Berner Kulturagenda 2013 N°44

kulturagenda

31. Oktober bis 6. November 2013 /// Ein unabhängiges Engagement des Vereins Berner Kulturagenda /// www.kulturagenda.be /// 3 Anzeiger Region Bern 23

Filet schmort im Zwischensaft

Licht und Schatten

Sinnfreie Experimente mit Platz für poetische Pausen: Joachim Rittmeyer

steht mit «Zwischensaft» auf der Bühne der Cappella. Für das neunzehnte

Soloprogramm hat er sein Figurenrepertoire verjüngt.

Braucht man Joachim Rittmeyer noch

vorzustellen? Der 62-jährige Kabarettist

steht seit fast vierzig Jahren auf der

Bühne. Mit «Zwischensaft», seinem

neunzehnten Solostück, präsentiert er

einen weiteren Experimentierabend.

Es ist ein Treffen des Interessenkreises

für Sondierbohrungen im Alltag, eines

illustren Grüppchens, das sich mit der

Durchführung sinnentleerter Experimente

befasst.

Im Zentrum des Mehrpersonen-Soloabends

steht Theo Metzler. Unter dessen

Federführung geht der Interessenkreis

wissenschaftlichen Fragestellungen

nach. Wiegt eine leere Batterie weniger

als eine volle? Klebt ein Saugnapf

besser, wenn er mit Hunde- oder wenn

er mit Menschenspeichel befeuchtet

wurde? Kommt ein Auto mit leerem

Tank ruckelnd oder sanft zum Stillstand?

Unterstützt wird Metzler von seinem

Assistenten Hanspeter Brauchle

und von Jovan Nabo, dem Osteuropäer

mit Hang zu sprachlichen Missverständnissen.

Die Welt durch Paddys Brille

Ergänzt hat Rittmeyer das Trio, das vielen

aus anderen seiner Stücke bekannt

sein dürfte, durch Paddy. Der 20-jährige

Sohn amerikanischer Expats ist

Experimentierfreak und befindet sich

momentan in einer orientierungslosen

Lebensphase.

Was hat Rittmeyer, dessen Alter bereits

die Frühpensionierung erlauben würde,

bewogen, in die Rolle eines Adoleszenten

zu schlüpfen? «Junge sind wie

Fremde. Sie betrachten das Geschehen

und reagieren darauf», meint er, gesteht

aber auch: «Ich musste schauen, dass

es nicht peinlich wird.» Man könne

nicht einfach ein paar Ausdrücke übernehmen

und meinen, man verstehe

dann schon, was Junge umtreibe. Dass

Rittmeyer Paddy glaubwürdig mimt,

bezeugt, dass er nicht nur ein guter Kabarett,

sondern auch ein ebensolcher

Schauspieler ist.

Feine Alltagspoesie

Der gebürtige St. Galler setzt in seinen

Programmen nicht auf das Aneinanderreihen

von Schenkelklopfern sondern

auf feine Alltagspoesie. Seine Meisterschaft

darin zeigt sich in «Zwischensaft»

etwa, wenn er Metzler mit einem

Metermass eine Geschichte illustrieren

lässt. Oder wenn er ihn, begleitet von

einer Concertina, Sprechlieder zum

Besten geben lässt. Gerade diesen homöopathischen

Musikeinsatz schätzt

Rittmeyer als Ausdrucksmittel: «Es erlaubt

eine verdichtete Form.»

Qual der Wahl

Wie bereits in den beiden vorgängigen

Experimentierprogrammen, «Lauter

Knistern» (2001) und «Orientierungsabend»

(2005), ist ihm der Raum, der

sich zwischen den Ergebnissen öffnet,

wichtig. «In ihm entstehen die eigentlichen

Filetstücke des Abends», sagt

Rittmeyer.

Dieser Umstand macht ihm die Wahl

passender Versuche nicht leicht: «Ich

suchte möglichst triviale Fragestellungen,

die scheinbar leicht zu beantworten

sind, aber plötzlich in komplexe Zusammenhänge

führen: Diese sind oft nur

mit dem Akzeptieren des existenziellen

Widersinns zu lösen – also mit Komik.

Die Experimente schaffen Raum für

das Dazwischenliegende.» Eben für den

«Zwischensaft».

Nelly Jaggi

\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\

La Cappella, Bern

Premiere: Sa., 2.11., 20 Uhr

Vorstellungen bis 23.11.

www.la-cappella.ch

Die Kulturagenda verlost 2 × 2 Tickets

für Mi., 6.11.: tickets@kulturagenda.be

Verlosung

Mit Anne-Sophie Mutter kommt schon wieder ein Weltstar, eine Ikone der

klassischen Musik gar, nach Bern. Zusammen mit ihrem wunderbaren Pianisten

Lambert Orkis gastiert sie im Kulturcasino.

Glückliches Bern! Innert kurzer Zeit paradiert

ein Reigen von Weltstars durch

die Bundesstadt, der jeder Musikmetropole

Ehre machen würde. Mit dem

Berner Symphonieorchester gastieren

Martin Fröst, Sabine Meyer oder Isabelle

van Keulen. Im Meisterzyklus ist es

Daniel Hope, im Kleezentrum Khatia

Buniatishvili, in den Migros-Classics

Maria João Pires – und jetzt also Anne-

Sophie Mutter.

Sie ist der Inbegriff des Geigenstars

schlechthin. Obwohl beileibe kein Mangel

an ausgezeichneten Violinistinnen

(und Violinisten) herrscht: Mutter ist

beispiellos. Seit über dreissig Jahren im

Geschäft, überrascht sie immer wieder

mit neuen Einblicken in die unermesslich

reiche Welt des Geigenspiels. Ihre

Diskografie ist unüberschaubar. Neben

allen bekannten Werken ihres Fachs hat

sie zahlreiche seltene Tonschöpfungen

ans Licht geholt und sich immer wieder

auch mit zeitgenössischer Musik einen

Namen gemacht.

Eine Ikone

Wobei «einen Namen machen» bei ihr

seltsam klingt: Mutter hat längst einen

Namen, Mutter «ist». Nämlich fast ein

Synonym für die gesamte Branche und,

wie ihr einstiger Entdecker und Förderer

Herbert von Karajan, eine Ikone.

Obendrein ist sie eine äusserst kluge

Frau, die immer genau wusste, was sie

wollte, wie zahllose Fernsehbeiträge

und Interviews belegen. In Bern ist sie

unter anderem mit einer Grieg- und einer

Franck-Sonate zu erleben.

Mit dabei ist ihr Pianist Lambert Orkis,

der nicht einfach ein Begleiter ist.

So schön es sein mag, seine Karriere

gemeinsam mit der grossen Mutter

zu machen: Es ist auch ein hartes Los.

Zwangsläufig sitzt der Pianist im Schatten

und wird in der Kritik ewiggleich

als «kongenialer», oder «perfekt auf

die Geigerin eingehender» Begleiter genannt.

Eigentlich unfair, weil Orkis ein

ernst zu nehmender Solist ist, für den

bedeutende zeitgenössische Komponisten

eigene Werke geschrieben haben

und der jahrelang mit dem grossen Rostropowitsch

unterwegs war. Also: Auch

dem Mann am Klavier gut zuhören!

Peter König

\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\

Kulturcasino, Bern

Fr., 1.11., 20 Uhr

www.kulturcasino.ch

Christian Altofer

ZVG

Untersucht den Alltag von seiner absurden Seite her: Joachim Rittmeyer.

Inbegriff der Geigenvirtuosin: Anne-Sophie Mutter.

Klartext zu Kultur für Kinder von Urs Rietmann

ZVG

Das Kulturangebot für Kinder in

Bern wächst stetig. Das hat auch Urs

Rietmann festgestellt, der Leiter des

Creaviva. Für die Kunstvermittlungsplattform

des Zentrums Paul Klee sind

Familien eines der wichtigsten Publikumssegmente.

Rietmann freut sich

über den Ausbau der Angebote in der

Region – mit Vorbehalten.

Urs Rietmann, es gibt verschiedene Motivationen,

weshalb Kinderprogramme angeboten

werden. Beim Zentrum Paul Klee waren

sie von Anfang an Teil des Konzepts. Weshalb?

Maurice E. Müller und Janine Aebi-

Müller, die beiden Gründer des Creaviva,

betrachten es als elementar, dass

Kinder lernen, sich mittels Gestaltung

in einer immer komplexer werdenden

Welt zu verorten.

Man könnte auch sagen: Die Nachwuchsförderung

beginnt wie im Fussball schon früh.

Das ist richtig, aber wir haben weder

den Anspruch noch die Idee, dass aus

den jungen Menschen bei uns einmal

kleine Klees werden. Im Fussball denkt

man ja auch nicht automatisch an den

nächsten Shaqiri, wenn ein Kind Freude

am Spiel hat.

Aber an ein zukünftiges Publikum?

Jeder Kulturbetrieb muss heute wirtschaftlich

denken. Das ist auch richtig

so. Ein Kind wird von Geschwistern

begleitet, von Erwachsenen, die auch

Ausstellungen oder den Shop besuchen.

Wichtiger als Marketing ist im

Creaviva jedoch ein Bildungs- und

Vermittlungsauftrag. Es geht nicht nur

um ein Freizeit- oder Familienpublikum.

Unsere Ateliers werden jährlich

von 10 000 Schülerinnen und Schülern

besucht. Diese könnten nicht kommen,

wenn wir kostendeckende Preise

verlangten. Das war ein Hauptgrund

für Müller, mit der Fondation du Musée

des Enfants eine eigene Stiftung zu

gründen. Dank dieser sind auch unsere

interaktiven Ausstellungen kostenlos

zugänglich.

Sie brauchen Konkurrenz nicht zu fürchten.

Nein. Zum einen weil wir ein ganz

spezifisches Segment bedienen: Unsere

Gäste sind Lehrkräfte, Kinder und

Familien, die an gestalterischer Arbeit

interessiert sind. Und diesbezüglich

ist das Creaviva schweizweit ziemlich

einmalig.

Und zum anderen?

Das Publikum wächst mit dem Angebot:

Ein breites Kulturangebot für Familien

befördert das Interesse an Auseinandersetzung

mit Kultur, – wenn –

und das scheint mir wichtig – dieses

Angebot mit Sorgfalt entsteht. Gauditum

und blosse Lach- und Spassangebote

halte ich für überflüssig und nicht

subventionswürdig. Niveauvolle Initiativen

sind ein Gewinn, vor allem, wenn

sie helfen, frei von elitärem Denken

das Spartendenken zu überwinden.

Aber?

Familienangebote sind im Trend. Da

gibt es auch Schnellschüsse, die einzig

auf den Umsatz schielen.

Entwickeln Kinder eine Anspruchshaltung,

dass sie unterhalten werden wollen?

Wir stellen tatsächlich eine zunehmende

Bestellmentalität fest. Wobei diese

Erwartungshaltung mehrheitlich von

den Erwachsenen ausgeht. Da werden

gelegentlich Forderungen gestellt, bei

denen wir uns schon erstaunt die Augen

reiben.

Interview: Silvano Cerutti

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine