Berner Kulturagenda 2012 N°50

kulturagenda

13. bis 19. Dezember 2012 /// Ein unabhängiges Engagement des Vereins Berner Kulturagenda /// www.kulturagenda.be /// 3 Anzeiger Region Bern 27

Alles ist Wiederholung ist alles

Handgemachte elektronische Musik: Zachov jagt Töne und Geräusche durch

die Loop-Station und bastelt daraus erfrischende Songs für die Bühne und

den Dancefloor. Der Multiinstrumentalist tritt bei Bee-flat auf.

ZVG

Spielt auch den Solosänger: Cellist Nicolas Altstaedt.

Zugängliches Genie

Verlosung

Das Berner Kammerorchester widmet seinen traditionellen Galaabend Peter

Iljitsch Tschaikowsky. Im Kulturcasino wird es vom Cellisten Nicolas

Altstaedt und der Ballettschule Cabriole begleitet.

Der Philosoph Hegel bemerkte einmal,

dass sich die Geschichte zwei Mal wiederhole.

Das war vor 200 Jahren. Marx

ergänzte vor 150 Jahren, dass sich die

Wiederholung das eine Mal als Tragödie,

das andere Mal als Farce abspiele.

Längst haben Musiker die Wiederholung

zur Kunstform erhoben. Auch

Zachov macht Wiederholungen – nicht

als Tragödie und noch viel weniger als

Farce, sondern als höchst vergnügliche

elektronische Musik, die zwischen

Dancefloor und Konzertbühne ihre Bestimmung

findet. Sein Werkzeug: Die

Loop-Station. Dieses Gerät füttert der

Multiinstrumentalist auf der Bühne mit

live gespielten Tönen und Geräuschen,

die er in die Endlosschlaufe schickt.

Selbst ernannter Alleinunterhalter

Zachov alias Jacob Suske ist ein Tausendsassa.

Er ist Musiker, Komponist

für Theatermusik und Produzent. Auch

wenn er als selbst ernannter Alleinunterhalter

auf der Bühne steht, macht

er ganz unterschiedliche Dinge – am

liebsten gleichzeitig: Während er einen

Basslauf einspielt, drückt er hier an irgendwelchen

Knöpfen herum, schraubt

da an einem Regler und drückt dort ein

Effektpedal. Es scheint, als ob der Mann

acht Arme hätte, so, wie man es von

den Bildern indischer Gottheiten kennt.

Doch beim Nachzählen wird man feststellen:

Auch Zachov hat nur zwei Arme

und zwei Beine. Er ist bloss unglaublich

flink.

Das Soloprojekt «Zachov» ist gewissermassen

die personell reduzierte und

musikalisch potenzierte Version des

One Shot Orchestras, bei dem Jacob

Suske zusammen mit Fabian Kalker

und Simon Baumann unterwegs war.

Was dort auf drei Musiker verteilt worden

war, besorgt Suske hier im Alleingang.

David Loher

\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\

Turnhalle im Progr, Bern

So., 16.12., 20.30 Uhr

www.bee-flat.ch

Hommage der Camerata an Joseph Haydn

ZVG

Held der Schlaufen: Zachov.

«Tschaikowsky ist wahrscheinlich der

Komponist, wegen dessen ich beschlossen

habe, Musiker zu werden», verrät

Philippe Bach. Es war ein Konzert des

Amsterdamer Concertgebouw Orchestra

am Menuhin Festival, das mit seinem

Tschaikowsky-Programm beim

Teenager einen nachhaltigen Eindruck

hinterliess. Heute ist der gebürtige

Saaner Generalmusikdirektor der Meininger

Hofkapelle im deutschen Thüringen.

Es ist eine traditionsreiche Adresse:

Illustre Persönlichkeiten wie Richard

Wagner, Johannes Brahms oder

Richard Strauss dirigierten die «Meininger».

Daneben ist Bach Dirigent des

Berner Kammerorchesters (BKO), in

welchem er schon als junger Hornist

gespielt hatte.

Raffiniert komponiert

«Ich hatte zwar eine Phase, in der ich

Tschaikowsky für banal und oberflächlich

hielt und Mahler bevorzugte», sagt

Bach, «aber wenn man ihn später wieder

anschaut, merkt man, wie raffiniert und

unheimlich intelligent er komponiert

hat.» Doch es ist nicht nur Bachs Vorliebe,

die den Ausschlag für das Programm

des traditionellen Galaabends gab.

Zu seinem Festkonzert wollte das BKO

einmal mehr mit der Münsinger Ballettschule

Cabriole zusammenarbeiten.

Obwohl der «Schwanensee» zu Lebzeiten

des Komponisten nur eine mässige

Resonanz erhielt: Heute ist das Werk

ein Inbegriff für Ballettmusik. Das

BKO spielt vier Ausschnitte daraus.

Fast ebenso beliebt ist Tschaikowskys

Oper «Eugen Onegin». Das BKO spielt

die Arie des Lenski sowie die Polonaise

und den Walzer, die beiden Letzteren

wiederum mit Ballettbegleitung. Für

die Arie hat man keinen Gastsänger

verpflichtet, sondern lässt den Cellisten

Nicolas Altstaedt, welcher sein Können

schon bei der eröffnenden Serenade für

Streicher op. 48 unter Beweis stellt, den

Solopart spielen.

Instrumente gut klingen lassen

«Ich kenne Altstaedt gut von gemeinsamen

Aufnahmen in London her»,

erklärt Bach. Zusammen seien sie auf

die Idee gekommen, ein reines Tschaikowsky-Programm

zu machen: «Die

Serenade ist auch deshalb dankbar für

Streicher, weil sich Tschaikowsky immer

sehr darum gekümmert hat, die

Instrumente gut klingen zu lassen.»

Silvano Cerutti

\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\

Kulturcasino, Bern

Fr., 14.12., 19.30 Uhr

www.bko.ch

Die Kulturagenda verlost 2×2 Eintritte:

tickets@kulturagenda.be

Joseph Haydn war vieles: Sinfoniker, Erfinder des Streichquartetts, Komponist

der deutschen Nationalhymne – und Unbekannter. Die Camerata

Bern stellt ihn am 3. Advent im 3. Abonnementskonzert in den Mittelpunkt.

Matinee oder Vorabend? Am 3. Advent

stehen beide Konzerte der Camerata

Bern ganz im Zeichen Joseph Haydns

(1732–1809). Man müsste sich für beide

Anlässe die Zeit nehmen: Schon im

morgendlichen Programm mit Konzert

und Lesung geht es um den österreichischen

Meister. Der Bratschist Klaus

Christa, Landsmann Haydns, hat unter

dem etwas sperrigen, aber selbsterklärenden

Titel «Denn das Leben ist eine

zu köstliche Sache – Die Lebenskunst

des Joseph Haydn» ein Buch vorgelegt,

das in der reichen Haydn-Literatur eine

Lücke schliesst.

Retouchierte Bilder

Christa wollte wissen, was sich hinter

dem Bild des Komponisten verbirgt. Wobei

«Bild» im Singular missverständlich

ist: Zum einen durchlebte Haydn,

der für seine Zeit ein schönes Alter

erreichte, mehrere sehr unterschiedliche

Schaffensphasen. Wir kennen den

frühen Haydn, jenen aus Esterhazy, den

Freund Mozarts oder den «Londoner»

mit den grossen Sinfonien.

Zum anderen aber gibt es von Haydn

kein einziges authentisches Porträt.

Sein Gesicht, entstellt durch Pockennarben,

entzog sich naturalistischer

Wiedergabe, sodass die Maler auf ihre

Weise versuchten, Charakter und Wesen

des grossen Mannes einzufangen.

Die Lesung von Klaus Christa fügt dem

eine literarische Annäherung hinzu.

Zwei Zugaben

Am Morgen wird zudem ein erster Teil

des musikalischen Hauptprogramms

gegeben, das 1. Hornkonzert in D-Dur

und die Sinfonie Nr. 6, ebenfalls in

D-Dur, deren Beiname «Le Matin»

zur frühen Stunde passt. Dazu ist das

Auftragswerk «Stance» von William

Blank zu hören. Die Camerata

versüsst sich ihre Jubiläumssaison

bekanntlich mit einer ganzen Reihe von

Auftragskompositionen, die sie jeweils

als «Zugabe» spielt.

Auch am Nachmittag erklingen die

beiden Haydn-Werke der Matinee. Hornistin

ist wie schon am Morgen die mit

der Camerata gut vertraute Marie-Luise

Neunecker. Erich Höbarth übernimmt

nach der Pause den Solopart im Konzert

für Violine in C-Dur. Viertes und letztes

Haydn-Werk des Hauptprogramms

ist die Sinfonie Nr. 7 in G-Dur, genannt

«Le Midi». All diese Kompositionen entstanden

übrigens in derselben Epoche,

zwischen 1761 und 1765.

«Zugaben» gibt es am Abend gleich

deren zwei: vor der Pause «Wiege, Lied

und schlummerndes Kind» von Roland

Moser und am Schluss Daniel Glaus’

«Camerata obscura». Ein Titel, der angesichts

der luziden Berner Formation

wohl eher ironisch verstanden werden

darf.

Peter König

\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\

Zentrum Paul Klee, Bern

So.,16.12., 11 Uhr: Matinee mit

Lesung von Klaus Christa

17 Uhr: Abo-Konzert

www.cameratabern.ch

Andreas Knapp

Hornistin Marie-Luise Neunecker.

Klartext mit Fabio Baechtold über Frauen im Jazz (3)

Yakov Titov

Im Jazz sind Musikerinnen dünn gesät.

Nachdem wir in unserer kleinen

Klartext-Serie Valérie Portmann (Ausgabe

vom 28.11.) und Margrit Rieben

(5.12.) befragt haben, wollen wir von

einem Veranstalter wissen, worin er

die Gründe für das Ungleichgewicht

sieht. Gesprochen haben wir mit Fabio

Baechtold, dem Programmleiter bei

BeJazz.

Der Jazz ist eine Männerdomäne. Warum?

Schwer zu sagen. Vielleicht liegt es daran,

dass es in der Jazzgeschichte fast

nur männliche Vorbilder gegeben hat.

Das scheint seine Auswirkungen bis

heute zu haben. Das Bild blieb hängen.

In der klassischen Musik ist der Frauenanteil

aber hoch. Liegt die Malaise im Jazz daran,

dass der Jazz eher kompetitiv ist, wie Valérie

Portmann vor zwei Wochen gesagt hat?

Um in ein klassisches Orchester reinzukommen,

muss man auch die Technik

extrem beherrschen und die «Ellbogen

ausfahren» können. Daher überzeugt

mich dieses Argument nicht.

Musikerin Margrit Rieben fand: Männer arbeiteten

einfach gerne mit Männern zusammen,

daher gebe es viele reine Männerbands.

Ich sehe nur die wenigen gemischten

und die vielen nichtgemischten Bands,

die bei uns zu Gast sind. Bei denen

stelle ich nicht grundsätzlich unterschiedliche

Umgangsformen fest. Der

«Kumpel-Aspekt» käme eher zum Tragen,

wenn Bands monatelang zusammen

auf Tournee wären, was im Jazz

aber seltener der Fall ist.

Spielen Frauen anderen Jazz als Männer?

Nein. Abgesehen vielleicht von den

Sängerinnen und Sängern, deren unterschiedliche

Stimmregister allenfalls

einen Einfluss auf ein Repertoire haben

können.

Was können Konzertveranstalter unternehmen,

damit mehr Frauen in der Jazzmusik

Fuss fassen?

Wir müssen uns bewusst sein, wie

wenig Frauen auf der Bühne stehen,

und die vorhandenen Musikerinnen

zumindest in Betracht ziehen. Ich halte

aber nichts davon, eine Frauenkonzertreihe

einzuführen. Ich will nicht

sagen: Kommt euch diese Frauenband

anhören. Das Geschlecht in den Vordergrund

zu stellen, bringt auch den

Frauen nichts. Das Prinzip gilt im

Übrigen auch für die jungen Musiker.

Letztlich entscheiden wir, ob uns eine

Band gefällt, und dann kommt sie bei

uns ins Programm, Punkt.

Sie sehen also keine Unterschiede der Geschlechter?

Es gibt Musikerinnen und Musiker,

die sich in den Vordergrund drängeln,

wenn es darum geht, Konzerte spielen

zu dürfen, und es gibt die eher leiseren.

Frauen gehören vielleicht überdurchschnittlich

oft zur zweiten Kategorie.

Als Veranstalter muss ich darauf achten,

dass auch die guten, sich weniger

anpreisenden Leute die angemessene

Beachtung erhalten.

Wie sieht es im BeJazz-Publikum aus? Ist der

Frauenanteil höher als auf der Bühne?

Ja. Der Anteil Frauen liegt normalerweise

zwischen einem Drittel und der

Hälfte.

Lohnt es sich für einen Jazzclub überhaupt,

Frauen spielen zu lassen?

Auf jeden Fall, denn das Publikum

schätzt ein in jeder Hinsicht gemischtes

Programm.

Interview: Michael Feller

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine