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Eulenspiegel Stoppt den irren Mautokraten! (Vorschau)

Die fröhliche Schic Ein

Die fröhliche Schic Ein Land wie aus dem Bilderbuch Deutschland im Jahr 2014: Fahnen wehen, Kinder lachen, und mit orgiastischer Freude werden Rasenkanten getrimmt. Nach der Weltmeisterschaft hat die Deutschen eine neue Leichtigkeit erfasst. Das Land hat seine Lockerheit entdeckt. Fast mediterranes Flair: Gelassene Deutsche schwatzen angeregt bei einem Kaltgetränk. Das gesellschaftliche Klima in Deutschland hat sich verändert. Wo früher Arbeitswahn und preußische Tugenden stilprägend für den Charakter ganzer Generationen waren, hat eine neue Lässigkeit Einzug gehalten. Heutzutage ist es völlig in Ordnung, auch mal nicht zu arbeiten, z. B. wenn man in Mecklenburg-Vorpommern wohnt. Kann dank der neuen Deutschen wieder lachen: Bernie Ecclestone (rechts) mit seiner Freundin oder Tochter (links) Früher wurden Straftäter von der Justiz gnadenlos weggesperrt. Selbst harmlose Bestechungen galten den Richtern nicht als Kavaliersdelikt. Wie viel Leid brachte diese kleinkrämerische Verbohrtheit über die Menschen! Aber seit das lässige Easy going in die Gerichtssäle Einzug gefunden hat, kann sich jeder ungeachtet seines sozialen Ranges mit 100 Millionen Dollar von jeglicher Schuld freikaufen. Kämpft nicht nur gegen Patriarchat, Islamismus und Jörg Kachelmann, sondern liegt auch voll im Trend: Alice Schwarzer Über ungerechte Steuern wird nicht mehr gemeckert, stattdessen sieht man allerorten lustige T-Shirts: »Die kalte Progression formte diesen wunderschönen Mittelstandsbauch«, ist auf ihnen zu lesen. Oder: »Ich bin über 40. Bitte helfen Sie mir bei der Steuererklärung.« Die Einstellung der Deutschen zu ihren Staatsabgaben ist spielerischer geworden. 22 EULENSPIEGEL 9/14

ksalsgemeinschaft Wie man es dreht und wendet oder wundliegen lässt: Die gute Laune bleibt! Die deutsche Fröhlichkeit ist ansteckend wie ein multiresistenter Keim. Selbst in den Altenpflegeheimen spürt man sie. Diese sind längst nicht mehr die Verwahranstalten vergangener Tage. Wer fein mitmacht und auch mal lächelt, wird abgeschnallt und darf vor dem Fußballspiel die Deutschland-Hymne mitsingen. Diese Pflege ist es wert, dass Haus und Rente für sie verpfändet wurden! Besonders schön: Wem eine ordentliche Demenz attestiert wird, darf afrikanischstäm - miges Pflegepersonal ab und an mit einem »Sieg heil!« begrüßen. Selbst die Bundesregierung hat ihr sauertöpfisches Technokratengehabe vergangener Tage abgelegt. Aus Bäckereien kennen wir sie ja schon länger: die mit Liebe und Luft gebackenen Weltmeisterbrötchen. Nun plant man in Kooperation mit der Waffenschmiede Krauss-Maffei Wegmann eine augenzwinkernde Aktion. Die Weltmeisteredition der beliebtesten Kampf panzer für den Export ist genau auf die Bedürfnisse der fußballbegeisterten arabischen Monarchien zurechtgeschnitten. Das Modell »Philipp Lahm« beispielsweise kann offensiv und defensiv eingesetzt werden und begeht taktische Fouls nur im erlaubten Bereich der Genfer Menschenrechtskonventionen. Entdeckt Orte, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat: Raumsonde Rosetta V1, V2 oder Thomas Reiter, so hießen deutsche Weltraumprojekte vergangener Tage. Es waren sperrige Namen ohne jedes Augenzwinkern. Sie klangen nach Sauerkraut, Schrebergarten und Hochtechnologie. Jetzt heißt unser Ass im All »Rosetta«, eine Weltraumsonde, die Signale nach Darmstadt sendet! Wer da nicht mitlachen kann, hat keinen Analhumor. Junge Deutsche übt sich in entkrampftem Patriotismus. Gerade die Ostdeutschen traf es hart: Nach dem Weltkrieg, den zwei Diktaturen und Gunter Emmerlich waren sie dermaßen degeneriert, dass sie zuhauf rechtsextremen Rattenfängern anheimfielen. Doch die Zeiten, in denen sich ihre verqueren politischen Ansichten in mobartigen Gewaltexzessen manifestierten, sind gottlob vorbei. Heute leben in Deutschland Menschen verschiedenster Herkunft friedlich nebeneinander, bis sie abgeschoben werden. Andreas Koristka Bildquellen: badische-zeitung.de, aerztezeitung.de, bundeswehr-fotos EULENSPIEGEL 9/14 23