Wirtschaftswoche Ausgabe vom 18.08.2014 (Vorschau)

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18.8.2014|Deutschland €5,00

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4 1 98065 805008

Gründer-Casting

So finden Start-ups Investoren

Musik, Filme, TV im Web

Streaming-Dienste als Geldanlage

Auf der Kippe

Wie heftig wird der Konjunkturabschwung?

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien €6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Die Regierung hat die Finanzreserven in Rekordtempo

verpulvert. Leider kommt auch der Konjunkturknick

viel schneller als gedacht. Von Henning Krumrey

Winterschlaf wäre schön

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Kennen Sie den Unterschied zwischen

der Vorgängerregierung

und der großen Koalition? Bei

Schwarz-Gelb wäre man froh gewesen,

wenn sie ihren Koalitionsvertrag

umgesetzt hätten.

Während das frühere Kabinett in sturer

Arbeitsverweigerung versprochene Reformen

liegen ließ oder aus taktischem Ungeschick

im Bundesrat scheiterte, haben die

neuen Partner bereits in ihrem ersten Regierungsjahr

vieles erledigt, was sie gemeinsam

aufgeschrieben hatten. Eine gute

Nachricht ist das freilich nur für jene, die

politische Verlässlichkeit höher schätzen

als ökonomische Vernunft.

Das AVG und das BuStEG sind bereits

verabschiedet. Kennen Sie nicht? Doch,

heißt offiziell nur anders. Das Arbeitsplatzvernichtungsgesetz

firmiert gemeinhin unter

„Mindestlohn“, das Beitrags- und Steuererhöhungsgesetz

bringt die Rente mit 63

und die Mütterrente. Natürlich ist es legitim

(und von der Mehrheit der Wähler gewünscht),

derlei teure Vorhaben durchzusetzen.

Redlich wäre es freilich, auch die

wahren Kosten in Form von Jobverlusten

und weniger verfügbarem Einkommen

durch höhere Rentenbeiträge jetzt und höhere

Steuern ab 2017 offen zu benennen.

Entlastung für Betriebe und Beschäftigung

ist dagegen kaum in Sicht. Weder bei

den Kosten für Formulare und Bürokratie

(im vergangenen Jahr wieder 1,5 Milliarden

Euro mehr) noch beim Mehrwertsteuer-Wirrwarr.

Bald dürfte das Bundesverfassungsgericht

die Bevorzugung von

Betrieben bei der Erbschaftsteuer kippen –

und damit eine neue Gefahr für Familienunternehmen

heraufbeschwören. Um den

Abbau der kalten Progression wird derweil

ein jämmerlicher Schaukampf aufgeführt,

bei dem am Ende nichts herauskommt –

außer Enttäuschung beim Durchschnittsbürger,

der unter dem Abkassieren stärker

leidet als ein Besserverdiener.

Die bisherige Schönwetterpolitik steht

im scharfen Kontrast zu den Gewitterwolken

am Horizont: Kippt die Konjunktur,

geht der großen Koalition das Geld aus.

Dann sprudeln die Steuern langsamer, steigen

die Ausgaben für Arbeitslosigkeit, beklagen

die Krankenkassen Löcher. Die finanziellen

Rücklagen hat die Regierung in

ebenso atemberaubendem Tempo verpulvert,

wie sie neue Gesetze verabschiedete.

Dieses Jahr wird das Wachstum noch

ganz leidlich sein. Dass es 2015 und 2016

magerer wird, sieht man nicht in der Statistik,

wohl aber in den Auftragsbüchern. Die

Orders brechen weg, durch Krisen und

Kriege vor der Haustür, durch Wackelbörsen

und wiederkehrende Euro-Skepsis.

OHNE RÜCKSICHT AUF VERLUSTE

Ein Ende der geopolitischen Schrecken ist

nicht in Sicht. Man ahnt, wie es weitergeht,

selbst wenn die Brutalo-Terrororganisation

IS vernichtet würde: Dann werden die vom

Westen aufgerüsteten Kurden nicht ruhen,

bis sie – quasi als Belohnung für den Einsatz

gegen die Islamisten – einen eigenen

Kurdenstaat im Nordirak ausgerufen haben.

Das werden weder die irakische Zentralregierung

noch die Nachbarn Türkei,

Syrien und Iran mit ihren kurdischen Minderheiten

hinnehmen. Dass es keine

schnelle Perspektive für die Ukraine oder

für die Konflikte im arabischen Raum oder

in Afrika gibt, weiß jeder.

Schon wackelt Schäubles schwarz-rote

Null im Bundeshaushalt 2015. Trotzdem

bereitet die Koalition unverdrossen die

nächsten Wunderwerke deutscher Regierungskunst

vor: Einschränkung der Zeitarbeit,

Beschneiden der Werkverträge. Die

Versorgung und Bezahlung von Behinderten

soll besser werden – menschlich löblich,

aber auch hier geht es am Ende eher

um zehn als um fünf Milliarden Euro. Dann

kommt die Lebensleistungsrente. Die ist

nicht nur unbezahlbar, sondern auch ungerecht

gegenüber all jenen, die nur wenig

mehr als die garantierten 850 Euro Rente

bekommen, aber stets gearbeitet haben.

Eines ist gewiss: Sozialministerin Andrea

Nahles, die schon die Rentenverteuerung

und den Mindestlohn auf den Weg gebracht

hat, wird sich nach diesen Herkula-

Taten nicht bis zur nächsten Bundestagswahl

in den sozialpolitischen Winterschlaf

begeben. Dabei täte das uns allen gut. n

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Aufrüstung der US-Bürger

8 Karstadt: Letzte Hoffnung Österreich

9 Sparkassen: Allein gegen PayPal |

Aldi: Umsatz verloren

10 Nissan: Aufstieg in die Champions League |

Interview: Bahn-Manager André Zeug lockt

Rewe und Edeka in die Bahnhöfe

11 Internet:Routerzwang vor dem Aus |

SGL:Abstieg droht | Windenergie: Laues

Lüftchen im grünen Ländle

12 Chefsessel | Start-up Flightright

14 Chefbüro Peter Gross, Chef des Herrenmodeherstellers

Création Gross

Politik&Weltwirtschaft

16 Konjunktur Russland-Krise und schwacher

Euro-Raum bringen die deutsche Wirtschaft

in Schieflage | Wie der Mittelstand unter der

Embargo-Politik leidet

26 Euro-Krise Politiker und Gewerkschaften

wehren sich gegen den Griff der EU in die

deutsche Arbeitslosenkasse

30 Großbritannien Nach einer Abspaltung

hoffen schottische Nationalisten auf großen

Reichtum aus dem Nordsee-Öl

33 Global Briefing | Berlin intern

Titel Konjunktur auf der Kippe

Die schwache Weltwirtschaft, die Russland-Krise

und Probleme in der Euro-

Zone machen der deutschen Wirtschaft

schwer zu schaffen. Die Konjunktur

droht zu kippen, der Druck auf die Europäische

Zentralbank, die Geldpolitik

weiter zu lockern, steigt. Seite 16

Motor USA

Das Comeback der Industrie in den Vereinigten

Staaten lässt bei den deutschen Fabrikausstattern

die Kassen klingeln. Seite 38

Der Volkswirt

34 Nobelpreisträger Die Lindauer Tagung hat

sich vom Altherrentreff zum internationalen

Wissenschaftsevent entwickelt

36 Denkfabrik US-Ökonom Martin Feldstein

über den Versuch, die US-Notenbank an die

Kette zu legen

Unternehmen&Märkte

38 USA Deutschland profitiert wie keine andere

Nation von der Reindustrialisierung der

Vereinigten Staaten | Verquere Argumente

gegen das Freihandelsabkommen TTIP

46 Carsharing Car2Go und DriveNow werden

für Daimler und BMW zum Geschäft

49 Interview: Rainer Baumgart Der IT-

Lieferant der Bundesregierung verlangt

schärfere Sicherheitsvorschriften

52 Deutsche Bank Nach der Anklage auch

gegen Co-Chef Jürgen Fitschen wächst die

Nervosität

53 Schornsteinfeger In der schwarzen Zunft

tobt ein Kleinkrieg um die Pfründen

55 Fußball Wie deutsche Nationalspieler ihren

Markenwert steigerten

56 Serie: Fit for Future (I) Übernahmen und

Fusionen im Mittelstand

Technik&Wissen

58 Werkstoffe Moderne Schäume werden

zum Allheilmittel. Ein Mega-Markt entsteht

62 Grüner Pionier Ein deutscher Philosoph

führt in Kenia die Mülltrennung ein

Ganz schön

aufgeblasen

Metall, Keramik oder Plastik – fast

jedes Material lässt sich heute zu

Schaum schlagen. Eine Luftnummer?

Von wegen: Die flüchtigen Gebilde

schützen vor Explosionen, heizen

Häuser und helfen Menschen,

schlanker zu werden. Dank

High-Tech-Schaum bleiben sogar

Biere länger kühl. Seite 58

TITELILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

4 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 34, 18.8.2014

Vorsprechen bei Investoren

In einer neuen TV-Show buhlen Gründer um fünf Geldgeber,

darunter Touristikunternehmer Vural Öger (links). Der letzte Teil

der Serie Gründer zeigt aber auch, wie Start-ups beim Pokern oder

im Stundenhotel an Geld und gute Ratschläge kommen. Seite 66

64 Auto Die Ingenieure erfinden den Reifen

neu. Der funktioniert künftig ohne Luft

65 Valley Talk

Management&Erfolg

66 Serie Gründer (VI) Bei welchen skurrilen

Veranstaltungen Jungunternehmer an Geld

und gute Ratschläge kommen

70 Interview: Christian Muche und Frank

Schneider Die Initiatoren der Digitalmesse

Dmexco über die Zukunft des Marketing

FOTOS: BAYER, PR, VOX/BORIS BREUER, GETTY IMAGES/THE IMAGE BANK

Dressierte Freiheit

Die Geschichte des Büros ist eine Geschichte der Kontrolle und

Effizienzsteigerung der Angestellten: von der durchnormierten

Tippfabrik zur Spielwiese für Kreative. Seite 92

Flatrate für

alle Medien

Im jungen Markt der

digitalen Vermarktung

geistiger Inhalte – dem

Web-Streaming – sind nur

einige erfolgreich. Anleger

sollten sich früh und klug

positionieren. Seite 72

Geld&Börse

72 Internet-Aktien Musik- und Buchverlage,

TV- und Filmindustrie werden durch neue

interaktive Formate vom Kopf auf die Füße

gestellt. Wie Anleger sich klug positionieren

79 Börsen-Guru Warum Staatsanwälte weiter

gegen Ex-Moderator Markus Frick ermitteln

80 Finanzberater Wer auf Anleger losgelassen

wird, muss sachkundig sein. Die Bank für

Vermögen legt neue Regeln eigenwillig aus

82 Steuern und Recht Immobilien in Österreich

| Autokameras | Kinderbetreuung |

Erbschaftsteuer | Hausratversicherung

84 Geldwoche Kommentar: China-Syndrom |

Trend der Woche: Dax | Dax-Aktien: Adidas |

Hitliste: Bärenmärkte | Aktien: Eldorado

Gold, Total | Chartsignal: Euro-Yen-Kurs |

Anleihe: KfW in Brasilianischen Real |

Investmentfonds: Danske Invest Russia

Perspektiven&Debatte

92 Büroarchitektur Die Geschichte des

Büros erzählt vom Bemühen, Freiheit und

Hörigkeit in ein Gehäuse zu fassen

95 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 96 Leserforum,

97 Firmenindex | Impressum, 98 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche mit einem Zeitraffervideo,

das zeigt, wie man in

15 Tagen ein 30-stöckiges

Hotel baut, sowie einem

360-Grad-Blick in das

Chefbüro von Modeunternehmer

Peter Gross

wiwo.de/apps

n Sachsen-Wahl In zwei Wochen

bestimmt Sachsen ein neues

Landesparlament. Welche Partei

ist für Sie die beste Wahl? Machen

Sie den Test. wiwo.de/wahlomat

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 5

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Seitenblick

SCHUSSWAFFEN

Aufgerüstet

Amerikas Waffenliebhaber müssen vorerst keine

strengeren Gesetze fürchten. Zwei Jahre nach den

Amokläufen von Newtown und Aurora ist der Ruf nach

Restriktionen fast tatenlos verhallt. Für die Waffenbranche

eine gute Nachricht – und eine schlechte.

89Schusswaffen kommen in den USA auf

100 Einwohner, mehr als in jedem anderen Industrieland.

Zum Vergleich: In Deutschland entfallen auf

100 Bürger statistisch 30 Waffen. Allerdings ist in den

USA das Geschäft mit Waffen und Munition in den

letzten Monaten eingebrochen. Allein der US-Waffenriese

Sturm, Ruger & Co. setzte im zweiten Quartal

14 Prozent weniger um als ein Jahr zuvor.

57000Anträge für den Kauf

von Waffen und Munition mussten die Behörden im

US-Bundesstaat Colorado im Dezember 2012 bearbeiten,

eine Steigerung um 89 Prozent – nach einem

Amoklauf in einem Kino. Viele Bürger rüsteten auf,

weil sie strenge Kontrollen oder sogar Verbote

befürchteten. Tatsächlich boxten Senatoren in Colorado

Beschränkungen durch. Weitere Restriktionen

drohen nicht mehr, der Absatz von Waffen sank auf

sein früheres Niveau – bis zum nächsten Amoklauf.

32000Menschen sterben

in den USA jedes Jahr durch Schusswaffen, etwa 60

Prozent durch Selbstmord, rund 35 Prozent bei einem

Verbrechen, die anderen durch Unfälle. Doch durch

den US-Kongress schaffte es in den letzten Jahren kein

einziges landesweites Gesetz, das den Besitz von

Waffen einschränkt. Derzeit ist auch keines geplant.

thomas.stoelzel@wiwo.de

FOTO: REPORTAGE BY GETTY IMAGES/CHARLES OMMANNEY

Eine schrecklich nette Familie

Ben Baker und seine Familie aus Ashburn im US-Bundesstaat

Georgia stehen für Amerikas Waffenfreunde. Die Bakers

besitzen ein großes Arsenal vom Sturmgewehr bis zur Schrotflinte.

Der Vater stellt die Munition sogar selbst her

6 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 7

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Menschen der Wirtschaft

Direktiven aus Tirol

Investor Benko

KARSTADT

Letzte Hoffnung: Österreich

Nicolas Berggruen ist mit der Sanierung

von Karstadt gescheitert – und hat

trotzdem Millionen verdient. Nun soll der

neue Investor retten, was zu retten ist.

Seine Botschaft war klar: „Niemand muss sich

Sorgen machen“, beteuerte Nicolas Berggruen in

einem Brief an die „lieben Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter“ von Karstadt im September 2013.

Kurz zuvor hatte der Karstadt-Eigner die Mehrheit

des Sport- und Premiumgeschäfts an den österreichischen

Immobilienunternehmer René Benko

und dessen Gesellschaft Signa verkauft. Doch „die

klassischen Warenhäuser“, so versicherte Berggruen

damals „bleiben vollständig im Besitz von

Berggruen Holdings“. Schließlich „sehe ich mich

hier in einer besonderen Verantwortung“, er sei

sich „absolut sicher: Gemeinsam schaffen wir es“.

Nicht einmal ein Jahr alt sind die Treueschwüre

des deutsch-amerikanischen Investors. Spätestens

seit vergangenem Donnerstag ist klar, wie viel sie

wert sind: Berggruen zieht sich aus dem Unternehmen

komplett zurück. Stattdessen übernimmt

Signa-Chef Benko das Kommando. Da Signa auch

der wichtigste Eigentümer der Karstadt-Immobilien

ist, hat er viel mehr Optionen als sein Vorgänger.

Am Donnerstagabend hätten sich die Parteien

darauf verständigt, dass Berggruen alle Karstadt-

Geschäftsanteile abgebe, hieß es in Verhandlungs-

kreisen. Auch seine Minderheitsanteile am

Premium- und Sportgeschäft werde er auf die

Österreicher übertragen. Für die Transaktionen

werde allenfalls ein symbolischer Preis gezahlt,

hieß es im Umfeld der Beteiligten.

Operativ ist Berggruen gescheitert, finanziell

dürfte sich sein Warenhaus-Experiment aber

gelohnt haben. „Berggruen hat mit Karstadt bisher

40 bis 50 Millionen Euro verdient“, sagt Karstadt-

Aufsichtsrat und Verdi-Vertreter Arno Peukes.

Allein für die Nutzung der Karstadt-Namensrechte

habe Berggruens Holding jährlich Millionenbeträge

vom Unternehmen kassiert, rechnet Peukes

vor. Die von „Mr. Karstadt“ in Aussicht gestellten

Investitionen seien dagegen nie erfolgt.

Offen ist, was Benko langfristig mit der Warenhausgruppe

plant und wie sich der Eignerwechsel

auf die Sparaktionen auswirkt, die die Geschäftsführung

plant. Schon am kommenden Donnerstag

soll der Aufsichtsrat tagen. Ursprünglich wollten

Finanzchef Miguel Müllenbach und Arbeitsdirektor

Kai-Uwe Weitz dann ihr Sanierungskonzept präsentieren.

In den vergangenen Wochen wurde bereits über

die Schließung von Standorten und über weitere

Einschnitte etwa in der Logistik spekuliert. Die Arbeitnehmervertreter

favorisieren indes Einsparungen,

die die Verwaltungskosten senken und damit

vor allem die Hauptverwaltung in Essen träfen.

henryk.hielscher@wiwo.de

Abgestürzt

Umsatz der Karstadt

Warenhaus GmbH

in Milliarden Euro

9

8

7

6

5

4

3

2

2000 2013

Quelle: Statista, Unternehmensangaben

8 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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SPARKASSEN

Allein gegen PayPal

Eigentlich wollten die großen

deutschen Privatbanken, darunter

die Commerzbank und

die Deutsche Bank, mit den

Volks- und Raiffeisenbanken

sowie den Sparkassen einen gemeinsamen

Bezahldienst für

das Internet schaffen. Er sollte

sich in den nächsten Jahren der

Ebay-Tochter PayPal entgegenstemmen,

über die auch in

Deutschland immer mehr Internet-Zahlungen

laufen. Nun

aber scheren die Sparkassen

aus. Offizieller Grund: Bei der

ursprünglich geplanten Kooperation

sei dem Sparkassenverband

unter Führung des Präsidenten

Georg Fahrenschon

bange um die Sicherheit der

Kundendaten.

Offenbar sind sich die Sparkassen

aber sicher, dass sie

stark genug sind, um alleine

solch einen Online-Bezahldienst

flächendeckend etablieren

zu können. Immerhin

sind sie Marktführer unter den

Finanzdienstleistern in Deutschland.

Derzeit prüfen sie die Übernahme

eines schon aktiven Bezahldienstes

und schauen sich

dessen Geschäftsbücher an.

Details wollen die Sparkassen

Bankenallianz verlassen

Sparkassenchef Fahrenschon

noch nicht nennen, im Herbst

wollen sie entscheiden.

Die Koalition aus Volksbanken

und Privatbanken berät

weiter, wie sie ihren Kunden

Bankdienste im Internet erleichtern

kann. Denn der Druck

durch PayPal steigt. So hat das

US-Unternehmen vor wenigen

Tagen angekündigt, dass es bald

auch in Deutschland Kreditfinanzierung

und Ratenzahlung

bei Einkäufen anbietet. In den

USA offeriert es dies bereits.

Gleichzeitig ermöglicht es seinen

zwölf Millionen deutschen

Kunden seit Kurzem auch

kostenlose Überweisungen via

Smartphone-App.

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

Aufgeschnappt

Kaffee mit Hausboot Der Hamburger

Kaffeeröster Tchibo geht

aufs Wasser. Neben Schuhen,

Regalen und – so ganz nebenbei

– Kaffee bietet er jetzt auch

Hausboote an. Drei Modelle ste-

hen zur Auswahl, das günstigste

zu 88 000 Euro. Gebaut werden

die Boote vom Berliner Unternehmen

Nautilus Hausboote,

das der Architekt Andreas Hoffmann

2012 gemeinsam mit der

Bankkauffrau Dörte Schiemang

gegründet hat. Gegen einen

Aufpreis von 9500 Euro gibt es

sogar einen Motor zum Boot.

Dresdner mit Bitcoins Das

Dresdner Start-up Coinbau will

den effizientesten Chip zur

Herstellung von Bitcoins entwickeln.

Gefertigt werden soll er

in der Dresdner Fabrik des US-

Konzerns Globalfoundries. Noch

in diesem Jahr will Coinbau in

Island eine Rechnerfarm eröffnen

und dort energiearm und kostengünstig

Bitcoins erzeugen.

HANDEL

Rewe legt zu,

Aldi verliert

Die jüngsten Zahlen des Marktforschers

GfK dürften bei Rewe-

Chef Alain Caparros für

Sektlaune sorgen. Laut den

vertraulichen Daten, die der

WirtschaftsWoche vorliegen,

stiegen die Lebensmittelumsätze

der Kölner Supermarktkette

im ersten Halbjahr 2014 um

stattliche sechs Prozent. Ein

deutlicher Abstand zum Wettbewerber

Edeka, der laut GfK

nur um 1,9 Prozent zulegte.

Weniger gut lief es für die großen

Discounter. Aldi Süd büßte

demnach 1,4 Prozent ein, Aldi

Nord verlor sogar 2,5 Prozent.

Bei Lidl und Penny gab es kaum

Veränderungen. Vor allem beim

Verkauf von Körperpflegeprodukten

und Getränken würden

die Billigheimer derzeit schwächeln,

so GfK.

Als Erklärung für die unterschiedlichen

Entwicklungen

von Supermärkten und Discountern

verweisen die Marktforscher

auf das Niedrigzinsniveau,

das bei vielen Verbrauchern

die Bereitschaft erhöhe,

mehr Geld für Güter des täglichen

Bedarfs auszugeben, statt

zu sparen. Zudem hätten die

Discounter die Zahl ihrer Sonderangebote

reduziert.

henryk.hielscher@wiwo.de

FOTOS: DPA PICTURE-ALLIANCE/PHILIPP HORAK, WERNER SCHUERING, PR

113 €

Durchschnittspreis

für Geschenke

an Frauen

31 %

* geschätzt; Quelle: Boost Internet

Paare

17 %

52 %

110 €

Nervenkitzel statt Romantik

Der deutsche Markt für Erlebnisgeschenke

Wer Geschenke bekommt und was sie kosten Entwicklung des Marktvolumens* Die beliebtesten Erlebnisgeschenke

100 Mio. €

Durchschnittspreis

für Geschenke

an Männer 2014

500 Mio. €

2020

1. Krimidinner

10,7 %

2. Flugsimulator

3. Segway fahren

4. Ferrari fahren

5. Candle-Light-Dinner

4,2 %

3,9 %

3,8 %

2,9 %

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 9

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Menschen der Wirtschaft

NISSAN

Toyota

entthronen

Fußballfans wird es schon aufgefallen

sein: Bei den Fußballspielen

der Champions League

wirbt nicht mehr der amerikanische

Autokonzern Ford, sondern

seit dieser Saison der japanische

Konkurrent Nissan. Da

Ford in Europa mit Verlusten

Konkurrenten Ford abgelöst

Nissan-Manager Schupp

kämpfte, kam das sportliche

Engagement intern nicht mehr

gut an.

Dafür sagt nun Nissans Europa-Marketingchef

Bastien

Schupp, was die Werbung in

der europäischen Königsklasse

bringen soll. Bereits in gut zwei

Jahren will Nissan zum größten

asiatischen Autobauer in Europa

aufsteigen – und Toyota

überholen. „Bis Ende 2016 wollen

wir unseren Marktanteil

in Europa von derzeit 3,8 auf

5,0 Prozent steigern“, kündigt

Schupp an. Nissan werde derzeit

zu wenig wahrgenommen.

Die Champions League soll das

ändern. „Da sitzen pro Saison

kumuliert vier Milliarden Zuschauer

vor den TV-Geräten“,

freut sich der Manager.

Die Spiele werden längst

auch außerhalb Europas verfolgt.

50 Prozent des Werbewertes

fallen laut Nissan außerhalb

des Kontinents an. Wie viel der

Autobauer dafür zahlt, ist geheim.

Nur so viel: Die Summe

liegt laut Schupp oberhalb der

40 Millionen Euro, die Ford

wohl gezahlt hat.

juergen.salz@wiwo.de

INTERVIEW André Zeug

»Edeka und Rewe wollen

in die Bahnhöfe rein«

Der Bahnhofschef der Deutschen Bahn baut

Stationen um und fordert Geld von den Bundesländern.

Unrentable Gebäude will er verkaufen.

Herr Zeug, im Nürnberger

Bahnhof ist Alkohol verboten,

um Krawalle zu verhindern.

Wann gilt das Verbot für alle

Bahnhöfe?

Auch in Hannover hatten wir

ein temporäres Alkoholverbot.

Ich bin aber skeptisch. Leider

kommen nicht wenige Menschen

schon angetrunken in die

Bahnhöfe. Ich halte ein Verbot

daher für ein wenig taugliches

Mittel. Nürnberg ist ein Test, die

Evaluation läuft noch.

Der Bahnhof ist das Tor zur

Stadt, nicht jeder wirkt einladend.

Wo sanieren Sie?

Zurzeit sanieren wir die

Bahnhöfe in Duisburg

und Dortmund sowie das

Empfangsgebäude in

Münster. Solche Programme

brauchen drei

bis vier Jahre Planungsvorlauf.

Früher wurde

dort gebaut, wo der politische

Druck am stärksten

war. Heute entscheiden

Sanierungsbedarf

und Reisendenzahl.

Zudem brauchen wir

die Co-Finanzierung

der Länder.

Wer profitiert demnächst?

Jedes Jahr finden rund

3000 Bauprojekte an den

Bahnhöfen statt. 2015

steht zum Beispiel die

Sanierung der Bahnhöfe

Berlin Zoologischer

Garten und Würzburg an.

Die Ladenflächen in den

Bahnhöfen vermieten Sie

selbst. Bleibt es dabei?

Ja. Mit Ausnahme von

Leipzig und der Nordpassage

im Hamburger

Hauptbahnhof steuern

wir alle größeren Stationen in

Eigenregie. Dresden haben

wir gerade modernisiert. Das

Geschäft läuft sehr gut.

Was treibt den Umsatz?

Zum einen steigen die Reisendenzahlen.

Zum anderen konnten

wir interessante Unternehmen

als Mieter gewinnen. Die

Restaurant-Kette Vapiano

zum Beispiel oder Albert Heijn

aus Holland. Auch Edeka und

Rewe wollen in den großen

Bahnhöfen Geschäfte eröffnen.

Welche Stationen stehen zum

Verkauf?

DER IMMOBILIENENTWICKLER

Zeug, 58, leitet seit 2007 das Bahnhofsgeschäft

der Bahn und will die Flächen in den Stationen

wieder selbst vermieten. Der promovierte Jurist

hat schon für die Lufthansa, die Treuhandanstalt

und Stinnes gearbeitet.

Wir verkaufen unsere Bahnhofsgebäude

nur, wenn sie für

den Bahnbetrieb nicht mehr

notwendig und damit unrentabel

sind. Wir haben insgesamt

rund 1100 Empfangsgebäude in

unserem Portfolio. Unser Ziel

ist, 600 bis 700 Empfangsgebäude

in größeren Stationen zu behalten.

Von Paketverkäufen an

Finanzinvestoren haben wir

uns aber verabschiedet. Das hat

sich nicht bewährt. Wir geben

die Empfangsgebäude am liebsten

an die Kommunen ab.

Politiker fordern den barrierefreien

Bahnhof bis 2020.

Das wird schwer. 73 Prozent

unserer Bahnhöfe sind bereits

stufenfrei. Aber stufenfrei reicht

nicht. Die Bahnsteighöhe muss

auch stimmen, damit die

Reisenden bequem in den Zug

einsteigen können. Der Bund

verlangt eine Bahnsteighöhe

von 76 Zentimetern für

den Fernverkehr, den Ländern

reichen teilweise 55

Zentimeter. 56 Prozent

aller Bahnsteige erfüllen

die Mindestnorm

von 55 Zentimetern.

Klappt es bis 2020?

Der barrierefreie Umbau

der Bahnhöfe ist

bis 2020 nicht zu machen.

Pro Jahr rüsten

wir etwa ein bis anderthalb

Prozent der Bahnhöfe

um. Damit wären

wir 20 bis 30 Jahre beschäftigt.

Zehn Millionen

Euro pro Jahr zusätzlich

würden einen

deutlichen Schub auslösen.

Da der Bund nur

Bahnhöfe mit mehr als

1000 Reisenden pro Tag

fördert, müssen auch

die Länder in die Co-Finanzierung

einsteigen.

Wie viele Bahnhöfe

erhalten WLAN?

An mehr als 120 Bahnhöfen

gibt es bereits

WLAN. Die erste halbe

Stunde pro Tag ist kostenlos.

Unser Ziel: 150

Bahnhöfe.

christian.schlesiger@wiwo.de

10 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: PR, DB STATION&SERVICE AG/PHILIPP VON RECKLINGHAUSEN, KEYSTONE/VOLKMAR SCHULZ, ACTION PRESS/BERND KAMMERER, ACTION PRESS/WALTER G. ALLGÖWER

INTERNET

Routerzwang

vor dem Aus

Es war der dreiste Versuch einiger

Festnetzanbieter, die freie

Wahl des Endgeräts einzuschränken

– die erste Errungenschaft

der Liberalisierung in der

Kommunikationsbranche. Internet-Anbieter

wie Telefónica,

Vodafone und Unitymedia

schrieben ihren Kunden vor anderthalb

Jahren erstmals vor,

mit welchem Router sie online

gehen dürfen. Jetzt will Bundeswirtschaftsminister

Sigmar

Gabriel die Praxis unterbinden.

Den Router-Herstellern sicherte

er zu, die freie Gerätewahl gesetzlich

festzuschreiben. „Wir

werden eine entsprechende Regelung

in das Telekommunikationsgesetz

aufnehmen“, heißt

es in einem Schreiben.

Kunden und Hersteller müssen

sich allerdings bis zum

nächsten Jahr gedulden. Der

Minister will warten, bis die EU-

Kommission die Verordnungen

zum vernetzten Kontinent verabschiedet.

Für Ralf Koenzen,

Chef des Router-Herstellers

Lancom, der einzige Wermutstropfen:

„Sobald die Neuregelung

in Kraft ist, wird niemand

mehr gezwungen sein, Router

einzusetzen, die potenziell unsicher

sind.“

WINDENERGIE

Flaute im

Ländle

juergen.berke@wiwo.de

Ausgerechnet in Baden-Württemberg,

dem einzigen Bundesland

mit einem grünen Ministerpräsidenten,

kommt der

Ausbau der Windenergie nicht

voran. 1000 neue Anlagen

will Landeschef Winfried

Kretschmann bis 2020 aufstellen.

Bisher stehen knapp 400,

und im ersten Halbjahr wurde

18.08. Arzthonorar Die Kassenärztliche Bundesvereinigung

informiert am Montag über die beginnenden

Honorarverhandlungen mit den Krankenkassen.

Sie fordert eine „überfällige Anpassung“ an die

„gestiegenen Praxiskosten“.

19.08. US-Inflation Das amerikanische Arbeitsministerium

veröffentlicht am Dienstag die Inflationsrate

für Juli. Im Juni waren die Preise in den USA im

Jahresvergleich um 2,1 Prozent gestiegen. Gegenüber

dem Vormonat hatten sie sich um 0,3 Prozent

erhöht.

20.08. Deutsche Bahn Am Mittwoch gehen die Tarifverhandlungen

zwischen der Bahn und der Gewerkschaft

der Lokführer (GDL) in die dritte Runde. Die

GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn und eine Verkürzung

der Wochenarbeitszeit um zwei auf 37

Stunden. Diese kleine Gewerkschaft vertritt nach

eigenen Angaben rund 80 Prozent der 20 000 Lokführer

und 30 Prozent der 11 000 Zugbegleiter.

Für die übrigen 140 000 Beschäftigten der Bahn

verhandelt die Eisenbahner-Gewerkschaft EVG.

21.08. Karstadt Der Aufsichtsrat des Warenhauskonzerns

berät am Donnerstag über die Sanierung.

nur eine einzige Windturbine

errichtet. Die Anlage des

ostfriesischen Herstellers Enercon

steht auf dem Tännlebühl

nahe Freiburg.

Damit hinkt Baden-Württemberg

nicht nur seinen

Zielen hinterher, sondern

auch anderen Ländern. Nur

im Saarland stehen – abgesehen

von den Stadtstaaten –

noch weniger Anlagen:

Die Ämter mahlen

langsam Anlage im

Südwesten

TOP-TERMINE VOM 18.08. BIS 24.08.

108, davon kamen im ersten

Halbjahr immerhin acht dazu.

Sogar im nicht windverwöhnten

Bayern gingen im ersten

Halbjahr 51 Turbinen ans Netz.

„Die Genehmigungsverfahren

sind bei uns langwieriger“, klagt

ein Manager des baden-württembergischen

Stromkonzerns

EnBW. Der SPD-Fraktionschef

im Landtag, Claus Schmiedel,

fordert zur Genehmigung von

Windparks mehr Beamte in

den Landkreisen.

mario.brueck@wiwo.de,

andreas wildhagen

SGL

Drohender

Abstieg

Wer aufsteigt und wer absteigt,

entscheidet die Deutsche Börse

am 3. September – wenn sie

turnusgemäß die Zusammensetzung

ihrer Börsenindizes

überprüft. Der Wiesbadener

Grafitspezialist SGL, in den

auch Susanne Klatten aus der

Quandt-Dynastie groß investiert

ist, scheint schon als Absteiger

aus dem MDax, dem Index für

mittelgroße Unternehmen,

festzustehen. Dies geht jetzt

aus Analysen der Landesbank

Baden-Württemberg sowie

des Frankfurter Bankhauses

Close Brothers Seydler hervor.

Wichtige Kriterien für die

Entscheidung der Deutschen

Börse sind der Börsenumsatz

sowie der Börsenwert des

Streubesitzes. Nach dem Katastrophenjahr

2013, als Umsatz

und Gewinn einbrachen, war

Hiobsbotschaft in Sicht

Großaktionärin Klatten

die SGL-Aktie deutlich gefallen

– trotz der schönen Aussichten

für den Werkstoff Carbon, der

neben Klatten auch BMW und

VW als Großaktionäre von SGL

angelockt hat.

Neben SGL dürfte sich der

Küchenausrüster Rational künftig

im weniger imageträchtigen

SDax, dem Auswahlindex für

kleinere Unternehmen, wiederfinden.

Dafür könnten das

Immobilien-Unternehmen

Deutsche Annington und der

Gabelstapler-Spezialist Kion in

den MDax aufrücken.

juergen.salz@wiwo.de

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 11

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

GFK

Pamela Knapp, 55, Finanzvorstand,

verlässt Mitte

Oktober den Nürnberger

Marktforscher, um sich

mehr ihren Aufsichtsratsmandaten

und ihrem Privatleben

zu widmen, wie

sie sagt. Am Montag hatte

GfK die Prognosen für Umsatz

und Ergebnis gesenkt.

Neuer Finanzvorstand wird

Christian Diedrich, 56, der

seit 1984 bei IBM arbeitet.

Von dort kam Ende 2011

auch GfK-Chef Matthias

Hartmann. Anfang 2013

hat er seinen Vertrag bis

Ende 2019 verlängert.

SCOUT 24

Christian Gisy, 47, wechselt

Unternehmen und

Branche. Von September

an arbeitet der Diplom-

Volkswirt als Finanzvorstand

für den Betreiber von

Online-Marktplätzen. Bei

Scout 24 kann er auch seine

Börsenerfahrung einbringen.

Dem Vernehmen nach

strebt das Unternehmen aufs

Parkett. Noch leitet Gisy die

Kinokette Cinemaxx. Ihr neuer

Eigner, der britische Kinobetreiber

Vue International,

nahm sie Anfang des Jahres

von der Börse.

KIA

Martin van Vugt, 59, seit

Februar 2011 Deutschland-

Chef des koreanischen Autokonzerns,

hat sich überraschend

verabschiedet. Der

Niederländer steigerte zwar

den Absatz von 36 000 auf

55 000 Autos, Kia wollte 2013

aber 63 000 Fahrzeuge in

Deutschland verkaufen.

IFW

Dennis Snower, 63, hat seinen

Vertrag verlängert und

bleibt bis 2019 Präsident des

Instituts für Weltwirtschaft in

Kiel, das er seit Oktober 2004

leitet. Das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut

(HWWI)

bekommt im September eine

Doppelspitze: Christian Growitsch,

38, und Henning Vöpel,

41, lösen Thomas Straubhaar,

57, ab. Hans-Werner

Sinn, 66, Chef des Münchner

ifo Instituts, geht 2016 in den

Ruhestand. Auch das Institut

für Wirtschaftsforschung in

Halle braucht eine neue Spitze.

Claudia Buch, 48, die letzte

Leiterin, war zwar erst im Juni

2013 gekommen, wechselte

aber schon im Mai 2014 zur

Bundesbank.

PRIVAT-PKW

56 Prozent

der Haushalte in Hamburg und Schleswig-Holstein besitzen

ein Auto, vor zehn Jahren waren es noch 60 Prozent. Bundesweit

gehört 77,1 Prozent aller Haushalte ein Pkw, 2003 waren es

76,9 Prozent. Gesunken ist die Zahl der Neuwagen: 2003 hatten

35 Prozent aller Haushalte einen, heute sind es nur 33 Prozent.

FLIGHTRIGHT

Inkasso für genervte Fluggäste

Zur Vorbereitung seiner Hochzeit kam Philipp Kadelbach zu

spät, und den Gerichtstermin hätte er fast verpasst. Denn wieder

einmal war sein Flug verspätet. Da reichte es dem Juristen. Er

gründete Flightright. Das Potsdamer Unternehmen soll bei Fluggesellschaften

Schadensersatz für Passagiere eintreiben, deren

Flüge nicht pünktlich waren oder sogar annulliert wurden. „Wir

sind quasi ein Robin-Hood-Inkasso“, sagt Kadelbach. Mehr als

400 000 Menschen habe er seit Gründung des Unternehmens

2010 schon geholfen.

Seine wichtigste Waffe ist die EU-Fluggastrechteverordnung.

Danach müssen Airlines ihre Passagiere entschädigen, wenn das

Flugzeug stark verspätet ist oder gar nicht erst startet. Bis zu 600

Euro können Reisende dann einfordern; vorausgesetzt, Start oder

Landung erfolgten in einem EU-Land oder waren dort geplant.

„Aktuell nutzen nur fünf bis zehn Prozent der Betroffenen ihr

Recht“, sagt Kadelbach. Auf seiner Internet-Seite können Reisende

ausrechnen, was ihnen zusteht. Stellt sich eine Airline stur, zieht

Flightright sogar vor Gericht – und übernimmt das Kostenrisiko.

„In 98 Prozent dieser Fälle

Fakten zum Unternehmen

Finanzierung vom Frühphasenfonds

des Landes Brandenburg

knapp 1 Million Euro

Schadensersatz 2013 trieb

Flightright einen zweistelligen

Millionenbetrag ein

sind wir erfolgreich“, sagt

er. Als Provision kassiert

Flightright 25 Prozent der

erstrittenen Summe. Derzeit

betreut er nur EU-

Bürger, 2016 will er sich

auch um Amerikaner auf

EU-Flügen kümmern.

matthias streit | mdw@wiwo.de

FOTO: DPA PICTURE-ALLIANCE/DANIEL KARMANN, PR (2)

12 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Peter Gross

Chef des Herrenmodeherstellers Création Gross

Die Tasse Tee gehört für Peter

Gross, 58, genauso auf den

Schreibtisch wie Computertastatur,

Monitor und Telefon. „Als

passionierter Teetrinker darf eine

Tasse grüner Tee nie fehlen“,

sagt der geschäftsführende

Gesellschafter der fränkischen

Herrenmodemarke Création

Gross. Sein Großvater August

Gross hat das Unternehmen

1925 gegründet, heute gehört

es zu je 50 Prozent Peter Gross

und seinem Cousin Wolfgang

Gross, der stiller Teilhaber ist.

Rund 61 Millionen Euro wollen

die Franken in diesem Jahr mit

Sakkos, Hosen und Anzügen

umsetzen, vier Millionen mehr

als im Vorjahr. Der Modehersteller

erwirtschaftet Gewinn

und ist bankenunabhängig.

180 Beschäftigte

arbeiten derzeit

fest am Stammsitz in

Hersbruck in der

Nähe von Nürnberg.

125 Shop-in-Shops

betreibt das Familienunternehmen,

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

davon 40 im Ausland, zudem

zwei Online-Shops. „Manchmal

bin ich mein eigener Proband“,

beschreibt Gross sein

Business-Outfit. Sein gut 30

Quadratmeter großes Büro hat

der Diplom-Kaufmann mit

zeitlosem, unauffälligem Mobiliar

eingerichtet. „Exklusive

Interieurmarken brauche ich

nicht“, betont Gross. Hinter

seinem Schreibtisch

hängt statt eines

teuren Kunstwerks

ein eingerahmtes

Imagebild seiner

Hauptmarke Carl

Gross. Auch in den

Schränken und Sideboards

dreht sich

alles um Mode. Neben Büchern

zu Stilrichtungen archiviert

Gross hier Unterlagen über die

zweite Modelinie seines Hauses:

CG-Club of Gents. „Mit

CG-Club of Gents erzielen wir

bereits mehr als ein Drittel

unseres Umsatzes“, freut sich

der Modemacher. Und wenn es

stimmt, dass grüner Tee auch

ein wenig zur guten Laune

beiträgt, dann passt er zum

aktuellen Stimmungsbild der

Franken. Beide Labels sind

erfolgreich in den USA und

Kanada gestartet. Zudem hat

Gross erste Gespräche mit

potenziellen chinesischen Partnern

geführt.

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

14 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Aus der Traum

vom ewigen Boom

KONJUNKTUR | Die schwächere Weltwirtschaft, die Russland-Krise und die Probleme

in vielen Kernländern der Euro-Zone machen der deutschen Wirtschaft schwer zu

schaffen. Die Konjunktur droht zu kippen. Damit steigt der Druck auf die Europäische

Zentralbank, die Geldpolitik weiter zu lockern.

Eigentlich ist es für die

Bankanalysten kein besonderes

Ereignis, wenn

die Beamten des Statistischen

Bundesamtes einmal

im Quartal die Zahlen

zum Wachstum der

deutschen Wirtschaft bekannt

geben. Denn die

Daten betreffen die Vergangenheit

und werden meist im Vorfeld

gut abgeschätzt. Doch Donnerstag vergangener

Woche war es anders. Nicht nur, dass

die zur Veröffentlichung anstehenden Zahlen

für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im

zweiten Quartal diesmal durch eine groß

angelegte Revision der Statistik mit außergewöhnlicher

Unsicherheit behaftet waren

(siehe Seite 22). Mit Spannung blickten die

Auguren auch darauf, ob die aktuelle Krise

in Russland bereits erste Bremsspuren hinterlassen

hat.

Als dann um kurz nach acht Uhr morgens

die neue BIP-Zahl über die Bildschirme

flimmerte, trauten viele Analysten

ihren Augen nicht: Deutschlands Wirtschaft

war im zweiten Quartal um 0,2 Prozent

geschrumpft. „Die Zahlen haben enttäuscht“,

sagt Klaus Bauknecht, Volkswirt

bei der IKB Deutsche Industriebank in

Düsseldorf. Aufgrund von Witterungseffekten

hatten Beobachter zwar mit einem

schwachen zweiten Quartal gerechnet.

„Doch die Zahlen deuten auf einiges mehr

hin als nur den Einfluss des Wetters“, urteilt

Bauknecht.

Vor allem die Unsicherheit wegen des

Konflikts um Russland und die Ukraine hat

sich wie Mehltau auf die Stimmung und Investitionsbereitschaft

der Unternehmen

Erneuter Einbruch

Reales Bruttoinlandsprodukt (saisonbereinigte

Veränderung zum Vorquartal)

0,8 %

0,6 %

0,4 %

0,2 %

0 %

–0,2 %

–0,4 %

2012 2013 2014

Quelle: Deutsche Bundesbank, Destatis

gelegt. Dazu kommt, dass auch aus den

Ländern der Euro-Zone, den wichtigsten

Handelspartnern Deutschlands, schlechte

Nachrichten kommen. Die Wirtschaft der

Währungsgemeinschaft hat im zweiten

Quartal stagniert.

Für die WirtschaftsWoche hat das ifo Institut

in München exklusiv 460 Unternehmen

aus den wichtigsten Branchen der

deutschen Wirtschaft befragt. Rund ein

Drittel gab an, die geopolitischen Unruhen

sowie die schwächelnde Konjunktur in

wichtigen Handelspartnerländern stellten

die größten Risiken für ihre Geschäfte dar.

Der ifo-Geschäftsklimaindex, wichtigster

Frühindikator für die deutsche Konjunktur,

ist im Juli das dritte Mal in Folge

gesunken – ein untrügliches Zeichen für eine

Konjunkturwende nach unten. In der

vergangenen Woche schmierte zudem der

vom Mannheimer Zentrum für Europäische

Wirtschaftsforschung (ZEW) ermittelte

Index der Konjunkturerwartungen der

Akteure an den Finanzmärkten ab. Der

Einbruch war so heftig wie im Juni 2012, als

die Angst vor dem Auseinanderbrechen

der Währungsunion die Märkte in Atem

hielt. Geht Deutschland, dem Powerhouse

Europas, die Luft aus, hat dies weitreichende

Konsequenzen – vor allem für die Europäische

Zentralbank (EZB). Sie gerät immer

stärker unter Druck, die geldpolitischen

Schleusen noch weiter zu öffnen.

MILDER WINTER

Dabei hatte das Jahr eigentlich gut begonnen.

Mit einem satten Wachstum von 0,7

Prozent schürte die Wirtschaft Optimismus

bei Analysten, Unternehmern und Verbrauchern.

Sicher, der milde Winter hatte

die Wirtschaftsleistung um rund 0,3 Prozentpunkte

künstlich nach oben gehievt.

Daher hatten Experten mit einer Gegenbewegung

gerechnet. Die aber fiel nun heftiger

aus als erwartet.

Die Börse hatte die schlechten Konjunkturdaten

bereits vorweggenommen. In den

vergangenen sechs Wochen verlor der Dax

in der Spitze 1000 Punkte, der Euro verbilligte

sich seit Anfang Mai um rund vier Prozent

auf nunmehr 1,33 Dollar. Die Angst

vor einem Konjunkturcrash hat die Investoren

in vermeintlich sichere Staatsanleihen

getrieben. Die Rendite zehnjähriger

Bundesanleihen purzelte am Donnerstag

vergangener Woche unter die Marke von

1,0 Prozent – ein neues Allzeittief.

Nun rudern die Experten der Banken zurück.

Von zwei Prozent Wachstum ist plötzlich

nichts mehr zu hören. Die Ökonomen

der Commerzbank rechnen für dieses Jahr

nur noch mit einem BIP-Plus von 1,7

»

FOTO: DDP IMAGES; ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

16 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Welche Investitionspläne die Unternehmen für

2015 hegen. Wir werden im Vergleich zu 2014…

Ende des Höhenflugs

...mehr investieren

17%

110

108

Zum jetzigen

Zeitpunkt ist keine

Aussage möglich

19%

41%

...genau so viel

investieren wie 2014

106

104

Auftragseingänge

in der deutschen

Industrie*

23%

102

2013 2014

...weniger investieren

* saisonbereinigt, 2010 = 100; Quelle: Deutsche Bundesbank

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Politik&Weltwirtschaft

»

Prozent. Eine Rezession, bei der das BIP

in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen

schrumpft, erwarten sie allerdings nicht.

„Dazu müssten die Geld- und Fiskalpolitik

stark auf die Bremse treten, was derzeit

nicht abzusehen ist“, sagt Commerzbank-

Ökonom Ralph Solveen.

WEITERE LOCKERUNG

Das Gegenteil ist der Fall. Die EZB hat die

Zinsen im Juni erneut gesenkt und weitere

geldpolitische Lockerungsmaßnahmen in

Aussicht gestellt. Und in den meisten Euro-

Ländern heißt es nach den Sparpaketen

der vergangenen Jahre erst einmal durchatmen.

Nachdem die Regierungen die

staatlichen Haushaltsdefizite im vergangenen

Jahr im Schnitt um 0,7 Prozentpunkte

gesenkt haben, rechnen Beobachter für

dieses Jahr mit einem Rückgang von nur

noch 0,5 Prozentpunkten.

Die Mehrheit der vom ifo Institut befragten

Unternehmen (73 Prozent) hält daher

vorerst an ihren Geschäftsplänen fest. Die

Firmen hoffen, der Einbruch im zweiten

Quartal werde sich als Delle erweisen und

der Aufschwung danach weitergehen.

Doch die Risiken, dass die deutsche Wirtschaft

stärker an Fahrt verliert, steigen.

n Das weltwirtschaftliche Umfeld trübt

sich ein. China, in den vergangenen Jahren

der wichtigste Treiber der Weltwirtschaft, ist

mit dem Umbau seines Wirtschaftsmodells

von der export- zur binnenorientierten Expansion

beschäftigt. Offenbar ist die Regierung

bereit, ein geringeres Wachstumstempo

hinzunehmen und verzichtet auf groß

angelegte Konjunkturprogramme. Experten

rechnen damit, dass sich die Wachstumsrate

der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt

von 7,7 Prozent im vergangenen Jahr auf

rund sieben Prozent in diesem zurückbildet.

Shoppen in Leipzig Der private Konsum

wird zur Stütze der deutschen Konjunktur

Japans Wirtschaft, die drittgrößte der

Welt, ist im zweiten Quartal als Folge

der kräftigen Mehrwertsteuererhöhung

um 1,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal

geschrumpft. Ein nachhaltiger Aufschwung

ist nicht in Sicht, es mangelt an

den dafür erforderlichen Strukturreformen.

Unter der Schwäche Japans und

Chinas leiden auch die südostasiatischen

Länder, deren Handel stark mit beiden

Ländern verflochten ist.

In Lateinamerika bremsen die ökonomischen

Schwergewichte Brasilien und Argentinien

die Entwicklung. In Brasilien leidet

die Wirtschaft unter der Hochzinspolitik

zur Bekämpfung der Inflation, in Argentinien

belastet die Aussicht auf einen sich

abzeichnenden Staatsbankrott. Die Ökonomen

der britisch-asiatischen Bank

HSBC rechnen daher für Lateinamerika in

diesem Jahr nur noch mit einem mickrigen

Wachstum von 1,6 Prozent.

Allein in den USA und Großbritannien

wächst die Wirtschaft ordentlich. In den

USA treibt nicht zuletzt die Reindustrialisierung

durch die niedrigen Energiekosten

die Wirtschaft an. Davon profitieren auch

deutsche Unternehmen, die Amerika mit

den Maschinen und Anlagen für die

Wiederbelebung des industriellen Sektors

beliefern (siehe Seite 38). Doch die robuste

Konjunktur in den angelsächsischen Ländern

allein reicht nicht, die Weltwirtschaft

und damit die deutschen Exporte auf

Touren zu bringen. So blieb das Plus der

Ausfuhren aus Deutschland mit 2,4 Prozent

im ersten Halbjahr 2014 deutlich

Wie die Unternehmen auf den Wirtschaftseinbruch

im zweiten Quartal reagieren

Wie die Unternehmen die Aussichten für das

zweite Halbjahr einschätzen

Wir bauen Personal ab

Wir fahren geplante

Investitionen zurück

Wir verzichten

auf geplante

Neueinstellungen

13 %

12 %

9 %

73 %

Vorerst gar nicht,

denn der Aufschwung

bleibt intakt

Die Aussichten…

...werden sich

verschlechtern

Umfrage des ifo Instituts unter 464 Unternehmen aus Industrie, Bau,

Handel und Dienstleistungen im Juli 2014, Mehrfachnennungen möglich

16 % 16 %

68 %

...werden sich

verbessern

...bleiben gleich

18 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: LAIF/JENS SCHWARZ; ILLUSTRATIONEN: KRISTINA DÜLLMANN, TORSTEN WOLBER

hinter den Erwartungen von rund vier Prozent

zurück.

n In der Euro-Zone tritt die Konjunktur auf

der Stelle. Diesmal sind es nicht die Krisenländer

Spanien, Portugal, Irland und

Griechenland, die den Aufschwung blockieren.

Im Gegenteil. Spaniens Wirtschaft

stürmte im zweiten Quartal mit einem

Wachstum von 0,6 Prozent gegenüber dem

Vorquartal voran. Die Reformen auf dem

Arbeitsmarkt und die verbesserte preisliche

Wettbewerbsfähigkeit infolge der zurückhaltenden

Lohnpolitik der vergangenen

Jahre machen sich bezahlt. Auch in

Portugal legte das Bruttoinlandsprodukt

um 0,6 Prozent kräftig zu. Sogar aus Griechenland

kommen erste Erfolgsmeldungen.

Im zweiten Quartal schrumpfte die

Wirtschaft zwar noch geringfügig um 0,2

Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.

Im Vergleich zum Vorquartal legte sie jedoch

nach Berechnungen der Ökonomen

der Berenberg-Bank saisonbereinigt um

0,5 Prozent zu.

IM BREMSERHÄUSCHEN

Dagegen sitzen Italien sowie die Kernländer

Frankreich, Belgien, Finnland und mit

Einschränkungen auch die Niederlande im

Bremserhäuschen der Euro-Konjunktur.

Während Italien sich mehr und mehr als

chronisch reformunfähig erweist und in eine

Art Perma-Rezession abgerutscht ist, leiden

die Kernländer unter den gleichen Problemen

wie weiland Spanien und Co. „In

den ersten Jahren der Währungsunion hat

die EZB sich an der Entwicklung im damals

kränkelnden Deutschland orientiert, für

die anderen Euro-Länder war der Einheitszins

zu niedrig“, erklärt Ökonom Solveen. In

der Folge kam es in den meisten Südländern

zu Übertreibungen, die nun korrigiert

Wo die Unternehmen derzeit

die größten Risiken sehen

1%

Keine Angabe

7%

Reform der

Erbschaftsteuer

Euro-

Wechselkurs

12%

cherheiten für die ausgereichten Hypothekenkredite.

Die Schulden der privaten Haushalte in

den Euro-Kernländern erreichten zu Beginn

der Währungsunion 70 bis 80 Prozent

des BIPs. Die Immobilien- und Kreditbonanza

der vergangenen Jahre hat die

Quoten auf Werte zwischen 100 und 130

Prozent getrieben. Um die Schulden wieder

auf ein tragfähiges Niveau zu senken, müssen

Unternehmer und Bürger mehr Geld in

die Tilgung stecken. Das geht zulasten von

Investitionen und Konsum – und dämpft so

die Nachfrage nach deutschen Produkten.

Dazu kommt, dass die Lohnstückkosten

in Italien, Frankreich, den Niederlanden,

Belgien und Finnland in den vergangenen

Jahren im Trend gestiegen sind, während

sie in Portugal, Spanien und Irland zurückgegangen

sind. Um wieder wettbewerbsfäwerden

müssen. „Diese Korrektur bremst

nun die Konjunktur“, sagt Solveen.

So haben die Niedrigzinsen der EZB die

Häuserpreise in Belgien, den Niederlanden,

Finnland und Frankreich in die Höhe

getrieben. Inzwischen fallen die Preise

wieder. Das dämpft die Bauinvestitionen

und schmälert das Vermögen der Bürger

und damit deren Kauflaune. Zudem leiden

die Banken unter dem Wertverlust der Si-

30%

Schwächelnde

Konjunktur wichtiger

Handelspartner

Die reale

Kaufkraft

der Bürger

steigt

33%

Geopolitische

Unruhen

37% 37%

Hohe

Abgabenlast

hig zu werden, müssen die Bürger in den

Kernländern in den nächsten Jahren Lohnzurückhaltung

üben.

„Die Korrektur der Übertreibungen steht

in den betroffenen Ländern erst am Anfang“,

sagt Solveen. Weil diese für die Hälfte

der Euro-Wirtschaft stünden, werde die

konjunkturelle Erholung weiterhin quälend

langsam verlaufen, prognostiziert der

Commerzbanker. Das wird die Absatzchancen

der deutschen Unternehmen beeinträchtigen.

n Die Russland-Krise trübt die Aussichten

zusätzlich (siehe Seite 24). Zwar gehen nur

rund drei Prozent der deutschen Exporte

nach Russland, weniger als halb so viel wie

nach China. Doch in den ersten fünf

Monaten dieses Jahres brachen sie um

rund 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr

ein. Die jüngst ergriffenen Sanktionen

dürften die Talfahrt beschleunigen.

Schrumpfen die Ausfuhren nach Russland

im gesamten Jahr um 20 bis 25 Prozent,

kostet das die deutschen Unternehmen

nach Berechnungen der Ökonomen der

Deutschen Bank 0,5 bis 0,7 Prozentpunkte

beim Exportwachstum. Die Gesamtwirtschaft

werde in diesem Fall um rund 0,3

Prozent weniger wachsen.

Das ließe sich noch verschmerzen. Doch

viele deutsche Unternehmen sind über das

reine Exportgeschäft hinaus durch Direktinvestitionen

in Russland engagiert. So hat

das ifo Institut in Sonderumfragen ermittelt,

dass 47 Prozent der heimischen Industrieunternehmen

Wirtschaftsbeziehungen

zu Russland unterhalten. „Die deutsche

Wirtschaft hat eben doch stärkere Hoffnungen

in das Russland-Geschäft gesetzt,

als es ein Blick auf die Statistiken hätte erwarten

lassen“, sagt Hans-Werner Sinn, der

Chef des ifo Instituts.

Fachkräftemangel

Wirtschaftspolitik

der

Bundesregierung

40%

40%

»

Steigende

Energiekosten

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 19

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Politik&Weltwirtschaft

»

Unter Beschuss

Der Ukraine-Konflikt

bedroht auch die

deutsche Wirtschaft

Da diese nun enttäuscht werden, steigt

die Unsicherheit. „Das könnte das Investitionsverhalten

in Deutschland empfindlich

treffen – über den Einfluss der Handelsströme

hinaus“, sagt Bauknecht von

der IKB. „Nun müssen wir uns schon wieder

Sorgen um den Investitionszyklus machen.“

So erklären 23 Prozent der vom ifo

Institut befragten Unternehmen, sie wollten

im nächsten Jahr weniger investieren

als in diesem Jahr. Nur 17 Prozent der Befragten

wollen mehr Geld in neue Maschinen

und Anlagen stecken.

Bauknecht fürchtet daher, die Russland-Krise

werde vor allem im nächsten

Jahr hässliche Bremsspuren in der Konjunktur

hinterlassen. „Schon ein moderater

Rückgang des BIPs im vierten Quartal

dieses Jahres verringert die Ausgangsbasis

für das nächste Jahr und könnte das

Niveau von Forschung

und Entwicklung

Die Russland-Krise

trübt die

Aussicht

Wie die Unternehmen den Standort Deutschland bewerten

Schulnoten von 1 = sehr gut bis 6 = ungenügend

2,2 2,4 2,5 2,8 3,0

Weltoffenheit

Bildungssystem

Verkehrswege

3,3

Wirtschaftswachstum 2015 von den bisher

erwarteten zwei Prozent auf ein Prozent

halbieren.“

Richtig dicke für die deutsche Wirtschaft

dürfte es kommen, wenn sich der Konflikt

zu einem offenen Krieg zwischen der

Ukraine und Russland ausweitet und sich

die Sanktionsspirale noch schneller dreht.

„Ein offener Krieg beschädigte das Vertrauen

und die Kaufkraft von Haushalten und

Unternehmen“, sagt Ben May, Ökonom

beim Analyseunternehmen Oxford Economics.

In diesem Fall werde die Euro-Wirtschaft

2015 in die Rezession stürzen.

Noch hören sich solche Warnungen für

die meisten Bundesbürger wie apokalyptische

Horrorszenarien an. Ihre gute Laune

scheint trotz des allabendlichen Trommelfeuers

von Kriegs- und Elendsmeldungen

in den Nachrichtensendungen ungebrochen.

Der Konsumklimaindex der Nürnberger

Gesellschaft für Konsumforschung

deutet für August auf einen Höchststand

von 9,0 Punkten. Ausschlaggebend dafür

ist die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt. Der

ungebremste Anstieg der Beschäftigung,

die kräftigen Lohnzuwächse sowie die

niedrige Teuerungsrate von zuletzt 0,8 Prozent

lassen die real verfügbaren Einkommen

steigen. Die Ökonomen der GfK rechnen

daher damit, dass der reale private

Konsum in diesem Jahr um 1,5 Prozent

zulegt und die Konjunktur stützt.

Selbst wenn sich die Russland-Krise zuspitzen

sollte, sind viele Unternehmen mit

ihren Beschäftigungsplänen darauf gut vorbereitet.

Beispiel Trumpf: Bei dem schwäbischen

Werkzeugmaschinenbauer haben

sich Geschäftsführung und Gesamtbetriebsrat

mit dem „Bündnis 2016“ schon

2011 auf mögliche konjunkturelle Krisen

eingestellt. Das Arbeitszeitmodell für die

deutschen Standorte Ditzingen, Gerlingen

und Hettingen soll zwar den Beschäftigten

auch „ermöglichen, ihr Leben flexibel zu

planen – privat wie beruflich“, betont Unternehmenschefin

Nicola Leibinger-Kammüller.

Dafür können diese alle zwei Jahre ihre

Arbeitszeit zwischen 15 und 40 Wochenstunden

wählen oder bis zu 1000 Stunden

für längere Freizeitblöcke ansparen.

Effizienz der

Verwaltung

3,6

Gesundheitsversorgung

Arbeitsmarktgesetze

4,0

Steuersystem

»

FOTO: DDP IMAGES/CAMERAPRESS RIA NOVOSTI; ILLUSTRATIONEN: KRISTINA DÜLLMANN, TORSTEN WOLBER

20 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Heute schon die

Zinsen gesenkt?

Noch spielt EZB-

Chef Draghi die

Risiken herunter

jüngsten Zinssenkungen und die für September

anstehenden langfristigen Geldleihgeschäfte

auf die Realwirtschaft auswirken.

Klar ist jedoch: Kommt die Konjunktur nicht

bis spätestens Anfang nächsten Jahres in die

Hufe, wird die EZB handeln.

»

Auch wenn der deutschen Wirtschaft

dank stabiler Beschäftigung und ungeschmälerter

Kauffreude der Bürger ein

konjunktureller Absturz erspart bleibt – die

Rolle der Lokomotive für Europa wird

Deutschland mit Wachstumsraten von

deutlich unter zwei Prozent nicht mehr

übernehmen können. Schon werden Forderungen

laut, die Bundesregierung solle

mehr zur Ankurbelung der heimischen

Konjunktur tun, um Europa Impulse zu geben.

Frankreichs Staatspräsident François

Hollande erklärte jüngst, Deutschland habe

genügend Spielraum für finanzpolitische

Stimuli. Bei deutschen Ökonomen rufen

derartige Appelle Widerspruch hervor.

„Die Bundesregierung sollte nichts tun. Eine

Abkühlung ist noch keine Rezession.

Ruhe bewahren ist die erste Bürgerpflicht“,

sagt ifo-Chef Sinn.

Die

Korrektur

steht erst

am Anfang

Je länger aber die Flaute in Europa anhält,

desto größer wird der Druck auf die EZB, der

europäischen Konjunktur mit weiteren Liquiditätsspritzen

neues Leben einzuhauchen.

Noch hält EZB-Chef Mario Draghi dagegen.

So spielte er jüngst die Konjunkturrisiken

mit Verweis auf technische Faktoren

herunter. Beobachter gehen davon aus, dass

die EZB zunächst abwarten will, wie sich die

EIN TREPPENWITZ

Dann werden die Notenbanker wohl das tun,

was ihre Kollegen in London, Tokio und Washington

schon lange machen: in großem

Umfang Staatsanleihen kaufen und im Gegenzug

frisches Zentralbankgeld in den Bankensektor

pumpen. Die Wahrscheinlichkeit

dafür setzen die Ökonomen der Commerzbank

mit 40 Prozent an. Dass das Rotieren

der Notenpresse der Konjunktur hilft, ist jedoch

unwahrscheinlich. „Erst wenn die

Übertreibungen der Vergangenheit korrigiert

sind und die Euro-Länder die notwendigen

Strukturreformen ergriffen haben, besteht

die Chance auf ein höheres Wirtschaftswachstum“,

sagt Commerzbanker Solveen.

Das wissen auch die Währungshüter der

EZB. Daher liegt der Verdacht nahe, dass

sie die maue Konjunktur als Vorwand nutzen

könnten, um durch den Kauf von

Staatsanleihen und verbrieften Krediten

den Banken notleidende Forderungen abzunehmen

sowie den Finanzministern

durch künstlich nach unten gedrückte Zinsen

das Schuldenmachen zu erleichtern.

Es wäre ein Treppenwitz der Geschichte,

wenn ausgerechnet der russische Autokrat

Wladimir Putin durch eine Eskalation des

Konflikts mit der Ukraine der EZB den Weg

dazu ebnete, die Staatsschulden in der

Währungsunion mit der Notenpresse zu

finanzieren.

n

malte.fischer@wiwo.de, thomas glöckner

Lesen Sie weiter auf Seite 24 »

STATISTIK

Droge fürs BIP

Neue Regel lässt das Wachstum steigen

und die Schuldenquote sinken.

Ab September wird das Bruttoinlandsprodukt

(BIP) in der EU nach einer

neuen Regel kalkuliert. Das Statistische

Bundesamt hat das deutsche Wirtschaftswachstum

bereits im zweiten

Quartal 2014 nach der neuen Vorschrift

berechnet – und gleichzeitig auch die

Daten zurück bis 1991 angepasst.

Ergebnis: Im Durchschnitt fällt das nominale

BIP nun rund drei Prozent höher aus

als bisher.

FORSCHUNG IST INVESTITION

Die quantitativ wichtigste Änderung betrifft

die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung.

Bisher wurden die Ausgaben

hierfür als Vorleistungen behandelt, künftig

gehen sie als Investitionen in die BIP-

Berechnung ein. Letzteres gilt auch für die

Anschaffung militärischer Waffensysteme.

Selbst illegale Aktivitäten wie der Verkauf

von Drogen steigern ab jetzt als Schätzwert

das Bruttoinlandsprodukt.

Obwohl dem Anstieg des BIPs ein rein

statistischer Effekt zugrunde liegt, hat die

Umstellung auch politische Auswirkung. So

dient das Bruttoinlandsprodukt als Referenzgröße

für die Verschuldungskriterien

der Euro-Länder (höchstens drei Prozent

Defizit, 60 Prozent Schuldenstand). Das

höhere BIP lässt also mehr Spielraum für

Neu- und Gesamtverschuldung, frühere

Kredite wirken harmloser. Die neue Schuldenstandsberechnung

steht noch aus.

Nach einer Prognose der Deutschen Bank

sinkt der Wert für Deutschland für 2013

von 78,4 Prozent auf rund 76 Prozent.

nils heisterhagen | politik@wiwo.de

FOTO: GETTY IMAGES/THOMAS LOHNES; ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

22 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

MASCHINENBAU

Nutznießer China

Der deutsche Maschinenbau schlägt Alarm: Jetzt sind es die Russen

selber, die Aufträge stornieren, weil sie weitere Sanktionen fürchten.

Sächsischer Mahner Naumann

Angst vor dem Verlust

von Einfluss in Russland

schrieb jüngst der Präsident des deutschen

Maschinenbauverbandes VDMA, Reinhold

Festge, die Haltung in Moskau. Im Klartext:

Die Embargopolitik richtet sich inzwischen

auch gegen deutsche Unternehmen – und

zwar selbst dann, wenn sie von Sanktionen

noch nicht direkt betroffen sind. „Die

Russen stornieren“, klagt der Chef eines

Maschinenbauers aus Ostwestfalen.

Russland ist mit einem Handelsvolumen

in Höhe von 7,8 Milliarden Euro der viertwichtigste

Exportmarkt des deutschen

Maschinenbaus. Nach Angaben des Branchenverbandes

VDMA ist der Export nach

Russland bis Ende Mai um 20 Prozent gesunken.

Und das ist erst der Anfang. Hans

Naumann, Chef der deutsch-amerikanischen

Werkzeugmaschinengruppe Niles-

Simmons, Hersteller von Bahntechnik aus

Chemnitz, sagt: „Der Wegfall des russischen

Marktes ist für die deutsche Industrie

außerordentlich kritisch.“

Niles-Simmons betreibt in Moskau, Nishny

Novgorod und Jekatarinenburg eigene

Verkaufsbüros. Zu konkreten Zahlen will

sich Naumann nicht äußern, aber er sieht

sein Geschäft mit Eisenbahnreparaturwerkstätten

auf der Kippe. Pro Werkstatt ist ein

Auftragsvolumen in Höhe von gut 30 Millionen

Euro in Gefahr.

„Aufträge aus Russland liegen bei uns

derzeit auf Eis“, sagt Anton Müller, Chef

des mittelständischen Maschinenbauunternehmens

SHW aus Aalen-Wasseralfingen

am nordöstlichen Ausläufer der

Schwäbischen Alb. Der Hersteller von

Werkzeugmaschinen, Pumpen und Motorenkomponenten

für Radlader, Kräne

und Traktoren mit einem Umsatz von 365

Millionen Euro blickt auf eine mehr als

600 Jahre währende Geschichte zurück.

1365 als Schmiede- und Handelsbetrieb

für Rohstoffe gegründet, ist SHW nun

schon seit Jahrhunderten im Russlandgeschäft

tätig, einst mit dem Import von

Rohstoffen, heutzutage mit dem Export

von Einbauteilen, die sowohl für zivile

wie für militärische Zwecke geeignet sind.

Und genau das ist das Problem.

Weil die russischen Auftraggeber fürchten,

Lieferungen aus Deutschland könnten

wegen der europäischen Wirtschaftssanktionen

gegen Russland dort nicht

mehr ankommen, erteilen sie Aufträge

nur noch äußerst zögerlich. So hängen

bei SHW Aufträge in Höhe von zehn Millionen

Euro zurzeit im luftleeren Raum, sagt

Müller. Projekte mit einem Wert von weiteren

15 Millionen Euro werden zurzeit von

russischer Seite „nicht vorangetrieben“,

weil Sanktionen befürchtet werden.

„Gebt den Deutschen nicht mehr so viel

Aufträge, gebt sie woanders hin.“ So be-

Einbruch erwartet

Deutsche Exporte nach Russland

(in Milliarden Euro)

Quelle: Destatis

4,0

3,5

3,0

2,5

2,0

1,5

1,0

2009 2010 2011 2012 2013 14

SITUATION VERSCHLIMMERT

„Die Russen würden uns die Maschinen ja

gerne abnehmen, aber es ist nicht sicher,

ob sie zum Zeitpunkt der Fertigstellung

überhaupt noch ausgeführt werden können“,

beschreibt VDMA-Präsident Festge

das Russlandproblem des Mittelstandes.

Volker Treier, Außenwirtschaftschef des

Deutschen Industrie- und Handelskammertages

(DIHK), sagt, dass „russische Betriebe

zum Teil die Kundenbeziehungen zu ihren

deutschen Partnern selbst beenden.

Diese Tendenz hat sich in den vergangenen

zwei Wochen noch verschlimmert.“

Stark gebeutelt von der Krise wird auch

die deutsche Elektrotechnik-Industrie. Im

Mai brachen die Ausfuhren nach Russland

um nahezu ein Fünftel ein.

Die Russen bestellen mittlerweile woanders,

beispielsweise in China, sagt ein deutscher

Mittelständler. Was Branchenvertreter

besonders wurmt: Zum Teil weichen die Russen

auch auf italienische und spanische Konkurrenten

aus. In diesen Ländern seien die

Ausfuhrkontrollen „viel laxer als in Deutschland“,

wo mal wieder nach dem Buchstaben

des Gesetzes vorgegangen werde. „Wenn

FOTO: MAX LAUTENSCHLÄGER; ILLUSTRATIONEN: KRISTINA DÜLLMANN, TORSTEN WOLBER

24 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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schon EU-Sanktionen, dann bitte für alle“,

fordert der Geschäftsführer eines Maschinenbauunternehmens.

„Wir leiden sehr unter

der Russland-Krise“, klagt der Geschäftsführer

eines sächsischen Apparatebauers

für Chemie- und Petrochemieanlagen. Schon

zwei Großaufträge hat das Unternehmen verloren,

obwohl „wir das günstigste Angebot

unterbreitet haben“. Grund: „Der russische

Kunde hatte Angst vor einem Embargo und

will nun in Asien bestellen.“

Hans Naumann aus Chemnitz sagt es

aus der Sicht eines Deutsch-Amerikaners

mit leicht sächselndem Tonfall. „Andere

Nationen, die die Methoden des Kalten

Krieges nicht beachten, werden sofort in

die Startlöcher springen und der russischen

Industrie mit Erfolg ihre Produkte

anbieten. Damit wird ein von Deutschland

langfristig erarbeitetes Maschinen-Verkaufspotenzial

auf andere Länder überge-

Der Kunde

will in

Asien

bestellen

hen und die dominierende Marktstellung

Deutschlands und die Zuneigung der russischen

Kunden für deutsche Qualitätsprodukte

eingebüßt.“

Angst vor der Verschärfung von weiteren

Sanktionen beherrscht den deutschen Mittelstand.

Peter Fenkl, Chef von Ziel-Abegg,

Hersteller von Ventilatoren aus dem schwäbischen

Künzelsau, sieht für die Zukunft

seines Russlandgeschäfts schwarz. „Sollte

die Politik den Handel mit Russland quasi

ganz verbieten, dann werden sich unsere

Kunden gezwungenermaßen neue Lieferanten

außerhalb der EU suchen. Und die Hersteller

aus Asien werden dankbar einspringen.“

Entwarnung dagegen kommt von Stihl

aus Waiblingen: „Russland ist ein bedeutender

Absatzmarkt für uns. Für unsere

Motorsägen bestehen keine Lieferverbote.“

Dagegen müssen die mittelständischen

Zulieferer für den russischen Automobilsektor

um ihr Geschäft bangen. Die meisten

dieser Unternehmen haben sich rund

um das Volkswagen-Werk in Kaluga, rund

200 Kilometer südwestlich von Moskau,

angesiedelt. Die Unterbrechung des

Nachschubs „kann langfristig zu einem

Flaschenhals in den lokalen Zulieferstrukturen

führen“, warnt Felix Kuhnert,

Leiter Automotive des Beratungshauses

PricewaterhouseCoopers (PwC).

Der schwäbische Lackieranlagenbauer

Dürr hat das VW-Werk in Kaluga mit Lackieranlagen

ausgerüstet. Bei Dürr sieht

man die Situation zwar noch gelassen,

rechnet aber mit einem Schwund von

Aufträgen in Höhe von gut zehn Millionen

Euro. „Ein Rückgang der Automobilindustrie

in Russland bedeutet für uns einen

kleineren Markt“, heißt es bei Dürr. Viele

Projekte werden zurzeit nicht vergeben.

Das hinterlässt nicht nur im deutschen

Mittelstand, sondern in der gesamten russischen

Automobilwirtschaft Spuren. „Eine

Struktur mit mittelständischen Zulieferbetrieben

wie hier in Deutschland, entsteht

in Russland gerade erst“, sagt Branchenexperte

Stefan Bratzel vom Center of

Automotive Management (CAM) in Bergisch

Gladbach bei Köln. Einzig Theo

Freye, Chef des Landmaschinenherstellers

Claas, zeigt sich unbesorgt von der Russlandkrise:

„Wir setzen die umfangreiche

Produktionserweiterung in Krasnodar fort.“

ANTRÄGE AUF HALDE

Aber nicht nur in Russland machen die

mittelständischen Maschinenbauer neue

Erfahrungen – auch in Deutschland tauchen

neue Probleme auf. Beim Bundesamt

für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle

(Bafa) liegen Exportanträge auf Halde,

die Bearbeitung stockt. Denn die Bafa hat

nach Schilderungen von Mittelständlern

die Ausfuhrgenehmigungen für Russland

de facto an das Bundeswirtschaftsministerium

abgeben müssen.

Nach den Angaben von Rüdiger Kapitza,

Vorstandschef des Werkzeugmaschinenbauers

DMG Mori Seiki, muss mit einer

Bearbeitungszeit von drei bis vier

Monaten gerechnet werden. Früher gab

es innerhalb von drei Wochen grünes

Licht. Unisono sollen die inoffiziellen Auskünfte

des Ministeriums nach den gestressten

Schilderungen der Maschinenbauer

folgendermaßen lauten: Wenn Sie

eine Antwort über die Zwischenstände

der Ausfuhrprüfung haben wollen, dann

bekommen Sie eine negative Antwort.

Warten Sie lieber sechs Monate ab.

andreas.wildhagen@wiwo.de,

rebecca.eisert, lothar.schnitzler

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 25

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Politik&Weltwirtschaft

Kasse macht sinnlich

EUROPA | Getarnt als gemeinsame Arbeitslosenversicherung will EU-Sozialkommissar Lászlo Andor

ein neues Transfersystem etablieren. Deutschlands Beitragszahler würden zum Zahlmeister.

Er ist ein Mann mit einer Mission. 15

Länder in sechs Monaten will Pierre

Moscovici bereisen, immer auf der

Suche nach dem Wachstum. Bis November

soll er seinen Bericht für den französischen

Ministerpräsidenten Manuel Valls abschließen,

wie die europäische Politik die

Wirtschaft ankurbeln könnte.

Dem früheren Finanzminister Frankreichs

geht es bei seiner Tour d’Europe

auch um Eigenwerbung. Als EU-Kommissar

möchte er in Brüssel künftig am liebsten

das Ressort Wirtschaft übernehmen.

Europas dringendes Wachstumsproblem

hat er verstanden, suggeriert er mit seiner

weitläufigen Reisetätigkeit.

Unter seinen Lösungsvorschlägen werden

sich unkonventionelle finden und vor

allem solche, die in Berlin auf wenig Gegenliebe

stoßen. Der Sozialist ist in der Vergangenheit

damit aufgefallen, Frankreichs

Haushalt nicht ausreichend saniert zu haben,

aber mehr Solidarität zwischen den

PORTUGAL

Vier Personen, 900 Euro

Von Eismann in die Kälte führt der

Weg von Nuno Berardo Reis. Vor zwei

Jahren endete sein Job bei einer Tiefkühlfirma,

nun sinkt sein Arbeitslosengeld

von 950 auf 450 Euro. Genauso

viel bekommt seine arbeitslose Frau

Mitgliedstaaten der Euro-Zone einzufordern,

etwa in Form einer gemeinsamen Arbeitslosenversicherung.

Sein Vorschlag, erstmals vor knapp zwei

Jahren unterbreitet, erhält gerade unerwarteten

Auftrieb. Die italienische Regierung,

die noch bis zum Jahresende die EU-Ratspräsidentschaft

innehat, treibt das Projekt

ebenso voran wie der scheidende Sozialkommissar

Lászlo Andor. Letzterer erklärte

die Einheitskasse für Jobsucher in der Euro-Zone

gar zu „einer der wichtigsten Prioritäten

der nächsten EU-Kommission“

(siehe WirtschaftsWoche 33/2014). Seinem

Nachfolger hinterlässt er umfangreiche

Vorarbeiten. Es ist unwahrscheinlich, dass

ihm ein Liberaler folgt, der die Konzepte in

der Schublade lässt. Traditionell geht der

Posten an Politiker der Linken.

Das weckt in Deutschland Sorgen – und

eine breite Abwehrphalanx. Denn Europas

bisherige Wirtschaftslokomotive müsste

Milliarden von Euro mobilisieren, um die Arbeitslosen

der Nachbarländer mitzuschleppen.

Es droht die Transferunion über ein Nebengleis,

während Berlin noch versucht, eine

automatische Solidarität über die Hauptstrecke

der Fiskalunion zu verhindern.

Vor zwei Jahren war es Bundeskanzlerin

Angela Merkel noch gelungen, eine Debatte

über die gemeinsame Arbeitslosenversicherung

zu ersticken. Nun ist die Gefahr

wesentlich größer, dass es mittelfristig zu

einer Transferunion kommt. Seit bei der

FOTO: THOMAS MEYER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

26 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Europawahl Ende März Populisten deutliche

Zuwächse erzielten, wird der Ruf nach

einem sozialen Europa lauter. „Die soziale

Fairness kam zu kurz“, sagt etwa der künftige

Präsident der EU-Kommission Jean-

Claude Juncker. Er verspricht, in seiner

Amtszeit „die soziale Dimension Europas

nie aus den Augen zu verlieren“.

Solche Aussagen verleihen jenen Rückenwind,

die mehr Zusammenhalt in Europa

fordern. Solidarität zwischen den Völkern

sei im EU-Vertrag ausdrücklich festgelegt.

„Die Vergemeinschaftung der nationalen

Ausgaben für die Arbeitslosenversicherung

in der Euro-Zone wäre ein starkes

Signal der Integration und der Solidarität“,

heißt es etwa in einem Arbeitspapier des

Pariser Finanzministeriums, in dem die

möglichen Transfers für die Jahre 2000 bis

2012 durchgerechnet werden.

Milliardenschwere Zahlungen zwischen

den Euro-Ländern wären die Folge.

Deutschland hätte in der fraglichen Zeit

20,4 Milliarden Euro in den gemeinsamen

Fonds einzahlen müssen, Frankreich 17,7

Milliarden Euro. Als größter Nutznießer

hätte Spanien 34,5 Milliarden Euro bekommen,

für Griechenland wären es 4,2 Milliarden

Euro gewesen (siehe Tabelle Seite

29). Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung

der Bundesagentur für Arbeit

kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Mit

den in Deutschland aufgebrachten Beiträgen

würden „30 Prozent der gesamten

Leistungen der europäischen Arbeitslosenversicherung

finanziert“.

Großes Gefälle

Höhe des Arbeitslosengeldes in Europa

(in Prozent des Nettoeinkommens der

vergangenen sechs Monate)

Portugal

Luxemburg

Schweden

Griechenland

Frankreich

Belgien

Niederlande

Slowakei

Spanien

Deutschland

Finnland

Schweiz

Italien

Estland

Österreich

Irland

Malta

Quelle: SPIN

0

20 40 60 80 100

Bisher unterscheiden sich die nationalen

Systeme der sozialen Absicherung bei Jobverlust

erheblich. Sie sind historisch gewachsen,

reflektieren nationale Befindlichkeiten.

Manche Länder verzichten nach

wie vor auf einen kräftigen Anreiz, Arbeit

zu suchen. Belgien mit seinen starken Gewerkschaften

beispielsweise gewährt Arbeitslosengeld

ohne jede Befristung. Im

südlichen Landesteil Wallonie sind die

Hälfte der Jobsucher Langzeitarbeitslose,

darunter solche, die seit 20 Jahren Arbeitslosengeld

beziehen. Ganz anders dagegen

Malta und die Slowakei, wo die Stütze nur

sechs Monate fließt. Auch die Sätze variieren

gehörig. Frankreich und Luxemburg etwa

gewähren Arbeitslosen mehr als 70 Prozent

des letzten Lohns oder Gehalts, während

es in Irland nicht einmal 40 Prozent

sind (siehe Grafik).

SOCKEL-SICHERUNG

Sozialkommissar Andor selbst hält es für illusorisch,

die nationalen Systeme stärker

anzugleichen. Stattdessen hat er ein Modell

vorgeschlagen, in dem die europäische

Arbeitslosenversicherung die ersten

sechs Monate lang 40 Prozent des letzten

Gehalts übernimmt, also eine Art Sockel-

Sicherung. Wenn Mitgliedstaaten Betrag

oder Laufzeit aufstocken wollten, stünde

ihnen dies frei – aus eigenen Mitteln. Somit

wäre eine Harmonisierung dieser Variablen

nicht notwendig, argumentiert er.

Doch in der Praxis stellten sich viele Fragen.

Ein Franzose hat schon nach vier Monaten

Einzahlung Anrecht auf Arbeitslosengeld,

Deutsche und Griechen dagegen

erst nach zwölf Monaten. Ohne ähnliche

Mindestanforderungen wäre das System

ungerecht. Einen persönlichen Vorteil hätten

lediglich Arbeitslose in Irland und Malta,

die mehr Unterstützung bekämen als im

bisherigen nationalen System.

Die französische Regierung, die das Projekt

wesentlich vorantreibt, blendet dabei

geflissentlich aus, dass der Vertrag von

Maastricht eine Transferunion ausdrücklich

verbietet. „Den Befürwortern einer europäischen

Arbeitslosenversicherung geht

es nicht darum, dem einzelnen Arbeitslosen

mehr Geld zukommen zu lassen, sondern

es geht ihnen nur darum, woher das

Geld kommt“, warnt Christoph M. Schmidt,

Vorsitzender des Sachverständigenrats zur

Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen

Entwicklung (SVR). „Hier soll lediglich ein

neues Transfersystem geschaffen werden.“

Im Rat der fünf Weisen ist man sich in der

Ablehnung der europäischen Einheits-

»

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 27

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Politik&Weltwirtschaft

»

kasse so einig wie selten. „Wenn die Befürworter

nur konjunkturelle Schocks abfedern

wollen, gäbe es bessere Lösungen“,

sagt Peter Bofinger von der Universität

Würzburg, der sonst mit seinen Ratskollegen

gern mal über Kreuz liegt. „Eine europäische

Arbeitslosenversicherung brächte

nur Ärger, weil sie den Vorwurf auslöst: Da

haben wir ja die Transferunion.“ Zudem

lasse sich kaum auseinanderrechnen, welcher

Teil der Arbeitslosigkeit konjunkturell,

welcher strukturell bedingt ist. „Besser ist

es, den Ländern größere Spielräume bei

den Defizitvorgaben einzuräumen, wie es

der Maastricht-Vertrag ja tut.“

VORSTOSS OHNE KOMPETENZ

Die Politik hält sich bei der Bewertung der

Brüsseler Pläne noch weitgehend zurück.

„Gegen die Idee der Einführung einer europäischen

Arbeitslosenversicherung bestehen

in der Bundesregierung Bedenken“,

heißt es in einer Stellungnahme des Bundesarbeitsministeriums.

Zur Einführung

wären eine Harmonisierung der nationalen

Arbeitslosenversicherungen, deren Verzahnung

mit anderen sozialen Sicherungssystemen

und der aktiven Arbeitsmarkpolitik

sowie Harmonisierungen im Arbeitsrecht,

zum Beispiel beim Kündigungsschutz,

zwingend notwendig. Da bereits die Definition

des Versicherungsfalles Arbeitslosigkeit

innerhalb der EU auseinandergehe und

auch die Finanzierung (über Steuern oder

über Beiträge) unterschiedlich gestaltet sei,

„sind die notwendigen Voraussetzungen für

ein solches System nicht gegeben“.

Rechtlich schwerer wiegt: Die EU-Länder

müssten die Verträge ändern. „Für die

Arbeitslosenversicherung sind die Mitgliedstaaten

zuständig“, betont Bayerns Sozialministerin

Emilia Müller (CSU). „Die

EU hat hierbei keinerlei Kompetenz.“

Wichtiger als „neue Umverteilungsinstrumente“

sei, „dass gerade die Länder mit

hoher Arbeitslosigkeit entschlossen Reformen

angehen, damit Wachstum und Beschäftigung

entstehen“.

GRIECHENLAND

Von 10 000 auf 450 Euro

Der letzte Arbeitstag fällt Achilleas

Giraud, 50, schwer – auch wenn’s nur

ein Hilfsjob im Stadtpark von Kifissia bei

Athen ist. Als Manager einer Lebensmittelfirma

verdiente er einst 10 000 Euro.

Künftiges Arbeitslosengeld: 450 Euro

Zudem stellt sich die Frage, wer in den

Euro-Ländern das gemeinsame Arbeitslosengeld

verwaltet. Eine neue Behörde,

die mit großem Aufwand aus dem Boden

gestampft werden müsste? Oder doch die

nationalen Ämter, bei denen die Gefahr besteht,

dass sie Regeln doch wieder unterschiedlich

auslegen und im Zweifel das

Beste für ihre eigene Klientel herausholen.

Zudem warnt der Wirtschaftsweise Lars

Feld, Direktor des Walter Eucken Instituts

in Freiburg: Wie die Zusammenarbeit nationaler

Behörden „vor dem Hintergrund

des Datenschutzes ohne neue Ausweichund

Betrugstatbestände gehen soll, ist

mir ein Rätsel. Organisatorisch ist dies ein

Albtraum.“

Völlig offen ist auch, wie neben je 18 Finanz-

und Arbeitsministern, die alle ein

Wörtchen mitreden wollten, die Tarifpartner

in das Projekt eingebunden würden.

Die deutschen jedenfalls sind in ungewohnter

einträchtiger Ablehnung vereint.

„Wir haben große Zweifel, ob die Vorschläge

von EU-Kommissar Andor der richtige

Weg sind“, bremst DGB-Vorstandsmitglied

Annelie Buntenbach, auch stellvertretende

Vorsitzende des Verwaltungsrates der Bundesagentur

für Arbeit. „Sozial- und verteilungspolitisch

jedenfalls wäre es falsch, die

FOTO: NIKOS PILOS

28 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Lasten der bisherigen Krisenpolitik einseitig

auf die Beitragszahler der nationalen

Arbeitslosenversicherung abzuwälzen und

damit kleine und mittlere Arbeitseinkommen

in besonderer Weise zu belasten.“ Die

deutsche Arbeitslosenversicherung sei

schon derzeit nicht in der Lage, ausreichende

Rücklagen aufzubauen, „um bei

uns eventuell drohende Wirtschaftseinbrüche

ausreichend abfedern und die

Konjunktur stabilisieren zu können“.

MEHR GELD INS GEBEUTELTE LAND

Jedes Land brauche seine eigene Arbeitslosenversicherung,

die auf seine Probleme

zugeschnitten sei, bringt Arbeitgeberpräsident

Ingo Kramer zur Unterstützung der

DGB-Frau Buntenbach prompt vor. „Eine

Einheitslösung hilft niemandem. Man

kann nicht von einem Land verlangen,

dass es die Leistungen für andere Länder

finanziert.“ Dies gehe schon gar nicht,

wenn der Geldgeber keinerlei Einfluss auf

die Gestaltung des Arbeitsmarktes habe.

„Es besteht die Gefahr, dass Deutschland

zum Zahlmeister degradiert wird.“ Kramer

kann sich nicht vorstellen, „wie die europäischen

Sozialversicherungssysteme auf

einen Nenner gebracht werden könnten“.

Und er hofft, die künftige EU-Kommission

werde diese Vorschläge vielleicht gar nicht

aufgreifen.

Die Befürworter der gemeinsamen Arbeitslosenversicherung

halten den Aufwand

für berechtigt, sehen sie doch in dem

Konzept einen der „automatischen Stabilisatoren“.

Die Ökonomen Sebastian Dullien

und Ferdinand Fichtner vom Deutschen

Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in

Berlin sprechen von einem „stabilisierenden

Element“ für die Euro-Zone, das die

Konjunkturzyklen in Gleichklang bringen

würde. Ihr Argument:Schwächelt die Konjunktur

in einem Land, würden dessen

Einzahlungen in den gemeinsamen europäischen

Topf automatisch fallen, weil weniger

Menschen beschäftigt sind. Gleichzeitig

steigen die Auszahlungen, weil mehr

Menschen Anspruch auf Arbeitslosengeld

haben. Das System brächte also mehr Geld

in das gebeutelte Land – faktisch also eine

klare, von den Erfindern gewünschte Umverteilung.

Doch inwieweit der erhoffte Stabilisierungseffekt

eintritt, hängt von vielen Faktoren

ab. Etwa von der Größe des Systems.

Andors Modell hätte geschätzt ein Volumen

von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts,

derzeit also 96 Milliarden Euro.

Doch in den Krisenländern käme daraus

voraussichtlich zu wenig an, um die Konjunktur

zu stützen. Der Teufel liegt ohnehin

im Detail, denn jede Variable – wie etwa

die Bezugsdauer – beeinflusst den Effekt.

„Die Stabilisierungswirkung der Arbeitslosenversicherung

könnte sehr gering

ausfallen, wenn sie schlecht entworfen ist“,

argumentiert Guntram Wolff, Direktor des

Brüsseler Thinktanks Bruegel. Er weist darauf

hin, dass es interessantere Alternativen

gibt, um starke Ausschläge der Konjunktur

zu vermeiden: „Andere Stabilisierungsmechanismen

wie Arbeitskräftemobilität

und die Integration der Finanzmärkte

sind derzeit unterentwickelt, gemessen

an einer optimalen Währungsunion.“ Und

in einer katastrophalen Rezession sei ein

Investitionsprogramm der einfachere Weg

zu einer Stabilisierung.

Größte Schwachstelle des Konzepts sind

jedoch die völlig falschen Anreize, die es

setzt. Wenn Länder die Kosten der Arbeitslosigkeit

nicht mehr alleine tragen müssen,

sinkt der Anreiz, den heimischen Arbeitsmarkt

zu reformieren. Dass Sozialkommissar

Andor betont, sein Modell sei ohne

Harmonisierung möglich, deutet darauf

hin, wie wenig ein Umbau der nationalen

Arbeitsmärkte geplant ist. Damit bliebe

auch die Behauptung Illusion, langfristig

Belgien zahlt immer weiter

Leistungen der Arbeitslosenversicherung

in Europa 1

Land

Belgien

Portugal

Frankreich

Spanien

Finnland

Niederlande

Deutschland

Griechenland

Irland

Luxemburg

Italien

Österreich

Maximale

Bezugsdauer

2

unbegrenzt

27,6

24

23,7

23

22

12

12

12

12

8

9

Anspruch

auf Leistung

nach

Monaten/

im Lauf der

letzen

Monate

12/18

12/24

4/28

12/72

8/ 28

6/8

12/24

12/36

6/24

6/12

12/24

12/24

Transfersaldo

einer EU-

Arbeitslosen

versicherung

2000–2012 3

0,2

3,9

–17,7

34,5

–6,0

2,6

–20,4

4,2

2,0

0,1

–5,1

–2,4

1 ausgewählte Länder; 2 in Monaten; 3 in Milliarden Euro;

Quelle: MISSOC, Social Policy Indicator Database

(SPIN), Französisches Finanzministerium

würde kein Land zum Dauerzahler, weil

immer mal der eine, mal der andere Staat

Probleme hätte.

„Nur im Sandkastenmodell gleichen sich

die Belastungen langfristig aus“, warnt der

Chef-Wirtschaftsweise Schmidt. Doch dafür

müssten sich alle nach Kräften um die

eigene Leistungsfähigkeit bemühen.

„Wenn sich die Kosten der Arbeitslosigkeit

aber auf die Nachbarländer abwälzen lassen,

sinkt der Anreiz zu entsprechenden

Reformen beträchtlich. Wer wie Frankreich

einen hohen Mindestlohn hat und den

auch noch subventioniert, der soll nicht

andere dafür zahlen lassen.“

BESSERE MÖGLICHKEITEN

Wenig überraschend, dass die Kritiker den

Mitgliedstaaten andere Rezepte offerieren.

„Um Schocks abzufedern, die die einzelnen

Länder ungleich treffen, gibt es bessere

Möglichkeiten als eine solche Einheitsversicherung“,

sagt Regierungsberater

Schmidt. „Ein flexibler Arbeitsmarkt, ein

offener Binnenmarkt für Menschen und

Kapital sowie die Bankenunion wirken

besser und schaffen keine falschen Anreize.“

Auch sein SVR-Kollege Feld setzt auf

die bisherigen Vertragsgrundlagen: „Halten

die Mitgliedstaaten ihr Pulver trocken,

halten den Maastricht-Vertrag ein und liegen

also unter 60 Prozent Schuldenquote,

dann können sie in Eigenverantwortung

ihre automatischen Stabilisatoren vernünftig

zur Bekämpfung asymmetrischer

Schocks ausstatten.“ Zudem sorge die Bankenunion

dafür, dass schwere Finanzkrisen

mit europäischer Unterstützung bewältigt

werden. „Die Befürworter der europäischen

Arbeitslosenversicherung haben

nirgends schlüssig klargemacht, warum

man dieses Instrument über den ESM und

die Bankenunion hinaus braucht.“

EU-Sozialkommissar Andor hält gleichwohl

die europäische Arbeitslosenversicherung

für besser als Euro-Bonds und

auch für „die bessere Alternative, verglichen

mit der Option, einzelnen Mitgliedstaaten

mehr Spielraum in der Fiskalpolitik

zu geben“.

Der Wirtschaftsweise Schmidt hält strikt

dagegen: „Wir haben in der Finanz- und

Währungskrise gesehen: Wenn Entscheidung

und Haftung nicht auf derselben

Ebene liegen, kommt es immer wieder zu

Fehlentwicklungen. In einer europäischen

Arbeitslosenversicherung wäre wohl kaum

zu vermeiden, dass es zu dauerhaften

Transfers kommt.“

n

silke.wettach@wiwo.de| Brüssel, henning krumrey | Berlin

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 29

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Politik&Weltwirtschaft

Dem Ziel so nah

SCHOTTLAND | Der Countdown läuft: In einem Monat stimmen die Schotten über die

Unabhängigkeit von Großbritannien ab. Die Ja-Kampagne hofft, die Wirtschaft bangt.

Keep calm and carry on – die Durchhalteparole

aus dem Zweiten Weltkrieg

erfreut sich in Großbritannien

auch heute noch großer Popularität. Sie

prangt auf Kaffeebechern, T-Shirts, Postkarten.

Auch politisch ist der Slogan derzeit

wieder brandaktuell. Zwar droht dem

Vereinigten Königreich kein Angriff von

außen, dafür aber Gefahr von innen.

Zum Beispiel von ihm: Colin Pyle, 33

Jahre, geboren in Kirkcaldy. Seit 17 Jahren

schon kämpft er für die Unabhängigkeit

Mit fliegender Fahne Colin Pyle kämpft für

die Unabhängigkeit seiner Heimat

Schottlands. Ihn treibt – wie viele schottische

Patrioten – eine tiefsitzende Abneigung

gegen das politische Establishment in

London. Endlich ist es so weit. Am 18. September

stimmen die Schotten über ihre

Unabhängigkeit ab. Eine Mehrheit für die

Nationalisten würde das unwiderrufliche

Ende der 307-jährigen Union mit Großbritannien

bedeuten.

Pyles Sieg wäre für Königin Elizabeth II.

ein schmerzlicher Verlust. Die 88-jährige

Monarchin regiert seit 62 Jahren, befindet

sich auf dem Höhepunkt ihrer Popularität,

hat in ihrer Amtszeit zwölf Premierminister

ernannt. Doch während ihre berühmte

Vorgängerin Victoria noch ein Weltreich

regierte, in dem die Sonne niemals unterging

und das am Ende des 19. Jahrhunderts

ein Drittel der Weltbevölkerung und ein

Fünftel der Erde umfasste, musste das

Großbritannien unter Elizabeth II. den Ver-

FOTO: BRENDAN MCNEILL FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

30 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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lust seiner Kolonien verkraften, den Übergang

vom Empire zum Commonwealth

erdulden, den Wandel seiner anglikanisch

geprägten Gesellschaft zu einer multikulturellen

Nation mit einer Vielzahl von

Religionen ertragen. Nach einem Ja der

Schotten würde von ihrem einst stolzen

Königreich nicht mehr übrig bleiben als

ein zersplittertes, politisch und wirtschaftlich

geschwächtes Land.

GLASGOW, 136 HOPE STREET

In der Straße der Hoffnung, nur fünf Minuten

vom Hauptbahnhof Glasgow entfernt,

residiert die überparteiliche „Yes Scotland“-Kampagne.

Den Eingang zieren aufmunternde

Sprüche: „Sogar die Nein-Sager

geben zu: Natürlich kann Schottland

unabhängig werden!“

»Wer Großbritannien

verlässt,

verlässt auch

das Pfund«

George Osborne, britischer Finanzminister

die sich an den Interessen der englischen

Mittelklasse orientiert“.

„Australien, Kanada, eine ganze Reihe

anderer Staaten und sogar die amerikanischen

Kolonien haben sich von Großbritannien

losgesagt, da ist Schottland nur

das letzte Glied in einer langen Reihe. Für

ren Investitionen, mehr Jobs und zu einem

besseren Lebensstandard führen.

Konkret werde eine künftige schottische

Regierung die Körperschaftsteuer um drei

Prozentpunkte unter das Niveau von Großbritannien

senken und die Steuer für Flugreisende

um 50 Prozent kürzen, um so den

Tourismus anzukurbeln, sagt Pyle. Seinen

rhetorischen Schliff und sein selbstsicheres

Auftreten hat er in der PR-Abteilung der

Royal Bank of Scotland (RBS) und als Berater

von Alex Salmond, dem „First Minister“

(Ministerpräsident) von Schottland und

SNP-Chef, gelernt. Jetzt sucht der schottische

Nationalist vor allem den Dialog mit

den Unternehmen, um sie von den Vorteilen

der Unabhängigkeit zu überzeugen.

Doch hier herrscht große Skepsis. Sollte es

künftig Grenzen und Zölle zwischen Schott-

In einem kargen Konferenzraum treffen

wir Pyle. Schon mit 16 war er der Scottish

National Party (SNP) beigetreten. „Damals

tobte die Debatte über die Einrichtung eines

schottischen Regionalparlaments“, erinnert

sich der 33-Jährige. „Wir glaubten,

nur die SNP könne sicherstellen, dass dieses

Gremium mehr als ein Pfarrgemeinderat

wird.“ Sein Schlüsselerlebnis aber war

die Einführung von Studiengebühren

durch den damaligen Labour-Premier Tony

Blair: „Für die Mehrheit der Schotten

und jemanden wie mich, der fest an das

Prinzip einer kostenlosen Bildung für alle

glaubt, war das Verrat.“ Egal, welche Partei

in London regiert, so Pyle, „wird uns hier in

Schottland immer eine Politik aufgezwungen,

für die wir nicht gestimmt haben und

mich ist es großartig, Teil einer historischen

Entscheidung zu sein“, sagt Pyle.

Er hat für jedes Argument der „Better

Together“-Kampagne, die mit düsteren

Szenarien vor der Sezession warnt, eine

passende Antwort.

Ein unabhängiges Schottland sei ökonomisch

stark genug, um alleine zu überleben.

Das Pfund Sterling, kontrolliert von

der Bank of England (BoE), wolle Schottland

behalten und auch weiterhin Mitglied

der EU und der Nato bleiben. Wer das Gegenteil

behaupte, betreibe lediglich eine

Einschüchterungskampagne. Pyle ist überzeugt:

Wenn das mit Öl und erneuerbaren

Energien gesegnete Schottland endlich seine

eigenen Steuern festlegen, eintreiben

und ausgeben könne, werde dies zu höheland

und England geben, wäre dies für den

bilateralen Handel verheerend, sagt Robert

Wood, UK-Chefvolkswirt bei der Berenberg

Bank. „Wir verkaufen mehr schottische Produkte

nach England als in die restliche Welt,

und bisher wissen wir nicht einmal, ob wir

künftig eine gemeinsame Währung haben

werden“, sagt der Labour-Politiker und Ex-

Finanzminister Alistair Darling, Leiter der

„Better Together“-Kampagne. Dass ein abtrünniges

Schottland das Pfund behalten

könne, stößt im Süden des Landes auf geballten

Widerstand: „Wer Großbritannien

verlässt, verlässt auch das Pfund“, polterte

Finanzminister George Osborne und wird

hierbei von der Labour-Partei und Notenbankchef

Mark Carney unterstützt. Reiner

Bluff sei dies, kontert Pyle.

»

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 31

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Politik&Weltwirtschaft

Jeder blickt in

seine Richtung

Briten-Premier Cameron,

Schottlands Erster

Minister Salmond

von der Universität von Aberdeen, einer

der angesehensten Ölexperten, schätzt die

Ölreserven in der Nordsee auf 11,7 bis 35,2

Milliarden Barrel – aus der Erde gepumpt

wurden dort seit den Siebzigerjahren mehr

als 40 Milliarden Barrel.

In den Umfragen liegen die Befürworter

der Union mit England zwar bisher konstant

vorne, doch ihr Anteil schwankt. Zuletzt

waren es rund 45 Prozent. Rund 13

Prozent der Wähler waren Anfang August

noch unentschieden, sie sind hart umkämpft.

Viele von ihnen leben in den ärmeren

Stadtvierteln im Osten Glasgows.

»

Edinburgh ist nach London das zweitgrößte

Finanzzentrum Großbritanniens

und traditionell eine Hochburg für das

Asset-Management, Pensionsfonds und

Lebensversicherungen. Welche Währung,

welches Steuersystem und welche Finanzaufsicht

es dort geben wird, ist eine entscheidende

Frage. Und: Wie steht es mit

dem EU-Binnenmarkt für Finanzdienstleistungen?

Eine eigene schottische Aufsicht

wäre den Finanzdienstleistern dort

ein Graus – sie sorgen sich vor neuen

Regeln und höheren Kosten.

Schon plant der Versicherungskonzern

Standard Life aus Edinburgh, dessen Kunden

zu 90 Prozent außerhalb Schottlands

leben, im Falle einer Abspaltung Teile des

Geschäfts nach Süden zu verlegen. „Es

wird immer klarer, dass unsere Kunden

sich Sorgen machen, was im Falle der

schottischen Unabhängigkeit mit ihren

Ersparnissen passiert“, sagt Katherine Garrett-Cox,

Chefin von Alliance Trust und

Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Bank,

deren Fondsgesellschaft in Dundee zehn

Milliarden Pfund verwaltet.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s

hält den schottischen Bankensektor ohnehin

für viel zu groß, als dass eine kleine, auf

sich gestellte Volkswirtschaft die Risiken

alleine tragen könnte. Deshalb drängen

Banken wie die RBS und die Lloyds Bank

darauf, die BoE als Notfall-Kreditgeber zu

behalten.

Sollten die Schotten sich aber tatsächlich

aus der Union verabschieden, hätte das

auch für die Ölindustrie Konsequenzen.

Die Produktion des Nordsee-Öls trägt rund

zwei Prozent zum britischen Bruttoinlandsprodukt

(BIP) bei, umgelegt auf ein

unabhängiges Schottland, wären es knapp

20 Prozent des dortigen BIPs.

Die meisten Experten gehen davon aus,

dass Schottland rund 90 Prozent der britischen

Ölreserven in der Nordsee zugeteilt

werden, doch niemand weiß genau, wie

viel noch übrig ist. Professor Alex Kemp

Erhoffter Quell des Reichtums Ölplattform

in der Nordsee vor Schottland

UNHEILIGE ALLIANZ

In dieser Gegend ist Mary McCabe, eine

Veteranin der Unabhängigkeitsbewegung,

aktiv. Abends klappert sie mit dem Wählerregister

in der Hand Häuser und Wohnungen

ab, verteilt Faltblätter der Yes-Kampagne

und befragt die Bürger nach ihren

Wahlabsichten. Oft steht sie vor verschlossener

Tür. Aber ihre gute Laune verliert die

enthusiastische Schottin nie. Ebenso unerschütterlich

ist ihr Glaube, dass die Regierung

im Süden in einer unheiligen Allianz

mit den englischen Medien eine Autonomie

Schottlands schon seit Jahrzehnten mit

unsauberen Mitteln verhindert hat. „Was

wir nicht schon alles gehört haben: dass ein

unabhängiges Schottland so arm wäre wie

Bangladesch!“, empört sie sich. Dabei ergab

der McCrone Report von 1974, dass Schottland

wegen seines Ölreichtums nicht nur

autark, sondern sogar reich wie die Schweiz

werden könnte.

Ein Sieg des Ja-Lagers im September ist

nicht unmöglich, vor allem wenn der charismatische

Volkstribun Salmond in den

letzten Wochen alle Register zieht. „Bei den

Wahlen zum Regionalparlament 2011 lag

er in den Umfragen hinten, holte dann

aber beim Endspurt doch noch die Mehrheit“,

warnt Alistair Carmichael, Schottland-Minister

in London, der auf einer Hebriden-Insel

geboren ist.

Was Königin Elizabeth II. über all das

denkt, ist nicht bekannt. Wie jedes Jahr

weilt sie den Sommer über auf Schloss Balmoral

im Osten Schottlands. Ihre Ratschläge

an den jeweiligen Premierminister, den

sie in den Sitzungswochen des Parlaments

traditionell einmal in der Woche zu einem

vertraulichen Gespräch empfängt, unterliegen

strikter Geheimhaltung. „Keep calm

and carry on“ ist jedoch ein Motto, mit dem

sie seit mehr als sechs Jahrzehnten schon

einige Krisen gemeistert hat. Diese auch? n

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

FOTOS: LAIF/POLARIS/MURDO MACLEOD, PICTURE-ALLIANCE/DPA

32 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: JOHANN SEBASTIAN KOPP, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE (2)

SHANGHAI |

Gesundes Essen will

gekocht sein – nur

was ist, wenn die

Köche streiken? Von

Philipp Mattheis

Wenn die

Suppe kribbelt

Das Restaurant Yi Zhang

Hong in Shanghai ist

nicht nur wegen seiner

scharfen Nudelsuppen

bei Ausländern und jungen

Chinesen gleichermaßen

beliebt. Rustikales Ambiente, traditionelle

chinesische Musik – das trifft

den Zeitgeist: Chinesen, die den Sprung

in die neue Mittelschicht geschafft haben,

finden hier auch ein Stück der vom

Boom verschütteten Vergangenheit,

von Wolkenkratzern und Shoppingmalls

genervte Ausländer erfreuen sich an

chinesischer Ursprünglichkeit.

Dazu passt der Anspruch der

Besitzerin, im Yi Zhang Hong auf den Geschmacksverstärker

Glutamat zu verzichten.

Die Zutat steht im Verdacht, das

China-Restaurant-Syndrom auszulösen,

eine Allergie, die sich in Form von Kribbeln,

Jucken oder sogar kurzzeitiger Gesichtstaubheit

äußert. Nach Weltkrieg,

Hungersnot und Kulturrevolution hatten

sich die Chinesen noch herzlich wenig um

die Chemie ihrer Suppen gekümmert.

Oberste Priorität war es, 1,3 Milliarden

Menschen irgendwie satt zu bekommen.

Aber die Zeiten haben sich geändert:

Viele Chinesen werden zwar immer dicker,

andere aber legen inzwischen viel

Wert auf gesunde Kost – und der Luxus

eines glutamatfreien Essens ist erschwinglich

geworden.

Nur bei den Köchen ist der neue Trend

noch nicht angekommen. Im vergangenen

Jahr musste sie zehn Küchenkräfte

entlassen, erzählt die Besitzerin. Weil sie

nicht wussten, wie sie die Gerichte ohne

das Allround-Gewürzmittel zubereiten

sollten, hatten sie heimlich Glutamat in

die Küche geschmuggelt.

Philipp Mattheis ist Korrespondent

der WirtschaftsWoche in Shanghai.

BERLIN INTERN | Eine Gruppe Bundestagsabgeordneter

sucht flexiblere Wege in die Rente. Das muss

nichts Schlechtes bedeuten. Von Max Haerder

60, 67, 70

Wer länger jobbt, ist später alt CDU-Linnemann

will freie Wahl des Renteneintritts

In der SPD nennen manche sie die

„Linnemann-Kommission“. Das ist ein

kleines bisschen spöttisch gemeint,

aber der Namensgeber darf diese

Titulierung trotzdem als Anerkennung verbuchen.

Eigentlich heißt die Arbeitsgruppe

nämlich deutlich bürokratischer „Flexible

Übergänge in den Ruhestand“. Aber die

Existenz dieses Gremiums ist eben nicht

zuletzt Carsten Linnemann zu verdanken.

Der Bundestagsabgeordnete und Chef

der CDU-Mittelstandsvereinigung MIT kritisierte

und nörgelte so lange am schwarz-roten

Rentenpaket herum, bis Sozialministerin

Andrea Nahles (SPD) sich zu einem

Geschäft hinreißen ließ: Der Wirtschaftsflügel

der Union übte Milde bei der Abstimmung

im Bundestag, dafür denkt nun ein eigens

berufener Parlamentarier-Zirkel über

Mittel und Wege nach, die Deutschen mit

einem späteren Ruhestand zu versöhnen.

Geplant war das nicht, zumindest nicht

so plötzlich (der Koalitionsvertrag enthält

nur versteckt ein paar Merk-Sätze für längeres

Arbeiten). Was man schon daran erkennt,

dass sich die abschlagfreie Rente ab

63 als ein Teil des Rentenpakets und der

Geist der neuen Kommission widersprechen

– um es vorsichtig zu sagen. Aber wer

Widerspruchsfreiheit sucht, sollte nicht in

die Politik gehen.

14 Parlamentarier von Union und SPD

sind aufgerufen, bis Jahresende möglichst

konkrete Vorschläge zu präsentieren.

Nahles’ Staatssekretär Jörg Asmussen sitzt

außerdem mit am Tisch, ebenso Vertreter

von Bundeskanzleramt und Bundesfinanzministerium.

Die Fraktionsexperten haben

ausführliche Fragenkataloge an das Sozialministerium

geschickt, der CDU-Arbeitnehmerflügel

ein Positionspapier vorgelegt.

Nach der Sommerpause startet die Arbeit

im Detail.

„Wir müssen das Potenzial der Älteren

auf dem Arbeitsmarkt heben, und das merklich“,

gibt Linnemann die Richtung vor.

„Denkverbote darf es da nicht geben.“ Auch

der SPD-Rentenexperte Martin Rosemann

sagt: „Das Rentenpaket war wichtig. Aber

eine neue Frühverrentungsdebatte wäre ein

falsches Signal.“ Das klingt nach Konsens,

dennoch beziffert ein Mitglied der Arbeitsgruppe

die Chance auf konkrete Ergebnisse

auf gerade mal „fifty-fifty“. Das Streitpotenzial

beim Thema Ruhestand ist einfach höher

als üblich, außerdem dürfen mögliche

Reformvorschläge entweder nichts kosten

oder müssen an anderer Stelle bei der Rente

gegenfinanziert werden.

Einige Stellschrauben werden sich die

Abgeordneten genau ansehen: „Als ich erfuhr,

dass nur rund 20 Prozent der Neurentner

vor ihrem regulären Ruhestand sozialversicherungspflichtig

beschäftigt waren,

war ich schockiert“, berichtet SPD-Vertreter

Rosemann. Jenseits des offiziellen Renteneintrittsalters

arbeitet in Deutschland nicht

einmal mehr jeder elfte. Im internationalen

Vergleich ein ziemlich schlechter Wert.

Eine verbesserte Teilrente – bei der man

etwa frühzeitig eine halbe Rente bekommt

und eine halbe Stelle behält – könnte helfen,

Ältere länger an ihrem Arbeitsplatz zu

halten. Bislang ist dieses Modell zu kompliziert

und unattraktiv. Überhaupt soll es

leichter werden, neben der Rente Geld zu

verdienen. Das Ziel: Mehr Ältere bis oder

eben über die Regelaltersgrenze hinaus in

regulären Jobs halten.

Arbeitnehmer mit Torschlusspanik hätte

die große Koalition jedenfalls auf ihrer Seite,

glaubt man einer Umfrage im Auftrag

des Bundesverbandes deutscher Banken.

54 Prozent der über 60-Jährigen würden

gerne länger als bis zum 65. Geburtstag im

Job bleiben – oder hätten es gerne getan.

Also, Berlin, an die Arbeit!

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 33

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Der Volkswirt

ÖKONOMIE

Der Inselgeist

Die Lindauer Nobelpreisträgertagung ist vom Altherrentreff zum internationalen

Wissenschaftsevent gewachsen. Dahinter steckt ein geschäftstüchtiger Spross der

schwedischen Königsfamilie.

Stolz mit Hut Gräfin Bettina Bernadotte im Kreis der Nobelpreisträger

Ihren ersten Nobelpreisträger

hat Gräfin Bettina Bernadotte

im Alter von fünf Jahren zu

Gesicht bekommen. Er hatte

einen Plastikschlauch im Mund

und ruinierte die Tischdekoration

beim Galadinner. Der

Physiker wollte Bettina und

ihren Geschwistern das Prinzip

der kommunizierenden Röhren

demonstrieren, also hatte

er sich ein paar Weingläser

geschnappt und zog die mitgebrachten

Schläuche aus den

Sakkotaschen. Als die Kinder

das Prinzip verstanden hatten,

strahlte der Physiker, das durchnässte

Tischtuch und die verdutzten

Blicke der versammelten

Honoratioren interessierten

ihn nicht. „Solche Erlebnisse

machen für mich den Geist von

Lindau aus“, sagt die Gräfin

heute, 35 Jahre später.

Dieser Geist von Lindau ist

es, dessentwegen jeden Sommer

mehrere Dutzend Nobel-

Ist Lindau

bald das

zweite Davos?

Die Veranstaltung hat sie von

ihren Eltern geerbt, es ist eine

typische Nachkriegsgeschichte.

Die Initiative für das Treffen

ging von den Lindauer Ärzten

Gustav Parade und Franz Karl

Hein aus, die nach einem Ereignis

suchten, um internationale

Spitzenforscher nach Deutschland

zu locken. Im Zuge der Naziherrschaft

war Deutschland

vom Zentrum der wissenschaftlichen

Welt zur Diaspora geworden.

Eine Tagung sollte her, das

zu ändern.

Auch Graf Lennart Bernadotte

hatte zu dieser Zeit etwas

nachzuholen. Der Spross der

schwedischen Königsfamilie

war nach der Heirat einer Bürgerlichen

aus der Thronfolge

verdrängt worden und hatte

sich auf die Blumeninsel Mainau

zurückgezogen, die einst

vom Hause Baden an die schwedische

Königsfamilie gefallen

war. Das zurückgezogene Leben,

zum hochgradig kommunikativen

Graf Lennart passte es

nicht. Er hatte bereits begonnen,

die Insel samt Schloss für

Besucher zu öffnen, doch die

Idee der beiden Ärzte eröffnete

seinem Drang nach gesellschaftlicher

Teilnahme neue Dimensionen.

Er nutzte seine

Kontakte zum schwedischen

Königshaus, das über die Nobelstiftung

und die Königliche Wissenschaftliche

Akademie eng

mit dem Preis verbunden ist. So

trafen im Sommer 1951 erstmals

sieben Nobelpreisträger der

Medizin in Lindau mit deutschen

Studenten zusammen.

Bald folgten auch die Gekrönten

der Fächer Chemie und

Physik, es stellte sich ein fester

Turnus ein: Jedes Jahr eine Veranstaltung,

jede Disziplin ist alle

drei Jahre vertreten. Zum Abschluss

jedes Treffens gibt es

ein großes Dinner auf der Mainau,

ein bisschen höfischer

Glanz für den verstoßenen

Prinzen.

Gleich im ersten Jahr setzte

die Tagung einen wichtigen Akpreisträger

an den Bodensee

pilgern, ganz ohne Honorar.

Nach den Medizinern Ende Juni

sind diese Woche die Ökonomen

dran, 18 Nobelpreisträger

haben sich angesagt.

Bei der Eröffnungsfeier wird

Bundeskanzlerin Angela Merkel

eine Grundsatzrede halten. Vor

der Tür werden Attac-Aktivisten

in die Trillerpfeifen pusten. Der

peruanische Literaturnobelpreisträger

Mario Vargas Llosa

wird über die Lage in Lateinamerika

sinnieren. Aus dem

trutschigen Altherrentreff ist

unter der Ägide von Gräfin Bettina

eine hochkarätige wissenschaftliche

Veranstaltung geworden,

die das ganze Land

ziert. Und: Der Geist der Plastikschläuche,

er ist immer noch da.

PLÖTZLICH DIASPORA

Außer, dass sie in einem Schloss

wohnt, ist auf den ersten Blick

wenig Royales an Gräfin Bettina

Bernadotte zu erkennen. Die

groß gewachsene 40-Jährige

schlendert in T-Shirt, heller Leinenhose

und Sportschuhen

durch die langen Flure des

Schlosses Mainau. Wären da

nicht diese wachen, aufmerksamen

Augen, die ihr eine eigentümlich

unausweichliche Präsenz

verleihen. Aus ihnen

spricht das angeborene Selbstbewusstsein

einer, für die der

Kontakt mit den Großen dieser

Welt von klein auf selbstverständlich

ist. „Das Nobelpreisträgertreffen

hat eine große Tradition,

die es zu bewahren gilt,

auf der wir uns aber nicht ausruhen

können“, sagt sie.

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, ACTION PRESS, LAIF, MATTHIAS JUNG FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, VISUM, BLOOMBERG NEWS, GETTY IMAGES, CORBIS

34 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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zent. Zur Gründung des Kernforschungszentrums

CERN kamen

aus Lindau wichtige

Impulse. Als Graf Lennart sich

aus der aktiven Arbeit zurückzog,

hinterließ er ein klar strukturiertes

Erbe: Die Betriebsgesellschaft

der Insel mitsamt

Schloss ging an die Lennart-

Bernadotte-Stiftung, die Erträge

daraus sollten die weiteren Tagungen

finanzieren.

Doch die Insel gerät zunehmend

in Probleme. Statt zwei

Millionen Gäste, wie Mitte der

Achtzigerjahre, kamen kurz vor

der Jahrtausendwende gerade

mal halb so viele; die Betriebsgesellschaft

macht Verlust. Kurz

darauf stirbt Graf Lennart. Seine

Ehefrau und Mainau-Verwalterin,

Gräfin Sonja, ist zwar „eine

bewundernswerte Persönlichkeit,

die sich von ganzem Herzen

für die Stiftungsziele aufopferte“,

sagt Dagmar Schipanski.

Die Professorin, einstige CDU-

Kandidatin für das Amt des

Bundespräsidenten und zwischenzeitliche

Wissenschaftsministerin

in Thüringen, steht

seit 2002 an der Spitze der Stiftung.

Doch betriebswirtschaftlich

haperte es.

Auch das Treffen selbst geriet

in eine Krise. Der ursprüngliche

Auftrag, die deutsche Wissenschaft

an die internationale Elite

heranzuführen, war längst erfüllt.

Viele Wissenschaftler

kamen nach wie vor gern nach

Konstanz, der wissbegierigen

Eintrittskarte für Lindau

Medaille der Nobelpreisträger

jungen Leute und der schönen

Landschaft wegen. Doch es waren

zunehmend die gleichen

Altmeister, die sich hier versammelten.

Das änderte sich, als die junge

Gräfin Bettina 2002 ihrer Mutter

zur Seite sprang. Kurz vor deren

Tod sechs Jahre später übernahm

sie die alleinige Führung

von Insel und Tagung. Anders

als ihre Eltern brachte sie einschlägige

Branchenerfahrungen

mit, sie hatte einige Jahre lang

im größten Freizeitpark der

Region, dem Europapark,

gearbeitet. Zunächst standen

unangenehme Sanierungsentscheidungen

an. Die Zahl der

Stellen wurde um 40 auf 150 reduziert,

auch sonst jeder Kostenpunkt

infrage gestellt. Es folgten

Investitionen, die sich über

kräftige Preiserhöhungen heute

in Umsatz und Gewinn widerspiegeln.

Bei rund 25 Millionen

Euro Umsatz erwirtschaftete die

Insel in den vergangenen Jahren

Überschüsse von rund 1,5 Millionen

Euro. „Die Sanierung ist

»Es ist wichtig,

dass die Tagung

ihren Charakter

bewahrt«

Dagmar Schipanski (CDU)

nationale Besetzung: „Es ist uns

gelungen, Lindau zu einem zentralen

Treffpunkt für internationale

Nachwuchswissenschaftler

und Nobelpreisträger zu machen“,

so Bernadotte. Auch die

Finanzierung ist inzwischen auf

mehreren Schultern verteilt, da

sich die Tagung größtenteils

über Sponsorengelder finanziert.

„Die Stiftung muss heute

nicht mehr so viel Geld zuschie-

geglückt“, zeigt sich Chefaufseherin

Schipanski begeistert, „die

Mainau GmbH ist heute ein solide

aufgestelltes, mittelständisches

Unternehmen.“

Davon profitiert auch die Tagung.

2002 wurden erstmals die

Nobelpreisträger der Ökonomie

nach Lindau eingeladen, alle

fünf Jahre wird zudem ein interdisziplinäres

Treffen ausgerichtet.

Vor allem aber hat sich der

Fokus des Treffens völlig verändert:Die

deutschen Studenten

machen heute nur noch 20 Prozent

der Teilnehmer aus, mehr

als 100 akademische Partner in

aller Welt sorgen für eine interßen

wie in den ersten Jahren“,

bestätigt Schipanski. Alles in allem

ist die Tagung deutlich angewachsen.

Lag das Budget des

Chemikertreffens 2006 noch bei

670 000 Euro, waren es 2013

schon 3,5 Millionen Euro.

STRENGE REGELN

Manch einer sorgt sich da vor

der wachsenden Kommerzialisierung.

Ist Lindau bald das

zweite Davos? „Es ist wichtig,

dass die Tagung ihren speziellen

Charakter bewahrt“, sagt

Schipanski. Im Mittelpunkt

müsse auch weiterhin „der unbefangene

Gedankenaustausch

zwischen Preisträgern und jungen

Wissenschaftlern“ sein.

„Entscheidend ist, dass keiner

das Gefühl hat, hier werde jedes

Wort von Kameras oder Journalisten

aufgezeichnet.“ So gelten

in Lindau weiterhin strenge Regeln.

Auf den Podien sprechen

mit Ausnahme der Abschlussveranstaltung

nur Nobelpreisträger,

die Öffentlichkeit ist nur

am Auftaktabend zugelassen.

Gräfin Bernadotte spricht von

einer Art natürlicher Wachstumsgrenze,

definiert durch die

Lindauer Inselhalle. Die wird

zwar bald saniert, bei rund 1000

Gästen ist sie voll. „Mehr Teilnehmer

kann die Tagung aus

diesem Grund nicht haben.“

Der Geist von Lindau, er soll

auch weiterhin in der Flasche

der Inselhalle bleiben.

konrad.fischer@wiwo.de

Welche Ökonomienobelpreisträger in diesem Jahr am Bodensee erwartet werden

William Sharpe

Preisträger 1990

für Arbeiten zur

Preisbildung am

Kapitalmarkt

Reinhard Selten

Preisträger 1994

für die Einführung

der Spieltheorie

in die Ökonomie

James Mirrlees

Preisträger 1996

für seine Arbeit über

die Rolle von Informationen

im Markt

Joseph E. Stiglitz

Preisträger 2001

für seine Kritik an

der Globalisierung

der Wirtschaft

Edward C. Prescott

Preisträger 2004

für die Arbeit in der

empirischen Konjunkturforschung

Edmund S. Phelps

Preisträger 2006

für seinen Beitrag

zur Entwicklung der

Wachstumstheorie

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 35

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Ein Gesetzentwurf der Republikaner im US-Kongress will der

amerikanischen Zentralbank formale Regeln für ihre Geldpolitik vorschreiben.

Die Fed fürchtet um ihre Unabhängigkeit. Von Martin Feldstein

Der Kampf gegen die Fed

Die US-Zentralbank

Federal Reserve

(Fed) streitet derzeit

mit dem Kongress

über den Federal Reserve Accountability

and Transparency

Act. Der Gesetzentwurf soll die

Notenbank dazu zwingen, bei

ihren geldpolitischen Entscheidungen

formale Regeln zu befolgen.

Die Fed fürchtet deswegen

um ihre Unabhängigkeit.

Die Befürworter des Gesetzes

hingegen argumentieren, damit

seien die geldpolitischen Entscheidungen

der Notenbanker

besser vorhersehbar. Mit einer

festen Regel sei das künftige

Wachstum bei niedriger Inflation

besser berechenbar. Wer

hat recht?

Um den Konflikt zu verstehen,

ist es wichtig, zu wissen,

welche rechtliche Stellung die

Fed innerhalb des politischen

Systems in den USA hat. Die

Zentralbank ist unabhängig und

trifft in diesem Sinne ihre geldpolitischen

Entscheidungen

ohne Einfluss der Regierung.

Der US-Präsident kann ihr also

nicht vorschreiben, wie sie die

Zinssätze, Reserveanforderungen

oder andere geldpolitische

Aspekte reguliert.

DUALES MANDAT

Das Parlament allerdings, also

der US-Kongress, hat der Fed

per Gesetz ein duales Mandat

erteilt. Danach soll die Fed für

Preisstabilität und Vollbeschäftigung

sorgen. Wie sie diese

Ziele erreicht, obliegt allein der

Fed. Sie ist nur verpflichtet,

dem Kongress regelmäßig über

ihre Geldpolitik zu berichten.

Das geplante Gesetz würde die

Entscheidungsfindung der Fed

stark beeinflussen.

Nach der Definition der Fed

herrscht Preisstabilität bei einer

Inflationsrate von rund zwei Prozent.

In den vergangenen zwölf

Monaten lag dieser Wert bei etwa

1,5 Prozent. Vollbeschäftigung ist

nicht fest definiert, aber für viele

Ökonomen herrscht Vollbeschäftigung

bei einer Arbeitslosenquote

von etwa 5,5 Prozent. Der jüngste

Wert lag bei 6,1 Prozent. Nun hält

die Fed seit Jahren an einer Niedrigzinspolitik

fest, obwohl sie ihr

Inflationsziel nicht erreicht. Politiker

fürchten, der lange Zeitraum

»Eine formale

Regel könnte

eine restriktivere

Geldpolitik

erzwingen«

niedriger Zinsen könnte zu einer

erhöhten Inflation von mehr als

zwei Prozent führen.

Um das zu verhindern, soll das

geplante Gesetz die Fed verpflichten,

bei der Festsetzung ihres

kurzfristigen Zinssatzes, der Federal

Funds Rate, einer formalen

Vorgabe zu folgen. Das Gesetz

schlägt eine bestimmte Regel zur

Festlegung des Zinses vor.

Diese Regel entspricht weitgehend

der 1993 von John Taylor,

Ökonom an der Stanford-Universität,

vorgeschlagenen Formel. Sie

beruht auf einer statistischen

Schätzung dessen, was die Fed-

Chefs Paul Volcker und Alan

Greenspan während einer Periode

geringer Inflation und niedriger

Arbeitslosigkeit getan haben. Die

Taylor-Regel legt den kurzfristigen

Zinssatz auf zwei Prozent plus die

aktuelle Inflationsrate plus die

Hälfte der Differenz zwischen der

aktuellen Inflation und der Zielinflation

fest, plus die Hälfte der

Differenz zwischen dem aktuellen

Wachstum des Bruttoinlandsprodukts

(BIP) und dem BIP-

Wachstum bei Normalauslastung

der Kapazitäten.

Das bedeutet: Bei Normalauslastung

und Zielinflation muss der

kurzfristige Zinssatz zwei Prozent

plus Inflationsrate betragen. Er

muss höher sein, wenn die Inflationsrate

über dem Zielwert liegt,

und niedriger, wenn sich das aktuelle

BIP unter dem BIP bei Normalauslastung

befindet. Angesichts

der Unsicherheit über die

genaue Höhe des BIPs bei Normalauslastung

bliebe der Fed mit

der Formel immer noch Spielraum.

Sie könnte argumentieren,

dass die Lücke zwischen aktuellem

BIP und dem bei Normalauslastung

größer ist als vermutet,

weil derzeit viele Menschen nur

Teilzeitjobs haben, die eigentlich

eine Vollbeschäftigung suchen.

Angenommen, die BIP-Lücke

liegt entsprechend einer Schätzung

des US-Haushaltsbüros bei

vier Prozent, dann würde die Taylor-Regel

einen optimalen Zinssatz

von etwa 1,25 Prozent vorgeben,

verglichen mit dem aktuellen Wert

von nur 0,1 Prozent. Wenn, wie angenommen,

die Fed den Leitzins in

den kommenden 12 bis 18 Monaten

auf ein Prozent festlegt,

würde die sich bis dahin verringernde

BIP-Lücke einen noch

höheren Taylor-Zins nahelegen.

Das Komplizierte daran ist, dass

die enormen Überschussreserven

der US-Banken im Zuge der

Anleihekäufe der Fed dazu geführt

haben, dass der Zinssatz

nicht mehr der Schlüsselwert ist,

der er einmal war.

STABILE PREISE

Insgesamt ist der Gesetzentwurf

voller überzogener Anforderungen

an die Fed. Selbst in verbesserter

Form kann das von den

Republikanern kontrollierte Repräsentantenhaus

es möglicherweise

gar nicht durchsetzen.

Gelingt das doch, wird es

nicht durch den demokratisch

kontrollierten Senat kommen.

Die Fed wehrt sich gegen das

geplante Gesetz. Es sei falsch,

Geldpolitik nach einer mathematischen

Formel auszurichten,

sagt Fed-Chefin Janet Yellen.

Klar ist jedoch: Die Diskussion

setzt die Fed unter Druck, ihrem

Inflationsziel mehr Aufmerksamkeit

als bisher zu

schenken und einen dauerhaften

Wert über ihrem Zielwert

von zwei Prozent zu verhindern.

Schafft sie das nicht, könnte

tatsächlich ihre Unabhängigkeit

eingeschränkt und sie gezwungen

werden, ihre Geldpolitik

stärker an ihrem Mandat, für

stabile Preise zu sorgen, zu orientieren.

Martin Feldstein ist Professor

an der Harvard-Universität. Der

renommierte US-Ökonom

schreibt jeden Monat exklusiv

für die WirtschaftsWoche und

wiwo.de

FOTOS: LAIF/POLARIS, GETTY IMAGES/AFP

36 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Made with

Germany

USA | Preiswerte Energie und mäßige Löhne locken

Unternehmen in die Vereinigten Staaten. Doch Angst vor

einem Exodus hier ist unbegründet. Vom Comeback

der Industrie in den USA profitiert Deutschland am meisten.

FOTO: PR

Neben der hoch aufragenden

Michelle Obama in ihrem

royalblauen Designerkleid

fällt die kleinere Frau in

Schwarz kaum auf. Unsicher

taxiert sie durch ihre Brillengläser die First

Lady der USA zu ihrer Linken. Plötzlich

fällt der Name der jungen Frau und ein Lächeln

huscht über ihr Gesicht. „Jackie Bray

ist eine alleinerziehende Mutter aus North

Carolina“, sagt US-Präsident Barack Obama.

„Sie verlor ihre Stelle als Mechanikerin.

Dann aber hat Siemens eine Gasturbinenfabrik

in Charlotte eröffnet und sie eingestellt.

Ich will, dass jeder Amerikaner, der

einen Job sucht, die gleichen Chancen wie

Jackie bekommt.“

Der Tag, an dem Jackie Bray berühmt

wurde, war der 25. Januar 2012. Auf Einladung

des Weißen Hauses war sie nach Washington

gereist, wo der Präsident seine

Rede zur Lage der Nation hielt – und die

frischgebackene Siemens-Mitarbeiterin

vor 38 Millionen Fernsehzuschauern zum

Inbegriff seiner Wirtschaftspolitik erklärte.

Nun, zweieinhalb Jahre später, ist Obama

seinem Ziel ein gutes Stück näher gekommen.

Die Vereinigten Staaten erleben

ein Comeback der heimischen Industrie,

immer mehr Amerikaner finden einen Job

in Auto- und Maschinenfabriken, in Chemieanlagen

oder der Erdgasförderung.

Und wie im Fall von Jackie Bray helfen immer

häufiger deutsche Firmen dabei.

Schon machte deswegen in Deutschland

das Wort von der Deindustrialisierung und

der Abwanderung wichtiger Unternehmen

über den Atlantik die Runde. Mit Blick auf

die niedrigen Energiepreise durch Schieferöl

und -gas und die mäßigen Löhne in

den USA warnte BASF-Chef Kurt Bock vor

einem „Auszehrungsprozess“ in Deutschland

mit entsprechenden Folgen für die Arbeitsplätze.

Deutschland müsse „aufpassen,

dass sich damit kein Prozess einer

schleichenden Desinvestition festsetzt“,

mahnt auch BDI-Präsident Ulrich Grillo.

Ob ehrliche Sorge oder bloße Stimmungsmache

− in der Realität entbehren

solche Sichtweisen jeder sachlichen Begründung.

Das ist das Ergebnis einer Studie

der Unternehmensberatung Bain & Company

exklusiv für die WirtschaftsWoche.

Überraschendes Ergebnis: Die USA werden

Deutschland im Rennen um ausländische

Direktinvestitionen zwar abhängen. Trotzdem

ist Deutschland im Vergleich zu anderen

Wettbewerbern in Europa unterm

Strich der große Gewinner der Reindustrialisierung

in den Vereinigten Staaten.

IMPORT VON ARBEITSPLÄTZEN

„Amerika“, sagt Armin Schmiedeberg, Leiter

der europäischen Industrie-Praxisgruppe

von Bain & Company, „wird zu einer Lokomotive

der deutschen Wirtschaft, im

Umkehrschluss führt die Reindustrialisierung

Amerikas nicht zu einer Deindustrialisierung

Deutschlands.“ In der gegenwärtigen

Konjunkturschwäche ist das ein

Trost, denn ohne die Aufträge aus den USA

sähe es für deutsche Wirtschaft schlechter

aus (siehe Seite 16).

Zwar kann Deutschland im Wettbewerb

um ausländische Investitionen in neue Fabriken

nach Bain-Schätzungen mit den

USA nicht mithalten. Während die Vereinigten

Staaten von 2013 bis 2017 gut 50

Prozent mehr Kapital von außerhalb für

neue Fabriken und Anlagen ansaugen

»

Keine Deindustrialisierung

in Deutschland

BASF-Anilin-Fabrik in Geismar im

US-Bundesstaat Louisiana

38 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Bevorzugt aus Deutschland

Entwicklung der Einfuhren von Ausrüstungstechnik

in die USA (Veränderungen in Prozent)

Import gesamt

Import aus Deutschland

+43,0

+2,1

+6,6

+3,0

+8,0

+8,0

+13,0

+5,6

Maschinenbau gesamt

Zementanlagen

Baumaschinen

Automatisierungstechnik

1. Quartal 2014

(Veränderung gegenüber

Vorjahreszeitraum)

2009 bis 2013

(Jahresdurchschnitt)

2009 bis 2013

(Jahresdurchschnitt)

2013 gegenüber 2012

Quelle: Bain & Company

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 39

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Unternehmen&Märkte

Profiteur Deutschland

Die USA können bis 2017 mit sehr viel mehr ausländischen Direktinvestitionen in die

Industrie rechnen, wohingegen Deutschland kaum noch zulegt

Attraktivität für ausländische Direktinvestitionen

in Industrie 1 (0 = gering, 5 = groß)

USA

Großbritannien

Deutschland

Schweiz

Frankreich

Italien

2008–2012

63,2

1

auf Basis von Gaspreis, Strompreis, Lohnkosten, Bevölkerungswachstum, Infrastruktur, IT-Angebot für Produktion, Kompetenz für

Produktion; Vergleich unter 34 OECD-Staaten; 2013–2017: Prognose

11,5

4,2

1,2

1,0

2,1

2013–2017

95,6

Doch gleichzeitig wird die Nachfrage der USA nach Ausrüstungsgütern aus dem Ausland so

stark steigen...

Einfuhr ausländischer Investitionsgüter in die USA (kumuliert in Milliarden Dollar)

2003 bis 2007

2008 bis 2012

2013 bis 2017

Ausländische Direktinvestitionen

(kumuliert in Milliarden Dollar)

...dass Deutschland dank seiner wettbewerbsfähigen Produkte und Unternehmen wie keine

andere große EU-Industrienation von der Reindustrialisierung in den USA profitieren wird

Deutschland

Schweiz

Großbritannien

Frankreich

Italien

0 1 2 3 4 5

725

832

955

Wettbewerbstärke bei der Lieferung von Industrieausrüstungen

in die USA 2 (0 = gering, 5 = groß)

0 1 2 3 4 5

2008–2012

105

2

auf Basis von Global Manufacturing Index, Global Innovation Index, World Competitiveness Index;

Vergleich unter 34 OECD-Staaten; 2013–2017; Quelle: Bain & Company

11

38

38

38

12,7

4,5

1,2

0,9

1,8

Lieferung von Industrieausrüstungen in die USA

(kumuliert in Milliarden Dollar)

2013–2017

134

14

46

44

43

+107

+123

»

dürften als 2008 bis 2012, kann Deutschland

auf nur einen winzigen Zuwachs von

4,2 auf 4,5 Milliarden Dollar hoffen.

Doch dies ist nur eine Seite der Medaille.

Zur anderen gehört, dass Deutschland mit

diesem schwachen Zuwachs – zusammen

mit Großbritannien – immerhin zu den bedeutenden

Industrienationen Europas gehört,

die weiterhin zusätzliches ausländisches

Industriekapital anziehen werden.

Noch wichtiger aber ist, dass es deutschen

Unternehmen laut Bain gelingen wird, mit

ihren Exporten aus der Heimat von der Reindustrialisierung

in den USA so stark wie

kein anderer zu profitieren.

So werden laut Bain die deutschen Maschinenbauer,

Fabrikausstatter und Fertigungstechniker

zwischen 2013 und 2017

Industrieausrüstungen im Wert von 29 Milliarden

Dollar mehr in die USA verschiffen

als 2008 bis 2012, ein Plus von knapp 28

Prozent. Gemessen an Unternehmen wie

dem schwäbischen Lasermaschinenbauer

Trumpf, entspricht dies einem Zuwachs

von knapp 25 000 Jobs – nicht in den USA,

sondern in Deutschland, das mit seinen

Produkten die dortige Reindustrialisierung

erst ermöglicht. Aus made in Germany

wird made with Germany.

Kein anderes der übrigen 33 OECD-Länder

kann da mithalten. Großbritanniens

Unternehmen müssen sich mit einem Export-Plus

gen USA von acht Milliarden Dollar

zufriedengeben, gut einem Viertel des

deutschen Zuwachses. Frankreich dürfte

nur zusätzliche Industriegüter im Wert von

sechs, Italien im Wert von fünf und die

Schweiz im Wert drei Milliarden Dollar in

die Vereinigten Staaten verfrachten.

The Winner is...

Wie Deutschland die Reindustrialisierung in den USA forciert

Plastikzauber

Jede vierte Import-Kunststoffmaschine

in den USA kommt

von Herstellern in Deutschland

wie Sumitomo Demag in

Schwaig bei Nürnberg

Alles andere als

flüchtig

Der deutsche Gasehersteller

Linde will bis zu sechs Erdgas-

Verarbeitungsanlagen in den

USA errichten

40 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: SUMITOMO (SHI) DEMAG, VARIO IMAGES/MARTIN GEENE, LAIF/REA/HAMILTON, PR

Um am Bau der neuen Produktionsstätten

jenseits des Atlantiks mitzuverdienen,

bringen sich deutsche Konzerne und

Mittelständler derzeit in Stellung – sei es

als Lieferant von Baumaterialien und

Baumaschinen, einzelnen Produktionsmaschinen,

ganzer Großanlagen oder

von Ausgangsmaterialien für Produkte

made in USA.

Die Liste amerikanischer Einkäufer mit

deutschen Adressen ist lang. Werkzeugmaschinenhersteller

wie der Lasertechnik-

Weltmarktführer Trumpf oder der Bielefelder

Konzern DMG Mori Seiki (früher: Gildemeister)

mit seinen Fräsmaschinen und

Elektronikbauteilen gehören seit jeher zu

den emsigsten Lieferanten der US-Industrie.

2013 haben die deutschen Werkzeugmaschinenhersteller

zwar neun Prozent

weniger über den Großen Teich geliefert,

aber wohl nur deshalb, weil die Exportvolumina

in den Jahren davor bereits ungewöhnlich

hoch waren.

KLARER AUFWÄRTSTREND

Nach Einschätzung von Bain brechen für

die Branche dank des Produktionsbooms

in den USA rosige Zeiten an. Die Nachfrage

nach deutscher Werkzeugtechnik, so die

Prognose, werde – verglichen mit Importen

aus anderen Ländern – überproportional

steigen, insbesondere in der Autoindustrie

und der Metallverarbeitung.

Noch klarer ist der Aufwärtstrend bei der

Nachfrage nach Automatisierungstechnik.

Wie kaum ein anderes deutsches Unternehmen

setzt Siemens, der Weltmarktführer

in der Automatisierung, auf den US-

Markt (siehe Interview Seite 44). Aber auch

für Wettbewerber wie den Antriebstechnikhersteller

Bosch-Rexroth oder den Roboterhersteller

Kuka sind die USA wichtige

Absatzmärkte. Hinter der Branche liegt ein

grandioses US-Jahr. 2013 stiegen die Einfuhren

der Vereinigten Staaten auf diesem

Gebiet um 43 Prozent. Mehr als die Hälfte

entfiel auf die amerikanische Autoindustrie.

Beste Chancen bescheinigt Bain den

Herstellern auch für die Zukunft, weil US-

Fabriken zunehmend ihre Effizienz steigern

wollten und neue Anwendungsfelder

für Roboter, etwa in der Logistik, Medizin

oder Agrarindustrie, entstünden.

Kunststoffmaschinenhersteller aus

Deutschland wie KraussMaffei Technologies

aus München oder Sumitomo Demag

aus dem fränkischen Schwaig zählen auch

zu den Kandidaten, die vom Industrieboom

in den USA in den kommenden Jahren

profitieren. Denn während der US-

Wirtschaft von 2012 bis 2017 ein jährliches

Wachstum von durchschnittlich rund zwei

Prozent prognostiziert wird, können die

Kunststoffmaschinenhersteller mit 6,6 Prozent

rechnen. Plastikteile für die Autoindustrie

und die Bauwirtschaft, Verpackungen

in der Konsumgüterindustrie – Reindustrialisierung

ist ohne einen Mehrverbrauch

an Kunststoffen undenkbar. Die

Deutschen werden dabei an vorderster

Front mitmischen, denn sie sind schon

heute die wichtigsten Lieferanten der amerikanischen

Kunststoff verarbeitenden Industrie:

Jede vierte in die USA importierte

Kunststoffverarbeitungsmaschine kommt

aus Deutschland.

Auch bei allem, was für den Bau von Fabrikgebäuden

und der zugehörigen Infrastruktur

benötigt wird, sind deutsche Maschinenbauer

gefragt: etwa Baufahrzeuge

und Kräne von Liebherr oder Asphaltmaschinen

und Walzen aus den Werken

der Wirtgen-Gruppe im rheinischen Neuwied.

In den vergangenen fünf Jahren kletterten

die US-Importe von Baumaschinen

insgesamt um acht Prozent pro Jahr, deutsche

Anbieter dagegen konnten jährlich

um 13 Prozent zulegen.

HISTORISCHES AUSMASS

Ähnlich stark sind die deutschen Anbieter

von Zementanlagen. Hersteller wie das

Düsseldorfer Unternehmen Loesche leben

überwiegend vom Auslandsgeschäft.

Durchschnittlich neun von zehn Anlagen

verkaufen die deutschen Hersteller ins

Ausland. Die USA sind nicht nur einer der

wichtigsten Absatzmärkte, sondern mit einer

prognostizierten jährlichen Wachstumsrate

von neun Prozent in den kommenden

fünf Jahren einer, der am meisten

zusätzliches Geschäft verspricht.

Auf einen Nachfrage-Boom gar historischen

Ausmaßes treffen die deutschen Hersteller

von Chemieanlagen in den USA. Die

Erschließung der Schiefergasvorräte soll zu

Investitionen in chemische Anlagen von

rund zwei Billionen Dollar in den kommenden

zwei Jahrzehnten führen. 2013 schnellte

der Umsatz deutscher Chemieanlagenbauer

mit den USA bereits um 400 Prozent

auf über eine Milliarde Dollar hoch. Der

Chemieanlagenhersteller Linde will zwischen

2013 und 2017 in den USA zwischen

drei und sechs neue Verarbeitungsanlagen

für Erdgas errichten. ThyssenKrupp Industrial

Solutions kann sich aufgrund des

»

Helfer am Bau

Kräne, Bagger und sonstige

Baumaschinen werden von

amerikanischen Unternehmen

überdurchschnittlich

von deutschen Herstellern

wie Liebherr importiert

Tool Time

Werkzeugmaschinen wie

die von DMG Mori Seiki

(früher: Gildemeister) in

Bielefeld bilden ein Rückgrat

der Industrie-Renaissance

in den USA

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 41

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Unternehmen&Märkte

Sklaven für die Produktion

Kuka-Roboter sind vor allem in der US-Autoindustrie gefragt, aber bald vielleicht auch in

der Logistik, der Medizin und der Landwirtschaft

»

Erdgasbooms über die Bestellung von

drei Düngemittelanlagen freuen.

Fragt sich nur, wie nachhaltig der Industrie-Hype

in den USA ist. Nach Einschätzung

von Bain-Berater Schmiedeberg geht

es um weit mehr als einen flüchtigen

Trend. Das Comeback der US-Industrie

läute „ein neues Kapitel der Weltwirtschaft“

ein: „Weil die Kostenvorteile der

Schwellenländer schrumpfen, werden alte

Industrienationen wie die USA wieder

wettbewerbsfähig. Die jahrzehntelange,

einseitige Verlagerung von Industrieproduktion

in Billiglohnländer hat ihren Höhepunkt

überschritten.“

GLEICHSTAND MIT CHINA

Ins gleiche Horn stößt die Unternehmensberatung

Boston Consulting Group (BCG).

Sie prognostiziert, dass von 2015 an die Gesamtkosten

der Produktion in den USA

nicht mehr höher sein werden als in China.

Die Vereinigten Staaten werden dann, sagt

BCG-Berater Harold Sirkin, „einer der

günstigsten Produktionsstandorte der entwickelten

Welt sein“.

Begonnen hatte die Zeitwende 2010.

Seither kletterte die Zahl der Jobs in der industriellen

Fertigung der USA langsam,

aber stetig – um rund 600 000 auf derzeit

12,1 Millionen. Zu den bekanntesten Ursachen

gehören die gesunkenen Energiepreisen

durch die massive Erschließung neuer

Schiefergasvorräte. Dadurch ist Erdgas

heute in den Vereinigten Staaten rund zwei

Drittel günstiger zu haben als in Europa

oder China. Strom kostet in den USA nicht

wesentlich mehr als in China.

Weniger ins öffentliche Bewusstsein gedrungen

ist die Annäherung der USA an China

bei den Gesamtproduktionskosten aufgrund

der Lohnentwicklung. Während die

Lohnstückkosten in den USA seit 2000 nahezu

unverändert blieben, verdreifachten sie

sich in China. Zwar verdient ein chinesischer

Fabrikarbeiter mit durchschnittlich vier Euro

pro Stunde nur ein Sechstel eines US-Arbeiters.

Doch weil chinesische Fabriken für

vergleichbare Arbeiten auch bis zu zehn Mal

mehr Arbeiter benötigen, schmilzt der

Standortvorteil im Reich der Mitte rasant.

Zudem ist das durchschnittliche Lohnniveau

in den USA wenig aussagekräftig. In

den südlichen US-Bundesstaaten, wo die

Gewerkschaften wenig Einfluss haben und

wo sich die Industrie derzeit bevorzugt ansiedelt,

wird der US-Durchschnittslohn von

35 Dollar praktisch nie gezahlt. Bandarbeiter,

die im Passat-Werk von Volkswagen im

Bundesstaat Tennessee anheuern, müssen

»Es beginnt ein

neues Kapitel der

Weltwirtschaft«

Bain-Berater Armin Schmiedeberg

sich mit Stundenlöhnen zwischen 14,50

Dollar und 19,50 Dollar zufriedengeben.

Nach Meinung von Bain kommen weitere

Faktoren hinzu, die den Industrieboom

in den USA sehr zur Freude deutscher Exporteure

begünstigen. So ist die Infrastruktur

in den Vereinigten Staaten den Verkehrswegen

und der Stromversorgung vieler

Schwellenländer deutlich überlegen.

Das Wachstum der Bevölkerung von derzeit

318 auf rund 400 Millionen Amerikaner

im Jahr 2050 sorgt für einen Nachschub

an Arbeitskräften. Und die hohe IT-Kompetenz

in Internet-Innovationshochburgen

wie dem Silicon Valley oder New York

sind weltweit unübertroffen.

Vor diesem Hintergrund macht in den

USA ein neues Zauberwort die Runde: „ Reshoring“,

das Gegenteil von „Offshoring“, also

die Rückverlagerung einst ausgelagerter

Fertigungsstätten. Es gibt sogar schon eine

entsprechende Lobby-Gruppe, die „Reshoring

Initiative“ im Bundesstaat Illinois. Von

hier verbreitet Harry Moser, Präsident der

Organisation, Optimismus. Seit 2010 haben

nach seiner Rechnung rund 200 Unternehmen

Produktion in die USA zurückgeholt.

NICHT NUR AUS DER FERNE

Mosers Liste ist eindrucksvoll: Apple baut

mit 1700 Mitarbeitern ein Notebook-Modell

neuerdings in Texas, General Electric

hat die Produktion verschiedener Haushaltsgeräte

von China nach Kentucky verlagert,

der Chemieriese Dow Chemical

schafft durch die Rückverlagerung nach

Louisiana und Texas bis zu 35 000 Jobs.

Auch Motorola, Boeing und Caterpillar haben

ihre Liebe zum Standort USA wiederentdeckt.

Möglicherweise sind diese Unternehmen

aber nur die Vorhut. Derzeit

überlegen laut einer Befragung von BCG

über 54 Prozent der US-Unternehmen mit

mehr als einer Milliarde Dollar Umsatz, ob

sie sich dem Trend anschließen.

Natürlich betrachten deutsche Unternehmen

den Standort USA nicht nur aus der

Ferne. Wo nötig und möglich, versuchen sie,

die Vorteile direkt abzugreifen. „Unsere Fertigungsindustrie

hat die USA nicht nur als

Exportmarkt, sondern auch als Standort im

Visier“, sagt Bain-Berater Schmiedeberg. Für

den Maschinenbauer-Verband VDMA steht

zweifelsfrei fest: „Die USA ist der wichtigste

ausländische Investitionsstandort.“ Und der

Verband der chemischen Industrie setzt seine

Hoffnungen vor allem auf die Vereinigten

Staaten. „Die USA sind der wichtigste Markt

und Produktionsstandort im Ausland.“ Dabei

haben sich die Motive der Unterneh-

»

FOTO: BLOOMBERG NEWS/KRISZTIAN BOCSI

42 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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TTIP

Weit hergeholt bis frei erfunden

Gegner des Transatlantischen Freihandelsvertrags sind sich für kein noch so falsches Argument zu schade.

FOTOS: PR (2)

Exportstarke deutsche Unternehmen

würden von einem Transatlantischen Freihandelsabkommen

(TTIP), über das die

EU und die USA seit Juli 2013 verhandeln,

sehr profitieren. Vor allem die chemische

Industrie, der Maschinenbau und die Automobilbranche

erhoffen sich erhebliche

Umsatz- und Gewinnsteigerungen. Und

das über die wachsenden Exporte hinaus,

die die Unternehmensberatung Bain den

hiesigen Fabrik- und Anlagenausrüstern

durch die Reindustrialisierung in den Vereinigten

Staaten prognostiziert. So geht

das Münchner ifo Institut davon aus, dass

die Ausfuhr von Industriegütern dank TTIP

um 3,2 Prozent zulegen würde, gegenüber

nur 2,5 Prozent bei Dienstleistungen.

Vor allem eine einheitlichere Regulierung

würde den Unternehmen das Geschäft

erleichtern. Paradebeispiel sind die

Autokonzerne, die einen Pkw für Europa

mit orangefarbenen und einen für die USA

mit roten Blinklichtern ausstatten müssen.

Die Vielzahl solcher unterschiedlicher

Vorschriften lassen die Mehrkosten für die

Hersteller auf beiden Seiten des Atlantiks

jedes Jahr auf 11,5 Milliarden Euro hochschnellen,

ermittelte die niederländische

VW Golf mit orangefarbenen Blinkern

Fahrzeug für Kunden in Europa

Beratungsgesellschaft Ecorys. „Am VW

Golf könnte man 500 Euro einsparen,

wenn man die technischen Standards auf

beiden Seiten des Atlantiks vereinheitlichen

würde“, rechnet der deutsche

EU-Kommissar Günther Oettinger vor.

Könnte man, würde man... Denn während

die Industrieverbände auf beiden Sei-

ten des Atlantiks Tausende von Produktlinien

nach Vereinfachungen durchforsten, wächst

gegen TTIP der Widerstand. So traut sich

niemand, den deutschen Autofahrern einen

roten Blinker zuzumuten, denn schon jetzt

sind die Vorbehalte hierzulande erheblich.

Nur vier Prozent der Deutschen trauen den

US-Sicherheitsstandards bei Autos, ergab

eine Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-

Stiftung. Bei Umwelt- und Nahrungsmittelstandards

lag der Anteil der Gutgläubigen

jeweils sogar nur bei zwei Prozent.

MÄR VON DER GENMAISFLUT

Nichtregierungsorganisationen (NGO) machen

seit Monaten Stimmung gegen TTIP.

Kein Argument scheint den Kritikern zu

weit hergeholt, manches ist schlicht frei erfunden.

So behauptet der Verein Campact

– Kampagnen für eine lebendige Demokratie

mit Sitz im niedersächsischen Verden

in einer Petition, die bereits 620 000 Menschen

unterschrieben haben: „TTIP gefährdet

unsere Gesundheit: Was in den USA

erlaubt ist, würde auch in der EU legal – so

wäre der Weg frei für Fracking, Gen-Essen

und Hormonfleisch.“

Einen solchen Automatismus beabsichtigt

niemand. Das Verhandlungsmandat,

das die 28 EU-Mitgliedstaaten erteilt

haben, sieht ausdrücklich vor, dass das

Niveau der Rechtsvorschriften beim Umweltschutz,

Arbeitsrecht und Gesundheitsschutz

„gewahrt“ werden muss. So darf Kanada

explizit kein mit Wachstumshormonen

behandeltes Rindfleisch in die EU exportieren.

Auch eine Flut gentechnisch veränderter

Organismen ist eine Mär. Das Thema

steht bei den Verhandlungen gar nicht auf

der Tagesordnung, und EU-Handelskommissar

Karel De Gucht hat klargemacht,

dass mit Chlor behandelte Hähnchen in der

EU weiterhin verboten bleiben sollen.

Zwischenzeitlich hatte er nur für eine Zulassung

plus Kennzeichnung plädiert, rückte

nach großer öffentlicher Entrüstung davon

aber wieder ab.

Besonders abstrus ist die Behauptung,

TTIP löse die Privatisierung in der Wasserversorgung,

dem Gesundheitsbereich und

in der Bildung aus. Über die Privatisierung

entscheiden ausschließlich Regierungen.

Verhandelt werden soll nur ein

besserer Zugang von Firmen zu öffentlichen

Ausschreibungen. Zahlreiche US-

Staaten lassen ausländische Unternehmen

bisher nicht zu.

Am heftigsten kritisieren die TTIP-Gegner

den Investitionsschutz, den die NGO

in arbeit

VW Golf mit rotem Blinker Fahrzeug für

Kunden in den USA

Corporate Europe Observatory, kurz CEO,

in Brüssel als „Parallelrecht“ brandmarkt.

Dass Investitionsschutzverträge Völkerrecht

sind, wird ausgeblendet, ebenso,

dass Deutschland mit 131 Ländern Investitionsschutzverträge

abgeschlossen hat,

die seine Firmen vor politischer Willkür im

Ausland schützen. Weil der schwedische

Energiekonzern Vattenfall wegen des

Atomausstiegs gegen Deutschland auf

Schadensersatz klagt, stellen TTIP-Gegner

den Investitionsschutz als Angriff auf die

Demokratie dar. Dabei zielt der maximal

darauf ab, Unternehmen Planungssicherheit

zu geben.

Zwar haben die geheimen Schiedsgerichte,

denen sich wie bei Vattenfall auch

Staaten unterwerfen, den Nachteil, dass

hier über Gesetzgeber und Steuerzahler

geurteilt wird, ohne dass diese die Begründung

des Richterspruchs erfahren

und dagegen rechtlich vorgehen können.

Doch statt Abhilfe zu fordern, möchten

die Gegner lieber das ganze Verfahren

und damit TTIP insgesamt kippen. n

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 43

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Unternehmen&Märkte

»

men verändert. „Häufig geht es nicht

mehr nur noch darum, mit der US-Produktion

den amerikanischen Markt besser bedienen

zu können. Das war in der Vergangenheit

oft das Motiv für Produktionsverlagerungen

in den USA“, sagt Bain-Experte

Schmiedeberg. „Die USA sind für deutsche

Unternehmen heute immer öfter ein günstiger

Produktionsstandort und ein Kompetenzzentrum,

von wo aus zukünftig der

Weltmarkt beliefert wird.“

So investiert etwa BASF wegen der niedrigeren

Energiepreise Milliarden in den

Ausbau seiner Produktion in den USA. Der

Spezialchemiehersteller Evonik produziert

Leichtbauteile für Autos künftig in Alabama,

Wettbewerber Lanxess hat neuerdings

eine Fabrik für synthetische Materialien in

North Carolina. Der Duisburger Stahlhändler

Klöckner & Co. hat bereits über

50 Standorte in den USA und sie zum

„Kernwachstumsmarkt“ erklärt. Für Chef

Gisbert Rühl sind die Staaten im Vergleich

zu Deutschland „der bessere Industriestandort“,

wo er vor allem organisch wachsen

oder Wettbewerber übernehmen will.

ZUFRIEDENHEIT IN SINDELFINGEN

Die bekanntesten deutschen Direktinvestoren

in den USA sind allerdings die Autobauer.

VW hat eine Verdopplung der Kapazität

im US-Werk im Bundesstaat Tennessee

beschlossen. BMW erweitert das US-

Werk in Spartanburg im Bundesstaat South

Carolina bis 2016 mit einer Gesamtinvestition

von rund einer Milliarde Dollar. Drei

von vier Autos aus Spartanburg gehen in

den Export. Daimler ist dabei, die Produktion

der Mercedes C-Klasse von Stuttgart

nach Tuscaloosa zu verlagern. Eine weitere

Fabrik zur Belieferung des US-Markts soll

zusammen mit Partner Nissan in Mexiko

hochgezogen werden.

Proteste in Deutschland gegen mehr Produktion

in den USA sind selten. Die dort gebauten

Autos sicherten durch Zulieferteile

auch Jobs in Europa ab, heißt es etwa beim

BMW-Betriebsrat. Auch die Belegschaftsvertreter

bei Daimler sind zufrieden: Im Juli

verkündete der Konzern, dass die Produktion

nicht nur weltweit ausgebaut wird, sondern

bis 2020 auch 1,5 Milliarden Euro in

den Standort Sindelfingen fließen sollen.

So werde dort künftig die neue E-Klasse

und ein weiteres, noch unbekanntes Modell

gebaut. „Damit haben wir“, freut sich

der Sindelfinger Betriebsratsvorsitzende

Ergun Lümali, „die Zukunft des Standorts

über 2020 hinaus gesichert.“

n

martin.seiwert@wiwo.de | New York

INTERVIEW Helmuth Ludwig

»Unschlagbare Mischung«

Der Chef der Siemens-US-Industriesparte setzt auf die Kombination

deutscher und amerikanischer Stärken.

Herr Ludwig, sind die

600 000 neuen Fabrikjobs

in den USA der

Beginn einer großen

Rückkehr der Industrie?

Es spricht vieles für ein

echtes Comeback der industriellen

Produktion.

Neben den niedrigen

Energie- und Lohnkosten

stehen derzeit 1900

Milliarden Dollar für Investitionen

in die US-Industrie

zur Verfügung.

Das ist im Verhältnis

zum Bruttosozialprodukt

so viel wie seit fünf

Jahrzehnten nicht mehr.

Außerdem hat sich die

Einstellung geändert:

Früher wurde man als Manager in den

USA belächelt, wenn man nicht an die

Wall Street ging, sondern zu einem Industrieunternehmen

wie Siemens. Die

Leute wussten noch nicht mal, wer Siemens

ist. Heute ist es wieder sehr angesehen,

wirklich etwas zu produzieren.

Und an den Unis wissen die Studenten

auch genau, wer Siemens ist.

Wie profitiert Siemens von der steigenden

Industrieproduktion in den USA?

Wir sehen etwa eine hohe Nachfrage

nach unserer Software für die Produktion.

Wir haben Software für die Produktentwicklung

und für die intelligente

Steuerung und Automatisierung der

Produktionsabläufe. Gerade unsere

Kombinationen dieser Software kommen

gut an. Ich spreche derzeit mit einem

Unternehmen, das wirklich eine

Ikone der US-Wirtschaft ist, über den

Einsatz unserer Softwarelösungen. In

der Autoindustrie, die in den USA schon

wieder auf Vorkrisenniveau produziert,

profitieren wir von hohen Investitionen

in neue Produktionsverfahren und in

neue Fabriken.

Ihr Chef Joe Kaeser hat faktisch gesagt,

dass sich das Schicksal von Siemens in

den USA entscheidet, und den Sitz der

Der Automatisierer

Ludwig, 51, ist Chef des

Siemens-Sektors Industrie in

den USA und forscht nebenbei

zum Industriestandort.

Energiesparte dorthin

verlegt. Ist das für

deutsche Kollegen nicht

ein bisschen viel USA?

Die Menschen bei Siemens

wissen, dass wir

ein globaler Konzern

sind, und sie sind stolz

darauf. Es ist nicht eine

einzelne Region, die uns

stark macht, sondern

das Zusammenspiel.

Deutsche Ingenieurkunst

und die Kompetenz

im Maschinenbau,

kombiniert mit US-Unternehmergeist

und der

Stärke in der IT, das ergibt

eine unschlagbare

Mischung. Auch bei der

Technik sehen Sie dieses Zusammenspiel:

Wir vereinigen Software aus

Deutschland mit Software aus den USA

zu einem Angebot. Wir machen also

Freihandel im Kleinen. Unsere Vision

2020 legt den Schwerpunkt auf Elektrifizierung,

Automatisierung und Digitalisierung.

Diese globale Ausrichtung von

Siemens passt 100-prozentig zu dem,

was gerade in den USA geschieht.

Wenn die USA so wichtig sind, könnte

Siemens doch auch den Hauptsitz der

Industriesparte dorthin verlegen.

Das ist derzeit kein Thema. Aber Teilbereiche

des Industriesektors haben ihren

Hauptsitz bereits in den USA, etwa die

Produktentwicklungssoftware. Auch der

Hauptsitz des Segments Industrielle Sicherheit

ist in den USA.

Siemens hat rund 100 US-Fabriken.

Wird dort künftig mehr als bisher für

den Weltmarkt produziert?

Natürlich wird in einigen unserer Fabriken

künftig mehr für den Weltmarkt produziert.

Andererseits wird das Wachstum

in den USA aber auch für mehr

Importe aus Deutschland sorgen, wovon

die deutschen Kollegen profitieren. Da

ziehen wir alle an einem Strang.

martin.seiwert@wiwo.de | New York

FOTO: PR

44 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Billiger ans Ziel Car2Go schnappt

Taxi-Unternehmen Kunden weg

An allen vorbei

CARSHARING | Bisher unbekannte Zahlen zeigen, wie Car2Go für

Daimler und DriveNow für BMW langsam zum Geschäft werden.

Thomas Beermann hat den Kleinsten –

und sieht darin riesige Chancen. Der

47-Jährige ist Europa-Chef von

Car2Go, der Carsharing-Tochter des Stuttgarter

Autokonzerns Daimler und des

Mietwagenriesen Europcar. Das Gemeinschaftsunternehmen

aus der Nähe von

Stuttgart hat 11 000 Smarts auf der Straße.

Noch haben die Zweisitzer einen Wendekreis

von neun Metern, das neue Modell,

das ab 2015 zum Einsatz kommt, braucht

zwei Meter weniger. „Dieser Wendekreis ist

grandios“, sagt Beermann. „Das macht die

Nutzung in der Stadt noch besser.“

Vor rund einem halben Jahrzehnt von

den Autobauern entdeckt, steht der Wettbewerb

im Carsharing vor einer neuen

Runde. Ob Car2Go, Multicity – die Elektroautoflotte

der französischen Automarke

Citroën – oder DriveNow, der Carsharing-

Ableger von BMW und dem Autovermieter

Sixt: Die Idee, sich ein Auto zu teilen, ist

endgültig aus der Ökoecke heraus. Dort

war das Konzept jahrelang wie festgenagelt,

weil das geliehene Auto an der Ursprungsstation

zurückgegeben werden

musste.

BREAK-EVEN ÜBERSCHRITTEN

Doch ist das neue Carsharing, bei dem das

Auto überall abgestellt werden kann, überhaupt

ein Geschäft oder eher ein Marketinginstrument,

um wenig autoaffine Städter

für sich zu gewinnen? Lässt sich damit

Geld verdienen? Und wie geht es weiter?

Die Antwort gibt eine bisher unveröffentlichte

Studie der auf Mobilität spezialisierten

Hamburger Strategieberatung Civity.

Danach hat Carsharing seine Nische im

städtischen Nahverkehr gefunden. Beim

Kampf um die Marktführerschaft stehen

sich Daimler und BMW gegenüber. Für die

Konzerne ist Carsharing nicht nur Marketing,

sondern auch Geschäft.

„Nach 24 bis 36 Monaten erreichen wir

den Break-even“, sagt Car2Go-Manager

Beermann. Je länger ein Carsharing-System

das Stadtbild präge, desto besser seien

die Zahlen. Konkurrent BMW, der zwei

Jahre nach Daimler einstieg, behauptet

Ähnliches. „Wir haben mit DriveNow die

operative Gewinnschwelle auf Monatsbasis

überschritten“, sagt Geschäftsführer Nico

Gabriel. „Unseren Mutterkonzernen haben

wir gezeigt, dass wir mit dem Thema

Geld verdienen können.“

Der Markt steht erst am Anfang. „Den

Unternehmen ist es gelungen, ein neues

Mobilitätsprodukt zu schaffen und zusätzliche

Erlösströme zu generieren“, sagt Civity-Partner

und Studienautor Stefan Weigele,

die Alternative zum Taxi oder zum eigenen

Auto wird zum globalen Massenmarkt.

Für 2020 errechnen die Berater weltweit

ein Umsatzpotenzial von bis zu 1,4 Milliarden

Euro. Die Anzahl der Systeme müss-

FOTO: PR

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te sich dazu von heute 30 auf rund 140 nahezu

verfünffachen. Aktuell hat Daimler

mit Car2Go die Nase klar vorn. Die Schwaben

sind in 26 Städten rund um den Globus

unterwegs. BMW beschränkt sich mit

DriveNow auf sechs Städte. Die vorsichtige

Gangart zahlt sich aus: Laut Civity liegt

BMW bei den Erlösen vorn.

Die Experten haben ein Jahr lang die öffentlich

zugänglichen Daten über die

Standorte der Autos auf den Carsharing-

Internet-Seiten gescannt und daraus Ausleihzeiten

und Fahrtwege errechnet. Das

Ergebnis: „DriveNow ist das erfolgreichere

Angebot“, sagt Civity-Berater Weigele.

Wie viel Freude die Konzerne am Carsharing

haben, zeigt sich in Berlin, wo laut

Civity weltweit jeder vierte Umsatz-Euro

erwirtschaftet wird. Mehr als 2000 Fahrzeuge

werden hier zur Kurzzeitmiete angeboten.

Die Hauptstädter nutzen sie vor

allem für Kiez-Touren und Fahrten zwischen

den Trendvierteln Mitte, Kreuzberg,

Friedrichshain und Prenzlauer Berg.

GEHEIME RABATTE

Dabei gelingt es BMW offenbar besser als

Daimler, die 650 Fahrzeuge auszulasten.

DriveNow-Fahrzeuge rollen im Schnitt 78

Minuten pro Tag durch die Stadt, die Stuttgarter

kommen auf 62 Minuten. Weit abgeschlagen

ist Multicity mit nur 26 Minuten.

Mögliche Gründe für den Rückstand: Die

Franzosen, die mit der Deutschen Bahn

kooperieren, haben mit 370 Elektroautos

eine kleinere Flotte als DriveNow und

Car2Go, viele Kunden verzichten auf die

dritte Option.

Das Erstaunliche an der Civity-Analyse:

Obwohl die Autos rund 23 Stunden am Tag

ungenutzt herumstehen, reicht das offenbar

annähernd zur Kostendeckung – behaupten

zumindest Daimler und BMW.

Beide sehen sich in Berlin auf gutem Weg

ins operative Plus, obwohl DriveNow bei

einem Minutenpreis von 31 Cent im

Schnitt nur 24 Euro pro Tag und Fahrzeug

erlöst, Car2Go sogar nur 18 Euro. Auch in

anderen Städten erlösen die Bayern mehr

als Car2Go, wenngleich alle Unternehmen

dort von den Berliner Spitzenwerten weit

entfernt sind (siehe Grafiken rechts).

Im Zweikampf mit Car2Go sehen die Experten

von Civity das DriveNow-System

aus drei Gründen vorn:

n Kleineres Einzugsgebiet Nicht nur in

Berlin, auch in den anderen Städten ziehen

die Bayern einen engen Kreis um die Innenstadt,

in dem die Fahrzeuge abgeholt

und abgestellt werden können. Im Schnitt

88 Quadratkilometer groß ist das Einzugsgebiet

von DriveNow, rund ein Drittel weniger

als bei Car2Go. „DriveNow konzentriert

sich auf dicht besiedelte Milieu-Stadtteile

und erschließt so relevante Zielgruppen

besser“, sagt Weigele. „Das spiegelt

sich automatisch in der höheren Auslastung

wider.“

n Geräumigere Autos In die Autos von

DriveNow passen vier, in die von Car2Go

nur zwei Leute. „Die Bayern profitieren

aber offensichtlich auch davon, dass sie

hochwertigere und attraktivere Modelle

anbieten“, vermutet Weigele. BMW und

Sixt schicken zu 60 Prozent Mini auf die

Straße, der Rest entfällt auf 1er-BMW. Zwischen

April und Oktober wird auch das Mini

Cabrio angeboten, für 34 statt 31 Cent

pro Minute. Das motiviert die Kundschaft

offenbar zusätzlich.

n Jüngere Modelle Die Smart von Car2Go

haben oft schon einige Betriebsjahre auf

dem Kühler, das Navigationssystem ist veraltet.

„Wir optimieren das zwar ständig“,

sagt Car2Go-Manager Beermann, aber

„wir werden auch über kürzere Haltedauern

nachdenken“. Ursprünglich wollte die

Daimler-Tochter die Smart vier Jahre in der

Flotte halten, inzwischen gelten drei Jahre

als Maximum. DriveNow gibt die Autos

nach zehn bis zwölf Monaten zurück.

Unklar bleibt, zu welchen Konditionen

die Unternehmen die Autos finanzieren –

eine wichtige Stellschraube im Kampf um

Profitabilität. Während die Stuttgarter ihren

Vorteil darin sehen, den Wertverlust

der Autos im ersten Jahr durch eine möglichst

lange Haltedauer zu kompensieren,

minimieren die Münchner finanzielle Risiken:

„Wir haben eine Leasingrate, mit der

wir klar kalkulieren können“, sagt Gabriel.

Für die Autohersteller sind die Carsharing-Töchter

ein wichtiges Marketinginstrument:

Wer mal einen Smart, Mini oder

1er-BMW geliehen hat, kauft sich womöglich

irgendwann auch so ein Modell. Und

sie bringen Umsatz: Zum Listenpreis von

10 000 Euro pro Fahrzeug würden die

11 000 Car2Go-Smart 110 Millionen Euro

bringen. Abzüglich der beträchtlichen Rabatte,

deren genaue Höhe aber geheim ist.

Dafür ist Wachstum garantiert:„Bis 2020

werden wir weltweit in 40 bis 50 weiteren

Städten an den Start gehen“, sagt Car2Go-

Europa-Chef Beermann, drei Mal so viele

wie heute. Sein Umsatzziel: eine Milliarde

Euro. Auch BMW setzt auf Expansion, aber

langsamer. „Unser Ziel in den kommenden

Jahren: bis zu 15 europäische und 10 amerikanische

Metropolen“, kündigt Gabriel

»

Auf Gewinnkurs

Weltweiter Umsatz mit Carsharing

(in Millionen Euro)*

(30 Angebote)**

53–64

2013

2020

Car2Go

(Daimler/Europcar)

DriveNow

(BMW/Sixt)

Multicity

(Citroën)

Effektive tägliche Fahrzeit eines Carsharing-

Fahrzeugs (in Minuten)

Deutschland

54

41–50

62

(140 Angebote)**

Berlin

78

11–13

0,7–0,9

58

26

Car2Go DriveNow Multicity

Durchschnittlicher Tageserlös pro Carsharing-

Fahrzeug (in Euro)

Europa

16

18

Berlin

1400

18

24

Car2Go DriveNow Multicity

* ohne feste Abhol- und Abgabepunkte; Fahrerlöse;

April 2013 bis März 2014; ** Angebote = Zahl der

Städte, in denen ein Carsharing-Betreiber präsent ist;

Quelle: Civity

7

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 47

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Unternehmen&Märkte

»

an. Dicke Gewinne wird Carsharing auf

Dauer aber nur abwerfen, wenn die Betreiber

nicht nur expandieren, sondern gleichzeitig

Nutzerzahl und Auslastung erhöhen

sowie zusätzliche Erlöse durch Extra-Angebote

erzielen. Car2Go und DriveNow

steigerten den Umsatz, indem sie ihren

Kunden in einigen Städten erlaubten, die

Autos auch außerhalb des City-Bereichs,

etwa am Flughafen, abzustellen.

Car2Go bietet in Berlin und Hamburg

neben Smart auch die Mercedes B-Klasse

an. Die 100 schwarzen Limousinen kosten

zehn Euro pro Stunde und 49 Euro pro Tag

– inklusive Benzin. Bei der Offerte „Car2Go

Black“ werden dann ab Kilometer 51 zusätzlich

29 Cent pro Kilometer fällig. Der

Vorteil: Die Autos können auf festen Parkspots

abgestellt werden, die Parkplatzsuche

entfällt. Auch einfache Fahrten zwischen

Hamburg und Berlin sind möglich.

Car2Go attackiert damit die Autovermieter.

FREIER EINTRITT IN DIE THERME

Das nächste Schmankerl der Carsharing-

Anbieter könnten Fahrten ins Umland werden.

Die Möglichkeit, für acht Euro extra

zwischen Köln und Düsseldorf zu pendeln,

hat laut DriveNow auch Kunden über 45

Jahre überzeugt. Jetzt wollen die Bayern die

Auslastung weiter erhöhen, indem sie ihre

Kunden zu Tagesausflügen animieren: in

Köln oder Düsseldorf zum Wasserski, in

Hamburg zum Outlet-Center oder in München

in die Therme – jeweils mit Gutschein

für Eintritt oder Einkauf.

Die Ausflugsidee ist nur eine von vielen,

an denen die Konzerne arbeiten. Wer mit

Junge Flotte DriveNow-Chef

Gabriel behält die Fahrzeuge

nur ein Jahr

Die erfolgreichsten Städte

Fahrten pro Jahr und Fahrzeug*

Mailand

Portland

Hamburg

Seattle

Berlin

Wien

München

Hamburg

Calgary

Vancouver

Denver

Car2Go

DriveNow

* harmonisiert auf 24 Monate Betriebsdauer;

Quelle: Civity

2700

2600

2500

2400

2400

2300

2200

2100

2100

2000

1900

DriveNow zum Beispiel zum Shopping zu

Rewe fährt, erhält bis zu zehn freie Parkminuten

sowie fünf Prozent Rabatt auf den

Einkauf. „Solche Pakete sind noch kein riesiger

Hebel“, sagt BMW-Manager Gabriel,

„aber da ist noch viel Zukunftsmusik drin.“

Bleibt die Frage, wie die Städte auf die

neuen Autoflotten reagieren. Denn von deren

Verwaltungen hängt der langfristige Erfolg

des Carsharings ab, bei dem der Kunde

sein Auto nach Belieben in der City abstellen

kann. Nicht überall treffen die Unternehmen

damit auf Gegenliebe. In London

erlebte Car2Go ein Debakel, nach nur 18

Monaten zog sich die Daimler-Tochter in

diesem Jahr aus der britischen Hauptstadt

zurück – wegen „administrativer Hürden“,

wie Beermann formuliert. Alle 32 Stadtbezirke

haben einen eigenen Bürgermeister,

was beim Aufbau eines einheitlichen Parkraums

zu Problemen geführt habe. „Wir

mussten mit jedem einzelnen Stadtteil verhandeln

– und wir hatten Ende 2013 nicht

genügend Innenstadt-Bezirke beisammen.“

Auch in Deutschland gibt es Bremser

in den Städten. München etwa deckelt

die Zahl der Fahrzeuge pro Anbieter auf

500 und limitiert das Freiparken in Anwohnergebieten.

Ohne das Wohlwollen der Behörden

geht aber nichts. „Wir haben bewiesen,

dass wir nachhaltig arbeiten und erste Entlastungseffekte

bringen können“, sagt

DriveNow-Chef Gabriel, „nun sollten die

Städte entscheiden, ob und inwieweit sie

das Carsharing weiter fördern und ausbauen

wollen.“ Sinnvoll wäre es etwa, die Parkgebühren

zu senken oder Park-Einschränkungen

aufzuheben, sagt Gabriel.

ZWEIFEL AN NACHHALTIGKEIT

Streit ist auch aus einem anderen Grund

programmiert. Denn die Civity-Studie

weckt Zweifel am ökologischen Nutzen.

Carsharing mit der Möglichkeit, Fahrzeuge

nach Belieben abzustellen, sei „größtenteils

motorisierte Bequemlichkeitsmobilität

im Nahbereich“, sagt Autor Weigele. „50

Prozent der Fahrten sind kürzer als fünf Kilometer.“

Die Autos entzögen damit dem

Taxigewerbe und den Bus- und Bahnbetrieben

teilweise Kundschaft. Radfahrer

steigen plötzlich wieder ins Auto.

Doch der Markt ist noch jung, niemand

weiß, ob Großstädter womöglich bereit

wären, den Zweit- oder sogar den Erstwagen

abzuschaffen oder wenigstens stehen

zu lassen. „Was machen wir, wenn bei 1000

zur Verfügung gestellten Carsharing-Fahrzeugen

3000 oder 6000 Stellplätze frei werden,

weil Haushalte das tun, was sie bei unseren

Untersuchungen bislang angeben,

nämlich zu einem nicht geringen Teil ihr

Privatfahrzeug verkaufen?“, fragt Münchens

Verkehrsstrategie-Chef Schreiner.

Zusätzliche Radwege könnten Kritiker des

flexiblen Carsharings überzeugen.

Was staatliche Regulierung beim Carsharing

vermag, zeigt das Beispiel Mailand,

wo die Stadtverwaltung eine Innenstadt-

Maut erhebt. Nirgendwo konnte die Daimler-Tochter

innerhalb eines Jahres mehr

Kunden gewinnen als in der norditalienischen

Finanzmetropole. Ein „gigantisches

Wachstum“, freut sich Manager Beermann.

„Die Kunden haben Car2Go zu einem Modeartikel

erklärt.“

n

christian.schlesiger@wiwo.de

FOTO: PR

48 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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»Wie im

Wilden

Westen«

INTERVIEW | Rainer Baumgart Der

Chef des Essener IT-Dienstleisters

Secunet, Lieferant der Bundesregierung,

fordert strengere

Vorschriften gegen Cyberangriffe.

FOTO: INGO RAPPERS FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Damit hatten die Funktionäre im

Bundesverband Informationswirtschaft,

Telekommunikation und

neue Medien (Bitkom) nicht gerechnet. Als

sich der neue Arbeitskreis Sicherheitspolitik

zu seiner konstituierenden Sitzung am

4. Juni in Berlin traf, war der Konferenzsaal

so prall gefüllt wie noch nie. Über 100 Vertreter

von Mitgliedsunternehmen reisten

persönlich an. In den Bitkom-Arbeitskreisen

treffen sich sonst nur ausgesuchte Spezialisten

in kleiner Runde. Doch dieses Mal

wollten alle live vor Ort sein, wenn der IT-

Dachverband die Suche nach einer Lösung

in einem Richtungsstreit aufnimmt, der

seit den Enthüllungen des ehemaligen

NSA-Agenten Edward Snowden zwischen

den IT-Anbietern tobt.

Die Zeit drängt. Bis heute habe keine

„echte inhaltliche Diskussion über die

Streitpunkte stattgefunden“, kritisieren

Teilnehmer. Es geht um die IT-Souveränität

Deutschlands. Viele Vorschläge liegen auf

dem Tisch:Weniger Datenverkehr über die

viel genutzte Transatlantik-Strecke oder lokale

Datenspeicher beim Cloud Computing

– so etwas könnte helfen, die Abhängigkeit

von den durch die NSA-Affäre in

Verruf geratenen Internet-Giganten aus

den USA zu reduzieren.

Einer, der bei solchen Debatten vorn

mitmischt, ist Rainer Baumgart. Der Chef

der Essener Secunet Security Networks AG

ist einer der Bauherren des hochsicheren

Regierungsnetzes und berät seit Jahren Minister

und Behördenchefs in puncto IT-Sicherheit.

Sein Wort hat auch in Berlin Gewicht

– besonders in diesen Tagen, da die

Bundesregierung ihre Marschroute bei der

Abwehr von Cyberangriffen festlegt.

DER SICHERHEITSPAPST

Baumgart, 60, ist seit 2001 Vorstandsvorsitzender der Secunet Security Networks AG in

Essen. Er kam 1997 vom TÜV zu Secunet. Das Unternehmen schützt die Bundesregierung

mit hochsicheren Verschlüsselungstechniken vor Cyberattacken.

Am kommenden Mittwoch will das Bundeskabinett

die Digitale Agenda verabschieden,

damit Deutschland „digitales

Wachstumsland Nummer eins in Europa“

werde. Ein Schwerpunkt wird die IT-Sicherheit

sein. Die Vorschläge für eine verstärkte

Cyberabwehr sollen in einem künftigen

IT-Sicherheitsgesetz münden.

Die Details sind höchst umstritten. So

Herr Baumgart, das Bundeskabinett will

am kommenden Mittwoch mit der Digitalen

Agenda so etwas wie einen Masterplan

beschließen, um den Rückstand von

Deutschland im Internet aufzuholen.

Reichen die geplanten Maßnahmen auch,

um Unternehmen vor Cyberattacken zu

schützen?

Die Maßnahmen können nur ein Anfang

propagiert die Bundesregierung den sein. Noch gibt es in Deutschland eine starke

„Selbstschutz“ der Unternehmen und Privathaushalte.

Gleichwohl soll es eine Meldepflicht

bei Cyberangriffen geben, was bei

der Industrie und bei Bitkom auf Widerstand

IT-Sicherheitsindustrie. Die Digitale Agenda

der Bundesregierung muss aber dazu führen,

dass diese Technologien auch eingesetzt

werden. Und zwar nicht nur bei Behör-

stößt. Dazu vertritt Secunet-Chef den, sondern besonders auch in den Unter-

Baumgart provokante Thesen. nehmen bis hin zu Privathaushalten. »

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 49

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Unternehmen&Märkte

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Fast täglich werden inzwischen Attacken

von Geheimdiensten und Cyberkriminellen

bekannt, die Unternehmen

ausspionieren. Woran fehlt es konkret?

Viele Angriffe ließen sich abwehren, wenn

die Betroffenen die vorhandenen Sicherheitstechniken

konsequent installieren

würden. Es gibt Unternehmen, die einen

hohen Sicherheitsstandard erreicht haben.

Aber die Mehrheit setzt IT-Sicherheitsprodukte,

wenn überhaupt, nur als Feigenblatt

ein. Die Verantwortlichen kaufen Firewalls

und Virenschutzprogramme und meinen

dann, ihre Aufgabe erfüllt zu haben.

Haben die Enthüllungen des ehemaligen

NSA-Agenten Edward Snowden die

Verantwortlichen in den Firmen nicht

wachgerüttelt?

cherheit der Aufzüge an und gilt erst recht

für die IT-Systeme. Die Unternehmen müssen

Regeln aufstellen und durchsetzen und

gelegentlich auch hinterfragen, ob sie überhaupt

noch vernünftig sind. Bei der IT-Sicherheit

spielt nach wie vor die Funktionalität

und der Komfort eine ganz wichtige Rolle.

Das heißt?

Jeder will mobil überall unter allen Umständen

erreichbar sein. Natürlich soll es

auch sicher sein. Aber schon bei den geringsten

Einschränkungen – dass ich mich

zum Beispiel ausweisen oder eine Chipkarte

einlegen muss – heißt es sofort: Das

geht ja gar nicht. Dann bin ich ja nicht

mehr so schnell und flexibel wie vorher.

Manager und Mitarbeiter gehen dann zu

ihren IT-Verantwortlichen und weigern

Maxime für die Unternehmen fest. Auch

künftig soll es nur ganz wenige Vorschriften

geben. Und selbst die stoßen –

wie die Meldepflicht bei Cyberangriffen –

auf laute Proteste aus der Industrie.

Kämpfen Sie gegen Windmühlen?

Ich bin davon überzeugt: Ohne Regulierung

mit strengen Vorschriften und ihrer

konsequenten Überwachung, dass sie

auch eingehalten werden, wird es keinen

Schutz vor Cyberangriffen geben. Schauen

Sie sich andere gesellschaftliche Bereiche

wie zum Beispiel das Gesundheitswesen

an. Hält sich niemand an die Hygienevorschriften,

würden sich sofort gefährliche

Erreger ausbreiten. Bricht doch eine Epidemie

aus wie jetzt bei Ebola, gibt es exakte

Notfallpläne. Für das Internet und die IT-

Das sehe ich bisher nur in Einzelfällen. Ein

Sicherheitsverantwortlicher gibt ja kaum

zu, dass er in der Vergangenheit schlechte

Arbeit abgeliefert hat. Deshalb wird keiner

ankündigen: Jetzt muss ich etwas tun. Die

meisten sagen, sie hätten schon alles getan,

und werden in Zukunft so weitermachen

wie bisher. Aber das ist definitiv zu wenig.

Auch in den Unternehmen gibt es nachweislich

noch viele Sicherheitslücken, die

schnell geschlossen werden müssen.

Das klingt doch sehr nach Eigenwerbung.

Warum kaufen so wenig Unternehmen

Ihre IT-Sicherheitslösungen, obwohl Sie

mit der Bundesregierung eine hervorragende

Referenz vorweisen können?

Ganz einfach, weil hohe Sicherheit immer

etwas Mehraufwand bedeutet. Das fängt

beim profanen Feuermelder und bei der Sisich,

das sichere Gerät zu nutzen. Die IT-

Verantwortlichen sitzen dann zwischen

Baum und Borke.

Wollen Sie damit sagen, die deutschen

Manager sind nicht auf der Höhe der Zeit?

Sagen wir’s mal so: Wir sind in Deutschland

noch immer in der Phase des Missionierens.

Und die wird so lange andauern,

wie Unternehmen IT-Sicherheit auf freiwilliger

Basis einrichten. Bei der IT-Sicherheit

gelten heute so wenig Regeln wie früher im

Wilden Westen. Sobald man etwas in die

Sicherheit investiert, glauben manche Verantwortliche,

es sei schon ausreichend,

auch wenn sie ahnen, dass sie Sicherheit

oft nur vorgaukeln und an der falschen

Stelle sparen.

Die Bundesregierung hält in ihrer Digitalen

Agenda am Selbstschutz als oberste

Techniken gibt es das alles nicht. Jeder

kann machen, was er will. Der Anwender

wird lediglich aufgerufen, Vorsicht walten

zu lassen. Das ist so, als würden Sie ein Auto

ohne Bremsen verkaufen und den Fahrer

ermahnen, gut aufzupassen.

Die Bundesregierung will die deutschen

IT-Sicherheitsfirmen fördern, um

Abhängigkeit von den Internet-Giganten

in den USA und Asien zu reduzieren.

Trotzdem wurde Ihr Konkurrent Secusmart

in Düsseldorf gerade an den kanadischen

Smartphone-Hersteller Blackberry

verkauft. Droht ein Ausverkauf der deutschen

IT-Sicherheitsindustrie?

Dieser Ausverkauf findet ja schon seit

einigen Jahren statt. Wenn sich hiesige

Unternehmen mit einem zertifizierten

Produkt am Markt etabliert haben, werden

50 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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sie plötzlich auch interessant für ausländische

Investoren. Um einen Know-how-Abfluss

ins Ausland zu verhindern, hat die

Bundesregierung schon vor über zehn Jahren

das Außenwirtschaftsgesetz geändert

und auch für Verschlüsselungstechnologien

einen Genehmigungsvorbehalt eingeführt.

Das heißt aber nicht, dass jedes Unternehmen,

das eine Verschlüsselungslösung

entwickelt hat, systemrelevant ist und

sich ausländische Investoren dort nicht engagieren

dürfen. Es gibt aber einen harten

Kern von Unternehmen, deren Verkauf

große Lücken in die IT-sicherheitstechnischen

Fähigkeiten reißen würden. Die angestrebte

digitale Souveränität Deutschlands

oder Europas wäre dann in der Tat

gefährdet.

Großangriff auf Datenschätze

Wie deutsche Unternehmen ausspioniert

werden (in Prozent)

49,6

41,1

38,4

33,0

21,9

17,4

Quelle: Corporate Trust

Hackerangriffe auf IT-

Systeme und -Geräte

Abhören und Abfangen elektronischer

Kommunikation

Geschicktes Ausfragen von

Mitarbeitern am Telefon und in

sozialen Netzwerken

Datendiebstahl durch eigene

Mitarbeiter

Abfluss von Daten durch externe Dritte

wie Zulieferer, Dienstleister und Berater

Diebstahl von Geräten wie

Laptop und Smartphone

auf diesem Markt spielen wollen. Auch die

Großen unter ihnen sind kaum in der Lage,

den Markt zu konsolidieren und die kleinen

Anbieter zusammenzuführen. Secunet

zum Beispiel ist mit einem Jahresumsatz

zwischen 60 und 70 Millionen Euro einer

der größten Anbieter in seinem Segment.

Es ist aber zu erwarten, dass sich einige

Kristallisationspunkte herausbilden,

an denen sich viele ausrichten werden. Dabei

könnte sich eine verstärkte Exportförderung

deutscher IT-Sicherheitstechnik

positiv auf die Stabilität und Entwicklung

der Branche auswirken.

Warum füllen Sie das Vakuum nicht,

indem Sie Konkurrenten aufkaufen?

Wir sind durchaus interessiert, aber es

muss passen. Viele Technologien haben

Ist diese gefährdet, wenn Secusmart bei

Blackberry bleiben darf?

Nein. Den Verkauf sehe ich nicht als so kritisch

an, weil hier sicherheitsrelevante

Komponenten nicht ausschließlich von

Secusmart kommen. Verschlüsselungen

für Smartphone-Telefonate bieten auch

andere Unternehmen an.

Bei vielen der hiesigen IT-Sicherheitsfirmen

flattern gerade verstärkt

Übernahmeangebote auf die Schreibtische

der Eigentümer. Warum schauen

sich ausländische Investoren gerade

in Deutschland so intensiv um?

Das Thema Cybersecurity ist gerade in aller

Munde. Wenn sich Investoren umschauen,

stellen sie schnell fest, dass

Deutschland einer der größten IT-Sicherheitsmärkte

in Europa ist. Die nehmen die

Suche nach einem Unternehmen mit hohem

Marktanteil auf, stellen dann aber fest,

dass nur wenige eine wirklich dominante

Position haben. Der Markt ist von vielen

Spezialisten geprägt und in viele Nischen

zersplittert. Den Investoren bleibt nur übrig,

die Rosinen herauszupicken. Für

manch einen Mittelständler ist es dann

durchaus attraktiv, in der aktuellen Hype-

Phase zu verkaufen.

Sollte die Bundesregierung einen Schutzwall

um diese Unternehmen bauen?

Jemand hat mal die Idee aufgebracht, eine

Art Airbus für die europäische IT-Sicherheitsindustrie

zu bauen. Doch das halte ich

für einen Irrweg. Im deutschen IT-Sicherheitsverband

TeleTrust sind über 200 vorwiegend

mittelständische Unternehmen

organisiert, die alle eine besondere Rolle

wir schon im eigenen Haus. Und viele Nischen

sind so klein, dass sie für uns nicht

attraktiv sind.

Die Deutsche Telekom hält ebenfalls nach

Übernahmekandidaten Ausschau.

Könnte sie eine Art Schutzpatron für die

kleinen deutschen Anbieter werden?

Bislang nicht. Da lohnt ein Rückblick in unsere

Firmenhistorie. Die Deutsche Telekom

war schon mal an Secunet beteiligt,

stieg dann aber aus und entwickelte wieder

eigene Sicherheitstechnologien. Den Beweis,

dass sie ein langfristig verlässlicher

Partner für die deutsche IT-Sicherheitsbranche

sein kann, hat sie daher bislang

noch nicht erbracht. Die Entwicklungen im

deutschen IT-Sicherheitsmarkt bleiben

spannend.

n

juergen.berke@wiwo.de

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 51

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Unternehmen&Märkte

Im Schatten von Kirch Deutsche-Bank-

Co-Vorstandschef Fitschen

Notausgang Rente

DEUTSCHE BANK | Trotz der Anklage im Kirch-Verfahren

sitzt Co-Chef Jürgen Fitschen fest im Sattel. Doch unter der

selbstbewussten Oberfläche des Instituts gärt es.

In der schnelllebigen Welt der Investmentbanken

ist Christian Thun-Hohenstein

eine Institution. Seit 30 Jahren hat

er unter anderem in Diensten von Merrill

Lynch, der Deutschen Bank und der japanischen

Nomura Konzepte für Übernahmen

und Restrukturierungen von Unternehmen

entworfen. Manchmal, so beim

Kauf von Mannesmann durch Vodafone

Ende 1999, wurden die Pläne wahr. Oft jedoch

wanderten sie, wie das in der Branche

üblich ist, als bloße Fallstudien in den

„Erledigt“-Ordner der Festplatte.

Ein Szenario des aus österreichischem

Adel stammenden Medienexperten hat jedoch

ein langes, folgenschweres und dabei

völlig ungeplantes Nachleben. In ihm skizzierte

der Banker im Jahr 2002, wie sein damaliger

Arbeitgeber Deutsche Bank den

angeschlagenen Kirch-Medienkonzern

möglichst profitabel zerlegen könnte.

Die Bank erklärt die Überlegungen heute

zu Planspielen mit geringem Realitätsbezug.

Für die Münchner Staatsanwaltschaft

sind sie ein wichtiges Beweisstück in ihrem

beispiellosen Feldzug gegen das Frankfurter

Institut. Der gipfelt nun in einer spektakulären

Anklage. Mit Rolf Breuer, Josef

Ackermann und Jürgen Fitschen wollen

die Ermittler alle drei in diesem Jahrtausend

amtierenden Vorstandsvorsitzenden

vor Gericht. Hinzu kommen die früheren

Vorstände Tessen von Heydebreck und

Clemens Börsig. Die Anklageschrift soll

nebst umfangreicher Anhänge 600 Seiten

umfassen. Bei den Betroffenen war sie vergangene

Woche noch nicht eingegangen.

Vorerst rechnet sich die Bank gute Chancen

aus, dass das Verfahren für Fitschen

glimpflich endet. Intern wird seine Position

kaum hinterfragt, ein Rücktritt ist derzeit

kein Thema. Dennoch wäre ein weiterer

Großprozess ein schwerer Schlag für das

angekratzte Image des Instituts.

GESCHLOSSEN HINTER DEM CHEF

Dabei fallen die Vorwürfe gegen Fitschen

tatsächlich eine Nummer kleiner aus als

die gegen seine Ex-Kollegen. Während die

beim Schadensersatzprozess in München

gelogen haben sollen, wirft die Staatsanwaltschaft

dem amtierenden Co-Chef der

Bank vor, dass er falsche Aussagen nicht

korrigiert hat. Die Strafverfolger hatten ihm

bereits angeboten, die Sache gegen eine

Zahlung von 500 000 Euro zu vergessen.

Doch Fitschen sieht sich im Recht, „er will

kämpfen“, heißt es in der Bank. Der Aufsichtsrat

stehe dabei „geschlossen hinter

ihm“, sagt ein Mitglied des Gremiums.

Auch sein Amt als Präsident des Bankenverbandes

steht nicht zur Debatte. Die

Lobby-Organisation ist Kummer mit dem

Führungspersonal gewohnt. Als Ex-Vorstand

der BayernLB stand Geschäftsführer

Michael Kemmer wegen der missglückten

Übernahme der österreichischen Hypo

Alpe Adria zuletzt in München vor Gericht.

Unter der selbstbewussten Oberfläche

herrscht in der Deutschen Bank jedoch

Nervosität. Eine Nachfolgedebatte soll unbedingt

vermieden werden. Die Kirch-Affäre

ist ohnehin schon denkbar dumm und

teuer gelaufen, nun haben sich die Bankmanager

einmal mehr verrechnet. Anfang

des Jahres hatten sie nach fast zwölf Jahren

Streit einen Vergleich mit den Kirch-Erben

geschlossen und fast eine Milliarde an sie

überwiesen. Die Banker hofften, damit

auch die Strafverfolger um die Staatsanwältin

Christiane Serini milde zu stimmen.

Als die Rechnung nicht aufging, spekulierten

die Banker darauf, dass wenigstens

Fitschen ohne Anklage davonkommen

werde. Er selbst erklärte Anfang des Jahres,

dass er weder gelogen noch betrogen habe

und fest davon ausgehe, dass das die

Staatsanwälte genauso sähen.

Offiziell gibt sich die Bank zurzeit ausgesprochen

schmallippig. Hinter vorgehaltener

Hand wird aber mächtig über die

FOTO: VISUM/STEFAN BONESS

52 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: PLAINPICTURE/BILDHUSET

Münchner Rechtsverfolger geschimpft.

Deren Attacke gilt als „völlig absurd“ und

„rein politisch motiviert“. Ähnlich selbstbewusst

hatte die Bank auch schon im Zivilverfahren

argumentiert. Obwohl sie durchaus

Gründe dafür hatte, ist sie denkbar dramatisch

gescheitert.

Nun setzen die Banker darauf, dass der

zuständige Richter Peter Noll ein Einsehen

hat und die Klage gegen Fitschen gar nicht

erst zulässt. Dass ihr Chef tatsächlich auf

der Anklagebank Platz nimmt, will sich in

Frankfurt keiner so recht vorstellen. Schon

rechnen Insider vor, wie sich das Thema

mehr oder weniger durch Zeitablauf erledigen

lasse. Bis zum Beginn eines Prozesses

könnten womöglich noch zwei Jahre

vergehen. Dann stünde der bald 66-Jährige

Fitschen kurz vor dem Ruhestand, sein

Vertrag läuft im Frühjahr 2017 aus.

KAUM ERSETZBAR

Bisher hat Fitschen nicht definitiv erklärt,

dass er als Angeklagter im Amt bleiben

würde. Insider gehen aber fest davon aus.

Denn ein Rücktritt käme zur Unzeit. Fitschen

wäre aktuell kaum ersetzbar. Gegen

seinen Co-Chef Anshu Jain laufen zwar

keine Ermittlungen, als früherer Leiter des

Investmentbankings gilt er aber als für etliche

Verfahren in den USA verantwortlich.

Zudem hat er in Deutschland bisher wenig

Profil gewonnen. Als interner Kandidat für

den Fitschen-Job galt Personal- und

Rechtsvorstand Stephan Leithner. Dummerweise

ist er aber auch von Kirch-Ermittlungen

betroffen, auch wenn eine Anklage

bei ihm noch in den Sternen steht.

So fest die Bank zu ihrem Chef steht, so

empört sind die Deutschbanker über das

beispiellose Desaster. Die Frage, wie es so

weit kommen konnte, treibt sie heftig um.

Auch der Vergleich gilt keinesfalls als Heldentat.

Ihn hätte die Bank so auch schon

deutlich früher schließen können.

Zumindest finanziell bemüht sich der

Aufsichtsrat um Schadensbegrenzung. So

soll wenn möglich Breuers Managerhaftpflicht

einen Teil der Vergleichssumme

übernehmen. Schon um sich nicht selbst

der Untreue schuldig zu machen, prüfen

die Mitglieder des Aufsichtsrats zudem

Regressforderungen gegen die der

Bank eng verbundene Kanzlei Hengeler

Müller. Bei Ex-Chef Breuer sind sie

schon einen Schritt weiter. Er soll einen

Beitrag leisten, dessen Höhe das

Institut derzeit prüft. Im Gespräch ist

ein einstelliger Millionenbetrag. n

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

Knatsch am Kamin

SCHORNSTEINFEGER | Eineinhalb Jahre nach der Liberalisierung

verteidigen die Alteingesessenen der Zunft verbissen ihre Pfründen.

Nun soll ein Internet-Portal den Wettbewerb schüren.

Etwa einmal im Monat fährt

Schornsteinfegermeister Wolfgang

Frei von seinem Sieben-

Mitarbeiter-Betrieb in der Kleinstadt

Bingen am Rhein nach Landau. Dort

kontrolliert er die Heizung der öffentlichen

Gebäude und kehrt deren Kamine.

Der 47-Jährige genießt die Arbeit in

der pfälzischen Kleinstadt eine Autostunde

entfernt. „Ich mag die Experimentierungsfreude

hier“, sagt Frei.

Der Endvierziger gehört zu einer

seltenen Spezies in Deutschland. Frei

zählt sich zu den wenigen Hundert

freien Schornsteinfegern hierzulande.

So nennen sich die Angehörigen der

schwarzen Zunft, die ihre Arbeiten

deutschlandweit anbieten und keinen

festen Bezirk haben. Und Landau ist

die erste Stadt, die hierzulande Schornsteinfegerleistungen

öffentlich ausschrieb

und einen freien Anbieter beauftrage,

seit vor eineinhalb Jahren das

Kehrmonopol fiel. Vorher kehrte jeder

Schornsteinfeger nur in seinem eigenen

Bezirk. Die Kunden mussten sich

mit diesem einen Anbieter zufriedengeben,

Konkurrenz unter den Schornsteinfegern

gab es nicht.

Heute darf sich jeder Hausbesitzer

oder Vermieter aussuchen, wer seinen

Kamin kehren darf. Schornsteinfeger

Frei etwa arbeitet mit seinem Unternehmen

Frei’e Schornsteinfeger mittlerweile

für Kunden in fünf Bundesländern.

Doch die Liberalisierung stockt.

Viele Schornsteinfeger pflegen ihre

Kunden aus Monopolzeiten und kümmern

sich nicht um neue Auftraggeber.

Kunden nutzen die neue

Wahlfreiheit am Kamin

nicht. Höchstens

fünf Prozent

hätten ihren

Schornsteinfeger

gewechselt,

schätzt der Zentralinnungsverband

des Schornsteinfegerhandwerks

(ZIV), der private Zusammenschluss von

Zunftangehörigen.

Das Problem sind die hoheitlichen Aufgaben,

die vom Wettbewerb ausgeschlossen

sind. Dazu zählen die Abnahme neuer

Kamine und die zweimal in sieben Jahren

fällige Feuerstättenschau, bei der alle Heizungen

und Öfen im Haus kontrolliert werden

müssen. Die sind den sogenannten

bevollmächtigten Bezirksschornsteinfegern

vorbehalten, die bisher das Monopol innehatten.

Dadurch behalten die einstigen

Platzhirsche ihre starke Stellung. Zwar machen

die hoheitlichen Aufgaben nur etwa

20 Prozent aller Schornsteinfegertätigkeiten

aus, schätzt der ZIV. Doch die bevollmächtigten

Bezirksfeger haben so bei den

Kunden einen Fuß in der Tür – und können

Eindringlinge leicht vertreiben.

UNTER KARTELLVERDACHT

„Das Monopol ist zum Kartell geworden“,

klagt Roman Heit, einer der wenigen freien

Schornsteinfeger in Berlin. Der 48-Jährige

versucht schon seit 2011, in Berlin Kunden

zu gewinnen, zunächst als Angestellter eines

österreichischen Schornsteinfegerbetriebs.

Anbieter aus der EU durften schon

vor dem Fall des Monopols in Deutschland

aktiv werden. Schon damals bekam Heit

die Abwehr seiner Kollegen zu spüren. „Ick

wurde richtig anjefeindet“, sagt er in breitem

Hauptstadt-Dialekt.

Heits Bilanz der vergangenen drei Jahre

ist erschreckend. Insgesamt viermal musste

er vor Gericht. Zweimal hatte ihn die Senatsverwaltung

verklagt. Beide Male zog

die Behörde ihre Klage während des Prozesses

zurück. In den anderen zwei Fällen

steckte hinter den Attacken die Organisation

Rußtizia, ein Abmahn-Verein der Berliner

Schornsteinfegerinnung. Rußtizia warf

Heit vor, seine Tätigkeit für den österreichischen

Betrieb verstoße gegen deutsches

Recht. In zweiter Instanz gab das Kammergericht

Heit recht. „Mich vom Markt zu

drängen, det is deren einziges Ziel“,

schimpft er.

Offenbar ist Berlin überall. Auch in anderen

Bundesländern haben es die freien

Feger gegen die alteingesessenen Anbie-

»

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 53

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Unternehmen&Märkte

»

ter schwer. Mehr als die Hälfte

der 16 Landeskartellämter bestätigten

auf Anfrage der WirtschaftsWoche

die Beschwerden

von Kunden oder Kaminkehrern

wegen Wettbewerbsbehinderungen.

Ein Wettbewerb sei nicht

spürbar, klagen das hessische

und das bayrische Landeskartellamt.

Aus Sicht der niedersächsischen

Schwesterbehörde wird

„die Liberalisierung zumindest

nicht flächendeckend gelebt“.

Besonders hartnäckig scheinen

die Altmonopolisten in Nordrhein-Westfalen

um ihren angestammten

Bereich zu kämpfen.

Gleich nach dem Fall des Monopols

durchsuchte das Landeskartellamt

in Köln Akten und

Schränke von Schornsteinfegerbetrieben.

Die Kaminkehrer, so

der Verdacht, hätten in einem Ehrenkodex

verabredet, geschäftliche

Aktivitäten weiterhin auf ihre

alten Bezirke zu beschränken

und außerhalb nicht auf Kundenfang

zu gehen. Mittlerweile laufen

die Ermittlungen in insgesamt

drei Landkreisen. Ein Ergebnis

liegt nach Angaben des zuständigen

Landeswirtschaftsministeriums

noch nicht vor.

Wenigstens ein mit den Kartellermittlungen

verbundener Fall landete inzwischen

vor Gericht. Als ein Kölner Schornsteinfeger

in der Nachbarstadt Pulheim Prospekte

verteilte, um Kunden zu werben, drohte der

dortige Bezirkskehrer seinen abgewanderten

Kunden schriftlich: Der Konkurrent aus

der Domstadt sei nicht berechtigt, die Arbeiten

auszuführen. Dem Kölner blieb nur,

den Lügner mit einer einstweiligen richterlichen

Verfügung zu stoppen.

KUNDEN ZUCKEN ZURÜCK

Auch zwischen freien Schornsteinfegern

und ihren bevollmächtigten Kollegen gibt

es Streit. Denn die Bezirksschornsteinfeger

müssen die Arbeiten ihrer freien Kollegen

kontrollieren. „Einige der Bevollmächtigten

nutzen ihre Position aus“, behauptet

der Bingener Feger Frei. Dazu bedienen sie

sich zum Beispiel des Bescheids, der alle

wichtigen Daten über eine Feuerstätte enthält

und in dem die bevollmächtigten Bezirkskehrer

auch die Fristen festlegen, in

denen bestimmte Arbeiten an Kaminen

und Öfen wie Abgasuntersuchung oder

Kehrungen zu erledigen sind. „Das wird

Feger in fünf Bundesländern

Kaminkehrer Frei aus Bingen am Rhein

ganz klar genutzt, um den Markt zu lenken“,

ärgert sich Frei. So könne der Bezirksfeger

die Terminplanung der freien Kollegen

durcheinanderbringen, indem er zum

Beispiel alle Termine auf den Januar lege,

statt sie auf das Jahr zu verteilen.

Die Kunden verunsichert der Streit in der

Zunft. „Sobald ein bevollmächtigter

Schornsteinfeger Ärger andeutet, kriegen

die Kunden Panik und zucken sofort zurück“,

sagt Freis Kollege Heit.

Die Innungen spielen die Probleme herunter.

Einzelfälle, sagt ZIV-Präsident Hans-

13 Prozent

sparte die Stadt Landau

durch einen Wechsel

ihres Schornsteinfegers

Günther Beyerstedt, „Betroffene

können jederzeit bei den Innungen

Beschwerde einlegen.“ Die

Kunden seien offenbar zufrieden,

deshalb seien die Wechselquoten

so niedrig.

Das dürfte allerdings auch daran

liegen, dass es noch keinen

Billiganbieter in der Branche

gibt, der Deutschland etwa mit

einer Discount-Schornsteinfeger-Kette

überziehen könnte.

„Der Verbraucher kann bisher

nicht wirklich viel sparen“, sagt

Horst-Ulrich Frank von der Verbraucherschutzzentrale

Mecklenburg-Vorpommern.

Mehr als

fünf Euro seien bei einem Privathaus

mit Kosten zwischen 60 und

100 Euro im Jahr kaum drin.

Für große Immobilieneigentümer

lohnt sich der Wechsel

trotz der geringen Preisunterschiede.

Die Stadt Landau etwa

spart 2014 durch die Ausschreibung

und Vergabe des Auftrags

an Frei brutto 2800 Euro, das sind

rund 13 Prozent der Vorjahreskosten.

Doch ein Großteil der

Kommunen hat ihre Schornsteinfegerarbeiten

bisher nicht

einmal ausgeschrieben. Auch

die großen Wohnungsgesellschaften

halten sich zurück. Zwar beauftragte

die Deutsche Annington nach dem

Fall des Monopols den Bingener Frei damit,

die Schlote von insgesamt 7000 Wohnungen

in Baden-Württemberg, Essen und

Dortmund zu betreuen. Doch die Konkurrenz

sieht in solchen Projekten bisher keinen

Sinn. Auch sind nur wenige Schornsteinbetriebe

in der Lage, größere Aufträge

anzunehmen.

Frei hofft nun, über ein Internet-Portal

mehr Bewegung vor die Kamine zu bringen.

Auf der Internet-Seite kaminia.de, die

in den kommenden Tagen online gehen

soll, können Kunden anonym Aufträge

ausschreiben und Schornsteinfeger anonym

Angebote abgeben. Der Schornsteinfeger

muss lediglich seinen Meisterbrief

und seine Handwerkskarte dem Portal gegenüber

vorweisen. Alteingesessene Wettbewerber

haben so keine Chance herauszufinden,

wer hinter einem Angebot steckt.

Frei hat das Projekt initiiert. „Vielleicht

trauen sich dann ein paar mehr Kollegen,

auch außerhalb ihres Bezirks Aufträge anzunehmen“,

hofft Frei.

n

jacqueline.goebel@wiwo.de, maximilian nowroth

FOTO: RUDOLF WICHERT FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

54 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Triumph der Job-Hopper

FUSSBALL | Mario Gomez, Model des Bekleidungskonzerns Boss, steigt ab, der unscheinbare

Mario Götze auf. Wie sich der Markenwert der deutschen Nationalspieler entwickelt hat.

FOTOS: GETTY IMAGES (21)

Unaufgeregt und sicher – für einen

Einsatz in der Versicherungsbranche

scheint Torwart Manuel Neuer

wie geschaffen. Der eher hippe Stürmer

Mario Götze würde als Werbeträger eines

Modelabels eine gute Figur machen. Unternehmen,

die im Internet um Kunden

buhlen, sollten sich an Web-affine Stars

wie Lukas Podolski und Mesut Özil halten.

Die Düsseldorfer Managementberatung

Batten & Company hat auch in diesem Jahr

exklusiv für die WirtschaftsWoche den

Markenwert deutscher Nationalspieler untersucht.

Kurz vor dem Bundesligastart am

22. August analysierten die Berater, welchen

Wert die Spieler für den Verein und für

Unternehmen haben, die mit den Kickern

werben wollen. In die Berechnung flossen

Daten wie das Spielergehalt, Werbeeinnahmen

sowie das in einer repräsentativen

Umfrage ermittelte Image ein.

ZUWACHS TROTZ VERLETZUNG

Der neue Spitzenreiter Mario Götze erreicht

danach fast 37 Millionen Euro Markenwert;der

Bayern-Stürmer profitiert von

seinem Tor im WM-Finale. Ob er sich oben

halten kann, hängt nach Meinung von Batten-Partner

Björn Sander von Götze selber

ab: „Er muss seinen Markenkern finden,

damit der Erfolg nicht einmalig bleibt.“

Nach der WM sei die Verlockung für viele

Spieler groß, „sich jedem Werbepartner an

den Hals zu werfen“, meint Sander. „Das

bringt vielleicht kurzfristige Erträge, hat

aber mit Markenaufbau nichts zu tun.“

Neben Götze machten die Job-Hopper

Toni Kroos (Real Madrid) und André

Schürrle (seit 2013 bei Chelsea) die größten

Sprünge. Verlierer im Ranking ist Mario

Gomez, der es nicht einmal in den WM-Kader

schaffte. Mit seinem Wechsel zum international

eher unbedeutenden AC Florenz

ist die Werbefigur des Bekleidungsherstellers

Boss im schwäbischen Metzingen

zudem aus dem Blickfeld der deutschen

Öffentlichkeit verschwunden.

Dem Dortmunder Marco Reus hat der

Ausfall bei der WM wegen Verletzung

kaum geschadet – dank seiner erfolgreichen

Saison bei Borussia Dortmund. n

juergen.salz@wiwo.de

Markenwert deutscher Nationalspieler (in Millionen Euro)*

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Mario Götze

FC Bayern München

Thomas Müller

FC Bayern München

Toni Kroos

Real Madrid

Manuel Neuer

FC Bayern München

Bastian Schweinsteiger

FC Bayern München

Mesut Özil

Arsenal London

Philipp Lahm

FC Bayern München

Sami Khedira

Real Madrid

Jérôme Boateng

FC Bayern München

Mats Hummels

Borussia Dortmund

11

36,7 (+128%) 12,5 (+23%)

32,7 (+31%)

27,5 (+213%)

26,6 (+15%)

25,3 (+25%)

25,0 (+10%)

21,1 (+4%)

18,6 (+22%)

14,4 (+25%)

13,9 (+40%)

* Veränderung im Vergleich zum Vorjahr, Stand: 11.8.2014; ** im Vorjahr nicht auf der Liste;

Quelle: Batten&Company

12

13

14

15

16

17

18

19

20

Marco Reus

Borussia Dortmund

Lukas Podolski

Arsenal London

12,0 (+45%)

Mario Gomez

AC Florenz

11,9 (–28%)

André Schürrle

FC Chelsea

10,4 (+126%)

Benedikt Höwedes

FC Schalke 04

3,4

6,2 (+107%)

Per Mertesacker

Arsenal London

5,9 (+28%)

Kevin Großkreutz**

Borussia Dortmund

4,3

Christoph Kramer**

Borussia Mönchengladbach

0,8

3,5

Miroslav Klose

Lazio Rom

(–26%)

Shkodran Mustafi**

FC Valencia

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 55

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Große Pläne

Runners Point soll als Marke

erhalten bleiben und international

ausgebaut werden

Aufreibender Poker

Firmenverkäufe und -übernahmen nehmen zu, auch im Mittelstand. Wie Unternehmen

einen Partner finden, beschreibt die erste Folge einer sechsteiligen Serie der WirtschaftsWoche in

Kooperation mit der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte.

Die Geschäfte liefen gut bei Thomas Mücke.

1989 hatte der 53-Jährige ein Schuhgeschäft

von seinen Eltern geerbt und das Familienunternehmen

in den Jahren danach zu einer Ladenkette

mit 13 über ganz Bayern verstreuten Filialen ausgebaut.

Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Schuh Mücke einen

Jahresumsatz von rund 100 Millionen Euro.

Trotz des Erfolgs entschied Mücke sich vor gut einem

Jahr dazu, sein Unternehmen zu verkaufen: Der Stress

als Unternehmer machte ihm zu schaffen, ein neues

Zentrallager musste gebaut werden, und privat musste

Mücke nach ausführlichen Diskussionen im Familienkreis

einsehen, dass keines seiner drei Kinder in das elterliche

Geschäft einsteigen wollte.

Um die Nachfolge zu regeln und seine Lebensqualität

zu verbessern, rang Mücke sich dazu durch, seine

Firma in andere Hände zu geben – schnell und zu 100

Prozent. „Ansonsten hätte sich zu wenig an meiner persönlichen

Lebenssituation geändert, weil man ja doch

irgendwie in der Haftung bleibt“, sagt er heute.

Wie Mücke stehen Jahr für Jahr viele mittelständische

Unternehmer vor einer der wichtigsten Entscheidung

ihres Lebens: Weil kein Nachfolger da ist, müssen sie

verkaufen – ein emotional wie betriebswirtschaftlich

schwieriger Vorgang. Denn der Verkauf soll den Eigentümern

nicht nur genug Geld bringen, damit sie sich

ohne Probleme zur Ruhe setzen können. Der Verkauf

SERIE

Mittelstand

Fit for Future

Fusionen & Übernahmen

Der richtige Partner (I)

Finanzinvestoren (II)

Finanzierung (III)

Osteuropa/Asien (IV)

Integration (V)

Interview (VI)

soll auch die Zukunft des Unternehmens und seiner

Mitarbeiter sichern.

Im Alleingang und ohne fachlich versierten Beistand

können Mittelständler solche Transaktionen kaum fehlerfrei

über die Bühne bringen. Die WirtschaftsWoche

startet darum in Kooperation mit der Wirtschaftsprüfungs-

und Beratungsgesellschaft Deloitte in dieser

Ausgabe eine sechsteilige Serie über Unternehmensverkäufe,

Unternehmensübernahmen und Fusionen

im Mittelstand. „Nur wenige Mittelständler haben

dafür eine formale Akquisitionsstrategie“, sagt Sven

Oleownik, Partner, Corporate Finance Advisory, bei

Deloitte, „die meisten haben nur wenig Erfahrung in

diesem Prozess und oft nur relativ vage Ziele. Daher

fällt es ihnen auch schwer, Akquisitionen zu tätigen und

die entsprechenden Risiken zu managen.“

Doch Mittelständler verkaufen nicht nur, weil Nachfolger

fehlen. Viele gehen selbst auf Einkaufstour: Um

Zugang zu neuen Technologien oder Märkten im Inoder

Ausland zu erlangen, aber auch, weil sie die Produktpalette

erweitern oder den Umsatz steigern wollen,

um Größenvorteile zu realisieren. „Ein Schwerpunkt

der Akquisitionsabsichten ist es, die Marktdominanz

zu erhöhen“, hat Oleownik beobachtet.

Die Zeiten sind gerade gut für solche Pläne, der

Markt für Transaktionen zieht merklich an. Die Kassen

der meisten Unternehmen sind gut gefüllt, die Finan-

FOTO: PR (2)

56 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Mit Unterstützung von Deloitte*

zierungen wegen der niedrigen Zinsen billig wie nie,

die Aussichten trotz der Krisen in der Ukraine und Nahost

immer noch gut. 650 Unternehmenstransaktionen

mit einem Gesamtvolumen von mehr als 48 Milliarden

US-Dollar allein in Deutschland registrierte der Finanzdienstleister

Dealogic im ersten Halbjahr 2014 – der

höchste Stand seit Ausbruch der Finanzkrise 2008.

In der breiten Öffentlichkeit bekannt werden vor allem

große Transaktionen wie die Übernahme der

Rhön-Kliniken durch den Gesundheitskonzern Fresenius

oder die gescheiterte Übernahme des französischen

Bahntechnik-Ausrüsters Alstom durch Siemens.

Doch auch wenn konkrete Zahlen fehlen: Tatsächlich

entfällt der größte Teil aller Transaktionen nach Experteneinschätzung

auf mittelständische Unternehmen:

„Wir sehen viel Bewegung da draußen“, sagt Deloitte-

Berater Oleownik.

In der Serie zeigen WirtschaftsWoche und Deloitte,

worauf Mittelständler bei solchen Transaktionen achten

müssen. Die Finanzierung kann ebenso schiefgehen

wie die Ermittlung des Kaufpreises, die Integration

des übernommenen Unternehmens oder die Abwicklung

der Transaktion.

Partnerwahl und das Aushandeln eines für beide Seiten

akzeptablen Preises zählen zu den langwierigsten

Prozeduren – beim Kauf wie auch beim Verkauf. Zumal

derzeit auch viele Finanzinvestoren nach lukrativen

Beteiligungen suchen und die Preise in die Höhe treiben.

Im Umkehrschluss heißt das: Bevor ein Interessent

sich zum Kauf entschließt, muss er die Rentabilität

des Kaufobjekts kritisch prüfen. „Da darf nichts schiefgehen“,

sagt Deloitte-Experte Oleownik, „schließlich

will man das Unternehmen ja nicht nach ein paar Jahren

wieder verkaufen – oder noch schlimmer, das eigene

Unternehmen riskieren.“

Manchmal

muss die

Braut noch

ein wenig

aufgehübscht

werden

Hilft bei der Suche

nach Interessenten

Deloitte-Berater

Oleownik begleitet Mittelständler

bei Fusionen

und Übernahmen

Wie vor der Krise

Finanzvolumen und

Anzahl der M&A-Transaktionen

in Deutschland

150

120

90

60

Transaktionen

1000

800

600

400

30

Finanzvolumen

200

(in Mrd. $)

2007 09 11 13 14

Quelle: Dealogic

SCHLIFF DES ROHDIAMANTEN

Manchmal muss die Braut auch aufgehübscht werden,

damit die richtigen Partner aufmerksam werden. Das

war etwa bei Runners Point der Fall. Der Sportartikelhändler

gehörte bis 2005 zu Karstadt, wurde dann von

den beiden Geschäftsführern und der Beteiligungsgesellschaft

Hannover Finanz herausgekauft, um ihn später

mit Gewinn wieder zu verkaufen. „Das Management-Team

hat uns überzeugt, dass es sich um einen

Rohdiamanten handelt“, sagt Ulrich Mogwitz, der das

Investment für die Hannover Finanz betreute.

Um den zu schleifen, holte Mogwitz Berater von Deloitte

an Bord. Die kümmerten sich um die Neuausrichtung

der Logistik. Anschließend optimierten sie Schritt

für Schritt das Produktportfolio, schlossen unrentable

Filialen und eröffneten neue Märkte. „Durch diese

Kombination konnten wir ein erhebliches Wachstum

generieren“, sagt Mogwitz.

Die Suche nach einem Käufer für Runners Point begann

2010, das Deloitte-Team übernahm die Aufgabe,

ernsthafte Interessenten für die Kette zu finden. Dabei

macht es wenig Sinn, mit der Schrotflinte in den Wald

zu schießen, das überfordert Management und Unternehmen.

Je kleiner der Kreis der möglichen Käufer,

desto intensiver können die Gespräche geführt werden,

und desto mehr kommt dann am Ende auch heraus.

Wenn die Zahlen stimmen, vereinfacht das den Prozess.

Bei Runners Point hatte sich die Verschönerung

ausgezahlt: 2013 erwirtschaftete die Kette einen Umsatz

von knapp 200 Millionen Euro – mehr als doppelt

so viel wie im letzten Jahr der Karstadt-Zugehörigkeit

acht Jahre zuvor. Die Zentrale und die gut 220 Filialen

gingen vor etwa einem Jahr an den US-Konkurrenten

Foot Locker. Die neuen Eigentümer haben große Pläne

für ihre Neuerwerbung: Die hierzulande gut eingeführte

Marke Runners Point soll erhalten bleiben und international

ausgebaut werden. „Am Ende ist es der natürliche

Partner geworden“, sagt Investor Mogwitz.

NOTBREMSE ALS LETZTER AUSWEG

Wie lange es dauern kann, bevor der richtige Partner

gefunden ist, musste auch der bayrische Schuhhändler

Mücke erleben. 20 mögliche Kaufinteressenten hatten

seine Berater von der Raiffeisen- und Volksbank-Tochter

VR Corporate Finance im ersten Durchgang identifiziert.

Sieben von ihnen präsentierte Mücke sein Unternehmen

dann im Detail. Wichtigste Verhandlungsgrundlage

waren dabei ausführliche Zahlen über Umsätze

und Kosten. „Es geht darum, einen Plan für die

Zukunft vorliegen zu haben, der möglichst detailliert

mit Maßnahmen hinterlegt ist“, sagt Christian Näther,

Partner der Beteiligungsgesellschaft Emeram Capital

Partners.

Zum Check jedes Übernahmekandidaten gehören

außerdem Gespräche mit den angestellten Managern,

wichtigen Kunden und den Lieferanten. „Es ist wichtig,

dass man von Anfang an weiß, dass alle so eine Transaktion

mittragen“, sagt Markus Loy, Sprecher der Geschäftsführung

von VR Corporate Finance.

Ist das nicht der Fall, muss die Notbremse gezogen

werden. Nicht selten gehen beide Seiten mit völlig unterschiedlichen

Vorstellungen in die Verhandlungen:

Während der verkaufswillige Familienunternehmer

seine bisherigen Investitionen und den historischen

Wert der Firma vor Augen hat, interessiert sich der Käufer

vor allem für die zukünftige Ertragslage und leitet

daraus den Firmenwert ab.

Zeitweise sei die Hälfte seiner Arbeitszeit für den

Transaktionsprozess draufgegangen, erinnert sich Ex-

Schuhhändler Mücke: „Ich habe das Arbeitsvolumen

bei diesem Prozess total unterschätzt.“ Bei den letzten

zwei Kandidaten musste er sogar vor den Banken der

möglichen Käufer auftreten: „Da konnte sich einfach

keiner vorstellen, dass man mit einem rein stationären

Schuhhandel heute noch Geld verdient.“ Den Zuschlag

erhielt schließlich die Schuhhandelsgruppe ANWR mit

Sitz im hessischen Mainhausen. Ende Mai waren die

Verträge unterschrieben.

n

manuel heckel | unternehmen@wiwo.de

* Die Inhalte auf diesen Seiten wurden redaktionell von der WirtschaftsWoche

erstellt. Deloitte hat die Realisierung der Serie finanziell unterstützt.

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 57

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Technik&Wissen

Latte macchiato

im Weltall

WERKSTOFFE | Von wegen aufgeblasene Luftnummer: Moderne Schäume

schützen bei Unfällen, heizen Häuser und helfen Menschen, schöner und

schlanker zu werden. Ein Streifzug durch die Welt der fragilen Gebilde.

Wiebke Drenckhan ist eine

professionelle Schaumschlägerin.

Nein, sie ist keine

Politikerin, Werberin

oder Beraterin, denen Lästerer

gerne nachsagen, allzu oft Luftnummern

zu produzieren. Die preisgekrönte

Physikerin hat ihre wissenschaftliche Karriere

einem blasigen Phänomen gewidmet:

dem Schaum.

In ihrem Labor an der Universität Paris-

Süd tupft die 37-Jährige einen Finger vorsichtig

in Seifenschaum, den ein Mitarbeiter

mit Druckluft produziert hat. Wie lange

bleibt die Masse steif, wie fließt sie, wie

groß sind die Bläschen? Die gebürtige

Greifswalderin hat in Rostock

und im neuseeländischen

Christchurch

studiert, in Dublin

promoviert und arbeitet

nun in Paris.

Für ihre Forschung

interessieren sich Unternehmen

wie der Düsseldorfer

Henkel-Konzern und der

französische Kosmetikriese L’Oréal.

„Das goldene Zeitalter der Schäume ist angebrochen“,

ist Drenckhan überzeugt. Ihre

Begeisterung ist so groß, dass kein Geburtstag

ihrer zwei Kinder ohne Schaumschlacht

verläuft und sie regelmäßig Schulklassen

für die Wunderwelt der winzigen

Bläschen zu interessieren versucht.

Umso mehr, als diese Welt längst nicht

mehr bloß aus Wasser und Seife besteht:

Ob Plastik, Keramik, Glas oder Metalle und

sogar Käse oder Schokolade – alles wird

aufgeschäumt. Bisher allerdings waren das

meist Nischenanwendungen – ob bei

Heute lässt sich

jede Schaumpore

berechnen

Mousse au Chocolat oder der

schaumigen Waschlauge aus

dem Seifenspender.

Nun aber ist Schluss mit eher

zufälligen Schöpfungen, bei denen

Köche oder Entwickler ihre

luftigen Produkte im Wechselspiel

aus Versuch und Irrtum

kreierten. Der Funktionsschaum

der Zukunft ist das Ergebnis komplexer

Computersimulation – Materialwissenschaft

auf Bläschenniveau sozusagen.

Denn dank des immensen Leistungsschubs

der IT sind Wissenschaftler wie

Wiebke Drenckhan und ihre

Kollegen in den Laboren

weltweit jetzt in der Lage,

Eigenschaften von

Schäumen am Computer

vorauszuberechnen.

Sie können jede einzelne

Pore simulieren und so

maßgeschneiderte Werkstoffe

schaffen – egal, ob

für den Einsatz in Architektur, im

Fahrzeugbau, in der Kosmetik oder

in der Lebensmittelbranche.

Und seit die chaotisch geformten Schäume

berechenbar sind, steigt die Nachfrage

rasant. Weil Schäume zu 90 Prozent aus

Löchern bestehen, sind sie leichter, benötigen

weniger Rohstoff bei der Produktion

und enthalten als Nahrungsmittel weniger

Kalorien als herkömmliche Lebensmittel.

Schaum kann elastisch sein wie eine

Matratze oder hart wie Beton. Er kann Hitze

horten oder Schall komplett verschlucken

(siehe Kasten Seite 61). Er kann Autofahrer

bei Unfällen schützen und in geselliger

Runde das Bier kühl halten.

Video

In unseren

App-Ausgabe

finden Sie an

dieser Stelle

Filme zum Thema

Wie groß das Potenzial des luftigen

Etwas ist, zeigen die Branchen

Verkehr, Energie, Reinigung

und Nahrung. Ein Blick in die Ideenschmieden

der Unternehmen.

Es klingt ein wenig wie ein Kuchenrezept

mit viel Mehl und

Backpulver: Man nehme eine Legierung

aus Aluminium und Titanhydrid

und erhitze sie kräftig. Dabei entsteht

Wasserstoffgas, und das Material geht auf

wie ein Rührkuchen. Lange hat Thomas

Hipke vom Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen

und Umformtechnik in

Chemnitz nach den richtigen Zutaten und

dem optimalen Fertigungsprozess gesucht.

Jetzt beherrscht der 44-Jährige das Verfahren

perfekt. Er packt den Aluschaum zwischen

Bleche, fertig ist das Sandwich, das nur ein

Fünftel eines massiven Bauteils wiegt.

SCHAUMSCHIFF IM EIS

Aus dem geschäumten Metall soll etwa die

nächste ICE-Generation bestehen. Mitte

Mai zeigte Hipke gemeinsam mit Industriepartnern

erstmals einen Prototyp einer

Fahrzeugfront aus dem Material. 2,5 Millionen

Euro hat die Entwicklung bisher gekostet.

Künftig soll ein brandenburgischer

Betrieb die Zughauben fertigen. In zwei

Jahren könnten sie durch Deutschland rollen,

hofft der Ingenieur.

Ein Zug aus diesem Stoff ist leichter als

konventionelle Züge, braucht weniger

Strom und kann mehr Personen befördern.

Triebköpfe aus Kunststoff wären noch

leichter. Doch das Material splittert, etwa

bei der Kollision mit Vögeln. „Metallschaum

bekommt dagegen nur Beulen“, so

Hans-Wolfgang Seeliger, Chef des Alu-

58 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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90 Prozent

machen Löcher

ungefähr

im Schaum aus

1000 Grad

heiß wird

Keramikschaum in

Solarkraftwerken

30 Minuten

hält eiskalter

Bierschaum das

Getränk kühl

Schaum Physiker enträtseln seine Geheimnisse | Bier Mehr Genuss

durch eine gefrorene Krone | Auto Ferrari hat Aluschaum im Chassis

verbaut | Solarturm Poröse Keramik fängt Sonnenenergie ein

FOTOS: FOTOLIA, PR (2), VISUM/VEIT HENGST

schaumerzeugers Pohltec Metalfoam in

Köln. Die Blasen wirkten wie winzige Airbags

und dämpften den Aufprall, erläutert

Seeliger. Inzwischen schafften es die Hersteller,

Hunderte Tonnen Metallschaum im

Jahr zu fertigen. Ein wichtiger Abnehmer

ist die Autoindustrie. Audi etwa hat im Geländewagen

Q7 und Ferrari im Spider F430

Aluschäume eingesetzt, die sich bei Crashs

verformen und die Insassen schützen.

Und langsam entdeckt die übrige Verkehrsbranche

das Geheimnis der stabilen

Blasen. Flughäfen wie etwa der Yeager Airport

im US-Bundesstaat West Virginia bauen

beispielsweise am Ende von Landebahnen

Schaumbeton ein, der Flugzeuge abbremsen

soll, die nicht mehr stoppen können.

Ein ähnliches Konzept wird auch am

Flughafen Zürich diskutiert.

Es geht noch ungewöhnlicher: Veikko

Hintsanen ist als Kapitän auf den Weltmeeren

zu Hause. Soeben hat er, zugleich Chef

des Unternehmens Laffcomp, der größten

russischen Werft Sevmash zwei noch im

Bau befindliche Öltanker abgekauft. Hintsanen

will die Schiffe mit Aluschaum vollenden.

Ein Investor habe an die zehn Millionen

Euro zugesagt, die Verträge aber

noch nicht unterzeichnet. Fraunhofer-Forscher

Hipke bescheinigt den Schaum-

Frachtern viele Vorteile: Sie sollen sogar einer

Kollision mit einem Eisberg standhalten.

Die Schiffe könnten daher ganzjährig

auch im Norden unterwegs sein.

Seemann Hintsanen träumt davon, Vorbild

für eine erneuerte europäische Binnenflotte

zu werden. Aus Schaum gebaut,

könnte ein Frachter statt rund 1000 Tonnen

nur die Hälfte wiegen und so mehr

»

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 59

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Technik&Wissen

»

Ladung transportieren. Sie liegen flacher

im Wasser und können

so auch bei Niedrigwasser

fahren. Für unter Kostendruck

stehende

Reeder eine Verlockung:

Obwohl ein

Schaumschiff mit circa

90 Millionen Euro

ein Viertel mehr koste,

amortisiere sich der Kauf nach

einem Jahr, hat Hintsanen errechnet.

Bremsender Porenbeton

Geschäumtes Baumaterial stoppt

zu schnelle Flugzeuge

Nanoschaum

sperrt Hitze

komplett aus

MINIHEIZUNG IM KELLER

Schäume können nicht nur große Kräfte

bei einem Autounfall verkraften und enorme

Lasten in Schiffen transportieren. Sie

halten auch brutale Hitze aus und speichern

problemlos wertvolle Wärmeenergie.

Jede Blase arbeitet wahlweise wie eine

eingebaute Thermoskanne oder wie ein

Heizkissen. Das sei zurzeit eine der gefragtesten

Eigenarten des Materials, sagt Olga

Mühldorfer, Vertriebsmanagerin beim russischen

Schaumhersteller Exxentis.

Wie gut das in der Praxis funktioniert,

will Reiner Buck vom Deutschen Zentrum

für Luft- und Raumfahrt herausfinden. In

einigen Wochen soll in Spanien ein Solarturmkraftwerk

von Abengoa Solar bei Sevilla

in Betrieb gehen. Um den Turm herum

ist ein Feld mit einigen Dutzend Spiegeln

von Zimmertürgröße

aufgebaut. Sie lenken die

Sonnenstrahlen auf die

Turmspitze.

Dort, in 65 Meter

Höhe, steckt das Herzstück

der Anlage: ein

Block aus Keramikschaum.

Er heizt sich und

die durchströmende Luft auf

1000 Grad Celsius auf. Mit dieser

Hitze wird Wasserdampf erzeugt, der

wiederum Turbinen zur Stromerzeugung

antreibt. Bisher nutzen die meisten Solarturmkraftwerke

Metallschäume, erklärt

Buck. Doch während Metalle bei den hohen

Temperaturen schmelzen oder sich

verformen, bleibt Keramik stabil. „Wir können

so den Wirkungsgrad der Kraftwerke

um etliche Prozentpunkte steigern“, sagt

der Energieingenieur. „Immer mehr Solarturmanlagen

werden langfristig mit Keramikschaum

arbeiten.“

Was im Großen funktioniert, soll auch

im Kleinen klappen – etwa im Keller eines

Erlanger Einfamilienhauses. Dort hat Antonio

Delgado, Professor für Strömungsmechanik

an der Universität Erlangen-

Nürnberg, vergangenes Jahr die nach eigenen

Angaben kleinste Haushaltsheizung

der Welt installiert, die er mit Industriepartnern

und der Universität Aachen entwickelt

hat. In ihr steckt ein Stück Siliziumcarbid-Schaum

von etwa der Größe einer

Zigarettenschachtel.

Durch das diamantähnliche Material

strömt ein Gemisch aus Öl oder Gas und

Luft, das in den Poren des Schaums verbrennt.

Da die Bläschen eine riesige innere

Oberfläche besitzen, läuft die Verbrennung

besonders effektiv und sauber ab. Deshalb

stößt die Heizung weniger Schadstoffe aus

als übliche Brenner. Weil das löchrige Material

die Hitze rasch ableitet, lässt sich die

Verbrennung in Sekundenbruchteilen

drosseln oder hochfahren – praktisch bei

einem plötzlichen Wetterumschwung.

Nun sucht Delgado ein Unternehmen,

das die Miniheizung herstellt und vermarktet.

Produktion und Betrieb sollen nicht

mehr als bei bisherigen Anlagen kosten,

hat ein Doktorand von Delgado berechnet.

Schon arbeiten Werkstoffwissenschaftler

großer Konzerne wie BASF an noch besseren

Schäumen. Machen sie die Poren im

Kunststoff Polyurethan nanometerklein,

können sich die eingeschlossenen Gase

nicht mehr bewegen. „So ein Nanoschaum

sperrt Hitze komplett aus“, erklärt die Physikerin

Drenckhan. „Da kann auf der einen

Seite ein Feuer brennen und auf der anderen

können Kinder spielen.“ Das Material,

dessen Pilotfertigung gerade beginnt, ist

damit ideal für die Dämmung von Gebäuden

(siehe WirtschaftsWoche 38/2013).

MOUSSE AUS DER FLASCHE

Obwohl sich Schaumexpertin Drenckhan

nun schon lange mit ihrem Lieblingsstoff

beschäftigt, erstaunt er sie doch immer

wieder. Etwa, als sie vergangenes Jahr im

Auftrag des Kosmetikunternehmens

L’Oréal herausfand, dass geschäumte Kosmetika

besser reinigen als in flüssiger

Form. „So recht versteht das noch keiner“,

gibt sie zu. Aber der Effekt spricht sich in

der Kosmetik- und Reinigungsmittelbranche

zurzeit herum: Immer mehr Hersteller,

erzählt Drenckhan, folgten dem Vorbild

der Flüssigseifen, die als Schaum aus dem

Spender quellen und verkauften Reiniger,

die als weißes Mousse aus der Flasche

kommen. Der Produktverbrauch sinkt – bei

besserer Reinigungsleistung.

Auch den Herstellern von Waschmaschinen

ist das nicht entgangen. So brachte

der südkoreanische Konzern Samsung Ende

2010 eine erste Maschine auf den Markt,

die das Waschmittel zunächst mit Luft und

Wasser zu Schaum aufwirbelt. Diese Reinigungsblasen

sollen vier Mal so schnell in

den Stoff eindringen und gründlicher als

FOTOS: PR

60 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Schützendes Sandwich

Aluschaum soll Züge sicherer machen

konventionelle Geräte reinigen, verspricht

das Unternehmen. Testberichte bescheinigen

der Schaumtechnik zumindest, dass

sie bei 20 Grad Celsius so sauber wäscht

wie sonst bei 40 Grad. Einige Konsumenten

beunruhigt allerdings die weiße Masse

– der Waschmittelschaum – in der Trommel,

wie sie in Foren schreiben. Das hindert

Samsung nicht daran, die Technik

künftig in all seine Maschinen einzubauen.

KÜHLE KRONE FÜR HIPSTER

Nicht minder irritierend wäre umgekehrt

vermutlich ein Bier ganz ohne Schaum, das

wohl älteste Lebensmittel mit weißer Haube.

Selbst Brot, Waffeln, Kuchen und Pizza

sind für Lebensmitteltechniker

nichts weiter als erstarrter

Schaum. Eiscreme

etwa wäre ohne

Luft steinhart. „Der

Mensch hat im Laufe

der Evolution eine Vorliebe

für Schaum entwickelt.

Er steht für Genuss“,

sagt der Erlanger Schaumforscher

Antonio Delgado. Schäume sind außerdem

leicht und haben oft weniger

Kalorien.

Diese Eigenschaften machen Schäume

attraktiv für die Lebensmittelindustrie.

Und erst in jüngster Zeit werden sie auch

hier berechenbar. Kürzlich rief eine große

deutsche Brauerei Delgado zur Hilfe. Auf

dem Braukessel mit der Bierwürze türmte

sich anderthalb Meter hoch der Schaum.

Er stört, weil übelschmeckende Stoffe bei

diesem Produktionsschritt nicht verdampfen

können. „Im Extremfall muss die ganze

Charge entsorgt werden, was Hunderttausende

Euro kostet“, erklärt Delgado.

Er näherte sich dem Problem rechnerisch.

Sein Ratschlag: Durch eine vier Grad

höhere Temperatur im Kessel würden die

Schäume

schmecken

besonders intensiv

Lamellen der Schaumblasen so dünn, dass

fast alle zerplatzten. Es funktionierte, seitdem

lief die Brauerei wieder reibungslos.

Heute stehen rund 20 Lebensmittelunternehmen,

darunter Mars und Nestlé, bei

Delgado auf der Kundenliste. Sie wollen

ihre neuen Schaumkreationen – Desserts,

Waffeln oder Kaffeegetränke – rechnerisch

in den Griff bekommen, um dann schnell

große Mengen erzeugen zu können. Denn

Schaumiges boomt.

So lancierte der Schweizer Nahrungsmittelkonzern

Nestlé 2006 vier Kaffeeprodukte,

die per Kapselmaschine Milch- oder

Espressoschaum liefern. Heute sind es

mehr als 50. Und Susanne Kulhanek, Forschungsmanagerin

von Nescafé Dolce

Gusto, sagt: „Die Pipeline mit neuen Produkten

ist voll.“ Nestlé treibt seine Schaumschlägerei

mittlerweile in ungeahnte Höhen.

Selbst auf der Internationalen Raumstation

lässt der Konzern testen, wie die luftige

Masse unter Schwerelosigkeit entsteht.

Künftig gibt’s dann womöglich Latte

macchiato im Orbit.

Die Branche forscht auch deshalb so intensiv

am Schaum, weil er intensiver als

das pure Lebensmittel schmeckt. Aus jeder

Pore können beim Kauen Aromen austreten.

Deshalb dürfte das luftige Etwas Basis

vieler Lightprodukte werden,

erwartet Jörg Hinrichs,

Lebensmitteltechnologe

von der Universität

Hohenheim: „Fettreduzierte

Produkte enthalten

oft viel Zucker,

damit sie nach etwas

schmecken. Bei Schaum

erübrigt sich das.“ Luftige

Streichkäse, Desserts und geschäumte

Butter gibt es schon.

Um Diätprodukte ging es der japanischen

Brauerei Kirin nicht, als sie im März

2012 ein Bier mit kühlem Eisschaum auf

den Markt brachte. Minus fünf Grad hat die

Krone des Getränks, das auch nach

Deutschland exportiert wird. Die Produktentwickler

hätten ein hippes Bier für junge

Leute erfinden wollen und sich vom

Eiskaffee der Kaffeekette Starbucks inspirieren

lassen, erzählt Naoyuki Yasutake,

Verkaufsmanager für Europa.

Zugleich aber erfüllt der Schaum noch

einen ganz praktischen Zweck:„Viele junge

Leute wollen nicht betrunken sein und

trinken daher langsamer. Also muss das

Bier länger kühl bleiben.“ Die luftige Eishaube

reicht für eine halbe Stunde. n

susanne donner | technik@wiwo.de

LÄRM

Gestoppte

Explosion

Flüssiger Schaum kann Schall

komplett verschlucken – und sogar

Bomben unschädlich machen.

Welch wundersame Eigenschaften

Schäume haben können, hat vor einigen

Monaten der Pariser Physiker Valentin

Leroy von der Universität Paris-

Diderot erlebt. Er hat flüssige Schäume

wie Rasier- oder Seifenschaum dazu

gebracht, Lärm komplett zu schlucken.

Warum das funktioniert, ist bisher

unklar. Möglicherweise schwingen die

Flüssigkeitslamellen der Blasen unter

bestimmten Umständen genau im

Gegentakt zum Schall und löschen ihn

so aus, mutmaßt Leroy. Er will nun

den perfekten Krachkiller entwickeln.

Die Schaumexpertin Wiebke Drenckhan,

Physikerin an der Universität Paris-Süd,

rechnet bereits mit vielen Innovationen

in diesem Bereich. So könnte

etwa Schaum aus der Sprühdose, an

Fenster- und Türritzen gespritzt, Hausbewohner

bei Bauarbeiten vor dem

Lärm von Presslufthämmern verschonen.

Und Offshore-Windanlagenbauer

könnten womöglich mit einem Schild

aus Schaum Delfine und andere

Meeressäuger vor dem Baulärm unter

Wasser schützen, der die Tiere orientierungslos

macht.

DER GROSSE KNALL BLEIBT AUS

Dass flüssiger Schaum Druckwellen regelrecht

verschlingt, beweist ein reichlich

kurioses Explosionsabwehrsystem

aus den USA: Ein Sack mit Löschschaum

wird auf den Fahrersitz eines

Autos gestellt. Dann wird eine Autobombe

gezündet. Jede Menge Schaum

schießt aus dem Wagen, aber die Detonation,

der große Knall, bleibt aus.

Fenster und Türen, die ganze Karosse

haben nicht eine Schramme.

Die vielen Blasen schlucken die

Druckwelle. Die Bombe kann deshalb

kaum Schaden anrichten. Das amerikanische

Verteidigungsministerium und

die Geheimdienste haben sich schon

von der Verlässlichkeit des Systems

überzeugt.

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 61

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Technik&Wissen

Kehraus für

Kenias Müllberge

RECYCLING | Ein deutscher Philosoph führt die Abfalltrennung in

den Slums von Nairobi ein – die Wertstoffe will er zu Geld machen

und die Stadt ein bisschen sauberer.

Braune Brühe steht und stinkt in dem

kleinen Bach, den sie Nairobi River

nennen. Plastiktüten und Putzlumpen,

Hühnerknochen und Hundehaufen,

Turnschuhe, Tetrapaks – Dreck in Reinform

verrottet in dem Gewässer, das den

Slum in Nairobis Bezirk Kangemi in zwei

Hälften teilt. Ältere Bewohner der Wellblechhütten

behaupten allen Ernstes, sie

hätten früher aus dem Bächlein trinken

können. Dem Besucher wird bei dem Gedanken

schlecht. Das Viertel am Fluss ist

typisch für Afrikas Städte, die rasant wachsen

und dabei nicht mit dem Konsumboom

Schritt halten können. Die Folge: Sie

versinken immer tiefer im Müll.

In Nairobi ist Abfall schlicht Teil des

Stadtbilds. Wer ihn wie entsorgt, kümmert

in Kenias Hauptstadt niemanden. Außer

Daniel Paffenholz. Der 27-Jährige hatte vier

Jahre seiner Kindheit in der Stadt verbracht

und als Spross eines Entwicklungshelfer-

Paars früh verstanden, dass Armutsbekämpfung

dann nachhaltig funktioniert,

wenn sie auf unternehmerischen

Gedanken fußt. Die Idee kam

dem jungen Mann mit der trendigen

Hornbrille, als er vor vier Jahren

seinen Eltern in Kenia besuchte – und

das Müllchaos leibhaftig erlebte. „Niemand

holte unseren Müll ab,

Grüne Pioniere

Alle Teile der

Serie finden Sie im

Internet unter

wiwo.de/pioniere

und die Nachbarn verbrannten

ihn einfach“, erinnert sich Paffenholz,

der in der Stadt blieb.

Fortan hatte er eine Mission: Er

will Nairobi sauberer machen,

indem er Mülltrennung nach

deutschem Vorbild organisiert.

Nicht aus purem Altruismus, sondern um

damit Geld zu verdienen.

Einfach war das freilich nicht. Paffenholz

hatte zuvor Philosophie in Schottland studiert.

„Da lernt man zwar kritisch und umfassend

zu denken“, sagt er, „aber die unternehmerische

Erfahrung hat mir komplett

gefehlt.“ Oft zogen ihn Behörden über den

Tisch, etliche Ideen musste er begraben –

bis er irgendwann den Social Innovation

Challenge-Preis der US-Computerfirma

Dell gewann. Plötzlich waren Geld und

Aufmerksamkeit da, Fachleute in Netzwerken

boten Hilfe an.

Heute besitzt sein Start-up Taka Taka Solutions

für vier Viertel in Nairobi die Lizenz

zum Sammeln von Taka, wie Abfall auf

Suaheli heißt. Den lässt Paffenholz zu Gläsern,

Textilien, Sofa-Füllstoff und zu Kompost

verarbeiten: Kenias Landwirtschaft,

sagt er, kann organischen Dünger als

Ergänzung zur üblichen Chemiekeule

brauchen. So sieht das auch die deutsche

Entwicklungsbank DEG, eine

Tochter der staatlichen KfW, die ihm

einen Kredit für den Bau größerer

Kompostieranlagen bewilligt hat.

Zu tun gibt es in Nairobi mehr

als genug: 3,5 Millionen Einwohner

produzieren täglich fast

2000 Tonnen Müll. Den müsste

eigentlich die Stadtverwaltung

abholen. Doch deren acht Lkws

können das nie und nimmer

schaffen. Und was die Kipper

abladen, pflücken die Ärmsten der Armen

auseinander: Barfuß tapsen die Slum-Kinder

auf der Suche nach Wertstoffen über

Deponien, um später am Bunsenbrenner

ein paar Tropfen Buntmetall aus dem

Schrott zu kochen. Alt werden sie selten.

FOTOS: TAKA TAKA SOLUTIONS

So werden in Nairobi aus Abfällen Produkte

1 2

3

1 Strikt getrennt nach Bio- und Restmüll

sammelt Taka Taka Solutions Abfall ein

2 Spaß bei der Arbeit haben Verwerter,

die besser verdienen als ihre Landsleute

3 Hunderte einzelner Schuhe landen in

den Tonnen. Daraus entstehen neue Treter

4 Stilvolle Glaspokale kreiert ein Glaser

aus weggeworfenen Weinflaschen

5 Auf den Bananenhügeln wird die

Qualität des Taka-Komposts getestet

4

62 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Der Kangemi-Slum ist eines der besseren

Wellblechviertel von Nairobi. In einigen

Hütten gibt es fließend Wasser, von

den Dächern grüßen Satellitenschüsseln.

Unweit des Bachs funken Mobilfunkmasten,

viele Männer handeln mit Ersatzteilen

oder Elektronik oben an der Waiyaki-Straße.

Warum sie aber im Monat 100 Schilling,

also 85 Cent für die Abholung des Taka

zahlen sollen, erschloss sich ihnen nicht

sofort. „Am Anfang haben sie mich für verrückt

erklärt“, erinnert sich Paffenholz an

die ersten Tage vor drei Jahren, als er mit

dem Entsorgungsdienst in Kangemi startete

und seine ersten Mitarbeiter zu Infoveranstaltungen

in Haushalte und Schulen

schickte. Nur langsam fiel den Kenianern

auf, wie sauber jene Hütten sind, an denen

grüne Schilder hängen: Waste Management

by Taka Taka Solutions. Heute legen

die Bewohner im Viertel großen Wert darauf,

dass solch ein Blechschild an der Tür

hängt, sagt Paffenholz: „Unser Service ist

zum Statussymbol geworden.“

VORSORTIERUNG BEIM KUNDEN

Es ist früher Nachmittag, wie jeden Tag

knallt die Sonne mit Wucht auf die rote Erde

vor dem Taka-Hof. Zwei Jungs, kaum

zwölf Jahre alt, schieben Karren mit Müll

herbei und begrüßen Paffenholz mit dem

Standardspruch für weiße Männer: „Hello

Mister, how are you?“ Der antwortet vorwurfsvoll:

„Ihr solltet jetzt eigentlich in der

Schule sein.“ Die Kinder liefern den Müll

5

»Unser Abfallservice

ist

zum Statussymbol

geworden«

Gründer Daniel Paffenholz

im Auftrag ihrer Eltern ab. Für James Sunday

bedeutet das zusätzliche Arbeit. „Die

wenigsten Haushalte trennen so, wie wir

das gerne hätten“, sagt der Entsorger, „darum

sortieren unsere Leute beim Kunden

vor.“ Die grobe Sortierung muss er nun auf

dem Hof übernehmen, ehe seine Kollegen

weiter hinten den Müll von 4000 Haushalten

in 31 Fraktionen trennen – Papier, Glas,

Metall, Elektroschrott und so weiter.

Aus den Wertstoffen stellt ein Glaser

bunte Gläser her; Partnerfirmen holen die

Textilien ab. Aus guten Stoffen werden Klamotten,

das schlechte Material schreddern

sie zu Sofa-Füllung. Afrikaner können Könige

des Recyclings sein, wenn sich mal jemand

die Mühe des Sammelns macht.

An Sundays Arbeitsplatz stinkt es gewaltig,

der Besucher hält die Hand vor die Nase.

Der Mittdreißiger im orangenen Overall

lächelt trotzdem. Wie die meisten seiner

Kollegen verdient er im Monat 10 000

Schilling aufwärts, also 85 Euro und damit

doppelt so viel wie im Land üblich.

Hinter der mit Holzbrettern vernagelten

Sortierabteilung beginnt ein 15 Meter langer

Komposthaufen. Fliegen summen über

dem schwarzen Berg organischen Abfalls.

Es dampft, aber es stinkt kaum. Sechs Monate

rottet er dahin, bis der Dünger auf einer

Farm landet, die Taka Taka Solutions

im Norden von Nairobi betreibt, auf den

Banana Hills: „Wir weisen in Studien nach,

dass unser Kompost die Bodenqualität verbessert“,

so Paffenholz. Die Ergebnisse sind

ein gutes Verkaufsargument für den Biodünger,

den er Landwirten ab Jahresende

für 200 Dollar pro Tonne verkaufen will.

Irgendwann muss Paffenholz einen Gewinn

vorweisen. Mit der DEG hat er einen

Financier an Bord, der einen hieb- und

stichfesten Geschäftsplan verlangt. „Wir

denken, dass das Projekt Aussicht auf Erfolg

hat, obwohl es mit höherem Risiko verbunden

ist“, urteilt Tobias Bidlingmaier, der

das Projekt betreut. Das Risiko sieht er darin,

dass Paffenholz die Kompostmengen

deutlich erhöhen muss: Nur wer Naturdünger

tonnenweise liefern kann, kommt

mit Kenias großen Agrarbetrieben ins Geschäft.

Dazu braucht er Platz – und Müll.

Ersteres ist das kleinere Problem; das DEG-

Geld will der grüne Unternehmer in Kompost-Planen

stecken. Das Volumen kann er

nur erhöhen, indem er immer neue Lizenzen

beschafft, immer neue Verträge abschließt.

Ein Sisyphusjob, sagt Paffenholz:

„Es ist nicht leicht, die Behörden von unserem

Konzept zu überzeugen, die meisten

Beamten haben von Mülltrennung nie etwas

gehört.“ Einige wittern Betrug und halten

die Erlaubnis zurück. Andere wollen

Schmiergeld, das der Deutsche nicht zahlt.

CHANCEN FÜR KLEINBAUERN

Der Markt ist allerdings da. Denn Kenias

Felder lechzen nach organischem Dünger.

Jahrzehntelang bauten lokale Bauern Mais

an, der günstig und ertragreich ist – aber

stickstoffreichen Mineraldünger erfordert.

Der laugt aber die Böden aus, was die Produktivität

sinken lässt. Inzwischen hat unter

Kenias Farmern ein Umdenken begonnen,

bemerkt Raimund Hoffmann von der

Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit

(GIZ) in Nairobi: „Es gibt eine

steigende Nachfrage nach organischem

Dünger, der die Bodenqualität verbessert

und den Pflanzen die Aufnahme von Nährstoffen

erleichtert.“ Vor allem für Kleinbauern

sei dies eine Chance: Die meisten Betriebe

könnten dreimal so effizient wirtschaften,

wenn sie bessere Dünger und

hochwertiges Saatgut verwenden würden.

Inzwischen lässt Paffenholz vermehrt in

besseren Vierteln Nairobis sammeln. Dort

produzieren die Bewohner mehr Müll und

sind bereit, für dessen Entsorgung gutes

Geld zu bezahlen. Sein Firmensitz ist weiter

am Rande des Kangemi-Slums, wo die

Schilder von Taka Taka Solutions fast an jeder

zweiten Hütte hängen. Der Gründer

will hier sehen, wie die Stadt seiner Kindheit

jeden Tag ein bisschen sauberer wird.

Vielleicht werden die Bewohner eines Tages

wieder aus dem Nairobi River trinken,

na ja, zumindest darin baden können. n

florian.willershausen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 63

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Technik&Wissen

Reifen ohne Puste

AUTO | Ab November müssen Neuwagen den Reifendruck überwachen,

um vor Pannen zu warnen. Damit es erst gar nicht so weit

kommt, erfinden die Ingenieure gerade buchstäblich das Rad neu.

Der schottische Tierarzt John Boyd

Dunlop liebt seinen Sohn Johnny

wirklich. Doch das Dreirad mit

den Metallreifen, mit dem sein Filius

lautstark durchs Wohnzimmer

kurvt, nervt ihn Anfang des Jahres

1888 kolossal. Johnny das

geliebte Dreirad einfach wegzunehmen,

das bringt Dunlop

dann doch nicht übers

Herz. Stattdessen bastelt der

Vater dem Sohn in den kommenden

Wochen ein neues,

dessen Holzreifen er mit

selbst zusammengeklebten

Gummischläuchen ummantelt.

Im Wohnzimmer war fortan

Ruhe, und Dunlop meldete im

Dezember 1888 das Patent für den

ersten luftgefüllten Fahrradreifen

an. Ohne seine Erfindung hätten Zweiräder

und wenig später das Auto kaum ihren

Siegeszug antreten können.

Die neuartigen Motorwagen brachten

aber erst die französischen Brüder André

und Edouard Michelin im Jahr darauf mit

den komfortablen und leisen Luftreifen so

richtig in Schwung. Sie hatten ihn noch um

einen Schlauch im Inneren ergänzt, um die

Dichtigkeit zu verbessern.

Heute sind luftgefüllte Reifen aus dem

automobilen Alltag nicht mehr wegzudenken.

Und die Forschung an den schwarzen

Gummiwalzen geht immer weiter, um die

Reifen sparsamer, sicherer und leichter zu

machen. Die Hersteller arbeiten sogar daran,

die Luft wieder aus den Pneus herauszulassen.

1

Speichen aus Kunststoff So sind luftlose

Reifen aufgebaut 3

Nie mehr Plattfuß Wie luftlose Reifen aufgebaut

sind: 1 Lauffläche aus Gummi oder

speziellem Kunststoff 2 Elastische, energieschluckende

Speichen aus farbigem

Kunststoff 3 Nabe für Verbindung mit Achse

SCHWERE UNFÄLLE

Denn die hat einen entscheidenden Nachteil:

Sie entweicht langsam und meist unbemerkt.

Laut einer Studie des japanischen

Reifenherstellers Bridgestone aus dem vergangenen

Jahr fuhren europaweit von den

fast 40 000 überprüften Fahrzeugen mehr

als ein Drittel mit zu niedrigem Luftdruck

herum. Das wiederum kann zu Pannen

und schweren Unfällen führen. Und es erhöht

den Spritverbrauch um bis zu einen

halben Liter pro 100 Kilometer. Der Gesetzgeber

reagiert darauf: Ab November

2014 sind elektronische Reifendruckkontrollsysteme

für Neuwagen Pflicht.

Diese Vorgabe erfüllt der amerikanische

Reifenriese Goodyear recht elegant. Mit

seiner Air Maintenance Technology (AMT)

kann ein Reifen ganz ohne externe Pumpen,

elektronische Systeme oder Eingriffe

des Fahrers den optimalen Druck halten.

Die Goodyear-Entwickler nutzen aus, dass

Mehr oder

weniger Profil

Beim Konzeptreifen

des südkoreanischen

Herstellers

Hankook

lässt sich die Auflagefläche

verändern

– was Rollwiderstand

und Verbrauch senkt

2

durch das Rollen der Reifen ein Luftdruck

entsteht, und pumpen ihn bei jeder Umdrehung

ein wenig auf.

Das passiert mittels einer von außen

nach innen verlaufenden Schlauchpumpe

in der Seitenwand und einem Ventil, das

sich unter Druck öffnet und dem Reifen die

notwendige Luft zuführt. Der Druck befindet

sich dadurch immer im optimalen Bereich.

Joe Zekoski, Goodyears Entwicklungschef,

ist sich sicher: „AMT wird den

Verbrauch senken und die Lebensdauer

der Reifen verlängern.“ Noch testen

Zekoski und sein Team die neue

Technik. Den genauen Marktstart

verrät er noch nicht.

Um Spritsparen geht es auch

dem südkoreanischen Hersteller

Hankook. Bei seinem Konzeptreifen

namens eMembrane

ändert sich die Lauffläche je

nach Umdrehungszahl des Reifens

und dem einwirkenden

Druck. Die Techniker verändern

dazu die Struktur in seinem Inneren.

Im Ökomodus heben sie das

Profil in der Mitte an, der Rollwiderstand

und damit der Verbrauch sinken.

Eher ein Marketinggag ist dagegen wohl

der Wellness-Reifen. Beim Road-Beat-

Konzept des südkoreanischen Herstellers

Kumho sollen kleinste Löcher in der Lauffläche

Alphaschallwellen im Frequenzbereich

von 8 bis 13 Hertz erzeugen. Die

wirken angeblich entspannend – und

bremsen so vielleicht allzu heißblütige Autofahrer.

Zugleich verbessern in der Lauffläche

eingebaute LED-Leuchten die Sichtbarkeit

des Autos. Den nötigen Strom erzeugt

praktischerweise der Reifen durch

seine kinetische Energie gleich selbst.

NIE MEHR SCHMUTZIGE FINGER

Mehr praktischen Nutzen verspricht die

buchstäbliche Neuerfindung des Rads, an

der Hankook, Bridgestone und Michelin

arbeiten: Sie testen Reifen ganz ohne Luft.

Sie bieten eine Menge Vorteile: Niemand

fährt mehr mit einem halb platten Reifen

los und riskiert schwere Unfälle, der Wartungsbedarf

sinkt. Auch Plattfüße durch

Bordsteine oder Nägel sollen genauso der

Vergangenheit angehören wie schmutzige

Finger beim Überprüfen des Luftdrucks.

Beim Air Free Concept Tyre von Bridgestone

trägt eine Speichenstruktur aus

Kunststoff auf der Innenseite das Gewicht

des Fahrzeugs. Sie besteht aus Thermoplast,

einem sehr festen, aber gleichzeitig

FOTOS: PR

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FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

flexiblen und leistungsfähigen Kunstharz.

Die Speichenstruktur soll wie luftbefüllte

Reifen Stöße dämpfen. Mittlerweile haben

die Entwickler den Rollwiderstand auf den

Wert eines konventionellen energieeffizienten

Reifens gesenkt. Während die ersten

Prototypen nur sechs Kilometer pro

Stunde schnell fahren konnten – bei einem

Fahrzeuggewicht von gerade mal 100 Kilogramm

–, schaffen die neuesten bereits 60

Kilometer pro Stunde mit einem 410 Kilogramm

schweren Fahrzeug.

Noch radikaler sind die Hankook-Ingenieure:

Sie haben bei ihrem Projekt iFlex

Der erste luftlose

Reifen war nur

sechs Kilometer

pro Stunde schnell

sogar die Felge abgeschafft. Das ganze luftlose

Rad ist aus hochelastischem Polyurethan-Kunststoff

gefertigt, das Ganze ist zudem

zu 95 Prozent recycelbar. Die Speichen

sind miteinander verbunden und sollen

den Druck so verteilen, dass der Reifen

unter Belastung – etwa am Bordstein – zusammengepresst

wird und sich zugleich

nach oben ausdehnt. Und wer sagt, Reifen

müssten immer schwarz sein? Die Kunststoffe

sind leicht einfärbbar.

Michelin dürfte mit seinem Konzept am

weitesten sein: Statt der Luft dämpfen bei

seinem Prototyp namens Tweel hochflexible,

zwischen Lauffläche und Felge angeordnete

Speichen Stöße. Der Rollwiderstand

und damit der Verbrauch sollen sich

verbessern, weil das Rad im Vergleich zu

Gummireifen beim Fahren weniger Walkbewegungen

aufweist. Zudem lässt sich

seine Steifigkeit je nach Fahrzeugtyp über

die Festigkeit der Speichen variieren. Noch

wagt niemand eine Prognose, wann Autofahrer

die luftlosen Reifen kaufen können,

denn höhere Geschwindigkeiten verkraften

sie noch nicht.

Aber Didier Miraton, einer der Michelin-

Entwickler, ist sich sicher: „Der Airless-

Reifen wird kommen.“ Michelin testet den

Tweel in den USA bereits bei Baumaschinen

des US-Herstellers Caterpillar, bei

Rollstühlen und sogar bei einer Mondlandefähre.

n

juergen.rees@wiwo.de

VALLEY TALK | Vom Vertriebschef einer Softwarefirma

zum Drogenkurier – eine ganz legale Karriere.

Von Matthias Hohensee

Die Macht des Erfolgs

Einfach machen, sich durchsetzen

und potenzielle Probleme später

lösen. Mit diesem für Amerika so

typischen Pragmatismus sind im

und ums Silicon Valley herum viele erfolgreiche

Unternehmen entstanden.

Larry Page und Sergey Brin, die Gründer

von Google, fragten nicht die Betreiber

von Web-Seiten, ob sie deren Inhalte in ihre

Suchmaschine aufnehmen durften.

YouTube, heute die marktführende

Video-Plattform, wäre nicht vom Fleck gekommen,

hätten sich ihre Chefs zunächst

Sorgen um den Urheberschutz gemacht.

Auch die Macher hinter der Bettenbörse

Airbnb klopften vor deren Start nicht aufwendig

ab, ob das Vermitteln von Zimmern

gegen städtische Vorschriften verstoßen

könnte. Genau wie der Fahrdienst-Vermittler

Uber. Wer hätte gedacht, dass

jemand ohne den Erwerb einer Taxi-Lizenz

Fahrgäste chauffieren kann?

Die Probleme, so lehren diese Geschichten,

verschwinden in der Regel mit dem Erfolg.

Googles Suchmaschine wurde so populär,

dass sich kein Web-Seitenbetreiber

leisten konnte, auf sie zu verzichten. Um

YouTubes rechtliche Auseinandersetzungen

kümmerte sich Google, als es die Video-

Plattform für 1,6 Milliarden Dollar erwarb.

Airbnb und Uber sind – zumindest in

Amerika – mittlerweile so populär, dass sie

sich nicht mehr verbieten lassen.

Derzeit testet Keith McCarthy die rechtlichen

Grenzen bei einem politisch besonders

heiklen Thema aus: Marihuana. Der

Unternehmer hat in San Francisco das

Start-up Eaze aus der Taufe gehoben. Es

soll eine Art Uber für Marihuana werden.

Eaze vermittelt Fahrer, welche die Droge

frei Haus liefern. Derzeit täglich von acht

Uhr morgens bis Mitternacht. Natürlich nur

an Konsumenten, die Marihuana zur Linderung

von Leiden von ihrem Arzt verschrieben

bekommen haben.

Schließlich ist McCarthy zwar kühn, aber

nicht verrückt. In Kalifornien ist Marihuana

zwar sehr populär, der Genuss ist aber nur

auf Rezept legal. Im Gegensatz etwa zu den

US-Bundesstaaten Washington und Colorado,

wo der Konsum nach dem Willen der

Wähler jüngst freigegeben wurde.

Geordert werden soll wie bei Uber via

Smartphone-App, die den Besteller auf

dem Laufenden hält, wo sich die Sendung

gerade befindet. Innerhalb von zehn Minuten

will Eaze liefern.

DIE MEHRHEIT WILL MARIHUANA

Wie bei Uber koordiniert das Start-up die

Fahrer, die pro Lieferung zehn Dollar erhalten.

Die Kosten für die Kuriere übernehmen

die miteinander konkurrierenden Marihuana-Apotheken.

Im Gegensatz etwa zu Uber

kann der Empfänger die ausgelieferte Ware

nicht per Kreditkarte bezahlen, sondern nur

in bar. Denn Kreditkartenanbietern ist es

verboten, Drogengeschäfte abzuwickeln.

Zwar sind Lieferdienste für medizinisch

verordnetes Marihuana nicht neu. Aber

McCarthy plant, einen besonders einfach

zu nutzenden Service aufzubauen und ihn

als nationale Marke zu etablieren.

Erfahrung damit hat der Eaze-Gründer

bereits. McCarthy war einst Vertriebschef

bei Yammer, das Software für soziale Netzwerke

in Firmen anbot und für 1,2 Milliarden

Dollar an Microsoft ging. Er sieht sich

als Vermittler zwischen den staatlich

regulierten Apotheken für medizinisches

Marihuana und deren Kunden. In 20 US-

Staaten gibt es sie bereits. Allerdings toleriert

die Bundesregierung sie nur.

McCarthy setzt auf einen weiter wachsenden

Markt. Laut einer Umfrage der

Marktforscher vom Pew Research Center

heißen 54 Prozent der Amerikaner die

Legalisierung von Marihuana gut. Zwar

scheiterte die Freigabe in Kalifornien 2010

knapp am Votum der Wähler. Befürworter

wollen es nach den Erfolgen in Washington

und Colorado 2016 noch einmal versuchen.

Eaze will bis dahin etabliert sein.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 65

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Management&Erfolg

Deutschland sucht den

Supergründer

SERIE GRÜNDER (VI) | Treffpunkte In einer neuen TV-Show buhlen Gründer um die

Gunst der Investoren. Geld oder gute Ratschläge gibt es aber auch bei anderen Start-up-

Veranstaltungen – etwa am Pokertisch, beim Volksfest oder gar im Stundenhotel.

Schon während Susan Schmelzer

ihre bunten Schuhe sorgsam in

dem Kölner TV-Studio drapiert,

beginnt das Getuschel. Wie Flip-

Flops sehen sie aus, haben aber

lange Noppen an der Sohle. „Sollen das etwa

Golfschuhe sein?“, fragt einer der fünf

Juroren. „Nein, darin hat man doch gar keinen

Halt“, antwortet ein anderer.

Doch es sind tatsächlich Golfschuhe, die

die Unternehmerin unter dem Namen

„G-Flop“ vertreibt. Profispieler wie Florian

Fritsch haben sie schon getestet. Auf der

Sportmesse ISPO war Schmelzer als Finalistin

für den Newcomer-Preis nominiert.

Nun sitzt sie vor fünf prominenten Investoren,

von denen sie gern 50 000 Euro für

den Ausbau ihres Geschäfts hätte. Doch

zumindest beim deutsch-türkischen Touristikunternehmer

Vural Öger blitzt

Schmelzer ab. Fast persönlich beleidigt ist

der Öger-Tours-Gründer angesichts der

Vorstellung, jemand könnte in solchen Latschen

einen Ball schlagen. „Kein Golfer

würde so etwas kaufen“, schimpft er, „mein

Fuß würde ja darin hin- und herwackeln.“

Willkommen in der „Höhle der Löwen“,

einer neuen TV-Sendung auf Vox, in der ab

19. August Gründer um das Geld von Investoren

buhlen. Fast 100 Jungunternehmer

präsentieren ihre Geschäftsideen vor

der Jury, zu der neben Öger auch Erlebnisgutschein-Guru

Jochen Schweizer, die Vorsitzende

des Jungunternehmerverbandes

Lencke Wischhusen, Investor Frank Thelen

sowie Judith Williams, Moderatorin

beim Shoppingkanal HSE24 und Kosmetikunternehmerin,

gehören. Etwa zwei Millionen

Euro werden die fünf im Laufe der

Sendung aus ihren Vermögen investieren.

In Großbritannien und den USA läuft die

Sendung seit mehr als zehn Jahren unter

den Namen „Dragons Den“ (Drachenhöhle)

beziehungsweise „Shark Tank“ (Haifischbecken).

Die Gründershow wurde schon in

mehr als 20 Ländern adaptiert – darunter

Nigeria und Afghanistan. Doch obwohl Vox

bereits seit Jahren die Rechte hält, war der

Sender offenbar skeptisch, ob im Erfinderland

Deutschland eine solche Unternehmershow

funktionieren kann.

Diese Zurückhaltung ist typisch für die

Bundesrepublik. Die Zahl der Gründungen

ist seit Jahren rückläufig. 2003 waren es laut

KfW noch fast 1,5 Millionen, zehn Jahre

WIWO START-UP-TOUR

Auf nach Berlin

Von Gründern kann man viel lernen:

wie sie neue Geschäftsideen entwickeln

und erfolgreich umsetzen, wie sie

Partner finden und eine moderne Unternehmenskultur

aufbauen. Diese

Themen standen bei der ersten Startup-Tour

der WirtschaftsWoche im

Mittelpunkt. Bei Besuchen von Unternehmen

wie 6wunderkinder, Zalando

oder dem Inkubator Rocket Internet und

einem Netzwerkabend kamen Leser mit

Gründern und der WirtschaftsWoche-

Chefredaktion ins Gespräch. Nach

dem gelungenen Auftakt findet die

Start-up-Tour am 9./10. Oktober erneut

statt. Alle Informationen zum Programm

und zur Anmeldung finden Sie unter

wiwo.de/startup

später nur noch 870 000. Auch im europäischen

Vergleich besteht Nachholbedarf,

wie der Global Entrepreneurship Monitor

zeigt: Während hierzulande im Vorjahr 3,1

Prozent der Erwachsenen ein Unternehmen

gründeten, waren es beispielsweise in

Irland 5,5 Prozent, in Schweden 5,9 Prozent

und in Estland sogar 8,8 Prozent.

MEHR LUST AM GRÜNDEN

Ein zentraler Grund ist die nicht immer

wirtschaftsfreundliche Stimmung im Land.

„Wenn Unternehmer in Deutschland

scheitern, ernten sie Spott und Häme.

Wer Erfolg hat und Millionen verdient,

steht unter Ausbeuterverdacht“, sagt TV-

Juror Schweizer. „Wir müssen lernen,

dass Scheitern Teil des Erfolgs ist, und

sollten denen, die es schaffen, nicht mit

Neid begegnen.“

Die Show soll dazu einen kleinen Beitrag

leisten: „Wir glauben, dass jetzt der richtige

Zeitpunkt gekommen ist, das international

erfolgreiche Format auch in Deutschland

auf den Bildschirm zu bringen“, sagt Vox-

Chefredakteur Kai Sturm. Immer mehr

Menschen hätten Lust, mit ihrem eigenen

Geschäft durchzustarten, und es gebe

mehr Respekt vor Unternehmertum.

Wie groß die Erwartungen sind, zeigt die

Platzierung zur Hauptsendezeit um 20.15

Uhr. „Vielleicht werden einige Zuschauer

durch ,Die Höhle der Löwen‘ überrascht

sein, wie aufregend die trocken wirkende

Wirtschaftswelt sein kann“, hofft Sturm.

Tatsächlich ist der mögliche Lerneffekt

groß – für die Zuschauer und die Start-ups.

Denn es geht bei der „Höhle der Löwen“

nicht darum, statt Möchtegern-Sängern

nun überambitionierte Nachwuchsunter-

FOTOS: VOX/BORIS BREUER

66 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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nehmer zur Schnecke zu machen. Wenn

Schweizer beispielsweise den nerdigen

Hamburger Limonade-Machern, die eine

Alternative zum Szenegetränk Club-Mate

brauen, in drei Minuten vorrechnet, wie sie

ihren Wareneinsatz kalkulieren und eine

realistische Unternehmensbewertung ermitteln

müssten, vermittelt die Show ganz

nebenbei mehr über den Kern von Unternehmertum,

als heutzutage die meisten

Abiturienten in der Schule darüber lernen.

Während einige Gründer schlecht wegkommen,

überzeugen andere die Jury. In

Strenge Juroren In der TV-Sendung „Höhle

der Löwen“ kämpfen Gründer um ihre Gunst

einem Fall beschließen Öger, Schweizer

und Wischhusen nach kaum einer halben

Stunde, 180 000 Euro für eine 30-Prozent-

Beteiligung zu investieren.

Die Finanzierung ist für viele Start-ups

eine der größten Hürden, obwohl in

Deutschland eigentlich genug Kapital vorhanden

ist. „Das Problem ist, wie man das

alte Geld an die neuen Leute bringt“, sagt

Sanja Stankovic, Mitbegründerin der Initiative

Hamburg Start-ups. Sie hat daher eine

Veranstaltung organisiert, um Gründer

und Investoren zusammenzubringen – auf

der Hamburger Reeperbahn. Doch nicht

nur auf der hanseatischen Partymeile wird

versucht, Hochschulabsolventen zur Firmengründung

zu ermutigen und frisch gestartete

Jungunternehmer mit Mentoren

oder Investoren zusammenzubringen.

Welche außergewöhnlichen Veranstaltungen

außerdem für Gründer und Geldgeber

von Interesse sind, lesen Sie auf den folgenden

Seiten.

»

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 67

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Management&Erfolg

Prost, auf die Zusammenarbeit Ungezwungen netzwerken auf der Venture Wiesn im

Wirtshaus am Bavariapark in München

VENTURE WIESN

Janker statt Jackett

Der berühmte Pitch vor Investoren, also

die Kurzpräsentation der eigenen Geschäftsidee,

bescherte schon so manchem

Gründer schlaflose Nächte. Einmal im Jahr

drehen Harald Siebenweiber und seine

Mitstreiter den Spieß um: Auf der Venture

Wiesn müssen Investoren in 90 Sekunden

um die versammelten Gründer werben.

Als zusätzliche Hürde halten die Macher

noch Schilder mit bayrischen Begriffen wie

gschert (unanständig) oder hamma ned

(haben wir nicht) hoch, die die Geldgeber

in ihren Vortrag einbauen müssen.

Ganz so ernst wie andere Pitches darf

man das natürlich nicht nehmen, doch

auch hier geht es darum, Geldgeber und

Gründer zusammenzubringen. „Wir wollen

dafür aber eine möglichst spielerische

Atmosphäre schaffen“, sagt Siebenweiber,

Geschäftsführer vom Start-up Contigua,

das die App 10stamps entwickelt hat, die

Stempelkarten zum Sammeln von Treuepunkten

aufs Smartphone bringt.

Eigentlich wollte Siebenweiber 2011 gemeinsam

mit anderen Gründern aus dem

Entrepreneurship Center der Münchner

Ludwig-Maximilians-Universität ein Sommerfest

organisieren, daraus wurde jedoch

eine Gründerveranstaltung beim Oktoberfest.

Etwa 300 Teilnehmer kommen jedes

Jahr, darunter Manager bekannter Geldgeber

wie Seven Ventures oder Carsten

Maschmeyers Investmentgesellschaft Alstin.

Zum lockeren Ambiente trägt auch

bei, dass die meisten Teilnehmer in

Lederhose und Trachtenjanker statt Anzug

oder Kapuzenpulli erscheinen. Anfangs

standen noch leichte Abwandlungen

populärer Wiesn-Sportarten auf dem

Programm: Statt Maßkrugstemmen und

Hau den Lukas gab es Finanzierung-

Stemmen oder Schaff den Exit. Inzwischen

wurde der Unterhaltungsteil zurückgefahren.

„Wir wollten nicht so viel Programm,

damit mehr Zeit für Gespräche

bleibt“, sagt Siebenweiber.

E-ENTREPRENEURSHIP

FLYING CIRCUS

Werbetour fürs

Unternehmertum

Vermutlich wird Tobias Kollmann Anfang

Oktober wenig schlafen. Der Professor für

BWL und Wirtschaftsinformatik von der

Universität Duisburg-Essen tourt dann

zwei Wochen durch die Republik – in einem

Reisebus über Köln, Hamburg, Berlin,

Dresden und Erlangen nach Stuttgart. Mit

seinem „E-Entrepreneurship Flying Circus“

will er an sechs Hochschulen haltmachen

und Studenten fürs Gründen begeistern.

Mit dabei: etwa 60 Unternehmer, Investoren,

Politiker und Wissenschaftler. In

Diskussionsrunden soll es darum gehen,

warum es in Deutschland keine digitalen

Konzerne wie Facebook oder Google gibt

und vor allem: weshalb es sich gerade hier

und heute lohnt, ein Internet-Start-up aufzubauen.

Start-up-Touren durch einzelne Städte

oder Regionen sind beliebt – auch die WirtschaftsWoche

bietet eine Reise durch die

Berliner Szene an (siehe Kasten Seite 66).

Kollmanns Werbetour fürs Gründertum

startet im Oktober und könnte zeitlich besser

kaum passen: Das Bundesbildungsministerium

hat das Wissenschaftsjahr 2014

unter die Überschrift „Die digitale Gesellschaft“

gestellt und fördert die Bustour.

Doch Kollmann will nicht nur Studenten

zu Gründern konvertieren, bevor sie eine

klassische Konzernkarriere einschlagen. Er

will auch, dass in Deutschland weitere

Lehrstühle für E-Entrepreneurship entstehen,

um das Fach an den Unis besser zu

verankern. Würde das geschehen, wären

lange Bustouren nicht mehr nötig.

GRÜNDERPOKERN

Gute Karten für

Gründer

Dass Philipp Maximilian Scharpenack diesen

Sommer so viel zu tun hat, verdankt

der Unternehmer seinen eigens organisierten

Pokerrunden. Der Gründer baut derzeit

das Start-up Suckit auf, das Longdrinks

in kleinen Tütchen herstellt und vertreibt –

Cocktails zum Selbsteinfrieren und Lutschen.

Im Juni 2013 startete er mit der Idee

– inzwischen sind die „Frozen Cocktails“ in

200 Läden und im Netz erhältlich. Unterstützt

wird er von Inga Koster und Marco

Knauf, die in Bonn den Smoothiehersteller

true fruits hochgezogen haben. Die drei

lernten sich am Pokertisch kennen, genauer

gesagt: beim Gründerpokern.

Diese Veranstaltung findet mehrmals im

Jahr in deutschen Großstädten statt. Das

Konzept ist so simpel wie erfolgreich:

Gründer lernen sich bei einem Pokerturnier

kennen – zwischendurch gibt es ein

Buffet und kalte Getränke, am Ende erhalten

die besten Spieler Sachpreise.

„Wir haben gemerkt, dass man bei den

klassischen Networking-Veranstaltungen

immer mit denselben Leuten herumsteht“,

sagt Scharpenack, der das Gründerpokern

zusammen mit dem Kölner Unternehmer

Jackpot Beim Pokern Investoren treffen

FOTOS: PR

68 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Philipp Mühlbauer 2010 gestartet hat. „Dabei

sind diejenigen, die du noch nicht

kennst, vielleicht viel interessanter für

dich.“ Beim Gründerpokern wird die Sitzordnung

an den Tischen ausgelost. Wer

während des Turniers ausscheidet, trifft

auf andere Gründer oder Investoren, mit

denen er ins Gespräch kommen kann.

Das Konzept hat sich auch finanziell behauptet:

Inzwischen haben Scharpenack

und Mühlbauer mehr als zehn Mal Gründer

zum Pokerabend geladen. Die Tickets

zu etwa 60 Euro decken die Kosten von

rund 7000 Euro pro Abend. Unterm Strich

konnten die Gründer sogar ein kleines Plus

verzeichnen – genug, um sich eigene Pokertische

zu kaufen. Das hat sie auf eine

weitere Idee gebracht: Zusammen mit

Ronja Heinz, der Schwester des ehemaligen

Poker-Weltmeisters Pius Heinz, vermieten

sie Tische an Firmen und organisieren

Pokerturniere für Unternehmen.

Auch das Konzept Gründerpokern soll

weiter ausgebaut werden. In Zukunft wollen

sie neben dem Netzwerken mehr Inhalt

bieten – etwa Diskussionsrunden, Pokerschulungen

oder Gespräche mit Investoren.

Allerdings erst nach dem Sommer,

denn im Moment hat Scharpenack mit seinen

gefrorenen Longdrinks genug zu tun.

STARTUPS@REEPERBAHN

Investorentreff im

Liebesmobil

Die Suche vieler Start-ups nach potenten

Investoren hat Sanja Stankovic schon häufig

an Prostitution erinnert. Als die Mitbegründerin

der Initiative Hamburg Startups

dann 2013 ein Gründerevent im Rahmen

des Hamburger Reeperbahnfestivals plante,

kam ihr die Idee, Gründer und Geldgeber

gleich im passenden Ambiente zusammenzubringen.

Und so fand sich Philipp

Baumgaertel vom Start-up Protonet mit

potenziellen Investoren in einem Stundenhotel

wieder. „Da stand ein Piccolo bereit“,

erinnert sich Baumgaertel, „durch die Atmosphäre

war das Eis gleich gebrochen.“

Das außergewöhnliche Event kam bei

Gründern und Geldgebern so gut an, dass

in diesem September erneut Treffen in intimem

Ambiente stattfinden. Denn wie das

große Vorbild, das South-by-Southwest-

Festival in Austin, Texas, soll das vor neun

Jahren als Musikveranstaltung gestartete

Reeperbahnfestival zu einem wichtigen

Treffpunkt der Digitalwirtschaft werden.

Dabei gibt es nur ein Problem: Das Hotel

vom vergangenen Jahr wurde kürzlich abgerissen.

Weil alternative Etablissements

zu weit von den anderen Veranstaltungsorten

entfernt sind, wird Stankovic fünf sogenannte

Lovemobile aufstellen. Ganz so authentisch

sind die Wohnwagen zwar nicht,

„die es auf dem Kiez gibt, waren uns zu abgeranzt“,

sagt Stankovic. Doch sie will die

gemieteten Wagen zu stilechten Liebesmobilen

umrüsten, mit blinkenden Herzen

und Aufschriften wie „Start-ups are hot“.

EUROPEAN PIRATE SUMMIT

Piraten lassen

Hüllen fallen

Die Wände sind bunt besprüht, neben Metallzäunen

stehen rostige Autogerippe.

Doch die Besucher haben sich keinesfalls

auf einen Schrottplatz verlaufen. Wer genauer

hinsieht, entdeckt Funken sprühende

Roboter und Wasser speiende Saurier

aus Eisen. Das Kölner Veranstaltungsgelände

Odonien, selbst erklärter „Freistaat

für Kunst und Kultur“, ist wie gemacht für

eins der angesagtesten Gründerevents der

Republik: den European Pirate Summit.

Seit 2011 lockt der Gipfel Jahr für Jahr

Hunderte Jungunternehmer an, für die

Gründen so abenteuerlich ist wie für Piraten

eine Kaperfahrt. Die Analogie stammt

von Michael Arrington, dem Gründer des

Internet-Portals TechCrunch, der Entrepreneure

mit Seeräubern des 17. Jahrhunderts

vergleicht:Beide setzen fast alles aufs

Spiel, aber haben nur geringe Chancen, einen

Schatz zu heben.

Arringtons Vergleich inspirierte Organisator

Till Ohrmann, den Piratengipfel ins

Leben zu rufen. Er war damals noch Student

an der Business and Information

Technology School in Iserlohn und wollte

eine Veranstaltung aufbauen, um selbst

mit Investoren ins Gespräch zu kommen.

Zusammen mit dem Unternehmer Manuel

Koelman entwickelte der damalige

Student die Idee zum Pirate Summit.

Auf einer Holzplanke, die den Charme

eines Schiffdecks versprüht und als Bühne

dient, pitchen nicht nur Start-ups um Investoren,

sondern auch umgekehrt. An

Bord geht es um Erfolg genauso wie ums

Scheitern. „Wir wollen, dass die Leute die

Hüllen fallen lassen und darüber reden,

was beim Gründen weh tut“, sagt Ohrmann,

„damit andere daraus lernen.“

Der Zuspruch für die Veranstaltung ist

gewaltig. Die Organisatoren verlängern

den diesjährigen Gipfel von zwei auf fünf

Tage. Ohrmann erwartet mehr als 2000

Teilnehmer und peilt zum ersten Mal einen

kleinen Profit an. Gewinne liefert inzwischen

auch eine zweite Veranstaltungsreihe,

die Ohrmann mit Koelman gestartet

hat: die sogenannten Exec I/O-Konferenzen,

die mehrmals im Jahr überall in

Deutschland stattfinden. Dabei treffen

Jungunternehmer mit etablierten Konzernlenkern

zusammen. Beide Seiten tauschen

sich zu Themen wie Finanzen, Handel

oder Mobilität aus. „Nach jedem Pirate

Summit sind Konzerne auf uns zugekommen,

weil sie mit Technologie-Start-ups in

Dialog treten wollen“, erzählt Ohrmann,

„das wurde irgendwann so laut, dass uns

klar war: Wir müssen etwas tun.“

n

oliver.voss@wiwo.de, jens.tönnesmann@wiwo.de

Alle Mann an Bord Der Piratengipfel lockt Gründer im September nach Köln

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 69

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Management&Erfolg

»Ich gebe meine Daten gerne her«

INTERVIEW | Christian Muche und Frank Schneider Die Gründer und Organisatoren der Digitalmesse

Dmexco erklären, wie Traditionskonzerne die Digitalisierung überleben und warum Kühlschränke

die Werbeindustrie revolutionieren.

Herr Muche, Herr Schneider, Google entwickelt

ein Auto, Apple bringt im Oktober

eine Uhr auf den Markt: Werden die Technologiekonzerne

in ein paar Jahrzehnten

die gesamte Wirtschaft dominieren?

Muche: Ja, das ist durchaus vorstellbar. In

der Telekommunikationsbranche haben

sie einstige Schwergewichte wie Nokia und

Blackberry ja schon ausgeschaltet.

Woher kommt diese Schlagkraft?

Muche: Die Amazons und Googles dieser

Welt haben nicht nur eine riesige Nutzerzahl

und Datenmaterial hinter sich, sondern

auch die finanzielle Kraft, um etablierte

Konzerne herauszufordern und ihre

Ideen durchzusetzen. Ich glaube aber, dass

wir in zehn Jahren noch ganz andere Spieler

in dieser Größenordnung am Markt haben

werden, von denen wir heute noch

nichts wissen.

Das heißt, die Weltkonzerne aus der analogen

Welt werden langsam, aber sicher

aussterben?

Schneider: Nein, nicht zwangsläufig. Aber

sie müssen sich der Digitalisierung stellen.

Muche: Nestlé zum Beispiel hat im vergangenen

Jahr eine Dependance im Silicon

Valley eingerichtet. Das halte ich für absolut

sinnvoll.

DIGITALE PIONIERE

Christian Muche, 48, und Frank Schneider,

51, haben im Jahr 2009 die mittlerweile

international etablierte Messe Dmexco für

digitales Marketing ins Leben gerufen.

Muche arbeitete zuvor als Manager für die

Internet-Konzerne Yahoo und AOL. Schneider

war von 2006 bis 2008 Mitglied in der

Geschäftsleitung beim Düsseldorfer Messeveranstalter

Igedo.

Warum?

Muche: In jüngster Zeit war es unter Managern

und Unternehmern chic, für ein paar

Wochen dorthin zu fliegen und Kontakte

zu knüpfen. Heute verlaufen die Entwicklungszyklen

so schnell, dass die Unternehmen

ständig am Ball bleiben müssen,

wenn sie vorausschauend auf technologische

Neuerungen reagieren und sich als

innovative Marke präsentieren wollen. Sie

müssen Mitarbeiter vor Ort haben, die das

Wissen der Technologieunternehmen permanent

abgreifen und sich täglich mit ihnen

austauschen. Dies gilt vor allem für

Konzerne außerhalb der IT- und Technologiewelt,

damit sie die alltäglichen digitalen

Evolutionen ihrer Kunden besser verstehen.

Auf welche neuen Trends müssen sich

Verbraucher einstellen?

Muche: Bislang waren das Zuhause und

auch das Auto noch Schutzzonen, in die

die Digitalisierung nur sehr begrenzt vorgedrungen

war. Das ändert sich gerade.

Wir werden bald überall zusätzliche Bildschirme

haben – an der Wohnungswand,

in der Windschutzscheibe oder am Kühlschrank.

Schneider: Die dort generierten Daten vervollständigen

das bisherige Profil des Konsumenten,

das sich bislang vor allem aus

Informationen vom Smartphone oder dem

Desktop-PC speist. Die Marketingmaßnahmen

können so passgenau auf die Situation

und das jeweilige Endgerät eines

Verbrauchers zugeschnitten werden.

Wie denn?

Muche: Auf einem Bildschirm am Kühlschrank

könnten etwa gesponserte Rezeptvorschläge

von Online-Diensten wie chefkoch.de

eingeblendet werden, die sich

exakt aus den Lebensmitteln zaubern lassen,

die im Kühlschrank noch vorrätig

sind.

Also anders ausgedrückt: Zusätzliche

Werbeflächen in den eigenen vier

Wänden...

Schneider: Schon, aber sehr effizient und

vom Verbraucher durchaus gewollt. Er behält

Anbieter wie chefkoch.de positiv in Er-

FOTO: RAIMAR VON WIENSKOWSK

70 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: PR

Volle Hallen Die Veranstalter der Dmexco rechnen 2014 mit mehr als 30 000 Besuchern

innerung, weil die Marke ihm Mehrwert

bietet. Im Büro oder unterwegs hätte der

Rezeptvorschlag keinen Sinn ergeben. Wer

gerade im Auto unterwegs ist, bekommt

statt des Rezeptvorschlags Hinweise auf

aktuelle Angebote des nächsten Supermarkts.

Und woher wissen die Unternehmen, ob

ich in diesem Moment gerade unterwegs

bin oder nicht?

Muche: Ihr vernetztes Auto erhebt diese

Daten. Der Hersteller kennt die Strecken,

die Sie regelmäßig zurücklegen. Demnächst

könnte er mithilfe von Sensoren sogar

feststellen, wie viele Leute bei Ihnen

mitfahren. Er weiß, an welcher Tankstelle

Sie meistens Ihr Benzin zapfen.

Schneider: Und diese Tankstelle könnte

Ihnen dann einen Gutschein auf Ihr Handy

schicken, wenn Sie gerade in der Nähe

sind.

Schön und gut, aber gerade in Deutschland

ist die Skepsis über exzessives

Datensammeln unter Verbrauchern doch

sehr groß...

Muche: Die Industrie ist nicht blauäugig.

Auch wir wissen, dass nicht alle Hurra

schreien, wenn es um Datenerfassung

geht. Aber das Wissen über den Konsumenten

bietet schließlich ein riesiges Potenzial,

ihn perfekt anzusprechen.

Schneider: Solange es mir nützt, gebe ich

meine Daten gerne her – und da bin ich sicherlich

nicht der Einzige. Heute Morgen

zum Beispiel habe ich auf dem Weg zum

Flughafen im Stau gestanden – und Google

Maps hat mir sofort eine alternative Route

ausgespuckt. Das konnte es nur, weil die

Software meinen Standort erkannt hat und

die aller anderen Nutzer. Ich war jedenfalls

pünktlich am Flughafen.

Muche: Diese Fülle an Informationen muss

ausgewertet und so aufbereitet werden,

dass die Unternehmen sie zu Marketingzwecken

nutzen können. Da besteht ein

riesiger Nachholbedarf. Derzeit tummeln

sich immer mehr Teilnehmer am Markt, die

genau diese Dienstleistung anbieten. Denn

die wenigsten Unternehmen haben dazu

selbst ausreichend Ressourcen.

Das gilt sicherlich besonders für kleine

und mittlere Betriebe, die schon an ihre

Grenzen stoßen, wenn sie ihr Facebook-

Profil aktuell halten sollen.

Schneider: Ja, allerdings muss ein kleines

Unternehmen nicht die ganze Klaviatur

des digitalen Marketings bedienen. Mein

Lieblingsitaliener schickt zum Beispiel einmal

pro Woche seine Speisekarte per Facebook.

Dann kann ich mich in Ruhe entscheiden,

an welchem Tag ich dort zu Mittag

esse. Das reicht.

Bei Konzernen reicht das aber schon

lange nicht mehr. Alleine bei der Fußballweltmeisterschaft

in Brasilien wurden

zusätzlich 1,5 Milliarden US-Dollar in den

Werbemarkt gepumpt.

Muche: Ohne die digitalen Kanäle wäre es

wohl nur ein Drittel gewesen.

DMEXCO

Messe und

Konferenz

Am 10. und 11. September 2014 findet

in Köln zum sechsten Mal die Dmexco

statt. Die Veranstaltung zu digitalem Marketing

ist Messe und Konferenz zugleich.

Während mehr als 800 Aussteller aus

aller Welt im Kölner Congress-Centrum

Nord die neuesten Trends beispielsweise

zum Suchmaschinenmarketing, dem

mobilen Bezahlen oder aus dem Bereich

E-Commerce präsentieren, sprechen

Hochkaräter wie Philips-CEO Pieter Nota

oder Buzzfeed Gründer Jonah Peretti

auf der dazugehörigen Konferenz vor

Interessierten. Die Themen der Redner

reichen von: Welche Fähigkeiten braucht

ein Chief Marketing Officer heute und

morgen ? Bis zu: Wie funktioniert eigentlich

gutes mobile Marketing? Der Eintritt

sowohl zur Messe als auch zur

Konferenz ist an beiden Veranstaltungstagen

kostenlos.

Schneider: Es geht aber nicht nur um

hohe Budgets, sondern um pfiffige Ideen.

Erinnern Sie sich an den Biss des Uruguayers

Suarez gegen den italienischen

Spieler?

Ja.

Schneider: Schon kurz nach dem Vorfall

schickte Snickers ein Foto von einem

angebissenen Riegel über Twitter. Darüber

stand: Wenn du das nächste Mal hungrig

bist, schnapp dir ein Snickers. Die Folge:

48 000 Retweets. So funktioniert Marketing

heute – schnell auf Ereignisse reagieren

und den Dialog mit den Kunden suchen.

Muche: Und vielleicht hat ja in ein paar

Jahren jeder Zuschauer eine Datenbrille

an seinem Stadionsitz, auf der er auch

dort die Zeitlupe aus allen möglichen

Perspektiven anschauen kann. Die Einstellungen

könnten zum Beispiel von Coca-

Cola gesponsert werden, und wenn ich

auf einen Knopf drücke, serviert mir eine

Bedienung oder vielleicht sogar ein Roboter

kurz darauf ein Glas von der braunen

Brause.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass

diese Innovationen nicht nur aus dem

Silicon Valley, sondern aus Asien, Europa

oder sogar aus Deutschland kommen?

Schneider: Das Silicon Valley ist nach wie

vor das Herzstück der Digitalisierung. Aber

natürlich gibt es auch in Deutschland, Israel

oder Indien digitale Ballungszentren

und hochkarätige Veranstaltungen. Wir

haben es mit der Dmexco ja auch geschafft,

eine international anerkannte Messe auf

dem Gebiet des digitalen Marketings in

Deutschland zu etablieren.

n

kristin.schmidt@wiwo.de

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 71

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Geld&Börse

Der Kampf ums Ohr

INTERNET-AKTIEN | Was haben Sony, Goldman Sachs, Fondsanbieter Fidelity, Coca-Cola

und Multimilliardär Li Ka-Shing gemeinsam? Sie haben in einen Streaming-Dienst

investiert, der Musik im Internet anbietet. Musik- und Buchverlage, TV- und Filmindustrie

werden durch neue interaktive Formate vom Kopf auf die Füße gestellt. Es gibt Verlierer

und Gewinner. Anleger sollten sich früh positionieren.

Daniel Ek, Gründer des Internet-Musikdienstes

Spotify,

verschwendet keine Zeit auf

lange Reden. Bei seinem ersten

Auftritt auf dem Branchentreff der Plattenbosse

wartet der 23-Jährige geduldig, bis

das Gemurmel im Saal sich legt. Seine erste

Folie enthält keinen Text, nur zwei Symbole:

eine durchgestrichene Piraten-Totenkopfflagge,

und ein Bündel Dollar-Noten. Die

zumeist älteren Herren schütteln die Köpfe;

viele schauen wieder auf ihre Blackberrys

statt auf die Präsentation des kahlköpfigen

Schweden. Der junge Mann dort oben auf

dem Panel verspricht nicht weniger, als die

Produktpiraterie zu besiegen und die

Musikbranche wieder auf Wachstumskurs

zu bringen. In den Ohren vieler klingt das

wie blanker Hohn – ausgerechnet ein Internet-Start-up

erdreistet sich dazu. Das Internet

ist für sie der Feind. Früher und tiefer als

andere Branchen pflügt es gerade die

Musikbranche um.

Das war 2006, und der Trend hat sich

noch sechs Jahre fortgesetzt. Allein durch

Netz-Piraterie ging der Musikbranche von

1999 bis 2012 fast die Hälfte ihres globalen

Jahresumsatzes flöten. Das Problem Internet

ist aber zugleich die Lösung: Der von Ek

gegründete Internet-Musikdienst Spotify

hat heute 41 Millionen Kunden, zehn Millionen

davon zahlen regelmäßig für Musik

im Internet. Seine alte Vision vom Tod der

Piraten und neuen Einnahmequellen wird

wahr: 2013 stiegen die Umsätze der Musikindustrie

wieder, nach 15 Jahren stetigen

Rückgangs; die beiden ersten Quartale

2014 geben Anlass zu noch mehr Optimismus,

bis 2018 soll der Umsatz der Branche

in Deutschland laut den Konsumforschern

von GfK um gut zehn Prozent zulegen. Zwar

fallen die CD-Verkäufe weltweit weiter

rapide. Doch eine neue digitale Vermarktungsform

wächst rasant, je nach Land mit

Raten von bis zu 90 Prozent pro Jahr:

Musik-Streaming. Dabei greifen die Kunden

gegen eine monatliche Pauschale (Flatrate-Abo)

von rund zehn Euro über das

Netz auf den gesamten Katalog fast aller

Musikverlage zu. Bis zu 32 Millionen Titel

aus allen Genres stehen ihnen für relativ

kleines Geld zur Verfügung – wann sie wollen,

wo sie wollen, so oft sie wollen, vom

Handy aus, vom PC, über die Stereoanlage.

„Eine radikal kundenfreundliche Lösung,

die anfangs in der Branche umstritten war,“

sei das, sagt Philip Ginthör, Chef von Sony

Music Mitteleuropa.

Doch wahrscheinlich ist Streaming die

letzte Chance, die über Jahre eingeschliffene

Gratiskultur im Netz zu besiegen. Mit

wegweisender Wirkung für andere Medienbranchen.

„Die Musikindustrie hat

nach 15 Jahren des Niedergangs endlich

Die Tonleiter hoch

Umsatz mit Musikstreaming* und Anzahl

der Premium-Abo-Kunden weltweit

Umsatz

(in Millionen Dollar)

Premium-Abo-Kunden

(in Millionen)

322

8

2010

450

13

734

20

1111

2011 2012 2013

* Internet-Musik-Abonnements, nur Kundenzahlungen,

ohne Werbeeinnahmen; Quelle: IFPI

28

Geschäftsmodelle gefunden, die ihr das

Überleben in der rein digitalen Zukunft ermöglichen“,

sagt Adam Bird, Director bei

McKinsey und weltweit zuständig für Medien

und Entertainment. Immer mehr

Menschen bezahlen wieder für Musik,

weltweit sind es schon über 30 Millionen,

Tendenz steigend (siehe Grafik) – obwohl

es weiter illegale, kostenlose Angebote gibt.

DAS SCHLIMMSTE KOMMT NOCH

TV-Sendern, Filmstudios und vor allem

Verlagen, meint Bird, stehe der härteste

Teil des Umbruchs noch bevor. Meilenweit

seien die großen Player noch von einer gemeinsamen

Netz-Strategie entfernt, von einem

Schulterschluss über Branchengrenzen

hinweg ganz zu schweigen. Doch die

zweite Internet-Revolution betreffe „alle,

die mit geistigem Eigentum handeln“, sagt

Dieter Gorny, Chef des Bundesverbands

Musikindustrie und Gründer des TV-Senders

Viva, „auch TV-Sender und Verlage

werden in 15 Jahren nicht wiederzuerkennen

sein.“ Immer mehr Konsumenten

wandern ab vom traditionellen TV zu den

neuen Angeboten wie Netflix oder Hulu,

lesen auf dem iPad statt auf Papier, hören

Napster, Simfy oder Spotify statt Radio.

Die großen Werbebudgets werden den

Nutzern folgen und so die Umsätze der

Etablierten weiter gefährden. Seit Neuestem

drängen nun auch die Internet-Giganten

Apple, Google und Amazon in das Geschäft.

Sie haben das Potenzial von Streaming

erkannt – und tiefe Taschen. Für Anleger

bietet das Thema enorme Chancen.

Sie tun gut daran, nicht zu spät auf den

Trend zu springen. Im ersten digitalen Umbruch

von 1988 bis 2000 wurden die Ge-

»

FOTO: GETTY IMAGES/THE IMAGE BANK

72 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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204Prozent

mehr digitale Musik

wurde seit 2009 in

Lateinamerika verkauft

40 Millionen

Deutsche nutzen bereits

Video-Streaming, die

meisten aber noch gratis

508Prozent

Wachstum bei Musik-Abos

verbuchte die Branche

seit 2009 in den USA

Digitales Hör-Gerät Rundum-sorglos-Abos (Streaming)

retten die Musikbranche in die Internet-Zukunft; bei TV-Serien

und Filmen scheint das Modell ebenfalls zu funktionieren

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 73

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Geld&Börse

»

winne zu Anfang gemacht, nicht erst

kurz vor der Jahrtausendwende, als die Investmentbranche

den Trend in Fonds und

Zertifikate gegossen und ihre Promotion-

Maschinen angeworfen hatte.

DER GROSSE TESTFALL

Gibt es ein Überleben in der Internet-Welt

für ein Geschäft, das auf dem Verkauf geistigen

Eigentums beruht? An dieser Frage

scheiden sich im Moment die Geister. US-

Starökonom Jeremy Rifkin sieht eine „neue

Kultur des Teilens“ im Netz, die tradierte

Geschäftsmodelle der Musik-, Film-, Buchund

Zeitungsindustrie „ausradieren“ werde.

Dagegen glaubt Bird von McKinsey:

„Mehr Menschen als je zuvor konsumieren

dank Internet Musik, Film und Texte; das

sind goldene Zeiten für Inhalteanbieter –

wenn sie die richtigen Formate finden.“

Die Musikindustrie jedenfalls gilt als

„der große Testfall, auf den die Manager

der anderen Branchen mit einer Mischung

aus Angst und Faszination schauen“, sagt

Christoph Zeh, Analyst für Medien beim

Marktforschungsinstitut GfK in Nürnberg.

Sie wurde gut zehn Jahre früher als andere

Medien von der Gratiskultur im Netz erfasst:

„Musikdateien sind – verglichen etwa

mit Film – relativ klein; man konnte sie

schon Ende der Neunziger leicht illegal aus

dem Netz ziehen, als Bandweite und

Geschwindigkeit noch echte Hindernisse

waren“, sagt James McQuivey, Analyst

beim IT-Trendforscher Forrester und Autor

des US-Bestsellers „Digital Disruption“.

Die Folge: Weltweit fielen die Umsätze

mit aufgezeichneter Musik (ohne Konzertgeschäft)

von 26 Milliarden 1999 auf 15

Milliarden Dollar 2013; die Zahl der weltweit

agierenden, alle Genres abdeckenden

Musikverlage (Major Labels) halbierte sich

von sechs auf drei. Nun ruhen die Hoffnungen

auf den digitalen Streaming-Abos, deren

Umsatz und Nutzerzahlen gerade rapide

wachsen. 2013 stieg der Streaming-Umsatz

weltweit um 51 Prozent, auf zuletzt

1,11 Milliarden Dollar, sagt Christina Boettner,

leitende Marktforscherin des globalen

Dachverbandes der Phonoindustrie IFPI.

Die Zahl der zahlenden Kunden wuchs um

40 Prozent auf 28 Millionen.

Nutznießer sind nicht zuletzt die Labels

selbst, denn die Streaming-Dienste geben

55 bis 70 Prozent ihres Umsatzes an die

Plattenfirmen weiter. Allein Marktführer

Spotify hat seit 2008 mehr als eine Milliarde

Dollar Lizenzgebühren ausgeschüttet. Bei

Sony stieg der Streaming-Umsatz 2013 um

130 Prozent. Warner Music meldete vergangene

Woche 26 Prozent plus beim Digital-

Umsatz auf 324 Millionen Dollar im letzten

Quartal. 41 Prozent des Umsatzes sind bei

Warner inzwischen rein digital (auch eine

CD ist streng genommen digital, gemeint

sind nicht-physische Formen wie Streaming

und MP3-Downloads). „In einigen

Ländern mit hoher Smartphone-Durchdringung,

wie etwa in Schweden, macht

Streaming schon 60 bis 70 Prozent der Umsätze

aus“, sagt Marktforscherin Boettner.

ZWEIFRONTENKRIEG

Will die Medienindustrie im Kampf gegen

die Gratiskultur im Netz obsiegen, muss

sie zwei entscheidende Nutzergruppen

für ihre Bezahlangebote gewinnen, sagt

McQuivey von Forrester: „ Die junge Konsumentenschicht,

die mit kostenlosen Inhalten

im Netz aufgewachsen ist, und die

Bevölkerung der Schwellenländer, die mit

der westlichen Idee des Urheberrechts

nicht viel anfangen kann.“

»Zu den Leuten, die die Branche

noch überzeugen muss, gehört

Tim Borchers*, 17, aus Köln. Er surft im

Netz, seit er acht ist, und zieht alles

heraus, was er haben will: Songs, ganze

Alben, Filme. Seine Sammlung umfasst

mehrere Terabyte. Bezahlt davon hat

er nichts, er kenne es nicht anders,

sagt Tim. Ob das legal ist, sei für ihn

kein Kriterium. „Ich hätte sowieso

kein Geld, das zu kaufen, also entgeht

denen auch kein Umsatz“, gibt er sich

* Name von der Redaktion geändert

So groß will er werden Spotify-Chef

Daniel Ek expandiert weltweit

geschäftsmännisch. Tim „shared“

auch, was er aus dem Netz zieht: „Wenn

ich was cool finde, sollen das auch meine

Freunde sehen oder hören“, sagt er,

„ich gebe denen ’nen Stick mit MP3s

oder schicke den Link zum Download

per Mail.“ Und er kennt schon einen

Kniff, der Streaming unterminiert: Sein

Vater habe ein Premium-Abo, sagt er.

Die so zugänglichen Lieder schneidet

Tim mittels einer Software mit, die ganz

legal erhältlich ist: Die kopiert alles,

was über die Soundkarte seines PCs

läuft: Spotify, YouTube, Internet-Radio.

Will Page ist von Haus aus Ökonom; er arbeitete

für Banken, verfasste vor 20 Jahren

Studien über die Integration der DDR in

den Kapitalismus. Jetzt ist er Chefökonom

und Leiter Research bei Spotify und beschäftigt

sich mit Leuten wie Borchers, „allerdings

nicht, wie in unserer Branche 20

Jahre lang üblich, mit Kopierschutztechnik

und Anwälten“, sagt der Schotte. Page erforscht,

ob und wie sich an eine jahrelange

Gratiskultur gewöhnte Konsumenten mit

„positiven Anreizen“ für legale (und natürlich

kostenpflichtige) Angebote zurückgewinnen

lassen; seine Forschungen lassen

aufhorchen, nicht nur in der Musikbranche.

In den USA spricht er jetzt oft vor TVund

Filmmanagern, etwa bei Time Warner,

beim Kabelriesen Viacom oder bei Disney.

Page macht seine Fallstudien dort, wo es

besonders weh tut: in Holland, Russland

oder Italien – Länder, in denen wegen eines

laxen Urheberrechts das Musikgeschäft bis

vor Kurzem so gut wie tot war. Ein neuer

FOTOS: BLOOMBERG NEWS/LOUIS LANZANO, SZ PHOTO/SNAPSHOT-PHOTOGRAPHY

74 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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Goldkehle Rihanna

Populärster weiblicher

Star im Internet

Nummer-eins-Hit etwa wurde in den Niederlanden

pro legalen Download über 100

Mal illegal aus dem Netz gezogen; in Umfragen

gaben 2005 rund 90 Prozent der

Holländer mit Internet-Anschluss an, gratis

Musik aus dem Netz zu ziehen. Doch

das ändert sich gerade:

„Bereits der Start von Apples iTunes 2004

hat die Raubkopier-Rate erheblich gesenkt“,

meint Page, „und seit fast jeder Holländer

ein Smartphone und eine Handyflatrate

hat, ist die Piraterie dort so gut wie

erledigt. Heute macht nur noch ein harter

Kern von rund zehn Prozent der Internet-

Nutzer Raubkopien, und das aus Prinzip.“

Auffällig sei, „dass Streaming im Moment

vor allem junge Musikfans unter 25

Jahren gewinnt“, beobachtet auch Holger

Christoph, Vice President Digital Sales bei

Universal Music in Berlin, „etwa die Hälfte

der Streamingnutzer war zuvor Nichtkäufer,

die bislang gar kein Geld für Musik ausgegeben

haben.“

Sind die Teenager weltweit auf einmal zu

braven Verfechtern des geistigen Eigentums

mutiert? „Wohl kaum“, sagt Philip

Ginthör, Chef von Sony Music im deutschsprachigen

Raum. Der gelernte Anwalt

sagt: „Mit Abmahnungen und dem Schließen

von Piraterie-Web-Seiten würden wir

die jungen Leute nie zurückgewinnen.“

Ginthör setzt stattdessen auf „Convenience“:

Der Kunde soll es so bequem wie

nur möglich haben; mit Musik auf allen Kanälen,

auf dem Handy, vom PC, aus der Hi-

Fi-Anlage. Dann werde er schon zahlen.

McQuivey sieht hier die einzige Lösung:

„Sobald das professionelle Angebot für die

Leute bequemer, schneller und einfacher

ist als das illegale oder kostenlose, bezahlt

ein hoher Anteil der Nutzer auch wieder

dafür“, sagt er. Laut Umfragen sind in den

meisten Ländern 45 bis 65 Prozent der Bevölkerung

prinzipiell bereit, für Musik Geld

auszugeben – solange sie die bequem und

ohne lästige Einschränkungen der Auswahl

bekommen.

ZUM ERSTEN MAL LEGAL GEHÖRT

Die Inhalte-Schaffenden selbst sind noch

gespalten; viele Künstler üben harsche Kritik

an den niedrigen Tantiemen, die das

Streamen im Vergleich zu CD und Dateidownload

abwirft – noch. Einige, wie die

Alt-Rocker AC/DC, untersagen ihren Rechteverwertern

gar das Einspeisen ihrer Werke

in die Internet-Dienste. Andere, wie der

Belgier Jonathan Vandenbroeck, besser bekannt

als Milow, sehen die Chancen:

„Streaming ermöglicht vielen Menschen

überhaupt zum ersten Mal, Musik legal zu

konsumieren“, sagt Milow. Viele Menschen

in Schwellenländern hätten keine teuren

CD-Player, aber Smartphone und Internet-

Flat. Die aktuelle Debatte findet er kurzsichtig:

„Ich denke, dass Streaming künftig

mehr Leute erreicht, die noch nie oder seit

langer Zeit nicht mehr für Musik bezahlt

haben. Ich bin zuversichtlich, dass wir sogar

höhere und vor allem regelmäßigere

Lizenzeinnahmen erhalten werden.“

Das wäre wichtig; denn ohne Geld würde

früher oder später auch der Nachschub

an interessanten Inhalten austrocknen.

Aus Sicht der Konsumenten ist die Sache

klar: „Die Musikindustrie war noch nie so

kundenfreundlich“, sagt Bird von McKinsey.

Früher jubelte sie ihren Kunden alte

Songs aus dem Archiv oder mies digital

neu abgemischte Klassiker für teures Geld

unter. Bird: „Heute kann jeder hören, was

er will, so oft er will.“ Folge: Nicht nur Fans

mit riesigen Plattensammlungen, die ohnehin

viel Geld für ihre Leidenschaft ausgeben,

sondern auch Menschen wie Albert

Erdmann, 55, lassen sich ködern.

»Günstiger,

bequemer Service

kann die Gratis-

Kultur besiegen«

Spotify-Gründer Ek

»Mir war es immer zu anstrengend,

neue Musik zu suchen, ich

hörte halt, was im Radio lief“, sagt

der Ingenieur. „Die Folge war, dass ich

vor 20 Jahren ganz aufhörte, mir Musik

zu kaufen, ich dachte: Heute wird

eh nur noch Schrott gemacht, aber das

ist falsch.“ Lässig sitzt Erdmann in der

Hollywoodschaukel seines Obersendlinger

Gartens und führt auf dem iPad

vor: Ein Algorithmus empfiehlt ihm

laufend neue Künstler; er funktioniert

ähnlich wie der für Bücher bei Amazon:

Du hast X und Y gehört, probier’

mal Z. „Anfangs habe ich den ausgelacht“,

sagt Erdmann, „ich programmiere

selbst und weiß, wie das Zeug arbeitet;

aber er wird immer besser und

genauer, je mehr man ihn nutzt.“ Gefällt

ihm ein Lied, speichert Erdmann

es ab; er „besitzt“ es dann zwar nicht

physisch, es liegt noch immer auf den

Servern des Anbieters, irgendwo in

der Datenwolke, der Cloud. Doch Erdmann

kann es für zehn Euro im Monat

nun so oft hören, wie er will, und alle

24 Millionen restlichen Lieder im

Bestand ebenso. „Auch offline“, sagt er,

„unterwegs auf dem Handy oder so,

dann verbrauche ich dabei nicht die

teuren Datenkontingente meines

Handyvertrags.“

„Wir wollen potenziell jeden Menschen auf

der Welt erreichen, der ein Smartphone

besitzt“, sagt Page von Spotify, „genauer: 80

Prozent davon, denn so hoch ist in fast jedem

Kulturkreis der Anteil der Menschen,

die regelmäßig Musik konsumieren.“ Nur

zahlte bislang nur eine Minderheit dafür.

„Der Musikkonsum selbst ging nie zurück“,

sagt Zeh von der GfK, „aber die Monetarisierung

durch Künstler und Rechteverwerter

litt unter Pirate Bay oder Napster.“

McQuivey von Forrester ist noch skeptisch,

was das Potenzial der Kreativwirtschaft

in den Schwellenländern betrifft: „In

fast allen westlichen Ländern und in Japan

geben die Menschen im Schnitt 65 Dollar

pro Jahr für Musik aus; das Geld brauchen

die meisten Bewohner Chinas, Indiens

oder Brasiliens für wichtigere Dinge; außerdem

wird in Teilen Asiens der Begriff

,Copyright‘ als ,Recht zu kopieren‘ verstanden.“

Doch es gibt andere Wege, Länder wie

China zu erobern: „Als hilfreich haben sich

Partnerschaften mit Telekomanbietern erwiesen“,

sagt Verbandsmanagerin Boettner,

„die Kunden bekommen Musik günstig

»

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 75

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Geld&Börse

»

als Teil ihres Datenpakets, Künstler und

Labels bekommen Lizenzeinnahmen, der

Telekomanbieter kann sich mit Inhalten

von Konkurrenten abgrenzen.“

In Ländern wie Mexiko, Brasilien oder

Thailand hat die Musikindustrie bereits

zahlreiche Deals mit Handynetzbetreibern

geschlossen. Labels wie Universal (4,9 Milliarden

Euro Jahresumsatz, gehört zum Vivendi-Konzern)

haben mit chinesischen

Künstlern erste Verträge unterzeichnet;

Verwertungsverträge mit lokalen Internetund

Handynetzbetreibern wie China Mobile

oder Baidu sind gemacht.

„Auch chinesische Politiker erkennen,

dass mit medialen Inhalten Umsätze und

damit Steuereinnahmen winken, ihre Einstellung

zum Urheberrecht verändert sich

gerade“, sagt Gorny.

SCHNELL CLAIMS ABSTECKEN

Auch Risikokapitalisten und Finanzinvestoren

gehen offensichtlich davon aus, dass

hier Geld zu holen ist: Etliche haben sich

an Streaming-Diensten beteiligt. Zwar ist

noch kaum einer der Musik-Streamer profitabel,

aber „es geht den meisten Investoren

zunächst nicht um das Erreichen der

Gewinnschwelle“, sagt André Burchart vom

Risikokapitalgeber Capnamic in Köln. Im

Moment herrsche „Landgrabbing“: Jeder

Anbieter versucht, so viele Kunden wie

möglich zu gewinnen. „Das macht auch

Funke springt über Am Tag nach

seinem Live-Auftritt wurde Ed Sheeran

millionenfach gestreamt

Sinn“, sagt Burchart, „denn das Internet

lässt erfahrungsgemäß pro Geschäftsidee

nur einen richtig groß werden.“

Die Sieger des ersten Digitalbooms haben

es vorgemacht. Ob bei Suchmaschinen

(Google), E-Commerce (Amazon),

Online-Auktionen (Ebay) oder sozialen

Netzen (Facebook): Die einst hoffnungsvollen

Zweiten wie Ricardo.de, StudiVZ,

Alltheweb, MySpace blieben auf der Strecke.

„Zwar wird im Musik- und TV-Streaming

mehr als einer übrig bleiben; aber

derjenige, der als Erster sein Geschäft global

etabliert, hat einen entscheidenden

Vorteil“, meint Peter Dreide, Gründer des

auf IT spezialisierten Fondsanbieters TBF.

Derzeit ist Spotify in der Poleposition.

Die Schweden haben mit ihren zehn Millionen

zahlenden Kunden etwa doppelt so

viele wie die Nummer zwei, Deezer. Die

kostenfreie Version, mit der man keine

Musik offline auf dem Handy hören kann

und Werbung über sich ergehen lassen

muss, nutzen weitere 31 Millionen registrierte

Kunden. Spotify, das bisher keine

Umsatz- und Gewinnzahlen veröffentlicht,

hat laut einem beteiligten Finanzinvestor

2013 seinen Umsatz aus Abos und Werbung

grob auf eine Milliarde Euro verdoppelt,

aber noch Verluste „in erheblichem

Umfang“ geschrieben. 2012 fielen bei 435

Millionen Euro Umsatz 59 Millionen Euro

Verlust an. „Der Fokus liegt auf globaler Expansion,

noch nicht auf Profitabilität“, sagt

der Insider. Spotify will seinen Service in

diesem Jahr in 18 weiteren Ländern starten,

darunter in Japan, nach den USA

zweitgrößter Musikmarkt; derzeit sind es

56. Die drei Majorlabels Warner, Sony und

Universal haben sich an Spotify beteiligt,

auch Goldman Sachs, Fidelity und Coca-

Cola sowie Multimilliardär Li Ka-Shing.

Es gibt überraschende Profiteure

des Booms. Zu ihnen gehört

Peter Grundig. Seine Firma Greatech

betreibt der 58-Jährige in einem unscheinbaren

Wohnhaus in Mülheim/

Ruhr; dort baut er mit einer Handvoll

Mitarbeitern Funksysteme zusammen.

„Alles made in Germany“, sagt Grundig,

der mit der fränkischen Elektronik-Dynastie

weitläufig verwandt ist,

„sogar die Gehäuse.“ Die kleinen

schwarzen Kästchen – so groß wie eine

Zigarettenschachtel – kommen an die

Stereoanlage oder an aktive Lautsprecherboxen,

ein kleiner Sender in den

USB-Anschluss von Laptop, PC oder

iPad – fertig ist die drahtlose Verbindung

von der neuen Welt des Web-

Streamings auf die alte der Hi-Fi-Anlage.

Grundig rüstet Profis wie DJs aus.

Auf Privatkunden, die mit den Audiofly

genannten Kästchen ihr Spotifyoder

Deezer-Abo in guter Qualität auf

die Stereoanlage übertragen wollen,

war er gar nicht eingestellt, derzeit

kann er die Nachfrage kaum befriedigen.

„Normalerweise verkaufe ich

knapp 1000 Stück im Jahr; jetzt kommen

fast jeden Tag Anfragen für ein

paar Dutzend rein.“ Sein Sohn sei

gerade in Saudi-Arabien, sagt er, „für

die Saudis machen wir die Gehäuse

vielleicht golden statt schwarz, aber

der Klang überzeugt auch die“.

ÜBERNAHMEKANDIDATEN

Fast jede Woche wird irgendwo auf der

Welt ein neuer Musik- oder Film-Streamer

gegründet. „Klar ist, dass nicht alle überleben

werden“, sagt Burchart von Capnamic,

der für seine Kunden – Vermögensverwaltungen

reicher Familien, Verlage und Stiftungen

– auch in Streaming-Dienste investiert,

darunter in den Spotify-Konkurrenten

Simfy und Video-Streamer Moving

Image 24. Burchart erwartet „Übernahmen

und Börsengänge“ in dem noch jungen

Geschäft. US-Musik-Marktführer Pandora

ging im Januar 2011 an die Börse, ist dort

knapp vier Milliarden Dollar wert. In den

FOTOS: PICTURE PRESS/CAMERA PRESS/LISA FERGUSON/TSPL, DPA PICTURE-ALLIANCE/TIM BRAKEMEIER

76 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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vergangenen Tagen gab es Übernahmegerüchte:

Ein großes Internet-Unternehmen

wie Yahoo oder Google interessiere

sich für den Streamer, heißt es.

Auch die Berliner Soundcloud sowie

Deezer aus Paris gelten als heiße Kandidaten

für einen Aufkauf oder einen Börsengang.

Spotify wird von Investmentbankern

auf bis zu elf Milliarden Dollar Börsenwert

geschätzt. Google soll Ende 2013 versucht

haben, die Schweden zu kaufen, scheiterte

aber. Twitter soll einen Kauf von Soundcloud

erwogen haben.

Spotify hat seit 2005 in sieben Finanzierungsrunden

insgesamt 538 Millionen

Dollar Investorengelder eingesammelt.

„Das schreit alles nach Börsengang“, sagt

Viva-Gründer Gorny. Oder nach einem

großen Verkauf: Womöglich kauft Facebook

die Schweden. Schon jetzt arbeiten

die beiden Unternehmen intensiv zusammen:

Kunden können sich über Facebook

bei Spotify einloggen und dann die Playlisten

und Aktivitäten anderer Spotify-Nutzer

mit Facebook-Account nachverfolgen. „Für

Facebook wäre Musik-Streaming ein interessanter

Inhalt“, sagt ein Investor.

WER VERDIENT DAS GROSSE GELD?

Noch sind reinrassige Musik-Streaming-

Dienste an der Börse selten: Anleger haben

die Wahl zwischen Pandora und Sirius XM.

Oder sie können via RealNetworks in

Rhapsody investieren, das in Europa und

Asien Napster heißt, nicht zu verwechseln

mit der ersten Napster, deren Piraterie-Seite

die Gerichte 2001 schlossen. Real Networks

gehören nach der Ausgliederung

von Napster noch knapp 50 Prozent der

Rhapsody-Anteile.

Im Bild-Streaming ist Netflix aus den USA

Marktführer, bietet Filme, TV-Shows und

zahlreiche populäre Serien wie „House of

Cards“ oder „Breaking Bad“. Laut Umfrage

des Marktforschers Harris ist der TV- und

Film-Streamer bei den 18- bis 36-Jährigen

in den USA schon genauso weit verbreitet

wie Kabelfernsehen, hat das Satelliten-TV

überholt. In wenigen Wochen geht der

Streaming-Dienst in Deutschland an den

Start. Die größten Konkurrenten sind Hulu,

ein Joint Venture von Kabelanbieter Comcast,

21st Century Fox und Disney, sowie

Amazons „Prime TV“. Netflix meldet eindrucksvolle

Wachstumszahlen, wird an der

Börse aber sportlich bewertet: Für 4,4 Milliarden

Dollar Umsatz (2013) bezahlen Anleger

knapp 27 Milliarden Dollar ; das Kurs-

Gewinn-Verhältnis liegt bei 115, gemessen

an den Schätzungen für das laufende Jahr.

Viele Kanäle

Verbandschef,

Ex-TV-Boss und

FH-Prof Gorny

»Auch TV-Sender

werden in 15 Jahren

nicht wiederzuerkennen

sein«

Viva-Gründer Gorny

Wahrscheinlich ist es langfristig gar nicht

mal die beste Idee, auf die Pure-Plays zu

setzen. „Das Geschäftsmodell der reinrassigen

Streamer funktioniert zwar, sobald

sich mehr Leute dafür gewinnen lassen,

und da sieht es sehr gut aus“, sagt Investor

Dreide, „aber die Frage ist, wer am Ende

das große Geld verdienen wird.“ Auffällig

drängen in den letzten Wochen die Web-

Giganten Apple, Google und Amazon in

das Streaming-Geschäft. Apple kaufte für

drei Milliarden Dollar den kleinen Anbieter

Beats, besser bekannt durch seine

Kopfhörer. Google übernahm den Musik-

Streamer Songza und hat mit YouTube 90

Prozent Marktanteil bei Internet-Videos,

die auf dem PC, Tablet oder Handy geschaut

werden. Amazon bietet seit Kurzem

Musik-Streaming für seine „Prime“-Kunden;

Yahoo macht sich einen Namen beim

Streamen exklusiver Live-Konzerte.

„Apple will die Kunden für seine Hardware,

wie iPad und iPhone, über Inhalte an

sich binden“, sagt Analyst McQuivey. Dazu

gehören Musik, TV, Film. Wer etwa sein

iPhone durch ein Konkurrenzmodell ersetzt,

kann weder seine Musiksammlung,

noch seine Filme und Apps weiter nutzen.

Zusätzlich wollen die Web-Giganten

über Musik- und TV-Kunden an die großen

Werbebudgets: 2014 werden global laut

Marktforscher Wilkofsky Gruen rund 509

Milliarden US-Dollar für Werbung ausgegeben,

der größte Teil davon für TV-Clips

(204 Milliarden Dollar); doch rein digitale

Werbeformate haben Radio und Print

schon überholt, „sie werden in den kommenden

Jahren am schnellsten wachsen“,

sagt McKinsey-Director Bird.

„Schon in zehn Jahren wird der Großteil

der Werbebudgets an Internet-Plattformen

wie YouTube, Google oder Facebook gehen“,

sagt Franz Blach, Direktor beim

Trendforscher Ideo. „Der Vorteil aus Sicht

der Werbetreibenden ist, dass Apple,

Mit dem Stream schwimmen

Mit welchen Aktien Anleger in den digitalen Medienboom investieren können

Aktie/Branche/Land

ISIN

Amazon/Versandhandel, Medien/USA US0231351067 244,41 112,9 60,3 7/6

Nutzt seine Macht gegenüber Verlagen, Labels und TV-Produzenten zunehmend aus, noch schwach beim Gewinn

Google/Internet, Medien/USA

US38259P5089 438,44 291,9 46,5 7/6

Verdient bereits blendend an Internet-Werbung; digitale Musik und Filme werden noch mehr Werbegeld bringen

Netflix/Film- und TV-Streaming/USA US64110L1061 336,87 20,3 3,6 8/8

Aktie sehr teuer, langfristig Konkurrenz durch Apple, Google und Amazon; hat aber bisher Kritiker stets widerlegt

Pandora/Musik-Streaming, Web-Radio/USA DK0060252690 56,62 4,3 0,5 8/7

Probleme mit dem Gewinnwachstum, weil ein Gutteil des Umsatzes an Labels geht; dafür Übernahmefantasie

Real Networks/Software, Musik-Streaming/USA US75605L7082 5,73 0,2 0,2 8/7

Über Rhapsody am wachsenden Streaming-Dienst Napster 2.0 beteiligt; führend bei Video-Streaming-Software

Sony/Hardware, Musik/Japan

JP3435000009 13,28 13,8 57,4 7/6

Hedgefonds fordern Abtrennung des Musikgeschäfts von der Elektronik, also Kursfantasie durch Zerschlagung

Vivendi-Universal/Musik, TV, Telekommunik./FR FR0000127771 19,18 25,9 19,4 7/6

Hat früh in neue digitale Formate investiert; profitabler Marktführer, aktiv auch in wachsenden Schwellenländern

1 = in Euro, 14.8.2014; 2 in Milliarden Euro; 3 WirtschaftsWoche-Einschätzung für die kommenden Jahre,

1 = sehr gering, 10 = sehr hoch; Quelle: Bloomberg, Unternehmensangaben, eigene Recherchen

Kurs 1

Börsenwert

2

Umsatz 2

2014

Chance/

Risiko 3

Apple/Hardware, Software, Medien/USA US0378331005 72,70 435,3 131,3 7/5

Über iTunes schon jetzt wichtiger Distributor von Medien; neue Modelle (iPhone 6) werden Schub bringen

»

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 77

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Geld&Börse

»

Google, Amazon und Spotify, weil sie

Kunden aktiv in den Auswahlprozess der

Inhalte einbinden, viel mehr werberelevante

Daten sammeln können als TV-Sender

oder Printverlage “, sagt Blach.

„Die traditionellen Anbieter haben es

versäumt, konkurrenzfähige Gegenangebote

aufzubauen“, sagt Bird von McKinsey.

Wer will schon eine halbe Million für eine

Kampagne ausgeben, bei der man nicht

weiß, wen man erreicht, wenn Google oder

Apple genau das haarklein darlegen?

Google hat über YouTube 90 Prozent

Marktanteil beim Video-Streaming, de

facto ein Monopol, werbefinanziert und

deshalb gratis. Noch finden sich dort vor

allem kurze Schnipsel und Amateurvideos,

die von Nutzern lizenzfrei hochgeladen

werden. Google wird seinen populären

Web-Streaming-Kanal aber zum interaktiven

Musik- und TV-Sender ausbauen,

schließt bereits Lizenzverträge mit professionellen

Anbietern. Dabei nutzt Google

seine Marktmacht.

Nachdem es sich mit den drei großen

Musiklabels geeinigt hatte, setzte es die

restlichen (rund 800 kleineren) unter

Druck: Wer die Bedingungen nicht annimmt,

dem droht Google mit der Löschung

seiner Inhalte auf YouTube. „Das

zeigt die Richtung“, sagt McQuivey, „Google

und Amazon brauchen die Inhalte gar

nicht selbst zu besitzen; es genügt, die

Schnittstelle zum Konsumenten zu beherrschen,

um den Inhalte-Anbietern die Bedingungen

zu diktieren.“

Fondsmanager Dreide geht noch weiter:

„Wer die Schnittstelle zum Nutzer hat, sei

Zugpferde

Serien wie

„Breaking Bad“

locken Millionen

TV-Zuschauer

ins Netz

Geht der Plan der

Musikbranche auf,

werden andere

Medien ihr folgen

es iPhone, Google-TV oder Amazons Kindle

für Bücher, der kann dort früher oder

später eine Art Inhalte-Maut erheben, einen

Teil der Einnahmen für das Bereitstellen

der Infrastruktur verlangen.“

Zusätzlich geht es um Daten, die sich gewinnbringend

verkaufen lassen. Wer alle

interaktiven Möglichkeiten etwa von Amazon,

YouTube oder Spotify nutzt, hinterlässt

dabei eine Fülle von interessanten

Daten für die Werbeindustrie: Wer hört

wann welche Musik? Wer folgt wessen

Listen? Spotify erforscht zusammen mit

Universitäten, welche Musik bestimmte

Stimmungen verstärkt. Werbeagenturen

sind begeistert.

Sollte das globale Experiment der Musikbranche

mit All-inclusive-Abos erfolgreich

sein, „werden andere Medien folgen“,

meint Bird von McKinsey. Schon heute

nutzen 40 Millionen Deutsche Video-

Streaming im Netz, meist gucken sie dabei

YouTube-Videos oder TV über Anbieter

wie Zattoo auf dem PC. Auch die Sender

selbst, von ARD bis RTL, streamen einen

Teil ihres TV-Programms im Netz. „Aber

das ist nicht die Zukunft“, sagt Investor Burchart,

„die gehört nicht dem Konsum des

normalen TV-Programms am PC, sondern

den voll individualisierbaren, interaktiven

TV-Abos, die TV-Serien und Filme in unbegrenzter

Vielfalt anbieten – analog zu

Spotify oder Simfy bei der Musik.“

McQuivey sieht das ähnlich: „Sie sind

kundenfreundlicher“, sagt der Marktforscher,

„man kann seine Lieblingsserie

schauen, wenn man Zeit und Lust hat,

nicht, wenn Fox oder CBS sie zufällig senden.

Wer die Auswahl und Individualität

von TV-Streaming kennt, geht nicht zurück

zum normalen TV-Programm.“

TV NUR NOCH ÜBER DAS NETZ

Der Bezahlsender Sky feiert bereits Erfolge

mit seinem On-Demand-Angebot Sky-Go:

Die Serie „Game of Thrones“ wurde allein

von April bis Juni in Deutschland 2,3 Millionen

Mal von zahlenden Kunden abgerufen.

Vor allem junge TV-Zuschauer ließen

sich „kaum noch mit einem vorgefertigten,

alternativlosen Programm abspeisen“, sagt

Viva-Gründer Gorny, der heute Medienwissenschaft

an der FH Düsseldorf lehrt.

Frage er Studenten, wer Musik und TV im

Netz nutze, „zeigen alle auf; frage ich nach

herkömmlichem TV, ist es noch die Hälfte,

bei Zeitungen geht die Quote gegen null“.

TV-Angebote im Internet werden heute

noch hauptsächlich in den USA genutzt,

wo es dank der weiten Verbreitung des Kabel-TV

ein bandweitenstarkes Netz gibt.

Marktführer Netflix startet im September in

Deutschland. Die Konkurrenten Hulu und

WatchEver, eine Tochter von Vivendi-Universal,

wachsen schnell. Auch Amazon

mischt schon mit: Über Amazon Prime

können Kunden Filme downloaden und

elektronische Bücher leihen – für nur 100

Dollar pro Jahr.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die

neue Art des Fernsehens im Rest der Welt

durchsetzt. „Die TV-Branche wird überrollt,

sobald ein schnelles, mobiles Netz

flächendeckend verfügbar ist“, meint

Fondsmanager Dreide. Neue Geräte –

UltraHD oder 4K genannt – werden leichter

sein und ein noch besseres Bild haben

als die heutigen HD-Flachbildfernseher.

„Sie werden Spielkonsole, TV, Radio, Computer

und Musikanlage in einem sein“, sagt

Dreide. Für den Investor ist klar: „Es wird

Platz geben für Netflix und Spotify, aber die

besten Karten haben die Großen, die alles

aus einer Hand anbieten: Filme, TV-Serien,

Musik und Bücher.“

Soll heißen: Amazon, Google und Apple. n

stefan.hajek@wiwo.de

78 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: ALLSTARPICTURE LIBRARY/SONY PICTURES TELEVISION, DPA PICTURE-ALLIANCE/ANDREAS ARNOLD

»Mindestens 100%«

BÖRSEN-GURU | Staatsanwälte ermitteln weiter gegen Markus Frick.

Er könnte Kurse getrieben und dafür Werbegelder kassiert haben.

Unter 500 000 Euro ging gar nichts:

Wer einen Termin mit ihm wolle,

müsse mindestens diese Summe

für Auftritte auf seinen Anlegerseminaren

hinblättern, das sei „Minimum“.

So soll der Ex-TV-Moderator Markus Frick

vor einem Kompagnon geprahlt haben, erinnert

sich dieser.

Frick, wegen Marktmanipulation verurteilt,

denkt in großen Summen – nicht nur

an der Börse, sondern auch auf von ihm

initiierten Anlegerseminaren. Offiziell verdient

die Berliner Frick-Firma ISP Finanz

ihr Geld mit der Marke „MoneyMoney“. Zu

der gehören neben einem Börsenbrief

auch eine Internet-Seite und eine Börsen-

TV-Sendung im Netz.

In den vergangenen Jahren stellte ISP

Kunden Millionen Euro für Werbebanner

und Auftritte auf Anlegerseminaren in

Rechnung. Allein von 2010 bis 2012 verbuchte

ISP knapp 13 Millionen Euro für

Bannerwerbung – das Werbegeschäft

machte mit rund 68 Prozent das Gros der

Erlöse aus, die Einnahmen aus dem

Flaggschiff, dem Börsenbrief „Money-

Money“, lagen bei drei Millionen Euro.

AUFFÄLLIG HOHE WERBEERLÖSE

Tatsächlich hat ISP auch Werbebanner verbreitet.

Nur die Einnahmen daraus scheinen

viel zu hoch. Zum Vergleich: Internet-

Marktführer „Spiegel Online“ soll 2011 laut

einem Bericht der Wochenzeitung „Die

Zeit“ 30 Millionen Euro mit Werbung umgesetzt

haben. Der Verdacht: Ein Teil des

von ISP kassierten Werbegelds dürfte für

andere Leistungen geflossen sein.

Unterlagen legen den Verdacht nahe,

dass ISP im Auftrag von Hintermännern für

Aktien getrommelt und dafür Rechnungen

für Anlegerseminare oder Werbebanner in

ISP-Medien geschrieben hat. Ein Ex-Partner

von Frick selbst sagt, ihm sei klar geworden,

dass die Gelder dazu gedacht waren,

um für das Pushen von Aktienkursen

zu bezahlen. Weder Frick noch ISP haben

Fragen der WirtschaftsWoche bis zum Redaktionsschluss

beantwortet.

Auffällig ist etwa der Fall der Aktie des

heute insolventen Finanzmaklers Univerma.

Die Aktie wurde massiv im Börsendienst

„das-musterdepot“ empfohlen. Offiziell

verantwortete ein gewisser Stefan Zapf

„das-musterdepot“ redaktionell. Insidern

zufolge war Zapf ein Pseudonym von Frick.

Dokumente und die Aussagen von Insidern

deuten darauf hin, dass Univerma-

Großaktionäre dafür gezahlt haben könnten,

dass Frick Leser zum Kauf der Aktie

animierte. Die Univerma-Eigner hätten

dann ihre eigenen Papiere an die Frick-Leser

abstoßen können.

Top-Aktienwerber Frick, verurteilt wegen

Marktmanipulation, zieht vor den BGH

Böse Überraschung

Die Werbung für die Univerma-Aktie endete

gegen Weihnachten 2010 (Kurs in Euro)

Quelle: Thomson Reuters

2010 2011

70

50

30

10

2

Der Fall Univerma könnte damit das

nächste Kapitel im Frick-Skandal werden,

nach dem Strafprozess, in dem das Landgericht

Frankfurt ihn im Februar wegen

Marktmanipulation zu 31 Monaten Haft

verurteilt hat. Das Urteil ist nicht rechtskräftig,

Frick hat Revision eingelegt. Der

Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof

bestätigte den Eingang der Akten.

Ungeachtet dessen ermitteln die Staatsanwälte

in Frankfurt nun in Sachen Univerma

wegen Marktmanipulation. Die Behörde

bestätigt Ermittlungen. Sie würden

„noch längere Zeit in Anspruch nehmen“.

Univerma war 2010 in Wien an die Börse

gegangen, zum Mondpreis von 60 Euro je

Aktie. Die Gründer, Großaktionäre und

Vorstände Fabian Voß und Kai Hoffmann

hatten sich verpflichtet, den Großteil der

eigenen Papiere erst ab 2012 zu verkaufen.

So weit die offizielle Version.

Die hinter der Fassade geht so: „dasmusterdepot“

trommelte 2010 für die

„Kursrakete Univerma“. Die Aktie sollte zur

Weihnachtszeit in das „1. Million Depot“

des Dienstes aufgenommen werden. Die

Macher vom Musterdepot hielten Univerma

für einen „Eilkauf“. Viele Medien hätten

berichtet, das Handelsvolumen sei enorm

gestiegen. Wer die Aktie kauft, schienen die

Macher hellsehen zu können, sollte „mindestens

100 % Gewinn“ machen.

DAS-MUSTERDEPOT VON FRICK

Hinter „das-musterdepot“ soll Frick gestanden

haben, der damals Geschäftsführer

der ISP Finanz war. Alleiniger Gesellschafter

der ISP war mindestens bis Sommer

2012 Fricks Vater Walter Frick. Der Senior

hatte Sohn Markus bis Mitte 2012 zum

Geschäftsführer bestellt. Frick senior äußerte

sich auf Anfrage nicht zu dem Fall.

Wenige Tage nach der Empfehlung, als

der Univerma-Kurs abgestürzt war, schrieb

Stefan Zapf im typischen Frick-Stil seinen

Lesern, er sei „schockiert“, irgendwie liege

der Absturz wohl an den Weihnachtsfeiertagen.

Der wahre Grund aber dürften Verkäufe

gewesen sein, die nach der Propaganda

für die Aktie einsetzten.

Das Schema ist erprobt: Börsenbrief-

Macher legen Anlegern Aktien ans Herz.

Greifen die zu, laden Hintermänner Aktien

bei Lesern ab. Endet das redaktionelle

Trommelfeuer, stürzen die Kurse ab.

ISP stellte an mit den Univerma-Gründern

verbundene Unternehmen Rechnungen

über mindestens 1,5 Millionen Euro

aus. Empfehlungen und Geldflüsse gingen

Hand in Hand: So schickte ISP vor der

»

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 79

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Geld&Börse

»

Empfehlung in „das-musterdepot“ mehrere

Rechnungen an die Fabian Voß Vermögensverwaltung

und die Univerma Vertriebspartner

AG. Die erste Firma gehört

Univerma-Gründer Voß, die zweite Voß

und Co-Gründer Hoffmann gemeinsam.

Mehrfach gingen bei ISP Ende 2010 Gelder

von Voß und Univerma Vertriebspartner

ein, insgesamt über 1,8 Millionen Euro

– mehr noch als die 1,5 Millionen aus den

von ISP ausgestellten Rechnungen. So sollte

Voß laut Rechnung vom 20. Dezember

2010 stolze 595 000 Euro zahlen. Gegenleistung:

ein Werbebanner bei „MoneyMoney

TV“ sowie „Exklusiv-Zeit-Slots“ à 150 000

Euro auf drei „MoneyMoney“-Börsenseminaren,

die ISP Wochen später veranstalten

wollte. Viel Geld, gemessen daran,

dass auf den Seminaren maximal wenige

Hundert Leute auftauchen. Weder Voß

Noch schnell unters

Dach gerettet

FINANZVERMITTLER | Bevor Berater auf Kunden losgelassen werden,

müssen sie beweisen, dass sie qualifiziert sind. Das ist Gesetz.

Die Bank für Vermögen interpretiert dies, nun ja, sehr eigenwillig.

Der Guru-Neuling

nennt sich

jetzt Jan Pahl

noch Hoffmann waren erreichbar, Anrufe

und E-Mails blieben unbeantwortet.

Nach Informationen der Wirtschafts-

Woche bezichtigt die Aufsicht BaFin

mehrere Personen, durch Verkäufe von

Univerma-Aktien innerhalb weniger Tage

Millionengewinne erzielt zu haben. Verdächtige

hätten Empfehlungen für die

Aktie durch Zapf veröffentlichen lassen.

Univerma-Gründer Hoffmann soll über

mehrere Depots Käufe und Verkäufe veranlasst

haben, die gegeneinander ausgeführt

worden seien. So könnte suggeriert

worden sein, dass die Aktie liquide gehandelt

wurde. Die BaFin bestätigt, sie habe

2011 im Fall Univerma bei der Staatsanwaltschaft

Frankfurt Anzeige wegen möglicher

Marktmanipulation erstattet.

Selbst Frick sollen Zweifel gekommen

sein. Einem Vertrauten soll er gebeichtet

haben, dass er einmal Geld, das die Univerma-Leute

an ISP gezahlt hatten, zurücküberwiesen

habe. Er habe Angst gehabt,

dass der Zusammenhang mit den Empfehlungen

aufgedeckt werden könnte.

ISP macht auch heute, nach dem Ausscheiden

Fricks, mit Anlegerseminaren

weiter. Der neue Guru heißt Jan Pahl. Doch

auch dieser Name ist ein Pseudonym. n

annina.reimann@wiwo.de | Frankfurt

Ralf Berndt, Vorstand der Stuttgarter

Versicherung, liegt das Wohl der

Verbraucher am Herzen. Anlageberater,

die nicht ausreichend qualifiziert seien,

sagte er bei einer Podiumsdiskussion in

Leipzig, müssten „aus der Branche gedrückt

werden“. Richtig. Berndt will die

Forderung aber offenbar nur auf Wettbewerber

angewandt wissen: Denn für den

Finanzdienstleister BCA, an dem die Stuttgarter

Versicherung beteiligt ist und bei

dem Berndt im Aufsichtsrat sitzt,

sind möglicherweise Berater tätig, die

nicht über die gesetzlich vorgeschriebene

Qualifikation verfügen.

Ein Fall für die Finanzaufsicht BaFin.

An BCA sind neben der Stuttgarter auch

die Barmenia, die Signal Iduna, der Volkswohl

Bund und die Ideal Lebensversicherung

beteiligt. Zum Konzern gehören mehrere

Gesellschaften, die Dienstleistungen

für Makler und Anlageberater anbieten.

Makler sind selbstständige Berater, die

Kunden, anders als etwa Versicherungsvertreter,

Produkte verschiedener Anbieter

Kein Vertrauensvorschuss Kunden sollten

fragen, welche Ausbildung ihr Berater hat

verkaufen können. Der BCA-Konzern ist

mit 10 000 Beratern und einem Vertriebserlös

um die 50 Millionen Euro eine der größten

Finanzmaklerorganisationen („Maklerpool“)

hierzulande.

MEHR BERATER, MEHR GELD

Den Versicherern Kopfschmerzen bereiten

könnte die Bank für Vermögen (BfV) – eine

Wertpapierhandelsbank, der sich Anlageberater

anschließen können. Sie treten

ihren Kunden gegenüber wie Bankangestellte

auf und vertreiben deren Produkte.

Formal bleiben sie aber selbstständig. Im

Gegenzug haftet die Bank für sie – die Berater

gehen unter das „Haftungsdach“ der

Bank, wie es im Fachjargon heißt.

Seit November 2012 müssen Berater jedoch

nachweisen, dass sie Fachwissen haben,

bevor sie auf Kunden losgelassen werden.

Das macht es schwieriger, neue Produktverkäufer

zu finden. Die Anforderun-

FOTO: UNITED ARCHIVES; DMITRI BROIDO [M]

80 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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gen könnten „von etlichen Bewerbern

nicht erfüllt werden“, sagt Sebastian Grabmaier,

Vorstand des Finanzvertriebs Jung,

DMS&Cie.

Als qualifiziert gelten Anlageberater nur

noch, wenn sie eine IHK-Prüfung bestanden

oder eine Ausbildung, etwa als

Bankkaufmann, absolviert haben. Ein

gleichwertiger Uni-Abschluss tut es auch.

Zudem kann die Sachkunde „in anderer

geeigneter Weise“ nachgewiesen werden.

Dieser Gummiparagraf sollte laut Nero

Knapp, Geschäftsführer des Verbands unabhängiger

Vermögensverwalter, allerdings

nur ausnahmsweise angewendet

werden – und diese Ausnahmen müssten

gut begründet werden.

KEIN PLATZ MEHR FÜR AMATEURE

Ausgenommen sind auch „alte Hasen“ –

Berater, die bis spätestens Mai 2013 nachgewiesen

hatten, dass sie über sechs Jahre

ununterbrochen in der Anlageberatung für

ein von der BaFin reguliertes Unternehmen

tätig waren. Berufserfahrung zählt also

nur, wenn diese in einem überwachten

Institut gesammelt wurde. Ahnungslose

Vermittler sollten so aus dem Markt gespült

werden – ganz so, wie Stuttgarter-Vorstand

Berndt es sich wünscht.

Nur interessiert das die Bank für Vermögen

offenbar nicht. Ein BfV-Sprecher beteuert

zwar, die Berater der Bank wären

ausreichend qualifiziert. Doch was qualifiziert

ist, definiert die BfV recht eigenwillig:

Qualifikation werde etwa „in anderer geeigneter

Art und Weise“ durch die bisherige

Anbindung an einen Maklerpool nachgewiesen,

so die Bank.

Dumm nur, dass Maklerpools normalerweise

nicht von der BaFin reguliert werden.

„Die mehrjährige Tätigkeit für einen

Maklerpool reicht nicht einmal, um die

Ausnahmeregel für alte Hasen in Anspruch

zu nehmen“, sagt Verbandsgeschäftsführer

Knapp. „Dementsprechend absurd wäre

es, wenn hierdurch nun die Sachkunde des

Beraters nachgewiesen werden könnte.“

Die BfV schafft sich offenbar ihre eigenen

Regeln. So erklärt sie in einer Stellungnahme

weiter, dass Vermittler entsprechend

ihrer Qualifikation unterschiedlichen

Haftungsdachstufen zugeordnet würden.

In Stufe 1 dürfen sie etwa zu Riester-

Verträgen beraten. In Stufe 2 kämen Investmentfonds

hinzu. „Das dürfte den gesetzlichen

Vorgaben kaum gerecht werden“,

meint Knapp. „Es gebe im Wertpapierbereich

grundsätzlich keine auf einzelne Produkte

beschränkte Qualifikationsanforderung“,

sagt er. Das Gesetz sieht vielmehr einen

breit angelegten Ausbildungsstandard

für Anlageberater vor. Punkt.

Die BCA-Wettbewerber Jung, DMS und

Netfonds erklärten denn auch, dass für alle

ihre Berater dieselben Anforderungen an

die Qualifikation gelten würden. Wie viele

schlecht ausgebildete Berater im Namen

der BfV ahnungslosen Kunden Finanzprodukte

andrehen, lässt sich nicht überprüfen.

Die BaFin führt zwar alle Vermittler

von Finanzprodukten in einem Register.

Welche Qualifikation diese haben, fragt die

Behörde allerdings nicht ab. Dafür ist die

Organisation verantwortlich, die für den

Berater haftet – also etwa die BfV.

„Lässt ein Wertpapierdienstleistungsunternehmen

Berater für die Anlageberatung

zu, die nicht über die gesetzlich vorgeschriebene

Qualifikation verfügen, wäre

»Nicht fähige

Anlageberater

müssen aus

der Branche

gedrückt werden«

Ralf Berndt, Stuttgarter Versicherung

das ein Verstoß gegen das Gesetz“, sagt eine

Sprecherin der BaFin. Dieser könne von der

Aufsicht geahndet werden – im schlimmsten

Fall mit dem Entzug der Lizenz.

Es besteht nicht nur der Verdacht, dass

die BfV Anlageberater mit mangelhafter

Qualifikation zulässt. Hinzu kommt, dass

der BfV-Generalbevollmächtigte Jörg Strobel

vor zwei Jahren in einem Artikel davor

warnte, dass der 31. Oktober 2012 zum

„Schicksalstag“ für Finanzvermittler werden

könnte, die sich in Sachen Qualifizierung

„nicht gerade auf dem Höchststand“

befänden. Ihnen empfahl er bis Ende Oktober

einen Anschluss an ein Haftungsdach

„noch zu den derzeit gültigen Qualifikationsvoraussetzungen

in Erwägung zu

ziehen“. Wohlgemerkt: Im November 2012

traten die neuen Berater-Regeln in Kraft.

Bislang seien die Anforderungen der

Haftungsdächer nicht allzu streng, lockte

Strobel weiter. Künftig müssten aber auch

sie sicherstellen, dass die bei ihnen untergekommenen

Vermittler sachkundig seien.

Die Botschaft an die Berater: Wer sich uns

jetzt noch anschließt, entkommt den strengen

Regeln des neuen Gesetzes. Wie Strobel

zu dieser Einschätzung der Rechtslage

kam, wollte die Bank nicht erklären.

Sie ist auch falsch.

Denn die Qualifikationsanforderungen

galten ab November 2012 für alle Berater,

unabhängig davon, wann sie einem Haftungsdach

beigetreten sind. Grabmaier

von Jung, DMS sagt, dass der Zeitpunkt des

Beitritts eines Vermittlers keine Rolle spiele

bei der Bewertung, ob er qualifiziert sei.

Von Netfonds hieß es, sie forderten Nachweise

zur Berufsqualifikation, wie sie heute

das Gesetz fordert, bereits seit 2005.

Doch der Trick der Bank funktionierte.

Aktuell sind rund 400 Personen und

Unternehmen, die auch mehrere Berater

beschäftigen, der BfV angeschlossen. Davon

sind rund 200 zum 31. Oktober 2012

beigetreten.

Zum Vergleich: Dem Haftungsdach von

Jung, DMS trat im Oktober 2012 kein einziger

Berater bei. Netfonds verzeichnete nur

zwei Anmeldungen. Die Vermutung liegt

nahe, dass ein Großteil der BfV-Neuzugänge

sich gezielt der Bank angeschlossen hat,

um weitermachen zu können – ohne Qualifikation

und ohne alter Hase zu sein.

Die Bank für Vermögen erklärt hierzu,

ihr Zuwachs sei darauf zurückzuführen,

dass Vermittler aus dem Maklerpool der

BCA unter das BfV-Haftungsdacht gewechselt

seien. „Dies geschah unter Einhaltung

der gesetzlichen Vorgaben.“

BEI VERLUST GELD ZURÜCK?

Für Anleger, denen von schlecht ausgebildeten

Vermittlern miese Finanzprodukte

aufgedrückt wurden, tun sich ungeahnte

Möglichkeiten auf:

Verkaufe eine Bank Produkte, ohne dass

sie die erforderliche Lizenz besitzt, sagt der

Kapitalmarktrechtler Klaus Rotter, „ist der

Kunde gemäß der geltenden Rechtsprechung

so zu stellen, als habe er das Geschäft

nie abgeschlossen“. Er bekommt also

sein Geld zuzüglich entgangener Zinsen

einer geeigneten Alternativanlage zurück.

„Diese Rechtsprechung dürfte auch für

Anleger gelten, die von einem Vermittler

beraten wurden, der diese Tätigkeit nicht

hätte ausüben dürfen“, sagt Rotter.

Jedes schlecht laufende Produkt und jeder

unzufriedene Kunde würde damit für

die BfV zu einem finanziellen Risiko. Ralf

Berndt muss nun handeln. Nicht nur zum

Wohl der Verbraucher, sondern auch zum

Wohl der Bank.

n

melanie.bergermann@wiwo.de | Frankfurt

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 81

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Geld&Börse | Steuern und Recht

KINDERBETREUUNG

Geld maximal

für 25 Tage

IMMOBILIEN

Urlaub ja, Zweitwohnsitz nein

Österreich erschwert den Immobilienkauf für Auswärtige und verstärkt Kontrollen.

Touristen sind in Österreich willkommen, Immobilienkäufer

nicht unbedingt. Damit für Einheimische

noch genug bezahlbarer Wohnraum

übrig bleibt, verbietet etwa das Land Salzburg

(Zell am See, Kaprun, Saalbach-Hinterglemm,

Leogang) Österreichern wie Ausländern, einen

Zweitwohnsitz in dem Bundesland anzumelden.

„Davon ausgenommen sind nur geerbte Immobilien

und solche, die bereits vor dem Jahr

1993 als Zweitwohnsitz genutzt wurden, sowie

speziell für Zweitwohnsitze ausgewiesene Flächen,

von denen es in der Stadt Salzburg aber nur

eine gibt“, sagt Franz Stiller, Chef der Stiller &

Hohla Immobilientreuhänder. Die Regeln sind

nicht in allen neun Bundesländern so streng. In

Wien sind Zweitwohnsitze erlaubt.

Wer trickst und einen Hauptwohnsitz in der

Heimat und einen weiteren in Österreich anmeldet,

macht sich mitunter strafbar. Das Land

Salzburg verlangt neuerdings eine Nutzungserklärung

vom Käufer, in der er bestätigt, dass die

Immobilie nicht als Zweitwohnsitz dient, der nur

am Wochenende oder im Urlaub bewohnt wird.

Da die Stadtverwaltungen zu Kontrollen verpflichtet

sind, informieren sie sich bei Stromund

Wasserversorgern über den Energieverbrauch,

um Feriennutzer zu enttarnen.

Auch Altfälle können teuer werden: Wer mit

einer nach 1994 gekauften Immobilie gegen das

Zweitwohnsitzverbot verstößt, muss je nach

Bundesland mit einer Geldstrafe bis 25 000 Euro

oder sogar einer Zwangsversteigerung rechnen.

Arbeiten beide Elternteile und

wird ein Kind krank, kann der

Kinderarzt dem Vater oder der

Mutter bescheinigen, dass sie

zur Pflege gebraucht werden.

Sind die Kinder jünger als zwölf

Jahre, muss der Arbeitgeber sie

jährlich zehn Arbeitstage pro

Kind und Jahr freistellen, maximal

25 Tage für alle Kinder

zusammen. Alleinerziehende

haben den gleichen Anspruch

wie die Eltern gemeinsam.

Da die meisten Tarifverträge

die Lohnfortzahlung hier ausschließen,

kürzt der Arbeitgeber

das Gehalt anteilig.

Gesetzlich Versicherten zahlen

die Kassen Krankengeld in

Höhe von derzeit maximal

94,50 Euro täglich, auch das für

zehn Tage pro Kind und maximal

25 Tage für alle Kinder zusammen.

Ist das erkrankte Kind

bei einem Elternteil privat krankenversichert,

bekommt ein gesetzlich

versichertes Elternteil

kein Krankengeld.

Beamte und privat Versicherte

im öffentlichen Dienst erhalten

pro Kind nur vier Tage frei,

bekommen allerdings in der

Zeit auch den vollen Lohn weitergezahlt.

Erkrankt ein weiteres

Kind, dürfen sie insgesamt

maximal fünf Tage im Jahr

fehlen (Bundesarbeitsgericht,

9 AZR 878/12).

RECHT EINFACH | Wespen

Wespen können zur Plage werden.

Während der Sommermonate

sind Insekten auch Gegenstand

von Gerichtsverfahren.

§

Schwarm. In einer Mietwohnung

in Unterfranken hatten

sich Wespen einen Rollladenkasten

für ihr Nest ausgesucht.

An einem Sonntag

schwärmten Hunderte Insekten

über den Balkon der Mieter. Die

Familie geriet in Panik: Sie fürchtete

um die Gesundheit ihrer zweijährigen

Tochter; zudem litt die

Mutter an einer Allergie gegen

Insektenstiche. Nachdem der Vermieter

telefonisch nicht greifbar

war, alarmierte die Familie die

Feuerwehr. Zu Recht, befand später

der Richter. Die Kosten für die

Entfernung des Nests musste der

Vermieter tragen (Amtsgericht

Würzburg, 13 C 2751/13).

Umlage. In einem Mehrfamilienhaus

in München ließ ein Wespennest

unter dem Dach die Bewohner

nicht mehr zur Ruhe kommen. Der

Eigentümer ließ einen Kammerjäger

anrücken. Die Kosten wollte er als

„Ungezieferbekämpfung“ in der

Nebenkostenabrechnung auf die

Mieter umlegen. Diese zogen vor

den Kadi und hatten Erfolg. Der

Richter klärte den Vermieter auf,

dass zu „Betriebskosten“ nur regelmäßige

Instandhaltungsmaßnahmen

zählten. Die einmalige

Entfernung eines Wespennestes

gehöre nicht dazu (Amtsgericht

München, 412 C 32370/10).

Strand. Ein Kölner Ehepaar buchte

eine Reise in die Dominikanische

Republik. Kleine, hyperaktive

Sandwespen machten die Zeit

am Strand zur Tortur. Einen Preisnachlass

bekamen die Rheinländer

nicht. Der Richter blätterte

in Biobüchern. Ergebnis: In warmen

Gefilden seien Sandwespen

„nicht zu verhindernde Naturerscheinungen“

(Amtsgericht

Köln, 134 C 419/07).

FOTOS: GETTY IMAGES, A1 PIX/YOURPHOTOTODAY, PR

82 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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AUTOKAMERAS

Polizei kann zugreifen

ERBSCHAFT

Wohnrecht ist zu wenig

Ein etwa von einer Witwe weiter

bewohntes „Familienheim“

bleibt von der Erbschaftsteuer

befreit, wenn es noch mindestens

zehn Jahre nach dem Erbfall

ihr Wohnsitz bleibt. Das hat

den Vorteil, dass ihr persönlicher

Freibetrag bei der Erbschaftsteuer

für weitere Vermögensteile

erhalten bleibt. Wohnt

sie weniger als weitere zehn

Jahre im Familienheim, fiele der

Steuervorteil nachträglich weg

– es sei denn, die Zeit verkürzt

sich aus wichtigen Gründen.

SCHNELLGERICHT

ABSCHREIBUNGSEXTRA BEI SANIERUNG

§

Weist eine Kommune in ihrer Satzung ein Sanierungsgebiet

aus, können Immobilieneigentümer

Instandsetzungs- und Modernisierungskosten im

Verlauf von zwölf Jahren auch für selbst bewohnte

Wohnungen voll absetzen. Dazu muss aber das Sanierungsgebiet

zum Zeitpunkt der Baumaßnahmen

noch bestehen (Bundesfinanzhof, X R 4/12).

RENTNERIN MUSS NICHT ZAHLEN

§

Ein Rechenfehler fiel der Rentenkasse erst

nach sechs Jahren auf. Die zurückgeforderten

215 Euro muss eine Rentnerin nicht zahlen, weil

sie die Rentenkasse über eine einmalige Zahlung

ihres Ex-Arbeitgebers informiert hatte und nicht

Ein solcher Grund wäre etwa

der Umzug in ein Pflegeheim.

Allerdings muss der länger

lebende Partner zumindest Miteigentümer

des Hauses werden,

um die Steuerbefreiung zu erhalten,

entschieden die Richter

am Bundesfinanzhof (II R

45/12). Die Steuerbefreiung

entfällt, wenn die Ehefrau testamentarisch

verpflichtet wird,

das Familienheim durch ein

Vorausvermächtnis auf die

Kinder zu übertragen, und ihr

nur ein Wohnrecht bleibt.

Neue Autos speichern eine

Menge Daten und geben sie etwa

durch einen automatischen

Notruf weiter. Zunehmend wird

wegen der immer populärer

werdenden Dashcams geklagt.

Mit den Auto-Videokameras,

die entweder am Armaturenbrett

(„dash“), an der Windschutzscheibe

oder am Rückspiegel

befestigt werden,

können Autofahrten gefilmt,

auf einem Chip gespeichert und

später etwa ins Internet gestellt

werden. Das Bayerische Landesamt

für Datenschutz hatte

ihren Einsatz wegen Verstoßes

gegen das Datenschutzgesetz

verboten. Ein Anwalt hatte dagegen

geklagt. Er wollte Beweise

gegen Autofahrer sammeln,

die ihn im Straßenverkehr

bedrängten. Das Verbot der Behörde

kippten die Richter am

Verwaltungsgericht Ansbach,

aber nur aus formalen Gründen

(AN 4 K 13.01634). Sie ließen

wegen der grundsätzlichen

Bedeutung Revision zu.

Passanten und Autofahrer

hätten das Recht, nicht heimlich

gefilmt zu werden. Auch

wenn weder Köpfe noch Nummernschilder

auf den Videos

erkennbar wären, ließen sich

Menschen identifizieren.

Das Amtsgericht München

dagegen hatte die Nutzung eines

Radfahrer-Videos in einem

Prozess für zulässig erklärt (343

C 4445/13).

„Interesse an den Daten

haben etwa Autoversicherer,

Autohersteller, aber auch der

Staat“, sagt die Hamburger Anwältin

Daniela Mielchen. Das

Datenschutzrecht halte mit den

technischen Möglichkeiten

nicht Schritt. Wer die Kamera

nutze, müsse damit rechnen,

dass die Polizei auf sie zugreife.

Dies dürfe sie auch ohne richterlichen

Beschluss. Bei Daten

bestünde die Gefahr, dass sie

gelöscht würden. Die Polizei

könne sich also darauf berufen,

dass Gefahr im Verzug sei.

JOB-DARLEHEN

Den Verlust

absetzen

Ein Arbeitnehmer, der zugestimmt

hat, dass geleistete Überstunden

in Genussrechtskapital

seiner Firma umgewandelt werden,

darf nach deren Pleite den

Kapitalverlust als Werbungskosten

absetzen (Bundesfinanzhof,

VI R 57/13). Da der Arbeitgeber

finanziell angeschlagen war,

sei der Mitarbeiter das Risiko

aus beruflichen Gründen eingegangen.

Es kam ihm nicht auf

Rendite an.

grob fahrlässig handelte (Sozialgericht Gießen,

S 4 R 451/12).

KEIN KLASSENWECHSEL NACH PRÜGELEI

§

Provoziert ein Schüler einen anderen und schlägt

dieser ihm dann ins Gesicht, kann der Geschlagene

nicht verlangen, dass sein Gegner die Klasse

wechselt (Verwaltungsgericht Darmstadt 3 L 879/14).

GLEICHBEHANDLUNG BEI HOCHZEITSVILLA

§

Der gewerbliche Vermieter einer Villa für Hochzeitsfeiern

verstieß gegen das Gleichbehandlungsgesetz

(AGG), weil er nicht an ein gleichgeschlechtliches

Paar vermietete. Das Paar bekommt 750 Euro

Entschädigung (Amtsgericht Köln, 147 C 68/14).

EINBRUCHDIEBSTAHL

STEFAN PIOTROWSKI

ist Fachanwalt

für Versicherungsrecht

in

der Kanzlei

SH Rechtsanwälte.

n Herr Piotrowski, Hausratversicherer

zahlen bei Einbruch

mit Diebstahl nicht

immer. Worauf müssen Versicherungskunden

achten?

Der Kunde darf nicht grob

fahrlässig handeln: Wer das

Haus verlässt, muss die Fenster

schließen, wer Schlüssel

zusammen mit dem Pass verliert,

die Schlösser austauschen.

Um Streit zu vermeiden,

kann man eine Police

wählen, bei der der Versicherer

ganz oder teilweise darauf

verzichtet, grobe Fahrlässigkeit

zu prüfen. Deren Beitrag

ist etwas höher.

n In welche Versicherer-

Fallen tappen Kunden sonst?

Unterversicherung ist ein

Problem – ist der Hausrat

wesentlich mehr wert als die

versicherte Summe, kann der

Versicherer die Auszahlung

nach dem Einbruch proportional

zum Grad der Unterversicherung

kürzen. Außerdem

ist die versicherte Summe für

Schmuck und andere Wertgegenstände

oft gedeckelt,

etwa bei 20 Prozent der Versicherungssumme.

Wer Ärger

vermeiden will, sollte Wertsachen

gesondert versichern,

Wertsachen fotografieren und

Quittungen aufheben.

n Wie verhält man sich nach

einem Einbruch korrekt?

Sofort die Polizei einschalten

und den Versicherer benachrichtigen.

Binnen einer Woche

sollte man bei beiden eine

Liste der gestohlenen und beschädigten

Sachen einreichen.

Wer das versäumt oder

deutlich zu spät reagiert, kann

seinen Anspruch auf die Versicherungsleistung

verlieren.

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 Redaktion: heike.schwerdtfeger@wiwo.de | Frankfurt, annina reimann | Frankfurt

83

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Nie wieder wollte

ich über Frankfurts China-Aktien

schreiben. Börsen-Zombies,

sinnlos, erledigt. Von Hauke Reimer

Aus dem Tollhaus

Doch was hier abgeht,

ist einfach zu unterhaltsam.

Also noch

eine Geschichte:

Youbisheng Green Paper, Hersteller

von Ökopappe, 2011

an die Börse gegangen, Börsenwert

zu Spitzenzeiten 66 Millionen

Euro, meldet noch Ende Mai

„stabile Geschäftsentwicklung“.

BankM, die Youbisheng aufs

Frankfurter Parkett gebracht

hat, sieht im Mai einen fairen

Wert von 12,97 Euro je Aktie –

bei einem Börsenkurs von damals

3,40 Euro – und sagt „kaufen“.

Danach fällt der Kurs wie

ein Stein, „ohne neue Informationen“,

wie sich die Banker Mitte

Juni wundern. Sie beschließen

nach China zu reisen. Zehn

Tage später kehren sie wieder

zurück, frustriert und unverrichteter

Dinge: Youbisheng-Chef

Huang sei verschwunden, sein

Vertreter stand „nicht für ein

Gespräch zur Verfügung“.

Es kommt noch besser: Am

4. Juli meldet Youbisheng, die

Chinesen hätten Finanzvorstand

David Tsui nicht ins Werk gelassen,

der die Bücher „begutachten“

wollte. Stellt sich die Frage:

Was hat dieser Finanzchef vorher

die ganze Zeit gemacht?

Weil Aufsichtsrat und Finanzvorstand

„trotz intensiver Nachforschungen“

keine Ahnung

haben, wo Herr Huang steckt –

und nebenbei auch keinen

Schimmer von den Finanzen der

Firma –, tritt Tsui zurück. Führungslos

schlingert Youbisheng

über das Börsenparkett. Aber

der Aufsichtsrat verspricht seine

Nachforschungen zu „intensivieren“.

Einen Monat (!) später

feuert er dann todesmutig den

verschwundenen Chef, Herrn

Haiming Huang, und präsentiert,

welch genialer Schachzug,

einen neuen: Herrn Haibo Huang,

den Bruder des Entschwundenen.

Der soll zackig „belastbare

Informationen“ über die

Kassenlage liefern. Anleger

wittern Morgenluft, treiben den

Kurs von 0,90 auf 1,60 Euro.

Eine Woche später wird klar,

dass Herr Huang II auch keinen

Schimmer hat, er tritt zurück.

Der Aufsichtsrat bekommt kalte

Füße, zum „Schutz der Gläubiger

und Aktionäre“ beantragt er

Insolvenz. Die Aktie knallt von

1,60 Euro auf 32 Cent. Am 14.

August geht Youbisheng in die

Insolvenz. Vorhang und Schluss.

WO SIND DIE MILLIONEN?

In Frankfurt notierte China-

Unternehmen sind dreistufig

aufgebaut: Anleger kaufen an

der Börse die AG mit deutschem

Aufsichtsrat, darunter hängt

eine Holding in Singapur oder

Hongkong, darunter die Firma,

die Zugriff auf Fabrik und Kasse

hat. Bei Youbisheng waren in der

noch 38 Millionen Euro – bevor

der Chef abhanden kam.

Dass die deutschen Aufsichtsräte

da nichts kontrollieren können,

ist vollkommen klar. Deshalb

findet sich kaum jemand,

der den Job machen will. Bei

zwei 2014er-Neulingen führte

dann eben der Banker, der die

Unternehmen an die Börse gedrückt

hatte, den Aufsichtsrat.

Anlegern bleibt nur eine

Faustregel: Finger weg von Unternehmen,

die nur im Ausland

an der Börse sind, nicht aber in

ihrem Heimatland. Denn wenn

keine einheimischen Anleger

geschädigt wurden, interessiert

das Behörden in China oder anderswo

null – mag der Betrug

auch noch so dreist sein.

Hätte man eigentlich drauf

kommen können.

TREND DER WOCHE

Druck über den Euro

Die 9000-Punkte-Marke im Dax hat gehalten, große

Sprünge sind vorerst aber nicht zu erwarten.

Krise im Blick

Henkel-Chef Rorsted sieht das

Gewinnwachstum schrumpfen

Jetzt ist es amtlich: Die deutsche

Wirtschaft schrumpfte im

zweiten Quartal – um 0,2 Prozent

(siehe auch Seite 16). Damit

bestätigt sich, was sich im

Rückgang des Dax andeutete.

Der Wirtschaftskrieg mit Russland

hatte noch kaum Einfluss

auf die jüngsten Wirtschaftsdaten.

Dieser wird erst im zweiten

Halbjahr durchschlagen.

Das befürchtet auch Kasper

Rorsted. Der Chef des Düsseldorfer

Konsumgüterkonzerns

warnte vor schwächerem Gewinnwachstum.

Nachdem der erste Schock

verdaut war, erinnerten sich

Anleger aber an die Börsenweisheit,

dass politische Börsen

kurze Beine haben, also die

Kursrichtung von geopolitischen

Risiken nur kurzzeitig bestimmt

wird. Der Dax stabilisierte

sich oberhalb von 9000

Punkten. Wichtigster Faktor für

die Börse aber bleibt der Euro-

Kurs. Ein schwacher Euro erzeugt

Verkaufsdruck bei ausländischen

Investoren. Weil diese

in Deutschland und der Euro-

Zone das Zepter an den Finanzmärkten

übernommen haben,

drückte ihr Abschied die Kurse

von Aktien und Anleihen. EZB-

Präsident Mario Draghi weiß

das, will aber trotzdem einen

schwachen Euro. Warum? Gewiss

nicht nur, um die internationale

Wettbewerbsfähigkeit

der Unternehmen zu stärken.

Denkbar: Über einen schwachen

Euro kann Draghi Druck

machen auf die Regierungen in

Paris und Rom, endlich Strukturreformen

anzupacken.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 14.8.2014 / 18.00 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9225,10 +2,1 +9,3

MDax 15746,68 +2,6 +6,0

Euro Stoxx 50 3058,16 +1,5 +7,2

S&P 500 1952,51 +2,2 +15,8

Euro in Dollar 1,3373 ±0 +1,0

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,01 –0,05 2 –0,80 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,40 –0,03 2 –0,31 2

Rohöl (Brent) 3 102,67 –2,7 –7,4

Gold 4 1313,50 +0,6 –1,0

Kupfer 5 6886,50 –1,3 –5,3

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 980,08 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, REUTERS/SIMON NEWMAN, MAURITIUS IMAGES/SCIENCE SOURCE

84 Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Vertrauensbeweis

Adidas-Chef Herbert Hainer kauft nach dem

Kursrutsch ein dickes Paket eigener Aktien.

HITLISTE

Der Sommerschlussverkauf

bei Adidas lockt Käufer an, allen

voran Vorstandschef Herbert

Hainer, der in der vergangenen

Woche 400 000 Euro in

Aktien des eigenen Unternehmens

steckte. Hainers Vorstandskollege

Robin Stalker

zog gleich mit und kaufte für

100 000 Euro. Zuletzt hatte der

Adidas-Chef im Mai 2010 zugegriffen,

davor beim Ausverkauf

nach der Lehman-Pleite

2008. Mit diesen Positionen

liegt Hainer, trotz des jüngsten

Kurseinbruchs, immer

noch zwischen 50 und 135 Prozent

vorne. Anleger können

hoffen, dass Hainer erneut ein

glückliches Investment-Händchen

beweist. Etwas Pulver trocken

halten sollten sie sich dennoch.

Die unsichere Situation

um den wichtigen Markt Russland

und das kränkelnde Golf-

Geschäft setzen den Herzogenaurachern

zu. Sollte es im Zuge

einer allgemeinen Börsenschwäche

mit dem Adidas-Kurs

noch eine Etage tiefer gehen,

bieten sich Kurse unter 50 Euro

an zum Nachfassen.

Sachwert Auto

Nach dem Crash fehlt meist Cash

BÄRENMÄRKTE

Fünf verlorene Jahre

Im historischen Schnitt zehrt eine Baisse an der

Wall Street die Kursgewinne von 21 Quartalen auf.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2014 2015 2015

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9225,10 +2,1 +9,3

Aktie

Stand: 14.8.2014 / 18.00 Uhr

Adidas 59,70 +7,6 –29,3 3,10 3,83 16 12490 2,51

Allianz 126,75 +4,5 +7,9 13,72 14,04 9 57792 4,18

BASF NA 75,92 +1,9 +11,8 5,76 6,30 12 69731 3,56

Bayer NA 97,69 +1,8 +12,3 6,05 6,92 14 80785 2,15

Beiersdorf 66,57 +0,9 –3,2 2,49 2,76 24 16776 1,05

BMW St 88,28 +2,4 +18,7 8,98 9,42 9 56972 2,95

Commerzbank 10,73 +2,6 +34,2 0,56 0,98 11 12216 -

Continental 156,25 +2,6 +30,8 12,80 14,27 11 31251 1,60

Daimler 61,07 +3,6 +10,1 6,17 6,85 9 65310 3,68

Deutsche Bank 24,67 +0,4 –23,8 2,26 3,30 7 25149 3,04

Deutsche Börse 53,87 +4,1 –0,6 3,66 4,02 13 10397 3,90

Deutsche Post 23,70 +1,3 +8,5 1,71 1,86 13 28654 3,38

Deutsche Telekom 11,24 –1,1 +13,2 0,62 0,67 17 50031 4,45

E.ON 13,77 +4,7 +11,5 0,94 0,99 14 27554 4,36

Fresenius Med.C. St 51,82 –0,5 +4,0 3,54 3,95 13 15937 1,49

Fresenius SE&Co 36,75 +1,0 +15,8 2,04 2,36 16 8293 3,40

Heidelberg Cement St 55,41 +5,2 –6,2 3,96 5,00 11 10389 1,08

Henkel Vz 79,37 –3,2 +1,9 4,30 4,70 17 32459 1,54

Infineon 8,47 +3,0 +17,8 0,44 0,53 16 9150 1,42

K+S NA 24,20 +7,1 +32,2 1,46 1,54 16 4632 1,03

Lanxess 46,66 –0,5 –3,6 2,10 3,28 14 3882 1,07

Linde 148,35 +1,1 +2,4 7,81 8,82 17 27541 2,02

Lufthansa 12,67 +1,5 –14,0 1,23 2,37 5 5825 -

Merck 64,90 +2,7 +8,4 4,85 5,29 12 4194 2,93

Münchener Rückv. 150,15 +0,7 +4,5 17,45 17,49 9 26928 4,83

RWE St 28,69 +1,2 +34,3 2,21 2,29 13 17381 3,49

SAP 57,57 +0,2 +0,2 3,40 3,72 15 70725 1,91

Siemens 91,63 +2,7 +8,6 6,54 7,42 12 80726 3,27

ThyssenKrupp 21,05 +6,0 +26,6 0,58 1,20 18 10827 -

Volkswagen Vz. 167,90 +0,7 –10,0 21,49 24,05 7 78099 2,42

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

In den vergangenen 85 Jahren

durchlief die Wall Street 15

Bärenmärkte. 1932 zehrte die

Baisse die Gewinne von 62

Quartalen auf – historischer

Rekord. Dagegen standen

1998 am Ende der Baisse nur

die Käufer von vier Quartalen

mit ihren Aktien unter Wasser.

Im Schnitt gingen in den Bärenmärkten

die Kursgewinne

von 21 Quartalen verloren,

bevor es wieder nach oben

ging. Sollte die Wall Street in

diesem Quartal den Höhepunkt

der 2009 startenden Hausse sehen

und ein neuer Bärenmarkt

beginnen, dann drohte dem

S&P 500 statistisch gesehen ein

Fall auf den Stand vom zweiten

Quartal 2009. Gemessen an seinem

durchschnittlichen Indexstand

seit Quartalsbeginn von

1960 Punkten, bedeutete das

für den wichtigsten US-Aktienindex

fast 40 Prozent minus.

Wie viele Quartale mit Preiszuwächsen in vergangenen Bärenmärkten an Wall

Street ausgelöscht wurden

Bärenmarkt bis ...

1932

1938

1942

1958

1962

1967

1970

1974

1978

1982

1987

1990

1998

2003

2009

Durchschnitt

...löschte den Preiszuwachs

von ... Quartalen aus

62

11

30

10

15

12

29

32

12

8

5

13

4

24

48

21

Sollte der S&P 500 im 3. Quartal 2014 einen

Gipfel erreichen, bedeutete das einen Rückgang ...

... auf den Stand von ...

(Quartal/Jahr)

1/1999

4/2011

1/2007

1/2012

4/2010

3/2011

2/2007

3/2006

3/2011

3/2012

2/2013

2/2013

3/2013

3/2008

3/2002

2/2009

1 gemessen an einem Indexstand von 1960 Punkten; Quelle: Marc Faber Ltd.

... um ... Prozent 1

–88

–44

–23

–32

–44

–38

–28

–33

–38

–28

–19

–28

–20

–54

–46

–38

WirtschaftsWoche 18.8.2014 Nr. 34 85

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE Eldorado Gold

Ein Eldorado im Reich

der Mitte

Festhalten!

Hohe Dividende

verhindert den tiefen

Fall von Ölaktien

Loch in China Goldproduzent

erwägt Notierung in Hongkong

Das Nachfassen bei den Aktien

des kanadischen Goldförderers

im Januar hat sich

gelohnt (WirtschaftsWoche

3/2014). Der Aktienkurs von

Eldorado Gold legte seither

um fast 50 Prozent zu. Ein

schöner Zuwachs in einem,

gemessen an den breiten Aktienindizes,

bisher eher mauen

Börsenjahr. Auf lange Sicht

sollte mit der Goldaktie noch

mehr zu holen sein. Mit Blick

auf den zuletzt überdurchschnittlich

guten Lauf der

Aktie könnten Gewinnmitnahmen

den Kurs allerdings

vorübergehend drücken.

Nervenstarke Anleger aber

können mit einer vertretbaren

Position investiert bleiben.

Das Management des an

der Börse aktuell mit sechs

Milliarden Dollar bewerteten

Goldförderers hob das Produktionsziel

für 2014 soeben

auf 790 000 Unzen an. Noch

erfreulicher fiel die Kostenprognose

aus. Die durchschnittlichen

Kosten für

Produktion, Erhaltung, Exploration

und Verwaltung sollen

nun, statt ursprünglich veranschlagt

915 bis 985 Dollar,

nur noch 850 Dollar pro Unze

betragen. Eldorado bestätigt

damit den Status eines der

kostengünstigsten Produzenten

im Goldbergbau. Für den

Bau neuer und die Erweiterung

bestehender Minen will

Eldorado 260 Millionen Dollar

einsetzen. Unter Einrechnung

dieser Summe ergeben

sich Gesamtkosten je geförderter

Unze von etwa 1180 Dollar.

Solange der Goldpreis über dieser

Marke bleibt, fährt Eldorado

also Gewinne ein. Abgebaut

wird Gold aktuell in sechs Minen,

in China (3), der Türkei (2)

und Brasilien (1). In Griechenland

bauen die Kanadier in

einer Mine Silber, Blei und Zink

ab. Außerdem stecken dort zwei

Goldbergwerke in der Bau- und

eines in der Entwicklungsphase.

Außerhalb Griechenlands

entwickelt Eldorado je ein Projekt

in Brasilien, Rumänien und

China. Die wirtschaftlich abbaubaren

Reserven umfassen

insgesamt knapp 28 Millionen

Unzen Gold und 97 Millionen

Unzen Silber.

Das Management erwägt derzeit,

die Aktie auch an der Börse

in Hongkong listen zu lassen.

Dieser Schritt könnte neue

Käuferschichten mobilisieren.

Eldorado ist schließlich mit

seinen drei Minen in China und

einer Jahresproduktion von

etwa 300 000 Unzen der größte

ausländische Goldproduzent

im Reich der Mitte.

Eldorado Gold

ISIN: CA2849021035

18

14

10

8

6

4

2012 2013 2014

Kurs/Stoppkurs (in Dollar): 8,48/6,90

KGV 2014/2015: 36,9/32,2

Dividendenrendite (in Prozent): 0,3

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle: Thomson Reuters

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

Hoch

AKTIE Total

Russischer Sturm

im Wasserglas

Die Börsenhausse lief lange

Zeit unter Ausschluss der integrierten

Ölkonzerne. Erst

Ende 2013 änderte sich das

Bild. Big Oil gewann an relativer

Stärke und gehörte im

ersten Halbjahr zu den besten

Sektoren überhaupt. Die Aktie

des französischen Ölkonzerns

Total etwa legte zwischen

Februar und Ende Juni rund

30 Prozent zu. Runter geht es

an der Börse immer schneller

als rauf. Die Total-Aktie verlor

seit Juni 13 Prozent. Sucht

man nach Gründen, dann

findet man einen gewichtigen

in Russland. Dort sind die

Franzosen mit 18 Prozent am

Gasproduzenten Novatek

beteiligt, der seit Juni auf der

Sanktionsliste der EU steht.

Auf die Stimmung drückte zusätzlich

der Ende Juli präsentierte

Quartalsbericht. Wegen

der Unruhen in Libyen, des

Auslaufens einer Förderlizenz

in den Emiraten sowie Wartungsarbeiten

in der Nordsee,

Nigeria und Thailand

schrumpfte die Fördermenge

um zehn Prozent auf 2,05

Millionen Barrel Öläquivalent

pro Tag. Unter anhaltendem

Druck standen die Margen im

Raffineriegeschäft. Unter dem

Strich ging der um Veränderungen

der Lagerbestände bereinigte

Gewinn um zwölf Prozent

zurück, auf 3,15 Milliarden

Dollar. Der Vorstand reagiert

und will neben dem Verkauf

von Unternehmensteilen nun

ein Sparprogramm über drei

Jahre auflegen. Details werden

am 22. September präsentiert.

Die Produktion aber soll schon

in den nächsten Monaten dank

neuer Projekte wieder steigen.

Entlastung bringt auch ein

schwacher Euro. Der Dollar ist

Ölwährung, aber der Ölkonzern

bilanziert in Euro. Zudem lockt

die Dividendenrendite von gut

fünf Prozent.

Total

ISIN: FR0000120271

65

60

55

50

45

40

35

30

2005 07 09 11 13 14

Kurs/Stoppkurs (in Euro): 48,00/42,60

KGV 2014/2015: 10,2/9,2

Dividendenrendite (in Prozent): 5,2

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle: Thomson Reuters

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

FOTOS: PR, GLOWIMAGES/IMAGEBROKER

86 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Frank Doll, Anton Riedl

Nr. 34 18.8.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


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Geld&Börse | Geldwoche

CHARTSIGNAL

Fremdbestimmt

Die Anleihemärkte der Euro-Peripherie hängen

maßgeblich ab von der Entwicklung des Euro in Yen.

ANLEIHE KfW

Reale

Chance

Im ersten Halbjahr 2014 wurden

in Europa erstmals mehr

hochverzinsliche Anleihen an

den Markt gebracht als in den

USA. Rund 80 Prozent der

Emissionen kamen aus Griechenland,

Irland, Italien, Portugal

und Spanien. Das wäre

ohne sogenannte Yen-Carry-

Trades nicht möglich gewesen:

Angetrieben durch rekordtiefe

Zinsen in Japan und

die gezielte Abwertung des

Yen haben spekulative Investoren

zinsgünstige Kredite in

Yen aufgenommen und die

Mittel in hochverzinsliche

Staatsanleihen der Euro-Peripherie

angelegt. Dort trugen

sie maßgeblich zu dem aberwitzigen

Renditerückgang

bei. Neben Zins- und Kursgewinnen

lockten zusätzlich

Währungsgewinne. Gegenüber

dem Yen wertete der

Euro seit Sommer 2012 von 96

Yen in der Spitze bis auf 145

Yen Ende 2013 auf. Das Währungsrisiko

für die Spekulanten

war in dieser Phase überschaubar.

Im Kursverlauf des

Euro in Yen bildeten sich 2013

nacheinander eine Flagge, ein

Dreieck und ein ansteigendes

Dreieck aus – allesamt charttechnische

Konsolidierungsformationen,

die nicht eine drohende

Trendumkehr anzeigten,

sondern die baldige Fortsetzung

des bestehenden Trends.

Die Wahrscheinlichkeit einer

Trendumkehr und damit einer

Rückabwicklung der Carry-Trades

ist erst im Mai 2014 gestiegen,

mit dem Fall unter die Aufwärtstrendlinie

T1. Nach der

Ausbildung einer umgekehrten

Untertasse, die eine Verschiebung

der Marktkräfte von der

Nachfrage- hin zur Angebotsseite

anzeigt, droht der Euro

nun unter die Unterstützung

bei 136,26 Yen zu rutschen. An

dieser Marke endete im Februar

die letzte größere Yen-Aufwertung

(1). Wird die Unterstützung

gerissen, dann dürfte der

Trend drehen. Staatsanleihen

der Euro-Peripherie drohte

dann eine Abgabewelle über

die Rückabwicklung von Carry-

Trades. Vorübergehend Entwarnung

gäbe dagegen ein Anstieg

des Euro auf über 140 Yen.

Euro runter, Renditen hoch

Wertet der Euro in Yen weiter ab, droht Staatsanleihen

der Euro-Peripherie eine Abgabewelle

150

145

140

135

130

125

120

115

110

105

100

95

2012

Flagge

Quelle: Thomson Reuters

2013

Dreieck

ansteigendes

Dreieck

T1

1

Euro in Yen

2014

umgekehrte Untertasse

Unterstützung

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

Wer das Risiko scheut, kann

mit Anleihen heute kaum

noch etwas verdienen. In diesem

Umfeld lockt ausgerechnet

die bundeseigene Förderbank

KfW mit der Aussicht auf

eine zweistellige Rendite. Die

KfW genießt – wie die Bundesrepublik

Deutschland – die

Top-Note AAA. Gesichert ist

dadurch aber nur, dass Zinsen

pünktlich gezahlt werden und

die Anleihe am Ende der Laufzeit

im März 2016 auch zu

100 Prozent getilgt wird. Der

Haken: Zinszahlungen und

Rückzahlung erfolgen zwar in

Euro, sind aber gekoppelt an

den z