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Eulenspiegel Stoppt den irren Mautokraten! (Vorschau)

Arten vielfalt Das

Arten vielfalt Das Säufer hat bevorzugte Reviere, die es als Kulturfolger besiedelt und in denen es von den Werktätigen, Karrieris ten und stillenden Müttern in seiner Lebens weise mehr oder weniger toleriert wird – Stadtparks, Bahnhofsvorplätze, Bootsanlegestellen, Wochenmärkte, Kioske, die um sechs in der Früh ihre Jalousien heben. Man findet es überall, wo Vergrämungsmaßnahmen nicht greifen. Beispielsweise sind inzwischen fast alle Bahnhöfe mit »Sitzgelegenheiten« ausgestattet, auf denen man nicht sitzen, sich aber schon gar nicht »langmachen« kann, worauf das Säufer ab einem gewissen Quantum Flüssignahrung angewiesen ist. Deshalb sieht man nun immer öfter das Säufer ausgestreckt vor Bänken liegen, was den Vorteil hat, dass es sich zum Urinieren nicht einmal mehr erheben muss. Daneben hält sich das Säufer vorzugsweise in der Nähe seiner Nahrungsquellen auf – das sind Supermärkte. Wer in einer Stadt fremd ist und einen Supermarkt sucht, kann zuverlässig der Spur von Erbrochenem folgen. Das echte zeichnet sich im Unterschied zum laienhaft gespielten Säufer dadurch aus, dass durch seine Adern permanent Alkohol gespült wird. Deshalb eignet es sich u. a. nicht als Blutspender, da es beim Empfänger zu einer töd - lichen Alkoholvergiftung kommen könnte. Es eignet sich auch ansonsten zu nichts, vor allem nicht zu einem ausgefüllten Arbeitstag. Es sei denn, das Säufer ist auf einer Leitungsebene angelangt, wo es einen Schreibtisch mit Schublade hat, in der es Brennmaterial verbirgt. Oder es ist Berufspolitiker geworden. Kein Abstinenzler würde auf die Leberwerte eines Säufers anstoßen. Auch Ärzte nicht – nicht einmal die Veterinärmediziner. Die Leber eines Säufers kann hart werden wie Klitschkos Faust, wenn diese einen Leberhaken schlägt. Die Hauptnahrung des Säufers, der Alkohol, hält es am Leben, mindert den Tremor und wärmt es – tötet aber auch, zuerst die Nervenzellen, dann den Rest. Unsere kalte Gesellschaft betrachtet das Säufer deshalb als Lästling, weil es immense Das Säufer Krankheitskosten verursacht. Dabei gehört das Säufer doch zu unserer bunten Welt und hat manchmal auch liebenswerte Züge, z. B. sagt es angeblich »die Wahrheit«. Den Status »Säufer« muss sich diese Spezies hart ersaufen. Da gilt es so manche Durststrecke zu überwinden. Wer schon mal an einem Bour - bon oder Scotch geschnüffelt oder ein Gläschen Mariacron weggenuckelt hat, gehört noch lange nicht dazu. Zwei Säufer haben es sogar zu weltweitem Rum, äh Ruhm gebracht: Jack Daniels und Johnnie Walker. Trotzdem schaffen es viele bis auf ein gewisses Niveau: Inzwischen ist jeder Achte hierzulande ein staatlich anerkanntes Säufer. Und es findet allein mit sechstausend Biersorten reichlich Nahrung. Zudem gibt es in allen Preislagen Unmengen an köstlichen und hoch - pro zentigen Leckereien wie Tequila, Wodka, Korn, Whisky, Cognac, Liköre, Kräuterschnäpse oder Obstler. Wein und Sekt ist für das Säufer wie Gemüse für den Fleischfresser. Das Säufer kennt viele Formen der Nahrungsaufnahme. Komasaufen, besonders beliebt bei männlichen Jungtieren, Pegeltrinken, Quartalssaufen oder einfach nur das festliche Trinken zu jeder Gelegenheit. Höhepunkte sind die Rivalitäten unter Kampfsäufern, wenn diese um die Vorherrschaft in einem Trinkerkollektiv bechern. Das Turniersäufer kann auch trinken, ohne Durst haben zu müssen. Dabei ist es kein Gourmet. Edle Tropfen verschmäht es. Billigfusel reicht ihm, und den schüttet es in sich hinein, bis es als Schnapsleiche zurückbleibt. Nicht wenige Exemplare sind schon in Pfützen ersoffen. Das war dann der sprichwörtliche Tropfen zu viel. U.S. Levin Illustration: Andreas Prüstel Anzeige 48 EULENSPIEGEL 9/14

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