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Eulenspiegel Stoppt den irren Mautokraten! (Vorschau)

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Juris potenz Die Fischechsenvogelratte Die Evolution bringt gar wunderliches Getier hervor. Noch wunderlicher aber geht es zu, wenn sich Juristen mit Tieren beschäftigen. Wer, außer ein Richter, kommt auf den Gedanken, eine Echse könne womöglich ein Fisch oder ein Vogel oder eine Ratte sein? Dazu braucht man ein juristisches Staatsexamen! Vor dem Amtsgericht Essen (Urteil vom 18. Juli 1995, Aktenzeichen 9 C 109/95) stritten Mieter und Vermieter über die Zulässigkeit der Beherbergung von Bartagamen in einer Mietwohnung. Die Tiere erschienen pünktlich zum Gerichts termin im Zeugenstand. Der Amtsrichter nahm zunächst die Personalien auf: »Die in Augen schein genommenen Bartagamen haben eine Grö ße von ca. 30 bis 40 cm. Bei Bartagamen handelt es sich um eine vorwiegend in Australien beheimatete Echsenart, die zu der Familie der Agamen zählt.« Offenbar haben die Tiere dem Gericht so manches über sich erzählt, denn der Richter gab zu Protokoll: »Die Nahrung der Bartagame besteht aus Insekten, Kerbtieren, Gliederfüßern, Wür - mern, aus Blüten und Blättern, wobei sie besonders Löwenzahn bevorzugen. Der Name Bartagame rührt von der großen, mit spitzen Stacheln besetzten Kinnfalte her. Selbst in der freien Natur sind die Tiere wenig scheu und neigen kaum dazu, vor dem Menschen zu flüchten. Wenn man sich nicht durch ihre Drohhaltung abschrecken lässt, kann man sie leicht packen. Bei Bedrohung bläht sich die Bartagame auf und öffnet weit ihr Maul. Diese Art der Verteidigung dient allerdings nur dazu, den Gegner – meist artfremde Feinde – zu verblüffen.« Ideale Zeugen! Sie gewannen die Sympathie des Gerichts durch vorbildliches Benehmen: »Während der Verhandlung verhielten sich die Tiere völlig ruhig und liefen nicht herum. Eine Flinkheit konnte nicht festgestellt werden.« Keine Flinkheit also, das hat man hier selten! Dennoch mochte sich der Vermieter mit den Mitbewohnern seines Mieters nicht anfreunden. Er verlangte deren Ausquartierung unter Hinweis auf den Mietvertrag, der ein Untermietverhältnis verbot. Außerdem hieß es dort: »Tiere, auch Haustiere, mit Ausnahme von Zierfischen und Ziervögeln, dürfen nicht gehalten werden.« Indessen wollte das Gericht die Sache so eng nicht sehen. Eine Bartagame – so der Paragrafengrzimek – sei ein Kleintier und damit ein Zierfisch oder Zier - vogel im Sinne des Mietvertrages! Es kommt nur auf die Definition an. Vorsorglich (denn das Urteil muss einer Überprüfung standhalten) erwog man noch, ob die Echse im Rechtssinne auch eine Ratte sein könne, denn wesentliche Merkmale – vier Beine, Kopf und Schwanz – stimmen überein. Um das zu entscheiden, bediente sich der Richter eines bei Gericht eher selten zugezogenen Kriteriums: der Stimmung in der Bevölkerung (gern auch »Volkes Stimme« genannt). »Die Abneigung, die in der Bevölkerung gegenüber Ratten besteht, kann nicht mit der gegenüber Echsen gleichgesetzt werden«, denn diese übertragen beispielsweise nicht die Pest. Der Vermieter verlor also seine Bartagamenräumungsklage und musste lernen: Die Klage hat sich nicht gelohnt, weil die Agame weiterwohnt. Dr. jur. Christian Alexander Zeichnung: Alexander Schilz Anzeige EULENSPIEGEL 9/14 57