will Details erst

nennen, wenn der Prospekt fertig ist. Klar

ist aber, dass Anleger sich an dem Hamburger

Mietshaus über Genussscheine beteiligen

können. Dafür sollen sie 3,0 bis 3,5

Prozent pro Jahr an Zins erhalten.

Geschäftsmodell: Anleger sollen an den

Mieteinnahmen aus 36 Wohnungen teilhaben.

Unterhalt und Verwaltung übernimmt

der Eigentümer, eine Hamburger Vermögensverwaltung.

Investment: Der Eigentümer verkauft einen

Teil des Middendorf Hauses an die Inhaber

der Genussscheine. Läuft alles glatt,

hält die Vermögensverwaltung noch ein

Drittel des Eigenkapitals. So habe sie noch

einen Anreiz, das Haus in Schuss zu halten,

sagt Sandler. Der

Zins des Genussscheins

stammt aus

den Mieteinnahmen.

Allerdings, so Sandler, werde nicht

der gesamte Mietüberschuss ausgeschüttet,

sondern eine Reserve gebildet, um

auch bei eventuellem Leerstand Bankkredite

und Anlegerdarlehen bedienen zu

können. Das Mietshaus soll fünf bis acht

Millionen wert sein. Gutachten: folgt.

Chance: Anleger sollen 3,0 bis 3,5 Prozent

Zins bekommen. Bei vorzeitigem Verkauf

oder Auslaufen des Genussscheins sollen

sie am Wertzuwachs beteiligt werden. Wie,

das soll demnächst im Prospekt stehen.

Risiko: Egal, wie hoch der Gutachter die

Immobilie bewerten wird, es wird auf jeden

Fall deutlich mehr sein, als der Alteigentümer

2011 bezahlte. Seither sind die

Preise für Häuser in Hamburg um im

Schnitt ein Drittel angezogen – die Luft

wird dünner. Weiteres Ungemach droht

von der Politik. So will die Bundesregierung

noch in diesem Jahr eine Mietpreisbremse

für stark nachgefragte Märkte beschließen.

Auch in Hamburg sollen die

Mieten gebremst werden. Bereits jetzt liegen

die Mietrenditen in Hamburger Top-

Lagen häufig unter drei Prozent. Es wird also

für Bergfürst nicht einfach werden, die

eigenen Verpflichtungen zu erfüllen.

Ausstieg: Anleger können die Genussscheine

untereinander auf der Plattform

von Bergfürst handeln. Ein Verkauf über

die Börse ist nicht möglich. Wenn der Eigentümer

das Mietshaus verkauft, läuft

auch der Genussschein aus. Für entgangene

Zinseinnahmen wird nicht entschädigt,

dafür erhalten die Anleger einen Anteil am

Wertzuwachs der Immobilie.

Allzu hoch sollten sie ihre Erwartungen

nicht schrauben. So war der Trendindikator

des Kreditvermittlers Dr. Klein für Wohnungspreise

in Hamburg im ersten und

zweiten Quartal dieses Jahres sogar leicht

rückläufig. Es spricht einiges dafür, dass

sich der Immobilienboom abschwächt.

Gut möglich, dass Anleger also zu spät einsteigen

– trotz Schwarmintelligenz. n

martin.gerth@wiwo.de

FOTOS: OBS/BERGFÜRST AG, ULLSTEIN BILD/KIELMANN

80 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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Barron’s

ILLUSTRATION: TOM MACKINGER

Nächste Runde

TECH-AKTIEN | Der Umsatz mit Personalcomputern stabilisiert sich,

die hochgejubelten neuen Tablets büßen schon wieder ein.

Als Apple-Guru Steve Jobs im Januar

2010 das iPad vorstellte, hatte er seine

Vision eines besseren Computers

verwirklicht: das erste Tablet, ein leichtes,

schnelles Gerät, das alles kann, was auch

ein langsamer PC kann. Tablets waren bald

heiß begehrt, während der Umsatz mit stationären

PCs und Laptops zurückging.

Nach nur drei Jahren hatte Apple 98 Millionen

iPads verkauft. Samsung, Amazon und

Microsoft bauten sie nach. Die Medien erklärten

den PC schnell für tot, Konzerne

wie Hewlett-Packard, Chipbauer AMD, Microsoft

und Dell sahen sich langfristig in ihrer

Existenz bedroht.

ÜBERRASCHENDE WENDUNG

Die Herausforderungen sind für die traditionellen

PC-Hersteller nicht geringer geworden,

aber die Entwicklung nimmt jetzt

eine unerwartete Wendung: Aus dem Tablet-Geschäft

scheint die Luft raus. Laut

jüngsten Zahlen des Marktforschers Gartner

hat Apple im letzten Quartal 13,3 Millionen

Tablets verkauft – neun Prozent weniger

als im gleichen Quartal des Vorjahres.

Samsung hat bereits von einer „insgesamt

schwachen Nachfrage“ nach Tablets

gewarnt und die Gewinnprognose für das

zweite Quartal 2014 runtergeschraubt. Der

Schuldige scheint gefunden: Samsung ließ

in einer Erklärung verlauten, die wachsende

Nachfrage nach großen Smartphones

(„Phablets“, Phone + Tablet) habe jene

nach Tablet-Computern kannibalisiert.

Das klingt plausibel; die Bildschirme der

Riesenhandys messen in der Diagonale

nur noch einen Zoll (2,54 Zentimeter) weniger

als die kleinerer Tablets.

Nur vier Jahre nach ihrer Markteinführung

muss man sich fragen, ob Tablets

nicht langfristig schon wieder verdrängt

werden. Stimmen aktuelle Gerüchte, wird

Apple demnächst iPhones mit größeren

Bildschirmen präsentieren, darunter ein

5,5-Zoll-Modell. Durchaus vorstellbar, dass

ein Apple-Phablet dem Absatz von iPads

einen weiteren Dämpfer versetzt. Im Gegensatz

zu den Apple-Chefs hat Brian Marshall,

Analyst beim Broker ISI Group, Tablets

nie als PC-Ersatz gesehen: „Die meisten

Leute wollen immer noch ein Basisgerät,

an dem sie arbeiten“, meint er.

Aber nicht nur zum Riesenhandy, auch

in der Abgrenzung zum Laptop droht das

Tablet Trennschärfe zu verlieren.

Apple selbst scheint seine PCs

(Macs) und Laptops nicht aufzugeben,

im Gegenteil: Das neue

Mac-Betriebssystem soll in diesem

Herbst auf den Markt kommen.

Macs werden dann mit in

der Nähe befindlichen iPhones

drahtlos Anrufe und Dateien austauschen.

Im April verbilligte

Apple zudem das Laptop

Die beste

Geschichte aus

der aktuellen

Ausgabe von

dem führenden

amerikanischen

Magazin für

Geldanleger.

MacBook Air um zehn Prozent auf 900 Dollar.

Dessen Umsatz stieg im ersten Quartal

um 18 Prozent. Nach den Kriterien Preis

und Gewicht ist das billigste MacBook jetzt

in einer ähnlichen Klasse wie das Tablet

iPad Air angesiedelt, das zwischen 499 und

929 Dollar kostet.

Im zweiten Quartal 2014 erhöhten sich

die PC-Lieferungen laut Gartner weltweit

um 0,1 Prozent, nachdem sie zwei Jahre

rückläufig gewesen waren. In den USA

schnellten die PC-Umsätze sogar um 7,4

Prozent nach oben, unter anderem weil

Unternehmen nun auf modernere Geräte

aufrüsten, da Microsoft Windows XP nicht

mehr unterstützt. Aber auch Verbraucher

zeigen sich wieder interessiert. „Die Konsumenten

haben die schlanken, leichten

Notebooks entdeckt“, so Gartner-Analyst

Mikako Kitagawa, „Intel etwa hat drei Jahre

intensiv über den PC nachgedacht.“

Herausgekommen sind dabei zum Beispiel

Touchscreens. „Vor zwei Jahren waren

Touchscreens für PCs noch kein Thema“,

meint Rob DeLine, Marketingleiter bei Intel.

„Wir haben diese Entwicklung nun beschleunigt.“

2011 nahm Intel einen neuen

Anlauf zur Verbesserung von Chips in Laptops

und verlangte von seinen Zulieferern

noch dünnere Akkus, Displays und Deckel.

DEMONSTRATIVE ZUVERSICHT

Apple-Chef Tim Cook gibt sich unbeeindruckt:

„Tablets stehen noch am Anfang ihrer

Entwicklung; das iPad wird signifikante

Innovationen erleben, die den Umsatz

wachsen lassen. Daran arbeiten wir.“ Apple

ist besonders für das Firmengeschäft mit

iPads optimistisch, hat zu diesem Zweck

eine Partnerschaft mit IBM für den Vertrieb

von iPads und maßgeschneiderten Apps

für professionelle Anwender geschmiedet.

Apple hat zudem noch nie davor zurückgeschreckt,

sich selbst Konkurrenz zu machen

– so ist etwa das iPod-Geschäft heute

nur noch halb so groß wie 2008, weil auch

das iPhone Musik abspielt – kein Problem,

schließlich hat das iPhone die höhere Marge.

Apples Segment mit dem stärksten

Wachstum ist ohnehin kein physisches

Hardwareprodukt mehr,

sondern iTunes. Der Umsatz mit

dem Online-Medien-Kaufhaus

stieg im vergangenen Quartal um

25 Prozent – ein Zeichen dafür,

dass das Apple-Ökosystem, zu

dem Musik, Navigation und Filme

gehören werden, sehr stark

Wurzeln geschlagen hat. n

alexander eule | geld@wiwo.de

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 81

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Geld&Börse | Steuern und Recht

ANLAGEBERATUNG

Systemwechsel muss warten

Zum Stichtag des neuen Gesetzes erfüllen nur wenig Honorarberater die Regeln.

Provisionshungrigen Finanzverkäufern geht es

an den Kragen: Jüngst hat der Bundesgerichtshof,

Banken und freie Finanzvermittler verpflichtet,

Provisionen gegenüber Kunden offenzulegen (XI

ZR 147/12). Und seit dem 1. August bekommen

Vertriebsprofis Konkurrenz durch die offiziell zugelassenen

Honorar-Anlageberater. Wer sich so

nennt, für den gelten klare Regeln:

n Provisionen von Produktanbietern darf er nicht

annehmen oder muss sie komplett an den Kunden

weitergeben. Verboten sind auch Incentives,

wie von Anbietern bezahlte Reisen.

n Das Produktrepertoire muss verschiedene Anbieter

umfassen und den Markt gut abdecken.

n Nur das Interesse des Kunden zählt. Denn der

zahlt – üblich sind 150 Euro pro Stunde.

RECHT EINFACH | Mobilitätshilfen

Treppenlifte, Rollstühle, Rollatoren:

Hilfsmittel erleichtern allen,

die nicht gut zu Fuß sind, die

Fortbewegung. Manche Gehhilfe

führt aber auch zu Prozessen.

§

Flur. Eine gehbehinderte

Mieterin stellte ihren Rollator

neben der Haustür des

Mehrfamilienhauses ab und

blockierte so die Kellertür. Das

Gerät in ihre Wohnung im ersten

Stock zu schleppen schaffte sie

nicht. Der Abstellplatz missfiel der

Vermieterin. Die Seniorin sollte

den Rollator in einem 20 Meter entfernten

Schuppen parken oder den

Mann der Vermieterin anklingeln;

er werde die Gehhilfe hochtragen.

Unzumutbar, so die Richter. Der

Rollator darf im Treppenhaus stehen,

nur nicht direkt vor der Kellertür

(Amtsgericht Recklinghausen,

56 C 98/13; Landgericht Hannover,

20 S 39/05).

Treppe. Nur langsam schaffte es

ein gehbehinderter Münchner, seine

Eigentumswohnung im ersten

Stock zu erreichen. Er bat andere

Doch zum Gesetzesstart ist nur eine Handvoll

Honorar-Anlageberater bei der Finanzaufsicht

BaFin registriert. Viele andere befolgen zwar

schon die gesetzlichen Regeln, aber solange ihnen

das kein Wirtschaftsprüfer testiert hat, kommen

sie nicht ins Register. Die Prüfer wiederum

beklagen, dass es noch keine Prüfungsordnung

gibt. Viele nutzen eine vereinfachte Zulassung

der Gewerbeämter und bezeichnen sich als

Honorar-Finanzanlagenberater. Sie dürfen auch

keine Provision kassieren, aber nur Investmentfonds

verkaufen. Anleger können sich auf

Internet-Seiten wie berater-lotse.de Namen und

Adressen von Finanzexperten suchen, die sich

verpflichtet haben, keine provisionsgesteuerte

Beratung anzubieten.

CANADA GOLD TRUST

Im Ausland

vor Gericht

Die Geschäftsführung der Beteiligungsfonds

von Canada

Gold Trust (CGT) hat sich bei

der Gesellschafterversammlung

in Berlin durchgesetzt: Die

Gesellschaften werden umstrukturiert,

aus den Kommandit-Beteiligungen

der Anleger

an den geschlossenen Fonds

werden künftig Anteile an einer

Aktiengesellschaft in Kanada.

Was sich gut anhört, könnte

zum Problem werden: „Bislang

war es möglich, die Verantwortlichen

in Deutschland zu verklagen,

künftig dürfte der Gerichtsstand

aber Kanada sein,

und nur dort wären Klagen

möglich“, sagt Nuriye Yildirim,

Rechtsanwältin in der Münchner

Kanzlei Lachmair & Kollegen.

CGT hat mehr als 2000 Anleger

mit Ausschüttungen von

14 Prozent gelockt. Das Geld

soll als Darlehen für den Goldabbau

der Mary Creek Gold

Mines vergeben worden sein.

Die Minengesellschaft zahlt

angeblich 27 Prozent Zinsen,

14 Prozent jährlich flossen 2012

und 2013 an die CGT-Anleger.

Was die künftig bekommen, ist

unklar. Eine Dividende an

Aktionäre ist abhängig vom

Gewinn der AG. Bedenklich:

Noch macht die neue Mutter,

Henning Gold Mines, Verluste

in zweistelliger Millionenhöhe.

Eigentümer, einen Treppenlift

einbauen zu dürfen. Sie protestierten:

Im engen Treppenhaus

könnten dann keine größeren Gegenstände

transportiert werden.

Zudem käme beim Liftbetrieb

niemand an dem Einbau vorbei.

Die Richter gaben ihnen recht.

Die Gehbehinderung sei nicht so

schwer, dass Bewohner die Nachteile

in Kauf nehmen müssten

(Oberlandesgericht München,

34 Wx 66/07).

Schlange. In Sachsen schlängelte

sich ein Mann mit 1,66 Promille

Alkohol im Blut mit seinem

Elektro-Rollstuhl auf einem Gehweg

entlang. Die Polizei verhängte

ein dreimonatiges Fahrverbot.

Zu Recht, befand das Gericht. Der

Betreffende könne ja einen von

Hand betriebenen Rollstuhl nutzen

(Amtsgericht Löbau, 5 Ds 430

Js 17736/06).

FOTOS: LAIF/PHOTOALTO/ALE VENTURA, PICTURE-ALLIANCE/DPA/PA WIRE/DAVE THOMPSON/, PR

82 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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RENTENKÜRZUNGEN

Wann ist das Maß für die Richter voll?

RADFAHRER

Wer abbiegt, muss aufpassen

Ein Radfahrer, der von einer

verkehrsberuhigten Straße

nach rechts auf eine Hauptstraße

mit Vorfahrt abbiegt, muss

sich vergewissern, dass die

Bahn komplett frei ist. In einem

jetzt vom Oberlandesgericht

Hamm entschiedenen Fall bog

ein 14-jähriger Radfahrer offenbar

zu flott ab und achtete nicht

auf eine Radfahrerin, die den

Radweg der Hauptstraße entgegen

der Fahrtrichtung befuhr.

Die Frau stürzte und brach sich

Schien- und Wadenbein.

SCHNELLGERICHT

DATEN EINE WOCHE IM SPEICHER

§

Die Telekom darf die Identifikationsnummer eines

Computers (IP-Adresse) eine Woche speichern,

etwa um Hacker abzuwehren. Internet-Nutzer können

keine Löschung am Ende einer Internet-Sitzung

verlangen (Bundesgerichtshof, III ZR 391/13).

KRANKENKASSE SCHRÖPFT PENSIONSKASSE

§

Gesetzlich Krankenversicherte, die Geld aus einer

Pensionskasse bekommen, zahlen den vollen Kassenbeitrag,

obwohl sie privat eingezahlt haben (Bundessozialgericht,

B 12 KR 26/12 R). Der VdK prüft

eine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht,

weil die Verfassungsrichter bei einer privat fortgeführten

Direktversicherung anders geurteilt hatten.

Die Richter entschieden, dass

der junge Fahrer zu zwei Dritteln

für den Unfall hafte, da er auf

eine stark befahrene Straße

abbog, bevor er den dortigen

Verkehr ausreichend kontrolliert

hatte. Ein Drittel des Verschuldens

trifft aber auch die verletzte

Radfahrerin. Sie hätte vorsichtiger

fahren müssen, wenn sie

schon den Radweg gegen die

Fahrtrichtung befährt. Insgesamt

erhält sie von der Haftpflichtversicherung

des Radfahrers

7500 Euro (26 U 60/13).

Dieses Urteil geht nicht nur

Rentner, sondern auch alle

Arbeitnehmer etwas an: Das

Bundesverfassungsgericht hat

entschieden, dass die Bundesregierung

bei den Renten kürzen

darf, wenn das für den Bestand

der Sozialversicherung

erforderlich ist. Mehrere Rentner

hatten dagegen geklagt,

dass im Jahr 2005 ihre Rente

nicht erhöht wurde und sie

durch Krankenkassenbeiträge

stärker belastet wurden. „Berücksichtigt

man in diesen

Jahren zusätzlich die Preissteigerung,

lief das auf ein Minus

bei der Rente hinaus“, sagt Jörg

Ungerer, Chefjustiziar beim Sozialverband

VdK. Diese einzelnen

Maßnahmen verstießen

nach Ansicht der Richter allerdings

noch nicht gegen das

Grundgesetz (1 BvR 79/09 und

weitere). Die Karlsruher Richter

fordern aber schon jetzt, dass

politische Eingriffe verhältnismäßig

sein müssten und die

Rentner nicht willkürlich belasten

dürfen.

Dem Bundesverfassungsgericht

liegen bereits weitere Beschwerden

vor – etwa gegen eine

Nullrunde aus dem Jahr 2006

und eine Teilrentenanpassung

aus 2007. Die Karlsruher Richter

haben in diesen Verfahren

den Sozialverband VdK zur Stellungnahme

aufgefordert. Sie

möchten wissen, wie die Experten

die Summe der Maßnahmen

aus insgesamt drei

Nullrunden und weiteren Rentenbegrenzungen

beurteilen.

VdK-Jurist Ungerer vermutet,

dass die Richter einzelne Renten-Eingriffe

noch für verfassungskonform

halten, dass

viele kleine Nadelstiche aber

irgendwann das Maß so voll

machen, dass sie einschreiten

könnten. „Der Spielraum, den

die jüngste Entscheidung der

Politik zubilligt, könnte dann

von den Verfassungsrichtern

doch wieder verkleinert werden“,

sagt Ungerer.

LEBENSPARTNERSCHAFT

Steuervorteil

erst ab 2001

Im vergangenen Jahr hat das

Bundesverfassungsgericht dafür

gesorgt, dass auch für gleichgeschlechtliche

Partnerschaften

die Steuervorteile der Zusammenveranlagung

und des Ehegattensplittings

gelten. Eingetragenen

Paaren wird das Splitting

maximal bis 2001 rückwirkend

anerkannt, entschied der Bundesfinanzhof

(III R 14/05). Seit

2001 gibt es das Lebenspartnerschaftsgesetz.

ERNÄHRUNG IST PRIVATSACHE

§

Ein Gewichtheber in der ersten Bundesliga wollte

Kosten von monatlich bis zu 500 Euro für erhöhten

Kalorienbedarf von der Steuer absetzen. Der

Fiskus lässt aber Verpflegungs-Mehraufwendungen

nur bei Dienstreisen zu (Bundesfinanzhof, XR 40/11).

VOLLE STÜTZE FÜR BEHINDERTE

§

Etwa 40 000 behinderte Erwachsene und Pflegebedürftige

hatten seit 2011 nur noch 80 Prozent

des Sozialhilfesatzes erhalten, weil sie bei Eltern oder

Bekannten lebten. Das Bundessozialgericht hat entschieden,

dass ihnen der volle Satz von 391 Euro zusteht,

wenn sie einen eigenen Haushalt führen, etwa

mit Unterstützung eines Elternteils (L 8 SO 54/13).

STEUERSCHULD

ARMIN HESSLER

ist Steuerberater

und Wirtschaftsprüfer

bei Heßler

Mosebach,

Frankfurt.

n Herr Heßler, was läuft

schief, wenn Finanzbeamte

Unternehmen mit hohen

Nachzahlungen in den Ruin

treiben?

Es kommt selten vor, und oft

hat es schon während der

Betriebsprüfung zwischen

den Beteiligten Probleme gegeben.

Normalerweise wird

die Steuerschuld gestundet,

wenn ein Unternehmen

durch eine Nachzahlung in

der Existenz bedroht wäre.

n Sitzen Beamte immer am

längeren Hebel?

Nein. Nach einer Betriebsprüfung

können Differenzen oft

geklärt werden, wenn Unternehmer

und Steuerberater

spätestens in der Schlussbesprechung

Belege zu strittigen

Punkten vorlegen. Setzt der

Steuerberater auf Konfrontation,

ist das selten hilfreich.

Besser ist es, kooperationsbereit

zu sein und dem Fiskus zu

signalisieren, welche Kompromisse

man mittragen würde.

Ist der Steuerbescheid erteilt,

wird die Ausgangslage schwieriger.

Gegen einen ungünstigen

Bescheid kann Einspruch

eingelegt werden. Auch wenn

dieser von einer anderen Abteilung

des Finanzamts bearbeitet

wird, ist häufig zu beobachten,

dass der Einspruch

abgelehnt wird. Eine anschließende

Klage ist erfolgversprechender.

Etwa 40 Prozent der

Fälle werden zugunsten des

Klägers entschieden.

n Hat sich das Klima durch

die Hinterziehungsdebatten

verschärft?

Ja. Die Finanzverwaltung ist

noch stärker an Mehreinnahmen

interessiert.

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 Redaktion: heike.schwerdtfeger@wiwo.de | Frankfurt

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Der Dax wankt.

Anleger sollten das Depot absichern

und sich bei guten Aktien auf die

Lauer legen. Von Hauke Reimer

Finanzplatz

Italien erscheint Anlegern

wieder attraktiv

Anschnallen!

Der Juli war schön,

aber nicht an der

Börse. Rund fünf Prozent

hat der Dax abgegeben.

Die Ursachen sind

schnell genannt: Ukraine-Krise,

insbesondere die Sanktionen

gegen Russland, Krieg im Nahen

Osten, die Staatspleite

Argentiniens. Zu den politischen

Katastrophen kommt die

Börsen-Routine: Unternehmenszahlen

enttäuschen (Lufthansa),

Prognosen werden gekappt,

auch wegen Russland

(Adidas), und selbst wenn die

Zahlen gut sind, nehmen Anleger

vorsichtshalber Gewinne

mit (Infineon). Und dass die

US-Notenbank Fed doch schon

vor Mitte 2015 die Zinsen anheben

könnte, ist angesichts einer

zunehmend stärkeren US-

Wirtschaft auch noch nicht vom

Tisch. Der Chef der Fed von Texas,

dessen Wirtschaft boomt,

hat das zuletzt ziemlich unmissverständlich

eingefordert,

ebenso der Notenbankchef von

Philadelphia. Mit dem Crash

der portugiesischen Banco

Espírito Santo schließlich melden

sich Euro-Krisenängste zurück.

Das alles schlägt jetzt

beim Dax so heftig ins Kontor,

weil die Börsenumsätze in den

Ferienmonaten eher gering

sind. Die Volatilität, also die

Schwankungsbreite der Kurse,

lange Zeit auf sehr niedrigem

und damit Sorglosigkeit signalisierendem

Niveau, hat kräftig

zugenommen. Er habe die für

das ganze Jahr erhofften Gewinne

schon bis Mai eingefahren,

es spreche also rein gar

nichts dagegen, jetzt abzusichern

und Aktien zu verkaufen,

sagte mir vor einigen Wochen

ein Vermögensverwalter, der

schon im vergangenen Jahr mit

seinem Timing ganz gut gelegen

hatte. Die Börsenregel, die

besagt, dass Anleger sich im

Mai bis auf Weiteres von der

Börse verabschieden sollten,

hat ihm geholfen.

Aber wohin dann mit dem

Geld? Das Börsen-Mantra: „Zu

Aktien gibt es bei diesen Niedrigzinsen

keine Alternative“, zuletzt

ähnlich strapaziert wie die

„sell in may“-Regel, ist ja nicht

falsch.

BALSAM FÜR DIE PSYCHE

Vorsichtige Charaktere können

gute Aktien behalten und das

Depot mit Derivaten absichern,

die von fallenden Kursen profitieren.

Psychologisch ist es ungemein

beruhigend, wenn das

Depot rot, das Shortzertifikat

aber grün ist und so einen Teil

der Verluste des Depots ausgleicht.

Die in der vergangenen

Ausgabe empfohlenen Absicherungspapiere

lagen binnen einer

Woche 18 bis 40 Prozent vorne.

Auf lange Sicht brauchen Anleger

Aktien. Sobald die Kurse

steigen, können Verluste mit Derivaten

als Versicherungsprämie

abgeschrieben werden. Bedenken,

dass solche Derivate aus

der Giftküche der Banken gefährlich

seien, sind zwar richtig,

letztlich hängen Derivate von

der Zahlungsfähigkeit der Bank

ab. Doch so schlimm, dass die

Deutsche Bank pleitegeht, ist

die Krise nun wahrhaftig nicht.

Wer verkauft und Geld frei

hat, kann sich freuen: Kursverluste

bieten die Chance, günstig

zum Zuge zu kommen – etwa

bei den „Aktien für Generationen“

(siehe Seite 72) . Auch bei

US-Schwergewichten mit großer

Marktmacht, etwa bei Amazon

oder Google, würde ich mich auf

die Lauer legen.

TREND DER WOCHE

Historisch niedrig

Die Konflikte in Gaza und der Ukraine treiben Investoren

in europäische Staatsanleihen – zu Minizinsen.

Die Ukraine-Krise drückt die

Rendite für deutsche Staatsanleihen

auf ein Rekordtief. Mit

1,119 Prozent sank der Wert in

der abgelaufenen Woche auf

den niedrigsten Stand seit der

Wiedervereinigung. Auch die

Krise im Nahen Osten treibt Investoren

in vermeintlich sichere

Staatsanleihen. Der Euro-

Raum wird von Investoren auf

der Suche nach sicheren Häfen

als Einheit gesehen. So fielen

auch die Renditen zehnjähriger

Papiere aus Spanien, Irland und

Frankreich auf Tiefststände.

Analysten hatten für 2014

mehrheitlich einen Anstieg der

Rendite auf über 2,2 Prozent erwartet,

getrieben von ersten Erwartungen

anziehender Leitzinsen

und eines stärkeren

Wachstums, das Notenbanken

zwingen könnte, auf die Bremse

zu treten, sprich: die Leitzinsen

irgendwann wieder anzuheben.

Doch das ist in Europa nicht

in Sicht. Auch Italien profitiert,

es sicherte sich bei der Ausgabe

neuer Staatsanleihen mit 2,6

Prozent die bisher niedrigsten

Zinsen für zehnjährige Papiere.

Vor zwei Jahren zahlte Italien

noch das Doppelte. Riskant

bleiben die Anleihen dennoch:

Die Schuldenquote der Italiener

lag im ersten Quartal bei

über 135 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

In Deutschland

lag sie zuletzt bei 77 Prozent.

Das Kalkül der Anleger ist klar:

Die EZB wird den Euro weiter

verteidigen – und wenn alle

Stricke reißen, wird eben

Deutschland für die Schulden

der Südländer geradestehen.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 31.7.2014 / 18.00 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9407,48 –3,9 +13,7

MDax 15790,67 –4,4 +10,0

Euro Stoxx 50 3115,51 –3,2 +12,5

S&P 500 1939,58 –2,4 +15,1

Euro in Dollar 1,3379 –0,7 +0,8

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,19 +0,01 2 –0,51 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,59 +0,10 2 –0,09 2

Rohöl (Brent) 3 105,81 –1,5 –1,4

Gold 4 1285,25 –0,6 –2,2

Kupfer 5 7135,50 –0,2 +4,9

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 960,15 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE,PAUL ECKENROTH, VISUM/PANOS PICTURES/PETRUT CALINESCU

84 Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Sonderdividende ist drin

Der französische Anbieter Iliad greift nach dem

US-Mobilfunkgeschäft der Deutschen Telekom.

HITLISTE

Der französische Internet- und

Mobilfunkanbieter Iliad bestätigte

am Donnerstagabend,

dass er umgerechnet rund 11,2

Milliarden Euro für knapp 57

Prozent an der Telekom-Tochter

T-Mobile US zahlen würde.

Bisher wurde vor allem

der US-Anbieter Sprint, eine

Tochter des japanischen

Kommunikationsriesen Softbank,

als Interessent gehandelt.

Sprint und T-Mobile sind

die Nummer drei und die

Nummer vier am US-Markt.

Im ersten Quartal verdankte

die Telekom es nur dem Sondereffekt

aus dem Verkauf des Anzeigenportals

Scout24 , dass sie

netto 1,8 Milliarden Euro Gewinn

ausweisen konnte. Der

Netzausbau in Europa und den

USA treibt die Kosten, bereinigt

um den Sondereffekt blieben

nur 587 Millionen Euro, ein Viertel

weniger als im Vorjahr. Immerhin

ist jetzt schon ein guter

Teil der Dividende (wahrscheinlich

50 Cent je Aktie) für 2014

erwirtschaftet. Klappt der US-

Deal, könnte für T-Aktionäre

eine Sonderdividende drin sein.

Feuer frei

Indischer Stahl drängt

auf den Weltmarkt

STAHLHANDEL

Unerlaubte Zölle

Die USA scheitern erneut mit Schutzzöllen für ihre

Stahlindustrie. Indien könnte das Auftrieb geben.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2014 2015 2015

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9407,48 –3,9 +13,7

Aktie

Stand: 31.7.2014 / 18.00 Uhr

Adidas 59,41 –18,1 –29,1 4,04 4,86 12 12430 2,52

Allianz 124,90 –3,8 +6,6 13,57 13,90 9 56948 4,24

BASF NA 77,64 –5,7 +16,5 5,92 6,31 12 71311 3,48

Bayer NA 98,92 –2,0 +13,2 6,10 6,92 14 81802 2,12

Beiersdorf 67,54 –0,6 –2,8 2,54 2,82 24 17020 1,04

BMW St 89,34 –6,5 +21,4 8,68 9,26 10 57558 2,91

Commerzbank 10,83 –2,9 +68,4 0,61 1,01 11 12324 -

Continental 161,60 –4,7 +36,5 12,60 14,26 11 32321 1,55

Daimler 61,88 –6,7 +18,5 5,93 6,83 9 66177 3,64

Deutsche Bank 25,68 –4,5 –20,6 3,47 3,32 8 26178 2,92

Deutsche Börse 54,24 ±0 +2,0 3,84 4,06 13 10468 3,87

Deutsche Post 24,02 –5,4 +14,0 1,70 1,90 13 29034 3,33

Deutsche Telekom 12,11 –0,9 +32,3 0,62 0,67 18 53881 4,13

E.ON 14,13 –5,3 +10,8 0,94 0,98 14 28274 4,25

Fresenius Med.C. St 51,90 +3,0 +9,1 3,60 3,97 13 15962 1,48

Fresenius SE&Co 111,90 +2,0 +17,9 6,21 7,17 16 25254 1,12

Heidelberg Cement St 55,63 –5,7 –3,7 4,05 5,10 11 10431 1,08

Henkel Vz 83,28 –2,9 +13,1 4,31 4,71 18 33353 1,46

Infineon 8,28 –10,4 +24,7 0,44 0,53 16 8945 1,45

K+S NA 23,00 –3,8 +24,1 1,29 1,52 15 4401 1,09

Lanxess 47,57 –3,1 +1,2 2,56 3,38 14 3958 1,05

Linde 152,90 –1,1 +5,6 8,37 8,84 17 28386 1,96

Lufthansa 13,28 –8,9 –11,8 1,90 2,45 5 6106 -

Merck 66,38 +1,5 +6,8 4,63 4,86 14 4290 2,86

Münchener Rückv. 158,80 –3,4 +6,4 17,17 17,58 9 28479 4,57

RWE St 30,06 –5,0 +32,9 2,21 2,29 13 18243 3,33

SAP 58,86 –3,0 +6,5 3,40 3,72 16 72310 1,87

Siemens 92,40 –2,2 +12,3 6,54 7,42 12 81404 3,25

ThyssenKrupp 21,17 –3,0 +29,4 0,54 1,20 18 10889 -

Volkswagen Vz. 174,55 –4,8 –2,3 21,95 24,18 7 80765 2,33

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

USA

Indien

Ukraine

Tata Steel

US Steel Corp.

Stahlpreis 1

678

770

520

Aktienkurs

(Dollar)

9,05

27,67

Veränderung 2

2,1

–0,5

1,0

Veränderung 2

0,7

6,0

Mitte Juli entschied die Welthandelsorganisation

WTO,

dass die USA ungerechtfertigt

Importzölle auf indische

Stahlprodukte eingeführt hatten.

Aus Sicht der Amerikaner

unterstützt die indische Regierung

ihren größten Stahlkonzern

Tata Steel mit zu

günstigen Eisenerz-Lieferungen.

Das American Iron and

Steel Institute wirft Indien vor,

mit Subventionen die Preise

auf dem Weltmarkt zu drücken

und so die Jobs der US-

Stahlarbeiter zu gefährden.

Dem WTO-Urteil zufolge hat

Indien sich handelsrechtlich

aber nichts zuschulden kommen

lassen. Der Stahlpreis für

warmgewalztes Blech aus Indien

sank daraufhin seit Anfang

Juli leicht, während sich

amerikanischer Stahl verteuerte.

Die Gewerkschaft der

Stahlarbeiter hat großen Einfluss

auf die Politik. Schon Präsident

George W. Bush versuchte

2002, den Stahlsektor mit

Zöllen vor ausländischen Produkten

zu schützen, auch er

scheiterte an der WTO. Indien

ist zwar der viertgrößte Stahlproduzent

der Welt, kämpft

aber noch um Einfluss auf dem

globalen Exportmarkt. Das

WTO-Urteil könnte dem noch

teuren indischen Stahl Auftrieb

geben. Noch können beide

Parteien Einspruch einlegen.

Europas Stahlindustrie beobachtet

währenddessen die

Ukraine-Krise. Denn nach

China und Japan ist die Ukraine

größter Netto-Exporteur weltweit

und wichtiger Lieferant für

die EU. Noch bewegen sich die

Preisschwankungen im üblichen

Rahmen. Verschärft sich

die Situation, könnte auch europäischer

Stahl teurer werden

– gut etwa für Salzgitter.

Exporte 3

1 in Dollar pro Tonne, warmgewalzte Bandrollen (Coils) ; 2 in Prozent seit Anfang Juli 2014;

3 in Millionen Tonnen 2013 ; Quelle: Bloomberg, World Steel Association

12,5

10,1

24,7

Umsatz

(Mrd. Dollar)

24,61

17,42

Importe 3

30,3

7,5

1,7

Gewinn

(Mrd. Dollar)

0,59

–1,67

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 85

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE Deutsche Beteiligung DBAG

Den Holzklotz am Bein

losgeworden

Hauptrolle

Kartonproduktion

im österreichischen

Frohnleiten

Lukrativer Abgang Lager der

Ex-DBAG-Beteiligung Homag

Mehr als 50 Prozent Kursplus

schaffte WirtschaftsWoche-

Favorit Homag (41/2013) in

nicht einmal einem Jahr –

auch zur Freude der Beteiligungsgesellschaft

DBAG. Der

Frankfurter Finanzinvestor,

seit einem halben Jahrhundert

am Beteiligungsmarkt

aktiv, hielt bisher direkt und

über Fonds 39,5 Prozent an

dem Schwarzwälder Hersteller

von Holzbearbeitungsmaschinen.

Doch nun, nach

17 Jahren Beteiligung, steigt

DBAG bei Homag aus und

verdient dabei insgesamt

48 Millionen Euro; einer der

größten Einzelgewinne in

der Geschichte der DBAG.

Aller Voraussicht nach gibt

es deshalb für das laufende

Geschäftsjahr (bis Ende Oktober

2014) eine Sonderdividende.

Wie hoch, ist noch offen.

Im vergangenen Jahr

schüttete das Unternehmen

über Dividende und Sonderzahlung

1,20 Euro pro Aktie

aus. Angesichts der Größe des

Homag-Deals könnte es im

März 2015 durchaus an die

zwei Euro je Anteil geben. In

diesem Fall würden 27 Millionen

Euro an die Aktionäre

fließen – und noch immer

blieben gut 20 Millionen Euro

im Unternehmen.

Mit dem Verkauf von Homag

bricht für DBAG eine

neue Zeit an. Die Frankfurter

trennen sich damit von ihrer

schwersten Beteiligung, die

noch im Frühjahr ein Drittel des

gesamten Portfolio-Werts ausgemacht

hat. Jahrelang hatten

die heftigen Schwankungen des

Homag-Kurses und Querelen

mit den Alteigentümern auch

die DBAG-Aktie belastet.

Nun können sich die Frankfurter

auf den Neuaufbau ihres

Portfolios konzentrieren.

Derzeit stecken darin – Homag

nicht gerechnet – 19 Unternehmen

mit einem gesamten

Umsatzvolumen von zwei Milliarden

Euro. An der Spitze Kraftwerkszulieferer

Clyde-Bergemann,

Textilhändler JCK und

Fahrzeugzulieferer Spheros.

Die insgesamt gute Auftragslage

der DBAG-Unternehmen lässt

2014 etwas höhere Umsätze

und Gewinne erwarten.

Jüngste Erwerbung ist die

brandenburgische Dahlback,

mit mehr als 350 Filialen fünftgrößte

Bäckereikette des Landes.

Auf dem zersplitterten

Markt ist Dahlback schon heute

rentabel. Zusätzlicher Vorteil:

Die DBAG stößt in eine neue,

wenig konjunkturabhängige

Branche vor. Das senkt das Gesamtrisiko

des Portfolios.

DBAG

ISIN: DE000A1TNUT7

35

30

25

20

15

10

200-Tage-Linie

5

06 07 08 09 10 11 12 13 14

Kurs/Stoppkurs (in Euro): 22,00/18,70

Eigenkapital je Aktie (in Euro): 21,20*

Dividendenrendite (in Prozent): 5,5**

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

* eigene Schätzung; ** zuletzt gezahlte

Ausschüttung; Quelle: Thomson Reuters

AKTIE Mayr-Melnhof

Puffer aufbauen zum

Einstieg in China

Mayr-Melnhof (MM) gibt sich

verhalten. Die Nachfrage

nach Faltschachteln für Konsumwaren

sei mäßig. Dennoch:

Im ersten Quartal 2014

stieg der Umsatz in diesem

Segment leicht um 1,7 Prozent

zum Vorjahresquartal.

Im Segment Packaging vertreibt

der österreichische

Konzern Verpackungen für

Lebensmittel, Zigarettenschachteln

oder Waschpulver.

Besser lief der Absatz im Segment

Karton, dort waren die

Maschinen zu 97 Prozent ausgelastet.

Dank gestiegener Durchschnittspreise

steigerte der

Konzern im ersten Quartal

2014 seinen Gewinn im Vergleich

zum Vorjahreszeitraum

insgesamt um knapp 19 Prozent

auf 32 Millionen Euro.

Für die Produktion eines

neuen Verpackungskartons

für Lebensmittel wird Mayr-

Melnhof 50 Millionen Euro in

sein österreichisches Hauptwerk

investieren. Umsätze

aus dem neuen Produkt Foodboard

dürften 2015 das Ergebnis

verbessern.

Auch im Ausland investiert

MM kräftig, eröffnete zuletzt

neue Werke in Polen und der

Türkei. Hauptabsatzmarkt

bleibt mit 58 Prozent des Jahresumsatzes

von zwei Milliarden

Euro Westeuropa. Mittelfristig

soll mit ausreichend Eigenkapital

auch der Markt in China

erschlossen werden. Der Vorstand

hält dort maximal drei

Prozent Marktanteil für realistisch.

2013 hatte MM schon einen

Faltschachtelproduzenten

in Vietnam übernommen und

in Kolumbien zugekauft.

Die Halbjahreszahlen kommen

am 19. August, die Erträge

dürften stabil bleiben. In den

kommenden Jahren soll weiter

ein Drittel des Gewinns an Aktionäre

ausgeschüttet werden.

Mayr-Melnhof

ISIN: AT0000938204

95

85

75

65

55

45

07 08 09 10 11 12 13 14

Kurs/Stoppkurs (in Euro): 87,80/76,60

KGV 2014/2015: 14,1/13,1

Dividendenrendite (in Prozent): 2,7

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle: Thomson Reuters

200-Tage-Linie

FOTOS: KEYSTONE/CHRISTIAN JABLINSKI, MAYR-MELNHOF KARTON AG, PICTURE-ALLIANCE/DPA/BORIS ROESSLER, LAIF/HANS-BERNHARD HUBER

86 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Anton Riedl, Sebastian Kirsch

Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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ZERTIFIKATE Euro-Dollar-Short

Wette mit der EZB

im Rücken

Aussicht bewölkt EZB-Zentrale

in Frankfurt

Zock für Euro-Skeptiker

Die Krisen in der Ukraine,

in Libyen, im Irak und im Nahen

Osten (WirtschaftsWoche

31/2014) treffen Europa

schwerer als die USA. Der Alte

Kontinent ist wirtschaftlich

eng mit vielen Unruheregionen

verbunden; seine Energieversorgung

hängt stark

von Öl aus Nordafrika und

den arabischen Ländern sowie

von Erdgas aus Russland

ab. Das schlägt auf den Devisenmärkten

durch. In nur

zwei Monaten ist der Euro von

1,40 Dollar auf 1,34 gesunken.

Zugleich schwindet ein wichtiger

Grund für die Euro-Stärke

der vergangenen zwei Jahre:

die extrem expansive Notenbankpolitik

der Vereinigten

Staaten. Schritt für Schritt ist die

Fed dabei, ihre großzügige

Geldversorgung zu revidieren.

Wahrscheinlich wird es 2015 in

den USA sogar wieder die erste

Zinserhöhung geben.

Als der Euro im Frühjahr an

der Marke von 1,40 Dollar kratzte,

warnte EZB-Chef Mario

Draghi vor einem Überschießen

der europäischen Währung.

Sollte der Euro nun an Boden

verlieren, dürfte das

durchaus im Sinne der EZB

sein. Das wacklige europäische

Bankensystem, die Schwäche

großer Wirtschaftsräume wie

Frankreich und die Angst vor einer

Deflation in Europa dürften

das Zinsniveau auf Jahre hinaus

deutlich tiefer als in den USA

halten. Das alles kann den Euro

drücken, womöglich bis in den

Bereich um 1,25 Dollar.

Faktorzertifikat und Put-Optionsschein für eine Spekulation auf

einen Rückgang des Euro gegenüber dem Dollar.Ein Euro derzeit

gleich 1,3440 Dollar

Kurs (Euro)

Stoppkurs (Euro)

Funktion

Kauf-Verkaufs-Spanne

(Prozent)

Emittentin

(Ausfallprämie)

ISIN

Chance/Risiko

Quelle: Banken, Thomson Reuters

Faktorzertifikat short

7,65

6,12

Verstärkt die täglichen Euro-Dollar-

Schwankungen mit fünffachem

Hebel; Beispiel: Sinkt der Euro zum

Dollar an einem Tag um 0,4 Prozent,

steigt Zertifikat um zwei Prozent;

mittelfristiger Rückgang des

Euro auf 1,25 Dollar (minus 7,0

Prozent) kann Zertifikat um 30 bis

35 Prozent steigen lassen; Achtung:

Seitwärtsbewegungen führen

zu leichten, eine Euro-Erholung zu

hohen Verlusten; kein Knockout,

keine feste Laufzeitgrenze

1,32

Commerzbank (1,0 Prozent =

mittleres Risiko)

DE000CZ60BQ6

9/8

Verkaufsoptionsschein

4,10

3,07

Verstärkt die Wechselkursschwankungen

zwischen Euro und Dollar

derzeit etwa mit zwölffachem Hebel:

Beispiel: Sinkt der Euro mittelfristig

auf 1,25 Dollar (minus 7,0

Prozent), kann der Schein rund 80

Prozent gewinnen; heftige Wechselkursbewegungen

erhöhen das

Gewinnpotenzial; Achtung: Seitwärtsbewegungen

führen zu leichten,

eine Euro-Erholung zu hohen

Verlusten; Basispreis 1,35 Dollar,

Laufzeit bis maximal 20. Juni 2016

1,47

Deutsche Bank (0,8 Prozent =

geringes Risiko)

DE000DX9KUC1

10/9

ANLEIHE Amgen

Hier lohnt

sich Bio

Nachdem Amgen, der größte

Biotechnologiekonzern der

Welt, im ersten Quartal

schwächer als erwartet abschnitt,

holte er im zweiten

Quartal kräftig auf:Der Umsatz

kletterte um elf Prozent

auf 5,2 Milliarden Dollar, der

Nettogewinn legte fast um ein

Viertel auf 1,55 Milliarden

Dollar zu. Amgen-Aktien

(Empfehlung in Wirtschafts-

Woche 14/2014) sind ein Basisinvestment.

Auch Amgen-

Anleihen sind wegen der

Geschäftsaussichten und der

Finanzstärke des Biotech-Imperiums

vielversprechend.

Papiere mit Laufzeit bis 2020

bringen derzeit gut 2,5 Prozent

Jahresrendite. Die mit 1,5

Prozent hohe Kauf-Verkaufs-

Spanne an den Börsen Frankfurt

und Stuttgart ist dabei eingerechnet.

Dass die Anleihe

(gesamter Nennwert: 900 Millionen

Dollar) in US-Währung

notiert, sollte angesichts der

gedrückten Aussichten für

den Euro (siehe links, Zertifikate)

kein Nachteil sein.

Amgen, 1980 in Thousand

Oaks nördlich von Los Angeles

gegründet, bietet Anlegern einen

entscheidenden Vorteil:

Einerseits ist das Unternehmen

bei der Erforschung und

Entwicklung biotechnologisch

hergestellter Medikamente

führend. Andererseits hat es

schon mehrere Blockbuster im

Angebot, die stabile Umsätze

und Gewinne bringen: Neulasta

und Neupogen (gegen Immunschwäche,

mehr als fünf

Milliarden Dollar Jahresumsatz),

Entzündungshemmer

Enbrel (fast fünf Milliarden)

oder Aranesp (gegen Blutarmut,

knapp zwei Milliarden ).

In der Entwicklungspipeline

stecken derzeit 15 Präparate in

fortgeschrittenem Stadium.

Neue Wirkstoffe im Griff

Forschungslabor von Amgen

Für vier Medikamente dürften

noch in diesem Jahr neue klinische

Studien veröffentlicht werden;

für drei könnte Amgen in

den nächsten Monaten die Zulassung

in den USA und in Europa

beantragen.

Einen Schub bekam Amgen

durch die letztjährige Übernahme

des Konkurrenten Onyx

Pharma. Damit verstärkt sich

Amgen auf dem Gebiet biotechnologisch

hergestellter Medikamente

gegen Krebs. Angesichts

einer weltweit immer älteren Bevölkerung

ist der Bedarf hier auf

Jahre hinaus hoch.

Die Onyx-Übernahme hat die

Nettoschulden von Amgen auf

über zwölf Milliarden Dollar anschwellen

lassen. Das ist etwa

das 1,3-Fache des in diesem Jahr

absehbaren operativen Gewinns

vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen

und Amortisation (Ebitda).

Finanziell ist eine solche Relation

kein Problem. Zudem

stehen in den Büchern derzeit

24,4 Milliarden Dollar Eigenkapital,

35 Prozent der Bilanzsumme.

Von der Ratingagentur Standard

& Poor’s wird Amgen mit

der Note A bewertet, das ist solide

Investmentklasse.

Kurs (in Prozent) 105,35

Kupon (in Prozent) 3,45

Rendite (in Prozent) 2,52

Laufzeit bis 1. Oktober 2020

Währung

Dollar

ISIN

US031162BD11

WirtschaftsWoche 4.8.2014 Nr. 32 87

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Geld&Börse | Geldwoche

FONDS Sparinvest und Berlin Portfolio Management

Hochzins-Mixturen mit

akzeptablem Risiko

Hochsee-Hotel Floatel verdient

an Statoil-Unterkünften

Vier Prozent Rendite bei Anleihen

– wer danach sucht,

muss meist Abstriche machen:

Entweder ist die Bonität

der Schuldner nicht lupenrein,

oder die Laufzeit ist sehr

lang. Bei sogenannten Laufzeitfonds

bleiben Anlegern

diese Nachteile erspart. Mit

meist fünfjähriger Laufzeit

decken sie einen überschaubaren

Zeitraum ab und sind

mit 50 bis 70 verschiedenen

Anleihen breit gemischt. Die

Pleiten einer Handvoll Anleiheemittenten

würden nicht

zum Totalverlust führen. Da

der Mix während der Laufzeit

üblicherweise nicht geändert

wird, können Anleger der ersten

Stunden mit der anfänglichen

Durchschnittsrendite

des Portfolios rechnen, wenn

sie die jährlichen Fondskosten

noch abziehen. Beim Kauf

über Fondsplattformen entfällt

der Ausgabeaufschlag.

Nicht immer aber geht das

Konzept auf. JP Morgan Asset

Management löst bis Mitte

September vier Fonds bis zu

drei Jahre vor dem geplanten

Ende auf. Zu viele Schuldner

hatten Anleihen, die im Fonds

stecken, vorzeitig gekündigt

und zum aktuellen Kurs zurückgezahlt.

Jetzt fließen die

hohen Zinsen nicht mehr, Alternativen

gibt es am Markt

nicht, und dadurch sind frühere

Renditeerwartungen

hinfällig. Die Sache ist peinlich

für die Fondsmanager, aber

immerhin müssen Anleger jetzt

nicht in einem Fonds ausharren,

der einen großen Teil der

frei gewordenen Gelder aus den

gekündigten Anleihen nur noch

zu Minizinsen verwaltet.

Klaus Blaabjerg, erfahrener

Hochzins-Spezialist bei der dänischen

Sparinvest, stellt aktuell

gerade das Portfolio des neuen

Sparinvest High Yield Value

Bonds Short Duration 2018

(LU1076698171 ) zusammen.

Falls er in vorzeitig kündbare

Anleihen investiert, achtet er darauf,

dass die Emittenten bei

Kündigung einen Kurs von mindestens

103 zahlen und damit

mehr als die garantierten 100 bei

Fälligkeit. Die Probleme der

JP-Morgan-Manager will er dadurch

vermeiden.

FOKUS AUF NORWEGEN

Die Durchschnittsrendite im

Fonds soll bei rund fünf Prozent

liegen, nach den recht üppigen

Kosten blieben Anlegern etwa

3,7 Prozent pro Jahr. Investiert

wird weltweit, überwiegend in

kleine Unternehmen, zu etwa

einem Drittel stammen die aus

Norwegen. Der Betreiber

schwimmender Hotels, Floatel

International, zahlt für ein

Kronen-Papier acht Prozent. Im

Pleitefall müssten Investoren die

Plattformen verwerten.

Auf etwas sicherere Schuldner

setzt Berlin Portfolio

Management beim ZinsPlus

Laufzeitfonds 10/2019

(DE000A1JXM01). Er soll jährlich

etwa 3,25 Prozent nach

Kosten bringen. Der Mix reicht

von China-Shipping-Anleihen

mit 3,25 Prozent Rendite, die

von der Bank of China garantiert

werden, bis zum norwegischen

Ölplattformbetreiber

Marine Accurate Well mit acht

Prozent.

Die besten Laufzeitfonds

Ergebnisse von Anleihe-Portfolios mit unterschiedlichem Risiko,

die aber alle an festen Terminen enden

Fondsname mit Laufzeitende

Allianz Strategie 2036 Plus 3

Allianz Strategie 2031 Plus 3

DWS Select Bonds Plus 2018 3

3 Banken Top-Rendite 2019

Deka-RentSpezial HighYield 6/2019 3

Deka-RentSpezial HighYield 2/2018

Pioneer High Yield &EM Bond 2015

Allianz Strategie 2021 Plus AT EUR 3

DWS Select High Yield Bonds 2018

Oddo Haut Rendement 2017

DWS Select High Yield Bonds 2017

Kepler Rent 2018

Raiffeisen-Unternehmensanl. 6/2018 AT0000A104F1

Pioneer USD Div. Corpor. Bond 2017

DWS Renten Direkt 2017 3

BKC Rendite plus 2018

DWS Select EM Corporate 2017 3

Allianz Strategie 2019 Plus AT EUR 3

DWS Corporate Bonds 2017 3

Allianz Laufzeitfonds Extra 2017 3

UniEuroRenta Corporates 2018

Allianz High Yield Bond Extra 2017

DWS Emerging Mark. Corporat. 2016

UniEuroRenta Corporates 2017

DWS Renten Direkt Select 2016

DWS Emerging Markets Corp. 2015

Allianz Pimco Laufzeit Extra 2016

UBS BS Emerg. Markets Bonds 2016

Deka-RentSpezial 4/2017

Pioneer European Recovery 2017

Kepler Rent 2014 T

DWS Renten Direkt 2015

UniEuroRenta Corporates 2016

3 Banken Hochzins 2015

BBBank EuroRenta 2017

Allianz Rendite Plus 2015

UniEuroKapital 2017

DWS Emerging Markets Bonds 2014

Allianz Strategie 2016 Plus AT EUR

UniEuroRenta Corporates 50 (2015)

UniEuroRenta EM 2015

Schoellerbank Anleihefonds 2014

DWS Renten Direkt 2014 II

Deka-RentSpezial EM 12/2014

BBBank Renta Select 2015

ISIN

LU0279127962

DE0006372477

LU0827855239

AT0000A10KC9

DE000DK2D8U3

DE000DK2D8J6

LU0363633636

DE0006372469

LU0827873562

FR0011237684

LU0825685570

AT0000A0UA25

LU0816375710

LU0775792905

LU0896963054

LU0825503302

LU0494919649

LU0772833587

LU0855940010

LU0238232689

LU0851804798

LU0681793948

LU0219921789

LU0454735381

LU0454735035

LU0679319391

LU0746009306

DE000DK2CFV9

LU0614176484

AT0000A0AZJ8

LU0275643210

LU0207948281

AT0000A0EX85

DE000A0Q2HU5

LU0699496815

LU0509225537

LU0454735209

DE0006372451

LU0489913193

LU0456917136

AT0000A0GTS9

LU0360864168

DE000DK1CMK0

DE000A0RPAQ6

Wertentwicklung

in Prozent

seit 3

Jahren 1

14,2

12,4

1 jährlicher Durchschnitt (in Euro gerechnet); 2 je höher die Jahresvolatilität

(Schwankungsintensität) in den vergangenen drei Jahren, desto riskanter der Fonds;

3 für Neuanleger geöffnet; Quelle: Morningstar; Stand: 29. Juli 2014

neu

neu

neu

neu

6,9

8,0

neu

neu

neu

neu

neu

neu

neu

neu

neu

6,6

neu

neu

3,1

neu

neu

6,3

6,3

4,8

neu

neu

neu

neu

5,0

6,2

5,3

5,1

2,3

neu

1,7

3,5

4,2

3,6

2,1

3,7

3,5

3,2

1,6

seit 1

Jahr

19,9

16,3

11,1

10,9

10,7

10,1

10,1

8,6

8,0

7,8

7,5

7,3

6,8

6,8

6,5

6,0

6,0

5,8

5,6

5,5

5,1

4,6

4,3

4,3

4,2

3,6

3,4

3,4

3,4

3,3

3,1

2,8

2,6

2,4

2,4

2,1

2,1

1,9

1,6

1,4

1,1

0,9

0,9

0,8

0,6

Volatilität

2

in

Prozent

17,3

14,0





5,8

7,1










5,5



2,6



2,9

3,5

5,6





2,7

2,9

3,8

3,1

1,1


1,0

4,6

3,9

2,6

1,8

2,7

2,1

2,0

2,9

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA/FLOATEL INTERNATIONAL, ACTION PRESS/MICHAEL WALLRATH

88 Redaktion Fonds: Heike Schwerdtfeger

Nr. 32 4.8.2014 WirtschaftsWoche

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ÜBERNAHME Postbank

Mit Optionsgeschäften

ausgetrickst

Aktionäre hoffen auf einen Nachschlag von der

Deutschen Bank.

Bei der Deutschen Bank angedockt Postbank-Segler in Frankfurt

Die Aktionäre hatten auf der

Hauptversammlung der

Postbank unlängst nichts zu

meckern: Die Zahlen sind in

Ordnung, die Garantiedividende

von 1,89 Euro ist beim

Kurs von 24 Euro attraktiv.

Ehemalige Aktionäre des

früheren Dax-Konzerns jedoch

sind unzufrieden. Ihr

Ärger richtet sich gegen die

Deutsche Bank. Die hatte zwischen

2008 und 2012 rund 94

Prozent der Aktien übernommen.

Und dabei Kleinaktionäre,

wie sie meinen, zu billig

abgefunden. Während der

Großaktionär Deutsche Post

bis zu 49 Euro pro Aktie kassierte,

bekamen andere Anleger

im Jahr 2010 nur 25 Euro.

Die börsennotierte Verlagsgesellschaft

Effecten Spiegel,

die auch ein Aktienportfolio

managt, fordert daher 4,8 Millionen

Euro Nachschlag.

Vor dem Bundesgerichtshof

(BGH) erzielte sie einen Teilerfolg.

Er verwies den Fall

zurück an das Oberlandesgericht

(OLG) Köln.

Es soll prüfen, ob die Bank

2009 über eine Vereinbarung

bereits faktisch das Sagen bei

der Postbank hatte, obwohl sie

weniger als 30 Prozent hielt.

Falls ja, können Ex-Aktionäre

auf Nachschlag hoffen. Anlegerschützer

schätzen mögliche

Ansprüche insgesamt auf bis zu

1,6 Milliarden Euro.

GAB ES ABSPRACHEN?

Bank und Post könnten sich

etwa bezüglich ihrem Abstimmungsverhalten

in der Hauptversammlung

der Postbank

abgesprochen haben. Diese

Abstimmung heißt in der Fachsprache

„Acting in Concert“.

„Sollte ein Acting in Concert

vorgelegen haben, wären Aktien,

die damals die Post hielt,

der Deutschen Bank zuzurechnen

gewesen“, sagt Lars-Gerrit

Lüßmann, Partner der Kanzlei

TaylorWessing. Die Deutsche

Bank hätte Postbank-Aktionären

ein Pflichtangebot machen

müssen. Hat sie aber nicht.

Stattdessen hat die Deutsche

Bank Anleger mit einem durchdachten

Konstrukt aus Optionsund

Anleihegeschäften ausgetrickst:So

hat sie sich Anteile an

der Postbank über Options- und

Anleihegeschäfte gesichert, auf

die sie erst in der weiten Zukunft

Zugriff hatte. Sie lieh der Post

Geld über eine Pflichtumtauschanleihe,

diese Schulden

sollte die Post später in Postbank-Aktien

zurückzahlen. Die

Deutsche Bank konnte sich

damit die Mehrheit an der Postbank

sichern, ohne dass sie

anderen Aktionären das Pflichtangebot

machen musste.

ANGEBOT VERMIEDEN

Ein Pflichtangebot wird fällig,

sobald ein Übernehmer 30 Prozent

der Stimmrechte erworben

hat. Er muss Altaktionären

dann mindestens den durchschnittlichen

Aktienkurs der

letzten drei Monate zahlen oder

den Preis, den er in den letzten

sechs Monaten für Aktien bezahlt

hat. Für den Fall, dass er

binnen eines Jahres nach seinem

Angebot außerhalb der

Börse einen höheren Preis

bezahlt, muss er den übrigen

Aktionären Nachschlag zahlen.

Das zu vermeiden, darin liegt

der Sinn des Optionskonstrukts:

Indem die Bank erst in

Zukunft Zugriff auf die Anteile

hatte, konnte sie den Nachschlag

an Kleinaktionäre verhindern

und dem Großaktionär

den höheren Preis bieten. Erstmals

gibt es mit dem Urteil

Rechtssicherheit darüber, dass

ein solches Konstrukt wasserdicht

ist – wenn die Parteien

sich nicht absprechen.

Ende 2010 kam die Deutsche

Bank über die 30-Prozent-

Schwelle, weil sie Anlegern ein

freiwilliges Übernahmeangebot

zu 25 Euro machte. Damit kam

sie an weitere Aktien und konnte

sich das Pflichtangebot endgültig

sparen – ein freiwilliges

ersetzt ein Pflichtangebot.

Bislang, so der BGH 2013,

hatten Aktionäre keine Rechte,

wenn ein Unternehmen die

30-Prozent-Schwelle überschritt,

sich aber das Pflichtangebot

sparte. Dagegen vorgehen

kann nur die Aufsicht

BaFin. Nun gibt es Hoffnung für

Anleger: „Für das Pflichtangebot,

so die Argumentation der

Klägerin, wären die zwischen

Deutscher Bank und Postbank

vereinbarten Kaufpreise der

Maßstab“, erklärt Anlegeranwalt

Klaus Nieding.

Vor dem OLG kommt nun

alles darauf an, ob der klagende

Verlag seine Behauptung beweisen

kann, dass in einer

nachträglichen Vereinbarung

zwischen der Bank und der Post

eine „Interessenschutzklausel“

enthalten gewesen sei. Falls ja,

hätten sich Käufer und Verkäufer

abgestimmt. Die Aktien der

Post wären der Bank zuzurechnen

gewesen, da sie so Kontrolle

über die Postbank gehabt

hätte – das Pflichtangebot wäre

dann 2009, schon vor dem

freiwilligen Angebot, unausweichlich

gewesen.

VERJÄHRUNG UNKLAR

Auch die Grenzen des Acting in

Concert, das bisher Absprachen

zwischen Erwerbern erfasste,

hätten sich damit erweitert:

„Der BGH hat klargestellt, dass

auch ein Zusammenwirken

zwischen Verkäufer und Käufer

einen Anspruch der übrigen

Aktionäre begründen kann,

wenn es über den reinen Austausch

hinausgeht“, sagt Anwalt

Jan Bayer. Falls der Effecten

Spiegel gewinnt, droht der Bank

Ärger mit der BaFin. Die könnte

wegen des fehlenden Pflichtangebotes

bis zu eine Million

Euro Bußgeld fordern.

Gab es Absprachen, könnten

auch andere Kleinaktionäre

Nachschlag verlangen – sofern

ihre Ansprüche nicht verjährt

sind. Wichtig ist es, zu welchem

Zeitpunkt der Aktionär erfährt,

dass er eigentlich Anspruch auf

einen höheren Preis hätte. Und

dieser Zeitpunkt könnte auch

das Datum des nächsten OLG-

Urteils sein. Ginge es zugunsten