Berner Kulturagenda 2013 N°50

kulturagenda

12. bis 18. Dezember 2013 /// Ein unabhängiges Engagement des Vereins Berner Kulturagenda /// www.kulturagenda.be /// 3 Anzeiger Region Bern 23

Zarathustra in der Südkurve

Die virtuose Geigerin Isabelle van Keulen kommt nach Bern.

Romantische Verkündigung

Sein diesjähriges Weihnachtskonzert begeht der Pro-Arte-Chor zusammen

mit der Camerata Schweiz und verschiedenen Solisten. Auf dem Programm

steht unter anderem Saint-Saëns’ Weihnachtsoratorium.

ZVG

Leiter des Pro-Arte-Chors Christoph Cajöri.

Der Kleine heisst Adolphe

Marco Borggreve

Schon wieder ein Weltstar beim Berner Symphonieorchester: Die Geigerin

Isabelle van Keulen gastiert mit dem 2. Violinkonzert von Schostakowitsch.

Und dazu ein Welthit, den «Zarathustra» von Richard Strauss.

Die Dirigierkunst scheint vererbbar:

Wie bei Jordans (Armin und Philippe)

oder Kleibers (Erich und Carlos) war

auch Michael Sanderlings Vater Kurt

Sanderling ein berühmter Dirigent.

Sohn Michael, der das nächste BSO-

Symphoniekonzert leitet, hat allerdings

den Umweg über das Cello genommen.

Erst relativ spät, mit 33 Jahren, gab er

sein Debüt am Pult. Heute ist er Stammgast

bei bedeutenden Orchestern in Europa

und Asien und hat sich als Schostakowitsch-Spezialist

hervorgetan. Auf

CD nachhören kann man etwa die Einspielung

der Kammersinfonien.

Das prädestiniert Sanderling für das 2.

Violinkonzert in cis-Moll (op. 129) von

Dimitri Schostakowitsch. Wie das erste,

hat der grosse Russe auch dieses Konzert

David Oistrach gewidmet, einem

Seit seiner Uraufführung 1734 in Leipzig

gilt das Weihnachtsoratorium von Johann

Sebastian Bach über den deutschsprachigen

Raum hinaus als Referenz.

Etwas anders verhält es sich mit dem

«Oratorio de Noël» von Camille Saint-

Saëns, das dieser 1858 erst 23-jährig und

in nur 12 Tagen niederschrieb. Lange

war sein Werk im jenseits der französischen

Sprachgrenze nur selten zu hören,

erst seit einigen Jahren hat man auch

hier Gefallen an dieser aussergewöhnlichen,

romantischen Komposition gefunden.

Speziell daran ist der Einsatz der

Harfe, die in drei Sätzen den Chor, das

Streichquintett sowie die Orgel mit ihrem

lyrischen Klang ergänzt. Überhaupt

hielt sich Saint-Saëns mit dramatischen

Elementen zurück und setzte eher auf

eine weiche Harmonik. Inhaltlich vertonte

der französische Komponist und

Organist neben der Engelsverkündigung

verschiedene, für die französische Weihnachtsliturgie

typische Psalmverse.

Obwohl Saint-Saëns’ Oratorio in zehn

Teile gegliedert ist – Bachs Weihnachtsoratorium

besteht aus sechs Teilen – beträgt

die Aufführungsdauer nur etwa 35

bis 40 Minuten. Für das Konzert des Pro-

der besten Geiger aller Zeiten. Die Unterschiede

zum ersten, symphonischer

aufgebauten Violinkonzert sind allerdings

beträchtlich. Und die Anforderungen

gewaltig. Gerade für die atemberaubende

und virtuose Schlusskadenz des

zwar nur halbstündigen, aber kräfteraubenden

Werks braucht es jemanden

vom Schlage Isabelle van Keulens.

Fachsimpeln im rosa Salon

Die 47-jährige Holländerin steht naturgemäss

vor allem als Violinistin im

Rampenlicht, doch sie spielt auch Viola

und betont gerne, wie wichtig ihr

das zweite Instrument sei. Van Keulen

war gerade mal 18 Jahre alt, als sie den

renommierten BBC-Young-Musician-

Award gewann. Ihr Weg liest sich seither

wie eine einzige Erfolgsgeschichte,

Arte-Chors und der Camerata Schweiz

hat Dirigent Christoph Cajöri deshalb

weihnachtliche Stücke von Saint-Saëns’

Zeitgenossen Zoltan Kodaly, Antonin

Dvorak und Leos Janacek vorangestellt:

«Der erste Konzertteil bietet eine Art

Kontrastprogramm zu dieser französisch-romantischen

Weihnachtsstimmung:

Musik aus Ungarn, Böhmen und

Mähren», wie es Cajöri in seinen «Gedanken

zum Programm» formuliert.

heute ist die vielseitige Künstlerin auch

Professorin an der Musikhochschule

Luzern.

Einen besonderen Einfall hatte Konzert

Theater Bern für die Mittelgalerie: Die

südliche Ecke mutiert unter dem sinnigen

Titel «Südkurve» zum Fanblock.

Wer – via Facebook – dorthin gefunden

hat, kann sich in der Pause und nach

dem Konzert im Salon Rose mit einem

Drink verwöhnen lassen und für einmal

statt über Fussball und Eishockey über

Rubati und Glissandi fachsimpeln. Die

Tondichtung «Also sprach Zarathustra»

(op. 30) von Richard Strauss ist ein prima

Einstieg dafür. Es gibt kaum jemanden,

der den markanten Beginn dieses

Werks nicht kennt. Sei es aus Film, Radio,

Fernsehen – oder eben aus einem

richtigen Sportstadion.

Peter König

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Kulturcasino, Bern

Do., 12., und Fr., 13.12., 19.30 Uhr

www.kulturcasino.ch

Verlosung

Weihnachtskonzert mit der Camerata

Seit 2011 leitet der Bündner den traditionsreichen

Pro-Arte-Chor und studiert

mit den rund hundert Sängerinnen und

Sängern zweimal pro Jahr ein abendfüllendes

Programm ein, das im Münster

oder im Kulturcasino gezeigt wird. Als

Instrumentalbegleitung für das diesjährige

Weihnachtskonzert konnte Cajöri

die Camerata Schweiz gewinnen. Das

überregionale Sinfonieorchester tritt

je nach Bedarf in verschiedenen Besetzungsgrössen

auf. Die Basler Sopranistin

Andrea Suter ist nur eine der vielen

hochkarätigen Solistinnen und Solisten

des Abends.

Christine A. Bloch

\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\

Kulturcasino, Bern. Mi., 18.12., 19.30 Uhr

www.proartechor.ch

Die Kulturagenda verlost 2 × 2 Tickets:

tickets@kulturagenda.be

Welche Verantwortung haben Eltern bei der Wahl der Namen ihrer Kinder?

Regisseur Reto Lang bringt die französische Komödie «Der Vorname» auf

die Bühne des Theaters an der Effingerstrasse.

Darf man sein Kind heute noch Adolphe

nennen? Diese Frage stellen die Autoren

Matthieu Delaporte und Alexandre de la

Patellière in ihrem Theaterstück «Der

Vorname» von 2010. Darin laden der

Literaturprofessor Pierre Garaud (Helge

Herwerth) und seine Ehefrau Elisabeth

(Elke Hartmann) deren Bruder Vincent

(Peter Bamler) mit Gattin Anna (Katja

Rosin) und Jugendfreund Claude (Peter

Zimmermann) zum Essen ein. Um die

intellektuelle Runde etwas aufzulockern,

verrät Vincent, dass er seinen ungeborenen

Sohn Adolphe nennen möchte. Neben

einem Sturm der Entrüstung löst er

damit eine Diskussion um (Vor-)Urteile

aus, die allerlei Ungeahntes an die Oberfläche

bringt; ähnlich Yasmina Rezas Erfolgsstück

«Der Gott des Gemetzels».

Für die Inszenierung am Theater an der

Effingerstrasse zeichnet sich Reto Lang

verantwortlich. Lang ist künstlerischer

Leiter am Stadttheaters Langenthal

und macht in der Region Bern immer

wieder mit Freilichttheatern auf sich

aufmerksam. Er bringt das Stück in einer

realistischen und originalgetreuen

Fassung auf die Bühne. Der Regisseur

verortet die Komödie in einem Wohnzimmer

des französischen Bürgertums;

stilvoll eingerichtet und mit vielen Büchern

ausgestattet.

«Ich und das Ensemble vertrauen dem

Stoff», sagt Lang. Es sei selten, so der profunde

Kenner der Theaterautorenszene,

dass man auf neue Stücke in einer derart

einwandfreien Qualität treffe. Da erstaunt

es auch nicht, dass «Der Vorname» nach

der erfolgreichen Verfilmung von 2012

momentan an vielen deutschsprachigen

Theatern zum Pflichtprogramm gehört.

Nelly Jaggi

\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\

Das Theater an der Effingerstrasse, Bern

Premiere: Sa., 14.12., 20 Uhr

Vorstellungen bis 15.1.

www.dastheater-effingerstr.ch

Stolz und Vorurteile: Ein Abend in intellektueller Runde wird zum Albtraum.

Severin Nowacki

Klartext zur verbesserten Berner Filmförderung mit Luki Frieden

ZVG

Im Auftrag des Regierungsrats hat das

kantonale Amt für Kultur die verbesserte

Berner Filmförderung ab 2010

evaluieren lassen. Der Thuner Filmemacher

Luki Frieden («Tausend Ozeane»,

2008) ist Vorsitzender der Filmkommission

und sieht Bern als einen

Majorplayer in der Branche.

Luki Frieden, die Evaluation der verbesserten

Berner Filmförderung ist positiv ausgefallen.

Die Erhöhung des Filmkredits auf 3,15 Millionen

hat sich also gelohnt?

Unbedingt. Ein wichtiger Punkt ist,

dass wir mehr Projekte fördern können.

Denn je mehr Projekte gefördert

werden, umso grösser ist die Chance,

dass sich darunter Goldstücke befinden.

Dank der Erhöhung des Geldes

sind zudem viele junge Filmer in Bern

geblieben, und nicht dorthin abgewandert,

wo die Fördertöpfe grösser sind.

Was müsste an der Filmförderung noch verbessert

werden?

Eine Schwierigkeit liegt in der Auswertung

der Filme. Wir versuchen, in

Zukunft auch die neuen Medien zu

berücksichtigen und in die Auswertungskette

mit einzubeziehen. Es gibt

nicht mehr nur die Kinoauswertung,

sondern auch die digitale Auswertung.

Da es relativ schwierig ist, einen Film

ins Kino zu bringen, ist es wichtig,

dass gerade kleinere Filme auch auf

anderen Wegen verbreitet werden.

Der Berner Film reitet auf einer Erfolgswelle

mit Werken wie «Zum Beispiel Suberg» oder

«Traumfrau». Haben wir es mit einer aussergewöhnlich

begabten Generation zu tun?

Einerseits sind sehr talentierte Leute

am Start, andererseits liegt es sicher

auch daran, dass wir Projekte fördern

können, die früher durchs Netz gefallen

wären. Das hat auch Dänemark erfahren:

Durch die massive Erhöhung

des Filmkredites sind dort viel mehr

Filme entstanden, die auch international

Erfolg hatten. Ein Phänomen, das

man auch im Sport beobachten kann.

Je ausgeprägter die Nachwuchsförderung,

umso grösser die Chance auf

einen neuen Didier Cuche oder eine

neue Lara Gut.

Was für eine Rolle spielt der Verein Bern für

den Film dabei?

Bern für den Film stärkt und fördert

das Filmschaffen im Kanton Bern.

Einerseits durch Vernetzung der Filmszene,

als auch durch die Verbesserung

der wirtschaftlichen, politischen und

gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Dabei ist auch der generationenübergreifende

Austausch wichtig.

Wird die Berner Filmbranche auch schweizweit

wahrgenommen?

Der Kanton Bern ist mittlerweile zum

drittgrössten regionalen Förderer und

einem Majorplayer in der Schweizer

Filmbranche geworden. Für den Standort

Bern ist dies auch wirtschaftlich

interessant.

Sie sind Vorsitzender der Filmkommission

und Filmemacher. Eher ein Vor- oder ein

Nachteil? Für Ihr nächstes Projekt «Die

Schlange» wurden immerhin soeben 30 000

Franken gesprochen.

Mein vorletztes Projekt, meine Version

von «Der Goalie bin ig», wurde von der

Filmförderung abgelehnt. Die Förderstelle

funktioniert also neutral. Und

die eigenen Projekte werden teilweise

sogar strenger bewertet, als die Projekte

von Nichtkommissionsmitgliedern.

Interview: Sarah Sartorius

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