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Hamburger Morgenpost Ausgabe vom 22.08.2014 (Vorschau)

14 HAMBURG Freitag, 22.

14 HAMBURG Freitag, 22. August 2014 YagmursVater:Erwusste vomLeidseiner Tochter Hüseyin Y. (26) soll Freunden erzählthaben: „Meine Frau hasst unser Kind und schlägtes!“ VonSTEPHANIE LAMPRECHT Warum bloß hat er seine Tochter nicht gerettet? Im Prozess gegendie Eltern der ermordeten Yagmur (✝3) sagten gestern Freunde des Vaters aus. Hüseyin Y. (26) habe ihnen erzählt, dass er sich Sorgen mache, weil seine Frau das gemeinsame Kind verprügele. Daniel L. (27), einer der Kumpel von Hüseyin Y., zeichnet das Bild eines verzweifelten Vaters: „Hüseyin weinteund sagte: ,Daniel, ich weiß nicht, was ich machen Hüseyin Y. ist angeklagt, weil er seine Tochter nicht beschützt hat, obwohl er ihre Verletzungen gesehen hat und von den Gewaltausbrüchen seiner Frau wusste. Die Freunde berichten dem Gericht, dass „die ganze Gruppe gegendie Beziehung“ gewesen sei. Melek Y. (27) galt als „schlechtes Mädchen“, soll mit mehreren Kumpels ihres Ehemannes Geschlechtsverkehr gehabt haben. Zwei Mal will einer der Freunde gesehen haben, wie Hüseyin Y. seiner Frau „eine geknallt“ habe,weil sie mit anderen Männern geflirtet habe. Melek (27, l.) und Hüseyin Y. (26, r.): Yagmurs Mutter soll sexuelle Beziehungen zu mehreren Freunden ihres Mannes gehabt haben. soll, ich habe das Gefühl, meine Frau schlägt unser Kind, sie hasst es und schreit es an‘“, sagt Daniel L. aus. Undweiter: „Ich habe zu ihm gesagt: ,Hüseyin, du musst was machen, geh’ zum Jugendamt, oder willst du dein Kind irgendwann tot sehen?‘“ Das Gespräch, sagt der junge Gebäudereiniger, habe nur wenigeWochen vor YagmursTod stattgefunden. Dass Melek Y. sich von ihrem Ehemann vernachlässigt fühlte, geht auch aus dem WhatsApp-Chatder Eheleute hervor,den die Polizei sichergestellt hat. Darin schrieb Yagmurs Mutter, dass sie aus Zorn auf ihren Mann das Kind schlage. Ihr Mann drängtesie, einen Therapeuten aufzusuchen. „Sag dem aber nicht, dass ich mein Kind schlage“, gabMelek Y. zurück. Hüseyin Y. beließ es bei dem Rat. Der belastende Chat war nur auf dem Handydes Vaters zu finden, auf ihrem eigenen Telefon hatte Melek Y. alles gelöscht –amTodestag ihrer Tochter,auf der Fahrt zur Polizei. „Sie zeigtekeine Trauer, wirkte kühl und reagierte genervt, als wir ihre Aussage wörtlich protokollierten“, erinnert sich ein Polizist. Beide Eltern schweigen vorGericht. Fortsetzung 25.August. Yagmur (✝3) wurde im Dezember 2013 erschlagen. Ihr Vater hatte zuvor Freunden erzählt, dass ersich Sorgen umseine Tochter mache. Fotos: dpa,Rüga

● Freitag, 22. August 2014 HAMBURG 15 „Waren nicht dicht genug dran“ UntersuchungsausschusszuYagmursTod:Bezirksamtschef Grotegibt Schwächen des Amtes zu Wurde gestern in die Mangel genommen: Andy Grote, der Bezirksamtschef Mitte Foto:dpa VonSANDRA SCHÄFER Als notleidend und sehr belastet bezeichnet Mittes Bezirkschef Andy Grote (SPD) seine Jugendämter in Billstedt, Hamm und St. Georg. Ausgerechnet Mitarbeiter aus Billstedt waren für die kleine Yagmur (✝3) verantwortlich. Grote musste sich gestern vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) zum Toddes Mädchens seiner politischen Verantwortung stellen. Er räumte ein „Wir waren einfach nicht dicht genug an dem Kind dran.“ Die Befragung Grotes begann mit einer Rügedurch den Vorsitzenden Andre Trepoll (CDU). Grote hatte vor seiner Aussage Sitzungsprotokolle des PUA angefordert. Das ist streng verboten! Grote zeigte sich zerknirscht. Doch wie konnte erzulassen, dass seine Mitarbeiter in den Jugendämtern immer wieder so überlastet waren, dass sie dies mehrfach als Hilferuf an ihreVorgesetzten meldeten? Insbesondere daerfür das Thema Kindesmisshandlung sensibilisiert war. Er war 2012 ins Amt gekommen, weil sein Vorgänger Markus Schreiber wegen des Todes der kleinen Chantal seinen Hut nehmen musste. Die GAL-Abgeordnete Christiane Blömeke hielt Grote vor, er sei seiner Fürsorgepflicht nicht ausreichend nachgekommen. „Wir als Bezirke haben nicht die Möglichkeit, zusätzliche Stellen zu finanzieren“, konterte Grote. Schob aber sofort hinterher, dass esschwierig genug gewesen sei, überhaupt die vorhandenen Stellen in den Jugendämtern zu be- Vernehmung begann mit einer Rüge setzen. Es habe ständig freie Stellen gegeben, weil insbesondere in Wilhelmsburg viele Sozialarbeiter nach kurzer Zeit wieder aufhörten. Zudem war laut Grote bereits 2012 mit der Sozialbehörde vereinbart worden, eine neue Personalbemessung für alle Jugendämter auf den Wegzubringen. „Ich konnte janicht damit rechnen, dassdas so langedauern würde.“ Eine leise Kritik am SPD-Ge- nossen Detlef Scheele, der die Sozialbehörde führt. Denn die neue Personalbemessung ist nun erst 2015 geplant. Empört reagierte der CDU-Abgeordnete Christoph de Vries auf die Enthüllung, dassoffenbar aufgrund der Überlastung in den Jugendämtern im BezirkMitte Fälle nicht mehr dokumentiert werden mussten: „Genau dieser Fehler hat doch dazu geführt, dass bei Yagmur die Akte sogut wie gar nicht mehr geführt und vielleicht sogar nicht mehr eingesehen wurde.“ Nach vier Stunden wurde die Sitzung fortgesetzt mit der Vernehmung von Bezirksamtschef Arne Dornquast (SPD). Sie lief bei Redaktionsschluss noch.